012011

Foto: Gabriela Fab: Free Hugs In Athens :) (CC BY 2.0), Bildausschnitt

Praxis

Martin Lätzel

Nähe ermöglichen – Mission possible?

Anmerkungen zum Konstrukt der „Pastoralen Räume“

Pastorale Räume dürfen kein Strukturmerkmal sein, sondern müssen eine Einstellung werden. Solange wir versuchen werden, Kirche zu „organisieren“, werden wir an den Gegebenheiten scheitern. Glauben lässt sich nicht bloß organisieren, Glauben lässt sich nur leben. Von Menschen, die mit Freiwilligen und Ehrenamtlern arbeiten haben wir gelernt, dass sich Menschen nur dann engagieren, wenn sie es aus freien Stücken tun, wenn die Kompetenzen geklärt sind, wenn Einsatzzeitraum und Einsatzumfang überschaubar sind und wenn man einen eigenen Benefit bekommt. Die Globalisierung lehrt uns, dass wir uns einer immer stärkeren Komplexität stellen müssen und deswegen wieder verstärkt, die Nähe suchen, den überschaubaren Raum. Der Verlust der Privatheit und die Ökonomisierung der Aufmerksamkeit (Georg Franck) – auch und gerade durch die neuen Medien und die damit verbundene mediale Performance des eigenen Lebens – führt dazu, dass Menschen nicht nur beachtet, sondern geachtet, ja, geliebt werden wollen und dies auch in einer direkten, non-virtuellen Weise erfahren möchte.

Wer die Kirche bloß „organisieren“ will, wird an diesen Hürden scheitern. Angesichts der vorherrschenden Berufungskrise, der Finanzkrise und der Glaubenskrise Strukturen retten zu wollen, die Tradiertes – oder Überkommenes?- beibehalten, heißt, Menschen in ein Raster zu zwingen, in das sie womöglich nicht mehr wollen. Vieles, das uns in der Kirche lieb geworden ist, war kontextuell und zeitbedingt, aber die Zeiten haben sich gewandelt. Das gilt für Ehrenamtliche und für Hauptamtliche. Im Gegensatz zu diesen, können jene sich befreien und werden das auch tun. Auf lange Sicht, werden die Auswirkungen auf das Hauptamt noch größer werden. Zu den bisherigen Beweggründen, nicht mehr Priester, Pastoralreferentin oder Gemeindereferent werden zu wollen kommen Prägungen, die den Gedanken an einen kirchlichen Berufsweg gar nicht mehr aufkommen lassen.

Glaube und Hoffnung stehen im Vordergrund

Wer sich über das Fortbestehen des christlichen Lebens in unserem Land Gedanken macht, der darf nicht primär bei der Struktur ansetzen. Wer sich über die Zukunft des Christentums – und der Kirche als die Gemeinschaft der Glaubenden – Gedanken macht, muss nach der Hoffnung, der Sehnsucht und den Ängsten fragen. „Mit Recht“, so sagt die Konzilskonstitution Gaudium et Spes, „können wir annehmen, dass das künftige Schicksal der Menschheit in den Händen jener ruht, die imstande sind, den kommenden Generationen Gründe des Lebens und der Hoffnung zu vermitteln.“ Wer sich über die Zukunft der Kirche in Deutschland Gedanken macht, muss über den Grund zu leben und den Grund zu hoffen denken und sprechen. Wer sich über die Zukunft der Kirche in Deutschland Gedanken macht, muss über die Hermeneutik des Seins jetzt und im Kontext unserer Welt denken und sprechen. Menschen brauchen heute mehr Interpretationshilfen denn je. Diese Erfahrungen des Erlebens und dieses Erzählen und der Interpretation aber ist nur über Nähe mögliche. Wer über den Pastoralen Raum spricht, muss über die Möglichkeit der Begegnung reflektieren. Pastorale Räume müssen Nah-Räume sein.

Die Haltung des Pastoralen Raumes ist die grundsätzliche Bereitschaft zum Verstehen des Lebensumfeldes und der Gedankenwelt der Menschen.

Nur wer selber begeistert ist, kann andere mitreißen. Wer andere begeistern möchte, muss wissen, was sie wollen, was sie hoffen, worüber sie sich freuen und was sie befürchten. Das widerspricht jeglicher Planungslogik in deutschen (und vermutlich auch anderer Länder) Diözesen. Barack Obama hat die amerikanische Präsidentenwahl gewonnen, weil es ihm gelungen ist, die Politik zur Sache der Bürgerinnen und Bürger zu machen. Natürlich war das Internet hilfreich, Social Media, Web 2.0. Aber aus seiner Zeit als Streetworker und Communityorganizer wusste er vermutlich, dass sich Dinge zu ändern und entwickeln lassen, wenn alle mit im Boot sind, wenn alle bereit sind, den Staat, die res publica zu ihrer ganz eigenen Sache zu machen.

„Du bist Kirche! Auf Dich kommt es an!“

Das sind zweierlei Verpflichtungen. Für die Hauptamtlichen und besonders für leitende Hauptamtliche bedeutet das, Charismen wirklich anzuerkennen und fördern zu lernen. Charismen erkennt man aber nur, wenn man die Trägerinnen und Träger der Charismen kennt.

Im Umkehrschluss heißt das für jeden einzelnen Christen, sich in die Verantwortung nehmen zu lassen. Martin Buber hat einmal das elfte Gebot formuliert: „Du sollst Dich nicht vorenthalten!“ Sich nicht vorenthalten gilt für das Gebot der Nächsten- und der Gottesliebe. Und es gilt für alle in der Gemeinschaft der Glaubenden – ohne Ausnahme.

Pastorale Räume als Haltung zu gestalten heißt nichts anderes, als dass sich Christinnen und Christen in dieser Gesellschaft bewegen, am Gelingen menschlichen Lebens mitwirken und von ihrer Hoffnung sprechen, die sie erfüllt. Nur, wer nah dran den Menschen ist, kann sie in ihre Verantwortung rufen. Eine Pastoral des Rufens setzt die Kenntnis der zu Rufenden voraus.

Chancen und Gefahren

Es gibt Chancen und es gibt Gefahren auf dem Weg der Gestaltung pastoraler Räume. Die Gefahr liegt darin, eine leichte Struktur zu finden, die nur das Gewohnte weiterführt: nämlich eine möglichst reibungslose (wenn das bei diesen Größenordnungen noch möglich ist) Verteilung der Priester und Hauptamtlichen. Man delegiert einige Aufgaben an Ehrenamtliche, denkt allerdings nur eine bereits vorhandene Struktur weiter. Die Chance, die in der Gestaltung pastoraler Räume und der Bildung lokaler Gemeinden liegt, ist der von Comblin beschriebene induktive Ansatz. Wo setzen sich Christen für die Kirche vor Ort ein? Welche Initiativen gibt es bereits? Wo wächst Gemeinde?

Die Gestaltung und die Definition eines Pastoralen Raums und in ihm einer Vielzahl (örtlicher) Gemeinden wären in diesem Fall eine Bestätigung des christlichen Lebens vor Ort und das Ernstnehmen der Charismen der Getauften und Gefirmten, unterstützt durch eine gute Aus- und Fortbildung. Theologische Bildung im Rahmen der Gemeindeentwicklung ist also immer verbunden mit einem persönlichen Reflexionsprozess und darüber hinaus die Ermöglichung von Freiheit – gegen eine bloße Verzweckung zur Aufrechterhaltung pastoraler Strukturen.

Die Chance des Pastoralen Raumes liegt in der Beziehung. Menschen leben und glauben aus dem Dialog und durch den Dialog. Zum Menschsein gehört Gemeinschaft. „Der Mensch wird am Du zum Ich“ – Das ist der zentrale Satz der Philosophie des großen jüdischen Gelehrten Martin Buber. Er bedeutet nichts anderes, als das der Mensch auf die Beziehung ausgerichtet ist. Ohne die Beziehung zu anderen Menschen kann es kein Bewusstsein der eigenen Persönlichkeit geben; ohne den Kontakt und den Dialog kann es kein Selbstbewusstsein geben. Beziehung entsteht durch Nähe. Das Zusammenkommen mit anderen Menschen fordert das eigene Profil heraus. Es befreit von Einsamkeit und es befreit von der Verlorenheit des Alleinseins. Es kann nach Buber kein Du ohne das Ich geben und kein Ich ohne das Du. Niemand lebt für sich alleine auf dieser Welt. Menschen können nicht alleine leben. Sie brauchen Partnerinnen und Partner. Sie brauchen die immer währende Zusage der Nähe. Sie brauchen die Nähe des Gegenübers, des Mitmenschen. Und sie brauchen die Zusage und das Gefühl der Nähe Gottes; Sinn und Geschmack für’s Unendliche nannte Friedrich Schleiermacher diese emotionale Dimension. In Höhen und Tiefen, in Freud und Leid. Lebenswege sind nicht gerade. Aber sie können bewältigt werden im Dialog und im Miteinander.

Um das Miteinander in Beziehung zu ermöglichen, braucht es für den Glauben Nähe – und keine definierten Orte in der nächsten Kreisstadt. Die vielleicht auch, aber erst in zweiter Linie. Weit entfernte Gemeindeorte, sind keine Orte mehr, weil sie keine Beziehung ermöglichen. Wenn sich das Glaubensleben derart zentralisiert und funktionalisiert (alle vier Wochen Sonntags um 11), entörtlicht die Kirche. Welche Möglichkeiten gibt es, eine Entörtlichung zu verhindern? Wenn wir ansetzen bei den einzelnen Christen, ihrem Leben und ihrer Hoffnung. Es geht nicht weniger als um die (Neu)Entdeckung der Charismen aller Menschen und dies zum Wohle von Gläubigen und Nichtgläubigen. Jeder Christ und jede Christin ist und mit der Taufe berufen zum Dienst an der Gemeinschaft. Die Frage nach der örtlichen Gemeinde ist die Frage nach einem zugänglichen also einem nahen Glaubens-Ort. Und hier ist Nähe nicht nur topographisch verstanden, sondern als menschliche Nähe, als Beziehung. Als eine Nähe, die Verweilen ermöglicht, Orientierung auf dem Glaubensweg, Feier der Erinnerung und Nähe, in der Sammlung gelingt. Das sind Glaubensräume, selbst wenn sich nicht räumlich umschrieben sind. Da sind Kirchenorte, die zur Einkehr einladen, da sind caritative Orte, Knotenpunkt, die Hilfe anbieten und es sind Vereine, Gruppen, Verbände und Gemeinschaften beschrieben.

Gemeinden müssen überschaubar sein

Pastorale Räume sind als Haltung ein Plädoyer für die Bildung überschaubarer, nahe-liegender Gemeinden und Gemeinschaften. Die gibt es nur mit Menschen, nicht für sie und erst recht nicht ohne sie.

Die Gemeinschaft der Nähe ist ein Zeichen der Ver-Ortung des Christentums, ja das örtliche Zeugnis desselben und zielt auf den Sozialraum der Menschen ab. Michael Hochschildt hat anschaulich dargestellt, dass das Matthäuswort (Mt 18,20), wonach Christus gegenwärtig ist, wo Zwei oder Drei versammelt sind, keine Ausschließlichkeit der Vergemeinschaftung darstellt. „Es gibt keine Bevorzugung und keine Benachteiligung bei dieser zugesagten Gegenwart. […] Die binnenkirchliche Vergemeinschaftung des Christen ist in dieser Hinsicht nicht mehr, aber auch nicht weniger zur Erprobung und Bewährung des christlichen Glaubensweges geeignet als seine Vergesellschaftung […]. Das Christentum kennt eben nicht nur die überschaubare Tischgemeinschaft bei der Feier der Eucharistie, sondern auch die erweiterte Tischgemeinschaft […] mit […] anderen, die nur die Botschaft hören, ohne bereits dazu zu gehören […].“1 Da die Gesellschaft plural ist, muss sich der Weg in diese Gesellschaft in der pluralen Communio der Gemeinde abbilden und kann dies nur, wenn sie eben nicht auf ein oder zwei Hauptamtliche konstruiert und/oder reduziert wird.

Territorialprinzip als Auslaufmodell?

Dass eine Art von Territorialprinzip der Kirche sinnvoll ist, steht außer Frage. In Frage steht lediglich, wofür es genutzt wird. Was wir heute allerdings brauchen, ist ein quasi inverses Territorialprinzip. Geht unter die Menschen, heißt es, sucht die Nähe, breitet euch aus! lautet es. Zieht euch nicht in immer unüberschaubarere Großpfarreien zurück! Denn wenn Zwei oder drei beisammen sind, dann ist das Kirche. Das Territorium wird in seiner Erfahrbarkeit und in seiner Wahrnehmung als Kontext des menschlichen Lebens neu in den Blick genommen werden müssen, aus einer Haltung heraus und nicht als Strukturmerkmal, und die Haltung ist entscheidend.

Wer handelt? Jeder Christ und jede Christin. Wer die Haltung verändern will, muss das bisherige Verständnis auf den Kopf stellen. Da sind nicht „die da oben“, die mächtig sind und die etwas zu sagen haben und „die da unten“, die brav zu folgen haben. Wie es mit dem Glauben weitergeht, weiß jeder für sich ganz genau. Und jeder kennt Menschen und seine Umgebung und weiß um das nahe Leben und die nahen Hoffnung.

Pastorale Räume – Mission possible?

Ist nun das Plädoyer für die Nähe ein Plädoyer für den geschützten, selbstreferentiellen Raum? Wer eine Pastoral der Nähe betreibt, für den bekommt das Wort „Mission“ einen neuen Klang und es wird sich zeigen, das gerade hier, in den Pastoralen Räumen, Mission möglich ist. Mission zu betreiben heißt dann, im Vertrauen auf das Wort Gottes von der eigenen Berührung zu erzählen, durchaus mit der Absicht, den Anderen zu be-geistern. Diese Kommunikation ist, angesichts der Diagnose des Missionslandes Deutschland für zwingend notwendig. Mission ist Kommunikation per se, über das, was den eigenen Glauben ausmacht, über das, was an Fragen und Zweifeln begegnet und über das, was wir in der Gesellschaft vorfinden. So kann die Mission auch zu einem prophetischen Zeugnis werden, wenn angesichts von Ungerechtigkeiten und Schieflagen mit der befreienden Botschaft des Evangeliums argumentiert wird.

Mission nimmt immer Rücksicht auf die konkreten und erfahrbaren Gegebenheiten, in denen sie erfolgt (das religiöse und gesellschaftliche Umfeld), dass sie sich sowohl aus der Geschichte, der Tradition und der Offenbarung verantwortet, wie aus den konkreten Erfahrungen der Gegenwart, dass sie sich in Ausdrucksweisen kirchlichen Lebens wieder finden muss, also in Liturgie, Katechese und Diakonie, und dass sie ganz eng an das jeweils persönliche Zeugnis gebunden ist. Wer den Kontext ernst nehmen will, muss nah dran sein.

Das missionarische Zeugnis wird überdies immer mit dem persönlichen Zeugnis verbunden sein. Selbst, wenn wir Gottesdienste, Kasualien, Glaubenskurse etc. als missionarisch verstehen, leben sie aus der Authentizität der handelnden Personen. Authentisch zu erzählen bedeutet, das Erzählen von dem, was erlebt, erfahren und bewegt wurde und sich damit in die Geschichte und die Auseinandersetzung mit der Gesellschaft zu stellen. „In der Erzählung“, so Johann Baptist Metz, „kann anders als im reinen Diskurs, anders als im reinen Argument, das Ganze der Geschichte und der universale Geschichtssinn so besprochen werden, dass sich die Rede von diesem universalen Sinn gleichwohl nicht in einen logischen Totalitätszwang, in eine Art transzendentaler Notwendigkeit überführt, derzufolge dann die einzelnen Schicksale, die praktischen Sinngeschichten der einzelnen gegenüber einem solchen ‚notwendigen’ Heilssinn der Gesamtgeschichte zwangsläufig sekundär würden und nur noch nachträglich eingeordnet werden könnten in den subjektlosen Rahmen einer solchen endgültigen Heilsgeschichte. In der narrativen Konzeption des christlichen Heils treten Geschichte und Geschichten, die eine Heilsgeschichte und die vielen Geschichten des Heiles und des Unheiles der einzelnen, zusammen und ineinander – ohne gegenseitige Verkürzung.“2 Johann Baptist Metz Votum kann angesichts der Frage nach der Mission, als Plädoyer für das persönliche Bekenntnis gelesen werden, als Teilen der persönlichen Erfahrungen. Indem das Bekenntnis einen einladenden Charakter hat, folgt sie einer Idee von Mission, die nicht zwingt, sondern sich bereit hält für die Entwicklungen der Biographie des jeweils anderen, in dem sie – aus eigener Begeisterung – der aktuellen Gesellschaft, bzw., dem Individuum in dieser Gesellschaft, von eigenen Glauben erzählt.

Pastoraler Raum ist Nah-Raum

Erzählen braucht Nähe. Die Erfahrbarkeit des Individuums braucht Nähe. Die Kenntnis des Kontextes, des Sozialraumes, wenn man so will, braucht ebenfalls Nähe. Wer die pastoralen Räume als Haltung sieht, wer sich nicht vorenthält, wer bereit ist, auch in kleiner Gemeinschaft vor Ort Kirche, Kirche der Nähe – eben in einem gemeinsamen Raum und durch diesen geprägt – zu sein, der lebt Glauben viel stärker, als jegliche Struktur dies möglich macht. Wer eine Pastoral der Nähe lebt, lebt a priori missionarisch, weil der Glaube erfahrbar ist. Wer sich über die Zukunft der Kirche in Deutschland Gedanken macht, muss über den Grund zu leben, den Grund zu hoffen, die Interpretation und Sinngebung des Lebens in einer unübersichtlichen Welt denken und sprechen. Überall. An jedem Ort. Als ganz persönliche Haltung.

Wenn wir danach über Struktur reden, dann muss es eine Struktur sein, die Nähe ermöglicht.

  1. Michael Hochschild, „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind…“ Über christliche Vergesellschaftungsstile und das Maß der Dinge, in: ThG 46(2003), 127-137, 136.
  2. Johann Baptist Metz, Glaube in Geschichte und Gesellschaft. Studien zu einer praktischen Fundamentaltheologie, Mainz 51992, 162f.

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