012022

Foto: Kinga Cichewicz/Unsplash

Konzept

Beate Haverkamp und Astrid von Soosten

Was muss passieren, damit endlich was passiert?

Wie kommen wir ins Handeln?

Wir wissen eigentlich alle, was zu tun ist, trotzdem fehlt uns der Wille zum Handeln.

Was wir oft vergessen: Nichts tun, etwas unterlassen kann genauso große Auswirkungen haben, wie das aktive Gestalten, nur dass wir uns die Konsequenzen von Unterlassungen viel seltener klar machen als die von Handlungen.

Spielen Sie mal einen Tag durch, an dem Sie alles, was Sie normalerweise tun, unterlassen. Sie stehen morgens nicht auf. Sie machen Ihren Kindern kein Frühstück. Sie bringen sie nicht zur Schule und Sie gehen auch nicht zur Arbeit. Halten Sie das nur einen Monat lang durch und keiner von uns möchte sich vorstellen, wie es dann bei Ihnen zugehen würde.

Was lässt uns denken, dass Unterlassungen an anderen Stellen, die für uns bedeutsam sind, nicht vergleichbar nachteilige Auswirkungen haben könnten? Eine Erklärung ist, dass wir – anders als beim häuslichen Chaos – die Effekte nicht am eigenen Leib erfahren. Wir können sie ausblenden und das Problem anderer Leute sein lassen.

Was lässt uns denken, dass wir ganz persönlich für die Erhaltung unserer Lebensfähigkeit auf diesem Planeten nicht zuständig sind? Wir relativieren es – mit einem bemerkenswerten Maß an Erfindungskraft – in die Bedeutungslosigkeit. „Was macht es schon für einen Unterschied, ob ich den Plastikbecher nun recycle oder nicht?“ „Was macht die eine Fahrt mit meinem dicken Diesel-BMW schon aus im großen Ganzen?“ Zur Not fabulieren wir auch, dass das, was aus dem Auspuff rauskommt, sauberer ist, als was vorne reingeht. (So wirklich vorgetragen, und zwar nicht als Witz!)

Wir wissen eigentlich alle, was zu tun ist.

Es muss uns betreffen und da fehlt es uns manchmal am ausreichenden Durch- und Weitblick. Es erscheint uns unwichtig, weil es sich ‚außerhalb‘ eines von uns selbst gewählten möglichst kleinen Radius abspielt, so dass wir uns nicht betroffen fühlen müssen. Wir beschränken uns auf ein möglichst kleines Blickfeld. „Das ist doch nicht mein Problem,“ sagen wir gerne und wollen uns damit aus der Verantwortung nehmen, ohne uns klarzumachen, dass diese Unterlassung Konsequenzen haben wird.

Die Frage, ob der Krieg in der Ukraine hätte vermieden werden können, wenn wir die Annexion der Krim nicht so nonchalant unseren Wirtschaftsinteressen untergeordnet, die Aggression in Georgien und Syrien nicht ignoriert hätten, ist zu diesem Zeitpunkt nur noch eine Spekulation, aber es liegt nicht besonders fern zu dem Schluss zu kommen, dass die damaligen Unterlassungen der Grund sind, dass es uns jetzt alle ungleich stärker trifft. Denn zu diesem Zeitpunkt erahnen wir die langfristigen Konsequenzen aus dem Ukraine-Krieg, ohne sie jedoch ermessen zu können.

Wir relativieren die Auswirkungen unseres Handelns – mit einem bemerkenswerten Maß an Erfindungskraft – in die Bedeutungslosigkeit.

Warum aber haben wir es unterlassen, etwas zu unternehmen? Es hat uns nicht betroffen. Wir haben kein ‚Wir‘-Gefühl für die Menschen in der Krim oder in Syrien empfunden und es deshalb für unwichtig gehalten, ob wir etwas dagegen unternehmen oder nicht.

Die Ukrainer:innen und ihre Regierung können sich diese Haltung nicht leisten. Wenn sie jetzt nichts unternehmen, geht es an ihre Existenz. Es ist der gemeinsame Feind, das konkrete Grauen und der vereinte Willen eines ganzen Volkes, sich nicht unterkriegen zu lassen, die dazu führen, dass die Großmacht Russland sich eine Schlappe nach der anderen gefallen lassen muss. Was macht die Ukrainer so stark, dass sie dem übermächtigen Feind die Stirn bieten können?

Es ist das Wir. Jede einzelne Ukrainerin, jeder einzelne Ukrainer fühlt sich zugehörig. Keine:r denkt, das geht mich nichts an, und niemand hat das Gefühl, es sich leisten zu können, nichts zu tun. Sie haben ohne großes Theoretisieren verstanden, dass sich mit jedem Abwarten und jeder Unterlassung ihr Handlungsspielraum verengt.

Den Ukraine-Krieg empfinden wir hier in Deutschland als eine riesige Bedrohung und er hat uns unsanft aus unserem Dornröschenschlaf geweckt. Derzeit erleben wir, dass er uns zwingt, unsere Zukunft in die Hand zu nehmen und nun mit dem Rücken an der Wand umzusetzen, was wir eigentlich schon lange wissen: Unsere Abhängigkeit von fossilen Energieträgern endlich, endlich gegen null fahren. Das ist mit LNG Terminals wahrlich nicht erreicht, aber weil wir so lange nichts oder nicht genug getan haben, ist unser Handlungsspielraum nun extrem begrenzt.

Die Bedrohung durch den Klimawandel schieben wir noch beiseite. Aber stellen Sie sich einmal die Masse an Unterlassungen vor, die tagtäglich zusammenkommen, und ersetzen Sie sie durch Handlungen für den Klimaschutz, gegen das Artensterben, für weniger Umweltverschmutzung, für sparsamen Verbrauch von Ressourcen usw.

Die Bedrohung durch den Klimawandel schieben wir noch beiseite. Aber stellen Sie sich einmal die Masse an Unterlassungen vor, die tagtäglich zusammenkommen, und ersetzen Sie sie durch Handlungen für den Klimaschutz, gegen das Artensterben, für weniger Umweltverschmutzung, für sparsamen Verbrauch von Ressourcen usw. Wenn wir uns vor Augen führen, welch große Macht darin liegt, die Unterlassungen durch Handlungen zu ersetzen, dann ist eigentlich alles möglich.

Was muss also passieren, damit wir aufwachen, damit wir handeln? Was kann, was muss Führung – übrigens in allen Zusammenhängen: politisch, unternehmerisch, persönlich – leisten, damit wir nicht untätig bleiben, damit wir unseren Handlungsspielraum nicht in die Bedeutungslosigkeit überantworten?

In den westlichen Gesellschaften haben wir insbesondere ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts den Individualismus hochgehalten und ihm viel Raum gegeben. Dies hat zu einer starken Partikularisierung der Interessen – auch Postmoderne genannt – geführt und stellt sich uns heute in einer noch vor Kurzem unvorstellbaren Polarisierung entgegen. Wenn wir heutzutage auf den vielgepriesenen Individualismus und den Zustand unserer Gesellschaften schauen, dann kann uns dies als ein Irrweg erscheinen. Auf dem Weg ins 21. Jahrhundert ist uns das ‚Wir‘-Gefühl abhandengekommen und erst ein schreckliches Ereignis wie der Ukraine-Krieg führt dazu, dass wir uns unserer Gemeinsamkeiten und ihres Wertes für uns als Einzelne bewusst werden. Was passiert hier gerade? Weil Not nicht mehr abstrakt ist, sondern sich direkt vor unseren Augen abspielt, weil der Gedanke, dass der Krieg uns erreichen könnte, plötzlich nicht mehr abwegig ist, weil wir plötzlich meinen, Lebensmittel hamstern zu müssen, weil die Verzweiflung und das Elend konkret geworden sind, deshalb handeln wir.

Wir tendieren dazu, die Verantwortung für alles, was geschieht, den sogenannten Führungskräften anzulasten, weil wir als Einzelpersonen eigentlich die Verantwortung scheuen wie der Teufel das Weihwasser.

Wir tendieren dazu, die Verantwortung für alles, was geschieht, den sogenannten Führungskräften anzulasten, weil wir als Einzelpersonen eigentlich die Verantwortung scheuen wie der Teufel das Weihwasser. Sich zu sagen, dass man selbst nur ein unwichtiges Rädchen im großen Weltgeschehen ist, ist recht bequem und wenn es im Laufe der Weltgeschichte nicht immer wieder Ausnahmen gegeben hätte, gäbe es unsere freien Gesellschaften nicht. In dem Moment, in dem wir anerkennen, dass wir – jede/jeder Einzelne – mitverantwortlich sind, verbietet sich nämlich Tatenlosigkeit.

Wir befinden uns in einer Menschheitssituation, in der wieder ein Entwicklungsschub gefragt ist, damit wir uns nicht unserer eigenen Lebensgrundlage berauben. Mit einem Unterschied: Da wir alle immer gerne von den begrenzten Ressourcen genommen haben, sind es jetzt eben auch nicht nur Einzelne, die dafür verantwortlich gemacht werden können, uns vor der sich anbahnenden Katastrophe zu retten. Es ist eine ‚Wir‘-Aufgabe geworden, unsere Lebensgrundlage zu erhalten.

Wir befinden uns in einer Menschheitssituation, in der wieder ein Entwicklungsschub gefragt ist, damit wir uns nicht unserer eigenen Lebensgrundlage berauben.

Es ist nicht mehr vertretbar, Feindbilder, z. B. die Politiker für alles, was schiefgeht, verantwortlich zu machen. Es ist wohlfeil, sich hinter Hierarchien zu verstecken und in Talkshows Politiker oder andere Personen, die sich durch Handlungsfreudigkeit auszeichnen,ui zu verunglimpfen. Es ist nicht mehr in Ordnung mit dem Finger auf andere zu zeigen, aber genau das tun wir mit steigender Schlagzahl in den sogenannten ‚sozialen‘ Medien, die eigentlich besser mit ‚asozialen‘ Medien zu kennzeichnen wären.

Sozial zu sein heißt, ‚Wir‘ zu denken und zu fühlen. Damit wir aber ins Handeln kommen, ist es unabdingbar, das ‚Wir‘ zu konkretisieren und uns selbst damit zu identifizieren. Das ist eine Führungsaufgabe, nicht nur für die sogenannten Führungskräfte, sondern für jeden Einzelnen. Es ist eine wichtige Selbstführungsaufgabe.

Selbstführung beginnt damit, eine Haltung dazu zu suchen, wer ich in dieser Welt sein will, und zu verstehen, zu welchem ‚Wir‘ ich gehöre. In den westlichen Gesellschaften, die den Individualismus in den Vordergrund stellen, erscheint uns das unerheblich, weil wir uns nicht darüber Rechenschaft ablegen, welches Gemeinwesen uns erlaubt, so individuell unterwegs zu sein. Wenn wir uns aber vergegenwärtigen, dass alles, womit wir uns umgeben, eine materielle Grundlage hat, die uns von der Natur und der Gemeinschaft, in der wir leben, zur Verfügung gestellt wird, dann können wir nur die Haltung finden, dass es nichts Wichtigeres gibt als sie zu schützen und zu erhalten. Wenn ich diese Haltung gefunden habe, lenkt sie mein Handeln und führt zu anderen Resultaten.[sidequoteEs ist eine ‚Wir‘-Aufgabe geworden, unsere Lebensgrundlage zu erhalten.[/sidequote]

Stellen Sie sich einmal vor, wir würden das Narrativ im oben genannten Sinne ändern: Die Medien berichten ab sofort, welche Einsparung gegen den Ressourcenschwund, welche Maßnahmen gegen den Klimawandel, welche Aktion gegen den Hunger oder welches Juwel der Natur zu schützen, uns als (Welt-)Gemeinschaft heute wieder gelungen ist. Jede Firma, jede Vereinigung, jede Stadt und jede einzelne Person versteht, welche Wirkung sie erzeugen kann, und hinterfragt Bedürfnisse und Bedarfe, bevor sie handelt. Ich als Einzelperson überlege mir jeden Tag, wie ich heute einen Beitrag zu diesem wichtigen Ziel leisten kann, und frage mich abends, ob ich wirklich geliefert habe.

Das ‚Wir‘ zu konkretisieren, heißt, die Dinge beim Namen zu nennen, sie nicht mit Marketingsprache oder gut klingenden Worthülsen zu verschwurbeln, sondern klar uns selbst und allen, mit denen wir arbeiten oder leben, aufzuzeigen:

Das ‚Wir‘ zu konkretisieren, heißt die Dinge beim Namen zu nennen, sie nicht mit Marketingsprache oder gut klingenden Worthülsen zu verschwurbeln, sondern klar uns selbst und allen, mit denen wir arbeiten oder leben, aufzuzeigen: „Wenn wir hier nichts tun, bedeutet das für dich und mich: für uns, dass …“

„Wenn wir hier nichts tun, bedeutet das für dich und mich: für uns, dass…“

„Wenn wir unsere Bemühungen auf xxx konzentrieren, können wir jedoch für uns (alle) erreichen, dass…“

Wer führt, hat die Aufgabe, konsequent vorzuleben, was ‚Wir‘ heißt und kann sich nicht vornehm an die Seite oder – schlimmer noch – eine Etage höherstellen und die anderen machen lassen.

Jetzt bleibt nur noch die Frage, wie groß wir den Radius unseres Wir-Gefühls einstellen, womit wir uns identifizieren und womit nicht.

Das sind verschiedene Identifikationsebenen und die Herausforderung besteht darin, den unbequemeren, aber angesichts der großen globalen Krisen, zwingenden Weg einzuschlagen, die persönlichen Identifikationsebenen bewusst zu vergrößern, vom ‚Ich‘, das den kleinsten Radius, Partner oder Familie gerade noch mit beinhaltet, zum ‚Wir‘, das über die Kleinstfamilie mit ihren Partikularinteressen hinausreicht, hinzukommen.

Wie weit kann ich meine Fürsorge, mein ‚Wir‘-Gefühl ausdehnen? Was bedeutet es für meine Entscheidungen?

Es ist inzwischen allgemein verstanden, dass sich Wirtschaften ohne Rücksicht auf Verluste mit zunehmender Geschwindigkeit auf ein abruptes Ende hinbewegt. Man könnte auch sagen, dass der Kapitalismus wie von Marx vorhergesehen sich selbst zerstört. Das heißt verkürzt, dass wir den Kapitalismus – auch unseren persönlichen – zähmen müssen. Es reicht nicht mehr nur für sich selbst, z. B. die nächste Beförderung und Gehaltserhöhung und was sie an Angenehmen für die engste Familie bedeuten, zu denken. Genauer gesagt: Wie die Ukrainer können wir uns das gar nicht mehr leisten, denn es geht an unsere Existenz.

Es bedeutet, unser Wirtschaften – allerdings anders als es herkömmlich verstanden wird – ‚global‘ zu begreifen. Alles, was ich – als Mensch, als Familienmutter oder -vater, als Lebenspartner:in, als Führungskraft, als Unternehmenslenker:in, als Politiker:in – unternehme oder unterlasse, hat eine Wirkung auf mich und auf die Welt.

Es bedeutet, unser Wirtschaften – allerdings anders als es herkömmlich verstanden wird – ‚global‘ zu begreifen. Alles, was ich – als Mensch, als Familienmutter oder -vater, als Lebenspartner:in, als Führungskraft, als Unternehmenslenker:in, als Politiker:in – unternehme oder unterlasse, hat eine Wirkung auf mich und auf die Welt. Sie mag sich nicht sofort erschließen, aber darauf zu warten, dass sie sichtbar wird, bedeutet, meinen Handlungsspielraum massiv eingeschränkt, wenn nicht gar aufgegeben zu haben.

Neu erschienen:

Astrid von Soosten, Beate Haverkamp, Mit Haltung zum Wandel. Plädoyer für eine authentische Kultur der Unternehmensführung, München 2021 (https://www.oekom.de/buch/mit-haltung-zum-wandel-9783962383275)

Eine klare Haltung ist der Schlüssel zu einem authentischen Führungsstil. Mit ihr transformieren Führungskräfte ihre Unternehmen in authentische Organisationen, die wie keine anderen dazu in der Lage sind, der Klimakrise, dem Artenschwund, dem Ressourcenmangel und globaler Ungerechtigkeiten zu begegnen.

Entscheidend ist die Glaubwürdigkeit der Führungspersönlichkeit. Ihre Haltung ist gespeist von einem Weltbild, das das menschliche Handeln aus einem solidarischen Verständnis heraus bewertet und das Unternehmen als Mitgestalter der Zukunft betrachtet. Die friedfertige, deeskalierende und kraftvolle Philosophie der japanischen Kampfkunst Aikido bietet dafür einen neuen Zugang. Das Buch setzt Impulse und regt zur Auseinandersetzung an: Wahrhaftigkeit, Fehlerkultur, schwierige Entscheidungen und Konfliktfähigkeit gehören zu seinen Führungsthemen. Haltung – Handlung – Resultate ist der Dreiklang, der innere Freiheit gewinnen lässt und äußere Gestaltung anders und neu möglich macht.

 

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