Praxis

Warum ändert sich nichts? Vermutungen über kirchliche Beharrungskräfte und ihre Überwindung

Kirchliche und gesellschaftliche Transformationsprozesse (bzw. deren Nicht-Gelingen) weisen starke Parallelen auf: In beiden Bereichen fehlt es nicht an Analysen, sondern an der Umsetzung. Das führt zu der These, dass man von der Beobachtung der Transformationsprozesse im kirchlichen Bereich etwas für Transformationsprozesse im gesellschaftlichen Bereich lernen kann – und umgekehrt. Thomas Schlegel reflektiert in diesem Beitrag die Probleme kirchlicher Beharrungskräfte, vor allem vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen mit den Erprobungsräumen der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland.

Frust gehört zu einem Grundgefühl in unserer Kirche. Warum das nicht (mehr) ankommt, was wir tun. Warum es immer weniger werden. Warum trotzdem mehr Arbeit anfällt. Es ist Sand im Getriebe. Warum ändert sich daran eigentlich nichts? Warum verpuffen die ganzen Kampagnen und Reformbemühungen? Warum bleiben die unzähligen Papiere, Beratungsprozesse und Think Tanks so wirkungslos?

Auf den verschiedenen Ebenen unserer Kirche wissen wir, wie hoch der Handlungsdruck ist – und in welche Richtung wir weiterdenken sollten. Es bleibt aber meist bei diesem Konjunktiv.

Natürlich tun sie das nicht. Aber am Grundgefühl ändern sie wenig. Wer länger ‚in dem Laden‘ arbeitet, sammelt eine gehörige Portion Frust. Weil sich zu wenig ändert. Warum ist das so?

An einem jedenfalls, so viel möchte ich vorab festhalten, liegt es nicht: An Erkenntnissen, Überlegungen und Ideen, an Beratungsprozessen, Symposien und Kongressen. Auf den verschiedenen Ebenen unserer Kirche wissen wir, wie hoch der Handlungsdruck ist – und in welche Richtung wir weiterdenken sollten. Es bleibt aber meist bei diesem Konjunktiv. Es mangelt nicht an Einsichten und Ideen, sondern an deren Umsetzung. Woran das liegen könnte, möchte ich im Folgenden erörtern – und am Ende schmale Schneisen in das Dickicht schlagen – Ideen, wie wieder Licht hindurchfallen könnte.

1) Pfadabhängigkeit. Beginnen möchte ich mit einem organisationstheoretischen Erklärungsmodell, dem der Pfadabhängigkeit. „Die Wandlungsfähigkeit von Organisationen wird systematisch überschätzt. … viele Publikationen schwärmen von ‚fluiden Unternehmen‘ und überhöhen das Internetzeitalter als Epoche organisationaler Flexibilität und Anpassungsfähigkeit. So sympathisch diese Visionen sind, so neigen sie eben doch dazu, die systematischen Gegebenheiten von Institutionen falsch einzuschätzen.“1

Bewährte Praxis schränkt die Denkoptionen ein und verengt die Handlungsspielräume. Das imprägniert kirchliche Entscheidungsträger gegen wohlgemeinte Ratschläge des wachsenden Beraterschwarms.

Organisationen bleiben dagegen bei eingespielten Mustern: „Ein einmal eingeschlagener Weg – … ein etabliertes Geschäftsmodell … verfestigt sich und verengt zunehmend den Handlungsspielraum.“2 Bewährte Lösungen sind als solche auch nicht schlecht. Der Systemerhalt erfordert sie. Aber sie führen im Laufe der Zeit dazu, dass man andere Optionen nicht mal mehr prüft und so in eine Pfadabhängigkeit gerät, die bei sich rapide veränderndem Umfeld verheerende Folgen haben kann. Es sei hier nur an die Geschichte von Faber-Castell erinnert, die beharrlich an den Rechenschiebern festhielten: „Es werden immer wieder die gleichen Lösungen reproduziert, obwohl bessere Lösungen verfügbar wären“3 Es kommt zu einem Lock-In, einer strategischen Verriegelung, die auch durch einen x-beliebigen Tagesordnungspunkt auf einer Landeskirchenratssitzung, in dem man über Systemveränderungen debattieren möchte, nicht aufgebrochen werden kann. Der formale Rahmen einer solchen Sitzung, das Spiel der Akteure, der Duktus der Wortmeldungen – all das gleicht einem Bühnenstück, das immer und immer wieder aufgeführt wird – ganz egal, was inhaltlich vorgetragen wird.

Wie kommt es zu seinem solchen Lock-In? Dahinter steckt keine böse Absicht, kein reform-unfreundlicher Bischof, nicht der Widerstand des bornierten Establishments. Es sind oft die einzigen Muster, die den Handelnden zur Verfügung stehen! Die Pfadabhängigkeit stellt sich unbeabsichtigt und schleichend ein – durch permanente Wiederholung. Oft sind es kleine, zufällige Ereignisse, die so etwas begünstigen: ‚Der Bäcker in der Marienstraße hatte noch bis 19 Uhr offen. Dann habe ich eben das Brot dort gekauft und mache dies heute noch so.‘ Positive Rückkoppelungen (‚Meine Familie findet das Brot auch lecker.‘) oder Verstärkungen (‚Dort gibt es ein gutes Rabattsystem.‘) begünstigen die Einschränkung der Handlungsoptionen. Eine gewisse Dominanz von Lösungen verstärkt außerdem ihre Persistenz.

Bemerkenswert, dass es so etwas in der „idealisierten Welt der Rationalentscheidung gar nicht gibt, nämlich ein Festhalten an alten Lösungen, obwohl effizientere Alternativen möglich wären“4 Bewährte Praxis schränkt die Denkoptionen ein und verengt die Handlungsspielräume. Das imprägniert kirchliche Entscheidungsträger gegen wohlgemeinte Ratschläge des wachsenden Beraterschwarms.

Für die Reflexion pastoralen Agierens sollte seltener gefragt werden, was getan wird, sondern ob dies noch das Richtige ist.

2) Individuelle Trägheit. Dieser Punkt korrespondiert mit der ‚strukturellen Trägheit‘, wie die Pfadabhängigkeit auch genannt wird, und betrifft ähnliche Phänomene auf individueller Ebene. Da ist die Tendenz, beim Gewohnten zu bleiben und bei Veränderungsimpulsen auf emotionalen Widerstand zu gehen: „Das jetzt auch noch!“ Umstellungen sind anstrengend und fordern Energie. Man ist aber ermüdet und erschöpft. Und ich befürchte, dass viele Veränderungsstimuli gegen eine dicke Gummiwand bei kirchlich Mitarbeitenden prallen – und dort einfach veröden.

Das gibt man natürlich nicht zu, verschiebt das Ganze in eine AG oder zögert es hinaus („Wenn … erledigt ist, dann machen wir das mal!“). Auch inhaltliche Bedenken halte ich oft für eine Tarnung der persönlichen Schwerfälligkeit. Stützpfeiler dieses Phänomens sind zum einen unsere rechtliche, aber vor allem die finanzielle Sicherheit. Ich spüre Kolleginnen sagen: ‚Mein Gehalt kommt doch, pünktlich jeden Monat. Und mein Ruhestand ist auch nicht mehr weit: Was willst Du eigentlich?‘ Monetäre Sicherheit beruhigt und schläfert irgendwann ein.

Anstatt einer psychologischen Interpretation möchte ich hier eine theologische ins Spiel bringen: Karl Barth diagnostiziert eine anthropologische Trägheit, die versprochene Freiheit in Christus nicht zu ergreifen und „sich in der Niederung eines in sich verschlossenen Seins [zu] genügen“5 „Auch des Menschen Trägheit ist eine Gestalt seines Unglaubens“6, weil sie nicht der Aufrichtung des Menschen Jesu folgt und damit im Widerspruch zu der heiligenden Kraft Gottes steht.

Denn die Unterjüngung der Gemeinden, der Ehren- und Hauptamtlichen behindert Veränderungen. Neues hat es bei Überalterung schwer.

Der Mensch möchte in Ruhe gelassen werden. „Er hält die ihm in seiner Existenz angekündigte Erneuerung des menschlichen Wesens für unnötig.“7 Mündigkeit empfindet er als Zumutung und will sich stattdessen mit den Verhältnissen arrangieren. Man führt lieber ein „beschwerliches, aber auch bequemes, weil in sich gesichertes Sklavenleben“8, als selbst Verantwortung zu übernehmen.

Barth sieht eine protestantische (vielleicht auch deutsche?) Tendenz darin, diese Seite der menschlichen Schuld zu ignorieren – möglicherweise, weil hier etwas nicht geschieht. Wo es dagegen um den aktiven Menschen in seiner Hybris geht, der sich selber zum Aufrührer macht und herrschen will, da läuten die kleinbürgerlich-provinziellen Alarmglocken. Trägheit dagegen ist unverdächtiger.

Aber „der Mensch ist eben nicht nur Prometheus …, sondern … auch ganz einfach ein Faulpelz, ein Siebenschläfer, ein Nichtstuer, ein Bummler. Er existiert nicht nur in einem üblen Droben, sondern … auch in einem ebenso üblen Drunten. Er ist wie dort der Erniedrigung, so hier der Erhebung bitter bedürftig – und das im Blick auf seine Existenz und Lebenstat in ihrer Ganzheit.“9

Damit will ich nicht andeuten, dass die Mitarbeitenden in unserer Kirche faul sind. Sie machen eine ganze Menge; tagaus, tagein sind sie beschäftigt. Das Hamsterrad kennt jeder: Es geschieht viel vom selben, immer wieder. Und dabei kreist man um sich selbst. Für die Reflexion pastoralen Agierens sollte seltener gefragt werden, was getan wird, sondern ob dies noch das Richtige ist.

Wer leitet eine Kirche eigentlich? Und wie? Vielleicht kann man beschreiben, wer so ein System verwaltet. Aber wer es nachhaltig zu ändern vermag?

Die demografische Situation in unserer Kirche hätte eigentlich einen eigenen Punkt verdient. Denn die Unterjüngung der Gemeinden, der Ehren- und Hauptamtlichen behindert Veränderungen. Neues hat es bei Überalterung schwer. Doch ich behaupte, dass dieser Faktor nicht ursächlich, sondern nur verstärkend wirkt: Strukturelle und individuelle Trägheit sind ausgeprägter, ihnen kann noch schlechter begegnet werden.

Wenn mehr Pfarrerinnen im Ruhestand sind als aktiv, wenn das Durchschnittsalter der Mitglieder noch einmal 10 Jahre über dem der Gesellschaft liegt, provoziert dies schon die Frage, wie hier das eine Chance haben soll, wofür junge Menschen stehen: Fundamentalkritik und Neuanfang.

3) Steuerung komplexer Systeme. Für Veränderungen braucht es strategische Entscheidungen. Doch wer leitet die Kirche eigentlich? Und wie? Wer ist wofür verantwortlich zu machen? Das ist gar nicht so klar.

In diversen Spinnrunden werden oft ganze Füllhörner von Veränderungswünschen ausgeschüttet. ‚Wir müssten das – wir sollten das!‘ Und oft höre ich den verkappten Imperativ: ‚Macht doch mal!‘ Als wenn jemand einfach den Schalter umlegen könnte. Am besten ‚die da oben‘. Ich halte das für eine Projektion, eine gefährliche noch dazu.

Entscheidungen beruhen auf dem Konsensprinzip, deshalb fallen so wenige, die weh tun – also grundsätzliche.

Wer leitet eine Kirche eigentlich? Und wie? Vielleicht kann man beschreiben, wer so ein System verwaltet. Aber wer es nachhaltig zu ändern vermag? Ich weiß es nicht. Ich bin bisher nur so weit gekommen zu sagen, wer es nicht tut. Es ist nicht die Bischöfin, es ist nicht die Synode, es ist nicht die Kirchenleitung und auch nicht die Superintendentinnen. Es sind auch nicht Beschlüsse, Gesetzestexte und Gremien. Finanzen sind wichtig, aber ohne Menschen auch zahnlos. Es ist alles zusammen, so ein bisschen.

Landeskirchen lassen sich als polyzentrische Mehrebenensysteme beschreiben.10 Auf mehreren Ebenen existieren verschiedene Machtzentren. Dieses macht die Steuerung des Gesamten derart komplex und undurchschaubar, weil man Vorgänge tot legen kann, indem man sie von A nach B schiebt. Dann geht es beständig um das Austarieren der Gewalten, Interessen und persönlichen Präferenzen. Die Organverschränkung macht es kompliziert. Entscheidungen beruhen auf dem Konsensprinzip, deshalb fallen so wenige, die weh tun – also grundsätzliche. Diese sind strategisch unbedingt erforderlich. Im kirchlichen System haben Veto-Player leichtes Spiel und können mutige Schritte einfach blockieren – und damit triumphieren nicht selten niedere Beweggründe wie Neid, Narzissmus, Kränkung und sonstige Animositäten.

Das System blockiert sich häufig selbst – ganz unabhängig von den jeweiligen Akteuren. Einiges erinnert bei diesem Bild an die Europäische Union. Und richtig: Solange man einfach verwalten kann, läuft es einigermaßen gut, aber unter Veränderungsdruck wird die Dysfunktionalität eines solchen Systems frappierend offenbar.

Wie soll eine plural ausgerichtete Kirche, die Partizipation großschreibt, visionär und zielstrebig nach vorne geleitet werden?

4) Pluralität. Viele verschiedene Interessen, alle möglichen theologischen Richtungen und ethischen Grundüberzeugungen – die volkskirchliche Grundierung bleibt auch in einer kleinen Minderheitenkirche erhalten. Beschlüsse fallen nach dem Mehrheitsprinzip: Sie sind allerdings schon vorher so formuliert, dass sich niemand an ihnen stößt. Ecken und Kanten sind vorsorglich entfernt worden.

Jüngstes Beispiel: Die Verlautbarung der EKM-Landessynode zum Krieg in der Ukraine. Der Krieg wird verurteilt. Dieser Konsens, der ja auch eine breite gesellschaftliche Mehrheit findet, bestand unter den Synodalen. Aber wie damit umzugehen ist? Da tat sich die ganze Bandbreite auf. Von Pazifismus bis Lieferung schwerer Waffen – für alles gab es Befürworter. Insofern wird dieser Punkt im Papier einfach ausgelassen. Es wird lediglich festgestellt, dass dazu verschiedene Meinungen bestehen und der Wunsch nach Frieden alle eine.

Nun ist es wirklich eine hohe volkskirchliche Errungenschaft, dass man beieinander bleiben will. Aber: Wie soll eine plural ausgerichtete Kirche, die Partizipation großschreibt, visionär und zielstrebig nach vorne geleitet werden?

5) Enge Kirchenbilder. Die volkskirchliche Breite korrespondiert meiner Erfahrung nach nicht mit einer praktisch-theologischen Weite – sowohl bezüglich der Erfahrungen als auch der Kenntnisse. Hier herrscht eine beunruhigende Armut an Bildern, Vorstellungen und Erfahrungen – wie Kirche auch gehen kann.

Zuspruch von göttlichem Trost wirkt beklemmend und schnell aufgesetzt, merkwürdig aus der Zeit gefallen und übergriffig.

Die meisten kennen nur die eigene, regionale Kirchenwirklichkeit. Praktika im Ausland? Infragestellungen aus der Ökumene? Inspiration aus Begegnungen mit Freikirchen? Gespräche mit weltlichen Organisationen mit ähnlichen Herausforderungen? Das alles findet viel zu selten statt. In welche Richtung sich Kirche entwickeln lässt – dafür fehlt vielen schlicht die Vorstellung. Die inneren Bilder, die Gerüche und der Geschmack, wie Kirche zu sein hat, sind durch unsere jahrhundertealte Tradition so verengt, dass wir auch gedanklich und emotional die Pfadabhängigkeit nicht aufbrechen können.

6) Verunsicherung und Zweifel. Ich beobachte eine tiefe Scham – ob bei Haupt- oder Ehrenamtlichen – von Gott zu reden und den eigenen Glauben zu thematisieren. Das Problem ist dabei weniger, dass man nicht weiß, wie es geht, als die Peinlichkeit, die mit der persönlichen Frage nach Gott assoziiert ist. Zuspruch von göttlichem Trost wirkt beklemmend und schnell aufgesetzt, merkwürdig aus der Zeit gefallen und übergriffig. So driften selbst die Zeugen am liebsten schnell wieder davon ab.

In Seelsorge-Settings gilt die Regel, Gott nicht ins Spiel zu bringen, wenn ihn das Gegenüber nicht zuerst benennt. Wenn das passiert, weicht man gern auf vorformulierte Worte aus: Gebete – Psalmen – Lieder. An sich ist das eine wunderbare Idee. Aber sind sie nicht persönlich untersetzt, können sie wie Floskeln wirken – und verstärken nur die Befremdlichkeit der Situation.

Im Newsletter unseres Gemeindedienstes war als Auftakt zu lesen: „Der Ausblick auf Ostern gibt Hoffnung, uns und der Welt.“ Es sind solche indikativischen Sätze, die in mir Beklemmungen auslösen. Klar, sie sind theologisch korrekt und viele Predigten sind voll von ihnen. Aber leider wirken sie für mich oft wie Ruinen. Sie strahlen nicht von innen und atmen Ängstlichkeit – als müsste man sich dies selber immer wieder sagen, um noch daran glauben zu können.

Aktionismus dominiert unser Handeln. Eine Kampagne jagt die nächste. Mit eigenen Anstrengungen wollen wir uns aus dem Sumpf ziehen. Vielleicht ist das alles ein Widerhall unseres Zweifels …

Die Boten Gottes sind selbst weitgehend verunsichert. Ich halte den Zweifel deshalb für einen der ungehobenen Schätze in Kirche und Theologie. Wer redet schon darüber unter den Hauptamtlichen? Mit der Ordination sollte das Bekenntnis doch spätestens feststehen. Anstellung und Verantwortung zementieren die einmal gewonnenen Glaubenssätze: “Wir müssen Antworten geben. Dafür werden wir bezahlt.” Profichristen können sich keine Zweifel leisten.

Und wie sieht es im Herzen wirklich aus? Welche Worte berühren unsere eigene Sehnsucht noch? Wenn wir uns darüber austauschten, gewönnen wir eine neue Ehrlichkeit. So entstünde ein Raum der Freiheit und eine Vollmacht für das, was wir dann zu sagen haben. Ich glaube, unser kirchliches Zeugnis muss noch über den Jordan gehen.

7) Die Frage nach dem Subjekt. Eigentlich ist es eine protestantische Ur-Feststellung, die in Diskussionen schon den Rang einer Plattitüde einnimmt, weil jeder innerlich nickt und im Alles-klar-Modus innerlich abwinkt: „Kein Mensch baut die Kirche, sondern Christus allein. Wer die Kirche bauen will, ist gewiß schon am Werk der Zerstörung.“11 Aber handeln wir danach? Planen wir das ein? Baut unsere Kybernetik auf dieser Voraussetzung auf? Nach meiner Erfahrung nicht. Aktionismus dominiert unser Handeln. Eine Kampagne jagt die nächste. Mit eigenen Anstrengungen wollen wir uns aus dem Sumpf ziehen. Vielleicht ist das alles ein Widerhall unseres Zweifels bzw. der theologischen Austrocknung, dass doch mehrheitlich das Gefühl herrscht: ‚Wir müssen es richten und die Dinge in die Hand nehmen.‘ Ich vermute, dass wir uns in Reformanstrengungen, Erprobungen und Kirchenentwicklung schnell übernehmen, wenn wir diese theologische Selbstverständlichkeit vergessen. Denn es ist nicht nur eine Frage des Kausalzusammenhangs, sondern des Überlebens: Folgen wir Gottes Handeln? Oder denken wir dann doch, weil wir so smart sind, Gott müsste unserem folgen und bestätigen, was wir so alles machen? Vielleicht ist auch das ausbleibende Handeln Gottes bzw. die fehlende Erfahrung dieses Handelns der Grund, warum sich so wenig verändert.

Kirche wird indirekt, subversiv und kreativ gesteuert. Mit einer großen Portion Gelassenheit. Diese Kunst müssen wir noch stärker lernen – und praktizieren.

Erfahrungen von Dysfunktionalitäten und ausbleibenden Veränderungen führen zu Frust. Dieser Frust kann eine zynische Form annehmen und zu innerer Emigration führen. Dann ist er Teil eines Ausbrennens und lähmt. Eine energetische Variante von Frust kann allerdings auch zur Triebfeder von Veränderungen werden. Ratlosigkeit lässt ausprobieren und wird so kreativ. Genau dieses erlebe ich an vielen Stellen. Menschen haben erkannt: ‚Depressionen und Trauer führen auch nicht weiter. Wir gehen spielerisch mit den Blockaden um.‘

Und das funktioniert. Erprobungsräume beruhen auf diesem Prinzip. Neue Ansätze in Kirchengemeinden auch. Nicht selten starten sie neu, neben den eingetretenen Pfaden und folgen anderen Logiken (ad 1). Verheißungsvoller ist es, mit denen voranzugehen, die etwas wollen – und sich nicht an denen abzuarbeiten, die blockieren (ad 2). Institutionen bieten immer Nischen. Ihre Stabilität ermöglicht, im Windschatten der Aufmerksamkeit etwas aufzubauen. Und Verantwortliche lassen sich durchaus dafür gewinnen, solche kritischen Ränder zuzulassen und sogar zu fördern (ad 3). Wenn man volkskirchliche Weite ernst nimmt, ermöglicht sie durchaus profiliertes Arbeiten – allerdings neben anderen (ad 4). Studienreisen, Praktika und Narrative zeigen einen starken Effekt auf verengte Leitvorstellungen (ad 5). Ehrlichkeit und Authentizität schaffen eine Atmosphäre, in der Ängste und Zweifel geäußert werden können (ad 6). Gebet, Besinnung und theologische Grundsatzarbeit orientieren theologische Fehlstellungen (ad 7).

Sicherlich hätten diese Punkte eine ausführlichere Schilderung verdient. Sie sollen nur andeuten: Auf die lähmenden Blockaden kann man reagieren, meist erfolgt dies kreativ, voran tastend, um die Ecke denkend und durch das Einspielen einer Außenperspektive. Kirche lässt sich nicht steuern wie ein Auto, Visionen nicht eins zu eins umsetzen. Kirche wird indirekt, subversiv und kreativ gesteuert. Mit einer großen Portion Gelassenheit. Diese Kunst müssen wir noch stärker lernen – und praktizieren.

Praxis

Wort des Bischofs Dr. Franz-Josef Overbeck zum 1. Januar 2022

Liebe Schwestern und Brüder!

Neben der Krise des ökologischen Klimas erleben wir derzeit eine Krise des gesellschaftlichen Klimas.

I.

„Wir haben eine doppelte Klimakrise!“ Dieser Satz hat sich mir vor einigen Wochen eingeprägt. Neben der Krise des ökologischen Klimas erleben wir derzeit eine Krise des gesellschaftlichen Klimas. Die ökologische Klimakrise zeigt sich in steigenden Temperaturen und vielen damit verbundenen Natur-Katastrophen. Die gesellschaftliche Klimakrise erleben wir in den immer hitziger werdenden Auseinandersetzungen zu unterschiedlichen Themen. Es geht unversöhnlicher zu und manche Debatten lösen mittlerweile Verwerfungen und Spal­tungen aus. Viele von Ihnen werden das aus ihrem persönli­chen Umfeld kennen.

Das aus dem Griechischen stammende Wort „Krise“ deutet an, warum die gegenwärtige Zeit so spannungsreich ist: Es kündi­gen sich Veränderungen an, die mit Trennung verbunden sind und entscheidende Weichenstellungen verlangen. Wir spüren derzeit in vielerlei Hinsicht: Das Leben auf dieser Erde verän­dert sich grundlegend – und das wird auch dazu führen, dass sich unser ganz persönliches Leben verändert.

Das Wort „Krise“ deutet an, warum die gegenwärtige Zeit so spannungsreich ist: Es kündi­gen sich Veränderungen an, die mit Trennung verbunden sind und entscheidende Weichenstellungen verlangen.

Auch wenn der ökologische Klimawandel von manchen Personen immer noch verleugnet wird, so sind sich die ernst­zunehmenden Wissenschaftler dieser Welt einig: Unser Pla­net ist bereits derart geschädigt, dass es ohne massive Veränderungen unserer Lebensweisen keine gute Zukunft für die nachfolgenden Generationen auf unserer Erde geben wird. Die Veränderungen, die notwendig sind, werden uns alle noch sehr massiv betreffen.

Derzeit erleben wir durch die fortdauernde Corona-Pande­mie eine weitere massive Krise, die derart dramatisch ist, wie es die Nachkriegsgenerationen in unserem Land bisher nicht kannten. Wir hatten uns daran gewöhnt, dass das Leben in jeglicher Hinsicht beherrschbar ist und sich immer weiter zum Besseren entwickelt. Diese Pandemie aber führt uns vor Augen, wie sehr wir hier einem Trugschluss erliegen: Die Welt und das Leben sind nicht nach Belieben beherrschbar. Wir Menschen sind verletzlich, begrenzt und endlich.

II.

Sowohl die Krise der Corona-Pandemie, als auch die ökolo­gische Klimakrise führen zu heftigen Auseinandersetzungen. Beide Krisen greifen tief in das persönliche Leben ein und verlangen erhebliche Einschränkungen. Ohne Verzicht und persönliche Verluste ist diese Krise nicht zu bewältigen. Das widerspricht unseren tiefsten inneren Bedürfnissen nach gewohnter Sicherheit. Darum erleben wir nun teilweise massi­ve Auseinandersetzungen und Verwerfungen.

Konstruktiv ist eine Kultur, in der jede und jeder bereit ist, einen Wechsel in der Pers­pektive vorzunehmen, unterschiedliche Sichtweisen zuzulas­sen, einander zu verstehen und voneinander zu lernen.

Wir brauchen in den gegenwärtigen Krisen dringend eine Haltung, die die Wirklichkeit ernst nimmt und eingesteht, dass wir an Grenzen des Gewohnten stoßen. Dazu gehört es, Ohnmacht zuzulassen und einander die vielen Ängste und Sorgen zuzugestehen. Es braucht Verständnis für einander, um dann im Dialog gemeinsame Wege zu finden. Ich plädiere des­halb für eine „konstruktive Konfliktkultur“, die das Eingeständ­nis voraussetzt, dass es in schweren Krisen keine einfachen Lösungen gibt und nur im Miteinander eine Lage zu bewältigen ist, die jeden einzelnen überfordert. Konstruktiv ist eine Kultur, in der jede und jeder bereit ist, einen Wechsel in der Pers­pektive vorzunehmen, unterschiedliche Sichtweisen zuzulas­sen, einander zu verstehen und voneinander zu lernen. In einer solchen Kultur lassen sich dann in Konflikten Wege finden, die von allen gegangen oder zumindest mitgetragen werden können. Sie sind verbunden mit neuen Erkenntnissen und Ein­sichten sowie mit dem Wagnis, Vertrautes loszulassen und Neues zu riskieren.

Die großen Herausforderungen des Klimawandels, aber auch der Corona-Pandemie sind Beispiele für Krisen und Konflikte, die wir als Gesellschaft verantwortet und konstruktiv austra­gen müssen. Die Bilder der schrecklichen Flutkatastrophe von Mitte Juli 2021, die auch unser Bistum Essen im Märkischen Sauerland und anderswo hart getroffen hat, bleiben mir und vielen unauslöschlich im Gedächtnis. Gleiches gilt aber auch für die Bilder der vielen Corona-Dramen in den Krankenhäu­sern, den Altenheimen, den Hospizen, aber auch zu Hause. Diese Bilder weisen auf Krisen hin, die nicht einfach lösbar sind – sondern konkretes Handeln verlangen, das zu gravie­renden Veränderungen des Lebens führt. Wenn wir die durch den Klimawandel ausgelösten Katastrophen eindämmen wollen, müssen wir unser Leben verändern. Und das gilt auch für die Überwindung der Pandemie. Es hilft dabei nicht, Krisen zu leugnen. Der Klimawandel ist real und auch das Corona- Virus ist weit mehr als nur ein harmloser Erkältungsvirus. Wenn die Erkenntnisse des weit überwiegenden Teils der Wissen­schaft übereinstimmen, dann ist es verantwortungslos, diese nicht ernst zu nehmen. Die unzähligen Opfer des Klimawandels und der Corona-Pandemie verpflichten uns, ernsthaft nach Wegen zu suchen, um diese Krisen zu bewältigen.

Wir brauchen dazu einen geduldigen Dialog, der das gegenseitige Verstehen ermöglicht.

Die in unserer Gesellschaft zunehmenden Polarisierungen und oft unversöhnlich gegenüberstehenden Meinungen beunruhigen mich sehr. Ich wünsche mir, dass wir Christen dazu beitragen, die dahinter liegenden Ängste offen zu benennen, um dann besonnen miteinander Ausschau zu halten nach neuen Wegen. Wir brauchen dazu einen geduldigen Dialog, der das gegenseitige Verstehen ermöglicht. Was wir überwin­den müssen, ist das gegenseitige Misstrauen. Unterstellungen, Pauschalisierungen, Unsachlichkeiten und Schuldzuweisun­gen helfen nicht. Sie verschärfen Konflikte und machen ein friedliches Miteinander unmöglich. Dass die Kräfte in unserer Gesellschaft wachsen, die Misstrauen säen und auch unse­ren gemeinsamen demokratischen Institutionen nicht mehr vertrauen, macht mir große Sorgen. Wie wollen wir noch zusammenleben, wenn wir einander nicht mehr vertrauen und selbst in grundlegenden Fragen keine Verständigung mehr finden?

Als Christen befinden wir uns selbst auch in einer Krisensituation, die insbesondere durch den Missbrauchsskandal zu einer existenziellen Krise unserer Kirche geworden ist.

III.

Als Christen befinden wir uns selbst auch in einer Krisensituation, die insbesondere durch den Missbrauchsskandal zu einer existenziellen Krise unserer Kirche geworden ist. Krisen kündigen oft einen Zeitenwechsel an. Das lässt sich erahnen am „Synodalen Weg“ der Kirche in Deutschland, ebenso aber auch am „Weltweiten Synodalen Weg“, den Papst Franziskus im vergangenen Jahr begonnen hat. Es geht dabei darum, auf neue Weise die Weite des Evangeliums zu entdecken und zu­gleich mutig und veränderungsbereit unsere Kirche neu zu gestalten.

Gerade die abscheulichen Taten der sexuellen Gewalt, des geistlichen Missbrauchs, aber auch viele andere Leidenser­fahrungen, die über viele Jahrzehnte und Jahrhunderte hin­weg unsere Kirche unheilvoll geprägt haben, fordern uns zu einer neuen Ehrlichkeit auf. Es ist nicht zu leugnen, dass das schreckliche Unheil, das weltweit in unserer Kirche geschehen ist, nach grundsätzlichen Veränderungen verlangt. Der Unmut von so vielen Gläubigen, die sich in diesen Jahren entsetzt und enttäuscht von unserer Kirche abwenden, hat Gründe, die wir Bischöfe und alle Verantwortlichen in unserer Kirche sehr ernst nehmen müssen. Es hilft nicht, mit Abwehrreflexen darauf zu reagieren oder gar denjenigen, die sich nach Veränderungen sehnen, böse Absichten zu unterstellen.

Als Christen befinden wir uns selbst auch in einer Krisensituation, die insbesondere durch den Missbrauchsskandal zu einer existenziellen Krise unserer Kirche geworden ist.

Auch hier zeigen sich die Ängste vor Veränderungen, aber auch der Schmerz über so manche Bewegungslosigkeit und Arro­ganz. Ich bin überzeugt: Als Christen befinden wir uns selbst auch in einer Krisensituation, die insbesondere durch den Missbrauchsskandal zu einer existenziellen Krise unserer Kirche geworden ist. Wir wollen als Kirche Teil einer Welt sein, in der Freiheit und Gleichheit, aber auch die Würde des Menschen eine im Verhältnis zu bisherigen Zeiten viel größere Rolle spielt. Dabei gerät unsere Kirche in schwere Konflikte, weil sich vie­le ihrer Lehren und Überzeugungen einer langen Geschichte verdanken, die letztlich in der Heiligen Schrift und in einer Tradition wurzeln, die mit der Offenbarung Gottes in Verbin­dung stehen. Das betrifft auch viele unserer Strukturen bis hin zum Verständnis des priesterlichen Amtes. Vieles steht massiv in Frage, was bislang nicht hinterfragbar schien. Das macht die Krise so existentiell und dramatisch – und es ist nicht leicht, sie zu lösen.

Wir spüren das auch in unserem Bistum, in unseren konkreten Gemeinden und Pfarreien: Es ist nicht zu übersehen, wie viel hier schon seit Jahren in Frage steht – und sich auch ganz konkret auflöst. Unsere in großer Zahl schon aufgegebenen Kirchen bringen das symbolisch in trauriger Weise zum Aus­druck. Aber wir sehen es auch am kontinuierlichen Sinken der Zahl unserer Priester, wie aber auch am Sinken der Zahl aller anderen pastoralen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Vieles steht massiv in Frage, was bislang nicht hinterfragbar schien. Das macht die Krise so existentiell und dramatisch – und es ist nicht leicht, sie zu lösen.

Die wenigen Berufungen zum priesterlichen Dienst sind dabei in besonderer Weise ein alarmierendes Zeichen. Wenn dies so weitergeht, bricht die sakramentale Struktur in unserer Kirche zusammen – schon jetzt ist sie regelrecht bedroht.

Wir stellen uns in unserem Bistum darauf ein, eine deutlich kleinere Kirche zu werden. Wir bemühen uns schon seit vie­len Jahren, Antworten auf die Krise unserer Kirche zu suchen – aber vielleicht sind wir dabei immer noch zu sehr davon geprägt, uns nach einer Kirche der Vergangenheit zurückzu­sehnen. Vor uns liegt aber noch ein herausfordernder Weg, weil die Krise weit mehr ist als eine Kirchenkrise, sondern eine Krise der Religion in der heutigen Zeit. Die religiöse Bedürf­tigkeit der Menschen hat sich derart verändert, dass unsere spirituellen, theologischen, liturgischen oder auch seelsorgli­chen Angebote die meisten Menschen von heute nicht mehr erreichen. Vieles im Raum unserer Kirche trocknet aus oder ist bereits ausgetrocknet. Und doch stimmt mich hoffnungs­froh, dass die Ströme der spirituellen Suche vieler Menschen an Kraft gewinnt – oft allerdings außerhalb unserer Kirche. So durchleben wir also eine Krise, die von uns sowohl spirituell, als auch strukturell Entscheidungen abverlangen wird, die zu einer echten Neu-Werdung unserer Kirche führen müssen.

Wir stellen uns in unserem Bistum darauf ein, eine deutlich kleinere Kirche zu werden. Wir bemühen uns schon seit vie­len Jahren, Antworten auf die Krise unserer Kirche zu suchen – aber vielleicht sind wir dabei immer noch zu sehr davon geprägt, uns nach einer Kirche der Vergangenheit zurückzu­sehnen.

IV.

Angesichts unserer existentiellen Kirchenkrise könnten wir Christinnen und Christen vielleicht eine Vorbildfunktion wahr­nehmen und eine echte konstruktive Konfliktkultur einüben. Auch wenn wir selbst von Ängsten geprägt sind und Verän­derungen fürchten, so leben wir doch von der Verheißung, dass Gott alle unsere Wege mitgeht. Mit dieser Verheißung im Herzen kann die Angst vielleicht kleiner werden und der Mut größer, miteinander etwas zu wagen. So schmerzhaft die Abbrüche und Verluste unserer Kirche auch sein mögen, so bleibt doch Gottes Verheißung bestehen. Deshalb brauchen wir nicht in Resignation zu versinken, sondern können mutig und kreativ Neues suchen und ausprobieren – über den Raum unserer Kirche in ökumenischer und interreligiöser Verbunden­heit hinaus.

Unsere Welt braucht das Vertrauen, dass es eine größere Kraft gibt, die uns hält, trägt und begleitet, und die uns auch Orien­tierung gibt, um menschlich und solidarisch miteinander zu leben. Als Christen glauben wir, dass alle Menschen aus einer persönlichen Gottesbeziehung leben, die inspiriert und trägt. An Jesus Christus lassen sich viele konkrete Orientierungen für das konkrete Leben ableiten – vor allem jene Orientie­rung, sich stets an der Liebe und Barmherzigkeit auszurichten, die das Wohl und die Würde eines jeden Menschen im Blick hat. Aus seiner tiefen spirituellen Gottesbeziehung hat Jesus gelebt und lehrt uns heute, ebenso aus einer spirituellen Tiefe die Wege zu suchen, wie wir heute dem Wohl und der Würde aller Menschen dienen können. Aus dieser Haltung können wir unsere Kirche Schritt für Schritt weiter entwickeln.

Angesichts unserer existentiellen Kirchenkrise könnten wir Christinnen und Christen vielleicht eine Vorbildfunktion wahr­nehmen und eine echte konstruktive Konfliktkultur einüben.

Jesus selbst hat eine große Gelassenheit und Offenheit ausge­strahlt, die er aus seiner Gottesbeziehung empfing. Er hat sich selbst als Weg bezeichnet, der in die Weite und in die Freiheit führt. „Du Herr führst mich hinaus ins Weite“, so heißt es im 18. Psalm. Die Kraft für vieles, was uns aufgegeben ist, kann nicht aus uns selbst kommen, sondern kommt von dem Gott, auf den wir setzen. Wenn wir so auf Gott schauen, dann kann eine Kultur unter uns wachsen, mit der wir Konflikte konst­ruktiv leben und austragen können: Niemand von uns Men­schen weiß die ganze Wahrheit, kennt die Lösungen und die richtigen Wege angesichts so vieler Krisen. Wir dürfen aber auf Gottes Unterstützung setzen, dessen Geist sich zeigen kann in den Perspektiven und Auffassungen anderer, im Ringen um Positionen, im Wechsel der Perspektiven, im gemeinsamen Lernen. Unser Gott ist ein Gott des Weges – und nicht des Still­stands. Seine Wege führen nicht zurück, sondern nach vorn. Der Weg des Volkes Gottes durch die Geschichte war stets ein Weg des Wandels und des Aufbruchs, ein Weg des Loslassens und Abschiednehmens, aber auch ein Weg des Neubeginns.

Der Weg des Volkes Gottes durch die Geschichte war stets ein Weg des Wandels und des Aufbruchs, ein Weg des Loslassens und Abschiednehmens, aber auch ein Weg des Neubeginns.

V.

Im Glauben an die Verheißung, dass Gott uns in Christus und mit Christus auf einen Weg in die Weite führt, wünsche ich Ihnen, liebe Schwestern und Brüder in unserem Bistum Essen, sowie allen, die mit uns verbunden sind, Gottes Nähe und Weggeleit. Von Herzen wünsche ich Ihnen Zuversicht, Gesundheit und Lebenskraft für das vor uns liegende Jahr 2022!

 

Ihr


+ Dr. Franz-Josef Overbeck
Bischof von Essen

Praxis

Begrüße Mehrdeutigkeit

Systemisches Denken in unübersichtlichen Zeiten

Ach, wären die Dinge doch bloß einfach und ließe sich doch alles durchschauen, was uns tagtäglich umgibt. Den nachvollziehbaren, individuellen Wünschen nach Erklärbarkeit und Verstehbarkeit steht eine Gesellschaft gegenüber, die – nicht zuletzt getrieben durch die Globalisierung und Digitalisierung – in ihrem vernetzten Zusammenwirken und auch im Zerfallen bekannter Strukturen kaum noch überschaubar und prognostizierbar erscheint. Ähnlich ergeht es Organisationen: Disruption ersetzt Kontinuität, Unsicherheit tritt an die Stelle bisher erlebter Sicherheit. Wie soll man vor dem Hintergrund noch handlungs- und entscheidungsfähig bleiben? Ein Schlüssel hierzu liegt im Zugang zum komplexen Alltag.

Die Situation erscheint paradox. Noch nie gab es so viele Möglichkeiten, sich qua Managementratgeber und Internetrecherche über die Vielfalt an Arbeitsweisen und Organisationsformen zu informieren, und zugleich nehmen Tendenzen zu, diese Vielfalt zu verneinen. „Offline“ wie „Online“ gäbe es unzählige Möglichkeiten, sich in aller Tiefe und Breite zu informieren und auch auszutauschen, doch im Streben nach Orientierung fallen oftmals Wunsch und Wirklichkeit auseinander. In der Praxis sind vor allem zwei Phänomene beobachtbar: Zum einen sorgt die Informationsfülle dafür, dass mit dem Wissen auch das Wissen über die Anzweifelbarkeit des Wissens anwächst. Wer selbst vor einer schwierigen Entscheidung steht oder wer einen Organisationswandel vorantreiben möchte, bleibt selbst nach tage- oder nächtelanger Recherche letztlich verunsichert, wenn es darum geht, wie man sich im eigenen Kontext richtigerweise entscheiden soll oder auch, wie das eigene Unternehmen zukunftsfähig aufgestellt werden soll.

Mit dem Wissen wächst auch das Wissen über die Anzweifelbarkeit des Wissens an.

Hieran anschließend ist sodann ein zweites Phänomen erkennbar. Im Privaten wie im Beruflichen setzen sich Lösungsversprechen durch, die auf Einfachheit und Klarheit setzen. Diese werden neuerdings von „Influencern“ auf den bekannten Plattformen oder auch von Managementvordenkern vertreten, die in ihren Beiträgen und Büchern aufzeigen, wie man „agiler“, „achtsamer“ seine Arbeit gestalten sollte und Organisationen „holokratisch“ umgestalten sollte – um nur die derzeit gängigsten Stichworte zu nennen. In der Argumentationsstruktur ähnlich wie Verschwörungstheoretiker oder auch Vertreter radikaler Parteien haben sie Erfolg, indem sie klare Ursache-Wirkungszusammenhänge konstruieren und vermeintlich einfache Lösungen mit vermeintlich Schuldigen präsentieren – schuld ist im Übrigen immer die klassisch hierarchische Organisation. In dieser Sicht wird eine Eindeutigkeit präsentiert, nach der viele suchen, angemessen ist sie sicher nicht. Doch was ist die Alternative? – Unter Rückgriff auf einige Kernideen des systemischen Denkens wird im Folgenden gezeigt, dass alle Organisationsfragen mit etwas Grundsätzlichem zu starten haben: dem Zugang zur eigenen Komplexität. Wer diese erkennt und ernst nimmt, wird nachvollziehen können, warum Unsicherheiten, Mehrdeutigkeiten und Diversitäten die Basis für angemessenes Entscheiden bilden und deshalb begrüßenswert sind.

Im Privaten wie im Beruflichen setzen sich Lösungsversprechen durch, die auf Einfachheit und Klarheit setzen.

Seit mehr als 50 Jahren hat sich in den Beratungsprofessionen eine Denkweise etabliert, die mit dem Zusatz „systemisch“ versehen wird. In der Familientherapie, im Coaching, in der Führungskräfteentwicklung sowie in der Team- und Organisationsberatung finden sich vielfältige Ansätze, die unter Rückgriff auf systemische Erklärungsmodelle in der Praxis relevante Unterschiede machen. Systemisch zu denken heißt, die Dinge im Zusammenhang, mithin in ihrer Vernetztheit zu sehen. Und es heißt auch, sich mit Hilfe von Theorie zunächst einen Zugang zu den unvermeidlichen Komplexitäten zu verschaffen, um dann Verfahren zu nutzen, in und mit denen intelligente Entscheidungen wahrscheinlicher werden.

Wer Komplexitäten erfassen möchte, sollte sich in den Grundzügen mit Erkenntnis- und Sozialtheorien befassen, wie sie von z.B. Gregory Bateson, Heinz von Foerster, Paul Watzlawick oder auch Niklas Luhmann formuliert wurden. Doch keine Sorge, es geht nicht um die Lektüre vieler tausend Seiten Fachliteratur. Der Trick der genannten systemischen Vordenker besteht zunächst darin, sich von den Verhältnissen zu distanzieren. Sie agieren als Beobachter zweiter Ordnung. Wie Beobachter auf der Tribüne, versuchen sie sich einen Überblick zu verschaffen, welches Spiel auf dem Spielfeld gespielt wird, welche Regeln gelten. Dieser zunächst distanzierte Zugang zur Welt entfaltet seine Wirkung hauptsächlich dadurch, dass er hilft, einen entspannteren, vorurteilsfreien und lernenden Modus in Bezug auf das vielfältige Funktionieren von Systemen (Familien, Teams, Unternehmen) einzunehmen. Gerade in der alltäglichen Praxis kann diese Sichtweise helfen, überhaupt einen angemessenen (Beobachtungs-)Zugang zur Welt, die uns umgibt, zu erlangen. Hierzu zwei Tipps:

Systemisch zu denken heißt, die Dinge im Zusammenhang, mithin in ihrer Vernetztheit zu sehen.

Starte im Modus: „Wie interessant!“

In einer komplexen Welt zu leben, heißt zunächst anzuerkennen, dass vieles nicht so leicht und gut funktioniert, wie man es denkt und sich erhofft. Ein recht bekanntes, systemisches Sprichwort lautet: „Jedes komplexe Problem hat eine einfache Lösung und die ist falsch!“. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass komplexe Probleme nach hinreichend komplexen Lösungen verlangen. Um diese zu finden, muss man zumeist nicht in der Ferne suchen, denn der Alltag hält schon viele Potentiale zur Lösung bereit. Um diese erkennen zu können, bedarf es der Neufokussierung einer Aufmerksamkeit, die oft auf das Nichtfunktionieren gerichtet ist. Wer Probleme sucht, wird diese finden und auf Phänomene stoßen, die Verwunderung und Ärger hervorrufen: „So dumm kann man doch nicht sein!“, „Warum dauert das so lange?“, „Wissen die denn nicht, worum es wirklich geht?“. Wahrnehmungen dieser Art nehmen einen Gutteil des „Flurfunks“ in jeder Organisation ein. Täglich passiert etwas, das Ärger hervorruft. Aber Ärger ist – wie alle Emotionen – schneller als der Verstand, und führt quasi Huckepack eine eigene, einfache, schnelle Lösungsidee mit. Doch wer schnell versteht, hat womöglich nichts verstanden. Wenige Eindrücke und Informationen reichen dem problemfokussierten Beobachter aus, um der Illusion zu erliegen, zu wissen, was los ist und wie eine Lösung aussehen müsste. Was hier hilft, ist der Beobachtungsmodus „Wie interessant!“:

Doch wer schnell versteht, hat womöglich nichts verstanden.

  • „Wie interessant, wir stoßen Veränderungsprojekte an, alle sind motiviert dabei und am Ende ändert sich nichts!“
  • „Wie interessant, jetzt hat schon die fünfte Fachkraft auf dieser Position nach kurzer Zeit gekündigt!“
  • “Wie interessant, alle kritisieren die Hierarchie, aber sie funktioniert schon seit 50 Jahren!“
  • „Wie interessant, selbst Fachberater kommen zu keiner eindeutigen Lösung!“

„Wie interessant!“ – Wer diesem Gebot folgt, bringt sich – individuell oder kollektiv – in einen neugierigen Modus. Er sucht nach guten Gründen für weiterhin existierende Probleme, nach guten Gründen für Verzögerungen und für alles, was eben nicht so einfach und eindeutig wie gedacht und erhofft funktioniert. In der Konzeption von Veränderungsprozessen hat es sich bewährt, im Modus „Wie interessant“ Organisationsphänomene zu sammeln und zu priorisieren und die drei bis vier meistgenannten kollektiv zu erforschen.

Fokussiere auf Paradoxien

Wer den ersten Hinweis beherzigt, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit auf „interessante“ Phänomene stoßen, die als Problem schon länger bestehen, bzw. auf „Baustellen“ der Organisationen stoßen, an denen schon oft gearbeitet wurde, ohne dass diese zufriedenstellend beseitigt werden konnten. Ist dies der Fall, lohnt es sich nach Paradoxien Ausschau zu halten. Kurz gesagt geht es hierbei um nichtlösbare, unvermeidliche Gegensätze. Im Prinzip wird unser gesamtes Leben von Paradoxien geprägt (zugegeben, ohne dass wir dies immer so beobachten …). Leben heißt Leben in Paradoxien – so kurz und knapp kann man eine Haupterkenntnis systemischer Denkansätze zusammenfassen. Man strebt nach Eigenständigkeit und Autonomie und muss sich hierfür permanent in Abhängigkeiten begeben. Für Organisationen trifft dies besonders zu. In ihnen geht es immerfort darum, die vielfältige, widersprüchliche die Paradoxien von Stabilität und Veränderung, Dezentralität und Zentralität, Regelbefolgung und Kreativität oder auch Innovation und Routine zu balancieren.

Das Gebot „Anwalt der Ambivalenz“ zu sein, verschiebt den Fokus stärker auf praktische Fragen der Balancierung zwischen zwei widersprüchlichen Positionen.

Das Gebot „Anwalt der Ambivalenz“ zu sein, verschiebt den Fokus stärker auf praktische Fragen der Balance zwischen zwei widersprüchlichen Positionen. Es lädt Führungskräfte ein, wie auf einer schwankenden Platte immerfort an der Ausbalancierung zu arbeiten: Bleiben alle auf der Seite der Nichtveränderung, so sollte sich die Führungskraft gedanklich wie praktisch für die Seite der Veränderung stark machen beziehungsweise den Preis für die Nichtveränderung in den Fokus der Aufmerksamkeit rücken. Sind dagegen alle begeistert auf der Innovationsseite, so sollte sie den Nutzen verlässlicher und effizienter Routinen zur Sprache bringen. Wer sich als „Anwalt der Ambivalenz“ versteht, kann paradoxiebewusste Reflexionsprozesse initiieren – die langfristig tragfähiger sind als einseitige Präferenzen für z.B. nur das Neue und Andere oder nur das Bekannte.

Der Wunsch nach Einfachheit und die Ablehnung von Vielfalt ist oft verknüpft mit einem Wunsch nach Praxisnähe und Handlungsrelevanz. Diesem Wunsch und Denken folgend, wird Theorie als eine störende Verkomplizierung gesehen. Doch das Gegenteil ist der Fall. Theorien sind zwangsläufig anders als die Praxis – aber ihre Andersartigkeit ist nicht das Problem. Sie ist eine Lösung. Theorien doppeln die Praxis: Sie eröffnen die Möglichkeit, die Zusammenhänge anders als gewohnt – zum Teil kontraintuitiv – zu beobachten. Wenn es gelingt, mit der theoretischen Brille auf der Nase eine neue Sicht auf die bekannte Praxis zu erzeugen, dann erzeugt diese Andersartigkeit eine Differenz, eine produktive Spannung ­ – und damit eine Anleitung zum praktischen, situationsangemessenen Handeln, in dem Mehrdeutigkeiten erwartbar und normal sind.

Praxis

Was werden Christ*innen getan haben? Von Martins Pferd zur Weltinnenpolitik

Was werden Christ*innen getan haben, wenn die ökologische Krise glimpflich ausgegangen sein wird? Auf welche Aufbrüche, gespeist aus dem christlichen Glauben, werden Menschen zurückblicken, wenn die Klimaerwärmung unter die Grenze von 1,5 °C gegenüber vorindustrieller Zeit gedrückt und das Sterben der Arten gestoppt sein wird, wenn viele Landschaften renaturiert und den Tieren zurückgegeben sein werden, wenn Dürre, Überschwemmungen und Klimakriege der Vergangenheit angehören werden?

Die Formulierung im Futur II macht aus der konditionalen, praktischen Frage „Was sollen wir tun, wenn wir diesen Zustand erreichen wollen?“ ein Gedankenexperiment. Es imaginiert eine bestimmte Zukunft und blickt von dort auf die Gegenwart der Fragenden und die Zwischenzeit. Dies ermöglicht die kritische Selbstdistanz, die dem Blick in die Vergangenheit eigen ist: „Wie konnte ich nur so dumm (oder böse) sein?“ „Hätte ich bloß anders gehandelt!“ Es hat aber diesem gegenüber den Vorteil, dass die zukünftige Vergangenheit noch veränderbar ist.

„… wenn die ökologische Krise glimpflich ausgegangen sein wird?“

Wer das einleitend skizzierte Zukunftsszenario für utopisch hält, der ist schon bei einem ersten, für die Überwindung der ökologischen Krise zentralen Aspekt von Judentum und Christentum. Sie leben aus den Erzählungen einer ganz neuen und guten Zukunft: „So wird es sein: Ehe sie rufen, antworte ich, während sie noch reden, höre ich. Wolf und Lamm weiden zusammen und der Löwe frisst Stroh wie das Rind, doch der Schlange Nahrung ist der Staub. Man tut nichts Böses und begeht kein Verbrechen auf meinem ganzen heiligen Berg, spricht der HERR“ (Jes 65,24f). Die Zukunft, von der Jesaja in Kapitel 65 Gott sprechen lässt, kennt keinen frühzeitigen Tod. Sie kennt keine entfremdete, kaum bezahlte Arbeit. Alle Beziehungen werden heil sein, zwischen Gott und Mensch und allen Lebewesen.

Schon der Anfang der Bibel kann als Vision einer derart guten Ordnung gelesen werden: Im Schöpfungslied Genesis 1 verbannt Gott die Chaosmächte Tohuwabohu, Finsternis und Flut und bereitet die verschiedenen Räume zum Leben: Wasser, Luft und Land. Die großen Landlebewesen, Vieh, Wildtiere und Menschen sollen herrschen über den geteilten Raum. Auch hier frisst niemand die anderen. „Und siehe“, so fordert der Mythos die Hörer*innen auf, die Möglichkeiten der Welt anzuschauen: „Und siehe, es war sehr gut“ (Gen 1,31).

Es geht dabei nicht darum, dass dies irgendwann einmal so gewesen wäre oder genauso sein werde. Es geht um das Bekenntnis, Gott habe die Macht, diese gute Ordnung herbeizuführen: „In Gen 1 ist Schöpfung ein durch und durch politisches Konzept.“1 Es sei Gottes Wille, dass die Welt nicht „als Nichtiges“, sondern „zum Wohnen geformt“ sei (Jes 45,18), und Gott könne dies verwirklichen.

Jesus spitzt diesen Gedanken in der Botschaft vom Reich Gottes zu. Das Reich Gottes gestaltet die Gegenwart: „Blinde sehen wieder, Lahme gehen und Aussätzige werden rein; Taube hören, Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium verkündet“ (Lk 7,22). Klimawandel und Artensterben (oder besser gesagt: die Menschen, die diese verschulden) führen die Welt und alle Lebewesen hingegen in die entgegengesetzte Richtung: zu Krankheit und Krieg, Flut und Tohuwabohu.

Was werden Menschen getan haben, wenn diese biblischen Visionen wirklich geworden sein werden? Die biblische Antwort lautet: Sie werden umgekehrt sein. Umkehr meint biblisch kein ‚Zurück‘. Ziel der geforderten Änderung des Weges ist nicht die Vergangenheit. Ihr Ziel ist Gott, der kommen will.

Handelt Gott in der Geschichte? Wird Gott vielleicht helfen, die Welt bewohnbar zu halten?

Allerdings ist die Frage, was Menschen getan haben werden, biblisch gar nicht die erste. Vielmehr werde Gott getan haben. Damit berühren wir ein Kernproblem der systematischen Theologie: Handelt Gott in der Geschichte? Wird Gott vielleicht helfen, die Welt bewohnbar zu halten? Es gibt plausible zeitgenössische Theorien einer vollmächtigen Intervention Gottes in den Weltverlauf, angesiedelt vor allem im Kontext der angelsächsischen Divine Action Debatte. Doch sie haben viele Schwachstellen: die Theodizee (wenn Gott in der Welt handelt, warum gibt es dann noch so viel Leid?), die Gerechtigkeit (wenn Gott an der einen Stelle helfend eingreift, warum an so vielen anderen Stellen nicht?), die Transzendenz Gottes (macht das Eingreifen Gott zu einem weltlichen Akteur unter anderen?) und vor allem die Freiheit der Lebewesen. Überzeugender sind deshalb die verschiedensten Theorien des Handelns bzw. Wirkens Gottes, die Gottes Handeln in Relation zur Kreativität der Welt, zu allen Lebewesen und zum Handeln der Menschen – also in der Logik der Menschwerdung – modellieren. Für unsere Frage ist dabei vor allem relevant, dass diese Theorien die potentiell weltflüchtige Frage, was Gott denn getan haben werde, zurückführen zur verwandelten Ausgangsfrage: Was werden Christ*innen, getragen von der heiligen Geisteskraft und vertrauend auf Gottes Zukunft, getan haben, wenn die ökologische Krise glimpflich ausgegangen sein wird?

Was werden Christ*innen, getragen von der heiligen Geisteskraft und vertrauend auf Gottes Zukunft, getan haben, wenn die ökologische Krise glimpflich ausgegangen sein wird?

Eine solche Zukunft scheint mittlerweile sozioökonomisch unrealistisch. Doch bleibt ethisch nichts anderes übrig, als sie anzunehmen und Wege, die dorthin geführt haben werden, zu suchen und zu beschreiten. Alles andere wäre zynisch und der christlichen Hoffnung nicht angemessen.

Neu und treu: Verzicht

Christ*innen werden erkannt haben, dass jetzt die Zeit der Entscheidung und der Möglichkeiten ist, in der es auf alles und jeden ankommt.

Was Christ*innen getan haben werden, wird neu und einschneidend gewesen sein, denn die ökologische Situation ist drängend. Sie erfordert eine umfassende Transformation der Energieversorgung, der Mobilität von Menschen und Waren, des Wohnens, der Ernährung und des Konsums. Christ*innen werden erkannt haben, dass jetzt die Zeit der Entscheidung und der Möglichkeiten ist, in der es auf alles und jeden ankommt. Sie werden begriffen haben, dass die ökologische Krise das „Zeichen der Zeit“ ist (Zweites Vatikanisches Konzil, Gaudium et spes 4), welches sie aus ihrer ‚Normalität‘ herausreißt.

Das Neue ist christlich nie nur neu. Es ist neu, weil die Herausforderung neu ist. Zugleich ist es dem Ursprung treu. Diese Logik findet sich schon bei Jesus. Dem Markusevangelium zufolge verkündet er eine „neue Lehre“ (Mk 1,27) – die ganz in der Tradition des Volkes Israels steht (Mk 1,2). Welcher Strang der Kirchengeschichte ist also heute besonders an der Zeit und könnte einen solchen Neuanfang inspirieren?

Schauen wir dafür exemplarisch auf einen der wenigen Heiligen der katholischen Kirche, mit dem auch religiös Distanzierte etwas verbinden: Martin von Tours (+397). Mit ihm assoziieren die Kleinsten die Freude am Laternenlicht im Dunkeln und die Größeren das Teilen des Mantels mit dem Armen. Beide Aspekte prägen den Rest an positiver Bedeutung, den die katholische Kirche für die bundesrepublikanische Gesellschaft hat: Das sind, neben dem schulischen Religionsunterricht, zum einen Rituale, welche die Zeit strukturieren und Krisen bewältigen, zum anderen Caritas, also gelebte Nächstenliebe, institutionalisiert in Hilfswerken, Altenheimen, Kindergärten und Krankenhäusern.

Auf dieser Linie könnte man ganz schlicht weiterdenken: Was werden Christ*innen getan haben? Sie werden religiöse Bildung für nachhaltige Entwicklung in Religionsunterricht, Katechese und Erwachsenenbildung intensiviert haben, also eine Bildung, die darauf zielt, in der ökologischen Krise die unterbrechende Kraft des Gottglaubens neu zu entdecken. Sie werden neue Rituale erprobt haben, bspw. Bußgottesdienste, um die ökologische Schuld vor Gott zu tragen und Raum für Neues zu schaffen, oder Klimaandachten von Angst und Hoffnung. Die kirchlichen Hilfswerke und viele Christ*innen werden Taten der Nächstenliebe geübt haben, sie werden für Hungernde und Verdurstende, Opfer von Überschwemmungen und Klimakriegen gespendet und Klimaflüchtlinge zuhause aufgenommen haben. Sie werden Tiere aufgepäppelt haben, die aus brennenden Wäldern geflüchtet sind. Doch so gut das alles auch gewesen sein wird, es allein würde wenig geändert haben an den Zuständen, die alle Arten, ob Menschen, Tiere oder Pflanzen, hungrig, durstig und heimatlos gemacht haben werden.

Auch für Martin war die Nächstenliebe, für die die Mantelteilung steht, nur ein erster Schritt. Er hat sich wohl kurze Zeit später gefragt: „Und was ist mit dem Pferd?“ Diese Frage habe ich bei Martinsumzügen noch nie gehört. Sie ist zu unbequem. Sie stellt in Frage, dass die einen reiten (bzw. in großen Autos fahren), während die anderen bettelnd am Wegesrand sitzen (bzw. aus Klimagründen hungern). Sie verweist darauf, dass das Auto des einen Ursache des Hungers des anderen ist. Sie behauptet, dass viel Grundsätzlicheres ansteht, als nur den Mantel zu teilen.

Martin brach den Militärdienst ab, wurde Wandermönch und lebte als Asket: Er fastete und betete und erlangte nach der Vita des Sulpicius Severus so die Kraft, anderen zum Leben zu verhelfen. Damit lebte Martin eine antike Variante des jesuanischen Armutsideals, das die gesamte Kirchengeschichte durchzieht.

Jesus selbst war kein Asket wie Martin. Auf die Frage, warum seine Jünger nicht fasten, lässt Markus ihn zurückfragen: „Können denn die Hochzeitsgäste fasten, solange der Bräutigam bei ihnen ist?“ (Mk 2,19) Vorübergehend seien andere Formen gefragt: Neuer Wein für neue Schläuche (Mk 2,22). Aber Jesus lebte als Wanderprediger ohne Besitz, zu Gast bei jedem, der ihn einlud. Wer ihm nachfolgen wolle, solle alles verkaufen und es den Armen geben: „Wie schwer ist es für Menschen, die viel besitzen, in das Reich Gottes zu kommen!“ (Mk 10,23)

Besonders konsequent wurde dies in der Armutsbewegung des 12. und 13. Jahrhunderts gelebt von Waldes, Franziskus und Klara von Assisi, den Beginen und Bettelorden. Armut ist für sie eine Lebensform der Freiheit. Sie macht frei von der Angst um den Besitz und seine Mehrung, frei von Gewalt, die notwendig ist, ihn zu verteidigen. Sie dient den Armen und verweigert die Logik des Anhäufens. Sie entzaubert das „Immer-Mehr“ und „Immer-Größer“, bis es nackt dasteht und den Schaden zeigt, den es anderen aufbürdet.2

Nur wenige Politiker*innen trauen sich, davon zu reden, dass die ökologische Krise Verzicht notwendig macht.

Nur wenige Politiker*innen trauen sich, davon zu reden, dass die ökologische Krise Verzicht notwendig macht. Der Tausch der fossilbetriebenen gegen E-Autos reicht nicht, denn auch sie emittieren CO2 in der Herstellung, brauchen Straßen und Parkplätze, die Lebensraum versiegeln und die Städte heißer machen, sie benötigen Energie, deren Bereitstellung zu Lasten des Artenschutzes geht. Der Austausch der Öl- und Gasheizungen gegen Wärmepumpen und Pelletheizungen reicht nicht, solange die Wohnfläche pro Person wächst und Flächen für Neubauten verbraucht werden. Die Ideen für ein radikales Weniger sind da, aber kaum einer will sie beherzigen: teilen, reparieren, weglassen, austauschen und zuhause bleiben. Die jesuanische Armut gehört nicht dazu. Sie ist die radikale Unterbrechung, die die Richtung zeigt. Lernen lässt sich von ihr ein Stil, eine Möglichkeit, eine Art des Christseins.

Was werden Christ*innen getan haben?

Christ*innen überall auf der Welt werden gesagt haben: Jetzt ist die Zeit! Wir machen nicht mehr mit in unserem vermeintlich normalen Lebensstil. Wir beenden die Logik des Wachstums. Sie werden ökumenische Gruppen gebildet haben, die sich für eine Minimierung der ökologischen Kollateralschäden der Lebensweise ihrer Stadt und ihres Landes engagieren. Die Christ*innen des globalen Nordens werden ausprobiert haben, wie das Armutsgebot Jesu für sie lebbar werden kann. Die Suche nach kreativen Alternativen wird möglich geworden gewesen sein, weil die Kirchen ihre globale Kompetenz und Vernetzungen genutzt haben werden: Globale Ordensgemeinschaften und Verbände, Hilfswerke, kirchliche Universitäten und Gemeinden in allen Ländern werden ihre Expertise in den Prozess eingebracht haben.3 Subsidiarität, schon lange ein Prinzip der katholischen Sozialethik, wird auch in der katholischen Kirche zum Strukturprinzip geworden sein. Zugleich wird die Kurie sich internationaler und nach Nachhaltigkeitskompetenzen aufgestellt haben. Mit sieben Jahren Verspätung wird die katholische Kirche den eigenen sozial-ökologischen Impulsen von Laudato Si‘ gefolgt sein: mit globalen Kommunikationsinitiativen und neuer Praxis. Und wie nebenbei wird sie aufgehört haben, sich um das Amt und seinen Missbrauch zu drehen. Sie wird so Freiraum gewonnen haben, sich Fragen der Zeit zu stellen: Welcher Verzicht ist heute ein Vorzeichen des Reiches Gottes? Nicht das Zölibat, sondern das kreative Weniger. Welches Charisma braucht man heute, um Jesus zu repräsentieren? Nicht das Mannsein, sondern die Fähigkeit, den Armen und der Zukunft zu dienen und andere dazu zu inspirieren.

Die Kirche wird Freiraum gewonnen haben, sich Fragen der Zeit zu stellen: Welcher Verzicht ist heute ein Vorzeichen des Reiches Gottes? Nicht das Zölibat, sondern das kreative Weniger. Welches Charisma braucht man heute, um Jesus zu repräsentieren? Nicht das Mannsein, sondern die Fähigkeit, den Armen und der Zukunft zu dienen und andere dazu zu inspirieren.

Die Antworten dieser Gruppen werden nicht nur, aber auch die gewesen sein, die von Nachhaltigkeitswissenschaften heute für notwendig gehalten werden: vegetarisch, vegan, autofrei, die wenigen verbleibenden Autos kleiner, fossilfrei und geteilt, geteilt auch das Lastenfahrrad und das Haus, Tiny-Häuser, wo früher Garagen standen, für die Kühlung Parks statt kirchlicher Parkplätze, Stadtteilkonzepte für fossilfreie Heizungen, Ernährung regional und saisonal, ökologische Bewirtschaftung der kirchlichen Liegenschaften, Gemeinschaftsgärten, Boykott von Fast Fashion u.a.m. Kaum vorstellbar, was man alles nie vermisst haben wird! Das Individuelle wird schnell politisch geworden sein: Die Geschwindigkeit begrenzt, Parkplätze und Autostraßen getauscht gegen Fußwege, Radwege und Nahverkehr, Reparierbarkeitspflicht, Steuern auf Massentierhaltungsprodukte, auf Autogewicht pro Kilogramm und Wohnfläche pro Person… Die katholische Kirche wird dabei ihren einen Vorteil ausgenutzt haben: Sie ist eine globale Organisation, wie es sie für die anstehenden Transformationen bräuchte. Sie ist die, die zumindest in ihrem eigenen Inneren die nötige ökologische Weltinnenpolitik betreiben könnte.

All das wird allerdings sehr spät begonnen haben: 2022.

Ist es naiv, also komplexitätsvergessen und realitätsfern, das anzunehmen? Vielleicht. Aber vermutlich ist genau das die heutige Rolle des Christentums: Christ*innen scheuen sich nicht, an die ökologischen Krisen und die Abhängigkeit von der ökologischen Basis zu erinnern, weil Kontingenz, das Scheitern, der Tod, das Böse für sie normal, bearbeitbar und überwindbar sind. Sie können gemeinsam fatale Lebensformen unterbrechen, weil die Freiheit, die sich in der Unterbrechung zeigt, Form der Gottnähe ist. Sie können es, weil sie hoffen dürfen, dass es nicht vergeblich gewesen sein wird.

Praxis

Die Große Transformation in Gang setzen – ein Gemeinschaftswerk

Mit Blick auf die Klimakrise, den Biodiversitätsverlust und die klima-, sozial- und umweltrelevanten Auswirkungen der aktuellen geopolitischen Lage steht die Weltgemeinschaft vor komplexen und mannigfaltigen Herausforderungen in Bezug auf das Thema Nachhaltigkeit. Diese Herausforderungen bieten (teilweise seit Jahrzehnten) Grund zur Sorge – und die Nachrichten sind voll von Schreckensbildern. Zur Untätigkeit sind wir jedoch nicht gezwungen, ganz im Gegenteil! Der Gestaltungsraum und die Möglichkeiten wachsen mit den technologischen und kreativen Möglichkeiten der Menschen.

Die ‚Große Transformation‘ (WBGU 2011) ist ein Gestaltungsaufruf an uns alle. Sie läutet Wenden in den Kernbereichen Produktion und Konsum, Energie und Ressourcen, Industrie, Wirtschaft und Unternehmen sowie Wohlstand und Lebensstile ein (Schmidt-Bleek 1994; Schneidewind 2018). Sie betrifft jegliche Handlung, Entscheidung, Aktivität – sei es im Beruf oder Alltag. Nach Friedrich von Borries (2016) entwirft oder unterwirft jede Handlung, jedes kreative Erschaffen und jedes in die Welt geworfene Objekt. Es kommt eben auf die Gestaltung an, ob ökologische Nachhaltigkeit, Klimaschutz, Teilhabe, Entfaltung, gesellschaftliche Entwicklung, fairer und gerechter Umgang miteinander u.v.m. ermöglicht wird.

Die Weltgemeinschaft hat in den vergangenen Jahrzehnten viel notwendiges Wissen generiert und sich mit den 17 Sustainable Development Goals einen transformativen und normativen Handlungsrahmen gegeben, um die Welt nachhaltiger zu gestalten. Das systemisch-kritische Wissen im Umgang mit dem Klimawandel existiert und wir erleben einen breiten gesellschaftlichen Diskurs zu den Themen Anpassung und Strukturwandel. Und doch stellen wir fest: die sozial-ökologische Transformation geht nur langsam voran, (insbesondere systemische) Kompetenzen werden kaum oder nicht im notwendigen Umfang weiterentwickelt, abgerufen, zusammengebracht und angefragt. Das Wissen, die Fähigkeiten und Fertigkeiten übersetzen sich nicht mit dem nötigen Tempo in Handlungen und Veränderungsprozesse (Transitionen), in Resilienzorientierung, Risikovorsorge und Aktivität. Notwendige systemisch angelegte Rahmenbedingungen und Anreize für nachhaltiges Handeln fehlen in allen Bereichen von Produktion und Konsum – nachhaltiges Handeln in falschen, d.h. nicht fördernden Strukturen kostet viele Menschen Energie und frustriert.

Abbildung: Schneidewind 2018, S. 12

Schneidewind (2018) fordert daher, eine Haltung einzunehmen, bei der wir die große Transformation auf technologischer, ökonomischer, institutioneller und kultureller Ebene verinnerlichen und als „Zukunftskunst“ gestalten.

Haltung, Experimentier- und Gestaltungslust sowie Möglichkeitsräume (=Reallabore) sind für die Entwicklung einer Zukunftskunst grundlegende Voraussetzung.

Im Gestalten liegt das entscheidende Momentum der aktiven Veränderung. Nicht-Gestalten und Verharren, schlimmer noch Beharren, bedeutet eben auch Gestaltung durch Unterlassung und bestätigt oder festigt bestehende nicht-nachhaltige Strukturen.

Die SDGs formulieren Nachhaltigkeitsziele konkret und entwerfen bisher nicht erreichte definierte Zustände: Hunger und Armut bekämpfen, Klima, Wälder und Meere schützen, Bildung und Gleichstellung ermöglichen, Umwelt erhalten, Kooperation stärken u.v.m.

Im Gestalten liegt das entscheidende Momentum der aktiven Veränderung.

Um nun den Möglichkeitsraum Zukunft in Nachhaltigkeit zu eröffnen und ihn uns gestaltend anzueignen, sollten wir uns darauf einlassen, das (experimentelle) Lernen, das transformative Forschen mit dem Gestalten und Experimentieren (Schneidewind/ Singer-Brodowski 2015) zu verbinden. Dies befähigt uns, Gelerntes in eine kulturelle Haltung zu überführen und neues als “konkrete Utopie” (Bloch 1985) zu antizipieren sowie die Verantwortung eines „ökologischen Imperativs“ (Jonas 2003) zu materialisieren. Während wir auf diese Weise einen neuen grand narrative der Nachhaltigkeit beleben, sollten wir stets darauf bedacht sein, die vielfältigen Ansätze und Erkenntnisse der Forschung über die Welt und Systemzusammenhänge zu nutzen. Jedes Forschungsergebnis ist eine bestimmte Beschreibung und Interpretation der Welt – sie zeigen uns Teilaspekte der Wirklichkeit und des Systems. Jede Forschungsfrage, jede Annäherung an ein Phänomen der Wirklichkeit ist ein spezifischer Ausschnitt der Welt, den die/der Forscher:in aufgrund bestimmter Prämissen wissenschaftlich exploriert und analysiert. Damit ist jede Sichtweise der Welt auch sozial konstruiert (Berger/Luckmann 1980; Giddens 1984) und somit rückbindbar in vorherige Erkenntnisse und Entwicklungen, in kulturelle und wissenschaftliche Kontexte, die sich selbst auch in Frage stellen. Das ist der Kern von Gestaltung: Konstruiertes neu zu formen bis hin zur Demontage und daraus Zukunftsvorstellungen zu rekonstruieren – was also sind die neuen nachhaltigen Mobilitätskonzepte oder Ernährungs- und Wohnweisen?

Umso wichtiger ist eine konsequente Ausrichtung sowohl der Transformationsforschung1 als auch der transformativen Forschung2 auf gesellschaftliche Schlüsselfragen. Wir können eine neue, eine andere Zukunft auf Basis dieser vielfältigen wissenschaftlichen Daten, Zugänge und Erkenntnisse gemeinsam gestalten, wenn wir diese in offenen Räumen diskutieren und für Transformation lösungs- und systemorientiert nutzen. Iterativ aufs Lernen ausgerichtetes Ziel-, System- und Transformationswissen ist für eine gelingende Zukunftsgestaltung grundlegend (Literacy und Reallaborforschung).

Da jedes Handeln und Gestalten politisch ist (Arendt 1960; von Borries 2016) tragen wir durch Veränderungen unserer sozialen Praktiken in den Bereichen

  1. Konsumieren und Produzieren,
  2. politische Partizipation und Politikgestaltung,
  3. Arbeit und Leben,
  4. Forschen und Entwickeln,

täglich zur ‚Großen Transformation‘ bei. Alles Handeln, jede Entscheidung ist relational und unterliegt der (kulturellen) Aushandlung. So kann Arbeit sinnstiftend und schöpferisch sein und spielerische oder ästhetische Momente enthalten (Spittler 2016). Konsum und Produktion wiederum unterliegen ihrerseits der gesellschaftlichen Aushandlung und können sich durchaus an gemeinwohlorientierten und umweltschonenden Parametern ausrichten. Das ist eine gesellschaftspolitische Entscheidung, die stets neu und dynamisch zur Aushandlung steht. Das Bestehende ist ausgehandelt wie auch das Künftige. Die Bedingungen dieser Aushandlung, die Bedingungen von In- oder Exklusion, von Partizipationsmöglichkeiten und Teilhabe, von den zeitlichen, strukturellen und ressourcenbasierten Möglichkeiten, an Aushandlungsprozessen teilzuhaben, ist ebenso ein soziales Konstrukt, das einst gestaltet wurde und in permanenter Gestaltung ist. Daraus ergibt sich, dass in diesem Multilevel- wie auch soziotechnischen System Gestaltung möglich ist: es bleibt dabei, wir entscheiden mit, ob ein anderes Wirtschaften, Arbeiten und Konsumieren möglich werden.

Vier Ansätze der Zukunftsgestaltung

1. Konsumieren und Produzieren – Wertschöpfung: Konsum und die Produktion von Wert

Das ist der Kern von Gestaltung: Konstruiertes neu zu formen bis hin zur Demontage und daraus Zukunftsvorstellungen zu rekonstruieren.

Konsum ist stets von Ambiguität gekennzeichnet. Nachhaltig ist Konsum insoweit, als dass er schlicht notwendig ist, um menschliche Grundbedürfnisse zu decken. Nicht-nachhaltig ist er beispielsweise, wenn das konsumierte Produkt überflüssig ist oder ungenutzt bleibt, also nicht der Nutzenstiftung dient und die Ressourcen umsonst der Natur entnommen wurden. Die moderne Massenproduktion und massentaugliche Kulturindustrie tut ihr Übriges, Überkonsum zu fördern. Thorstein Veblen beschrieb bereits 1899 in Bezug auf gesellschaftlichen Status durch den Konsum von Dingen das Phänomen des Geltungskonsums. Überkonsum und die Symbolik der Dinge führen unweigerlich zu einer Segmentierung der Gesellschaft. Currid-Halkett (2021) spricht hier sogar vom demonstrativen Geltungskonsum. Dieser hat sich aber laut der Autorin weitgehend demokratisiert. Stattdessen spaltet gerade hochpreisiges konsumbasiertes Engagement die Gesellschaft immer mehr. Dies wird gerade auch dann verstärkt, wenn nachhaltiges Handeln zum Statussymbol wird und der Zugang und die Möglichkeit dazu vielen versperrt bleibt. Die Folge sind Risse im sozialen, ökologischen und ökonomischen Gefüge3 und die Überbeanspruchung natürlicher Ressourcen. Konsument:innen und Produzent:innen sollten sich daher wieder stärker als politisch handelnde Akteur:innen und Bürger:innen verstehen, die mit jeder (Produktions-/Konsum-) entscheidung auch eine politische Entscheidung4 treffen. Dabei können sie sich stets mit der Frage auseinandersetzen, welchen Produkt- und Konsummerkmalen sie den größten Wert beimessen.

Allerdings treffen sie meist noch auf schwer nachvollziehbare Informationslagen. Würden die Preise der Dinge die ökologische (von Weizsäcker 1997) und soziale Wahrheit sagen, so hätte man eindeutige Orientierungspunkte. Doch die bestehende Informationsasymmetrie lässt sich im Alltag nur schwerlich überwinden. Denn jedes in die Welt geworfene Objekt hat eine politische Dimension, ist ökologisch, sozial und ökonomisch relevant (vgl. hierzu von Borries 2016, Schmidt-Bleek 1994). Die planetaren Grenzen zeigen dies in eindrücklicher Form und die internationalen Nachhaltigkeitsziele der UN suchen dies in einen globalen Ausgleich zu bringen. Die daraus entstehende kulturelle Haltung der Nachhaltigkeit ermöglicht eine neue Koexistenz zwischen dem Menschen und seiner belebten und unbelebten Umwelt5 und bietet die Chance eines radikalen „Kulturwandels“ der Nachhaltigkeit (Leggewie/Welzer 2009, S. 230). Gerade das SDG 12‚ ‘nachhaltiges Konsumieren und Produzieren‘ verbindet die belebte und die unbelebte Welt, denn in Wertschöpfungsketten oder -netzen findet der Stoffwechsel mit der Natur (Marx 1867) seine Umsetzung – das Entstehen der Produkte aus der Natur und ihre Rückgabe in diese. SDG12 ist damit eines der zentralen systemischen SDGs und ist mit allen anderen SDSGs stark vernetzt (LeBlanc 2015).

2. Politische Partizipation und Politikgestaltung – Befähigung: Konsumpolitik und Kommunalpolitik

Nachhaltiger Konsum sollte, nein muss, möglich sein und bedingt eine nachhaltige Entwicklung. Das bedeutet Bewusstsein, Kompetenz und Gelegenheit sind Voraussetzungen für eine nachhaltige Entwicklung (SVRV 2021, S. 420 ff.; Zimmermann-Janssen et a. 2021). Als Produzent:innen, Prosument:innen, Konsument:innen, Bürger:innen und Träger:innen eines nachhaltigen Kulturwandels ist es notwendig, dass wir uns die Verbindung zwischen Produktion und Konsum, unseren Lebensstilen und Lebens- und Wirtschaftsräumen vergegenwärtigen. Die Kommunen, in denen wir leben, sind dabei die Orte der ‚Großen Transformation‘. Unsere Städte, Gemeinden, Landkreise, das sind die Orte, an denen wir unser Handeln an den Prämissen und Bedingungen der Nachhaltigkeit ausrichten können und dies auch in die politischen Räume adressieren und einspielen (Grabow et al. 2021).

Das neue Statussymbol der ökologischen Nachhaltigkeit generiert sich bereits: aus weniger mache mehr.

Lokal entsteht globale Kooperation für Nachhaltigkeit. Vor Ort können wir kooperieren und unsere grünen, sozialen und sozio-technischen Innovationen erproben und in die Tat umsetzen. Wir können soziale und grüne (Hightech-) Unternehmen gründen, nachhaltige Produkte und Dienstleistungen entwerfen, anbieten, nachfragen und gebrauchen.Hier können wir mobilisieren, vernetzen, uns einsetzen, und unsere Handlungen an der Nachhaltigkeit ausrichten. Nachhaltiges Handeln meint die drei Strategien
  • Effizienz – aus weniger mehr machen,
  • Konsistenz – in Kreisläufen führen,
  • Suffizienz – Maßhalten, Leben genießen, sich und anderen Gutes tun.

Wir können in unseren Mensen, Kantinen, Büros und Sporteinrichtungen nach fairen und nachhaltigen Produkten und Vorgehensweisen fragen und unsere Mobilität nachhaltiger gestalten. Wir können und sollten jeweils Ziele und Wege für Nachhaltigkeit erarbeiten und deren Einhaltung einfordern. Das neue Statussymbol der ökologischen Nachhaltigkeit generiert sich bereits – aus weniger mache mehr – (allerdings ist dies paradoxerweise eher den einkommensstarken Gruppen der Gesellschaft möglich – vgl. hierzu demonstrativer Geltungskonsum, Currid-Halkett 2021).

In unseren Kommunen, in unserem Alltag können wir selbst Politikwirksamkeit spüren, auch die Politik selbst anhalten, die nötigen Schritte gezielt und beharrlich zu verfolgen. Wir können uns in Städtepartnerschaften engagieren und Regionen nachhaltig vernetzen. Wir können die Politik auffordern, Politikkohärenz sicher zu stellen und Verbraucher:inneninformationen niedrigschwellig zur Verfügung zu stellen. Kurz: wir sind politische Subjekte – ob wir nun handeln oder nicht. Dies zeigt sich ideengeschichtlich deutlich angesichts der Veränderung der Nutzung öffentlicher Räume in der Stadt: in der griechischen Antike hatte die Agora als zentraler Versammlungsort der Polis in Athen eine wichtige Funktion für die direktdemokratische Entscheidungsfindung freier Bürger6 (Kränzle 2017). Der öffentliche Raum war Ort für Reibung, Diskurs, Auseinandersetzung und Teilhabe. Heute ist er einer “Verordnung der Gemütlichkeit” (Kränzle 2019) und dem Primat der Sicherheit gewichen. Zwar ist städtischer Raum immer noch belebter Kultur- und Begegnungsraum, ein Ort für Tourist:innen, Passant:innen, Kulturinteressierte, politische Kundgebungen – doch mit zunehmender Kommodifizierung und Privatisierung ist städtischer Raum vorrangig ein Ort für Konsum und Konsumkultur als sein Hauptsinn geworden (Siehr 2016). Gleichzeitig fand eine Verschiebung der demokratischen Debattenkultur in E-Plattformen statt (Kamps 2000) – mit entsprechenden Möglichkeiten der Mobilisierung (z.B. Fridays for Future, aber auch u.a. PEGIDA).

In unserem Alltag können wir selbst Politikwirksamkeit spüren.

In einer wohlfahrtsstaatlich organisierten, freiheitlichen Demokratie und auf Basis der in unseren Breitengraden zur Verfügung stehenden ökologischen und sozialen Voraussetzungen und Ressourcen sollten wir frei sein, nachhaltige Entscheidungen zu treffen. Diesen Möglichkeitsraum zu nutzen, Reibung, Entscheidung, Auseinandersetzung wieder in die öffentliche Sphäre zu bringen, wieder öffentlich politisch zu werden, wäre ein wesentlicher Beitrag zur Zukunftskunst. Bleibt uns diese Freiheit verwehrt und Möglichkeitsräume verschlossen, sollten wir sie vehement in unseren öffentlichen Räumen, in Schulen, Universitäten und Ausbildungs- und Arbeitsstätten einfordern. Die richtige Zeit ist eigentlich immer das Jetzt!

3. Arbeit und Leben – Kompetenz und nachhaltige Kreativität brauchen Raum, Zugang und Entwicklung sowie neue Arbeitsmodelle

Man kann sich schöne Weltbilder malen, wenn man ein gutes Ein- und Auskommen hat und einen sicheren Arbeitsplatz genießt. Dies kann man nicht, wenn die ökonomischen Mittel, Bildungschancen und Entfaltungsräume und -zeiten fehlen. Kompetenz für eine nachhaltige Entwicklung kann sich aber nur in Handlungs- und Erfahrungsräumen weiterentwickeln und erproben, in denen die soziale Kohäsion ausgeprägt und Ungleichheit gering ist. Laut WBGU sind soziale Kohäsion und geringe Ungleichheit Voraussetzung für Kooperation und fördert die Lebenszufriedenheit aller (2016, S. 11). Nachhaltigkeit ist deshalb wesentlich auch die Herstellung sozialer Gerechtigkeit, und spezifischer, die Herstellung von Verteilungs- und Ressourcengerechtigkeit, sowie von Chancen- und Zugangsgerechtigkeit.

Von Seiten der Politik muss daher sichergestellt werden, dass Menschen befähigt werden und es ihnen ermöglicht wird, ihre eigenen Möglichkeitsräume zu gestalten und zu entwickeln, dass sie Zugang zu Wissen und Kompetenzentwicklung haben, um daraus Zukunftskunst zu machen. Mitsprache auf Augenhöhe in Planungs- und Umsetzungsprozessen ist Grundlage für Kooperation und gemeinsamer Transformationsgestaltung. Dabei ist immer auch klar, dass Entscheidungen getroffen werden müssen und es immer vieler Kompromisse bedarf, um die ‚Große Transformation‘ zu realisieren. Dafür bedarf es einer Verringerung von Ungleichheit, die „Stärkung der Handlungskapazitäten von Akteuren“, soziale Kohäsion und Inklusion, gerechte Bildungszugänge und -förderung sowie die „Teilhabe betroffener Bevölkerungsgruppen und zivilgesellschaftlicher Initiativen“ (WBGU 2016, S. 18). Eine Literacy für nachhaltigen Konsum sowie die Gelegenheit dazu gehört aus unserer Sicht zur Daseinsvorsorge, die politisch zu organisieren ist.

Zudem bestimmt die Art und Weise wie wir unsere Zeit verbringen und mit welchen Aktivitäten darüber, wie groß unser ökologischer Rucksack ist7 – und dieser ist einkommensabhängig. Einkommensstarke Haushalte haben durchschnittlich einen sehr viel größeren Rucksack als einkommensschwache Haushalte (Buhl/Schipperges/Liedtke 2017).

Eine Literacy für nachhaltigen Konsum sowie die Gelegenheit dazu gehört zur Daseinsvorsorge, die politisch zu organisieren ist.

Liedtke und Caplan (2020) beschäftigten sich mit den Bedarfen der Menschen für ein gutes Leben und mit den Ergebnissen einer Studie der Bundesregierung zur Lebensqualität (BMAS 2016). Diese zeigt, dass Mitgestaltungs- und Entwicklungsmöglichkeiten, das sorgenfreie Leben durch einen sicheren und auskömmlichen Arbeitsplatz, das Arbeiten in starken Solidargemeinschaften bei gleichzeitiger individueller Entfaltung, die Gestaltung der Arbeitszeit und die Wahl des Arbeitsortes für das Wohlbefinden zentral sind. Liedtke und Caplan gehen noch einen Schritt weiter und diskutieren die Zeit selbst als wertvolle Ressource – Stichwort: Zeitwohlstand (IÖW 2015; Reisch/Bietz 2014; Rinderspacher 2000; Rosa et al. 2014; Von Jorck 2016). In ihren Überlegungen zu Post-Corona Zeit regen sie an, über die Zeit als neues Statussymbol und über nachhaltige und resiliente Arbeitsmodelle nachzudenken, die Zeitgewinne ermöglichen. Diese generieren, z.B. durch wegfallende Pendelwege nicht nur Zeitwohlstand8, sondern ermöglichen erst den Einsatz von Zeit für Gemeinwohlorientierung und Umweltschutz9.

Neue Arbeitsmodelle schaffen Möglichkeiten, z.B. durch Homeoffice, Ressourcen einzusparen, die ansonsten für das tägliche Pendeln (oft mit dem Auto) aufgebracht werden müssen. Zudem ist klar: kürzere Arbeitszeiten erhöhen die Produktivität (vgl. Seifert 2008). Doch der Clou ist, dass ehrenamtliches Engagement auch Bestandteil der Lebens- und Arbeitsplanung werden sollte: Politik sollte über eine Art Agentur für soziale Innovationen (wie bei der Elternzeit) eine Finanzierung bereitstellen, phasenweise in Reallaboren Gesellschaft mitzugestalten z.B. über neue Mobilitätsprojekte, urbanes Grün, u.v.m. Unternehmen sollten hierzu Beschäftigte zeitweise freistellen und Gewerkschaften könnten solche Modelle mit Politik und Wirtschaft aushandeln. Je nachdem wie sich die Digitalisierung auswirkt, könnte dies auch ein Vorläufer sein, für weitere freigesetzte bezahlte Arbeitszeit, die sich in bezahlte gesellschaftliche Entwicklungsarbeit umsetzen ließe. Das wäre eine der vielfältigen Chancen, die Automatisierung durch Digitalisierung mit sich bringen könnte (Land 2018).

4. Forschen und Entwickeln – Das Reallabor als Transformationswerkstatt der Zukunftskunst

Zukunftskunst bedarf Entwicklungs- und Möglichkeitsräumen, in denen Zukunftsprojekte erdacht, entwickelt und erprobt werden können. Hier werden technologische Innovationen mit sozialen Konstrukten verbunden, hier findet aktive Gestaltung statt. Reallabore sind wissenschaftlich begleitete, konkrete Interventionen in die Lebenswirklichkeit und dienen auch der gesamtgesellschaftlichen Aushandlung von Transformationspfaden. Sie sind nachhaltigkeitsorientiert, transdisziplinär, experimentell, reflexiv und langfristig (Wanner/Stelzer 2019). Durch Co-Kreation generieren Reallabore nicht nur anwendungsrelevantes Wissen, sondern darüber hinaus können Reallabore zur Minderung von Demokratiedefiziten beitragen. Gemeinsam erarbeitete Nachhaltigkeitspraktiken können breite Unterstützung erfahren und in Routinen übergehen. Folgend benötigen sie entsprechend gestaltete und materialisierte Produkt-Dienstleistungssysteme – zuerst wird der Nutzen definiert, dann wird materialisiert für eine zirkuläre Bioökonomie. Erst eine Nutzenwende beflügelt eine Ressourcenwende, die wieder Grundlage eine Energie- und Klimawende wäre – nicht umgekehrt.

Für die Transformationsforschung/transformative Forschung ist die Arbeit in Reallaboren deshalb bedeutsam, weil „mit ihr Veränderungsprozesse in allen vier Dimensionen transformativer Zukunftsgestaltung angestoßen und untersucht werden können“ (Wanner/Stelzer 2019, S. 4). Das ist Bedingung für Transformation und Zukunftskunst! Deswegen schätzen wir das Design so sehr – es übersetzt Ideen in die reale Welt und macht Erzählungen – seien es Utopien, Dystopien oder einfach nur machbare kleine sinnstiftende Veränderungen – so nahe und erfahrbar.

Praxis

Staying with the trouble. Theologie der Diversität im Anthropozän 

Die moderne westliche Denktradition, die gerade auch in ihren Abgrenzungen eng mit christlichen Narrativen verflochten ist, hat viele positive Errungenschaften hervorgebracht: liberale Demokratien, individuelle Freiheiten (auch Religionsfreiheit), Wohlstand und Menschenrechte. Zugleich wissen wir heute aber um die damit verbundenen Ungerechtigkeiten und Widersprüche. Globaler Kapitalismus und christliche Mission sind aufs engste mit dem Kolonialismus und dessen Macht-, Denk- und Ausbeutungsmustern verbunden. Der Lebensalltag in Deutschland ist jenseits aller guten Absichten unentrinnbar Teil einer Lebensweise, die als „das Andere“ deklarierte Menschen, Tiere und planetare Ressourcen für das Funktionieren der eigenen Normalität ausbeutet. Nicht zuletzt aufgrund digitaler Medientechnologie wissen viele Menschen um all das und entwickeln vernünftige, auf Transformation und Veränderung ausgerichtete Haltungen.

Trotzdem bleibt der Eindruck, dass zu viel einfach so bleibt, wie es ist. Wie kommt man vom Wissen ins Handeln, und in welches Handeln? Armin Nassehi versteht das seit einiger Zeit als soziologische Wendung der Theodizee-Frage1: von „wie kann ein guter Gott das Böse zulassen“ zu „wie kann die Menschheit so viel Leid zulassen, wo sie doch so viel über die Ursachen und deren Lösung weiß.“ Autoritäre Regierungen, neoimperiale Kriege, globale Ungleichheit und die planetare Klimakrise stellen die alte Frage nach Gottes Handlungsmacht heute als immanentes Problem der Handlungsmacht des Menschen angesichts unberechenbarer Komplexität von Gesellschaft und den damit verbundenen Ökosystemen. Nassehi meint, heute werde die Handlungsmacht der Menschen überschätzt und die Komplexität der global verflochtenen Gesellschaft unterschätzt. Dipesh Chakrabarty geht hier noch einen Schritt weiter und bezeichnet unsere Lage als „planetar“ verflochten.2 Denn das Globale einer anthropozentrischen (und kapitalistischen) Globalisierung müsse heute mit dem Planetaren (Bruno Latour spricht auf ähnliche Weise vom „Terrestrischen“3) als das ganz Andere der geologischen Tiefenzeiten, der Kohlenstoffkreisläufe und ökosystemischen Kippunkten zusammengedacht werden.

Die Handlungsmacht der Menschen wird überschätzt und die Komplexität der global verflochtenen Gesellschaft unterschätzt.

An dieser Stelle bekommt das interdisziplinäre Gespräch von Praktischer Theologie mit den Sozial- und Kulturwissenschaften nicht allein handlungsbezogene, sondern zugleich epistemologische Bedeutung für Theologie und Kirche. Dort herrscht überwiegend die hart errungene, theologisch aufgeklärte Vorstellung, die soziale Welt baue sich vor allem aus den begründeten Absichten und der Handlungsmacht freier Subjekte auf, so wie Gott vor allem mit dem persönlichen Glauben oder der Konfessionszugehörigkeit der Einzelnen verbunden wird (methodischer Individualismus). Und eben nicht nur dort: Wie oft kommen einem Texte, Keynotes und Talks zu Gesellschafts- und Klimawandel selbst ein wenig vor wie Predigten, die primär das Gewissen der Einzelnen ansprechen sollen? Doch die auf Vernunft, Bewusstsein und Intentionalität der Person abzielenden Appelle betreffen eben nur einen Teil der Wirklichkeit. Wie Harald Welzer schreibt, „der weitaus größere Teil unserer Orientierungen, der über Routinen, Deutungsmuster und unbewusste Referenzen – soziologisch gesprochen: über den Habitus – organisiert ist, bleibt davon völlig unberührt“4. Es ist deshalb nicht immer hilfreich, wenn die Klimakrise in pastoralen Zusammenhängen auf individuelle moralische Entscheidungen reduziert wird. Es geht um einen politischen Struktur- und Kulturwandel, bei dem bereits die Rahmenbedingungen den Einzelnen im Alltag ermöglicht, Teil der Lösung zu sein. Damit wird es zu einer sehr umfassenden und auch empirischen Frage „was eine Transformation der mentalen Infrastrukturen eigentlich bedeutet“5, wie es also zu kollektiv wirksamen Musterunterbrechungen kommen kann.

Als Theologe beschäftige ich mich zwar grundsätzlich mit Diskursen und Praktiken katholischer Theologie und Kirche, tue das aber mit dem weiten Horizont, wie diese verwoben sind in die „Ereignisse[n], Bedürfnisse[n] und Wünsche[n], die es zusammen mit den übrigen Menschen unserer Zeit teilt“ und was in dieser Verwobenheit mit der ganzen Schöpfung dann wohl „wahre Zeichen der Gegenwart […] Gottes sind“ (GS 11). Wobei „gaudium et spes“ hier treffend vorsichtig formuliert, nämlich jede zu einfache Identifizierung von Gott und Welt meidend, es handle sich um ein gemeinsames „Bemühen“ im Vertrauen (Glauben), dass Gottes Geist den Erdkreis erfüllt – Gott also mit der ganzen Schöpfung in Verbindungen steht.

Die ontologische Unterscheidung von Natur und Kultur führt nicht weiter, wenn uns im Meer unser Mikroplastik entgegenkommt.

Genau hier aber zeichnen sich große Umbrüche ab. Seit einigen Jahren bezeichnet „Anthropozän“ die naturwissenschaftliche „Einsicht, dass der Mensch tiefgreifend und im globalen Maßstab die Ökologie des Planeten verändert“6. Seit der Erfindung des Feuers und der Sesshaftigkeit, seit der Industrialisierung, seit der globalen Freisetzung atomarer Radioaktivität, seit der Entdeckung von Mikroplastik im pazifischen Mariannengaben (die Definitionen sind hier verschieden), ist der Mensch zu einem Faktor in den kosmischen Zeitverläufen planetarer Entwicklung geworden. Die ontologische Unterscheidung von Natur (als durch Gesetze festgelegt) und Kultur (als Ergebnis menschlicher Entscheidungsfreiheit) führt dann nicht weiter, wenn uns im Meer unser Mikroplastik entgegenkommt und Naturkatastrophen nicht mehr ohne menschlichen Einfluss analysiert werden können. Für die Theologie heißt das etwa: Die scholastische Unterscheidung zwischen „malum physicum/naturale“, als menschenunabhängiges und nur auf Gott als Schöpfer (Theodizee) zurechenbares Übel, und dem „malum morale“, als Schuld rein menschlicher Freiheit, geht an der Problemlage vorbei.

Anthropozän bedeutet, im Bereich der Natur(wissenschaften) konstitutiv mit dem Faktor Mensch zu rechnen und im Bereich des Menschen konstitutiv mit dessen nicht-menschlichen Vorrausetzungen und Verbindungen zu Mikroben, Pflanzen, Tieren, Atmosphären etc. Thomas Ruster fasst die anstehenden, theologischen Musterunterbrechungen so zusammen:

„Die Störungen, die aus dem Anthropozän auf die Theologie eindringen, können nicht mehr in der Form der Unterscheidung zwischen dem guten und allmächtigen Schöpfergott auf der einen Seite und den durch die Sünde des Menschen verursachten Übeln und Leiden auf der anderen Seite verarbeitet werden. Gott ist nicht unbehelligt von Übeln des Anthropozän. Und auch nicht unbeteiligt an ihrer Entstehung, jedenfalls wenn man die Schöpfungserzählungen der Bibel so interpretiert wie bisher. Auch die exklusive Unterscheidung zwischen den Menschen und den übrigen Geschöpfen ist nicht mehr praktikabel. Der Mensch steht der Natur nicht gegenüber wie das Politbüro den Wirtschaftsbetrieben. Die Schöpfungstheologie muss transformiert werden.“7

Ruster nennt einige weitere Unterscheidungen, deren orientierende Kraft als kategoriale Einteilungen erlischt: Schöpfer/Geschöpf, Transzendenz/Immanenz, Gott/Mensch (als Krone der Schöpfung), Geist/Materie. „Die Orientierung, die diese Unterscheidungen einst gaben, hilft nicht mehr, die Welt zu verstehen. Die Aufgabe der Transformation in der Theologie geht sehr weit.“8

Die Theologie ist dabei weder allein, noch auf verlorenem Posten. Die Ansätze eines „Neuen Materialismus“ etwa bei Bruno Latour, Donna Haraway, Karan Barad oder Rosi Braidotti gehen basal von hybriden Verbindungen aus, von Verflechtungen, Netzwerken und Dynamiken, in denen Menschen wie auch nicht-menschlichen Akteuren Handlungsmacht (Agency) zugesprochen wird. Donna Haraway schreibt in „Staying with the trouble“: „Wir alle auf Terra leben in unruhigen Zeiten, in aufgewirbelten Zeiten, in trüben und verstörenden Zeiten. […] Die Aufgabe besteht darin, sich entlang erfinderischer Verbindungslinien verwandt zu machen und eine Praxis des Lernens zu entwickeln, die es uns ermöglicht, in einer dichten Gegenwart und miteinander gut zu leben und zu sterben.“9 Die Musterveränderung eines planetaren ökologischen Denkens lautet: Wir müssen nicht die Natur retten, sondern unser Verhältnis zu ihr verändern, so etwa Mithu Sanyal.

Wir müssen nicht die Natur retten, sondern unser Verhältnis zu ihr verändern.

In all dem „trouble“ war und ist das kirchliche Christentum nicht nur Teil der Lösung, sondern auch Teil des Problems: Teil der ökologischen Krise mit dem hierarchisch missverstandenen Schöpfungsauftrag, sich die allein für den Menschen als Krone geschaffene Erde untertan zu machen, und Teil des Aufstiegs von kolonialem Kapitalismus mit dem imperial verstandenen Missions- und Wachstumsimperativ von Mt 28,19, zu allen Völkern zu gehen und alle Menschen zum kirchlichen Glauben zu bekehren. Pastorale Transformation heißt deshalb nicht einfach „mehr desselben“, sondern Selbsttransformation der christlichen Tradition hin zu vielfaltsfreundlichen Ideen des Zusammenlebens verschiedener Menschen untereinander und mit allen nicht-menschlichen Wesen und Dingen.

Dazu wären aber vor allem jene kirchlichen Einheits- und Reinheitsmuster zu unterbrechen, die das heute notwendig vermischte, verbundene und ereignishafte Denken und Handeln oft blockiert haben.10 Wenn ich bei Vorträgen oder Gesprächen im kirchlichen Rahmen auf gelebte Vielfalt hinweise, dann erlebe ich fast automatisch die Reaktion: Aber wo bleibt dann die Einheit? Fällt dann nicht alles auseinander? Ist dann alles erlaubt? Vielfalt wird katholisch oft als Abfall von der richtigen Ordnung der Dinge verstanden – es bringt einfach viel durcheinander.

Richtig ist sicherlich, dass es hier um existenzielle Kontraste geht, die man nicht einseitig auflösen kann. Das Leben ereignet sich in der Spannung von Einheit und Vielfalt, von Ordnung und Chaos, von Eindeutigkeit und Mehrdeutigkeiten. Die Kirche löst diese Spannungen aber zu oft in nur eine Richtung auf. Einheit, Eindeutigkeit und Ordnung scheinen unproblematische (Ideal)Zustände zu sein, während mit Vielfalt, Mehrdeutigkeit und Vermischungen irgendetwas nicht stimmen kann.

Das Leben ereignet sich in der Spannung von Einheit und Vielfalt, von Ordnung und Chaos, von Eindeutigkeit und Mehrdeutigkeiten. Die Kirche löst diese Spannungen aber zu oft in nur eine Richtung auf.

Den hier zentral anstehenden Musterwechsel bringen neuere Lesarten vom Turmbau zu Babel noch einmal theologisch auf den Punkt. Babel gilt weithin als Symbol für den Fluch der Vielfalt als Wirrnis. Die Geschichte aus Genesis 11 beginnt damit, dass Menschen an einem festen Ort lebten und eine einheitliche Sprache hatten: „Dann sagten sie: Auf, bauen wir uns eine Stadt und einen Turm mit einer Spitze bis in den Himmel! So wollen wir uns einen Namen machen, damit wir uns nicht über die ganze Erde zerstreuen“ (V. 4). Traditionell steht die Höhe der Turmspitze für die Anmaßung der Menschen, wie Gott sein zu wollen. Gott bestraft die Menschen für ihre vertikale Hybris „nach oben“, in dem er eine ideale Einheit und Ordnung zerschlägt, sie über den ganzen Globus und in viele Sprachen verstreut. Die Menschheit ist seither dazu verdammt, ihrer ursprünglichen, idealen Einheit nostalgisch nachzutrauern: paradise lost, welcome to Babel.

Zunächst hatte der Bibelwissenschaftler Jürgen Ebach im Kontext der Globalisierungsdebatte aber noch einmal genauer gefragt: Warum greift Gott hier überhaupt ein? Und dann zeigt sich, Gott scheint wegen der Höhe des Turms gar nicht so besorgt und auch nicht, dass die Menschen ihm seinen Rang streitig machen könnten.11 Es wird erzählt, wie Gott herabsteigt, sich das alles ansieht und sagt: „Seht nur, ein Volk sind sie, und eine Sprache haben sie alle. […] Und der Herr zerstreute sie von dort aus über die ganze Erde.“ Der kritische Punkt in der Erzählung liegt in der Einheit und Einheitlichkeit, mit der sich das Volk „einen Namen machen will“, sich also als machtvolles Zentrum versteht. Gott vervielfacht die Sprachen und zerstreut die Menschen über die Regionen der Erde weniger als Strafe, sondern um die gottgewollte Vielfalt der Schöpfung neu zu bestätigen: Das ist der Punkt! Aus biblischer Perspektive liegt das Problem in dem, was uns katholisch so erstrebenswert scheint: alles in ein stabiles Einheits- und Ordnungskorsett zu stecken, in eine Sprache, auf einen einzigen, homogenen Ort, also die horizontale Hybris „zentralistischer Einheit“ der „Menschenkinder“.  

Marianne Moyaert begründet mit dieser Lesart der Babel-Erzählung ein diversitätsfreundliches Verständnis von interreligiösem Dialog. Dem traditionellen Verständnis ist die babelhafte Vielfalt der (Welt)Religionen ein Ärgernis, zumal wenn man diese als quasi unübersetzbare „religiöse Sprachen“ versteht. Moyaert greift die gerade skizzierte Sicht von Babel als ein Segen von Diversität auf und schreibt: „Indeed, Babel shows itself to be a blessing both for creation and for intercultural and interreligious communication.“12 Das scheint in der traditionellen Lesart paradox, macht heute aber Sinn. Für Moyaert ist Babel nicht das Ende der Kommunikation im Chaos, sondern der Beginn: Jetzt müssen und können Menschen beginnen zu übersetzen, miteinander das Leben neu auszuhandeln und die verschiedenen Regionen des ganzen Planeten zu bewohnen. Dabei sind Einheit und Vielfalt nicht per se gut oder schlecht, beides kann destruktiv sein. Problemtisch aber ist es, wenn Einheit mit Macht hergestellt werden soll auf Kosten des Vielfältigen. „The unity of humanity, that comes about at the cost of its cultural diversity is disagreeable to God. God´s intervention implies that linguistic and cultural diversity is part of the human condition, which is blessed by God.”13 Die Zeichen und Spuren Gottes finden sich deshalb nicht allein in der eigenen, abgeschlossenen religiösen Identität, die im Babel-Narrativ ja gerade aufgebrochen wird, sondern im Dazwischen, im scheinbar Anderen und Unverständlichen.  

Der in Ghana geborene, in England studierte und in den USA lehrende Emmanuel Lartey liest die Bestätigung von Diversität im Babel-Narrativ wiederum als post- und dekoloniale Theologie. Gott greift ein, um Vielfalt zu ermöglichen, denn die „göttliche Absicht, die hinter der Diversität aller Schöpfung steht, war in Gefahr geraten: die Existenz von ‚gegenseitigen Kontrollen‘ oder ‚geteilter Macht‘, von vielen verschiedenen Stimmen, die gehört werden können, und von einer Vielzahl möglicher Kulturen, die angenommen werden können“14. Der aus westlicher Perspektive lange erstrebenswerte Zustand von Einheitlichkeit verbindet sich in der Perspektive des Globalen Südens mit Strukturen und Erfahrungen der Kolonialisierung. Eine einheitliche Sprache und Lebensweise war in Babel für viele verschiedene Menschen verbindlich, so wie die europäischen Kolonisatoren ihre Sprache, ihre Lebensweise und ihre christliche Religion den Regionen des Südens aufgezwungen haben.

„Einfach gesagt: Gott bevorzugt die Vielfalt. […] Gott bleibt nicht tatenlos angesichts der hegemonialen Kontrolle durch irgendeine menschliche Gemeinschaft. […] So können wir die postkoloniale Absicht Gotte als solche vielleicht am klarsten in der Verwirrung (babel) der Sprachen jenes Volkes erkennen. Die Sprache, eins der hervorragendsten Merkmale von Kultur und Politik, wird diversifiziert, und wird als solche zum Symbol für Gottes konterhegemoniale und pluralisierende Aktivität.“15

Nicht nur der Mensch allein ist Ebenbild Gottes, die ganze Schöpfung ist es.

Um einen für Menschen bewohnbaren Planeten zu bewahren, darf Theologie wohl nicht mehr zuerst von den Bedürfnissen des Menschen allein ausgehen. Nötig wird die Weiterentwicklung der modernen anthropologischen Wende zu einer kommenden umfassenderen, planetaren Schöpfungstheologie. Die wird nicht mehr als göttlich-kausale Ordnungstheorie und nicht mehr anthropozentrisch gedacht werden dürfen. Anders als das Globale bezieht das Planetare geohistorische Horizonte, Biodiversität und alles Materielle mit ein (Chakrabarty). Nicht nur der Mensch allein ist Ebenbild Gottes (ohne selbst Gott zu sein), die ganze Schöpfung ist es. Staying with the trouble führt zu einer erneuerten Theologie der Diversität und Verbundenheit im Anthropozän.

Praxis

Was muss passieren, damit endlich was passiert?

Wie kommen wir ins Handeln?

Wir wissen eigentlich alle, was zu tun ist, trotzdem fehlt uns der Wille zum Handeln.

Was wir oft vergessen: Nichts tun, etwas unterlassen kann genauso große Auswirkungen haben, wie das aktive Gestalten, nur dass wir uns die Konsequenzen von Unterlassungen viel seltener klar machen als die von Handlungen.

Spielen Sie mal einen Tag durch, an dem Sie alles, was Sie normalerweise tun, unterlassen. Sie stehen morgens nicht auf. Sie machen Ihren Kindern kein Frühstück. Sie bringen sie nicht zur Schule und Sie gehen auch nicht zur Arbeit. Halten Sie das nur einen Monat lang durch und keiner von uns möchte sich vorstellen, wie es dann bei Ihnen zugehen würde.

Was lässt uns denken, dass Unterlassungen an anderen Stellen, die für uns bedeutsam sind, nicht vergleichbar nachteilige Auswirkungen haben könnten? Eine Erklärung ist, dass wir – anders als beim häuslichen Chaos – die Effekte nicht am eigenen Leib erfahren. Wir können sie ausblenden und das Problem anderer Leute sein lassen.

Was lässt uns denken, dass wir ganz persönlich für die Erhaltung unserer Lebensfähigkeit auf diesem Planeten nicht zuständig sind? Wir relativieren es – mit einem bemerkenswerten Maß an Erfindungskraft – in die Bedeutungslosigkeit. „Was macht es schon für einen Unterschied, ob ich den Plastikbecher nun recycle oder nicht?“ „Was macht die eine Fahrt mit meinem dicken Diesel-BMW schon aus im großen Ganzen?“ Zur Not fabulieren wir auch, dass das, was aus dem Auspuff rauskommt, sauberer ist, als was vorne reingeht. (So wirklich vorgetragen, und zwar nicht als Witz!)

Wir wissen eigentlich alle, was zu tun ist.

Es muss uns betreffen und da fehlt es uns manchmal am ausreichenden Durch- und Weitblick. Es erscheint uns unwichtig, weil es sich ‚außerhalb‘ eines von uns selbst gewählten möglichst kleinen Radius abspielt, so dass wir uns nicht betroffen fühlen müssen. Wir beschränken uns auf ein möglichst kleines Blickfeld. „Das ist doch nicht mein Problem,“ sagen wir gerne und wollen uns damit aus der Verantwortung nehmen, ohne uns klarzumachen, dass diese Unterlassung Konsequenzen haben wird.

Die Frage, ob der Krieg in der Ukraine hätte vermieden werden können, wenn wir die Annexion der Krim nicht so nonchalant unseren Wirtschaftsinteressen untergeordnet, die Aggression in Georgien und Syrien nicht ignoriert hätten, ist zu diesem Zeitpunkt nur noch eine Spekulation, aber es liegt nicht besonders fern zu dem Schluss zu kommen, dass die damaligen Unterlassungen der Grund sind, dass es uns jetzt alle ungleich stärker trifft. Denn zu diesem Zeitpunkt erahnen wir die langfristigen Konsequenzen aus dem Ukraine-Krieg, ohne sie jedoch ermessen zu können.

Wir relativieren die Auswirkungen unseres Handelns – mit einem bemerkenswerten Maß an Erfindungskraft – in die Bedeutungslosigkeit.

Warum aber haben wir es unterlassen, etwas zu unternehmen? Es hat uns nicht betroffen. Wir haben kein ‚Wir‘-Gefühl für die Menschen in der Krim oder in Syrien empfunden und es deshalb für unwichtig gehalten, ob wir etwas dagegen unternehmen oder nicht.

Die Ukrainer:innen und ihre Regierung können sich diese Haltung nicht leisten. Wenn sie jetzt nichts unternehmen, geht es an ihre Existenz. Es ist der gemeinsame Feind, das konkrete Grauen und der vereinte Willen eines ganzen Volkes, sich nicht unterkriegen zu lassen, die dazu führen, dass die Großmacht Russland sich eine Schlappe nach der anderen gefallen lassen muss. Was macht die Ukrainer so stark, dass sie dem übermächtigen Feind die Stirn bieten können?

Es ist das Wir. Jede einzelne Ukrainerin, jeder einzelne Ukrainer fühlt sich zugehörig. Keine:r denkt, das geht mich nichts an, und niemand hat das Gefühl, es sich leisten zu können, nichts zu tun. Sie haben ohne großes Theoretisieren verstanden, dass sich mit jedem Abwarten und jeder Unterlassung ihr Handlungsspielraum verengt.

Den Ukraine-Krieg empfinden wir hier in Deutschland als eine riesige Bedrohung und er hat uns unsanft aus unserem Dornröschenschlaf geweckt. Derzeit erleben wir, dass er uns zwingt, unsere Zukunft in die Hand zu nehmen und nun mit dem Rücken an der Wand umzusetzen, was wir eigentlich schon lange wissen: Unsere Abhängigkeit von fossilen Energieträgern endlich, endlich gegen null fahren. Das ist mit LNG Terminals wahrlich nicht erreicht, aber weil wir so lange nichts oder nicht genug getan haben, ist unser Handlungsspielraum nun extrem begrenzt.

Die Bedrohung durch den Klimawandel schieben wir noch beiseite. Aber stellen Sie sich einmal die Masse an Unterlassungen vor, die tagtäglich zusammenkommen, und ersetzen Sie sie durch Handlungen für den Klimaschutz, gegen das Artensterben, für weniger Umweltverschmutzung, für sparsamen Verbrauch von Ressourcen usw.

Die Bedrohung durch den Klimawandel schieben wir noch beiseite. Aber stellen Sie sich einmal die Masse an Unterlassungen vor, die tagtäglich zusammenkommen, und ersetzen Sie sie durch Handlungen für den Klimaschutz, gegen das Artensterben, für weniger Umweltverschmutzung, für sparsamen Verbrauch von Ressourcen usw. Wenn wir uns vor Augen führen, welch große Macht darin liegt, die Unterlassungen durch Handlungen zu ersetzen, dann ist eigentlich alles möglich.

Was muss also passieren, damit wir aufwachen, damit wir handeln? Was kann, was muss Führung – übrigens in allen Zusammenhängen: politisch, unternehmerisch, persönlich – leisten, damit wir nicht untätig bleiben, damit wir unseren Handlungsspielraum nicht in die Bedeutungslosigkeit überantworten?

In den westlichen Gesellschaften haben wir insbesondere ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts den Individualismus hochgehalten und ihm viel Raum gegeben. Dies hat zu einer starken Partikularisierung der Interessen – auch Postmoderne genannt – geführt und stellt sich uns heute in einer noch vor Kurzem unvorstellbaren Polarisierung entgegen. Wenn wir heutzutage auf den vielgepriesenen Individualismus und den Zustand unserer Gesellschaften schauen, dann kann uns dies als ein Irrweg erscheinen. Auf dem Weg ins 21. Jahrhundert ist uns das ‚Wir‘-Gefühl abhandengekommen und erst ein schreckliches Ereignis wie der Ukraine-Krieg führt dazu, dass wir uns unserer Gemeinsamkeiten und ihres Wertes für uns als Einzelne bewusst werden. Was passiert hier gerade? Weil Not nicht mehr abstrakt ist, sondern sich direkt vor unseren Augen abspielt, weil der Gedanke, dass der Krieg uns erreichen könnte, plötzlich nicht mehr abwegig ist, weil wir plötzlich meinen, Lebensmittel hamstern zu müssen, weil die Verzweiflung und das Elend konkret geworden sind, deshalb handeln wir.

Wir tendieren dazu, die Verantwortung für alles, was geschieht, den sogenannten Führungskräften anzulasten, weil wir als Einzelpersonen eigentlich die Verantwortung scheuen wie der Teufel das Weihwasser.

Wir tendieren dazu, die Verantwortung für alles, was geschieht, den sogenannten Führungskräften anzulasten, weil wir als Einzelpersonen eigentlich die Verantwortung scheuen wie der Teufel das Weihwasser. Sich zu sagen, dass man selbst nur ein unwichtiges Rädchen im großen Weltgeschehen ist, ist recht bequem und wenn es im Laufe der Weltgeschichte nicht immer wieder Ausnahmen gegeben hätte, gäbe es unsere freien Gesellschaften nicht. In dem Moment, in dem wir anerkennen, dass wir – jede/jeder Einzelne – mitverantwortlich sind, verbietet sich nämlich Tatenlosigkeit.

Wir befinden uns in einer Menschheitssituation, in der wieder ein Entwicklungsschub gefragt ist, damit wir uns nicht unserer eigenen Lebensgrundlage berauben. Mit einem Unterschied: Da wir alle immer gerne von den begrenzten Ressourcen genommen haben, sind es jetzt eben auch nicht nur Einzelne, die dafür verantwortlich gemacht werden können, uns vor der sich anbahnenden Katastrophe zu retten. Es ist eine ‚Wir‘-Aufgabe geworden, unsere Lebensgrundlage zu erhalten.

Wir befinden uns in einer Menschheitssituation, in der wieder ein Entwicklungsschub gefragt ist, damit wir uns nicht unserer eigenen Lebensgrundlage berauben.

Es ist nicht mehr vertretbar, Feindbilder, z. B. die Politiker für alles, was schiefgeht, verantwortlich zu machen. Es ist wohlfeil, sich hinter Hierarchien zu verstecken und in Talkshows Politiker oder andere Personen, die sich durch Handlungsfreudigkeit auszeichnen,ui zu verunglimpfen. Es ist nicht mehr in Ordnung mit dem Finger auf andere zu zeigen, aber genau das tun wir mit steigender Schlagzahl in den sogenannten ‚sozialen‘ Medien, die eigentlich besser mit ‚asozialen‘ Medien zu kennzeichnen wären.

Sozial zu sein heißt, ‚Wir‘ zu denken und zu fühlen. Damit wir aber ins Handeln kommen, ist es unabdingbar, das ‚Wir‘ zu konkretisieren und uns selbst damit zu identifizieren. Das ist eine Führungsaufgabe, nicht nur für die sogenannten Führungskräfte, sondern für jeden Einzelnen. Es ist eine wichtige Selbstführungsaufgabe.

Selbstführung beginnt damit, eine Haltung dazu zu suchen, wer ich in dieser Welt sein will, und zu verstehen, zu welchem ‚Wir‘ ich gehöre. In den westlichen Gesellschaften, die den Individualismus in den Vordergrund stellen, erscheint uns das unerheblich, weil wir uns nicht darüber Rechenschaft ablegen, welches Gemeinwesen uns erlaubt, so individuell unterwegs zu sein. Wenn wir uns aber vergegenwärtigen, dass alles, womit wir uns umgeben, eine materielle Grundlage hat, die uns von der Natur und der Gemeinschaft, in der wir leben, zur Verfügung gestellt wird, dann können wir nur die Haltung finden, dass es nichts Wichtigeres gibt als sie zu schützen und zu erhalten. Wenn ich diese Haltung gefunden habe, lenkt sie mein Handeln und führt zu anderen Resultaten.[sidequoteEs ist eine ‚Wir‘-Aufgabe geworden, unsere Lebensgrundlage zu erhalten.[/sidequote]

Stellen Sie sich einmal vor, wir würden das Narrativ im oben genannten Sinne ändern: Die Medien berichten ab sofort, welche Einsparung gegen den Ressourcenschwund, welche Maßnahmen gegen den Klimawandel, welche Aktion gegen den Hunger oder welches Juwel der Natur zu schützen, uns als (Welt-)Gemeinschaft heute wieder gelungen ist. Jede Firma, jede Vereinigung, jede Stadt und jede einzelne Person versteht, welche Wirkung sie erzeugen kann, und hinterfragt Bedürfnisse und Bedarfe, bevor sie handelt. Ich als Einzelperson überlege mir jeden Tag, wie ich heute einen Beitrag zu diesem wichtigen Ziel leisten kann, und frage mich abends, ob ich wirklich geliefert habe.

Das ‚Wir‘ zu konkretisieren, heißt, die Dinge beim Namen zu nennen, sie nicht mit Marketingsprache oder gut klingenden Worthülsen zu verschwurbeln, sondern klar uns selbst und allen, mit denen wir arbeiten oder leben, aufzuzeigen:

Das ‚Wir‘ zu konkretisieren, heißt die Dinge beim Namen zu nennen, sie nicht mit Marketingsprache oder gut klingenden Worthülsen zu verschwurbeln, sondern klar uns selbst und allen, mit denen wir arbeiten oder leben, aufzuzeigen: „Wenn wir hier nichts tun, bedeutet das für dich und mich: für uns, dass …“

„Wenn wir hier nichts tun, bedeutet das für dich und mich: für uns, dass…“

„Wenn wir unsere Bemühungen auf xxx konzentrieren, können wir jedoch für uns (alle) erreichen, dass…“

Wer führt, hat die Aufgabe, konsequent vorzuleben, was ‚Wir‘ heißt und kann sich nicht vornehm an die Seite oder – schlimmer noch – eine Etage höherstellen und die anderen machen lassen.

Jetzt bleibt nur noch die Frage, wie groß wir den Radius unseres Wir-Gefühls einstellen, womit wir uns identifizieren und womit nicht.

Das sind verschiedene Identifikationsebenen und die Herausforderung besteht darin, den unbequemeren, aber angesichts der großen globalen Krisen, zwingenden Weg einzuschlagen, die persönlichen Identifikationsebenen bewusst zu vergrößern, vom ‚Ich‘, das den kleinsten Radius, Partner oder Familie gerade noch mit beinhaltet, zum ‚Wir‘, das über die Kleinstfamilie mit ihren Partikularinteressen hinausreicht, hinzukommen.

Wie weit kann ich meine Fürsorge, mein ‚Wir‘-Gefühl ausdehnen? Was bedeutet es für meine Entscheidungen?

Es ist inzwischen allgemein verstanden, dass sich Wirtschaften ohne Rücksicht auf Verluste mit zunehmender Geschwindigkeit auf ein abruptes Ende hinbewegt. Man könnte auch sagen, dass der Kapitalismus wie von Marx vorhergesehen sich selbst zerstört. Das heißt verkürzt, dass wir den Kapitalismus – auch unseren persönlichen – zähmen müssen. Es reicht nicht mehr nur für sich selbst, z. B. die nächste Beförderung und Gehaltserhöhung und was sie an Angenehmen für die engste Familie bedeuten, zu denken. Genauer gesagt: Wie die Ukrainer können wir uns das gar nicht mehr leisten, denn es geht an unsere Existenz.

Es bedeutet, unser Wirtschaften – allerdings anders als es herkömmlich verstanden wird – ‚global‘ zu begreifen. Alles, was ich – als Mensch, als Familienmutter oder -vater, als Lebenspartner:in, als Führungskraft, als Unternehmenslenker:in, als Politiker:in – unternehme oder unterlasse, hat eine Wirkung auf mich und auf die Welt.

Es bedeutet, unser Wirtschaften – allerdings anders als es herkömmlich verstanden wird – ‚global‘ zu begreifen. Alles, was ich – als Mensch, als Familienmutter oder -vater, als Lebenspartner:in, als Führungskraft, als Unternehmenslenker:in, als Politiker:in – unternehme oder unterlasse, hat eine Wirkung auf mich und auf die Welt. Sie mag sich nicht sofort erschließen, aber darauf zu warten, dass sie sichtbar wird, bedeutet, meinen Handlungsspielraum massiv eingeschränkt, wenn nicht gar aufgegeben zu haben.

Praxis

Ökoroutine: Wenn die Strukturen uns auffordern

Perspektiven einer ökoliberalen Politik

Über 90 Prozent finden fairen Handel sehr wichtig. Der Marktanteil für fair gehandelte Produkte liegt bei zwei Prozent.

Die Deutschen finden Klimaschutz sehr wichtig. Eine breite Mehrheit wünscht sich den raschen Ausbau von Wind- und Sonnenkraft, nur nicht vor der Haustür. Und nur Wenige sind bereit, sich persönlich einzuschränken, etwa bei den Urlaubsflügen. Rund 80 Prozent wünschen sich weniger Autos in der Stadt. Tatsächlich lässt aber kaum jemand den Wagen stehen oder schafft ihn gleich ganz ab. Im Gegenteil, allein 2021 kamen weitere 400 000 Autos auf die Straßen. Rund 90 Prozent sind angeblich bereit, wesentlich mehr Geld für Fleisch aus artgerechter Tierhaltung auszugeben. Real tun es allerdings zwei bis drei Prozent. Über 90 Prozent finden fairen Handel sehr wichtig. Der Marktanteil für fair gehandelte Produkte liegt bei zwei Prozent.

Über 30 Jahre Umweltbildung in Schulen und Universitäten, die Berichterstattung der Printmedien und aufrüttelnde Dokumentationen im Fernsehen haben bewirkt, dass die Menschen bereit für den Schutz der Umwelt sind – mental.

Aber wie kann es gelingen, dass sich das Umweltbewusstsein in konkreten Handlungen entlädt, die einen Beitrag zu Klimaschutz leisten?

Die Strukturen müssen zum Klimaschutz auffordern

Die politischen Entscheidungsträger verfügen über verschiedene Instrumente, um klimafreundliche Verhaltensweisen und Konsumentscheidungen anzuregen. Wirkungsvoller als Bildungsarbeit und Kampagnen ist etwa eine Steuerung über den Preis, wie es gerade mit der CO2-Steuer versucht wird. Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine hat die Diskussion über Preise ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt – mehr als es die CO2-Steuer vermocht hätte.

Der Wunsch, möglichst rasch unabhängig von russischem Öl und Gas zu werden, hat zudem die Bereitschaft für ordnungsrechtliche Veränderungen geschaffen. Sie sind ein zentraler Hebel beim Klimaschutz. In der Ökoroutine beschreibe ich dieses Instrumentarium mit den Schlüsselbegriffen Standards und Limits.

Standards

Standards sorgen dafür, dass die Waren in den Supermärkten nachhaltiger werden. Die Europäische Kommission kann Bio zum Standard machen. Nicht von heute auf morgen, aber Schritt für Schritt, müssten Hersteller dann dafür sorgen, dass die Verpackungen weniger und zugleich umweltfreundlich werden, sich im Kreislauf führen lassen. Es wäre naiv zu glauben, dass Plastikmüllberge allein durch Aufklärungskampagnen schrumpfen werden. Ein wirkungsvoller Standard wäre hier zum Beispiel, wenn es Getränke nur noch in Pfandflaschen zu kaufen gibt.

Es gibt bereits unzählige Standards, meist in Form von Verordnungen, etwa in der Landwirtschaft. Beispielsweise hat die EU-Kommission die Vorgaben für den Auslauf von Legehennen deutlich angehoben. Zumeist haben das die Kunden gar nicht realisiert. Vorgaben, etwa für den Auslauf in Schweinställen, kann die EU im Rahmen eines Agrarwendefahrplans nach und nach anheben. Im Ergebnis hätten wir 100% Bio für alle. Eigentlich ganz einfach. Für die Landwirte ist nur wichtig, dass alle Kollegen in der EU dieselben Vorgaben einhalten müssen.

Es geht um Fairness im Wettbewerb. Die Hersteller von Mobiltelefonen werden sich vermutlich nicht darüber freuen, wenn die Politik eine Garantiezeit von vier Jahren beschließt. Wichtig ist aber, dass alle Wettbewerber mit den gleichen Vorgaben umgehen müssen. Ähnliche Standards könnten man in Hinblick auf die Produktionsbedingungen machen. Das kurz vor Beschlussfassung entkernte Lieferkettengesetz geht in diese Richtung.

Maßgeblich ist, dass alle in die EU eingeführten Produkte unsere Standards einhalten. Darum geht es gerade auch bei der Diskussion um den Klimazoll. Stahl aus China könnte dann gegebenenfalls mit einem Zoll belegt werden, wenn dessen CO2-Rucksack wesentlich höher ist.

Elektrogeräte, Häuser und Autos wurden effizienter, weil man die gesetzlichen Standards schrittweise erhöht hat. Beispielsweise hatten unsere Geräte im Wohnzimmer häufig einen Stromverbrauch von 20 Watt, wenn sie scheinbar ausgeschaltet waren. Die Standby-Verordnung der EU hat den Maximalverbrauch auf 0,5 Watt begrenzt. Von den eingesparten Stromkosten profitieren 500 Millionen Konsumenten in der Europäischen Union.

Der Gesetzgeber nimmt die Produzenten in die Pflicht, anstatt sich in wirkungslosen Beschwörungsformeln über strategischen Konsum zu ergehen.

In der gleichen Form geht der Gesetzgeber für dutzende Produkte vor und nimmt die Produzenten in die Pflicht, anstatt sich in wirkungslosen Beschwörungsformeln über strategischen Konsum zu ergehen. Kühl- und Gefrierschränke – meist die größten Verbraucher im Haushalt – sind nur noch in gehobenen Effizienzklassen zu haben. Die Konsumenten kaufen super sparsame Geräte, ohne sich bewusst dafür zu entscheiden. Und das gilt für den gesamten europäischen Wirtschaftsraum. Die billigen Stromfresser dürfen nicht mehr verkauft werden.

Die vielgerühmte Faktor-4-Pumpe für die Zirkulation des Heizungswassers spart im Jahr locker 600 Kilowattstunden und wurde dennoch nur von ambitionierten Handwerkern empfohlen. Nun ist die Spitzentechnologie Standard und weder Handwerker noch Bauherren müssen sich darüber den Kopf zerbrechen. Inzwischen wird bei den neuen EU-Verordnungen sogar die Haltbarkeit bedacht, wie etwa beim Staubsauger. So können wir höchste Energie- und Ressourceneffizienz schrittweise zum Standard für alle machen und Öko zur Routine. Die EU verfolgt diese Strategie bereits seit vielen Jahren mit zunehmender Konsequenz.

Den womöglich größten Beitrag zum Klimaschutz haben die Energiestandards für Neubauten geleistet. Die Anforderungen für Gebäudeeffizienz haben sich schrittweise verschärft. Maßgeblich ist derzeit die Energieeinsparverordnung von 2014. Neubausiedlungen müssen ab 2021 nahezu den Nullenergiehaus-Standard erfüllen. So wird Öko zur Routine und alle machen mit.

Es ist tatsächlich so, dass Menschen, die ein Haus bauen, eher selten klimafreundlicher bauen, als es der Gesetzgeber vorsieht. Eine Solaranlage für Warmwasser ist den Leuten meistens zu teuer, wichtiger sind da Küche, Bad und ein schöner Holzboden. Das hat sich nun geändert. Solaranlagen werden nun von Beginn an einkalkuliert, weil es das Gesetz vorschreibt.

Doch der Neubau macht nur rund ein Prozent der vorhandenen Gebäude aus. Viel wichtiger ist es also, die vorhandenen Gebäude besser zu dämmen. Noch weniger als beim Neubau sind die Eigentümer von älteren Häusern daran interessiert, den Energieverbrauch zu verringern, besonders Vermieter haben daran kaum Interesse. Sie zahlen ja nicht die Heizrechnung. Die Ampelregierung hat nun vor, das zu ändern.

Weil das als Anreiz nicht ausreicht, ist es notwendig, dass der Gesetzgeber die Standards anhebt, quasi rückwirkend. Beispielsweise verlangt die Energieeinsparverordnung, dass Öl- und Gasheizkessel, die älter als 30 Jahre sind, ersetzt werden. Die Schornsteinfeger kontrollieren die Umsetzung. Ab 2025 sollen nach dem Willen der Ampelkoalition gar keine Öl- und Gasheizungen verbaut werden. Geht dann ein Gaskessel kaputt, bleiben nur noch Alternativen wie etwa eine Wärmepumpe.

Und gerade arbeitet die EU-Kommission an einer Richtlinie, damit besonders alte, ineffiziente Häuser sparsamer werden. Die laut Gebäudeenergieausweis geltende Effizienzklasse werden die Eigentümer demnach anheben müssen.

Standards entlasten die Menschen im Alltag. Sie gehen stillschweigend davon aus, dass die Häuser stabil genug sind und das Wasser sauber ist. Ganz banal zeigt sich das schon auf dem Weg zur Arbeit: Der Wecker ist sicherheitstechnisch geprüft, die Kleidung darf bestimmte Schadstoffe nicht beinhalten, ebenso der Kaffee. Dessen Packung ist standardisiert, wie auch die Kennzeichnungen über die Zutaten und Nährstoffe auf dem Toastbrot. Das Auto wurde nach ISO-Norm hergestellt. Die Produzenten beachten unzählige staatliche Vorgaben, welche sie zumeist mit anderen Unternehmen und der Regierung abgestimmt haben. All das wird selten als Zwangssystem empfunden, es ist Routine.

In der Praxis der Energieberater zeigt sich deutlich, wie effektiv und entlastend es ist, wenn sich durch Standards und Regeln die Routinen ändern. In den 1990er Jahren kreisten die Beratungsgespräche zu einem Gutteil um die Fragen, warum es überhaupt sinnvoll sei, den Niedrigenergiehaus-Standard zu bauen, dicker zu dämmen als durch Wärmeschutzverordnung vorgeschrieben oder einen Brennwertkessel zu wählen und warum man sich das leisten sollte. Es ging also kaum voran und wir haben viel Zeit verloren, weil man gesetzliche Vorgaben vermeiden wollte. Doch inzwischen geht die Bundespolitik mutiger und entschlossener vor.

Abbildung 1: Infrastrukturelle Innovationen sorgen dafür, dass Pendler mit Bussen und Bahnen schneller sind als mit dem Auto, etwa indem eine bestimmte Spur für Busse reserviert wird. Foto: Kopatz

Unsere Mobilitätsgewohnheiten und der automobile Expansionsdrang sind Deutschlands größtes Hemmnis beim Klimaschutz. Hier wie auch sonst gilt das Leitbild „Verhältnisse ändern Verhalten“.

Standards werden auch den Wandel unserer Mobilitätskultur initiieren. Und das ist auch dringend nötig. Denn einzig der Verkehrsbereich hat in den letzten zwei Jahrzehnten keinen Beitrag zum Klimaschutz erbracht. Unsere Mobilitätsgewohnheiten und der automobile Expansionsdrang sind Deutschlands größtes Hemmnis beim Klimaschutz. Hier wie auch sonst gilt das Leitbild „Verhältnisse ändern Verhalten“.

Wie bei den Kühlschränken und Häusern geht die Europäische Union auch bei Automobilen vor. Die Hersteller müssen den Kohlendioxid-Ausstoß ihrer verkauften Fahrzeuge im Durchschnitt Jahr für Jahr reduzieren. Es ging mal los mit 135 Gramm je Kilometer, jetzt sind es 95 Gramm und bis 2030 60 Gramm. Die Automobilindustrie arbeitet nun intensiv daran, den CO2-Ausstoß ihrer Fahrzeuge zu verringern. Allerdings muss der Gesetzgeber nachlegen und die Standard auf 0 Gramm angeben, um die Klimahitze zu bremsen.

Statt nur mit moralischen Appellen von den Konsumenten das „richtige“ Verhalten einzufordern, ist es viel effektiver, die Produktion zu verbessern.

Wie die Automobilindustrie dieses Ziel erreicht, darüber muss sich die Politik nicht den Kopf zerbrechen. Darum kümmern sich die Ingenieure. Statt nur mit moralischen Appellen von den Konsumenten das „richtige“ Verhalten einzufordern, ist es viel effektiver, die Produktion zu verbessern.

Steigende Standards für zukunftsfähige Mobilität manifestieren sich auch in infrastrukturellen Innovationen. Es muss einfacher und cleverer sein, mittels Nahverkehr oder Fahrrad in die Stadt zu fahren. Wenn die Planer eine Pkw-Spur in einen Busstreifen verwandeln und Vorrangschaltungen für Busse einführen, wird Autofahrern die neue Option drastisch bewusst und sie steigen zumeist genau dann in den Bus um, wenn sie ihr Ziel damit schneller erreichen. Es muss sich besser anfühlen, sich klimafreundlich fortzubewegen.

Ähnliches gilt für Radschnellwege. Dafür werden die Planer auch mal Parkstreifen in Radwege umwandeln. Nach und nach ist in den Städten der Rückbau von Parkplätzen notwendig. Heute erreicht man mit dem Auto zügig die Innenstadt und findet einen vergleichsweise kostengünstigen Parkplatz. Wenn sich dieser Trend umkehrt, weil man nach und nach die Parkplätze zurückbaut und verteuert, ändern die Menschen ihre Mobilitätsgewohnheiten. Das zeigen die Erfahrungen in vielen Städten Europas.

Die Transformation von der autogerechten zur menschengerechten Stadt realisiert sich nicht durch Absichtserklärungen und moralische Appelle, sondern durch gute Strukturen, die uns zu Verhaltensänderungen auffordern.

Limits

Oft geht es darum, etwas besser zu lassen, als es besser zu machen.

Limits wiederum können das Wachstum von besonders klimaschädlichen Produkten und Dienstleistungen stoppen. Beispielsweise fliegen die Deutschen schon sehr viel. Es darf nicht noch mehr werden, darin sind sich alle Klimaexperten einig. Mein schlichter Vorschlag: Wir limitieren die Starts und Landungen auf das gegenwärtige Niveau. Ganz einfach. Was müsste die Bundesregierung dafür tun? Nichts! Wenn der Bund keine weiteren Lizenzen für Starts und Landungen vergibt, wenn München und Hamburg ihre Flughäfen nicht erweitern, dann wir das Limit automatisch erreicht. Oft geht es darum, etwas besser zu lassen, als es besser zu machen.

Zudem gilt es, den Straßenausbau zu beenden. Auch diese simple „Maßnahme“, die eigentlich Tatenlosigkeit erfordern, also nicht weiter zu planen und Aufträge an Straßenbauunternehmen zu vergeben, würde die weitere Zunahme des Straßengüterverkehrs begrenzen. Wenn überhaupt, sollte weiteres Wachstum nur noch auf der Schiene stattfinden. Die Bahn fährt schon heute zu weiten Teilen mit grünem Strom. Durch einen Straßenbaustopp würden pro Jahr einige Milliarden Euro frei, um die Bahn zu stärken. Viele denken, das ist ja ein ziemlich radikaler Vorschlag, doch das ist genau der Punkt, an dem sich zeigt, wie ernst es der Politik mit dem Klimaschutz im Sektor Verkehr ist. Das offizielle Ziel lautet -40% bis 2030, erreicht wurde bisher 0%. Wie man hier bis 2045 klimaneutral werden will, wenn noch tausende Kilometer Bundesstraßen gebaut werden und besonders der Güterverkehr permanent wächst, kann niemand plausibel erklären.

Die ökomoralisch richtige Einstellung der Menschen ernst zu nehmen bedeutet, veränderte Regeln und Limits einzuführen. Dem Einzelnen mag es schwerfallen, auf einen Flug zu verzichten. Und warum sollte ein Spediteur aufhören zu wachsen? Davon profitiert doch nur die Konkurrenz. Die Unterlassung des Ausbaus der klimaschädlichen Infrastruktur schafft einen gesellschaftlichen Rahmen für den Klimaschutz.

Heuchelei?

Darf man so krasse Forderungen nach einem Limit für den Flugverkehr erheben, wenn man selbst regelmäßig ins Flugzeug steigt? Manche übertreiben es ganz bewusst mit ihren moralischen Forderungen und Vorwürfen. So mussten sich die Fridays for Future-Demonstranten häufig anhören, sie würden doch wohl auch noch mal fliegen wollen. Für den Klimaschutz demonstrieren dürfte demnach nur, wer sich in radikale Askese begibt und quasi alles richtig macht.

Die Kritik der persönlichen Lebensführung lenkt von prominenten Akteuren von der Bedeutung systemischer Veränderungen ab.

Der Heuchelvorwurf wird von Lobbyisten und Reformgegnern systematisch eingesetzt, um die Position der Klimabewegung zu schwächen. Man will die Glaubwürdigkeit etwa von grünen Politikerinnen beschädigen. Zudem lenkt die Kritik der persönlichen Lebensführung von prominenten Akteuren von der Bedeutung systemischer Veränderungen ab. Also, statt: „Wir brauchen politische Vorgaben für klimafreundliche Autos“ sollen die Menschen lieber über „jeder kann bei sich selber anfangen und sein Auto auch mal stehen lassen“ diskutieren.

Es geht nicht darum, dass jeder Einzelne für sich verzichtet, sondern dass die Gesellschaft sich begrenzt. Und das geht nur auf politischem Wege, anders gesagt, genau dafür ist Politik da.

Es geht nicht darum, dass jeder Einzelne für sich verzichtet, sondern dass die Gesellschaft sich begrenzt. Und das geht nur auf politischem Wege, anders gesagt, genau dafür ist Politik da. Das ist das Wesen unserer Demokratie. Es ist also überhaupt gar kein Widerspruch, vormittags gegen den Ausbau eines Flughafens zu demonstrieren und dann nachmittags in ein Flugzeug zu steigen. Die Vermeidung des Ausbaus sorgt dafür, dass der Flugverkehr nicht weiter zunimmt, ganz unabhängig von persönlichen Reiseplänen, die Demonstranten eingeschlossen.

Man muss nicht in Askese leben, um sich für den Klimaschutz und die Interessen unserer Enkel einzusetzen. Ich hatte einen Kollegen am Wuppertal Institut, der ist Mitglied bei den Grünen und fährt gerne schnell Auto. Zugleich engagiert er sich für das Tempolimit. Das ist ein Widerspruch? Nein, er hat halt keine Lust, sich auf 120 km/h einzuschränken, wenn die anderen vorbeirasen. Viele stellen sich die Frage, was bringt dann mein Verzicht? Wenn alle mitmachen, ist das für meinen Kollegen okay.

Ökoliberalismus: Selbstbegrenzung kommt nicht von selbst

Selbstbegrenzung kommt nicht von selbst. Ganz offensichtlich verzichten die Menschen nicht aus Altruismus auf ihr Auto. Das ist die Botschaft der Ökoroutine: Unsere Routinen ändern sich nur durch Strukturen, die zu klimafreundlichem Verhalten auffordern.

Solche Rahmenbedingungen manifestieren sich zumeist in Form von Gesetzen. Sie sind Voraussetzung für Freiheit. Die Geschichte der Zivilgesellschaft ist auch eine Geschichte der Entwicklung von Regeln. Sie mündete in der „Bill of Rights“ Großbritanniens und der Vereinigten Staaten von Amerika und in unserem Grundgesetz. Verfassungen sichern den Bürgern im Rahmen einer freien und demokratischen Gesellschaft – auf der Basis von Grundwerten – bestimmte unveräußerliche Grundrechte zu.

Über diese unantastbaren Vorgaben hinaus ranken sich abertausende Gesetze. Neue Regeln kommen immer dann in die Welt, wenn neue Probleme entstehen. Gesellschaft verändert sich. Demgemäß sind auch die Regelwerke beständig zu überdenken und zu reformieren. Eine Reform von Regeln entsteht durch Wertewandel, zum Beispiel die Gleichberechtigung der Frau. Vom Wahlrecht bis zur Quotenregelung für Aktienvorstände, vieles basiert auf Werturteilen, die ihrerseits in Bewegung sind. Manchmal gehen die Gesetze einen Schritt vor und wieder zurück. Das Konzept Ökoroutine basiert auf Selbstverständlichkeiten demokratisch verfasster Staaten.

Tu was!

Kann man sich jetzt einfach entspannt zurücklehnen und abwarten, dass Politik Vorgaben für den Klimaschutz macht? Nein, denn es ist dem Engagement von vielen Menschen zu verdanken, die von der Politik eine zukunftsfähige Energiepolitik eingefordert haben.

Viele Reformen kommen erst dann, wenn sich Bürgerinnen und Bürger dafür engagieren.

Daran hat sich bis heute nichts geändert. Viele Reformen kommen erst dann, wenn sich Bürgerinnen und Bürger dafür engagieren.

Von daher ist es gut, wenn die Menschen im nächsten Winter Heizkosten sparen oder öfter auf einen Flug verzichten. Strukturell wirksamer ist jedoch politisches Engagement. Beispielsweise, indem man an einer Demonstration gegen den Ausbau eines Flughafens teilnimmt.

Die Fridays for Future-Bewegung hat nicht an die Bürgerinnen appelliert, auf Flüge und Auto zu verzichten, sondern beispielsweise eine CO2-Steuer eingefordert, also systemische, strukturelle Vorschläge gemacht.

Die Fridays for Future-Bewegung hat nicht an die Bürgerinnen appelliert, auf Flüge und Auto zu verzichten, sondern beispielsweise eine CO2-Steuer eingefordert, also systemische, strukturelle Vorschläge gemacht. Die Vertreter des Volkes haben darauf reagiert und seinerzeit sogleich das sogenannte Klimapaket überarbeitet. Und die Demonstrationen in den Braunkohlerevieren haben gewiss zum Kohleausstiegsbeschluss beigetragen. Die Reformerinnen und Reformer in der Politik finden mehr Gehör, wenn sie auf die Forderungen der Wählerinnen und Wähler verweisen können.

Es gibt viele Formen, um sich für Klimapolitik stark zu machen: einen Verein, Verband oder Initiative unterstützen, eine Petition starten oder unterzeichnen, Briefe an Politiker schreiben, Unterschriften sammeln und vieles mehr. Und natürlich kann man eine Partei unterstützen. Viele Formen des Engagements sind freudvoll, etwa bei einer Critical Mass mitfahren, einer internationalen Fahrraddemo, jeden letzten Freitag im Monat. Das stärkt das Gemeinschaftsgefühl und man erfährt: Ich bin nicht allein. Es gibt noch viele andere, die sich einmischen. Wer etwas tut, statt die Zustände zu beklagen, kann den Enkelkindern eines Tages erzählen: „Ich habe Widerstand geleistet und Veränderungen durch lauten Protest eingefordert.“ Das fühlt sich eigentlich ganz gut an.

Praxis

Ursprüngliche Freiheit und befreite Ordnungen – Kirchentheoretische Orientierungslogiken im komplexen Gelände

1. Verwachsenes Dickicht

Freiheit und Ordnung scheinen auf den ersten Blick durch einen Gegensatz gekennzeichnet zu sein – zumindest, wenn man das Begriffspaar mit dem Hintergrundrauschen europäisch geprägter Geistes- und Kulturgeschichte im Ohr hört. Freiheit steht dann in der Regel für das Moment der Selbstbestimmung, die sich emanzipatorisch an Vorgaben abarbeitet, die der eigenen Autonomie entgegenstehen. Der Begriff der Ordnung dagegen suggeriert Rahmenbedingungen, die der freiheitlichen Selbstbestimmung tendenziell entgegenlaufen. Zugleich klingt beim Ordnungsbegriff aber auch eine Grenzfunktion gegenüber einem willkürlich gefüllten Freiheitsverständnis mit. In sehr unterschiedlichen Diskursfeldern lassen sich die Spuren des Begriffspaares Freiheit und Ordnung und das jeweilige Austarieren ihres spannungsvollen Verhältnisses verfolgen. Ob in der Ethik, der Rechtsphilosophie, der Sozialphilosophie oder der Soziologie – in unzähligen Varianten werden die Begriffe semantisch gefüllt und das Feld zwischen dem Begriffspaar vermessen. Erinnert sei hier nur an Kants Verbindung von Freiheitsautonomie und allgemeinem Sittengesetz als über die Vernunft vermittelte Identität. Oder an die dialektische Verhältnisbestimmung von konkreter Freiheit und konkreter Ordnung bei Ernst Bloch und die Bedeutung des Begriffspaars in Karl Poppers Plädoyer für eine offene Gesellschaft, an die jüngst Stefan Brunnhuber mit dem Untertitel „Ein Plädoyer für Freiheit und Ordnung im 21. Jahrhundert“1 eindrücklich erinnert hat.

Was als liberal oder konservativ, individualistisch oder kollektivistisch, progressiv oder regressiv, visionär oder revisionistisch gelten kann, wird zunehmend eine Frage der polarisierten Perspektiven und muss kontrovers ausgehandelt werden.

Eine besondere Ordnungsfunktion in unserem Gemeinwesen kommt dem Recht zu, das die Freiheit des Individuums in Form von Freiheitsrechten grundsätzlich garantiert und schützt. Dabei sind die rechtlich gewährten Handlungsfreiheiten relational gefasst. Die Freiheit einer oder eines Jeden findet ihre Grenze an der Freiheit der Anderen. Das Recht – im rein formalen Sinne und damit in der Tradition Kants gesprochen – ließe sich daher als vernünftige Ordnung der Freiheit verstehen. Wenn man allerdings einräumt, dass der Freiheitsbegriff nicht nur mit formalen Kategorien zu fassen ist, sondern auch materiale Komponenten wie Selbstwirksamkeit, Teilhabemöglichkeiten u.a. enthält, wird die Verhältnisbestimmung komplexer. Rückt damit doch die soziale und ökonomische Teilhabe in den Fokus. Die gesellschaftlich damit verbundenen notwendigen Aushandlungsprozesse reichen über rechtliche Rahmenbedingungen hinaus bis weit in die diversen Teilsysteme und Öffentlichkeiten hinein.

Spätestens seit dem Wiedererstarken des Populismus als weltweitem Phänomen2 wird deutlich, dass man sehr genau hinsehen und hinhören muss, wer die jeweiligen Begriffe mit welcher Intention verwendet. Entsprechend mischen sich die semantischen Vorhöfe, die sich traditionell mit den jeweiligen Begriffen verbinden. Was als liberal oder konservativ, individualistisch oder kollektivistisch, progressiv oder regressiv, visionär oder revisionistisch gelten kann, wird zunehmend eine Frage der polarisierten Perspektiven und muss kontrovers ausgehandelt werden. Unterschiedliche Abgrenzungs- und Zugehörigkeitslogiken verstärken sich viral im digitalen Raum und verdichten sich in abgeschlossenen Kommunikationsblasen. Die Wahl von Argumentationsfiguren wie das Reklamieren von Identität oder das Plädoyer für eine Wir-Kultur gleicht zunehmend einem Bäumchen-wechsel-dich-Spiel im Rahmen von vielfältigen Singularitäts- und Diversitätsdiskursen, die durch wechselseitige Vorwürfe moralisch zusätzlich aufgeladen werden. Täter– und Opfersemantiken, Diskriminierungs- und Rassismusvorwürfe dienen sowohl als Schutzzone wie als Angriffsstrategie. Kein Wunder, dass man hier manchmal den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht.

Die Orientierung in diesem komplexen Gelände wird zunehmend schwieriger, da in spät- bzw. postmodernen Zeiten keine universale Vogelperspektive mehr zur Verfügung steht.

Die Orientierung in diesem komplexen Gelände wird zunehmend schwieriger, da in spät- bzw. postmodernen Zeiten keine universale Vogelperspektive mehr zur Verfügung steht. Es scheint, als wären wir nicht nur in Europa von der nächsten Variante der neuen Unübersichtlichkeit betroffen. Die damit verbundene Unsicherheit wird durch die globalen Zukunftsfragen wie die Klimakrise zusätzlich verstärkt. Die Corona-Pandemie hat uns zudem die Verwundbarkeit von Personen und Systemen ebenso eindrucksvoll wie demütigend vor Augen geführt und die soziale Spaltung der Weltgesellschaft weiter verschärft.

Die VUCA-Welt3, gekennzeichnet von Unbeständigkeit, Unsicherheit, Komplexität und Mehrdeutigkeit, mutet uns als individuelle und kollektive Identitäten ein hohes Maß an Umgang mit Widersprüchen und Veränderungen zu. Wer in diesem zugewachsenen Wald ihren oder seinen Weg finden will, muss damit rechnen, dass sich ein Weg erst unter den Schritten bildet und die Wegführung nur im Rückblick erkennbar wird. In der Fülle möglicher Orientierungen zeichnen sich zwei gegensätzliche Richtungen ab. Zum einen der Versuch, der Unübersichtlichkeit und Unsicherheit durch Vereinfachung und Verdrängung der herausfordernden Pluralität zu entgehen. Dieser populistische Weg führt – im Bild gesprochen – zum Kahlschlag und impliziert tendenziell Gewalt. Eine zweite Richtung lässt sich bewusst auf Ambivalenzen und Widersprüche ein und sucht mögliche Schnittstellen und Vernetzungsmöglichkeiten der unterschiedlichen Logiken und Systeme.Auf Komplexität wird mit Diversitätsstrategien reagiert, die in der Lage sind, widersprüchliche Vielfalt zu bearbeiten und sie kommunikativ zu vermitteln, anstatt sie zwanghaft zu reduzieren. Managing diversity auf zahlreichen Trampelpfaden, die sich ihren Weg durch das unübersichtliche Dickicht bahnen.

Auf Komplexität wird mit Diversitätsstrategien reagiert, die in der Lage sind, widersprüchliche Vielfalt zu bearbeiten und sie kommunikativ zu vermitteln, anstatt sie zwanghaft zu reduzieren.

2. Mittendrin – Orientierungsversuche der Kirchen

Welche Bedeutung kommt der christlichen Religion und den Kirchen als ihren organisationalen Repräsentanten bei diesen Orientierungsversuchen im komplexen Gelände zu? Eine klassische Variante besteht darin, für sich mit dem Gottesbegriff die offensichtlich verloren gegangene Universalperspektive zu reklamieren und damit Richtungen vorzuschlagen, die sich eher wertekonservativ auf den Ordnungsbegriff oder veränderungsaffirmativ auf den Freiheitsbegriff beziehen. In der Regel aber ohne sich über zwei fundamentale Differenzen Rechenschaft zu geben.  Zum einen kann die universale Perspektive immer nur von einem partikularen, menschlichen Standpunkt aus vertreten werden. Über die eigene Positionalität des In-der-Welt-Seins kommt niemand hinaus. Der denkerische Ausgriff auf das Ganze der Wirklichkeit mithilfe des Gottesbegriffes scheitert am Horizont, der uns mit unserem jeweiligen Existenzort und seinen Einbettungen in Sprache und geschichtliche Kontexte mitgegeben ist. Dieser Erkenntnishorizont markiert zwar keine statische Grenze, weil er sich mit jeder Bewegung des denkenden Subjektes bzw. der konkreten christlichen Interpretationsgemeinschaft verschiebt, aber bleibt prinzipiell nicht hintergehbar.

Die Begrenztheit der eigenen Erkenntnisperspektive wandert gleichsam mit wie auf einer theologischen Pilgerreise.

Die Begrenztheit der eigenen Erkenntnisperspektive wandert gleichsam mit wie auf einer theologischen Pilgerreise. Damit wird zugleich deutlich, wie sehr wir bei unseren theologischen Orientierungsversuchen auf das dialogische Moment im Teilen unserer perspektivischen Wahrnehmungen und Deutungen angewiesen sind. Dies gilt sowohl innerkirchlich – Kirche ist als Interpretationsgemeinschaft4 zu verstehen – als auch für den Dialog mit anderen perspektivischen Zugängen auf die Wirklichkeit, wie sie uns in den verschiedenen Erfahrungswelten, Wissenschaften und Religionen begegnen.

Zum anderen spiegelt sich in der Unterscheidung von Universalität und Partikularität die fundamentale Differenz von Schöpfer und Geschöpf, die der jüdisch-christlichen Erinnerungskultur mit der Schöpfungsgeschichte eingeschrieben ist. Diese Differenz ist in der christlichen Trinitätslehre zwar sehr komplex aufeinander bezogen, hebt den kategorialen Unterschied jedoch nicht auf, sondern präzisiert ihn zugunsten des Menschen. In evangelischer Tradition gesprochen: Die Gewissheit, mit der sich eine christliche Wirklichkeitsdeutung präsentiert, ist prinzipiell verdankt und kann auf Gott als unverfügbaren Grund der eigenen Gewissheit nur verweisen. Weil ich Gott daher nicht als Legitimationsgrund mit universalem Geltungsanspruch für alle einbringen kann, muss ich christlich begründete Positionen in die jeweiligen Diskurse hinein argumentativ übersetzen. Wer angemessen vom Himmel reden will, muss der Erde treu bleiben und darf die Bodenhaftung nicht verlieren.

Wer angemessen vom Himmel reden will, muss der Erde treu bleiben und darf die Bodenhaftung nicht verlieren.

Die christlichen Kirchen, ihre Repräsentant*innen und Mitglieder stehen nicht jenseits des komplexen Terrains, sie bewegen sich mittendrin und haben Anteil an denselben Unsicherheiten, Transformationsprozessen und Dynamiken, denen sich auch andere gesellschaftliche Teilsysteme ausgesetzt sehen. So ist z.B. die Deinstitutionalisierung und der Mitgliederschwund ein Teil der kulturellen Gesamtentwicklung, die sich daher auch nicht durch gezielte Strategien umkehren, sondern nur punktuell durchbrechen lässt. Die innerkirchlichen Qualitätsoffensiven und Reformversuche, die um die Jahrtausendwende mit ihren linearen Entwicklungslogiken im Gepäck aufbrachen5, haben sich im Dickicht der potenzierten Unübersichtlichkeit verfangen. Die Sprache der aktuellen kirchlichen Zukunftspapiere aus evangelischen Landeskirchen verspricht hier leichteres, kleinteiligeres Gepäck. Die Zivilgesellschaft scheint mehr und mehr zum Referenzrahmen einer Minderheitenkirche zu werden, in dem sich die Kirche öffentlich als „Lobbyistin für Gott-Offenheit“6 präsentiert. Von christlichen Präsenzen in unterschiedlichen Netzwerken ist die Rede. Neben die traditionelle Mitgliedschaftslogik tritt der Sozialraum als Bezugsgröße, in denen kirchliche Vertreter*innen und Christ*innen ihre Vision von gelingendem Leben kooperativ mit anderen Akteur*innen einbringen.7 Um auf die wachsende Komplexität im Umfeld und die immer schneller werdenden Veränderungen reagieren zu können, sollen alte Versäulungen aufgebrochen, verfasste Kirche und unternehmerische Diakonie intensiver miteinander verschränkt, Verwaltung agiler, Risikokapital in Experimente investiert und zunehmend ökumenisch agiert werden.8 Gesamtkirchliche Zukunftsprozesse werden zunehmend partizipativ9 gestaltet und ergänzt durch bewusste Musterunterbrechungen in Erprobungsräumen.10 Hier sollen das ermöglichende und unterstützende Handeln der Organisation und die Initiativen von Akteur*innen innerhalb und jenseits der etablierten Strukturen beim explorativen Erkunden neuer Formen des Kircheseins zusammenfinden: Eine verlässlich geordnete Freiheit in der Hoffnung, dass in den Freiräumen neue christliche Sozialformen und Vernetzungen kirchlicher Präsenz entstehen. Freilich mit dem Preis, dass in den ebenso geschützten wie begrenzten Freiräumen bewusst andere Logiken wirken als in den bestehenden Strukturen und sich die Frage stellt, wie sich mit den Widersprüchen und Ambiguitäten im Blick auf Zuständigkeiten, Ressourcenverteilung, strukturelle Verfahren, Anstellungsverhältnisse, Leitung sowie Kultur und Haltungen umgehen lässt. Die damit auftretenden Probleme können zugleich als Indiz gewertet werden, dass die Kirchen mit ihren eigenen Orientierungsversuchen in der VUCA-Welt angekommen sind und sich im Blick auf Mitgliedschafts- und Einflusslogik11konzeptionell darauf einstellen.

Hier sollen das ermöglichende und unterstützende Handeln der Organisation und die Initiativen von Akteur*innen innerhalb und jenseits der etablierten Strukturen … zusammenfinden: Eine verlässlich geordnete Freiheit in der Hoffnung, dass in den Freiräumen neue christliche Sozialformen und Vernetzungen kirchlicher Präsenz entstehen.

Wenngleich die Frage bleibt, ob die aktuelle Papierlage und das Einrichten segmentierter kirchlicher Innovationsräume ausreicht, um das Gewohnheitsrecht in den Mentalitäten und Strukturen zu brechen und die über Jahrhunderte gewachsene Pfadabhängigkeit der klassischen Organisationsgestalten zu überwinden.12 Strukturen sind bekanntlich leichter zu verändern als habituell verankerte Kulturen.

Welche individuellen und sozialen Formen christliche Religiosität unter den Bedingungen von prinzipialisierter Religionsfreiheit annimmt und welche Rolle die kirchlichen Organisationen unter dem Anpassungsdruck im Blick auf schwindende Relevanz und Finanzen dabei spielen werden, wird zur Zukunftsfrage, die sich mit keinem Masterplan jenseits kleinteiliger Versuchsschritte und explorativer Wege beantworten lässt. Umso wichtiger, in diesem Feld als Lerngemeinschaft unterwegs zu sein, sowohl im evangelischen Raum als auch darüber hinaus. Ökumene wird als Learning Community für Zukunftsorientierungen im komplexen Gelände an Relevanz gewinnen. Denn unbestreitbar ist die Tatsache, dass der Umbau der Kirchen von einer staatsanalogen Institution zu einer zivilgesellschaftlichen Akteurin auf zahlreichen Ebenen bereits begonnen hat.13Auch wenn die tektonischen Verschiebungen, die mit diesem Paradigmenwechsel verbunden sind, längst noch nicht in der Breite angekommen sind und berücksichtigt werden.

Strukturen sind bekanntlich leichter zu verändern als habituell verankerte Kulturen.

Bei diesen anstrengenden Anpassungs- und Austarierungsleistungen ist jedoch eine dritte Logik noch nicht ins Blickfeld geraten, die das Spezifikum der kirchlichen Organisationsgestalten ausmacht: die Ursprungslogik. Auch wenn sie in großen Konfessionsfamilien im Blick auf das klassische Verhältnis von Bibel, Tradition und Amt unterschiedlich interpretiert wird, kann sie doch im Rückgriff auf das biblische Gesamtzeugnis als gemeinsamer Kompass für die kirchlichen Orientierungsversuche dienen.14 Bezogen auf die Begriffe der Freiheit und des Rechtes weist die Ursprungslogik auf die Befreiung Israels aus der Sklavenexistenz in Ägypten und den Dekalog als Ordnung der Freiheit hin. Beides ist als Gabe Gottes zu verstehen, als wirksames Zeichen seiner Bündnistreue. Der Exodus und der Dekalog werden zur Signatur eines befreienden Gottes und seiner Freiheitsordnung. Seine Anwaltschaft für die Freiheit im Sinne von Teilhabegerechtigkeit der Marginalisierten wird von der Prophetie eindrücklich in Erinnerung gerufen. Die Verkündigung Jesu vom Reich Gottes knüpft an die prophetische Rede vom befreienden Gott an. Wenn Blinde sehen, Taube hören, Lahme gehen, Aussätzige rein, Tote auferweckt werden und Gefangenen die gute Botschaft verkündet wird (Mt 11,5 par in Aufnahme von Jes 35,5), wird Freiheit im Sinne sozialer Teilhabemöglichkeiten mit der Vorstellung einer erneuerten Schöpfung verbunden. Utopischer Zukunftshorizont und protologische Erinnerung verschmelzen im Hier und Jetzt des Redens und Handelns des Nazareners. Sein Scheitern am Kreuz und das Geheimnis seiner Auferstehung lassen den Verkündiger Jesus in der kreativen Erinnerung seiner Jünger*innen zum verkündigten Christus werden. Theologische Chiffre für die Dynamik dieser vielfältigen Vergegenwärtigungen des Vergangenen in Narrationen, Ritualen und Handeln ist der Geist.15 Das Kreuz erscheint in der geistreichen Retrospektive des österlichen Lichtes als Inbegriff jener subversiven Neuordnung, die den Friedenstiftern das Himmelreich und den nach Gerechtigkeit Hungernden einen gedeckten Tisch verspricht. In der Praxis der frühen Christen und ihrer Gemeinden wird diese neue Ordnung der inklusiven Liebe als Befreiung aus sozialen und religiösen Zuschreibungen im Blick auf Ethnie, Geschlecht und sozialem Status (vgl. Gal 3,28) ebenso anschaulich wie wirksam und trägt zum Wachstum der Jesusbewegung bzw. der sich auch strukturell langsam herausbildenden Kirche bei.

Die Kirchen sind mit ihren eigenen Orientierungsversuchen in der VUCA-Welt angekommen und stellen sich im Blick auf Mitgliedschafts- und Einflusslogik konzeptionell darauf ein.

Das sozialutopische Potential des Christusglaubens wirkte in vorkonstantinischer Zeit wie ein Ferment – analog zu den biblischen Bildern von Salz und Sauerteig. Je nach Kontext hat es eine kulturaffirmativ-transformierende Variante wie in den Haustafeln der Deuteropaulinen (Kol 3,18-4,1 und Eph 5,22-6,9) oder eine herrschaftskritische Variante wie in der Johannesapokalypse gefunden. Die nachkonstantinische Ära, in der wir mit hinkender Trennung von Kirche und Staat über 100 Jahre nach der Weimarer Verfassung zeitverzögert nun definitiv angekommen sind, macht gerade die vorkonstantinische Zeit zur spannenden Entdeckungsfolie für eine Neuverortung der Kirchen in der Zivilgesellschaft.

Der Aktualisierung der herrschaftskritischen Tradition im nationalsozialistischen Deutschland verdanken wir im evangelischen Raum übrigens die Einsicht, dass nicht nur die kirchliche Verkündigung, sondern auch die Ordnung der Kirche Zeugnisgestalt für die kirchliche Botschaft von der freien Gnade Gottes bildet (vgl. die 3. These der Barmer Theologischen Erklärung von 1934). Der Rekurs auf die Ursprungslogik kann daher nicht nur als Legitimation kirchlicher Verkündigung und kirchlichen Handelns beansprucht werden. Er fungiert zugleich als bleibende kritische Instanz – auch für die Organisationsgestalt und das organisationale Handeln. Selbstkritische Reflexion auf die Aktualisierungsmöglichkeiten der eigenen Ursprungslogik in den Bereichen von Mitgliedschafts- und Umweltlogik ist daher das Signum von Kirche als Organisation. Mit theologischen Vokabeln gesprochen: die Kommunikation des Evangeliums macht den Auftrag der Kirche und ihren Selbstvollzug zugleich aus. Dogmatisch steiler formuliert: Wo sich die Kirche der unverfügbaren Wahrheit des durch den Geist vermittelten Wirkens Gottes in Jesus Christus aussetzt, gerät sie in den exzentrischen Sog der heilvollen Bewegung Gottes in die Welt. Nur in diesem Modus bleibt sie in der Wahrheit, die sie zu bezeugen hat.

Damit ist nicht nur die grundsätzliche Bejahung einer pluralistischen und interreligiösen Gesellschaft verbunden, sondern auch die Annahme der Herausforderung, kirchliches Leben unter den Bedingungen von prinzipialisierter Religionsfreiheit zu gestalten.

3. Kompass – nicht Navi

Befreiung aus menschenverachtenden Verstrickungen und die Mitwirkung an befreiten Ordnungen gehören sowohl in den internen Interaktionen als auch in den Umweltbeziehungen zu den Grundkonstanten der kirchlichen Ursprungslogik. Sie stellt kein Navigationsgerät dar, das uns sicher durch die unübersichtlichen Landschaften zum gewünschten Zielpunkt führt. Als Kompass zeigt sie jedoch eine spezifische Richtung an. Eine Richtung, die von der klaren Bejahung und Unterstützung der staatlich gewährten und garantierten Religionsfreiheit ausgeht. Damit ist nicht nur die grundsätzliche Bejahung einer pluralistischen und interreligiösen Gesellschaft verbunden, sondern auch die Annahme der Herausforderung, kirchliches Leben unter den Bedingungen von prinzipialisierter Religionsfreiheit zu gestalten.

Nicht nur, um sich als Organisationsgestalt im Sinne kenotischer Übungen nach Phil 2 auf Privilegienverzicht und schwindende kulturelle Relevanz einzustellen. Ob dies zu Formen der (Selbst)Auflösung und/oder zur notwendigen Transformation christlicher Lebensformen und ihrer organisationalen Repräsentanzen führt, wird die Zukunft entscheiden, an der wir mitwirken.16 Entscheidend ist dabei, ob wir als verfasste Kirchen das uns bleibend vorgegebene biblische Zeugnis von der Befreiung Gottes aus menschenunwürdigen Abhängigkeiten in Hoffnung auf die Kraft des Geistes inszenierend darstellen, in Interaktionen verkörpern und wirksam in Lebenswelten und Systeme übersetzen können. Und dabei die Arbeit von Diakonie und Caritas als komplementäres soziales Zeugnis des christlichen Hoffnungsüberschusses deuten und wertschätzen.

Zukunft hat Kirche dort, wo es ihr gelingt, Erfahrungszugänge zur eigenen Ursprungsdynamik offen zu halten bzw. neu zu eröffnen.

Zukunft hat Kirche dort, wo es ihr gelingt, Erfahrungszugänge zur eigenen Ursprungsdynamik offen zu halten bzw. neu zu eröffnen. Es geht darum, das Evangelium von der Freiheit der Gotteskinder so zu kommunizieren, dass es zur religiösen Erfahrung im Zeichen von Selbstbestimmtheit werden kann,17 um seine Kreise in Lebenswelten, Sozialräumen und gesellschaftlichen Systemen zu ziehen. Es geht um einen Wiedereintritt, ein Re-Entry der sozialutopischen Visionen des christlichen Glaubens, personal wie organisational in verfasster Kirche, Diakonie und Caritas. Denn mit dieser Erfahrung ereignet sich Kirche immer wieder neu, als Raum mit-geteilter Freiheit. Aus dieser Erfahrung heraus wächst die Kraft, mit leichterem Gepäck und größerer Unsicherheit seine Schritte in die Zukunft dennoch hoffnungsvoll und zuversichtlich setzen zu können. Als Bürger*innen im demokratischen Gemeinwesen ebenso wie als kirchliche Organisationen oder christliche Unternehmen im Wohlfahrtsbereich.

Der Rekurs auf die Ursprungslogik entrückt uns nicht aus den innerkirchlichen und gesellschaftlichen Kontroversen und Aushandlungsprozessen. Aber er zeigt eine Richtung an und schickt uns mit Vertrauen auf Erkundungswege. Wo Vertrauen wirkt, wird Sozialkapital freigesetzt, das als Nährboden für soziale Teilhabe wie Innovation dient. Beides braucht ein Gemeinwesen – ob lokal, glokal oder global gedacht – nötiger denn je, um einen Weg zwischen Freiheit und Ordnung zu finden, der im Zeichen gelingenden Lebens für alle steht.

Praxis

Transformationsethik in Zeiten des radikalen Wandels

„Große Transformation“: eine epochale Gegenwartsdiagnose

Der Terminus „Transformation“ hat im politischen, ökonomischen und ökologischen Diskurs seit einigen Jahren Konjunktur als Leitbegriff der Gegenwartsdiagnose. Gemeint ist damit ein tief greifender gesellschaftlicher Wandel, der nahezu alle Bereiche betreffe und an Tiefen- und Breitenwirkung mit den im frühen 19. Jahrhundert durch die Erfindung der Dampfmaschine ausgelösten Veränderungen vergleichbar sei.1 Auch heute sei die (zugleich postulierte und prognostizierte) umfassende Transformation der Wirtschafts- und Lebensformen durch einen Wandel der Energiegewinnung ausgelöst: das Ende des fossilen Zeitalters.

Die ethische Pointe dabei ist, dass der Wandel entweder katastrophisch erlitten oder vorausblickend gestaltet werden könne. „Transformation by desaster“ oder „transformation by design“ nennen Harald Welzer und Bernd Sommer die Alternativen.2 Allerdings ist der Begriff des „designs“ hier nicht besonders glücklich gewählt, denn es geht gerade nicht um einen designermäßig planbaren Veränderungsprozess, sondern um eine Transformation, die nur begrenzt im Einzelnen vorhergesagt und geplant werden kann. Paradebeispiel eines solchen überraschenden, gleichwohl von Entscheidungen und Handlungen der Menschen abhängigen Wandels ist der Mauerfall 1989: Viele haben jahrzehntelang an die Wiedervereinigung geglaubt und dafür gekämpft. Dennoch hat auch kurz zuvor kaum jemand geahnt, dass die Wende tatsächlich so bald kommen würde. Die Zuspitzung der Konflikte hätte auch ganz anders ausgehen können.

Das Überraschungsmoment ist typisch für komplexe Systeme und historische Umbrüche: Diese setzen sich aus vielen einzelnen Elementen zusammen, deren Zusammenspiel nicht ex ante erkennbar und planbar ist.

Das Überraschungsmoment ist typisch für komplexe Systeme und historische Umbrüche: Diese setzen sich aus vielen einzelnen Elementen zusammen, deren Zusammenspiel nicht ex ante erkennbar und planbar ist. Dennoch kommt der historische Wandel nicht einfach als Schicksal. Er erfordert vielmehr ein aktives Erwarten und Darauf-Hinarbeiten, ebenso jedoch auch die Fähigkeit, auf den rechten Augenblick warten zu können und dann entschlossen auf das Überraschende zu reagieren.

Der Begriff „Transformation“ unterscheidet sich von „Revolution“ – er zielt nicht auf eine gewaltsame Änderung oder einen totalen Bruch mit der Vergangenheit, sondern auf einen Prozess des Wandels, der vorhandene Potenziale aufgreift, sie jedoch neu zur Entfaltung bringt. Das Präfix „Trans“ meint das Überschreiten, also eine Abkehr von den bekannten Mustern der Ordnung oder Problemlösung in Politik, Wirtschaft und Lebensformen. Es geht also um einen Wandel, der die kulturelle Identität verändert. Er ist nicht nur eine Frage der Tatsachen, sondern ganz wesentlich auch eine der Wahrnehmungen. Meist lässt sich erst im Nachhinein sagen, ob und gegebenenfalls welche Potenziale des Wandels bereits vorher unter der Oberfläche vorhanden waren.

Transformation … meint das Überschreiten, also eine Abkehr von den bekannten Mustern der Ordnung oder Problemlösung in Politik, Wirtschaft und Lebensformen. Es geht also um einen Wandel, der die kulturelle Identität verändert.

Transformation lässt sich umschreiben als „Häufigkeitsverdichtung von Veränderungen“, die zu einem Epochenumbruch führen (so der Historiker Jürgen Osterhammel in seiner 2009 unter dem Titel „Die Verwandlung der Welt“ erschienenen Geschichte des 19. Jahrhunderts). Papst Franziskus beschreibt dies als „Zeitenwandel“, der eine „kulturelle Revolution“ erfordere:

„[Wir erleben] nicht nur eine Zeit des Wandels, sondern einen regelrechten Zeitenwandel […]. Es geht schließlich darum, ‚das Modell globaler Entwicklung in eine [andere] Richtung [zu] lenken‘ und den ‚Fortschritt neu zu definieren‘: ‘Das Problem ist, dass wir noch nicht über die Kultur verfügen, die es braucht, um dieser Krise entgegenzutreten. Es ist notwendig, leaderships zu bilden, die Wege aufzeigen‘. Diese beachtliche und unaufschiebbare Aufgabe verlangt auf der kulturellen Ebene akademischer Bildung und wissenschaftlicher Forschung die großherzige und gemeinsame Anstrengung hinsichtlich eines radikalen Paradigmenwechsels, ja mehr noch – ich erlaube mir zu sagen – hinsichtlich einer ‚mutigen kulturellen Revolution‘.“3

Der Seneca-Effekt

Im Kontext der Erdsystemforschung werden die Analysen des Umbruchs empirisch mit einer Fülle von Indikatoren unterlegt. Dabei deuten zahlreiche Daten darauf hin, dass sich der Klima- und Umweltwandel in vielen Regionen bereits ganz in der Nähe von sogenannten „Kipppunkten“ befindet. Dies sind Schwellenwerte von kritischen Parametern, deren Überschreiten eine Änderung der Systemdynamik zur Folge hat.

Kipppunkte sind jene Übergänge, an denen ein vormals stabiler Zustand in einen instabilen Zustand übergeht und etwas Neues kommt.

Kipppunkte sind jene Übergänge, an denen ein vormals stabiler Zustand in einen instabilen Zustand übergeht und etwas Neues kommt. Es gibt ökologische tipping points, beispielsweise das Kippen eines Sees oder Schwellenwertes im Klimawandel, an denen negative (dämpfende oder ausgleichende) Rückkoppelungsprozesse ausgehebelt werden und positive, sich selbst verstärkende Rückkoppelungen dominieren, wie etwa durch Methan-Ausgasung im auftauenden Permafrost Sibiriens. Es gibt auch soziale Kipppunkte, etwa wenn ein Konflikt eskaliert und sich gewaltsam entlädt, sodass es danach kein Zurück mehr zu geben scheint. Oder ein Börsencrash, in dem der Vertrauensverlust genau den Wertverfall auslöst, der befürchtet wurde, und dann Aktien, Banken oder Währungen ins Bodenlose fallen lässt.

In dem „großen Bericht“ zum 50-jährigen Bestehen des Club of Rome (gegründet 1968) stellen Ernst Ulrich von Weizsäcker, Anders Wijkman und ihre Mitautoren viele solcher globalen Trends zusammen, die zu Instabilität führen. So könne beispielsweise der blinde Glaube an „exponentielle Technologien“ schon bald in eine Selbstzerstörung der modernen Zivilisation münden.4 Im Kern fehle es nicht an den technischen Mitteln zur Lösung der ökosozialen Probleme, sondern am politischen Willen sowie der Entschlossenheit jedes Einzelnen. „Wir sind dran“ lautet daher der Titel ihrer „Aufklärung für eine volle Welt“, in der die Autoren beschreiben, „was wir ändern müssen, wenn wir bleiben wollen“ (so die beiden Untertitel des Berichts). Die Hoffnung auf radikalen Wandel ist für den Club of Rome nicht nur ein Postulat, sondern sie ergebe sich aus der Extrapolation zahlreicher Praxisinitiativen, die bereits weltweit zu beobachten seien (der dritte Teil des Berichtes beschreibt eine Auswahl davon).

Der stoische Philosophen Seneca (4 v. Chr. – 65 n. Chr.) machte bereits die Beobachtung, dass Ordnungen in der Regel sehr lange brauchen, bis sie entstehen, aber sehr schnell kollabieren

Der italienische Chemiker und Ökologe Ugo Bardi spitzt die Analyse des Wandels in seinem 2017 ebenfalls im Kontext des Club of Rome publizierten Bericht über die Lage der Welt unter dem Titel „Der Seneca-Effekt“ zu.5 Damit verweist er auf die Beobachtung des stoischen Philosophen Seneca (4 v. Chr. – 65 n. Chr.), dass Ordnungen in der Regel sehr lange brauchen, bis sie entstehen, aber sehr schnell kollabieren. Bardi analysiert den Kollaps von Weltreichen und Finanzsystemen, er benennt Hungersnöte sowie das mögliche Ende des planetaren Ökosystems, um sich dann den Strategien der Vermeidung oder Bewältigung solcher systemischer Probleme zu widmen.

Auch die Katholische Kirche erlebt – ausgelöst durch den sexuellen Missbrauch – derzeit einen „Seneca-Effekt“ von Kollapsphänomenen. Vieles muss sich ändern, damit sie zukunftsfähig wird. Es gilt, die disruptiven Veränderungen für tiefgreifende Transformationsprozesse zu nutzen und sich so der christlichen Identität zu vergewissern, dass die Menschen unterscheiden können, zwischen dem, was es loszulassen gilt, und dem unter veränderten Bedingungen festzuhalten oder neu zu entdecken ist. Nur wer sich wandelt, bleibt.

Das Konzept der Resilienz sucht nach Faktoren, die Systeme, Individuen, Institutionen oder Gesellschaften befähigen, Situationen von radikalen Umbrüchen zu überstehen oder sogar an ihnen zu wachsen.

Resilienz: sich festmachen an dem, was Bestand hat

Fragt man aus ethischer Perspektive nach dem Umgang mit Situationen des epochalen Wandels, stellt sich die Unvorhersehbarkeit der Zukunft als zentrale Herausforderung dar. Deshalb verschiebt sich die Suche nach relevanten Erkenntnis- und Handlungsmodellen vom Bereich der antizipierenden Planung hin zur Fähigkeit, mit Überraschungen, Stress, Katastrophen und radikalen Veränderungen umgehen zu können. Hierfür hat sich seit einigen Jahren der Begriff „Resilienz“ etabliert. Dieser hat Konjunktur in Zeiten des Wandels, der als Krise erlebt wird, z. B. um 1900 oder nach dem Zweiten Weltkrieg und in ganz neuen Dimensionen in den letzten zehn Jahren. Der Begriff der Resilienz hat drei ganz unterschiedliche Wurzeln: in der Materialforschung, in der Psychologie und in der Ökologie. Gemeinsam ist diesen die funktionale Frage nach der Robustheit und Elastizität von Systemen hinsichtlich ihrer Fähigkeit, sich an stressauslösende Veränderungen anzupassen. Das Konzept der Resilienz sucht nach Faktoren, die Systeme, Individuen, Institutionen oder Gesellschaften befähigen, Situationen von radikalen Umbrüchen zu überstehen oder sogar an ihnen zu wachsen.

Sozialpsychologische Untersuchungen zeigen, dass es eine erstaunliche Varianz der Menschen in ihrer Reaktion auf Stress gibt: Katastrophale soziale Umweltbedingungen müssen nicht zwangsläufig zu einer desolaten Entwicklung führen. Es gibt immer wieder Menschen, die an Krisen wachsen. Ein „Rucksack“ mit positiven Kindheitserfahrungen, Netzwerke von Solidarität, verlässliche Beziehungen und Freundschaften, aber auch Fähigkeiten kreativer Verarbeitung widriger Erfahrungen (z. B. in der Kunst) sind Schlüsselelemente psychologischer Resilienz. Etwa einem Drittel der Kinder und Jugendlichen, die unter katastrophalen Bedingungen aufwachsen mussten, gelingt es, dennoch ein relativ normales Leben zu führen, zwar nicht frei von Verletzungen, aber zugleich ausgestattet mit besonderen Stärken. Dies hat die amerikanische Entwicklungspsychologin Emmy Werner (1929–2017) in Längsschnittstudien seit den 1970er-Jahren empirisch nachgewiesen und damit den psychologischen Zweig der Resilienzforschung begründet.

Eine der schönsten und ältesten Umschreibungen dessen, was Resilienz ausmacht, findet sich bei Jesaia, formuliert in der Zeit des drohenden Exils vor zweieinhalb tausend Jahren: „Glaubt ihr nicht so bleibt ihr nicht“ (Jes 7,9).

Der besondere Charme des Begriffs „Resilienz“ liegt darin, dass er Krisen und Belastungen thematisiert, ohne diese zu verharmlosen, dabei jedoch nicht bei dem stehen bleibt, was Angst auslöst. Stattdessen wird der Blick auf die personalen, sozialen, kulturellen, ökonomischen oder ökologischen Ressourcen gelenkt, die hilfreich sind, um gegen Störungen weniger anfällig zu sein. Es geht um die Fähigkeit, mit Belastungen ganz unterschiedlicher Art umzugehen. Eine der schönsten und ältesten Umschreibungen dessen, was Resilienz ausmacht, findet sich bei Jesaia, formuliert in der Zeit des drohenden Exils vor zweieinhalb tausend Jahren: „Glaubt ihr nicht so bleibt ihr nicht“ (Jes 7,9). Positiv gewendet: Glaube (im Sinne des hebräischen aman, vertrauen) heißt, sich festmachen an dem, was auch in Krisenzeiten Bestand hat, wozu insbesondere Gerechtigkeit und eine lebendige Gottesbeziehung gehören.6

Klugheit im Umgang mit Katastrophen

Der bereits zitierte Ugo Bardi geht davon aus, dass wir zunehmend mit Kollapsphänomenen rechnen müssen. Diese seien jedoch nicht in jedem Fall schlecht, sondern eine normale Begleiterscheinung von Übergangsphasen, die auch gezielt für Veränderungen genutzt werden könnten. Gerade die systemische Instabilität in Übergangszeiten ermögliche es bei geschicktem Handeln, den Entwicklungen eine neue Richtung zu geben, was in stabilen Zeiten meist gar nicht möglich sei:

„Es gibt Punkte, an denen man geradezu mühelos ansetzen kann, um ein riesiges, komplexes System in eine andere Richtung zu lenken, in der man es haben will.“7

Gerade die systemische Instabilität in Übergangszeiten ermögliche es bei geschicktem Handeln, den Entwicklungen eine neue Richtung zu geben, was in stabilen Zeiten meist gar nicht möglich sei

Wichtigster Hebelpunkt sei die Bereitschaft, überholte Paradigmen hinter sich zu lassen. Entscheidend sei es, nicht gegen die Systemdynamik, also die Entropie oder „Flussrichtung“ eines Systems zu kämpfen oder diese umkehren zu wollen, was auf Dauer stets aussichtslos sei, sondern lediglich durch „Ventile“ extreme Schwankungen und Instabilitäten zu vermeiden und Bestände vorzuhalten, um den Durchfluss zu erhalten. Letzteres nennt er auch „Weg des Sämanns“, der der Maxime folge: „Verzehre nicht dein Saatgut.“ Man kann darin auch eine Definition von Nachhaltigkeit erkennen. Solche Synthesen aus moderner Systemtheorie und kulturübergreifender Weisheitslehre können durchaus tragfähige Orientierungen für Resilienz in Situationen des radikalen Wandels bereitstellen.

Als Vorgang ohne einheitliches Handlungssubjekt fordert der beschleunigte Wandel der gegenwärtigen globalen Zivilisation verstärkt funktionale Analysen der möglichen Hebelpunkte einer Steuerung komplexer sozialer Systeme, um die Entscheidungsspielräume humaner Selbstbestimmung auf der Ebene institutioneller Organisation sowie individueller Handlung immer wieder neu gegen die Entfremdungsdynamik zu sichern. Wichtiger aber als funktionale Analysen und Techniken des Risikomanagements ist die innere Haltung, mit der wir dem Wandel begegnen: Ihn als Chance zu entdecken erfordert, Konzepte der eigenen Identität nicht an dem aufzuhängen, was vergeht. In diesem Sinne hat nicht zuletzt die Coronakrise allen ein erhebliches Maß an Transformationsbereitschaft sowie eine veränderte Matrix der Zuordnung von Freiheit und kollektiver Einschränkung abgefordert.

Solidarität mit den Schwachen macht sensibel für mögliche Systemfehler der gesellschaftlichen Ordnung. Sie ist nicht nur ein Mitleidsprinzip, sondern zählt als Option für die Armen zu den Erfolgsgeheimnissen der christlichen Ethik.

Da Wandel oft mit Katastrophen und schmerzlichen Umbrüchen verbunden ist, bedarf er einer Ethik der Solidarität, damit diejenigen, die er als Verlierer aus der Bahn wirft, nicht ohne Chancen dastehen. Dies ist nicht nur das beste Mittel gegen die Ausbreitung von Angst gegenüber dem Wandel, sondern kann auch ein kreatives Prinzip der Innovationsethik sein. Denn die an den Rand Gedrängten sind oft besonders sensibel für Dimensionen des menschlichen Lebens, die in einer bestimmten Sozialordnung zu kurz kommen und unabgegolten sind. Solidarität mit den Schwachen macht sensibel für mögliche Systemfehler der gesellschaftlichen Ordnung. Sie ist nicht nur ein Mitleidsprinzip, sondern zählt als Option für die Armen zu den Erfolgsgeheimnissen der christlichen Ethik. Sie erfordert stets neu Umkehr im Horizont einer Transformationsethik, die stets ihr kritisches Potenzial gegenüber den jeweiligen gesellschaftlichen Ordnungen bewahrt und neu aktiviert.8

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