012021

Foto: Jakub Sisulak/Unsplash

Statements

Ulrich Graf von Plettenberg

Man fährt dahin, wohin man schaut

Vor zehn Jahren habe ich den Motorrad-Führerschein gemacht und mir damit einen länger gehegten Traum erfüllt. Es ist nicht der Geschwindigkeitsrausch, der für mich den Reiz des Bikens ausmacht. Autobahnen nutze ich mit dem Motorrad eigentlich nur im Ausnahmefall. Ich liebe es vielmehr, bei schönem Wetter und meist zusammen mit Freunden durch die Lande zu fahren, die Landschaft zu genießen und in Ecken zu kommen, in die ich sonst nie gekommen wäre. Eine Sache macht das Motorradfahren aber darüber hinaus besonders reizvoll: das Kurvenfahren.

Das Kurvenfahren verlangt ein besonderes Können. Nach einem Kurvensturz in einem Sicherheitstraining musste ich erst einmal wieder die Angst vor Kurven überwinden. Ein Rat hat mir dabei besonders geholfen: „Man fährt dahin, wohin man schaut.“ Bei Kurven ist daher der Blick an das Ende der Kurve wichtig, sonst landet man unwillkürlich im Graben. Mit dem Blick auf das Ziel und mit angemessener Geschwindigkeit (nicht zu langsam, nicht zu schnell!) aber wird sogar eine von außen betrachtet beängstigende und gefährliche Schräglage zu einem schönen Erlebnis – ja, sie macht den besonderen Reiz des Motorradfahrens aus.

Die aktuelle kirchliche wie gesellschaftliche Situation kommt mir vor wie eine besonders kurvige Strecke: absehbare und überschaubare Kurven gefolgt von unübersichtlichen und überraschenden Spitzkehren, viel Auf und Ab, manchmal Drängler von hinten, ein anderes Mal Gegenverkehr von vorne. All das macht vielen Menschen Angst und Bange. Die Herausforderungen, Probleme und Anfragen stapeln sich zu scheinbar unbezwingbaren Bergen. Manches ist selbstverschuldet und kommt daher wenig überraschend. Anderes kommt unvorhergesehen hinzu und erschwert die Gesamtsituation. Ich kann nicht verhehlen, dass auch ich mich immer wieder hin- und hergerissen fühle, nicht ein noch aus weiß und verzweifelt nach einer Lösung suche.

Das Ziel in den Blick zu nehmen bzw. nicht aus dem Blick zu verlieren, scheint mir in dieser Situation besonders wichtig. Die Erfahrung des Motorradfahrens lässt mich hoffen: Seitdem ich nicht mehr so ängstlich zu vermeiden versuche, in den Straßengraben zu fahren (und dabei natürlich ein besonderes Augenmerk auf diesen richtete), sondern meine Augen mutig nach vorne an das Ende der Kurve wende, ergibt sich Kurvenlage, Geschwindigkeit und Richtung fast wie von alleine. Wohin soll Kirche heute steuern? Für das Bistum Trier gibt es seit der Bistumssynode (2013-16) klare Ziele: eine glaubensstarke (missionarische) und dienstbereite (diakonische) Kirche, die die Nähe zu den Menschen pflegt (lokal) und mit ihnen das gemeindliche Leben gestaltet (synodal). Es gab zwar Gegenverkehr in Form von Widerständen, die auch einen ersten Anlauf ausgebremst und die Geschwindigkeit gemindert haben, aber die Vision bleibt und belebt und bestärkt uns auch im weiteren gemeinsamen Gehen.

Das ist für mich ein zweiter Grund zum Hoffen in allem Bangen: Wie das Motorradfahren erst mit Freunden so richtig Spaß und Freude bereitet, so kann auch der Weg der Kirche durch unsere Zeit niemals nur ein Weg von Einzelnen sein. Im Mit- und Füreinander findet die Gemeinschaft des Glaubens zur Fülle. Nicht zuletzt auch deshalb sind der Begriff der Synodalität und die Forderung nach mehr Partizipation bis hinein in Entscheidungen Schlüssel für die aktuelle und zukünftige Entwicklung der Kirche. Der Wunsch danach, nicht nur Objekt sondern Subjekt von Beratung, Entscheidung und Handeln zu sein, wird größer. Dabei geht es nicht, wie oft vorwurfsvoll vorgehalten wird, um ein Streben nach Macht, sondern vielmehr um die Möglichkeit das, was das kirchliche Leben im Kleinen oder auch im Großen betrifft, auch mitgestalten zu können. Schließlich ist kirchliches Leben und Handeln etwas, das jeden Christen und jede Christin betrifft – warum sollte man dann nicht auch selbst ein Wort mitreden und/oder Hand anlegen dürfen?! Beteiligung braucht Zeit und kann anstrengend sein. Es wird immer wieder auch ein gemeinsames Ringen und Sich-Auseinandersetzen geben, aber das Schöne dabei ist: Es geht um die gegenseitige Ergänzung. „Keinem gabst du alles – und keinem nichts“, heißt es in einem Tagesgebet des Messbuchs, um es dann mit der Bitte an Gott zu verbinden: „Hilf uns, dass wir einander dienen mit dem, was du einem jeden zum Nutzen aller gibst.“ Gegenseitig bereichern statt zueinander in Konkurrenz treten – wer das als konkrete Erfahrung macht, hält auch in bangen Zeiten aus und bewahrt sich in allem Bangen die Freude und Hoffnung.

In diesem Zusammenhang steht für mich auch die erfreuliche Tendenz, dass in einigen Diözesen das Generalvikariat/ Ordinariat nicht mehr allein durch einen allzuständigen und damit (in so komplexen Zeiten wie heute) oftmals überforderten Generalvikar geführt wird, sondern dass diese Führung ergänzt wird durch eine zweite Person mit stärkerer Verwaltungskompetenz. Es geht nicht nur um das Abgeben und Teilen von Macht sondern auch um den positiven Effekt von gemeinsamem Ringen mit verschiedenen Perspektiven und auf Augenhöhe, der dem kirchlichen Leben und Handeln in schwierigen Zeiten mehr dienen soll.

Die aktuellen kirchlichen wie gesellschaftlichen Turbulenzen lehren uns eines: Es kann nicht so weiter gehen wie bisher. Die Erfahrungen mit den bisherigen Bemühungen um Veränderungen zeigen aber auch, wie komplex und schwierig sie sind. Einfache Lösungen gibt es nicht. Umso wichtiger scheint es mir, ein klares Ziel vor Augen und ergänzende und bereichernde Menschen zur Seite zu haben. Das erst gibt den Mut, Schritte zu gehen und ins Handeln zu kommen.

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