022011

Foto: Schub@: take a seat, read a book (CC BY-NC-SA 2.0)

Service & Dialog

Martin Lätzel

Buchrezension: Institut für Theologie und Politik in Münster (Hrsg.): Der Doppelte Bruch

Institut für Theologie und Politik in Münster (Hrsg.): Der Doppelte Bruch. Das umkämpfte Erbe des Zweiten Vatikanischen Konzils. Ein Werkbuch.

Vor 50 Jahren begann das Zweite Vatikanische Konzil. Beratungen und Ergebnisse waren im damaligen Kontext fast revolutionär, die anthropologische Wende, die das Konzil vollzog erscheint aus heutiger Sicht fast selbstverständlich. Zur damaligen Zeit war sie es zumindest lehramtlich nicht, wenn auch von voraus denken Theologen wie Küng, Rahner, Ratzinger, Guardini und Teilhard de Chardin, um nur einige zu nennen, in er Theologie quasi bereits vollzogen.

Viel ist seitdem über das Konzil diskutiert, reflektiert und gestritten worden. Manche der Forderungen wurden übererfüllt, doch recht orthodoxe Formulierungen gerieten in Vergessenheit oder wurden schweigend überlesen. Andere wiederum sind bis heute nicht richtig umgesetzt, viele nachkonziliare Ansätze, wie beispielsweise die Deutsche Synode, versandten und ihre Ergebnisse sind Theorie geblieben.

Das im 2012 sich ereignende Jubiläum wird genügend Anlass zur Diskussion bieten. Den einen, die die Entwicklungen der Kirche nach dem Konzil für irrlichternd halten, den anderen, die ein neues Konzil für recht eigentlich überfällig halten.

Das Werkbuch – oder ob seiner Form eher Werkheft – versammelt alte und neue Texte und Textbausteine, teilweise neu verfasst, teilweise zusammen getragen, zu den Kontexten, in denen die Kirchenversammlung stattfand, zu ihrer Durchführung und Wirkmächtigkeit.

In einem ersten Kapitel wird dargestellt, in welchem kirchenpolitischen Umfeld das Konzil zusammentraf. Die Jahre waren gezeichnet von Ultramontanismus und Antimodernismus. Die „Entfaltungen“, das zweite Kapitel des Buches, widmen sich der Kirche der Armen, der Volk-Gottes-Theologie, der Religionsfreiheit und dem Verhältnis zum Judentum sowie dem Reich-Gottes-Begriff und thematisiert damit wesentliche Aussagen, deren Wirkung bis heute nachreichen. Das dritte Kapitel befasst sich mit der nachkonziliaren Deutungshoheit. Denn nicht nur auf der Versammlung, wurde über die Hermeneutik der Texte gerungen, erst im Nachhinein zeigte sich, worin wesentliche Interpretationsunterschiede lagen und bis heute liegen. Das letzte Kapitel behandelt Anfragen an das Konzil aus heutiger Sicht, leider ein wenig sehr knapp, wiewohl die Herausgeber im Vorwort darauf hinweisen, dass ihre Beschäftigung mit dem Konzil mit diesem ersten Werkbuch nicht abgeschlossen sein wird.

Ein besonderes Verdienst der Herausgeber liegt darin, den leider zu Unrecht vergessenen Katakombenpakt wieder ans Licht der interessierten Öffentlichkeit zu holen. Gerade in einer Zeit, in der das gesamte katholische Deutschland diskutiert, was der Papst mit zunehmender „Verweltlichung“ gemeint haben könnte, könnte eine Besinnung auf die Essentials christlicher Existenz, denen sich eine Vielzahl von Bischöfen am Rande des Konzils verpflichtet hatten, hilfreich sein, nämlich Kirche der Armen und Entrechteten zu sein bzw. zu werden.

Eine besondere Note erhält das Werkbuch, indem es Konzilsteilnehmer und Konzilszeitgenossen („Wie ich das Konzil erlebte.“) zu Wort kommen lässt.

Das Werkbuch des Münsteraner Instituts für Theologie und Politik bietet eine ideale Fundgrube für Gruppen, Gemeinden aber auch für die individuelle Lektüre, sich mit Grundlagen, Durchführung und Konsequenzen des Konzils (neu) auseinanderzusetzen.