Praxis
Visionen der Zukunft – Veränderung aktiv gestalten, am Beispiel des Erzbistums Köln
Eine aktive Rolle in Veränderungen
Sie wissen: Veränderungen sind allgegenwärtig und die Welt verändert sich ständig. Auch die katholische Kirche ist davon nicht ausgenommen. Viele deutsche Bistümer sehen sich mit schwerwiegenden Veränderungen konfrontiert. Das Erzbistum Köln ist dabei keine Ausnahme: Besonders spür- und messbar sind zum Beispiel abnehmende Mitgliederzahlen oder weniger personelle und finanzielle Ressourcen. Soweit absehbar, sind diese Veränderungen anhaltend und werden sich eher noch verstärken.
Diese Veränderungen waren im Erzbistum Köln lange handlungsleitend. So wurden z.B. auf Grund dieser Veränderungen Kirchengemeinden zusammengelegt. Aus meiner Sicht eine schmerzhafte, jedoch notwendige Vorgehensweise. Diese Maßnahme hat es ermöglicht, im Erzbistum Köln möglichst viele grundsätzliche Strukturen weitestgehend zu erhalten und damit Raum zum Atmen zu schaffen. Gleichzeitig zeigt sie aber auch, wie stark das Handeln von der Reaktion auf negative Veränderungen geprägt war.
Schaut man mit etwas Abstand auf solche Prozesse zeigt sich, dass hier in einem kontinuierlichen Fluss von Aktion und Reaktion agiert wird bzw. wurde: Veränderungen werden beobachtet (z.B. weniger pastorales Personal) und in einer Art darauf reagiert, die wiederum Veränderungen hervorruft (z.B. das Zusammenlegen von Kirchengemeinden, das wiederum Veränderungen im Leben der einzelnen Gläubigen hervorruft).
Zur Illustration hier eine hypothetische Veränderungskette: Angenommen, die Rolle des Glaubens verändert sich im Leben vieler Menschen, als Folge verändern sich die Kirchenmitgliedschaftszahlen, welche wiederum die finanziellen Mittel der Kirchengemeinde bzw. des Bistums beeinflussen. Jetzt wird es spannend: Die Verantwortlichen im Erzbistum müssen entscheiden, WIE diese Veränderungen kompensiert werden können. Entscheidet man sich also z.B. für eine Zusammenlegung der Kirchengemeinden, beeinflusst das wieder die Gläubigen und weitere Zielgruppen, was wiederum Auswirkungen auf die Rolle des Glaubens in ihrem Leben hat.
Jede und jeder, die oder der auf Veränderungen reagiert, spielt eine aktive Rolle in Veränderungsprozessen. Deshalb kann – und muss – jede und jeder entscheiden, wie diese Rolle gestaltet werden soll.
Besonders wichtig ist dabei, dass diese gegenseitige Abhängigkeit der Veränderungen auch schnell zu einer Abwärtsspirale führen kann. Wenn diese Veränderungen nämlich als negativ wahrgenommen werden, etabliert sich schnell eine Art „Untergangsdenken“, weil sich auf negative Veränderungen mehr negative Veränderungen als deren Konsequenz legen. Diese Veränderungskette zeigt: Die Art, in der wir auf Veränderungen reagieren und die Entscheidungen, die wir treffen, sind genauso ein Teil der Veränderungskette, wie schwindende Mitgliedszahlen oder mangelndes pastorales Personal. Die Veränderungen sind also nicht isoliert, sondern als Verkettung von Reaktionen in einem lebendigem Ökosystem zu betrachten. Jede und jeder, die oder der auf Veränderungen reagiert, spielt also eine aktive Rolle in Veränderungsprozessen. Deshalb kann – und muss – jede und jeder entscheiden, wie diese Rolle gestaltet werden soll.
Es braucht eine Vision
Im Erzbistum Köln wurde diese Rolle zunächst vor allem reaktiv wahrgenommen: Während der Fokus auf negative Entwicklungen und deren Bewältigung die Resilienz des Bistums stärkte, war doch zunächst eine Untergangs-Argumentationslogik handlungsleitend, die im vorangegangenen Abschnitt angerissen wurde. Veränderung wurde bewältigt, indem auf die genannten externen Entwicklungen reagiert und versucht wurde, ihre negativen Folgen möglichst gering zu halten.
Es fehlte ein positives Zukunftsbild, anhand dessen Veränderungen aktiv hätten gestaltet werden können.
Die Leitfrage war, wie bisher bestehende Strukturen unter den sich verändernden Bedingungen möglichst erhalten bleiben können. Wie oben schon vermerkt, ist eine solche Fragestellung durchaus sinnvoll, es fehlt damit allein aber eine klare Orientierung: Welche Leitplanken geben Richtung und Halt in Zeiten der Veränderung?
Dieser Mangel an Orientierung erschwerte es, Veränderungen aktiv zu gestalten, denn es fehlte ein positives Zukunftsbild, anhand dessen Veränderungen aktiv hätten gestaltet werden können. Es brauchte also eine Vision als Basis für Entscheidungen, die die Veränderungen positiv gestalten – eine Vision, die aus reaktivem Handeln in ein aktives Gestalten führt. Um diese Rolle aktiv zu gestalten, braucht es ein klares Bild davon, was überhaupt unter einer Vision verstanden wird.
Was ist eine Vision?
In diesem Artikel wird „Vision“ als ein Zukunftsbild verstanden. Laut dem Duden ist eine Vision in diesem Kontext ein „in jemandes Vorstellung besonders in Bezug auf Zukünftiges entworfenes Bild“. Ich möchte es für diesen Artikel noch weiter zuspitzen: Eine (Unternehmens-)Vision beschreibt einen Soll-Zustand. Sie ist dabei nicht direkt messbar oder konkret, sondern bleibt abstrakt. Sie unterscheidet sich darin z.B. von Zielen, die in der Regel u.a. konkret und messbar sind (oder sein sollten, siehe SMART-Methode). Durch diese Abstraktion kann eine Vision sozusagen fantastisch sein, sie muss sich nicht an die aktuellen Gegebenheiten anpassen. Wichtig ist trotzdem, dass eine Vision im Kontext von Veränderungsmanagement kein ganz abstraktes Wunschdenken ist, das jeder Bodenhaftung entbehrt. Sie sollte konkret zum Unternehmen passen und für die entsprechenden Zielgruppen verständlich sein. So kann eine Vision inspirieren und motivieren. Eine Vision hat nicht den Anspruch, ein vollständiges und detailliertes Bild der Zukunft zu sein. Sie ordnet vielmehr den Blick auf bestimmte Dimensionen dessen, was werden soll, und schafft damit einen gemeinsamen Fokus. Dadurch lässt sich eine Vision auf viele verschiedene Kontexte und auf viele Lebens- und Arbeitssituation anwenden.
Warum Vision und Veränderung zusammengehören (sollten)
Eine Vision spielt in Zeiten von Veränderung meiner Meinung nach auch deshalb eine zentrale Rolle, weil sie Führungskräfte in ihrer Aufgabe stärken kann. Sie bietet ihnen etwas, worauf sie Mitarbeitende hinführen können – und nicht nur weg von negativen Veränderungen. Eine Vision kann inspirierend, klar und zugleich hinreichend konkret ausgestaltet werden, um Orientierung und Motivation zu stiften. Sie lässt sich auf das eigene Handlungsfeld anwenden und in konkrete Meilensteine und Ziele für den Weg zu diesem Zukunftsbild übersetzen. Wenn nur klar ist, wovon weggeführt werden soll (etwa von negativen Veränderungen), bleibt der Weg in die Zukunft unklar und das Ziel, auf das hingearbeitet werden soll, im Dunkeln. In einem solchen Kontext ist es schwer, als Führungskraft voranzugehen und für Mitarbeitende schwer, zu folgen. Ist die Vision hingegen klar und erstrebenswert und beleuchtet dadurch sozusagen den Weg voraus, wird es leichter, Veränderung zu führen und mitzugehen.
Eine Vision bietet ein Gegengewicht zum alleinigen Fokus auf negative Veränderungen und ermöglicht einen ausbalancierten Ansatz zur Gestaltung von Veränderungen.
Neben dem Aspekt der Führungskräfte gibt es weitere Faktoren, die aus meiner Sicht erklären können, warum eine Vision Veränderungsprozesse positiv beeinflussen kann – wie sich auch im Erzbistum Köln beobachten lässt. Eine Vision schafft zunächst Klarheit darüber, worauf eine Organisation hinarbeitet. Dadurch fällt es leichter, Ziele zu formulieren, Entscheidungen zu treffen und Erfolg gemeinsam zu definieren. Das gibt Orientierung und kann zugleich motivierend wirken. Darüber hinaus bietet eine Vision einen fachbereichsübergreifenden Referenzrahmen, der grundsätzliche Richtungsfragen klärt und damit den Austausch zwischen unterschiedlichen Arbeitsbereichen erleichtert. Schließlich kann eine Vision auch in schwierigen Phasen Kraft geben, weil sie daran erinnern kann, wofür sich der eigene Einsatz lohnt, und so zu einer mentalen Ressource für Orientierung und Durchhaltevermögen wird. Entscheidend ist dabei, dass die Menschen, die sich mit der Vision auseinandersetzen und sie umsetzen sollen, wirklich an die Vision glauben und sie auch für realistisch halten (daher darf es, siehe oben, kein Wunschdenken sein). Wenn das gegeben ist, wird eine Vision gemeinsamer Ansporn. Sie wird gemeinsame Hoffnung und gemeinsamer Anspruch, aus denen konkrete geteilte Ideen entstehen. Eine Vision bietet damit ein Gegengewicht zum alleinigen Fokus auf negative Veränderungen und ermöglicht einen ausbalancierten Ansatz zur Gestaltung von Veränderungen.
Entwicklung einer Vision im Erzbistum Köln
Die Vision des Erzbistums Köln ist aus einer christlich-geistlichen Haltung heraus entstanden: Die Inhalte sind christlich geprägt, die Erarbeitung war vom Gebet getragen. Damit beschreibt die Vision nicht allein ein angestrebtes Zukunftsbild für die Kirche im Erzbistum Köln, sondern nimmt zugleich die Sendung der Kirche in den Blick, die ihren Ursprung in Jesus Christus hat und sich im konkreten kirchlichen Leben des Erzbistums verwirklichen soll. In diesem Abschnitt möchte ich Ihnen einen kurzen Einblick darein geben, wie die Vision im Erzbistum Köln entstanden ist.
Dem Erzbischof war es wichtig, dem Erzbistum eine Vision als Orientierung und Entscheidungsgrundlage zu geben und zugleich die Führungskräfte, die diese Vision später umsetzen würden, aktiv in ihre Entwicklung einzubeziehen. Deshalb wurde die Vision im Rahmen einer Klausurtagung gemeinsam mit Verantwortlichen aus dem mittleren und oberen Management erarbeitet.
Die Vision wurde gemeinsam mit Verantwortlichen aus dem mittleren und oberen Management erarbeitet.
Da es ausdrücklich darum ging, eine geistliche Vision zu ermöglichen, war der gesamte Prozess der Erarbeitung von Zeiten der Stille, Gebet, Meditationen zu biblischen Texten und eucharistischer Anbetung geprägt und wurde durch eine externe Person geistlich begleitet. Wichtig waren dabei außerdem intensive Gruppengespräche. Diese Gespräche wurden nach dem Modell des „Gesprächs im Heiligen Geist“ gestaltet, das auch bei der Weltsynode und darüber hinaus Anwendung findet. Zentral ist dabei eine Haltung des aufmerksamen Zuhörens. Alle kommen zu Wort, Beiträge werden nicht vorschnell bewertet oder diskutiert, sondern zunächst stehen gelassen und gemeinsam bedacht. Gerade dadurch entstand ein Gesprächsklima, das Offenheit, gegenseitiges Verstehen und gemeinsames geistliches Unterscheiden förderte. Dabei entwickelte sich eine Vorstellung dessen, was der Auftrag für die Kirche von Köln in dieser Zeit sein kann. Die Vision ist also kein Text, der als Entwurf in eine Abstimmung gegeben wurde, sondern das Resultat eines intensiven geistlichen Austauschs des Erzbischofs mit seinen leitenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Die positiven Erfahrungen mit diesem Vorgehen haben dazu geführt, dass Elemente dieses Prozesses wie zum Beispiel das Gespräch im Heiligen Geist bis heute im Erzbistum Köln regelmäßige Anwendung finden.
Interessierte sind eingeladen, die Vision nicht nur zu lesen, sondern sie sich gemeinsam mit anderen anzueignen.
Nach ihrer Ausarbeitung wurde die Vision in verschiedenen Gremien des Erzbistums vorgestellt, beraten und anschließend über unterschiedliche Kommunikationsformate – von Empfängen und Workshops bis zu Gemeindebesuchen des Erzbischofs – an Mitarbeitende und Gemeinden kommuniziert. Dabei stand und steht der offene Dialog im Mittelpunkt. Deshalb sind Interessierte eingeladen, die Vision nicht nur zu lesen, sondern sie sich gemeinsam mit anderen anzueignen. Dabei ist sowohl die eigene Betrachtung der Vision und der aufmerksame Austausch mit den anderen, das gegenseitige Hören auf das, was jede und jeder Einzelne verstanden hat, sowie das gemeinsame Gebet zentral. Als Hilfestellung dafür, eine solche Aneignung durchzuführen, stehen passende Materialien zur Verfügung.
Was hat sich durch die Vision im Erzbistum Köln positiv verändert?
In den folgenden Abschnitten möchte ich ein paar zentrale Veränderungsprozesse im Erzbistum Köln vorstellen, die so ohne die Vision nicht möglich gewesen wären.
Die Bedeutung der Vision wird zunächst im Ansatz der Wirkungsorientierung sichtbar, bei dem Ziele, Maßnahmen und Ressourcen im Erzbistum Köln systematisch daraufhin geprüft und ausgerichtet werden, ob und wie sie zur Verwirklichung der Vision beitragen. Als fachlicher Ansatz dazu dient der Ansatz der Wirkungsorientierung nach Phineo. Die Vision bzw. die aus ihr abgeleiteten strategischen Ziele1 dienen als Referenzrahmen für die Planung von Projekten und das Treffen von Entscheidungen. Für jedes Vorhaben wird festgelegt, welche Wirkung erzielt werden soll und wie sich diese überprüfen lässt. Das Thema Wirkungsorientierung ist zu umfassend, um es hier vertieft darzustellen; ich lade Sie jedoch herzlich ein, sich näher damit zu beschäftigen.
Entscheidend ist an dieser Stelle: Die Vision beeinflusst nicht nur die Ziele des Erzbistums Köln, sondern auch die Zielerreichung, weil sie dazu anregen und befähigen kann, die eigene Arbeitsweise kontinuierlich zu hinterfragen und weiterzuentwickeln. Konkret wird Wirkungsorientierung im Erzbistum Köln auf Bistumsebene derzeit dadurch umgesetzt, dass pastorale Ziele und Maßnahmen konsequent mit klaren Wirkungszielen2 und überprüfbaren Indikatoren3 hinterlegt werden. Anhand dieser Angaben wird die Wirksamkeit der zu analysierenden Maßnahmen kontinuierlich geprüft. Die Messung der Wirksamkeit ist ein wichtiges Kriterium bei der Überprüfung von vorher definierten Zielen und Schwerpunkten (zu Pastoraler Schwerpunktsetzung und Zieleprozess siehe gleich noch unten) für alle Bereiche des Erzbistums. In Verbindung mit der Vision bedeutet das: Es wird regelmäßig geprüft, ob das eigene Tun tatsächlich dazu beiträgt, die Vision wahr werden zu lassen.
Es wird regelmäßig geprüft, ob das eigene Tun tatsächlich dazu beiträgt, die Vision wahr werden zu lassen.
Ein konkretes Anwendungsfeld dieser Kombination aus Vision und der daraus abgeleiteten Möglichkeit, Wirkung zu erfassen, ist die Pastorale Schwerpunktsetzung. Dabei handelt es sich kurz gesagt um ein Prozess, in dem die konkrete Ausrichtung und Priorisierung der Handlungsfelder des Erzbistums Köln auf Bistumsebene betrachtet wurden. In diesem Rahmen war die Vision zentraler Bestandteil der Bewertungen: Sie diente als Orientierungshilfe dafür, ob erfasste Aktivitäten der Vision entsprechen oder nicht. Der Prozess gestaltete sich dabei grob wie folgt: Die pastorale Schwerpunktsetzung im Erzbistum Köln folgte einem geistlich gerahmten, synodalen Beratungsprozess und fand auf Bistumsebene statt:4 Zentrale Gremien im Erzbistum Köln prüften, was inhaltlich im Erzbistum Köln getan wird, systematisch im Licht der Vision und der strategischen Ziele. Methodisch geschah dies auch hier mit dem „Gespräch im Heiligen Geist“ und mit einer wirkungsorientierten Analyse: Welches Handlungsfeld trägt wie stark zur Vision und den strategischen Zielen bei? Die Vision ist dabei die Bezugsgröße, sozusagen der Nordstern, und die systematische Analyse der Aktivitäten im Erzbistum ist der Kompas der anzeigt, welche dieser Aktivitäten inwieweit auf die Vision einzahlen. Ohne diese Grundlage wäre es sehr schwierig geworden, auf einer solch großen Ebene vertretbare Schwerpunkte zu setzen. Diese Schwerpunkte brauchte es aber dringend für die anstehenden internen und externen Entwicklungen. Dieser solide Referenzrahmen, den die Vision geboten hat, hat die Erarbeitung von Schwerpunkten erst ermöglicht, vereinfacht und deren Akzeptanz gesteigert.
Die systematische Analyse der Aktivitäten im Erzbistum ist der Kompass der anzeigt, welche dieser Aktivitäten inwieweit auf die Vision einzahlen.
Ein weiteres Beispiel dafür, wie die Vision im Erzbistum Köln Veränderungsprozesse prägt, ist der sogenannte Zieleprozess, der in dieser Form erst durch die Vision möglich geworden ist. Der Zieleprozess übersetzt die Vision in konkrete, mehrjährige Wirkungsziele. Diese Wirkungsziele werden wiederum in konkrete pastorale Wirkungsziele übersetzt, die ihrerseits von entsprechenden organisationalen Wirkungszielen und den passenden Instrumenten und Ressourcen gestützt werden. Die Vision gibt dabei die inhaltliche Richtung vor: Sie legt die Ambition und die Richtung der Ziele vor. Dadurch wird der Zieleprozess zu einem in der Vision fundierten Steuerungsinstrument, das konkrete Zielsetzungen und Entscheidungen ermöglicht. Zudem sind Ziele durch die Vision, die allen gleichermaßen als Grundlage dient, auch zwischen Bereichen „automatisch” aufeinander abgestimmt und die Bemühungen verschiedener Akteure gehen dadurch mit wenig Aufwand für Absprachen in eine kompatible Richtung.
Eine Vision für die Zukunft
Natürlich ist die Arbeit mit und an der Vision nicht abgeschlossen, sondern bleibt ein langfristiges Unterfangen, eine stete Weiter-Beschäftigung und Weiter-Aneignung der Vision. Die Vision ist kein Endziel, sondern wird über viele Jahre ein Begleiter bleiben, sowohl im Erzbischöflichen Generalvikariat als auch in den Kirchengemeinden. Das Handeln der Verantwortlichen im Erzbistum Köln soll immer konsequenter an der Vision ausgerichtet werden. Wichtig ist außerdem, dass dabei die Realität, sprich: die externen Veränderungen, die beobachtbar sind und die Einfluss nehmen, nicht aus dem Blick verloren werden. Vielmehr muss die Vision hier das Mittel und die Basis sein, mit deren Hilfe auf diese externen Einflüsse reagiert wird.
Learnings
Einige Learnings rund um die Erfahrungen mit der Vision seien kurz zusammengefasst. Die folgenden Punkte sind dabei nicht abschließend, haben sich aber aus meiner Sicht bewährt und sind ein Teil des Erfolges der Vision:
- Es hat sich als hilfreich erwiesen, die Vision im Kreise des Top- und des fachlich zuständigen Mittel-Managements zu entwickeln. Dadurch hat diese für Veränderung und die Kommunikation solcher Visionen wichtige Zielgruppe eine sehr hohe Identifikation mit der geistlichen Vision. Das wirkt sich wiederum positiv auf die Akzeptanz auf allen Ebenen darunter aus.
- Der konsequente Fokus auf Gebet und gegenseitiges Hören haben nicht nur inhaltlich stark zur Qualität der Vision beigetragen, sondern auch die Beratungen zu einer bereichernden Erfahrung für die Beteiligten gemacht.
- Die Vision im Erzbistum Köln ist bewusst so formuliert, dass sie sich „auf einen Blick“ erfassen und in wenigen Minuten lesen lässt. Dabei ist sie trotzdem reich an Inhalt. Dadurch lässt sich sehr gut, auch über Monate und Jahre, mit ihr arbeiten.
- Im Erzbistum Köln wurde die Vision entwickelt, um sie als Grundlage für Entscheidungen und Projekte zu nutzen. In diesem Kontext wurde sie auch immer wieder (mit)kommuniziert. Leitung und Mitarbeitende gleichermaßen bezogen und beziehen sich immer wieder auf die Vision. Dadurch ist die Vision zu einem stabilen Bezugspunkt geworden.
- Es gibt eine konsequente Bildsprache (Logo, Farbe) für die Vision, an der konsequent festgehalten wird. Diese stärkt die Wiedererkennbarkeit der Vision im Alltag des Erzbistums.
- Entscheidend dafür, der Vision konkrete Gestalt zu geben, war es, sie in den Veränderungsprozessen des Erzbistums zur Grundlage zu machen. Dadurch ist sie nicht nur präsent, sondern tatsächlich im Handeln der verschiedenen Akteure erlebbar.
Schluss
Abschließend lässt sich sagen: Die Erfahrungen im Erzbistum Köln zeigen, wie eine Vision Veränderungsprozesse prägen kann: Sie bietet Orientierung in komplexen Entwicklungen, stärkt Führungskräfte und Mitarbeitende und schafft einen gemeinsamen Referenzrahmen für Entscheidungen, Ziele, Prioritäten und Projekte. Zugleich wird eine Vision erst wirksam, wenn sie immer wieder kommuniziert und konsequent in Steuerungsinstrumente übersetzt wird, die wiederum durch die Vision ermöglicht und validiert werden. So kann eine Vision den gemeinsamen Gang in die Zukunft stärken.
Praxis
Transformationsstrategien revisited. Eine hypnosystemische Inspiration
Die Hypnosystemik ist innerhalb systemisch orientierter Therapie eine Praxisorientierung mit hoher Anerkennung. In diesem Beitrag soll sie auf die Arbeit in und Beratung von organisationalen Transformationsprozessen reflektiert werden.
Hypnosystemik – eine Kontaktaufnahme und Einordnung
Hypnosystemisch zu arbeiten heißt, die Bedeutung unterbewusster Prozesse zu verstehen, ihre Ressourcen zu aktivieren und dadurch systemisch erweiterte Entwicklungspotenziale zu entfalten.5 Der Volkswirt, Arzt und Psychotherapeut Gunther Schmidt (Jahrgang 1945) hat Anfang der 1980er Jahre, nach Ausbildung bei Helm Stierlin in systemischer Psychotherapie und Milton Erickson in Hypnotherapie, begonnen, die Verbindung beider Ansätze im Sinne eines Integrationskonzeptes auszubauen, angereichert durch Modelle aus Gestaltarbeit, Psychodrama, Kommunikationspsychologie und Transaktionsanalyse.6
Dass die Hypnosystemik in systemischer Praxis gerade in Deutschland populär ist, hängt vermutlich damit zusammen, dass diese hierzulande eine stark soziologische Einfärbung hat – Niklas Luhmann lässt grüßen. Dass sie aber starke psychologische Wurzeln hat, wird dabei mitunter übersehen. Erinnert sei also an die Gedächtnis- und Kognitionsforschung in der Mitte des 20. Jahrhunderts (Jean Piaget sowie die kybernetisch orientierten Heinz von Foerster und Heinz von Glasersfeld), aus der, philosophisch bereichert durch Ludwig Wittgenstein, unter anderem die moderne Kommunikationswissenschaft (Paul Watzlawick) und, in Erweiterung individualpsychologischer Ansätze auf Mehrpersonenkonstellationen, systemische Familien- bzw. Psychotherapie erwächst. Das Verständnis von „Systemisch“ als „um die soziale Dimension erweitert“ (Mobile-Bild) ist dabei allerdings eine Verkürzung. Genauer gesagt geht es um die Aufmerksamkeit auf die mentale und emotionale Konstruktion des Erlebens als (hypothetisches) System. Genau dies, die Aufmerksamkeit auf die psychische Gebundenheit erlebter Wirklichkeit, führt Gunther Schmidt hierzulande ein, erinnert die systemische Community an den blinden Fleck in der Betrachtung sozialer Systeme: die Person als Träger:in mentaler Modelle.7 Er bietet also dort einen Zugang an, wo die differenztheoretische soziologische Systemtheorie luhmannscher Prägung, ihrem Arbeitsprogramm folgend, den Blick auf biologische und psychische Systeme „ausstanzt“.8 Gleichzeitig kann er im Rückgriff auf eine pragmatisch orientierte Psychotherapie US-amerikanischer Prägung die in Deutschland „standesgemäße“ kritische Rezeption vor allem freudscher Trieb- und Biografie(psycho)analyse umgehen und muss deswegen auch dem Umkehrschluss, einer humanistisch geframten Psychotherapie, nicht „blind“ folgen.
Die Verbindung von Hypnotherapie und Systemik ist also weniger originell als naheliegend. Hypnotherapeutische Begriffe wie Trance, Aufmerksamkeitsfokussierung und Utilisation9 verbinden sich mit systemischer Aufmerksamkeit auf Selbstorganisation, Muster und Interventionen. Gunther Schmidt selber formuliert: „Mit der Entwicklung der hypnosystemischen Konzepte habe ich versucht, ein Modell zu schaffen, mit dem die so dringend benötigte Integration und zielwirksame Kooperation von Kognition und Intuition intensiv gefördert werden kann.“10 Die Verbindung von Hypnotherapie und Systemik ist weniger originell als naheliegend.
Die Basisannahmen hypnosystemischen Arbeitens seien wie folgt wiedergegeben:11
- „Alles Erleben wird jeweils ständig neu erzeugt, jede Realität wird also konstruiert – durch Prozesse der Aufmerksamkeitsfokussierung.“
- „Dies ist aber von Beginn unseres Lebens an immer ein interaktioneller Prozess, das Ich entwickelt sich interaktionell, als ständiger Rückkoppelungsprozess mit der Umwelt, mit Beiträgen anderer und sonstigen Umwelteinflüssen, auf die dann wieder aktiv geantwortet wird.“
- „Wir sind also eingebettet in ein dialektisches bzw. multilektisches Wechselspiel (wie bei einem Tanz), bei dem wir einerseits autonom gestalten und gleichzeitig nicht ganz unabhängig davon sein können.“
- „In unserem unbewussten Erlebnisrepertoire werden alle emotional ‚geladenen‘ Erlebnisprozesse als eigenständiges Erlebnisnetzwerk gespeichert (Episodengedächtnis).“
- „Solche Netzwerke, die den Erlebenden üblicherweise ja zum größten Teil unbewusst bleiben, können mit hypnosystemischen Modellen systematisch und detailliert beschreibbar und damit auch in ihren zentralen Aspekten bewusst erfassbar gemacht werden.“
- „Mit gezielten Fragen können auch die gravierendsten Problemmuster schnell rekonstruiert und damit bewusster Beeinflussung zugänglich gemacht werden.“
- „Erlebt jemand ein Problem und will das ändern, ist es deshalb vorrangig wichtig, die gewünschten Lösungsprozesse zu verstehen, denn indem man diese imaginiert, können sie schon tendenziell erlebte Wirklichkeit werden, sogar schon dann, wenn man das ‚Problem‘ gar nicht verstanden hat.“
Vor allem am letzten Punkt kann der von Schmidt deutlich gemachte Unterschied zur lösungsorientierten Arbeit von Steve de Shazer kenntlich werden.12 Es geht zwar nicht darum, Probleme zu verstehen, aber durchaus darum, sich den beschriebenen Problemen zuzuwenden. Und zwar in Würdigung dessen, dass „die Problemschilderung ein anerkennenswertes Bedürfnis im Rahmen von individueller oder organisationaler Veränderung darstellt(.)“13 Entscheidend ist dabei eine „steuernde Metaposition“14, was an das Modell des „Inneren Teams“ von Friedemann Schulz von Thun denken lässt.15
An dieser Schmidt wiederholt wichtigen Klärung lässt sich ein, vielleicht sogar das Merkmal hypnosystemischer Arbeit kenntlich machen: Die Anerkennung des unwillkürlich Aufscheinenden („tranceartiges Erleben“) und ihr Einbezug (Utilisation) in das Thema/Anliegen.16 Mit Vera Starker und Tilman Peschke ausgedrückt, liegt der Inhalt von Daten eben nicht nur in den Daten als solchen. „Entscheidend für das Erleben von Individuen ist … nicht die Beschreibung (durch Dritte) oder der Inhalt des erlebten Phänomens an sich, sondern vielmehr die Position, aus der heraus der Mensch das Phänomen im jeweils aktuellen Kontext wahrnimmt (als Fokus seiner Aufmerksamkeit) und welche Bedeutung er diesem in diesem Augenblick zuschreibt.“17 Mit einem Ruth Cohn (Themenzentrierte Interaktion) zugeschriebenen Ausruf: „Sag, was mit dir ist.“18
Praktisch bedeutet dies vor allem die Arbeit mit Bildern, Metaphern und in Aufstellungen19, die zum „inneren Erleben mit allen Sinnen“20 anstiften und unbewusste Aufmerksamkeitsfokussierung erlebbar machen sollen. Mit Worten von Schmidt: „(D)ie moderne Hirnforschung, die Forschung zur Evolutionsbiologie, die Motivationsforschung, die Forschungen zu Kommunikation, zu Kooperation und zu erfolgreicher Entscheidungsfindung und verwandter Gebiete (zeigen, JCH) eindeutig und unmissverständlich: Selbst wenn auf bewusster, willentlicher Ebene die Beteiligten eine geplante Veränderung umsetzen wollen, reicht das überhaupt nicht aus. Der größte Teil menschlichen Erlebens und Verhaltens wird auf unwillkürlicher und dabei zu einem erheblichen Teil unbewusster Ebene erzeugt und umgesetzt(.)“21 Schmidt argumentiert hier ähnlich wie das (ebenfalls, jedoch ebenfalls nicht zu unrecht, gut rezipierte) Zürcher Ressourcenmodell (ZRM).22
Hypnosystemik in organisationalen Transformationsprozessen
Soweit die Kontaktaufnahme zu und Einordnung von hypnosystemischer Arbeit. Entstanden in und primär ausgerichtet auf psychotherapeutische Kontexte, ist ein Hineindenken in organisationale Transformationsprozesse aber keineswegs verwunderlich, ja, inspirierend. So wie die systemische Reflexion therapeutischer Themen durch den Einbezug psychischer (mentaler und emotionaler) Prozesse der Klienten unterstützt wird, so lässt sich die alltagsempirisch eher als gering wahrgenommene Aufmerksamkeit darauf in Prozessen der Organisationsentwicklung und -beratung erhöhen. Soziale Systeme sind nicht alles. Soziale Systeme sind nicht alles.
Aus hypnosystemischer Aufmerksamkeit auf die Möglichkeit von Veränderung, fokussiert auf Organisationen, ergeben sich diese Hinweise:
- Der psychische Druck, den Veränderung auf den Plan ruft, darf nicht unterbewertet werden. Denn „(j)ede Veränderung im Erleben der Betroffenen bringt neben eventueller Neugier, Freude am Neuen und Lernbereitschaft auch Ambi- bzw. Multi-Valenzen, Ängste, Zögern, Tendenzen zur Vermeidung und zum Zurückweichen usw. mit sich. Das liegt ganz einfach daran, dass Neues (welches solche Veränderungen eben mit sich bringen) ja zunächst noch unbekannt ist. Das menschliche Gehirn, insbesondere auf der Ebene der Stamm- und Zwischenhirn-Prozesse, reagiert darauf unwillkürlich, quasi automatisch, eben auch mit Angst, Abwehr und Stress, denn das Unbekannte könnte auch gefährlich sein, und auf mögliche Gefahr reagieren das Gehirn und der ganze Organismus von Menschen eben auf diese Weise.“23
- „In Veränderungsprozessen wird häufig kategorisch ‚altes Vorgehen‘ für obsolet erklärt, damit eine Fokussierung auf ‚neues Verhalten‘ möglich ist. … Eine zu dynamische Entwicklung … führt (jedoch, JCH) in der Regel zu einer Beeinträchtigung des Grundbedürfnisses nach Orientierung und Sicherheit.“24 Da diese aus hypnosystemischer Sicht unwillkürlich („automatisiert“) und unbewusst organisiert sind, sind sie „aus neurobiologischer Sicht grundsätzlich immer schneller, stärker und effektiver als alles Bewusste und Willentliche.“25 Mag man Veränderung also noch so sehr wollen, man kann sie nicht vollziehen, solange Orientierung und Sicherheit nicht gegeben, genauer: gespürt und erlebt, sind.
Für die Gestaltung von Transformationsprozessen gibt hypnosystemische Aufmerksamkeit entsprechend an die Hand:
- Es braucht keine lange Problemerarbeitung. Die meisten Klient:innen sind sowieso in Trance, wenn sie zur Beratung kommen. „Durch eine intensive Fokussierung auf ihr Problemerleben haben sie sich in eine selbstinduzierte Problemtrance versetzt.“26 Problemerarbeitung verschärft die Trance also möglicherweise sogar noch. Sinnvoller ist, bei der Trance anzusetzen.
- „Um die hilfreichen unwillkürlichen, intuitiven Kompetenzen … wirksam aktivieren zu können, bedarf es immer wieder einer Gestaltung von ‚Umwelten‘ (Kontexten) für die Beteiligten in Organisationen, die das fördern, denn Unwillkürliches lässt sich nicht bewusst auf Kommando ‚machen‘, es entsteht als Reflex auf förderliche Bedingungen.“27
- Es müssen – klassisch System-Umwelt-Theoretisch formuliert – also ausreichend neue Unterschiede eingeführt worden sein, die eine neue Musterbildung ermöglichen. Dies ist aber eben nicht nur ein rational-bewusster, sondern eben auch emotional-affektiver Prozess. Starker und Peschke gehen davon aus, dass die Geschwindigkeit der Veränderung im Kern davon – und dass es >Kompetenz<muster sind – abhängt.28 Dem sei zugestimmt.
- Die Arbeit mit Aufstellungen sollte mehr im Blick sein.29
- Die Rolle von Entwickler:innen und Berater:innen sei mit diesen Worten von Gunther Schmidt illustriert: Sie sind Realitätenkellner30 und kompetent im polynesischen Segeln31.
Fürwahr: Die Hypnosystemik ist nicht die Entdeckung einer neuen Welt – das ist auch nicht ihr Versprechen. Sie ist aber durchaus eine Aufmerksamkeitsfokussierung auf hypnotische Aufmerksamkeitsfokussierung von Menschen und stellt zur Kompetenz- und Ressourcenaktivierung dessen methodische Trittstufen auf die systemische Landkarte entwicklerischer und beraterischer Landschaft.
Eine (kurze) theologische Einordnung
Ganz auf Praxis orientiert, lässt Schmidt philosophische (Wahrheit), epistemologische (Erkenntnis) und neurobiologische (Freiheit) Fragestellungen beiseite. In einem theologischen Orientierungszusammenhang, wie diesem Magazin, kann dies nicht unkommentiert bleiben. Denn hypnosystemische Praxis ist konstruktivistische Praxis. Jede Realität, so Gunther Schmidt, wird konstruiert.32
So wie die Theologie auch, muss Schmidt aber die unbeantwortbare Frage33 „Was ist wirklich (richtig)?“ entscheiden. Die Paradoxität jeder Antwort wird hypnosystemisch in das Unbewusste und „das System“ verschoben, so dass ein hypothetisch freies Ich sich daraus (und darüber) erheben, mindestens damit umgehen kann.34 Dies kann man (mit Stefan Kühl) als Scharlatanerie bezeichnen,35 und in der Tat muss entwicklerisches und beraterisches Handeln immer von solcher wegbegründet sein, im Kern mittels ethischer Prädikationen entwicklerischer/beraterischer Praxis („Haltung, Haltung, Haltung“).
Aber, weil damit kein Bekenntnis verbunden ist, ist es kein theologisch verwerflicher, vielmehr ein zum Gespräch anregender, für die Theologie durchaus gewinnbringender Kontakt.36
Praxis
Was fangen wir mit all dieser Zukunft an?
YOT, Gott 9.0 und die Dynamik spiritueller Veränderung
„Deine Organisation hat einen hohen Gott-7.0-Gehalt.“ Die Bemerkung stammt von Piet van Veldhuizen, dem niederländischen Übersetzer des Buches Gott 9.0 (Küstenmacher et.al. 2010), nach einem Besuch in Brügge mit dem Kernteam seiner protestantischen Gemeinde. Es war eine beiläufige Bemerkung, aber sie blieb hängen. Sie gab uns plötzlich eine Sprache für etwas, mit dem wir lange gerungen hatten: warum unser Angebot so vielfältig ist, warum wir uns so schwer festlegen lassen, und warum ein Teil dessen, was wir tun, Widerstand hervorruft innerhalb der Kirche, zu der wir selbst gehören.

Dieser Artikel handelt von jener Dynamik des Wandels — nicht als abstrakte kirchenstrategische Frage, sondern so, wie sie sich konkret abzeichnet im Leben von Menschen und im Leben einer kleinen, eigenwilligen Organisation. Wir gehen vom Entwicklungsmodell aus Gott 9.0 aus und benutzen es als Brille, um zu zeigen, was Veränderung bewirkt: an Gottesbildern, an Glaubenssprache, an der Weise, wie Menschen sich in der Kirche noch zu Hause fühlen — oder eben nicht. Zunächst skizzieren wir kurz, was YOT ist. Danach fassen wir die Sicht von Gott 9.0 zusammen. Anschließend verorten wir unsere Arbeit in der gelben Bewusstseinsstufe, Gott 7.0. Schließlich kehren wir zu der Frage zurück, die den Kern dieser Ausgabe bildet: Was bedeutet es, psychologisch und pastoral, wenn Menschen — und Gemeinschaften — ihren vertrauten Formen entwachsen?
YOT: ein Labor für Weltanschauung
YOT ist eine Organisation, gegründet von engagierten Christinnen und Christen, und seit 2002 in und um die Brügger Heilig-Magdalenen-Kirche aktiv. Wir nennen uns ein Labor für Weltanschauung: postkonfessionell, niederschwellig und bewusst gastfreundlich über Überzeugungen hinweg. Unsere Mission ist leicht zu formulieren und schwer zu verwirklichen: Menschen zu inspirieren, ihr alltägliches Leben auf Kurs zu halten. Die beseelende Kraft des christlichen Erbes ist dabei unser Ausgangspunkt — nicht als Museum der Vergangenheit, sondern als lebendige Quelle.
Wir nennen uns ein Labor für Weltanschauung: postkonfessionell, niederschwellig und bewusst gastfreundlich über Überzeugungen hinweg.
Unser Name bedarf vielleicht einer Erklärung. YOT verweist auf das Jod oder Jota, den kleinsten Buchstaben des hebräischen Alphabets und zugleich eine mater lectionis — ein unscheinbares Zeichen, das mitbestimmt, wie ein Wort gelesen und verstanden wird (nicht umsonst sagte Jesus, dass kein Jota vom Gesetz vergehen werde). So möchten auch wir sein: eine kleine Organisation, die gerade in ihrem bescheidenen Format dem Nachdenken über die Zukunft unserer christlichen Tradition Bedeutung und Richtung zu geben hofft.

Wir sprechen deshalb bewusst von Umstimmung statt von Umnutzung. Der Unterschied ist nicht kosmetisch. Umnutzung ersetzt die ursprüngliche Bestimmung durch eine neue. Umstimmung trägt die ursprüngliche Intention des Raumes weiter und stimmt sie zugleich neu auf eine neue Vision ab — so wie man ein Instrument umstimmt. Der Ort bleibt, was er war, und wird etwas Neues. Diese Sowohl-als-auch-Logik, die sich weigert, zwischen Vergangenheit und Zukunft zu wählen, ist kein rhetorischer Trick; sie bestimmt, wie wir Projekte, Namen und Kommunikation denken.
So möchten wir sein: eine kleine Organisation, die gerade in ihrem bescheidenen Format dem Nachdenken über die Zukunft unserer christlichen Tradition Bedeutung und Richtung zu geben hofft.
Im Sommer 2023 bekam all das ein Gesicht mit dem Start von „Madeleine in Brugge“ (benannt nach der Patronin der Kirche, Maria Magdalena): Die Kirche und das benachbarte Pfarrhaus wurden in ein Konzept mit eigenem Namen, Logo und Slogan aufgenommen. „A little piece of heaven“ sagt knapp, was unser Anliegen ist: den Himmel ein wenig näher an die Erde zu bringen. In zwanzig Jahren hat YOT es mit seiner Kommunikation allerdings schwer gehabt. Was sind wir eigentlich? Warum ist unser Angebot so vielfältig? Steckt überhaupt Richtung und Fokus in dem, was wir tun? Sind wir nicht einfach chaotisch? Gerade um diese Fragen zu beantworten und uns selbst besser zu verstehen, bot Gott 9.0 uns eine überraschend klare Brille.
Gott 9.0: Spiritualität als Entwicklungsgeschichte
Das Buch Gott 9.0 dürfte einem Teil der futur2-Leserschaft bekannt sein, doch bei uns — wie vermutlich auch in Deutschland — ist es nur bei einer kleinen Gruppe wirklich verankert. Eine kurze Skizze ist daher angebracht. Die Grundthese lautet, dass Spiritualität in der Geschichte der Menschheit eine Entwicklungsgeschichte durchlaufen hat, beschreibbar in einer Reihe idealtypischer Phasen. Das Modell vergleicht unser Gottesbild mit Software, die hin und wieder ein Update erhält: keine Version ist „falsch“, aber jede Version stößt irgendwann an ihre Grenzen und verlangt nach einer nächsten.
Die Grundthese lautet, dass Spiritualität in der Geschichte der Menschheit eine Entwicklungsgeschichte durchlaufen hat, beschreibbar in einer Reihe idealtypischer Phasen.
Zwei Dinge vorweg, für alle, die das Buch nicht kennen. Das Modell unterscheidet neun Gottesbilder oder Bewusstseinsstufen; wo wir Gott 7.0 oder Gott 9.0 schreiben, geht es also nicht um eine Softwareversion, sondern um das Gottesbild, das zu einer bestimmten Stufe gehört. Und obwohl das Modell populär vereinfacht, steht es nicht allein: Die Intuition, dass sich Glaube in Phasen entwickelt, findet sich auch bei akademisch etablierten Religionspsychologen wie James Fowler (Stages of Faith) und, im deutschsprachigen Raum, Fritz Oser und Paul Gmünder mit ihrer Theorie des religiösen Urteils.
Die Autoren entlehnen ihr Stufenmodell dem amerikanischen Psychologen Clare Graves und dem Philosophen Ken Wilber und stehen damit in jener Tradition, die als Spiral Dynamics oder integrale Psychologie bekannt ist. Neun Bewusstseinsstufen werden mit einer Farbe bezeichnet, und zu jeder Stufe gehört ein anderes Gottesbild:
- 1.0 BEIGE (Überleben — Gott als „große Hand“);
- 2.0 PURPUR (magisch, Stämme, gute und böse Geister);
- 3.0 ROT (Macht, Egozentrik);
- 4.0 BLAU (mythische Ordnung, strenge Gesetze, die eine wahre Wahrheit);
- 5.0 ORANGE (Rationalität, Leistung, Wissenschaft);
- 6.0 GRÜN (Gleichheit, Sensibilität, Pluralismus; Gott als menschenfreundlich und in allen Religionen gegenwärtig);
- 7.0 GELB (integral, individuell; lässt Unterschiede und Gegensätze nebeneinander bestehen);
- 8.0 TÜRKIS (holistisch, weltweit verbunden; Gott als pulsierender Prozess, als „Dichter der Welt“);
- 9.0 KORALLE (Gott als unser Werden-Können).
Zwei Nuancen sind wichtig. Erstens wechseln die Stufen zwischen Ich-bezogen und Wir-bezogen. Die „warmen“ Farben (Beige, Rot, Orange, Gelb) betonen die Ausweitung des Ich; die „kühleren“ (Purpur, Blau, Grün, Türkis) betonen die Gemeinschaft. GELB ist also eine ausgesprochene Ich-Stufe. Das erklärt mit, warum unsere gelbe Grundhaltung mitunter mit einer Kirche reibt, die von jeher im Kollektiven, im „Wir“ und in der gemeinsamen Lehre verwurzelt ist — kein Zusammenstoß zwischen Recht und Unrecht, sondern zwischen zwei Registern. Zweitens sind die Stufen keine Leiter, die man erklimmt, um die vorherigen Sprossen hinter sich zu lassen. Jede höhere Stufe umfasst die vorhergehende und integriert sie. Wer gelb denkt, lässt Blau oder Grün nicht fallen, sondern gibt ihnen einen Platz. Was das Modell selbst weniger scharf benennt, ist der Motor jener Bewegung: was jemanden von einer Stufe zur nächsten zieht. Jedes Mal ist es eine Form der Selbstüberschreitung — ein Aus-uns-selbst-herausgezogen-Werden hin zu einem größeren Ganzen. Die Theologin Carmody Grey gibt dieser Bewegung weiter unten ihren Namen: Liebe.
Wir benutzen das Modell deshalb nicht als Rangordnung, sondern als Spiegel: Es hilft uns zu verstehen, warum unser Angebot ist, wie es ist, und warum es dort aneckt, wo es aneckt.
Wir fügen sogleich hinzu, dass Gott 9.0 nur einer der Rahmen ist, aus denen wir Inspiration schöpfen, und dass das Modell nicht unumstritten ist. Kritiker weisen darauf hin, dass es sich auf Autoren stützt, die in der akademischen Psychologie eine Randrolle spielen, und dass die Einteilung in „höhere“ und „niedrigere“ Stufen leicht elitär entgleisen kann. Zu Recht. Ein Modell ist nie die Wirklichkeit selbst, und wer sich „bei Gelb oder höher“ verortet, läuft Gefahr, auf jene herabzusehen, die das nicht tun — genau das Gegenteil dessen, was Gelb bedeuten sollte. Wir benutzen das Modell deshalb nicht als Rangordnung, sondern als Spiegel: Es hilft uns zu verstehen, warum unser Angebot ist, wie es ist, und warum es dort aneckt, wo es aneckt.
Für die Kirche ziehen die Autoren eine scharfe Schlussfolgerung. Die Theologie ist intellektuell oft schon zu Orange oder Grün vorgestoßen, doch das spirituelle Bewusstsein vieler Kirchgänger blieb blau gefärbt. Blaue Gottesdienste leeren sich, nicht weil die Menschen „die Kirche“ verlassen, sondern weil immer weniger Menschen noch ein blaues Gottesbild haben. Sie brauchen Gesprächs- und Feierformen, die an Orange, Grün — oder, in unserem Fall, an Gelb anschließen. Genau dort verortet sich die Dynamik des Wandels, nach der diese Ausgabe fragt.
GELB: YOT innerhalb von Gott 7.0
Ken Wilber schätzt den Anteil GELB an der Weltbevölkerung auf etwa ein Prozent. GELB entsteht gerade erst, doch bei jungen Menschen und bei innovativen Projekten scheint diese Stufe präsenter.

GELB ist zudem eine Ich-Stufe, und das verlangt eine Gemeinschaft, die nicht versucht, die Menschen festzuhalten und in ihr Schema zu bringen:
„Es wird immer lose-fest bleiben müssen. Es bietet Möglichkeiten an, lässt die Menschen — auch die eigenen — aber frei, davon Gebrauch zu machen oder nicht. Bei GELB muss man nie das ganze Paket abnehmen: Es fördert deine Entwicklung, es bietet Optionen, die du auf deine eigene Weise und auf deiner eigenen Stufe erleben kannst. Das finde ich bei euch stark ausgeprägt.“ (Piet van Veldhuizen)
Im Folgenden skizzieren wir einige Merkmale unserer Arbeit, die unseres Erachtens deutlich gelb gefärbt sind. Wir tun das nicht, um ein Diplom „Gelb“ zu beanspruchen, sondern weil sie konkret machen, wie eine gelbe Grundhaltung in der pastoralen Praxis aussieht.
Projektbezogen und auf den Einzelnen zugeschnitten arbeiten.
YOT hat kein Jahresthema und keinen starren Mehrjahresplan. Weil wir stark auf die Gelegenheiten des Augenblicks eingehen, kann unsere Arbeit viele Richtungen einschlagen. Unsere fünf strategischen Ziele sind bewusst vage, jedes in einem Wort: YOT wertet neu, inspiriert, imaginiert, weitet, unternimmt. Man könnte sagen, dass sie gerade deshalb nicht so strategisch sind. Und doch funktionieren sie für uns wie Leuchttürme in bewegter See. Sie machen uns wendig, und die Freiheit, die sie bieten, schafft eine große Dynamik.
Unsere fünf strategischen Ziele: YOT wertet neu, inspiriert, imaginiert, weitet, unternimmt.
Als der Krieg in der Ukraine ausbrach, stellten wir innerhalb weniger Stunden eine rituelle Installation in die Kirche; andere Projekte ziehen sich über Jahre. Die richtige Frage zu stellen ist dabei wichtiger als die Antwort. Der tschechische Priester Tomáš Halík meint, dass manche Fragen so schön sind, dass wir sie nicht mit Antworten verderben dürfen.
Ein Teal-Organisationsmodell.
Wir lassen uns vom „Teal“-Managementmodell von Frédéric Laloux inspirieren: Wir arbeiten lieber nicht mit abgegrenzten Aufgabenpaketen, sondern mit wechselnden Rollen; über das Beratungsverfahren kann jede und jeder Entscheidungen treffen, sofern Rat eingeholt wird bei Fachleuten und bei denen, die die Folgen tragen. Teal-Organisationen legen ihr Ziel zudem außerhalb ihrer selbst. Das Ziel von YOT ist nicht, den Verein zu erhalten, sondern am Reich Gottes mitzuwirken — säkular übersetzt: am guten Leben für alle. Eine andere Organisation mit demselben Ziel ist nie ein Konkurrent, sondern ein Verbündeter.
Das Kirchengebäude als Raum für Leere.
Als wir 2002 begannen, entfernten wir vierhundert Stühle aus der Kirche. Unsere einschneidendste jüngere Entscheidung war, 2023 das monumentale Möbelstück, das damals im Kirchenschiff errichtet worden war, teilweise verschwinden zu lassen (ein großes, maßgefertigtes hölzernes Bauwerk, das das Kirchenschiff jahrelang beherrschte) — lange unser Paradestück. Über dieses Verschwinden wird getrauert; etwas Vertrautes fällt weg.
Das Ziel von YOT ist nicht, den Verein zu erhalten, sondern am Reich Gottes mitzuwirken — säkular übersetzt: am guten Leben für alle. Eine andere Organisation mit demselben Ziel ist nie ein Konkurrent, sondern ein Verbündeter.
Doch wollten wir unserem Labor-Charakter treu bleiben, mussten wir Raum für Neues schaffen. In den leeren Raum setzten wir auf den Kirchenboden, in großen Lettern, die Frage der Künstlerin Coco Capitan: „What are we going to do with all this future?“ Diese Leere nicht im Voraus zu füllen, ist kein Mangel an Vision; es ist die Vision. Oder anders formuliert: Es ist ein Bekenntnis des Glaubens. Eine Kirche ist ein Ort „ungerichteter Aufmerksamkeit“: kein Museum, in dem man weiß, was man betrachten muss, sondern ein öffentlicher Raum, in dem nichts muss und vieles kann.
Die Vorhalle: eine Schwelle, die einlädt.
Wer die Magdalenenkirche betritt, passiert zuerst die Vorhalle — den Übergang zwischen dem gewöhnlichen Leben und dem Kirchenraum. Auch hier treffen wir gelbe Entscheidungen. In der Vorhalle sieht der Besucher gleich eine Reihe von Wörtern, die sagen, wer wir sind und was wir tun. Es sind nicht die Wörter, die man in einer Kirche erwartet. Wir greifen zwei heraus.

Erst wer anschließend den eigentlichen Eingang der Kirche sucht — die Tür zwischen der Vorhalle und dem Kirchenschiff — stößt auf eine zweite Überraschung. Statt eines Pfeils, eines Schilds „Eingang“ oder eines „Ziehen“ steht auf dieser Tür, in den drei Farben von Madeleine in Brugge, ein Zauberspruch: Sesam, öffne dich. Der Spruch stammt aus Ali Baba und die vierzig Räuber, einer der Erzählungen aus Tausendundeine Nacht, und holt so bewusst eine nicht-westliche Erzähltradition in das Kirchengebäude. Gerade dieser Austausch mit dem Fremden und die Dynamik, die daraus entsteht, sind genau das, was wir suchen: keine Anweisung, sondern eine Einladung zum Staunen.
Der Spruch ist zudem vielschichtig. Manchen Quellen zufolge ist „Sesam“ verwandt mit dem hebräischen šem — dem Namen, Gott — und mit šem-šamájim, „dem Namen des Himmels“. Zugleich zwinkert er dem magischen Denken von Gott 2.0 zu, das in unserer Welt nie ganz verschwindet: Auch wer gelb denkt, sucht in unsicheren Zeiten weiterhin Schutz und Verzauberung. Das ist kein Rückfall, sondern Integration — keine Stufe wird abgeschafft, jede Stufe darf mitklingen.
Und der Spruch enthält eine feine Paradoxie, die den Kern dieses Artikels berührt. Er richtet sich an ein passives Element — in der ursprünglichen Erzählung an die Sesampflanze, deren heilsame Kraft im Menschen wirken darf — und legt also nahe, dass sich etwas in uns durch das Zutun von „etwas anderem“ verändern kann. Doch die Tür geht nicht von selbst auf: Der Besucher muss sie selbst öffnen, um das Kirchenschiff zu betreten. Veränderung wird gegeben und getan. Was dann geschieht, überlassen wir dem Wunder der Begegnung.
Paradoxien pflegen und Gegensätze verbinden.
GELB lässt Unterschiede und Gegensätze bewusst nebeneinander bestehen. Vor einigen Jahren gaben wir einer acht Meter hohen Statue — dem Tantalus aus der griechischen Mythologie — einen prominenten, dauerhaften Platz in der katholischen Magdalenenkirche. Ein nicht-christliches Bildwerk in einer Kirche: das ist ein Statement, und es löste eine interne Krise zwischen Befürwortern und Gegnern aus. Das Bildwerk wirkte also schon, bevor es dort stand; sofort wussten wir, dass es hierher gehörte. Niemand, auch YOT nicht, wird dem Besucher vorsagen, was es bedeutet; es liegt an jedem, es zu lesen. Es bereichert uns, auch wenn es reibt. Es gibt eben keinen Glanz ohne Reibung. In einem Nebengebäude der Kirche investierten wir in öffentliche Toiletten — eine gewöhnliche, nützliche Einrichtung in einer Stadt voller Passanten. Doch wir gaben ihnen ein spirituelles Augenzwinkern und nannten den Ort einen „Übungsort im Loslassen“. Das ist typisch gelb: Es verweigert die Trennung zwischen profan und heilig und macht aus der alltäglichsten Handlung einen kleinen Moment von Bedeutung und Selbstrelativierung. Oder es betont die untrennbare Verbindung von Leib und Geist.
YOT ist keine Mitgliederorganisation. Menschen kommen und gehen frei; wenn jemand uns verlässt, erleben wir das nicht als Scheitern.
Individuelle Freiheit — und die Einsamkeit, die dazugehört. YOT ist keine Mitgliederorganisation. Menschen kommen und gehen frei; wenn jemand uns verlässt, erleben wir das nicht als Scheitern. Wir hoffen nur, dass wir für die Zeit, in der jemand bei uns war, einen bescheidenen Beitrag zu seinem oder ihrem Wachstum geleistet haben. Es ist befreiend, in Gott 9.0 zu lesen, dass die gelbe Stufe auch Einsamkeit mit sich bringt. Wir sind eine Minderheit, die diese Sichtweise teilt — auch wenn viele Mitgläubige und kirchlich Verantwortliche unser Projekt wertschätzen, selbst wenn sie nicht jeden Schritt mitgehen. Aus dieser Isolation kommen wir auch heraus, indem wir uns mit Partnern außerhalb der Kirche verbinden: der Stadtverwaltung, dem Kulturerbe-Sektor und dem Tourismus, die die Magdalenenkirche als einen „Ort der Zukunft“ zu sehen begonnen haben und den Besucher nicht als Konsumenten, sondern als Pilger betrachten. Eine Kirche als Zukunftsort — da liegen spannende Querverbindungen zum christlichen Erbe.
Die Dynamik des Wandels: pastoralpsychologisch gelesen
Was bedeutet es nun, psychologisch und pastoral, wenn Menschen den traditionellen Ausdrucksformen des Glaubens und einer naiven theologischen Sprache entwachsen? Die Redaktion von futur2 hat diese Frage scharf gestellt, und das Modell von Gott 9.0 hilft, sie zu klären.
Der pastorale Gewinn liegt in dieser Umdeutung: nicht „du hast deinen Glauben verloren“, sondern „dein Gottesbild ist reif für ein Update“.
Oft wird ein solches Entwachsen als Verlust erlebt — von den Betroffenen wie von der Gemeinschaft. Wer dem blauen Gottesbild entwächst, hält sich nicht selten für einen Atheisten oder gar Antitheisten, weil er den allmächtigen Schöpfer von seinem Thron gestoßen hat. Das ist jedoch selten Unglaube; meist ist es ein Akt der Selbstbefreiung, ein notwendiger Zwischenschritt zu einem weniger anthropomorphen, transpersonalen Gottesverständnis. Der pastorale Gewinn liegt in dieser Umdeutung: nicht „du hast deinen Glauben verloren“, sondern „dein Gottesbild ist reif für ein Update“. Genau das kann ein gelber Ort bieten: Sprache und Raum, um diesen Übergang nicht als Problem, sondern als Wachstum zu erleben. Die Kirche ist für uns daher ein Ort der Trauer und des Übergangs zugleich.

Hilft eine höhere Bewusstseinsstufe, mit dem Veränderungsdruck unserer Gesellschaft zurechtzukommen? Zum Teil. Wer mit Paradoxien leben lernt, wer Unterschiede nicht sofort auflösen muss und Unsicherheit ertragen kann, steht wendiger in einer Welt, die permanent kippt. Doch das Modell warnt auch: Gelb bringt Einsamkeit mit sich und die Versuchung der Überlegenheit. Eine höhere Stufe ist also keine Rüstung gegen die Zeit; sie ist vielmehr eine andere Weise, in ihr zu stehen — offener, mit mehr Toleranz für Spannung, aber auch verletzlicher.
Ist es schließlich erstrebenswert, Menschen zu einer höheren Bewusstseinsstufe zu verhelfen, und wenn ja, wie? Hier ist Vorsicht geboten. Man kann niemanden „hochstufen“, und das Erzwingen-Wollen von Wachstum ist selbst ein Zeichen dafür, dass einem die gelbe Grundhaltung fehlt. Was sehr wohl geht, ist das Ermöglichen: eine Umgebung schaffen, in der Entwicklung möglich wird, ohne verpflichtend zu sein. Unsere Frage lautet nie „wie verkünden wir unsere Botschaft am besten?“, sondern „was hilft Menschen heute, ihr Leben auf Kurs zu halten?“ Bewusstwerdung — ein offener Geist, ein offenes Herz und ein offener Wille, in den Worten von Otto Scharmers Theorie U — lässt sich einladen, nicht erzwingen. Wachstum widerfährt Menschen, so wie die schönsten Begegnungen uns widerfahren. Unsere Aufgabe ist es, die Schwellen zu senken und das Unerwartete möglich zu machen.
Communio: die nächste Schwelle
Wenn wir vorausblicken, worauf YOT in den kommenden Jahren setzen möchte, dann ist es der Begriff communio. Auf den ersten Blick scheint das mit allem zu kollidieren, was wir oben über Gelb und individuelle Freiheit geschrieben haben — und gerade diese Spannung macht es zu unserer wichtigsten Herausforderung. Die britische Theologin Carmody Grey bringt scharf auf den Punkt, was auf dem Spiel steht. Ohne eine tiefe Beziehung zur Natur, zu anderen Menschen und zu Gott, sagt sie, wissen wir nicht mehr, wer wir sind. Wir haben eine Lebensweise aufgebaut, die uns von der Natur, voneinander und von Gott löst — und wir stehen erst am Anfang von Klimawandel und künstlicher Intelligenz. Gegen die Einsamkeit und den Sinnverlust vor allem junger Menschen hält sie fest, dass wir bedeutungsvolle Beziehungen brauchen: Bedeutung ist Beziehung.
Was sehr wohl geht, ist das Ermöglichen: eine Umgebung schaffen, in der Entwicklung möglich wird, ohne verpflichtend zu sein. Unsere Frage lautet nie „wie verkünden wir unsere Botschaft am besten?“, sondern „was hilft Menschen heute, ihr Leben auf Kurs zu halten?“
Diese Gemeinschaft — communio — ist etwas ganz anderes, als soziale Medien versprechen. Jemandem eine Plattform zu geben, wenn er sich nach Gemeinschaft sehnt, ist Grey zufolge „als gäbe man einem Kind einen Stein, wenn es um Brot bittet“. Keine bloße Verbindung, wie ein Laptop sich mit dem Internet verbindet, sondern Beziehung in ihrer vollen Wirklichkeit, ein bleibendes Ineinander-Wohnen. Und hier berührt sie den Kern des Wortes katholisch. Wir gebrauchen es meist, um eine Gruppe von Gläubigen zu bezeichnen, doch das griechische kata holon bedeutet „gemäß dem Ganzen“: bezogen sein auf alles — auf die ganze Schöpfung, auf alle Menschen, auf Kultur, Wissenschaft und Natur. Katholisch sein ist also das Gegenteil von Nach-innen-gekehrt-Sein. Communio ist in diesem Sinne Verbundenheit mit allen Menschen, mit der Natur, mit der Welt — und mit dem Grund von all dem, den wir Gott nennen. Und dieses Sich-nach-außen-Kehren hat bei Grey einen Namen: Liebe — die Energie, die uns aus uns selbst herausführt, zu anderen Menschen, zur Schöpfung, zu Gott. Es ist dieselbe Bewegung, die die ganze Entwicklung trägt: Jeder Schritt in Gott 9.0 ist einer der Selbstüberschreitung.

Ohne eine tiefe Beziehung zur Natur, zu anderen Menschen und zu Gott, sagt sie, wissen wir nicht mehr, wer wir sind.
Wie verhält sich das zu Gelb? Gott 9.0 selbst weist die Richtung. Nach den gelben Individualisten bricht dem Modell zufolge eine neue Wir-Zeit an — die des türkisen Bewusstseins, in dem alles mit allem verbunden ist und die positiven Kräfte aller Stufen genutzt werden. Gelb ist also kein Endpunkt und schon gar keine Flucht aus der Gemeinschaft; es ist die Ich-Stufe, die eine freiere Form des Zusammenseins vorbereitet. Genau darin liegt unsere Aufgabe. YOT ist stark in der gelben Grammatik der Freiheit — lose-fest, keine Mitgliederwerbung, Kommen und Gehen — doch diese Freiheit droht in dieselbe Atomisierung zu entgleisen, die Grey beschreibt. Was wir suchen, ist eine communio, die niemanden festhält und dennoch wirklich trägt: keine Rückkehr zum blauen oder grünen Wir, das Menschen in ein Schema zwingt, sondern eine Verbundenheit, die Unterschiede bestehen lässt. Sie schließt nahtlos an das an, was wir immer schon sagten — dass das Ziel von YOT außerhalb seiner selbst liegt, im Mitwirken am guten Leben für alle — und sie verbindet unsere gelbe Arbeit neu mit der katholischen Wurzel, aus der sie hervorgeht. Ganz konkret wird das sichtbar in der Weise, wie wir Menschen an der Schwelle willkommen heißen, in der Sorge um jene, die einsam sind, in unserem Einsatz für die Schöpfung und in der geduldigen Arbeit, Menschen wieder leibhaftig zusammenzubringen.
Das Experiment: so arbeiten wir an Zukunft
Noch eines, und es bringt uns zur Zukunft. YOT ist ein Labor für Weltanschauung, und das Experiment ist für uns nicht unverbindlich, sondern wesentlich. Nur indem wir Dinge ausprobieren, Prototypen entwickeln und unserer Vorstellungskraft Gestalt geben, können wir an Zukunft arbeiten. Wer auf Nummer sicher geht, wiederholt bestenfalls die Vergangenheit.
Eine Kirche, die auf Kontinuität gebaut ist, mag von sich aus das Experiment nicht — und doch sind gerade diese Experimente für uns der einzige Weg, wirklich zukunftsgerichtet zu sein.
Der deutsche Theologe J. B. Metz beschrieb in seinem Buch „Zeit der Orden?“ die Ordensgemeinschaften und Kongregationen als die innovierende, prophetische Kraft innerhalb der Kirche — komplementär zur Institution, die vor allem die Kontinuität wahrt. Beide sind nötig, und sie setzen einander voraus. YOT arbeitet im Kontext der Institution, teilt aber die Intentionen jener zweiten Kraft: empfänglich für die Nöte der Zeit, ausgerichtet auf das, was noch nicht ist. Das macht unsere Lage mitunter komplex. Eine Kirche, die auf Kontinuität gebaut ist, mag von sich aus das Experiment nicht — und doch sind gerade diese Experimente für uns der einzige Weg, wirklich zukunftsgerichtet zu sein.
Schluss: ein Gott, der sich mit Zukunft verbindet
Im Schiff unserer Kirche steht nicht zufällig eine Frage über Zukunft, und hängt nicht zufällig eine Schaukel. Beide zeugen von Bewegung. Eine der Gründungspersonen unserer Organisation weist gern auf die Zukunft im Gottesnamen aus dem Exodus hin, EHEJEH ASCHER EHEJEH, jahrhundertelang übersetzt als „ich bin, der ich bin“. Doch im Hebräischen lässt sich das Verb „sein“ nicht in der Gegenwart konjugieren. Zutreffender ist: ich werde sein, der ich sein werde. Gott verbindet sich stets mit Zukunft, mit Perspektive, mit Sehnsucht. Selbst ein anderer Gottesname, EL, bedeutet „zu“, „in Richtung auf“. Wer Gott denkt, kann der Bibel zufolge nicht anders, als an Bewegung zu denken.
Veränderung ist für uns keine Bedrohung, die wir erleiden, sondern der Grundton des Glaubens selbst.
Darin liegt, denken wir, die tiefste Berührung zwischen der Geschichte von YOT und der Geschichte von Gott 9.0. Veränderung ist für uns keine Bedrohung, die wir erleiden, sondern der Grundton des Glaubens selbst. Die große Erzählung, die uns beseelt, kann ihre Kraft nur bewahren, wenn sie in Bewegung bleibt. „What are we going to do with all this future?“ Es ist keine rhetorische Frage. Es ist der Auftrag einer Kirche, die zu glauben wagt, dass die schönste Version ihres Gottesbildes noch vor ihr liegt.
Praxis
Koordinaten einer transformativen religiösen Bildung
Transformation als Revolution
Zunächst kann Transformation im Sinne der Revolution in den Blick genommen werden. Wenn hier von Revolution gesprochen wird, ist nicht ein Umsturz im Sinne einer gewaltvollen Machtübernahme gemeint, sondern es wird eher ein grundlegender Perspektivenwechsel anvisiert. In unterschiedlichsten Fachdisziplinen finden sich derzeit Publikationen, die ein neues Denken einfordern, wie beispielsweise die Einladung der Transformationsforscherin und Ökonomin Maja Göpel in ihrem Buch „Unsere Welt neu denken“37. In der Philosophie hat Eva von Redecker vor dem Hintergrund neuer Protestformen eine „Revolution für das Leben“ vorgelegt38. Sie beschreibt darin, was bereits getan wird, um ein gelingendes Leben zu ermöglichen. Und sie geht einen radikalen Schritt, wenn sie eine „Vergesellschaftung von Gütern“39 fordert: Anstelle von Beherrschung, Verwertung und Zerstörung tritt sie ein für das „Retten“ von Leben40, das „Re-Generieren“ von Arbeit41 und das „Teilen“ von Gütern42. Kein Wunder, dass sie der Theologe und Philosoph Jürgen Manemann43 in seinem Plädoyer „Revolutionäres Christentum“ häufig als Gewährsfrau zitiert. Wenn auf die revolutionäre Sprengkraft der eigenen theologischen Tradition verwiesen wird, dann wird bereits mit Blick auf das älteste Evangelium sehr schnell klar, dass die Jesusbewegung sehr früh eine Umkehrung herkömmlicher Denkmuster einforderte. Wenn, wie Angela Büchel-Sladkovic es tut, Mk 1,14 mit „Denkt neu und vertraut der guten Nachricht“ übersetzt wird44, dann wirkt das erstaunlich aktuell. In der derzeitigen Debatte um neue Formate der Transformationsgestaltung spielen solidarische Lebensformen wie beispielsweise Solidarische Landwirtschaft oder alternative Wirtschaftsweisen eine wichtige Rolle. Die Idee einer solidarischen Lebensweise, in der Reichtum geteilt wird, damit alle gut leben können, ist Christ:innen nicht fremd. Sabine Bieberstein und andere Bibliker:innen weisen darauf hin, dass dies insbesondere im Lukasevangelium und in der Apostelgeschichte gut belegt ist45. Kirchengeschichtlich kann der Bogen weiter auf die Armutsbewegung im Mittelalter geschlagen werden, die aktuell in der integralen Ökologie von Papst Franziskus gipfelt. Eine wichtige Stellschraube in Richtung sozial-ökologischer Transformation ist die kulturelle Dimension, weswegen im Transformationsdiskurs auch ein Rückgriff auf Bewährtes festzustellen ist.Denkt neu und vertraut der guten Nachricht.
Transformation im Rückgriff auf Bewährtes
Die großen Fragen des Lebens werden schon längst nicht mehr in Kirchen oder theologischen Debatten, sondern in Literatur, Film, Popkultur und/oder neuen kulturellen Formaten wie Poetryslams46 geführt. Das Erfinden von neuen Narrativen, also sinnstiftenden Erzählungen, geschieht nicht selten auf der Basis von uralten biblischen Texten. Traditionell theologische Fragestellungen werden im Kontext von Nachhaltigkeit aufgenommen. Das Narrativ des Wandels von der Raupe zum Schmetterling hat beispielsweise auch eine lange christliche Tradition. Diese ist sehr eindrücklich sichtbar im Regensburger Diözesanmuseum. Bei der Restaurierung eines stark verwitterten gotischen Holzkreuzes wurde am Hinterkopf des Gekreuzigten eine grüne Schnur bemerkt. Wenn man daran zog, öffnete sich im Hinterkopf der Figur des Gekreuzigten ein Hohlraum. Darin lag ein Lederbeutel, der einen bunten Schmetterling, eine feuervergoldete Emailarbeit aus Silber, beinhaltete. Ein:e unbekannte:r Künstler:in hat auf den Flügeln des Schmetterlings die Kreuzigung Jesu dargestellt. Mit dem Schmetterling wird deutlich: der Tod ist nicht das Ende, aus dem Tod entsteht neues Leben. Der Gekreuzigte hatte im wahrsten Sinne des Wortes seine Auferweckung „im Hinterkopf“47.
In der Transformationsforschung wird von der Sachverständigengruppe „Weltwirtschaft und Sozialethik“ der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz bemängelt, dass die kulturellen, und damit oftmals auch religiös begründeten Bedingungen des Wandels häufig nicht mitbedacht würden48. Auf der Suche nach religiösen Bildungssettings, die die Sehnsüchte und Hoffnung der Menschen in der Welt von heute aufnimmt, ist es legitim, wenn nicht sogar geboten, auf bewährte (Glaubens-)Traditionen zurückzugreifen49.
Nicht von ungefähr kommt der Trend der DIY-Bewegung, also die Rückkehr zu handwerklichen Tätigkeiten und der Rückzug ins Private, das unter den Stichwörtern Cocooning oder Hygge verhandelt wird. Der Ruf und Rückgriff auf Traditionen darf allerdings nicht unkritisch stattfinden. Es bedarf der Anpassung an die Bedingungen der Gegenwart, um fundamentalistische Engführungen zu vermeiden. Mit Rudolf Englert ist darauf hinzuweisen, dass eine lebendige Tradition nicht ein „Fundus ewiger Wahrheiten“, sondern eher ein „Instrumentarium zur Hervorbringung situationsangemessener Reaktion“ ist50. Und Englert weiter: „Die Tradition liefert eine Grammatik zur Generierung immer wieder neuer Lesarten von Welt.“51.Die Tradition liefert eine Grammatik zur Generierung immer wieder neuer Lesarten von Welt.
Bewährte kirchliche Bildungsorte haben sich bereits auf den Weg hin zu einer sozial-ökologischen Transformation gemacht. Insbesondere Klöster, kirchliche Bildungshäuser und andere kirchliche Institutionen besinnen sich auf Altbewährtes und steuern den kontinuierlichen Prozess einer Verbesserung im sozial-ökologischen Bereich durch die Standards des europäischen Umweltmanagement- und Auditierungssystem EMAS bzw. EMAS+. Was diese Bildungsorte mit dem Rückgriff auf Bewährtes außerdem auszeichnet, ist ein ganzheitlicher Ansatz, der ein entscheidender Katalysator für die sozial-ökologische Transformation von Institutionen und Systemen ist und hier als dritte Koordinate einer transformativen religiösen Bildung entfaltet wird.
Die transformierende Wirkung eines Whole Institution Approach
In der Bildungsforschung wird im Hinblick auf eine Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) immer wieder auf die Wirksamkeit eines ganzheitlichen Ansatzes hingewiesen. Dabei wird von der UNESCO (Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur) die Bedeutung eines Whole Institution Approachs betont. Es stehen für die verschiedenen Lernorte von der Kita bis zur Universität Bildungsmaterialien zur Verfügung. Bei der Beschreibung dieser ganzheitlichen Betrachtungsweise werden interdisziplinär die Erkenntnisse der Bezugswissenschaften Pädagogik, Psychologie, Soziologie, Ökonomie, Architektur oder auch Transformationswissenschaften aufgenommen. Sowohl Inhalte als auch Ziele und Methoden sollten so gewählt werden, dass sie auf ein Handeln in komplexen Systemen vorbereiten. Wichtig ist dabei auch die Ausbildung einer Schulkultur, die Partizipation, Transparenz, Achtsamkeit und die individuellen Potentiale der Lernenden fördert. Gerade für die eingangs erwähnte Generation Z sind dies wichtige Bereiche. Es geht also bei der sozial-ökologischen Transformation auch um die Ausbildung von Haltungen. Wertschätzung, Offenheit, Achtsamkeit werden im Sinne der Werteprimärerfahrung ausgebildet, wenn sich Wertediskurse in der eigenen Praxis widerspiegeln. Die transformierende Wirkung dieses ganzheitlichen Ansatzes kann beispielsweise auch an Universitäten beobachtet werden, wenn bei einer nachhaltigen Gestaltung die Handlungsfelder Governance, Forschung, Lehre, Campusmanagement, studentische Initiativen und Transfer gleichermaßen beachtet werden. In diesen Handlungsfeldern spiegelt sich die Grundaufgabe einer nachhaltigen universitären Entwicklung wider. Die Durchgängigkeit von nachhaltigen Prozessen in all diesen unterschiedlichen Feldern kann ein Kriterium sein, die eine Universität als „Institution mit einem weit fortgeschrittenen und weitreichenden Nachhaltigkeitsgesamtkonzept“52 auszeichnet. Neben dem ganzheitlichen Ansatz in Institutionen spielen auch die beiden folgenden werteorientierten Bedingungen eine wichtige Rolle, die zum Gelingen von Transformationsprozessen beitragen.Es geht bei der sozial-ökologischen Transformation auch um die Ausbildung von Haltungen.
Bedingungen gelingender Transformation: Freiheit und Wertschätzung
Eines der grundlegendsten Dinge der jesuanischen Botschaft ist die freie und gleiche Würde aller Menschen. Bibliker:innen werden nicht müde, hier auf die paulinische Tradition der vielfältigen Charismen aller zu verweisen. Thomas Söding bezeichnet insbesondere den Galaterbrief als „die Magna Charta christlicher Freiheitslehre“53. In humanwissenschaftlicher Perspektive spielen Freiheitskonzepte ebenfalls eine entscheidende Rolle. Wenn Eva von Redecker, wie oben gesehen, auf die Notwendigkeit revolutionärer Veränderungen verweist, steht sie in der Tradition Hannah Arendts. Und Hannah Arendts Definition von Freiheit ist eine sehr konkrete und gesellschaftlich einladende: „Diese öffentliche Freiheit ist eine handfeste lebensweltliche Realität, geschaffen von Menschen, um in der Öffentlichkeit gemeinsam Freude zu haben – um von anderen gesehen, gehört, erkannt und erinnert zu werden. Und diese Art von Freiheit erfordert Gleichheit, sie ist nur unter seinesgleichen möglich.“54 Freiheit wird für Hannah Arendt sichtbar in einer öffentlichen, gemeinsam geschaffenen Wirklichkeit. Sie bezieht sich dabei auf den Freiheitsbegriff von Immanuel Kant, der es als Freiheit ansieht „von seiner Vernunft in allen Stücken öffentlich Gebrauch zu machen“55. Zweck des Zusammenlebens ist es, gemeinsam Freude daran zu haben und sich gegenseitig zu ermutigen, zu bestärken oder sich ggf. auch zu korrigieren. Sie beschreibt nichts anderes als ein Leben in einem öffentlichen Raum, in dem es für alle möglich ist, ohne Gewalt und ohne Angst vor Gefährdung leben zu können.Freiheit wird sichtbar in einer öffentlichen, gemeinsam geschaffenen Wirklichkeit.
Dass die Angst, Schaden zu nehmen, nicht unbegründet ist, zeigen zahlreiche gesellschaftliche und – wie hinlänglich bekannt – auch kirchliche Beispiele. Zu den besonders vulnerablen Gruppen zählen Kinder und Jugendliche, Frauen, People of Color, Menschen mit Beeinträchtigungen, Geflüchtete, nicht heterosexuelle Menschen und Menschen in ethnischen oder religiösen Minderheiten56.
Hier gilt es, eine Theologie der Freiheit zu etablieren. Eine solche fordert die Dogmatikerin Gunda Werner im Anschluss an Judith Butler und Michel Foucault. Nach Werner ist eine Theologie der Freiheit kreativ, performativ und kritisch57. Die meisten Inszenierungen der „Letzten Generation“ können beispielsweise als kreativ, performativ und kritisch zugleich charakterisiert werden. Wichtig dabei ist, dass angstfrei agiert wird. Und genau das fordert Michael Böhnke in der biblischen Tradition der Parrhesia, nämlich Freimut: „Freimütig redet, wer seine Einstellung und Haltung offenlegt und sie nicht aus Angst vor Sanktionen unterdrückt oder verstellt.“58 Das biblische „Fürchte dich nicht“ bedeutet also im Klartext, keine Angst zu haben vor nichts und niemandem.
Freimut macht nicht selten verwundbar. Religiöse Bildung, die auf eine sozial-ökologische Transformation zielt, nimmt die Verwundungen der menschlichen und mitmenschlichen Welt in den Blick. Die französische Philosophin Corine Pelluchon, die ebenfalls eine wichtige Mitdenkerin der Transformationsbewegung ist, legte 2019 eine in deutscher Übersetzung erschienene „Ethik der Wertschätzung“ vor59. Darin benennt sie im Untertitel „Tugenden für eine ungewisse Welt.“ Eine Tugend der Wertschätzung erkennt den:die andere:n oder auch die Mitwelt in ihrem jeweiligen Eigenwert und weiß auch gleichzeitig um den Eigenwert der eigenen Person. Die eigene Verletzbarkeit, Brüchigkeit und Unzulänglichkeit wird dabei mitgedacht genauso wie auch bei Mitmensch und Mitwelt. Der, die oder das Andere wird damit zum Teil der eigenen Gestimmtheit60. Es gibt viele Hinweise darauf, dass gerade im Bildungsalltag die Tugend der gegenseitigen Wertschätzung noch ausbaufähig ist. Insbesondere Erzieher:innen und Lehrer:innen klagen häufig darüber, dass ihre Arbeit selten wertgeschätzt wird. Auch die Akteur:innen der Letzten Generation fühlen sich mit ihrem Anliegen i. d. R. wenig wertgeschätzt und wahrgenommen. In den verschiedenen politischen Systemen, wo ihr diese Wertschätzung entgegengebracht wird, kann eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit der Einbindung aller Ressourcen stattfinden61.
Resümee: Grundlinien einer transformativen religiösen Bildung
Nach den oben ausgeführten Darlegungen kann eine transformative religiöse Bildung zusammenfassend als ein christliches Bildungsverständnis charakterisiert werden, das ein radikales Umdenken in Freiheit mit Anerkennung der Würde von Mensch und Mitwelt unter Rückgriff auf bewährte tragende Systeme in Angriff nimmt. Die Koordinaten, innerhalb derer sie sich ausspannt, liegen zwischen Revolution und dem Neu-Denken einerseits und dem Rückgriff auf bewährte kulturelle oder religiöse Traditionen andererseits. Wichtige Bedingungen von Transformation, nämlich Freiheit und Wertschätzung werden idealerweise durch einen ganzheitlichen Ansatz im Sinne eines Whole Institution Approach gewährt.
Praxis
Verstörend: Redet bitte nicht von Gott
Im Raum zwischen den Widersprüchen
In einem Interview im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung bringt die Schauspielerin Sohie Reus, Katholikin, ihre ambivalente Haltung bezüglich ihres Glaubens an Gott zum Ausdruck. „Ich glaube nicht an Gott, aber ich kann auch nicht nicht dran glauben“. Sie verortet sich mit ihren Glaubenserfahrungen in den „Räume(n) zwischen den Widersprüchen“, in denen sich, so wie sie sagt, das Leben ereignet.51
Ja, das trifft auch meinen Standpunkt. Glaubenserfahrungen finden ihren Ort in den „Zwischen-Raümen“ der Gegensätzlichkeit, der Ambivalenzen und Paradoxien62. Klarheit und Sicherheit, Glück und Zufriedenheit sind hier, zwischen den Gegenpolen, nicht gegeben. Ebenso wenig gibt es zufriedenstellende Antworten, wir mögen sie noch so dringlich suchen. Die Frage, ob und wie wir von Gott und über Transzendenz reden sollten, steht natürlich immer im Raum. Ich verneine allerdings die Möglichkeit einer Antwort. Die Frage ist einfach zu groß, zu umfassend, auch zu existentiell, als dass sie schnelle oder auch komplexe Antworten erlaubte. Für die Rede von Gott und auch über Gotteserfahrung ergibt sich daraus für mich, besser gar nicht erst von Gott zu reden. Natürlich stellt dies ein Dilemma dar, denn wie sollen wir uns angesichts dieser Unmöglichkeit, von Gott zu reden, über ihn und unser Verhältnis zu ihm austauschen?
Nicht von Gottes-Erfahrung reden …
Trotz dieses Dilemmas halte ich am Verzicht auf jegliches Reden von und über Gott und Gotteserfahrung fest und begrenze mich auf die Rede und den Austausch über Glaubenserfahrung. Dies ist natürlich eine Grundsatzfrage, aber in Hinblick auf Gott, Gottes- und Transzendenzerfahrung erscheint es mir nicht nur sinnvoll, sondern nahezu zwingend, Erfahrung der Begrenztheit zuzulassen, allem Zweifel Raum zu geben, jeglicher (verdrängten) Irritation nachzugehen und genau diese Erfahrungen – Begrenztheit, Zweifel, Irritation – zum Ausgangspunkt und Gegenstand des theologischen Diskurses in der Frage nach Gott zu machen63. Dabei ist dann auch eine nicht geringe Menge an Skepsis hilfreich, eine konstruktive Skepsis gegenüber allen, die glauben genau zu wissen was und wie Gott ist.
Ich glaube nicht an Gott, aber ich kann auch nicht nicht dran glauben
… sondern über Glaubens-Erfahrung
Auf den Weg dieser durch Skepsis inspirierten Such- und Redeversuche brachten mich unzählige Menschen, mit denen ich als Seelsorger in Kontakt kam und die mich an den Erfahrungen ihres Lebens und Glaubens teilhaben ließen. Hier der Spur Anton T. Boisen’s folgend, gelten sie mir, anders als die (Lehr-)Dokumente der Kirche und der Tradition, als „living human documents“64. Durch ihre Kompetenz (als Leidende) haben sie meine Skepsis in Hinblick auf die „klassische“ Rede von Gott immer wieder neu angeregt und mich auf die Spur der Erfahrung als „Zwischen-Raum“ der Offenbarung gesetzt. Neben ihnen sind auch Theologen mit auf dieser Spur. Edward Schillebeeckx65 und Michel de Certeau66 sind hier exemplarisch zu nennen, wie aus jüngster Zeit Jonas Maria Hoff67. Er hat den Diskurs zwischen radikalem Konstruktivismus und der Theologie (neu) angefacht und bürstet so manches gegen den Strich. Theolog*innen fordert er heraus, sinnvoll vom verborgenen Gott zu sprechen, auf theologische und insbesondere „ontologische Killerargumente“ zu verzichten und sich der Konstruktionalität der eigenen Aussagen und Theorien bewusst zu werden68.
Für die Rede von Gott und auch über Gotteserfahrung ergibt sich daraus für mich, besser gar nicht erst von Gott zu reden.
Meine eigenen anthropologisch-theologisch ausgerichtete Denkbewegungen sind inspiriert von einem multiperspektivisch offenen Diskurs mit der (nicht nur neueren) Psychoanalyse69, den in ganz ähnlicher Weise auch Andreas Odenthal praktiziert70. Wie sollte es anders sein, als dass in dieser multiperspektivischen Denk- und Weggemeinschaft Skepsis aufkommt und sich – vielleicht paradox(?) – zugleich als Kreativimpuls und darin als heilsam für den theologischen Diskurs erweist? So bewege ich mich mit all diesen existentiellen Themen weniger im doktrinären, als vielmehr in einem relationalen Diskurs, von dem ich nun erzählen will.
Eine Irritation
Mein Ausgangspunkt ist dabei eine seelsorgliche Begegnung, also die Erfahrung. Sie ereignete sich in der ersten Zeit meiner Tätigkeit als Seelsorger im psychiatrischen Krankenhaus. Sie liegt nun schon mehr als 30 Jahre zurück, aber sie hat sich mir bleibend eingeprägt. Heute verstehe ich sie als eine von vielen Schlüsselszenen meiner Entwicklung als Seelsorger und Theologe.
Jörn71 war mir als Patient der Klinik schon länger bekannt. Immer wieder liefen wir uns mal über den Weg. Zuweilen nahm er am Gottesdienst teil. Ich erinnere mich noch, als wäre es gerade gestern gewesen. Er kommt und geht, wie es ihm gerade passt und wenn er da ist, setzt er gerne schonmal kleine, durchaus rituelle Zeichen. Mit ausgebreiteten Armen stellt er sich während der Wandlung oder der Predigt mitten in den Raum. Er ergreift gerne das Wort, ungefragt. Dabei beklagt er sich über die Behandlung als „Verrückter“, schreit seinen Zorn und Frust über seine Situation in den Raum, ein anderes Mal erzählt er von seiner neuen Liebe. Manchmal preist er seinen Gott. Und dann wieder klagt er ihn an. Er lässt sich auch nicht alles sagen. Bei einer Predigt, in der ich vom Segen und vom Segnen spreche, fällt er mir ins Wort: „Das höhere Wesen schlägt und straft mich“ ruft, ja schreit er mehrfach in den Gottesdienstraum. Das irritiert zunächst einmal. Schwerer wiegt jedoch, dass es mir als postkonziliar aufgestelltem Theologen der Moderne oder gar Postmoderne überhaupt nicht behagt, was er da von sich gibt. Ich will nichts hören von einem „höheren Wesen“, das „schlägt“ und „straft“ und so leitet mich der Gedanke, mit ihm das Gespräch zu suchen und ihm gegen sein aus meiner Sicht destruktives Gottesbild ein „positives“ zu vermitteln 72.
Gott schlägt und Gott segnet
In der seelsorglichen Begleitung kam es dann jedoch ganz anders. Nicht ich korrigierte sein Gottesbild, sondern er korrigierte meins. Ich habe von ihm gelernt, dass und wie sein Gottesglaube mit seinen (Leidens-)Erfahrungen zu tun hatte und dass er ohne diese nicht zu haben war. Jörn brachte, ohne jede theologische Bildung, Fluch und Segen seines Lebens mit seinem Gott in Verbindung. Er brachte das dann auch szenisch zum Ausdruck.
Das irritiert zunächst einmal. Schwerer wiegt jedoch, dass es mir als postkonziliar aufgestelltem Theologen der Moderne oder gar Postmoderne überhaupt nicht behagt, was er da von sich gibt.
In drastischen Bildern sprach er in unseren Gesprächen davon, wie er sich von Gott geschlagen und gestraft fühlte und zugleich wollte er die Gespräche nicht beenden, ohne einen Segen zu erhalten. Das mutete er mir zu: Sein Gott schlägt und segnet. Und wenn ich ihm das nun wieder aus rationalen Erwägungen ausreden wollte, hatte er genügend Durchsetzungskraft, diesen Segen dennoch zu bekommen. Er schmiss sich dann mitten auf dem Hauptgang seiner Krankenstation vor mir auf die Knie, ließ mich nicht los und „zwang“ mich so, ihn zu segnen (allein schon aus dem Grund, die mir peinliche Situation zu beenden)73.
„Richtig“ über Gott sprechen?
Irgendwann dämmerte es mir, welche Sprengkraft in der Begegnung mit Jörn lag. Okay, ich kam nicht von selbst drauf. Aber weil es mich nicht losließ, habe ich von der Begegnung mit ihm in der Supervisionsgruppe erzählt. Die Gruppe sprühte nur so von guten Ratschlägen, was ich anders machen könnte, wie man Jörn seelsorglich „gut“ begleiten könne und – vor allem – wie man mit ihm „richtig“ („gut“ und „richtig“ – ja, diese Worte fielen wirklich!), über Gott sprechen sollte. Das triggerte unter uns Teilnehmer*innen unsere ohne Zweifel vorhandenen, intellektuellen Möglichkeiten zum theologischen Diskurs an. Aber das war nun nicht unbedingt hilfreich. Wir fanden uns als Gruppe schnell in die Dynamik der eingangs erwähnten Irritation verstrickt und versanken im Nebel gelernter, aber schon lange nicht mehr reflektierter, theologischer Floskeln.
Im biblischen Narrativ verwurzelt
Dies änderte sich in dem Moment, als eine Teilnehmerin aus der Gruppe das theologische Schaulaufen mit dem Ziel, richtig über Gott zu reden, unterbrach. Sie sei überhaupt nicht dafür, Jörn irgendwas von seinem Gottesbild zu nehmen oder gar zu versuchen, es durch Korrektur in die richtige Spur zu lenken. Sie schlug vielmehr vor, den Spieß einmal umzudrehen und unsere intellektualisierte Art und Weise der Rede von und über Gott, und damit auch über Jörn durch ihn selbst korrigieren zu lassen.
Der Gott, an den er glaubt und von dem er spricht, hat mit Erfahrungen seines Lebens, mit seinem Geschlagensein und mit seinem Gesegnetsein zugleich zu tun.
Sie hätte schon gleich am Beginn meiner Erzählung die Assoziation gehabt, dass Jörn hier doch eine in der alttestamentlichen Tradition überlieferte Glaubenserfahrung vermittle. Die ganze Zeit denke sie schon an die Story vom Kampf des Jakob am Jabbok (Gen 32,23-33). In diesem Kampf Jakobs mit seinem Gott gehe es doch um nichts Anderes als um den Segen. Den erhält er ja letztlich auch, aber – dies sei ihr nun besonders wichtig – doch um den Preis eines Schlages auf die Hüfte. Auf der Grundlage dieser Deutung konnten wir in der Supervisionsgruppe die Parallele zwischen Jörns Glaubenserfahrung und dem biblischen Narrativ erkennen: Der Gott, an den er glaubt und von dem er spricht, hat mit Erfahrungen seines Lebens, mit seinem Geschlagensein und mit seinem Gesegnetsein zugleich zu tun. Wie das biblische Narrativ, so spricht auch Jörn über diesen Zusammenhang, über die paradoxe Gleichzeitigkeit von Leidenserfahrungen und Segen74.
Spaltungen im Gottesbild
Gott schlägt und Gott segnet. Die Supervision und insbesondere die Intervention der Kollegin waren für mich sehr erhellend. Sie machten mir meine theologisch fundierten Tendenzen zu Spaltungen im Gottesbild bewusst. Und auch meine unbewusste Neigung zu pastoraler Machtausübung im Modus der „sanften Macht der Hirten“ 75, die immer schon wissen, was für andere gut ist, wurde nun offenkundig. Beide Intentionen – Spaltung im Gottesbild und pastorale Machtausübung – durchkreuzte Jörn. An seinem persönlichen „Jabbok“ kämpfte er, mitten im Dilemma der Widersprüche in seinem Leben um den Segen. Er vermittelt (nicht nur) mir, dass seine Erfahrungen mit seinem Gott und mit seinem Glauben immer gegenpolig, immer ambivalent, ja paradox sind. In dieser Offenheit und Klarheit war das für mich Neuland und Offenbarung zugleich. Ich denke heute, dass mir meine Tendenz zu Spaltungen im Gottesbild ohne Jörn nicht so bald bewusst geworden wäre. Aber sie stand im Raum, denn es war ja meine Intention gewesen, ihm einen nur guten Gott, einen „lieben“ Gott zu vermitteln. Ich hatte es nicht gemerkt, dass ich im Begriff war, ihm – und damit ja auch mir selbst – die dunklen Seiten seiner Glaubens- und Lebenserfahrung, wie auch die Erfahrungen der Widersprüche seines Lebens zu nehmen76. In seiner Hartnäckigkeit aber konfrontierte er mich damit, dass es diesen idealen, vorrangig nur guten Gott für ihn nicht gibt. Sein Gott schlägt und segnet. Sein Gottesglaube schließt den Zusammenfall der Gegensätze, die „Coincindetia Oppositorum“ (Nicolaus v. Kues) mit ein.
Fazit: Redet bitte nicht von Gott!
Die Begegnungen mit Jörn, und später noch mit vielen anderen mehr, stellen eine gewiss provokante Option, ja eine vielleicht auch irritierende Herausforderung an die Adresse (nicht nur) von Theologen dar. Sie lautet ganz einfach: Bitte … redet nicht von Gott!
Es ist nötig, dass wir uns über den Modus unserer Rede von und über Gott neu bewusst werden.
Um Missverständnissen vorzubeugen: Mir ist natürlich klar, dass wir in Hinblick auf die Gottesfrage mit einem Rede- oder gar auch Denkverbot nicht weit kämen. Das entspricht auch nicht meiner Intention. Aber es ist mir wichtig, und das habe ich im Kontext relationaler Seelsorge mit vielen Menschen wie auch im multidisziplinär offenen Diskurs der Theologie mit der Psychoanalyse und angrenzenden Sozial-Wissenschaften als Erkenntnis und als Postulat für mich gewonnen: Es ist nötig, dass wir uns über den Modus unserer Rede von und über Gott neu bewusst werden. Für mich ist dies, mit Edward Schillebeeckx und vielen anderen, der Modus der Glaubens-Erfahrung. Unter dieser Prämisse müsste es dann nicht heißen: Redet nicht von Gott, sondern: Tut es im Modus der Erfahrung77. Dies würde den Diskurs über die Gottesfrage von ontologisch-doktrinären Festlegungen befreien und könnte zwischen den Erfahrung der Menschen und dem biblischen Narrativ vermitteln.
Konsequenzen
Abschließend nenne ich einige Konsequenzen für das Reden über die „Hypothese Gott“:
Ich achte zunehmend darauf, nicht mehr über Gott und Gotteserfahrung, sondern über Glaubenserfahrung zu reden.
- Der Gottesbegriff / die Gottesvorstellung, die „Hypothese Gott“, muss in dem Moment irritieren, in dem Gott nicht eindeutig festgelegt und definiert werden kann.
- Glaubenserfahrung ist ohne Irritation, Ambivalenzen und Paradoxien nicht denkbar.
- Gottesglaube, Gottes- und Glaubenserfahrung lassen sich angesichts dieser Grundoption nicht schönreden …
- …und längst nicht jede im biblischen Narrativ übermittelte Glaubenserfahrung ist heilsam78.
- Theologie ist nicht als theoretische „Rede von Gott“ zu verstehen, sondern als Rede und Austausch über praktische Lebens- und Glaubenserfahrungen.
- Theologie ist relational und nicht doktrinal.
- Neben die Dokumente des Glaubens treten deshalb unverzichtbar die „living human documents“, Menschen wie Jörn, ohne die die Rede und die Erfahrung von Gott und von Transzendenz nicht möglich wäre.
- Dieser Ansatz lässt die Versuche objektiver Festlegungen und Definitionen Gottes in klassischen Dualismen und ontologischen Versuchen hinter sich und eröffnet für die Glaubenserfahrung neue Räume, in denen Anwesenheit und Abwesenheit Gottes, und damit die Dynamik von Bindung und Trennung79 keine Gegensätze mehr bilden, sondern Erfahrung und damit auch Wirklichkeit neu konstruieren80.
Betörend
Am Anfang meiner Ausführungen stand die Aussage von Sohie Reus, die feststellte, sie könne nicht an Gott glauben, zugleich aber könne sie auch nicht nicht dran glauben. Damit bringt sie die ganze Ambivalenz ihrer Glaubens- und Redeversuche zum Ausdruck. Jörn bringt diese Ambivalenz ganz ähnlich auf der Grundlage seiner Erfahrungen zum Ausdruck und lehrte mich als Seelsorger und Theologen, auf meine unbewussten Spaltungstendenzen in Hinblick auf die Rede von Gott aufmerksam zu werden. Abschließend möchte ich Michel de Certeau zu Wort kommen lassen. Seine Aussage ist mir seit vielen Jahren ein ästhetisch-theologisches Leitmotiv meines Nachdenkens und Redens über Gott, Gottes- und Glaubenserfahrung geworden. In dessen Folge achte ich zunehmend darauf, nicht mehr über Gott und Gotteserfahrung, sondern über Glaubenserfahrung zu reden. Michel de Certeau bekommt hier das letzte Wort.
„Der Gott meines Glaubens hört nicht auf mich zu betören und die Sehnsucht, ihn zu erfassen, ins Leere laufen zu lassen. Er betört, denn nichts von dem, was ich weiß, ist er. Er lässt ins Leere laufen; denn ich erwarte ihn nicht da, wo er kommt. Begegnungen, Ereignisse, Veränderungen verhüllen und offenbaren ihn. In der Bewegung von so vielen verschiedenen Geschichten ist er DERSELBE, der darin immer als der ANDERE aufersteht“ 81
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Praxis
Vielfalt der Gottesbilder – Ein Zwischenbericht
#whoisgodtoday – mehr als Strukturdebatten
Mit der Gott*-Kampagne erregte die Katholische Studierende Jugend (KSJ) im Jahr 2020 viel mediale Aufmerksamkeit 82. Unter dem hashtag #whoisgodtoday tauschten sich zahlreiche Gläubige über unterschiedliche Gottesbilder aus. Ziel war zunächst die Weiterentwicklung des Verstehens des katholischen Glaubens innerhalb des Verbandes. Die Kampagne zielte darüber hinaus darauf, dass auch andere Menschen sich mit der Thematik auseinandersetzen. Es ist bemerkenswert, dass es mit dieser Kampagne gelang, jenseits von Kirchenstrukturdebatten wirklich ans Eingemachte zu gehen – und das auch außerhalb der Kirchen-Bubble, wie zahlreiche Beiträge in nicht-kirchlichen Medien zeigen. Es ging dabei nicht um das vermeintlich richtige Gottesbild, sondern um die tatsächlich vorkommende Vielfalt in den Lebenswelten junger Menschen. Dabei zeigte sich, wie unterschiedlich ein einzelnes Gottesbild wahrgenommen werden kann und wie unterschiedlich passend Gottesbilder von Menschen erfahren werden.
Feministische Gottesrede – Junge Frauen willkommen?
Die Gott*-Kampagne entstand keineswegs aus heiterem Himmel, sondern wurzelt in der langen feministischen Tradition katholischer Jugendverbände. Im Mai 2011 formulierte etwa die BDKJ-Bundesfrauenkonferenz das Desiderat, weibliche Lebensrealitäten und Erfahrungshorizonte ernst zu nehmen und weibliche Gottesbilder und Identifikationsfiguren in Theologie und Spiritualität anzuerkennen: “Wir fordern die Bezugnahme auf ‘weibliche’ Gottesbilder, denn sie sind wichtig, um Gott nicht nur männlich zu denken, sondern in seiner/ihrer Vielschichtigkeit und Ungreifbarkeit wahrzunehmen.” Und weiter: “Wir fordern die durchgängige Verwendung geschlechtergerechter Sprache. Die […] vielschichtige Wirklichkeit, die Vielzahl von Erfahrungen und weiblichen Vorbildern lässt sich nur mit einer geschlechtergerechten Sprache hinreichend darstellen.”83.
Mit dieser Kampagne gelang es, jenseits von Kirchenstrukturdebatten wirklich ans Eingemachte zu gehen – und das auch jenseits der Kirchen-Bubble, wie zahlreiche Beiträge in nicht-kirchlichen Medien zeigen.
Ausgangspunkt dieser Überlegungen zur Notwendigkeit feministischer Gottesrede war damals, dass Mädchen und junge Frauen die katholische Kirche immer weniger als Heimat für ihren Glauben erleben. Für viele von ihnen war und ist Kirche zunehmend nicht zeitgemäß, irrelevant für ihr Leben oder sogar abschreckend. Es ist für sie nicht attraktiv, sich einer Gemeinschaft anzuschließen, in der sie sich – auch in der Gebetssprache – zweitrangig und marginalisiert fühlen. Die Gottesrede wird damit zu einem Ort, an dem die Korrelation von Leben und Glauben junger Menschen – insbesondere von LGBTIQ+-Personen – radikal in Frage gestellt ist.
Gott ist lebensrelevant – oder Gott ist nicht
Dabei ist es mittlerweile ein Allgemeinplatz: Es braucht eine Korrelation zwischen dem christlichen Glauben und dem Alltag junger Menschen. Dieser Erkenntnis wird aber teilweise zu wenig praktische Beachtung geschenkt, wenn auch bzw. obwohl die Brücke zwischen Glauben und Lebenswelt leicht zu finden bzw. zu gehen ist. Denn die Menschwerdung Gottes meint nichts anderes: Gott wird Mensch, um erkannt zu werden. Gott wird Mensch, damit Verstehen auf Augenhöhe möglich ist – nämlich von Mensch zu Mensch. Natürlich bleibt Gott dabei auch Gott. Denn das ist ja gerade unsere Hoffnung, dass mehr sein kann, als uns Menschen allein möglich ist. Unser jugendverbandlicher Anspruch ist eben auch, dass wir von Gott so sprechen können und dürfen, dass Gott mit unserer Welt, mit der Welt der jungen Menschen etwas gemein hat. Ja, wir können erst dann von Gott sprechen, wenn Gott etwas mit unserer Lebenswelt zu tun hat. Ist Gott nicht damit verbunden, kann Gott im Leben von jungen Menschen keine Relevanz erwirken. Wir erfahren und müssen daher feststellen: Zunehmend betrifft dies heute die Lebens- und Glaubensrealitäten queerer Menschen, Frauen und Migrant*innen. Wir verspielen Möglichkeiten, von der begeisterten Erfahrung Gottes zu berichten. Wir verfehlen unseren Auftrag, weil wir hinter unseren Möglichkeiten zurückbleiben.
Gott ist vielfältig – um der Würde der Menschen willen
Heute können wir sagen: sicherlich braucht es eine weiblichere Sichtweise auf unsere Gottesbilder. Die Betonung von Weiblichkeit in Bezug auf die Gottesrede darf uns aber nicht dazu führen, dass wir Heteronormativität bestärken. Die Betonung weiterer Facetten Gottes neben geschlechtlichen Attributen zeigt die Vielfalt, die hilft, von den engen Normen Abstand zu nehmen. Dann kommt die Vielfalt der Lebenswelten in den Blick. Das verstehen wir unter der notwendigen Korrelation zwischen Lebenswelt und Erfahrung Gottes.
Ist Gott nicht mit unserer Lebenswelt verbunden, kann Gott im Leben von jungen Menschen keine Relevanz erwirken.
Es geht eben um die je einzelne Lebensgeschichte, um die je konkret sich realisierende Würde eines Menschen. Es kann einer christlichen Spiritualität als Grundhaltung nicht um ein Festsetzen gehen, sondern um ein Aufreißen von Vorurteilen, ein Befreien von Zwängen. Die Frohe Botschaft als Botschaft zur Freiheit bedeutet in diesem Themenfeld: Vielfältige Gottesbilder wirken befreiend von Hindernissen, Zwängen und Beeinträchtigungen und ebenso ermöglichend zur Freiheit der Selbstbestimmung von Menschen. Vor diesem Hintergrund hat sich die BDKJ-Hauptversammlung im Dezember 2021 klar positioniert und Konsequenzen gezogen: “In der Amtskirche begegnet uns oft ein eindimensionales, cis-männliches, weißes Gottesbild. Als BDKJ finden wir aber: Gott ist keinem Geschlecht oder einer anderen menschlichen Kategorie zuzuordnen. Gleichzeitig ist jeder Mensch unabhängig seines Geschlechts, seiner Sexualität und Hautfarbe ein Abbild Gottes.“84
Vielfältige Gottesbilder wirken befreiend von Hindernissen, Zwängen und Beeinträchtigungen und ebenso ermöglichend zur Freiheit der Selbstbestimmung von Menschen.
Deshalb möchte sich der BDKJ für ein vielfältigeres Gottesbild aussprechen, um Menschen unterschiedlichen Geschlechts, Sexualität und Hautfarbe einen Zugang zu einer Beziehung mit Gott zu ermöglichen. Vielfältige Gottesbilder heißt für uns: Neben den männlichen und auch weiblichen Gottesvorstellungen soll ebenso einem geschlechtsneutralen Gottesbild Raum gegeben werden, welches sich beispielsweise in der elterlichen Liebe oder der Geisteskraft ausdrückt. Eine Grundlage dafür findet sich mehrfach in der Bibel.” 85. Auf dieser Basis haben wir in den vergangenen Monaten einen Bewusstwerdungs- und Lernprozess in Gang gesetzt.
Gott+ – da geht noch mehr
Viele junge Menschen in den Diözesan- und Jugendverbänden haben sich mit ihrem eigenen Gottesbild befasst. Von der Ortsebene bis zu Multiplikator*innen auf Bundesebene sind junge Menschen in den Austausch darüber gekommen, wie sie Gott erfahren und wie sie Gott glauben. Beispielsweise standen vielfältige Gottesbilder Ende 2022 im Fokus eines mehrtägigen Studienteils der Jahreskonferenz Jugendseelsorge der Arbeitsstelle für Jugendseelsorge der DBK (afj).
Es ging im bisherigen Prozess um mehr als die korrekte orthographische Schreibweise Gottes – auch wenn diese medial besonders adressiert wurde.
Auch die Katholische junge Gemeinde (KjG) führte ihre im Jahr 2021 begonnene Auseinandersetzung um eine Bezeichnung von Gott fort, die jungen Menschen einen Zugang erleichtert bzw. ermöglicht 86. Ziel der KjG ist es, „jungen Menschen brauchbare Impulse für die Auseinandersetzung mit dem christlichen Glauben und die persönliche Entwicklung eines lebensbejahenden Gottes+bildes an[zu]bieten.“ Zuletzt hat der Bundesverband eine Methodensammlung veröffentlicht, die junge Menschen bestärken soll, über Gott in ihrer je individuellen Prägung zu sprechen. Die Sammlung unterstützt dabei, ein für junge Menschen passendes Gottesbild zu entwickeln. Damit ist klar: Es ging im bisherigen Prozess um mehr als die korrekte orthographische Schreibweise Gottes – auch wenn diese medial besonders adressiert wurde.
Vielfalt Gottes – eine Anfrage an die liturgische Sprache
In unserer liturgischen Praxis, in spirituellen Impulsen und Gottesdiensten, ist die Sensibilität für eine Vielfalt von Gottesbildern und -attributionen spürbar gewachsen. Werden hier vielfältige Gottesbilder sensibel verwendet, dann wird das in der Regel positiv wahrgenommen. Junge Menschen hinterfragen hierdurch ihren eigenen Gottesglauben und blicken verändert auf sich selbst. Dabei zeigt sich als Herausforderung für die Zukunft, dass viele vorformulierte liturgische Texte in einseitig-männlichen Sprachbildern verfasst sind. Schmerzlich bewusst wurde die beinahe monopolisierte Herr-Anrede. Sie stellt einen Verlust der biblischen Vielfalt – z.B. Burg in Zeiten der Not (Ps 9,9), Bärin (Hos 13,8), Gebärende (Jes 42,14), Mutter (Jes 66,13), Licht (1 Joh 1,5), Fels meiner Befreiung (2 Sam 22,47), Richter*in (Ps 7,12) – dar. Besondere Herausforderungen sind auch im Sprechen des Kreuzzeichens und des Vater Unser erkennbar geworden. Dem weiten Entwicklungsfeld vielfältiger Gottesrede in spirituellen Impulsen und Gottesdiensten widmet sich daher im September 2023 ein Fachtag für Geistliche Verbandsleitungen im BDKJ.
Mensch. Vielfalt. Zukunft. Gott.
Es gehört zu den zentralen Aufgaben jugendpastoralen Engagements, Menschen in ihrer Identitätsentwicklung lebensförderlich zu begleiten. Die Jugendverbände im BDKJ sind dieser Aufgabe verpflichtet, indem hier der christliche Glaube lebensweltbezogen, partizipativ und selbstbestimmt gelebt wird.
Die Jugendverbände im BDKJ stellen sich daher der Aufgabe, jungen Menschen eine lebendige Gottesbeziehung zu ermöglichen, in der sich niemand zurückgewiesen oder minderwertig fühlt.
Es stellt ein Problem dar, wenn das kirchliche Sprechen von Gott nicht mit den vielfältigen Lebenswelten junger Menschen und ihren persönlichen Erfahrungswelten korreliert. Belassen wir es dabei, verspielen wir die Möglichkeit, dass junge Menschen eine lebensdienliche Erfahrung von/mit Gott erleben; sie haben dann nicht die Möglichkeit, ihre Leben in der Geistkraft Jesu zu deuten. Die Jugendverbände im BDKJ stellen sich daher der Aufgabe, jungen Menschen eine lebendige Gottesbeziehung zu ermöglichen, in der sich niemand zurückgewiesen oder minderwertig fühlt. Dafür braucht es aber vielfältige begriffliche Zugänge und cis-männlich-freie Bilder von Gott. Die Bibel ist hierzu eine wichtige Quelle. Eine solche Vielfalt ist die Basis für eine lebendige Kirchenzukunft – auf der Basis der Erfahrung mit Gott: da ist jemand und ist immer für mich da ist (Ex 3,14).
Praxis
Gott* wohnt nicht im Tabernakel. Gott*suche in Worten und Gesten von Leutetheolog*innen
Wir sitzen in einem Café, die B27 rauscht neben uns, wir träumen sie weg und malen uns einen Park über die vierspurige Stadtautobahn. „Ich habe gestern einen Text geschrieben“, platzt es aus Alessa heraus. Der Text, den sie mir vorliest, und das daran anschließende Gespräch zur jeweils eigenen Gott*suche bzw. zur Heimatlosigkeit in spirituellen und Glaubensthemen bieten wichtige Hinweise für das Anliegen dieser futur2-Ausgabe.
Gott* wohnt nicht im Tabernakel
Suche eine neue Wohnung. Hell soll sie sein, viel Sonnenschein soll es darin geben. Menschen sollen sich darin zuhause fühlen. Es gibt Hausschuhe in allen Größen. Die Wohnung sollte außerdem barrierefrei sein und einen kleinen Garten dabei haben.
Wünschenswert ist eine Solaranlage auf dem Dach und eine Wärmepumpe. Parkplatz brauche ich keinen. Aber eine Abstellmöglichkeit für Ebikes und eine gute Anbindung an den ÖPNV. Danke fürs Suchen-Helfen!
Gott*
Wie und wo über Gott* bzw. Transzendenzerfahrungen sprechen?
Der Text bietet nicht nur einen Einblick in die Gott*suche der Autorin, sondern auch in ihre eigene Leutetheologie. Mit Leutetheologien bezeichne ich die persönlichen Theologien eines/einer jede*n, der/die sich Gedanken über Gott*, Sinn, Religion etc. gemacht und diese reflektiert hat (vgl. weiterführend Kling-Witzenhausen 2020).
Leutetheolog*innen erscheint dann vor allem das als sinnvoll bzw. relevant, wenn es resoniert mit den eigenen Themen und Antwortversuchen auf die persönlichen Lebens- und Glaubensfragen.
Leutetheolog*innen erscheint dann vor allem das als sinnvoll bzw. relevant, wenn es resoniert mit den eigenen Themen und Antwortversuchen auf die persönlichen Lebens- und Glaubensfragen. Auf Seiten der Amtskirchen oder der pastoralen Praktiker*innen stellt sich hier hingegen ein Relevanzverlust ein – man nehme nur die sinkenden Teilnehmerzahlen oder das Wegbleiben bei kirchlichen Angeboten zur Kenntnis oder die Tatsache, dass Kirche bei gesellschaftlich-relevanten Fragestellungen weitestgehend nicht (mehr) als adäquater Gesprächspartner gilt.
Resonanzumkehr
Anstatt aus diesem Relevanzverlust gekränkt hervorzugehen, könnte eine Resonanzumkehr eine neue Sichtweise bieten: Nicht die Leute sollen Resonanz finden bei „uns“, sondern hier wollen wir/ will Kirche in all ihren Facetten von der Welt her lernen (vgl. Gaudium et spes, 44).
Diese Umkehr zeigt sich dann auch in einem Wechsel von einer Theologie im Modus der Verkündigung hin zu einem Modus des Zuhörens bzw. Hinschauens und der gemeinsamen Gottsuche. Gerade im ereignishaften Aufblitzen Gottes und der gemeinsamen Suche, wie sich das Ereignen Gottes einordnen und zumindest fragmentarisch fassbar machen lässt, liegt nicht nur der Clou der oben beschriebenen Begegnung, sondern von Gotteserfahrung allgemein. Hier finde ich die Arbeiten von Michael Schüßler und seine Einsichten zum Ereignisdispositiv und der Wende vom Dispositiv der Ewigkeit über das Dispositiv der Geschichte hin zum Ereignis augenöffnend – auch im oben genannten Text wird Gott* nicht als ewiger Gott in den ehrfurchtgebietenden gotischen Kathedralen oder im Kontext der aktiven Gemeinschaft einer Gemeinde beschrieben, sondern als heimatloser Gott*.
Anstatt aus diesem Relevanzverlust gekränkt hervorzugehen, könnte eine Resonanzumkehr eine neue Sichtweise bieten: Nicht die Leute sollen Resonanz finden bei „uns“, sondern hier wollen wir/ will Kirche in all ihren Facetten von der Welt her lernen.
Diese Suchbewegung drückt sich auch sprachlich bei Leutetheolog*innen aus und findet ihren Niederschlag in den sogenannten Grammatiken einer suchenden Gottesrede, die auch Zögern, Stottern und Satzfragmente zulässt. Gleichzeitig macht der Blick auf Leutetheologien deutlich, dass die Reduktion auf Grammatiken oder Sprache an sich bei der Gott*suche bzw. Gott*rede nicht ausreicht, sondern hier auch Emotionen, Gesten, ja Praktiken an sich unerlässliche Bestandteile sind.
Reziprokes Empowerment als Schlüssel
Was bedeutet dies nun für ein Miteinander, welches nicht in paternalistischem oder maternalistischem „Helfen“ des*der einzelnen Leutetheolog*innen von Seiten der akademischen Theolog*innen und Praktiker*innen mündet? In Anlehnung an die performative Wende könnten hier die Kunst, das Theater etc. gute Lernorte darstellen, wo die Grenze zwischen Bühne und Publikum aufgebrochen und somit aufgehoben wird (vgl. auch die Forschungsarbeiten von Christian Kern und den Beitrag in dieser Ausgabe). Für die hier vorliegende theologische Fragestellung ist ein reziprokes Empowerment anzuzielen – indem beide Gesprächspartner*innen von- und miteinander lernen können und gegenseitig befähigt werden. Diese Art der Präsenz bedeutet gleichfalls auch ein Sich Aussetzen, Erproben, um Worte Ringen, bei dem man sich weder hinter der Kanzel oder dem Schreibtisch noch hinter dem vorab formulierten geistlichen Impuls verstecken könnte. Entsprechend entwickelt sich hier theologisches Handeln und somit auch theologisches Forschen weiter zu einer öffentlichen Theologie (doing public theology), welche ihren Ausgangspunkt in „situativ-explorativen Theologien“ hat: „Bei ihnen besteht zunächst keine Apriori-Ausrichtung an institutionalisierte Themen, Formen und Funktionen, die man übernehmen oder übersetzen müsste. Sie haben, wenigstens anfänglich, etwas Unbestimmt-Offenes.“ (Kern 2021)
Theologien als Werkzeug zur Lebensbefähigung?
Aus kirchenentwicklerischer Perspektive müsste eine Suche nach Schnittstellen und Berührungspunkte zu den Leutetheologien folgen: Wo ereignen sich Bewährungsmomente der Leutetheologien bzw. Theologien allgemein? Wo kommt der Lebensglaube zum Tragen? Und überhaupt: In welchen Situationen ist es nicht peinlich, über Gott zu sprechen? Hier sind theologische Spürnasen gefragt – gerade wenn ritualisierte Formen wegfallen und geprägte Bilder etc. nicht mehr tragen. Dabei gilt wie so oft, wenn es um Teilhabe geht – „Nicht ohne uns über uns“ (vgl. Rath 2022) – Kreativitätspotential inklusive!
Praxis
Irgendwie ein wenig schizophren
Motivlagen und Strategien kirchlich Hochengagierter auf dem Kipp-Punkt
Eine Frau im liturgischen Gewand verteilt Blumen an alte Menschen, die sich sichtlich darüber freuen. So beginnt ein aktueller Kurzfilm von und über Gemeindereferent*innen. Die Seelsorgerin sagt: „Also ich arbeite sehr gerne mit Menschen. Ich mag Menschen und ich arbeite überwiegend mit Demenzkranken, mit alten Menschen und das ist für mich einfach eine ganz wunderbare Arbeit. Wenn man Menschen treffen kann, wenn man ihnen begegnen kann und ihnen auch was schenken kann, und es kommt so viel zurück.“ So beginnt der Film und dieser Grundtenor bleibt durchgehend bei allen Gemeindereferent*innen, die sich in ihm zu Wort melden. Auf meine Nachfrage schreibt mir eine der Kolleginnen, die an dem Projekt mitgewirkt hat: „Ja, unser Film ist sehr positiv. Hauptsächlich deshalb, weil er ja anlässlich unseres 100-Jahre-Jubiläums entstanden ist. Wir wollten damit uns selber feiern, und beim Feiern lässt man ja alles „Aber“ weg. Wir wollten zeigen, wie interessant, vielfältig und wertvoll unser Beruf ist. … Ich habe inzwischen mitbekommen, dass es in unserer Berufsgruppe ein positives Echo auf unseren Film gibt. Anscheinend wird der kritische Blick auf die vorhandenen Probleme nicht vermisst. Ich denke mal, wir haben die Schnauze voll davon, uns immer nur mit Missständen zu beschäftigen (und der Öffentlichkeit immer nur ein problemzentriertes Bild der Kirche zu präsentieren), sondern freuen uns, wenn in diesem Film wieder das Eigentliche, das Sinnstiftende, in den Mittelpunkt gerückt wird.“
Die Kollegin, wie auch die vielen, denen der Film gefällt, bestreiten nicht, dass es Missstände gibt. Sie nehmen sie wahr als etwas, das den Blick auf das Wesentliche behindert und sie entscheiden sich dafür, sie zu ignorieren – zumindest im Rahmen dieses Filmprojekts. Sie stellen das Positive des seelsorgerlichen Berufs vor und dies anhand von Beispielen, bei denen es immer um Begegnung mit und Begleitung von Menschen geht. Solange dies geschieht in der Kirche, so verstehe ich die Aussagen des Films, solange bleibt Kirche relevant, und zwar unabhängig von Skandalen, Mitgliederschwund oder welchen innerkirchlichen Problemen auch immer.
Diese und viele andere hoch engagierte Personen in der katholischen Kirche wissen um Vieles, was in der Kirche kaum noch zu ertragen ist und sie benennen es auch.
Diese und viele andere hoch engagierte Personen in der katholischen Kirche wissen um Vieles, was in der Kirche kaum noch zu ertragen ist und sie benennen es auch. Besonders häufig ist dabei die Rede von „Machtmissbrauch“. Nachdem wir uns im Gemeindereferent*innen-Bundesverband längere Zeit mit diesem Thema auseinandergesetzt hatten, haben wir im Mai dieses Jahres entschieden, eine bundesweite Umfrage zu „Erfahrungen mit Machtmissbrauch im pastoralen Beruf“ unter Gemeinde- und Pastoralreferent*innen durchzuführen. Die Umfrage wurde von 936 Personen bearbeitet und die Ergebnisse füllen hunderte von Seiten. Wie sehr Kirche Schaden anrichtet und Leiden verursacht, das wissen diese Kolleg*innen – aus Beobachtung und eigener Erfahrung. Wie viele davon jedoch nicht nur an Mängel, die behoben werden müssten, denken, sondern darin Vorboten oder bereits Merkmale der Auflösung des Systems wahrnehmen, das ist schwer zu sagen. Befinden wir uns vor einem Kipppunkt, auf der Kippe oder sind wir schon im Absturz begriffen? Die ehrlichsten Aussagen dazu fallen in Gesprächen unter vier Augen oder in kleinen Gruppen, in denen man einander vertrauen kann. Ich kenne einige Hochengagierte, zum Teil auch in Sprecher*innenrollen für kirchliche Gruppen, die äußern im direkten Kontakt, dass das aktuelle System Kirche nicht reformierbar ist und beteiligen sich dennoch aktiv an Reformforderungen, -aktionen und -prozessen.
Viele Hochengagierte äußern im direkten Kontakt, dass das aktuelle System Kirche nicht reformierbar ist und beteiligen sich dennoch aktiv an Reformforderungen, -aktionen und -prozessen.
Bisweilen wirkt es fast schizophren. Mein Eindruck ist, dass die eigentliche Dramatik nicht ausreichend und schonungslos in den Blick genommen wird. Denn – was kippt denn da eigentlich? „Nur“ die Zahl der Mitglieder an sich, die Zahl der engagierten Mitglieder, der Respekt vor der Hierarchie, die Bereitschaft, ein Schaf zu sein? Kippen nicht auch die Lehre, die Glaubenspraxis und zunehmend der Glaube? Wer wagt denn die ergebnisoffene Frage zu stellen, ob und wie man heute überhaupt noch von Gott reden kann? Die Wahrnehmung und vor allem die Bewertung dessen, was derzeit geschieht, erfolgt unterschiedlich, divergierend und zum Teil diametral. Reformorientierte sehen Chancen in den Forderungen des Synodalen Wegs; ernüchterte Realist*innen bleiben, solange sie noch Handlungsoptionen im zugrunde gehenden System sehen; im christlich-katholischen Glauben tief Verwurzelte hoffen auf ein Wunder im Sinne einer neuen Gestalt der katholischen Kirche; Traditionalist*innen sehen die „wahre“ Kirche vom Zeitgeist bedroht; Katholikal-charismatische versuchen in Kooperation mit den Traditionalist*innen die „wahre“ Kirche zu sein; Christlich-ethisch Orientierte wünschen sich konfessions- und religionsunabhängige Kooperation mit allen, die sich für die Zukunft unseres Planeten stark machen.
Die meisten nehmen das Zerbröseln der Kirche wahr und wollen es gleichzeitig doch nicht in aller Konsequenz wahrhaben.
Bei denen, die ich nicht nur von außen beobachte, sondern mit denen ich persönlich in Kontakt bin, habe ich den Eindruck, dass die meisten das Zerbröseln der Kirche wahrnehmen und es gleichzeitig doch nicht in aller Konsequenz wahrhaben wollen. An persönlichen Strategien des Zurechtkommens mit dieser Situation erlebe ich u.a. folgende Haltungen und Vorgehensweisen:
- Ich kümmere mich um meinen Bereich und um die Menschen, mit denen ich alltäglich zu tun habe. Ich bin für sie Seelsorger*in, unterstütze sie ihn ihrer ehrenamtlichen Arbeit, wende mich aufmerksam dem zu, wo ich gebraucht werde – u.a. auch in Bezug auf gesellschaftlich-caritative Situationen
- Ich suche mir meine Nische – in der Gemeindearbeit selbst oder auch in der Kategorie, in Ämtern oder als Referent*in, Berater*in u.ä.
- Ich wage pastoralen Ungehorsam (Beispiel: Spendung der Krankensalbung)
- Ich halte durch bis zur Rente und trete dann aus der Kirche aus
- Ich arbeite an meinem persönlichen Plan B – durch ein Zweitstudium, eine Zusatzqualifikation, durch Netzwerken mit dem Ziel, außerhalb von Kirche einen Arbeitsplatz zu finden
- Ich werde krank (Nicht als geplante Strategie, aber rückblickend evtl. so wahrgenommen als einziger Ausweg, der noch blieb)
- Ich kündige
Was auf jeden Fall zunimmt, ist das Bedürfnis, den kirchlichen bzw. pastoralen Beruf zu verlassen. Deutlich häufiger als vor ein paar Jahren sagen vor allem jüngere Kolleg*innen offen, dass sie sich nicht vorstellen können, dauerhaft für die Kirche zu arbeiten.
Dass es zu einer Kirchenspaltung kommen wird, das sagen wenige. Viele benennen immer wieder, was es bräuchte, damit die Kirche in veränderter Form weiterbestehen kann. Aufgeführt werden da z.B. Elemente wie Entklerikalisierung, Geschlechtergerechtigkeit, professionelle Personalführung oder auch kritische Grenzziehung zu katholikalen Strömungen. Dass es dazu tatsächlich kommen wird, das glauben eher wenige. Manche befürchten ein Erstarken der traditionalistisch geprägten Kirche, und zwar vor allem durch evangelikal-katholische Strömungen wie z.B. die Jüngerschaftsschulen. Nachwuchs für pastorale Berufe gibt es aus diesen Kreisen nicht nur, was Priester anbelangt. Die Gegenbewegung dazu sind die, die sich als katholische Christ*innen oder auch ökumenisch (und im Übrigen problemlos unter Einbeziehung von aus der Kirche ausgetretenen Personen) zusammentun und miteinander ihr Christsein leben: in vielfältigen liturgischen Feiern, im Erleben von Gemeinschaft und in sozial-caritativem Tun. Der Übergang ist schon im Gange.
Was auf jeden Fall zunimmt, ist das Bedürfnis, den kirchlichen bzw. pastoralen Beruf zu verlassen.
Die Frage, ob und ggf. wie dieser Übergang konstruktiv gestaltet werden könnte, ist meinem Eindruck nach wenig im Gespräch. Das Interesse an und die Hoffnung auf Kirchenentwicklungsprozesse hat stark nachgelassen. Man hört sich mal den einen oder anderen Vortrag an, liest möglicherweise mal wieder ein Buch, findet die eine oder andere Idee ganz interessant. Aber das war es dann auch.
Das Bild von Kirche, das in Deutschland und weltweit als das zukunftsträchtige vorgestellt wird, ist das der synodalen Kirche. Ich habe nicht den Eindruck, dass es die Engagierten, mit denen ich zu tun habe, so wirklich vom Hocker reißt. Manche setzen ihre Hoffnung in dieses Modell und merken im Erleben der praktischen Ausgestaltung, wie wenig letztlich möglich ist, z.B. was die Mitbestimmung bei Bischofsernennungen anbelangt. Synodal klingt sehr nach „schön, dass wir mal wieder geredet haben“. Nach Demokratie und selbstbestimmten Christsein klingt es eher nicht. Ich nehme kein Szenario oder Zukunftsbild von Kirche wahr, das echte Energien freisetzt. Das Kirchenbild des 19. Jhd., das die Rückwärtsgewandten propagieren, wirkt abschreckend. Die synodale Kirche andererseits wirkt nicht wirklich faszinierend, sondern wird eher wahrgenommen als: „Ist ok, kann man probieren.“ Vielleicht findet man die treffendsten Kirchenbilder in Karikaturen, wie z.B. bei Thomas Plaßmann. Sie ermöglichen ein Schmunzeln, ein Wiedererkennen dessen, worunter man leidet und die Chance, durch Humor einen inneren Abstand zum Trauerspiel zu finden.
Und dann bleibt man halt noch eine Weile, solange man es erträgt und das Gefühl hat, noch etwas Positives bewirken zu können.
Praxis
Aufhören, um neu anzufangen
Der Letzte macht das Licht aus
„Der Letzte macht das Licht aus“ – mit diesem Titel haben einige Seelsorger:innen und ich in den letzten Jahren das Gespräch mit den Haupt- und Ehrenamtlichen in den Pfarreien gesucht und geführt. Ziel war es, die Betroffenen hinzuweisen auf die anstehenden Veränderungen in der Personalbesetzung und der finanziellen Lagen in den Pfarreien und Seelsorgeeinheiten. Denn die Angst war und ist da, dass es in den Seelsorgeeinheiten bald kein kirchliches Leben mehr gibt.
Nun wurde dieses Motto rascher Realität und anders als gedacht. Zwar haben aktuell nicht die Letzten das Licht ausgemacht, wohl aber die Vorvorvorletzten. Denn aus Kostengründen wurden und werden seit Herbst 2022 viele Domkirchen, aber auch kleine Dorfkirchen nachts nicht mehr angestrahlt. Damit werden sie in den Städten und Dörfern unsichtbar. Auch das ist für mich ein Zeichen dafür, dass die Kirche aus der Mitte der Gesellschaft, aus der Mitte des Dorfes verschwindet! Kein Kirchturm mehr, der Orientierung gibt? Kein Licht, dass im Dunkeln die Mystik des Göttlichen aufstrahlen lässt?
Was hier Symbolwert hat, ist in der Realität längst angekommen: Die Kirche in ihrer aktuellen Sozialform ist in Auflösung begriffen.
Was hier Symbolwert hat, ist in der Realität längst angekommen: Die Kirche in ihrer aktuellen Sozialform ist in Auflösung begriffen. Und ich denke, es gibt da kein Zurück mehr. Viele Menschen, die sich noch zur Kirche zählen und denen zumindest punktuell die Kirche wichtig ist, wünschen sich eine Veränderung. Annette Zoch merkt in einem Artikel der Süddeutschen Zeitung nach dem Ad-limina-Besuch der deutschen Bischöfe richtig an, dass die Gläubigen in Deutschland keine Geduld mehr haben mit der festgefahrenen römischen Leitung der katholischen Kirche.87 Die Gläubigen, die noch bereit sind, sich zu engagieren oder sich Gedanken über die Zukunft der Kirche zu machen, drängen auf Veränderung der Glaubens- und Sittenlehre und der Machtstrukturen. Kurz gesagt: Sie wollen endlich, dass das Kirchenbild des II. Vatikanischen Konzils umgesetzt wird, und auf den Glaubenssinn der Gläubigen gehört wird.
Und diese Veränderung geht nur über die Auflösung der alten Strukturen und Denkweisen.
Und diese Veränderung geht nur über die Auflösung der alten Strukturen und Denkweisen. Ob dieser Transformationsprozess in Kontinuität mit der bisherigen Sozialform möglich ist, oder ob es einen Bruch und einen Neuanfang bracht, ist noch nicht ausgemacht. Es bleibt spannend.
Wer ist denn überhaupt noch da?
Als ich dieses Jahr in einer Pfarrei zur Aushilfe war und dort dem traditionellen Totengedenken mit Gräbersegnung vorgestanden bin, hat eine jüngere Ministrantin zu mir gesagt: „Heute war die Kirche aber schön voll. Das letzte Mal als ich ministriert habe, waren nur vier Leute da“. Da stellt sich natürlich die Frage: Wer ist denn überhaupt noch da in den Pfarreien, wer feiert denn noch die Gottesdienste mit?
Christiane Bundschuh-Schramm geht „im Wesentlichen von drei Mitgliedschaftstypen aus, den sogenannten Kasualfrommen, den regelmäßig Praktizierenden und den Spirituellen Wanderern“.88 Die Kasualfrommen nutzen die Angebote der Kirchen an den Lebenswenden oder zu bestimmten (Krisen-)Zeiten, die Praktizierenden sind die, die in den Gemeinden regelmäßig mitfeiern und da sind, jedoch wählt diese Gruppe immer mehr auch die Angebote aus, die für sie subjektiv ansprechend sind. Die Spirituellen Wanderer wählen sehr gezielt aus allen spirituellen Angeboten, auch außerhalb der Kirchen, aus und vertrauen auf ihre innere Fähigkeit, für sich das richtige zu finden.89
„Heute war die Kirche aber schön voll.“
Der Religionssoziologe Michael Ebertz hat in einer aktuellen Studie erhoben, dass die Christen in Deutschland sich unterschiedlich stark an ihre Kirche gebunden fühlen. Er unterscheidet „von einer ganz engen Bindung über eine kritische Bindung bis hin zu einer Mitgliedschaft lediglich auf dem Papier“. In konkreten Zahlen: „15% der Kirchenmitglieder fühlen sich eng angebunden, 45% kritisch und 40% „haben keine positiven Gefühle der Kirche gegenüber, gehören ihr aber faktisch an“.90
Mit Blick auf diese Erhebungen und Zusammenfassungen lässt sich leicht erahnen, dass es um die Kirchenbindung nicht besonders gut bestellt ist. Die Bindung an die Kirche allgemein, aber auch an die konkrete Kirche vor Ort, ist stark am Abnehmen, und dies relativ rasant. Ein kleiner Kern von Gläubigen und Praktizierenden hält das Gemeindeleben am Leben, doch auch dieser Kern, der vor allem aus älteren Menschen besteht, ist im Schwinden begriffen. „Die Kirche als einen Ort der Gemeinschaft zu erleben, wo man sich aufgehoben fühlt und dem Glauben emotional Ausdruck verleihen kann – das ist eigentlich nur noch bei älteren Menschen so“ resümiert Michael Ebertz (5).91
Ein kleiner Kern von Gläubigen und Praktizierenden hält das Gemeindeleben am Leben, doch auch dieser Kern, der vor allem aus älteren Menschen besteht, ist im Schwinden begriffen.
Dies alles, so man es wahrnehmen will, ist ein deutliches Zeichen für die Auflösung der bisher bekannten und tradierten Sozialgestalt von Kirche. Und umso unverständlicher ist es, dass sowohl Verantwortliche in der Hierarchie der Kirche, aber auch in jedem noch so kleinem Kirch-Ort, gar nicht so genau hinschauen wollen, was sich da vor ihren Augen abspielt. Denn es schmerzt, da ja die Communio, die Gemeinschaftsbildung, die Weggemeinschaft92 konstitutiv zu einer christlichen Kirche gehört. Denn: „Entscheidend ist also in jeder menschlichen Gemeinschaft … das innere Band, das die Gemeinschaft zusammenhält“.93
Diese soziologische Sicht, die auch Bernd Joas deutlich hervorhebt,94 steht als Mahnung im Raum. Jedoch, so glaube ich, ist diese kirchliche Gemeinschaft schon seit längerer Zeit mehr Wunschdenken als Realität. Die real oder gefühlt in den letzten Jahrzehnten noch hin und wieder gefüllten Kirchen und Pfarrheime haben viele darüber hinweggetäuscht, dass es diese kirchliche Gemeinschaft nur mehr rudimentär gibt oder sie sich schon aufgelöst hat. Oder aber abgelöst wurde von einem kulturkämpferischen Traditionalismus, im Sinne des „mia san mia“, in der sich politische Verantwortliche, die sonst selten eine Kirche von innen sehen, beim Bischof melden und fordern, dass selbst im kleinsten Dorf am Sonntag eine Messe stattzufinden hat. Denn das sei wichtig für den Zusammenhalt im Dorf.
Und umso unverständlicher ist es, dass sowohl Verantwortliche in der Hierarchie der Kirche, aber auch in jedem noch so kleinem Kirch-Ort, gar nicht so genau hinschauen wollen, was sich da vor ihren Augen abspielt.
Und die hauptamtlichen Seelsorger:innen?
Die persönliche Beziehung der pastoralen Mitarbeiter:innen zu den Pfarreimitgliedern ist sehr unterschiedlich. Zu einem Teil der Menschen, v.a. zu den regelmäßigen Kirchgängern und den Engagierten in den Gremien und Gruppen, ist der Kontakt eher intensiv und persönlich. Das sind aber in der Regel nicht mehr als 10 bis maximal 20 Prozent der Katholiken einer Seelsorgeeinheit. Mit der überwiegenden Mehrheit der Katholiken kommt es zu einer punktuellen Berührung und einem kurzen Kontakt anlässlich von Sakramenten und Kasualien. Diese, wenn auch punktuellen Begegnungen, sind als Kairos für die Verkündung des Evangeliums zu nutzen.
Aufgrund einiger wissenschaftlichen Studien in den letzten Jahren, bei denen in ganz Deutschland Priester, Diakone und hauptamtliche pastorale Mitarbeiter:innen befragt wurden, kann die Situation der Befragten nun erstmals sehr detailliert und fundiert beschrieben werden. Die Überlegungen zu den Konsequenzen aus der deutschen Seelsorgestudie, die von Baumann u.a. unter dem Titel „Zwischen Spirit und Stress“ die im Frühjahr 2015 veröffentlicht wurden,95 müssen in den kommenden Jahren noch intensiver diskutiert werden, um daraus Handlungsoptionen abzuleiten. Zudem haben sich die gesellschaftlichen und kirchenpolitischen Rahmenbedingungen innerhalb der letzten zwei Jahre, aufgrund der veröffentlichten Missbrauchsgutachten, der Konflikte in manchen Diözesen und der Pandemie massiv verändert.
Vor allem das Priesterbild und auch die priesterliche Existenz sind dadurch in eine Krise geraten.
Vor allem das Priesterbild und auch die priesterliche Existenz sind dadurch in eine Krise geraten. Teilweise durch mangelnde Wertschätzung der Gesellschaft, aber auch durch kritische Anfragen durch das Volk Gottes selbst: wegen ihrer zölibatären Lebensform, wegen aktuellen Skandalen in der Kirche oder einer zugeschriebenen Haltung zu einer nicht mehr verständlichen Sexualmoral. Zudem ist auch die Leitungsfunktion eines Priesters/Pfarrers einem Wandel unterworfen. Mit immer größer werdenden Seelsorgeeinheiten, aufgrund des Priestermangels, und aufgrund staatlicher Vorgaben in Finanz- und Verwaltungsfragen müssen Priester immer mehr Managementaufgaben an Verwaltungsleitungen abgeben. Damit bleibt dem Priester zwar wieder mehr Zeit für die Seelsorge, jedoch muss diese neue Rolle erst noch aktiv angenommen und mit Leben gefüllt werden. „Denn noch gibt es wenige attraktive Formen erprobter Partizipation und gemeinschaftlichen Lebens und Handelns von Priestern und Gläubigen in der Seelsorge“.96
„Die vielen engagierten Priester, die trotz andauernder Missbrauchskrise und zähem Fortschritt kirchlicher Reformen mit Herzblut ihren Dienst tun und der Kirche ein menschenfreundliches Gesicht geben, können am negativen Image offenbar nur wenig ändern. Für viele wird die Situation zur Belastung. Wo soll sich ein Priester im säkularen Umfeld verorten zwischen seinen Rollen als Kultdiener und Seelsorger, Sozialarbeiter und Verwalter?“.97
„Koppelung von Sakramentalität und Macht (ist) heute für die Existenz des katholischen Amtspriestertums offenkundig zum Problem geworden“
Der Pastoraltheologe Rainer Bucher bringt es so auf den Punkt: Die „Koppelung von Sakramentalität und Macht (ist) heute für die Existenz des katholischen Amtspriestertums offenkundig zum Problem geworden“.98
Deutlich sichtbar wurde dies meines Erachtens beim „Synodalen Weg“. Dort wurde provokant die Frage aufgeworfen, ob es denn überhaupt noch Priester brauche. Rasch wurde dann – dogmatisch sauber – nachgeschoben, dass es ja bei der Frage nicht grundsätzlich um die Frage des Priesteramts gegangen sei, sondern um die Frage, welche Art von Priestern das Volk Gottes im 21. Jahrhundert benötigt. Also: auch das Priesterbild in seiner bisherigen Form ist in Auflösung begriffen. Und mit ihm natürlich auch die Bilder von Diakonen, Pastoral- und Gemeindereferenten, deren Proprium sich vielfach ja nur in Abgrenzung zur Vollmacht von Bischof und Priester sich ableitet.
Eine territorial strukturierte Kirche, wie es nun mal die katholische ist, tut sich schwer mit Sozialraum-Pastoral, mit innovativen Ideen, mit kategorialen Diensten, mit Multiprofessionalität. Und mit ihr natürlich auch deren Mitarbeiter:innen. Viele der in der Pastoral hauptberuflich Tätigen gehören nicht mehr zu den Jüngsten und tragen ihre Kirchenbilder aus der eigenen Jugendarbeit und aus Studienzeiten in sich. Wandel, Abschied, Auflösung sind Begriffe, die nicht gerne angegangen werden, da sie meist auch zu Widerständen bei den Ehrenamtlichen führen.
Wie geht eine Kirche in Auflösung?
Und natürlich hinterfragen diese Begriffe auch die Person selbst: War denn alles, was ich in den Pfarreien geleistet habe, umsonst? Habe ich mehr Leute aus der Kirche vertrieben als für die Kirche gewonnen? Wie geht eine Kirche in Auflösung? Macht es noch Sinn, die letzten Jahre meines Berufslebens mich nochmals neu auszurichten?
Viele pastorale Mitarbeiter:innen schwanken meines Erachtens zwischen einem „die Zeiten werden sich schon wieder zu unseren Gunsten ändern“ und dem Wunsch nach einem möglichst raschen Zusammenbruch der aktuellen Sozialform von Kirche in Deutschland. Und natürlich gibt es zwischen diesen beiden Polen alle möglichen Schattierungen von Handlungsmustern und Gedankenspielen. Und damit sind die pastoral Tätigen ein Spiegelbild der Haltungen auch aller anderen Kirchenmitglieder.
Gefangene des Kirchenrechts
Seit Jahrzehnten findet bereits eine Entfremdung zwischen dem gläubigen Volk und den Amtsträgern statt. Da ist auf der einen Seite die Kirche, die Amtskirche, und auf der anderen Seite, da bin ich. Mit dieser Haltung distanziert und suspendiert sich der gläubige Mensch von den Entscheidungen der Kirchenhierarchie. Denn vieles, was Dogmatik und Morallehre der Kirche betrifft, deckt sich nicht mehr mit der Lebenswirklichkeit der Menschen. Mehr noch, manche kirchlichen Aussagen werden als verletzend, diskriminierend, isolierend wahrgenommen.
Denn vieles, was Dogmatik und Morallehre der Kirche betrifft, deckt sich nicht mehr mit der Lebenswirklichkeit der Menschen.
Doch eine Änderung in diesen doch für die westliche Welt drängenden Fragen, auch wenn nur in kleinen Schritten, ist nicht in Sicht. Das hat deutlich auch der Ad-limina-Besuch der deutschen Bischöfe in Rom vom 14.bis zum 19. November 2022 gezeigt. Rom hat die roten Linien aufgezeigt bei Fragen der Frauenordination, bei Fragen zum Zölibat, bei Änderungen der Sexuallehre, bei Fragen zur kirchlichen Anthropologie. Letztlich, so würde ich es bezeichnen, sind wir Gefangene des Kirchenrechts.
In diesem 1983 von Papst Johannes Paul II. erlassenen Kirchengesetzt ist viel festgeschrieben, was in den kirchlichen Diskussionen in Deutschland aktuell zur Debatte steht. Aber kein Synodaler Weg, auch keine Bischofskonferenz kann das Kirchenrecht ändern. Darauf weist der Kirchenrechtler Norbert Lüdecke deutlich hin.99 Er findet es zudem unverständlich, dass sich immer wieder Katholik:innen in den Gremien und Verbänden finden, die sich auf zeitintensive Diskussionen wie den Synodalen Weg einlassen. Denn, so sein Resümee: Egal, was hier mit Mehrheit beschlossen wird – entschieden darüber wird im Vatikan, letztlich durch den Papst.
Egal, was hier mit Mehrheit beschlossen wird – entschieden darüber wird im Vatikan, letztlich durch den Papst.
Von daher möchte man mit Cassian rufen: „Fliehe des Bischofs und der Frauen“.100 Cassian hatte hier natürlich den Mönch in Blick und möchte ihn vor den Versuchungen der Macht, des Eingebundenseins in eine Hierarchie und der Sexualität warnen. Jedoch passt dieser Satz auch in unsere Situation. Dem Bischof „fliehen“ – das machen zurzeit viele Kirchensteuerzahler, aber auch gläubige Katholiken. Den Frauen „fliehen“ haben dagegen die Bischöfe und die Kurie mit dem Papst in Rom über Jahrhunderte gemacht und machen es immer noch. Das Ergebnis sehen wir gerade in den Debatten über Zugänge von Frauen zu allen Ämtern und Funktionen in der Kirche.
Die Unselbständigkeit der Teilkirchen, die nach wie vor zentralistisch geleitete Kirchenmonarchie trägt hier in Deutschland ebenfalls zur Auflösung bei. Wenn man das Gefühl gewinnt, dass noch so viele Debatten, Synoden, Synodale Wege und Gesprächsprozesse keine wirklichen Veränderungen bringen, dann wird auch der letzte gutgesinnte Katholik mürbe und verabschiedet sich oder es bleibt „beim Dauerbejammern einer Kirche, auf die man heilsängstlich nicht verzichten kann“.101
Und nun?
Harald Welzer hat ein Buch mit dem Titel „Nachruf auf mich selbst. Die Kultur des Aufhörens“ geschrieben.102 Es ist autobiografisch gefärbt. Der Autor reflektiert darin nach einer schweren Erkrankung seine Entscheidung, mit manchen Dingen aufzuhören, damit Neues entstehen kann. Dieses „Aufhören“ im Kleinen wie im Großen der Welt legt er auch seinen Leser:innen nahe.
Ich glaube, genau dieses „Aufhören“ vom Gewohnten ist die größte Herausforderung unserer Kirche und aller seiner Glieder. Und es ist das, was die wenigsten können und wollen.
Der ehemalige Generalvikar der Erzdiözese München und Freising, Peter Beer, hat den Impuls von Harald Welzer aufgegriffen und empfiehlt seinerseits „unserer Gesellschaft eine Kultur des Aufhörens. Und ich glaube, das fehlt auch in unserer Kirche. Es fehlt das entspannte Aufhören mit etwas, das vielleicht früher mal gepasst hat, aber jetzt seine Funktion, seine Bedeutung und Wichtigkeit verloren hat. Wer mit etwas aufhören kann, der muss auch keinen Mangel verwalten. Wer aufhören kann, der kann auch mit etwas anderem neu beginnen“.103
Ich glaube, genau dieses „Aufhören“ vom Gewohnten ist die größte Herausforderung unserer Kirche und aller seiner Glieder. Und es ist das, was die wenigsten können und wollen. Denn der Blick zurück gibt Sicherheit, der Blick nach vorne ist ein Wagnis. Und dann noch die Frage: Was füllt den Raum, der durch das Aufhören von etwas sichtbar wurde? Es gibt daher nicht viele, die einem der 12 Merksätze, die Harald Welzer zusammenfassend formuliert hat, wirklich glauben: „Aufhören sichert das Erreichte. Weitermachen banalisiert es“.104
Von daher nehme ich im Verhalten von vielen Haupt- wie Ehrenamtlichen vor allem eine Verunsicherung wahr und ein konsequentes Festhalten am Überkommenen. Sie wollen retten, was zu retten ist, damit alles so bleibt wie bisher, auch wenn die Mitfeiernden und Teilnehmen von Monat zu Monat abnehmen. Zwar gibt es die kleinen und großen Aufbrüche innerhalb der bisherigen Seelsorgeeinheiten und Kategorien, es wird mal etwas Neues versucht, aber das Alte wird weitergeführt, vielleicht im Umfang reduziert, aber nicht beendet.
Diese Gruppen werden für sich das umsetzen und leben, was sie für sich brauchen. Sie werden sich in Selbstermächtigung ihre Rituale, Liturgien und die Regeln für das Zusammenleben geben
Und daneben wachsen kleine Gruppen von Christen, die sich Jesu Wort verschrieben haben: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich unter ihnen“ (Mt 18,20). Diese Gruppen werden für sich das umsetzen und leben, was sie für sich brauchen. Sie werden sich in Selbstermächtigung ihre Rituale, Liturgien und die Regeln für das Zusammenleben geben. Was diese Gruppen sicher nicht brauchen: ein Kirchenrecht, eine unverständliche Dogmatik, eine Morallehre jenseits aller Wissenschaft und evtl. brauchen sie auch keine Dienste und Ämter der verfassten Kirche. Und doch werden sie sich im Verbund mit anderen Gruppen und ggf. auch der Gemeinde vor Ort als Teil der katholischen Kirche verstehen wollen.
Und das mit dem Licht?
Es gibt eine ganz einfache biblische Antwort für die Zukunft der Kirche:
„Nicht mehr die Sonne wird dein Licht sein, um am Tage zu leuchten, / noch wird dir der Mond als heller Schein leuchten, sondern der HERR wird dir ein ewiges Licht sein / und dein Gott dein herrlicher Glanz. Deine Sonne geht nicht mehr unter / und dein Mond nimmt nicht mehr ab; denn der HERR ist dein ewiges Licht, / zu Ende sind die Tage deiner Trauer. Dein Volk besteht nur aus Gerechten; / sie werden für immer das Land besitzen, / Spross meiner Pflanzung, Werk meiner Hände / zum herrlichen Glanz. Der Kleinste wird zu einer Tausendschaft, / der Geringste zu einer starken Nation. Ich, der HERR, / zu seiner Zeit führe ich es schnell aus“ (Jes 60,19-22).
Praxis
Kirche in der Krise – geht auch das kirchliche Engagement den Bach runter?
Wahrnehmungen einer Organisationsberaterin
Annäherungen
Dass sich die jetzige Form von Kirche in einer massiven und tiefgreifenden Krise befindet, ist hinlänglich und schon seit langem bekannt. Spannend ist derzeit die Frage, ob sich die Institution Kirche selbst abschafft oder ob und wie sie noch zu retten ist.
In diesem Artikel soll der Frage nachgegangen werden, wie die bislang hoch engagierten freiwillig wie auch beruflich tätigen Personen in Kirche die sich abzeichnenden kirchlichen Entwicklungen wahrnehmen, sie bewerten und mit ihnen umgehen.
Als stellv. Leiterin der Beratungsdienste im Erzbistum Paderborn bin ich mit vielen Kolleg*innen im Gespräch, die hauptberuflich im Erzbistum Paderborn tätig sind, sei es in der erzbischöflichen Behörde im Bereich Pastoral, Personal oder Verwaltung, sei es in Einrichtungen oder Verbänden. Viele von ihnen sind auch ehrenamtlich in Gemeinden und pastoralen Räumen aktiv. Durch meine Tätigkeit als Organisationsberaterin begegne ich vielen hauptberuflich und freiwillig tätigen Menschen in Pastoralen Räumen. Darüber hinaus mache ich selbst Erfahrungen in Kirche als Ehrenamtliche im pastoralen Raum und in einem kirchlichen Sozialfachverband. Aus diesen Erfahrungen und Wahrnehmungen erwachsen die eher subjektiven Streiflichter zu den Fragestellungen dieses Artikels.
Wie nehmen die (bislang) hoch engagierten freiwillig wie beruflich tätigen Personen in Kirche die sich abzeichnenden kirchlichen Entwicklungen wahr? Wie bewerten sie diese?
In vielen Gesprächen zeigt sich durchgängig eine Aussage: „Es kann in und mit Kirche nicht so weitergehen wie bisher! Es muss sich endlich etwas ändern.“105
Bei genauerem Nachfragen ergeben sich verschiedene Aspekte, die zu dieser grundlegenden Aussage führen:
Die Veränderungen in der Gesellschaft führten zur Frage, welche Menschen den transzendenten Bezug, den Kirche herstellen will, überhaupt noch bräuchten und ob Kirche dann die Partnerin für die Erfüllung von möglicher spiritueller Sehnsucht sei. Vielen Menschen sei diese Welt genug, so dass Kirche mehr und mehr an Bedeutung verliere.
Die Institution Kirche kämpfe schon lange mit einem Glaubwürdigkeitsproblem. Die Sprache der Kirche sei nicht (mehr) die Sprache der Menschen. Die Sprache in Liturgie und Verkündigung erreiche die Menschen genauso wenig, wie die Sprache im kirchlichen Gesetzes- und Regelwerk. Dazu komme, dass die Botschaft Jesu Christi, die u.a. eine Botschaft von Liebe, Barmherzigkeit und Vergebung sei, für viele Menschen nicht im Agieren der Institution Kirche und mancher ihrer Vertreter*innen spürbar wäre. Botschaft und Taten deckten sich nicht.
Die schon länger bestehende Krise in der Kirche sei in den letzten Jahren durch die Veröffentlichung der MHG-Studie (Studie zum Missbrauch innerhalb der katholischen Kirche in Deutschland) noch einmal massiv verschärft worden. Die jetzt nach und nach über Jahre veröffentlichten Ergebnisse der Missbrauchsstudien der einzelnen Bistümer würden immer wieder als Einschläge erlebt, die Menschen erschütterten. Die gefühlt „scheibchenweise“ Bekanntgabe von Ergebnissen und das Zögern bei der Aufklärungsarbeit schürten das Misstrauen gegenüber der Kirche als Institution enorm. „Jetzt ist es endlich genug!“ bzw. „Das ist nicht mehr meine Kirche!“ seien geläufige Reaktionen.
Insgesamt wird wahrgenommen, dass die in der Institution Kirche Verantwortlichen […] viel zu lange gezögert hätten, um zukunftsweisende Richtungen, wie z. B. die stärkere Beteiligung der Laien, insbesondere auch der Frauen, an Leitung oder das konsequente Zugehen auf Menschen, die sich von der Kirche entfernt haben, einzuschlagen.
Insgesamt wird wahrgenommen, dass die in der Institution Kirche Verantwortlichen (angefangen in Rom, über den eigenen Bischof und vielfach bis zu den Leitungen in den Pastoralen Räumen vor Ort und in den Bereichen der bischöflichen Behörde) viel zu lange gezögert hätten, um zukunftsweisende Richtungen, wie z. B. die stärkere Beteiligung der Laien, insbesondere auch der Frauen, an Leitung oder das konsequente Zugehen auf Menschen, die sich von der Kirche entfernt haben, einzuschlagen. Immer wieder würden Entscheidungen aufgeschoben, z.T. auch wieder zurückgenommen. Oftmals interpretieren die Menschen dieses Zögern und Zaudern der Leitungen in Kirche als Mittel, um die eigene Macht nicht teilen oder abgeben zu müssen.
Hauptberuflich wie freiwillig Engagierten konnten, trotz Kritik an der Institution Kirche und Nicht-Einverstanden-Sein mit kirchlichen Entscheidungen, lange für sich sagen: „Ich kann hier vor Ort an meinem Platz Kirche positiv gestalten und verändern und damit ein guter Teil von Kirche sein!“ Dieses oftmals gut eingeübte Konstrukt funktioniere inzwischen nicht mehr, da zum einen die Erfolgserlebnisse im eigenen Tun fehlten („es funktioniert alles nicht mehr!“) und zum anderen die vielen Negativschlagzeilen in und über Kirche das eigene Engagement massiv überlagerten. Es sei nicht mehr attraktiv und cool, in kirchlichen Bereichen zu arbeiten oder sich dort zu engagieren. Mehr und mehr seien die Engagierten Angriffen, Hohn und Spott ausgesetzt. Viele ausgeschriebene Arbeitsstellen im kirchlichen Kontext könnten derzeit nicht besetzt werden, weil passende Bewerbungen fehlten. Selbst an Orten, an denen Engagierte sich gut einbringen und viel gestalten können, schlüge ihnen aufgrund der Großwetterlage der Wind ins Gesicht. Ohne eine starke eigene Glaubensüberzeugung, die weiterhin Kraftquelle für das eigene Leben ist, könnten man in diesen rauen Zeiten nicht bestehen.
All diese Wahrnehmungen führen immer häufiger und zugespitzter zu der Aussage, dass Kirche sich unbedingt verändern müsse, damit „nicht alles den Bach runter geht!“ Gleichzeitig herrscht eine große Skepsis vor, ob die Verantwortlichen in der Institution Kirche wirklich bereit seien, die Entwicklungen zu sehen und auf die Menschen zu hören und – noch grundlegender – ob Institution sich überhaupt noch verändern könne. Zu häufig haben die Engagierten offensichtlich keine Veränderung nach vorne, sondern Stillstand, ja bisweilen sogar Rückschritt erlebt.
Wie gehen die Engagierten mit Ambivalenzen, Widersprüchen und Polarisierungen um, die in der aktuellen Situation deutlicher werden? Welche persönlichen Strategien sind beobachtbar?
Erst einmal ist festzustellen, dass jede*r Engagierte für sich persönlich einen Umgang mit der jetzigen Kirchensituation finden muss. Trotzdem lassen sich einige, durchaus auch unterschiedliche Tendenzen des Umgangs bei hauptberuflich und freiwillig Engagierten wahrnehmen:
Hauptberuflich Engagierte, die in ihrer Arbeit im kirchlichen Bereich sehr nah an den Menschen mit ihren Lebensfragen und -nöten sind und hier eine hohe Wirksamkeit für sich erleben, können die Krise der Kirche besser ausblenden als andere.
Hauptberuflich Engagierte, die in ihrer Arbeit im kirchlichen Bereich sehr nah an den Menschen mit ihren Lebensfragen und -nöten sind und hier eine hohe Wirksamkeit für sich erleben, können die Krise der Kirche besser ausblenden als andere. Sie haben das Gefühl, etwas sehr Sinnvolles zu tun, etwas, das auch wirklich funktioniert. Hierzu gehören Mitarbeitende in der Kategorie (z.B. in der Gefängnis- oder der Krankenhausseelsorge) oder in jedweder Form von Beratung.
Auch sind hauptberuflich Engagierte erkennbar, die sehr bewusst und motiviert in besondere Projekte und Initiativen hineingehen. Durch das Heraustreten aus der bisherigen kirchlichen Struktur sehen sie Möglichkeiten, Kirche und pastorale Arbeit zukunftsfähig aufzustellen. Wo es gelingt, diese Projekte und Initiativen organisatorisch, finanziell und personell gut auszustatten und das Verhältnis von Bisherigem und Neuem gut auszuloten, sind Aufbrüche zu erkennen, wie z.B. in sozialen Stadtteilprojekten oder auch in der Arbeit in geistlichen Zentren. Diese tragen zur Zufriedenheit der Engagierten bei und fördern das Erleben von eigener Wirksamkeit.
Daher ist es nicht verwunderlich, dass immer mehr hauptberuflich Engagierte nach Möglichkeiten der Weiterbildung suchen. Damit wollen sie sich selbst für neue zukunftsfähige Arbeitsfelder fit machen. Bisweilen ziehen sie sich nach einer Weiterbildung auch aus der pastoralen Arbeit in den Gemeinden und pastoralen Räumen zurück und gehen sehr bewusst hinein in andere kirchliche Berufsfelder. Und sie haben durch die Weiterbildung ein weiteres berufliches Standbein entwickelt, um womöglich ganz aus dem kirchlichen Dienst aussteigen zu können.
Andere beruflich Engagierte in der Flächenpastoral befinden sich gefühlt wie in einem Hamsterrad. Die bisherigen Konzepte und Strategien funktionieren längst nicht mehr.
Andere beruflich Engagierte in der Flächenpastoral befinden sich gefühlt wie in einem Hamsterrad. Die bisherigen Konzepte und Strategien funktionieren längst nicht mehr. Die zu erfüllenden Aufgaben werden durch Personalknappheit immer mehr. Hektischer Aktionismus und mehr des immer Gleichen sind die Strategien, um die Kirche zu retten. Im Arbeitsalltag bleibt keine Zeit, um zu stoppen, zu reflektieren und sich wirklich mit der Situation auseinander zu setzen. Oft endet dieses Agieren in der totalen Überforderung, die schlussendlich krank macht. Ausfälle, Burnouts und Depressionen sind inzwischen nicht mehr nur Einzelfälle.
Weiter erlebe ich hauptberuflich Engagierte, die innerlich völlig zerrissen sind. Die Diskrepanz zwischen dem eigenen Bild von Kirche und dem derzeitigen Zustand von und in Kirche führt bei vielen hauptberuflich Engagierten zu Fragen, wie sie mit dieser Zerrissenheit umgehen können, ob ihr Platz noch in dieser Kirche sein kann, ob sie bleiben können oder gehen sollen. Der Anstieg von diesen und ähnlichen Themen in Supervisions- und Coachingprozessen ist deutlich wahrnehmbar.
Gerade bei hauptberuflich Engagierten, die schon lange im kirchlichen Dienst tätig sind, ist ein innerer Ausstieg wahrzunehmen. Oft haben sich diese Menschen viele Jahre lang in der Kirche eingesetzt, haben um Veränderungen gekämpft und sich u.a. an der Hierarchie abgearbeitet. „Ich habe keine Kraft mehr zum Kämpfen!“ oder „Hoffentlich schaffe ich es noch bis zur Rente!“, wird in Gesprächen gesagt. Diese hauptberuflich Tätigen machen irgendwie ihren Job, privat ziehen sie sich vermehrt aus Kirche zurück.
Insgesamt ist festzustellen, dass hauptberuflich engagierte Laien durch ihre berufliche Abhängigkeit vom Arbeitgeber Kirche eher vorsichtig sind mit Kritik. Daher stabilisieren sie durch ihr Verhalten das derzeitige System Kirche.
Darüber hinaus gibt es hauptberuflich Engagierte, die weiterhin das tun, was sie schon immer getan haben, nach dem Motto: „Das war schon immer so!“. Sie blenden die Entwicklungen in Gesellschaft und Kirche aus bzw. bewerten sie mit ihren eigenen Denkschemata. Sie sehen keine Veränderungsnotwendigkeit, weil sich die wesentlichen ‚Wahrheiten‘ des Glaubens nicht verändern. Menschen, die Veränderungen fordern, haben in ihrer Denklogik den Kern der Glaubenswahrheiten nicht verstanden. Insgesamt ist festzustellen, dass hauptberuflich engagierte Laien durch ihre berufliche Abhängigkeit vom Arbeitgeber Kirche eher vorsichtig sind mit Kritik. Daher stabilisieren sie durch ihr Verhalten das derzeitige System Kirche.
Die große Zahl der Austritte zeigt deutlich, dass inzwischen nicht nur die „Kirchenfernen“, sondern auch die Menschen aus dem „inner circle“, die bisher hoch motivierten freiwillig Engagierten, die Kirche verlassen. Neben dem inneren Ausstieg, der das Niederlegen des Engagements zur Folge hat, gibt es eben auch den äußeren Ausstieg, der mit dem Kirchenaustritt aus dieser Kirche besiegelt wird.
Andere freiwillig Engagierte bleiben Mitglied der Kirche, weil es ihnen um den eigenen Glauben geht. Diesen erleben sie für sich als eine Kraftquelle für ihr Leben, sie bleiben auf der Suche nach der Erfüllung der eigenen spirituellen Sehnsucht, oft „trotz allem“.
Die Suche nach einer Nische, in der die freiwillig Engagierten ihren Platz haben, die Suche nach einem Ort, einer Gruppe, in der das eigene Engagement Spaß macht und wirksam ist, wird größer. Erstaunlicherweise gibt es immer noch viele freiwillig Engagierte, die weiter massiv darum kämpfen, ihren Lebens- und Glaubensort mitgestalten zu dürfen, gerade auch gegen die Macht von Klerikern und Verantwortlichen vor Ort.
Insgesamt ist mein Eindruck, dass die Emanzipation der Menschen und damit auch der freiwillig Engagierten weiter stark voranschreitet. Das Verständnis, dass sie selbst Kirche sind, wächst. Auch wenn der Gedanke, ganz auf die Institution Kirche zu verzichten noch nicht sehr ausgeprägt scheint, suchen immer mehr Menschen Orte und Gruppierungen, in denen sie ohne die Strukturen der derzeitigen Kirche ihren Glauben leben und (eine andere, neue) Kirche sein können. Und andere gehen einfach – wohin auch immer.
Kann die jetzige Form der Kirche bestehen bleiben? Welche Knackpunkte werden identifiziert? Wie kommt die nächste Sozialform von Kirche in die Welt?
In den Gesprächen mit hauptberuflich und freiwillig Engagierten wird deutlich formuliert, dass die jetzige Form der Kirche so nicht weiter bestehen bleiben könne und es dringend radikale Reformen in den folgenden Bereichen brauche. Aus Sicht der Engagierten liegen besondere Knackpunkte hier:
Das Leben der Menschen und damit die Menschen selbst und die Situationen, in denen Menschen leben, müssten endlich eine Relevanz für die Kirche in ihrem Agieren und in ihrer Verkündigung haben. Nur wenn sie von den Menschen her denke und agiere, könne sie auch wieder Relevanz für die Menschen haben. Der Anspruch, der im II. Vaticanum in der Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“ formuliert sei, gelte auch heute noch: „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi.“106 Und gerade die Menschen, die eine spirituelle Sehnsucht spürten, bräuchten Orte und Angebote, um diese Sehnsucht zu erfüllen. Hier werde Kirche nicht mehr als Ansprechpartnerin gesehen.
Das Leben außerhalb von Kirche habe sich massiv geändert. Die Welt sei global vernetzt, unsere Gesellschaft werde u. a. durch die Individualisierung der Menschen und demokratische Strukturen geprägt. In diese Welt passe Kirche mit ihrer hierarchischen Struktur und mit ihren z.T. als menschenverachtend empfundenen Regelungen und Gesetzen nicht mehr hinein. Daher brauche es endlich die schon lange geforderten synodalen Strukturen und den Dialog auf Augenhöhe.
Mehr Synodalität würde zum einen bedeuten, dass es keine einsamen Entscheidungen der „Machthaber“ mehr gäbe, sondern auf allen Ebenen gemeinsam entschieden würde. Dazu bräuchte es Beteiligungsformate, die von Anfang an die betroffenen Menschen beteiligten.
Ganz praktisch benötige die Kirche insgesamt eine gute, zielgerichtete Organisation und einen effektiven Ressourceneinsatz.
Hinter den hier benannten Aspekten stünden zentrale theologische Fragestellungen, z. B. die Frage nach dem Verständnis des Priesteramtes und der Frage, wozu Priester in Zukunft gebraucht würde. Und auch die Frage nach dem Verständnis von Sakramentalität einschließlich der Frage, wie Sakramentalität von Kirche zu verstehen sei und wie Kirche als „Zeichen des Heils in der Welt“107 agieren könne.108
Neben all den inhaltlichen Fragestellungen, die hier benannt werden und die sicher noch fortgeführt werden könnten, schwingt in den Gesprächen mit Engagierten etwas mit, was ich als den eigentlichen Knackpunkt benennen möchte:
„Das, was wir benennen, ist nicht neu. Vieles wird schon seit langem besprochen, eingefordert, erkämpft, und es ist gefühlt immer nur in Mini-Schritten nach vorne gegangen. Oft gab es auch Rückschritte. Es dauert alles viel zu lange, es ist eigentlich schon zu spät und wir glauben gar nicht mehr daran, dass die Kirche sich in dem Maße verändern kann, wie es notwendig ist.“
Aus all dem resultiert, dass die Engagierten vielfach nicht mehr an einen sanften Übergang von der jetzigen zur nächsten Gestalt von Kirche glauben.
Aus all dem resultiert, dass die Engagierten vielfach nicht mehr an einen sanften Übergang von der jetzigen zur nächsten Gestalt von Kirche glauben. Dafür sind zu viele Chancen für eine Assimilation vertan worden. In ihren Augen braucht es jetzt radikale Veränderungen, die auch radikale Einschnitte beinhalten. Dass die jetzige Kirche komplett zusammenbricht, ist noch nicht wirklich vorstellbar, auch wenn dieser Gedanke inzwischen häufiger ins Spiel gebracht wird.
Welche Optionen werden diskutiert, wie der Übergang konstruktiv gestaltet werden kann und Risiken gemindert werden können?
Mit Blick auf die oben benannten Knackpunkte wird von vielen hauptberuflich und freiwillig Engagierten beschrieben, dass es in diesen Bereichen nur eine Option gäbe: klare Wegweisungen und inhaltliche und strukturelle Entscheidungen von den an höchster Stelle Verantwortlichen in der Institution Kirche (von den Bischöfe, gerne auch vom Papst). Diese und nachrangig dann alle weiteren verantwortlichen Entscheidungsträger*innen müssten eine zukunftsweisende Richtung einschlagen, die geprägt sei von synodalen, demokratischeren Strukturen, von der Option für die Menschen (die „Armen“) und von der Beteiligung der Betroffenen. Und sie müssten beherzt, engagiert und ehrlich in diesem Sinne handeln. „Leitung muss vorgehen – wenn Leitung nicht vorgeht, kann man irgendwann nur weggehen!“
Am Beispiel des synodalen Weges zeigt sich, wie gerade auch die Engagierten über die Zukunftsfähigkeit der Institution Kirche denken. Einige erwarten keine gewichtigen Entscheidungen und glauben, dass die deutschen Ergebnisse spätestens in Rom wieder „einkassiert“ werden. Andere erwarten, dass die Entscheidungen, die die deutsche Kirche direkt umsetzen könnte, auch wirklich direkt umgesetzt werden. Hier brauche es ein gemeinsames Zeichen in der Kirche von Deutschland. Alle Verzögerungen, auch das Ausbremsen von einzelnen Bischöfen seien ein großes Risiko. Die Menschen, und hier auch die hoch Engagierten, scheinen nicht mehr bereit, diese Reaktionen zu tolerieren. Das Risiko ist sehr groß, dass mit dem Scheitern des synodalen Weges alles infrage gestellt wird: „Wenn der synodale Weg nicht gelingt, dann ist es aus mit der Kirche!“, „Dann habe ich keine Hoffnung mehr!“
Welche impliziten und expliziten Bilder und Szenarien der „nächsten“ Kirche sind wirksam und wie beeinflussen sie Haltung, Mitarbeit und Engagement in der Kirche?
In den Gesprächen mit hauptberuflich und freiwillig Engagierten schwingen verschiedene Bilder und Szenarien mit, die sie in ihrem Denken und Handeln beeinflussen, so u.a.:
Es gibt das große Bild einer Kirche, die für die Menschen da ist. Dieses beinhaltet, dass sich die Kirche auf die Lebenssituationen der Menschen einlässt und dass sie von der Welt, in der sie leben und arbeiten, ausgeht, um ihre Botschaft vom Heil und vom Reich Gottes zu verkünden. So gewinne die Botschaft Relevanz für das Leben der Menschen. Dazu gehörten heute Bedürfnisse wie angesehen und geliebt zu werden, jemanden an der Seite zu haben und nicht allein zu sein; als Mensch geschätzt und nicht nach Leistung eingeschätzt zu werden, schwach sein und sogar scheitern zu dürfen, Vergebung zu erfahren. Die Kirche müsse für der Wert des menschlichen Lebens in seiner Vielfalt und die Erhaltung der Schöpfung stehen.
Die Funktionen (besonders auch Leitungsfunktionen), die in der Organisation von Kirche notwendig sind, seien mit Menschen zu besetzt, die entsprechende Kompetenzen besitzen (unabhängig vom Geschlecht). Darauf basierend seien Weihen zu vollziehen, Beauftragungen auszusprechen und Delegationen zu erteilen. Es müssten verschiedene Arten von Leitung unterschieden werden, so z.B. die organisationale und die geistliche Leitung im Sinne von geistlicher Orientierung. Leitung dürfte nicht mehr per se an das Priesteramt gekoppelt sein, sondern jene übernähmen Leitung, die über entsprechende Kompetenzen verfügten. Mit Blick auf die Fähigkeiten und Charismen der Menschen würden Aufgaben verteilt und Funktionen besetzt (Was kannst du gut? – Wo ist dann dein Platz?).
Für die Engagierten in Kirche ist auch die Frage nach den Strukturen eine wichtige. Hier gibt es das Bild von sehr viel flacheren Hierarchien und von ausgeprägten synodalen Strukturen. So sollten Beteiligung von Betroffenen und gemeinsame Entscheidungsfindung auf breiter Basis gewährleistet sein.
Die nächste „neue“ Kirche brauche viel weniger Regelwerk in Liturgie, Verkündigung und Diakonie, sondern eher eine verständliche, den Menschen zugewandte Sprache und eine Orientierung am Nutzen für die Menschen.
Die nächste „neue“ Kirche brauche viel weniger Regelwerk in Liturgie, Verkündigung und Diakonie, sondern eher eine verständliche, den Menschen zugewandte Sprache und eine Orientierung am Nutzen für die Menschen (Was brauchen die Menschen? Was tut ihnen gut? Was kann dazu beitragen, dass sie von Gott berührt werden? Wie kann die spirituelle Sehnsucht von Menschen gestillt werden?). Zentral sei an dieser Stelle, dass die Verkündigung der Botschaft vom Reich Gottes und das Agieren der Kirchenvertreter*innen deckungsgleich seien, so dass eine neue Glaubwürdigkeit entstehen könne. Dieses Szenario setze voraus, dass Kirche viel experimentiere und neue Dinge ausprobiere, sich mit den Menschen auf den Weg mache und Neues wage – und sich auf diese Weise als Kirche immer wieder neu erfinde.
Diese Bilder und Szenarien beeinflussen in der Weise, dass sie eine Folie für das eigene Engagement sind. Immer da, wo diese Bilder oder Teile davon im eigenen Engagement vorkommen, können die Engagierten wirklich engagiert mitarbeiten und sich einbringen. Immer da, wo diese Bilder kaum oder gar nicht vorkommen, ziehen sie sich mehr und mehr zurück, machen Dienst nach Vorschrift oder steigen ganz aus.
