12018

Bonustrack

Valentin Dessoy, Ursula Hahmann und Gundo Lames

Trend wenden – Einschätzungen und Zahlen zur Zukunft der Kirche

2016/17 wurden im Kontext der Kongressreihe „Strategie und Entwicklung in Kirche und Gesellschaft“ kirchliche Führungskräfte beider Konfessionen zur Zukunft der Kirche in Deutschland befragt1. In der qualitativ angelegten Studie geht es zentral um die Frage, was Führungs- und Fachkräfte darüber denken, wie sich Organisation und Führung verändern müssen, wenn Kirche ihrem Auftrag unter sich permanent verändernden Bedingungen heute und in Zukunft gerecht werden will.

Konkret wurden folgende Fragen vorgelegt:

  1. Was sind in den nächsten 20 Jahren die wichtigsten gesellschaftlichen Herausforderungen, auf die sich die Kirche einstellen muss?
  2. Wie wird sich Kirche in den nächsten 20 Jahren weiterentwickeln müssen?
  3. Wie wird in Zukunft Führung zu gestalten sein?
  4. Was sind die drei wichtigsten Entscheidungen, die heute auf die nächsten 2-5 Jahre hin getroffen werden müssen?

Angefragt waren Führungskräfte aus den 20 Gliedkirchen der EKD und den 27 deutschen Diözesen (Bischöf/innen, Führungs- und Fachkräfte kirchlicher Behörden, Leiter/innen diakonischer Werke, Direktoren/innen der diözesanen Caritasverbände sowie Dekan/innen, Rektor/innen bzw. Präsident/innen evangelischer und katholischer theologischen Fakultäten und Hochschulen).

Von den insgesamt angeschrieben 833 Personen waren 41% den evangelischen Kirchen und 59% der katholischen Kirche zugehörig, 22% waren Frauen, 78% Männer, 52% ließen sich der oberen Führungsebene der verfassten Kirche zuordnen, 33% der mittleren Führungs- bzw. Fachebene der verfassten Kirche, 8% der oberen Führungsebene der theologischen Fakultäten und Hochschulen und 7% der oberen Führungsebene von Caritas und Diakonie.

Es gab insgesamt 264 Rücklaufe, was einer Quote von 32% entspricht. Das ist überraschend hoch und dokumentiert vermutlich das Interesse der Zielgruppe an diesem Thema. Die Rücklaufquote im Kontext der katholischen Kirche war mit 35% höher als die auf evangelischer Seite (26%).

Zusätzlich zu den Ergebnissen der Führungskräftebefragung enthält dieser Artikel kommentierte Trends und Prognosen wesentlicher Kennzahlen exemplarisch für die katholische Kirche auf der Basis der jährlich erhobenen kirchlichen Statistik. Durch Anklicken werden die Grafiken vergrößert dargestellt.

1. Herausforderungen

Auf die Frage nach den Herausforderungen, vor denen die Kirchen stehen, werden neben globalen v.a. gesellschaftliche und kirchliche Faktoren genannt.

Bei den globalen Faktoren dominieren die großen sozialethischen Themen Gerechtigkeit, Schöpfung und Frieden als zentrale Ansatzpunkte kirchlichen Handelns. Eine mögliche Erklärung liegt darin, dass diese Themen eng mit der Botschaft und damit der eigenen Sendung verknüpft sind. Themen aus dem öffentlichen Diskurs, wie etwa Bevölkerungswachstum, Nationalismus, Extremismus, politische Anarchie und der Zerfall von Staatsgebilden und staatlichen Allianzen, geopolitischen Veränderungen (Multipolarität), Auflösung nationalstaatlicher Gesellschaftsstrukturen etc. kommen so gut wie gar nicht in den Blick. Eine Hypothese dazu ist, dass die christliche Sozialethik und die dort fokussierten Themen die Folie darstellen, auf der die Themen des öffentlichen Diskurses wahrgenommen und bewertet werden. Zu fragen ist, ob die Tradition ausreicht, um alle, auch zukünftige Fragen damit angemessen beantworten zu können, oder nicht eine viel deutlichere und differenziertere Auseinandersetzung mit den Zukunftsthemen der Gesellschaft jenseits von Positionierungen der EKD bzw. der Deutschen Bischofskonferenz angezeigt wäre.

Seit der Wiedervereinigung 1991 liegt die Einwohnerzahl in Deutschland stabil zwischen 82 und 83 Mio. Ein sich abzeichnender Rückgang ab 2009 wurde durch den Anstieg der Zuwanderung seit 2011 wieder ausgeglichen. Die Zahl der Kirchenmitglieder geht dagegen seit 1991 kontinuierlich zurück, im Durchschnitt um jährlich etwa 185.000. Sie liegt derzeit bei etwa 23,5 Mio. und wird – sofern dieser Trend anhält, was höchst wahrscheinlich ist – im Jahr 2024 bei etwa 19 Mio. liegen.

Das Hauptaugenmerk der Führungs- und Fachkräfte beider Kirchen liegt auf den innergesellschaftlichen Herausforderungen (60% der Aussagen), denen sich die Kirchen gegenübersehen. Auch hier werden in erster Linie Faktoren fokussiert, zu deren Bewältigung die Kirchen traditionell einen wichtigen Beitrag leisten. Es geht v.a. um das zentrale Thema gesellschaftliche Integration, also theologisch um das Thema Frieden. Sicherlich spiegelt sich darin die aktuelle politische Diskussion wider. Dennoch fällt erneut auf, dass weitere neuere Themen aus dem gesellschaftlichen Diskurs (etwa Ressourcenverknappung, Zugang zu Information, Big Data und Datenüberwachung, Mobilität, Urbanisierung, soziale Innovation, Schutz und Sicherheit vor Kriminalität und extremistischer Gewalt) kaum aufscheinen. Eine Hypothese hierzu lautet: Für das Handeln der Führungs- und Fachkräfte in den Kirchen sind diese Themen z.Zt. nicht unmittelbar relevant, da sie in ihrem alltagsbezogenen Entscheidungs- und Planungshandeln keine unmittelbaren Probleme darstellen, wenn auch vermutet werden darf, dass sie sich damit beschäftigen. Aus strategischer Perspektive stellt sich die Frage, ob die für den Alltag vermutete, dem unmittelbaren Handlungsdruck geschuldete Fokussierung auf die Binnenperspektive die Krise der Kirche auf Dauer nicht noch weiter verschärft.

Für 29% der Befragten gehören die Rahmenbedingungen kirchlichen Handelns zu den zentralen Herausforderungen auf dem Weg in die Zukunft. Der wahrgenommene Relevanzverlust sowohl im Blick auf den einzelnen als auch in Bezug auf die Gesellschaft steht dabei ganz oben an. Zu diesem Befund passen die Aussagen zu den organisationalen Rahmenbedingen, die als große Herausforderung gewertet werden: Mitgliederverlust, Rückgang der finanziellen Ressourcen, Rückgang des Personals (auf Katholischer Seite der Priestermangel), inadäquate Produkte und inadäquate Strukturen. Zentrale Hypothese dazu ist: Ein großer Teil der Führungs- und Fachkräfte hat bei allen Unterschieden im Detail in der Analyse klar, dass die Kirchen v.a. ein Adressatenproblem haben, das im Kern auf den fortschreitenden Relevanzverlust kirchlichen Handelns zurückzuführen ist. Dies impliziert die Notwendigkeit, dringend eine Antwort auf die Frage zu finden, wie die christliche Botschaft wieder „anschlussfähig“ (also kontextualisiert) werden und für das Leben der Menschen heute Plausibilität und Bedeutung gewinnen kann. Hier kann an die zuvor genannte These angeschlossen werden: Kirchliches Handeln und Entscheiden gewinnt Relevanz, wenn es die Themen der Menschen im gesellschaftlichen Diskurs aufgreift und damit sichtbar machen kann, wie und für wen Kirche beansprucht, da zu sein.

Interessant im Blick auf die Wahrnehmung der Rahmenbedingungen kirchlichen Handelns sind auch die Unterschiede zwischen den Teilstichproben. Wenn unterschiedliche Problembeschreibungen zu unterschiedlichen Lösungsstrategien führen, gibt es Hinweise darauf, dass Männer und Verantwortliche der oberen Führungsebene weniger die Krise der Kirchen und ihre Ursachen (den Relevanzverlust) benennen und Lösungen v.a. auf der organisatorischen Ebene suchen. Hypothese ist: Der wahrgenommene Handlungsdruck steigt mit der Hierarchieebene, auf der man sich bewegt, und beeinflusst die Wahrnehmung der Problemsituation und die Beurteilung von Lösungsmöglichkeiten. Aus strategischer Perspektive stellt sich die Frage, ob der vermutete Zusammenhang auch hier die Krise auf Dauer nicht noch weiter verschärft.
Zwischen den diagnostizierten kirchlichen Faktoren und der Art und Weise, wie sich die Kirchen am globalen und gesellschaftlichen Diskurs beteiligen, lässt sich durchaus ein Zusammenhang vermuten: Wenn die Themen der Menschen nicht offensiv aufgegriffen werden und Antworten tradierten Denk- und Sprachmustern folgen, verwundert es nicht, dass Menschen den Eindruck gewinnen, die Kirchen hätten auf die Fragen der Menschen heute keine angemessenen Antworten mehr und ihnen daher auch nichts mehr zu sagen.

Was sich in den letzten 50 Jahren verändert hat, wird deutlicher, wenn man sich den Anteil der Katholiken an der Bevölkerung anschaut. Von ehemals fast 44 % ist dieser auf aktuell 28,5 % gefallen und wird bei anhaltender Entwicklung 2040 bei 22 % liegen.

Wie schnell der Relevanzverlust kirchlichen Handelns voranschreitet, zeigt sich z.B. beim Gottesdienstbesuch, einem Kernbereich kirchlicher Angebote. Die Messbesucher werden regelmäßig an einem Wochenende im Jahr gezählt (samstags und sonntags). Die Zahl der Besucher hat sich seit 2000 fast halbiert und wird 2040 – sofern man die bisherige Praxis beibehält – mit höchster Wahrscheinlichkeit bei etwa 100.000 liegen – bundesweit. Interessant ist der Vergleich mit der Prognose 2011. Die ursprünglich prognostizierten Zahlen (rote Linie) – drastisch genug – wurden real (blaue Kreise) in den letzten 5 Jahre deutlich unterschritten. Legt man den Rückgang der letzten 5 Jahre zugrunde, geht die Zahl der Gottesdienstbesucher bereits 2034 gegen Null.

2. Zukünftige Gestalt von Kirche

Die Aussagen zur zukünftigen Gestalt von Kirche, wie sie sich aus Sicht kirchlicher Führungs- und Fachkräfte in den nächsten 20 Jahren entwickeln müsste, konzentrieren sich sehr stark auf das kirchliche Selbstverständnis, gefolgt von Aussagen zu Strukturen/ Prozessen und zu Angeboten. Dieser Befund spricht – in Verbindung mit den inhaltlichen Schwerpunktsetzungen im Blick auf Profil und Grundsätze kirchlichen Handelns – eindeutig dafür, dass Führungs- und Fachkräfte ein Bewusstsein dafür haben, dass die notwendigen Veränderungen tief in das Selbstverständnis der Kirchen reichen, das auf den Prüfstand gestellt und neu ausgerichtet werden muss.

Auffällig ist die hohe Zahl an Aussagen zum zukünftigen Profil von Kirche: Sie müsse zukünftig viel stärker dialogisch und partizipativ, attraktiv i.S. von adressatenorientiert, diakonisch und geistlich-spirituell sein. So gesehen, liegen die Antworten ganz auf der vorgezeichneten Linie, die sich aus der Beschreibung der Herausforderungen ergibt. Diesem Befund entspricht die Beobachtung, dass sich – allerdings nur bei einem kleinen Teil der Befragten – Aussagen finden, die, als Grundsätze formuliert, das Potenzial für Richtungsentscheidungen haben und damit handlungsleitend für Entwicklungs- und Veränderungsprozesse werden könnten, sofern sie weiter konkretisiert und durchdekliniert werden. Deutlich wird in diesen Aussagen ein verändertes (Gesamt-)Bild von Kirche: eine an der Umwelt/ den Adressaten orientierte, differenzierte und bewegliche (fluide, agile) Gestalt von Kirche, in der Menschen aufgrund ihrer Taufwürde und ihres Charismas in einer gewandelten Rollenarchitektur substantiell Verantwortung übernehmen. Leitmotiv ist der Wechsel von der Innen- zur Außenperspektive. Mit mehr als 1/3 der Aussagen ist das der mit Abstand wichtigste Grundsatz, den es in Zukunft zu beachten und schrittweise umzusetzen gilt.

Dieses Ergebnis – so dezidiert allerdings nur von einem kleineren Teil der Befragten formuliert – korrespondiert mit der mehrheitlich geteilten Problemanzeige des Verlustes an gesellschaftlicher Bedeutung und An-schlussfähigkeit sowie der Leitvorstellung einer partizipativen und adressatenorientierten Kirche der Zukunft. Hier deutet sich ein grundlegender Perspektivenwechsel an. Auf katholischer Seite findet dieser bereits seinen Niederschlag etwa im Dialogprozess des Bistums Essen beginnend 2012, der Synode von Trier 2013 bis 2016 oder auch dem pastoralen Prozess zur Entwicklung und Umsetzung strategischer Ziele im Bistum Fulda2

Allerdings ist der Befund zur zukünftigen Gestalt von Kirche insgesamt ambivalent. Eine Hypothese ist, dass kirchlichen Führungs- und Fachkräfte nur dann darin eine Chance sehen, den fortschreitenden Relevanzverlust aufzuhalten, wenn Kirche dialogischer, partizipativer und adressatenorientierter wird. Umgekehrt könnte man argumentieren, dass der dominante Blick auf das eigene Selbstverständnis ein Indiz dafür ist, dass die verantwortlichen kirchlichen Akteure weiterhin v.a. mit dem Innenleben von Kirche, also mit sich selbst beschäftigt sind.

Das Ausmaß des Bedeutungsverlustes kirchlichen Handelns zeigt sich auch daran, wie sich Anteil der Gottesdienstbesucher an der Zahl der Katholiken seit 1950 entwickelt hat. Gingen 1950 etwa die Hälfte der Katholiken zum Sonntagsgottesdienst, sind es aktuell noch 10 %. 2040 liegt der Anteil – nach konservativer Prognose – bei ca.
0,6 %.

Zum Vergleich: Entwicklung der Besucherzahlen der 1. Bundesliga (hier Jahresbesucherzahl). Spätestens 2030 wird sich das Zahlenverhältnis komplett umgekehrt haben.

Die Kirchensteuer ist nominal von umgerechnet etwa 0,6 Mrd. € 1967 auf ca. 6,1 Mrd. € 2016 angestiegen. Der jährliche Zuwachs lag bis 1992 im Durchschnitt bei etwa 16%. Seitdem ist das Wachstum schwächer, beträgt aber immerhin noch ca. 6,7 %. Der Anstieg seit 1991, der sich trotz deutlich rückläufiger Mitgliederzahlen ergibt, lässt insbesondere durch die insgesamt positive Wirtschaftsentwicklung erklären. So gab es in den Jahren 2010 bis 2016 ein durchschnittliches Wirtschaftswachstum von 1,8 %, bei einem mittleren Preisanstieg von 1,2 %. Im Zeitraum stieg die Zahl der Beschäftigten von 28 Mio. auf 33 Mio. Ein weiterer maßgeblicher Effekt ist die 2004 beschlossene nachgelagerte Besteuerung der Renten. Der steuerpflichtige Rentenanteil steigt in Schritten von 2 %-Punkten von 50 % im Jahre 2005 auf 80 % im Jahr 2020 und in Schritten von einem 1 %-Punkt ab dem Jahr 2021 bis 100 % im Jahre 2040 an. Berücksichtigt man die Inflation (Bezugsjahr 2000), ist insgesamt ein moderater Rückgang der Kaufkraft seit 1990 zu verzeichnen.

Aufgrund des Rückgangs der Mitgliederzahlen wird die Zahl der erwerbsfähigen Katholiken von derzeit 13,5 Mio. auf 8,9 Mio. 2031 und 5,9 Mio. 2041 sinken. Dieser Verlust hat massive Konsequenzen.

Die Tatsache, dass sich – jenseits der Eigenschaft „adressatenorientiert“ nur 3 % der Aussagen zur zukünftigen Gestalt von Kirche konkret mit der Frage der Mitglieder bzw. Nutzer und deren Gewinnung, Bindung, etc. beschäftigt, kontrastiert in einem hohen Maß mit der Beschreibung der Problemsituation, speziell den kirchlich-organisationalen Herausforderungen, bei denen der Mitglieder- und Nutzerrückgang mit immerhin der Hälfte aller Nennungen mit Abstand an der Spitze steht. Scharf könnte man als Hypothese formulieren: Die Analyse ist klar, ebenso vom Grundsatz her die Zielperspektive, man konzentriert sich jedoch bei der Konkretisierung der Zielperspektive auf jene Bereiche, die gerade nicht als zentrale Herausforderung identifiziert worden sind (v.a. Strukturen und Produkte). Und noch schärfer: Konkrete Vorstellungen von der Lösung der zentralen Herausforderungen (Relevanzverlust – Mitgliederschwund – Ressourcenmangel) oder eines Weges dorthin scheint es nicht zu geben, zumindest werden sie nicht genannt, wenn man Führungs- und Fachkräfte nach der Zukunft fragt. Dies, so eine mögliche Erklärung, liegt daran, dass es noch immer gilt, das Schwungrad der Produktion in Bewegung zu halten und man dafür auf die bisherigen Angebote und Organisationsformen und damit fast ausschließlich auf die bisherigen Nutzerkreise setzt.

Die vergleichsweise hohe Zahl an Profilaussagen wirft weitere Fragen auf. Wenn Führungs- und Fachkräfte im Blick auf die Entwicklung von Kirche in den nächsten 20 Jahren bevorzugt mit der Zuschreibung von Eigenschaften antworten und zwar tendenziell solchen, die man ihr gegenwärtig eher nicht in dieser Form zuschreibt, wie etwa „dialogisch“, „partizipativ“, „attraktiv“, „adressatenorientiert“ oder auch „diakonisch“, zeigt sich darin auch ein bestimmtes Wahrnehmungs- und Denkmuster.

Folgt man der sozialwissenschaftlichen Erkenntnis, dass normativ formulierte „Eigenschaften“ (die man hat oder nicht hat) schwer veränderbar bzw. überhaupt nicht herstellbar sind, legt sich die Hypothese nahe, dass diese Art zu denken, also das vorhandene begriffliche Instrumentarium, nicht geeignet ist, die angestrebte Entwicklung in Gang zu setzen. Pointiert ausgedrückt: Das normative Denken in Eigenschaften macht soziale Systeme immun gegen Veränderung. Es lässt sich vermuten, dass theologisches Denken in einer Tradition, die normativ auf Wahrheit ausgerichtet ist, tendenziell dazu neigt, Wirklichkeit digital i.S. einer zweiwertigen Logik über Unterscheidungen wie „wahr/ nicht wahr“ und „fromm/ nicht fromm“ bzw. „moralisch/ unmoralisch“ zu betrachten und beschreiben. Ein solches Denken ist wenig geeignet, Grautöne und Unterschiede gelten zu lassen und damit auch Prozesse zu antizipieren, zu beschreiben und zu organisieren. Genau dies ist eine grundlegende Voraussetzung für Entwicklung und Veränderung.

Die vermutete Immunisierung gegen Veränderung im theologischen Denken geht allerdings noch wesentlich tiefer, was sich in der Detailanalyse von Einzelaussagen zeigen lässt.

Originaltöne:
„Partizipativer und individueller (vielfältiger, bunter)“
„Weg von Hierarchie-Entscheidungen, hin zu basisdemokratischen Entwicklungen.“
„Förderung und deutlicher Ausbau von partizipativen und synodalen Leitungsstrukturen.“
„Hierarchie muss flacher werden: Getaufte müssen mitreden und mitgestalten können.“
„Es wird viele verschiedene Kirchorte geben in großer Eigenständigkeit und  hoher Partizipation.“
„Partizipative Formen der Seelsorge fördern.“
„Professionalisierung und Teilhabe vieler in einer guten Balance realisieren.“
„Beteiligungsprozesse entwickeln und dennoch Sakramentalität sichern.“
„Sie wird als Beteiligungskirche ihre Kommunikation immer weiter ausbauen  und verbessern müssen.“

 

In der Prognose sieht die Entwicklung der finanziellen Situation mittel- bis langfristig eher düster aus. Zugrunde liegt die Steuerschätzung der Bundesregierung vom Mai 2011 sowie die Kirchensteuerberechnung des Verbandes der Diözesen Deutschlands. Die Prognose geht von geringen Zuwächsen in der Zahl der Beschäftigten und von einer höheren Inflationsrate (2 %) aus. Die Zuwächse aufgrund der nachgelagerten Besteuerung der Renten werden ab 2020 deutlich geringer ausfallen. Die Zahl der Kirchenaustritte ist mit 110.000 p.a. konservativ geschätzt. Die Sterberate bei 20- bis 65-Jährigen und Zinsverluste sind nicht berücksichtigt.  Der Rückgang der Zahl der erwerbsfähigen Katholiken hat mittel- und langfristig dramatische Konsequenzen: Blieben unter diesen Bedingungen der Personalstand und die Ausgabenpolitik konstant (Bezugsjahr 2011), werden bis 2021/22 in der Bilanz noch leichte Überschüsse zu verzeichnen sein. Das dreht sich ab diesem Zeitpunkt und würde unter den angegebenen Prämissen bei einem mittleren Szenario (Wirtschaftswachstum 1 %) spätestens ab 2030 zu einer beschleunigten Verschuldung der deutschen Diözesen führen.

Begriffe wie authentisch, dialogisch oder partizipativ, also Begriffe zur Beschreibung von Eigenschaften sind hypothetische Konstrukte, die nicht direkt beobachtbar und damit nur schwer, allenfalls indirekt, zu überprüfen sind. Theologisches Denken besteht fast ausschließlich aus solchen hypothetischen Konstrukten. Das an sich ist unproblematisch, wenn man sich des Charakters solcher Begriffe bewusst ist. Schwieriger ist es, wenn sie als „Containerbegriffe“, als bloße Schlagworte gebraucht werden, die scheinbar jeder versteht und auf die man sich einigen kann (häufig i.S. politischer Opportunität geeinigt hat), die jedoch jeder so füllen kann, wie er mag, ohne dass dies in der Kommunikation offengelegt wird. So kann man etwa Partizipation sagen und Information meinen (nicht Mitentscheidung) oder man kann Partizipation fordern und selbst höchst feudal-monar-chisch durchgreifen. Containerbegriffe suggerieren Konvergenz und Gemeinsamkeit, verdecken jedoch Unterschiede und Widerspruch. Sie sind daher in der Praxis kaum geeignet, um damit nachhaltige Veränderungsprozesse zu beschreiben oder gar zu gestalten, sofern sie nicht operational und überprüfbar definiert werden.
Die Studie macht deutlich, dass viele solcher Containerbegriffe im Umlauf sind und von Führungs- und Fachkräften zur Beschreibung von Kirche und kirchlichen Veränderungsprozessen benutzt werden, dazu noch – wie häufig der Fall – im Komparativ („partizipativer“), der alles offenlässt. Eine Hypothese dazu lautet: Das Sprechen in solchen Konstrukten (Containerbegrif-fen) ist eine kulturelle Praxis, die vor den Konsequenzen operationaler Überprüfbarkeit absehen will. Sie beinhaltet einen blinden Fleck praktisch-theologischer Rede und kirchlich-organisatorischen Handelns.

Die Frage, wie die Sozialgestalt von Kirche (ihre Organisationsform) zukünftig in einer zunehmend komplexer und dynamischer werdenden Umwelt aussehen kann, beschäftigt derzeit den pastoraltheologischen Fachdiskurs und natürlich auch die befragten Führungs- und Fachkräfte. Erneut wird die Zukunftsperspektive in Form von Qualitäten, also Eigenschaften be-schrieben. Erwartungsgemäß steht die Qualität „partizipativ“ an der Spitze. Ebenfalls häufig werden die Attribute „netzwerkartig, vernetzt“ und „fluide, flexibel“ hervorgehoben. Das deckt sich dann auch mit den Aussagen zur Binnenstruktur. Betont wird die Notwendigkeit (selbstständiger) dezentraler Kirchorte, die netzwerkartig kooperieren. Die Schaffung von Zentren bzw. die Kombination von beidem, von dezentralen und zentralen Bausteinen, wird dagegen deutlich seltener hervorgehoben. Hypothese: Als Alternative zum Organisationsmodell der Pfarrei, das mehrheitlich als obsolet gilt, werden von (einem Teil der) Führungs- und Fachkräfte derzeit zwei Modelle – vielleicht muss man vorsichtiger formulieren: Metaphern – präferiert, Kirche als Netzwerk und Kirche als (soziale) Bewegung, die natürlich eng zusammenhängen. Beide Bilder stehen für eine größere Vielfalt (eine pastoral/kulturell differenzierte Form von Kirche) und eine größere Beweglichkeit (eine dynamische Kirche).

3. Zukünftige Gestaltung von Führung

Das Antwortmuster auf die Frage nach der zukünftigen Gestalt von Führung ist fast identisch mit dem Antwortmuster auf die Frage nach der zukünftigen Gestalt von Kirche. Über die Hälfte der Aussagen beschreibt Haltungen, i.d.R. in Form von Eigenschaften formuliert, gefolgt von Aussagen zu Leitungsstrukturen und zu Kernaufgaben (zusammen knapp 90 % aller Aussagen). Differenziertere Führungskonzepte, -modelle und -instrumente werden nur am Rand gestreift.

Auch dieser Befund ist ambivalent. Man könnte ihn so interpretieren: Die Befragten wissen genau, dass die aktuellen Anforderungen an Führung im Kern Haltungen und Kompetenzen (also auch das Selbstverständnis) berühren, die grundlegend überdacht und neu justiert werden müssen. Auf der anderen Seite könnte das auch Ausdruck eines sehr einfachen Führungsverständnisses sein, das primär an der Person des/r Führenden ausgerichtet ist. Im Rahmen der Führungsforschung tauchen Eigenschaftslisten dieser Art vergleichsweise früh auf. Das dahinterliegende Führungsverständnis wird den heutigen, hoch komplexen Herausforderungen an Führungskräfte kaum noch gerecht. Es folgt dem Eigenschaftsmodell der Persönlichkeitspsychologie und beschreibt Variablen, die per Definition schwer zu verändern bzw. zu erlernen sind. Darüber hinaus lässt es andere wesentliche Parameter im Führungskontext (Aufgaben, Geführte, Prozesse, Situation, Organisation und Umfeld) völlig außer Acht.

Mit Blick auf die zukünftige Gestaltung von Führung setzt sich die große inhaltliche Linie bei den Antworttendenzen weiter fort: gute Führung ist dialogisch und partizipativ bzw. synodal, motivierend, fördernd und ermöglichend, kommunikativ, transparent und verbindlich. Anspruchsgruppen an Entscheidungen zu beteiligen, Getaufte in die Lage zu versetzen, auf ihre Art Kirche zu sein, und die Kommunikation nach innen und außen transparent und verbindlich zu gestalten sind auch im Fachdiskurs zur Kirchenentwicklung zentrale Themen. Eine Transformation in diese Richtung setzt natürlich auch ein entsprechendes Führungsverständnis bei den Führungskräften voraus.

Als Hypothese lässt sich formulieren: Die Vorstellungen zur Gestaltung von Führung folgen im Grundsatz den Vorstellungen zur zukünftigen Gestalt von Kirche und weisen in den Kerneigenschaften eine hohe Konvergenz mit dem Fachdiskurs zur Kirchenentwicklung auf. Das Führungsverständnis selbst erscheint insofern unterkomplex, als es sich v.a. an der Person und ihren Eigenschaften orientiert, relevante Führungsparameter außer Acht lässt und neuere Führungskonzepte kaum zur Sprache kommen.

Allerdings zeigen sich auch interessante Unterschiede zwischen den Konfessionen. Auf katholischer Seite tauchen – wenn auch in geringerer Zahl – neben den genannten Eigenschaften weitere auf, wie etwa inspirierend, charismatisch-visionär, fehlerfreundlich und lernbereit oder unternehmerisch, innovativ und experimentierfreudig. Sie sind typisch für horizontale Führung i.S. von Begleitung und Entwicklung. Die Lösung wird offensichtlich in mehr Teilhabe und Selbstverantwortung (also auch mehr Divergenz) gesehen, was man traditionell zumindest bei katholischen Führungskräften eher nicht vermutet, weil sich Kirche – trotz aller Betonung des Volk-Gottes-Gedankens durch das 2. Vatikanische Konzil – nach katholischem Verständnis zunächst und in erster Linie über das Amt des Bischofs und die Teilhabe der Priester an diesem Amt, also top-down, konstituiert und das auf das byzantinische Hofzeremoniell zurückgehende monarchisch-absolutistische Verständnis des Amtes i.S. einer Heiligen Ordnung bis heute das Handeln in der katholischen Kirche letztlich bestimmt.

Priester sind für die Katholische Kirche Schlüsselpersonen in der Seelsorge. Ihre Zahl geht dramatisch zurück. Die Diözesen versuchten, die Verluste durch ausländische Priester auszugleichen. Deren Anteil liegt teilweise bereits bei 1/3 der Gesamtzahl eingesetzter Priester. Dennoch halbiert sich rein statistisch die Zahl der aktiven Priester etwa alle 20 Jahre. Berücksichtigt man die Geburtsjahrgänge und die zusätzlichen Ausfälle bei erhöhter Arbeitsbelastung wird die Halbierung – das zeigt die Erfahrung der letzten Jahre – bereits nach 10 Jahren erreicht.

Das Personalproblem wird augenscheinlich, wenn man sich anschaut, wie sich die Zahl der Studierenden in den Priesterseminaren seit 1990 entwickelt hat. Der Rückgang ist dramatisch und wird innerhalb der nächsten 10 Jahre den Nullpunkt erreichen. Kaum anders sind die Studierendenzahlen bei den pastoralen Laienberufen (mit Ausnahme der Lehramtskandidaten/ innen).

Auch evangelischer Seite kommen zu den oben genannten zentralen Eigenschaften zukünftiger Führung weitere Eigenschaften hinzu, die man eher einer vertikalen Führung (i.S. von Steuerung oder Management) zuschreibt: Professionalität und Fach-/Methodenkompetenz, kooperative und teamorientierte Haltung, Klarheit im Profil und Durchsetzungsfähigkeit oder strategisches und zielorientiertes Denken. Auch hier lässt sich die Struktur der evangelischen Kirche als Hintergrundfolie vermuten: Lösungsideen liegen eher in einer strafferen Führung (also mehr Konvergenz). Das würde man nach evangelischem Kirchenverständnis zunächst einmal nicht vermuten, da sich Kirche von der Gemeinde her, also bottom-up konstituiert und Leitung v.a. unterstützende, insbesondere administrative und fachlich-theologische Aufgaben hat.

Als Hypothese lässt sich formulieren: Tendenziell denken evangelische Führungs- und Fachkräfte stärker in Steuerungs- und Managementkategorien („Kirchenreform“ als Stichwort), während katholische für die Zukunft eher mehr begleitende und entwickelnde Anteile sehen („Kirchenentwicklung“ als Stichwort). In der katholischen Kirche scheint es die Idee zu geben, die anstehenden Herausforderungen durch mehr Dialog/Partizipation und eine stärker horizontale Führung bewältigen zu können. Allerdings wird – so die Hypothese – bei aller Notwendigkeit einer solchen Führung, die Umsetzung aus kirchenrechtlichen und dogmatischen Gründen so ohne weiteres nicht möglich sein. Darüber hinaus ist das feudal-monarchische Denken tief im Bewusstsein der Akteure verankert und würde einen Kulturwandel voraussetzen. Die Wahrscheinlichkeit, dass es beim Wording bleiben könnte, ist nicht gering. In der evangelischen Kirche gibt es umgekehrt Tendenzen, die Lösung der Herausforderungen in der Stärkung von Leitung im Gegenüber zu den demokratischen Repräsentanzen zu sehen. Entscheidungen würden schneller und prägnanter, ist wohl die Hoffnung; “Kampagnenfähigkeit” würde sich einstellen. Aber auch hier gilt – bei aller Notwendigkeit, dass Systeme gerade in Veränderungsprozessen eine starke Führung im Gegenüber brauchen – der kirchenrechtliche, dogmatische und kulturelle Vorbehalt.

Für die katholische Kirche dürfte interessant sein, wie Führungs- und Fachkräfte zukünftig den Zugang zu Führungspositionen und Leitungsämtern sehen. Das Ergebnis der Befragung ist eindeutig: Ohne Ausnahme plädieren die Befragten für eine Öffnung und Flexibilisierung der Zugangsbedingungen: gebunden an Kompetenz und Persönlichkeit, losgelöst von Geschlecht und Weihe bis hin zur Übertragung von Leitung an Ehrenamtliche. Die Hypothese dazu: Es scheint bezüglich der zentralen Frage des Zugangs zu Führungspositionen und Leitungsämtern eine erhebliche Differenz zwischen offizieller Politik, öffentlichen Verlautbarungen und erlebter Praxis auf der einen Seite und dem, was kirchliche Führungs- und Fachkräfte insgeheim denken und inoffiziell kommunizieren, auf der anderen Seite zu geben. Betrachtet man die aktuelle öffentliche Diskussion, so scheint die Überzeugung, dass der Zugang geöffnet und flexibilisiert werden muss, aktuell nicht mehrheitsfähig und die Positionierung in diesem Sinne nicht opportun zu sein.

2011 gab es 24.500 Kirchengebäude und 11.464 Pfarreien/Pfarrkirchen. Legt man die Besucherzahl der Sonntagsmesse (Herbstzählung Deutsche Bischofskonferenz) zugrunde, kommen am Wochenende im Durchschnitt auf eine Kirche 123 Messbesucher bzw. auf eine Pfarrkirchen 263 Messbesucher. Nimmt man dies zum Maßstab, müssten die Kirchengebäude insgesamt bzw. die Pfarrkirchen in der beschriebenen Form abgebaut werden. 2040 würden lediglich noch 400 Kirchen gebraucht, bei einer angemessenen Nutzung von 500 Besuchern pro Wochenende noch etwa 200 – deutschlandweit. Mehr können darüber hinaus weder finanziert, noch „bespielt“ werden. Die Lücke zwischen der notwendigen Anpassung (blaue Linie) und der erfolgten Anpassung (violette Linie) vergrößert sich dramatisch.

4. Entscheidungen jetzt

Bei der Frage, was jetzt zu entscheiden sei, fällt die vergleichsweise hohe Zahl offener Fragen und unspezifischer Antworten auf. Dem entspricht, dass unter dem Stichwort „Kirchenentwicklung“ in erster Linie Divergenzprozesse (Raum öffnen, Kreativität fördern, Prozesse geistlich begleiten) zur Sprache kommen, weniger Konvergenzprozesse (Ziele und Maßnahmen bestimmen). Offensichtlich fällt es kirchlichen Führungs- und Fachkräften schwer, die zentralen Entscheidungspunkte bzw. Stellschrauben konkret zu benennen, um Veränderungsprozesse in Richtung des angedachten Zielfotos in Gang zu setzen. Zumindest aber zeigt sich eine große Verunsicherung angesichts der wahrgenommenen Herausforderungen.

Zur wichtigsten Herausforderung, wie Mitglieder und Nutzer gehalten und (wieder-)gewonnen werden können und was dafür zu investieren ist, gibt es praktisch kaum eine Aussage. Grundsätzlich als Problemstellung bewusst, scheint die Orientierung auf Menschen, die Kirche nicht oder nicht mehr erreicht, also die Marketingperspektive in der Alltagspraxis sowie im kurz- und mittelfristigen Entscheidungshorizont völlig ausgeblendet zu sein: Man schaut auf jene, die noch kommen und die man kennt.
Der Fokus im Blick auf kurzfristigen Entscheidungen liegt auf der Sozialgestalt (Vertriebsstruktur), der Angebotsgestaltung und der Personalpolitik. Bei der Sozialgestalt scheinen die erforderlichen Entscheidungen vergleichsweise klar und eindeutig zu sein: Die Kirche steht vor der unmittelbaren Aufgabe, große Organisationsräume zu schaffen, Verwaltungsprozesse substantiell zu vereinfachen und Verantwortung zu dezentralisieren.

Ebenfalls hoch ist die Zahl der Aussagen zur Ausgestaltung kirchlicher Angebote. Neben vielen eher heterogenen Aussagen zu inhaltlichen Schwerpunktsetzungen zeigt sich eine gewisse Tendenz zur Konzentration auf „die Kernprodukte“ (ohne dass diese inhaltlich konvergent zu bestimmen wären). Gleichzeitig wird die Notwendigkeit von Experimenten und Inno-vation betont (auch hier unspezifisch, auf welche Adressaten hin dies geschehen soll).
Bei den Mitarbeitenden kommen entgegen Problemanzeige und Zukunftsbild Ehrenamtliche/Getaufte nur am Rande in den Blick. Bei den hauptberuflichen Seelsorger/innen wird die Notwendigkeit einer attraktiven Arbeitsplatzgestaltung und einer guten Personalförderung/-entwicklung herausgestellt, um dem sich abzeichnenden Personalmangel zu begegnen.

Alles in allem lassen sich unter der Fragestellung notwendiger Entscheidungen aktuell allenfalls einzelne sehr grobe Richtungen erkennen. Es fehlt offensichtlich an einer Vergewisserung über langfristig-strategische Ziele, aus denen sich konkrete kurz-, mittel- und langfristige Entscheidungen und Wirkungen überprüfen lassen.

5. Gesamtresümee und Schlussfolgerungen

Fasst man die Ergebnisse der Studie zusammen, ist festzuhalten: Kirchliche Verantwortungsträger sehen sehr deutlich die gesellschaftlichen Herausforderungen und den enormen Anpassungsdruck, der dadurch auf die Kirche als Organisation ausgelöst wird. Die Notwendigkeit von Wandlung und Entwicklung scheint auch in seiner Tiefe unbestritten. Es gibt – bei aller Unterschiedlichkeit im Detail – eine hohe Konvergenz bzgl. der Richtung, in die es gehen müsste. Stichworte dazu sind: Partizipation, Außen- bzw. Adressatenorientierung, diakonische und geistliche Ausrichtung, Dezentralisierung, Netzwerkorganisation, Kirche als (soziale) Bewegung, Ermöglichung/ Empowerment – und für die katholische Kirche auch: Öffnung des Zugangs zu Führungspositionen und Leitungsämtern.

Allerdings sind kirchliche Führungs- und Fachkräfte weit davon entfernt, Kirche als eine fluide bzw. agile Organisation zu verstehen, in der Veränderung als Funktionsprinzip strukturell verankert ist und die dadurch extrem sensibel und zeitnah auf Kontextveränderungen (gesellschaftliche Herausforderungen, Bedürfnisse der Adressaten) reagieren kann. Die Notwendigkeit eines grundlegenden Kultur- und Mentalitätswandels, einer Veränderung von Haltungen und einer entsprechenden Kompetenzerweiterung wird zwar gesehen. Die Beschreibung und – so die Hypothese – auch das zugrundeliegende Denken bleiben jedoch auf der Ebene von Eigenschaften und Metaphern. Diese programmatisch zu postulieren oder aufgrund vorhandener Machtfülle anzuordnen, wird vermutlich nicht genügen, eine Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte alte Praxis zu verändern.

Notwendig wäre eine grundlegende und verbindliche Vergewisserung über die konkret angestrebten langfristig-strategischen Ziele, aus denen sich dann hier und heute Entscheidungen und Umsetzungsprogramme ableiten lassen. Im Gegenzug braucht nachhaltige Veränderung hinreichend Raum, um innovative Ansätze experimentell zu erproben. Nur so können die definierten strategischen Ziele im weiteren Verlauf validiert oder falsifiziert und justiert werden.

Zukünftige Adressaten (diejenigen, die nicht/nicht mehr kommen und nicht einfach „integriert“ werden können), Unterschiede (die keiner „digitalen“, zweiwertigen Logik folgen) und Prozesse (die zwar gestaltbar, aber nicht vorhersagbar sind) müssten viel stärker in den Blick kommen. Dies wird jedoch erschwert durch die Art und Weise, wie gegenwärtig über weite Strecken Theologie betrieben wird. Normativ-dogmatisches Denken induziert eine Kommunikation in Containerbegriffen. Eine solche Kommunikation immunisiert gegen Entwicklung und Veränderung. Das prägt natürlich das Handeln der Akteure auf Führungsebene – gerade auch unter dem enormen Handlungsdruck, unter dem die Verantwortlichen stehen.

An dieser Stelle ist auch die Theologie gefragt: Notwendend ist eine Theologie, die es möglich macht, von den Adressaten her, in Unterschieden und Prozessen, in experimentellen Kategorien zu denken, eine Theologie, die sich einer präzisen Sprache bedient, die operational definiert, was sie meint, sich an überprüfbaren Wirkungen orientiert und einer empirischen Validierung unterzieht.

Daneben braucht es – um einen sehr beliebten Container zu benutzen – eine Vernetzung der Führungsverantwortlichen jenseits der politischen Bühne, gerade auch zwischen den Konfessionen. Es geht um ein Commitment derjenigen, die den Sprung machen und den Systemwechsel in Gang setzen wollen. Das zeigt die Resonanz auf die Befragung selbst. Es scheint, dass nur so das Vertrauen ineinander wachsen kann, den bisherigen Betrieb in Frage zu stellen, sich vorbehaltlos den kritischen und entscheidenden Fragen zu stellen, allfällige Entscheidungen zu treffen und mutig die Transformation von Kirche in Gang zu setzen.

  1. Vgl. auch Dessoy, Valentin/ Hahmann, Ursula/ Lames, Gundo: Alles klar? – Die Zukunft der Kirche aus der Sicht ihrer Führung, in futur2. Zeitschrift für Strategie & Entwicklung in Gesellschaft und Kirche 1/2017, verfügbar unter http://www.futur2.org/article/allesklar-die-zukunft-der-kirche-aus-der-sicht-ihrer-fuehrung/
  2. Vgl. Zukunftsbild Essen, abrufbar unter http://zukunftsbild.bistum-essen.de/das-zukunftsbild/das-zukunftsbild/, Abschlussdokument Trier, abrufbar unter http://www.bistum-trier.de/fileadmin/user_upload/docs/abschlussdokument_final.pdf sowie strategischen Ziele im Bistum Fulda, abrufbar unter
    https://2030.bistum-fulda.de/bistumfulda2030/strategischeziele.php

futur2 möglich machen

Hinter der futur2 steht ein Verein, in dem alle ehrenamtlich arbeiten.

Für nur 20 € pro Jahr machen Sie als Mitglied nicht nur die futur2 möglich, sondern werden auch Teil eines Netzwerks von Leuten, die an der Entwicklung von Kirche und Gesellschaft arbeiten.

» MEHR ERFAHREN