012015

Foto: (c) Andreas Schmitter

Praxis

Jürgen Maubach und Frank Reintgen

Wir wollen Zeitfenster öffnen, für uns selber, aber auch für die Menschen in der Stadt.

Zeitfenster wurde 2010 als neue Gemeinde für postmoderne Menschen in der katholischen Innenstadtpfarre Franziska von Aachen in Aachen gegründet. An der Gründung war Gemeindereferent Jürgen Maubach maßgeblich beteiligt. Mit ihm sprach Frank Reintgen über das Projekt.

Frank Reintgen: Lieber Jürgen, du arbeitest als Gemeindereferent im Bistum Aachen und hast gemeinsam mit anderen in der Aachener Innenstadt unter dem Namen „Zeitfenster“ eine neue Gemeinde gegründet. Auch im Bistum Aachen steht man vor der Aufgabe mit weniger Ressourcen auszukommen zu müssen. Die Zahl der Katholikinnen und Katholiken nimmt ab, die Kirchen werden leerer, es gibt weniger hauptberufliche Seelsorger. Wie kommt man in einer solchen Situation auf die Idee eine neue Gemeinde zu gründen?

Jürgen Maubach: Weil ich mich nicht damit abfinden möchte, dass alles weniger wird, dass es für meinen Glauben keinen Ort mehr geben soll. Und weil ich daran glaube, dass die neuen Formen des Kircheseins schon in vielen Menschen existieren, und dass es unsere Aufgabe heute ist, Möglichkeiten zu schaffen, dass sie gelebt werden können.

Reintgen: „Gemeinde-Gründung“ gehört bisher ja noch nicht zu den klassischen Themen der Ausbildung zum Gemeindereferenten. Ich denke, es gibt da wenig Erfahrungen auf die man bei einer Gemeindegründung zurückgreifen kann. Wie seid Ihr bei der Gründung konkret vorgegangen?

Gottesdienst für Menschen in der PostmoderneFoto: Simon Evertz

Gottesdienst für Menschen in der Postmoderne

Maubach: Wie bei jeder neuen Idee. Ich bin herumgegangen und habe davon erzählt und versucht, Menschen zu gewinnen, sich auf das Experiment einzulassen. Diese sehr unterschiedlichen Menschen habe ich alle eingeladen zu einem Brunch, um sich gegenseitig zu erzählen, welche Erfahrungen sie mit ihrem Glauben bisher gemacht haben und welche Hoffnungen und Wünsche sie heute haben. Dann musste ich als Hauptamtlicher erst einmal alles auf Seite packen, was ich mir für meine neue Gemeinde ausgedacht hatte, und lernen, mich darauf einzulassen, was die Menschen mitgebracht hatten. Denn ohne ihre Energie wäre nichts entstanden. Im Miteinander haben wir dann erste Formen entwickelt und ausprobiert.

Reintgen: Was hat Euch geholfen, Eure die Idee einer Gemeindegründung zu verwirklichen? Gab es Unterstützungsangebote seitens des Bistums?

Maubach: Ja, im Bistum Aachen gibt es bis heute ein Förderprogramm für pastorale Innovationen, das neue Projekte drei Jahre lang finanziell fördert. Darüber hinaus hat die Hauptabteilung Pastoral/Schule/Bildung für ein Jahr ein Gründercoaching angeboten. Hier konnten sich die Leiter der verschiedenen Gründungsprojekte im Bistum Rückenstärkung holen. Und ganz wichtig war natürlich die Offenheit im Pastoralteam vor Ort in der Pfarrei, das damals auf einem Klausurtag die drei Gründungsprojekte, „Kafarna:um“ Hauskirche für Jugendliche und junge Erwachsene, das Kindertrauerprojekt „diesseits“ und „Zeitfenster“ ausdrücklich auf den Weg gebracht hat. Diesen Rückhalt bei meinen Chefs und Kolleginnen und Kollegen weiß ich sehr zu schätzen.

Reintgen: Gibt es eine Vision oder ein Leitbild, dem sich die Gemeindemitglieder verpflichtet fühlen? Und ggf. Wie ist es entstanden?

Maubach: Erst nach vier Monaten ist der Name „Zeitfenster“ für das neue Gemeindeprojekt entstanden. Er ist unser Name und Programm. Wir sind alles Leute, die im Beruf und in Familie stark eingespannt sind. Deshalb verbindet uns der Wunsch nach „Zeit für Gott und die Welt und mich“. Das ist unser Leitsatz. Und dafür wollen wir Zeitfenster öffnen, für uns selber, aber auch für die Menschen in der Stadt.

Reintgen: Ich kann mir denken, dass Ihr bei der Gemeindegründung auch Widerstand erlebt habt.

Maubach: Nein, das ging erstaunlich glatt. Wichtig war, dass sich die Gemeinde finden konnte, bevor der Rat der Gemeinschaft der Gemeinden (Pfarrgemeinderat im Bistum Aachen) mit der Sache befasst wurde. Denn dieser Rat ist strukturell bedingt eher am Erhalt des Bestehenden interessiert. Innovation vollzieht sich aus Sicht der Mehrheit seiner Mitglieder innerhalb ihrer Gemeinden. Dass aber die bestehenden Gemeindestrukturen oft Innovationen verhindern und man deshalb neben ihnen neu gründen muss, können sie aus ihrer Sicht nicht einsehen.

"Zeig Dein Licht " - Eine Aktion der Gemeinde Zeitfenster im Rahmen der Nacht der offenen Kirchen in Aachen 2014Foto: Elaine Rudolphi

“Zeig Dein Licht ” – Eine Aktion der Gemeinde Zeitfenster im Rahmen der Nacht der offenen Kirchen in Aachen 2014

Reintgen: Worin siehst du den größten Unterschied zwischen der Gemeinde Zeitfenster und einer klassischen Gemeinde? Worin liegt für Dich der Mehrwert? Was findest du hier, was andere Gemeinden nicht zu bieten haben?

Zeitfenster entwickelt sich rein charismenorientiert. Wir haben keine klassischen Aufgaben zu erfüllen, sondern widmen unser Engagement ganz jenen Herausforderungen unserer Umwelt, die wir mit unseren Fähigkeiten gut angehen können.

Maubach: Zeitfenster entwickelt sich rein charismenorientiert. Wir haben keine klassischen Aufgaben zu erfüllen, sondern widmen unser Engagement ganz jenen Herausforderungen unserer Umwelt, die wir mit unseren Fähigkeiten gut angehen können. Das ist bei uns die Verkündigung mit neuen, kreativen Methoden in die Stadt. Der Mehrwert für die Engagierten ist, das sie erleben, wie sie ihre sehr wertvollen Fähigkeiten in Zeitfenster einsetzen können und dabei ihre Selbstwirksamkeit gut erfahren. Z.B. hat uns das professionelle Wissen einer Marketingexpertin bei der Entwicklung unseres neuen Gottesdienstes sehr geholfen.

Reintgen: Wie sieht die Organisationsstruktur von Zeitfenster aus? Wer trifft Entscheidungen? Wie werden Gemeindemitglieder an Entscheidungen mitbeteiligt?

Maubach: Ich würde die Struktur von Zeitfenster noch als offen und projektorientiert beschreiben. Im Grunde sind wir ein Netzwerk mit sehr differenzierten Bindungen und Knotenpunkten, die sich um bestimmte Formate und Angebote bilden. Gesteuert wird das Netzwerk durch ein Leitungsteam aus derzeit drei Personen. Aber es bewegt sich bei Zeitfenster nur etwas, wenn Menschen bereit sind, dort Energie einzubringen und etwas zu investieren. Das Leitungsteam ist dann verantwortlich, das die notwendigen Entscheidungen zu den einzelnen Projekten von denen, die sich dort engagieren getroffen werden. Für unsere Gottesdienste gibt es dazu Redaktionsteams, für andere Projekte, wie z.B. unsere urbanen Interventionen die „Arbeitsplatten“, Kneipentreffen mit den Interessierten.

Reintgen: Wie ist die Gemeinde Zeitfenster strukturell verortet? Eine klassische territoriale Gemeinde ist es ja nicht? Wo gibt es Schnittstellen zu den anderen pfarrlichen Strukturen.

Maubach: Zeitfenster ist eine Personalgemeinde unter dem Dach der katholischen Pfarrei Franziska von Aachen, gemeinsam mit sechs territorialen Gemeinden, die mal eigenständige Pfarreien in der Aachener Innenstadt waren, und Kafarna:um, der Hauskirche für Jugendliche und junge Erwachsene. Ich bin als Projektleiter Mitglied des Pastoralteams und die beiden freien Mitarbeiterinnen im Leitungsteam sind gewählte Mitglieder im Rat der Gemeinschaft der Gemeinden.

Reintgen: Was steht als nächster Entwicklungsschritt bei Zeitfenster an?

Maubach: Zeitfenster ist ständig in Bewegung. Nachdem sich in den ersten drei Jahren ein relativ stabiler Kern von ca. 30 Personen gebildet hat, der sich regelmäßig im Sonntags-Zeitfenster trifft, war 2014 für uns ein entscheidendes Jahr des Umbruchs, in dem wir uns mit dem neuen Gottesdienst jetzt stärker nach außen orientieren. Der Anspruch mit diesem Gottesdienst regelmäßig mehr als 100 Leute zu erreichen, die bisher nicht mehr in die Kirche gehen, ist aufgegangen. Aber diese Öffnung verändert uns auch. Jetzt müssen wir darüber nachdenken, wie wir in Zukunft den Anspruch Gemeinde zu sein für uns füllen. Es wird über den kleinen übersichtlichen Kreis vom Anfang hinausgehen. Was verbindet die Menschen, die unsere Gottesdienste besuchen? Wie sehen zeitgemäße Formen von Gemeindebindung aus?

"Urbane Intervention" - Mit innovativen Aktionen tritt Zeifenster in Kommunikation mit dem StadtteilFoto: Jürgen Maubach

“Urbane Intervention” – Mit innovativen Aktionen tritt Zeifenster in Kommunikation mit dem Stadtteil

Reintgen: Euer Projekt hat sich sehr schnell entwickelt und ist inzwischen auch überregional bekannt.  Die Mitarbeiter von Zeitfenster werden oft auch in andere Bistümer eingeladen, um das Projekt vorzustellen. Wie erklärst du Dir das große Interesse an dem Projekt?

Maubach: Das Interesse kommt zum einen durch den Namen. Wir haben uns von Anfang an mutig als neue Gemeindegründung bezeichnet. Davon gibt es im katholischen Raum nicht so viele. Zum anderen liegt es an dem im katholischen Bereich auffallenden Internetauftritt. Wir haben seit dem Start von Zeitfenster darauf geachtet, dass die Website professionell konzeptioniert und gestaltet wurde. Wir wissen, dass unsere Zielgruppe hohe ästhetische Ansprüche hat und eine nutzerfreundliche Kommunikation über die neuen sozialen Medien schätzt. Dahinein haben wir investiert und sind dann damit auch überregional aufgefallen.

Reintgen: Mal angenommen, jemand wollte eine Gemeinde gründen und würde Dich um Rat fragen.Welche Empfehlungen würdest du ihm mit auf den Weg geben?

Maubach: Sich von den vielen tollen Projekten im In- und Ausland (Freikirchen, fresh expessions etc.) inspirieren lassen, den eigenen Horizont weiten, sich dann aber auf das konzentrieren, was ich vor Ort habe, was ich kann, wo mein Herz schlägt und womit ich sofort starten kann. Meistens muss man gar nicht so viel riskieren oder einsetzen, um erste Erfahrungen zu sammeln und Kontakte zu Gleichgesinnten zu bekommen. Dann braucht man Geduld und Offenheit, denn mit jedem, den wir gewinnen, verändert sich das Projekt, kommen neue Ideen und Mittel hinzu. Das würde ich sehr wohlwollend als Wehen des Heiligen Geistes sehen. Dasselbe gilt für Pannen, Widerstände und Rückschläge. Hier gilt das Lemonade-Prinzip:  Schenkt dir das Leben Zitronen. Mach Limonade daraus! Kreativ und flexibel weitermachen, denn oft kommt man dadurch auf neue Ideen und lernt alte Routinen zu vermeiden.

Weiterführende Links

www.zeitfenster-aachen.de

Kontaktmöglichkeit/Ansprechpartner

Jürgen Maubach
Tel. 0151 5164 2887
maubach[at]zeitfenster-aachen[.]de  (maubach[at]zeitfenster-aachen[.]de)  

Schlagworte

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