Praxis

Wider die Tempelhaftigkeit der Kirche(n)

Im Dezember 2018 wurde die Peterskapelle als älteste Luzerner Kirche nach einer gründlichen Renovation wiedereröffnet. Seitdem steht sie den Menschen in der Stadt Luzern und ihren Besucherinnen und Besuchern aus nah und fern tagtäglich wieder offen als ein Ort, an dem Gott und Welt zusammenkommen. In besonderer Weise versuchen wir hier, einen Begegnungsraum zu schaffen, indem bewusstes Zulassen von Vielfalt und Unterschiedlichkeit wichtige Grundzutaten unserer Pastoral sind.
Die Peterskapelle bietet Raum für unterschiedliche Intensitäten von Beziehungen und Engagements. Menschen, die nur ab und zu Kapellenluft schnuppern möchten, sind ebenso willkommen wie andere, die sich in irgendeiner Form engagieren wollen. Dafür bietet die Peterskapelle die Gelegenheiten. So wird das multifunktional genutzte Kirchengebäude selbst zum Symbol eines integrativen pastoralen Ansatzes.

Alte Formen stürzen ein, Neues keimt.
Christsein und Gemeindeerneuerung angesichts heutiger Krisen und Herausforderungen

Zu Beginn ein paar biblische Impulse zur Tempelkritik in der jüdisch-christlichen Tradition.

So spricht der Herr: Du, David, willst mir ein Haus bauen, damit ich darin wohne? Seit dem Tag, als ich die Israeliten aus Ägypten heraufgeführt habe, habe ich bis heute nie in einem Haus gewohnt, sondern bin in einer Zeltwohnung umhergezogen. Habe ich in der Zeit, als ich bei den Israeliten von Ort zu Ort zog, jemals zu einem der Stämme Israels, die ich als Hirten über mein Volk Israel eingesetzt hatte, ein Wort gesagt und sie gefragt: Warum habt ihr mir kein Haus aus Zedernholz gebaut? (2 Sam 7, 5-7)

Brecht diesen Tempel ab und in drei Tagen werde ich ihn aufrichten. (Joh 2,19)

Der Gott, der die Welt erschaffen hat und alles in ihr, er, der Herr über Himmel und Erde, wohnt nicht in Tempeln, die von Menschenhand gemacht sind. Er lässt sich auch nicht von Menschenhänden dienen, als ob er etwas brauche, er, der allen das Leben, den Atem und alles gibt. (Apg 17, 24-25)

Ihr seid Gottes Bau. Der Gnade Gottes entsprechend, die mir geschenkt wurde, habe ich wie ein guter Baumeister den Grund gelegt; ein anderer baut darauf weiter. Aber jeder soll darauf achten, wie er weiterbaut. Denn einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist: Jesus Christus. Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt? Wer den Tempel Gottes verdirbt, den wird Gott verderben. Denn Gottes Tempel ist heilig, und der seid ihr. (1 Kor 3, 9c-11.16-17)

Kommt her zu ihm! Er ist der lebendige Stein, der von den Menschen verworfen wurde. Aber bei Gott ist er auserwählt und kostbar. Lasst euch auch selbst als lebendige Steine zur Gemeinde aufbauen. Sie ist das Haus, in dem Gottes Geist gegenwärtig ist. So werdet ihr zu einer heiligen Priesterschaft und bringt Opfer dar, in denen sein Geist wirkt. (1 Petr 2, 4-5)

Einen Tempel sah ich nicht in der Stadt. Denn der Herr, ihr Gott, der Herrscher über die ganze Schöpfung, ist ihr Tempel, er und das Lamm. Die Stadt braucht weder Sonne noch Mond, die ihr leuchten. Denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie und ihre Leuchte ist das Lamm. (Offenbarung 21, 22-23)

Im Folgenden sollen Thesen zu Diskussionen anregen und Erfahrungen zum Austausch anregen.

Charakteristika des Tempels und des Christseins

  • Es findet ein Kult statt. Eine geschlossene Priesterkaste mit alleinigem Zutrittsrecht erbringt symbolische Handlungen für eine oder mehrere Gottheiten und wird dafür von den Nicht-Priestern bezahlt.
  • Der Ort/das Gebäude werden als „sakral“ vom „Pro-fanum“ abgetrennt. Das „Heilige“ wird auf diese Orte (und eventuell auf bestimmte Zeiten) fokussiert beziehungsweise dort zentralisiert.

Beide Charakteristika widersprechen zutiefst dem Geist des Christseins.

  • Die Nachfolger/innen Jesu kennen keinen Kult, sondern Feiern, in denen Menschen gemeinsam, auf Augenhöhe am Tisch sitzen und ein Mahl miteinander teilen.
  • Das „Heilige“ ist nicht der von der „Welt“ abgetrennte Raum oder die vom Alltag abgetrennte Zeit (sacrum), sondern das für die Menschen Heilsame (sanctus). Das für das Christsein Wesentliche findet mitten in der Welt, mitten im Leben statt.

These: Unsere Kirchen sind zu sehr tempelartig

Trotzdem haben sich die Kirchen(gebäude) im Lauf der Jahrhunderte in die gegenteilige Richtung entwickelt. Es wurde eine Klerikerkaste aufgebaut, welche sich vom Volk Gottes absetzte. Das allgemeine Priestertum ging verloren. Die Kirchengebäude wurden immer mehr tempelähnlich. Nicht mehr die dort versammelten Menschen standen im Zentrum, sondern die architektonische Demonstration von religiöser (und politischer und kultureller) Macht.

Miteinander an einem Tisch sitzen bedeutet, auf Augenhöhe zu sein und einander zuhören.

Ein Symptom dieser „Vertempelung“ der Kirchen ist die Sitzordnung in vielen liturgischen Räumen. Statt wie am Tisch des Mahls einander in die Augen zu schauen und eine kreisförmige Gemeinschaft zu bilden, wird das installiert (und mit starren Bänken fixiert), was auch als „Konzertbestuhlung“ bekannt ist. So wird schon rein durch die Anordnung der Körper in den Kirchen ein Habitus vermittelt/eingeübt, der mit dem Ursprungsgeist des Christentums nichts mehr zu tun hat.

Fotos von Flüchtenden anstelle des traditionellen Kreuzwegs im Rahmen einer Ausstellung.

Zwar hat das Zweite Vatikanische Konzil mit der Liturgiereform einige mutige Experimente im Kirchenbau initiiert; an wenigen Orten ist es aber gelungen, von der Symbolik des «Opferaltars» (in wuchtigem Stein gestaltet) zu einer Ausdrucksweise des Tischs zu kommen, an dem die Teilnehmenden an einer Feier auch sitzen können. Ebenso wie die Blickrichtung prägt nämlich auch die Körperhaltung die Raumerfahrung. Miteinander an einem Tisch sitzen bedeutet, auf Augenhöhe zu sein und einander zuhören. Das wäre ein zentraler Bestandteil von Eucharistie, wenn sie denn im Geist des Abendmahls gestaltet werden soll. Und es gehört zur Gastfreundschaft, die nicht nur in liturgischen Zusammenhängen als christliche Haupttugend gelten darf.

Für eine Ent-Tempelung der Kirchen

Um eine Nutzung von Kirchengebäuden im christlichen Geist zu ermöglichen, sind folgende Strategien notwendig.
Die Kirchen werden wieder öffentliche Räume, die nicht nur Liturgien vorbehalten sind, sondern vielfältige Formen von Begegnung, Bildung, Diskussion, Kultur, sozialem Engagement und Feier beherbergen.

Kirchen bleiben immer Baustellen – aus lebendigen Steinen, aus Evangelium und Zeichen der Zeit.

  • In den Kirchen wird möglichst am Tisch/an Tischen gefeiert – und damit der jesuanische Habitus eingeübt.
  • Andere kirchliche Gebäude (Pfarreiheime etc.) und Orte (Hilfswerke, Gassenküche…) werden selbstverständlich als „heilige“ Orte angesehen und mit der entsprechenden pastoralen Aufmerksamkeit bedacht.
  • Die Kirche (hier verstanden als Organisation, Bewegung) verflüssigt sich, investiert in mobile Formen der Präsenz – sie wartet nicht, bis die Menschen in ihre Räume kommen, sondern geht dorthin, wo die Menschen sowieso sind.
  • Kirchen bleiben immer Baustellen – aus lebendigen Steinen, aus Evangelium und Zeichen der Zeit.
  • Die kirchlichen Mitarbeiter/innen sind nicht vor allem Produzenten/innen von Liturgien, Angeboten und Lehren, sondern Gastgeber/innen, Ermöglicher/innen, Intendanten/innen. Es geht um echte Partizipation. Im Begriff “Partizipation” steckt das lateinische Wort “capere”. Partizipation bedeutet also, dass Menschen ihren Teil an einer gesellschaftlichen Problemstellung, einer Aktivität oder einem Thema “kapern”, erobern wollen. Wer Partizipation ermöglichen will, muss also zulassen, dass Menschen Raum bekommen für das, was ihnen wichtig und sinnvoll erscheint.
  • Die Kirche misst ihren „Erfolg“ an ihrem Beitrag zur Lebensqualität der Menschen.

Diese Strategie bedeutet Konkretisierung und Spiritualisierung zugleich: Das Reich Gottes ist immer konkret im Alltag der Menschen, und die heilige Geistkraft weht, wo sie will.

Beispiele aus der Peterskapelle in Luzern

Auf der Empore der Kapelle wurden zwei Arbeitsplätze eingerichtet, die von allen Interessierten online reserviert werden können.

Einige Beispiele sollen zeigen, wie das Team der Peterskapelle die Ent-Tempelung einer Kirche in der City angeht und welche Wirkungen damit erzielt werden.

  • Am Eröffnungstag der neu renovierten Kapelle (8. Dezember 2018) war am Morgen ein feierliches Hochamt, am Nachmittag eine Kinderveranstaltung zusammen mit der City-Vereinigung in der Kapelle. Die City-Vereinigung (Lobby-Vereinigung von Geschäften in der Innenstadt) insbesondere hat seitdem die Peterskapelle als Partnerin entdeckt. Das Team der Peterskapelle ist bei den Veranstaltungen der Vereinigung präsent und bringt sich in den Diskussionen ein.
  • Auf der Empore der Peterskapelle haben wir Arbeitsplätze eingerichtet. Dort können zwei Personen ruhig arbeiten. Die Kapelle hat WLAN. Alle bisherigen Nutzer/innen haben die Arbeit am speziellen Ort sehr geschätzt und die Rahmenbedingungen (keine Telefonate, keine «lauten» Betätigungen) problemlos akzeptiert, da sie ja auch selbst von der Kapelle als Raum der Stille profitierten.

Wer Partizipation ermöglichen will, muss zulassen, dass Menschen Raum bekommen für das, was ihnen wichtig und sinnvoll erscheint.

  • Bei einer unserer ersten Kunstausstellungen waren die Ausstellungsobjekte große Müllsäcke, die aus Holz modelliert waren (Rochus Lussi: Big Teddys). Um auch die soziale Realität zu diesem Thema in die Kapelle zu holen, haben wir alle Müllwerker/innen Luzerns zu einem Apéro in die Kapelle eingeladen. Viele von ihnen waren zum ersten Mal in der Kapelle, obwohl diese mitten in der Stadt steht. Im Gespräch mit diesen Menschen war spürbar, welche Hemmschwellen kirchliche Räume («Das ist doch nur was für Fromme.») auslösen können. Andererseits zeigt sich der Künstler erfreut, dass nicht nur das übliche Kulturpublikum auf sein Werk reagierte.
  • Die Generalversammlung des Tourismus-Forums Luzern fand in der Kapelle statt. Ich durfte dabei einen kurzen Impuls zu den christlichen Wurzeln der Gastfreundschaft halten. Die Teilnehmenden waren überrascht, dass ich auf ihre konkrete Tätigkeit Bezug nahm und keine Moralpredigt hielt, sondern zum Ethik-Dialog einlud. Wie sich Tourismus-Geschäft und uneigennützige Gastfreundschaft verbinden lassen, dazu legte ich kein Rezept vor, sondern Fragen, die zum produktiven Aushalten der Ambivalenz ermutigten.
  • Durch die verschiedenen Veranstaltungen mit Besucher/innen aus unterschiedlichsten Bevölkerungsschichten kommen vermehrt Anfragen, ob die Kapelle für Ausstellungen, Aktionen und Konzerte genutzt werden kann. Daraus ergaben sich zum Teil gemeinsame Projekte, wie zum Beispiel eine Ausstellung mit Werken von Geflüchteten zu ihrem Ankommen in der Schweiz oder eine interreligiöse Feier «Weihnachten ohne Dich» für Menschen, die im vergangenen Jahr einen Menschen verloren hatten. Eine Gruppe von Musikstudierenden, die den täglichen Mittagsimpuls «zwölfnachzwölf» mitgestaltet, hat eigenständig ein wöchentliches Taizé-Singen initiiert.
  • Auf dem Platz findet zweimal jährlich ein Brotmarkt statt. Das Team der Kapelle hat dazu eigene Fahnen machen lassen, unter anderem mit dem eher unbekannten Bibelspruch „Lieber trockenes Brot und Frieden als Braten und Streit.“ (Sprüche 17,1) Auch hier knüpften wir am Netzwerk der Menschen, die in der Stadt arbeiten und sich engagieren (Zunft der Bäcker/innen) – und zeigen mit den Fahnen nach aussen, dass wir im öffentlichen Raum mitwirken wollen.
  • Anlässlich der Aufführung des Dürrenmatt-Klassikers „Der Besuch der alten Dame“ lud das Theater Luzerner Vereine und Institutionen zu Aktionen in der Güllen-Bar. Das Team der Peterskapelle war mit einem Workshop dabei: „Unsere goldenen Kälber“, wo mit Goldfarbe götzenmäßige Alltagsgegenstände angemalt werden konnten. Das Theater ist schon länger ein wichtiger Kooperationspartner der ökumenischen City-Pastoral, vor allem bei fünf bis sechs Theatergottesdiensten pro Saison. Nun wurde ein Theologe aus dem Team als «Experte» im Theaterexperiment «Taylor AG» eingeladen – im Kontext der Weltherrschaft von künstlicher Intelligenz werden dort in 30 Folgen menschliche Abgründe ausgelotet und mit externen Fachleuten diskutiert.

Vor allem gilt es, die Bedürfnisse und Erwartungen verschiedener Nutzergruppen miteinander zu vermitteln, ohne sie in einem Harmoniekonzept auflösen zu wollen.

  • Gelebter Widerspruch im Eröffnungsgottesdienst: Traditionelle und aktuelle Fahnen

    Zwei Luzerner Parlamente waren letztes Jahr in der Kapelle zu Gast: Der Große Kirchenrat (Parlament der Kirchgemeinde, also der staatskirchenrechtlichen Körperschaft) hielt seine Frühjahrssession in der Kapelle, und im Dezember kam der Große Stadtrat von Luzern (Legislative der politischen Gemeinde) zu einem Apéro in die Kapelle und empfing dabei das Friedenslicht von Betlehem. Die Kapelle ist von ihrer Geschichte Herr ein Ort der Demokratie; früher fanden hier die Bürgerversammlungen statt. An diese Tradition kann angeknüpft werden, auch um zu verdeutlichen, dass Kirche nicht unabänderlich als absolutistische Monarchie aufgebaut sein muss., sondern sich durchaus mit Demokratie verträgt.

Herausforderungen

Die erweiterte Nutzung der Peterskapelle bringt natürlich auch Spannungen und Konflikte mit sich. Die ersten anderthalb Jahre zeigen aber, dass dies weit weniger der Fall ist als angenommen.

Zum Stadtlauf mit Ziel am Platz neben der Kapelle hingen Fahnen an der Kapelle: „Alles Gute für den Lauf Ihres Lebens“.

Vor allem gilt es, die Bedürfnisse und Erwartungen verschiedener Nutzergruppen miteinander zu vermitteln, ohne sie in einem Harmoniekonzept auflösen zu wollen. In der Kapelle fühlten sich vor der Renovation vor allem traditionelle Gottesdienstbesucher/innen zu Hause. Sie hatten befürchtet, dass die Kapelle zu einer Art «Eventhallle» werden könnte. Diesen Befürchtungen konnte mit verschiedenen Maßnahmen entgegengetreten werden:

  • Nach wie vor finden in der Kapelle «klassische» Eucharistiefeiern am Werktag statt.
  • Die Kapelle ist während der Wochentage (Öffnungszeiten: 8.00 bis 18.30 Uhr) als Raum der Stille und der Liturgie definiert. Veranstaltungen und Treffen finden in diesem Zeitraum nur ausnahmsweise statt. Die Zahl der angezündeten Kerzen pro Tag (rund 150 in Nicht-Corona-Zeiten) zeigt, dass der Raum der Stille intensiv genutzt wird.
  • Veranstaltungen finden am Abend oder an Wochenenden statt, wobei auch an Wochenenden nur ausnahmsweise tagsüber.

Auf jeden Fall erfordert die Arbeit in diesem vielfältigen und zum Teil widersprüchlichen Kontext von den Mitarbeitenden eine große Ambivalenztoleranz.

  • Kunstinterventionen, die immer auch den liturgischen Raum betreffen, werden in den Gottesdiensten vorangekündigt und erklärt; zusätzlich sorgen Saalblätter für die inhaltliche Vermittlung mit theologischen Bezügen. In der Ausstellung «Ankommen» wurden zum Beispiel die klassischen Kreuzwegbilder durch Fotografien von Flüchtenden ersetzt; in der Fastenzeit ragte eine mit Messern beplankte Leiter in den Kirchenraum, mit Seilen am Altar befestigt. In Gesprächen wurde auch bei traditionellen Gottesdienstbesucher/innen Verständnis signalisiert, dass moderne Kunst in den Kirchenraum gehört.
  • Alle, die den Raum nützen, werden auf die jeweiligen Bedürfnisse anderer Nutzer/innen aufmerksam gemacht. Wenn dies ohne religiösen Autoritätsanspruch («sakraler Raum»), sondern mit der Notwendigkeit der Rücksichtnahme und Toleranz begründet wird, ist meist ein offenes Ohr und Herz zu finden.
  • Menschen und Gruppen, die diese Toleranz nicht aufbringen (wollen), haben in der Kapelle keinen Platz.
    Auf jeden Fall erfordert die Arbeit in diesem vielfältigen und zum Teil widersprüchlichen Kontext von den Mitarbeitenden eine große Ambivalenztoleranz, die in der persönlichen Erfahrung und theologischen Reflexion gründet, dass Glauben selbst immer ambivalent ist und als solcher gestaltet werden muss.

Literatur

  • Christian Bauer, Comeback Gottes? Eine theologische Polemik gegen die Rückkehr des Sakralen, in: Orientierung 72 (2008), 7-10
  • Walter M. Förderer, Zentren politischer Urbanität. Gottesdienst und Kirchenbau in der demokratischen Ära, in: Hans-Eckehard Bahr, Kirchen in nachsakraler Zeit, Hamburg 1968, 114-141
  • Michael Klessmann, Ambivalenz und Glaube. Warum sich in der Gegenwart Glaubensgewissheit zu Glaubensambivalenz wandeln muss, Stuttgart 2018
  • Theo Wehner, Stefan T. Güntert, Harald A. Mieg, Freiwilligenarbeit. Essenzielles aus Sicht der Arbeits- und Organisationspsychologie, Wiesbaden 2018

Praxis

Macht und Kirche aus der Perspektive einer Maria 2.0-Frau aus Münster

Irritation zu Beginn

Das Foto eines auf den Betrachter/die Betrachterin gerichteten Raubtiers, ein weiteres einer hoch ausgestreckten menschlichen Hand mit einer Siegesfackel … Beide Darstellungen irritieren mich in der Ausschreibung des 6. Strategiekongresses 2019! Sollen sie Widerstand wecken? Wollen sie visuelle Eindrücke, wie Kirche zum Thema Macht steht, vermitteln?! Ich mache mir meine Gedanken, denn das ist ja wohl intendiert…

Beide Bilder würden mich als katholische Frau von Maria 2.0 eher abschrecken an diesem Kongress zum Thema Macht teilzunehmen. Meine Assoziationen zu diesen Fotos: Mit einem Raubtier ist ja nun wirklich nicht zu spaßen, ich wünsche niemander und niemandem in eine Situation zu kommen, in der dieses Foto Realität wäre, denn – Gitterstäbe sind ja nicht zu sehen – es wäre um die Betrachterin, gewiss genauso um den Betrachter, geschehen. Der Mensch würde in Windeseile zum Fraß einer Raubkatze. Das andere Foto weckt in mir Assoziationen von Sieger*innen und Verlierer*innen, wenngleich für die fackeltragende Person ein glücklicher Moment nach jahrelangem disziplinierten Training.

Was haben diese beiden Bilder mit dem Thema Kirche und Macht zu tun? Das könnte frau sich allen Ernstes fragen und das ganze noch im Fokus einer Strategie. Es handelt sich ja um eine äußerst begehrte, ausgebuchte Veranstaltung, wie im Internet zu lesen ist.

Beide Bilder würden mich als katholische Frau von Maria 2.0 eher abschrecken an diesem Kongress zum Thema Macht teilzunehmen

Wir haben in den vergangenen Monaten von einigen Kirchenoberen entweder im persönlichen Gespräch, als Mail oder indirekt durch die Presse erfahren, dass es in der Kirche gar keine Macht gebe, es gebe nur DIENST. Ich werde später auf diese Interpretation und ihre Folgen zurückkommen.

Also bin ich zuerst einmal irritiert und suche eine „Rutsche“ für meinen Beitrag in dieser Zeitschrift futur2…

Biografische Vergewisserung

Ja, je länger ich darüber nachdenke, ich komme nicht drum herum, ein biographischer Einstieg ist das einzig Authentische. Mein Leben ist, weiß Gott, nicht von einer geradlinigen Biographie gekennzeichnet. Warum? Weil ich jedes Mal, wenn ich nach reiflicher Überlegung feststellte, dass eine Entscheidung nicht stimmig war, den Mut hatte, sie zu korrigieren. So ist mein Lebensweg scheinbar gespickt mit Brüchen, für mich aber ist er stimmig, weil ich mich allein vom Willen des Göttlichen in meinem Leben leiten ließ und aus dieser Zwiesprache heraus meinen Weg ging. An einem Punkt allerdings hadere ich bis heute mit meinem Gott, vielleicht auch mit Jesus Christus, weil ich nicht begriffen habe, warum er/sie mir diese Erfahrung zumuten musste. Es betrifft meine Verletzungsgeschichte mit der katholischen Kirche in Bezug auf meine berufliche Verwirklichung.

Nach einer klassisch katholischen Sozialisation, – gehorchen, zuhören, keine Widerworte geben, der Pastor hat immer Recht –, und dem Abitur machte ich eine Ausbildung zur Hörgeräte-Akustikerin im Betrieb meiner Eltern. Doch ich spürte, dass diese Berufswahl, mehr aber das familiäre Umfeld, mir perspektivisch zu eng war. Trotz schwieriger und teils demütigender Erfahrungen mit der Institution Kirche in der 60er Jahren, trat ich in ein nach außen Offenheit ausstrahlendes, modernes Kloster, eine kleine, überschaubare Ordensgemeinschaft ein. Nach drei Jahren – sie waren kein Zuckerschlecken, denn auch hier war der Gehorsam ein wichtiges Instrument der Bildung  junger Ordensfrauen – hatte ich mir erkämpft, zum Studium der Theologie nach Münster gehen zu dürfen. So lebte ich wochentags dort und an den Wochenenden im Kloster – eine dreijährige Zeit intensiver Auseinandersetzung mit theologischen Inhalten und der inneren Ablösung von meiner Gemeinschaft. Entscheidender für meinen Austritt nach dem Vordiplom war allerdings Anfang der 80er Jahre das erste feministisch-interdisziplinäre-Blockseminar für den deutschsprachigen Raum an der Universität in Münster. Als ich begann, aus der Perspektive von und mit anderen Frauen auf Gottesbilder, auf kirchliche Strukturen und theologische Inhalte zu schauen, begriff ich ganz langsam und anfänglich, wie Kirche zur Unterdrückung von Frauen beiträgt, ja, deren Rollen festschreibt.

… wären da nicht die beiden „bösen“ Worte (feministisch und tiefenpsychologisch) im Titel und auf dem Diplomzeugnis gewesen, die mir eine Anstellung im kirchlichen Dienst meiner Diözese dauerhaft verwehrt hätten

Für mich waren die Inhalte dieses Seminars und die zunehmende Vernetzung mit feministischen Theologinnen lebensrettend, davon bin ich überzeugt. Endlich hatte ich Vorbilder: Elisabeth Schüssler-Fiorenza, Isabel Charter Heywood, Catharina Halkes u.v.a.m. machten mir Mut, meinen eigenen theologischen Spuren nachzugehen und ließen in mir Zutrauen wachsen, mir eine eigene theologische Meinung zu bilden, die in tiefere innere Übereinstimmung mündete.

Allerdings hat mich diese innere Auseinandersetzung zum einen zum Austritt aus dem Kloster und zum anderen zum Abbruch des Studiums bewogen, weil ich mit weiteren „Pflichtfächern“ (Liturgie, Dogmatik, Kirchenrecht u.s.w.) nicht mehr zurecht kam, allzu kritisches In-Frage-stellen von Feministinnen war nicht gefragt und störte die universitäre Ordnung. Zu diesem Zeitpunkt gab es nur eine einzige Frau, die im universitären Mittelbau tätig war.

Ich brach ab, jobbte mich durch meine neu gewonnene Freiheit, fühlte mich halt und ziellos in einer autonomen Frauenbewegung, die mehrheitlich der Kirche längst den Rücken gekehrt hatte.

Doch in mir gab es noch einen klösterlichen Anker, durch den ich das Göttliche als individuell, befreiend und stärkend erlebt hatte: ignatianische Exerzitien. So wollte ich es wissen und entschied mich für die radikale 30-tägige Variante – ein Befreiungs- und Vertiefungserlebnis! Anschließend war mir klar, mein Studium sollte zu einem Abschluss kommen, mein Leben ordnete sich nach und nach und theologisch fand ich sowohl exegetisch wie auch tiefenpsychologisch sehr inspirierende und motivierende Lehrende. Mehr und mehr wuchs ich in theologische Kompetenzen, die mich erfüllten und mir Spaß machten, meine innere Befreiungsgeschichte setzte sich durch reflektierende theologische Inhalte fort. Meine mit eins bewertete Diplomarbeit gab mir (scheinbar?) Recht, wären da nicht die beiden „bösen“ Worte (feministisch und tiefenpsychologisch) im Titel und auf dem Diplomzeugnis gewesen, die mir eine Anstellung im kirchlichen Dienst meiner Diözese dauerhaft verwehrt hätten. Das konnte ich damals wirklich nicht glauben, aber das Bistum hat nach keinem meiner Bewerbungsverfahren, die ich positiv durchlaufen hatte, einer Einstellung zugestimmt – strukturelle Gewalt?

Grenzenlose Fassungslosigkeit

Nach diesem langen biographischen Einstieg, viele weitere Facetten bleiben schon unerwähnt, finde ich mich jetzt beim Thema Kirche und Macht, Kirche und Frauen, Kirche mit ihrer Monopolstellung als Arbeitgeberin für Theolog*innen und Kirche als streng hierarchisch organisierte Institution, in der es angeblich keine Macht, sondern nur Dienst gibt. Nach längerer Reflexion war mir klar, ich kann einen Artikel für diese Zeitschrift mit diesem Titel nicht authentisch ohne meine persönliche Betroffenheit schreiben, weil mich genau diese Betroffenheit in meinem theologischen Denken leitet, wie übrigens jede und jeder diesen subjektiven Aspekt ehrlicherweise zugeben müsste (s. K. Mertes im Vorwort zu: Doris Wagner „Spiritueller Missbrauch“, S. 10).

Wie die Kirche ihre Macht – gerade auch ihre strukturelle – lebt, demonstriert, ausübt, vollzieht, legitimiert, auch missbraucht und immer noch behauptet, macht mich sprachlos.

Wie die Kirche ihre Macht – gerade auch ihre strukturelle – lebt, demonstriert, ausübt, vollzieht, legitimiert, auch missbraucht und immer noch behauptet, macht mich sprachlos. Ich habe mir vergangene Woche noch persönlich in einem kleinen Kreis von einem Erzbischof sagen lassen müssen, es gebe in der Kirche keine Macht, sondern nur Dienst. Es macht mich aber auch zunehmend wütend und konfrontiert mich immer wieder mit der Frage, ob ich mich noch weiter mit meiner Energie, meinem Fachwissen, meinem Herzblut für diese Institution, für eine Erneuerung, für einen tiefgreifenden, radikalen Wandel in dieser so schwerfälligen, mich fortwährend diskriminierenden Institution Kirche engagieren möchte? Für mich spiegelt diese Haltung Ignoranz, Unfähigkeit zur ehrlichen Selbstreflexion (Ausnahmen ausgenommen) und eine Bagatellisierung des folgenschweren Machtmissbrauchs in der Kirche, wie allen seit der MHG-Studie klar sein muss. Unkontrollierte Macht ist nicht nur anfällig für Machtmissbrauch, sondern deren Produzentin. Ebenso fassungslos und erschüttert sehe ich auf die Themen ‚Doppelmoral‘ und Heuchelei (Frederic Martel: Sodom 2019).

Größte Anmaßung

Hätte ich nicht tief in mir die Haltung Jesu verankert, wie das Markusevangeliums sie schildert, in dem klare hierarchiekritische Töne vernehmbar sind, wäre ich wahrscheinlich bereits aus der Kirche ausgetreten, aber diese gute Botschaft lässt mich hoffen, dass Gottes Wort in der Kirche vielleicht doch irgendwann noch eine Chance bekommt. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Am unglaublichsten und anmaßendsten finde ich jedoch mehr und mehr, dass diese kirchliche Macht (und mit ihr z.B. auch der Ausschluss von Frauen zu den Weiheämtern und dadurch von allen relevanten kirchenpolitischen Entscheidungen) göttlich legitimiert wird. Das ist klarer Machtmissbrauch, da wird der vermeintliche Wille Gottes, zur Unterdrückung der Hälfte der Christ*innen missbraucht, da muss neben die Argumente Schrift und Tradition unbedingt die Vernunft gesetzt werden. Denn alles, was Menschen herabwürdigt, kann nicht der Wille Gottes sein. Gott ist die Liebe und die Liebe will Menschen groß, stark und schön sein lassen. Sie prahlt nicht und bläht sich nicht auf! (1 Kor 13)

Am unglaublichsten und anmaßendsten finde ich jedoch mehr und mehr, dass diese kirchliche Macht (und mit ihr z.B. auch der Ausschluss von Frauen zu den Weiheämtern und dadurch von allen relevanten kirchenpolitischen Entscheidungen) göttlich legitimiert wird.

Öffentliche Diskriminierung

Ich lade Sie ein, nochmals genau auf die Strukturen in der Kirche zu schauen (obwohl…: eigentlich dürfte das jedem denkenden Menschen hinlänglich bekannt sein): Die Kirche versteht sich als eine Institution, die Deutungs-, Auslegungsmacht der Schrift und des Glaubens für sich beansprucht. Aber nicht nur das, sie hält fortwährend ein System von Über- und Unterordnung aufrecht und lässt nicht die Bereitschaft erkennen, dieses System, letztlich sich selbst, ernsthaft in Frage zu stellen. Die hierarchische Verfasstheit der Kirche, der Klerikalismus schaffen Abstand zwischen Klerikern und Laien und halten letztere in Abhängigkeit. Angst vor Sanktionen lassen Menschen davor zurückschrecken, frei ihre Meinung zu sagen, gerade wenn Kirche in ihrer Monopolstellung ihr Arbeitgeber ist. Meines Erachtens hat sich diese Kirche über Jahrhunderte in eine immer enger werdende Sackgasse manövriert, in der sie es nicht schafft zu wenden, um einen gänzlich neuen und wirklich jesuanischen Kurs einzuschlagen. Denn diese Struktur der Kirche, die auf Kontrolle basiert, lässt (fast) nichts Innovatives  zu, sondern tötet letztlich jede Kreativität und Lebendigkeit, fast jeden geistgewirkten Neuanfang. In diesen Tagen ist die Amazonassynode zu Ende gegangen, was hat sie für Frauen in dieser Region gebracht? Was hat sie für die Frauen der Weltkirche gebracht? Skandalös auch, dass es nicht einmal möglich war, den an der Synode teilnehmenden (Ordens-) Frauen (im Unterschied zu den Ordensbrüdern!) Stimmrecht zu gewähren. Deutlicher kann Diskriminierung von Frauen in der Kirche nicht sein. In manchem schätze ich Papst Franziskus, zweifellos, er setzt Impulse, aber im Hinblick auf das Frauenthema hat er einen gewaltigen blinden Fleck und das ist nicht mehr hinzunehmen. Da kann die x-te Diakonninnenmöglichkeitsprüfungskommission doch wirklich nicht mehr ernst genommen werden und erweckt den Eindruck dieses Gremium möge ihn (und andere) bis zum Ende seines Pontifikats von dem Thema verschonen.

Skandalös auch, dass es nicht einmal möglich war, den an der Synode teilnehmenden (Ordens-) Frauen (im Unterschied zu den Ordensbrüdern!) Stimmrecht zu gewähren. Deutlicher kann Diskriminierung von Frauen in der Kirche nicht sein.

Blick nach vorne

Genug des Rückblicks! Wie ist es mit dem Vogel im Käfig, dessen Tür zur Freiheit geöffnet wird und der den Käfig nicht verlässt… Geht es uns genau so? Sind wir so lange an Unterordnung, an Demütigung, an Fremdbestimmung und Käfig gewöhnt, dass wir Angst vor der Freiheit, vor dem Fliegen, Angst vor Selbstverantwortung und Angst vor unserer eigenen Kreativität haben? Zurecht wird aus klerikalen Kreisen darauf aufmerksam gemacht, es gebe nicht nur einen Klerikalismus von ‚oben‘, sondern eben auch einen von ‚unten‘. Nochmals einen Aspekt meines geliebten Markusevangeliums: Wo immer es in diesem Text um Macht (exousia) geht, ist damit eine von der Person Jesu gedeckte Vollmacht gemeint, ein Verhalten anderen gegenüber, das durch seine Authentizität gedeckt ist und sozusagen als Macht in Beziehung auf Augenhöhe verstanden werden muss. Wenn die Kirche auf ihre Tradition pocht, warum ist sie nicht der Tradition dieses so wichtigen ersten Evangeliums und seiner wirklich befreienden Botschaft treu geblieben?

Wir Frauen von Maria 2.0 haben in den vergangenen Monaten, so verschieden die einzelnen Frauen dieser Bewegung auch sind – und das ist gut so –, eine Bewegung initiiert bzw. uns ihr angeschlossen, die eine Vision von Kirche hat, eine Vision, wie Kirche im MORGEN aussehen könnte. Natürlich haben wir zentrale Punkte kritisiert und Forderungen formuliert, aber das Entscheidende ist der Blick nach vorne, der Blick in eine ungewisse Zukunft. In eine Zukunft, von der wir nicht wissen, noch nicht einmal ahnen, wie sie aussehen wird und wer dauerhaft diesen Weg mitgeht. Ja, das macht auch Angst, mir zumindest, weil uns unsere Kirche ja auch Heimat war und ist. Aber auch Sarah, die Urmutter unseres Glaubens, musste ihre Heimat verlassen. Und uns soll es nicht so gehen, dass wir im Zurückschauen auf das Alte – wie Lots Frau – zur Salzsäule erstarren. Da fällt mir das aktuelle Zitat der Woche aus ‚Christ in der Gegenwart‘ von meiner Maria 2.0-Kollegin und Mitinitiatorin der Bewegung Maria 2.0, Andrea Voß-Frick ein:

Wir müssen uns frei machen von der Vorstellung, dass die großen Schritte aus der Kirchenhierarchie heraus gegangen werden

„Wir müssen uns frei machen von der Vorstellung, dass die großen Schritte aus der Kirchenhierarchie heraus gegangen werden – das ist am Ende auch nur eine Form des Klerikalismus. Wenn wir es ernst meinen mit der Botschaft Jesu, dann sind wir als Getaufte alle in seine Nachfolge gerufen und müssen diese Schritte selber gehen.“

Selbstermächtigung

Ja, ein Schlüsselbegriff unserer Bewegung ist die Selbstermächtigung, nicht weiter nach ‚oben‘ schauen (das hat mir auch schon vor fast 40 Jahren der niederländische Jesuit Ernst Thuring gesagt), sondern eigenverantwortlich und mutig den eigenen Weg gehen. Wo er hinführt, wissen wir nicht! Und logisch weitergedacht ist die Selbstermächtigung im Tiefsten Gottesermächtigung, ich fühle mich als weiblich-ebenbildliches Geschöpf Gottes mit aller Autorität/Vollmacht ermächtigt, diese Wahrheit Gottes in die Welt zu tragen, alles andere wäre Verleugnung. Zukünftig benötigen wir nämlich keine autoritären Unterdrückungshierarchien, sondern vielmehr – auch um globalen Problemen zu begegnen und der weltweiten Unterdrückung von Frauen in allen Religionen konstruktiv zu begegnen – kreative Wachstumshierarchien.

Ja, ein Schlüsselbegriff unserer Bewegung ist die Selbstermächtigung, nicht weiter nach ‚oben‘ schauen.

Wir sind gesprächsbereit und zugleich sind wir nicht bereit, uns in die alten, lähmenden Strukturen einbinden zu lassen. Maria 2.0 ist, wie Lisa Kötter, eine Mitinitiatorin der Bewegung Maria 2.0, es formuliert, ein freischwingendes Netz mit losen Enden!

Dieses Netz, freischwingend mit losen Enden, wäre für mich ein schönes, ein passenderes Bild, um zum 6. Strategiekongress einzuladen!

Praxis

Selbstverpflichtungserklärung von Priestern

Initiiert im Dekanat Ludwigsburg von Pius Angstenberger, Karl Böck, Matthias Burr, Alexander König, Luciano Marchesini und Stefan Spitznagel

Die Erklärung

Die MHG-Studie über die Missbrauchsskandale innerhalb der katholischen Kirche hat deutlich gemacht, dass sexueller Missbrauch durch die Machtstrukturen der katholischen Kirche begünstigt wird. Strukturelle Veränderungen stehen an. Mit dieser Selbstverpflichtungserklärung unterstreichen wir, dass sie dringend notwendig sind, und setzen einen Impuls.

Als Priester/Pfarrer verpflichte ich mich:

  1. Ich achte und respektiere die Würde und Persönlichkeit meiner Mitmenschen.
  2. Ich schätze und würdige die Kompetenzen der Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen
  3. Ich höre hin und setze mich für eine Gesprächskultur ein, in der die Meinung aller gehört wird und ihre Eigenständigkeit gewahrt bleibt.
  4. Ich achte die vielfältigen Frömmigkeitsformen, gehe sensibel und respektvoll mit den geistlichen Empfindungen meiner Mitmenschen um.
  5. Meine Rolle mache ich transparent und übe sie kooperativ aus; Machtkonstellationen und Abhängigkeitsverhältnisse versuche ich aufzudecken und zu verändern.
  6. Ich sorge für feedback und lade zu konstruktiver Kritik ein.
  7. Bei Entscheidungen beziehe ich die Betroffenen ein. Konsensfindungen haben Vorrang vor Abstimmungen. Entscheidungsprozesse gestalte ich nachvollziehbar. Die Ergebnisse sind für mich bindend.
  8. Klärungsprozesse treibe ich argumentativ voran, anstatt das Vetorecht in Anspruch zu nehmen.
  9. Ich ermutige zur Mitwirkung vieler und schätze die vielfältigen Begabungen und Talente.

____________________________

Ort, Datum Vor- und Zuname Unterschrift

Unser Anliegen

Die Missbrauchsskandale – vor allem sexualisierter Gewalt – innerhalb der Katholischen Kirche dauern nun schon einige Zeit. Inzwischen ist manches in Bewegung gekommen. Kirche und Öffentlichkeit sind in diesem Punkt sensibler geworden, die Kultur in der Katholischen Kirche scheint sich langsam aber sicher doch etwas zu verändern – wenn auch durch gesellschaftlichen Druck und schleppend.

Die MHG-Studie hat mit ihrer Untersuchung zum grundsätzlicheren Machtmissbrauch struktureller Art eine Verbindung hergestellt.

Allerdings scheinen wir von einer Diskussion, geschweige denn einer strukturellen Änderung noch sehr weit entfernt zu sein, da eine Verbindung zwischen Machtmissbrauch und sexuellem Missbrauch bei vielen Kirchenleitungen nicht anerkannt ist oder geleugnet wird.

Es war und ist uns ein Anliegen, als Priester zu reagieren, und unsere persönliche Betroffenheit zum Ausdruck zu bringen, indem wir unser vergangenes und künftiges Verhalten reflektieren.

In demokratischen Systemen wird Macht idealerweise kontrolliert und Machtmissbrauch mit strukturellen Maßnahmen eingehegt. Bei einem absolutistisch-hierarchischen System wie dem der Katholischen Kirche bleibt es dem Individuum überlassen, was es denkt und wie es sich verhält. Damit bleibt es seiner Willkür überlassen – sowohl positiv wie auch negativ.
Hier setzen wir an und tragen mit einem individuellen Procedere einen ersten Schritt in Richtung zu einer Lösung bei. Uns ist schon klar, dass die Kirche insgesamt in der Pflicht steht, strukturelle Änderungen vorzunehmen, und wir diesen Schritt nicht ersetzen können und wollen. Ganz im Gegenteil soll es Anstoß und Ermutigung sein, sich an Änderungen zu wagen.

Es war und ist uns ein Anliegen, als Priester zu reagieren, und unsere persönliche Betroffenheit zum Ausdruck zu bringen, indem wir unser vergangenes und künftiges Verhalten reflektieren.

Ein erster Schritt

Dafür scheint uns die oben dargestellte Selbstverpflichtungserklärung geeignet. Sie ist übrigens der Selbstverpflichtungserklärung des BDKJs für sexualisierte Gewalt nachempfunden. Uns wird immer wieder vorgehalten, dass es sich dabei um Selbstverständlichkeiten handelt. Doch scheinen diese Kriterien nicht unbedingt und überall gängige Praxis zu sein.

Bisher haben uns einige wenige, aber gleichzeitig ermutigende Reaktionen darauf erreicht. Gleichzeitig konnten wir auf diese Weise bisher in unserem Dekanat unter den Betroffenen ein wenig die Diskussion anstoßen. Insgesamt haben bisher 19 von 43 Priestern in unserem Dekanat unterschrieben, darunter 9 von 14 leitenden Pfarrern. Auf einer der nächsten Konferenz der Pfarrer werden wir uns damit auseinandersetzen. Weitere Schritte sind unsererseits gewünscht, jedoch noch nicht geplant.

Weitere Schritte

Wir überlegen, wie wir in unseren Arbeitsbereichen eine Kontrollinstanz einbauen, so dass andere unser Verhalten regelmäßig zurückspiegeln können. Teamarbeit und eine eingeübte Feedback-Kultur sind in vielen pastoralen Arbeitsbereichen bereits ein Anfang.

Wir nehmen uns gegenseitig in die Pflicht, hinterfragen unser Handeln und fragen selbst andere an, wenn ihr Handeln der Selbstverpflichtung widerspricht.

Aber: Wie können Ehrenamtliche oder Mitarbeiter/innen aus anderen Bereichen zurückmelden, wenn eine Schieflage entstanden ist? Wie können wir Wege der Rückmeldung entwickeln, wenn Macht in Konfliktsituationen missbraucht wird, wo die bisherigen Kommunikationsformen scheitern? Was würde Betroffenen in einem Abhängigkeitsverhältnis helfen, damit sie sich trauen, entsprechend zu reagieren?

Wir nehmen uns gegenseitig in die Pflicht, hinterfragen unser Handeln und fragen selbst andere an, wenn ihr Handeln der Selbstverpflichtung widerspricht.

Insgesamt wollen wir ein Zeichen setzen gegen Machtmissbrauch. Es tat und tut uns gut, uns gemeinsam mit diesen Machtfragen auseinanderzusetzen, das eigene Handeln zu überprüfen und klar Position zu beziehen. Den vorliegenden Artikel samt Selbstverpflichtungserklärung bringen wir in den Priesterrat unserer Diözese und in die Arbeitsgemeinschaft Rottenburger Priester ein.

Weitere Informationen

Praxis

Neue Führungsarchitektur im Ordinariat des Erzbistums Berlin

Interview mit Generalvikar P. Manfred Kollig

Das Erzbistum Berlin hat 2017/ 2018 im Erzbischöflichen Ordinariat eine neue Aufbaustruktur eingeführt. In diesem Zusammenhang wurde auch die Führungsarchitektur verändert. Generalvikar P. Manfred Kollig spricht im Interview mit Valentin Dessoy über Anlass, Konzeption, Umsetzung und Auswirkungen

Valentin Dessoy: Welche Situation fanden Sie vor, als Sie als neuer GV nach Berlin kamen (wie war das Ordinariat organisiert, was waren Stärken und Schwächen, …)?

P. Manfred Kollig:

Die Dezernentinnen und Dezernenten arbeiteten relativ unabhängig voneinander, kamen mit ihren Anliegen zum Generalvikar und klärten mit ihm bei Bedarf jeweils einzeln Fragen „ihrer“ Dezernate mit dem Generalvikar.

Als ich im Februar 2017 meinen Dienst begann, habe ich eine sehr heterogene Dienstgemeinschaft vorgefunden. Relativ viele Beschäftigte stammen ursprünglich aus anderen deutschen Bistümern oder aus dem Ausland. Einige Mitarbeitende hatten noch in den ehemaligen Ordinariaten in West-Berlin und in Ost-Berlin (zuständig für die Teile des damaligen Bistums in Ost-Berlin, in Brandenburg und in Vorpommern) gearbeitet. Viele haben die Finanzkrise des Erzbistums 2002/2003 erlebt mit teilweise auch persönlichen Einschnitten wie Umwandlung von Vollzeit- in Teilzeitstellen und der Aufgabe von bis dahin bezahlten Diensten in den Pfarreien (wie z.B. Sekretariats-, Hausmeister- und Küsterdiensten). Diese Erfahrungen wirkten und wirken spürbar nach. Trotzdem habe ich viele überdurchschnittlich motivierte und engagierte Mitarbeitende angetroffen.

Das Erzbischöfliche Ordinariat hatte damals die Struktur, die nach meinem Kenntnisstand der Struktur vieler Generalvikariate in Deutschland ähnelt. Es gab Dezernate, die in anderen Bistümern auch Hauptabteilungen genannt werden. Die Leiter der Dezernate waren die unmittelbaren Mitarbeitenden des Generalvikars. Die Dezernentinnen und Dezernenten arbeiteten relativ unabhängig voneinander, kamen mit ihren Anliegen zum Generalvikar und klärten mit ihm bei Bedarf jeweils einzeln Fragen „ihrer“ Dezernate mit dem Generalvikar. Die sogenannte Dezernentenrunde, die sich einmal wöchentlich traf, war eher ein Ort gegenseitiger Information und weniger eine Instanz, in der Entscheidungen vorbereitet und getroffen wurden. Zudem war nicht gesichert, dass die nötigen Informationen aus der Dezernentenrunde auch an die Mitarbeitenden im Ordinariat weitergegeben wurden.

Dessoy: Was waren Ihre Beweggründe über eine neue Aufbaustruktur und insbesondere auch über eine neue Führungsarchitektur nachzudenken?

Da unser Erzbistum … sehr vielfältig ist, haben wir uns auf die Communio als Quelle und Ziel der Kirchenentwicklung in unserem Bistum verständigt.

Kollig: Ganz oben steht die bewegende Einsicht, dass wir uns neu auf die Kirche als Communio besinnen müssen. Wir sind uns oft nicht mehr bewusst, dass Kirche keine Gemeinschaft von Menschen ist, die sich gesucht und gefunden haben. Wir sind weder als Weltkirche noch als Pfarrei noch als Dienstgemeinschaft in einem Ordinariat ein Freundeskreis oder ein Club. Vielmehr sind wir alle – ganz gleich mit welcher Ausrichtung, mit welchen Vorlieben oder Lebensläufen – in die Gemeinschaft mit Gott berufen als Schwestern und Brüder, die es anzunehmen und mit denen es zusammenzuarbeiten gilt; von denen wir uns nicht distanzieren oder trennen können. Mit meinen Worten sage ich gerne: Wir sind berufen zu lieben, auch wenn wir uns nicht mögen.

Im ersten Jahr habe ich sehr viel mit den Dezernenten über die Themen Kommunikation und Kooperation im Ordinariat gesprochen. Ebenso bin ich in die einzelnen Dezernate gegangen und habe dort Erfahrungen, Einschätzungen und Wünsche abgefragt. Außerdem waren mir gerade im ersten Jahr auch die Rückmeldungen aus den Pfarreien und den kirchlichen Einrichtungen an das Ordinariat wichtig. Aus alledem ergab sich für mich folgendes Bild:

Einerseits hat das Erzbistum Berlin den Pastoralen Prozess „Wo Glauben Raum gewinnt“ ins Leben gerufen. Mit diesem Prozess soll die Kirche im Erzbistum weiterentwickelt werden. Ziel des Prozesses ist. die Kommunikation und die Kooperation zwischen den Pfarreien zu verbessern, ebenso zwischen den Gemeinden innerhalb der Pfarreien und mit den Orten kirchlichen Lebens wie z.B. Kindertagesstätten und Schulen in kirchlicher Trägerschaft, anderen katholischen Einrichtungen, Ordensgemeinschaften und Verbänden. Da unser Erzbistum aufgrund der historischen und geografischen Bedingungen – Ost-West, Stadt-Land, mit einem über 20% hohen Ausländeranteil und zusätzlich vielen deutschen „Binnen-Migranten“ etc. – sehr vielfältig ist, haben wir uns auf die Communio als Quelle und Ziel der Kirchenentwicklung in unserem Bistum verständigt. Das bedeutet, dass wir uns als Katholiken von Gott in Gemeinschaft gerufen glauben und uns nicht als Club von Freundinnen und Freunden verstehen, die sich gesucht und gefunden haben.

Andererseits führt diese Vielfalt dazu, dass dieses System auch dafür sorgen muss, diese Vielfalt der Perspektiven einzubringen, Verständnis und Verständigung zu fördern und die in der Natur liegende Neigung des Menschen, eher in der Komfortzone der eigenen Denkmuster zu bleiben, zu überwinden.

Wenn diese Kirchenentwicklung in der Fläche des Erzbistums verwirklicht wird, muss sich dies auch auf das Ordinariat auswirken. Mir war nach einem Jahr klar geworden, dass die Forderung, in Communio zu leben und dazu gleichsam als Konsequenz die Kommunikation und Kooperation zu verbessern, auch an diejenigen gerichtet sein musste, die diesen Prozess von der Bistumsebene aus begleiten.

Andererseits können wir uns, wo immer wir den Anspruch haben, Katholische Kirche zu sein, nicht in Strukturen bewegen, die wir von der politischen Ebene kopiert haben. So wichtig es ist, die jeweiligen Zuständigkeiten zu klären, so wichtig ist es auch, sich über die Zuständigkeit hinaus im Rahmen jeder übernommenen Aufgabe beispielsweise folgende Fragen zu stellen: Wer könnte zu dieser Aufgabe etwas wissen (ganz gleich, in welchem Bereich oder auf welcher Hierarchieebene er oder sie arbeitet)? Wer müsste darüber informiert werden, dass ich an dieser Aufgabe arbeite (weil das Arbeitsgebiet der Kollegin oder des Kollegen davon betroffen wird)?

Zudem gilt für alle Ordinariate: Es liegt in der Natur des Systems, dass hier Menschen mit unterschiedlichen Professionen und damit erkenntnistheoretischen Ansätzen und Arbeitsstilen in einer Dienstgemeinschaft verbunden werden. Theologische und betriebswirtschaftliche, baufachliche und publizistische, pädagogische und juristische Kompetenzen, um nur einige zu nennen, sind einerseits notwendig, damit die Katholische Kirche unter den deutschen Gegebenheiten ihren Dienst tun kann. Andererseits führt diese Vielfalt dazu, dass dieses System auch dafür sorgen muss, diese Vielfalt der Perspektiven einzubringen, Verständnis und Verständigung zu fördern und die in der Natur liegende Neigung des Menschen, eher in der Komfortzone der eigenen Denkmuster zu bleiben, zu überwinden. Es gibt meines Erachtens nur wenige Einrichtungen, die aufgrund der Ausbildung des Personals und der Zielsetzungen, die mit dem jeweiligen Arbeitsbereich verbunden sind, so divergierend sind. Umso wichtiger ist es, Strukturen abzubauen, die – um es in einem Bild auszudrücken – unabhängige Seen schaffen, und stattdessen dafür zu sorgen, dass es zwischen den Seen Verbindungen gibt.

Dessoy: Wie sieht die neue Architektur, das Führungsmodell, konkret aus?

Es gibt zwei große Themenbereiche, die im Ordinariat bearbeitet werden müssen: „Sendung“ und „Ressourcen“… Die Bereichsleitungen der beiden Arbeitsbereiche einigen sich jeweils für ein Jahr auf eine Koordinatorin oder einen Koordinator aus ihren Reihen.

Kollig: Es gibt zwei große Themenbereiche, die im Ordinariat bearbeitet werden müssen: „Sendung“ und „Ressourcen“. Dem Arbeitsbereich Sendung sind alle Dienste zugordnet, die im Bistum für die Erfüllung des kirchlichen Auftrags in Berlin, Vorpommern und großen Teilen Brandenburgs zuständig sind. Dem Arbeitsbereich Ressourcen sind jene Dienste zugeordnet, die für den Einsatz und die sachgemäße Verteilung der Mittel zuständig sind. Die sieben Bereiche sind in Teilbereiche gegliedert. Die drei Bereiche Pastoral, Bildung und Personal-Sendung bilden den Arbeitsbereich Sendung; die Bereiche Finanzen, Bau, Personal-Ressourcen und Bistumsintene Organisation bilden den Arbeitsbereich Ressourcen. Die Bereichsleitungen der beiden Arbeitsbereiche einigen sich jeweils für ein Jahr auf eine Koordinatorin oder einen Koordinator aus ihren Reihen. Die Koordinatoren moderieren gewissermaßen die Bereiche des jeweiligen Arbeitsbereichs, klären Schnittstellen-Probleme und Arbeitsabläufe, beziehen den Generalvikar zu gegebener Zeit in Entwicklungen in den Arbeitsbereichen ein und sorgen für den Informationsfluss. Sie sammeln Themen, auch Konfliktthemen, und tragen zur Klärung bei. Schließlich gibt es einige Zentrale Servicestellen, die keinem Arbeitsbereich zugeordnet sind, sondern gleichsam wie ein Zahnrad zwischen den Arbeitsbereichen Dienstleistungen für das gesamte Ordinariat und alle Bereiche erbringen. Zu diesen Servicestellen gehören Presse- und Öffentlichkeitsarbeit oder Recht.

Dessoy: Wie war der Prozess zur Entwicklung der neuen Konzeption gestaltet (Motivation/Widerstände der Beteiligten, Aufwand, …)?

Kollig: Wenn ich hier einzelne Schritte aufzähle, die wir gemacht haben oder noch machen werden, klingt das nüchtern und kann den Eindruck erwecken, es gehe nur um eine Strukturveränderung. Deshalb erinnere ich vorab nochmals daran: Die Strukturveränderung ist ein Mittel, um das System zu irritieren, das Beharrungsvermögen aufzubrechen und neue Wege zu wagen, um die Kommunikation und Kooperation zu verbessern. Die Kommunikation in diesem Prozess ist stärker als die Struktur und die Strukturveränderung. 

Strukturveränderung ist ein Mittel, um das System zu irritieren, das Beharrungsvermögen aufzubrechen und neue Wege zu wagen, um die Kommunikation und Kooperation zu verbessern.

Mit einem externen Organisationsberater und Theologen, der einige Bistümer berät, über einen reichen Erfahrungsschatz verfügt und auch das Erzbistum Berlin schon vorher beraten hat, gab es 2017 einen ersten Klausurtag mit den Dezernenten und meinem Stellvertreter. Dieser diente dem gegenseitigen Kennenlernen und einer Bestandsaufnahme. Dort wurde beschlossen, daran weiterzuarbeiten und während eines zweiten Klausurtags die Themen „Kommunikation und Kooperation“ im Ordinariat genauer anzusehen. Bei einem dritten und vierten Klausurtag im Jahr 2018 haben wir uns mögliche Veränderungen in der Struktur angeschaut, die wir zwischenzeitlich erarbeitet hatten. Diese wurden in einer größeren Arbeitsgruppe „Organisationsentwicklung“, in der Mitarbeitende unterschiedlicher Professionen und die Mitarbeitervertretung vertreten waren, besprochen und weiterentwickelt. Die Entwürfe wurden bei zwei Mitarbeiterversammlungen vorgestellt. Ebenso gab es im Jahr 2018 zwei Fortbildungstage mit dem externen Berater für alle Führungskräfte, d.h. die damaligen Dezernats- und Abteilungsleitungen und die Leiterinnen und weitere leitende Beschäftigte. Mit demselben externen Berater gab es für alle Mitarbeitenden in drei Gruppen eine Fortbildung, die 3 Stunden umfasste. An diesen drei Gruppen-Fortbildungen habe ich auch selbst teilgenommen, um die Fragen, Vorschläge und Stimmungen kennenzulernen. Im Jahr 2019 bessern wir nach und lösen Probleme, die sich ergeben und die wir bisher übersehen haben. Dabei hilft uns das Ergebnis einer Mitarbeiterbefragung zu den Erfahrungen des ersten Halbjahrs. Die notwendigen Nachjustierungen bestehen vor allem darin, dass Schnittstellen zwischen den Arbeitsbereichen „Sendung“ und „Ressourcen“ zwischen den Bereichen, Teilbereichen und Servicestellen noch nicht umfänglich geregelt waren. Inzwischen sind alle Vollmachten (Entscheidungsbefugnisse, Unterschriftsberechtigungen etc.) geregelt. Im Dezember werden wir nochmals im Rahmen eines Klausurtags mit allen Bereichs- und Teilbereichsleitungen sowie dem Pressesprecher, dem Leiter der Servicestelle „Projekte und Prozesse“, der Justiziarin und dem Leiter des Diözesanarchivs arbeiten und vor allem Regeln für das Berichtswesen vereinbaren, durch die Kooperation zwischen den Einheiten verbessert wird.

Widerstände zeigen sich dort, wo auch in der neuen Struktur Mitarbeitende sich nicht mit Kolleginnen und Kollegen vernetzen, Informationen nur teilweise weitergeben, Wissen nicht umfänglich teilen und nur bedingt eigenverantwortlich, aber zugleich eigenmächtig handeln.

Vorbehalte, die geäußert wurden, lassen sich gut unter der Überschrift formulieren: Haben wir bisher alles falsch gemacht? Diese Widerstände zeigen sich außerdem dort, wo auch in der neuen Struktur Mitarbeitende sich nicht mit Kolleginnen und Kollegen vernetzen, Informationen nur teilweise weitergeben, Wissen nicht umfänglich teilen und nur bedingt eigenverantwortlich, aber zugleich eigenmächtig handeln. Vorbehalte äußern sich aber auch gegenüber anderen Veränderungen wie z.B. die Einführung Bezeichnung „Servicestelle“.

Dessoy: Welche Ziele sind damit verbunden? Welche Chancen/ Risiken, Vor- und Nachteile sehen Sie?

Kollig: Auch hierzu nur einige Aspekte:

Klarheit bzgl. unseres Auftrags als Ordinariat: Diese Struktur gibt eine klare Antwort auf die Frage: Wozu muss es uns geben? Alle Mitarbeitenden unterstützen, gestalten und fördern den kirchlichen Auftrag, Gott in dieser Welt zu entdecken und zu betrachten, aus dem Glauben zu leben und ihn zu verkünden. Die einen nehmen durch ihre pastorale, pädagogische und soziale Arbeit direkt an der Erfüllung der Sendung teil; die anderen durch die ordnungsgemäße Verwaltung der Güter und der Sorge um deren angemessenen und nachhaltigen Einsatz. Unterscheiden die einen im Arbeitsbereich Sendung eher, was sinnvoll und geboten ist von dem, worauf man inhaltlich verzichten kann, prüfen die anderen die Möglichkeiten, das Sinnvolle zu tun.

Unterscheiden die einen im Arbeitsbereich Sendung eher, was sinnvoll und geboten ist von dem, worauf man inhaltlich verzichten kann, prüfen die anderen (im Arbeitsbereich Ressourcen) die Möglichkeiten, das Sinnvolle zu tun.

Kooperation systemisch sichern innerhalb der Arbeitsbereiche und zwischen den Arbeitsbereichen: Am Beispiel der Dienste in den Schulen lässt sich dies gut darstellen. Man kann den Bereich Schule als geschlossenes System betrachten. Wir haben es stattdessen geöffnet. Somit werden die Inhalte wie z.B. das Profil dieser Schulen und deren pastorale Bedeutung in dem Arbeitsbereich Sendung, die organisatorischen Themen wie z.B. Finanzen, Baugestaltung und Beschaffung im Arbeitsbereich Ressourcen bearbeitet. Somit bekommen automatisch viel mehr Mitarbeitende eine Kenntnis über die Bedeutung Katholischer Schulen. Gleichzeitig wird es effizienter, wenn die Fachleute für Finanzen, Bau, IT, Personalwesen etc. nicht nur einige Bereiche sondern alle unterstützen. Auch der Religionsunterricht und alle seine Aspekte wie z.B. Personalgewinnung und –förderung ist nicht nur eine Angelegenheit einiger weniger, die im Bereich Schule arbeiten. Durch die Bearbeitung des Themas im Arbeitsbereich Sendung werden auch diejenigen beispielsweise an Problemlösungen beteiligt, die ansonsten z. B. verstärkt für Kategorialseelsorge oder Priesterausbildung  zuständig sind.

Die temporär übergebene Verantwortung als Koordinatorin bzw. Koordinator öffnet den Blick über den eigenen Bereich hinaus auf den ganzen Arbeitsbereich. Sie übernehmen mit dem GV und seinem Stellvertreter Verantwortung, wenn es Kooperationsprobleme zwischen den Arbeitsbereichen gibt.

Die temporär übergebene Verantwortung als Koordinatorin bzw. Koordinator öffnet den Blick über den eigenen Bereich hinaus auf den ganzen Arbeitsbereich.

Eines der Risiken, das im Blick behalten werden muss: Die größere Durchlässigkeit der Bereiche und die Förderung bereichsübergreifender Kooperation kann dazu führen, dass Mitarbeitende versuchen, unangenehme Aufgaben an andere weiterzureichen. Ein zweites Risiko besteht darin, dass durch die breitere Verteilung der Verantwortung kleinere Einheiten wie Teilbereiche sich abschotten und, waren die Dezernate wie Seen, die nicht verbunden waren, jetzt Pfützen entstehen, die unverbunden sind. Ganz gleich welche Struktur, Beteiligung setzt immer voraus, dass diejenigen, die beteiligt werden, fachlich und sachlich überzeugen, statt in erster Linie Eigeninteressen zu vertreten; und dass die Haltung, Menschen die es betrifft, in die eigene Arbeit einzubeziehen, sich durchsetzt und antreibt.

Dessoy: Gibt es schon erste Erfahrungen mit dem Modell? Welche Wirkungen sind absehbar?

Kollig: Durch die Veränderung wurde es notwendig, das eigene Tun verstärkt zu reflektieren: Welchen Sinn hat mein Auftrag? Wer ist von meinem Tun betroffen? Wer könnte etwas zur Lösung eines Problems beitragen? Mit wem muss ich über die gemeinsamen Schnittstellen sprechen? Viele solcher Fragen gibt es. Sie führen zu einer Auseinandersetzung mit dem eigenen Tun und letztlich zu einer besseren Kommunikation und Verständigung.

Das neue System vermeidet Nadelöhre bzw. eine Klumpenbildung bei der Verteilung von Macht und Vollmacht. Die Vollmachten bzgl. Entscheidungen und Unterschriften wurde auf eine größere Zahl von Mitarbeitenden verteilt. Dadurch wird vermieden, dass Entscheidungen aufgrund der hohen Anzahl nur noch der Form genügend getroffen bzw. unterschrieben werden.

Die größere Durchlässigkeit der Bereiche und die Förderung bereichsübergreifender Kooperation kann dazu führen, dass Mitarbeitende versuchen, unangenehme Aufgaben an andere weiterzureichen.

Die breitere Verteilung von Vollmachten führt dazu, dass die Bereiche und Teilbereiche Chancen und Risiken genauer und in kürzeren Zeiträumen feststellen können. Auch ist eine bessere Begleitung des Personals möglich. Hier arbeiten wir auch noch daran, dass die Mitarbeitenden sich nicht an die ehemaligen Vorgesetzten wenden, sondern ihre unmittelbaren Vorgesetzten in die Vorgänge einbeziehen.

Dessoy: Sie gehören zu den Arnsteiner Patres. Was hat das Modell mit Ihrer Ordenszugehörigkeit zu tun?

Kollig: Unter anderen kommen mir folgende drei Erfahrungen zugute:

  • Seit 1974 lebe ich in dieser Gemeinschaft. Im Laufe der Zeit habe ich es schätzen gelernt, dass wir jährlich in unseren Gemeinschaften vor Ort über unser Leben (Sendung, Lebensstil, Gebetsformen und-zeiten etc.) mit dem Ziel eines sogenannten Kommunitätsprojekts nachdenken und entsprechende Entscheidungen für das kommende Jahr treffen müssen. Auf der nationalen Ebene geschieht dies alle drei und auf der internationalen Ebene alle sechs Jahre.
  • Mit zeitlich befristeten Leitungsämtern auf der lokalen wie auf der nationalen und internationalen Ebene habe ich sehr gute Erfahrungen gemacht. So lernen möglichst viele Mitbrüder, für ein größeres Ganzes Verantwortung zu übernehmen und weiten den eigenen Horizont.
  • Seitdem ich eingetreten bin, erlebe ich kontinuierlich, wie notwendig es aufgrund des Schrumpfens unserer Gemeinschaft ist, Werke und ordenseigene Einrichtungen aufzugeben oder diese Anderen zu übergeben. Kommunitäten aufzulösen und liebgewonnene Orte und die dort lebenden Menschen zu verlassen, ist schmerzhaft. Gleichzeitig gehört es zu unserer Berufung, Zeugnis zu geben von der Hoffnung, auch wenn wir Wüste erfahren oder gar Exil. Unser letztes Provinzkapitel hat sich der schweren Aufgabe gestellt, in dem Jahr, in dem wir nach 100 Jahren das Kloster Arnstein verlassen haben, den Ersten Brief des Apostels Petrus  zu betrachten: „Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die euch erfüllt“ (1 Petr 3,15). Wie können wir, die wir unseren Namen in Deutschland aus dem Kloster Arnstein an der Lahn ableiten und im Bistum Limburg so gut aufgenommen wurden, diesen Ort und die Menschen verlassen und diese Schriftstelle im Alltag verwirklichen?

    Mit zeitlich befristeten Leitungsämtern auf der lokalen wie auf der nationalen und internationalen Ebene (des Ordens) habe ich sehr gute Erfahrungen gemacht.

Dessoy: Die Verwaltung im Erzbistum Berlin ist relativ klein. Ist eine Übertragung auch auf größere Verwaltungen denkbar?

Kollig: Meines Erachtens wächst mit der Größe die Notwendigkeit, die Vernetzung zwischen den Arbeitsbereichen im System zu sichern. Wir sind mit unseren 250 Mitarbeitenden nicht das Maß für die Art der Umsetzung. Größere Ordinariate und Generalvikariate benötigen bei der Umsetzung noch weitere Maßnahmen und auch andere Zeitfenster. Das Ziel zu verfolgen, die Kommunikation und die Kooperation zu verbessern, Doppelstrukturen abzubauen, die oft historisch gewachsene oder aufgrund von Persönlichkeiten entstandenen Vorherrschaften abzubauen, um die Begabungen und das Erfahrungswissen besser einbringen zu können, ist Aufgabe aller Ordinariate und Generalvikariate.

Dessoy: Wenn die Pastoral zukünftig in großen Räumen organisiert wird, könnte die Führungsarchitektur analog gebaut werden?

Kollig: Das Prinzip, für alle Mitarbeitende, ganz gleich auf welcher Ebene, dafür zu sorgen, dass die Aufgabe, Verantwortung und Befugnisse einen Dreiklang bilden und somit zueinander passen müssen, muss auf allem Ebenen gelten. Auch auf der Pfarreiebene muss umgesetzt werden, dass Sendung und Ressourcen die Gestaltung des Lebens in der Pfarrei bestimmen. Das bedeutet z.B., dass für eine gute Qualität der Zusammenarbeit zwischen Kirchenvorständen und Pfarreiräten (bisher Pfarrgemeinderäten) und zwischen Hauptamtlichen in der Pastoral und den Verwaltungsleitungen gesorgt werden muss.

Führungsteams, die sich ihrer Sendung und ihrer Ressourcen (Begabungen, Zeit, Geld etc.) bewusst sind und entsprechend handeln, müssen Markenzeichen der Katholischen Kirche sein, ganz gleich auf welcher Ebene.

Führungsteams, die sich ihrer Sendung und ihrer Ressourcen (Begabungen, Zeit, Geld etc.) bewusst sind und entsprechend handeln, müssen Markenzeichen der Katholischen Kirche sein, ganz gleich auf welcher Ebene.

Praxis

“Gemacht mit Würde, getragen mit Haltung” – Ein ökofaires Bekleidungs-Startup am Markt

Das junge Berliner Unternehmen dna merch handelt mit ökofairen T-Shirts und ermächtigt dadurch Bekleidungsarbeiterinnen in Europa und Asien. Anton Wundrak Mantovanini aus dem Gründungsteam gibt Einblicke in den bisherigen Werdegang, die Ziele und die täglichen Herausforderungen des Unternehmens, im radikal umkämpften Bekleidungsmarkt mit ethischen Standards ein Markenzeichen zu setzen.

Die Idee zur Gründung des Unternehmens kam uns 2014. Wir wollten sozialkritischen und umweltbewussten Musikbands die Möglichkeit geben, ihren Fans T-Shirts zu verkaufen, die nicht im Widerspruch zu ihren Liedern und politischen Engagements stehen. Authentisch, rückverfolgbar und solidarisch sollte das Ganze sein.

Authentisch, rückverfolgbar und solidarisch sollte das Ganze sein.

Die erste große Herausforderung bestand darin, die richtigen Partnerunternehmen zu finden. Ohne großes Startkapital und nur mit einer Idee ausgestattet mussten wir feststellen, dass das gar nicht so einfach ist. Wir konzentrierten uns zuerst auf die Suche nach einer Näherei. Unser Anspruch war es, dass diese möglichst von den Arbeiter*innen selbst verwaltet wird und nicht nach dem Profitmaximierungsprinzip “konventioneller” Betriebe in der Bekleidungsindustrie funktioniert. Nachdem wir bei unseren Recherchen auf Betriebe in Thailand, Argentinien und Nicaragua aufmerksam wurden, kam dann aus einer Gewerkschaft in Kroatien der Tipp, dass es eine Stunde nördlich von Zagreb eine genossenschaftlich organisierte Näherei gibt. Diese besuchten wir Ende 2014 das erste Mal persönlich und entschieden uns daraufhin zur Zusammenarbeit, nicht zuletzt auch wegen der vergleichsweise relativen räumlichen Nähe.

Bangladeschische Textilarbeiter protestieren für höhere Löhne.

Das nächste Thema war die Beschaffung von Biostoffen. Über die bestehenden Lieferantenstrukturen der Näherei war dies nicht möglich. Am Ende lernte ich auf einer Konferenz die Frau eines Inders kennen, der gerade dabei war, ein faires Textilunternehmen aufzubauen und sich dabei auf die Zusammenarbeit mit kleineren Betrieben in Südindien konzentrierte, für die es schwierig ist, selbst internationale Kunden zu akquirieren. Eines der wesentlichen Erkenntnisse aus der Partnersuche war, dass es wichtig ist, eine Überschneidung bei den Wertvorstellungen zu haben und dass ein ehrliches gegenseitiges Interesse an einer Zusammenarbeit bestehen muss. Von großen Stoffproduzenten bekamen wir entweder gar keine Antwort oder die Mindestabnahmemengen waren zu groß.

Eines der wesentlichen Erkenntnisse aus der Partnersuche war, dass es wichtig ist, eine Überschneidung bei den Wertvorstellungen zu haben und dass ein ehrliches gegenseitiges Interesse an einer Zusammenarbeit bestehen muss.

Nachdem wir jetzt zwei Partner gefunden hatten mit denen wir starten wollten, überlegten wir uns wie wir möglichst viel Aufmerksamkeit auf unsere Alternative lenken können. Außerdem mussten wir uns überlegen wie wir an Geld für die erste größere Stoffbestellung kommen. Wir entschieden uns für eine Crowdfunding-Kampagne und baten Musikbands aus verschiedenen Genres um die Erlaubnis exklusive T-Shirt-Motive von ihnen anbieten zu können. Fast 20 Bands konnten wir von der Teilnahme überzeugen. Die Kampagne bot uns und den Bands die Möglichkeit mit wenig Risiko auszuprobieren, ob unsere Idee gut ankommt. Denn produziert wurden die Shirts erst nach der Kampagne und zwar in genau der Auflagenhöhe wie sie bestellt wurden. Der Fokus auf Bands folgte zum einen der Logik, dass diese tolle Multiplikatoren sind über die wir viel mehr Leute erreichen können als allein, zum anderen hofften wir darauf, dass aus den Bands nach einer erfolgreichen Kampagne Geschäftskunden werden.

Der erhoffte Multiplikatoreneffekt trat ein und die Kampagne war mit über 23.000 Euro Umsatz erfolgreich. Allerdings war es dann doch wesentlich schwieriger Bands davon zu überzeugen, ihre Shirts von nun an bei uns einzukaufen. Nur sehr wenige Bands machten im Nachgang der Kampagne von diesem Angebot Gebrauch. Über die Zeit stellten sich dafür drei wesentlich Gründe heraus: Erstens, die Bands verstanden die Beteiligung an der Kampagne eher als einmalige Aktion statt als Auftakt einer langfristigen Kooperation. Zweitens, die Beteiligung an der Kampagne war für die Bands risikofrei und niedrigschwellig, um jetzt Shirts bei uns einzukaufen mussten die Bands jedoch Geld investieren ohne zu wissen, ob sie die Shirts am Ende auch tatsächlich verkauft bekommen. Drittens, viele der Bands verfügen über langjährige Partnerschaften mit Anbietern.

Immer dann wenn Qualität statt billiger Massenware gefragt ist, haben wir gute Karten.

Zum Jahreswechsel 2016/2017 realisierten wir eine zweite Bandshirt-Kampagne bei der wir über 27.000 Euro umsetzten. Aber auch dieses Mal ließen sich nur ganz wenige Bands im Nachhinein auf eine weiterführende Geschäftsbeziehung ein. Seither konzentrieren wir uns bei der Vermarktung verstärkt auf die Ansprache von Gewerkschaften und anderen Organisationen, die eine Affinität zu den Themen faire Arbeitsbedingungen und Umweltverträglichkeit haben. Wir konnten bereits einige Erfolge verzeichnen, wenngleich wir auch hier oftmals mit anderen wesentlich günstigeren Anbietern in Konkurrenz stehen. Immer dann wenn Qualität statt billiger Massenware gefragt ist, haben wir gute Karten. Shirts für einmalige Aktionen mit Motiven, die nicht alltagstauglich sind, werden bei uns in der Regel nicht angefragt. Und ehrlich gesagt hätten wir mit solchen Anfragen auch ein ethisches Problem, da wir möchten, dass unsere langlebigen Shirts eben auch möglichst lange getragen werden.

“Systemwechsel statt Klimawandel” wollen die Mitarbeiter unseres Kooperationspartners.

In der Gründungsphase – und auch heute noch – sind meine Kollegin Doreen Zelmer und ich auf ein zweites finanzielles Standbein angewiesen. Wir arbeiten in verschiedenen Forschungs- und Beratungskontexten. Ich schwerpunktmäßig zu Themen der sozialen Nachhaltigkeit, Gemeinwohl-Ökonomie, internationale Kooperation von NGOs und Gewerkschaften; meine Kollegin u.a. im Bereich der nachhaltigen Tourismusentwicklung.

Im Zusammenhang mit der Anfrage zu diesem Artikel, wurde ich gebeten etwas zum Thema Marke zu sagen bzw. wie wir es „anstellen“ im globalen Markt der Bekleidungsindustrie eine Marke zu werden. Hierzu ist zu sagen, dass nachhaltige und faire Mode nach wie vor ein Nischendasein fristen auch wenn die Nachfrage kontinuierlich zu steigen scheint. In dieser Nische gibt es jedoch bereits zahlreiche größere Anbieter, die sich auf die Produktion von T-Shirts und anderer Kleidungsstücke spezialisiert haben und diese Wiederverkäufern und Großhändlern wie z.B. der lokalen Textildruckerei kostengünstig und kurzfristig ab Lager zur Verfügung stellen. Diese Unternehmen setzen auf Zertifizierungen und Labels wie Fairtrade oder Global Organic Textile Standard, um das Vertrauen der zunehmend bewusster einkaufenden Kunden zu gewinnen.

Ein T-Shirt, in Würde von unserer kroatischen Partnergenossenschaft hergestellt.

Unser Ansatz hebt sich davon insofern deutlich ab, als dass wir den Aspekt der grenzüberschreitenden Solidarität in der Bekleidungsindustrie ins Zentrum unserer Kommunikation und Handlungen stellen. Nicht nur die Konsument*innen sollen ermächtigt werden, sondern vor allem die Arbeiterinnen. Das gute und möglichst schuldfreie Gefühl beim Einkauf ist wichtig, wichtiger aber ist unserer Meinung nach, dass es in den heutigen Produktionsländern zum Aufbau einer starken und unabhängigen Arbeiterbewegung kommt, die Rechte durchsetzen kann, die gelten auch wenn das Interesse europäischer Verbraucher für faire Mode vielleicht einmal nicht so stark ist. Wir haben daher neben der bewussten Entscheidung für eine genossenschaftliche Näherei auch eine Kooperation mit dem globalen Beschäftigtennetzwerk ExChains initiiert. Hier organisieren sich Arbeiterinnen entlang der textilen Wertschöpfungskette, tauschen sich auf Augenhöhe aus und entwickeln gemeinsame Strategien zum Aufbau gewerkschaftlicher Gegenmacht. In jedes T-Shirt haben wir deshalb den sogenannten “Worker Empowerment Beitrag” eingepreist. Er ist fester Bestandteil der Preiskalkulation und unabhängig davon, ob wir Gewinne machen oder nicht. Das ExChains-Netzwerk finanziert damit Kampagnen- und Erschließungsarbeit in Südasien. Durch diesen Ansatz unterstützen wir zusammen mit unseren Kunden also nicht nur die Arbeiterinnen in unseren eigenen Partnerbetrieben, sondern haben auch eine Wirkung hinein in die konventionelle Industrie, konkret z.B. in Zulieferfabriken großer Modekonzerne wie H&M, Zara oder Primark.

Ergänzend dazu organisieren oder begleiten wir anlassbezogene Soli-Shirt-Kampagnen, mit denen Gelder für verschiedene Zwecke gesammelt werden. Zuletzt war das die überaus erfolgreiche Kampagne „No Victims For Fashion!“ mit der wir verfolgte Bekleidungsarbeiterinnen in Bangladesch unterstützt haben. Aktuell läuft die Kampagne „Shirts for Change“, mit der das INKOTA Netzwerk Geld für Arbeitsrechtschulungen in der indischen Schuhindustrie sammelt.

Es geht um nichts Geringeres als die erste Plattformgenossenschaft in der Bekleidungsindustrie zu werden.

Momentan überarbeiten wir unser Geschäftsmodell und zwei Punkte sind dabei für die Leser*innen vielleicht besonders interessant: Zum Einen wollen wir es Einzelpersonen und Organisationen über eine eigene Internetplattform erleichtern ihre eigenen Shirt-Produktionen abzuwickeln und Gelder mittels risikofreien Vorverkaufs für solidarisch und fair gehandelte T-Shirts einzusammeln. Im Augenblick nutzen wir dafür die Plattform startnext oder unseren Webshop. Zum anderen planen wir in diesem Zusammenhang die Gründung einer Genossenschaft, an der sich dann alle an der Lieferkette beteiligten Firmen, ihre Mitarbeiter*innen sowie die Plattform-Nutzer*innen beteiligen können. Dahinter steht die Vision, dass alle irgendwie am Produkt und seiner Verwertung beteiligten Menschen fair vergütet und an etwaigen Profiten beteiligt werden. Um dieses Vorhaben in die Tat umzusetzen benötigen wir eine Finanzierung bzw. Förderung und die Bereitschaft vieler starker Partner sich an diesem innovativen Unternehmensmodell zu beteiligen. Es geht um nichts Geringeres als die erste Plattformgenossenschaft in der Bekleidungsindustrie zu werden und wir sind gespannt auf den Weg, der jetzt vor uns liegt.

Praxis

„Damit Menschen Gott kennen lernen“ – Christliche Medienarbeit zwischen Kreuz und Markt

Von Anfang an musste sich die Gemeinde Jesu mit ihrem Wort vom Kreuz auf einem Marktplatz Gehör verschaffen, sich präsentieren, sich bewegen. In den ersten Jahren war das der jüdische Binnenmarkt in Tempel und Synagogen, auf dem die Jünger Jesu und die ersten Christen auftraten. Sie kannten ihre „Kunden“, die Regeln der Kommunikation, und sie erlebten, wie der Heilige Geist „täglich Menschen zur Gemeinde hinzufügte, die gerettet wurden“ (Apostelgeschichte 2, 47).

Nur wenige Jahre begann sich dieser Markt unter dem Druck der einsetzenden Christenverfolgung, der Zerstörung des Tempels in Jerusalem und begünstigt von der römischen Verkehrsinfrastruktur auf den gesamten Mittelmeerraum auszudehnen. Getrieben vom Heiligen Geist fand die Gemeinde Jesu immer neue Wege und Sprache, um Menschen auch weit außerhalb der jüdischen Tradition verständlich zu machen, dass der Schöpfer des Himmels und der Erde sie liebt und ihnen in Jesus Christus das Angebot ihres Lebens macht. Die Resonanz war durchaus durchwachsen – „die Juden fordern Zeichen und die Griechen fragen nach Weisheit“, wie Paulus einmal in 1. Korinther 1, 22 beobachtet. „Wir aber“, schreibt er weiter, „predigen Christus, den Gekreuzigten, den Juden ein Ärgernis und den Heiden eine Torheit“ – und er stellt im Ergebnis fest, dass immer wieder Menschen in Christus „Gottes Kraft und Gottes Weisheit“ erleben.

Seitdem hat sich Gemeinde Jesu zwischen diesen beiden Polen bewegt: Einerseits getrieben vom Heiligen Geist, beauftragt mit dem Wort vom Kreuz und der Botschaft der Versöhnung – andererseits als einer von vielen Teilnehmern auf dem Markt der Gottesbilder, Weltanschauungen und Sinnangebote mit seinen eigenen Gesetzmäßigkeiten rund um die eigenständige „Kaufentscheidung“ der „Kunden“. Bis heute ist die Kommunikation der Guten Nachricht, einerseits beseelt vom inneren Sendungsbewusstsein der Gemeinde Jesu und andererseits ausgeliefert an einen Markt, in dem die Menschen am Ende unbeeindruckt von allen hehren Absichten mit den Füßen abstimmen.

Und nirgendwo stimmen Menschen so schnell ab wie auf dem Medien-Marktplatz. Ein Klick im Netz, ein Knopfdruck auf der Fernbedienung – und sie sind weg. Bleiben die Besucher eines Gottesdienstes meistens wenigstens aus Höflichkeit noch bis zum Ende sitzen, muss sich die Kommunikation des Evangeliums in den Medien in einem Markt bewähren, in dem die Kunden ihre Empfangsbereitschaft jederzeit abbrechen können. Ganz anonym und ohne jede Notwendigkeit einer Begründung.

Unsere geistliche DNA – das Sendungsbewusstsein – hat sich in diesen 60 Jahren nicht groß verändert: Wir machen Medien, damit Menschen Gott kennen lernen und er ihr Leben verändert.

Das ist die Herausforderung unserer christlichen Medienarbeit bei ERF Medien seit 1959. Unsere geistliche DNA – das Sendungsbewusstsein – hat sich in diesen 60 Jahren nicht groß verändert: Wir machen Medien, damit Menschen Gott kennen lernen und er ihr Leben verändert. Aber der Markt ist heute deutlich anders als 1959. Wir sind damals mit Radio auf Kurz- und Mittelwelle gestartet, und heute umfasst unser Angebotsportfolio für den deutschen Medienmarkt zwei digitale Radiokanäle, drei wöchentliche Bewegtbildformate, zwei große Online-Portale plus ein umfangreiches Social Media Management. Mit diesem Portfolio erreichen wir heute jeden Monat zwischen ein und zwei Millionen Menschen; das größte Wachstumspotential verzeichnen wir bei Smartphone-basierten Angeboten sowie unseren Social Media-Kanälen.

Weil sich der Medienmarkt derart dynamisch entwickelt, haben wir uns entschieden, die Wandlungsfähigkeit zu unserem Markenzeichen zu machen und nicht nur an den erfolg- und segensreichen Distributionswegen der Vergangenheit festzuhalten. Das erfordert immer wieder Umdenken und auch Umlernen bis hin zur systematischen Personalentwicklung zugunsten unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Eine große Herausforderung – denn die technisch-mediale Entwicklung verläuft seit Jahren deutlich schneller als es die menschliche Lernkurve eigentlich verkraftet.

In dieser Herausforderung hat sich als wichtig herausgestellt, immer wieder die gemeinsame geistliche Berufung hochzuhalten und die Organisation an ihr auszurichten: Wir suchen die besten medialen Möglichkeiten, um der Guten Nachricht Stimme und Gesicht zu verleihen – und zwar im Dauerauftrag. Deshalb investieren wir bewusst in medienübergreifendes Denken und Arbeiten: Trimediales Volontariat, medienunabhängige Organisationsstruktur, crossmediale Projektteams, medienübergreifende Setzung von Schwerpunktthemen, und ab 2021 ein völlig neues Medienhaus, das diese Interdisziplinarität mit einer geeigneten Infrastruktur unterstützt.

Ich glaube, dass jede Organisation eine einzigartige Persönlickeit hat, eine einzigartige Kombination von langjährig gewachsenen Kompetenzen und Merkmalen. Diese Persönlichkeit muss die Grundlage sein für den Markenkern.

Ich glaube, dass jede Organisation eine einzigartige Persönlickeit hat, eine einzigartige Kombination von langjährig gewachsenen Kompetenzen und Merkmalen. Und dass diese Persönlichkeit die Grundlage sein muss für den Markenkern, und Ausgangspunkt für die Markenkommunikation. Zu diesen „Persönlichkeitsmerkmalen“ zählt bei ERF Medien, dass wir gleichzeitig Missionswerk und Medienunternehmen sind und sein wollen – mit Gelassenheit und Selbstbewusstsein. Dabei sind wir getrieben vom Wort vom Kreuz und legen gleichzeitig Wert darauf, theologische Inhalte in interessante und verständliche Sprache umzusetzen. Uns interessieren die positiven Dimensionen des Glaubens, und wir suchen einen verantwortungsvollen Umgang mit sensiblen Themen im Medienkontext. Das ist unser christlicher Markenkern in der Medienlandschaft, und von hier aus gestalten wir unsere Markenkommunikation.

Interessanterweise spielt die sich nicht nur online und „on air“ ab – also über unsere digitalen Medienprodukte – sondern auch durch Menschen. Durch sehr viele Menschen. Auch das gehört seit 1959 zur DNA von ERF Medien: Wir waren und sind nicht nur eine Organisation, sondern auch eine Bewegung. ERF Medien bekommt keine Rundfunkgebühren oder Kirchensteuer, sondern ist zu fast 100% spendenfinanziert. Im Rahmen dieses Crowd-Fundings finanzieren heute rund jedes Jahr rund 45.000 Menschen ein Jahresbudget von gut 13 Millionen Euro. In der Beziehung zu diesen Menschen spielt die Vertrauenswürdigkeit der Marke „ERF“ eine ganz besondere Rolle.

Wir brauchen in Deutschland glaubwürdig aufgestellte und tätige christliche Organisationen, die der Guten Nachricht Stimme und Gesicht verleihen.

Zur „Bewegung ERF Medien gehören außerdem mehrere hundert ehrenamtliche Verkündiger, die von uns regelmäßig in Medienhomiletik geschult werden sowie etwa 11.000 Markenbotschafter, die überall im Land multiplikativ wirksam sind. Diese „ERF Botschafter“ werden von uns über eigene Social Media-Kanäle betreut und regelmäßig mit aktuellen Informationen und Material zur Produkt- und Unternehmenskommunikation versorgt, das sie auf vielfältige Weise einsetzen, um andere Menschen auf Medienangebote von ERF Medien aufmerksam zu machen.

Wohin die Reise in diesem dynamischen Marktumfeld in den nächsten Jahren auch immer gehen wird, von einem bin ich in Zeiten rapide sinkender Kirchenmitgliedschaftszahlen überzeugt: Wir brauchen in Deutschland eine engagierte, glaubwürdige, verständliche Botschaft der Hoffnung, und wir brauchen glaubwürdig aufgestellte und tätige christliche Organisationen, die dieser Guten Nachricht Stimme und Gesicht verleihen. Am Ende ist das der wichtigste Unique Selling Point von allen.

Praxis

Echt – Sinnvoll. Werbung für Pastorale Dienste im Erzbistum Köln

Die Hauptabteilung Seelsorgepersonal hat im März 2019 einen neuen Werbeflyer entwickelt, mit der für die Ausbildung als Gemeinde- bzw. Pastoralreferent/-in geworben werden soll. Mit der Broschüre wurde auch der Claim „Echt – Sinnvoll“ entwickelt, der als Slogan über weiteren Werbekampagnen für dieses Berufsfeld dienen kann. Pastoralreferent Markus Sakendorf-Alz ist Ausbildungsleiter für die Ausbildung zur/zum Gemeinde-/Pastoralreferent/-in in der Abteilung Personalentwicklung Pastorale Dienste im Erzbistum Köln. Er hat die neue Broschüre den dazugehörigen Claim maßgeblich mitentwickelt. Mit ihm sprach Frank Reintgen.

Das Interview führte Frank Reintgen.

Frank Reintgen: Lieber Markus, im Erzbistum Köln läuft – wie in anderen Diözesen auch – ein Bistumsprozess, der Klarheit bringen soll, wie die Kirche in Zukunft gelebt und gestaltet werden kann. Ist schon erkennbar, welche Auswirkungen dieser Prozess auf die Rolle und Aufgabenfelder der Pastoralen Dienste haben wird?

Markus Sakendorf-Alz: In der Tat befinden wir uns zurzeit mit der sogenannten „Aktuellen Etappe“ mitten in einem Bistumsprozess. Konkrete Ergebnisse stehen hier noch aus. Dennoch ist erkennbar, dass sich die Rolle der pastoralen Dienste verändern wird. Pastorale Dienste werden sicherlich in der Zukunft viel stärker als bisher als Ermöglicher und Befähiger gebraucht werden. Mit ihrer spezifischen Fachkompetenz werden sie Menschen dabei unterstützen, in einem hohen Maß von Selbstorganisation Kirche zu sein.

Klar scheint mir auch zu sein, dass Wandel und Veränderung eine zentrale Herausforderung für die Kirche in den kommenden Jahren sein und bleiben wird. Angesichts einer Welt, die sich in stetiger Veränderung befindet, muss sich auch Kirche beständig weiterentwickeln.

Reintgen: Welche Auswirkungen wird das auf die Pastoralen Dienste und deren Ausbildung haben?

Sakendorf-Alz: Pastorale Dienste werden in diesen Veränderungsprozessen eine wichtige Rolle übernehmen. Das verlangt eine hohe Bereitschaft seitens der Pastoralen Dienste zu lebenslangem Lernen.

Bildrechte bei Erzbistum Köln

Auch die Berufe der Pastoralen Dienste werden sich dementsprechend weiterentwickeln. Das ist auch für uns als Personalabteilung eine Herausforderung. Wir werden Pastorale Dienste brauchen, die ein hohes Maß Flexibilität und Aufbruchsbereitschaft mitbringen.

Reintgen: Welche Kompetenzen müssen junge Menschen künftig mitbringen, wenn sie als pastoraler Dienst im Erzbistum Köln arbeiten wollen?

Sakendorf-Alz: Aus meiner Perspektive, werden zukünftig Menschen gebraucht, die eine geistliche Kompetenz mitbringen und die eine inspirierende Kraft besitzen. Sie müssen Freude an Menschen und an Community haben. Sie sollen Ressourcen und sogar Lust haben, echte persönliche Herausforderungen anzunehmen, sich selbst zu entwickeln. Der eigene Entdeckergeist muss wach sein. Sie sollen den Mut und das Standing haben, der Kirche neue Gesichter zu geben. Und sie müssen die Fähigkeit haben, Menschen zu integrieren.

In allem sollten sie auch eine gewisse Gelassenheit und das Vertrauen haben, dass es eine lebenswerte Zukunft in der und für die Kirche geben wird.

Reintgen: Du hast beschrieben, wie sehr Wandel und Veränderungen die kommende Zeit bestimmen wird. Wie gehen eigentlich die jungen Menschen, die sich für ein Studium interessieren und denen Du im Rahmen der Ausbildung begegnest, mit dieser Situation um.

Sakendorf-Alz: Dass die Auswirkungen einer veränderten Zukunft bereits hier und jetzt sichtbar sind und der Wandel schon heute da ist, ist für die Studierenden spürbar und auch jetzt schon gestaltbar. Das muss ich den Studierenden nicht erklären. Für sie ist das schon normale Alltagserfahrung.

Pastorale Dienste werden in diesen Veränderungsprozessen eine wichtige Rolle übernehmen. Das verlangt eine hohe Bereitschaft seitens der Pastoralen Dienste zu lebenslangem Lernen.

Wir unterstützen junge Menschen, die den Beruf des/der Gemeinde- bzw. Pastoralreferent-/in anstreben, dabei, sich an dieser Zukunft gestaltend zu beteiligen. Dazu sind wir herausgefordert, damit die passenden Kompetenzen erworben werden können. Zugleich lernen wir von ihnen.

Letzteres gewinnt für mich zunehmend an Bedeutung. Denn diese junge Menschen zeigen uns, wie der Wandel in Kirche lebendig werden kann. Das können wir hervorragend von ihnen lernen. Das ist ein Teil der Veränderung auf die wir uns einlassen müssen und auch wollen.

Reintgen: Gibt es aus Deiner Sicht etwas, was die Ausbildung bzw. die Arbeit für pastorale Dienste im Erzbistum Köln besonders auszeichnet und profiliert?

Sakendorf-Alz: Ich sehe die Pastoral im EBK als einen großen Gestaltungsraum, an dem viele sehr unterschiedlich mitwirken. Das ist im Letzten das communiale Prinzip einer Kirche der Vielfalt. Sicher entwickelt sich mehr und mehr die Marke des Pastoralen Zukunftsweges heraus, der für das Programm dieser Vielfalt Grundlage ist. Wenn Gottes Geist uns in dieser Vielfalt zusammenhalten lässt, wird das meines Erachtens die Marke der Zukunft sein.

Für die Ausbildung heißt das, dass die Menschen in Ausbildung und Einführung in den Beruf vielfältig Mitgestaltende sind. Sie befinden sich in einer Lebensphase, in der sie mit ihrer Vitalität und Gestaltungskraft für die Kirche ausgesprochen spannend und interessant sind. Andersherum sehnen sich junge Menschen danach, die Welt mit zu gestalten. Sie suchen nach sinnvollen Tätigkeiten und Kirche kann der Ort sein, den sie mit ihrer Kreativität und ihren Ideen mitgestalten können.

Darin inbegriffen sind aber auch neue Aufgaben und Rollen wie die der Ermöglichung für das Mitgestalten vieler anderer in und außerhalb der kirchlichen Orte. Ebenso auch die klare Ausrichtung, Neues zu initiieren, das bedeutet, Innovation zu einem roten Faden der Arbeit zu entwickeln. Das kann bedeuten, dass die Studierenden schon früh beginnen, zum Beispiel über die Relevanz von neuen Gottesdienstformen für die Menschen nachzudenken und es in Praktika auszuprobieren.

Reintgen: Welche “Versprechen” gebt ihr jungen Menschen, die sich für einen pastoralen Beruf interessieren, im Hinblick auf die Berufsperspektive und die zukünftige Rolle im Erzbistum Köln.

Sakendorf-Alz: Zuallererst nehmen wir die jungen Menschen, die sich interessieren, als eigenständige Person ernst und wollen sie mit ihrer ganzen Persönlichkeit in die Teams integrieren und fördern. Für Studierende gibt es ein Förderprogramm, das sie auf ihrem Weg – parallel zum Studium – stärkt, inspiriert und ihnen ermöglicht, ihre Kompetenzen zu erweitern.

Diese junge Menschen zeigen uns, wie der Wandel in Kirche lebendig werden kann

Das beinhaltet beispielsweise Qualifizierungen im Bereich der professionellen Kommunikation ebenso wie die Förderung ihrer Spiritualität und der innovativen Kreativität. Skills, die sie noch nicht haben, können sie sich aneignen.

Wenn sie für die künftigen Anforderungen der Pastoral geeignet sind, erhalten sie die Chance, in den Beruf zu starten. Dieses Jahr sind es wieder elf Frauen und Männer, die neu im Erzbistum als Gemeindeassistenten/-innen und Pastoralassistenten/-innen beginnen und die Zukunft mitgestalten werden. Dann beginnt eine berufliche Laufbahn mit diversen Möglichkeiten eigener Entwicklung.

Reintgen: Nun habt ihr im März unter dem Slogan „Echt – Sinnvoll“ eine neue Broschüre herausgegeben, mit der für den Beruf des/der Gemeinde- bzw. Pastoraleferent/-in geworben wird. Wie kam es dazu?

Sakendorf-Alz: Unsere bisherigen Informationsbroschüren waren ein wenig in die Jahre gekommen. Wir wollen mit der neuen Broschüre auf veränderte Sehgewohnheit bei jungen Menschen reagieren. Denn wir haben festgestellt, dass junge Menschen heute anders sehen, wahrnehmen, lesen, was ihnen präsentiert wird. Darauf mussten und wollten wir reagieren. Damit Jugendliche und junge Erwachsene überhaupt Werbung für einen Beruf in der Kirche wahrnehmen, muss sie neu, direkt sein und emotional ansprechen.

Neben diesen durch ein verändertes Kommunikationsverhalten bedingten Aspekten mussten auch inhaltlich notwendige Veränderungen eingepflegt werden, die aus veränderten Rahmenbedingungen im Erzbistum herrührten. In alten Broschüren stand zum Beispiel eine Einstellungsobergrenze, die es so in unserem Erzbistum nicht mehr gibt.

Reintgen: Für welche Zielgruppe ist die Broschüre gedacht? Wen wollt ihr erreichen?

Sakendorf-Alz: Als Zielgruppe für die Broschüre haben wir junge Erwachsene im Alter von ca. 17-20 Jahren im Blick; Also junge Menschen, die sich in der Berufsfindungsphase befinden und die beabsichtigen, zu studieren ohne vielleicht schon genau auf einen Studiengang festgelegt zu sein.

Echtheit und Sinn haben das Potential prägende Merkmale für das Studium und den späteren Beruf als Pastoraler Dienst zu sein.

Wir wollen mit der Broschüre selbstbewusste und positiv auf eine gestaltbare Zukunft ausgerichtete Menschen ansprechen. Diese Zielgruppe hat ihr eigenes Wertebild und eine eigene Lebensart. Sie werden täglich mit vielfältigen Bildwelten überschüttet und leben gleichzeitig ganz selbstverständlich darin.

Reintgen: Ein zentrales Element der Broschüre ist der Claim „Echt – Sinnvoll“. Welche Botschaft verbindet ihr mit diesem Claim?

Sakendorf-Alz: Mit dem Claim „Echt – Sinnvoll“ wollen wir junge Menschen in Ihrem Werteverständnis ansprechen. Für junge Menschen hat der Begriff SINN eine sehr große Bedeutung. Deshalb wollten wir darauf unbedingt eingehen und ihnen zugleich mitteilen, dass sie selbst als eigenständige Person wichtig sind, daher das “Echt” im Claim:

Vielleicht ein kurzer Zoom in die Broschüre: Echt kann mit dem Begriff von wirklich oder authentisch übersetzt werden. Beides ist uns wichtig. Wir sehen auf den Fotos wirkliche Studierende der Theologie und der Religionspädagogik. Es gibt sie also tatsächlich! Und sie benennen hier auch, was sie mit echt und sinnvoll verbinden; im Studium gesehen zu werden oder von ihrem Glauben auf die Menschen zu schließen und christlich zu begegnen.

Das geht schon sehr in das über, was sie auch unter Sinnvoll verstehen. Einen Beruf zu erlernen, der vieles miteinander verbinden kann; vor allem mit anderen Menschen sinnvolles Leben zu gestalten, dass bereichert, stärkt und begeistert. Das ist Nachfolge Jesu, so wie es sich auch heute junge Menschen vorstellen.

Der Schriftzug selbst ist wie eine Handschrift, die das noch einmal unterstreicht. Das Individuelle hält ja beispielsweise wieder Einzug über Ipads oder andere Tablets genau mit der Möglichkeit, seine Schrift oder seine Zeichnungen kreativ in Dokumente einzubauen. Das fanden wir gut und haben es genutzt.

Die Bilder lassen viel entdecken und noch mehr erahnen: Wohin schauen die Studierenden durch das Fernrohr? Was ist im Hintergrund zu sehen. Welche Rolle spielen die Bewegungen und welche die Farben. Eigentlich zielt alles auf Perspektiven, eigene und gemeinsame Zukunftsbilder hin. Dazu gehört auch unsere bewusste Entscheidung für eine umweltbewusste Produktion der Broschüre in Material und Farben.

Allein der ständige Blick von außen durch die Agentur schult das eigene Sichtfeld.

Echtheit und Sinn haben das Potential prägende Merkmale für das Studium und den späteren Beruf als Pastoraler Dienst zu sein. Wir wünschen uns, dass „Echtheit und Sinn“ noch deutlicher zum Markenzeichen der kommenden Pastoralen Dienste werden.
Die Berufe der Kirche haben eine spannende Zukunftsperspektive, die im Claim “Echt – Sinnvoll” angetickt wird. Echt – Sinnvoll also.

Reintgen: Mit der Broschüre versucht ihr Menschen anzusprechen, die den kommenden Zukunftsaufgaben gewachsen sind. Kannst Du an ein paar Beispielen benennen, mit welchen Gestaltungselementen die Broschüre dies aufgreift?
Sakendorf-Alz: Die Bilder der Broschüre zeigen junge Menschen, die ein gemeinsames Ziel vor Augen haben, ohne dass das Ziel schon klar erkennbar wäre. Sie lassen sich ihre Motivation durch das schlechte Wetter nicht nehmen, und blicken mutig in die Zukunft; denn der Himmel reißt wieder auf.

Bildrechte bei Erzbistum Köln

Diejenigen, die hier zu sehen sind, sind auf der Suche nach dem „Mehr“ in ihrem Leben.

Ein weiteres Bild zeigt dieselben jungen Menschen, wie sie gemeinsam mit großer Lust und Freude über eine Pfütze springen. Hier werden Menschen gezeigt, die etwas riskieren, die miteinander etwas bewegen wollen und können. Sie nehmen vollen Anlauf und zeigen ihre Lebensfreude.

Die auf der Broschüre abgebildeten Studierenden sind schon dieser Wandel. Sie gestalten ihn bereits mit.

Reintgen: Wer hat an der Broschüre mitgearbeitet? Gab es Unterstützung durch eine Agentur o.ä. und wie sah die aus?
Sakendorf-Alz: Unterstützt hat uns die Kommunikationsabteilung des Erzbistums Köln und eine Agentur für Kommunikationsdesign.

Es war ein spannender und sehr lehrreicher Prozess. Allein der ständige Blick von außen durch die Agentur schult das eigene Sichtfeld. Aber auch das Finden des Claims hat uns zu mehr Klarheit verholfen. Vielfältige Entwürfe und Reflexionsschleifen haben den Weg zum Produkt bereitet.

Die Studierenden haben wir um ihre spontanen Assoziationen und Eindrücke zum Claim befragt, um uns darüber mehr Gewissheit zu verschaffen.

Als er stand, gab es eine tolle Fotoaktion im Stadtzentrum und im Rheinpark in Köln mit vielen weiteren spannenden Fotos. Sie wollen für Jüngere, zum Beispiel Schülerinnen und Schüler Vor-Bilder sein.

Wir gehen den Weg in unserer Personalentwicklung weiter und eröffnen damit auch weiterhin Wege zu den Berufen der Pastoralreferenten/-innen und Gemeindereferenten/-innen.

Wenn ich nicht auf ein paar textuelle Inhalte bereits in der Broschüre wert gelegt hätte, gäbe es nicht so viele Worte! Möglicherweise wäre das noch besser 😉

Reintgen: Gibt es bereits ein Feedback auf die Broschüre?

Sakendorf-Alz: Die Broschüre wird stark wahrgenommen und verbreitet. Über Facebook beispielsweise haben wir in wenigen Tagen allein 3.500 Personen erreichen können. Vor allem ist es aber relevant, dass es schon Anfragen für die Studiengänge ergeben haben.
An vielen Stellen wurde er ausgehangen und verteilt. Die Resonanz über Facebook ist stark.

Reintgen: Ist diese Broschüre Teil einer größeren Kampagne?

Sakendorf-Alz: Naja, von Kampagne würde ich noch nicht sprechen. Aber wir nutzen Claim und Broschüre, um den genannten Zielen nach zu kommen und Türen zu öffnen. Natürlich verwenden wir den Claim, Bilder und Texte der Broschüre auch auf unserer Homepage www.erzbistum-koeln.de/echt-sinnvoll. Hier findet sich auf weiteres Bildmaterial, das im Kontext der Erstellung des Flyers entstanden ist. Zudem gibt es die Mailadresse echt-sinnvoll[at]erzbistum-koeln[.]de, die den Claim aufgreift. Und wie gesagt haben wir die Broschüre auch über den Facebook-Kanal unserer Abteilung und „jüngere“ Kanäle unserer Berufungspastoral in die Social-Media eingespielt.

Wir gehen den Weg in unserer Personalentwicklung weiter und eröffnen damit auch weiterhin Wege zu den Berufen der Pastoralreferenten/-innen und Gemeindereferenten/-innen.

 

 

Praxis

“Treffen sich ein Panda, ein Einhorn und eine Katze in der Kirche” – Strategische Social-Media-Kommunikation im Bistum Essen

Kirche und schlecht kopierte Handzettel – ein Image, das wir leider so schnell wohl nicht loswerden. Und wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, dann leider auch zu Recht. Unmengen kopierter Flyer, die mit großen Lettern in der Schriftart Comic-Sans gesetzt, auf das nächste Event in der Gemeinde hinweisen: Für den ein oder anderen gehört das scheinbar fest zur Marke “Kirche”.

Dabei bieten Social-Media so viele wunderbare Möglichkeiten, unsere frohe Botschaft und unser Anliegen auch auf anderen Wegen zu transportieren. Und in Zeiten, in denen jeder von Storytelling spricht: Wir haben da ein Buch, das schon voll von Plots für jede Gelegenheit ist. Wir müssen es einfach nur machen. Und genau daran scheitert es oft. Bevor eine Idee umgesetzt wird, wird ein Arbeitskreis gegründet, und wenn dieser zu seiner Entscheidung gekommen ist, ist das Thema auch schon längst wieder uninteressant.

Im Ernst: Der schlecht kopierte Handzettel ist sicherlich eines der kleinsten Probleme, mit dem wir als Marke “Bistum Essen” gerade zu ringen haben. Die vergangenen Jahre haben unserer Marke enorm zugesetzt. Wenn wir online wahrgenommen werden, dann in aller Regel, weil es einfach wieder etwas neues Unfassbares gibt, mit dem niemand gerechnet hat. Die Marke “Kirche” ist bei vielen definitiv nicht positiv besetzt. Begegnet diese Marke den Menschen auf ihrem Weg durch das Netz, hinterlässt sie oftmals ein negatives Gefühl. Von der frohen Botschaft kommt nichts an. Zu bestimmend sind die Fehler und Versäumnisse, die wir uns als Kirche in den vergangenen Jahren geleistet haben, und das Image, das Kirche insbesondere wegen ihres Umgangs mit Homosexuellen und Frauen in der Kirche anhaftet.

Mit unseren Posts wollen wir Menschen die Möglichkeit bieten, wieder ungebunden mit uns in Kontakt zu treten.

Und genau hier versuchen wir im Bistum Essen mit unserer Social-Media-Kommunikation anzusetzen. Primäres Ziel all unserer Aktivitäten ist das Reputationsmanagement. Dabei geht es uns nicht darum, Schlechtes unter den Teppich zu kehren, Hauptsache, unsere Reputation, unser Leumund, stimmt. Im Gegenteil: Wir wollen sichtbar machen, dass Kirche im Bistum Essen mehr zu bieten hat als schlecht kopierte Flyer. Wir arbeiten ehrlich an unserer Reputation, in dem wir zum einen transparent mit dem Missbrauchsskandal und Bewegungen wie Maria 2.0 umgehen. Zum anderen arbeiten wir an unsere Reputation, damit Menschen ein positives Gefühl bekommen, wenn ihnen die Marke “Bistum Essen” in den sozialen Medien begegnet. Wir wissen, dass Kirche in der heutigen Zeit für immer weniger Menschen relevant ist und wir zu vielen keinen direkten Kontakt mehr haben. Mit unseren Posts wollen wir Menschen die Möglichkeit bieten, wieder ungebunden mit uns in Kontakt zu treten. Und diesen Kontakt sollten wir nicht vergeigen, denn dann ist das Gegenüber wieder weg. Daher sind unsere Postings in der Regel so konzipiert, dass sie den „harten Kern“ an Kirchenmitgliedern nicht verschrecken, und die große Gruppe an Menschen, mit loser, offener oder ungeklärter Bindung zur Kirche im besten Fall sagt: Das hätten wir der Kirche nicht zugetraut. Und wenn der Kontakt aufgebaut ist, kann Dialog gelingen. Ein Dialog, der vielleicht auch wieder zu mehr Beziehung führt.

Eine weitere Herausforderung, vor der wir als Kirche im Bereich Social-Media stehen, ist das große Thema „Tod und Trauer“. Gerade in den vergangenen Monaten und Jahren haben die Gesellschaft immer wieder unvorstellbare Unglücke oder Katastrophen erschüttert. Ich habe das Gefühl, dass die Generation, die einen großen Teil ihrer Kommunikation über Social-Media führt, noch immer auf der Suche danach ist, wie sie in solchen Momenten ihre persönliche Trauer und Betroffenheit verarbeiten kann. Und genau hier sehen wir uns in der Pflicht, die Menschen zu unterstützen und für sie ansprechbar zu sein. Meist veröffentlichen wir in solchen Momenten einen sehr schlichten Post und geben den Menschen die Möglichkeit, darauf zu reagieren. Sei es durch einen Kommentar, ein Like oder ein Share. Direktnachrichten, die uns in diesen Momenten erreichen, werden mit einem Seelsorger gemeinsam beantwortet. Wenn wir es als Kirche schaffen, gerade in solchen Momenten den Menschen einen Ort, eine Seite, für ihre Gefühle und Gedanken zu bieten, dann ist die Chance groß, dass dies auch auf unseren Markenwert einzahlt.

Die Generation, die einen großen Teil ihrer Kommunikation über Social-Media führt, ist noch immer auf der Suche danach, wie sie in solchen Momenten ihre persönliche Trauer und Betroffenheit verarbeiten kann.

Es wäre jedoch deutlich zu kurz gedacht, wenn wir unser Engagement nur auf solche Momente beschränken würden. Einmal Hand aufs Herz: Wir alle nutzen Social-Media nicht nur, um uns zu informieren, sondern wir wollen vor allem eins: unterhalten werden.

Wir sind die mit der frohen Botschaft, und was passt da besser als Humor. Aber natürlich sind Humor und Ironie in der nonverbalen Kommunikation immer eine Gratwanderung, die man gut abschätzen sollte. Das Listicel „13-Gründe, warum niemand das Bistums Essen braucht“ und das Video, bei dem eine “Stewardess” Sicherheitseinweisungen für den Weihnachtsgottesdienst gibt, gehören deshalb zu unseren erfolgreichen Posts. “Treffen sich ein Panda, ein Einhorn und eine Katze in der Kirche” – was für viele klingt wie der Beginn eines ziemlich miesen Witzes, beschreibt mit einem Augenzwinkern, welche grundlegende Ausrichtung die Social-Media-Arbeit im Bistum Essen hat. Wir versuchen immer wieder aufs Neue, in der aktuellen Kommunikation in den diversen Kanälen einen Kontext zu finden, in dem wir auch mit unseren Inhalten und unserer Botschaft präsent sein können. Und wenn wir dafür auch einmal das Martinspferd1 in den Fokus rücken und damit große Nachfragen und Interesse an unserem Content in der Reit-Community auslösen, ist das doch wunderbar. Auch wenn ich mein persönliches Ziel, mit diesem Inhalt in der “Wendy” unterzukommen, nicht erreicht habe, so bin ich mir sicher, dass eine standardmäßige Pressemitteilung zu dem Thema ganz schnell im Papierkorb gelandet wäre.

Außerdem macht es auch verdammt viel Spaß, für eine fast 2.000 Jahre alte Organisation Social-Media-Kommunikation machen zu dürfen.

Wir haben die Erfahrung gemacht, dass kirchliche Festtage und Traditionen bei vielen Menschen einen gewissen Trigger auslösen, auch wenn sie keine enge Bindung zur Kirche haben. Auch hier versuchen wir anzusetzen, um mit Aktionen, unsere Themen auch außerhalb unserer Filterblase zu platzieren. Der Content entsteht in unserem kleinen Team und wird mit Bordmitteln und ohne Agentur im Rücken umgesetzt.

Ich kann mich wirklich glücklich schätzen, Kolleginnen und Kollegen sowie einen Chef zu haben, die in der Phase der Ideenfindung nicht auf die Bremse treten, sondern oft nochmal den Spiritus auspacken und ordentlich ins Feuer kippen. Wenn dann der Bischof noch selbst auf Facebook und Twitter aktiv ist und ein Feedback zum Post gibt, dann ist der Anreiz, gute neue Ideen zu entwickeln, natürlich noch höher. Unsere Wettbewerber hierbei sind nicht die anderen Glaubensgemeinschaften, sondern die großen Player in den Social-Media. Fakt ist: wenn wir unsere Filterblase verlassen wollen, streiten wir nicht mit der evangelischen oder muslimischen Gemeinde von nebenan um die Aufmerksamkeit der Menschen, sondern mit dem großen Elektrokonzern, dem Autovermieter oder dem Möbelhaus. Auch wenn das Budget vielleicht nicht riesig ist, sollten wir einfach nicht müde werden, geniale Dinge zu produzieren. Außerdem macht es auch verdammt viel Spaß, für eine fast 2.000 Jahre alte Organisation Social-Media-Kommunikation machen zu dürfen. Es ist reizvoll, nicht für ein simples Produkt Marketing zu betreiben, sondern für die frohe Botschaft. Und wenn wir uns alle ein bisschen mehr darauf einlassen, unseren Markenkern – die frohe Botschaft – auch als solche zu begreifen und zulassen, dass die mediale Vermittlung Spaß machen darf, dann wird dies auch der Marke “Kirche” ziemlich gut tun.

Weitere Beispeile aus dem Bistum Essen:

  1. Halleluja zu Ostern
  2. Hubertus zur Jagdsaison
  3. Maria und Josef und Sixt
  4. Ostersmoothies zum Smoothie-Hype: Smoothie 1 | Smoothie 2
  5. Nikolaus WhatsApp-Kanal und so sah es auf dem Handy aus

 

Sternsinger (Carpool-Karaoke-Style)

Sie sind wieder unterwegs und sie können singen: Die Sternsinger.

Gepostet von Bistum Essen am Mittwoch, 3. Januar 2018

Praxis

“Für Dein Leben gern” – Marketing und Employer Branding: Das Bistum Münster geht in der Beziehung zu den Menschen neue Wege

„Geht’s noch?“ – „Sonst habt Ihr keine Probleme?“ Zwar reagieren die Menschen nicht immer so, wenn sie erfahren, dass die katholische Kirche im Bistum Münster seit inzwischen fünf Jahren versucht, professionelles Marketing zu betreiben. Aber, es kommt schon vor.

Gott sei Dank sind viele Rückmeldungen deutlich differenzierter und positiver, insbesondere dann, wenn erklärt wird, warum die katholische Kirche im Bistum Münster diesen Weg geht und welches die Perspektiven und Ziele sind: Das zweitgrößte Bistum in Deutschland möchte auch so den radikalen Veränderungen, vor denen die katholische Kirche landauf landab steht, begegnen. Zu den konkreten Maßnahmen zählen vor allem eine Imagekampagne und Markenstrategie. Zudem soll in diesem Jahr mit einer Kommunikationsoffensive deutlich gemacht, dass die katholische Kirche ein attraktiver Arbeitgeber ist. Eingebettet ist das in den Versuch einer stärkeren Kundenorientierung und in einem Kulturwandel, der den Markenkern „Beziehung“ ins Zentrum stellt.

Marketing als Prozess der Identitätsbildung

Münsters Bischof Felix Genn gesteht dabei offen, dass ihm viele Begriffe aus der Welt des Marketings fremd sind. Doch er macht auch deutlich: „Wenn man Marketing und Markenentwicklung zunächst und vor allem als Prozess einer inhaltlichen Selbstvergewisserung und Identitätsbildung versteht – so wie wir das tun –, dann ist es hilfreich, dass wir als katholische Kirche professionelles Marketing betreiben.“Dabei haben Genn und das Bistum Münster sich auf die Beratung eines „Papstes“ eingelassen. Die Rede ist nicht von Franziskus oder Benedikt, sondern von demjenigen, der gerne als „Marketing-Papst“ bezeichnet wird: Professor Heribert Meffert. Der 81-Jährige, der von 1968 bis 2002 an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster den ersten Marketing-Lehrstuhl Deutschlands leitete, unterstützt das Bistum Münster gemeinsam mit seinen Professoren-Kollegen Peter Kenning und Tim Eberhardt sowie der Düsseldorfer Agentur Castenow.

Wenn man Marketing und Markenentwicklung zunächst und vor allem als Prozess einer inhaltlichen Selbstvergewisserung und Identitätsbildung versteht, dann ist es hilfreich.

Und die Experten haben dem Bistum Veränderungen empfohlen, nicht aus dem Bauch heraus, sondern nach einer umfassenden Analyse der aktuellen Situation, nach einer „Kundenbefragung“. Vor vier Jahren hat das Bistum Münster – als erstes deutsches Bistum in dieser Form – die Katholiken in der Diözese in einer repräsentativen Umfrage gefragt, wie zufrieden sie mit den verschiedenen kirchlichen Angeboten sind. Die Ergebnisse waren vielleicht nicht überraschend, aber nun hatte man es schwarz auf weiß. Professor Meffert fasst es so zusammen: „Die Zufriedenheit mit der Institution ‚Katholische Kirche‘ ist in einem kritischen Zustand – die Lage ist ernst. Ein einfaches ‚Weiter so!‘ darf es nicht geben – die Bedürfnisse und die Wahrnehmungen der ‚Kunden‘ müssen sehr viel stärker in den Blick genommen werden.“ Heißt „ernst“ aber auch hoffnungslos? Keineswegs, wie der Marketing-Experte betont: „Wenn die veränderten kirchlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ernst genommen werden, wenn die notwendigen Veränderungen integer, interaktiv und integrierend angegangen und gestaltet werden, wenn die kirchlichen Dienstleistungen gläubigen-orientiert weiterentwickelt werden, und wenn insgesamt und vor allem die Beziehungsqualität zwischen Vertretern der katholischen Kirche und den Gläubigen verbessert wird, dann muss der katholischen Kirche vor der Zukunft – auch wenn sie ganz sicher anders sein wird als die Vergangenheit – nicht bange sein.“

„Beziehung“ als Kernauftrag und Markenkern

In der Vergangenheit ist manches geschehen, was Vertrauen erschwert und Beziehung gestört hat.

In dieser Aussage von Professor Meffert wird bereits die Perspektive genannt, von der sich das Bistum Münster in Zukunft auf allen Feldern sehr viel stärker leiten lassen will: Beziehungsqualität. „Das mag nicht neu erscheinen“, räumt das Bistum in einem im Frühjahr 2018 veröffentlichen Grundsatzpapier ein. Neu ist aber, dass das Bistum offen und ungeschminkt auf Schwächen hinweist, die es bei diesem Thema gab und gibt: „Auch dieBistumsleitung muss diese Kultur erst noch erlernen und verankern. In der Vergangenheit ist manches geschehen, was Vertrauen erschwert und Beziehung gestört hat. Menschen, die der katholischen Kirche fernstehen, erfahren diese zu wenig als eine Kirche, die an ihnen Interesse zeigt und für sie da ist, wenn sie sie brauchen. Trotz aller Bemühungen ist eine Kultur der Beziehung noch nicht identitätsstiftend geworden. Weder im Bistum selbst noch in der Außenwahrnehmung der Kirche von Münster wird eine solche Kultur als Kern dessen, wofür die katholische Kirche im Bistum Münster steht, wahrgenommen.“

Das soll sich ändern. „Es geht darum, eine Kultur der Beziehung zu fördern, die im Geiste Jesu ist“, wird als Ziel formuliert. Und wie soll das konkret erreicht werden? Bischof Genn gibt Hinweise: „Durch neue partizipative Leitungsmodelle auf Ebene der Pfarreien und Gemeinden, durch verlässliche inhaltliche Schwerpunktsetzungen, durch Gottesdienste, die nah am Leben der Menschen sind und zeigen: Gott ist bei uns sowie durch eine Außendarstellung der katholischen Kirche im Bistum Münster, die unsere gemeinsame Identität zum Ausdruck bringt.“

Provokante Imagekampagne

Apropos Außendarstellung: Hierzu gehörte im Jahr 2018 eine Imagekampagne, die eingebunden war in ein umfassendes Paket der Markenentwicklung. Mit von manchen als provokativ oder verstörend empfundenen Plakaten – weil sie vermeintliche Nachteile in den Mittelpunkt stellten – wies das das Bistum im vergangenen Jahr an Bushaltestellen, in Kneipen und Sozialen Netzwerken auf die verschiedenen Angebote der katholischen Kirche hin: von der Ehe-, Familien- und Lebensberatung, über die Familienbildung bis hin zur klassischen Seelsorge und Sakramentenspendung. Diese Kampagne sollte nicht nur unerwartet, sondern vor allem auch identitätsstiftend und relevant für die jeweilige Zielgruppe sein.

Warum aber die unerwarteten und zum Teil provokanten Plakate? Jochen Huppertz, der den Prozess der Markenentwicklung des Bistums seitens der Agentur Castenow begleitet, erläutert das: „Gezeigt wird bewusst nicht, wie toll die Angebote der katholischen Kirche im Bistum sind. Vielmehr wird das berühmte Haar in der Suppe, das immer jemand findet, in den Mittelpunkt gestellt. Über die vermeintlichen Nachteile beziehungsweise Angebotslücken werden die Vielfalt und Leistungsfähigkeit der Angebote, die die katholische Kirche im Bistum Münster den Menschen macht, inszeniert. Das geschieht mit lustigen, zum Teil natürlich sehr überzeichnenden Fotos und Sprüchen, die das scheinbare Defizit auf den Punkt bringen. Es ist nach unserer Einschätzung sehr humorvoll. Und ‚Humor‘ steht gewiss nicht ganz oben auf der Liste der Attribute, die man der katholischen Kirche sofort zuschreibt.“ Die Kampagne wurde im Blick auf ihre Wirkung professionell ausgewertet. Dabei zeigte sich deutlich die Wirkung externer Faktoren, die vom Bistum Münster nicht zu beeinflussen sind. Denn im Kampagnenzeitraum gab es ein „Critical Incident“, die Veröffentlichung der sogenannten MHG-Studie zum sexuellen Missbrauch in der Kirche. Diese beeinflusste die Wahrnehmung der Kampagne. Diese wurde vor der Veröffentlichung der MHG-Studie grundsätzlich signifikant besser wahrgenommen als danach. Legt man die ermittelten Werte vor der Veröffentlichung der MHG-Studie zugrunde, erfuhr die Kampagne eine Bewertung, die besser war als der Durchschnitt ähnlicher Kampagnen.

Neues Logo – Neuer Claim

Zugleich gab sich das Bistum Münster auch ein neues Logo, auf dem nun nicht einfach nur „Bistum Münster“ steht, sondern – neben einem offenen Kreuz – der Schriftzug „Katholische Kirche, Bistum Münster“. Denn nur mit der Bezeichnung „Bistum“, diese Erfahrung wird immer wieder gemacht, können viele Menschen nichts mehr anfangen. Zur Logik der Markenentwicklung gehört auch, dass viele Einrichtungen im Bistum das Zeichen in angepasster Form inzwischen übernommen haben: vom Priesterseminar, über Bildungshäuser, Beratungsstellen, den St.-Paulus-Dom, die Diözesanbibliothek oder auch bereits eine beachtliche Zahl von Pfarreien: Viele treten nun für alle erkennbar unter einer einheitlichen grafischen „Linie“, einer sogenannten „Dachmarke“ nach innen und außen auf. Das war und ist eine weitere Konsequenz aus der Befragung der Katholiken. Bischof Genn erläutert es: „Wir konnten der Studie auch entnehmen, dass viele Menschen gar nicht wissen, bei welchen Angeboten, die sie gerne nutzen, es sich um solche der katholischen Kirche handelt. Das möchten wir ändern: Wo katholische Kirche drin ist, sollte auch katholische Kirche draufstehen.“

Viele Menschen wissen gar nicht, bei welchen Angeboten, die sie gerne nutzen, es sich um solche der katholischen Kirche handelt.

Schließlich gehörte zum Prozess der Markenentwicklung im Jahr 2018, dass die katholische Kirche im Bistum Münster nun nach außen hin mit einem Claim, einem Slogan auftritt, wie man das auch von anderen Institutionen oder Unternehmen kennt. Er heißt: „Für Dein Leben gern.“  Claim – wieder so ein Begriff aus dem Marketing, mag man kritisieren. Gibt man jedoch „Claim“ bei Google ein, erscheint als erste Übersetzung „Anspruch“. Das trifft es gut. Denn mit dem Claim möchte das Bistum den Anspruch formulieren, den es an sich selbst hat. Der Claim soll die Haltung verdeutlichen, mit der die katholische Kirche im Bistum Münster Kirche sein will. Funktionieren, darüber ist man sich bei den Verantwortlichen im Bistum im Klaren, werden Logo, Claim und Markenbildung nur, wenn die Versprechen, die den Menschen damit gegeben werden, gehalten werden. Die Menschen müssen Kirche als beziehungsstiftend erfahren. Hier gibt es auch im Bistum Münster – das zeigt der Alltag und dass zeigen viele Ergebnisse der Befragung der Katholiken – noch einen großen Nachholbedarf.

Die katholische Kirche als attraktiver Arbeitgeber

Funktionieren, darüber ist man sich bei den Verantwortlichen im Bistum im Klaren, werden Logo, Claim und Markenbildung nur, wenn die Versprechen, die den Menschen damit gegeben werden, gehalten werden.

Nachholbedarf gibt es auch noch darin, wie sich die katholische Kirche im Bistum Münster, aber auch darüber hinaus, als Arbeitgeber präsentiert und darstellt. In der Öffentlichkeit herrscht – von der Kirche selbstverschuldet – oft das Bild einer ewig gestrigen Institution vor, die ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern vor allem vorschreibt, wie sie auch ihr Privatleben zu gestalten haben. Dass die katholische Kirche im Bistum Münster für Zehntausende Menschen ein attraktiver, familienfreundlicher, sinnstiftender und geschätzter Arbeitgeber ist, bekommt die Öffentlichkeit bislang kaum mit. Auch, dass unfassbar engagierte und kompetente Frauen und Männer in enorm vielfältigen Berufen gerne bei der katholischen Kirche im Bistum Münster arbeiten, ist kaum bekannt. Dies soll sich –  als weiterer Baustein im Konzept einer identitätsorientierten Markenbildung – in diesem Jahr ändern. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die von Kolleginnen und Kollegen hierfür vorgeschlagen wurden, werden in der Öffentlichkeit erzählen, warum sie gerne für die katholische Kirche im Bistum Münster arbeiten, warum die Arbeit in der und für die katholische Kirche für sie mehr ist als einfach irgendein „Job“. Und der Arbeitgeber „Katholische Kirche“ wird zugleich seinen Mitarbeitenden auf vielfältige Weise einfach einmal „Danke“ sagen. Auch die Probleme, die es gibt und geben kann, wenn man bei der katholischen Kirche arbeitet, werden nicht verschwiegen, sondern thematisiert werden.

So soll auch auf diesem Weg eines professionellen „Employer Brandings“ gezeigt werden, dass die katholische Kirche im Bistum Münster auch als Arbeitgeber mehr ist und dass sie anders ist, als das Bild, das von ihr in der veröffentlichten Meinung oft gezeichnet wird. Nicht, weil die Medien einfach gerne auf die katholische Kirche „draufhauen“, sondern weil die katholische Kirche hierfür selbst leider immer wieder die Anlässe liefert. Ja, „es geht noch“ und ja, die katholische Kirche hat viele Probleme, aber es gibt dennoch keinen Grund, den Kopf in den Sand zu stecken.

Weitere Informationen gibt es auf www.bistum-muenster.de/beziehung.

Praxis

Die Markenführung in der Marienhaus Unternehmensgruppe

Wer die Marienhaus Unternehmensgruppe kennenlernen und verstehen will, kommt nicht umhin, einen Blick in die Geschichte dieses traditionsreichen christlichen Trägers von sozialen Einrichtungen zu werfen. Denn die Geschichte erklärt so manche Besonderheit, die das Unternehmen und seine Einrichtungen auszeichnet, die Positionierung des Unternehmens manchmal aber auch erschwert.

Nur wenige Wochen, nachdem die Ordensgemeinschaft der Waldbreitbacher Franziskanerinnen am 13. März 1863 gegründet wurde, entsandte die Stifterin Margaretha Flesch die ersten Mitschwestern in die Eifel nach Adenau. So entstand die erste Filiale der Gemeinschaft, deren Gründung und Entwicklung gleichsam das Abziehbild für viele andere Gründungen ist: Die Schwestern wurden von lokalen Honoratioren angefragt und gingen dorthin, wo die Not am größten war. Sie engagierten sich (heute würde man sagen) in der ambulanten Kranken- und Altenpflege, gründeten Kindergärten und Handarbeitsschulen; nahmen schließlich auch Kranke und Alte zu sich auf.

Die Krankenhäuser sind für die Menschen vor Ort nicht nur wichtig für die Gesundheitsversorgung, sondern sind Eckpfeiler für die Lebensqualität in der jeweiligen Region.

So entwickelten sich die Einrichtungen, die meist im ländlichen Raum liegen, dort fest in der Gemeinde integriert und heute oft (einer) der größte(n) Arbeitgeber am Ort sind. So sind insbesondere die Krankenhäuser für die Menschen vor Ort nicht nur wichtig für die Gesundheitsversorgung, sondern werden auch als wichtiger Eckpfeiler für die Lebensqualität in der jeweiligen Region begriffen. Woraus für den Träger eine besondere Verantwortung und die Notwendigkeit resultiert, beispielsweise geplante Veränderungen frühzeitig und breit zu kommunizieren.

Auch wenn die Waldbreitbacher Franziskanerinnen bereits im Jahre 1903 die Marienhaus GmbH als Rechtsträger für ihre Einrichtungen gründeten, so waren sie im Bewusstsein der Menschen Krankenhäuser oder Altenheime „der Schwestern“ – selbst dann noch, wenn keine Ordensfrauen mehr vor Ort tätig waren. Das wirkt auch heute noch nach, nachdem die Waldbreitbacher Franziskanerinnen Ende 2011 die vormals ordenseigenen Einrichtungen in die Marienhaus Stiftung überführt und sich aus der Letztverantwortung für die Trägerschaft zurückgezogen haben.

Zum Unternehmen gehören 15 Krankenhäuser an 25 Standorten, 23 Alten- und Pflegeheime, drei Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe, sieben Bildungseinrichtungen und drei sonstige Einrichtungen. Zudem ist die Marienhaus Unternehmensgruppe an zehn stationären und ambulanten Hospizen beteiligt. Die Einrichtungen liegen in Rheinland-Pfalz, dem Saarland und dem südlichen Nordrhein-Westfalen. In der Trägerschaft arbeiten rund 13.800 Frauen und Männer.

Im Bewusstsein der Menschen waren es Krankenhäuser oder Altenheime „der Schwestern“ – selbst dann noch, wenn keine Ordensfrauen mehr vor Ort tätig waren.

Die Marienhaus Unternehmensgruppe war und ist ein dezidiert christliches Unternehmen. Das gerade aktualisierte Leitbild der Trägerschaft bringt das klar zum Ausdruck, wenn es dort heißt:

In der Tradition der Waldbreitbacher Franziskanerinnen knüpft die Marienhaus Unternehmensgruppe an das Leben und die Intention der Ordensgründerin Mutter Rosa Flesch an. Die Marienhaus Unternehmensgruppe gründet auf christlichen Werten und einer Unternehmenskultur gelebter Mitmenschlichkeit.

Diese Verbindung und Verbundenheit mit der Ordensgemeinschaft zeigt sich auch im Logo des Unternehmens. Bis in die 1990er Jahre hinein war dies das Kreuz der Waldbreitbacher Franziskanerinnen, von dem Sendungsstrahlen ausgingen. Es war in Braun-Rot-Tönen gehalten, die Schrift wirkte sehr schwer und bedeutungsschwanger – ein klassisches Produkt der frühen 1970er Jahre.

Seit 2006 hat die Marienhaus Unternehmensgruppe ein neues Logo. Das stilisierte Kreuz verweist ebenso schlicht wie eindeutig auf die franziskanischen Wurzeln der Trägerschaft und unsere Waldbreitbacher Heimat. Gleichzeitig macht es deutlich, was wir sind: ein werteorientiertes, christliches Unternehmen. Die beherrschenden und prägenden Farben sind Blau, Grün und Grau. Hinzu kommt die Schriftfamilie The Sans, eine der bekanntesten serifenlosen Schriften. Sie ist verbindlich für alle Publikationen, die gesetzt, gedruckt und veröffentlicht werden und damit auch ein wesentlicher Bestandteil des Erscheinungsbildes (Corporate Design).

Das Logo besticht durch seine Klarheit und seine schlichte Eleganz und soll die Marke Marienhaus in der Öffentlichkeit stärken, Orientierung bieten und Vertrauen schaffen. Ein durchgängiges und unverwechselbares Erscheinungsbild ist für die Kommunikation unserer Leistungen, aber auch unserer Anliegen unverzichtbar – das umso mehr angesichts der Vielzahl unterschiedlicher und unterschiedlich großer Einrichtungen, die sich auf drei Bundesländer verteilen und in unterschiedlichste Kontexte eingebunden sind.

Über die verbindliche Umsetzung des Corporate Design, das in einem internen Handbuch zusammengefasst ist, wacht zusammen mit der Stabsstelle Unternehmenskommunikation die trägereigene PR-Agentur. Als Inhouse-Dienstleister gestaltet sie sämtliche Druckerzeugnisse, Anzeigen, Werbegeschenke etc. für die Einrichtungen. Auch die Websites der Einrichtungen werden hier zentral betreut. Zwar ist jede Einrichtung selbst für die Inhalte ihres Internetauftritts verantwortlich, der Aufbau der Websites ist aber trägerweit gleich. In der PR-Agentur wird die zentrale Datenbank, die den Homepages zugrunde liegt, betreut und verwaltet. So haben die Einrichtungen einen großen Gestaltungsspielraum und können ihre individuellen Stärken ausspielen, gleichzeitig aber präsentieren sich alle Einrichtungen als Teil eines großen Ganzen, bleibt der einheitliche Markenauftritt der Marienhaus Unternehmensgruppe gewahrt. Zu dem trägt auch die einheitliche Bildsprache bei, die wir seit einigen Jahren in der Trägerschaft implementieren.

Ein durchgängiges und unverwechselbares Erscheinungsbild ist für die Kommunikation unserer Leistungen, aber auch unserer Anliegen unverzichtbar.

Diese Zugehörigkeit unterstreichen zahlreiche Einrichtungen auch durch die Änderung ihres Namens. Hatten sie in der Regel Heilige als Namenspatron (die hl. Elisabeth und der hl. Josef rangieren dabei wie bei vielen anderen katholischen Trägern auch an erster Stelle), so haben sie diesem ein “Marienhaus Klinikum” oder ein “Marienhaus Seniorenzentrum” vorangestellt. Diese Umbenennung erfolgt in der Regel im Zusammenhang mit der Fusion oder der Übernahme von Einrichtungen, wird aber auch beispielsweise beim Umzug in ein neues Gebäude vorgenommen. Damit wird die Kontinuität gewahrt und gleichzeitig in der jeweiligen Region die Marke Marienhaus weiter gestärkt.

Zur Marienhaus Unternehmensgruppe zählen auch eine Reihe von Beteiligungsgesellschaften, Einrichtungen also, bei denen Marienhaus nicht der alleinige Gesellschafter ist. Dazu gehören beispielsweise alle Hospize (bei ihnen ist die Einbindung bürgerschaftlichen Engagements unverzichtbar), aber auch Einrichtungen wie die Loreley-Kliniken St. Goar-Oberwesel. Diese haben selbstverständlich ein eigenes Logo. Durch die Verwendung der Farben Blau, Grün und Grau – ein Layout, das dem der Marienhaus Unternehmensgruppe folgt – und durch die Einbindung der Homepage in die Marienhaus-Datenbank wird bei aller Eigenständigkeit der Einrichtung schon auf den ersten Blick die Zugehörigkeit zur Marienhaus-Familie sichtbar. Auch hier leistet die trägereigene PR-Agentur wertvolle Dienste.

Welche Rolle in diesem System die Stabsstelle Unternehmenskommunikation spielt? Unmittelbar dem Vorsitzenden der Geschäftsführung zugeordnet, gestalten wir das Erscheinungsbild der Marienhaus Unternehmensgruppe und tragen mit dazu bei, dass das Unternehmen in der Öffentlichkeit ein prägnantes Gesicht und eine unverwechselbare Stimme hat. Und was für den Träger gilt, das gilt auch für die Einrichtungen. Auch sie unterstützen und betreuen wir auf diesem Weg, damit sie auch in schwierigen Situationen wissen, dass sie Teil einer großen und starken Trägerschaft sind, der Marienhaus Unternehmensgruppe.

Das wird in Zeiten, in denen die finanziellen Rahmenbedingungen im Gesundheits- und Sozialwesen immer schwieriger werden, in denen sich die Gesellschaft immer weiter ausdifferenziert, die Kommunikationskanäle immer mehr und vielfältiger werden und gleichzeitig die Sprachlosigkeit in der Gesellschaft immer mehr zunimmt, nicht gerade einfacher. Deshalb ist es umso wichtiger,dem Unternehmen auch in Zukunft ein prägnantes Gesicht und eine unverwechselbare Stimme zu geben. Dieser Herausforderung stellen wir uns täglich gerne.

futur2 möglich machen

Hinter der futur2 steht ein Verein, in dem alle ehrenamtlich arbeiten.

Für nur 20 € pro Jahr machen Sie als Mitglied nicht nur die futur2 möglich, sondern werden auch Teil eines Netzwerks von Leuten, die an der Entwicklung von Kirche und Gesellschaft arbeiten.

» MEHR ERFAHREN