012021

Foto: Antonio Poveda Montes/Unsplash

Statements

Rainer Bucher

Viel Bangen und ein klein wenig Hoffen

I.

Es ist in den letzten Monaten unübersehbar geworden, aber natürlich gilt es schon seit längerem: Die Planungs- und Sicherheitsfiktionen der klassischen Moderne zerrinnen ins Ungewisse und das nicht mehr nur in den analytischen Überlegungen der einschlägigen GesellschaftstheoretikerInnen, sondern in der Alltagserfahrung von immer mehr Menschen. Vor allem eine klassisch moderne Hoffnung erweist sich als Utopie: dass die Zukunft so ungefähr das Ergebnis unseres Wollens und Planens sein wird, dass die lange so erfolgreiche moderne Überführung von immer mehr Kontingenzen der Natur in die Planbarkeit kultureller Institutionen und Strukturen in ein gesichertes Leben führt.

… es wird auch unerwartete Lösungen auf unerwartete Probleme geben

Offenkundig ist etwas anderes eingetreten. Die zum Zweck der Naturbeherrschung und Kontingenzminderung in Gang gesetzten kulturellen und technologischen Prozesse entwickeln hinter unserem Rücken eine unkontrollierbare Eigendynamik, die vor uns als Quelle unvorhergesehener, ja unvorhersehbarer Ereignisse wiederauftaucht. Offenkundig gibt es – weder für die analysierenden WissenschaftlerInnen noch für die involvierten ZeitgenossInnen – auch kein von diesem „Kontext“ unberührtes „Eigenes“ oder „Inneres“ mehr, denn die „Bedingungen der Situation sind in der Situation enthalten.“1

Das markiert jenes politische Problem, das in der Gegenwart erkennbar und die Zukunft wohl dominieren wird: ihre qualitative wie quantitative Überraschungsdichte. Das gilt sicher in beide Richtungen, es wird auch unerwartete Lösungen auf unerwartete Probleme geben. Dass etwa eine energetische Versorgung der Menschheit ohne fossile und atomare Brennstoffe möglich sein könnte, das war 1980 noch nicht einmal wirklich denkbar. Mit Armin Nassehi gesprochen: Wir leben „nicht in einer kausalen“, sondern in einer „stochastischen Welt“2, wo bestenfalls Wahrscheinlichkeiten berechenbar sind – und auch die nur bedingt.

 

II.

Wir sind zwar nicht zum Bösen geschaffen, aber das Böse ist eine Re­alität menschlicher Existenz

Gerade diese absehbare Überraschungsdichte und nicht-kausale Zukunft aber machen politische Sorgen. Denn sie fordern Ambiguitätskompetenz. Die Populismen der letzten Jahre und Jahrzehnte haben aber gezeigt, dass diese weder individuell noch gesellschaftlich selbstverständlich ist. Zudem bin ich als zeithistorisch interessierter Pastoraltheologe überzeugt: Wir sind zwar nicht zum Bösen geschaffen, aber das Böse ist eine Re­alität menschlicher Existenz und das, glaubt man der Bibel, von Anfang an. Die Menschheitsgeschichte belegt diese biblische These bis heute und immer wieder auf das Schrecklichste. Ein gesellschaftliches Einfallstor des Bösen aber sind stets Unsicherheit und die sie begleitende Angst.3

Menschliches Leben ist ambivalent, zerbrechlich und gefährdet

Die Menschheit ist zum Bösen versucht, ihre Abstürze sind Legion. Immer wieder und in Zeiten, da gesellschaftlicher Transformationsstress sie (über-)fordert, droht das Schlimmste. Es ist nicht schwer, ganze Gesellschaften ins Böse zu führen. Man muss nur seitens der Obrigkeit eine bestimmte Menschengruppe aus dem Lebensschutzgebot herausnehmen, jene, die angeblich für all die Probleme verantwortlich sind, die gerade überhandnehmen und ängstigen. Dann wird es erlaubt, ja wie man meint, sogar „geboten“, Menschen zu quälen und zu töten.

Menschliches Leben ist ambivalent, zerbrechlich und gefährdet. Die Moderne hat lange – und teilweise ja durchaus erfolgreich – an der Fiktion gearbeitet, das könne überspielt werden. In der Postmoderne zerstiebt diese Fiktion. Wenn man das nicht wahrhaben will, wenn man diese Ambivalenz durch die Eliminierung der dafür angeblich Verantwortlichen beseitigen will, dann gleitet man ins Böse. Man kürzt den Weg in das ersehnte Paradies einer stimmigen, durchsichtigen, beheimatenden Welt ab. Das Böse ist die Abkürzung ins Paradies des Lebens, wie man es ersehnt – an der Ambivalenz und Kontingenz der Welt vorbei. Theologisch gesprochen: Es ist der Weg am Kreuz vorbei. Wenn aber das Leiden und das Kreuz wieder zunehmen, zumindest relativ in der Erfahrung der Menschen, dann werden diese bösen Abkürzungen wieder eine reale Möglichkeit, ja Wahrscheinlichkeit.

 

III.

Was gibt Hoffnung, in all dem nur zu begründeten Bangen?

Die Stärke der jeweiligen Zivilgesellschaft ist die Stärke der jeweiligen Demokratie

Vor allem die liberale Demokratie, ihre starken Zivilgesellschaften und die Tatsache, dass die Mehrheit von deren Eliten heute für beides einsteht. 1933 haben vor allem die Eliten versagt und das so ziemlich durch die Bank: in Wissenschaft, Wirtschaft, Kultur, Kirche(n) und Medien. Sie waren nicht unbedingt Nationalsozialisten, aber eben auch keine Demokraten, vertraten in ihrer Mehrheit keine universalistische Menschenrechtsoption, sondern partikuläre bis totalitäre Interessen und zudem heroisch-männliche Krisenbewältigungskonzepte bis hin zu rassistischen (und patriarchalen) Über- und Unterordnungsvorstellungen. Das gibt es heute alles auch noch und teils wieder, aber es ist (noch) nicht mehrheitsfähig und es gibt breiten und erfolgreichen Widerstand dagegen in Wissenschaft, Wirtschaft, Kultur, Kirche(n) und Medien.

Konstitutiv für die Demokratie ist es, die Stelle der Macht leer zu lassen, sie nur prekär, also widerrufbar zu besetzen. Vor allem besitzt die zentrale Stelle der Macht keinen von der Zivilgesellschaft unabhängigen Legitimationsanspruch. Eine starke, autonome Zivilgesellschaft, in der eine Sphäre des Öffentlichen und Politischen gegenüber der immer nur vorläufig besetzten Stelle der zentralen Macht wirksam wird, das charakterisiert liberale Demokratien. Die Stärke der jeweiligen Zivilgesellschaft ist die Stärke der jeweiligen Demokratie. Die aktuellen Kämpfe in Belarus oder Hongkong oder Myanmar belegen beides: die Stärke wie die Verwundbarkeit der Zivilgesellschaft(en).

Ob die liberale, menschenrechtsbasierte Demokratie als globales Vorbild und Muster angesichts der internen Verführungen wie der externen autoritären, illiberalen Alternativangebote hält?

Ob die liberale Demokratie dem Transformationsstress einer überraschungsdichten und „stochastischen“ Zukunft standhalten und weder nach „links“ in eine Ökodiktatur noch nach „rechts“ in einen rassistischen Ausgrenzungspopulismus kippt?

Ob die (katholische) Kirche, wiewohl intern selbst von Menschenrechts- und damit Legitimitätsproblemen vor allem der defizitären Geschlechtergerechtigkeit und ihrer absolutistischen Verfassung belastet,4 die liberale Demokratie weiterhin, wie seit dem II. Vatikanum, in Wort und Tat und auf allen politischen Ebenen vom Papst bis zur Kommune stützt?

Ich weiß es nicht. Ich hoffe es von Herzen für meine Kinder und meine Enkelin.

  1. Adele E. Clarke, Situationsanalyse. Grounded Theory nach dem Postmodern Turn, Wiesbaden 2012, 112.
  2. Armin Nassehi, Wie sichern wir uns künftig gegen Katastrophen ab? (https://www.deutschlandfunk.de/nach-der-flut-soziologe-nassehi-wie-sichern-wir-uns.694.de.html?dram:article_id=501115, abgerufen 3.8.2022)
  3. Vgl. dazu jetzt aus globalgeschichtlicher Perspektive: Daniel Hedinger, Die Achse. Berlin – Rom – Tokio. 1919-1946, München 2021.
  4. Vgl.: Martin Baumeister/Michael Böhnke/Marianne Heimbach-Steins/Saskia Wendel (Hrsg.), Menschenrechte in der katholischen Kirche, Paderborn 2018.

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