012021

Foto: Samuel Sascha Mayer/Unsplash

Statements

Regina Nagel

Chancen im Scheitern synodaler Prozesse?

„Die Kirche ist keine menschliche Organisation, sie ist der Tempel des Heiligen Geistes”, sagte Papst Franziskus an Pfingsten. Es gehe nicht um Traditionalisten und Erneuerer, das Ziel müsse „Harmonie in Verschiedenheit sein.“ Vergleichbares sagen manche Beteiligten und Beobachter*innen des Synodalen Wegs (SW), beschwören das Schreckgespenst der Spaltung und verwenden gerne das böse Wort „Maximalforderungen“. Die gäbe es auf beiden Seiten – bei den Bewahrern und den Reformorientierten. Dieser Spruch zu den angeblichen Maximalforderungen der Reformer nervt. Gleichberechtigung ist keine Maximalforderung! Geschlechtergerechtigkeit ist das Hauptziel des Frauenforums im SW. Die Zielerreichung wird dabei nicht daran festgemacht, dass beim Abschlussgottesdienst des SW Priesterinnen geweiht werden sollten. Es erwartet auch kein Mensch, dass der Papst am Ende des SW sagt: „Ups, ja stimmt, das mit der Weihe und der Hierarchie und den Klerikern und der Wichtigkeit eines Lehramts … das ist natürlich alles Quatsch, hat mit dem Evangelium nichts zu tun und wird hiermit durch eine letzte unfehlbare Äußerung meinerseits abgeschafft!“

Die eher kleine, aber wachsende Gruppe der Traditionalist*innen gibt sich viel Mühe, den Eindruck zu erwecken, als wollten Katholik*innen zurück ins 19. Jahrhundert.

Ein Erfolg wäre, wenn die Synodalen insgesamt Stellung beziehen würden im Sinne von: „Wenn schon Weihe, dann ohne Begrenzung aufgrund des Geschlechts”, verbunden mit der Forderung, das Gesamtsystem auf den Prüfstand zu stellen. Nicht, um die Kirche zu retten, sondern um den systemimmanenten Machtmissbrauch zu beenden.

Die MHG-Studie von 2018 zum sexuellen Missbrauch durch Kleriker war der Anlass des SW. Die Idee dazu entstand, so hört man, ziemlich spontan kurz vor der Pressekonferenz am Ende der Bischofskonferenz im März 2019 letztlich aufgrund des Erwartungsdrucks der Öffentlichkeit. Nach der Bekanntgabe musste schleunigst überlegt werden, wie das Ganze ablaufen soll. DBK und ZDK, zwei große Gremien, die bisher so nie zusammengearbeitet hatten, haben eine Satzung gestrickt, Aufgaben verteilt und zu letztlich vier Themenbereichen inhaltliche Vorüberlegungen in Textform erarbeitet. Eine wesentliche Phase wurde dabei übersprungen. Es fand kein OE-Prozess der beiden Gremien statt mit Analyse, Zielformulierung und strategischer Prozessplanung. Zu Rolle und Zusammenspiel von Präsidium, erweitertem Präsidium, Foren, Synodalen, Vernetzung, Öffentlichkeitsarbeit gab es keine klaren Vereinbarungen. Installiert wurde geistliche Begleitung, aber an professionelle Prozessbegleitung des Gesamtprojekts, Supervision für die Verantwortungsträger oder eine Vernetzungsplattform für alle Synodalen wurde nicht gedacht. Hinweise dazu aus dem Kreis der Synodalen wurden zögerlich oder auch bis heute gar nicht aufgegriffen. Mitverursacht durch die pandemiebedingten virtuellen Vernetzungsmöglichkeiten sind allerdings schnell unkontrollierte Netzwerke unter Synodalen entstanden, viele davon unter Reformern, aber auch ziemlich aktive unter denen, die vehement Weiterentwicklung verhindern wollen.

…kirchenrechtlich Mögliches hätte längst umgesetzt werden können…

Die eher kleine, aber wachsende Gruppe der Traditionalist*innen gibt sich viel Mühe, den Eindruck zu erwecken, als wollten Katholik*innen zurück ins 19. Jahrhundert. Unterstützt werden sie durch (oder sollte man lieber sagen: instrumentalisiert werden sie durch?) ca. fünf Bischöfe in der DBK, die offensichtlich alles tun, um den Reformweg zu unterlaufen und zu torpedieren. Zumindest kommen derzeit aus Rom Papiere, deren Absicht es wohl ist, schon im Vorhinein synodale Beschlüsse zu verhindern.

Etwa 90% der Delegierten im SW engagieren sich für zukunftsorientierte Veränderung der Kirche. Sie erarbeiten Handlungsoptionen, die aufzeigen, was innerhalb des geltenden Rechts und der vorhandenen Strukturen möglich ist. Sie verfassen Texte mit fundierten Argumenten für notwendige Reformen. Manche sehen es schon als Erfolg, dass man über die seit Jahrzehnten virulenten Themen reden darf, manche wollen Abhandlungen mit weltkirchlicher Relevanz verfassen. Synodale aus Verbänden betonen, dass es in Kirche bereits demokratische Strukturen gibt, die richtungsweisend sein können. Viele der Argumente und Handlungsoptionen sind allerdings längst bekannt, kirchenrechtlich Mögliches hätte längst umgesetzt werden können. Am Ende des SW werden alle Beschlüsse nur Vorschläge sein, mit denen jeder Bischof machen kann, was er will. Umgekehrt gilt dies aber auch für Texte ohne die erforderlichen Mehrheiten.

Was die Texte … jetzt schon bewirken können, ist der Mut zum Experiment. Niemand muss Beschlüsse abwarten, gehandelt werden kann sofort.

Auch sie werden in der Welt sein und können aufgegriffen werden. Beschlussvorlagen sollten Fakten und Erkenntnisse klar benennen und nicht zu vorsichtig formuliert werden, nur um genügend Bischofsstimmen zu gewinnen! Absehbar ist jetzt schon, dass einige Bischöfe mehrheitlich beschlossene, zukunftsorientierte Texte nicht umsetzen werden. In all dem kann man Scheitern befürchten und auch Chancen sehen. Je mehr z.B. traditionalistische Bischöfe in Herrschermanier agieren, desto offensichtlicher wird, dass die monarchische Ständestruktur der römisch-katholischen Kirche zum einen nicht in unsere Zeit passt und zum anderen auch nicht zur Botschaft des Evangeliums. Es wird nicht der große Wurf herauskommen beim Synodalen Weg und von den Beschlüssen wird vieles an der Umsetzung und der Reaktion aus Rom scheitern. Was die Texte, die nach und nach veröffentlicht werden, jetzt schon bewirken können, ist der Mut zum Experiment. Niemand muss Beschlüsse abwarten, gehandelt werden kann sofort.

Grob betrachtet kann man von zwei Lagern sprechen im SW: Traditionalisten und Reformer. Die kleine Gruppe mit Tendenz zurück ins 19. Jahrhundert präsentiert sich einheitlicher. Sie sind überzeugt, die Wahrheit zu kennen. Die Reformer gehen den Prozess differenzierter an und es sind vor allem zwei Haltungen zu erkennen: diejenigen, die das, was im System Kirche im Argen liegt, mit Argumenten und konkreten Vorschlägen von innen verändern wollen, und die, die zwar z.T. hochengagiert mitarbeiten, jedoch letztlich das System für unreformierbar halten. Manche, die sich nach außen als Argumentierer zeigen, äußern nur im kleinen Kreis oder unter vier Augen ihre ebenfalls heftigen Zweifel im Hinblick auf einen möglichen Erfolg. Viele sagen im geschützten Rahmen, dass sie nicht wissen, wie lange sie es in dieser Kirche noch aushalten.

Prof. Norbert Lüdecke sprach … davon, dass es angesichts der offensichtlichen Diskriminierung der Frau in der katholischen Kirche drei Reaktionen gäbe: „Protestieren – Argumentieren – Identifizieren“

2009 bereits sprach Prof. Norbert Lüdecke in einem Vortrag zur Geschlechterfrage in Kirche und Gesellschaft davon, dass es angesichts der offensichtlichen Diskriminierung der Frau in der katholischen Kirche drei Reaktionen gäbe: „Protestieren – Argumentieren – Identifizieren“. Der kämpferisch-emanzipatorische Weg führe zwingend aus dem System heraus, der evolutiv-reformerische bleibe systemimmanent und mit seinem Ziel der Gleichberechtigung illusionär. Der identifikatorische Weg sei der einzig kirchenamtlich legitime und vor allem auch erwünschte.1

Zur Frage, ob eine Reform der römisch-katholischen Kirche überhaupt möglich sei, schrieb Doris Reisinger Anfang des Jahres auf Twitter: „I do not believe a reform oft he RCC ist still possible. And even it was: Millions of Catholics will break away from the RCC either because of the lack of reform or because of reform.“ In einem Interview des BDKJ-Blogs „kontrovers katholisch“2 wurde sie gebeten, den Tweet näher zu erläutern. Sie sprach daraufhin von der wachsenden Aggressivität der autoritären, sexistischen und klerikalistischen Gruppierungen und davon, dass diese Gruppen von der Kirche bis heute geschützt werden. Würde sie es nicht tun, dann wäre die Massenmanipulation vor allem junger Menschen nicht mehr möglich. Gründe für ihre Einschätzung findet man in ihrem Buch „Nur die Wahrheit rettet“. Dieses Buch, wie auch die Bücher „Sodom“ von Frederic Martel, „Der Elefant im Zimmer“ von Petra Morsbach oder „Der Unfehlbare“ von Hubert Wolf sollten  Pflichtlektüre für Synodale sein!

Sollte Franziskus tatsächlich Veränderung wollen – er hat doch gar keine Chance!

Nun kam an Pfingsten aus heiterem Himmel die Botschaft vom weltweiten synodalen Prozess. Auch irgendwie plötzlich aus dem Boden gestampft, soll die ganze Weltkirche von Oktober 2021 bis April 2022 einen synodalen Weg absolvieren. Unter Federführung der Bischöfe soll eine Anhörung ermöglicht werden, deren Ergebnisse dann in die nächste Bischofssynode in Rom eingebracht werden. Erfreute Reaktionen der Vorsitzenden von ZDK und DBK und vielen weiteren Personen und Gruppierungen irritierten mich zunehmend. Unter eine dieser Reaktionen zur Bekanntgabe dieses Prozesses schrieb ich als Facebook-Kommentar:

„Wenn es denn so wäre, lieber Herr XY, dass die Konflikte und das Leiden unter klerikalem Machtmissbrauch auf den Tisch kämen. Wenn tatsächlich die, die unter kirchlichem Unrecht und Gewalt leiden, gehört würden, und wenn Konsequenzen folgen würden! Natürlich werden sich manche davon äußern, natürlich werden Stimmen, die Veränderung fordern, vorkommen. Aber Hoffnung habe ich wenig, dass sie wirklich ernst genommen werden! Vor ein paar Tagen erst habe ich ein Buch aus dem Jahr 2000 nochmal gelesen, “Glaubenswächter”, von Peter Hertel. Da sind sie alle drin, die üblichen Verdächtigen, wie die Legionäre Christi, Opus dei, CL, Neokatechumenat, Das Werk … Alle, die bis heute stark vernetzt und machtorientiert agieren. Sollte Franziskus tatsächlich Veränderung wollen – er hat doch gar keine Chance! In der aktuellen ZEIT z.B. berichtet Doris Reisinger über den lange bekannten massiven sexuellen Missbrauch an Ordensschwestern weltweit. Sie beschreibt, was alles in Rom bekannt war. Konsequenzen gab es keine. Das System der römischen Kirche ist nicht reformierbar, sagt sie zu Recht.

Der synodale Weg wird nicht zusammenführen, sondern die Auflösung beschleunigen.

Oder glauben Sie tatsächlich, diese Synode schreibt sich Geschlechtergerechtigkeit, Beendigung von gewaltfördernden Strukturen, Abschaffung der schrägen kirchlichen Sexualmoral usw. auf die Fahnen? Glauben Sie, der Elefant im Zimmer wird klar benannt? Der männerbündische Bischofs-und-Kardinalsverein wird sich doch nicht selbst das Wasser abgraben? Wer sich bei der Befragung höchst engagiert gebärden wird, das kann man erahnen, wenn man die Umfrage zu Beginn des Synodalen Wegs anschaut. Die Katholikalen haben mobil gemacht und scharenweise geantwortet, die BDKJ-Veranstaltungen wurden durch diese Gruppen gezielt geflutet. Fünf Bischöfe in der DBK sorgen dafür, dass schon bevor der SW etwas beschlossen hat, das “Nein” aus Rom kommt. Viele der Synodalen sind hoch engagiert. Einige davon aber haben Angst, wirklich Klartext zu reden – und ich verstehe das! Dieses Einbeziehen der ganzen Welt innerhalb eines halben Jahres ist vielleicht vor allem der Versuch zu sortieren, wo die aufmüpfigsten Katholik*innen sind, um dann durch die Bischofssynode Maßnahmen zu ergreifen, um Ruhe hereinzubringen? Es ist doch jetzt schon so, dass keiner unserer Bischöfe sich traut, sich für die Priesterinnenweihe starkzumachen oder gar das ganze Konstrukt mit Hierarchie und Weihe und einem Lehramt, das theologische Forschung behindert usw. zu hinterfragen.“

Ich bekam viel Zustimmung zu diesem Kommentar. Realistisch seien meine Gedanken, leider sei zu befürchten, dass sie zutreffen. „Wohltuender Klartext statt Hoffnungssimulation“ schrieb eine, und eine andere: „Bäm! Schluss mit Bullshit-Bingo! Danke Regina!“

In gewisser Weise werden die synodalen Prozesse – der deutsche und der weltweite – scheitern. Genau darin aber liegt die Chance.

Wenn das Ziel des SW in Deutschland sein sollte, die Kirche wieder attraktiv zu machen und wenn dies auf dem Weg von Dialog und Kompromiss zustande kommen soll, dann wird das nicht funktionieren. Der SW wird nicht zusammenführen, sondern die Auflösung beschleunigen. Aber ist das dann Scheitern? Im Januar 2020, noch vor Beginn des SW, sprach Prof. Magnus Striet in einem Vortrag darüber, dass alle Ordnungssysteme, auch die römisch-katholische Kirche, von Menschen konstruiert wurden. Einer seiner Sätze begleitet mich seither in meinem durchaus recht umfangreichen Engagement im Synodalen Weg: „Wenn weder sich irgendein Mensch sicher sein kann, den Willen Gottes zu kennen, wenn nicht einmal gewiss ist, dass Gott überhaupt existiert, und jeder Begriff von Gott ein von Menschen gemachter Begriff von Gott ist, dann schafft dies den nötigen Freiraum … Menschen, die einmal diese Freiheit erlernt haben … werden sich nicht mehr autoritär vermachten lassen.“

Das Konstrukt römisch-katholische Kirche ist nicht automatisch Tempel des Heiligen Geistes, sondern diese Kirche ist samt ihrer Lehre historisch gewachsen. Als Lisa Kötter ihren Kirchenaustritt angekündigt hat, sagte sie sehr präzise, dass sie aus der römischen Kirche austritt – nicht aber aus der katholischen Kirche. Sie tritt nicht aus der Gemeinschaft von Menschen, die aus dem Evangelium leben möchten.

In gewisser Weise werden die synodalen Prozesse – der deutsche und der weltweite – scheitern. Genau darin aber liegt die Chance. Nicht auf die Rettung des Systems kommt es an, sondern auf den Einsatz für die Beendigung von Machtmissbrauch und Gewalt und für glaubwürdiges Leben aus der Botschaft des Evangeliums gemeinsam mit allen Menschen, die sich für Frieden, für Gerechtigkeit und das Leben starkmachen. Menschen können mit oder ohne Austritt das Beengende der Strukturen verlassen. Neue Beziehungsstrukturen entstehen bereits.

Sich nie mehr autoritär vermachten lassen – diese Haltung möge Kreise ziehen.

  1. https://bonndoc.ulb.unibonn.de/xmlui/bitstream/handle/20.500.11811/986/L%C3%BCdecke_Geschlecht.pdf?sequence=1&isAllowed=y
  2. https://kontroverskatholisch.podigee.io/2-doris-reisinger

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