Praxis

Überzeugen statt belehren: Wege zu nachhaltigem Handeln

Bei futur2 ist es uns wichtig, dass wir Berichten aus der Praxis Raum geben. Die memo AG ist ein Versandhandel, der explizit mit der Nachhaltigkeit seiner Produkte und Prozesse wirbt. Wir haben uns an Frank Schmähling, Vorstand der memo AG, gewandt und um einen Beitrag gebeten. Uns interessierte die Frage, welche Rolle ein Unternehmen bei der anstehenden nachhaltigen Transformation spielen kann.

Alle Fakten liegen auf dem Tisch. Die regelmäßigen Sachstandsberichte des Weltklimarats (IPCC) werden immer eindringlicher. Wir haben nicht mehr viel Zeit, eigentlich gar keine mehr, um die Folgen des Klimawandels einzudämmen und das 1,5-Grad-Ziel doch noch zu erreichen. Der Klimawandel bereitet auch großen Teilen der Gesellschaft immer mehr Sorgen. Und auch die Politik hat endlich erkannt, dass nun dringender Handlungsbedarf besteht und mahnt zu mehr Tempo. Aber warum dauert dann alles so lange und warum wird häufig nur geredet und nicht gehandelt?

Warum dauert dann alles so lange und warum wird häufig nur geredet und nicht gehandelt?

Innerhalb der memo AG stellen wir uns diese Frage fast täglich. Warum kaufen Menschen immer noch zu viele konventionelle Produkte? Warum bestehen nach wie vor so viele Vorurteile gegenüber nachhaltigen Produkten? Warum zählt häufig nur der Preis, obwohl doch die Vorteile nachhaltiger Produkte und nachhaltigen Handelns längst bekannt sind?

Hürden nachhaltigen Handelns

Ein Beispiel ist das Thema Recyclingpapier. Hier gibt es zahlreiche Studien, die den ökologischen Nutzen bei der Herstellung und Verwendung von Papierprodukten aus 100 % Altpapier (mit Blauem Engel) belegen. Wälder, Klima und Biodiversität werden dadurch geschützt. Dennoch hören wir immer wieder das Argument, Recyclingpapier sei doch grau und staubig und schlecht für Drucker. Das ist längst widerlegt: Recyclingpapier steht Frischfaserpapier in nichts nach, hat aber im Gegensatz dazu viele ökologische Vorteile, v.a. dass bei der Produktion kein frischer Zellstoff verwendet wird und damit die Wälder entlastet werden.

Häufig erleben wir auch, dass bei einer nachhaltigen Beschaffung von Büroprodukten bei Gewerbekund*innen letztlich nur der Preis ausschlaggebend ist. So landen dann in einem Büro nicht die qualitativ hochwertigen, reparierbaren und ergonomischen Bürostühle, sondern die vermeintlich günstigere Variante. Wir müssen uns aber vergegenwärtigen, dass bei derartigen Produkten die Folgekosten für Umwelt und Klima externalisiert werden und auch die Menschen, die am Anfang der Wertschöpfungskette stehen, die Kosten tragen müssen. Würden die Schäden, die „billige“ Produkte verursachen, eingepreist, wären nachhaltige Produkte günstiger.

Wer sich aber einmal ernsthaft auf das „Abenteuer Nachhaltigkeit“ eingelassen hat, kann bestätigen, dass nachhaltiges Handeln eine Bereicherung und keine Einschränkung ist.

Was uns auch nicht weiterhilft, ist die Diskussion des „Verzichts“. Gerade im Zusammenhang mit nachhaltigem Handeln wird von „Verboten“ und „Verzichten“ gesprochen. Das schreckt viele Menschen ab, da sie darin einen Verlust ihres Lebensstandards sehen. Klar ist, dass in Zukunft weniger mehr sein muss: weniger Ressourcenverbrauch, weniger Flächenbedarf, weniger Fleisch, weniger (Flug-)Reisen – die Liste kann beliebig fortgesetzt werden. Wer sich aber einmal ernsthaft auf das „Abenteuer Nachhaltigkeit“ eingelassen hat, kann bestätigen, dass nachhaltiges Handeln eine Bereicherung und keine Einschränkung ist. Und das gilt für Privatpersonen wie Unternehmen und Organisationen gleichermaßen.

Lösungen für mehr nachhaltiges Handeln

Um es also unseren Kund*innen so einfach wie möglich zu machen, nachhaltig einzukaufen und nachhaltig zu handeln, überzeugen wir durch Information und nicht durch Belehrung. Der erste Schritt zu mehr verantwortungsvollem Handeln ist Wissen, das wir unseren Kund*innen in möglichst einfacher, verständlicher und übersichtlicher Form vermitteln. Sie finden es in unseren Onlineshops direkt bei den Produkten, in Newslettern, sonstigen Werbemedien, in unseren sozialen Netzwerken und in unserem memo Nachhaltigkeitsbericht, der alle zwei Jahre erscheint.

Auch die Kosten behalten wir für sie im Blick, was in Zeiten unterbrochener Lieferketten, Rohstoffengpässen und immer weiter steigender Energiepreise gar nicht so einfach ist. Dennoch verzichten wir bei zahlreichen Produkten bewusst auf einen höheren Gewinn, damit nachhaltige Produkte für die breite Gesellschaft leistbar sind und bleiben. Serviceleistungen wie der Versand in unserem Mehrweg-Versandsystem „memo Box“ und die Zustellung in immer mehr deutschen Städten per Elektrolastenrad bieten wir sogar ohne Aufpreis zu unseren Versandkosten an und tragen die Mehrkosten sowie den weiteren Aufwand selbst. Wirtschaftlicher Erfolg ist wichtig, da wir nur so Arbeitsplätze erhalten und nachhaltige Maßnahmen umsetzen können. Diese gibt es nicht umsonst, aber wir setzen sie aus Überzeugung um. Auf diese Weise wollen wir auch anderen Unternehmen zeigen, dass nicht kurzfristige Gewinnmaximierung, sondern nachhaltiges Wirtschaften zum Erfolg führt. Als Unternehmen nehmen wir zum Teil erheblichen Aufwand in Kauf, um nachhaltige Maßnahmen umzusetzen. Und nicht immer amortisieren sich die Kosten dafür oder erst sehr viel später. Aber das sollte generell nicht der Antrieb sein. Wir machen das mit Freude, weil wir davon überzeugt sind, dass wir als Versandhandel ein Teil des Problems sind, aber auch unseren Beitrag zur Lösung des Problems leisten können. Und wir wollen seit über 30 Jahren und auch in Zukunft nicht auf Kosten der nachfolgenden Generationen, der Umwelt und des Klimas leben und arbeiten.

Für uns sind das Engagement und die Arbeit in einem immer größer werdenden Netzwerk nachhaltiger Unternehmen und Organisationen essentiell, um die Entwicklung einer nachhaltigen Gesellschaft voranzutreiben.

Unser aktueller memo Nachhaltigkeitsbericht 2021/22 trägt den Titel „Gemeinsam Handeln“. Für uns sind das Engagement und die Arbeit in einem immer größer werdenden Netzwerk nachhaltiger Unternehmen und Organisationen essentiell, um die Entwicklung einer nachhaltigen Gesellschaft voranzutreiben. So sind wir beispielsweise seit vielen Jahren Mitglied beim B.A.U.M. e.V. und beim BNW e.V., die sich für nachhaltiges Wirtschaften in Unternehmen jeder Größe einsetzen. Die Zahl dieser Unternehmen wird immer größer und am Ende werden die verlieren, die sich nicht zukunftsfähig ausgerichtet haben. Das Gemeinschaftsgefühl, das u.a. durch die Netzwerkarbeit entsteht, ist einer der wichtigsten und stärksten Treiber der nachhaltigen Transformation.

Ein Blick in die Zukunft

Lassen Sie uns zum Schluss noch einen Blick in die Zukunft werfen. Wir schreiben das Jahr 2050. Ich denke immer wieder daran, dass eine kluge Frau Anfang der 2010er Jahre einmal auf die Frage, ob die Transformation denn ein Können oder ein Muss sein würde, geantwortet hat, dass es wohl eher ein Muss sein würde. So ist es dann auch gekommen. Nachdem wir nach immer dringlicher werdenden Apellen der Wissenschaft zu zögerlich in der Umsetzung des Klimaschutzes waren, sind wir irgendwann an den Punkt gekommen, wo gehandelt werden musste.

Mehrere heiße und trockene Jahre hintereinander haben weiteren Wassermangel und Dürren mit Ernteausfällen nach sich gezogen. Die erste Pandemie – Covid-19 – ist dank fortschreitender medizinischer Entwicklung und einer doch noch gerechten Verteilung der Impfstoffe weltweit besiegt. Aber immer wieder treten andere Zoonosen auf, da wir vor allem der Tierwelt zu lange zu nah gekommen sind. Einige Teile der Erde sind kaum mehr bewohnbar, vor allem aufgrund des gestiegenen Meeresspiegels. Immerhin konnten wir aber den weiteren Eintrag von Plastik in die Gewässer stoppen und auch einen Großteil des Mülls durch verschiedene Techniken wieder herausholen. Dieses Material dient nun als Recyclingmaterial zur Herstellung verschiedener neuer Produkte. Kreislaufwirtschaft ist mittlerweile völlig normal. Es gibt kaum mehr Müll und der, der entsteht, ist jetzt ein wichtiger Rohstoff. Nach wie vor benötigen wir jedoch eine Unmenge an Energie, die jedoch weitestgehend aus 100 % erneuerbaren Quellen gewonnen wird. Die Politik konnte doch noch die notwendigen Weichen stellen und so werden nur noch die energieintensiven Industrien zentral versorgt. Alles andere erfolgt dezentral, z.B. durch gebäudeeigene Solar- und Photovoltaikanlagen. Auch unsere Mobilität hat sich verändert. Vor allem in den Städten haben Fußgänger*innen und Radfahrer*innen Vorfahrt. Der ÖPNV wurde auch in den ländlichen Räumen intelligent ausgebaut und angepasst. Im Bildungswesen ist der Bereich Nachhaltigkeit ein wichtiger Baustein jedes Schulfachs.

Wir haben zumindest ganz im Sinne von SDG 17 (Partnerschaften zur Erreichung der Ziele) begriffen, dass wir – trotz fortschreitender Erkundung des Weltalls – nur eine Heimat haben, die nur dann geschützt und bewahrt werden kann, wenn wir alle an einem Strang ziehen.

Die memo AG gibt es nach wie vor. Unser Bekanntheitsgrad in Deutschland ist in den letzten Jahrzehnten erheblich gestiegen – auch weil die Menschen gezielt darauf achten, was und bei wem sie einkaufen. Wir ermöglichen verantwortungsvollen Konsum für alle. Verändert hat sich unser Sortiment. Verkauften wir vor 30 Jahren noch überwiegend Büromaterial an gewerbliche Endverbraucher*innen, sind es heute fast ausschließlich Produkte des täglichen Bedarfs. Das papierlose Büro ist dank digitaler Technik Wirklichkeit geworden. Papier und Kartonagen gehören auch in der Logistik weitestgehend der Vergangenheit an. 2021 nutzten rund 25 % unserer Kund*innen unser Mehrweg-Versandsystem „memo Box“. Heute sind es nahezu 100 %. Auch bei anderen Händlern hat sich Mehrweg im Versand durchgesetzt. Die Zustellung von Waren auf der letzten Meile erfolgt mit verschiedenen Zustellfahrzeugen, die emissionsfrei unterwegs sind – und das Elektrolastenrad ist eine Variante vor allem in Städten und Ballungsräumen. Wir haben im Jahr 2016 die Zusammenarbeit mit Radlogistik-Unternehmen begonnen und 2022 bereits in 13 Städten auf diese Weise ausgeliefert. Heute arbeiten wir in nahezu allen deutschen Städten auch dank vereinheitlichter Technik mit entsprechenden Partnern zusammen.

Die Welt ist nach wie vor kein Paradies. Wir haben die 17 Ziele für eine nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen (SDGs) noch nicht vollständig erreicht. Es gibt immer noch Armut und kriegerische Auseinandersetzungen in Teilen dieser Welt, bei denen es meist um wertvolle Rohstoffe und um Wasser geht. Aber wir haben zumindest ganz im Sinne von SDG 17 (Partnerschaften zur Erreichung der Ziele) begriffen, dass wir – trotz fortschreitender Erkundung des Weltalls – nur eine Heimat haben, die nur dann geschützt und bewahrt werden kann, wenn wir alle an einem Strang ziehen.

Praxis

Auf dem Weg zur ökologischen Umkehr Schöpfungsverantwortung im Erzbistum Köln

Als Mitarbeitender eines katholischen Bistums ist die Konfrontation mit Krisen mittlerweile zum Liniengeschäft geworden. Neben den vielen innerkirchlichen Krisen beschäftigen uns auch die Flutkatastrophe aus dem letzten Jahr, die andauernde Corona-Krise und die schreckliche Ukraine-Krise. Ist es angesichts dieser schlimmen und sich überlagernden Krisen richtig, in diesen Tagen auch noch in der Kirche über Lösungen der Umwelt- und Klimakrisen zu sprechen, wo gleichzeitig eine immer stärker werdende Angst vor einer Gas- und Energieknappheit oder einer Inflation herrscht?

Diese Frage beantworte ich mit einem ganz klaren “Ja!”. Es ist sogar zwingend notwendig. Die Wucht, mit der die durch den Klimawandel verstärkten Unwetter, Hitzeperioden oder Dürren bei uns angekommen sind, ist erschreckend. Zustände herrschen, die in den nächsten Jahrzehnten zunehmen werden und die Menschheit vor noch weitaus größere Herausforderungen stellen werden. Wir müssen uns immer wieder bewusstmachen, dass die Klima- und Umweltkrise die größten und vor allem lebensbedrohlichsten Krisen sind, die wir haben, vor allem, weil sie irreversible Schäden an unserer Erde verursachen. Und doch hindern andere Krisen uns immer wieder am Handeln in diesem Bereich. Papst Franziskus stellt uns in seiner Enzyklika Laudato si‘ dazu die entscheidende Frage: „Welche Art von Welt wollen wir denen überlassen, die nach uns kommen, den Kindern, die gerade aufwachsen?“ (LS 160)

Welche Art von Welt wollen wir denen überlassen, die nach uns kommen, den Kindern, die gerade aufwachsen?

In den letzten Jahren haben wir Kirchen in verschiedenen Krisen gezeigt, dass wir noch schnelle Hilfe für Menschen in Not bieten können. Sehr positiv haben wir in den letzten zwölf Monaten die große Solidarität und Hilfsbereitschaft für die Opfer der Flutkatastrophe in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen beobachten können. Auch viele Kirchengemeinden und kirchliche (Jugend-)Verbände, einzelne Christinnen und Christen bieten bis heute ihre tatkräftige Unterstützung, Unterkünfte oder Spenden an. Es scheint auf den ersten Blick, dass wir Christinnen und Christen in dieser Krise das Gleichnis des barmherzigen Samariters verstanden haben: bedingungslose Hilfe für die Opfer ist selbstverständlich.

Gleichzeitig wage ich aber einen zweiten Blick, einen ganzheitlichen, und dann müssen wir uns ehrlich eingestehen, dass wir als Kirche eigentlich auch Teil der Räuberbande in dem Gleichnis sind, weil wir uns am Raubzug an der Schöpfung aktiv beteiligen. Wieso? Durch die vielfache Ignoranz oder das Nicht-Ernst-Nehmen unserer Schöpfungsverantwortung sind die deutschen Diözesen im Vergleich zu Städten oder Kommunen schlecht aufgestellt. Dabei ist Schöpfungsverantwortung ein urchristliches Thema. Durch die beachtliche CO2-Emission im Betrieb kirchlicher Gebäude mit häufig veralteten fossilen Heiztechniken, durch unser Konsumieren und durch die Dienstmobilität schädigt auch die Kirche das Klima. Durch eine radikale ökologische Umkehr verhindern wir nicht die Klima- und Umweltkrise, aber wir leisten unseren Beitrag, dass wir die Auswirkungen und somit Leid abmildern. Deswegen ist es wichtig, in diesen Krisen die Querschnittskrise nicht aus den Augen zu verlieren.

Wollen wir als Kirche in den nächsten Jahren nicht noch mehr Glaubwürdigkeit verlieren, müssen wir unsere ökologische Schuld ehrlich anerkennen.

Zusätzlich besteht die Gefahr, dass bei Nicht-Beachten der Umwelt- und Klimakrise durch die Kirche die nächste innerkirchliche Krise entsteht. Denn wollen wir als Kirche in den nächsten Jahren nicht noch mehr Glaubwürdigkeit verlieren, müssen wir unsere ökologische Schuld ehrlich anerkennen. Wir benötigen eine radikale sozial-ökologische Umkehr. Dabei helfen kein weiteres Formulieren von Handlungsempfehlungen durch die Bischofskonferenz und auch kein Laudato-si‘-Zitate-Bingo in Predigten und Flyern. Da helfen Bischöfe, die sich weigern, das Flugzeug zu benutzen, und nur in dringenden Fällen mit dem Auto fahren. Da hilft es, Fleischkonsum in allen kirchlichen Einrichtungen auf den Sonntagsbraten zu reduzieren. Da helfen Kirchengemeinden, die ihre großen Gas- und Ölheizungen einfach ausschalten und die eingesparten Betriebskosten in eine Photovoltaikanlage und elektrische Sitzheizung investieren. Da helfen Christinnen und Christen, die endlich “Nein” sagen zum unökologischem Handeln ohne „ja, aber …”.

In einem Zukunftsweg darf das herausforderndste gesellschaftliche Thema der Zukunft nicht fehlen.

Ein erster großer Schritt auf institutioneller Ebene wurde dafür im Erzbistum Köln im November 2020 gegangen. Durch die Einsetzung einer Vision mit dem Ziel ein klimapositives und nachhaltig schöpfungsfreundliches Erzbistum Köln zu werden, hat unser Erzbischof ein deutliches Signal an die Verwaltung des Bistums und die Kirchengemeinden gesandt. Motiviert wurde die Erstellung dieser Vision von vielen Gläubigen, die zum pastoralen Zukunftsweg im Erzbistum kritisch zurückmeldeten, dass in einem Zukunftsweg das herausforderndste gesellschaftliche Thema der Zukunft nicht fehlen darf. Somit wurde die Schöpfungsverantwortung ein fester Bestandteil des Zukunftsweges mit dem Ergebnis eines konkreten Auftrags an das Erzbistum Köln für das Jahr 2030.
Bei der Erstellung der Vision wurde weniger geprüft, was wir erreichen können, sondern vielmehr gewagt auszusprechen, was wir als Christinnen und Christen in unserer Verantwortung für Gottes Schöpfung erreichen müssen. Dabei wurde in Anlehnung an die Enzyklika Laudato si‘ ein ganzheitlicher ökologischer Ansatz gewählt. Die Gefahr, dass nach einzelnen Leuchtturmprojekten mit guter Außendarstellung, die Bemühungen wieder eingestellt werden, sollte somit vermieden werden. In den sechs folgenden Handlungsfeldern wurden dabei der Einfluss der Kirche auf Umwelt und Klima ermittelt und kurz- und langfristige Ziele gesetzt:

  • Energie & Gebäude
  • Beschaffung
  • Biodiversität
  • Mobilität
  • Bildung und Pastoral
  • Umweltmanagement

Um eine ganzheitliche sozial-ökologische Umkehr im Erzbistum zu erreichen, muss die Schöpfungsverantwortung als Querschnitts- und Schwerpunktthema gesetzt werden. Dabei ist die harte Erreichung des formulierten Zieles der Vision bis 2030 gar nicht unbedingt das Wichtigste, sondern vielmehr die schnellstmögliche Änderung unseres Handelns in all unserem Tun. Wenn das gelingt und wir die Dringlichkeit einsehen, dann kann eine Kirche aufgrund der vielen Multiplikatorinnen und Multiplikatoren vor Ort viel mehr schaffen als ihr zugetraut wird und auch das herausfordernde Ziel eines klimaneutralen Gebäudebestandes bis 2030 wird realistischer.

In der Praxis ist für eine ökologische Umkehr viel Bewusstseinsbildung und Kommunikation notwendig. Die meisten Diskussionen auch in kirchlichen Kreisen enden leider doch wieder bei der Frage nach der (kurzfristigen) Finanzierung. Dabei wird mittlerweile immer deutlicher: Am teuersten wird es, wenn wir nichts tun! So wird es auch bei den Kirchengemeinden sein. Sicher sind für die Umstellung hohe Investitionen notwendig, die in den nächsten zehn Jahren schmerzen werden, weil sie den Spielraum für andere Bereiche verkleinern. Diese Investitionen sind aber notwendig, um langfristig den Betrieb bei steigenden Energie- und CO2-Kosten aufrecht erhalten zu können.

Es  wird aber auch deutlich, wie verschwenderisch die Kirchen insbesondere in den sakralen Gebäuden mit Energie umgegangen sind.

Der Angriffskrieg von Russland in der Ukraine und seine globalen Auswirkungen – insbesondere der Gasknappheit – werden die Dringlichkeit des Energieeinsparens und Umstellung auf erneuerbare Energien beschleunigen. Schon jetzt merken einige Kirchengemeinden, dass diese ihre Kirchenheizung im nächsten Winter nicht mehr bezahlen können und somit abgestellt werden. Dabei wird aber auch deutlich, wie verschwenderisch wir Kirchen insbesondere in den sakralen Gebäuden mit Energie umgegangen sind. Die Beheizung von großen Räumen mit einer Luftheizung führt dazu, dass das gesamte Luftvolumen aufgewärmt wird und nur ein sehr kleiner Anteil der Energie wirklich zum Erwärmen der Gottesdienstbesucherinnen und Gottesdienstbesucher aufgebracht wird. Dabei gibt es praktikable alternative Lösungen, zum Beispiel durch Sitzheizungen, welche die Gottesdienstbesucherinnen und -besucher direkt am Platz erwärmen, wodurch über 90 % der bisherigen Heizenergie reduziert werden kann. Auch in großen Pfarrzentren, Kitas oder anderen Einrichtungen wird sich in den nächsten Monaten zeigen, wer auf einen sinnvollen Verbrauch von Energie geachtet hat. Noch besser aufgestellt sind dabei die Kirchengemeinden, die ihre großen Dachflächen nutzen, um mit Photovoltaikanlagen ihren eignen Strom zu produzieren. Hätten die Kirchen ihre Dächer in den letzten zehn Jahren sinnvoll für die Erzeugung von Strom eingesetzt, dann wären die steigenden Herausforderungen beim Betrieb der Gebäude jetzt deutlich geringer.

Die Deutsche Bischofskonferenz hat die Dringlichkeit, Notwendigkeit und das Potenzial der Schöpfungsverantwortung nicht ansatzweise erkannt.

Das Erzbistum Köln ist dabei aber keine Ausnahme. Auch die anderen deutschen Bistümer haben im Bereich Nachhaltigkeit viel Nachholbedarf. Zwar starten viele Bistümer aktuell mit der Entwicklung von Klimaschutzkonzepten, eine umfangreiche überdiözesane Zusammenarbeit findet dabei aber nicht statt. Dabei hätten die deutschen Bistümer eine große Chance, das Potenzial von Synergien zu nutzen, da alle Bistümer vor den gleichen Herausforderungen stehen, wenn sie klimaneutral werden wollen. Der Grund, warum das Erzbistum Köln in den letzten zwei Jahren eine ganze Abteilung aufgebaut hat und jetzt großflächig aktiv wirkt, liegt an der Herangehensweise. Anstatt ein neues eigenes Konzept zu entwickeln, wurden andere bereits bestehende Konzepte von Kirchen kopiert. Anstatt neue Lösungen zu finden, wurde in Kommunen oder Kirchen gesucht, ob schon gute Ansätze in anderen Orten bestehen. Somit konnten viel Zeit und auch Ressourcen eingespart werden. Noch sinnvoller wäre die Einrichtung einer Koordinationsstelle auf der Ebene der Deutschen Bischofskonferenz. Diese Stelle könnte alle Bistümer verknüpfen, den Austausch stärken und dafür sorgen, dass kleinere oder weniger nachhaltig aktive Bistümer von den ambitionierteren Bistümern lernen. Die evangelische Kirche Deutschlands hat im letzten Jahr gezeigt, dass eine solche Zusammenarbeit sinnvoll ist, inklusive der Ausrufung eines gemeinsamen Ziels (klimaneutral zu werden bis 2035). Hier muss man als Außenstehender leider feststellen, dass die Deutsche Bischofskonferenz die Dringlichkeit, Notwendigkeit und das Potenzial der Schöpfungsverantwortung nicht ansatzweise erkannt hat. Für viele Bistümer wird dies in den nächsten Jahren zu immensen ökonomischen Herausforderungen führen und im schlimmsten Fall zu einem weiteren Glaubwürdigkeitsverlust der katholischen Kirche.

Wenn wir als Kirche und als Christinnen und Christen radikal authentisch eine ökologische Umkehr vorleben, dann können wir Glaubwürdigkeit zurückgewinnen.

Dabei müssen wir als christliche Kirche die Klimakrise nicht nur als Krise verstehen, sondern vielmehr als Chance. Sozial-ökologisch leben vereint so viele christliche Tugenden, wie (intergenerationelle und globale) Nächstenliebe, Dankbarkeit für und Freude an Gottes Schöpfung, Achtsamkeit, Einfachheit, etc. Wenn wir als Kirche und als Christinnen und Christen radikal authentisch eine ökologische Umkehr vorleben, dann können wir Glaubwürdigkeit zurückgewinnen. Dies gelingt nicht, wenn Letzteres die einzige Motivation für die Umkehr ist. Dann endet das Vorgehen schnell im Greenwashing, also dem Versuch, sich ein grünes Mäntelchen umzuhängen und ein umweltfreundliches und verantwortungsbewusstes Handeln nur vorzugeben.

Stattdessen müssen wir uns ganzheitlich auf den Weg zur ökologischen Umkehr machen. Auch mit der zusätzlichen Motivation, die wir als Christinnen und Christen aus einer Schöpfungsspiritualität heraus gewinnen können, denn – so formuliert es Papst Franziskus in seiner Umweltenzyklika passend, „es wird nicht möglich sein, sich für große Dinge zu engagieren allein mit Lehren, ohne eine “Mystik”, die uns beseelt, ohne “innere Beweggründe, die das persönliche und gemeinschaftliche Handeln anspornen, motivieren, ermutigen und ihm Sinn verleihen.” (LS 216)

Praxis

Nachhaltigkeit – ein Thema der Jugend!?

Auch wenn anfangs viele eher den Aspekt des freitags-nicht-zur-Schule-Gehens gesehen und moniert haben, ist die Bewegung, die den Freitag und die Zukunft im Namen führt, zu einer anerkannten Größe geworden, die es geschafft hat, auf Augenhöhe mit Politiker*innen zu diskutieren. Jugendliche sind die Keimzelle von Fridays for future, wenngleich viele Demonstrationen inzwischen altersmäßig heterogener geworden sind. Viele Jugendliche scheinen jedoch verstanden zu haben, dass es höchste Zeit ist, von der Theorie in die Praxis zu kommen: machen statt reden. Daher soll die Perspektive der jungen Menschen in dieser Ausgabe von futur2 nicht fehlen.

Natürlich gibt es genau so wenig „die Jugend“, wie es „die Männer“ oder „die Frauen“ gibt. Deshalb sei vorangestellt, dass die Gruppe der Jugendlichen, die bewusst die Zukunft gestaltet und ihre Lebensbereiche aus der Perspektive von Nachhaltigkeit betrachtet, nicht unbedingt repräsentativ für alle Jugendlichen ist. Allerdings kann man die weitläufig auf Jugend hin konstatierte Politikverdrossenheit in der aktuellen Jugendforschung nicht bestätigen, wenn man politisches Engagement weiter fasst als nur „Parteipolitik“.

Individueller wirtschaftlicher Erfolg ist nicht das erklärte Lebensziel, sondern die Gesamtsituation der Welt und die Veränderung der individuellen und gesellschaftlichen Verhaltensweisen sind Ziel und Strategie der Lebensführung.

Das relativ aktuelle Buch „Erwachsenwerden heute. Lebenslagen und Lebensführung junger Menschen.“ (hrsg. von Anne Berngruber und Nora Gaupp) untersucht verschiedene aktuelle Jugendstudien unter anderem auf die politische Beteiligung junger Menschen hin und konstatiert, dass gerade bei Themen, welche die Lebenswelt der Jugendlichen betreffen, wie Rechtsextremismus, Umweltschutz oder Menschenrechte, Jugendliche wesentlich engagierter sind als andere Menschen.

„So unterscheidet die My-Place-Jugendstudie für westdeutsche Jugendliche einen Anteil des Engagements zum Beispiel im Bereich der Frauenrechte von 2,5 % bis hin zu einer Beteiligung in Umweltgruppen von ca. 9 %. Mit jeweils unter 10 % wirkt die Partizipationsrate auch in weiteren Bereichen hier recht gering. Der EU-Youth-Report 2015 unterscheidet einerseits in einem zusammengefassten Bereich, zu dem unter anderem das Eintreten für Menschenrechte sowie Natur- und Tierschutz zählen. Hier beteiligen sich ca. 15 % der Befragten. Für das gleichzeitig abgefragte politische Engagement als anderen Bereich werden nur 8 % Beteiligung festgestellt. Fasst man dagegen Beteiligungsformen mit politischem Bezug zusammen, so ergibt sich eine Quote von ca. 25 % engagierter Befragten in der MyPlace-Studie, von 33 % innerhalb der EFS-Jugendstudie 2015 und von 37 % in der Shell-Studie 2019, was Aussagen zu einem umfassenden Engagement junger Menschen auch für den Bereich der politischen Beteiligung zulässt. Zusammenfasend kann festgestellt werden, dass der Hinweis auf eine Politikverdrossenheit Jugendlicher, wie er häufig geäußert wird, kaum zutrifft.“ (ebd.)

Im Folgenden werden Aussagen von vier jungen Menschen wiedergegeben, die alle der o.g. Gruppe politisch engagierter Jugendlicher zuzuordnen sind. In Interviews wurden Fragen zum Thema Nachhaltigkeit, zur Einschätzung von Gegenwart und Zukunft und zu den individuellen Lebensentwürfen gestellt.

Befragt wurden: Tim Koziel, 20 Jahre, Erkrath, Ausbildung zum Brandmeister, Sandra Gassen, 25 Jahre, Rostock, Sonderpädagogin, Simon Demming, 20 Jahre, Münster Studium Lehramt, Florin Kutten, 27 Jahre, Düsseldorf, CEO von Glasbote GmbH / BWL Bachelor an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf (Fotos am Ende des Beitrags). Die Interviews wurden ab Ende Februar geführt, so dass die Themen Corona und Ukraine-Krieg aktuell waren und am Rande thematisiert wurden. Die Leitfragen bezogen sich jedoch ausschließlich auf den Themenkomplex „Nachhaltigkeit“.

Zukunft weckt in mir irgendwie Befürchtungen, dass es noch schlechter werden könnte, als es jetzt schon ist, und das macht mir durchaus auch Angst!

Auf der Suche nach Gemeinsamkeiten bei den Befragten fällt als Erstes auf, dass individueller wirtschaftlicher Erfolg nicht das erklärte Lebensziel ist, sondern die Gesamtsituation der Welt und die Veränderung der individuellen und gesellschaftlichen Verhaltensweisen Ziel und Strategie der Lebensführung sind. Ob nun im pädagogischen Kontext als Lehrer*in oder im unternehmerischen Sinne als nachhaltiges Start-Up, die Grundhaltung bildet sich in allen Lebensbereichen ab. Bei allen Befragten gab es Schlüsselerlebnisse, die zu einer klaren oder pointierteren Positionierung gegenüber der derzeitigen Überlastung des Planeten geführt haben. Erfahrungen im Ausland waren dabei meist entscheidend.

Wenn ich an die Zukunft denke …

Die Einstiegsfrage war auf die Zukunft gerichtet: „Wenn du an Zukunft denkst, was kommt dir in den Sinn?“. Die Antworten waren höchst ambivalent.

So sagt Simon: „Ich habe auf jeden Fall das Gefühl, dass wir noch eine Menge tun müssen, damit es eine schöne Zukunft ist, auf die wir uns freuen können, und dass wir uns dafür einsetzen müssen, dass wir unsere eigene Zukunft gestalten. Zukunft weckt in mir irgendwie Befürchtungen, dass es noch schlechter werden könnte, als es jetzt schon ist, und das macht mir durchaus auch Angst!“

Ganz allgemein finde ich, dass man das Gemeinwohl über das Interesse von einzelnen stellen sollte.

Ähnlich äußern sich alle Befragten. Mit Blick auf die eigene Biografie stellt sich Sandra die Frage, ob sie Kinder in diese Welt setzen will. Aktuell kann sie das für sich noch nicht beantworten.

Tim verknüpft hier sehr direkt das eigene Tun mit der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung: „Für mich ist Zukunft was Ferneres, die steht halt noch nicht fest, da können wir noch was dran machen. Und auf mich persönlich bezogen: Da will ich irgendwie weiter sein, als ich jetzt bin. In Zukunft werde ich dann irgendwie für mich ein besserer Mensch sein, als ich jetzt bin. Und genau so, wie ich es für mich sage, sehe ich es auch gesamtgesellschaftlich. Also ich hoffe auch das wir – alle – auch weiter sind in zehn Jahren, als wir es jetzt sind, was nachhaltiges Leben angeht.“

Nachhaltigkeit bedeutet für mich …

Was die jungen Menschen mit Nachhaltigkeit verbinden, zeigt, wie breit alle mit diesem Thema befasst sind.  Globale Zusammenhänge, Bildungsgerechtigkeit und wirtschaftliche Abhängigkeiten sind ebenso im Blick wie die Tatsachte, dass globale Veränderungen nur gelingen, wenn auch andere Perspektiven eingenommen und bedacht werden.

Auf die Frage, was für ihn Nachhaltigkeit bedeutet, antwortet Florin: „Dass man auf dieser Erde immer weiter machen kann, ohne dass die Erde darunter leidet.“

Tim führt aus: „Ich habe die SDGs im Kopf, z.B. Klimaschutz, wichtig finde ich Ungleichheit, Armut, globale Versorgung, auf Essen bezogen, aber auch Wasserversorgung.“

Politik ist viel zu viel Gerede und Gelaber und am Ende kommt nichts dabei raus.

Sandra sagt dazu: „Ganz allgemein finde ich, dass man das Gemeinwohl über das Interesse von einzelnen stellen sollte.“ Sie macht das deutlich am Beispiel „Tesla“ und den Auswirkungen auf den Wasserverbrauch in Grünheide bei Berlin, aber auch der aktuellen Frage nach Energiegewinnung durch Atomkraft mit den damit verbundenen Entsorgungsproblemen.

Simon verweist direkt auf den Zusammenhang von Nachhaltigkeit und Bildung. Er stellt fest, dass der „Kampf gegen die Klimakrise eigentlich ‘ne Grundlage für sehr Vieles ist. Denn, wenn wir dieses Problem nicht schaffen, dann sind auch sehr viele andere Dinge schwer einzuhalten. Neben dem konkreten Kampf gegen die Klimakrise ist ganz viel Bildung wichtig, dass Leute aufgeklärt werden über die Klimakrise.“ 

Politisches Engagement …

Auf die Frage zum eigenen politischen Engagement führt Simon aus, dass er bei Fridays for future aktiv ist und er darin die Möglichkeit einer globalen Einflussnahme sieht: „Es gibt mir auf jeden Fall Hoffnung. Wir arbeiten ja recht viel mit der Wissenschaft zusammen. Es ist eigentlich recht klar, was getan werden müsste, um solche Ziele einzuhalten, und dass es auch möglich ist. Es muss halt nur gewollt werden und darauf wollen wir ja ganz viel hinarbeiten. Das stimmt mich durchaus hoffnungsvoll, dass es fff-Gruppen auf der ganzen Welt gibt, also das dies jetzt nicht so ein lokales Phänomen ist. In über 150 Ländern wird teilweise gleichzeitig demonstriert.“

Ich glaube, Klimaschutz geht noch sehr viel auf Eigeninitiative der Bürger, ich glaube, dass ist nicht die beste Idee. Ich behaupte, dafür sind wir Menschen zu bequem und zu egoistisch.

Sandra sagt zwar von sich selbst, politisch nicht aktiv zu sein, konkretisiert das aber: „Mein Tun beschränkt sich auf meinen privaten Bereich: Ich kauf’ keine Klamotten mehr [in kommerziellen Läden] sondern kaufe nur noch Second Hand, ich ernähre mich vegetarisch und gucke halt, dass wir Strom sparen und Wasser sparen. Ich gehe sehr viel zu Demos, auch gegen Rechts, weil, das finde ich, ist auch Nachhaltigkeit, dass wir für unsere Werte einstehen und die Straßen nicht denen überlassen, die am lautesten schreien. Bei Fridays for future bin ich fast immer dabei, dass wir halt nachhaltig unsere Demokratie schützen! Bei mir ist das so’n kleines Hoffnungsding! Da sind welche, die sind engagiert.“

Tim hat da etwas weniger Hoffnung: „Bei Friday for future bin ich sehr wenig aktiv. Mein politisches Engagement ist sehr gering, Faulheit, Hoffnungslosigkeit. Ist irgendwie nicht meins. Mit den politischen Forderungen kann ich mich teilweise nicht so anfreunden. Ich glaube – leider – den Einfluss, den man darauf haben kann als Individuum, der ist ja sehr schlecht zu greifen. Man spürt einfach wenig Effekt. Ich hab einfach das Gefühl, dass da die Auswirkung, die man auf die globale Klimapolitik haben kann, recht gering ist.“  Ähnlich wie Sandra erzählt er im Nachsatz, dass er selbst Vegetarier ist und auch bald vegan leben möchte, fast nur Second Hand einkauft und auch bei der Mobilität versucht, auf das Auto zu verzichten.

Florin ist auch nicht direkt politisch aktiv, er will durch seine wirtschaftliche Tätigkeit nachhaltigen Konsum unterstützen, daher hat er mit Freunden das junge Unternehmen Glasbote entwickelt. Er führt aus, dass für ihn „Politik viel zu viel Gerede und Gelaber ist und am Ende nichts dabei raus kommt, und was wir gerade machen, hat halt den realen Effekt und das ist so Unternehmertum, ist halt einfach ‘ne ganz and’re Welt und das ist meine Welt!“ 

Wenn ich politische/r Entscheider*in wäre …

Auf die Frage, was sie tun würden, wenn sie in der Politik Entscheider*innen wären, antwortet Simon: „Was ein ganz großer Punkte wäre, dass es mit der Abhängigkeit von fossilen Energieträgern endlich mal aufhört. Mir wäre sehr wichtig, dass die Kommunikation dahin geht, dass man natürlich viel über den Klimawandel und die Klimakrise spricht, dass man in einen hoffnungsvollen Austausch geht, dass man sehr viel ins Handeln kommt, anstatt davor zu resignieren.“

Ich bin einfach der Meinung, die Europäer waren irgendwie immer vorne, die Europäer haben Plastik eingeführt, die Europäer haben Plastik in die ganze Welt gebracht und jetzt ist es an den Europäern, die ganze Sache ernst zu nehmen und das Ganze wieder abzuschaffen.

Tim erläutert: „Ich glaube, Klimaschutz geht noch sehr viel auf Eigeninitiative der Bürger, ich glaube, dass ist nicht die beste Idee. Ich behaupte, dafür sind wir Menschen zu bequem und zu egoistisch. Ich würde mir wünschen, dass bestimmte Klimaschutzmaßnahmen einfach mehr gesetzt werden.“  Wobei er das Dilemma sieht, dass es unter dem Gerechtigkeitsaspekt schwer umzusetzen ist und die Akzeptanz dafür nicht leicht zu erreichen sein wird. Aber er hat den Eindruck, dass viele Menschen einfach noch nicht mit diesem Thema befasst sind. „Gleichzeitig muss man die Eigeninitiative der Menschen stärken. Es juckt die Menschen einfach nicht, man muss die Menschen mitnehmen – das Thema [ist] nicht präsent bei den Menschen.“

Auch Sandra sieht den wichtigsten Punkt bei den „erneuerbaren Energien“. Aber auch das Thema „Regionalität bei Produktion und Einkauf“ sieht sie in direktem Zusammenhang. „Beispiel China – die stoßen auch „unsere Emissionen“ mit aus! Da würde ich mal die Ketten irgendwie so ein bisschen umstellen“

Und Florin kombiniert in gewisser Weise die Sichtweisen, indem er gerade auch im wirtschaftlichen Kontext auf Eigeninitiative setzt und dafür politische Veränderung herbeisehnt: „Ich würde vor allem die Wirtschaft viel mehr unterstützen, Start-Ups Anreize geben, um Innovationskultur zu schaffen.“

Was hat dazu geführt, dass ich so denke …

Bei der Frage, was dazu geführt hat, dass sie so denken, wie sie denken, fällt auf, dass neben der Erziehung auch der Freundeskreis und Erfahrungen im Ausland zu neuen, veränderten Sichtweisen geführt haben.

Es geht um ein geändertes Konsumverhalten, darum, Gewohnheiten im Alltag zu ändern. Und das begründet sich in ethisch-politischen Einstellungen. Das schließt auch ein, die eigene Kaufkraft einzusetzen, um wirtschaftliche Praktiken zu verändern.

Tim berichtet aus seinem FSJ: „Man hat ganz andere Probleme. Da ist mir in Ecuador aufgefallen, dass die Thematik Klimaschutz auf dem Level, auf dem wir uns in Deutschland dann teilweise den Kopf zerbrechen, über Einwegplastikverbote oder was weiß ich noch nicht so präsent ist bei den Leuten. Weil für die Leute teilweise andere Dinge noch wichtiger sind. Man kann sich [in Deutschland] sozusagen den Luxus erlauben, sich über solche Dinge Gedanken zu machen.“

Und Sandra stellt im Rückblick auf ihr Freiwilligenjahr in Israel fest:  „Dass mich das total geprägt hat. Deutschland ist schon sehr privilegiert. Ich habe eine Verantwortung für die Vergangenheit, auch mit Blick auf Nachhaltigkeit und ich möchte Werte mitgeben.“ Und das bezieht sie auch auf die rechtsradikalen Tendenzen in Deutschland, die sie in Rostock, wo sie zurzeit lebt, noch mehr mitbekommt.

Florin hat in 18 Monaten die Welt bereist, schon 50 verschiedene Länder besucht, war sehr viel in Asien und Südamerika und blickt auf vielfältige Eindrücke zurück. Er berichtet unter anderem von Erfahrungen in Thailand und Laos, wo er zwei Tage lang über den Mekong-River fuhr und nur Plastik gesehen hat. „Die Menschen haben viel Plastik und kippen’s in den Fluss, weil der fließt ja eh flussabwärts. Die wissen’s nicht besser! Für die ist das halt so Überlebenskampf.“

Als Konsequenz hat er für sich mitgenommen: „Ich bin einfach der Meinung, die Europäer waren irgendwie immer vorne, die Europäer haben Plastik eingeführt, die Europäer haben Plastik in die ganze Welt gebracht und jetzt ist es an den Europäern, die ganze Sache ernst zu nehmen und das Ganze wieder abzuschaffen.“

Machen statt reden

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass sich in diesen Aussagen exemplarisch Ergebnisse der eingangs erwähnten Studien bestätigen: Junge Menschen wählen sehr unterschiedliche, eher unkonventionelle Formate für ihr politisches Engagement. Für viele gehören Praktiken einer nachhaltigen Lebensweise grundlegend dazu. Es geht um ein geändertes Konsumverhalten, darum, Gewohnheiten im Alltag zu ändern. Und das begründet sich in ethisch-politischen Einstellungen. Das schließt auch ein, die eigene Kaufkraft einzusetzen, um wirtschaftliche Praktiken zu verändern (Boykott, Fairtrade, Bio).

Dahinter liegt die Überzeugung (oder zumindest die Hoffnung), dass jede*r einzelne durch sein/ihr Verhalten eine Veränderung herbeiführen kann, und die Haltung, dass wir als privilegierte Westeuropäer dazu in gewisser Weise verpflichtet sind. Gegenargumenten wie „ja, aber wenn die anderen (Menschen, Länder, Staaten) nichts machen, dann bringt es ja auch nichts“ wird so der Wind aus den Segeln genommen.

Ein paar Sachen müssen beschlossen, anstatt diskutiert werden!

Wie solchen Argumenten oder auch der Einschätzung, dass der Mensch eigentlich mit seiner Freiheit „überfordert“ ist und sich der Egoismus letztlich doch gegen den Sozialsinn durchsetzt, begegnet werden kann, beschäftigt die Jugendlichen ebenfalls. Von Überzeugungsarbeit und Bildung, über veränderte Gewohnheiten beim Konsumieren bis hin zu Verboten und Restriktionen wurde eine breite Palette von Ideen formuliert.

Sandra meint dazu: „Ein paar Sachen müssen beschlossen, anstatt diskutiert werden! Das Allgemeinwohl müsste über allem anderen stehen!“

Tim sagt abschließend: „Man hat ja trotzdem Hoffnung, dass das eigene Tun einen Unterschied machen kann. Jeder hat so Ecken, wo er sagt, da bin ich sehr bequem, das kann ich verändern und fühl’ mich auch gut damit. Kleine Veränderungen, die kann man machen, einfach nicht in diese Hoffnungslosigkeit zu verfallen, sondern ruhig einfach mal machen und sich gut dabei fühlen!“

Vielleicht lässt sich hoffnungsvoll formulieren, dass die jungen Menschen verstanden haben, dass es darum geht, etwas zu machen, anstatt zu reden und dass das einzelne Individuum nur dann weiter existieren kann, wenn sich die Welt, die Menschen, die Wirtschaft, die Bildung auf ein gerechtes, ausgewogenes, „nachhaltiges“ Konzept verständigen.

 

Simon Demming, 20 Jahre, Münster, Student (Lehramt)

„Wir sind als FFF eine „Klima-Gerechtigkeits-Bewegung“ […] Ganz wichtig ist Bildung!“

 

 

 

 

 

 

Florin Kutten, 27 Jahre, Düsseldorf, CEO von Glasbote GmbH / BWL Bachelor an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

„Deutschland könnte anfangen, Gründer zu unterstützen!“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Tim Koziel, 20 Jahre, Erkrath, Stufenausbildung zum Brandmeister

 „Man hat ja trotzdem Hoffnung, dass das eigene Tun einen Unterschied machen kann. Einfach mal machen und sich gut dabei fühlen!“

 

 

 

 

 

 

Sandra Gassen, 25 Jahre, Rostock, Sonderpädagogin

„Ein paar Sachen müssen beschlossen anstatt diskutiert werden! Das Allgemeinwohl müsste über allem anderen stehen!“

 

Praxis

gASTWERKe und Nachhaltigkeit

Unweit von Kassel, zwischen Nordhessen und Südniedersachsen, leben 50 Menschen zwischen unter einem und 75 Jahren in einer Lebensgemeinschaft zusammen. Die Gemeinschaft ist bei Weitem kein Abbild der Gesellschaft, aber ein Mikrokosmos, in dem unterschiedliche Menschen in Kontakt sind, sich intensiv aufeinander beziehen und ihren Lebensalltag miteinander abstimmen. Hier wohnen und arbeiten Menschen unterschiedlicher Herkunft, mit unterschiedlichen Bildungsbiographien und Lebensentwürfen. Wir erproben und erforschen in unserer Gemeinschaft ein nachhaltiges Zusammenleben, das über den Bau von Niedrigenergiehäuser, die Nutzung von Solaranlagen und Carsharing hinausgeht.

Auch in den gASTWERKen, wie sich unsere Lebensgemeinschaft nennt, praktizieren wir auch diese wichtigen Maßnahmen ökologischer Nachhaltigkeit. Die Transformation zu einer zukunftsfähigen, also nachhaltigen Lebensweise erfordert jedoch mehr. Um als Weltgesellschaft in Zukunft miteinander auf diesem Planeten leben zu können, braucht es ein Umdenken und Einüben von neuen Praktiken und Handlungsweisen in allen vier Dimensionen der Nachhaltigkeit: Ökologie, Soziales, Kultur und Ökonomie.1

Abb. 1: Nachhaltigkeitsdimensionen (Stoltenberg 2009, Stoltenberg, Michelsen 1999).

Um als Weltgesellschaft in Zukunft miteinander auf diesem Planeten leben zu können, braucht es ein Umdenken und Einüben von neuen Praktiken und Handlungsweisen in allen vier Dimensionen der Nachhaltigkeit: Ökologie, Soziales, Kultur und Ökonomie.

Während der Fokus von “Fridays for Future”, “Ende Gelände”, den Grünen, anderen Parteien und Initiativen auf dem ökologischen Aspekt von Nachhaltigkeit liegt, ist die größte Herausforderung in der Lebensgemeinschaft der gASTWERKe der soziale Zusammenhalt. Dies wird seit zwei Jahren noch stärker deutlich, in denen auch in den gASTWERKen dieser Zusammenhalt durch die Pandemie und ihre Folgen auf die Probe gestellt wird.

Die Frage, die sich als zentral herauskristallisiert, lautet: Wie können wir in den gASTWERKen unser Zusammenleben so gestalten, dass es trotz unterschiedlicher, ja manchmal konträrer Meinungen und Werte langfristig nicht zu mehr Trennung, sondern zu mehr Verbindung führt? Denn eins ist klar: Eine nachhaltige Lebensweise, das gute Leben für alle, kann nur miteinander funktionieren. Wir erproben im Sinne eines Reallabors ein Miteinander, das nicht nur uns als Gemeinschaft zusammenhält, sondern im Prinzip auch von anderen Gruppen praktiziert werden kann. Darüber hinaus kann es eine Inspiration für Fragen des gesamtgesellschaftlichen Miteinanders sein.

Es gibt keine einfache und erst recht keine allgemeingültige Antwort auf  die Frage eines guten Zusammenlebens in zunehmender Unterschiedlichkeit. Es ist überhaupt keine Frage, auf die es eine klare oder endgültige Antwort gibt. Vielmehr ist es ein Forschungsfeld, welches beim Erkunden immer wieder neue Erkenntnisse bereithält. Beim Gehen zeigen sich Grundzüge einer neuen Gestalt nachhaltigen Zusammenlebens. In den letzten 15 Jahren seit der Gründung der gASTWERKe haben wir vier Prinzipien entdeckt, die uns auf dem Weg zu mehr Verbindung relevant und zielführend erscheinen und die wir in der Beratung von Gruppen, die gemeinsam leben, arbeiten und wirken möchten, vermitteln und weitergeben.

Wie können wir in den gASTWERKen unser Zusammenleben so gestalten, dass es trotz unterschiedlicher, ja manchmal konträrer Meinungen und Werte langfristig nicht zu mehr Trennung, sondern zu mehr Verbindung führt?

Prinzipien und Instrumente des Zusammenlebens

1. Verbindliche Austauschforen einrichten und pflegen

Über die Jahre hat sich gezeigt, dass für den Zusammenhalt nichts wichtiger ist, als stetige Kommunikation. Hierzu sind als Instrument verbindliche Austauschforen zu schaffen und zu pflegen. Wir haben in unserer Lebensgemeinschaft zwei Austauschräume: Wöchentlich treffen wir uns zu einem organisatorischen Treffen, auf dem vom Autokauf bis zur Debatte um vegetarisches Katzenfutter alles diskutiert und entschieden werden kann. Alle Mitglieder der Gemeinschaft können dort ihre Themen einbringen, die entweder als Information an die Gruppe gegeben werden, inhaltlich besprochen oder als konkreter Vorschlag entschieden werden.

Alle drei Wochen findet ein sozialer Austauschraum statt, in dem wir uns zu Ängsten, Nöten, Befindlichkeiten und Bedürfnissen austauschen. Dieser Raum ist von Langsamkeit und Achtsamkeit geprägt. Die Teilnahme an diesen Austauschräumen ist nicht verpflichtend, jedoch kommen die meisten Gemeinschaftsmitglieder zu den Treffen.

Für den Zusammenhalt ist nichts wichtiger als stetige Kommunikation.

2.  Verantwortung und Ressourcen teilen

Nicht alle Menschen, die in der Lebensgemeinschaft wohnen, sind befreundet. D.h. die Basis für einen regelmäßigen verbindlichen Austausch ist nicht in erster Linie die freundschaftliche Verbundenheit. Vielmehr sind die 50 Menschen, die hier am Platz wohnen, durch die wechselseitige Selbstverpflichtung miteinander verbunden, Verantwortung und Ressourcen zu teilen. Wir leben in einer solidarischen Ökonomie, das heißt wir geben unser individuelles Einkommen zu 100% in einen gemeinsamen Topf, aus dem wir unsere gesamten gemeinsamen und individuellen Ausgaben bestreiten. Die Gemeinschaftsmitglieder (nicht alle, aber doch viele) kümmern sich gemeinsam um die Betreuung und Begleitung unser 20 am Ort lebenden Kinder, wir kochen und essen größtenteils zusammen, wir wohnen in Wohngemeinschaften und besitzen Autos, Häuser, Werkzeug und vieles mehr gemeinsam. Die konkreten Verbindungen können darüber hinaus noch durch gemeinsame Erwerbsarbeit, Ehrenamt, andere Projekte oder auch Verwandtschaftsverhältnisse etc. geprägt sein.

Die Menschen, die hier wohnen, sind durch die wechselseitige Selbstverpflichtung miteinander verbunden, Verantwortung und Ressourcen zu teilen.

Commitments und daraus wachsende Verbindungen stellen sicher, dass wir uns regelmäßig austauschen, verhandeln und einigen müssen. Das kann sich im ersten Moment nach einer Bürde anhören, ist vielmehr der Motor dafür, in Kontakt zu bleiben und sich nicht von den Bedürfnissen und Meinungen der anderen zu entfremden und in Trennung zu gehen.

3. Differenzen anerkennen und aushalten

Auch wenn es Anstrengung und Überwindung erfordert, streben wir an, in Konfliktsituationen und Auseinandersetzungen unterschiedliche, auch konträre Meinungen zu hören, anzuerkennen und nachzuvollziehen, wie es zu einer Meinung oder einem Verhalten gekommen ist. Dafür ist es wichtig, Konflikte nicht zu vermeiden oder sie zu negieren, sondern sie als Entwicklungsmöglichkeit und als Chance zu sehen und zu kultivieren, etwas Neues über andere und sich selbst zu lernen. Oft tendieren wir dazu, in Konflikten vorschnell nach Lösungen zu suchen und verpassen dabei auf das Bedürfnis der Konfliktparteien einzugehen und ihre Meinung in Ruhe anzuhören. Es hilft in vielen Situationen, die Differenzen angemessen zu würdigen und erst danach in eine Lösungsfindung gehen. Hier sind die Prinzipien gewaltfreier Kommunikation hilfreich.

Es ist wichtig, Konflikte nicht zu vermeiden oder sie zu negieren, sondern sie als Entwicklungsmöglichkeit und als Chance zu sehen und zu kultivieren, etwas Neues über andere und sich selbst zu lernen.

4. Entscheidungen treffen ohne Minderheiten abzuhängen

In den gASTWERKen werden Entscheidungen im Konsentverfahren getroffen, das aus der Soziokratie bekannt ist. Es bedeutet kurz gesagt, dass Entscheidungen nur dann getroffen und umgesetzt werden, wenn keine Person schwerwiegende Bedenken hat. Dieses Prinzip soll sicherstellen, dass eine einzelne Person nicht durch Gruppenentscheidungen in existenzielle Nöte geraten kann bzw. das Gefühl bekommt, übergangen zu werden – und deshalb vielleicht die Gemeinschaft verlassen müsste. Die Erfahrung bei uns ist, dass dieser Grundsatz nicht in Stillstand und Blockaden mündet. Vielmehr führt er tendenziell dazu, dass im Vorfeld einer Entscheidung viele Klärungen stattfinden, die Bedürfnisse aller Gehör finden und von der Person oder der Gruppe, die etwas umsetzen möchte, ein Weg gesucht wird, bei dem möglichst alle mitgehen können.

Aus diesen vier Prinzipien und den zugehörigen Instrumenten folgt ein großes Wohlwollen in inhaltlichen Fragen, eine hohe Nachsichtigkeit bei Konflikten und Missverständnissen und ein starkes Vertrauen, dass jede:r als Individuum einen Platz in der Gruppe haben darf, bei allen Interessensunterschieden, Meinungsverschiedenheiten und Konflikten, die es gibt. Insgesamt mündet es in einem Wir-Gefühl im Guten wie im Schlechten, einer Zugehörigkeit über einzelne Fragen und Konflikte hinaus.

Entscheidungen werden nur dann getroffen und umgesetzt, wenn keine Person schwerwiegende Bedenken hat.

Die Attraktivität, die durch dieser Art des Zusammenlebens entsteht, ist der entscheidende Punkt zu dieser Gruppe oder besser zu dieser Gemeinschaft dazugehören zu wollen. Daraus wächst ein starker Zusammenhalt in der Gemeinschaft. Die Erfahrungen in Gruppen wie den gASTWERKen, die innovative Formen des Zusammenlebens erproben, können Hinweise darauf geben, wie eine veränderte, nachhaltige Kultur  gesellschaftlichen Zusammenlebensaussehen könnte.

Praxis unter verschärften Rahmenbedingungen

In den letzten beiden Pandemie-Jahren sind die Kommunikation und der Zusammenhalt in der Gemeinschaft verstärkt auf die Probe gestellt worden. Wir haben auch die Grenzen von Inklusion und Zusammenhalt erlebt. Wie in der Gesamtgesellschaft gab es auch zur Covid-19-Pandemie, den damit verbundenen Maßnahmen und Einschränkungen sowie dem Umgang damit sehr unterschiedliche Positionen. In der Gemeinschaft gab es Menschen, die aus Angst vor Ansteckung in freiwillige Selbstisolation gegangen sind. Es gab auch Menschen, die sich aus Überzeugung und Solidarität über die staatlichen Vorgaben hinaus eingeschränkt haben. Andere wiederum standen den Maßnahmen kritisch gegenüber, befolgten sie aber. Manche hatten einen sehr lockeren Umgang mit den Maßnahmen und Einzelne zweifelten an der Existenz des Virus. Gleichzeitig bestand die Notwendigkeit, sich aufgrund der gemeinsamen Räumlichkeiten und des eng miteinander verwobenen Alltags auf einen gemeinsamen Umgang zu einigen.

Wir haben auch die Grenzen von Inklusion und Zusammenhalt erlebt.

Covid-19 und der Umgang mit der Pandemie und den verbundenen Maßnahmen war Thema in vielen Austauschräumen. Wir haben in der großen Runde und in kleineren Gruppen dazu geredet und versucht, uns auf einen Weg zu einigen, den wir gemeinsam gehen können. Das war mit vielen Meinungsverschiedenheiten, wechselseitigem Unverständnis und auch Vorwürfen verbunden. Das ist verständlich und konnte in unseren Strukturen weitgehend aufgefangen werden. Das änderte sich allerdings, als Menschen mit extremen Meinungen nicht mehr zu den Austauschräumen kamen und es somit keine Möglichkeit mehr gab, sich als Gruppe auszutauschen und anzunähern. Die Dynamik der Entfremdung spitzte sich immer weiter zu, bis wir irgendwann an dem Punkt ankamen, an dem sich die unterschiedlichen Überzeugungen und vor allem das unterschiedliche Handeln nicht mehr vereinbaren ließen. Zwei Menschen, Gründungsmitglieder der Gemeinschaft, fühlten sich nicht mehr verstanden und brachten ihre Bedenken und Meinungen nicht mehr in die Entscheidungsprozesse mit ein. Schließlich beschlossen sie, auszuziehen. Dadurch wurde das Spektrum der Meinungen kleiner und der weitere Umgang mit der Pandemie leichter. Aber es bleibt eine Unzufriedenheit mit der Entwicklung der Situation und insbesondere dem Misslingen von Inklusion.

Gesellschaftlich ist Exklusion keine Lösung

In unserem Falle mag es teilweise ein probater Lösungsweg gewesen sein, dass ein extremer Teil die Gruppe verlässt und in der verbleibenden Gruppe dadurch wieder ein gemeinsames Handeln möglich wird. Aber für uns als Gesellschaft ist das keine Option. Vielmehr ist es unsere Aufgabe, immer wieder Austauschräume zu schaffen, zu denen sich alle eingeladen und bei denen sich alle sicher fühlen können, sich in ihren Zweifeln zu zeigen. Und es ist unsere Aufgabe, uns der Herausforderung zu stellen, konsequent Differenzen auszuhalten und anzuerkennen, auch wenn es Anstrengung erfordert.

Es ist unsere Aufgabe, uns der Herausforderung zu stellen, konsequent Differenzen auszuhalten und anzuerkennen, auch wenn es Anstrengung erfordert.

Wir als Lebensgemeinschaft gASTWERKe möchten die Auseinandersetzung rund um den Umgang mit der Pandemie dafür nutzen, unsere Kommunikationsräume und -formen weiterzuentwickeln, damit wir es in kommenden Krisen noch besser schaffen, Konflikte als verbindendes statt als trennendes Element wahrzunehmen und zu nutzen.

Praxis

Schwul und katholisch in der Gemeinde Maria Hilf

Eine christliche Gemeinschaft von und für Lesben, Schwule und ihre Freund*innen (PSK) in Frankfurt am Main

Zum Projekt „Schwul und katholisch in der Gemeinde Maria Hilf“ (PSK) sagte der Frankfurter Stadtdekan Dr. Johannes zu Eltz im Buch „Eine Brücke bauen“ des Jesuitenpaters James Martin [Stuttgart 2018]: „Die Gruppe, überwiegend homosexueller Männer, feiert regelmäßig Eucharistie. Als es losging, wurde das Projekt von manchen stark angefeindet. Auch ich war aus der Ferne total dagegen. […] Bevor ich nach Frankfurt [August 2010] kam, dachte ich: Eines der ersten Dinge, die ich hier tun werde, ist, das Projekt schwul und katholisch plattzumachen. Aber der Stadtdekan ist von Amts wegen verpflichtet, einmal im Jahr im Projekt „schwul und katholisch“ Eucharistie zu feiern und ein Gespräch zu führen. Also ging ich hin. Und dann diese Messe, äußerlich ruhig, aber von innen her bewegend. Das hat mich tief berührt. Wie diese Menschen auf Gottes Wort hören und miteinander das Brot brechen, das hat mich so beeindruckt, das ich mich bekehrt habe.“

Johannes zu Eltz: Das hat mich so beeindruckt, das ich mich bekehrt habe.

Die Anfänge

Es ist schon erstaunlich, wie bedrohlich  eine kleine schwule Gottesdienstgemeinschaft auf einen leitenden Kirchenvertreter, dem ehemaliger Richter am Limburger Diözesangericht [1999-2010] Dr. Johannes zu Eltz, wirkte, dass er sie „plattmachen“ wollte. Eine Gottesdienstgemeinschaft, die seit Frühjahr 1991 mit ihren verbündeten Priestern und Pastoralreferentinnen zuerst in der Kapelle der Katholischen Hochschulgemeinde und dann in der Kirche der Gemeinde Maria Hilf regelmäßig Gottesdienst feiert. Schaut man auf die Beweggründe der  Initiatoren des PSK, die wegen ihres Outings als schwule Studenten trotz ihrer hervorragenden theologischen und menschlichen Fähigkeiten Berufsverbot im Bistum Limburg erhalten hatten, ist die Einstellung des ehemaligen Richters nicht verwunderlich. Schwule Christen mit ihren Freunden und Freundinnen zeigten sich gegen die kirchliche Tabuisierung homosexueller  Personen nicht nur seit 1991 in aller Öffentlichkeit, sondern luden auch – wegen ihrer weit geöffneten Kirchentüren –  andere Menschen zu ihren sonntäglichen Abendgottesdiensten mit ökumenischer Gastfreundschaft ein. Unter Beibehaltung der Liturgie des Kirchenjahres begannen die Verantwortlichen zunehmend in geschlechtergerechter Sprache auf der Grundlage schwuler Befreiungstheologie und der Dokumente des Zweiten Vatikanischen Konzils Eucharistie- bzw. Wortgottesfeiern zu gestalten. Etwa zwanzig bis dreißig Frauen und Männer kamen nicht nur aus dem Rhein-Main-Gebiet sonntagsabends in die Kirche Maria Hilf. Der Zuspruch schwuler, lesbischer, bisexueller und transidenter Menschen bestätigte die Initiatoren angesichts ihres Gemeindevorhabens. Ausdruck für ihre sorgfältig vorbereitete sonntägliche Liturgie ist das in den PSK-Anfangsjahren entstandene Gebet- und Gesangsbuch „Gotteslob unterm Regenbogen“. Der Katholischen Hochschulgemeinde Frankfurt gefiel dieses Gebetbuch so gut, dass sie es für ihre eigenen Studierenden anschaffte.

Schwule Christen mit ihren Freunden und Freundinnen zeigten sich gegen die kirchliche Tabuisierung homosexueller  Personen nicht nur seit 1991 in aller Öffentlichkeit, sondern luden auch – wegen ihrer weit geöffneten Kirchentüren –  andere Menschen zu ihren sonntäglichen Abendgottesdiensten mit ökumenischer Gastfreundschaft ein.

Lebendige Gottesdienstgemeinschaft

Endlich konnten gleichgeschlechtlich liebende Menschen in dieser ersten schwul-lesbischen Gottesdienstgemeinschaft im deutschsprachigen Raum aufatmen, beten, singen, sich als gläubige Katholiken ohne Angst zeigen, ohne sich verteidigen oder sich für ihre gottgegebene Sexualität entschuldigen zu müssen. Vom Gottesdienstmoderator, der zu Beginn des Gottesdienstes die Gemeinde wie den Priester bzw. die Pastoralreferentin begrüßt, weiß sich die Gemeinde willkommen geheißen. Schwule und Lesben geben sich den Friedenskuss, tragen aus ihrer Lebenserfahrung Fürbitten vor Gott und treten einzeln oder als Liebespaar im Kreis um den Altar auf. Die sonntägliche Fürbitte im Hochgebet für alle an AIDS Erkrankten, Verstorbenen und um sie Trauernden berührte viele Mitfeiernde tief. Schwule, lesbische und transidente Christen hören aus ihrer Gemeinschaft die Predigt, in der ihre Lebenswirklichkeit auf Grund der Frohen Botschaft Jesu vorkommt. So vom Sonntagsgottesdienst getröstet und gestärkt, fühlen sich viele gut vorbereitet für die kommende Woche, für ihre Arbeit, Nachbarschaft, Familie und ihren Freundeskreis.

Gemeinschaftsleben und Aktionen in der Öffentlichkeit

Trotz Anfeindungen extrem rechtskatholischer  und evangelikaler Kreise, trotz äußerer und innerer Krisen des PSK – zum Beispiel angesichts der Fluktuation ihrer Mitglieder in den Anfangsjahren – fühlen sich die PSK’ler durch ihren Sonntagsgottesdienst nicht nur spirituell gestärkt. Über die Jahre entstand ein reichhaltiges Gemeinschaftsleben mit Feiern, Reisen und Wochenendtagungen mit spiritueller Vergewisserung und Gemeinschaftsbildung. Darüber hinaus entstanden Untergruppen für die Bereiche Liturgie, Diakonie und Öffentlichkeitsarbeit. Obgleich die sonntägliche Liturgie das Hauptanliegen des PSK vor Ort im Frankfurter Gallusviertel blieb, wollten die Teilnehmer*innen nicht in einem sogenanntes „Nest des Wohlfühlens“ bleiben, sondern zeigten sich in der lesbisch-schwulen Frankfurter Community und nahmen an deren Aktionen wie zum Beispiel dem jährlichen CSD mit einem eigenen christlichen Stand und einem Gottesdienst zu Beginn der Christopher Street Day Tage teil.

Allen Anfeindungen extrem rechtskatholischer  und evangelikaler Kreise zum Trotz … entstand über die Jahre ein reichhaltiges Gemeinschaftsleben mit Feiern, Reisen und Wochenendtagungen.

Vernetzung mit anderen Gruppen im deutschsprachigen Raum

Als die PSK’ler erfuhren, dass inzwischen auch andere lesbisch-schwule Gottesdienstgemeinschaften in Basel, Stuttgart, Münster und Nürnberg entstanden waren, lud das PSK diese Gemeinden zum Dreikönigstag 2002 nach Frankfurt am Main ein, um sich als LSGG (Lebischwule Gottesdienstgemeinschaften)  zu vernetzen und gemeinsam in ihren Bistümern und Landeskirchen aufzutreten. Inzwischen gehören zehn schwul-lesbische Gemeinden von Basel bis Berlin der LSGG an. Neben den Jahrestagungen traten die LSGG‘ler zusammen auf Katholiken- und Kirchentagen jeweils mit einem Stand, einem Gottesdienstort und einer zentralen Veranstaltung in Zusammenarbeit mit andern lesbischen, schwulen, transidenten christlichen Initiativen auf, wie zum Beispiel der „Ökumenischen Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche e.V.“  oder dem „Netzwerk katholicher Lesben e.V.“ oder der „Arbeitsgemeinschaft schwule Theologie e.V.“.

Zusammenarbeit vor Ort – Verortung im Bistum

Vor Ort im Frankfurter Gallusviertel suchte das PSK einen guten Austausch mit der gastgebenden Gemeinde Maria Hilf. Eine jährlich gemeinsam gestaltete Sonntagmorgenmesse mit anschließendem  Mittagessen, regelmäßige Teilnahme am Pfarrfest mit eigenem Cocktailstand und an Gemeinderatssitzungen festigte den gegenseitigen Respekt bis hin zur selbstverständlichen Akzeptanz des PSK in der Gemeinde Maria Hilf. Unsicherheiten, Ängste und Vorurteile bestanden nicht nur in der Pfarrei Maria Hilf, sondern auch unter den PSK‘ler selbst. Anlässlich seines Visitationsbesuches im PSK 1996 sagte Bischof Franz Kamphaus zu den ängstlichen PSK‘lern, die befürchteten, dass, wenn Lederkerle oder Transvestiten an  ihrem Gottesdienst teilnehmen, die Kirchtüren zugemacht würden: „Wenn das Projekt vom Heiligen Geist ist, wird es Bestand haben.“

Inzwischen gehören zehn schwul-lesbische Gemeinden von Basel bis Berlin der LSGG an.

Es ist kein Geheimnis, dass sich Ressentiments gegen Minderheiten durch Outing, Begegnung, Dialog und Bildung sehr schnell in Luft auflösen. So ist auch die spontan veränderte Haltung des oben erwähnten Stadtdekans Dr. Johannes zu Eltz  zu verstehen. Er ist vom extremen Gegner des PSK zu einem engagierten Befürworter geworden. Outing – Mut sich zu zeigen trotz aller begründeten Ängste, Konflikte und Bedrohungen in der Familie, am Arbeitsplatz, in der Nachbarschaft, in der Pfarrgemeinde oder im Bistum ist der einzige Weg, um als homosexuelle Menschen normal in der Gesellschaft zu leben. Charakterzüge wie Selbstbewusstsein (wissend um Rechte und Pflichten), Selbstinitiative (auch gegen Widerstände) und Selbstverantwortung (der bedingungslosen Liebe Gottes als Schöpfer und Heiler vertrauend) können sich leichter in einer schwul-lesbischen Gemeinschaft entwickeln. Auf Grundlage dieser Erkenntnis entstand auf Initiative der PSK-Sprecher 1996 bis 1998 in Zusammenarbeit  mit dem damaligen Rechtsdezernenten des Limburger Bischofs,  Thomas Schüller, ein kirchenamtliches Dokument mit dem Titel „Projekt. Schwul und katholisch in der Gemeinde Maria Hilf“. Es ist das erste Mal im deutschsprachigen Raum, dass in einem kirchlichen Dokument das Wort „schwul“ benutzt wurde. Unter anderem  steht in diesem kirchenrechtsgültigen Papier, dass der Frankfurter Stadtdekan jährlich das PSK zur Visitation zu besuchen hat. Wie sich zeigte, besuchte der Stadtdekan das PSK nicht nur, sondern feiert mit der kleinen Gottesdienstgemeinschaft zusammen Eucharistie und bleibt anschließend zum geselligen Informationsaustausch. Aus dieser Zusammenarbeit entstanden auf Stadtebene gemeinsame Veranstaltungen wie in der Philosophisch Theologischen Hochschule St. Georgen zum Thema „schwul, lesbisch, katholisch sein“. Darüber hinaus wurde von der Stadtkirche eine Seelsorgestelle gegründet, an die sich ratsuchende homosexuelle Menschen, aber auch Eltern, Geschwister, Lehrer und Pfarrbeauftragte wenden können. Selbst die traditionspflegende Zeitung „Gottesdienst“, eine Information und Handreichung der Liturgischen Institute Deutschlands, Österreichs und der Schweiz, veröffentlichte im März 2019 den Bericht des ehemaligen Sprechers Burkhard Cramer anlässlich der 25-jährigen Feier des PSK im Frankfurter Haus am Dom unter der Fragestellung „Lern- und Wandlungsort. In Frankfurt am Main gib es seit über 25 Jahren einen Gottesdienst, der sich an homosexuelle Menschen und Ihre Freundinnen und Freunde richtet. Was unterscheidet diese Gruppenmesse von anderen, und warum braucht es diese Feiern überhaupt?“

Bischof Kamphaus: „Wenn das Projekt vom Heiligen Geist ist, wird es Bestand haben“

Basisgemeinde mit befreiungstheologischem Ansatz

In weiteren Begegnungen und gemeinsamen Aktionen des PSK mit kirchlichen Gruppen und schwul-lesbischer Community, auch auf europäischer Ebene durch die Mitgliedschaft im „Europäischen Forum christlicher Lebens- und schwulen Gruppen“, spiegelt sich die Grundhaltung der PSK‘ler  wieder, wie sie Michael Ling in seiner Rezension zum Buch: „schwul+katholisch eine christliche Gottesdienstgemeinschaft“, Berlin 2013, beschreibt: „Die Gemeinschaft organisiert, gestaltet und leitet ehrenamtlich Gottesdienste und Gemeindeleben – ein Beispiel, wie christliche Gemeinde authentisch gelebt werden kann. Denn: Unabhängig davon, ob ihre Mitglieder schwul und lesbisch sind oder nicht – das PSK kann Modell für eine von Gläubigen selbst getragene und geleitete Basisgemeinde sein. Folgendes wird deutlich: Selbstorganisation von Gemeinde im Sinne einer Entscheidungs-, einer ‚ehrenamtlichen‘ Kirche – auf der Grundlage des gemeinsamen Priestertums aller Gläubigen – ist möglich und  machbar! Von daher können das PSK und seine Gottesdienstgemeinschaft – etwa unter dem Leitbegriff ‚Kommunikation des Evangeliums‘ – alle Menschen ansprechen und ihnen am eigenen Beispiel in einer sich verändernden, von Individualisierung, Pluralisierung, Emotionalisierung und Globalisierung geprägten Welt aufzeigen, wie Glaube gemeinsam eine (neue) Heimat finden, gefördert und gestärkt werden kann…”

Jesus hat alle eingeladen und angenommen, ohne Wenn und  Aber.

Das Projekt selbst versteht sich als Basisgemeinde mit einem befreiungstheologischen Ansatz. Viele der Gemeindemitglieder – auch nicht-schwule bzw. nicht-lesbische – haben die Erfahrung des Auszugs oder des Ausgegrenzt-Seins gemacht. Der Weg zu sich selbst führt durch die Wüste aber auch zu intensiven Suchbewegungen und zu neuen Aufbrüchen. Die Gemeinschaft unterstützt dabei. Auf diese Weise werden spirituelle Erfahrungen gemacht, die anderen kirchlichen Initiativen und Gruppen, Kirchengemeinden und Kirche überhaupt wertvolle Impulse geben können. Jesus hat alle eingeladen und angenommen, ohne Wenn und  Aber, ohne Vorleistungen, ohne Ansehen von Stand, Position, sexueller oder jedweder Orientierung. Diese Annahme ermöglicht dem Einzelnen – als Zusage Gottes – die  Annahme seiner selbst.

Praxis

Erfahrungen mit einer Hauskirche – eine Reflexion aus der Praxis 

19:55 Uhr an einem Dienstagabend im Herbst. So langsam trudeln vier Menschen bei mir zuhause ein. “Wie geht’s? Was gibt’s Neues von deinem Vater mit Demenz? Wie geht es den Kindern in der Schule mit den neuen Corona-Auflagen?” Freundliches und interessiertes Ankommen, alle setzen sich um den großen Tisch, bedienen sich mit Wasser, Obst und Knabbereien. Es könnte ein Vereinsvorstand sein, ein Lesezirkel oder auch Schulelternvertreter*innen. Aber es ist eine Hauskirche.

Ich bin Mitte 40. Als postmoderner Christ fühle ich mich in meiner Kirche meist fehl am Platz. Pfarrei und Gemeinde bieten mir vor allem ein Angebot in meiner Rolle als Vater. Aber ich bin ja mehr als das. Als Christ suche ich einen Ort, an dem ich mich mit anderen Christ*innen über Glaubens- und Lebensfragen austauschen kann, in vertrauensvoller Atmosphäre auf Augenhöhe. Das habe ich lange gesucht, aber nicht gefunden. Und dann kam mir ein Zufall zur Hilfe.

Sowas wollte ich gerne gründen.

Pastorale Mitarbeiterinnen der Pfarrei machten eine „Sommertour“ durch unser Neubaugebiet, um zu hören, wie es den Katholik*innen dort ging. Das war meine Chance. Ich erzählte von meiner Sehnsucht und von einem Artikel aus dem Erzbistum Berlin, der von einer sog. Casa, einer Hauskirche berichtete. Sowas wollte ich gerne gründen. Und die Mitarbeiterin der Pfarrei nahm das ernst und vernetzte ein paar Menschen miteinander. Wir schrieben uns E-Mails und verabredeten ein Treffen, an dem wir schauen wollten, ob unsere Wünsche und Bedürfnisse zusammenpassten. Und es passte.  

Wir treffen uns immer bei jemandem zuhause. Diese Person ist Gastgeber*in und bereitet auch den Abend vor. Wir starten meist mit einer Gebetsrunde, in der wir vor Gott legen, was uns beschäftigt und wie wir gerade hier sind. Danach folgt eine Art Bibel-Teilen in sehr unterschiedlichen Formen. Heute steht das Evangelium vom kommenden Sonntag an. Wir hören, schweigen und tauschen uns aus: Was sagt der Bibeltext in mein Leben, in meinen Alltag hinein? Wir sprechen sehr persönlich über unseren Glauben und unseren Nicht-Glauben, unsere Hoffnungen und Zweifel, unsere Gottesbilder in all ihrer Unterschiedlichkeit. Mal gibt zusätzlich es ein Lied, ein Gedicht, häufig Fragen, Impulse und Zeiten der Stille.

Hauskirchen, so heißt es immer wieder, seien DIE Urform der Kirche und daher irgendwie auch die Form, zu der wir, in Zeiten der Institutionenkrise, wieder verstärkt zurückkehren müssten. Prof. Stefan Heid jedoch sieht Hauskirchen im historischen Kontext kritisch1. Sie seien eine Legende und würden als Gegenstück zur Bischofskirche instrumentalisiert. „Die Einheit der städtischen Gottesdienstgemeinde, die Beschränkung auf einen einzigen Ort und Altar sind ferner wichtige Instrumente der Autoritätssicherung des Prebyteriums und des Bischofs einer Stadt. Ihr Interesse ist nicht eine Stadtviertelpastoral durch ein immer größeres Netz von Kirchen, sondern im Gegenteil das Beharren auf der einen Kirchenversammlung an dem einen Altar.“2

Unsere Hauskirche ist kein politischer Gegenentwurf zu irgendetwas, sondern eher eine “spirituelle Selbsthilfegruppe”.

In diesem Diskurs scheint es auch aktuell um Machtfragen zu gehen. In der Praxis sind uns diese Fragen völlig egal. Unsere Hauskirche ist kein politischer Gegenentwurf zu irgendetwas, sondern eher eine spirituelle Selbsthilfegruppe. Wir waren alle auf der Suche nach etwas, das wir an anderen Orten nicht gefunden hatten. Und diese Bedürfnisse konnten in der gegenwärtigen Gestalt irgendwie fallen wir auch aus dem System Kirche ein wenig heraus und werden mit zwiespältigen Gefühlen betrachtet. Im Erzbistum Hamburg unterscheidet man innerhalb des „Systems  Pfarrei“ Gemeinden (die sich regelmäßig zur Eucharistie versammeln) und Orte kirchlichen Lebens. Beides sind wir nicht, weder in der Selbst- noch in der Fremdzuschreibung. Dann gibt es noch „Gruppen“ oder Verbände. Eine (soziale) Gruppe sind wir zwar, aber wir tauchen nicht in den Gemeinderäumen auf, brauchen kein Geld und nutzen keine hauptamtliche Unterstützung. Für Außenstehende ist unklar, was wir tun, und vielleicht ist es deshalb auch ein wenig suspekt. Auch aus meiner Sicht ist unsere Verbindung zur Kirche vor Ort nicht geklärt, vielleicht weil wir eine Festlegung vermeiden wollen:  

  • Ich möchte gerne unsere Freiheit im Handeln bewahren und daher nicht offiziell etwas in der Pfarrei anfragen (Räume, Geld etc.). Damit wäre gefühlt eine Art Rechenschaft verbunden, die sich vielleicht negativ auf unsere Freiheit auswirken würde.  
  • Gleichzeitig diskutieren wir innerhalb der Casa immer wieder, ob und wie wir uns öffnen können und auch innerhalb der Pfarrei wirksam werden können. In diesem Jahr werden wir beispielsweise einen Tag des „lebendigen Advents“ gestalten und damit als Casa auch nach außen auftreten. Damit verbunden ist auch das Gefühl, etwas zurückgeben zu wollen. Und vielleicht auch, von der Pfarrei wahrgenommen zu werden?  

Klar ist: Wir verstehen uns als (Teil von) Kirche. Zwei Aspekte, die uns dabei wichtig sind, könnten auch für die Zukunft des Christ-Seins wichtig sein: erfahrungsorientiert und auf Augenhöhe.

Beide Aspekte sind wohl Teil des ambivalenten Reflexionsgeschehens, das uns immer auch begleitet. Klar ist: Wir verstehen uns als (Teil von) Kirche. Zwei Aspekte, die uns dabei wichtig sind, könnten auch für die Zukunft des Christ-Seins wichtig sein: erfahrungsorientiert und auf Augenhöhe.  

Wir machen als Hauskirche gemeinsam geistliche Erfahrungen und wir teilen unsere Erfahrungen aus dem Alltag miteinander. Das ist etwas, das uns sowohl in der Liturgie als auch in „kirchlichen Gruppen oft zu kurz kommt. Das berühmte Wort von Karl Rahner trifft auch uns: Der Fromme der Zukunft wird ein ‘Mystiker’ sein, einer, der etwas ‘erfahren’ hat, oder er wird nicht mehr sein.3 Es geht also um den gelebten Glauben und wie er in Beziehung zur Tradition der Kirche gesetzt werden kann. Nicht absolute Wahrheiten stehen im Mittelpunkt, sondern die Passung: Wie kann ich meine Erfahrungen im Alltag religiös deuten? Welche Impulse gibt mir die Bibel dafür mit auf den Weg? Wie kann ich mich an unserem Religionsstifter Jesus von Nazareth orientieren und in seinem Sinne leben? Und wie entwickelt sich die kirchliche Tradition dadurch weiter?4

Wir wollen dies in Gemeinschaft und auf Augenhöhe miteinander teilen. Wir legen unser Wissen, unsere Lebensweisheit und unser Gottvertrauen zusammen und bereichern uns gegenseitig. Und dies gelingt in einer sehr wertschätzenden Atmosphäre. Wir alle haben in Kirche auch andere Erfahrungen gemacht, was letztlich zu diesem Suchprozess nach einer „Alternative“ geführt hat.  

Nach 90 Minuten enden wir mit einem gemeinsamen Gebet. Danach bleiben meist alle Sitzen, der Austausch geht weiter: der neueste Klatsch aus der Pfarrei aber auch Persönliches, das beim Bibelteilen angeklungen ist: Erfahrungen mit Tod und Trauer, neugeborene Enkelkinder, Enttäuschungen und Trennungen, Beförderungen und Bewerbungen, Zusagen und Absagen. Das ganze Leben.

Was das für meine Kirchlichkeit bedeutet? Ich sehe mich und uns als Teil von Kirche, als Teil dieser Jesus-Bewegung. Ich weiß aber nicht genau, wie die verfasste Kirche dazu steht. Der Pfarrer unserer Pfarrei weiß von unserer Hauskirche. Vielleicht zeigt sich hier der Kontrollverlust, den Kirche aktuell aushalten muss. Und wir auch. Kirche wird damit einen Umgang finden und sich dazu verhalten. Und wir auch.  

Praxis

Gelebter Glaube in neuer Form: „Mit Gott auf Schalke”

Einblicke in die Arbeit eines Fußball-Fanclubs

Erstaunen, Verwunderung – das sind oft die ersten Reaktionen, wenn ich vom Fanclub „Mit Gott auf Schalke“ berichte. Wenn ich dann noch unsere Gottesdienste und die „Schalke-Bibel“ ins Spiel bringe, ernte ich nicht selten Ablehnung oder wenigstens Kopfschütteln.

Wir wollen Gott im (Fußball-) Alltag erleben!

„Mit Gott auf Schalke“ – der Name des Fanclubs ist Programm: Wir wollen Gott im (Fußball-) Alltag erleben! Ist das ein zu großes Ziel? Macht es Gott nicht zu klein, wenn wir ihn mit dem banalen Alltag in Beziehung bringen? Wertet es den Fußball nicht zu sehr auf? Gibt es am Ende doch einen Fußballgott, wird der Fußball zur Religion erhoben? Viele Fragen drängen sich auf, wenn man von unserem Fanclub „Mit Gott auf Schalke“ hört…

Von Anfang an war es das Ziel, Schalke-Fans und anderen Fußballbegeisterten den christlichen Glauben näher zu bringen. Im Jahr 2007 wurde der Fanclub gegründet, zu Beginn mit nur 28 Personen sind es heute über 100 Mitglieder, verteilt in ganz Deutschland.

Das Ziel des Vereins ist „die Förderung des geistlichen und kulturellen Lebens, um den Glauben an Gott in einer säkularisierten Zeit wieder neu zugänglich zu machen“, wie es in unserer Satzung heißt. Wir arbeiten eng mit Fußballprofis, Journalisten und Fans, insbesondere des FC Schalke 04 zusammen. Mit dem Motto: „Gemeinsam im Einsatz für Gott und die Fans!“ setzen wir ein sichtbares Zeichen für mehr Respekt und Menschlichkeit. Der Grundsatz unseres Fanclubs lautet: „Gott steht bei uns an erster Stelle, wir leben unsere persönliche Beziehung zu Gott auf der Basis der Bibel.“

Diesen Satz kann man komplett durchbuchstabieren:

  • „Gott steht bei uns an erster Stelle“, d.h. Schalke ist kein Religionsersatz für uns, sondern einzig und allein Gott ist der Mittelpunkt unseres Lebens! Der Fußball kann niemals unsere spirituelle Sehnsucht erfüllen.
  • „Wir leben unsere persönliche Beziehung zu Gott“, bedeutet zunächst, dass wir eine solche bewusste Beziehung überhaupt haben und diese dann auch wirklich im Alltag leben!
  • „Auf der Basis der Bibel“ konstatiert, dass wir die Bibel als Gottes Wort erkennen und erleben.

…weil wir unseren Glauben ganz selbstverständlich im Alltag leben, wirken wir auch unaufdringlich missionarisch…

Dieser Glaube ist kein Zufall, keine Tradition, sondern er entstammt der bewussten Entscheidung, auf Gottes Handeln an uns zu antworten. Die Mitglieder des Fanclubs „Mit Gott auf Schalke“ haben eine persönliche Beziehung zu Gott und, weil wir unseren Glauben ganz selbstverständlich im Alltag leben, wirken wir auch unaufdringlich missionarisch, d.h., wenn wir nach unserem Glauben gefragt werden – und wir werden gefragt! – dann geben wir offen und ehrlich Zeugnis davon, gerade auch auf dem Fußballplatz und im Stadion!

Noch etwas ist wichtig: wir sind bewusst ökumenisch, wir respektieren nicht nur die unterschiedlichen Glaubens- und Gemeindehintergründe, sondern erleben diese Vielfalt als große Inspiration! Vor allem für mich als Theologin ist es inspirierend, wie bewusst man trotz aller Unterschiede seinen Glauben gemeinsam feiern und leben kann – wenn man Gottes Wort und nicht eine menschengemachte Religion ins Zentrum stellt!

Zwei zentrale Werte bestimmen unser Handeln

Die grundlegenden Prinzipien des Fanclubs ergeben sich direkt aus unserem christlichen Glauben: Respekt und Gewaltlosigkeit.

  1. Respekt vor ALLEN Menschen!
  • Das gilt zunächst natürlich für die Fans und Spieler der gegnerischen Mannschaft
  • Auch der Respekt vor den Schiedsrichtern ist für uns selbstverständlich. Oft haben sie einen sehr schweren Job, auch sie machen Fehler und treffen gelegentlich die falschen Entscheidungen, auch das haben wir zu respektieren, auch hier müssen wir fair bleiben.
  • Unser Respekt gilt auch der Polizei und den Sicherheitskräften. Sie sind zu unserem Schutz und unserer Sicherheit da, sie sind nicht unsere Feinde oder Gegner! Ohne sie wären Fußballspiele in der heutigen Zeit undenkbar.
  • Ganz wichtig ist uns der Respekt vor den Schwachen, Armen und Behinderten in unserer Gesellschaft. Die Unterstützung des vereinseigenen Sozialprojekts „Schalke hilft“ ist für uns selbstverständlich und ein Teil unserer Bibeleinnahmen fließt direkt in diese Arbeit.

Die Unterstützung des vereinseigenen Sozialprojekts „Schalke hilft“ ist für uns selbstverständlich.

Der Respekt vor jedem Menschen und der faire Umgang mit ihm ergeben sich direkt aus dem christlichen Menschenbild, aus der Überzeugung, dass alle Menschen von Gott als sein Ebenbild geschaffen sind, unabhängig von Alter, Geschlecht, Rasse oder Religion.

  1. Gewaltlosigkeit

Gewalt ist, neben der Angst, die größte Krankheit unserer Gesellschaft. Sie zeigt sich sehr heterogen, u.a. als körperliche Gewalt, verbale Gewalt (Hasskommentare in den sozialen Medien), Mobbing. Martin Luther King jr. hat in der Selbstverpflichtung der Bürgerrechtsdemonstranten zur Vorbereitung der „Sit ins“ in Birmingham/Alabama vom April 1963 sechs Gebote der Gewaltlosigkeit definiert, darunter auch: „Enthalte dich der Gewalt in Tat, Sprache und Gedanken.“

Gewalt ist, neben der Angst, die größte Krankheit unserer Gesellschaft.

Diese Verbindung ist entscheidend: Gewalt beginnt in den Gedanken, bevor sie sich verbalisiert und schlimmstenfalls zur Gewalttat wird. Das Denken können wir nicht beeinflussen, aber auf die Verrohung der Sprache können wir reagieren, dagegen können wir ein Zeichen setzen – auch ganz konkret im Stadion: wir singen keine Hasslieder gegen den Gegner und wir beteiligen uns nicht an den Schmährufen gegen den Schiedsrichter oder die Polizei. Das klingt vielleicht banal, aber der christliche Glaube lebt auch und gerade im Kleinen, in den Nichtigkeiten des Alltags. Wir verändern diese Welt nicht nur mit großen Taten, wir verändern unsere Welt mit den tausend kleinen Dingen, die wir dort tun, wo Gott uns hingestellt hat und mit Worten, die zum Segen werden können.

Bei unseren Aktionen setzen wir ganz bewusst auf Gottes Hilfe, vor allem in den Gottesdiensten, die unser Fanclub organisiert.

Wir sind eingebunden in die verschiedensten Gemeinden, aber immer sehr aktiv eingebunden! Wir alle planen und realisieren Gottesdienste in verschieden Formen, wir sind mitten in den Gemeinden, sei es in Musikteams, als Prediger, in der Technik oder in Begrüßungsteams der Gemeinden. Der sonntägliche Gottesdienst ist für uns keine Pflicht, sondern ein echtes Bedürfnis! Ich betone das ausdrücklich, weil es in vielen traditionellen Gemeinden nicht mehr selbstverständlich ist! Wir verharren nicht in leeren Traditionen, wir satteln keine toten Pferde, wir setzen unsere Gaben, Gebete und ja, auch unser Geld für einen aktiven, wirklich gelebten Glauben ein.

Wir verharren nicht in leeren Traditionen, wir satteln keine toten Pferde, wir setzen unsere Gaben … für einen aktiven, wirklich gelebten Glauben ein.

So kam schnell der Wunsch auf, die Fußballsaison durch Gottesdienste einzurahmen, sie unter Gottes Schutz zu stellen, mit ihm ganz bewusst in die Saison zu starten und mit seiner Hilfe und seinem Trost zu beenden. So entstanden der „Anstoß“- und der „Abpfiff“-Gottesdienst, jeweils zu Beginn und zum Ende der Saison.

Die Realisierung dieser Gottesdienste war komplex, denn die Vielfalt der Gemeinde- und Glaubenskonzepte, die divergierenden Traditionen, Regeln und Formen unseres Glaubens konnten kaum unterschiedlicher sein – oder konkret gesagt: wie muss ein Gottesdienst aussehen, den konservative Katholiken, lockere Protestanten und freikirchliche Charismatiker gemeinsam glaubhaft feiern können? Freie Gebete oder starre Formeln? Beamer oder Liedzettel? Band oder Orgel? Formelle Kleidung oder Fußballkutte?

Essentiell bei diesen Überlegungen blieb immer unsere gemeinsame Basis: die Bibel! Alles darum herum war sekundär, wandelbar, nicht verbindlich. Ausgehend von dieser Prämisse wurde es dann einfacher, gemeinsam Gottesdienst zu feiern: sowohl der Anstoß-, als auch der Abpfiff-Gottesdienst sind relativ „normale“ Wortgottesdienste mit gemeinsamen Liedern, Bibellesungen, einer Predigt und Fürbitten, abwechselnd gefeiert in einer katholischen und einer landeskirchlich evangelischen Gemeinde, jeweils am ersten und letzten Spieltag der Saison. Es ist wirklich ein Geschenk, diese Gemeinschaft zu erleben, von den eher festgefügten katholischen Fürbitten ebenso berührt zu werden wie von den frei formulierten Texten eines Baptisten, voneinander Neues zu lernen, gemeinsam und mit Gott in unserer Mitte die Fußballsaison einzurahmen. Wenn der Fokus auf Gottes Wort liegt, dann sind Gottesdienst- und Glaubenskonzepte außerhalb der eingefahrenen (Konfessions-)Strukturen gut realisierbar.

Derby-Gottesdienste, jeweils vor dem Spiel des FC Schalke 04 gegen Borussia Dortmund

Doch bald kam eine neue Idee auf: die „Derby-Gottesdienste“, jeweils vor dem Spiel des FC Schalke 04 gegen Borussia Dortmund! Für den, der nicht im Ruhrgebiet wohnt, bedeutet es vermutlich nicht viel, aber für echte „Ruhris“ ist es absolut undenkbar, dass Schalker und Dortmunder überhaupt irgendetwas gemeinsam planen! Die Mitglieder des Fanclubs „Mit Gott auf Schalke“ und der „Totalen Offensive Dortmund“ aber waren so „ver-rückt“, das Undenkbare dann doch zu denken. Am 08.03.2013 wurde der erste Derby-Gottesdienst realisiert. Im Vorfeld war die Reaktion eindeutig: „Das geht doch gar nicht, Dortmunder und Schalker zusammen? Unmöglich, das sind doch die größten Feinde, die es gibt!“ Aber ja, bei uns geht das! Noch immer fasziniert dieses Gottesdienst-Konzept auch die Medien. Fußball-Redakteure berichten meist von Gewalt und Randale bei den Derbys zwischen Schalke und Dortmund, aber bei uns finden sie gemeinsames Singen und Feiern, bunt gemischt stehen Schalke- und Dortmund-Fans Hand in Hand im Gebet verbunden. Darüber berichten nicht nur die Printmedien, auch TV- und Radio-Journalisten sind jedesmal mit ungläubigem Staunen vertreten. In diesen Momenten werden wir wirklich als Christen wahrgenommen, den Medienvertretern wird klar, dass wir im positiven Sinn „anders“ sind, sie sehen unseren Glauben, unsere gelebte Gottesbeziehung – und dann kommen die Fragen: „Wie schafft ihr das? Was macht euch aus? Warum lebt ihr euren Glauben so ganz anders? Wie kommt es, dass der Glaube solche Auswirkungen auf euer alltägliches Leben, euer Denken und Handeln hat? Warum sehen wir das so selten in den „normalen“ Gottesdiensten?“

Unsere Antwort ist immer dieselbe: Es kommt darauf an, was im Fokus steht: das, was uns trennt, oder das, was uns verbindet! „Wenn es um Fußball geht, halten wir zu unseren eigenen Mannschaften – als Christen aber spielen wir alle zusammen in Gottes Team!“ so steht es auf unseren Einladungs-Flyern. Bei den Derby-Gottesdiensten sind nicht die Unterschiede zentral, wir treffen uns nicht als Gegner, die mit Gewalt und Hass aufeinander losgehen, sondern wir nehmen das in den Blick, was wir gemeinsam haben, was wir gemeinsam tun können: Gott in das Zentrum stellen, gemeinsam singen und dafür beten, dass es ein friedliches Fußballspiel wird, dass es keine Randale vor, während und nach dem Spiel gibt und dass Spieler und Schiedsrichter respektvoll behandelt werden. Und immer wieder – unsere gemeinsame Basis ist die Bibel!

Es war daher folgerichtig, eine eigene „Schalke-Bibel“ herauszugeben.

Es war daher folgerichtig, eine eigene „Schalke-Bibel“ herauszugeben.

Die erste Ausgabe erschien 2007 mit einer Auflage von 8.500 Exemplaren und war in weniger als einem Jahr ausverkauft. 2010 folgte ein Neues Testament mit dem Titel „Mit Gott unterwegs“, 2017 wieder eine Vollbibel. Wir wählten bewusst die gut verständliche „Neues-Leben“-Übersetzung, speziell für die Menschen, die vielleicht noch nie eine Bibel in der Hand hatten.

Gott lebt im Alltag. Genau da begegnen sich die Leidenschaft für den Fußball und die Begeisterung für Gott! „Traditionellen“ Christen bereitet das zuweilen Probleme, sie argumentieren, dass Gott nichts mit Fußball zu tun hat! Oft wurde mir gesagt: „Sonntags in der Messe, im Gottesdienst – ja, da ist Gott dabei! In der Bibelstunde, im Hauskreis – na klar! Aber sonst? Im profanen Alltag? Was hat Gott damit zu tun?“. Mich überrascht und erschreckt diese Argumentation. Ein Leben ohne Gott im Alltag? Nur sonntags morgens für eine Stunde in der Woche in die Kirche gehen und mich ansonsten allein durch das Leben schleppen? Wie einsam ist das denn? Nein, Gott gehört mitten hinein in den (Fußball-)Alltag! Die Verbindung muss gar nicht konstruiert werden, sie ist äußerst evident. Es gibt zahlreiche Parallelen zwischen Fußball und dem christlichen Glauben und es wäre leichtfertig, dies als echter Schalker Fußball- und Bibel-Fan nicht zu berücksichtigen: von den Gesängen im Stadion und im Gottesdienst, den Ritualen im Vorfeld des Spiels oder der Messe, bis hin zum „Religionsersatz Fußball“ mit seinen Helden und Heiligen lassen sich überall Gemeinsamkeiten finden. Und nein, es gibt keinen „Fußball-Gott“, aber es ist wunderbar, dass wir einen Gott haben, der sich für unseren Alltag nicht nur nebenbei interessiert, sondern mittendrin daran teilhaben will.

Gott ist mit uns im Stadion!

„Mit Gott auf Schalke“, das ist nicht nur ein Fanclub-Name, das ist schlicht und einfach Realität: Gott ist mit uns im Stadion!

Nun bleibt mir nur noch, Antworten zu finden auf die Fragen, die sich am Anfang stellten: Wir wollen Gott mit dem Fußball verbinden, Gott in unserem Alltag leben und erleben! Ist das ein zu großes Ziel? Ist es nicht unmöglich, Gott mit dem ganz banalen Alltag, so wie es der Fußball ja oft genug sein kann, in Beziehung zu bringen? Macht es Gott nicht zu klein? Wertet es den Fußball nicht viel zu sehr auf? Gibt es am Ende doch einen Fußballgott und wird der Fußball zur Religion erhoben?“

Nein, das Ziel, mit Gott unseren Alltag zu leben, ist nicht zu groß – im Gegenteil: es ist ein wesentlicher Ort der Gottesbegegnung! Gerade unser Alltag ist doch nicht von „Großigkeiten“ geprägt, sondern von vielen, scheinbar unwichtigen „Kleinigkeiten“. Genau in diesen Kleinigkeiten will Gott mit uns leben, genau in den kleinen Entscheidungen unseres Lebens wirkt Gottes Geist, genau da will er uns führen und genau da verbindet sich der Gott, der selbst unscheinbar als kleines Kind auf die Welt kam, mit unserem unscheinbaren Alltag. Und darum macht es Gott nicht zu klein! Er selbst hat sich ja klein gemacht, um uns begegnen zu können! Im Grau des Banalen, wo sich der Frust über den miesen Job mit den Abstiegssorgen der Schalker trifft, wo sich die Enttäuschung des eigenen Lebens mit der Enttäuschung über die Niederlage im Derby potenziert, wo die Hoffnung auf ein Ende der Arbeitslosigkeit mit der Hoffnung auf Erfolg in der neuen Saison zusammentrifft, genau da ist Gott mittendrin.

Im Grau des Banalen … genau da ist Gott mittendrin.

Und nein, dass wertet den Fußball nicht zu sehr auf. Der Fußball gehört ganz selbstverständlich zu unserem Leben dazu und er wird dann nicht zur Religion, wenn man ihm den Platz einräumt, der ihm zusteht: als verrücktes Hobby in einer fußballverrückten Region, als wichtiger Lebens- und Alltagsinhalt, aber niemals als Zentrum unseres Lebens, niemals als „Heilsbringer“ und niemals als Befreiung aus unserem Alltagsleben. „Mit Gott“ definiert den Mittelpunkt unseres Denkens, Fühlens und Handels, „auf Schalke“ gibt den Ort vor, an dem dieser Glaube gelebt wird – in aller Vielfalt, in aller Freiheit und immer in der Freude darüber, unseren christlichen Glauben mit unserem Lieblingssport verbinden zu können. Gott und Fußball, das passt!

Praxis

Ein Projekt mit Herzblut und Vision: JUST (Jugendliche Stärken)

Ein kleiner Artikel im Kölner Stadtanzeiger hat mich neugierig gemacht. Dort wurde über die Initiative JUST (=Jugendliche stärken) berichtet. JUST ist eine ehrenamtliche Organisation, die die beiden Schwestern Tatjana und Lorena Bittner ins Leben gerufen haben, kurz nachdem Sie Ihr Abitur gemacht hatten. JUST möchte Teenager in ihrer Persönlichkeitsentwicklung unterstützen und ihr Selbstbewusstsein sowie ihre mentale Gesundheit stärken. Dazu suchen Sie die Kooperation mit Schulen und organisieren dort Veranstaltungen mit prominenten „Speakern“. Auf diese Weise eröffnen Sie den Schülerinnen und Schülern einen Raum, in dem persönliche Nöte und Sorgen offen angesprochen werden können. Meine Neugier ist geweckt. Was motiviert zwei sehr junge Menschen in ihrer Freizeit eine Organisation aufzubauen und weiterzuentwickeln, die sich für junge Menschen einsetzt. In einem Gespräch konnte ich mit den beiden über ihr Projekt und das, was sie motiviert und antreibt, reden.

Frank Reintgen: Der Ursprung eures Projektes, so habe ich es auf eurer Homepage gelesen, hat einen traurigen Hintergrund. In eurem Freundeskreis haben sich zwei Menschen das Leben genommen. Diese beiden Todesfälle haben euch unruhig werden lassen und wurden schließlich zum Impuls, das Projekt JUST zu starten. Was hat euch damals genau bewegt, initiativ zu werden?

Lorena Bittner: Nach dem zweiten tragischen Vorfall haben wir zu uns gesagt, es kann so nicht mehr weitergehen. Es kann nicht sein, dass Menschen, die noch nicht einmal die Volljährigkeit erreicht haben, an einen Punkt in ihrem Leben gelangen, an dem sie nicht mehr weiter wissen. Deswegen haben wir beschlossen, es muss etwas getan werden, und so sind wir selbst aktiv geworden.

Frank: Nachdem ihr zunächst versucht habt, das Kultusministerium darauf aufmerksam zu machen, dass der Persönlichkeitsentwicklung in der Schule zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird, habt ihr euch entschlossen JUST zu gründen. Wie hat sich JUST entwickelt und was macht JUST heute konkret?

Lorena: Ja, genau. Wir haben zuerst einen Brief an das Bayerische Kultusministerium geschrieben, sozusagen als „Hilfeschrei“. Doch die Antwort war leider ernüchternd, denn es wurde nur aufgezählt, was bereits vorhanden ist. Jedoch sieht es in der Praxis oft ganz anders aus als in der Theorie. Das genannte Kriseninterventionsteam wird – wie der Name schon sagt – erst aktiv, wenn etwas passiert ist. Ebenso ist es vorteilhaft, Schulpsychologen zu haben, jedoch werden diese in der Realität nicht wirklich genutzt, was unsere Recherchen bestätigen.

Deswegen setzen wir auf die Präventionsarbeit. JUST hat sich in den letzten 2,5 Jahren von einer Idee zu unserem Herzensprojekt bis hin zu einer sozialen Organisation entwickelt. Unser Ziel ist es, Jugendliche in ihrer Persönlichkeit und mentalen Verfassung zu stärken. JUST versucht die ‚Bildungslücke der Persönlichkeitsentwicklung‘ zu kompensieren, indem wir Veranstaltungen an Schulen organisieren. Unsere Redner und Mental Coaches sprechen über Themen wie Motivation, Selbstbewusstsein und Selbstfindung.

Tatjana Bittner: Jugendliche stehen während der Corona-Krise vor großen Herausforderungen und die (mentale) Gesundheit und somit auch JUST ist wichtiger denn je. Auch uns beeinträchtigt die globale Krise sehr. Vorträge oder Workshops an den Schulen – nicht möglich. Jedoch brauchen uns die jungen Menschen jetzt umso mehr! Viele Teenies fallen in ein Loch, haben Zukunftsängste, fühlen sich überfordert oder hilflos. Eine Plattform, die Jugendliche durch ihre Zeit begleitet? – Möglich! So war unser Gedanke! Wir werden sie genau dort aufgefangen, wo sie sich gerade mental und emotional befinden. Denn unsere Stärke ist der Kontakt auf Augenhöhe, denn wir sprechen die Sprache der Jugendlichen. Auf dem Instagram-Profil @just_your_mindset veröffentlichen wir täglich qualitative, inspirierende und motivierende Posts zusammen mit Mental Coaches und Diplompsychologen. Somit erreichen, stärken und inspirieren wir jetzt schon täglich über Tausende Teenies.

JUST hat sich in den letzten 2,5 Jahren von einer Idee, zu unserem Herzensprojekt bis hin zu einer sozialen Organisation entwickelt.

Frank: Eure ersten Erfahrungen zeigen ja, dass Jugendliche sehr dankbar die von JUST organisierten Veranstaltungsformate und Angebote annehmen. Bedarf scheint seitens der Jugendlichen also vorhanden zu sein. Mal angenommen in den kommenden Jahren würde für JUST alles optimal laufen, wie sähe dann die weitere Entwicklung aus? Welche Ziele strebt ihr an?

Tatjana: Ja, nach den ersten Vorträgen vor über 700 Schülern waren wir überwältigt von dem positiven Feedback der Schüler, Lehrkräfte, Eltern und Rektoren, die auf uns zugekommen sind. Nach unserem Event mit dem Vortrag von Babak Rafati – dem ehemaligen FIFA-Schiedsrichter – gab es so viele Wortmeldungen der Jugendlichen. Diese waren unglaublich ehrlich und offen zu Themen wie mentale Instabilität, Selbstverletzung von Freunden und Mobbing.

Auch über die Sozialen Medien erreichen uns laufend Nachrichten von Jugendlichen, die Unterstützung suchen. Das gab und gibt uns immer wieder die Bestätigung: Der Handlungsbedarf ist da und sogar nötig! Unser Ziel ist es, deutschlandweit bekannt zu sein, sodass wir so vielen Jugendlichen helfen können wie nur möglich. Sie dürfen uns als Anlaufstelle für Stärkung und Gesundheit sehen.
Damit die Nachhaltigkeit gewährleistet ist, werden auf die Impulsvorträge interaktive Workshops folgen. JUST agiert somit als Bindeglied und bringt das wichtige Thema der Persönlichkeitsentwicklung an deutsche Schulen.

Frank: Wenn ich noch mal auf den Ursprung von JUST zurückschaue, dann fällt mir auf, dass ihr euch angesichts der beiden Selbstmorde anders als die anderen Jugendlichen in ihrem Umfeld entschlossen habt, aktiv zu werden. Was glauben ihr, woran liegt das? Warum war es euch so wichtig, selber aktiv zu werden und etwas zu tun?

Wir werden sie genau dort aufgefangen, wo sie sich gerade mental und emotional befinden. Denn unsere Stärke ist der Kontakt auf Augenhöhe, denn wir sprechen die Sprache der Jugendlichen.

Lorena: Das ist schwierig zu beantworten. Wir hatten so viel negative und traurige Gefühle in uns, die uns dann letztendlich zum Handeln bewegt haben. Ich glaube, wir sind von Grund auf Machertypen. Wir haben versucht, die Regierung und das Bildungssystem zur Verbesserung zu bewegen, doch das ist zu komplex und träge. Da haben wir gesagt, wenn sie es nicht tun, dann packen wir eben selbst an. Wir wollen auch gewissermaßen vorausgehen und den Jugendlichen zeigen, dass man sein Ziel erreichen kann, wenn man dafür kämpft. Vor ein paar Jahren haben wir beide mit unserer Handballmannschaft Jugendbundesliga gespielt. Diese Zeit im Leistungssport gab uns viel Selbstbewusstsein, Durchsetzungsvermögen und Disziplin.

Außerdem stehen unsere Eltern immer hinter uns, und das ist, glaube ich, sehr wichtig. Sie haben uns von klein auf viel beigebracht, z.B. wie man aus Herausforderungen gestärkt hervorgeht. Viele haben diese Unterstützung von Zuhause nicht, deswegen muss es doch irgendetwas geben, das ihnen diese Tricks und Herangehensweisen zeigt. So sind wir Schritt für Schritt auf JUST gekommen.

Das Leben ist so wundervoll und Herausforderungen sind eine Chance, an denen man wachsen kann.

Frank: Wenn man mit euch redet, oder wenn man euch in einem der verschiedenen YouTube-Videos1 ansieht, dann spürt man die Energie und eure Leidenschaft, die ihr in dieses Projekt steckt. Woher speist sich eure Motivation? Wie erklärt sich eure Leidenschaft für dieses Projekt?

Tatjana: Es ist unser Herzensprojekt und wir haben unsere Vision vor Augen. Eine Zukunft voller mental gesunder und positiver Menschen! Wir wissen, dass wir vielen Menschen helfen können, wenn wir einfach dran bleiben. Wir wollen Positivität und Leidenschaft vermitteln, und das leben wir auch selbst. Das Leben ist so wundervoll und Herausforderungen sind eine Chance, an denen man wachsen kann. Wir haben uns das Projekt zur Aufgabe gemacht und deswegen steckt da so viel Herzblut und Leidenschaft darin.

Wer glaubt, hat Hoffnung, schaut positiv in die Zukunft, und das gibt neue Kraft und Energie. Unser soziales Engagement blüht voll Glauben.

Frank: Ihr selber habt einen christlichen, katholischen Hintergrund. Hat für euch euer Engagement für JUST etwas mit eurem Glauben zu tun?

Lorena: Wir finden, dass Glauben auch sehr viel mit JUST zu tun hat. Wer glaubt, hat Hoffnung, schaut positiv in die Zukunft, und das gibt neue Kraft und Energie. Unser soziales Engagement blüht voll Glauben. Oft wissen wir auch nicht, was der nächste ‚richtige‘ Schritt ist. Doch wir spüren eine Sicherheit, dass wenn wir den Weg weiter gehen, sich die Dinge fügen. So ist es auch im Leben. Es besteht aus Ups and Downs und wenn man einmal in einem Tief ist, kann man voller Freude in die Zukunft blicken, denn dann kommt wieder ein ‚Hoch‘. Das sagt unser Vater immer.

Frank: Das Konzept von JUST zielt darauf ab, Jugendliche in ihrer Persönlichkeitsentwicklung zu stärken. Dabei möchte JUST Jugendlichen helfen, ihr Potenzial zu entfalten und sie mental zu stärken. JUST verfolgt dabei einen Ansatz, der auf die Ressourcen und Stärken der Jugendlichen setzt, und der präventiv die Resilienz junger Menschen stärken möchte. All das sind durchaus auch Zielsetzungen, die Jugendseelsorge in einem kirchlichen Kontext verfolgt. Aus meiner Perspektive könnte man sagen, dass JUST so etwas wie “Seelsorge” betreibt? Oder hinkt der Vergleich aus eurer Sicht? Wie würdet ihr selbst das beschreiben, was ihr macht?

Tatjana: Das trifft gewissermaßen auch auf JUST zu. Wir sprechen nicht nur die Jugendlichen an, die Probleme haben, sondern alle Teenies präventiv. Als Jugendlicher hat man mit vielen verschieden Situationen zu kämpfen. Beispielsweise ist man vielleicht zum ersten Mal verliebt; man tut sich schwer in der Schule; Zuhause gibt es Probleme; man wird gemobbt; der Körper verändert sich; und so weiter…

Wir wollen mit JUST hierfür den Jugendlichen die nötigen Werkzeuge mit an die Hand geben. Es ist in bestimmter Hinsicht auch eine Hilfe zur Selbsthilfe. Das Besondere an unserer Initiative sind die qualitativ hochwertigen Informationen, die wir durch die Zusammenarbeit mit Psychologen zur Verfügung stellen. Zudem interviewen wir Personen aus dem öffentlichen Leben, die Tipps geben, wie sie beispielsweise selbst mit Herausforderungen umgehen. Denn wir haben festgestellt, wenn Vorbilder von ihren Erfahrungen erzählen, sind Jugendliche sehr aufnahmefähig. Zusammenfassend würden wir bestätigen, dass JUST ein Teilgebiet der „Seelsorge“ übernimmt.

Frank: Habt ihr euch bei der Gründung von JUST irgendwann einmal gefragt, ob es sinnvoll sein könnte, eure Initiative irgendwie an Kirche anzudocken?

Ich hätte die Befürchtung, dass gerade dieses Alleinstellungsmerkmal – das junge, moderne und coole – in der Außenwahrnehmung verloren gehen könnte, wenn JUST ein kirchliches Label trägt.

Lorena: Ehrlich gesagt, haben wir darüber noch nie nachgedacht. Es gibt bestimmt einige Verknüpfungspunkte, in denen wir uns gegenseitig gut ergänzen. Wir haben im ersten Moment an die Schulen gedacht, da Jugendliche dort einfach am besten zu erreichen sind. Diesem Weg sind wir bis heute treu geblieben und werden es jetzt auf die Onlineplattformen erweitern, um mit ihnen direkt in Kontakt treten zu können. Wir wissen noch nicht wie sich JUST in weiter Zukunft entwickeln wird. Deswegen kann es tatsächlich sinnvoll sein unsere Initiative mit der Kirche zu kombinieren.

Frank: Noch einmal weiter gefragt: Wenn das, was JUST tut, mit einem kirchlichen Label getan würde, hätte das aus eurer Sicht Vorteile oder wäre es vielleicht sogar hinderlich für eure Arbeit?

Lorena: Das ist eine sehr interessante Frage. Ich vermute, es könnte einerseits ein Booster sein, da die Kirche ein etabliertes und mächtiges Organ ist. Jedoch ist gerade unser beider Stärke, dass wir die Sprache der Jugendlichen sprechen. Wir begegnen ihnen auf Augenhöhe und das, weil wir selbst noch sehr jung sind. Ich hätte die Befürchtung, dass gerade dieses Alleinstellungsmerkmal – das junge, moderne und coole – in der Außenwahrnehmung verloren gehen könnte, wenn JUST ein kirchliches Label trägt. Nichtsdestotrotz ist es eine interessante Richtung, die wir uns auch vorstellen können. Wir vertreten im Grunde eine ähnliche Sichtweise wie die Kirche und engagieren uns mit dem gleichen Grundgedanken, der sich um den Menschen und seine Persönlichkeit dreht.

Wenn wir uns eine Sache wünschen dürften, dann wäre es mehr Positivität im Allgemeinen und vor allem in den Gottesdiensten. Kirche soll Spaß machen und eine ‚Tankstelle‘ sein.

Frank: Wie schätzt ihr das ein? Könnte die Kirche etwas Hilfreiches zu eurem Projekt JUST beitragen? Was könnte das sein? Oder andersherum gefragt, wenn ihr euch von der Kirche etwas wünschen dürftet, was wäre das?

Tatjana:Wir glauben, dass die Kirche eine Chance ist, da sie noch so viel Potenzial hat. Vor allem im Hinblick auf die Zielgruppe Jugendliche. Wir selbst wachsen in einer kleinen Gemeinde in Bayern auf, in der die Kirche eine große Rolle spielt. Sie gibt vielen Menschen Hoffnung, Zuflucht, sowie Kraft in schweren und Dankbarkeit in guten Zeiten.

Wir können uns schon vorstellen, dass wir uns bei einer gemeinsamen Zusammenarbeit gut ergänzen würden. Die Kirche als Organ könnte uns vor allem mit ihrer Reichweite weiterhelfen und die dort arbeitenden Leute mit ihrer fantastischen Erfahrung im Bereich Seelsorge, Jugendarbeit und Persönlichkeitsentwicklung.
Wenn wir uns eine Sache wünschen dürften, dann wäre es mehr Positivität im Allgemeinen und vor allem in den Gottesdiensten. Kirche soll Spaß machen und eine ‚Tankstelle‘ sein. Genau das wollen wir auch mit JUST vermitteln, denn Gesundheit und Liebe ist doch das wichtigste im Leben.

Frank: Ich danke ganz herzlich für das Gespräch und wünsche euch und dem Projekt JUST viel Erfolg!

Weitere Informationen zu JUST:

Praxis

Wir tanzen Tango virtuell – Zwischenräume nach dem Ende eines Monopols

Download | Sprecher: Uli Keip

1. So funktioniert DA_ZWISCHEN – zur Zeit

DA_ZWISCHEN ist eine vor 4 Jahren im Bistum Speyer gegründete digitale Community, die wesentlich über die Vernetzung per Messenger funktioniert. Es geht darum, das Evangelium und Gottes DA-sein „dazwischen“, mitten im Alltag transparent werden zu lassen und damit einen Resonanzraum für die persönliche christliche Lebensgestaltung zu schaffen. Montags und freitags bekommen die Nutzer*innen (= Mitglieder) eine Nachricht per WhatsApp, Telegram oder Facebook-Messenger mit einem Impuls, der zum Wochenbeginn meistens fragend aufgebaut ist und zur persönlichen Auseinandersetzung und zu einer Reaktion einlädt. Aus den Beiträgen der Nutzer*innen kreiert ein Team freitags eine zusammenfassende Nachricht, die die Reaktionen der Nutzer*innen gesammelt, gebündelt oder exemplarisch in ihrer Bandbreite abbildet. Der interaktiv erstellte Content ist im Blog www.netzgemeinde-dazwischen.de zu finden. Aus den Impulsen entwickeln sich immer wieder längere Chats, die von dem Team erfahrener Seelsorger*innen beantwortet werden. Aktuell sind 3500 Mitglieder angemeldet, von denen ca. 10 % wöchentlich mit einer kurzen oder längeren Beteiligung aktiv reagieren. Das DA_ZWISCHEN-Team besteht aktuell aus 9 Hauptberuflichen und 2 freiwillig engagagierten Personen, die aus den 4 Bistümern stammen, die gleichzeitig auch die Trägerbistümer des digitalen Erprobungsraums sind: Speyer, Würzburg, Freiburg und Köln. Zusätzlich startet das Team immer wieder projekthafte Aktionen, wie z.B. die digitale Kapelle zur 72-Stunden-Aktion des BDKJ, eine Kooperationen mit dem ökum. Jugendkreuzweg oder mit Missio, einen Exerzitienweg über Chatgruppen, usw.
Seit der Pandemie bietet DA_ZWISCHEN auch einen Sonntagsgottesdienst, der als Chatgottesdienst individuell abgerufen werden kann.1

2. Was uns antreibt

Viele der Themen entstehen aus unserer Sehnsucht, die an der Schnittfläche der persönlichen Glaubenssuche und einer Weltbegegnung mit offenen Augen entsteht.

Hier stehen keine großen Sätze, wie man sie von markanten Mission Statements erwarten würde. Wir reihen uns ein in die großartige Versammlung der vielen – oft unscheinbaren – Engagierten, die etwas von dem, was sie vom Evangelium verstanden haben, in ihrem Leben umsetzen wollen: Unser Antrieb ist die Suche nach der „kreativen Konfrontation von Existenz und Evangelium“ (R. Bucher). Etwas bildlicher: Wir haben Freude am Tango zwischen Glaube und Existenz. Dabei versuchen wir, der Existenz nicht auf den Füßen rumzustehen. Und das nicht, weil wir in erster Linie an die Existenz irgendeiner Zielgruppe denken, sondern einfach unsere eigene Lebenswirklichkeit ernstnehmen wollen. Viele der Themen entstehen aus unserer Sehnsucht, die an der Schnittfläche der persönlichen Glaubenssuche und einer Weltbegegnung mit offenen Augen entsteht. Nochmal auf pastoraltheologisch: Kontextualisierter, relevanter Glaube fürs Heute. Das ist unser Antrieb. Dass die Ursprungsidee der Netzgemeinde in der klassischen „Werkwoche“ (Montag bis Freitag) ansetzt – also im Alltag – passt nur zu gut.

3. Der Alltag – oder: der Existenz nicht auf den Füßen rumstehen

Wann frühstücken Sie am liebsten? Wann brauchen Sie eine Pause? Wo beten Sie gerne? Wo feiern Sie gerne Ihren runden Geburtstag? Natürlich beantworten wir diese Fragen alle unterschiedlich. Doch vor wenigen Jahrzehnten waren die Antworten darauf gesellschaftlich monopolisiert. Neben anderen Faktoren hat vor allem die Digitalisierung die Dynamik der Individualisierung verstärkt. Dies greifen wir auf: Als digitales Angebot ist DA_ZWISCHEN nicht einfach ein anderes Medium, sondern versucht veränderte Lebenswirklichkeiten ernstzunehmen: D.h. das Angebot per Messenger auf meinem Smartphone kann ich dann abholen, wann und wo und auf welche Weise es für mich passt.

Digitale Kommunikation hat das Telefonieren durch zeitversetze Voicemessages ebenso individualisiert: Ich sende und empfange dann, wenn es passt.

Wann: Die Impulse (montags und freitags) und den Sonntagsgottesdienst (immer ab Samstag 18 Uhr) kann ich zu einer Zeit öffnen, die mir passt. DA_ZWISCHEN ist „Me-Time“. Zeit für Gott und mich, zu dem Zeitpunkt, der in meinen Lebensrhythmus passt. Die überraschende Erfahrung dabei ist, dass Verbundenheit und Gemeinschaft auch zeitversetzt gelingt. Asynchroniät wird zum „Sym-pathos“, ein Zusammen-fühlen und Zusammenglauben. Digitale Kommunikation hat das Telefonieren durch zeitversetze Voicemessages ebenso individualisiert: Ich sende und empfange dann, wenn es passt.

Wo: In der Badewanne oder beim Spazierengehen. Orte öffnen in mir unterschiedliche Räume und Stimmungen. Mit meinem Smartphone bewege ich mich durchgängig an „meinem“ Ort – ich bewege mich wortwörtlich in meinem Bio-top: dem Lebensort, an ich meine Geschichte schreibe, wo ich Schönes und Schweres erlebe, dort, wo meine Herausforderungen wohnen. Auf diesen lebensgetränkten Boden fällt das Evangelium.

Auf welche Weise: Von den 3500 Mitgliedern reagieren zwischen 100 und 300 Personen pro Woche auf die Impulse. Es steht jeder Person frei, ob und wie intensiv sie auf die Impulse antworten. Diese Freiheit und Freiwilligkeit zeichnet digitale Kommunikation aus. Zudem kann ich selbst als Nutzer*in entscheiden, ob ich anonym bleiben will oder mich zu erkennen gebe, z.B. meinen Namen mitteile. Eine entscheidende Erkenntnis nach 4 Jahren anonymer Chats: Ich kann anonym sein, aber trotzdem persönlich kommunizieren. Auch ist die Erfahrung, ohne Ansehen der Person zu agieren nicht nur für Nutzer*innen erleichternd, sondern auch für uns als Team.

Die bei DA_ZWISCHEN erfahrene Entgrenzung und Verflüssigung bisheriger christlicher Praxis und Sozialform haben, wie beim Tanzen,  viel Vertrauen und Raumgeben zu tun.

Bisherige Formen christlicher Liturgie und Glaubenskommunikation waren und sind oft an feste Orte, Zeiten und Formen gebunden, was auch weiterhin in bestimmten Kontexten Sinn macht. Trotzdem gilt es, den pluralen Lebensvollzügen nicht monoton im Weg zu stehen, sondern die digital forcierten Entgrenzungen fester Orte, Zeiten und Formen aufzugreifen. Es wird jetzt bereits sichtbar, dass sich durch die selbstverständliche digitale Kommunikation auch soziale Interaktion und damit auch religiöse Kommunikation, religiöse Selbstverständnisse und Gemeindeformen verändert haben und weiter verändern werden: Es wird zu den verfassten, festen Formen von Gemeinde immer mehr fluide, nicht-konfessionelle, diskursive, situative, individualisierte Gemeindeformen geben.2 Die bei DA_ZWISCHEN erfahrene Entgrenzung und Verflüssigung bisheriger christlicher Praxis und Sozialform haben, wie beim Tanzen,  viel Vertrauen und Raumgeben zu tun. Pastoraltheologisch verorten wir unser Handeln im Sinne einer „raumgebenden Pastoral.“3 Damit es kein beziehungsloser Tanz bleibt, lebt dieses Platzmachen von achtsamen Tanzhaltungen, ganz im Sinne der Spiritualität einer Kirche, die Platz macht: „Höfliche Leute gewähren anderen um sich herum Raum; großzügige Leute haben Spaß an der Entfaltung der anderen.“4

4. Das Evangelium – oder: diese Tanzhaltungen machen uns aus

Anonymität ist nicht das Problem. Das Problem von christlichen Gemeinschaften fängt dort an, wo den Mitgliedern vermittelt wird: Es ist egal, ob du da bist oder nicht. Dieses Gefühl kennen alle, die schon einmal einen Ortswechsel hinter sich hatten und auf eine Kirchengemeinde gestoßen sind, die sich scheinbar nicht für „die Neuen“ interessiert. Es geht nicht darum, einzelnen Gemeinden oder Mitgliedern Vorwürfe zu machen, sondern darum, einzusehen, dass sich ein Kulturwandel vollzogen hat, der auf ein Willkommenheißen und eine selbstverständliche Form der Mitgestaltung und Selbstwirksamkeit setzt. Eine Kultur, in der jede*r Einzelne eine Bedeutung hat, ist keine Strategie der Mitgliedergewinnung, sondern lebt aus dem Kern des Evangeliums. Die ursprüngliche Berufungserfahrung des Menschen entfaltet Christoph Theobald genau in diese Richtung: Das Hören des Evangeliums ist vor allem das individuelle Hören der „Neuigkeit (-aggelion) von einem radikalen Gutsein (eu-)”5. Dabei trifft die Botschaft von der Relevanz und des Gutseins des Menschen auf unsere Zukunftsfragen. Yuval Noah Harari bezeichnet die Erfahrung, Bedeutung zu haben, als eine zentrale Herausforderung unserer Gesellschaft, die durch die „technologische Zwillingsrevolution in Informationstechnologie und Biotechnologie“ Gefahr läuft, eine „eine massenhafte neue Klasse der Nutzlosen [zu schaffen]“6. Aus christlicher Sicht gilt dem Menschen genau das Gegenteil, das jedoch kommuniziert, gelebt und geglaubt werden will: Du hast Bedeutung. Und zwar nicht dadurch, dass du unter Bedingungen von Leistung und Liebesgunst anderer stehst.

Diese Botschaft und Haltung versuchen wir durch unser Format und den Kommunikationsstil zu konkretisieren:

Deshalb versuchen wir uns an einer interaktiven Demokratisierung der Liturgie, die die direkte Beteiligung fördert, Macht und Kontrolle abgibt und mit der Unverfügbarkeit einerseits und Allgegenwärtigkeit Gottes andererseits rechnet.

DA_ZWISCHEN ist interaktiv – und zwar so, dass das Neue erst durch die Interaktion entsteht. Die Freitagsimpulse sind in den meisten Fällen ein Ergebnis der Interaktionen durch die Community. Natürlich bearbeitet das Team den Content redaktionell, oft in dem Sinn, dass eine plurale Bandbreite an Menschen und Meinungen deutlich wird. Die Community kreiert ihren Content durch die Mitglieder, die wiederrum ihre eigene Selbstwirksamkeit im co-kreativen Prozess entdecken können. Das Format entspricht damit nicht nur der Logik von Social Media mit dem user generated content. Es basiert auf theologischen Implikationen der Taufgnade und einem Volkes Gottes-Verständnis, das die Mitwirkung aller am Reich Gottes ernst nimmt. Gerade die Pandemie hat gezeigt, dass Kirche über alle Konfessionen hinweg vor allem eine Kommunikationsweise beherrscht: one-to-many. „Mit Blick auf die Mediennutzung aber entsteht der Eindruck, dass viele Pfarrpersonen in eine Art von Nachrichtenmodus verfallen. Sie scheinen wenig auf Interaktion aus zu sein, sondern kommunizieren one-to-many.“7 Eine Kirche, die auf das gemeinsame Priestertum aller Gläubigen setzt, sieht anders aus. „One-to-many Kommunikationen erreichen hier unseres Erachtens kaum Resonanzen, weil Menschen weder online noch offline nur Konsumentinnen von (digitalen) Angeboten sind. Sie sind gleichzeitig Produzentinnen und Mitkonstruierende (prosumer) ihrer Beziehungen zu sich selbst und zur Welt sowie deren Darstellungsweisen im Spiel vernetzter Diskursgemeinschaften.“8 Deshalb versuchen wir uns an einer interaktiven Demokratisierung der Liturgie, die die direkte Beteiligung fördert, Macht und Kontrolle abgibt und mit der Unverfügbarkeit einerseits und Allgegenwärtigkeit Gottes andererseits rechnet.

DA_ZWISCHEN ist persönlich. Indem wir auf jeden Chat persönlich und möglichst zeitnah antworten, versuchen wir als Team durch kleine Signale auszudrücken: Du bist persönlich gemeint. Durch eine frische Ästhetik und lebensnahe Sprache versuchen wir auszudrücken: Was du einbringst, bekommt bei uns eine schöne Bühne. In diesem Sinn ist unsere Kommunikationsweise auch durch die erste Person singular geprägt: Die Impulse fragen meist nach der persönlichen Geschichte und den individuellen Erfahrungen. Die Chancen einer biografiezentrierten Kommunikation wurden in den letzten Jahren wiederentdeckt. Dabei entspricht Storytelling nicht einfach dem digitalen Kommunikationstil in den Sozialen Netzwerken, sondern deckt sich mit zeitgemäßer Glaubenskommunikation und der Genetik christlicher Glaubens­verkündigung: „Storytelling ist vielmehr ein grundlegender Ansatz für jede Situation, in der Glaube artikuliert wird.“9

DA_ZWISCHEN vertraut. Das Netz ist voll von zweifelnder, missmutiger und misstrauender Rede. Wir stehen – wie auch andere nichtchristliche Akteure im Netz – für andere Werte. Statt Misstrauen, pflegen wir eine Kommunikation des Vertrauens. Wer sich einbringt, hat einen guten Grund. Wer seine persönliche Geschichte und Erfahrung teilt, wird geschätzt und ernst genommen. Dies fängt im Kleinen an: Wenn ein Mitglied etwas für mich Unverständliches oder gar irritierendes schreibt, dann gehen wir immer davon aus, dass es einen guten Grund und eine persönliche Geschichte hat, warum dies jemand schreibt.

DA_ZWISCHEN ist neugierig. Wir versuchen mit unserem Content zeitnah, dynamisch, experimentier- und überraschungsfreudig zu bleiben, um die Beteiligungen der Community, gesellschaftliche Ereignisse und digitale Entwicklungen aufzugreifen. „Die Überraschung zeigt uns, dass mindestens noch eine andere, vielleicht bessere Lösung existiert und dass das, was wir für richtig hielten, möglicherweise ein Holzweg war.“10

Das theologische Fundament für diese Ansätze liegt in einem im 20. Jh. wiederentdeckten anthropologischen und mystagogischen Theologie, die das II. Vat. lehramtlich aufgegriffen hat und im evangelischen Kontext als missionale Theologie mittlerweile viele Vertreter*innen hat. Jesus Christus ist Selbstmitteilung Gottes: In Christus ist die unbedingte Liebe Gottes zu den Menschen Fleisch geworden, konkret geworden und hat Geschichte und Gesicht bekommen. Es gibt keinen Ort, keine Geschichte und keinen Menschen mehr, der ohne Gott ist. In diese Sendung Gottes (missio dei) dürfen wir als „Missionare“ einschwingen und zwar genau in dieser Haltung: „Wir müssen die Stadt [oder den digitalen Raum] von einer kontemplativen Sicht her, das heißt mit einem Blick des Glaubens erkennen, der jenen Gott entdeckt, der in ihren Häusern, auf ihren Straßen und auf ihren Plätzen wohnt. Die Gegenwart Gottes … muss nicht hergestellt, sondern entdeckt, enthüllt werden.“ (Papst Franziskus, EG 71)

5. Offene Fragen und wohin die Reise gehen könnte

Entwicklungspotentiale sehen wir an vielen Stellen: ein Empowerment, das Selbstinitiative und Weiterentwicklung der gewachsenen Formen durch freiwillig Engagierte fördert. Weitere Versuche von zeitbegrenzten, intensiven digitalen Gruppenerfahrungen stehen auf unserer Agenda. Eine Forschungsfrage, die unsere Möglichkeiten aber übersteigt, lohnt es sich in Zukunft stärker zu fokussieren: Welche Wirkfaktoren geben Nutzer*innen das Gefühl einer Verbundenheit und Gemeinschaft, obwohl sie nicht am selben Ort sind oder zur selben Zeit beten oder obwohl sie sich nicht kennen? Die US-Kommunikationswissenschaftlerin und Expertin für digitale Religion Heidi A. Campbell unterscheidet hilfreich zwischen „transferring“ (Liveübertragung eines analogen Gottesdienstes), „translation“ (der Versuch analoge Gottesdienste an eine digitale Formen anzupassen) und „transforming“ (Entwicklung neuer digitaler Formen für digitale Formate).11 Wir ahnen, dass im Bereich des Transforming noch vieles erprobt werden kann und muss. Es gilt auch hier die über 200 Jahre alte Innovationslogik des Physikers Georg Lichtenberg: „Das Neue kann man nur sehen, wenn man das Neue macht.“12

So sehen wir durch Corona verstärkt das Monopol der analogen Kirchengemeinde in Frage gestellt. Bei den zahlreichen fluiden Formen von digitaler Kirche erkennen viele das Potential von virtuellen Personalgemeinden.

Bis März 2020 sind wir unter dem Radar der Bistumsleitungen geflogen und tun dies teilweise immer noch. Was auch verständlich ist: In vielen kirchlichen Führungskreisen ist die digitale Affinität bekannterweise nicht ausgeprägt. Corona hat gezeigt, dass das Verhältnis zu digitalen Medien viel mit biografischer Prägung zu tun hat. Wer erfahren hat, dass Beziehung, Gebet, Resonanzerfahrung, Inspiration und Glaubensvertiefung auch über digitale Medien gelingt – und manchmal sogar intensiver als im analogen Kontext – der reduziert seine Bedenken gegenüber diesen Medien und kann realisitisch kritisch bleiben. Außer er*sie stuft die Dynamik der Digitalität als Bedrohung des eigenen Selbstverständnisses oder des eigenen Monopols ein. So sehen wir durch Corona verstärkt das Monopol der analogen Kirchengemeinde in Frage gestellt. Bei den zahlreichen fluiden Formen von digitaler Kirche erkennen viele das Potential von virtuellen Personalgemeinden. Es wäre doch ein mutiger Erprobungsraum, eine digitale Personalgemeinde mit gestufter Mitgliedschaft zu gründen. Die Folgefragen dürfen dabei nicht abschrecken, sondern sollen herausfordern: Welche Merkmale von Gemeinde sind wesentlich und lassen diese sich digital realisieren?

 

Praxis

Eine verpasste Chance? Einige Thesen zur Kirche aus der Sicht des Community Organizing 

Als Studierende der Stadtplanung vor einigen Jahren die soziale Infrastruktur in Berlin-Gropiusstadt rund um den U-Bahnhof Lipschitzallee kartierten, nahmen sie mit Fleiß den Kindergarten, das Gemeinschaftshaus, die Stadtbibliothek und viele andere Einrichtungen auf. Hieraus entstand ein beeindruckendes Kartenwerk der sozialen Angebote in einem der ärmeren Teile Berlins. Nur eine Einrichtung tauchte dabei nicht auf: die lokale Kirche, die deutlich sichtbar am U-Bahnhof zu sehen ist. Dies erzählt der Pfarrer mit einiger Verwunderung auf einer Konferenz im Jahr 2013 und schließt damit die Frage an, wo Kirche eigentlich heute noch wahrnehmbar ist.

Die Verschiebung der Wahrnehmung ist natürlich nicht nur auf die Stadtplanung anzuwenden, sondern umfasst eine gesellschaftliche Entwicklung, die vor allem in den letzten 20 Jahren an Relevanz hinzugewonnen hat. Vorbei sind die Zeiten, in denen Kirche als Volkskirche in vielen bedeutenden Bereichen Einfluss oder zumindest Mitspracherecht hatte. Nach Jahrzehnten der ecclesia semper augetur steht nun wieder eine ecclesia semper reformanda im Mittelpunkt, die sich gut überlegen muss, wo sie ihre Ressourcen einsetzt und mit welchen Schwerpunkten sie die Zukunft gestaltet.

Diaspora ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel

Am deutlichsten wird dies durch die großen Umstrukturierungen in den deutschen Bistümern. Dabei wird jetzt schon klar, dass es ein Weiter-so nicht geben wird und auch nicht geben kann. Kirche gesteht sich ein, dass sie eben doch nur einer unter vielen anderen Akteuren ist und dies aber auch für eine missionarische Kirche nicht nachteilig sein muss.

Mit Blick auf die Weltkirche ist die Institution Kirche in vielen Ländern in der Minderheit. Diaspora ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel, und kann deshalb auch für die deutsche Kirche eher Chance denn Rückzugsgefecht bedeuten. Gerade die gelebte Diaspora, das Zurücktreten hinter anderen Strömungen und das Einfädeln in einen größeren Akteursverbund der jeweiligen Gesellschaft, kann Kraftquelle dafür sein, sich selbst wieder neu zu verorten und Kraft zu sammeln für anstehende Zukunftsaufgaben.

Gelebte Diaspora, das Zurücktreten hinter anderen Strömungen und das Einfädeln in einen größeren Akteursverbund der jeweiligen Gesellschaft, kann Kraftquelle dafür sein, sich selbst wieder neu zu verorten

Schaut man auf die Zahlen, stellt die deutsche Kirche immer noch zahlenmäßig die Mehrheit der Bevölkerung dar; immerhin sind weiterhin 60% der Deutschen Teil der beiden großen christlichen Kirchen. Die Diaspora zeigt sich aber an anderer Stelle. Es ist die Beziehung der Menschen zur Kirche und ihre Rolle in der Gesellschaft, die sich verändert hat und die seit der Nachkriegszeit weiter im Zerfall ist. So rangieren die Kirchen in Bezug auf das Vertrauen im forsa „Institutionen-Ranking“ im Vergleich mit anderen Institutionen weit abgeschlagen hinter Universitäten, Meinungsforschungsinstituten und Radio. Immerhin vertrauen der Evangelischen Kirche noch 39 Prozent, bei der Katholischen Kirche sind es nur noch 14 Prozent. (https://www.kirche-und-leben.de/artikel/umfrage-nur-14-prozent-vertrauen-katholischer-kirche, abgerufen am 30.10.2020)

Bereits seit über 80 Jahren arbeiten Community Organizer*innen daran, die Interessen derjenigen Menschen zu Gehör zu bringen, die in der Minderheit sind oder aus anderen Gründen nicht gehört werden. In diesem Kontext haben die Autoren selbst erlebt, wie Kirche in einem starken zivilgesellschaftlichen Bündnis über sich hinauswachsen kann – gerade wenn sie in der Minderheit ist. Aus dieser Erfahrung möchten wir einige Thesen zur Zukunft der Kirche ableiten:

1.
Eine Diaspora-Kirche (im obigen Sinne) muss entschieden in die Offensive spielen, nicht Verteidigung. 

Offensive spielen, nicht Verteidigung

Der einzige Weg für die deutsche Kirche ist, nach vorne zu schauen, nicht, indem sie alles hinter sich lässt, sondern indem sie ihre Potenziale neu ins Zusammenspiel bringt. „All organizing is re-organizing“ – wie eine alte Faustregel lautet. Rückzugsgefechte verspielen Potenziale und zehren aus; das Spiel nach vorne gibt Energie.

2.
„Nach vorne spielen“ heißt allerdings nicht Kirche einfach als Konkurrentin auf dem Markt der längst überfüllten „Unterhaltungs- und Freizeitmöglichkeiten“ feil zu bieten. Sie wird sich dort nicht behaupten können. Marktzentrierte Lösungen – egal wie sie verpackt werden – sind weder theologisch noch pragmatisch akzeptabel. 

Keine marktorientierten Lösungen

Als Antwort auf den Bedeutungsverlust wird teilweise die Vermarktung der Kirche versucht, das Großevent gesucht, die Anknüpfung an den Mainstream. Dieses Vorgehen wird scheitern, wenn damit nicht nachhaltige Beziehungen verbunden sind – im Alltag und in der Glaubenspraxis.

3.
Stattdessen: Kirche (vor Ort) wird nur noch relevant für breitere Teile der Bevölkerung (ob offizielle Mitglieder oder nicht), wenn sie sich auf ihr eigenes Wesen als Beziehungen stiftend (zu den Menschen und zu Gott) besinnt und dies auch praktisch umsetzt.

Beziehungen stiften

Der „Ort“ der Kirche muss sich dafür verschieben: weg von Gebäuden, Strukturen und Gremien, hin zu einer gelebten Beziehungsarbeit mit und unter Menschen. Kirche muss verort- und sichtbar sein, anders gesagt: die Funktionen der Kirche müssen Vorrang vor den herkömmlichen Formen erhalten.

Dies bedeutet ein Umdenken sowohl bei den „Betreuern“ als auch bei den „Betreuten“. Mit Kirche ist hier nicht nur die Leitung gemeint, sondern die gesamte Gemeinschaft der Christen (ob aktives Kirchenmitglied oder nicht). Daran sind sowohl die Beschäftigten als auch die Freiwilligen zu messen. Wie viel ihrer Zeit richten sie auf den Nächsten, auf ein Wiedererkennen Gottes im Anderen und das wirkliche Verstehen der anderen Interessen? Auch bei denen, die nur noch “mit einem Bein” in der Kirche sind.

4.
Deshalb: Die Bedeutung des „Verortet-Sein“ und der Sichtbarkeit im lokalen Kontext nimmt nicht ab, sondern wächst. Kirchliche Gemeinschaft muss sich in der Öffentlichkeit politischer (im ursprünglichen und nicht nur im verfassten Sinn) vorstellen und planvoll dementsprechend handeln

Bei den Menschen, sichtbar und politisch sein

Kirche als lokale Gemeinschaft ist dann noch relevant für breitere Teile der Bevölkerung, wenn sie sich auf ihr eigenes Wesen als Beziehungen stiftend nicht nur besinnt, sondern auch praktisch umsetzt. Martyria/Zeugnis stiftet Beziehungen, baut Vertrauen wieder auf – oft im Mikrokontext von Angesicht zu Angesicht. Diakonia bedeutet mehr als objektivierendes Helfen, sondern fördert Subjektwerdung durch gemeinsames Handeln. Beides wird dann zu einer „politische Nächstenliebe“ ganz im Sinne von „Fratelli tutti“.

Spätestens seit der CoVid-Pandemie wurde klar, dass die globalisierte Welt äußerst fragil ist. Von heute auf morgen haben sich Rituale geändert und wurden den traditionellen Orten entrissen. Das ist das prägende Zeichen einer Kirche in der Diaspora und ein Ansatzpunkt einer Kirche mit einer Geh- statt einer Komm-Struktur. Dies muss weiter eingeübt und, gleichsam wie der Glaube, internalisiert werden. Und es braucht Zeit und Vertrauen in die Menschen, die Kirche ausmachen.

5.
Angst vor Beziehungen und vor dem gemeinsamen Handeln prägt allzu oft das Gesicht der Gemeinde – man multipliziert Dienstleistungen und Angebote statt Gelegenheitsstrukturen für  Begegnung (ob mit Nahen oder Fernen) zu schaffen

Gelegenheiten für Beziehung schaffen, statt mehr desselben

Veränderung als Begegnung ist immer spannungsreich und zu leicht weicht man wieder in die klassischen Strukturen aus. Meist drückt der Alltag der Kircheninstandhaltung, der Gremienarbeit und der Kasualien schon jetzt auf diejenigen, die „den Laden am Laufen halten“. Die Schaffung von neuen Angeboten und Dienstleistungen ist meist sehr eingeübt. Zu irritierend sind im Gegensatz dazu teilweise die Wünsche und Ideen von „außen“. Dafür müssen vor allem die Leitenden ein Ohr haben und die Außenstehenden die Bereitschaft zur Verantwortungsübernahme mitbringen.

6.
Überwindung der Beschränkung des diakonischen Auftrages auf Dienstleistungen, ob religiöser oder sozialer Art 

Den diakonischen Auftrag nicht outsourcen

Biblisch ist nicht das Angebot, sondern das Zugehen und Zuhören. Jesus und seine Nachfolgenden haben nicht Gremien geschaffen, sondern sind unter die Menschen gegangen. Ihr Weg zu den Menschen und das Herausrufen aus dem Alltag hin zum Glauben muss Leitlinie kirchlichen Handelns sein. In der Konsequenz bedeutet dies die Überwindung der Kluft zwischen lokalen Kirchengemeinden und der Institutionen Caritas und Diakonie.

7.
Umgekehrt heißt dies: Beziehungen können auch zum gemeinsamen, gestaltenden Handeln führen – gemeindeintern und -extern 

Gesellschaft gestalten, politisch Handeln

Aus dem Herausgerufen sein entstehen dann auch neue Formen der Verkündigung. In der Geschichte der Kirche gibt es viele Beispiele dafür, wie Menschen gewohnt Wege verlassen und dadurch Form und Weg nachhaltig verändern. In allen Ländern der Welt sehen wir noch solche Aufbrüche für und mit dem Glauben, man fragt sich aber manchmal, ob dieser Ruf nicht in den Gängen kirchlicher Bürokratie verhallt. Es müssen sich alle Glieder von Kirche fragen: Wo findet Gemeinde praktisch statt und wo werden Grenzen überbrückt? Wenn die Gemeinden innerkirchlich verbunden und im größeren Verbund Zivilgesellschaft mitgestalten, können sie in einer Zeit der Zerrissenheit einen entscheidenden Beitrag für eine „demokratische Politik“ leisten.

8.
Überwindung der Kluft zwischen ausdrücklich „religiös“ und (scheinbar) säkularen Vollzügen 

Grenzen durchlässig machen, Inklusion ermöglichen

Das, was um die Gemeinde herum passiert, ist nicht weniger „heil- oder unheilvoll“, als das, was im Binnenbereich geschieht. Es ist ausdrücklich Arbeit an Gemeinschaft – und deshalb mühevoll wie auch beflügelnd. Beispiele für Ansatzpunkte gibt es genug: jeder Wendepunkt im Leben eines Menschen (Umzüge, Einschulungen, Krisen), im Leben der Kirche (Kirchenentwidmung, Zusammenlegungen) sowie im Leben des Gemeinwesens (Krisen, Aufbrüche, Veränderungen) bietet genug Möglichkeiten, Beziehungen neu zu denken und zu handeln.

9.
Fusionsprozesse in verschiedensten Formen als Chance, vielleicht die letzte Chance, um eine Wende zu vollziehen 

Differenz und Vielfalt zulassen

Es ist eine Zeit des Aufbruchs: Die Fusionsprozesse sind kein Rückzug, sondern bieten die Chance – vielleicht die letzte Chance – eine Wende zu vollziehen. Sie werden die Kirche aber nicht ex cathedra verändern, sondern können nur das aufgreifen, was bereits als Potenzial vor Ort vorhanden ist. Hierauf kann es keine allgemeingültige Antwort geben, nicht den einen Ansatz, der alle (wieder)vereint oder durch charismatische Performanz Sinn stiftet. Es ist die Kirche der Vielen, die „verbeulte Kirche“ des Papstes, die sich auf den Weg macht, um Menschen neu kennenzulernen.

10.
Ein radikaler Vorschlag: alles suspendieren, um neue Gemeinschaft beziehungsorientiert, entgrenzt aufzubauen 

Sich unterbrechen und loslassen

Vielleicht ist es zu radikal als Vorschlag, doch soll es einmal hier genannt werden: Wie wäre es einmal, alles zu suspendieren, um eine neue Gemeinschaft beziehungsorientiert und entgrenzt aufzubauen. Sich auf das Wesentliche der Diaspora begrenzen und dann von dort aus neu Kirche sein. Einen Versuch ist es zumindest wert.

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