Praxis

Editorial

Ordnungszusammenhänge, wie wir sie kennen und auf die wir uns in der Vergangenheit verlassen konnten, werden brüchig und zunehmend infrage gestellt. Die hiermit einhergehende Erfahrung strukturellen Kontrollverlusts ist für viele Menschen sehr belastend. Man zieht sich in Bezüge zurück, in denen die eigenen Einstellungen bestärkt werden. Die Verführung, nach einfachen Lösungen zu greifen und jenen zu folgen, die eine starke, vertikale Führung versprechen, ist groß. Der unidirektionale Einsatz auch repressive Machtmittel zur Durchsetzung von Positionen, mit denen man sich identifiziert, reduziert die eigene Unsicherheit und maximiert die Identifikation mit denjenigen, die Macht ausüben. Dies treibt gesellschaftliche Polarisierungen weiter voran. Die Freiheit des einzelnen und die Durchsetzung von Partikularinteressen mit allen Mitteln scheinen zur zentralen Maxime zu werden. Die Möglichkeit dazu eröffnet der technologische Fortschritt, insbesondere die rasant wachsenden Einflussmöglichkeiten Technik-basierter sozialer Kommunikation.

Die Beiträge dieser Ausgabe laden ein, sich der Dynamik von Freiheit und Ordnung aus unterschiedlichen Perspektiven anzunähern. Nehmen Sie – in aller Freiheit – die Artikel als willkommene Irritation, die eigenen Ordnungssysteme infrage zu stellen, zu ergänzen oder zu verwerfen.

Viel Spaß an der Lektüre wünscht die Redaktion der futur2

Praxis

Editorial

Ist die Kirche an ein Ende gekommen? Und wenn ja: Was kommt nach der Kirche? Diese Fragen sind nicht spekulativ. Erleben wir nicht Kirche in Auflösung?

Wer sich aber umschaut, entdeckt Ausdrucksformen christlichen Glaubens allenthalben. Nur dass ursprünglich kirchlich monopolisierte Formen außerhalb von Kirche entstehen und innerhalb der verfassten Kirche Ausdrucksformen, Angebote, Formate zunehmend nicht regelkonform realisiert werden.

Wo aber Erfahrungen gemacht werden, lebt was. Und wo die Regelkonformität sinkt, entsteht Neues. Nicht im Bisherigen, nicht neben dem Überkommenen. Sondern: Jenseits. Wie Hanns Dieter Hüsch es in seiner fulminanten „Religiösen Nachricht“ schrieb: „Gott ist aus der Kirche ausgetreten. Endlich ist er frei. Kommt wir suchen ihn.“

Unsere Autorinnen und Autoren reflektieren die Phänomene, bringen ihre Meinung ein, berichten von ihrer eigenen Praxis.

Mit dem Thema dieser Ausgabe weisen wir schon heute auf den 7. Strategiekongress am 7./8. Dezember 2021 in Bensberg hin. Unter dem Titel „Auflösung. Kirche reformieren, unterbrechen, aufhören?“ möchten wir dort den Übergang, der Kirche unweigerlich bevorsteht, genauer und vertiefter anschauen.

Praxis

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

In der katholischen Kirche wird in diesen Tagen hart darum gerungen, wie viel Einheit nötig bzw. was an Vielfalt möglich ist. Die Auseinandersetzungen in der katholischen Kirche werden schärfer. Von einer drohenden Spaltung ist die Rede – und erfüllt viele aktive Katholik*innen mit Schrecken. Das hat v.a. historische Gründe: Im Kulturkampf des 19. Jahrhunderts war die Einheit der Bischöfe unter dem Papst das Instrument, um das Überleben als katholische Kirche zu sichern.

Die Reformation hat vom einzelnen und der Gemeinde her denkend, ein völlig anderes, alternatives Modell von Kirche ins Leben gerufen. Das evangelische Kirchenmodell scheint besser für den Umgang mit Pluralität gewappnet zu sein. Es gibt eine mehrere hundert Jahre Erfahrung mit Diversifikation und Trennung, ohne dabei die Idee der Einheit ganz aufzugeben. Business as usual?

Schon immer begleitet die Spannung von Einheit und Vielfalt die Geschichte der Christ*innen. Aber wie viel Vielfalt ist möglich und wie viel Einheit ist nötig? Was können die Kirchen heute wechselseitig voneinander lernen? Und wie geht Einheit in Vielfalt ökumenisch? Woher kommen weitere Impulse?

Wir freuen uns, dass es gelungen ist, profilierte Autor*innen zu gewinnen. Sie bieten in ihren Beiträgen unterschiedliche fachliche Perspektiven und Analysen an und decken die Möglichkeiten und Grenzen auf, die in diesem Spannungsfeld liegen. Wir hoffen, dass die Beiträge für Sie irritieren und inspirieren, denn dann ist uns eine gute Ausgabe gelungen. Lassen Sie uns gerne an Ihren Gedanken teilhaben. Wir freuen uns über Feedback.

Praxis

Editorial

Liebe Leser*innen,

das Thema Macht ist virulent und elektrisiert viele, gerade auch im kirchlichen Umfeld. Das hat seine Gründe. Kirche und Macht haben seit der konstantinischen Zeit eine besondere Affinität. Der Anspruch, (absolute) Macht auszuüben, ist in der DNA von Kirche verankert und bis heute wirksam, gerade auch mit seinen dunklen Seiten, wie sie der Missbrauchsskandal und die hierdurch ausgelöste Diskussion ans Tageslicht gebracht haben.

Man muss sich die Entwicklung der Kirche seit der Spätantike vor Augen halten, um zu verstehen, wie stark das kirchliche Handeln mit dem Anspruch verknüpft ist, (göttlich legitimierte) Macht auszuüben und warum sich die Kirche(n) mit dem faktischen Verlust von Macht und der immer offensichtlicher werdenden Diskrepanz von Anspruch und Wirklichkeit so schwer tun. Von der konstantinischen Wende bis ins späte Mittelalter war die kirchliche Lehre der einzig legitime Bezugsrahmen, Wirklichkeit verstehen. Die Kirche diktierte in normativer Logik die Kriterien für die Unterscheidung von Wahrheit und Irrtum, von Gut und Böse. Sie entschied als Institution über viele Jahrhunderte, was gesellschaftlich erlaubt war und was nicht, wer dazugehören durfte oder exkludiert wurde. Ihr Machtanspruch war umfassend und absolut. Er wurde legitimiert durch den Rekurs auf einen göttlichen Auftrag und war gestützt auf die weltliche Macht, die ihrerseits der kirchlichen Legitimation bedurfte – ein kaum angreifbares, maximal immunisiertes Konstrukt. » weiterlesen…

Praxis

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

die Kirche eine Marke? Leicht kann man sich die Einwände vorstellen, die bei dieser Frage zu hören sind. Schließlich ist Kirche kein Unternehmen, ein Gottesdienst keine Dienstleistung, ein Heilsversprechen keine Unique Selling Proposition, die Verkündigung keine Werbung und überhaupt die Ökonomisierung aller Lebensbereiche ein großes Übel.

Eine Marke jedoch, so die heute weit verbreitete Definition, ist ein Vorstellungsbild in den Köpfen der Anspruchsgruppen. Und ein Vorstellungsbild – das hat so ziemlich jede*r zur Kirche im Kopf. Im Laufe der letzten Jahre und Jahrzehnte ist dieses Bild heterogener, unschärfer geworden. Das hat zum einen damit zu tun, dass sich das Wirken der Kirche differenziert hat und zum anderen damit, dass ihre Relevanz, die Anerkennung ihrer normativen Identität und damit ihre Fähigkeit, das Bild zu diktieren, zurückgegangen sind.

In dieser Ausgabe machen wir dieses Vorstellungsbild – die Marke – zum Thema. Wir freuen uns sehr, dass wir dafür interessante Autor*innen gewinnen konnten, u.a. den “Marketingpapst” Heribert Meffert, Inhaber des ersten Marketinglehrstuhls Deutschlands, und den “Markenpapst”, Deutschlands führenden Markenforscher, Franz-Rudolph Esch. Darüber hinaus weitere Fachleute, die aus konzeptioneller oder praktischer Sicht Einblick in ihre Erkenntnisse und Erfahrungen gewähren.

Wir hoffen auf anregende Lektüre und freuen uns über Feedback.

Praxis

Editorial 2-2018

Liebe Leserinnen und Leser,

Valentin Dessoy, Kirchenentwickler und Mitgründer der futur2, ist in diesem Jahr 60 Jahre alt geworden. Es ist sehr schön wahrzunehmen, wie viele Autorinnen und Autoren unserer Einladung gefolgt sind, einen Beitrag für diese Sonderausgabe beizusteuern. Das macht diese Ausgabe besonders umfangreich und inhaltlich stark.

Es sind Autor*innen, die Valentin Dessoy aus Beratung und Ausbildung kennen, als Kolleg*innen verbunden sind oder die ihn als Partner im – auch kritischen – Diskurs schätzen. Sie legen Konzepte, Statements und Praxiserfahrungen zur Kirchenentwicklung vor, die durch Zitate von ihm oder Erfahrungen mit ihm angeregt wurden.

Wir haben diese Ausgabe „Entlang der Ungewissheit“ genannt. Niemand weiß, wie sich der Systemwechsel der Kirchen konkret vollziehen wird. Keinem ist heute schon klar, welche Gestalt die zukünftige Kirche annehmen wird. Die Beiträge dieser Ausgabe zeigen aber Wege des Umgangs mit der Ungewissheit auf und auch, dass Veränderung gerade aus ihr entsteht.

Wir wünschen Ihnen viel Genuss beim Lesen und freuen uns auf die Fortführung des Diskurses.

Ursula Hahmann, Jan-Christoph Horn, Konrad Neuwirth und Frank Reintgen

Praxis

Editorial 1-2018

Als systemischer Berater weiß ich, was gute Fragen auslösen können. Und wir haben mal einfach gefragt – Fachleute aus Politik, Wirtschaft, Kirche, Beratung und Kultur: Was würden Sie den beiden großen verfassten Kirchen in Deutschland raten? Was sind aus Ihrer Sicht zentrale Parameter, die das Weiterführen der Mission der Kirchen ermöglichen können? Wie könnte der Sprung in die wohl fällige neue Zeit aussehen? Welche Entscheidungen müssten getroffen werden?

Als Informationsgrundlage haben wir unseren Autor*innen die Auswertung der Befragung kirchlicher Führungs- und Fachkräfte zu Kirchenentwicklung und -führung in Deutschland 2016/ 2017 zur Verfügung gestellt. Sie ist ergänzt um kommentierte Trends und Prognosen wesentlicher Kennzahlen kirchlicher Entwicklung jetzt auch für unsere Leser*innen hier nachzulesen.

Diese Ausgabe von futur2 liefert also Expertise, Erfahrungen, Einschätzungen und Impulse. „Trend wenden“ haben wir die Ausgabe genannt. Die Doppeldeutigkeit der Formulierung bringt es auf den Punk: Es geht darum, wie man die in der Studie angezeigten Entwicklungen in der Kirche angehen kann. Und es geht um einen Appell an die, die in der Position dazu sind, das (an)zuführen.

Beantwortet ist die Frage nach den Herausforderungen für die Zukunft der Kirche damit nicht – oder anders gesagt: sie ist vielfach beantwortet. Wenn Sie für Ihren Kontext Impulse herausziehen können, ist unser Ziel erreicht.

Und vergessen Sie nicht, gute Fragen zu stellen.

Praxis

Editorial 2-2017

„Die Zukunft ist schon da, sie ist aber noch nicht gleichmäßig verteilt“, sagt der kanadische Science Fiction-Auto William Gibson, der uns den Begriff „Cyberspace“ gegeben hat. Wir leben in einer sehr spannenden Zeit: Zukunft kommt spürbar mit hoher Geschwindigkeit und breitet sich unaufhaltsam aus, ohne dass wir sie kontrollieren können. Gesellschaft  bricht um: Wir werden nicht nur mit neuen Antworten auf alte Fragen konfrontiert, weil bisherige Antworten sich als irrelevant erweisen. Nein, es stellen sich vollkommen neue Fragen, bei denen uns bereits bekannte Antworten nicht weiterhelfen.

Viele der öffentlichen Diskussionen, die sich mit den Veränderungen befassen, die uns das 21. Jahrhundert schon gebracht hat, beschäftigen sich mit der Frage, wie die Gesellschaft der Zukunft aussehen wird und wie sich unser Alltag verändern wird, welche Kompetenzen und Fähigkeiten gebraucht werden, um in der zukünftigen Welt, der nächsten Gesellschaft, zu bestehen oder wie sich Unternehmen an die neuen Gegebenheiten anpassen können, um nachhaltig erfolgreich zu sein.

An manchen Stellen scheint in den Debatten durch, dass die Veränderungen tiefergehend sind und wir uns nicht nur wegen eines „verschärften Wettbewerbs“ Gedanken machen sollten. In dieser Ausgabe wollen wir die sozialen und gesellschaftlichen Auswirkungen der rasanten technologischen Entwicklung fokussieren. Wir wollen damit die Debatte um die existentielle Dimension der Entwicklung, die Frage nach Sinn, nach Identität und Transzendenz erweitern.

Natürlich ist auch unsere Ausgabe mehr ein Blick durchs Schlüsselloch und nimmt nicht in Anspruch, die Breite der Fragestellung abzubilden. Wenn es gelingt, die Diskussionen zu stimulieren und auch kontroverse Reaktionen zu provozieren, haben wir unser Ziel erreicht.

Praxis

Editorial 1-2017

Kirche ist eine sehr erfolgreiche Organisation. Ihr Geheimnis: Sie hat sich über 2000 Jahre hinweg immer wieder an die sich verändernden Umweltbedingungen angepasst. Und heute? Läuft’s?

In den zurückliegenden Jahren gab es immer wieder Reformansätze, kurzfristig schien manches von Erfolg gekrönt. Längerfristig betrachtet waren es jedoch zumeist Sackgassen, die eher tiefer in die Krise führten. Etwas scheint heute anders zu sein, als noch vor wenigen Jahren: Wir leben in zerbrechlichen, volatilen Zeiten. Die Welt ist in Aufruhr, unüberschaubar, disparat, asymmetrisch. Nichts bleibt, wie es ist, nichts lässt sich verlässlich vorhersagen.

Das Titelbild symbolisiert den Zustand von Kirche ziemlich gut. Der Kicker – ein wunderbar dynamisches Spiel. Dabei kennt das Gerät genau genommen nur Beweglichkeit in zwei Dimensionen. Die Figuren sind in einer Reihe starr miteinander verbunden und können nur gemeinsam rochiert werden. Kirchliche Reformen folgen seit Jahrzehnten der Logik des Modernisierungsparadigmas: Konzentration, Verdichtung, Zentralisierung, um das Rad mit weniger Mitteln schneller drehen zu können. Es hat den Anschein, als habe sich das Spielfeld verändert: Es bewegt und verändert sich während des Spiels, die anderen haben viel mehr Figuren, die sich unabhängig voneinander im dreidimensionalen Raum bewegen und zudem selbstständig agieren können.

Das Instrumentarium, das kirchlichen Akteuren zur Verfügung steht, ist unterkomplex und unflexibel. Die kirchlichen Akteure – im Produktionsmodus verhaftet – sind am Rand der Erschöpfung, weg ist die Leichtigkeit. Sie wirken müde, chronisch überfordert.

Wer an der Schwelle zur “nächsten Gesellschaft” (Dirk Baecker im Anschluss an Peter F. Drucker) nicht den Anschluss verlieren möchte, muss beweglich sein. Kirche muss beweglich werden. Kickerniveau reicht nicht mehr.

Praxis

Editorial 02-2016

Die junge Möwe sieht anders aus. Sie tanzt aus der Reihe, schaut in die falsche Richtung – oder etwa nicht? Können sich so viele ausgewachsene Möwen irren? Was ist normal? Wieviel Abweichung ist erlaubt? Müsste sie sich nicht einordnen? …

Wir leben in bewegten Zeiten. Die Wirklichkeit ist unübersichtlich, Entwicklungen lassen sich kaum noch überblicken, geschweige denn vorhersagen. Soziologen sagen, wir befinden uns an der Schwelle zur nächsten Gesellschaft. Die territorial und nationalstaatlich abgegrenzte Gesellschaft, wie wir sie kennen, funktional differenziert und dennoch überschaubar, die sich seit dem 16. Jahrhundert in dieser Form herausgebildet hat, sie vergeht. Welt bleibt. Die Revolution der Kommunikationsmedien macht Grenzen immer durchlässiger. Die Globalisierung holt uns ein: Fremde Kulturen und Religionen, aber auch Umweltzerstörung, Armut und Gewalt machen an unseren Grenzen nicht halt. Wir sind unaufhaltsam auf dem Weg zur globalen (Welt-)Gesellschaft.

Das verunsichert gewaltig. Es löst Ängste aus, die Kontrolle zu verlieren und selbst zu den Verlierern zu gehören. Einfache Lösungen haben Konjunktur: schwarz oder weiß, innen oder außen, gut oder schlecht. Verriegeln wir doch erst einmal unsere Türen und vernageln wir unsere Fenster. Einbuchten und ausgrenzen. Wütend, trotzig, blind. Schuld haben immer die anderen. Vielleicht hilft das? Unterkomplex im Denken, selbstbezogen in der Haltung, uniform im Verhalten. Es hilft für den Moment, aber vieles deutet darauf hin, dass wir uns nicht (mehr) abschotten können, um unser kleines Glück zu retten. Das wäre angesichts der globalen Umwälzungen naiv.» weiterlesen…

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