Praxis

Schwul und katholisch in der Gemeinde Maria Hilf

Eine christliche Gemeinschaft von und für Lesben, Schwule und ihre Freund*innen (PSK) in Frankfurt am Main

Zum Projekt „Schwul und katholisch in der Gemeinde Maria Hilf“ (PSK) sagte der Frankfurter Stadtdekan Dr. Johannes zu Eltz im Buch „Eine Brücke bauen“ des Jesuitenpaters James Martin [Stuttgart 2018]: „Die Gruppe, überwiegend homosexueller Männer, feiert regelmäßig Eucharistie. Als es losging, wurde das Projekt von manchen stark angefeindet. Auch ich war aus der Ferne total dagegen. […] Bevor ich nach Frankfurt [August 2010] kam, dachte ich: Eines der ersten Dinge, die ich hier tun werde, ist, das Projekt schwul und katholisch plattzumachen. Aber der Stadtdekan ist von Amts wegen verpflichtet, einmal im Jahr im Projekt „schwul und katholisch“ Eucharistie zu feiern und ein Gespräch zu führen. Also ging ich hin. Und dann diese Messe, äußerlich ruhig, aber von innen her bewegend. Das hat mich tief berührt. Wie diese Menschen auf Gottes Wort hören und miteinander das Brot brechen, das hat mich so beeindruckt, das ich mich bekehrt habe.“

Johannes zu Eltz: Das hat mich so beeindruckt, das ich mich bekehrt habe.

Die Anfänge

Es ist schon erstaunlich, wie bedrohlich  eine kleine schwule Gottesdienstgemeinschaft auf einen leitenden Kirchenvertreter, dem ehemaliger Richter am Limburger Diözesangericht [1999-2010] Dr. Johannes zu Eltz, wirkte, dass er sie „plattmachen“ wollte. Eine Gottesdienstgemeinschaft, die seit Frühjahr 1991 mit ihren verbündeten Priestern und Pastoralreferentinnen zuerst in der Kapelle der Katholischen Hochschulgemeinde und dann in der Kirche der Gemeinde Maria Hilf regelmäßig Gottesdienst feiert. Schaut man auf die Beweggründe der  Initiatoren des PSK, die wegen ihres Outings als schwule Studenten trotz ihrer hervorragenden theologischen und menschlichen Fähigkeiten Berufsverbot im Bistum Limburg erhalten hatten, ist die Einstellung des ehemaligen Richters nicht verwunderlich. Schwule Christen mit ihren Freunden und Freundinnen zeigten sich gegen die kirchliche Tabuisierung homosexueller  Personen nicht nur seit 1991 in aller Öffentlichkeit, sondern luden auch – wegen ihrer weit geöffneten Kirchentüren –  andere Menschen zu ihren sonntäglichen Abendgottesdiensten mit ökumenischer Gastfreundschaft ein. Unter Beibehaltung der Liturgie des Kirchenjahres begannen die Verantwortlichen zunehmend in geschlechtergerechter Sprache auf der Grundlage schwuler Befreiungstheologie und der Dokumente des Zweiten Vatikanischen Konzils Eucharistie- bzw. Wortgottesfeiern zu gestalten. Etwa zwanzig bis dreißig Frauen und Männer kamen nicht nur aus dem Rhein-Main-Gebiet sonntagsabends in die Kirche Maria Hilf. Der Zuspruch schwuler, lesbischer, bisexueller und transidenter Menschen bestätigte die Initiatoren angesichts ihres Gemeindevorhabens. Ausdruck für ihre sorgfältig vorbereitete sonntägliche Liturgie ist das in den PSK-Anfangsjahren entstandene Gebet- und Gesangsbuch „Gotteslob unterm Regenbogen“. Der Katholischen Hochschulgemeinde Frankfurt gefiel dieses Gebetbuch so gut, dass sie es für ihre eigenen Studierenden anschaffte.

Schwule Christen mit ihren Freunden und Freundinnen zeigten sich gegen die kirchliche Tabuisierung homosexueller  Personen nicht nur seit 1991 in aller Öffentlichkeit, sondern luden auch – wegen ihrer weit geöffneten Kirchentüren –  andere Menschen zu ihren sonntäglichen Abendgottesdiensten mit ökumenischer Gastfreundschaft ein.

Lebendige Gottesdienstgemeinschaft

Endlich konnten gleichgeschlechtlich liebende Menschen in dieser ersten schwul-lesbischen Gottesdienstgemeinschaft im deutschsprachigen Raum aufatmen, beten, singen, sich als gläubige Katholiken ohne Angst zeigen, ohne sich verteidigen oder sich für ihre gottgegebene Sexualität entschuldigen zu müssen. Vom Gottesdienstmoderator, der zu Beginn des Gottesdienstes die Gemeinde wie den Priester bzw. die Pastoralreferentin begrüßt, weiß sich die Gemeinde willkommen geheißen. Schwule und Lesben geben sich den Friedenskuss, tragen aus ihrer Lebenserfahrung Fürbitten vor Gott und treten einzeln oder als Liebespaar im Kreis um den Altar auf. Die sonntägliche Fürbitte im Hochgebet für alle an AIDS Erkrankten, Verstorbenen und um sie Trauernden berührte viele Mitfeiernde tief. Schwule, lesbische und transidente Christen hören aus ihrer Gemeinschaft die Predigt, in der ihre Lebenswirklichkeit auf Grund der Frohen Botschaft Jesu vorkommt. So vom Sonntagsgottesdienst getröstet und gestärkt, fühlen sich viele gut vorbereitet für die kommende Woche, für ihre Arbeit, Nachbarschaft, Familie und ihren Freundeskreis.

Gemeinschaftsleben und Aktionen in der Öffentlichkeit

Trotz Anfeindungen extrem rechtskatholischer  und evangelikaler Kreise, trotz äußerer und innerer Krisen des PSK – zum Beispiel angesichts der Fluktuation ihrer Mitglieder in den Anfangsjahren – fühlen sich die PSK’ler durch ihren Sonntagsgottesdienst nicht nur spirituell gestärkt. Über die Jahre entstand ein reichhaltiges Gemeinschaftsleben mit Feiern, Reisen und Wochenendtagungen mit spiritueller Vergewisserung und Gemeinschaftsbildung. Darüber hinaus entstanden Untergruppen für die Bereiche Liturgie, Diakonie und Öffentlichkeitsarbeit. Obgleich die sonntägliche Liturgie das Hauptanliegen des PSK vor Ort im Frankfurter Gallusviertel blieb, wollten die Teilnehmer*innen nicht in einem sogenanntes „Nest des Wohlfühlens“ bleiben, sondern zeigten sich in der lesbisch-schwulen Frankfurter Community und nahmen an deren Aktionen wie zum Beispiel dem jährlichen CSD mit einem eigenen christlichen Stand und einem Gottesdienst zu Beginn der Christopher Street Day Tage teil.

Allen Anfeindungen extrem rechtskatholischer  und evangelikaler Kreise zum Trotz … entstand über die Jahre ein reichhaltiges Gemeinschaftsleben mit Feiern, Reisen und Wochenendtagungen.

Vernetzung mit anderen Gruppen im deutschsprachigen Raum

Als die PSK’ler erfuhren, dass inzwischen auch andere lesbisch-schwule Gottesdienstgemeinschaften in Basel, Stuttgart, Münster und Nürnberg entstanden waren, lud das PSK diese Gemeinden zum Dreikönigstag 2002 nach Frankfurt am Main ein, um sich als LSGG (Lebischwule Gottesdienstgemeinschaften)  zu vernetzen und gemeinsam in ihren Bistümern und Landeskirchen aufzutreten. Inzwischen gehören zehn schwul-lesbische Gemeinden von Basel bis Berlin der LSGG an. Neben den Jahrestagungen traten die LSGG‘ler zusammen auf Katholiken- und Kirchentagen jeweils mit einem Stand, einem Gottesdienstort und einer zentralen Veranstaltung in Zusammenarbeit mit andern lesbischen, schwulen, transidenten christlichen Initiativen auf, wie zum Beispiel der „Ökumenischen Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche e.V.“  oder dem „Netzwerk katholicher Lesben e.V.“ oder der „Arbeitsgemeinschaft schwule Theologie e.V.“.

Zusammenarbeit vor Ort – Verortung im Bistum

Vor Ort im Frankfurter Gallusviertel suchte das PSK einen guten Austausch mit der gastgebenden Gemeinde Maria Hilf. Eine jährlich gemeinsam gestaltete Sonntagmorgenmesse mit anschließendem  Mittagessen, regelmäßige Teilnahme am Pfarrfest mit eigenem Cocktailstand und an Gemeinderatssitzungen festigte den gegenseitigen Respekt bis hin zur selbstverständlichen Akzeptanz des PSK in der Gemeinde Maria Hilf. Unsicherheiten, Ängste und Vorurteile bestanden nicht nur in der Pfarrei Maria Hilf, sondern auch unter den PSK‘ler selbst. Anlässlich seines Visitationsbesuches im PSK 1996 sagte Bischof Franz Kamphaus zu den ängstlichen PSK‘lern, die befürchteten, dass, wenn Lederkerle oder Transvestiten an  ihrem Gottesdienst teilnehmen, die Kirchtüren zugemacht würden: „Wenn das Projekt vom Heiligen Geist ist, wird es Bestand haben.“

Inzwischen gehören zehn schwul-lesbische Gemeinden von Basel bis Berlin der LSGG an.

Es ist kein Geheimnis, dass sich Ressentiments gegen Minderheiten durch Outing, Begegnung, Dialog und Bildung sehr schnell in Luft auflösen. So ist auch die spontan veränderte Haltung des oben erwähnten Stadtdekans Dr. Johannes zu Eltz  zu verstehen. Er ist vom extremen Gegner des PSK zu einem engagierten Befürworter geworden. Outing – Mut sich zu zeigen trotz aller begründeten Ängste, Konflikte und Bedrohungen in der Familie, am Arbeitsplatz, in der Nachbarschaft, in der Pfarrgemeinde oder im Bistum ist der einzige Weg, um als homosexuelle Menschen normal in der Gesellschaft zu leben. Charakterzüge wie Selbstbewusstsein (wissend um Rechte und Pflichten), Selbstinitiative (auch gegen Widerstände) und Selbstverantwortung (der bedingungslosen Liebe Gottes als Schöpfer und Heiler vertrauend) können sich leichter in einer schwul-lesbischen Gemeinschaft entwickeln. Auf Grundlage dieser Erkenntnis entstand auf Initiative der PSK-Sprecher 1996 bis 1998 in Zusammenarbeit  mit dem damaligen Rechtsdezernenten des Limburger Bischofs,  Thomas Schüller, ein kirchenamtliches Dokument mit dem Titel „Projekt. Schwul und katholisch in der Gemeinde Maria Hilf“. Es ist das erste Mal im deutschsprachigen Raum, dass in einem kirchlichen Dokument das Wort „schwul“ benutzt wurde. Unter anderem  steht in diesem kirchenrechtsgültigen Papier, dass der Frankfurter Stadtdekan jährlich das PSK zur Visitation zu besuchen hat. Wie sich zeigte, besuchte der Stadtdekan das PSK nicht nur, sondern feiert mit der kleinen Gottesdienstgemeinschaft zusammen Eucharistie und bleibt anschließend zum geselligen Informationsaustausch. Aus dieser Zusammenarbeit entstanden auf Stadtebene gemeinsame Veranstaltungen wie in der Philosophisch Theologischen Hochschule St. Georgen zum Thema „schwul, lesbisch, katholisch sein“. Darüber hinaus wurde von der Stadtkirche eine Seelsorgestelle gegründet, an die sich ratsuchende homosexuelle Menschen, aber auch Eltern, Geschwister, Lehrer und Pfarrbeauftragte wenden können. Selbst die traditionspflegende Zeitung „Gottesdienst“, eine Information und Handreichung der Liturgischen Institute Deutschlands, Österreichs und der Schweiz, veröffentlichte im März 2019 den Bericht des ehemaligen Sprechers Burkhard Cramer anlässlich der 25-jährigen Feier des PSK im Frankfurter Haus am Dom unter der Fragestellung „Lern- und Wandlungsort. In Frankfurt am Main gib es seit über 25 Jahren einen Gottesdienst, der sich an homosexuelle Menschen und Ihre Freundinnen und Freunde richtet. Was unterscheidet diese Gruppenmesse von anderen, und warum braucht es diese Feiern überhaupt?“

Bischof Kamphaus: „Wenn das Projekt vom Heiligen Geist ist, wird es Bestand haben“

Basisgemeinde mit befreiungstheologischem Ansatz

In weiteren Begegnungen und gemeinsamen Aktionen des PSK mit kirchlichen Gruppen und schwul-lesbischer Community, auch auf europäischer Ebene durch die Mitgliedschaft im „Europäischen Forum christlicher Lebens- und schwulen Gruppen“, spiegelt sich die Grundhaltung der PSK‘ler  wieder, wie sie Michael Ling in seiner Rezension zum Buch: „schwul+katholisch eine christliche Gottesdienstgemeinschaft“, Berlin 2013, beschreibt: „Die Gemeinschaft organisiert, gestaltet und leitet ehrenamtlich Gottesdienste und Gemeindeleben – ein Beispiel, wie christliche Gemeinde authentisch gelebt werden kann. Denn: Unabhängig davon, ob ihre Mitglieder schwul und lesbisch sind oder nicht – das PSK kann Modell für eine von Gläubigen selbst getragene und geleitete Basisgemeinde sein. Folgendes wird deutlich: Selbstorganisation von Gemeinde im Sinne einer Entscheidungs-, einer ‚ehrenamtlichen‘ Kirche – auf der Grundlage des gemeinsamen Priestertums aller Gläubigen – ist möglich und  machbar! Von daher können das PSK und seine Gottesdienstgemeinschaft – etwa unter dem Leitbegriff ‚Kommunikation des Evangeliums‘ – alle Menschen ansprechen und ihnen am eigenen Beispiel in einer sich verändernden, von Individualisierung, Pluralisierung, Emotionalisierung und Globalisierung geprägten Welt aufzeigen, wie Glaube gemeinsam eine (neue) Heimat finden, gefördert und gestärkt werden kann…”

Jesus hat alle eingeladen und angenommen, ohne Wenn und  Aber.

Das Projekt selbst versteht sich als Basisgemeinde mit einem befreiungstheologischen Ansatz. Viele der Gemeindemitglieder – auch nicht-schwule bzw. nicht-lesbische – haben die Erfahrung des Auszugs oder des Ausgegrenzt-Seins gemacht. Der Weg zu sich selbst führt durch die Wüste aber auch zu intensiven Suchbewegungen und zu neuen Aufbrüchen. Die Gemeinschaft unterstützt dabei. Auf diese Weise werden spirituelle Erfahrungen gemacht, die anderen kirchlichen Initiativen und Gruppen, Kirchengemeinden und Kirche überhaupt wertvolle Impulse geben können. Jesus hat alle eingeladen und angenommen, ohne Wenn und  Aber, ohne Vorleistungen, ohne Ansehen von Stand, Position, sexueller oder jedweder Orientierung. Diese Annahme ermöglicht dem Einzelnen – als Zusage Gottes – die  Annahme seiner selbst.

Praxis

Erfahrungen mit einer Hauskirche – eine Reflexion aus der Praxis 

19:55 Uhr an einem Dienstagabend im Herbst. So langsam trudeln vier Menschen bei mir zuhause ein. “Wie geht’s? Was gibt’s Neues von deinem Vater mit Demenz? Wie geht es den Kindern in der Schule mit den neuen Corona-Auflagen?” Freundliches und interessiertes Ankommen, alle setzen sich um den großen Tisch, bedienen sich mit Wasser, Obst und Knabbereien. Es könnte ein Vereinsvorstand sein, ein Lesezirkel oder auch Schulelternvertreter*innen. Aber es ist eine Hauskirche.

Ich bin Mitte 40. Als postmoderner Christ fühle ich mich in meiner Kirche meist fehl am Platz. Pfarrei und Gemeinde bieten mir vor allem ein Angebot in meiner Rolle als Vater. Aber ich bin ja mehr als das. Als Christ suche ich einen Ort, an dem ich mich mit anderen Christ*innen über Glaubens- und Lebensfragen austauschen kann, in vertrauensvoller Atmosphäre auf Augenhöhe. Das habe ich lange gesucht, aber nicht gefunden. Und dann kam mir ein Zufall zur Hilfe.

Sowas wollte ich gerne gründen.

Pastorale Mitarbeiterinnen der Pfarrei machten eine „Sommertour“ durch unser Neubaugebiet, um zu hören, wie es den Katholik*innen dort ging. Das war meine Chance. Ich erzählte von meiner Sehnsucht und von einem Artikel aus dem Erzbistum Berlin, der von einer sog. Casa, einer Hauskirche berichtete. Sowas wollte ich gerne gründen. Und die Mitarbeiterin der Pfarrei nahm das ernst und vernetzte ein paar Menschen miteinander. Wir schrieben uns E-Mails und verabredeten ein Treffen, an dem wir schauen wollten, ob unsere Wünsche und Bedürfnisse zusammenpassten. Und es passte.  

Wir treffen uns immer bei jemandem zuhause. Diese Person ist Gastgeber*in und bereitet auch den Abend vor. Wir starten meist mit einer Gebetsrunde, in der wir vor Gott legen, was uns beschäftigt und wie wir gerade hier sind. Danach folgt eine Art Bibel-Teilen in sehr unterschiedlichen Formen. Heute steht das Evangelium vom kommenden Sonntag an. Wir hören, schweigen und tauschen uns aus: Was sagt der Bibeltext in mein Leben, in meinen Alltag hinein? Wir sprechen sehr persönlich über unseren Glauben und unseren Nicht-Glauben, unsere Hoffnungen und Zweifel, unsere Gottesbilder in all ihrer Unterschiedlichkeit. Mal gibt zusätzlich es ein Lied, ein Gedicht, häufig Fragen, Impulse und Zeiten der Stille.

Hauskirchen, so heißt es immer wieder, seien DIE Urform der Kirche und daher irgendwie auch die Form, zu der wir, in Zeiten der Institutionenkrise, wieder verstärkt zurückkehren müssten. Prof. Stefan Heid jedoch sieht Hauskirchen im historischen Kontext kritisch1. Sie seien eine Legende und würden als Gegenstück zur Bischofskirche instrumentalisiert. „Die Einheit der städtischen Gottesdienstgemeinde, die Beschränkung auf einen einzigen Ort und Altar sind ferner wichtige Instrumente der Autoritätssicherung des Prebyteriums und des Bischofs einer Stadt. Ihr Interesse ist nicht eine Stadtviertelpastoral durch ein immer größeres Netz von Kirchen, sondern im Gegenteil das Beharren auf der einen Kirchenversammlung an dem einen Altar.“2

Unsere Hauskirche ist kein politischer Gegenentwurf zu irgendetwas, sondern eher eine “spirituelle Selbsthilfegruppe”.

In diesem Diskurs scheint es auch aktuell um Machtfragen zu gehen. In der Praxis sind uns diese Fragen völlig egal. Unsere Hauskirche ist kein politischer Gegenentwurf zu irgendetwas, sondern eher eine spirituelle Selbsthilfegruppe. Wir waren alle auf der Suche nach etwas, das wir an anderen Orten nicht gefunden hatten. Und diese Bedürfnisse konnten in der gegenwärtigen Gestalt irgendwie fallen wir auch aus dem System Kirche ein wenig heraus und werden mit zwiespältigen Gefühlen betrachtet. Im Erzbistum Hamburg unterscheidet man innerhalb des „Systems  Pfarrei“ Gemeinden (die sich regelmäßig zur Eucharistie versammeln) und Orte kirchlichen Lebens. Beides sind wir nicht, weder in der Selbst- noch in der Fremdzuschreibung. Dann gibt es noch „Gruppen“ oder Verbände. Eine (soziale) Gruppe sind wir zwar, aber wir tauchen nicht in den Gemeinderäumen auf, brauchen kein Geld und nutzen keine hauptamtliche Unterstützung. Für Außenstehende ist unklar, was wir tun, und vielleicht ist es deshalb auch ein wenig suspekt. Auch aus meiner Sicht ist unsere Verbindung zur Kirche vor Ort nicht geklärt, vielleicht weil wir eine Festlegung vermeiden wollen:  

  • Ich möchte gerne unsere Freiheit im Handeln bewahren und daher nicht offiziell etwas in der Pfarrei anfragen (Räume, Geld etc.). Damit wäre gefühlt eine Art Rechenschaft verbunden, die sich vielleicht negativ auf unsere Freiheit auswirken würde.  
  • Gleichzeitig diskutieren wir innerhalb der Casa immer wieder, ob und wie wir uns öffnen können und auch innerhalb der Pfarrei wirksam werden können. In diesem Jahr werden wir beispielsweise einen Tag des „lebendigen Advents“ gestalten und damit als Casa auch nach außen auftreten. Damit verbunden ist auch das Gefühl, etwas zurückgeben zu wollen. Und vielleicht auch, von der Pfarrei wahrgenommen zu werden?  

Klar ist: Wir verstehen uns als (Teil von) Kirche. Zwei Aspekte, die uns dabei wichtig sind, könnten auch für die Zukunft des Christ-Seins wichtig sein: erfahrungsorientiert und auf Augenhöhe.

Beide Aspekte sind wohl Teil des ambivalenten Reflexionsgeschehens, das uns immer auch begleitet. Klar ist: Wir verstehen uns als (Teil von) Kirche. Zwei Aspekte, die uns dabei wichtig sind, könnten auch für die Zukunft des Christ-Seins wichtig sein: erfahrungsorientiert und auf Augenhöhe.  

Wir machen als Hauskirche gemeinsam geistliche Erfahrungen und wir teilen unsere Erfahrungen aus dem Alltag miteinander. Das ist etwas, das uns sowohl in der Liturgie als auch in „kirchlichen Gruppen oft zu kurz kommt. Das berühmte Wort von Karl Rahner trifft auch uns: Der Fromme der Zukunft wird ein ‘Mystiker’ sein, einer, der etwas ‘erfahren’ hat, oder er wird nicht mehr sein.3 Es geht also um den gelebten Glauben und wie er in Beziehung zur Tradition der Kirche gesetzt werden kann. Nicht absolute Wahrheiten stehen im Mittelpunkt, sondern die Passung: Wie kann ich meine Erfahrungen im Alltag religiös deuten? Welche Impulse gibt mir die Bibel dafür mit auf den Weg? Wie kann ich mich an unserem Religionsstifter Jesus von Nazareth orientieren und in seinem Sinne leben? Und wie entwickelt sich die kirchliche Tradition dadurch weiter?4

Wir wollen dies in Gemeinschaft und auf Augenhöhe miteinander teilen. Wir legen unser Wissen, unsere Lebensweisheit und unser Gottvertrauen zusammen und bereichern uns gegenseitig. Und dies gelingt in einer sehr wertschätzenden Atmosphäre. Wir alle haben in Kirche auch andere Erfahrungen gemacht, was letztlich zu diesem Suchprozess nach einer „Alternative“ geführt hat.  

Nach 90 Minuten enden wir mit einem gemeinsamen Gebet. Danach bleiben meist alle Sitzen, der Austausch geht weiter: der neueste Klatsch aus der Pfarrei aber auch Persönliches, das beim Bibelteilen angeklungen ist: Erfahrungen mit Tod und Trauer, neugeborene Enkelkinder, Enttäuschungen und Trennungen, Beförderungen und Bewerbungen, Zusagen und Absagen. Das ganze Leben.

Was das für meine Kirchlichkeit bedeutet? Ich sehe mich und uns als Teil von Kirche, als Teil dieser Jesus-Bewegung. Ich weiß aber nicht genau, wie die verfasste Kirche dazu steht. Der Pfarrer unserer Pfarrei weiß von unserer Hauskirche. Vielleicht zeigt sich hier der Kontrollverlust, den Kirche aktuell aushalten muss. Und wir auch. Kirche wird damit einen Umgang finden und sich dazu verhalten. Und wir auch.  

Praxis

Gelebter Glaube in neuer Form: „Mit Gott auf Schalke”

Einblicke in die Arbeit eines Fußball-Fanclubs

Erstaunen, Verwunderung – das sind oft die ersten Reaktionen, wenn ich vom Fanclub „Mit Gott auf Schalke“ berichte. Wenn ich dann noch unsere Gottesdienste und die „Schalke-Bibel“ ins Spiel bringe, ernte ich nicht selten Ablehnung oder wenigstens Kopfschütteln.

Wir wollen Gott im (Fußball-) Alltag erleben!

„Mit Gott auf Schalke“ – der Name des Fanclubs ist Programm: Wir wollen Gott im (Fußball-) Alltag erleben! Ist das ein zu großes Ziel? Macht es Gott nicht zu klein, wenn wir ihn mit dem banalen Alltag in Beziehung bringen? Wertet es den Fußball nicht zu sehr auf? Gibt es am Ende doch einen Fußballgott, wird der Fußball zur Religion erhoben? Viele Fragen drängen sich auf, wenn man von unserem Fanclub „Mit Gott auf Schalke“ hört…

Von Anfang an war es das Ziel, Schalke-Fans und anderen Fußballbegeisterten den christlichen Glauben näher zu bringen. Im Jahr 2007 wurde der Fanclub gegründet, zu Beginn mit nur 28 Personen sind es heute über 100 Mitglieder, verteilt in ganz Deutschland.

Das Ziel des Vereins ist „die Förderung des geistlichen und kulturellen Lebens, um den Glauben an Gott in einer säkularisierten Zeit wieder neu zugänglich zu machen“, wie es in unserer Satzung heißt. Wir arbeiten eng mit Fußballprofis, Journalisten und Fans, insbesondere des FC Schalke 04 zusammen. Mit dem Motto: „Gemeinsam im Einsatz für Gott und die Fans!“ setzen wir ein sichtbares Zeichen für mehr Respekt und Menschlichkeit. Der Grundsatz unseres Fanclubs lautet: „Gott steht bei uns an erster Stelle, wir leben unsere persönliche Beziehung zu Gott auf der Basis der Bibel.“

Diesen Satz kann man komplett durchbuchstabieren:

  • „Gott steht bei uns an erster Stelle“, d.h. Schalke ist kein Religionsersatz für uns, sondern einzig und allein Gott ist der Mittelpunkt unseres Lebens! Der Fußball kann niemals unsere spirituelle Sehnsucht erfüllen.
  • „Wir leben unsere persönliche Beziehung zu Gott“, bedeutet zunächst, dass wir eine solche bewusste Beziehung überhaupt haben und diese dann auch wirklich im Alltag leben!
  • „Auf der Basis der Bibel“ konstatiert, dass wir die Bibel als Gottes Wort erkennen und erleben.

…weil wir unseren Glauben ganz selbstverständlich im Alltag leben, wirken wir auch unaufdringlich missionarisch…

Dieser Glaube ist kein Zufall, keine Tradition, sondern er entstammt der bewussten Entscheidung, auf Gottes Handeln an uns zu antworten. Die Mitglieder des Fanclubs „Mit Gott auf Schalke“ haben eine persönliche Beziehung zu Gott und, weil wir unseren Glauben ganz selbstverständlich im Alltag leben, wirken wir auch unaufdringlich missionarisch, d.h., wenn wir nach unserem Glauben gefragt werden – und wir werden gefragt! – dann geben wir offen und ehrlich Zeugnis davon, gerade auch auf dem Fußballplatz und im Stadion!

Noch etwas ist wichtig: wir sind bewusst ökumenisch, wir respektieren nicht nur die unterschiedlichen Glaubens- und Gemeindehintergründe, sondern erleben diese Vielfalt als große Inspiration! Vor allem für mich als Theologin ist es inspirierend, wie bewusst man trotz aller Unterschiede seinen Glauben gemeinsam feiern und leben kann – wenn man Gottes Wort und nicht eine menschengemachte Religion ins Zentrum stellt!

Zwei zentrale Werte bestimmen unser Handeln

Die grundlegenden Prinzipien des Fanclubs ergeben sich direkt aus unserem christlichen Glauben: Respekt und Gewaltlosigkeit.

  1. Respekt vor ALLEN Menschen!
  • Das gilt zunächst natürlich für die Fans und Spieler der gegnerischen Mannschaft
  • Auch der Respekt vor den Schiedsrichtern ist für uns selbstverständlich. Oft haben sie einen sehr schweren Job, auch sie machen Fehler und treffen gelegentlich die falschen Entscheidungen, auch das haben wir zu respektieren, auch hier müssen wir fair bleiben.
  • Unser Respekt gilt auch der Polizei und den Sicherheitskräften. Sie sind zu unserem Schutz und unserer Sicherheit da, sie sind nicht unsere Feinde oder Gegner! Ohne sie wären Fußballspiele in der heutigen Zeit undenkbar.
  • Ganz wichtig ist uns der Respekt vor den Schwachen, Armen und Behinderten in unserer Gesellschaft. Die Unterstützung des vereinseigenen Sozialprojekts „Schalke hilft“ ist für uns selbstverständlich und ein Teil unserer Bibeleinnahmen fließt direkt in diese Arbeit.

Die Unterstützung des vereinseigenen Sozialprojekts „Schalke hilft“ ist für uns selbstverständlich.

Der Respekt vor jedem Menschen und der faire Umgang mit ihm ergeben sich direkt aus dem christlichen Menschenbild, aus der Überzeugung, dass alle Menschen von Gott als sein Ebenbild geschaffen sind, unabhängig von Alter, Geschlecht, Rasse oder Religion.

  1. Gewaltlosigkeit

Gewalt ist, neben der Angst, die größte Krankheit unserer Gesellschaft. Sie zeigt sich sehr heterogen, u.a. als körperliche Gewalt, verbale Gewalt (Hasskommentare in den sozialen Medien), Mobbing. Martin Luther King jr. hat in der Selbstverpflichtung der Bürgerrechtsdemonstranten zur Vorbereitung der „Sit ins“ in Birmingham/Alabama vom April 1963 sechs Gebote der Gewaltlosigkeit definiert, darunter auch: „Enthalte dich der Gewalt in Tat, Sprache und Gedanken.“

Gewalt ist, neben der Angst, die größte Krankheit unserer Gesellschaft.

Diese Verbindung ist entscheidend: Gewalt beginnt in den Gedanken, bevor sie sich verbalisiert und schlimmstenfalls zur Gewalttat wird. Das Denken können wir nicht beeinflussen, aber auf die Verrohung der Sprache können wir reagieren, dagegen können wir ein Zeichen setzen – auch ganz konkret im Stadion: wir singen keine Hasslieder gegen den Gegner und wir beteiligen uns nicht an den Schmährufen gegen den Schiedsrichter oder die Polizei. Das klingt vielleicht banal, aber der christliche Glaube lebt auch und gerade im Kleinen, in den Nichtigkeiten des Alltags. Wir verändern diese Welt nicht nur mit großen Taten, wir verändern unsere Welt mit den tausend kleinen Dingen, die wir dort tun, wo Gott uns hingestellt hat und mit Worten, die zum Segen werden können.

Bei unseren Aktionen setzen wir ganz bewusst auf Gottes Hilfe, vor allem in den Gottesdiensten, die unser Fanclub organisiert.

Wir sind eingebunden in die verschiedensten Gemeinden, aber immer sehr aktiv eingebunden! Wir alle planen und realisieren Gottesdienste in verschieden Formen, wir sind mitten in den Gemeinden, sei es in Musikteams, als Prediger, in der Technik oder in Begrüßungsteams der Gemeinden. Der sonntägliche Gottesdienst ist für uns keine Pflicht, sondern ein echtes Bedürfnis! Ich betone das ausdrücklich, weil es in vielen traditionellen Gemeinden nicht mehr selbstverständlich ist! Wir verharren nicht in leeren Traditionen, wir satteln keine toten Pferde, wir setzen unsere Gaben, Gebete und ja, auch unser Geld für einen aktiven, wirklich gelebten Glauben ein.

Wir verharren nicht in leeren Traditionen, wir satteln keine toten Pferde, wir setzen unsere Gaben … für einen aktiven, wirklich gelebten Glauben ein.

So kam schnell der Wunsch auf, die Fußballsaison durch Gottesdienste einzurahmen, sie unter Gottes Schutz zu stellen, mit ihm ganz bewusst in die Saison zu starten und mit seiner Hilfe und seinem Trost zu beenden. So entstanden der „Anstoß“- und der „Abpfiff“-Gottesdienst, jeweils zu Beginn und zum Ende der Saison.

Die Realisierung dieser Gottesdienste war komplex, denn die Vielfalt der Gemeinde- und Glaubenskonzepte, die divergierenden Traditionen, Regeln und Formen unseres Glaubens konnten kaum unterschiedlicher sein – oder konkret gesagt: wie muss ein Gottesdienst aussehen, den konservative Katholiken, lockere Protestanten und freikirchliche Charismatiker gemeinsam glaubhaft feiern können? Freie Gebete oder starre Formeln? Beamer oder Liedzettel? Band oder Orgel? Formelle Kleidung oder Fußballkutte?

Essentiell bei diesen Überlegungen blieb immer unsere gemeinsame Basis: die Bibel! Alles darum herum war sekundär, wandelbar, nicht verbindlich. Ausgehend von dieser Prämisse wurde es dann einfacher, gemeinsam Gottesdienst zu feiern: sowohl der Anstoß-, als auch der Abpfiff-Gottesdienst sind relativ „normale“ Wortgottesdienste mit gemeinsamen Liedern, Bibellesungen, einer Predigt und Fürbitten, abwechselnd gefeiert in einer katholischen und einer landeskirchlich evangelischen Gemeinde, jeweils am ersten und letzten Spieltag der Saison. Es ist wirklich ein Geschenk, diese Gemeinschaft zu erleben, von den eher festgefügten katholischen Fürbitten ebenso berührt zu werden wie von den frei formulierten Texten eines Baptisten, voneinander Neues zu lernen, gemeinsam und mit Gott in unserer Mitte die Fußballsaison einzurahmen. Wenn der Fokus auf Gottes Wort liegt, dann sind Gottesdienst- und Glaubenskonzepte außerhalb der eingefahrenen (Konfessions-)Strukturen gut realisierbar.

Derby-Gottesdienste, jeweils vor dem Spiel des FC Schalke 04 gegen Borussia Dortmund

Doch bald kam eine neue Idee auf: die „Derby-Gottesdienste“, jeweils vor dem Spiel des FC Schalke 04 gegen Borussia Dortmund! Für den, der nicht im Ruhrgebiet wohnt, bedeutet es vermutlich nicht viel, aber für echte „Ruhris“ ist es absolut undenkbar, dass Schalker und Dortmunder überhaupt irgendetwas gemeinsam planen! Die Mitglieder des Fanclubs „Mit Gott auf Schalke“ und der „Totalen Offensive Dortmund“ aber waren so „ver-rückt“, das Undenkbare dann doch zu denken. Am 08.03.2013 wurde der erste Derby-Gottesdienst realisiert. Im Vorfeld war die Reaktion eindeutig: „Das geht doch gar nicht, Dortmunder und Schalker zusammen? Unmöglich, das sind doch die größten Feinde, die es gibt!“ Aber ja, bei uns geht das! Noch immer fasziniert dieses Gottesdienst-Konzept auch die Medien. Fußball-Redakteure berichten meist von Gewalt und Randale bei den Derbys zwischen Schalke und Dortmund, aber bei uns finden sie gemeinsames Singen und Feiern, bunt gemischt stehen Schalke- und Dortmund-Fans Hand in Hand im Gebet verbunden. Darüber berichten nicht nur die Printmedien, auch TV- und Radio-Journalisten sind jedesmal mit ungläubigem Staunen vertreten. In diesen Momenten werden wir wirklich als Christen wahrgenommen, den Medienvertretern wird klar, dass wir im positiven Sinn „anders“ sind, sie sehen unseren Glauben, unsere gelebte Gottesbeziehung – und dann kommen die Fragen: „Wie schafft ihr das? Was macht euch aus? Warum lebt ihr euren Glauben so ganz anders? Wie kommt es, dass der Glaube solche Auswirkungen auf euer alltägliches Leben, euer Denken und Handeln hat? Warum sehen wir das so selten in den „normalen“ Gottesdiensten?“

Unsere Antwort ist immer dieselbe: Es kommt darauf an, was im Fokus steht: das, was uns trennt, oder das, was uns verbindet! „Wenn es um Fußball geht, halten wir zu unseren eigenen Mannschaften – als Christen aber spielen wir alle zusammen in Gottes Team!“ so steht es auf unseren Einladungs-Flyern. Bei den Derby-Gottesdiensten sind nicht die Unterschiede zentral, wir treffen uns nicht als Gegner, die mit Gewalt und Hass aufeinander losgehen, sondern wir nehmen das in den Blick, was wir gemeinsam haben, was wir gemeinsam tun können: Gott in das Zentrum stellen, gemeinsam singen und dafür beten, dass es ein friedliches Fußballspiel wird, dass es keine Randale vor, während und nach dem Spiel gibt und dass Spieler und Schiedsrichter respektvoll behandelt werden. Und immer wieder – unsere gemeinsame Basis ist die Bibel!

Es war daher folgerichtig, eine eigene „Schalke-Bibel“ herauszugeben.

Es war daher folgerichtig, eine eigene „Schalke-Bibel“ herauszugeben.

Die erste Ausgabe erschien 2007 mit einer Auflage von 8.500 Exemplaren und war in weniger als einem Jahr ausverkauft. 2010 folgte ein Neues Testament mit dem Titel „Mit Gott unterwegs“, 2017 wieder eine Vollbibel. Wir wählten bewusst die gut verständliche „Neues-Leben“-Übersetzung, speziell für die Menschen, die vielleicht noch nie eine Bibel in der Hand hatten.

Gott lebt im Alltag. Genau da begegnen sich die Leidenschaft für den Fußball und die Begeisterung für Gott! „Traditionellen“ Christen bereitet das zuweilen Probleme, sie argumentieren, dass Gott nichts mit Fußball zu tun hat! Oft wurde mir gesagt: „Sonntags in der Messe, im Gottesdienst – ja, da ist Gott dabei! In der Bibelstunde, im Hauskreis – na klar! Aber sonst? Im profanen Alltag? Was hat Gott damit zu tun?“. Mich überrascht und erschreckt diese Argumentation. Ein Leben ohne Gott im Alltag? Nur sonntags morgens für eine Stunde in der Woche in die Kirche gehen und mich ansonsten allein durch das Leben schleppen? Wie einsam ist das denn? Nein, Gott gehört mitten hinein in den (Fußball-)Alltag! Die Verbindung muss gar nicht konstruiert werden, sie ist äußerst evident. Es gibt zahlreiche Parallelen zwischen Fußball und dem christlichen Glauben und es wäre leichtfertig, dies als echter Schalker Fußball- und Bibel-Fan nicht zu berücksichtigen: von den Gesängen im Stadion und im Gottesdienst, den Ritualen im Vorfeld des Spiels oder der Messe, bis hin zum „Religionsersatz Fußball“ mit seinen Helden und Heiligen lassen sich überall Gemeinsamkeiten finden. Und nein, es gibt keinen „Fußball-Gott“, aber es ist wunderbar, dass wir einen Gott haben, der sich für unseren Alltag nicht nur nebenbei interessiert, sondern mittendrin daran teilhaben will.

Gott ist mit uns im Stadion!

„Mit Gott auf Schalke“, das ist nicht nur ein Fanclub-Name, das ist schlicht und einfach Realität: Gott ist mit uns im Stadion!

Nun bleibt mir nur noch, Antworten zu finden auf die Fragen, die sich am Anfang stellten: Wir wollen Gott mit dem Fußball verbinden, Gott in unserem Alltag leben und erleben! Ist das ein zu großes Ziel? Ist es nicht unmöglich, Gott mit dem ganz banalen Alltag, so wie es der Fußball ja oft genug sein kann, in Beziehung zu bringen? Macht es Gott nicht zu klein? Wertet es den Fußball nicht viel zu sehr auf? Gibt es am Ende doch einen Fußballgott und wird der Fußball zur Religion erhoben?“

Nein, das Ziel, mit Gott unseren Alltag zu leben, ist nicht zu groß – im Gegenteil: es ist ein wesentlicher Ort der Gottesbegegnung! Gerade unser Alltag ist doch nicht von „Großigkeiten“ geprägt, sondern von vielen, scheinbar unwichtigen „Kleinigkeiten“. Genau in diesen Kleinigkeiten will Gott mit uns leben, genau in den kleinen Entscheidungen unseres Lebens wirkt Gottes Geist, genau da will er uns führen und genau da verbindet sich der Gott, der selbst unscheinbar als kleines Kind auf die Welt kam, mit unserem unscheinbaren Alltag. Und darum macht es Gott nicht zu klein! Er selbst hat sich ja klein gemacht, um uns begegnen zu können! Im Grau des Banalen, wo sich der Frust über den miesen Job mit den Abstiegssorgen der Schalker trifft, wo sich die Enttäuschung des eigenen Lebens mit der Enttäuschung über die Niederlage im Derby potenziert, wo die Hoffnung auf ein Ende der Arbeitslosigkeit mit der Hoffnung auf Erfolg in der neuen Saison zusammentrifft, genau da ist Gott mittendrin.

Im Grau des Banalen … genau da ist Gott mittendrin.

Und nein, dass wertet den Fußball nicht zu sehr auf. Der Fußball gehört ganz selbstverständlich zu unserem Leben dazu und er wird dann nicht zur Religion, wenn man ihm den Platz einräumt, der ihm zusteht: als verrücktes Hobby in einer fußballverrückten Region, als wichtiger Lebens- und Alltagsinhalt, aber niemals als Zentrum unseres Lebens, niemals als „Heilsbringer“ und niemals als Befreiung aus unserem Alltagsleben. „Mit Gott“ definiert den Mittelpunkt unseres Denkens, Fühlens und Handels, „auf Schalke“ gibt den Ort vor, an dem dieser Glaube gelebt wird – in aller Vielfalt, in aller Freiheit und immer in der Freude darüber, unseren christlichen Glauben mit unserem Lieblingssport verbinden zu können. Gott und Fußball, das passt!

Praxis

Ein Projekt mit Herzblut und Vision: JUST (Jugendliche Stärken)

Ein kleiner Artikel im Kölner Stadtanzeiger hat mich neugierig gemacht. Dort wurde über die Initiative JUST (=Jugendliche stärken) berichtet. JUST ist eine ehrenamtliche Organisation, die die beiden Schwestern Tatjana und Lorena Bittner ins Leben gerufen haben, kurz nachdem Sie Ihr Abitur gemacht hatten. JUST möchte Teenager in ihrer Persönlichkeitsentwicklung unterstützen und ihr Selbstbewusstsein sowie ihre mentale Gesundheit stärken. Dazu suchen Sie die Kooperation mit Schulen und organisieren dort Veranstaltungen mit prominenten „Speakern“. Auf diese Weise eröffnen Sie den Schülerinnen und Schülern einen Raum, in dem persönliche Nöte und Sorgen offen angesprochen werden können. Meine Neugier ist geweckt. Was motiviert zwei sehr junge Menschen in ihrer Freizeit eine Organisation aufzubauen und weiterzuentwickeln, die sich für junge Menschen einsetzt. In einem Gespräch konnte ich mit den beiden über ihr Projekt und das, was sie motiviert und antreibt, reden.

Frank Reintgen: Der Ursprung eures Projektes, so habe ich es auf eurer Homepage gelesen, hat einen traurigen Hintergrund. In eurem Freundeskreis haben sich zwei Menschen das Leben genommen. Diese beiden Todesfälle haben euch unruhig werden lassen und wurden schließlich zum Impuls, das Projekt JUST zu starten. Was hat euch damals genau bewegt, initiativ zu werden?

Lorena Bittner: Nach dem zweiten tragischen Vorfall haben wir zu uns gesagt, es kann so nicht mehr weitergehen. Es kann nicht sein, dass Menschen, die noch nicht einmal die Volljährigkeit erreicht haben, an einen Punkt in ihrem Leben gelangen, an dem sie nicht mehr weiter wissen. Deswegen haben wir beschlossen, es muss etwas getan werden, und so sind wir selbst aktiv geworden.

Frank: Nachdem ihr zunächst versucht habt, das Kultusministerium darauf aufmerksam zu machen, dass der Persönlichkeitsentwicklung in der Schule zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird, habt ihr euch entschlossen JUST zu gründen. Wie hat sich JUST entwickelt und was macht JUST heute konkret?

Lorena: Ja, genau. Wir haben zuerst einen Brief an das Bayerische Kultusministerium geschrieben, sozusagen als „Hilfeschrei“. Doch die Antwort war leider ernüchternd, denn es wurde nur aufgezählt, was bereits vorhanden ist. Jedoch sieht es in der Praxis oft ganz anders aus als in der Theorie. Das genannte Kriseninterventionsteam wird – wie der Name schon sagt – erst aktiv, wenn etwas passiert ist. Ebenso ist es vorteilhaft, Schulpsychologen zu haben, jedoch werden diese in der Realität nicht wirklich genutzt, was unsere Recherchen bestätigen.

Deswegen setzen wir auf die Präventionsarbeit. JUST hat sich in den letzten 2,5 Jahren von einer Idee zu unserem Herzensprojekt bis hin zu einer sozialen Organisation entwickelt. Unser Ziel ist es, Jugendliche in ihrer Persönlichkeit und mentalen Verfassung zu stärken. JUST versucht die ‚Bildungslücke der Persönlichkeitsentwicklung‘ zu kompensieren, indem wir Veranstaltungen an Schulen organisieren. Unsere Redner und Mental Coaches sprechen über Themen wie Motivation, Selbstbewusstsein und Selbstfindung.

Tatjana Bittner: Jugendliche stehen während der Corona-Krise vor großen Herausforderungen und die (mentale) Gesundheit und somit auch JUST ist wichtiger denn je. Auch uns beeinträchtigt die globale Krise sehr. Vorträge oder Workshops an den Schulen – nicht möglich. Jedoch brauchen uns die jungen Menschen jetzt umso mehr! Viele Teenies fallen in ein Loch, haben Zukunftsängste, fühlen sich überfordert oder hilflos. Eine Plattform, die Jugendliche durch ihre Zeit begleitet? – Möglich! So war unser Gedanke! Wir werden sie genau dort aufgefangen, wo sie sich gerade mental und emotional befinden. Denn unsere Stärke ist der Kontakt auf Augenhöhe, denn wir sprechen die Sprache der Jugendlichen. Auf dem Instagram-Profil @just_your_mindset veröffentlichen wir täglich qualitative, inspirierende und motivierende Posts zusammen mit Mental Coaches und Diplompsychologen. Somit erreichen, stärken und inspirieren wir jetzt schon täglich über Tausende Teenies.

JUST hat sich in den letzten 2,5 Jahren von einer Idee, zu unserem Herzensprojekt bis hin zu einer sozialen Organisation entwickelt.

Frank: Eure ersten Erfahrungen zeigen ja, dass Jugendliche sehr dankbar die von JUST organisierten Veranstaltungsformate und Angebote annehmen. Bedarf scheint seitens der Jugendlichen also vorhanden zu sein. Mal angenommen in den kommenden Jahren würde für JUST alles optimal laufen, wie sähe dann die weitere Entwicklung aus? Welche Ziele strebt ihr an?

Tatjana: Ja, nach den ersten Vorträgen vor über 700 Schülern waren wir überwältigt von dem positiven Feedback der Schüler, Lehrkräfte, Eltern und Rektoren, die auf uns zugekommen sind. Nach unserem Event mit dem Vortrag von Babak Rafati – dem ehemaligen FIFA-Schiedsrichter – gab es so viele Wortmeldungen der Jugendlichen. Diese waren unglaublich ehrlich und offen zu Themen wie mentale Instabilität, Selbstverletzung von Freunden und Mobbing.

Auch über die Sozialen Medien erreichen uns laufend Nachrichten von Jugendlichen, die Unterstützung suchen. Das gab und gibt uns immer wieder die Bestätigung: Der Handlungsbedarf ist da und sogar nötig! Unser Ziel ist es, deutschlandweit bekannt zu sein, sodass wir so vielen Jugendlichen helfen können wie nur möglich. Sie dürfen uns als Anlaufstelle für Stärkung und Gesundheit sehen.
Damit die Nachhaltigkeit gewährleistet ist, werden auf die Impulsvorträge interaktive Workshops folgen. JUST agiert somit als Bindeglied und bringt das wichtige Thema der Persönlichkeitsentwicklung an deutsche Schulen.

Frank: Wenn ich noch mal auf den Ursprung von JUST zurückschaue, dann fällt mir auf, dass ihr euch angesichts der beiden Selbstmorde anders als die anderen Jugendlichen in ihrem Umfeld entschlossen habt, aktiv zu werden. Was glauben ihr, woran liegt das? Warum war es euch so wichtig, selber aktiv zu werden und etwas zu tun?

Wir werden sie genau dort aufgefangen, wo sie sich gerade mental und emotional befinden. Denn unsere Stärke ist der Kontakt auf Augenhöhe, denn wir sprechen die Sprache der Jugendlichen.

Lorena: Das ist schwierig zu beantworten. Wir hatten so viel negative und traurige Gefühle in uns, die uns dann letztendlich zum Handeln bewegt haben. Ich glaube, wir sind von Grund auf Machertypen. Wir haben versucht, die Regierung und das Bildungssystem zur Verbesserung zu bewegen, doch das ist zu komplex und träge. Da haben wir gesagt, wenn sie es nicht tun, dann packen wir eben selbst an. Wir wollen auch gewissermaßen vorausgehen und den Jugendlichen zeigen, dass man sein Ziel erreichen kann, wenn man dafür kämpft. Vor ein paar Jahren haben wir beide mit unserer Handballmannschaft Jugendbundesliga gespielt. Diese Zeit im Leistungssport gab uns viel Selbstbewusstsein, Durchsetzungsvermögen und Disziplin.

Außerdem stehen unsere Eltern immer hinter uns, und das ist, glaube ich, sehr wichtig. Sie haben uns von klein auf viel beigebracht, z.B. wie man aus Herausforderungen gestärkt hervorgeht. Viele haben diese Unterstützung von Zuhause nicht, deswegen muss es doch irgendetwas geben, das ihnen diese Tricks und Herangehensweisen zeigt. So sind wir Schritt für Schritt auf JUST gekommen.

Das Leben ist so wundervoll und Herausforderungen sind eine Chance, an denen man wachsen kann.

Frank: Wenn man mit euch redet, oder wenn man euch in einem der verschiedenen YouTube-Videos1 ansieht, dann spürt man die Energie und eure Leidenschaft, die ihr in dieses Projekt steckt. Woher speist sich eure Motivation? Wie erklärt sich eure Leidenschaft für dieses Projekt?

Tatjana: Es ist unser Herzensprojekt und wir haben unsere Vision vor Augen. Eine Zukunft voller mental gesunder und positiver Menschen! Wir wissen, dass wir vielen Menschen helfen können, wenn wir einfach dran bleiben. Wir wollen Positivität und Leidenschaft vermitteln, und das leben wir auch selbst. Das Leben ist so wundervoll und Herausforderungen sind eine Chance, an denen man wachsen kann. Wir haben uns das Projekt zur Aufgabe gemacht und deswegen steckt da so viel Herzblut und Leidenschaft darin.

Wer glaubt, hat Hoffnung, schaut positiv in die Zukunft, und das gibt neue Kraft und Energie. Unser soziales Engagement blüht voll Glauben.

Frank: Ihr selber habt einen christlichen, katholischen Hintergrund. Hat für euch euer Engagement für JUST etwas mit eurem Glauben zu tun?

Lorena: Wir finden, dass Glauben auch sehr viel mit JUST zu tun hat. Wer glaubt, hat Hoffnung, schaut positiv in die Zukunft, und das gibt neue Kraft und Energie. Unser soziales Engagement blüht voll Glauben. Oft wissen wir auch nicht, was der nächste ‚richtige‘ Schritt ist. Doch wir spüren eine Sicherheit, dass wenn wir den Weg weiter gehen, sich die Dinge fügen. So ist es auch im Leben. Es besteht aus Ups and Downs und wenn man einmal in einem Tief ist, kann man voller Freude in die Zukunft blicken, denn dann kommt wieder ein ‚Hoch‘. Das sagt unser Vater immer.

Frank: Das Konzept von JUST zielt darauf ab, Jugendliche in ihrer Persönlichkeitsentwicklung zu stärken. Dabei möchte JUST Jugendlichen helfen, ihr Potenzial zu entfalten und sie mental zu stärken. JUST verfolgt dabei einen Ansatz, der auf die Ressourcen und Stärken der Jugendlichen setzt, und der präventiv die Resilienz junger Menschen stärken möchte. All das sind durchaus auch Zielsetzungen, die Jugendseelsorge in einem kirchlichen Kontext verfolgt. Aus meiner Perspektive könnte man sagen, dass JUST so etwas wie “Seelsorge” betreibt? Oder hinkt der Vergleich aus eurer Sicht? Wie würdet ihr selbst das beschreiben, was ihr macht?

Tatjana: Das trifft gewissermaßen auch auf JUST zu. Wir sprechen nicht nur die Jugendlichen an, die Probleme haben, sondern alle Teenies präventiv. Als Jugendlicher hat man mit vielen verschieden Situationen zu kämpfen. Beispielsweise ist man vielleicht zum ersten Mal verliebt; man tut sich schwer in der Schule; Zuhause gibt es Probleme; man wird gemobbt; der Körper verändert sich; und so weiter…

Wir wollen mit JUST hierfür den Jugendlichen die nötigen Werkzeuge mit an die Hand geben. Es ist in bestimmter Hinsicht auch eine Hilfe zur Selbsthilfe. Das Besondere an unserer Initiative sind die qualitativ hochwertigen Informationen, die wir durch die Zusammenarbeit mit Psychologen zur Verfügung stellen. Zudem interviewen wir Personen aus dem öffentlichen Leben, die Tipps geben, wie sie beispielsweise selbst mit Herausforderungen umgehen. Denn wir haben festgestellt, wenn Vorbilder von ihren Erfahrungen erzählen, sind Jugendliche sehr aufnahmefähig. Zusammenfassend würden wir bestätigen, dass JUST ein Teilgebiet der „Seelsorge“ übernimmt.

Frank: Habt ihr euch bei der Gründung von JUST irgendwann einmal gefragt, ob es sinnvoll sein könnte, eure Initiative irgendwie an Kirche anzudocken?

Ich hätte die Befürchtung, dass gerade dieses Alleinstellungsmerkmal – das junge, moderne und coole – in der Außenwahrnehmung verloren gehen könnte, wenn JUST ein kirchliches Label trägt.

Lorena: Ehrlich gesagt, haben wir darüber noch nie nachgedacht. Es gibt bestimmt einige Verknüpfungspunkte, in denen wir uns gegenseitig gut ergänzen. Wir haben im ersten Moment an die Schulen gedacht, da Jugendliche dort einfach am besten zu erreichen sind. Diesem Weg sind wir bis heute treu geblieben und werden es jetzt auf die Onlineplattformen erweitern, um mit ihnen direkt in Kontakt treten zu können. Wir wissen noch nicht wie sich JUST in weiter Zukunft entwickeln wird. Deswegen kann es tatsächlich sinnvoll sein unsere Initiative mit der Kirche zu kombinieren.

Frank: Noch einmal weiter gefragt: Wenn das, was JUST tut, mit einem kirchlichen Label getan würde, hätte das aus eurer Sicht Vorteile oder wäre es vielleicht sogar hinderlich für eure Arbeit?

Lorena: Das ist eine sehr interessante Frage. Ich vermute, es könnte einerseits ein Booster sein, da die Kirche ein etabliertes und mächtiges Organ ist. Jedoch ist gerade unser beider Stärke, dass wir die Sprache der Jugendlichen sprechen. Wir begegnen ihnen auf Augenhöhe und das, weil wir selbst noch sehr jung sind. Ich hätte die Befürchtung, dass gerade dieses Alleinstellungsmerkmal – das junge, moderne und coole – in der Außenwahrnehmung verloren gehen könnte, wenn JUST ein kirchliches Label trägt. Nichtsdestotrotz ist es eine interessante Richtung, die wir uns auch vorstellen können. Wir vertreten im Grunde eine ähnliche Sichtweise wie die Kirche und engagieren uns mit dem gleichen Grundgedanken, der sich um den Menschen und seine Persönlichkeit dreht.

Wenn wir uns eine Sache wünschen dürften, dann wäre es mehr Positivität im Allgemeinen und vor allem in den Gottesdiensten. Kirche soll Spaß machen und eine ‚Tankstelle‘ sein.

Frank: Wie schätzt ihr das ein? Könnte die Kirche etwas Hilfreiches zu eurem Projekt JUST beitragen? Was könnte das sein? Oder andersherum gefragt, wenn ihr euch von der Kirche etwas wünschen dürftet, was wäre das?

Tatjana:Wir glauben, dass die Kirche eine Chance ist, da sie noch so viel Potenzial hat. Vor allem im Hinblick auf die Zielgruppe Jugendliche. Wir selbst wachsen in einer kleinen Gemeinde in Bayern auf, in der die Kirche eine große Rolle spielt. Sie gibt vielen Menschen Hoffnung, Zuflucht, sowie Kraft in schweren und Dankbarkeit in guten Zeiten.

Wir können uns schon vorstellen, dass wir uns bei einer gemeinsamen Zusammenarbeit gut ergänzen würden. Die Kirche als Organ könnte uns vor allem mit ihrer Reichweite weiterhelfen und die dort arbeitenden Leute mit ihrer fantastischen Erfahrung im Bereich Seelsorge, Jugendarbeit und Persönlichkeitsentwicklung.
Wenn wir uns eine Sache wünschen dürften, dann wäre es mehr Positivität im Allgemeinen und vor allem in den Gottesdiensten. Kirche soll Spaß machen und eine ‚Tankstelle‘ sein. Genau das wollen wir auch mit JUST vermitteln, denn Gesundheit und Liebe ist doch das wichtigste im Leben.

Frank: Ich danke ganz herzlich für das Gespräch und wünsche euch und dem Projekt JUST viel Erfolg!

Weitere Informationen zu JUST:

Praxis

Wir tanzen Tango virtuell – Zwischenräume nach dem Ende eines Monopols

Download | Sprecher: Uli Keip

1. So funktioniert DA_ZWISCHEN – zur Zeit

DA_ZWISCHEN ist eine vor 4 Jahren im Bistum Speyer gegründete digitale Community, die wesentlich über die Vernetzung per Messenger funktioniert. Es geht darum, das Evangelium und Gottes DA-sein „dazwischen“, mitten im Alltag transparent werden zu lassen und damit einen Resonanzraum für die persönliche christliche Lebensgestaltung zu schaffen. Montags und freitags bekommen die Nutzer*innen (= Mitglieder) eine Nachricht per WhatsApp, Telegram oder Facebook-Messenger mit einem Impuls, der zum Wochenbeginn meistens fragend aufgebaut ist und zur persönlichen Auseinandersetzung und zu einer Reaktion einlädt. Aus den Beiträgen der Nutzer*innen kreiert ein Team freitags eine zusammenfassende Nachricht, die die Reaktionen der Nutzer*innen gesammelt, gebündelt oder exemplarisch in ihrer Bandbreite abbildet. Der interaktiv erstellte Content ist im Blog www.netzgemeinde-dazwischen.de zu finden. Aus den Impulsen entwickeln sich immer wieder längere Chats, die von dem Team erfahrener Seelsorger*innen beantwortet werden. Aktuell sind 3500 Mitglieder angemeldet, von denen ca. 10 % wöchentlich mit einer kurzen oder längeren Beteiligung aktiv reagieren. Das DA_ZWISCHEN-Team besteht aktuell aus 9 Hauptberuflichen und 2 freiwillig engagagierten Personen, die aus den 4 Bistümern stammen, die gleichzeitig auch die Trägerbistümer des digitalen Erprobungsraums sind: Speyer, Würzburg, Freiburg und Köln. Zusätzlich startet das Team immer wieder projekthafte Aktionen, wie z.B. die digitale Kapelle zur 72-Stunden-Aktion des BDKJ, eine Kooperationen mit dem ökum. Jugendkreuzweg oder mit Missio, einen Exerzitienweg über Chatgruppen, usw.
Seit der Pandemie bietet DA_ZWISCHEN auch einen Sonntagsgottesdienst, der als Chatgottesdienst individuell abgerufen werden kann.1

2. Was uns antreibt

Viele der Themen entstehen aus unserer Sehnsucht, die an der Schnittfläche der persönlichen Glaubenssuche und einer Weltbegegnung mit offenen Augen entsteht.

Hier stehen keine großen Sätze, wie man sie von markanten Mission Statements erwarten würde. Wir reihen uns ein in die großartige Versammlung der vielen – oft unscheinbaren – Engagierten, die etwas von dem, was sie vom Evangelium verstanden haben, in ihrem Leben umsetzen wollen: Unser Antrieb ist die Suche nach der „kreativen Konfrontation von Existenz und Evangelium“ (R. Bucher). Etwas bildlicher: Wir haben Freude am Tango zwischen Glaube und Existenz. Dabei versuchen wir, der Existenz nicht auf den Füßen rumzustehen. Und das nicht, weil wir in erster Linie an die Existenz irgendeiner Zielgruppe denken, sondern einfach unsere eigene Lebenswirklichkeit ernstnehmen wollen. Viele der Themen entstehen aus unserer Sehnsucht, die an der Schnittfläche der persönlichen Glaubenssuche und einer Weltbegegnung mit offenen Augen entsteht. Nochmal auf pastoraltheologisch: Kontextualisierter, relevanter Glaube fürs Heute. Das ist unser Antrieb. Dass die Ursprungsidee der Netzgemeinde in der klassischen „Werkwoche“ (Montag bis Freitag) ansetzt – also im Alltag – passt nur zu gut.

3. Der Alltag – oder: der Existenz nicht auf den Füßen rumstehen

Wann frühstücken Sie am liebsten? Wann brauchen Sie eine Pause? Wo beten Sie gerne? Wo feiern Sie gerne Ihren runden Geburtstag? Natürlich beantworten wir diese Fragen alle unterschiedlich. Doch vor wenigen Jahrzehnten waren die Antworten darauf gesellschaftlich monopolisiert. Neben anderen Faktoren hat vor allem die Digitalisierung die Dynamik der Individualisierung verstärkt. Dies greifen wir auf: Als digitales Angebot ist DA_ZWISCHEN nicht einfach ein anderes Medium, sondern versucht veränderte Lebenswirklichkeiten ernstzunehmen: D.h. das Angebot per Messenger auf meinem Smartphone kann ich dann abholen, wann und wo und auf welche Weise es für mich passt.

Digitale Kommunikation hat das Telefonieren durch zeitversetze Voicemessages ebenso individualisiert: Ich sende und empfange dann, wenn es passt.

Wann: Die Impulse (montags und freitags) und den Sonntagsgottesdienst (immer ab Samstag 18 Uhr) kann ich zu einer Zeit öffnen, die mir passt. DA_ZWISCHEN ist „Me-Time“. Zeit für Gott und mich, zu dem Zeitpunkt, der in meinen Lebensrhythmus passt. Die überraschende Erfahrung dabei ist, dass Verbundenheit und Gemeinschaft auch zeitversetzt gelingt. Asynchroniät wird zum „Sym-pathos“, ein Zusammen-fühlen und Zusammenglauben. Digitale Kommunikation hat das Telefonieren durch zeitversetze Voicemessages ebenso individualisiert: Ich sende und empfange dann, wenn es passt.

Wo: In der Badewanne oder beim Spazierengehen. Orte öffnen in mir unterschiedliche Räume und Stimmungen. Mit meinem Smartphone bewege ich mich durchgängig an „meinem“ Ort – ich bewege mich wortwörtlich in meinem Bio-top: dem Lebensort, an ich meine Geschichte schreibe, wo ich Schönes und Schweres erlebe, dort, wo meine Herausforderungen wohnen. Auf diesen lebensgetränkten Boden fällt das Evangelium.

Auf welche Weise: Von den 3500 Mitgliedern reagieren zwischen 100 und 300 Personen pro Woche auf die Impulse. Es steht jeder Person frei, ob und wie intensiv sie auf die Impulse antworten. Diese Freiheit und Freiwilligkeit zeichnet digitale Kommunikation aus. Zudem kann ich selbst als Nutzer*in entscheiden, ob ich anonym bleiben will oder mich zu erkennen gebe, z.B. meinen Namen mitteile. Eine entscheidende Erkenntnis nach 4 Jahren anonymer Chats: Ich kann anonym sein, aber trotzdem persönlich kommunizieren. Auch ist die Erfahrung, ohne Ansehen der Person zu agieren nicht nur für Nutzer*innen erleichternd, sondern auch für uns als Team.

Die bei DA_ZWISCHEN erfahrene Entgrenzung und Verflüssigung bisheriger christlicher Praxis und Sozialform haben, wie beim Tanzen,  viel Vertrauen und Raumgeben zu tun.

Bisherige Formen christlicher Liturgie und Glaubenskommunikation waren und sind oft an feste Orte, Zeiten und Formen gebunden, was auch weiterhin in bestimmten Kontexten Sinn macht. Trotzdem gilt es, den pluralen Lebensvollzügen nicht monoton im Weg zu stehen, sondern die digital forcierten Entgrenzungen fester Orte, Zeiten und Formen aufzugreifen. Es wird jetzt bereits sichtbar, dass sich durch die selbstverständliche digitale Kommunikation auch soziale Interaktion und damit auch religiöse Kommunikation, religiöse Selbstverständnisse und Gemeindeformen verändert haben und weiter verändern werden: Es wird zu den verfassten, festen Formen von Gemeinde immer mehr fluide, nicht-konfessionelle, diskursive, situative, individualisierte Gemeindeformen geben.2 Die bei DA_ZWISCHEN erfahrene Entgrenzung und Verflüssigung bisheriger christlicher Praxis und Sozialform haben, wie beim Tanzen,  viel Vertrauen und Raumgeben zu tun. Pastoraltheologisch verorten wir unser Handeln im Sinne einer „raumgebenden Pastoral.“3 Damit es kein beziehungsloser Tanz bleibt, lebt dieses Platzmachen von achtsamen Tanzhaltungen, ganz im Sinne der Spiritualität einer Kirche, die Platz macht: „Höfliche Leute gewähren anderen um sich herum Raum; großzügige Leute haben Spaß an der Entfaltung der anderen.“4

4. Das Evangelium – oder: diese Tanzhaltungen machen uns aus

Anonymität ist nicht das Problem. Das Problem von christlichen Gemeinschaften fängt dort an, wo den Mitgliedern vermittelt wird: Es ist egal, ob du da bist oder nicht. Dieses Gefühl kennen alle, die schon einmal einen Ortswechsel hinter sich hatten und auf eine Kirchengemeinde gestoßen sind, die sich scheinbar nicht für „die Neuen“ interessiert. Es geht nicht darum, einzelnen Gemeinden oder Mitgliedern Vorwürfe zu machen, sondern darum, einzusehen, dass sich ein Kulturwandel vollzogen hat, der auf ein Willkommenheißen und eine selbstverständliche Form der Mitgestaltung und Selbstwirksamkeit setzt. Eine Kultur, in der jede*r Einzelne eine Bedeutung hat, ist keine Strategie der Mitgliedergewinnung, sondern lebt aus dem Kern des Evangeliums. Die ursprüngliche Berufungserfahrung des Menschen entfaltet Christoph Theobald genau in diese Richtung: Das Hören des Evangeliums ist vor allem das individuelle Hören der „Neuigkeit (-aggelion) von einem radikalen Gutsein (eu-)”5. Dabei trifft die Botschaft von der Relevanz und des Gutseins des Menschen auf unsere Zukunftsfragen. Yuval Noah Harari bezeichnet die Erfahrung, Bedeutung zu haben, als eine zentrale Herausforderung unserer Gesellschaft, die durch die „technologische Zwillingsrevolution in Informationstechnologie und Biotechnologie“ Gefahr läuft, eine „eine massenhafte neue Klasse der Nutzlosen [zu schaffen]“6. Aus christlicher Sicht gilt dem Menschen genau das Gegenteil, das jedoch kommuniziert, gelebt und geglaubt werden will: Du hast Bedeutung. Und zwar nicht dadurch, dass du unter Bedingungen von Leistung und Liebesgunst anderer stehst.

Diese Botschaft und Haltung versuchen wir durch unser Format und den Kommunikationsstil zu konkretisieren:

Deshalb versuchen wir uns an einer interaktiven Demokratisierung der Liturgie, die die direkte Beteiligung fördert, Macht und Kontrolle abgibt und mit der Unverfügbarkeit einerseits und Allgegenwärtigkeit Gottes andererseits rechnet.

DA_ZWISCHEN ist interaktiv – und zwar so, dass das Neue erst durch die Interaktion entsteht. Die Freitagsimpulse sind in den meisten Fällen ein Ergebnis der Interaktionen durch die Community. Natürlich bearbeitet das Team den Content redaktionell, oft in dem Sinn, dass eine plurale Bandbreite an Menschen und Meinungen deutlich wird. Die Community kreiert ihren Content durch die Mitglieder, die wiederrum ihre eigene Selbstwirksamkeit im co-kreativen Prozess entdecken können. Das Format entspricht damit nicht nur der Logik von Social Media mit dem user generated content. Es basiert auf theologischen Implikationen der Taufgnade und einem Volkes Gottes-Verständnis, das die Mitwirkung aller am Reich Gottes ernst nimmt. Gerade die Pandemie hat gezeigt, dass Kirche über alle Konfessionen hinweg vor allem eine Kommunikationsweise beherrscht: one-to-many. „Mit Blick auf die Mediennutzung aber entsteht der Eindruck, dass viele Pfarrpersonen in eine Art von Nachrichtenmodus verfallen. Sie scheinen wenig auf Interaktion aus zu sein, sondern kommunizieren one-to-many.“7 Eine Kirche, die auf das gemeinsame Priestertum aller Gläubigen setzt, sieht anders aus. „One-to-many Kommunikationen erreichen hier unseres Erachtens kaum Resonanzen, weil Menschen weder online noch offline nur Konsumentinnen von (digitalen) Angeboten sind. Sie sind gleichzeitig Produzentinnen und Mitkonstruierende (prosumer) ihrer Beziehungen zu sich selbst und zur Welt sowie deren Darstellungsweisen im Spiel vernetzter Diskursgemeinschaften.“8 Deshalb versuchen wir uns an einer interaktiven Demokratisierung der Liturgie, die die direkte Beteiligung fördert, Macht und Kontrolle abgibt und mit der Unverfügbarkeit einerseits und Allgegenwärtigkeit Gottes andererseits rechnet.

DA_ZWISCHEN ist persönlich. Indem wir auf jeden Chat persönlich und möglichst zeitnah antworten, versuchen wir als Team durch kleine Signale auszudrücken: Du bist persönlich gemeint. Durch eine frische Ästhetik und lebensnahe Sprache versuchen wir auszudrücken: Was du einbringst, bekommt bei uns eine schöne Bühne. In diesem Sinn ist unsere Kommunikationsweise auch durch die erste Person singular geprägt: Die Impulse fragen meist nach der persönlichen Geschichte und den individuellen Erfahrungen. Die Chancen einer biografiezentrierten Kommunikation wurden in den letzten Jahren wiederentdeckt. Dabei entspricht Storytelling nicht einfach dem digitalen Kommunikationstil in den Sozialen Netzwerken, sondern deckt sich mit zeitgemäßer Glaubenskommunikation und der Genetik christlicher Glaubens­verkündigung: „Storytelling ist vielmehr ein grundlegender Ansatz für jede Situation, in der Glaube artikuliert wird.“9

DA_ZWISCHEN vertraut. Das Netz ist voll von zweifelnder, missmutiger und misstrauender Rede. Wir stehen – wie auch andere nichtchristliche Akteure im Netz – für andere Werte. Statt Misstrauen, pflegen wir eine Kommunikation des Vertrauens. Wer sich einbringt, hat einen guten Grund. Wer seine persönliche Geschichte und Erfahrung teilt, wird geschätzt und ernst genommen. Dies fängt im Kleinen an: Wenn ein Mitglied etwas für mich Unverständliches oder gar irritierendes schreibt, dann gehen wir immer davon aus, dass es einen guten Grund und eine persönliche Geschichte hat, warum dies jemand schreibt.

DA_ZWISCHEN ist neugierig. Wir versuchen mit unserem Content zeitnah, dynamisch, experimentier- und überraschungsfreudig zu bleiben, um die Beteiligungen der Community, gesellschaftliche Ereignisse und digitale Entwicklungen aufzugreifen. „Die Überraschung zeigt uns, dass mindestens noch eine andere, vielleicht bessere Lösung existiert und dass das, was wir für richtig hielten, möglicherweise ein Holzweg war.“10

Das theologische Fundament für diese Ansätze liegt in einem im 20. Jh. wiederentdeckten anthropologischen und mystagogischen Theologie, die das II. Vat. lehramtlich aufgegriffen hat und im evangelischen Kontext als missionale Theologie mittlerweile viele Vertreter*innen hat. Jesus Christus ist Selbstmitteilung Gottes: In Christus ist die unbedingte Liebe Gottes zu den Menschen Fleisch geworden, konkret geworden und hat Geschichte und Gesicht bekommen. Es gibt keinen Ort, keine Geschichte und keinen Menschen mehr, der ohne Gott ist. In diese Sendung Gottes (missio dei) dürfen wir als „Missionare“ einschwingen und zwar genau in dieser Haltung: „Wir müssen die Stadt [oder den digitalen Raum] von einer kontemplativen Sicht her, das heißt mit einem Blick des Glaubens erkennen, der jenen Gott entdeckt, der in ihren Häusern, auf ihren Straßen und auf ihren Plätzen wohnt. Die Gegenwart Gottes … muss nicht hergestellt, sondern entdeckt, enthüllt werden.“ (Papst Franziskus, EG 71)

5. Offene Fragen und wohin die Reise gehen könnte

Entwicklungspotentiale sehen wir an vielen Stellen: ein Empowerment, das Selbstinitiative und Weiterentwicklung der gewachsenen Formen durch freiwillig Engagierte fördert. Weitere Versuche von zeitbegrenzten, intensiven digitalen Gruppenerfahrungen stehen auf unserer Agenda. Eine Forschungsfrage, die unsere Möglichkeiten aber übersteigt, lohnt es sich in Zukunft stärker zu fokussieren: Welche Wirkfaktoren geben Nutzer*innen das Gefühl einer Verbundenheit und Gemeinschaft, obwohl sie nicht am selben Ort sind oder zur selben Zeit beten oder obwohl sie sich nicht kennen? Die US-Kommunikationswissenschaftlerin und Expertin für digitale Religion Heidi A. Campbell unterscheidet hilfreich zwischen „transferring“ (Liveübertragung eines analogen Gottesdienstes), „translation“ (der Versuch analoge Gottesdienste an eine digitale Formen anzupassen) und „transforming“ (Entwicklung neuer digitaler Formen für digitale Formate).11 Wir ahnen, dass im Bereich des Transforming noch vieles erprobt werden kann und muss. Es gilt auch hier die über 200 Jahre alte Innovationslogik des Physikers Georg Lichtenberg: „Das Neue kann man nur sehen, wenn man das Neue macht.“12

So sehen wir durch Corona verstärkt das Monopol der analogen Kirchengemeinde in Frage gestellt. Bei den zahlreichen fluiden Formen von digitaler Kirche erkennen viele das Potential von virtuellen Personalgemeinden.

Bis März 2020 sind wir unter dem Radar der Bistumsleitungen geflogen und tun dies teilweise immer noch. Was auch verständlich ist: In vielen kirchlichen Führungskreisen ist die digitale Affinität bekannterweise nicht ausgeprägt. Corona hat gezeigt, dass das Verhältnis zu digitalen Medien viel mit biografischer Prägung zu tun hat. Wer erfahren hat, dass Beziehung, Gebet, Resonanzerfahrung, Inspiration und Glaubensvertiefung auch über digitale Medien gelingt – und manchmal sogar intensiver als im analogen Kontext – der reduziert seine Bedenken gegenüber diesen Medien und kann realisitisch kritisch bleiben. Außer er*sie stuft die Dynamik der Digitalität als Bedrohung des eigenen Selbstverständnisses oder des eigenen Monopols ein. So sehen wir durch Corona verstärkt das Monopol der analogen Kirchengemeinde in Frage gestellt. Bei den zahlreichen fluiden Formen von digitaler Kirche erkennen viele das Potential von virtuellen Personalgemeinden. Es wäre doch ein mutiger Erprobungsraum, eine digitale Personalgemeinde mit gestufter Mitgliedschaft zu gründen. Die Folgefragen dürfen dabei nicht abschrecken, sondern sollen herausfordern: Welche Merkmale von Gemeinde sind wesentlich und lassen diese sich digital realisieren?

 

Praxis

Eine verpasste Chance? Einige Thesen zur Kirche aus der Sicht des Community Organizing 

Als Studierende der Stadtplanung vor einigen Jahren die soziale Infrastruktur in Berlin-Gropiusstadt rund um den U-Bahnhof Lipschitzallee kartierten, nahmen sie mit Fleiß den Kindergarten, das Gemeinschaftshaus, die Stadtbibliothek und viele andere Einrichtungen auf. Hieraus entstand ein beeindruckendes Kartenwerk der sozialen Angebote in einem der ärmeren Teile Berlins. Nur eine Einrichtung tauchte dabei nicht auf: die lokale Kirche, die deutlich sichtbar am U-Bahnhof zu sehen ist. Dies erzählt der Pfarrer mit einiger Verwunderung auf einer Konferenz im Jahr 2013 und schließt damit die Frage an, wo Kirche eigentlich heute noch wahrnehmbar ist.

Die Verschiebung der Wahrnehmung ist natürlich nicht nur auf die Stadtplanung anzuwenden, sondern umfasst eine gesellschaftliche Entwicklung, die vor allem in den letzten 20 Jahren an Relevanz hinzugewonnen hat. Vorbei sind die Zeiten, in denen Kirche als Volkskirche in vielen bedeutenden Bereichen Einfluss oder zumindest Mitspracherecht hatte. Nach Jahrzehnten der ecclesia semper augetur steht nun wieder eine ecclesia semper reformanda im Mittelpunkt, die sich gut überlegen muss, wo sie ihre Ressourcen einsetzt und mit welchen Schwerpunkten sie die Zukunft gestaltet.

Diaspora ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel

Am deutlichsten wird dies durch die großen Umstrukturierungen in den deutschen Bistümern. Dabei wird jetzt schon klar, dass es ein Weiter-so nicht geben wird und auch nicht geben kann. Kirche gesteht sich ein, dass sie eben doch nur einer unter vielen anderen Akteuren ist und dies aber auch für eine missionarische Kirche nicht nachteilig sein muss.

Mit Blick auf die Weltkirche ist die Institution Kirche in vielen Ländern in der Minderheit. Diaspora ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel, und kann deshalb auch für die deutsche Kirche eher Chance denn Rückzugsgefecht bedeuten. Gerade die gelebte Diaspora, das Zurücktreten hinter anderen Strömungen und das Einfädeln in einen größeren Akteursverbund der jeweiligen Gesellschaft, kann Kraftquelle dafür sein, sich selbst wieder neu zu verorten und Kraft zu sammeln für anstehende Zukunftsaufgaben.

Gelebte Diaspora, das Zurücktreten hinter anderen Strömungen und das Einfädeln in einen größeren Akteursverbund der jeweiligen Gesellschaft, kann Kraftquelle dafür sein, sich selbst wieder neu zu verorten

Schaut man auf die Zahlen, stellt die deutsche Kirche immer noch zahlenmäßig die Mehrheit der Bevölkerung dar; immerhin sind weiterhin 60% der Deutschen Teil der beiden großen christlichen Kirchen. Die Diaspora zeigt sich aber an anderer Stelle. Es ist die Beziehung der Menschen zur Kirche und ihre Rolle in der Gesellschaft, die sich verändert hat und die seit der Nachkriegszeit weiter im Zerfall ist. So rangieren die Kirchen in Bezug auf das Vertrauen im forsa „Institutionen-Ranking“ im Vergleich mit anderen Institutionen weit abgeschlagen hinter Universitäten, Meinungsforschungsinstituten und Radio. Immerhin vertrauen der Evangelischen Kirche noch 39 Prozent, bei der Katholischen Kirche sind es nur noch 14 Prozent. (https://www.kirche-und-leben.de/artikel/umfrage-nur-14-prozent-vertrauen-katholischer-kirche, abgerufen am 30.10.2020)

Bereits seit über 80 Jahren arbeiten Community Organizer*innen daran, die Interessen derjenigen Menschen zu Gehör zu bringen, die in der Minderheit sind oder aus anderen Gründen nicht gehört werden. In diesem Kontext haben die Autoren selbst erlebt, wie Kirche in einem starken zivilgesellschaftlichen Bündnis über sich hinauswachsen kann – gerade wenn sie in der Minderheit ist. Aus dieser Erfahrung möchten wir einige Thesen zur Zukunft der Kirche ableiten:

1.
Eine Diaspora-Kirche (im obigen Sinne) muss entschieden in die Offensive spielen, nicht Verteidigung. 

Offensive spielen, nicht Verteidigung

Der einzige Weg für die deutsche Kirche ist, nach vorne zu schauen, nicht, indem sie alles hinter sich lässt, sondern indem sie ihre Potenziale neu ins Zusammenspiel bringt. „All organizing is re-organizing“ – wie eine alte Faustregel lautet. Rückzugsgefechte verspielen Potenziale und zehren aus; das Spiel nach vorne gibt Energie.

2.
„Nach vorne spielen“ heißt allerdings nicht Kirche einfach als Konkurrentin auf dem Markt der längst überfüllten „Unterhaltungs- und Freizeitmöglichkeiten“ feil zu bieten. Sie wird sich dort nicht behaupten können. Marktzentrierte Lösungen – egal wie sie verpackt werden – sind weder theologisch noch pragmatisch akzeptabel. 

Keine marktorientierten Lösungen

Als Antwort auf den Bedeutungsverlust wird teilweise die Vermarktung der Kirche versucht, das Großevent gesucht, die Anknüpfung an den Mainstream. Dieses Vorgehen wird scheitern, wenn damit nicht nachhaltige Beziehungen verbunden sind – im Alltag und in der Glaubenspraxis.

3.
Stattdessen: Kirche (vor Ort) wird nur noch relevant für breitere Teile der Bevölkerung (ob offizielle Mitglieder oder nicht), wenn sie sich auf ihr eigenes Wesen als Beziehungen stiftend (zu den Menschen und zu Gott) besinnt und dies auch praktisch umsetzt.

Beziehungen stiften

Der „Ort“ der Kirche muss sich dafür verschieben: weg von Gebäuden, Strukturen und Gremien, hin zu einer gelebten Beziehungsarbeit mit und unter Menschen. Kirche muss verort- und sichtbar sein, anders gesagt: die Funktionen der Kirche müssen Vorrang vor den herkömmlichen Formen erhalten.

Dies bedeutet ein Umdenken sowohl bei den „Betreuern“ als auch bei den „Betreuten“. Mit Kirche ist hier nicht nur die Leitung gemeint, sondern die gesamte Gemeinschaft der Christen (ob aktives Kirchenmitglied oder nicht). Daran sind sowohl die Beschäftigten als auch die Freiwilligen zu messen. Wie viel ihrer Zeit richten sie auf den Nächsten, auf ein Wiedererkennen Gottes im Anderen und das wirkliche Verstehen der anderen Interessen? Auch bei denen, die nur noch “mit einem Bein” in der Kirche sind.

4.
Deshalb: Die Bedeutung des „Verortet-Sein“ und der Sichtbarkeit im lokalen Kontext nimmt nicht ab, sondern wächst. Kirchliche Gemeinschaft muss sich in der Öffentlichkeit politischer (im ursprünglichen und nicht nur im verfassten Sinn) vorstellen und planvoll dementsprechend handeln

Bei den Menschen, sichtbar und politisch sein

Kirche als lokale Gemeinschaft ist dann noch relevant für breitere Teile der Bevölkerung, wenn sie sich auf ihr eigenes Wesen als Beziehungen stiftend nicht nur besinnt, sondern auch praktisch umsetzt. Martyria/Zeugnis stiftet Beziehungen, baut Vertrauen wieder auf – oft im Mikrokontext von Angesicht zu Angesicht. Diakonia bedeutet mehr als objektivierendes Helfen, sondern fördert Subjektwerdung durch gemeinsames Handeln. Beides wird dann zu einer „politische Nächstenliebe“ ganz im Sinne von „Fratelli tutti“.

Spätestens seit der CoVid-Pandemie wurde klar, dass die globalisierte Welt äußerst fragil ist. Von heute auf morgen haben sich Rituale geändert und wurden den traditionellen Orten entrissen. Das ist das prägende Zeichen einer Kirche in der Diaspora und ein Ansatzpunkt einer Kirche mit einer Geh- statt einer Komm-Struktur. Dies muss weiter eingeübt und, gleichsam wie der Glaube, internalisiert werden. Und es braucht Zeit und Vertrauen in die Menschen, die Kirche ausmachen.

5.
Angst vor Beziehungen und vor dem gemeinsamen Handeln prägt allzu oft das Gesicht der Gemeinde – man multipliziert Dienstleistungen und Angebote statt Gelegenheitsstrukturen für  Begegnung (ob mit Nahen oder Fernen) zu schaffen

Gelegenheiten für Beziehung schaffen, statt mehr desselben

Veränderung als Begegnung ist immer spannungsreich und zu leicht weicht man wieder in die klassischen Strukturen aus. Meist drückt der Alltag der Kircheninstandhaltung, der Gremienarbeit und der Kasualien schon jetzt auf diejenigen, die „den Laden am Laufen halten“. Die Schaffung von neuen Angeboten und Dienstleistungen ist meist sehr eingeübt. Zu irritierend sind im Gegensatz dazu teilweise die Wünsche und Ideen von „außen“. Dafür müssen vor allem die Leitenden ein Ohr haben und die Außenstehenden die Bereitschaft zur Verantwortungsübernahme mitbringen.

6.
Überwindung der Beschränkung des diakonischen Auftrages auf Dienstleistungen, ob religiöser oder sozialer Art 

Den diakonischen Auftrag nicht outsourcen

Biblisch ist nicht das Angebot, sondern das Zugehen und Zuhören. Jesus und seine Nachfolgenden haben nicht Gremien geschaffen, sondern sind unter die Menschen gegangen. Ihr Weg zu den Menschen und das Herausrufen aus dem Alltag hin zum Glauben muss Leitlinie kirchlichen Handelns sein. In der Konsequenz bedeutet dies die Überwindung der Kluft zwischen lokalen Kirchengemeinden und der Institutionen Caritas und Diakonie.

7.
Umgekehrt heißt dies: Beziehungen können auch zum gemeinsamen, gestaltenden Handeln führen – gemeindeintern und -extern 

Gesellschaft gestalten, politisch Handeln

Aus dem Herausgerufen sein entstehen dann auch neue Formen der Verkündigung. In der Geschichte der Kirche gibt es viele Beispiele dafür, wie Menschen gewohnt Wege verlassen und dadurch Form und Weg nachhaltig verändern. In allen Ländern der Welt sehen wir noch solche Aufbrüche für und mit dem Glauben, man fragt sich aber manchmal, ob dieser Ruf nicht in den Gängen kirchlicher Bürokratie verhallt. Es müssen sich alle Glieder von Kirche fragen: Wo findet Gemeinde praktisch statt und wo werden Grenzen überbrückt? Wenn die Gemeinden innerkirchlich verbunden und im größeren Verbund Zivilgesellschaft mitgestalten, können sie in einer Zeit der Zerrissenheit einen entscheidenden Beitrag für eine „demokratische Politik“ leisten.

8.
Überwindung der Kluft zwischen ausdrücklich „religiös“ und (scheinbar) säkularen Vollzügen 

Grenzen durchlässig machen, Inklusion ermöglichen

Das, was um die Gemeinde herum passiert, ist nicht weniger „heil- oder unheilvoll“, als das, was im Binnenbereich geschieht. Es ist ausdrücklich Arbeit an Gemeinschaft – und deshalb mühevoll wie auch beflügelnd. Beispiele für Ansatzpunkte gibt es genug: jeder Wendepunkt im Leben eines Menschen (Umzüge, Einschulungen, Krisen), im Leben der Kirche (Kirchenentwidmung, Zusammenlegungen) sowie im Leben des Gemeinwesens (Krisen, Aufbrüche, Veränderungen) bietet genug Möglichkeiten, Beziehungen neu zu denken und zu handeln.

9.
Fusionsprozesse in verschiedensten Formen als Chance, vielleicht die letzte Chance, um eine Wende zu vollziehen 

Differenz und Vielfalt zulassen

Es ist eine Zeit des Aufbruchs: Die Fusionsprozesse sind kein Rückzug, sondern bieten die Chance – vielleicht die letzte Chance – eine Wende zu vollziehen. Sie werden die Kirche aber nicht ex cathedra verändern, sondern können nur das aufgreifen, was bereits als Potenzial vor Ort vorhanden ist. Hierauf kann es keine allgemeingültige Antwort geben, nicht den einen Ansatz, der alle (wieder)vereint oder durch charismatische Performanz Sinn stiftet. Es ist die Kirche der Vielen, die „verbeulte Kirche“ des Papstes, die sich auf den Weg macht, um Menschen neu kennenzulernen.

10.
Ein radikaler Vorschlag: alles suspendieren, um neue Gemeinschaft beziehungsorientiert, entgrenzt aufzubauen 

Sich unterbrechen und loslassen

Vielleicht ist es zu radikal als Vorschlag, doch soll es einmal hier genannt werden: Wie wäre es einmal, alles zu suspendieren, um eine neue Gemeinschaft beziehungsorientiert und entgrenzt aufzubauen. Sich auf das Wesentliche der Diaspora begrenzen und dann von dort aus neu Kirche sein. Einen Versuch ist es zumindest wert.

Praxis

Wider die Tempelhaftigkeit der Kirche(n)

Im Dezember 2018 wurde die Peterskapelle als älteste Luzerner Kirche nach einer gründlichen Renovation wiedereröffnet. Seitdem steht sie den Menschen in der Stadt Luzern und ihren Besucherinnen und Besuchern aus nah und fern tagtäglich wieder offen als ein Ort, an dem Gott und Welt zusammenkommen. In besonderer Weise versuchen wir hier, einen Begegnungsraum zu schaffen, indem bewusstes Zulassen von Vielfalt und Unterschiedlichkeit wichtige Grundzutaten unserer Pastoral sind.
Die Peterskapelle bietet Raum für unterschiedliche Intensitäten von Beziehungen und Engagements. Menschen, die nur ab und zu Kapellenluft schnuppern möchten, sind ebenso willkommen wie andere, die sich in irgendeiner Form engagieren wollen. Dafür bietet die Peterskapelle die Gelegenheiten. So wird das multifunktional genutzte Kirchengebäude selbst zum Symbol eines integrativen pastoralen Ansatzes.

Alte Formen stürzen ein, Neues keimt.
Christsein und Gemeindeerneuerung angesichts heutiger Krisen und Herausforderungen

Zu Beginn ein paar biblische Impulse zur Tempelkritik in der jüdisch-christlichen Tradition.

So spricht der Herr: Du, David, willst mir ein Haus bauen, damit ich darin wohne? Seit dem Tag, als ich die Israeliten aus Ägypten heraufgeführt habe, habe ich bis heute nie in einem Haus gewohnt, sondern bin in einer Zeltwohnung umhergezogen. Habe ich in der Zeit, als ich bei den Israeliten von Ort zu Ort zog, jemals zu einem der Stämme Israels, die ich als Hirten über mein Volk Israel eingesetzt hatte, ein Wort gesagt und sie gefragt: Warum habt ihr mir kein Haus aus Zedernholz gebaut? (2 Sam 7, 5-7)

Brecht diesen Tempel ab und in drei Tagen werde ich ihn aufrichten. (Joh 2,19)

Der Gott, der die Welt erschaffen hat und alles in ihr, er, der Herr über Himmel und Erde, wohnt nicht in Tempeln, die von Menschenhand gemacht sind. Er lässt sich auch nicht von Menschenhänden dienen, als ob er etwas brauche, er, der allen das Leben, den Atem und alles gibt. (Apg 17, 24-25)

Ihr seid Gottes Bau. Der Gnade Gottes entsprechend, die mir geschenkt wurde, habe ich wie ein guter Baumeister den Grund gelegt; ein anderer baut darauf weiter. Aber jeder soll darauf achten, wie er weiterbaut. Denn einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist: Jesus Christus. Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt? Wer den Tempel Gottes verdirbt, den wird Gott verderben. Denn Gottes Tempel ist heilig, und der seid ihr. (1 Kor 3, 9c-11.16-17)

Kommt her zu ihm! Er ist der lebendige Stein, der von den Menschen verworfen wurde. Aber bei Gott ist er auserwählt und kostbar. Lasst euch auch selbst als lebendige Steine zur Gemeinde aufbauen. Sie ist das Haus, in dem Gottes Geist gegenwärtig ist. So werdet ihr zu einer heiligen Priesterschaft und bringt Opfer dar, in denen sein Geist wirkt. (1 Petr 2, 4-5)

Einen Tempel sah ich nicht in der Stadt. Denn der Herr, ihr Gott, der Herrscher über die ganze Schöpfung, ist ihr Tempel, er und das Lamm. Die Stadt braucht weder Sonne noch Mond, die ihr leuchten. Denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie und ihre Leuchte ist das Lamm. (Offenbarung 21, 22-23)

Im Folgenden sollen Thesen zu Diskussionen anregen und Erfahrungen zum Austausch anregen.

Charakteristika des Tempels und des Christseins

  • Es findet ein Kult statt. Eine geschlossene Priesterkaste mit alleinigem Zutrittsrecht erbringt symbolische Handlungen für eine oder mehrere Gottheiten und wird dafür von den Nicht-Priestern bezahlt.
  • Der Ort/das Gebäude werden als „sakral“ vom „Pro-fanum“ abgetrennt. Das „Heilige“ wird auf diese Orte (und eventuell auf bestimmte Zeiten) fokussiert beziehungsweise dort zentralisiert.

Beide Charakteristika widersprechen zutiefst dem Geist des Christseins.

  • Die Nachfolger/innen Jesu kennen keinen Kult, sondern Feiern, in denen Menschen gemeinsam, auf Augenhöhe am Tisch sitzen und ein Mahl miteinander teilen.
  • Das „Heilige“ ist nicht der von der „Welt“ abgetrennte Raum oder die vom Alltag abgetrennte Zeit (sacrum), sondern das für die Menschen Heilsame (sanctus). Das für das Christsein Wesentliche findet mitten in der Welt, mitten im Leben statt.

These: Unsere Kirchen sind zu sehr tempelartig

Trotzdem haben sich die Kirchen(gebäude) im Lauf der Jahrhunderte in die gegenteilige Richtung entwickelt. Es wurde eine Klerikerkaste aufgebaut, welche sich vom Volk Gottes absetzte. Das allgemeine Priestertum ging verloren. Die Kirchengebäude wurden immer mehr tempelähnlich. Nicht mehr die dort versammelten Menschen standen im Zentrum, sondern die architektonische Demonstration von religiöser (und politischer und kultureller) Macht.

Miteinander an einem Tisch sitzen bedeutet, auf Augenhöhe zu sein und einander zuhören.

Ein Symptom dieser „Vertempelung“ der Kirchen ist die Sitzordnung in vielen liturgischen Räumen. Statt wie am Tisch des Mahls einander in die Augen zu schauen und eine kreisförmige Gemeinschaft zu bilden, wird das installiert (und mit starren Bänken fixiert), was auch als „Konzertbestuhlung“ bekannt ist. So wird schon rein durch die Anordnung der Körper in den Kirchen ein Habitus vermittelt/eingeübt, der mit dem Ursprungsgeist des Christentums nichts mehr zu tun hat.

Fotos von Flüchtenden anstelle des traditionellen Kreuzwegs im Rahmen einer Ausstellung.

Zwar hat das Zweite Vatikanische Konzil mit der Liturgiereform einige mutige Experimente im Kirchenbau initiiert; an wenigen Orten ist es aber gelungen, von der Symbolik des «Opferaltars» (in wuchtigem Stein gestaltet) zu einer Ausdrucksweise des Tischs zu kommen, an dem die Teilnehmenden an einer Feier auch sitzen können. Ebenso wie die Blickrichtung prägt nämlich auch die Körperhaltung die Raumerfahrung. Miteinander an einem Tisch sitzen bedeutet, auf Augenhöhe zu sein und einander zuhören. Das wäre ein zentraler Bestandteil von Eucharistie, wenn sie denn im Geist des Abendmahls gestaltet werden soll. Und es gehört zur Gastfreundschaft, die nicht nur in liturgischen Zusammenhängen als christliche Haupttugend gelten darf.

Für eine Ent-Tempelung der Kirchen

Um eine Nutzung von Kirchengebäuden im christlichen Geist zu ermöglichen, sind folgende Strategien notwendig.
Die Kirchen werden wieder öffentliche Räume, die nicht nur Liturgien vorbehalten sind, sondern vielfältige Formen von Begegnung, Bildung, Diskussion, Kultur, sozialem Engagement und Feier beherbergen.

Kirchen bleiben immer Baustellen – aus lebendigen Steinen, aus Evangelium und Zeichen der Zeit.

  • In den Kirchen wird möglichst am Tisch/an Tischen gefeiert – und damit der jesuanische Habitus eingeübt.
  • Andere kirchliche Gebäude (Pfarreiheime etc.) und Orte (Hilfswerke, Gassenküche…) werden selbstverständlich als „heilige“ Orte angesehen und mit der entsprechenden pastoralen Aufmerksamkeit bedacht.
  • Die Kirche (hier verstanden als Organisation, Bewegung) verflüssigt sich, investiert in mobile Formen der Präsenz – sie wartet nicht, bis die Menschen in ihre Räume kommen, sondern geht dorthin, wo die Menschen sowieso sind.
  • Kirchen bleiben immer Baustellen – aus lebendigen Steinen, aus Evangelium und Zeichen der Zeit.
  • Die kirchlichen Mitarbeiter/innen sind nicht vor allem Produzenten/innen von Liturgien, Angeboten und Lehren, sondern Gastgeber/innen, Ermöglicher/innen, Intendanten/innen. Es geht um echte Partizipation. Im Begriff “Partizipation” steckt das lateinische Wort “capere”. Partizipation bedeutet also, dass Menschen ihren Teil an einer gesellschaftlichen Problemstellung, einer Aktivität oder einem Thema “kapern”, erobern wollen. Wer Partizipation ermöglichen will, muss also zulassen, dass Menschen Raum bekommen für das, was ihnen wichtig und sinnvoll erscheint.
  • Die Kirche misst ihren „Erfolg“ an ihrem Beitrag zur Lebensqualität der Menschen.

Diese Strategie bedeutet Konkretisierung und Spiritualisierung zugleich: Das Reich Gottes ist immer konkret im Alltag der Menschen, und die heilige Geistkraft weht, wo sie will.

Beispiele aus der Peterskapelle in Luzern

Auf der Empore der Kapelle wurden zwei Arbeitsplätze eingerichtet, die von allen Interessierten online reserviert werden können.

Einige Beispiele sollen zeigen, wie das Team der Peterskapelle die Ent-Tempelung einer Kirche in der City angeht und welche Wirkungen damit erzielt werden.

  • Am Eröffnungstag der neu renovierten Kapelle (8. Dezember 2018) war am Morgen ein feierliches Hochamt, am Nachmittag eine Kinderveranstaltung zusammen mit der City-Vereinigung in der Kapelle. Die City-Vereinigung (Lobby-Vereinigung von Geschäften in der Innenstadt) insbesondere hat seitdem die Peterskapelle als Partnerin entdeckt. Das Team der Peterskapelle ist bei den Veranstaltungen der Vereinigung präsent und bringt sich in den Diskussionen ein.
  • Auf der Empore der Peterskapelle haben wir Arbeitsplätze eingerichtet. Dort können zwei Personen ruhig arbeiten. Die Kapelle hat WLAN. Alle bisherigen Nutzer/innen haben die Arbeit am speziellen Ort sehr geschätzt und die Rahmenbedingungen (keine Telefonate, keine «lauten» Betätigungen) problemlos akzeptiert, da sie ja auch selbst von der Kapelle als Raum der Stille profitierten.

Wer Partizipation ermöglichen will, muss zulassen, dass Menschen Raum bekommen für das, was ihnen wichtig und sinnvoll erscheint.

  • Bei einer unserer ersten Kunstausstellungen waren die Ausstellungsobjekte große Müllsäcke, die aus Holz modelliert waren (Rochus Lussi: Big Teddys). Um auch die soziale Realität zu diesem Thema in die Kapelle zu holen, haben wir alle Müllwerker/innen Luzerns zu einem Apéro in die Kapelle eingeladen. Viele von ihnen waren zum ersten Mal in der Kapelle, obwohl diese mitten in der Stadt steht. Im Gespräch mit diesen Menschen war spürbar, welche Hemmschwellen kirchliche Räume («Das ist doch nur was für Fromme.») auslösen können. Andererseits zeigt sich der Künstler erfreut, dass nicht nur das übliche Kulturpublikum auf sein Werk reagierte.
  • Die Generalversammlung des Tourismus-Forums Luzern fand in der Kapelle statt. Ich durfte dabei einen kurzen Impuls zu den christlichen Wurzeln der Gastfreundschaft halten. Die Teilnehmenden waren überrascht, dass ich auf ihre konkrete Tätigkeit Bezug nahm und keine Moralpredigt hielt, sondern zum Ethik-Dialog einlud. Wie sich Tourismus-Geschäft und uneigennützige Gastfreundschaft verbinden lassen, dazu legte ich kein Rezept vor, sondern Fragen, die zum produktiven Aushalten der Ambivalenz ermutigten.
  • Durch die verschiedenen Veranstaltungen mit Besucher/innen aus unterschiedlichsten Bevölkerungsschichten kommen vermehrt Anfragen, ob die Kapelle für Ausstellungen, Aktionen und Konzerte genutzt werden kann. Daraus ergaben sich zum Teil gemeinsame Projekte, wie zum Beispiel eine Ausstellung mit Werken von Geflüchteten zu ihrem Ankommen in der Schweiz oder eine interreligiöse Feier «Weihnachten ohne Dich» für Menschen, die im vergangenen Jahr einen Menschen verloren hatten. Eine Gruppe von Musikstudierenden, die den täglichen Mittagsimpuls «zwölfnachzwölf» mitgestaltet, hat eigenständig ein wöchentliches Taizé-Singen initiiert.
  • Auf dem Platz findet zweimal jährlich ein Brotmarkt statt. Das Team der Kapelle hat dazu eigene Fahnen machen lassen, unter anderem mit dem eher unbekannten Bibelspruch „Lieber trockenes Brot und Frieden als Braten und Streit.“ (Sprüche 17,1) Auch hier knüpften wir am Netzwerk der Menschen, die in der Stadt arbeiten und sich engagieren (Zunft der Bäcker/innen) – und zeigen mit den Fahnen nach aussen, dass wir im öffentlichen Raum mitwirken wollen.
  • Anlässlich der Aufführung des Dürrenmatt-Klassikers „Der Besuch der alten Dame“ lud das Theater Luzerner Vereine und Institutionen zu Aktionen in der Güllen-Bar. Das Team der Peterskapelle war mit einem Workshop dabei: „Unsere goldenen Kälber“, wo mit Goldfarbe götzenmäßige Alltagsgegenstände angemalt werden konnten. Das Theater ist schon länger ein wichtiger Kooperationspartner der ökumenischen City-Pastoral, vor allem bei fünf bis sechs Theatergottesdiensten pro Saison. Nun wurde ein Theologe aus dem Team als «Experte» im Theaterexperiment «Taylor AG» eingeladen – im Kontext der Weltherrschaft von künstlicher Intelligenz werden dort in 30 Folgen menschliche Abgründe ausgelotet und mit externen Fachleuten diskutiert.

Vor allem gilt es, die Bedürfnisse und Erwartungen verschiedener Nutzergruppen miteinander zu vermitteln, ohne sie in einem Harmoniekonzept auflösen zu wollen.

  • Gelebter Widerspruch im Eröffnungsgottesdienst: Traditionelle und aktuelle Fahnen

    Zwei Luzerner Parlamente waren letztes Jahr in der Kapelle zu Gast: Der Große Kirchenrat (Parlament der Kirchgemeinde, also der staatskirchenrechtlichen Körperschaft) hielt seine Frühjahrssession in der Kapelle, und im Dezember kam der Große Stadtrat von Luzern (Legislative der politischen Gemeinde) zu einem Apéro in die Kapelle und empfing dabei das Friedenslicht von Betlehem. Die Kapelle ist von ihrer Geschichte Herr ein Ort der Demokratie; früher fanden hier die Bürgerversammlungen statt. An diese Tradition kann angeknüpft werden, auch um zu verdeutlichen, dass Kirche nicht unabänderlich als absolutistische Monarchie aufgebaut sein muss., sondern sich durchaus mit Demokratie verträgt.

Herausforderungen

Die erweiterte Nutzung der Peterskapelle bringt natürlich auch Spannungen und Konflikte mit sich. Die ersten anderthalb Jahre zeigen aber, dass dies weit weniger der Fall ist als angenommen.

Zum Stadtlauf mit Ziel am Platz neben der Kapelle hingen Fahnen an der Kapelle: „Alles Gute für den Lauf Ihres Lebens“.

Vor allem gilt es, die Bedürfnisse und Erwartungen verschiedener Nutzergruppen miteinander zu vermitteln, ohne sie in einem Harmoniekonzept auflösen zu wollen. In der Kapelle fühlten sich vor der Renovation vor allem traditionelle Gottesdienstbesucher/innen zu Hause. Sie hatten befürchtet, dass die Kapelle zu einer Art «Eventhallle» werden könnte. Diesen Befürchtungen konnte mit verschiedenen Maßnahmen entgegengetreten werden:

  • Nach wie vor finden in der Kapelle «klassische» Eucharistiefeiern am Werktag statt.
  • Die Kapelle ist während der Wochentage (Öffnungszeiten: 8.00 bis 18.30 Uhr) als Raum der Stille und der Liturgie definiert. Veranstaltungen und Treffen finden in diesem Zeitraum nur ausnahmsweise statt. Die Zahl der angezündeten Kerzen pro Tag (rund 150 in Nicht-Corona-Zeiten) zeigt, dass der Raum der Stille intensiv genutzt wird.
  • Veranstaltungen finden am Abend oder an Wochenenden statt, wobei auch an Wochenenden nur ausnahmsweise tagsüber.

Auf jeden Fall erfordert die Arbeit in diesem vielfältigen und zum Teil widersprüchlichen Kontext von den Mitarbeitenden eine große Ambivalenztoleranz.

  • Kunstinterventionen, die immer auch den liturgischen Raum betreffen, werden in den Gottesdiensten vorangekündigt und erklärt; zusätzlich sorgen Saalblätter für die inhaltliche Vermittlung mit theologischen Bezügen. In der Ausstellung «Ankommen» wurden zum Beispiel die klassischen Kreuzwegbilder durch Fotografien von Flüchtenden ersetzt; in der Fastenzeit ragte eine mit Messern beplankte Leiter in den Kirchenraum, mit Seilen am Altar befestigt. In Gesprächen wurde auch bei traditionellen Gottesdienstbesucher/innen Verständnis signalisiert, dass moderne Kunst in den Kirchenraum gehört.
  • Alle, die den Raum nützen, werden auf die jeweiligen Bedürfnisse anderer Nutzer/innen aufmerksam gemacht. Wenn dies ohne religiösen Autoritätsanspruch («sakraler Raum»), sondern mit der Notwendigkeit der Rücksichtnahme und Toleranz begründet wird, ist meist ein offenes Ohr und Herz zu finden.
  • Menschen und Gruppen, die diese Toleranz nicht aufbringen (wollen), haben in der Kapelle keinen Platz.
    Auf jeden Fall erfordert die Arbeit in diesem vielfältigen und zum Teil widersprüchlichen Kontext von den Mitarbeitenden eine große Ambivalenztoleranz, die in der persönlichen Erfahrung und theologischen Reflexion gründet, dass Glauben selbst immer ambivalent ist und als solcher gestaltet werden muss.

Literatur

  • Christian Bauer, Comeback Gottes? Eine theologische Polemik gegen die Rückkehr des Sakralen, in: Orientierung 72 (2008), 7-10
  • Walter M. Förderer, Zentren politischer Urbanität. Gottesdienst und Kirchenbau in der demokratischen Ära, in: Hans-Eckehard Bahr, Kirchen in nachsakraler Zeit, Hamburg 1968, 114-141
  • Michael Klessmann, Ambivalenz und Glaube. Warum sich in der Gegenwart Glaubensgewissheit zu Glaubensambivalenz wandeln muss, Stuttgart 2018
  • Theo Wehner, Stefan T. Güntert, Harald A. Mieg, Freiwilligenarbeit. Essenzielles aus Sicht der Arbeits- und Organisationspsychologie, Wiesbaden 2018

Praxis

Macht und Kirche aus der Perspektive einer Maria 2.0-Frau aus Münster

Irritation zu Beginn

Das Foto eines auf den Betrachter/die Betrachterin gerichteten Raubtiers, ein weiteres einer hoch ausgestreckten menschlichen Hand mit einer Siegesfackel … Beide Darstellungen irritieren mich in der Ausschreibung des 6. Strategiekongresses 2019! Sollen sie Widerstand wecken? Wollen sie visuelle Eindrücke, wie Kirche zum Thema Macht steht, vermitteln?! Ich mache mir meine Gedanken, denn das ist ja wohl intendiert…

Beide Bilder würden mich als katholische Frau von Maria 2.0 eher abschrecken an diesem Kongress zum Thema Macht teilzunehmen. Meine Assoziationen zu diesen Fotos: Mit einem Raubtier ist ja nun wirklich nicht zu spaßen, ich wünsche niemander und niemandem in eine Situation zu kommen, in der dieses Foto Realität wäre, denn – Gitterstäbe sind ja nicht zu sehen – es wäre um die Betrachterin, gewiss genauso um den Betrachter, geschehen. Der Mensch würde in Windeseile zum Fraß einer Raubkatze. Das andere Foto weckt in mir Assoziationen von Sieger*innen und Verlierer*innen, wenngleich für die fackeltragende Person ein glücklicher Moment nach jahrelangem disziplinierten Training.

Was haben diese beiden Bilder mit dem Thema Kirche und Macht zu tun? Das könnte frau sich allen Ernstes fragen und das ganze noch im Fokus einer Strategie. Es handelt sich ja um eine äußerst begehrte, ausgebuchte Veranstaltung, wie im Internet zu lesen ist.

Beide Bilder würden mich als katholische Frau von Maria 2.0 eher abschrecken an diesem Kongress zum Thema Macht teilzunehmen

Wir haben in den vergangenen Monaten von einigen Kirchenoberen entweder im persönlichen Gespräch, als Mail oder indirekt durch die Presse erfahren, dass es in der Kirche gar keine Macht gebe, es gebe nur DIENST. Ich werde später auf diese Interpretation und ihre Folgen zurückkommen.

Also bin ich zuerst einmal irritiert und suche eine „Rutsche“ für meinen Beitrag in dieser Zeitschrift futur2…

Biografische Vergewisserung

Ja, je länger ich darüber nachdenke, ich komme nicht drum herum, ein biographischer Einstieg ist das einzig Authentische. Mein Leben ist, weiß Gott, nicht von einer geradlinigen Biographie gekennzeichnet. Warum? Weil ich jedes Mal, wenn ich nach reiflicher Überlegung feststellte, dass eine Entscheidung nicht stimmig war, den Mut hatte, sie zu korrigieren. So ist mein Lebensweg scheinbar gespickt mit Brüchen, für mich aber ist er stimmig, weil ich mich allein vom Willen des Göttlichen in meinem Leben leiten ließ und aus dieser Zwiesprache heraus meinen Weg ging. An einem Punkt allerdings hadere ich bis heute mit meinem Gott, vielleicht auch mit Jesus Christus, weil ich nicht begriffen habe, warum er/sie mir diese Erfahrung zumuten musste. Es betrifft meine Verletzungsgeschichte mit der katholischen Kirche in Bezug auf meine berufliche Verwirklichung.

Nach einer klassisch katholischen Sozialisation, – gehorchen, zuhören, keine Widerworte geben, der Pastor hat immer Recht –, und dem Abitur machte ich eine Ausbildung zur Hörgeräte-Akustikerin im Betrieb meiner Eltern. Doch ich spürte, dass diese Berufswahl, mehr aber das familiäre Umfeld, mir perspektivisch zu eng war. Trotz schwieriger und teils demütigender Erfahrungen mit der Institution Kirche in der 60er Jahren, trat ich in ein nach außen Offenheit ausstrahlendes, modernes Kloster, eine kleine, überschaubare Ordensgemeinschaft ein. Nach drei Jahren – sie waren kein Zuckerschlecken, denn auch hier war der Gehorsam ein wichtiges Instrument der Bildung  junger Ordensfrauen – hatte ich mir erkämpft, zum Studium der Theologie nach Münster gehen zu dürfen. So lebte ich wochentags dort und an den Wochenenden im Kloster – eine dreijährige Zeit intensiver Auseinandersetzung mit theologischen Inhalten und der inneren Ablösung von meiner Gemeinschaft. Entscheidender für meinen Austritt nach dem Vordiplom war allerdings Anfang der 80er Jahre das erste feministisch-interdisziplinäre-Blockseminar für den deutschsprachigen Raum an der Universität in Münster. Als ich begann, aus der Perspektive von und mit anderen Frauen auf Gottesbilder, auf kirchliche Strukturen und theologische Inhalte zu schauen, begriff ich ganz langsam und anfänglich, wie Kirche zur Unterdrückung von Frauen beiträgt, ja, deren Rollen festschreibt.

… wären da nicht die beiden „bösen“ Worte (feministisch und tiefenpsychologisch) im Titel und auf dem Diplomzeugnis gewesen, die mir eine Anstellung im kirchlichen Dienst meiner Diözese dauerhaft verwehrt hätten

Für mich waren die Inhalte dieses Seminars und die zunehmende Vernetzung mit feministischen Theologinnen lebensrettend, davon bin ich überzeugt. Endlich hatte ich Vorbilder: Elisabeth Schüssler-Fiorenza, Isabel Charter Heywood, Catharina Halkes u.v.a.m. machten mir Mut, meinen eigenen theologischen Spuren nachzugehen und ließen in mir Zutrauen wachsen, mir eine eigene theologische Meinung zu bilden, die in tiefere innere Übereinstimmung mündete.

Allerdings hat mich diese innere Auseinandersetzung zum einen zum Austritt aus dem Kloster und zum anderen zum Abbruch des Studiums bewogen, weil ich mit weiteren „Pflichtfächern“ (Liturgie, Dogmatik, Kirchenrecht u.s.w.) nicht mehr zurecht kam, allzu kritisches In-Frage-stellen von Feministinnen war nicht gefragt und störte die universitäre Ordnung. Zu diesem Zeitpunkt gab es nur eine einzige Frau, die im universitären Mittelbau tätig war.

Ich brach ab, jobbte mich durch meine neu gewonnene Freiheit, fühlte mich halt und ziellos in einer autonomen Frauenbewegung, die mehrheitlich der Kirche längst den Rücken gekehrt hatte.

Doch in mir gab es noch einen klösterlichen Anker, durch den ich das Göttliche als individuell, befreiend und stärkend erlebt hatte: ignatianische Exerzitien. So wollte ich es wissen und entschied mich für die radikale 30-tägige Variante – ein Befreiungs- und Vertiefungserlebnis! Anschließend war mir klar, mein Studium sollte zu einem Abschluss kommen, mein Leben ordnete sich nach und nach und theologisch fand ich sowohl exegetisch wie auch tiefenpsychologisch sehr inspirierende und motivierende Lehrende. Mehr und mehr wuchs ich in theologische Kompetenzen, die mich erfüllten und mir Spaß machten, meine innere Befreiungsgeschichte setzte sich durch reflektierende theologische Inhalte fort. Meine mit eins bewertete Diplomarbeit gab mir (scheinbar?) Recht, wären da nicht die beiden „bösen“ Worte (feministisch und tiefenpsychologisch) im Titel und auf dem Diplomzeugnis gewesen, die mir eine Anstellung im kirchlichen Dienst meiner Diözese dauerhaft verwehrt hätten. Das konnte ich damals wirklich nicht glauben, aber das Bistum hat nach keinem meiner Bewerbungsverfahren, die ich positiv durchlaufen hatte, einer Einstellung zugestimmt – strukturelle Gewalt?

Grenzenlose Fassungslosigkeit

Nach diesem langen biographischen Einstieg, viele weitere Facetten bleiben schon unerwähnt, finde ich mich jetzt beim Thema Kirche und Macht, Kirche und Frauen, Kirche mit ihrer Monopolstellung als Arbeitgeberin für Theolog*innen und Kirche als streng hierarchisch organisierte Institution, in der es angeblich keine Macht, sondern nur Dienst gibt. Nach längerer Reflexion war mir klar, ich kann einen Artikel für diese Zeitschrift mit diesem Titel nicht authentisch ohne meine persönliche Betroffenheit schreiben, weil mich genau diese Betroffenheit in meinem theologischen Denken leitet, wie übrigens jede und jeder diesen subjektiven Aspekt ehrlicherweise zugeben müsste (s. K. Mertes im Vorwort zu: Doris Wagner „Spiritueller Missbrauch“, S. 10).

Wie die Kirche ihre Macht – gerade auch ihre strukturelle – lebt, demonstriert, ausübt, vollzieht, legitimiert, auch missbraucht und immer noch behauptet, macht mich sprachlos.

Wie die Kirche ihre Macht – gerade auch ihre strukturelle – lebt, demonstriert, ausübt, vollzieht, legitimiert, auch missbraucht und immer noch behauptet, macht mich sprachlos. Ich habe mir vergangene Woche noch persönlich in einem kleinen Kreis von einem Erzbischof sagen lassen müssen, es gebe in der Kirche keine Macht, sondern nur Dienst. Es macht mich aber auch zunehmend wütend und konfrontiert mich immer wieder mit der Frage, ob ich mich noch weiter mit meiner Energie, meinem Fachwissen, meinem Herzblut für diese Institution, für eine Erneuerung, für einen tiefgreifenden, radikalen Wandel in dieser so schwerfälligen, mich fortwährend diskriminierenden Institution Kirche engagieren möchte? Für mich spiegelt diese Haltung Ignoranz, Unfähigkeit zur ehrlichen Selbstreflexion (Ausnahmen ausgenommen) und eine Bagatellisierung des folgenschweren Machtmissbrauchs in der Kirche, wie allen seit der MHG-Studie klar sein muss. Unkontrollierte Macht ist nicht nur anfällig für Machtmissbrauch, sondern deren Produzentin. Ebenso fassungslos und erschüttert sehe ich auf die Themen ‚Doppelmoral‘ und Heuchelei (Frederic Martel: Sodom 2019).

Größte Anmaßung

Hätte ich nicht tief in mir die Haltung Jesu verankert, wie das Markusevangeliums sie schildert, in dem klare hierarchiekritische Töne vernehmbar sind, wäre ich wahrscheinlich bereits aus der Kirche ausgetreten, aber diese gute Botschaft lässt mich hoffen, dass Gottes Wort in der Kirche vielleicht doch irgendwann noch eine Chance bekommt. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Am unglaublichsten und anmaßendsten finde ich jedoch mehr und mehr, dass diese kirchliche Macht (und mit ihr z.B. auch der Ausschluss von Frauen zu den Weiheämtern und dadurch von allen relevanten kirchenpolitischen Entscheidungen) göttlich legitimiert wird. Das ist klarer Machtmissbrauch, da wird der vermeintliche Wille Gottes, zur Unterdrückung der Hälfte der Christ*innen missbraucht, da muss neben die Argumente Schrift und Tradition unbedingt die Vernunft gesetzt werden. Denn alles, was Menschen herabwürdigt, kann nicht der Wille Gottes sein. Gott ist die Liebe und die Liebe will Menschen groß, stark und schön sein lassen. Sie prahlt nicht und bläht sich nicht auf! (1 Kor 13)

Am unglaublichsten und anmaßendsten finde ich jedoch mehr und mehr, dass diese kirchliche Macht (und mit ihr z.B. auch der Ausschluss von Frauen zu den Weiheämtern und dadurch von allen relevanten kirchenpolitischen Entscheidungen) göttlich legitimiert wird.

Öffentliche Diskriminierung

Ich lade Sie ein, nochmals genau auf die Strukturen in der Kirche zu schauen (obwohl…: eigentlich dürfte das jedem denkenden Menschen hinlänglich bekannt sein): Die Kirche versteht sich als eine Institution, die Deutungs-, Auslegungsmacht der Schrift und des Glaubens für sich beansprucht. Aber nicht nur das, sie hält fortwährend ein System von Über- und Unterordnung aufrecht und lässt nicht die Bereitschaft erkennen, dieses System, letztlich sich selbst, ernsthaft in Frage zu stellen. Die hierarchische Verfasstheit der Kirche, der Klerikalismus schaffen Abstand zwischen Klerikern und Laien und halten letztere in Abhängigkeit. Angst vor Sanktionen lassen Menschen davor zurückschrecken, frei ihre Meinung zu sagen, gerade wenn Kirche in ihrer Monopolstellung ihr Arbeitgeber ist. Meines Erachtens hat sich diese Kirche über Jahrhunderte in eine immer enger werdende Sackgasse manövriert, in der sie es nicht schafft zu wenden, um einen gänzlich neuen und wirklich jesuanischen Kurs einzuschlagen. Denn diese Struktur der Kirche, die auf Kontrolle basiert, lässt (fast) nichts Innovatives  zu, sondern tötet letztlich jede Kreativität und Lebendigkeit, fast jeden geistgewirkten Neuanfang. In diesen Tagen ist die Amazonassynode zu Ende gegangen, was hat sie für Frauen in dieser Region gebracht? Was hat sie für die Frauen der Weltkirche gebracht? Skandalös auch, dass es nicht einmal möglich war, den an der Synode teilnehmenden (Ordens-) Frauen (im Unterschied zu den Ordensbrüdern!) Stimmrecht zu gewähren. Deutlicher kann Diskriminierung von Frauen in der Kirche nicht sein. In manchem schätze ich Papst Franziskus, zweifellos, er setzt Impulse, aber im Hinblick auf das Frauenthema hat er einen gewaltigen blinden Fleck und das ist nicht mehr hinzunehmen. Da kann die x-te Diakonninnenmöglichkeitsprüfungskommission doch wirklich nicht mehr ernst genommen werden und erweckt den Eindruck dieses Gremium möge ihn (und andere) bis zum Ende seines Pontifikats von dem Thema verschonen.

Skandalös auch, dass es nicht einmal möglich war, den an der Synode teilnehmenden (Ordens-) Frauen (im Unterschied zu den Ordensbrüdern!) Stimmrecht zu gewähren. Deutlicher kann Diskriminierung von Frauen in der Kirche nicht sein.

Blick nach vorne

Genug des Rückblicks! Wie ist es mit dem Vogel im Käfig, dessen Tür zur Freiheit geöffnet wird und der den Käfig nicht verlässt… Geht es uns genau so? Sind wir so lange an Unterordnung, an Demütigung, an Fremdbestimmung und Käfig gewöhnt, dass wir Angst vor der Freiheit, vor dem Fliegen, Angst vor Selbstverantwortung und Angst vor unserer eigenen Kreativität haben? Zurecht wird aus klerikalen Kreisen darauf aufmerksam gemacht, es gebe nicht nur einen Klerikalismus von ‚oben‘, sondern eben auch einen von ‚unten‘. Nochmals einen Aspekt meines geliebten Markusevangeliums: Wo immer es in diesem Text um Macht (exousia) geht, ist damit eine von der Person Jesu gedeckte Vollmacht gemeint, ein Verhalten anderen gegenüber, das durch seine Authentizität gedeckt ist und sozusagen als Macht in Beziehung auf Augenhöhe verstanden werden muss. Wenn die Kirche auf ihre Tradition pocht, warum ist sie nicht der Tradition dieses so wichtigen ersten Evangeliums und seiner wirklich befreienden Botschaft treu geblieben?

Wir Frauen von Maria 2.0 haben in den vergangenen Monaten, so verschieden die einzelnen Frauen dieser Bewegung auch sind – und das ist gut so –, eine Bewegung initiiert bzw. uns ihr angeschlossen, die eine Vision von Kirche hat, eine Vision, wie Kirche im MORGEN aussehen könnte. Natürlich haben wir zentrale Punkte kritisiert und Forderungen formuliert, aber das Entscheidende ist der Blick nach vorne, der Blick in eine ungewisse Zukunft. In eine Zukunft, von der wir nicht wissen, noch nicht einmal ahnen, wie sie aussehen wird und wer dauerhaft diesen Weg mitgeht. Ja, das macht auch Angst, mir zumindest, weil uns unsere Kirche ja auch Heimat war und ist. Aber auch Sarah, die Urmutter unseres Glaubens, musste ihre Heimat verlassen. Und uns soll es nicht so gehen, dass wir im Zurückschauen auf das Alte – wie Lots Frau – zur Salzsäule erstarren. Da fällt mir das aktuelle Zitat der Woche aus ‚Christ in der Gegenwart‘ von meiner Maria 2.0-Kollegin und Mitinitiatorin der Bewegung Maria 2.0, Andrea Voß-Frick ein:

Wir müssen uns frei machen von der Vorstellung, dass die großen Schritte aus der Kirchenhierarchie heraus gegangen werden

„Wir müssen uns frei machen von der Vorstellung, dass die großen Schritte aus der Kirchenhierarchie heraus gegangen werden – das ist am Ende auch nur eine Form des Klerikalismus. Wenn wir es ernst meinen mit der Botschaft Jesu, dann sind wir als Getaufte alle in seine Nachfolge gerufen und müssen diese Schritte selber gehen.“

Selbstermächtigung

Ja, ein Schlüsselbegriff unserer Bewegung ist die Selbstermächtigung, nicht weiter nach ‚oben‘ schauen (das hat mir auch schon vor fast 40 Jahren der niederländische Jesuit Ernst Thuring gesagt), sondern eigenverantwortlich und mutig den eigenen Weg gehen. Wo er hinführt, wissen wir nicht! Und logisch weitergedacht ist die Selbstermächtigung im Tiefsten Gottesermächtigung, ich fühle mich als weiblich-ebenbildliches Geschöpf Gottes mit aller Autorität/Vollmacht ermächtigt, diese Wahrheit Gottes in die Welt zu tragen, alles andere wäre Verleugnung. Zukünftig benötigen wir nämlich keine autoritären Unterdrückungshierarchien, sondern vielmehr – auch um globalen Problemen zu begegnen und der weltweiten Unterdrückung von Frauen in allen Religionen konstruktiv zu begegnen – kreative Wachstumshierarchien.

Ja, ein Schlüsselbegriff unserer Bewegung ist die Selbstermächtigung, nicht weiter nach ‚oben‘ schauen.

Wir sind gesprächsbereit und zugleich sind wir nicht bereit, uns in die alten, lähmenden Strukturen einbinden zu lassen. Maria 2.0 ist, wie Lisa Kötter, eine Mitinitiatorin der Bewegung Maria 2.0, es formuliert, ein freischwingendes Netz mit losen Enden!

Dieses Netz, freischwingend mit losen Enden, wäre für mich ein schönes, ein passenderes Bild, um zum 6. Strategiekongress einzuladen!

Praxis

Selbstverpflichtungserklärung von Priestern

Initiiert im Dekanat Ludwigsburg von Pius Angstenberger, Karl Böck, Matthias Burr, Alexander König, Luciano Marchesini und Stefan Spitznagel

Die Erklärung

Die MHG-Studie über die Missbrauchsskandale innerhalb der katholischen Kirche hat deutlich gemacht, dass sexueller Missbrauch durch die Machtstrukturen der katholischen Kirche begünstigt wird. Strukturelle Veränderungen stehen an. Mit dieser Selbstverpflichtungserklärung unterstreichen wir, dass sie dringend notwendig sind, und setzen einen Impuls.

Als Priester/Pfarrer verpflichte ich mich:

  1. Ich achte und respektiere die Würde und Persönlichkeit meiner Mitmenschen.
  2. Ich schätze und würdige die Kompetenzen der Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen
  3. Ich höre hin und setze mich für eine Gesprächskultur ein, in der die Meinung aller gehört wird und ihre Eigenständigkeit gewahrt bleibt.
  4. Ich achte die vielfältigen Frömmigkeitsformen, gehe sensibel und respektvoll mit den geistlichen Empfindungen meiner Mitmenschen um.
  5. Meine Rolle mache ich transparent und übe sie kooperativ aus; Machtkonstellationen und Abhängigkeitsverhältnisse versuche ich aufzudecken und zu verändern.
  6. Ich sorge für feedback und lade zu konstruktiver Kritik ein.
  7. Bei Entscheidungen beziehe ich die Betroffenen ein. Konsensfindungen haben Vorrang vor Abstimmungen. Entscheidungsprozesse gestalte ich nachvollziehbar. Die Ergebnisse sind für mich bindend.
  8. Klärungsprozesse treibe ich argumentativ voran, anstatt das Vetorecht in Anspruch zu nehmen.
  9. Ich ermutige zur Mitwirkung vieler und schätze die vielfältigen Begabungen und Talente.

____________________________

Ort, Datum Vor- und Zuname Unterschrift

Unser Anliegen

Die Missbrauchsskandale – vor allem sexualisierter Gewalt – innerhalb der Katholischen Kirche dauern nun schon einige Zeit. Inzwischen ist manches in Bewegung gekommen. Kirche und Öffentlichkeit sind in diesem Punkt sensibler geworden, die Kultur in der Katholischen Kirche scheint sich langsam aber sicher doch etwas zu verändern – wenn auch durch gesellschaftlichen Druck und schleppend.

Die MHG-Studie hat mit ihrer Untersuchung zum grundsätzlicheren Machtmissbrauch struktureller Art eine Verbindung hergestellt.

Allerdings scheinen wir von einer Diskussion, geschweige denn einer strukturellen Änderung noch sehr weit entfernt zu sein, da eine Verbindung zwischen Machtmissbrauch und sexuellem Missbrauch bei vielen Kirchenleitungen nicht anerkannt ist oder geleugnet wird.

Es war und ist uns ein Anliegen, als Priester zu reagieren, und unsere persönliche Betroffenheit zum Ausdruck zu bringen, indem wir unser vergangenes und künftiges Verhalten reflektieren.

In demokratischen Systemen wird Macht idealerweise kontrolliert und Machtmissbrauch mit strukturellen Maßnahmen eingehegt. Bei einem absolutistisch-hierarchischen System wie dem der Katholischen Kirche bleibt es dem Individuum überlassen, was es denkt und wie es sich verhält. Damit bleibt es seiner Willkür überlassen – sowohl positiv wie auch negativ.
Hier setzen wir an und tragen mit einem individuellen Procedere einen ersten Schritt in Richtung zu einer Lösung bei. Uns ist schon klar, dass die Kirche insgesamt in der Pflicht steht, strukturelle Änderungen vorzunehmen, und wir diesen Schritt nicht ersetzen können und wollen. Ganz im Gegenteil soll es Anstoß und Ermutigung sein, sich an Änderungen zu wagen.

Es war und ist uns ein Anliegen, als Priester zu reagieren, und unsere persönliche Betroffenheit zum Ausdruck zu bringen, indem wir unser vergangenes und künftiges Verhalten reflektieren.

Ein erster Schritt

Dafür scheint uns die oben dargestellte Selbstverpflichtungserklärung geeignet. Sie ist übrigens der Selbstverpflichtungserklärung des BDKJs für sexualisierte Gewalt nachempfunden. Uns wird immer wieder vorgehalten, dass es sich dabei um Selbstverständlichkeiten handelt. Doch scheinen diese Kriterien nicht unbedingt und überall gängige Praxis zu sein.

Bisher haben uns einige wenige, aber gleichzeitig ermutigende Reaktionen darauf erreicht. Gleichzeitig konnten wir auf diese Weise bisher in unserem Dekanat unter den Betroffenen ein wenig die Diskussion anstoßen. Insgesamt haben bisher 19 von 43 Priestern in unserem Dekanat unterschrieben, darunter 9 von 14 leitenden Pfarrern. Auf einer der nächsten Konferenz der Pfarrer werden wir uns damit auseinandersetzen. Weitere Schritte sind unsererseits gewünscht, jedoch noch nicht geplant.

Weitere Schritte

Wir überlegen, wie wir in unseren Arbeitsbereichen eine Kontrollinstanz einbauen, so dass andere unser Verhalten regelmäßig zurückspiegeln können. Teamarbeit und eine eingeübte Feedback-Kultur sind in vielen pastoralen Arbeitsbereichen bereits ein Anfang.

Wir nehmen uns gegenseitig in die Pflicht, hinterfragen unser Handeln und fragen selbst andere an, wenn ihr Handeln der Selbstverpflichtung widerspricht.

Aber: Wie können Ehrenamtliche oder Mitarbeiter/innen aus anderen Bereichen zurückmelden, wenn eine Schieflage entstanden ist? Wie können wir Wege der Rückmeldung entwickeln, wenn Macht in Konfliktsituationen missbraucht wird, wo die bisherigen Kommunikationsformen scheitern? Was würde Betroffenen in einem Abhängigkeitsverhältnis helfen, damit sie sich trauen, entsprechend zu reagieren?

Wir nehmen uns gegenseitig in die Pflicht, hinterfragen unser Handeln und fragen selbst andere an, wenn ihr Handeln der Selbstverpflichtung widerspricht.

Insgesamt wollen wir ein Zeichen setzen gegen Machtmissbrauch. Es tat und tut uns gut, uns gemeinsam mit diesen Machtfragen auseinanderzusetzen, das eigene Handeln zu überprüfen und klar Position zu beziehen. Den vorliegenden Artikel samt Selbstverpflichtungserklärung bringen wir in den Priesterrat unserer Diözese und in die Arbeitsgemeinschaft Rottenburger Priester ein.

Weitere Informationen

Praxis

Neue Führungsarchitektur im Ordinariat des Erzbistums Berlin

Interview mit Generalvikar P. Manfred Kollig

Das Erzbistum Berlin hat 2017/ 2018 im Erzbischöflichen Ordinariat eine neue Aufbaustruktur eingeführt. In diesem Zusammenhang wurde auch die Führungsarchitektur verändert. Generalvikar P. Manfred Kollig spricht im Interview mit Valentin Dessoy über Anlass, Konzeption, Umsetzung und Auswirkungen

Valentin Dessoy: Welche Situation fanden Sie vor, als Sie als neuer GV nach Berlin kamen (wie war das Ordinariat organisiert, was waren Stärken und Schwächen, …)?

P. Manfred Kollig:

Die Dezernentinnen und Dezernenten arbeiteten relativ unabhängig voneinander, kamen mit ihren Anliegen zum Generalvikar und klärten mit ihm bei Bedarf jeweils einzeln Fragen „ihrer“ Dezernate mit dem Generalvikar.

Als ich im Februar 2017 meinen Dienst begann, habe ich eine sehr heterogene Dienstgemeinschaft vorgefunden. Relativ viele Beschäftigte stammen ursprünglich aus anderen deutschen Bistümern oder aus dem Ausland. Einige Mitarbeitende hatten noch in den ehemaligen Ordinariaten in West-Berlin und in Ost-Berlin (zuständig für die Teile des damaligen Bistums in Ost-Berlin, in Brandenburg und in Vorpommern) gearbeitet. Viele haben die Finanzkrise des Erzbistums 2002/2003 erlebt mit teilweise auch persönlichen Einschnitten wie Umwandlung von Vollzeit- in Teilzeitstellen und der Aufgabe von bis dahin bezahlten Diensten in den Pfarreien (wie z.B. Sekretariats-, Hausmeister- und Küsterdiensten). Diese Erfahrungen wirkten und wirken spürbar nach. Trotzdem habe ich viele überdurchschnittlich motivierte und engagierte Mitarbeitende angetroffen.

Das Erzbischöfliche Ordinariat hatte damals die Struktur, die nach meinem Kenntnisstand der Struktur vieler Generalvikariate in Deutschland ähnelt. Es gab Dezernate, die in anderen Bistümern auch Hauptabteilungen genannt werden. Die Leiter der Dezernate waren die unmittelbaren Mitarbeitenden des Generalvikars. Die Dezernentinnen und Dezernenten arbeiteten relativ unabhängig voneinander, kamen mit ihren Anliegen zum Generalvikar und klärten mit ihm bei Bedarf jeweils einzeln Fragen „ihrer“ Dezernate mit dem Generalvikar. Die sogenannte Dezernentenrunde, die sich einmal wöchentlich traf, war eher ein Ort gegenseitiger Information und weniger eine Instanz, in der Entscheidungen vorbereitet und getroffen wurden. Zudem war nicht gesichert, dass die nötigen Informationen aus der Dezernentenrunde auch an die Mitarbeitenden im Ordinariat weitergegeben wurden.

Dessoy: Was waren Ihre Beweggründe über eine neue Aufbaustruktur und insbesondere auch über eine neue Führungsarchitektur nachzudenken?

Da unser Erzbistum … sehr vielfältig ist, haben wir uns auf die Communio als Quelle und Ziel der Kirchenentwicklung in unserem Bistum verständigt.

Kollig: Ganz oben steht die bewegende Einsicht, dass wir uns neu auf die Kirche als Communio besinnen müssen. Wir sind uns oft nicht mehr bewusst, dass Kirche keine Gemeinschaft von Menschen ist, die sich gesucht und gefunden haben. Wir sind weder als Weltkirche noch als Pfarrei noch als Dienstgemeinschaft in einem Ordinariat ein Freundeskreis oder ein Club. Vielmehr sind wir alle – ganz gleich mit welcher Ausrichtung, mit welchen Vorlieben oder Lebensläufen – in die Gemeinschaft mit Gott berufen als Schwestern und Brüder, die es anzunehmen und mit denen es zusammenzuarbeiten gilt; von denen wir uns nicht distanzieren oder trennen können. Mit meinen Worten sage ich gerne: Wir sind berufen zu lieben, auch wenn wir uns nicht mögen.

Im ersten Jahr habe ich sehr viel mit den Dezernenten über die Themen Kommunikation und Kooperation im Ordinariat gesprochen. Ebenso bin ich in die einzelnen Dezernate gegangen und habe dort Erfahrungen, Einschätzungen und Wünsche abgefragt. Außerdem waren mir gerade im ersten Jahr auch die Rückmeldungen aus den Pfarreien und den kirchlichen Einrichtungen an das Ordinariat wichtig. Aus alledem ergab sich für mich folgendes Bild:

Einerseits hat das Erzbistum Berlin den Pastoralen Prozess „Wo Glauben Raum gewinnt“ ins Leben gerufen. Mit diesem Prozess soll die Kirche im Erzbistum weiterentwickelt werden. Ziel des Prozesses ist. die Kommunikation und die Kooperation zwischen den Pfarreien zu verbessern, ebenso zwischen den Gemeinden innerhalb der Pfarreien und mit den Orten kirchlichen Lebens wie z.B. Kindertagesstätten und Schulen in kirchlicher Trägerschaft, anderen katholischen Einrichtungen, Ordensgemeinschaften und Verbänden. Da unser Erzbistum aufgrund der historischen und geografischen Bedingungen – Ost-West, Stadt-Land, mit einem über 20% hohen Ausländeranteil und zusätzlich vielen deutschen „Binnen-Migranten“ etc. – sehr vielfältig ist, haben wir uns auf die Communio als Quelle und Ziel der Kirchenentwicklung in unserem Bistum verständigt. Das bedeutet, dass wir uns als Katholiken von Gott in Gemeinschaft gerufen glauben und uns nicht als Club von Freundinnen und Freunden verstehen, die sich gesucht und gefunden haben.

Andererseits führt diese Vielfalt dazu, dass dieses System auch dafür sorgen muss, diese Vielfalt der Perspektiven einzubringen, Verständnis und Verständigung zu fördern und die in der Natur liegende Neigung des Menschen, eher in der Komfortzone der eigenen Denkmuster zu bleiben, zu überwinden.

Wenn diese Kirchenentwicklung in der Fläche des Erzbistums verwirklicht wird, muss sich dies auch auf das Ordinariat auswirken. Mir war nach einem Jahr klar geworden, dass die Forderung, in Communio zu leben und dazu gleichsam als Konsequenz die Kommunikation und Kooperation zu verbessern, auch an diejenigen gerichtet sein musste, die diesen Prozess von der Bistumsebene aus begleiten.

Andererseits können wir uns, wo immer wir den Anspruch haben, Katholische Kirche zu sein, nicht in Strukturen bewegen, die wir von der politischen Ebene kopiert haben. So wichtig es ist, die jeweiligen Zuständigkeiten zu klären, so wichtig ist es auch, sich über die Zuständigkeit hinaus im Rahmen jeder übernommenen Aufgabe beispielsweise folgende Fragen zu stellen: Wer könnte zu dieser Aufgabe etwas wissen (ganz gleich, in welchem Bereich oder auf welcher Hierarchieebene er oder sie arbeitet)? Wer müsste darüber informiert werden, dass ich an dieser Aufgabe arbeite (weil das Arbeitsgebiet der Kollegin oder des Kollegen davon betroffen wird)?

Zudem gilt für alle Ordinariate: Es liegt in der Natur des Systems, dass hier Menschen mit unterschiedlichen Professionen und damit erkenntnistheoretischen Ansätzen und Arbeitsstilen in einer Dienstgemeinschaft verbunden werden. Theologische und betriebswirtschaftliche, baufachliche und publizistische, pädagogische und juristische Kompetenzen, um nur einige zu nennen, sind einerseits notwendig, damit die Katholische Kirche unter den deutschen Gegebenheiten ihren Dienst tun kann. Andererseits führt diese Vielfalt dazu, dass dieses System auch dafür sorgen muss, diese Vielfalt der Perspektiven einzubringen, Verständnis und Verständigung zu fördern und die in der Natur liegende Neigung des Menschen, eher in der Komfortzone der eigenen Denkmuster zu bleiben, zu überwinden. Es gibt meines Erachtens nur wenige Einrichtungen, die aufgrund der Ausbildung des Personals und der Zielsetzungen, die mit dem jeweiligen Arbeitsbereich verbunden sind, so divergierend sind. Umso wichtiger ist es, Strukturen abzubauen, die – um es in einem Bild auszudrücken – unabhängige Seen schaffen, und stattdessen dafür zu sorgen, dass es zwischen den Seen Verbindungen gibt.

Dessoy: Wie sieht die neue Architektur, das Führungsmodell, konkret aus?

Es gibt zwei große Themenbereiche, die im Ordinariat bearbeitet werden müssen: „Sendung“ und „Ressourcen“… Die Bereichsleitungen der beiden Arbeitsbereiche einigen sich jeweils für ein Jahr auf eine Koordinatorin oder einen Koordinator aus ihren Reihen.

Kollig: Es gibt zwei große Themenbereiche, die im Ordinariat bearbeitet werden müssen: „Sendung“ und „Ressourcen“. Dem Arbeitsbereich Sendung sind alle Dienste zugordnet, die im Bistum für die Erfüllung des kirchlichen Auftrags in Berlin, Vorpommern und großen Teilen Brandenburgs zuständig sind. Dem Arbeitsbereich Ressourcen sind jene Dienste zugeordnet, die für den Einsatz und die sachgemäße Verteilung der Mittel zuständig sind. Die sieben Bereiche sind in Teilbereiche gegliedert. Die drei Bereiche Pastoral, Bildung und Personal-Sendung bilden den Arbeitsbereich Sendung; die Bereiche Finanzen, Bau, Personal-Ressourcen und Bistumsintene Organisation bilden den Arbeitsbereich Ressourcen. Die Bereichsleitungen der beiden Arbeitsbereiche einigen sich jeweils für ein Jahr auf eine Koordinatorin oder einen Koordinator aus ihren Reihen. Die Koordinatoren moderieren gewissermaßen die Bereiche des jeweiligen Arbeitsbereichs, klären Schnittstellen-Probleme und Arbeitsabläufe, beziehen den Generalvikar zu gegebener Zeit in Entwicklungen in den Arbeitsbereichen ein und sorgen für den Informationsfluss. Sie sammeln Themen, auch Konfliktthemen, und tragen zur Klärung bei. Schließlich gibt es einige Zentrale Servicestellen, die keinem Arbeitsbereich zugeordnet sind, sondern gleichsam wie ein Zahnrad zwischen den Arbeitsbereichen Dienstleistungen für das gesamte Ordinariat und alle Bereiche erbringen. Zu diesen Servicestellen gehören Presse- und Öffentlichkeitsarbeit oder Recht.

Dessoy: Wie war der Prozess zur Entwicklung der neuen Konzeption gestaltet (Motivation/Widerstände der Beteiligten, Aufwand, …)?

Kollig: Wenn ich hier einzelne Schritte aufzähle, die wir gemacht haben oder noch machen werden, klingt das nüchtern und kann den Eindruck erwecken, es gehe nur um eine Strukturveränderung. Deshalb erinnere ich vorab nochmals daran: Die Strukturveränderung ist ein Mittel, um das System zu irritieren, das Beharrungsvermögen aufzubrechen und neue Wege zu wagen, um die Kommunikation und Kooperation zu verbessern. Die Kommunikation in diesem Prozess ist stärker als die Struktur und die Strukturveränderung. 

Strukturveränderung ist ein Mittel, um das System zu irritieren, das Beharrungsvermögen aufzubrechen und neue Wege zu wagen, um die Kommunikation und Kooperation zu verbessern.

Mit einem externen Organisationsberater und Theologen, der einige Bistümer berät, über einen reichen Erfahrungsschatz verfügt und auch das Erzbistum Berlin schon vorher beraten hat, gab es 2017 einen ersten Klausurtag mit den Dezernenten und meinem Stellvertreter. Dieser diente dem gegenseitigen Kennenlernen und einer Bestandsaufnahme. Dort wurde beschlossen, daran weiterzuarbeiten und während eines zweiten Klausurtags die Themen „Kommunikation und Kooperation“ im Ordinariat genauer anzusehen. Bei einem dritten und vierten Klausurtag im Jahr 2018 haben wir uns mögliche Veränderungen in der Struktur angeschaut, die wir zwischenzeitlich erarbeitet hatten. Diese wurden in einer größeren Arbeitsgruppe „Organisationsentwicklung“, in der Mitarbeitende unterschiedlicher Professionen und die Mitarbeitervertretung vertreten waren, besprochen und weiterentwickelt. Die Entwürfe wurden bei zwei Mitarbeiterversammlungen vorgestellt. Ebenso gab es im Jahr 2018 zwei Fortbildungstage mit dem externen Berater für alle Führungskräfte, d.h. die damaligen Dezernats- und Abteilungsleitungen und die Leiterinnen und weitere leitende Beschäftigte. Mit demselben externen Berater gab es für alle Mitarbeitenden in drei Gruppen eine Fortbildung, die 3 Stunden umfasste. An diesen drei Gruppen-Fortbildungen habe ich auch selbst teilgenommen, um die Fragen, Vorschläge und Stimmungen kennenzulernen. Im Jahr 2019 bessern wir nach und lösen Probleme, die sich ergeben und die wir bisher übersehen haben. Dabei hilft uns das Ergebnis einer Mitarbeiterbefragung zu den Erfahrungen des ersten Halbjahrs. Die notwendigen Nachjustierungen bestehen vor allem darin, dass Schnittstellen zwischen den Arbeitsbereichen „Sendung“ und „Ressourcen“ zwischen den Bereichen, Teilbereichen und Servicestellen noch nicht umfänglich geregelt waren. Inzwischen sind alle Vollmachten (Entscheidungsbefugnisse, Unterschriftsberechtigungen etc.) geregelt. Im Dezember werden wir nochmals im Rahmen eines Klausurtags mit allen Bereichs- und Teilbereichsleitungen sowie dem Pressesprecher, dem Leiter der Servicestelle „Projekte und Prozesse“, der Justiziarin und dem Leiter des Diözesanarchivs arbeiten und vor allem Regeln für das Berichtswesen vereinbaren, durch die Kooperation zwischen den Einheiten verbessert wird.

Widerstände zeigen sich dort, wo auch in der neuen Struktur Mitarbeitende sich nicht mit Kolleginnen und Kollegen vernetzen, Informationen nur teilweise weitergeben, Wissen nicht umfänglich teilen und nur bedingt eigenverantwortlich, aber zugleich eigenmächtig handeln.

Vorbehalte, die geäußert wurden, lassen sich gut unter der Überschrift formulieren: Haben wir bisher alles falsch gemacht? Diese Widerstände zeigen sich außerdem dort, wo auch in der neuen Struktur Mitarbeitende sich nicht mit Kolleginnen und Kollegen vernetzen, Informationen nur teilweise weitergeben, Wissen nicht umfänglich teilen und nur bedingt eigenverantwortlich, aber zugleich eigenmächtig handeln. Vorbehalte äußern sich aber auch gegenüber anderen Veränderungen wie z.B. die Einführung Bezeichnung „Servicestelle“.

Dessoy: Welche Ziele sind damit verbunden? Welche Chancen/ Risiken, Vor- und Nachteile sehen Sie?

Kollig: Auch hierzu nur einige Aspekte:

Klarheit bzgl. unseres Auftrags als Ordinariat: Diese Struktur gibt eine klare Antwort auf die Frage: Wozu muss es uns geben? Alle Mitarbeitenden unterstützen, gestalten und fördern den kirchlichen Auftrag, Gott in dieser Welt zu entdecken und zu betrachten, aus dem Glauben zu leben und ihn zu verkünden. Die einen nehmen durch ihre pastorale, pädagogische und soziale Arbeit direkt an der Erfüllung der Sendung teil; die anderen durch die ordnungsgemäße Verwaltung der Güter und der Sorge um deren angemessenen und nachhaltigen Einsatz. Unterscheiden die einen im Arbeitsbereich Sendung eher, was sinnvoll und geboten ist von dem, worauf man inhaltlich verzichten kann, prüfen die anderen die Möglichkeiten, das Sinnvolle zu tun.

Unterscheiden die einen im Arbeitsbereich Sendung eher, was sinnvoll und geboten ist von dem, worauf man inhaltlich verzichten kann, prüfen die anderen (im Arbeitsbereich Ressourcen) die Möglichkeiten, das Sinnvolle zu tun.

Kooperation systemisch sichern innerhalb der Arbeitsbereiche und zwischen den Arbeitsbereichen: Am Beispiel der Dienste in den Schulen lässt sich dies gut darstellen. Man kann den Bereich Schule als geschlossenes System betrachten. Wir haben es stattdessen geöffnet. Somit werden die Inhalte wie z.B. das Profil dieser Schulen und deren pastorale Bedeutung in dem Arbeitsbereich Sendung, die organisatorischen Themen wie z.B. Finanzen, Baugestaltung und Beschaffung im Arbeitsbereich Ressourcen bearbeitet. Somit bekommen automatisch viel mehr Mitarbeitende eine Kenntnis über die Bedeutung Katholischer Schulen. Gleichzeitig wird es effizienter, wenn die Fachleute für Finanzen, Bau, IT, Personalwesen etc. nicht nur einige Bereiche sondern alle unterstützen. Auch der Religionsunterricht und alle seine Aspekte wie z.B. Personalgewinnung und –förderung ist nicht nur eine Angelegenheit einiger weniger, die im Bereich Schule arbeiten. Durch die Bearbeitung des Themas im Arbeitsbereich Sendung werden auch diejenigen beispielsweise an Problemlösungen beteiligt, die ansonsten z. B. verstärkt für Kategorialseelsorge oder Priesterausbildung  zuständig sind.

Die temporär übergebene Verantwortung als Koordinatorin bzw. Koordinator öffnet den Blick über den eigenen Bereich hinaus auf den ganzen Arbeitsbereich. Sie übernehmen mit dem GV und seinem Stellvertreter Verantwortung, wenn es Kooperationsprobleme zwischen den Arbeitsbereichen gibt.

Die temporär übergebene Verantwortung als Koordinatorin bzw. Koordinator öffnet den Blick über den eigenen Bereich hinaus auf den ganzen Arbeitsbereich.

Eines der Risiken, das im Blick behalten werden muss: Die größere Durchlässigkeit der Bereiche und die Förderung bereichsübergreifender Kooperation kann dazu führen, dass Mitarbeitende versuchen, unangenehme Aufgaben an andere weiterzureichen. Ein zweites Risiko besteht darin, dass durch die breitere Verteilung der Verantwortung kleinere Einheiten wie Teilbereiche sich abschotten und, waren die Dezernate wie Seen, die nicht verbunden waren, jetzt Pfützen entstehen, die unverbunden sind. Ganz gleich welche Struktur, Beteiligung setzt immer voraus, dass diejenigen, die beteiligt werden, fachlich und sachlich überzeugen, statt in erster Linie Eigeninteressen zu vertreten; und dass die Haltung, Menschen die es betrifft, in die eigene Arbeit einzubeziehen, sich durchsetzt und antreibt.

Dessoy: Gibt es schon erste Erfahrungen mit dem Modell? Welche Wirkungen sind absehbar?

Kollig: Durch die Veränderung wurde es notwendig, das eigene Tun verstärkt zu reflektieren: Welchen Sinn hat mein Auftrag? Wer ist von meinem Tun betroffen? Wer könnte etwas zur Lösung eines Problems beitragen? Mit wem muss ich über die gemeinsamen Schnittstellen sprechen? Viele solcher Fragen gibt es. Sie führen zu einer Auseinandersetzung mit dem eigenen Tun und letztlich zu einer besseren Kommunikation und Verständigung.

Das neue System vermeidet Nadelöhre bzw. eine Klumpenbildung bei der Verteilung von Macht und Vollmacht. Die Vollmachten bzgl. Entscheidungen und Unterschriften wurde auf eine größere Zahl von Mitarbeitenden verteilt. Dadurch wird vermieden, dass Entscheidungen aufgrund der hohen Anzahl nur noch der Form genügend getroffen bzw. unterschrieben werden.

Die größere Durchlässigkeit der Bereiche und die Förderung bereichsübergreifender Kooperation kann dazu führen, dass Mitarbeitende versuchen, unangenehme Aufgaben an andere weiterzureichen.

Die breitere Verteilung von Vollmachten führt dazu, dass die Bereiche und Teilbereiche Chancen und Risiken genauer und in kürzeren Zeiträumen feststellen können. Auch ist eine bessere Begleitung des Personals möglich. Hier arbeiten wir auch noch daran, dass die Mitarbeitenden sich nicht an die ehemaligen Vorgesetzten wenden, sondern ihre unmittelbaren Vorgesetzten in die Vorgänge einbeziehen.

Dessoy: Sie gehören zu den Arnsteiner Patres. Was hat das Modell mit Ihrer Ordenszugehörigkeit zu tun?

Kollig: Unter anderen kommen mir folgende drei Erfahrungen zugute:

  • Seit 1974 lebe ich in dieser Gemeinschaft. Im Laufe der Zeit habe ich es schätzen gelernt, dass wir jährlich in unseren Gemeinschaften vor Ort über unser Leben (Sendung, Lebensstil, Gebetsformen und-zeiten etc.) mit dem Ziel eines sogenannten Kommunitätsprojekts nachdenken und entsprechende Entscheidungen für das kommende Jahr treffen müssen. Auf der nationalen Ebene geschieht dies alle drei und auf der internationalen Ebene alle sechs Jahre.
  • Mit zeitlich befristeten Leitungsämtern auf der lokalen wie auf der nationalen und internationalen Ebene habe ich sehr gute Erfahrungen gemacht. So lernen möglichst viele Mitbrüder, für ein größeres Ganzes Verantwortung zu übernehmen und weiten den eigenen Horizont.
  • Seitdem ich eingetreten bin, erlebe ich kontinuierlich, wie notwendig es aufgrund des Schrumpfens unserer Gemeinschaft ist, Werke und ordenseigene Einrichtungen aufzugeben oder diese Anderen zu übergeben. Kommunitäten aufzulösen und liebgewonnene Orte und die dort lebenden Menschen zu verlassen, ist schmerzhaft. Gleichzeitig gehört es zu unserer Berufung, Zeugnis zu geben von der Hoffnung, auch wenn wir Wüste erfahren oder gar Exil. Unser letztes Provinzkapitel hat sich der schweren Aufgabe gestellt, in dem Jahr, in dem wir nach 100 Jahren das Kloster Arnstein verlassen haben, den Ersten Brief des Apostels Petrus  zu betrachten: „Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die euch erfüllt“ (1 Petr 3,15). Wie können wir, die wir unseren Namen in Deutschland aus dem Kloster Arnstein an der Lahn ableiten und im Bistum Limburg so gut aufgenommen wurden, diesen Ort und die Menschen verlassen und diese Schriftstelle im Alltag verwirklichen?

    Mit zeitlich befristeten Leitungsämtern auf der lokalen wie auf der nationalen und internationalen Ebene (des Ordens) habe ich sehr gute Erfahrungen gemacht.

Dessoy: Die Verwaltung im Erzbistum Berlin ist relativ klein. Ist eine Übertragung auch auf größere Verwaltungen denkbar?

Kollig: Meines Erachtens wächst mit der Größe die Notwendigkeit, die Vernetzung zwischen den Arbeitsbereichen im System zu sichern. Wir sind mit unseren 250 Mitarbeitenden nicht das Maß für die Art der Umsetzung. Größere Ordinariate und Generalvikariate benötigen bei der Umsetzung noch weitere Maßnahmen und auch andere Zeitfenster. Das Ziel zu verfolgen, die Kommunikation und die Kooperation zu verbessern, Doppelstrukturen abzubauen, die oft historisch gewachsene oder aufgrund von Persönlichkeiten entstandenen Vorherrschaften abzubauen, um die Begabungen und das Erfahrungswissen besser einbringen zu können, ist Aufgabe aller Ordinariate und Generalvikariate.

Dessoy: Wenn die Pastoral zukünftig in großen Räumen organisiert wird, könnte die Führungsarchitektur analog gebaut werden?

Kollig: Das Prinzip, für alle Mitarbeitende, ganz gleich auf welcher Ebene, dafür zu sorgen, dass die Aufgabe, Verantwortung und Befugnisse einen Dreiklang bilden und somit zueinander passen müssen, muss auf allem Ebenen gelten. Auch auf der Pfarreiebene muss umgesetzt werden, dass Sendung und Ressourcen die Gestaltung des Lebens in der Pfarrei bestimmen. Das bedeutet z.B., dass für eine gute Qualität der Zusammenarbeit zwischen Kirchenvorständen und Pfarreiräten (bisher Pfarrgemeinderäten) und zwischen Hauptamtlichen in der Pastoral und den Verwaltungsleitungen gesorgt werden muss.

Führungsteams, die sich ihrer Sendung und ihrer Ressourcen (Begabungen, Zeit, Geld etc.) bewusst sind und entsprechend handeln, müssen Markenzeichen der Katholischen Kirche sein, ganz gleich auf welcher Ebene.

Führungsteams, die sich ihrer Sendung und ihrer Ressourcen (Begabungen, Zeit, Geld etc.) bewusst sind und entsprechend handeln, müssen Markenzeichen der Katholischen Kirche sein, ganz gleich auf welcher Ebene.

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