022011

Foto: Stephan Malicke: U-Bahnhof im Küchendesign (CC BY-NC-SA 2.0), Bildausschnitt

Konzept

Valentin Dessoy

Kirche und Innovation – ein Widerspruch? Innovation als organisatorische und theologische Herausforderung

Wenn sich Kontextbedingungen verändern, ist Innovation (Erneuerung) angesagt. Je stärker die Veränderungen sind, desto intensiver und systematischer muss nach alternativen Optionen Ausschau gehalten werden. Es geht um die gezielte Herstellung und experimentelle Erprobung von Unterschieden zur Verbesserung der System-Umweltreferenz. Systeme neigen allerdings dazu, am Status Quo festzuhalten. Für die Kirche kommt erschwerend ihre lange und erfolgreiche Tradition hinzu. Und theologisch ist die Offenbarungsgeschichte mit Jesus Christus abgeschlossen. Innovation ist für die Kirche daher keine leichte Übung. Sie ist an dieser Stelle doppelt herausgefordert.

Innovation kommt von lat. novus [„neu“] und bedeutet wörtlich „Einführung von etwas Neuem/ neu Geschaffenem“ bzw. „Erneuerung“. Im wirtschaftlich-organisatorischen Kontext steht der Begriff Innovation für die komplexen Veränderungen, die mit dem technischen, sozialen und wirtschaftlichen Wandel einhergehen. Neben der Neuheit ist mit dem Begriff stets auch der Aspekt der aktiven Gestaltung mit assoziiert: Innovation muss entdeckt bzw. erfunden, eingeführt, genutzt, angewandt und organisatorisch verankert werden.

Innovation gibt es auch in der Biologie: Organismen sind nur dann auf Dauer überlebensfähig, wenn sie in der Lage sind, sich in einem angemessenen Zeitfenster auf Veränderungen ihrer Umwelt einzustellen. Den Mechanismus dieses Anpassungsprozesses hat Charles Darwin im Rahmen seiner Evolutionstheorie beschrieben. Hierbei spielen „Mutation“ und „Selektion“ eine entscheidende Rolle. Mutation bezeichnet spontane Abweichungen (genauer Kopierfehler) der Erbinformation (DNA) in den Keimzellen. Die veränderte Erbanlage führt bei den Nachkommen zu Merkmalsausprägungen, die in der Population bisher nicht vorkamen. Selektion ist das Gegenstück dazu: Nur dann, wenn die neuen Merkmale den Organismen einen Vorteil in der Auseinandersetzung mit den Umweltanforderungen verschaffen, werden sie sich durchsetzen. Andernfalls werden sie aussortiert.

Wenn Menschen lernen, geschieht Ähnliches. Die Pädagogik spricht von „Passung“. Optimal gelernt wird dann, wenn die Lerninformation ein angemessenes Maß an Fremdheit besitzt. Ist die Abweichung zu groß, wird die Information irrelevant, ist sie zu klein, wird sie in die bisherige Erfahrungswelt assimiliert und bleibt ebenfalls ohne Folgen. Nur bei hinreichender Fremdheit, wird die neue Information bestehende mentale Modelle (Konstruktionen von Wirklichkeit) verändern: Das Individuum beginnt zu lernen (Akkomodation, Piaget). Neu erworbenes (Handlungs-)Wissen muss sich dann in der Praxis (also hinsichtlich seiner Handlungsrelevanz) bewähren. Es wird umso stärker in die Wissensbasis integriert, als es hilft, nützliche Hypothesen zu generieren. Die Validierung neu erworbenen Wissens erfolgt also entlang der Erfahrung durch die (Nicht-)Falsifizierung (Selektion) der hieraus generierten Hypothesen (Popper).

Entwicklung in sozialen Systemen, also auch in Organisationen, setzt Differenzierung, die Herstellung von Unterschieden, voraus. Wenn bestehende Muster und (funktionierende) Routinen unterbrochen werden, können alternative Handlungsoptionen entstehen. Nur so lassen sich neue Erfahrungen generieren, die eine bessere Anpassung erlauben. Erneuerung hat experimentellen Charakter und beginnt dabei stets an den Rändern, an Hecken und Zäunen, kommt also – systemisch gesehen – von unten und von außen.

Um sich in einer hoch dynamischen Umwelt kontinuierlich und verlässlich strategisch ausrichten und damit Zukunft offen halten zu können, braucht die Kirche ein angemessenes Verständnis und eine funktionierende Praxis der Innovation. Obgleich die Kirche seit zweitausend Jahren existiert und sich dabei immer wieder grundlegend erneuert hat, ist dies für die Kirche heute unter den Vorzeichen der Postmoderne keine leichte Übung. Es gibt – trotz vieler Ansätze im Einzelfall – keine, der gesellschaftlichen Dynamik entsprechende und damit keine angemessene Innovationspraxis. Kirche, wie wir sie kennen, ist auf maximale Stabilität programmiert. Differenz ist nicht erwünscht, „Abweichungen“ werden sanktioniert, nicht gefördert. Es wird kaum etwas in Innovation investiert. Es gibt wenig Innovationswissen, Knowhow darüber, wie Innovationsprozesse zu gestalten sind. Mehr noch: Die Bemühungen, die gegenwärtige Krise in den Griff zu bekommen, laufen zumeist nach alten Mustern ab. Sie dienen der Aufrechterhaltung der Funktionalität, wie wir sie kennen. Die Reformparadigmen der zurückliegenden Jahrzehnte zielen im Kern darauf ab, die Kirche in ihrer bisherigen Sozialgestalt, überkommene Rollenarchitekturen und ein feststehendes Produktportfolio über die Zeit zu retten.1

Naturgemäß braucht die Kirche aufgrund ihrer langen Geschichte, ihrer Größe und Komplexität viel Zeit und Energie, um ihre organisatorischen Rahmenbedingungen so zu transformieren, dass sie sich nachhaltig in Kontexten bewegen kann, die ein Maximum an Flexibi­lität und Innovation erfor­dern, ohne dabei die Rückbindung an ihren Ursprung und ihre Mitte, also ihre Identität aufzugeben. Schwerer wiegt die Frage, ob Innovation in der Kirche theologisch überhaupt möglich und wenn ja, in welchem Umfang sie zulässig ist.

Mit Jesus Christus ist die Offenbarung Gottes in der Geschichte abgeschlossen. Sie wird vollendet mit der Wiederkunft des Herrn am Ende der Tage. Gleichzeitig gibt Jesus nach seiner Auferstehung den Jüngern den Auftrag, die Frohe Botschaft von der Liebe Gottes allen Menschen weiterzusagen (Mt 28,20). Sie tun dies, indem sie – tastend und experimentell – die Botschaft in der jeweiligen Sprache und Kultur differenzierend neu erfinden. Das 2. Vatikanum ist an dieser Stelle eindeutig: „Als ‚ecclesia semper reformanda‘ (LG 8) ist sie [die Kirche, Anm. d. Verf.] gefordert, sich immer wieder zu besinnen, umzukehren und neu zu formieren, um so ihre Zukunft, die Zukunft Gottes in veränderter Welt offen zu halten. ‚Sie ist zugleich heilig und stets der Reinigung bedürftig, sie geht immerfort den Weg der Buße und Erneuerung‘ (LG 8).“2

In diesem Sinn ist das Thema Innovation in doppelter Weise eine strategische Herausforderung für die Kirche. Sie muss unzweifelhaft mit großem Nachdruck und erheblichem Ressourceneinsatz organisatorisch geleistet werden, um langfristig die Anschlussfähigkeit wieder zu erlangen. Sie muss auf der anderen Seite in einen biblisch-theologischen Zusammenhang gestellt und darin begründet werden. Nur wenn die Kirche sich selbst und ihr Reden von Gott stetig neu erfindet, kann sie dem Sendungsauftrag gerecht werden und das gewährleisten, was Johannes XXIII mit „aggiornamento“ gemeint hat, die Aktualisierung und damit die Bewahrung der Frohen Botschaft in veränderter Zeit. Hierfür ist der Beistand des Geistes zugesagt.

  1. Dessoy, V., Die Reform reformieren, in: Diakonia 1/2010, 65-68.
  2. Dessoy, V., Lames, G., „…und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende“ (Mt 28,20). Zukunft offen halten und Wandel gestalten. Strategisches Denken und Handeln in der Kirche. Trier, 2010, 31.