022020

Foto: © Elbtauffest 2019

Konzept

Emilia Handke

Das Licht auf den Scheffel stellen

Warum es einer Ergänzung der parochialen Kasualpraxis bedarf

Allerorts ist vom „Matching“ die Rede – in der Arbeitsplatzvermittlung, im Coaching oder im Online-Dating1. Wir recherchieren, wer oder was zu unserem Leben passt – womit wir uns identifizieren und wie wir uns ausdrücken wollen in dieser Welt. Die digitale Auffindbarkeit eines Angebots wird dabei immer entscheidender. Rituale und deren Anbieter*innen gehören zu diesem Auswahlprozess ebenso dazu wie das Buchen von Unterkünften – Herberge wollen wir eben nicht überall nehmen. Gleiches gilt für Rituale als Herbergen der Seele. Auf dem digitalen Markt sind wir als Kirche mit unseren Ritualen allerdings so gut wie gar nicht präsent. Abgesehen von den sog. Sinnfluencer*innen erzählen wir wenig Persönliches über uns als Pfarrpersonen; wir bewerben in der Regel keine „Kasualpakete“; wir erzeugen auf unseren Internetseiten nur selten Atmosphären, in die sich Menschen hineinfallen lassen wollen. Wir warten vielmehr auf Anmeldungen in unserem Pfarrbüro. Und diese werden immer weniger.

Menschen kommen auch bei Taufe, Trauung und Bestattung nicht mehr selbstverständlich auf uns zu. Nicht einmal mehr die Hälfte aller Elternhäuser mit mindestens einem evangelischen Elternteil lässt in Hamburg sein Kind noch taufen. Auch der Anteil der Gottesdienste anlässlich einer staatlichen Eheschließung sinkt seit Jahren. Gerade noch 50 Prozent der evangelisch Verstorbenen werden in Hamburg auch evangelisch bestattet. Das hat unterschiedliche Gründe – und nicht gegen alle können oder wollen wir etwas tun. Natürlich haben wir Überzeugungen, die uns heilig sind, die wir nicht verhandeln und auch nicht preisgeben wollen. Trotzdem lohnt ein Perspektivwechsel, der sich u.a. aus Erfahrungen von der Hamburger Hochzeitsmesse und vom Hamburger Elbtauffest speist.

Wir erzeugen auf unseren Internetseiten nur selten Atmosphären, in die sich Menschen hineinfallen lassen wollen. Wir warten vielmehr auf Anmeldungen in unserem Pfarrbüro. Und diese werden immer weniger.

Dabei fällt als erstes auf, dass der Weg zu uns als Kirche in der Großstadt viel länger ist als uns lieb sein darf. Die Teilnahme an Kirche ist eine äußerst voraussetzungsreiche Angelegenheit. Dazu gehört, dass die sog. Parochie für viele Menschen eine „Zombie-Kategorie“ ist. Der Soziologe Ulrich Beck meint damit „lebend-tote Kategorien, die in unseren Köpfen herumspuken, und unser Sehen auf Realitäten einstellen, die immer mehr verschwinden“2, weil sich die Kontexte, in denen wir diese Kategorien benutzen, verändert haben. Im Blick auf Taufe, Trauung und Bestattung bedeutet das: Vor allem in Großstädten wissen viele Menschen überhaupt nicht, zu welcher Gemeinde sie gehören und dementsprechend auch nicht, wie sie vorgehen sollen, wenn sie etwas von uns wollen. Auf den Hochzeits- und Babymessen wird dies in den dort entstehenden Gesprächen immer besonders deutlich. Die Menschen dort wissen mitunter oft weder, dass die Nordkirche gleichgeschlechtliche Paare traut, noch, dass kirchliche Trauungen auch unter freiem Himmel möglich sind. Und dann ist da noch die Scham: Ich gehe ja auch sonst nicht in den Gottesdienst, kann ich dann überhaupt nach Taufe oder Trauung fragen? Der Weg in die Gemeinde erzeugt bei vielen Unbehagen, weil „Gemeinde“ nicht ihr Zugang zu Religion und Kirche, nicht ihr Zuhause ist. Es sind vielmehr andere religiöse Kommunikationsmodi, die die Frage nach Religion und Kirche im eigenen Lebenslauf wachhalten.

Der Weg in die Gemeinde erzeugt bei vielen Unbehagen, weil „Gemeinde“ nicht ihr Zugang zu Religion und Kirche, nicht ihr Zuhause ist.

Für diese Menschen – die sog. distanzierten Kirchenmitglieder – müssen wir unsere Kommunikationswege erweitern und deren Lebenswelt konsequent zum Ausgangspunkt unserer Kommunikation des Evangeliums machen. Es wird dabei in der Regel nicht ausreichen, die vielen Gemeindehomepages im Blick auf das Angebot der rituellen Lebensbegleitung zu verbessern, weil viele Leute uns dort nicht suchen werden. Auch der Kirchenkreis ist für viele Menschen eine sog. Zombie-Kategorie. Es braucht vielmehr gezielte Kommunikationsstrategien, die stadt- und damit gemeindeübergreifend zu denken sind. Die kann die Kirche allerdings kaum wagen, weil sie vor Ort nicht sicher einlösen kann, dass dort auch wirklich angeboten wird, was sie öffentlich bewirbt:

Die Teilnahme an Kirche ist eine äußerst voraussetzungsreiche Angelegenheit.

Nicht alle Pfarrpersonen trauen oder taufen auch außerhalb der Kirche, nicht alle begleiten Bestattungen im Wald und auch nicht alle lassen Bestattungsmusik von der CD zu – von Trauungen mit unterschiedlichen musikalischen Stilformaten ganz zu schweigen. Es ist überall ein bisschen anders und von Pfarrer zu Pfarrerin eben unterschiedlich. Die evangelische Kirche braucht also z.B. in Hamburg eine zentrale Stelle, wo sie stadtübergreifend bewerben kann, was dort mit der evangelischen Kirche in Hamburg möglich ist und an dieser Stelle auch sicher eingelöst wird. Hinter dieser Stelle müssen u.a. konkrete Pfarrpersonen stehen, die man sofort anschreiben kann auf allen jenen Kanälen, die heute genutzt werden (Suchmaschine, Telefon, E-Mail, Chat, Messenger), und die die Kasualie auch durchführen, wenn das gewünscht wird. Zudem muss das digitale Portal im Netz einfach gefunden bzw. bezahlt beworben werden – und Menschen dazu animieren, dass sie Kontakt aufnehmen mit uns als evangelischer Kirche.

© Bernd Jonkmanns / Elbtauffest 2019
Im Grunde lernen wir damit von einem säkularen Berufsfeld, das uns umgibt, sich ständig erweitert und sehr spezialisiert arbeitet. Es springt dort ein, wo wir über unsere eigenen internen kirchlichen Handlungsorientierungen stolpern. Das Feld der Trauung, wo die Leute längst nicht mehr nach unserer Parochiallogik agieren, macht unser Dilemma besonders deutlich: Paare heiraten heute, wo und an welchem Termin sie heiraten wollen. Und wenn sie keine Pfarrperson persönlich kennen oder diese einem verständlicherweise nicht durch die halbe Landeskirche oder sogar darüber hinaus hinterherreisen mag, dann geraten die Paare in die Bredouille. Und dann kommen die freien Ritualbegleiter*innen auf ihr Radar, weil diese sich dort beherzt zeigen, wo wir selbst kaum sichtbar sind: im Internet. 80 Prozent von deren Anfragen kommen über Google. Sie haben längst verinnerlicht, wie werbendes Handeln geht – wir mussten das als Institution bisher nicht in gleicher Weise üben, uns nicht in gleicher Weise „aussetzen“, konnten manche Vorbehalte innerkirchlich kultivieren.

Die Frage der Mitgliederkommunikation ist an vielen Stellen ausbaufähig.

Dabei hätten wir einiges zu bieten. Viele Kolleg*innen sind ungeheuer kreativ in ihrer Kasualpraxis, gestalten – neben vielen anderen Erfordernissen des Gemeindepfarramts – liebevolle Taufen in Kirchen oder im Garten, Trauungen auf Schiffen oder in Bars, Bestattungen im Wald oder auf See. Neben diesen Ritualen hält die Kirche in ihren Gemeinden und darüber hinaus ein breites Angebot für die Begleitung von Kindern in Krabbelgruppen, KiTas oder Schulen und Menschen im Rahmen der Diakonie vor. Allerdings bündeln wir diese Schätze in der Regel nicht im Hinblick auf Kasualien und bewerben auch wenig, was Menschen in dieser Hinsicht von ihrer Kirchenmitgliedschaft haben. Die Frage der Mitgliederkommunikation ist an vielen Stellen ausbaufähig.

Wir können nicht mehr darauf warten, dass die Leute von sich aus zu uns kommen. Dies ist eine Aufgabe, bei der Gemeinden Unterstützung benötigen.

Erfahrungen vom Hamburger Elbtauffest von 2019 zeigen, dass viele Kirchenmitglieder gezielt auf die Taufe angesprochen werden müssen. Stellvertretend sei aus drei Rückmeldungen zum Briefversand zitiert, der an alle evangelischen Haushalte mit ungetauften Kindern versandt wurde:

„Liebes Projektteam Elbtauffest,
was für ein riesiger Zufall! Gerade letzte Woche hatten wir beschlossen, unsere Kinder taufen zu lassen, wussten nur nicht, wo wir die Feier danach feiern und finanzieren sollten. Und nun kam diese Post hineingeflattert.“

„Dankeschön für die tolle Idee und die gut informierende Website. Das ist ja wirklich eine irrwitzige organisatorische Arbeit, die wir sehr wertschätzen! […] Witzigerweise hatten wir nämlich gerade vor vier Wochen die Idee einer Flusstaufe, da wir mit unserem 10jährigen Sohn die entsprechenden Stellen in der Kinderbibel gelesen haben. Wir hatten aber keine Idee, wie und wo, und ein paar Wochen später, da flattert Ihr Brief ins Haus …“

„Sehr geehrte Damen und Herren,
wir haben heute Ihr Schreiben zum Elbtauffest erhalten und sind völlig begeistert von der Idee. Wir wollten unsere Tochter schon längst taufen lassen, haben aber zugegeben ein wenig den Aufwand drum herum gescheut. Daher freuen wir uns nun über diese Möglichkeit und stellen uns auch die damit verbundene Stimmung sehr einladend vor.“

Es fällt zum einen auf: Obwohl alle Eltern eine Kindertaufe ernsthaft erwogen haben, brauchen sie offenbar entweder Hilfe bei der Gestaltung und Finanzierung der Feier oder aber einen geeigneten Rahmen, der sie diesen Wunsch auch in die Realität überführen lässt. Anders gesprochen: Es braucht die mit der zielgerichteten Ansprache einhergehende Aktivierung – wir können nicht mehr darauf warten, dass die Leute von sich aus zu uns kommen. Dies ist eine Aufgabe, bei der Gemeinden Unterstützung benötigen.

Eine verstärkte mediale Präsenz kirchlicher Kasualpraxis spricht im Nebeneffekt aber auch eine nichtkirchliche Öffentlichkeit auf kirchliche Angebote hin an und plausibilisiert ihr, was Taufe eigentlich bedeutet und warum das „Zeitliche zu segnen“ ist.

Im Rahmen einer sog. Kasualagentur wäre das so zu denken, dass dort stellvertretend entsprechende Tauf-, Trau- und Bestattungsformate entwickelt und beworben werden, um öffentliche Aufmerksamkeit zu erzeugen für die Schätze, die die Kirche ihren Mitgliedern zu bieten hat. Das könnte u.a. ein Tauffest, eine Hochzeit am Flughafen oder ein Veranstaltungsformat anlässlich des Muttertags auf dem Friedhof sein. Dies kann – wie beim Tauffest – eine Zusammenarbeit mit den Gemeinden bedeuten, zu einer Weiterleitung der Anfragen in die Gemeindepfarrämter führen oder aber zur eigenen Durchführung – entscheidend ist dabei neben den Kapazitäten der Wunsch des jeweiligen Kirchenmitglieds. Gleichzeitig könnten sich Gemeindepfarrer*innen zur Arbeit der sog. Kasualagentur mit bestimmten Formaten assoziieren lassen. Ein stadtweiter digitaler Bestattungskalender würde für die Bestatter*innen dafür sorgen, dass sie verlässlich Zeiten „buchen“ können, in denen Pfarrer*innen für die Bestattung, die ja stets zwischen unterschiedlichen Angehörigen und den lokalen Friedhöfen ausgemittelt werden muss, zur Verfügung stehen. Darüber hinaus müssten auf dem Digitalportal der sog. Kasualagentur z.B. Musikbeispiele ebenso wie persönliche Erfahrungsberichte zu finden sein – damit man weiß, worauf man sich einlässt.

Die Frage ist nur, ob wir uns dieser Realität konsequent stellen wollen.

Das ist die Logik, mit der wir auch sonst in unserem Leben agieren. Die Kirche würde hier sichtbar hinsichtlich der Qualität ihrer Kasualien, aber auch der Kostenfreiheit für ihre Mitglieder, so dass diese den Mehrwert ihrer Kirchenmitgliedschaft öffentlich dargestellt erfahren. Eine verstärkte mediale Präsenz kirchlicher Kasualpraxis spricht im Nebeneffekt aber auch eine nichtkirchliche Öffentlichkeit auf kirchliche Angebote hin an und plausibilisiert ihr, was Taufe eigentlich bedeutet und warum das „Zeitliche zu segnen“ ist.

Das Konzept „Kasualagentur“ – der Name ist ein Reizwort und auch aufgrund seiner Codierung sicher nicht als Name für eine solche Stelle geeignet – steht also für neue Zugangs- und Mitgliederkommunikationsformen. Er steht für die offensive Werbung für Kasualien und die Arbeit mit unterschiedlichen Zielgruppen (z.B. Alleinerziehende), die wir über die Gemeinden nicht mehr oder nur sehr schwer erreichen. Er steht für die Vernetzung mit Pastor*innen, Kirchen und Gemeinden in der Region. In großstädtisch geprägten Kirchenkreisen entstünde damit eine ergänzende Repräsentationsform von Kirche – stadtübergreifend gedacht und digital gut aufgestellt.

Es braucht vielmehr gezielte Kommunikationsstrategien, die stadt- und damit gemeindeübergreifend zu denken sind. Die kann die Kirche allerdings kaum wagen, weil sie vor Ort nicht sicher einlösen kann, dass dort auch wirklich angeboten wird, was sie öffentlich bewirbt

Seit ich 2017 auf der Hamburger Hochzeitsmesse einen Dienst übernommen habe, ist mir deutlich, wie wichtig ein anderer Weg der Ansprache für viele Kirchenmitglieder ist: In vier Stunden haben mich drei Paare gefragt, ob ich sie trauen würde. Entweder waren beide, mindestens aber eine Mitglied der Kirche. Bei Johanna (ev.) und Karl (kath.) war die kirchliche Hochzeit gar nicht mehr im Blickfeld, weil sie keine Verbindung zu ihrer Gemeinde hatten – dann wurde sie das wichtigste Ereignis des ganzen Tages. Manuela (ev.) und Jörg (konfessionslos) hatten Sorge, dass ein Pastor seine Kirchenferne nicht akzeptieren würde und trauten sich nicht zu einem Kasualgespräch in die Gemeinde. Charlotte (ev.) und Fabian (kath.) zogen eine freie Trauung in Betracht, weil ihr Gemeindepastor zum Zeitpunkt der Trauung im Urlaub war und auch dessen Vertretung leider nicht einspringen konnte. Keines von diesen Paaren gehörte zu meiner Gemeinde oder heiratete in seiner Parochie, nur zwei von dreien in einer Kirche.

Das ist in Hamburg die Realität – und die Frage ist nur, ob wir uns dieser Realität konsequent stellen wollen. Möglichkeiten einer längerfristigen Lebensbegleitung ließen sich im Rahmen des Erstkontakts über die sog. Kasualagentur ebenfalls denken – sei es, dass Menschen auf bestimmte gemeindliche Angebote aufmerksam gemacht werden oder zu Erinnerungsanlässen im Rahmen dieses kirchlichen Orts eingeladen werden. Auch Links zu Seelsorgeangeboten wären denkbar. Letztlich ist es eine unerlässliche Form der kirchlichen Öffentlichkeitsarbeit, die es uns ermöglicht, dass Menschen erfahren können, was wir ihnen als Kirche anzubieten haben.

Den geistlichen Gewinn, den wir selbst davon tragen, bringt ein Diktum des verstorbenen katholischen Bischofs Klaus Hemmerle immer noch unübertroffen auf den Punkt: „Lass mich dich lernen, dein Denken und Sprechen, dein Fragen und Dasein, damit ich daran die Botschaft neu lernen kann, die ich dir zu überliefern habe.“3 Um nicht mehr und nicht weniger geht es dabei – um Kirche im Dialog.

 

  1. Dieser Artikel stellt eine überarbeitete Fassung eines Textes dar, der am 23. Juni 2020 auf Feinschwarz unter dem Titel „Aufs Radar der Menschen kommen“ erschienen ist.
  2. Ulrich Beck/Johannes Willms, Freiheit oder Kapitalismus. Ulrich Beck im Gespräch mit Johannes Willms, Frankfurt am Main 2000,16. Diesen Hinweis verdanke ich Michael Domsgen.
  3. Klaus Hemmerle, Spielräume Gottes und der Menschen, Freiburg 1996, 329.

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