022011

Foto: Schub@: take a seat, read a book (CC BY-NC-SA 2.0)

Service & Dialog

Martin Lätzel

Buchrezension: Loffeld, Jan: Das andere Volk Gottes

Loffeld, Jan: Das andere Volk Gottes. Eine Pluralitätsherausforderung für die Pastoral.

Dass nicht nur unsere Gesellschaft, sondern auch das Christentum in sich selber plural ist, mag zwar eine deutliche Erkenntnis der vergangenen Jahre sein, ist aber eigentlich nichts Neues. Wer sich mit der Kirchengeschichte befasst, wird immer wieder Divergenzen finden, die oft nur mühsam in der gemeinsamen Institution zusammen zu fassen war. Gerade die sehr hierarchische Struktur des Katholizismus, erweckt den Eindruck, es gäbe eine quasi lineare Glaubens- und Lebensauffassung. Das ist im Übrigen eine Auffassung, die oft von Außenstehenden vertreten wird, oder aber der gerade leitende Vertreter der Kirche anhängen. Die Situation in realiter ist eine andere, was es vermutlich schon immer, trat aber nie so deutlich zu Tage wie angesichts unser immer pluralistischer und individueller werdenden Gesellschaft.

Der Münsteraner Theologe Jan Loffeld hat sich dieser Frage angenommen. Ausgehend von dem Phänomen einer lockeren Kirchenbindung, der Milieuverengung von Gemeinde und der Binnenorientierung von pastoraler Ausbildung und pastoraler Planung, thematisiert er die Pluralitätsherausforderung für die Kirche und sucht nach Orten, in denen diese praxeologisch sichtbar wird.

In einem ersten Teil der Arbeit skizziert Loffeld die „postmoderne Volkskirche“ (wenn der Ausdruck nicht schon ein Widerspruch in sich ist). Er wertet Studien und Phänomen aus (Weihnachtschristentum und Pilgerschaft) und diskutiert veränderte Formen der Kirchlichkeit. Loffeld bilanziert die Rezeption der kirchlichen Rituale als explizitem Ausdruck einer individuell komponierten Religiosität, die durchaus in kritischer Distanz zur Institution stehen kann.

In einem zweiten Teil befragt Loffeld kritisch die in den vergangenen Jahrzehnte propagierte Gemeindetheologie, die nicht dazu geeignet ist, den heutigen gesellschaftlichen Entwicklungen adäquater zu begegnen, es sei denn man sucht den „warmen Ofen“, von dem Rahner spricht und ignoriert religiöse Anfragen außerhalb des gemeindlichen Schutzraumes, den sich so mancher Hauptamtliche oder so manche Ehrenamtliche geschaffen haben. In Anlehnung an die Volk-Gottes-Theologie des Zweiten Vatikanischen Konzils plädiert der >Autor dafür, die Communio als eine transversal angelegte „Sammlungs- und Sendungswirklichkeit zu gestalten“. Postmoderne Volkskirche und Gemeindekirche müssten angesichts der gelebten Individualität verschränkt werden.

Im dritten, praktischen, Teil möchte Jan Loffeld Pastoral postmodern denken. Das bedeutet für ihn, Sammlung und Sendung in Gemeinde und übergemeindlich zu denken und aufeinander zu beziehen. Beispiele wie die Citypastoral und Taizé dienen ihm dabei zur Anschauung.

Wie gesagt: Das Thema ist nicht neu und vieles, was Loffeld beschreibt ist zumindest bei aufgeklärten und eben nicht verengten Theologinnen und Theologen, ehren- und hauptamtlichen Kirchenleuten Allgemeingut. Die Tatsache allerdings, dass auf diesen Sachverhalt wiederholt hingewiesen muss, lässt aufmerken. Es scheint eben doch so zu sein, dass man in weiten Teilen der Kirchenstruktur (!) die herrschende Pluralität eben nicht wahrhaben will und sie deswegen verdrängt, oder aber dass man in ihre anstatt eines Zeichens der Zeit, von dem fremdprophetisch zu lernen ist, eine Bedrohung sieht, der nur mit noch mehr Stringenz und Dogmatismus begegnet kann. Insofern ist Loffelds Dissertation ein wichtiger Beitrag zum Diskurs. Und nicht nur das. ER selber will die Arbeit auch als Plädoyer verstanden wissen, die verengte Perspektive auf die Ortsgemeinde zu übersteigen, ohne den besonderen Wert einer territorialen Verortung ganz außer Acht zu lassen. Das Potenzial jedoch, dass außerhalb der Ortsgemeinde als Beitrag zur Pilgerreise des Volkes Gottes schlummert, ist zu wertvoll, um es zu vernachlässigen. Das Volk Gottes ist an sich plural und Loffelds Auseinandersetzung und seine deutliche Option für einen Paradogmenwechsel hin zur Pluralität ist zu würdigen und stellt einen wichtigen Beitrag für die pastoraltheologische und pastoralplanerische Diskussion da.

Zwei Diskussionspunkte fehlen allerdings. Sie hätten das Pluralitätsthema durch wesentliche Aspekte bereichert und sind abschließend nicht geklärt. Interessant wäre nämlich die Diskussion der kerygmatischen Pluralität, denn auch sie kann als Ausgangspunkt zur Kirchenentwicklung werden. So hätten Ansätze von Daniele Hervieu-Legér der gegenseitigen Glaubensvalidation ebenso Berücksichtigung finden können, wie die Ideen eines Gianni Vattimos, der die Offenbarung als nicht abgeschlossen betrachtet und jeden Gläubigen und jede Gläubige in der ihr eigenen Art zu glauben als wichtige Exegeten der Offenbarung sieht, die so zu einem stetigen, sich jeweils neu entwickelnden Glaubens- und Lehrprozess führt.

Interessant wäre auch die Erörterung der Frage, inwieweit die Pluralität nicht nur die Gesellschaft und mit ihr die Laien in der Kirche erfasst hat, sondern wie sie sich in der Arbeit und, ja, auch im Glauben von Seelsorgerinnen und Seelsorgern, Ordenschristen, leitenden Geistlichen wiederspiegelt. Diese Diskussion steht noch aus und wird (leider) auch von Loffeld nicht geleistet. Wer allein die Auseinandersetzung mit der Pluralität der Gesellschaft sucht, verkennt das Potenzial, dass sich auch innerhalb der verfassten Kirche böte. Denn Milieuverengung stellt nicht nur eine ästhetische Exkommunikation dar, sondern perpetuiert auch die Beschränkung auf nur weniger Milieus innerhalb des kirchlichen Personals – Ausnahmen bestätigen die Regel.