012017

Foto: Jingyi Wang

Konzept

Daniel Hörsch

Über den Nutzen der Netzwerkperspektive für die Kommunikation des Evangeliums

Vorbemerkung

Das Thema Netzwerk hat im kirchlichen Diskurs derzeit Konjunktur,1 was sicher auch der Veröffentlichung der Ergebnisse der 5. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung der EKD (KMU V) unter dem Titel „Vernetzte Vielfalt“ geschuldet ist. Das Konzept der Mitgliedschaft wird in der KMU V als „interaktiv-reflexive Praxis“ und die soziale Praxis der Kirchenmitglieder – als subjektive Akteure des Religiösen verstanden –  näher bestimmt.2 Die KMU V betrachtet also Kirchengemeinde als Netzwerk und unterstellt ihr – zumindest in Teilen der Analyse – die Funktionslogik eines Netzwerkes. Claudia Schulz hat zurecht darauf hingewiesen, dass es sich bei der KMU V mit Blick auf die Tradition der KMU’s um eine „interessante Brechung ihrer eigenen bislang auf die Sozialform der Organisation ausgerichteten Perspektive darstellt.“ Allzumal Mitgliedschaft für ein Netzwerk keine tragende Kategorie darstellt.3

Im Folgenden soll deshalb herausgearbeitet werden, dass (1.) die Netzwerkperspektive der kirchlichen DNA seit Anbeginn inhärent ist, (2.) eine Netzwerkanalyse immer auf Vorentscheidungen angewiesen ist, nämlich: was im Fokus der Betrachtung liegen soll und wie die Analyse methodisch angelegt ist, wofür im Folgenden ein handlungstheoretischer Ansatz empfohlen wird. Es sollen (3.) praktisch-theologische und kirchentheoretische Fragen thematisiert werden, die sich aus der Netzwerkperspektive ergeben. Anhand der methodischen Anlage der KMU V und einzelner empirischer Ergebnisse werden (4.) Thesen und Hypothesen zur Weiterentwicklung der Netzwerkperspektive für kirchliche Belange formuliert.

Bewusst als Kontrapunkt zur KMU V, die von religiöser Kommunikation als sozialer Praxis spricht, darf verstanden werden, dass den nachfolgenden Überlegungen die Formel von der „Kommunikation des Evangeliums“ zugrunde liegt, wie sie seit Ernst Lange den Diskurs der Praktischen Theologie bestimmt. Mit „dieser Formel rückt die gemeinsame Charakteristika all jener Momente, Ereignisse und Prozesse in den Blick, in deren Ergebnis sich Menschen auf eine ganz bestimmte, evangelische Art und Weise auf ihr Leben ,verstehen‘, nämlich glauben.“4 Der Charme der Formel von der „Kommunikation des Evangeliums“ besteht darin, dass erstens die „gesamte Gemeindekultur als Ereignisraum für die Kommunikation des Evangeliums in den Blick gerät. Zweitens gewinnt „Kommunikation des Evangeliums ihre Plausibilität und Relevanz aus ihrem radikalen Situationsbezug“. Drittens steht „im Fluchtpunkt nicht die Tradition, sondern die Lebens- und Glaubenssituation des Einzelnen jetzt und hier“. Viertens ist der „Modus der Kommunikation des Evangeliums der Dialog, der zwar nicht als Dialog gestaltet sein muss, auf jeden Fall aber aus dem Dialog erwachsen ist und in den Dialog über ein Leben aus Glauben führt“. Und schließlich geht es „bei der Kommunikation des Evangeliums nicht nur um Information, sondern um Partizipation und Motivation“.5 Die Formel von der Kommunikation des Evangeliums scheint somit in besonderer Weise geeignet zu sein für eine Netzwerkperspektive kirchlicher Belange.

Mitgliedschaft stellt für ein Netzwerk keine tragende Kategorie dar.

1. Der Netzwerkgedanke als originärer Bestandteil kirchlicher DNA

Soziologisch betrachtet entspricht die urgemeindliche Vergemeinschaftungsform der Grundstruktur eines Netzwerkes:

„Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter Euch“ (Matthäus 18,20).

Netzwerktheoretisch haben wir es hier mit einem Knotenpaar resp. einer so genannten Triade zu tun, deren Wesensmerkmal die christologische Ausrichtung ist. Als erste These kann deshalb formuliert werden: Die Gratifikation eines Knoten in einem kirchlichen Netzwerk ist somit religiöser Natur und entspringt der Kommunikation religiöser Erfahrung resp. der partizipativen Interaktion an entsprechenden religiösen Handlungen und Praktiken – kurzgefasst: der Kommunikation des Evangeliums unter Gleichgesinnten. (These 1)

In den Anfängen des Christentums handelte es sich bei der Jüngerschaft um ein offenes Netzwerk, das sich um die charismatische Person Jesu herum herauszubilden begann und soziologisch eher eine Bewegung glich. Wir treffen also soziologisch betrachtet auf Kollektive im Glauben, die sich auf subjektiver Zurechnung und auf Übereinstimmungen in Gesinnung und meist auch gemeinsamer Tat gründen. Der Glaube an die Gemeinsamkeit schafft dabei ein Band emotionaler Reziprozität und ein gewisses Maß an Identifikation mit dem Kollektiv. Man steht für die Gemeinschaft ein, wobei die Bandbreite solchen Einstehens von einem verbalen Bekenntnis bis zu extremer Opferbereitschaft reichen kann. Für das Entstehen sozialer Bewegungen ist aus soziologischer Sicht kennzeichnend ist, dass es einer Situation bedarf, die als untragbar oder ungerecht empfunden wird, die zweitens zur Gemeinschaftsbildung führt, in denen diese Situation kollektiv gedeutet und kollektiv zu überwinden versucht wird. Und drittens bedarf es externer Gelegenheitsstrukturen, die eine bewegungsförmige Mobilisierung und Organisation begünstigen und auf eine gewisse Dauer zu stellen erlauben.6

Bemerkenswert ist, dass zahlreiche biblische und kirchengeschichtliche Beispiele belegen, dass Aufbrüche und Erneuerungen in Kirche meist mit bewegungsförmigen Netzwerken begannen

Die Entwicklung der Ekklesia von einer „Jesus-Bewegung“, über (Netzwerk-)Gemeinden hin zur institutionalisierten Sozialform von Religion mit bürokratisch-hierarchischer Organisationsform verlief nie einheitlich oder linear, sondern parallel, ungleichzeitig und zum Teil auch konkurrierend. Bemerkenswert ist, dass zahlreiche biblische und kirchengeschichtliche Beispiele belegen, dass Aufbrüche und Erneuerungen in Kirche meist mit bewegungsförmigen Netzwerken begannen:

  • Das Haus (Beth/Bajit) ist in der altorientalischen Gesellschaft ein vor-nationales Netz, selbst bis in die staatliche Zeit hinein spielten auch die alten Stammesstrukturen noch eine Schlüsselrolle für Selbstverständnis und Strukturbildung. Der Zwölfstämme-Bund kann als Netzwerk von Nomaden verstanden werden, die Erwählung (z.B. Abraham, Davidhaus) als Vernetzung mit Gott zum Dienst, die Propheten und ihre Schülernetze (wie bei Elia oder Jeremia) in ihrer sachlich notwendigen Freiheit als Warner und Verheißer in die jeweiligen sozialen Netze des Volkes Gottes hinein.
  • Im Neuen Testament sind der Zwölferkreis und die sich daran anlagernden weiteren Beziehungsgeflechte (z.B. die 72, die mitwandernden Frauen oder Stützpunkte wie das Haus von Maria/Martha in Bethanien) auch als tragende Netze Jesu zu verstehen. Die zentrale soziale Kleinst-Struktur der griechisch-römischen Antike war das „Haus“ (oikos) als Beziehungsgeflecht und soziales Netz. Die ersten Gemeinden entstanden i.d.R. als Hausgemeinden, entsprachen als soziales Netz so der griechisch-römischen Gesellschaft, vernetzten sich untereinander in wechselseitiger Inspiration und Stärkung. Die Mission des Paulus entwickelte eine tragende Struktur als Netzwerk von Unterstützern und Schülern. Die Solidarität der ersten Gemeinden (z. B. in der Sammlung für Jerusalem) formte sich als Netzwerk der Liebe. Und auch theologisch wird eine der wirkungsvollsten ekklesiologischen Figuren, das Bild vom Leib Christi, als Netzwerk von sich ergänzenden Funktionen ausgearbeitet.
  • Die Mission und Ausbreitung der alten Kirche war in hohem Maß Ergebnis von „Mikrokommunikation“ im Nahfeld der Familien und Nachbarschaften. Die Hausgemeinden blieben das dominante soziale Muster der ersten Jahrhunderte bis zur konstantinischen Wende.
  • Im Mittelalter geschah die Mission der iroschottischen Mönche als Netz der Klöster: Sie warben durch Präsenz und Bildung statt durch Druck, ihre Klostergründungen waren eng untereinander vernetzt.
  • Die Reformation hat als Bewegung ihre Wirkung auch entfacht durch wichtige Netzwerke von Information, Theologie, neu entstehenden Gemeinschaften. Auch die Hausandacht (mit Katechismus, Postille) ist ein Ferment der Familien-Netze als Basis der evangelischen Gemeinden und Kirchen.
  • Im Pietismus und den Erweckungsbewegungen bilden sich Collegia pietatis, Hausgruppen, Gemeinschaften, CVJM etc. als Netzwerke der Erneuerung innerhalb der alten Kirche. Die evangelischen Freikirchen entstanden aus sich bildenden Netzen von Taufgesinnten oder aus Neuentdeckungen zentraler biblischer Wahrheiten, die in der verfassten Kirche (zu) wenig Raum fanden.

    Theologisch wird eine der wirkungsvollsten ekklesiologischen Figuren, das Bild vom Leib Christi, als Netzwerk von sich ergänzenden Funktionen ausgearbeitet.

  • Im 20. Jahrhundert finden sich die Gründer der ökumenischen Bewegung oder auch die Bekennende Kirche als Netzwerke der Wachen, Engagierten und Bewegenden. Dies wiederholt sich in Gruppenbewegung, konziliarem Prozess, missionarischer Erneuerung, charismatischem Aufbruch etc. Auch in der katholischen Weltkirche entstanden Erneuerungsbewegungen wie Orden, geistliche Gemeinschaften, Basisgemeinden, kleine christliche Gemeinschaften etc. bis heute als Netzwerke innerhalb und am Rand einer Großorganisation.

Allen Beispielen gemeinsam ist, dass es für den Aufbruch Akteure bedurfte, die als Vorkämpfer fungierten, oder als Katalysatoren die Bewegung am Laufen hielten, und dass ein existierendes Netzwerk von Unterstützern hilfreich war.

2. Bausteine eines handlungstheoretischen Zugangs zur Netzwerkperspektive

Im Folgenden wird ein handlungstheoretischer Zugang zur Beschreibung der Netzwerkperspektive und dessen Nutzen für eine missionarische Kirche gewählt.7 Demnach sind Netzwerke Strukturen, die individuelles Handeln ermöglichen bzw. einschränken und zugleich wirken sie als soziales Umfeld auf die Präferenzen der Akteure. Netzwerke sind Sinn-strukturierende Praxis und zugleich strukturierte Sinn-Struktur, d.h. kurzgefasst: sie sind objektiv vorgegeben und subjektiv veränderbar zugleich. Als allgemeines Kriterium für ein sinnvoll abgegrenztes Netzwerk und dessen Analyse gilt: Die Akteure müssen sich wechselseitig beobachten und aneinander orientieren können. Zudem ist die sinnhafte Grenze eines Sozialraumes nötig, innerhalb derer Akteure als zugehörig gesehen werden können.

Mit Blick auf eine Netzwerkanalyse kommt für einen handlungstheoretischen Zugang zuvorderst das Ego-zentrierte Netzwerk als Untersuchungsgegenstand in besonderer Weise infrage. Dabei wird das Beziehungsnetzwerk über die Befragung von Einzelnen (Ego) erhoben und ein lokales Netzwerk um den Einzelnen herum (Ego) sichtbar gemacht. Dies scheint auch für Kirche als Sozialform einen Mehrwert auszutragen. Kirche als „Versammlung der Gläubigen“ hat es ihrem Auftrag nach zuvorderst mit dem Glauben zu tun.8 Diese auf den ersten Blick einfach anmutende Einsicht hat für den netzwerktheoretischen Blick auf Kirche erheblich Bedeutung, der zunächst das Augenmerk zu richten hat auf die Tiefendimension des Akteurs, nämlich seinen Glauben. Es erscheint vielversprechend in Anlehnung an Pierre Bourdieu Glaube hierbei als Habitus aufzufassen, der klassifizierbare Praxisformen in Form von sozialen Beziehungen und Interaktionen hervorbringt.9 (These 2) Dies scheint umso lohnender, als bereits beim Blick auf die biblische und kirchengeschichtliche Entwicklung festgehalten werden konnte, dass es der Glaube ist, der Gemeinschaft schafft und ein Band emotionaler Reziprozität und ein gewisses Maß an Identifikation mit dem Kollektiv. Netzwerkanalytisch lassen sich dadurch nicht nur die Beziehungsintensitäten erfassen, sondern besonders auch die Beziehungsqualitäten in den Blick nehmen:

Zum einen kann es sich um einen Kontakt handeln, um ein kurzes Aufeinandertreffen, das nicht besonders dialogisch sein muss, auch nonverbaler Natur sein kann, von kurzer Dauer ist, und von geringer Intensität im Sinne einer Nachhaltigkeit. Meist existieren Kontakte zu fernstehenden Menschen. Zum anderen kann es sich um Begegnungen handeln, einem wechselseitigen, empathischen kommunikativen Erfassen im Hier und Jetzt. Der Kontakt hier ist intensiver, wechselseitig und die intersubjektive Form berührt die Akteure tiefer. Drittens kann es sich um Beziehungen handeln, worunter Begegnungen oder eine Kette von Begegnungen zu fassen sind, die von Dauer und verlässlicher Bezogenheit sind und mit einer gewissen Zukunftsperspektive versehen. Schließlich kann auch Bindung entstehen durch die Entscheidung, seine Freiheit zugunsten einer freigewählten Gebundenheit einzulösen, womit ein gewisser Grad an Unverbrüchlichkeit der Beziehung einhergeht.10

Wenn heute Gastfreundschaft, Anonymität und Spontanität die Beziehungsintensität und -qualität ausmachen, so scheint die „emotionale Dimension des Glaubens“ wieder mehr an Bedeutung und Aussagekraft über Beziehungsqualitäten zu gewinnen

Ein handlungstheoretischer Zugang scheint auch deshalb angezeigt, da eine rein gemeindezentrierte Perspektive auf Religiosität und Kirchlichkeit einen nachhaltigen biographischen Einfluss, eine lebenslange Gefolgschaft und exklusive Mitgliedschaft implizieren, die sich zwar in mit Blick auf Charles Glocks Dimensionen der Religiosität in ritueller, ideologischer oder intellektueller Hinsicht auch heute noch bei hochengagierten Mitgliedern ablesen lassen, aber bei weitem nicht mehr die nachhaltige Breiten- und Tiefenwirkung bei der Mehrzahl der religiösen Akteure entfalten. Hier scheint mir die Dimension religiöser Erfahrung zielführender, die allerdings bei der KMU V ausgespart blieb. Wenn heute Gastfreundschaft, Anonymität und Spontanität die Beziehungsintensität und -qualität ausmachen und weniger die Überschaubarkeit, Dauer oder der religiöse Alleinvertretungsanspruch,11 so scheint die „emotionale Dimension des Glaubens“ wieder mehr an Bedeutung und Aussagekraft über Beziehungsqualitäten zu gewinnen (These 3). Wie Lyndal Roper in der vielbeachteten Biographie über Luther feststellt:

„trennte sich das Luthertum von der meditativen Dimension, die einen so starken Anteil an der mittelalterlichen Frömmigkeit hatte. Luthers wachsende Neigung zu einer mehr intellektuellen Beschäftigung mit der Bibel mag zu diesem Richtungswechsel seines Denkens beigetragen haben. Er verlor dabei die emotionale Dimension des Glaubens. Stattdessen gewann jene Seite Luthers die Oberhand, die stärker auf Taten, Auslegung der Schrift und Autorität ausgerichtet war, die das Luthertum und den Protestantismus für die folgenden Jahrhunderte prägen sollten.“12

3. Praktisch-theologische und kirchentheoretische Bausteine einer Netzwerkperspektive

Der besondere Charme der Netzwerkperspektive liegt darin, dass sie Sozialitäten, also soziale Beziehungsgeflechte mittlerer Größe sichtbar macht, die auf der Mesoebene zu verorten sind.13 Der Mehrwert der Netzwerkperspektive für die praktische Theologie liegt nunmehr darin, dass „das Gespräch über die Religionshaltigkeit von Beziehungen und Beziehungsgefügen geführt werden kann.“14 Das Interesse der praktischen Theologie und Religionsforschung hat sich bisher allerdings stark auf die Kategorie der Struktur und der Praxis fokussiert, wohingegen der Glaube als Habitus(-struktur) nahezu ein Desiderat des Erkenntnisinteresses blieb. Deshalb scheint es vielversprechend, der Frage nach der Beziehungsqualität im Glauben mehr Aufmerksamkeit zu schenken und das soziale Beziehungsgeflecht als Resonanzraum des Glaubens aufzufassen (These 4). Erst dadurch kommt die emotionale Dimension in den Blick und lassen sich Beziehungsqualitäten und Beziehungsintensitäten im o.g. Sinne erfassen.

Eine Kirche, die an den Rändern der Gesellschaft präsent ist, nähert sich auch dem Lebensstil Jesu

In der Soziologie werden Netzwerke als soziale Gebilde aufgefasst. Es handelt sich also um eine spezifische Perspektive auf das Soziale, weniger um das Umreißen eines sozialen Phänomens. Das hat für die praktisch-theologische und kirchentheoretische Beschäftigung mit der Netzwerkperspektive erhebliche Bedeutung:
  • So kommt erstens der Nichtbeziehung eine konstitutive Bedeutung zu, so etwa bei der Analyse struktureller Löcher.
  • Zweitens sind hierarchische Strukturen keine notwendige Voraussetzung für die Existenz von Netzwerken.
  • Drittens bedürfen Netzwerke keiner formalen Mitgliedschaft.
  • Und schließlich können Netzwerke unterschiedliche Areale aufweisen, wie Zentren und Peripherien.

3.1 Netzwerke markieren einen Rand, ohne ihn abzuschließen

‚Draußen’ und ‚drinnen’ werden in Netzwerken relativiert; das erleichtert Information, Kennenlernen und Zugänge für Neugierige und Distanzierte. Netze sind beziehungsoffen, bieten eine Fülle von Anknüpfungsmöglichkeiten. Auf den Kanten, an den Ecken finden wichtige Begegnungen statt („encounters on the edge“). Eine Kirche, die an den Rändern der Gesellschaft präsent ist, nähert sich auch dem Lebensstil Jesu: Der Freund der Sünder hat den Kontakt mit den Abgehängten, Ausgegrenzten, Verachteten und Zurückgelassenen gesucht. Paulus fasst diese Bewegung zu den Rändern in die Formel:

„Das Geringe vor der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt“ (1 Kor 1,28).

Netzwerke nutzen leicht die Chancen der Schwellensituationen, entdecken schnell das Potential der Liminalität15: Grenzen sind auch Türen und Chancen. Erfahrungen von Grenzen, Begegnungen mit Übergängen sind von Gott her gesehen keine Betriebsunfälle, bedeuten kein Scheitern. Sie verlocken zum Auszug (Exodus) aus dem Gewohnten in neue Freiheit, auch und gerade wenn sie in Wüsten führen. Am Rand, im Umbruch entsteht eine eigene Solidarität der Verunsicherten, Suchenden und Neugierigen: Das Evangelium kann für sie alle ein zu entdeckendes Land werden, wo es wenig Gefälle zwischen Wissenden und Unwissenden, zwischen Nehmern und Gebern gibt.

3.2 Netzwerke sind die beteiligungsoffenste Systemlogik der Kirche

Netzwerke eröffnen Kontakte, Kennenlernen und Beteiligungen aus Interesse, Motivation oder Betroffenheit.16 Sie erfassen nicht nur shareholder (Mitglieder), sondern auch stakeholder (Betroffene) und concernholder (Interessierte). Sie erlauben eine (schwache) Einbindung ohne (starke) Mitgliedschaft und Verpflichtung. Insofern sind sie ein idealer Einstiegspunkt für postmoderne Institutions-Skeptiker oder Bindungs-Verweigererinnen.

Wo sich gesellschaftliche oder persönliche Interessen decken, entsteht ein Vertrauensfeld, in dem auch darüber hinaus gehende Interessen Vertrauen und Neugier finden: Unter der Solidarität der gemeinsamen Interessen kann ein Feld der Ansteckung mit dem Evangelium entstehen, kann ein Biotop geteilten Lebens wachsen.17

Netzwerke setzen auf Motivation. Motivation ist – neben Druck und persönlichen Gaben – einer der starken Faktoren für Einsatz, Bindung und Beteiligung. Anders als Druck ist Motivation aber intrinsisch begründet und damit nachhaltiger, weniger von der Situation abhängig. Anders als persönliche Gaben ist Motivation aber sozialer, ist gemeinschaftsoffen, weniger von Selbstverwirklichung oder Egoismus infizierbar. Wo die Kirche es Menschen ermöglicht, die eigenen Motivationen im Evangelium vorhanden, in Frage gestellt oder aufgenommen zu finden, öffnet sich ein weites Feld für Entdeckung des Evangeliums durch Beteiligung, Mitarbeit und Vertiefung.

3.3 Netzwerke entwickeln Attraktivität durch flache Ebenen

Dominanz, Zwang oder Verbindlichkeiten haben schlechte Karten, wo es darum geht, Menschen einzubinden oder zu beteiligen. Auch Netzwerke formieren sich unter bestimmten Absprachen, aber deren Logik und Status definieren sich aus Interesse, Motivation und Zugänglichkeit, die flachen Netzwerk-Ebenen sind offener als andere Systemlogiken.

Netzwerke entstehen aus Interessen, Impulsen oder Kontakten, benötigen kaum oder gar keine Hierarchie: Ihr System funktioniert auch ohne Dominanz. Damit vermeiden sie die Falle der Institution, die ohne persönliche Zustimmung wirken kann. Die Institution fragt nach dem Notwendigen, das Netzwerk nach dem Gemeinsamen.

Netzwerke entstehen aus Interessen, Impulsen oder Kontakten, benötigen kaum oder gar keine Hierarchie

Netzwerke sind gut zugänglich oder gut zu verlassen: Ihre Attraktivität ist ihre Zwanglosigkeit.  Damit vermeiden sie die Falle der Organisation, deren Zugehörigkeit Effektivität und Verlässlichkeit voraussetzt. Die Organisation fragt nach dem Machbaren, das Netzwerk nach dem Möglichen.

Netzwerke haben offene Ränder, bleiben zugänglich, damit vermeiden sie die Exklusivität und Verbindlichkeit der Gruppe / Gemeinschaft: Ihr System erlaubt unverbindlichere Teilnahme. Die Gruppe fragt nach dem Verbindlichen, das Netzwerk nach dem Verbindenden.

3.4 Netzwerke bieten ein hohes Maß an Flexibilität

Netzwerke können sich schneller an Veränderungen anpassen, sich leichter auflösen oder neu bilden als vergleichbare Organisationslogiken. Sie lösen sich zwar schneller auf, haben damit weniger Gestaltungskraft. Diese Schwäche ist zugleich eine Stärke: sie sind von kurzer Dauer, damit fluid für veränderte Situationen. Sie sind anpassungsfähig, damit liquid in schwer zugänglichen Beziehungsgeflechten.

Ihre Gemeinschaftsform ist die Anknüpfung und die Verbindung: Damit sind sie stark in den Feldern von Nachbarschaften, Freundschaften, Interessen und Begegnungen. In diesen Feldern liegt zugleich das größte Potential zur Kommunikation des Evangeliums unter Unbeteiligten, Außenstehenden und Unerreichten.

4. Der Netzwerk-Ansatz der KMU V: polyzentrische Verfasstheit kirchengemeindlicher Kommunikation

Eine Netzwerkanalyse arbeitet grundsätzlich mit Vorannahmen. So ist erstens zu entscheiden, was im Fokus der Betrachtung steht. Sind es Einzelpersonen oder soziale Gruppen, Institutionen oder Organisationen. Zweitens ist festzulegen, wie die Betrachtung gestaltet sein soll. Handelt es sich bei der Analyse um eine empirisch-qualitativ entdeckende Suchbewegung oder um einen standardisierten und Hypothesen prüfenden Blick auf das Quantitative eines Netzwerkes, wie bei der KMU V. Es wird im Folgenden kurz die methodische Herangehensweise der KMU V kritisch reflektiert. Daran anschließend werden anhand der dort vorgenommenen Vorannahmen und erzielten Ergebnisse Thesen, Fragen und Hypothesen abgeleitet, die für eine Weiterentwicklung der Netzwerkperspektive für kirchliche Belange notwendig erscheinen.

4.1 Zur methodischen Anlage der KMU V

Die KMU V umfasst eine Repräsentativerhebung wie dies in den zurückliegenden KMU’s auch der Fall war. Im Zuge der Repräsentativerhebung wurde die Frage gestellt, mit wem sich die Befragten in den zurückliegenden zwei Monaten über religiöse Themen ausgetauscht haben, wozu diese bis zu drei Alteri nennen konnten. Es wurde also aus soziologischer Perspektive ein Ego-zentriertes Netzwerk erhoben. Hinzu kommt in der aktuellen KMU V eine so genannte Netzwerkerhebung. Hierzu wurde mit einer „Netzwerkstadt“ eine Modell-Kommune generiert und eine Gesamtnetzwerkerhebung durchgeführt. Ziel dieser Gesamtnetzwerkerhebung war, verdichtete Netzwerkbereiche, Knotenpunkte und Kommunikationsketten sichtbar zu machen und die Hoffnung verbunden, Verhaltensweisen und Personenmerkmale über Relationen und Strukturen erklärbar zu machen.

Kirchliche Gelegenheitsstrukturen binden durch verschiedene Angebote Menschen in das Gesamtnetzwerk ein, für deren soziale Beziehungen rituelle Aspekte von Religion eine untergeordnete Rolle spielen.

Die Gesamtnetzwerkerhebung umfasst dabei die evangelischen Mitglieder ab 14 J. in Netzwerkstadt. Die Struktur von Netzwerkstadt mit 4410 Akteuren (Ego + Alteri) offenbart methodisch die Herausforderung, dass über 3008 Akteure Informationen lediglich aus zweiter Hand existierten. Für eine valide Netzwerkanalyse ist es allerdings notwendig, dass sich die Akteure sich wechselseitig beobachten und aneinander orientieren können, also die gleichen Beziehungschancen gegeben sein müssen. Es wurde deshalb ein kleines Netzwerk gebildet aus 1396 Evangelischen, die an der Vollerhebung tatsächlich teilgenommen haben.

Als weitere These kann für die Weiterentwicklung der Netzwerkperspektive festgehalten werden, dass einer Netzwerkanalyse natürliche Grenzen gesetzt sind, die sich aus der Darstellbarkeit und Reduktion der Komplexität sozialer Beziehungen ergeben.18 (These 5)

Ferner wird als erste Hypothese formuliert, dass es sich bei Kirchengemeinden um Small-World-Netzwerke handelt, die folgende Merkmale aufweisen: Knoten, also Akteure sind hauptsächlich mit benachbarten Knoten verbunden. Die Akteure verfügen nur über eine kleine Anzahl von Verbindungen. Dazwischen gibt es aber immer wieder zufällige Verbindungen, die die Pfadlänge zwischen den Akteuren deutlich senken. Das Clustering ist also hoch, die Pfadlänge kurz.

4.2 Der netzwerktheoretische und -analytische Nutzen einzelner empirischer Befunde der KMU V

  • Durch die Gesamtnetzwerkerhebung kommt eine Komponente von 200 stark miteinander vernetzten Personen im Zentrum des Netzwerkes in den Blick, die als Kerngemeinde identifizierbar ist. Diese haben auffällig häufig Beziehungen im Kontext religiöser Kommunikation zu Personen, die angaben, einander nicht besonders nahe stehend zu sein. Es ist offensichtlich, „dass institutionalisierte Gelegenheitsstrukturen nicht-vereinskirchliche Frömmigkeit ermöglichen“. Ferner lässt sich konstatieren, dass „vertraute Beziehungen nicht Bedingung einer intensiveren religiösen Kommunikation sind.“19 Kritisch zu hinterfragen ist in diesem Zusammenhang die enggeführte Begriffsbestimmung der KMU V, dass Kirchlichkeit und Religion kommunikativ verfasst sind und diese Kommunikation als durchgängige Dimension kirchlich-christlicher Praxis sichtbar wird.
  • Gelegenheitsstrukturen sind stärker brückenbildend und als weak ties anzusehen. Die Kommunikation über den Sinn des Lebens erfolgt häufig über Gelegenheitsstrukturen, die als Komponenten sichtbar sind und die eine geringe lokale Dichte aufweisen. Kirchliche Gelegenheitsstrukturen binden durch verschiedene Angebote Menschen in das Gesamtnetzwerk ein, für deren soziale Beziehungen rituelle Aspekte von Religion eine untergeordnete Rolle spielen. Als weitere Hypothese kann formuliert werden, dass der Glaube als habituelle Attraktionalität sozialer Beziehungen in Gelegenheitsstrukturen von größerer Bedeutung zu sein scheint als der rituelle Aspekt. Es könnte von einer Entkirchlichung religiöser Kommunikation gesprochen werden.
  • Die Kommunikation über den Sinn des Lebens erfolgt häufig über Gelegenheitsstrukturen.

    Der Gottesdienst an sich wirkt kaum brückenbildend, sondern ist eher in der lokalen Bezugsgruppe verortet. Dies korrespondiert mit dem Aspekt der Homophilie, wonach religiöse Kommunikation vornehmlich in derselben Gruppe stattfindet und kaum Reziprozität aufweiset. Die Gottesdienstbesucher hingegen können für Andere einen „Expertenstatus“ aufweisen. Der Charakter der religiösen Kommunikation hat also eher exklusiven Charakter denn inklusiven.
  • Die KMU V weist nach, dass es in der kirchengemeindlichen Struktur Broker gibt, die von erheblicher Bedeutung sind. Hierunter fallen die Kindertagesstätte, das Kirchencafe und das Frauenfrühstück.
  • Bei den U-27-Jährigen ist eine geringe Verortung innerhalb der kirchengemeindlichen Struktur festzustellen.
  • Dem Pfarrer kommt in der Netzwerkerhebung der KMU V eine kommunikative Schlüsselrolle zu. Der Pfarrer hat nachweislich eine Brückenfunktion, wobei darauf hinzuweisen ist, dass es bei der Kommunikation mit dem Pfarrer netzwerkanalytisch häufig um eine einseitig gerichtete Kommunikation handelt.

Claudia Schulz weist zurecht in ihren Überlegungen über „Kirche als Netzwerk“ darauf hin, dass schwache und einseitige Beziehungen zentral für eine Kommunikation in die Breite sind. Wohingegen starke Beziehungen vor allem durch einen zeitlichen und emotionalen Aufwand für eine Tiefenwirkung sprechen.20 Als dritte Hypothese kann formuliert werden, dass es unter netzwerkanalytischen Gesichtspunkten für kirchliche Belange vornehmlich um die Sichtbarmachung struktureller Löcher und schwacher Beziehungen gehen sollte, da diese für eine missionarische Kirche von zentraler Bedeutung sind.

4.3 Konsequenzen für die Kommunikation des Evangeliums

Die verfasste Kirche sollte die Netzwerklogik wahrnehmen und Netzwerken bewusst Freiräume ermöglichen. Netzwerke sind empfindliche Pflanzen, die ihr bestimmtes Biotop21 benötigen: Es bildet sich aus Motivation, Zutrauen, Freiraum und Unterstützung. Netzwerke sind skeptisch bei oder verweigern sich einem fremdbestimmten Zweck. Da sie auf Freiwilligkeit beruhen, werden sie weder durch Beschlüsse noch durch Funktion oder formale Übereinstimmung eingebunden, sondern v.a. durch gemeinsame Interessen, kreative Freiräume und kommunizierte Wertschätzung.

Eine Kirche, die eine Netzwerkkultur ermöglichen will, muss sich fragen: Wie können wir als Hybrid Netzwerke freigeben und fördern (Institution), laufen lassen ohne Erwartungsdruck (Organisation), offenhalten und akzeptieren (Gruppe)?

Die Netzwerklogik hat eine große Nähe zu der Logik einer gewinnenden und einladenden Mission: Jede Kommunikation des Evangeliums benötigt ebenso Nähe wie Freiraum und Geduld. Mission tritt ausschließlich im Modus des Bittens auf, um ihrem Auftraggeber zu entsprechen („bitten an Christi Statt“, 2 Kor 5,20). Mission erwartet ihre eigentliche Wirkung extern, also nicht vom eigenen Tun und Handeln, sondern vom Geist Gottes. Sie schafft nicht den Glauben, aber sie ermöglicht glaubensfördernde Kontexte. Das Biotop zu gestalten ist menschliche Aufgabe („Pflanzen und Begießen“), die Wirkung bleibt Werk des Geistes („Gott aber gibt das Gedeihen“, 1. Kor 3,8).

In ihrer Institutionslogik will Kirche Netzwerke einbinden oder sogar verhindern, in ihrer Organisationslogik nutzbar machen und anpassen, in ihrer Gruppenlogik vereinheitlichen und anschließen. All dies lässt Netzwerken wenig Raum, schwächt ihre Biotope, senkt ihre Motivationen. Eine Kirche, die eine Netzwerkkultur ermöglichen will, muss sich fragen: Wie können wir als Hybrid Netzwerke freigeben und fördern (Institution), laufen lassen ohne Erwartungsdruck (Organisation), offenhalten und akzeptieren (Gruppe)?

Von der Mission kann die verfasste Kirche lernen, dass Netzwerke unter Präsenz, Bitten und Erwarten entstehen, dass ihre Wirkungen nicht einzuklagen, zu belohnen oder zu verordnen sind, aber zu ermöglichen, zu begrüßen und zu fördern.

  1. Birgit Weyel: Netzwerkanalyse – ein empirisches Paradigma zur Konzeptionalisierung religiöser Sozialität. In: Birgit Weyel/Wilhelm Gräb/Hans-Günter Heimbrock (Hrsg.): Praktische Theologie und empirische Religionsforschung. Leipzig 2013. S. 157-169.
  2. Jan Hermelink/Birgit Weyel: Vernetzte Vielfalt. Eine Einführung in den theoretischen Ansatz, die methodischen Grundentscheidungen und zentralen Ergebnisse der V. KMU. In: Heinrich Bedford-Strohm/Volker Jung: Vernetzte Vielfalt. Kirche angesichts von Individualisierung und Säkularisierung. Die fünfte EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft. Gütersloh 2015. S. 16-32, hier: S. 22.
  3. Claudia Schulz: Kirche als Netzwerk betrachtet. Spiegelbilder einer relationalen Praktischen Theologie. In: Praktische Theologie (51) 2016. S. 140-147, hier: S. 143.
  4. Wilfried Engemann: Kommunikation des Evangeliums. Anmerkungen zum Stellenwert einer Formel im Diskurs der Praktischen Theologie. In: Michael Domsgen/Bernd Schröder (Hrsg.): Kommunikation des Evangeliums. Leitbegriff der Praktischen Theologie. Leipzig 2014. S. 16.
  5. Ebd., S. 18ff.
  6. Friedhelm Neidhardt/Dieter Rucht: Auf dem Weg in die „Bewegungsgesellschaft“? Über die Stabilisierbarkeit sozialer Bewegungen. In: Soziale Welt 44 (1993). S. 305-326.
  7. Daneben existieren in der Soziologie Ansätze der Sozialkapitaltheorie, der Relationalen Soziologie nach White und der Akteurs-Netzwerk-Theorie. Systemtheoretische Ansätze haben bisher keinen wesentlichen Beitrag zur Modellierung von Netzwerken beitragen können. Vgl. Jan Arendt Fuhse: Soziale Netzwerke. Konzepte und Forschungsmethoden. Konstanz 2016.
  8. Kirchengemeinschaft nach evangelischem Verständnis. Ein Votum zum geordneten Miteinander bekenntnisverschiedener Kirchen, EKD-Texte 69, 2001. https://www.ekd.de/EKD-Texte/6421.html, eingesehen am 13.2.2017
  9. Marina Hennig/Steffen Kohl: Rahme und Spielräume sozialer Beziehungen. Zum Einfluss des Habitus auf die Herausbildung von Netzwerkstrukturen. Wiesbaden 2011.
  10. Helmut Eder: Kirche als pastorales Netzwerk. Chancen und Konsequenzen einer operativen Kirchenkonzeption. Münster 2012.
  11. Rainer Bucher: … wenn nichts bleibt, wie es war. Zur prekären Zukunft der katholischen Kirche. Würzburg 2012. S. 187.
  12. Lyndal Roper: Luther. Der Mensch Martin Luther. Die Biographie. Frankfurt am Main 2016. S. 138.
  13. Birgit Weyel, a.a.O., S. 160.
  14. Ebd., S. 158.
  15. ‚Liminalität’, ein Begriff des Ethnologen Viktor Turner zur Kennzeichnung eines Schwellenzustandes nach Verlust alter sozialer Ordnungen, wurde von Alan Roxburgh auf die Umbruchssituation der Kirche übertragen. „Es kommt zu einer Entäußerung von bislang bekannten Normen sowie des bislang bestehenden Status, bevor eine Reintegration mit neuem Status wieder möglich wird. Im Rahmen der Liminalität sind daher alle Betroffenen einer gewissen Verwundbarkeit ausgesetzt. Sie können sich nicht mehr auf alte Normen und Statussymbole berufen und neue sind ihnen noch nicht zuerkannt. Aus der Mitte der Gesellschaft herausgelöst befinden sie sich nun am Rande der Gesellschaft.“ Martin Reppenhagen, Auf dem Weg zu einer missionalen Kirche. Die Diskussion um eine “missional church” in den USA, BEG 17, Neukirchen-Vluyn 2011, 265
  16. Der Religionssoziologe Gert Pickel prophezeit angesichts der Mitgliedschafts- und Traditionsabbrüche, „(…) dass eine moderne evangelische Kirche sich verändert. Sie wird in der Zukunft vermutlich immer stärker aus den teilweise ja sowieso schon vorhandenen sozialen Netzwerken bestehen, die einen größeren intellektuellen wie praktischen Freiraum für sich beanspruchen. Sie werden widerspenstiger gegenüber kirchlichen Vorgaben, vor allem da sie als Freiwilligennetzwerke ja auch keine Dienstverpflichtungen und Abhängigkeitsverhältnisse größeren Umfangs eingehen, und verfolgen an vielen Stellen oft ihre eigene Agenda.

    Unter der Solidarität der gemeinsamen Interessen kann ein Feld der Ansteckung mit dem Evangelium entstehen, kann ein Biotop geteilten Lebens wachsen.

    Gleichzeitig sind sie für moderne Demokratien als zivilgesellschaftliche Komponente hochmodern, was traditionelle Mitgliedschaftsinstitutionen nicht mehr sind. – Gert Pickel, Kirche im Umbruch? Gesellschaftliche Herausforderungen an die Evangelische Kirche, in: Hans-Hermann Pompe / Benjamin Stahl (Hg.), Entdeckungen im Umbruch der Kirche (KiA 21), Leipzig 2016, 107
  17. Pickel sieht – bei gleichzeitiger Skepsis gegenüber den Chancen des Gottesdienstes – eine besondere Offenheit wachsen für die sozial starken, und beteiligungsoffenen Form der Kirche, denn sie „(…) hat nun einen Vorteil, sie ist hochgradig modernisierungsangepasst. Anders als das sinkende Interesse an Gottesdienst und traditionellen religiösen Praktiken ist Seelsorge und die Ausübung sozialer Hilfe weiterhin nachgefragt, ja sogar in der Nachfrage eher steigend. Hier entsteht für die evangelische Kirche die Herausforderung, wie sie mit diesen veränderten Anforderungen, die in Demokratien immer stärker auf Zivilgesellschaft und weitgehend unabhängig operierende Freiwilligengruppen zulaufen wird, umzugehen gedenkt.“ Pickel, aaO., 111
  18. In der Regel werden mit Vollerhebungen Größenordnungen von Mannschaften, Abteilungen, Schulklassen u.ä. erfasst
  19. David Pluess: Kommentar. Die Konturen religiöser Aktivität. In: Heinrich Bedford-Strohm/Volker Jung: Vernetzte Vielfalt, a.a.O., S. 441f.
  20. Claudia Schulz, a.a.O., S. 145f
  21. Das Bild von „Biotopen des Glaubens“ stammt aus „Zeit zur Aussaat. Missionarisch Kirche sein“, einem Wort der katholischen deutschen Bischöfe. „Zeit zur Aussaat“. Missionarisch Kirche sein, Die deutschen Bischöfe Nr 68 (26. November 2000), Sekretariat der deutschen Bischofskonferenz Bonn (Hg), 25