022022

Foto: Jaye Haych/Unsplash

Praxis

Josef Kafko

Aufhören, um neu anzufangen

Der Letzte macht das Licht aus

„Der Letzte macht das Licht aus“ – mit diesem Titel haben einige Seelsorger:innen und ich in den letzten Jahren das Gespräch mit den Haupt- und Ehrenamtlichen in den Pfarreien gesucht und geführt. Ziel war es, die Betroffenen hinzuweisen auf die anstehenden Veränderungen in der Personalbesetzung und der finanziellen Lagen in den Pfarreien und Seelsorgeeinheiten. Denn die Angst war und ist da, dass es in den Seelsorgeeinheiten bald kein kirchliches Leben mehr gibt.

Nun wurde dieses Motto rascher Realität und anders als gedacht. Zwar haben aktuell nicht die Letzten das Licht ausgemacht, wohl aber die Vorvorvorletzten. Denn aus Kostengründen wurden und werden seit Herbst 2022 viele Domkirchen, aber auch kleine Dorfkirchen nachts nicht mehr angestrahlt. Damit werden sie in den Städten und Dörfern unsichtbar. Auch das ist für mich ein Zeichen dafür, dass die Kirche aus der Mitte der Gesellschaft, aus der Mitte des Dorfes verschwindet! Kein Kirchturm mehr, der Orientierung gibt? Kein Licht, dass im Dunkeln die Mystik des Göttlichen aufstrahlen lässt?

Was hier Symbolwert hat, ist in der Realität längst angekommen: Die Kirche in ihrer aktuellen Sozialform ist in Auflösung begriffen.

Was hier Symbolwert hat, ist in der Realität längst angekommen: Die Kirche in ihrer aktuellen Sozialform ist in Auflösung begriffen. Und ich denke, es gibt da kein Zurück mehr. Viele Menschen, die sich noch zur Kirche zählen und denen zumindest punktuell die Kirche wichtig ist, wünschen sich eine Veränderung. Annette Zoch merkt in einem Artikel der Süddeutschen Zeitung nach dem Ad-limina-Besuch der deutschen Bischöfe richtig an, dass die Gläubigen in Deutschland keine Geduld mehr haben mit der festgefahrenen römischen Leitung der katholischen Kirche.1 Die Gläubigen, die noch bereit sind, sich zu engagieren oder sich Gedanken über die Zukunft der Kirche zu machen, drängen auf Veränderung der Glaubens- und Sittenlehre und der Machtstrukturen. Kurz gesagt: Sie wollen endlich, dass das Kirchenbild des II. Vatikanischen Konzils umgesetzt wird, und auf den Glaubenssinn der Gläubigen gehört wird.

Und diese Veränderung geht nur über die Auflösung der alten Strukturen und Denkweisen.

Und diese Veränderung geht nur über die Auflösung der alten Strukturen und Denkweisen. Ob dieser Transformationsprozess in Kontinuität mit der bisherigen Sozialform möglich ist, oder ob es einen Bruch und einen Neuanfang bracht, ist noch nicht ausgemacht. Es bleibt spannend.

Wer ist denn überhaupt noch da?

Als ich dieses Jahr in einer Pfarrei zur Aushilfe war und dort dem traditionellen Totengedenken mit Gräbersegnung vorgestanden bin, hat eine jüngere Ministrantin zu mir gesagt: „Heute war die Kirche aber schön voll. Das letzte Mal als ich ministriert habe, waren nur vier Leute da“. Da stellt sich natürlich die Frage: Wer ist denn überhaupt noch da in den Pfarreien, wer feiert denn noch die Gottesdienste mit?

Christiane Bundschuh-Schramm geht „im Wesentlichen von drei Mitgliedschaftstypen aus, den sogenannten Kasualfrommen, den regelmäßig Praktizierenden und den Spirituellen Wanderern“.2 Die Kasualfrommen nutzen die Angebote der Kirchen an den Lebenswenden oder zu bestimmten (Krisen-)Zeiten, die Praktizierenden sind die, die in den Gemeinden regelmäßig mitfeiern und da sind, jedoch wählt diese Gruppe immer mehr auch die Angebote aus, die für sie subjektiv ansprechend sind. Die Spirituellen Wanderer wählen sehr gezielt aus allen spirituellen Angeboten, auch außerhalb der Kirchen, aus und vertrauen auf ihre innere Fähigkeit, für sich das richtige zu finden.3

„Heute war die Kirche aber schön voll.”

Der Religionssoziologe Michael Ebertz hat in einer aktuellen Studie erhoben, dass die Christen in Deutschland sich unterschiedlich stark an ihre Kirche gebunden fühlen. Er unterscheidet „von einer ganz engen Bindung über eine kritische Bindung bis hin zu einer Mitgliedschaft lediglich auf dem Papier“. In konkreten Zahlen: „15% der Kirchenmitglieder fühlen sich eng angebunden, 45% kritisch und 40% „haben keine positiven Gefühle der Kirche gegenüber, gehören ihr aber faktisch an“.4

Mit Blick auf diese Erhebungen und Zusammenfassungen lässt sich leicht erahnen, dass es um die Kirchenbindung nicht besonders gut bestellt ist. Die Bindung an die Kirche allgemein, aber auch an die konkrete Kirche vor Ort, ist stark am Abnehmen, und dies relativ rasant. Ein kleiner Kern von Gläubigen und Praktizierenden hält das Gemeindeleben am Leben, doch auch dieser Kern, der vor allem aus älteren Menschen besteht, ist im Schwinden begriffen. „Die Kirche als einen Ort der Gemeinschaft zu erleben, wo man sich aufgehoben fühlt und dem Glauben emotional Ausdruck verleihen kann – das ist eigentlich nur noch bei älteren Menschen so“ resümiert Michael Ebertz (5).5

Ein kleiner Kern von Gläubigen und Praktizierenden hält das Gemeindeleben am Leben, doch auch dieser Kern, der vor allem aus älteren Menschen besteht, ist im Schwinden begriffen.

Dies alles, so man es wahrnehmen will, ist ein deutliches Zeichen für die Auflösung der bisher bekannten und tradierten Sozialgestalt von Kirche. Und umso unverständlicher ist es, dass sowohl Verantwortliche in der Hierarchie der Kirche, aber auch in jedem noch so kleinem Kirch-Ort, gar nicht so genau hinschauen wollen, was sich da vor ihren Augen abspielt. Denn es schmerzt, da ja die Communio, die Gemeinschaftsbildung, die Weggemeinschaft6 konstitutiv zu einer christlichen Kirche gehört. Denn: „Entscheidend ist also in jeder menschlichen Gemeinschaft … das innere Band, das die Gemeinschaft zusammenhält“.7

Diese soziologische Sicht, die auch Bernd Joas deutlich hervorhebt,8 steht als Mahnung im Raum. Jedoch, so glaube ich, ist diese kirchliche Gemeinschaft schon seit längerer Zeit mehr Wunschdenken als Realität. Die real oder gefühlt in den letzten Jahrzehnten noch hin und wieder gefüllten Kirchen und Pfarrheime haben viele darüber hinweggetäuscht, dass es diese kirchliche Gemeinschaft nur mehr rudimentär gibt oder sie sich schon aufgelöst hat. Oder aber abgelöst wurde von einem kulturkämpferischen Traditionalismus, im Sinne des „mia san mia“, in der sich politische Verantwortliche, die sonst selten eine Kirche von innen sehen, beim Bischof melden und fordern, dass selbst im kleinsten Dorf am Sonntag eine Messe stattzufinden hat. Denn das sei wichtig für den Zusammenhalt im Dorf.

Und umso unverständlicher ist es, dass sowohl Verantwortliche in der Hierarchie der Kirche, aber auch in jedem noch so kleinem Kirch-Ort, gar nicht so genau hinschauen wollen, was sich da vor ihren Augen abspielt.

Und die hauptamtlichen Seelsorger:innen?

Die persönliche Beziehung der pastoralen Mitarbeiter:innen zu den Pfarreimitgliedern ist sehr unterschiedlich. Zu einem Teil der Menschen, v.a. zu den regelmäßigen Kirchgängern und den Engagierten in den Gremien und Gruppen, ist der Kontakt eher intensiv und persönlich. Das sind aber in der Regel nicht mehr als 10 bis maximal 20 Prozent der Katholiken einer Seelsorgeeinheit. Mit der überwiegenden Mehrheit der Katholiken kommt es zu einer punktuellen Berührung und einem kurzen Kontakt anlässlich von Sakramenten und Kasualien. Diese, wenn auch punktuellen Begegnungen, sind als Kairos für die Verkündung des Evangeliums zu nutzen.

Aufgrund einiger wissenschaftlichen Studien in den letzten Jahren, bei denen in ganz Deutschland Priester, Diakone und hauptamtliche pastorale Mitarbeiter:innen befragt wurden, kann die Situation der Befragten nun erstmals sehr detailliert und fundiert beschrieben werden. Die Überlegungen zu den Konsequenzen aus der deutschen Seelsorgestudie, die von Baumann u.a. unter dem Titel „Zwischen Spirit und Stress“ die im Frühjahr 2015 veröffentlicht wurden,9 müssen in den kommenden Jahren noch intensiver diskutiert werden, um daraus Handlungsoptionen abzuleiten. Zudem haben sich die gesellschaftlichen und kirchenpolitischen Rahmenbedingungen innerhalb der letzten zwei Jahre, aufgrund der veröffentlichten Missbrauchsgutachten, der Konflikte in manchen Diözesen und der Pandemie massiv verändert.

Vor allem das Priesterbild und auch die priesterliche Existenz sind dadurch in eine Krise geraten.

Vor allem das Priesterbild und auch die priesterliche Existenz sind dadurch in eine Krise geraten. Teilweise durch mangelnde Wertschätzung der Gesellschaft, aber auch durch kritische Anfragen durch das Volk Gottes selbst: wegen ihrer zölibatären Lebensform, wegen aktuellen Skandalen in der Kirche oder einer zugeschriebenen Haltung zu einer nicht mehr verständlichen Sexualmoral. Zudem ist auch die Leitungsfunktion eines Priesters/Pfarrers einem Wandel unterworfen. Mit immer größer werdenden Seelsorgeeinheiten, aufgrund des Priestermangels, und aufgrund staatlicher Vorgaben in Finanz- und Verwaltungsfragen müssen Priester immer mehr Managementaufgaben an Verwaltungsleitungen abgeben. Damit bleibt dem Priester zwar wieder mehr Zeit für die Seelsorge, jedoch muss diese neue Rolle erst noch aktiv angenommen und mit Leben gefüllt werden. „Denn noch gibt es wenige attraktive Formen erprobter Partizipation und gemeinschaftlichen Lebens und Handelns von Priestern und Gläubigen in der Seelsorge“.10
„Die vielen engagierten Priester, die trotz andauernder Missbrauchskrise und zähem Fortschritt kirchlicher Reformen mit Herzblut ihren Dienst tun und der Kirche ein menschenfreundliches Gesicht geben, können am negativen Image offenbar nur wenig ändern. Für viele wird die Situation zur Belastung. Wo soll sich ein Priester im säkularen Umfeld verorten zwischen seinen Rollen als Kultdiener und Seelsorger, Sozialarbeiter und Verwalter?“.11

„Koppelung von Sakramentalität und Macht (ist) heute für die Existenz des katholischen Amtspriestertums offenkundig zum Problem geworden“

Der Pastoraltheologe Rainer Bucher bringt es so auf den Punkt: Die „Koppelung von Sakramentalität und Macht (ist) heute für die Existenz des katholischen Amtspriestertums offenkundig zum Problem geworden“.12

Deutlich sichtbar wurde dies meines Erachtens beim „Synodalen Weg“. Dort wurde provokant die Frage aufgeworfen, ob es denn überhaupt noch Priester brauche. Rasch wurde dann – dogmatisch sauber – nachgeschoben, dass es ja bei der Frage nicht grundsätzlich um die Frage des Priesteramts gegangen sei, sondern um die Frage, welche Art von Priestern das Volk Gottes im 21. Jahrhundert benötigt. Also: auch das Priesterbild in seiner bisherigen Form ist in Auflösung begriffen. Und mit ihm natürlich auch die Bilder von Diakonen, Pastoral- und Gemeindereferenten, deren Proprium sich vielfach ja nur in Abgrenzung zur Vollmacht von Bischof und Priester sich ableitet.

Eine territorial strukturierte Kirche, wie es nun mal die katholische ist, tut sich schwer mit Sozialraum-Pastoral, mit innovativen Ideen, mit kategorialen Diensten, mit Multiprofessionalität. Und mit ihr natürlich auch deren Mitarbeiter:innen. Viele der in der Pastoral hauptberuflich Tätigen gehören nicht mehr zu den Jüngsten und tragen ihre Kirchenbilder aus der eigenen Jugendarbeit und aus Studienzeiten in sich. Wandel, Abschied, Auflösung sind Begriffe, die nicht gerne angegangen werden, da sie meist auch zu Widerständen bei den Ehrenamtlichen führen.

Wie geht eine Kirche in Auflösung?

Und natürlich hinterfragen diese Begriffe auch die Person selbst: War denn alles, was ich in den Pfarreien geleistet habe, umsonst? Habe ich mehr Leute aus der Kirche vertrieben als für die Kirche gewonnen? Wie geht eine Kirche in Auflösung? Macht es noch Sinn, die letzten Jahre meines Berufslebens mich nochmals neu auszurichten?

Viele pastorale Mitarbeiter:innen schwanken meines Erachtens zwischen einem „die Zeiten werden sich schon wieder zu unseren Gunsten ändern“ und dem Wunsch nach einem möglichst raschen Zusammenbruch der aktuellen Sozialform von Kirche in Deutschland. Und natürlich gibt es zwischen diesen beiden Polen alle möglichen Schattierungen von Handlungsmustern und Gedankenspielen. Und damit sind die pastoral Tätigen ein Spiegelbild der Haltungen auch aller anderen Kirchenmitglieder.

Gefangene des Kirchenrechts

Seit Jahrzehnten findet bereits eine Entfremdung zwischen dem gläubigen Volk und den Amtsträgern statt. Da ist auf der einen Seite die Kirche, die Amtskirche, und auf der anderen Seite, da bin ich. Mit dieser Haltung distanziert und suspendiert sich der gläubige Mensch von den Entscheidungen der Kirchenhierarchie. Denn vieles, was Dogmatik und Morallehre der Kirche betrifft, deckt sich nicht mehr mit der Lebenswirklichkeit der Menschen. Mehr noch, manche kirchlichen Aussagen werden als verletzend, diskriminierend, isolierend wahrgenommen.

Denn vieles, was Dogmatik und Morallehre der Kirche betrifft, deckt sich nicht mehr mit der Lebenswirklichkeit der Menschen.

Doch eine Änderung in diesen doch für die westliche Welt drängenden Fragen, auch wenn nur in kleinen Schritten, ist nicht in Sicht. Das hat deutlich auch der Ad-limina-Besuch der deutschen Bischöfe in Rom vom 14.bis zum 19. November 2022 gezeigt. Rom hat die roten Linien aufgezeigt bei Fragen der Frauenordination, bei Fragen zum Zölibat, bei Änderungen der Sexuallehre, bei Fragen zur kirchlichen Anthropologie. Letztlich, so würde ich es bezeichnen, sind wir Gefangene des Kirchenrechts.

In diesem 1983 von Papst Johannes Paul II. erlassenen Kirchengesetzt ist viel festgeschrieben, was in den kirchlichen Diskussionen in Deutschland aktuell zur Debatte steht. Aber kein Synodaler Weg, auch keine Bischofskonferenz kann das Kirchenrecht ändern. Darauf weist der Kirchenrechtler Norbert Lüdecke deutlich hin.13 Er findet es zudem unverständlich, dass sich immer wieder Katholik:innen in den Gremien und Verbänden finden, die sich auf zeitintensive Diskussionen wie den Synodalen Weg einlassen. Denn, so sein Resümee: Egal, was hier mit Mehrheit beschlossen wird – entschieden darüber wird im Vatikan, letztlich durch den Papst.

Egal, was hier mit Mehrheit beschlossen wird – entschieden darüber wird im Vatikan, letztlich durch den Papst.

Von daher möchte man mit Cassian rufen: „Fliehe des Bischofs und der Frauen“.14 Cassian hatte hier natürlich den Mönch in Blick und möchte ihn vor den Versuchungen der Macht, des Eingebundenseins in eine Hierarchie und der Sexualität warnen. Jedoch passt dieser Satz auch in unsere Situation. Dem Bischof „fliehen“ – das machen zurzeit viele Kirchensteuerzahler, aber auch gläubige Katholiken. Den Frauen „fliehen“ haben dagegen die Bischöfe und die Kurie mit dem Papst in Rom über Jahrhunderte gemacht und machen es immer noch. Das Ergebnis sehen wir gerade in den Debatten über Zugänge von Frauen zu allen Ämtern und Funktionen in der Kirche.

Die Unselbständigkeit der Teilkirchen, die nach wie vor zentralistisch geleitete Kirchenmonarchie trägt hier in Deutschland ebenfalls zur Auflösung bei. Wenn man das Gefühl gewinnt, dass noch so viele Debatten, Synoden, Synodale Wege und Gesprächsprozesse keine wirklichen Veränderungen bringen, dann wird auch der letzte gutgesinnte Katholik mürbe und verabschiedet sich oder es bleibt „beim Dauerbejammern einer Kirche, auf die man heilsängstlich nicht verzichten kann“.15

Und nun?

Harald Welzer hat ein Buch mit dem Titel „Nachruf auf mich selbst. Die Kultur des Aufhörens“ geschrieben.16 Es ist autobiografisch gefärbt. Der Autor reflektiert darin nach einer schweren Erkrankung seine Entscheidung, mit manchen Dingen aufzuhören, damit Neues entstehen kann. Dieses „Aufhören“ im Kleinen wie im Großen der Welt legt er auch seinen Leser:innen nahe.

Ich glaube, genau dieses „Aufhören“ vom Gewohnten ist die größte Herausforderung unserer Kirche und aller seiner Glieder. Und es ist das, was die wenigsten können und wollen.

Der ehemalige Generalvikar der Erzdiözese München und Freising, Peter Beer, hat den Impuls von Harald Welzer aufgegriffen und empfiehlt seinerseits „unserer Gesellschaft eine Kultur des Aufhörens. Und ich glaube, das fehlt auch in unserer Kirche. Es fehlt das entspannte Aufhören mit etwas, das vielleicht früher mal gepasst hat, aber jetzt seine Funktion, seine Bedeutung und Wichtigkeit verloren hat. Wer mit etwas aufhören kann, der muss auch keinen Mangel verwalten. Wer aufhören kann, der kann auch mit etwas anderem neu beginnen“.17

Ich glaube, genau dieses „Aufhören“ vom Gewohnten ist die größte Herausforderung unserer Kirche und aller seiner Glieder. Und es ist das, was die wenigsten können und wollen. Denn der Blick zurück gibt Sicherheit, der Blick nach vorne ist ein Wagnis. Und dann noch die Frage: Was füllt den Raum, der durch das Aufhören von etwas sichtbar wurde? Es gibt daher nicht viele, die einem der 12 Merksätze, die Harald Welzer zusammenfassend formuliert hat, wirklich glauben: „Aufhören sichert das Erreichte. Weitermachen banalisiert es“.18

Von daher nehme ich im Verhalten von vielen Haupt- wie Ehrenamtlichen vor allem eine Verunsicherung wahr und ein konsequentes Festhalten am Überkommenen. Sie wollen retten, was zu retten ist, damit alles so bleibt wie bisher, auch wenn die Mitfeiernden und Teilnehmen von Monat zu Monat abnehmen. Zwar gibt es die kleinen und großen Aufbrüche innerhalb der bisherigen Seelsorgeeinheiten und Kategorien, es wird mal etwas Neues versucht, aber das Alte wird weitergeführt, vielleicht im Umfang reduziert, aber nicht beendet.

Diese Gruppen werden für sich das umsetzen und leben, was sie für sich brauchen. Sie werden sich in Selbstermächtigung ihre Rituale, Liturgien und die Regeln für das Zusammenleben geben

Und daneben wachsen kleine Gruppen von Christen, die sich Jesu Wort verschrieben haben: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich unter ihnen“ (Mt 18,20). Diese Gruppen werden für sich das umsetzen und leben, was sie für sich brauchen. Sie werden sich in Selbstermächtigung ihre Rituale, Liturgien und die Regeln für das Zusammenleben geben. Was diese Gruppen sicher nicht brauchen: ein Kirchenrecht, eine unverständliche Dogmatik, eine Morallehre jenseits aller Wissenschaft und evtl. brauchen sie auch keine Dienste und Ämter der verfassten Kirche. Und doch werden sie sich im Verbund mit anderen Gruppen und ggf. auch der Gemeinde vor Ort als Teil der katholischen Kirche verstehen wollen.

Und das mit dem Licht?

Es gibt eine ganz einfache biblische Antwort für die Zukunft der Kirche:

„Nicht mehr die Sonne wird dein Licht sein, um am Tage zu leuchten, / noch wird dir der Mond als heller Schein leuchten, sondern der HERR wird dir ein ewiges Licht sein / und dein Gott dein herrlicher Glanz. Deine Sonne geht nicht mehr unter / und dein Mond nimmt nicht mehr ab; denn der HERR ist dein ewiges Licht, / zu Ende sind die Tage deiner Trauer. Dein Volk besteht nur aus Gerechten; / sie werden für immer das Land besitzen, / Spross meiner Pflanzung, Werk meiner Hände / zum herrlichen Glanz. Der Kleinste wird zu einer Tausendschaft, / der Geringste zu einer starken Nation. Ich, der HERR, / zu seiner Zeit führe ich es schnell aus“ (Jes 60,19-22).

 

  1. Zoch, A., Die Kurie schätzt die Katholiken falsch ein, in: Süddeutsche Zeitung, 21.11.2022, 4.
  2. Bundschuh-Schramm, C., Wer bin ich und was nützt dazu (m)ein Glaube? Zur Biografisierung der Religion, in: Hundertmark, P., Mückstein, W.(Hrsg.), Handbuch geistliche Begleitung, Mainz 2012, 140.
  3. Bundschuh-Schramm, C., a.a.O., vgl. 140-142.
  4. Ebertz, M., Bindung der Menschen an Kirche ist höher als man denkt, in: https://www.katholisch.de/artikel/40711-ebertz-bindung-der-menschen-an-kirche-ist-hoeher-als-man-denkt (aufgerufen 21.11.2022).
  5. Ebertz, M., a.a.O.
  6. Klasvogt, P., Kirche neu erfinden. Lebendiger Organismus. Lernende Organisation, Paderborn 2021, 308.
  7. Klasvogt, P., a.a.O., 302.
  8. Joas, B., Warum Kirche? Selbstoptimierung oder Glaubensgemeinschaft, Freiburg 2022, 211-228.
  9. Baumann, K., Büssing, A., Frick, E. Jacobs, C.,  Weig, W., Zwischen Spirit und Stress. Die Seelsorgenden in den deutschen Diözesen. Das neue Sachbuch zu den Ergebnissen der deutschen Seelsorgestudie, Würzburg 2017.
  10. Hartmann, C. P., Wenn der Priester an seinem Bild zerbricht, in: https://www.katholisch.de/artikel/22906-wenn-der-priester-an-seinem-bild-zerbricht (aufgerufen am 13.05.2022).
  11. Hartmann, C. P., a.a.O.
  12. Bucher, R., Priester des Volkes Gottes, Würzburg 2010, 50.
  13. Lüdecke, N., Die Täuschung. Haben Katholiken die Kirche, die sie verdienen?, Darmstadt 2021, 7-13.212-249.
  14. Zitiert nach Dienberg, T., „Geh deinen Weg vor mir …“. Geistliche Begleitung und Wegbegleitung, Münster 2020, 24-30.
  15. Lüdecke, N., a.a.O., 13.
  16. Welzer, H., Nachruf auf mich selbst. Die Kultur des Aufhörens, Frankfurt 2021.
  17. Beer, P., Wer nur eigenen Weg für richtig hält, ist nicht mehr katholisch, in: https://www.katholisch.de/artikel/40769-beer-wer-nur-eigenen-weg-fuer-richtig-haelt-ist-nicht-mehr-katholisch (aufgerufen am 29.10.2022).
  18. Welzer, H., a.a.O., 263.

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