012014

Foto: Martina Oefelein: Achter / Eight (CC BY-NC-SA 2.0), Bildausschnitt

Werkzeuge

Valentin Dessoy

Schwarzmarkt des Wissens: Knowhow-Transfer auf engstem Raum

„So entsteht eine HALLUZINIERTE VOLKSHOCHSCHULE, in der Lernen und Verlernen, Wissen und Nicht-Wissen, Lebens- und Überlebensstrategien auf nicht-institutionellem Weg ihren ‚Besitzer‘ wechseln. Der Wissenstransfer als kommunikativer und performativer Akt wird in dieser Nacht im Theater, dem ursprünglichen Ort öffentlichen Debattierens, zu einer kollektiv gewisperten Wissenserzählung.“
(MobileAcademy)

Der Schwarzmarkt des (nützlichen, innovativen, …) Wissens ist ein Großgruppen-Format, das auf maximalen Informationsaustausch und optimalen Wissenstransfer zwischen den Teilnehmenden ausgerichtet ist.

Herkunft

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Die Idee der Wissens-Märkte geht auf Kuratorin Hannah Hurtzig zurück. Seit 2005 organisiert sie mit ihrer MobileAcademy an wechselnden Orten mit unterschiedlichen Kooperationspartnern entsprechende Veranstaltungen. Ausgangspunkt ist ein interessantes und aktuelles Thema, zu dem sich lokales Wissen angehäuft hat. Der Markt schafft einen Raum, um dieses Wissen abzurufen. An Einzeltischen stehen 100 und mehr Experten mit ihrem Knowhow zur Verfügung, die von Teilnehmer/innen für 30 Minuten zur Beantwortung persönlicher Fragen zum Thema gebucht werden können. Die Einzelgespräche können von Beobachtern mit verfolgt werden.

Grundidee

Wissen ist nicht Wirklichkeit. Wissen ist die Abbildung von Wirklichkeit in unserer Vorstellungswelt. Wissen reduziert Komplexität, macht sie handhabbar. Wir machen uns eine Vorstellung von der Welt und wie sie funktioniert. Mit diesem „Wissen“ können wir uns mehr oder weniger erfolgreich in unserer Umwelt bewegen.

Wissen ist keine Entität, die ständig wächst und jederzeit abrufbar ist. Wissen kommt und geht, hat performativen Charakter. Neues Wissen entsteht auf dem Hintergrund unseres bisherigen Wissens durch (abweichende) Erfahrung bzw. deren (sprachlich-digitale) Vermittlung. Wissen wächst (besser: verändert sich) in einem System umso schneller, je mehr Information fließt und je stärker diese Information auf den Erfahrungshorizont der Adressaten bezogen ist.

Diesen Umstand macht sich die (erweiterte) Methode des Schwarzmarktes zu nutze. Die Methode geht davon aus, dass die Teilnehmer/innen einer Veranstaltung selbst Wissensträger/innen sind. Sie bringen themenbezogen ein differenziertes Knowhow mit. Partielles (Spezial-)Wissen ist also lokal vorhanden. Es kommt darauf an, diesem Wissen Raum zu geben und potentiellen Nutzer/inne einen Zugang zu eröffnen, der so strukturiert ist, dass Wissensträger/in und Nutzer/in sich wechselseitig aufeinander beziehen können und auf das Wesentliche konzentrieren müssen.

Die Gespräche finden face-to-face statt, sind also auf der einen Seite sehr persönlich und auf den Erfahrungshorizont des/r jeweiligen Gesprächspartners/in bezogen. Gleichzeitig finden sie auf einem Marktplatz, in einem öffentlichen Raum statt, der allen Teilnehmer/innen der Veranstaltung zugänglich ist. Teilnehmer/innen, die kein Gespräch gebucht haben, können daher als Zuhörer/innen und Beobachter/innen am Wissenstransfer teilhaben, ohne jedoch aktiv eingreifen und mitdiskutieren zu können.

Setting

Die Methode des Schwarzmarktes kann als Gesamtveranstaltung konzipiert sein oder aber im Rahmen einer größeren Veranstaltung als Format neben anderen eingesetzt werden. Ausgehend vom jeweiligen Thema wird das vorhandene Wissen im Vorfeld im Blick auf die unterschiedlichen Facetten des Themas kategorisiert und personalisiert. Hierbei werden Teilnehmer/innen ggf. auch Personen von außerhalb gezielt angesprochen und geworben, um eine attraktive Themenpallette aufstellen zu können. Die Anzahl der Teilthemen und damit der Experten/innen , die den übrigen Teilnehmer/innen für Einzelgespräche zur Verfügung stehen, sollte zwischen 10 und 15% der Teilnehmer/innen liegen , damit ein angemessenes „Marktambiente“ entstehen kann.

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Zu Beginn des Schwarzmarktes gibt es eine kurze Einführung in die Methode, das Setting und den Zeitplan (Anzahl und Dauer der Gesprächsrunden). Es folgt die Vorstellung der Themen und der Personen, die als Experten/innen zur Verfügung stehen. Im Anschluss können sich die Teilnehmerinnen (ggf. auch zu zweit oder max. zu dritt) Gesprächszeiten bei unterschiedlichen Experten/innen buchen („Ticket“).

Die Experten/innen sitzen in einem großen Raum an einzelnen Tischen.1 Die Gesprächspartner/innen, die ein „Ticket“ besitzen, setzen sich dazu, die Beobachter („Schwarzhörer“) gruppieren sich stehend darum. Für jedes Einzelgespräch steht eine begrenzte Zeit (20-30 Minuten) zur Verfügung, damit sich die Teilnehmenden auf das Wesentliche konzentrieren und möglichst viele unterschiedliche Gesprächskonstellationen zusammen kommen. Meistens gibt es 5-6 Gesprächsrunden an einem Vor- der Nachmittag. Die Übergänge zwischen den Gesprächsrunden werden jeweils durch die Moderation oder mittels eines akustischen Signals angekündigt. Einen speziellen Abschluss gibt es in aller Regel nicht.

Organisation

Die Organisation eines Schwarzmarkes ist etwas aufwändiger. Wenn das Thema steht, müssen zunächst interessante Teilthemen gefunden und abgegrenzt werden. Wichtig ist dabei v.a. auch die Frage, ob Personen im Kreis der4 Teilnehmenden oder auch außerhalb zu finden sind, die für dieses Thema stehen und qualifiziert Auskunft geben können. Diese Personen müssen kontaktiert, der Fokus muss abgestimmt und die Teilnahme vereinbart werden.2

Die Einführung umfasst das Setting, den Ablauf, die Themen und die handelnden Personen. Hierzu sollte es eine kurze Anleitung als Handout geben, inklusive einer Liste der Experten und ihrer Themen sowie eines Tischplans, der Auskunft gibt, wer wo zu finden ist. Auf die Erläuterung des Buchungsvorgangs folgt eine Pause, in der sich die Teilnehmenden darüber Gedanken machen können wen sie wann aufsuchen wollen.

Das Buchungs- und Ticketsystem ist abhängig von der Größe der Veranstalter und von der Zahl der Teilnehmenden. Bei ca. 100 Teilnehmer/innen, 12- 15 Experten/innen und 6 Gesprächsrunden genügen zwei Pinwände auf denen in der obersten Reihe die Experten/innen mit der jeweiligen Tischnummer stehen. Darunter befinden sich jeweils 6 Tickets (Kärtchen mit Experte/in, Tischnummer und Uhrzeit). Die Teilnehmer/innen nehmen sich das gewünschte Ticket ab. Die jeweilige Uhrzeit bei diesem/r Experten/in ist damit vergeben.

Mit dem Start der ersten Beratungsrunde läuft das Programm weitestgehend autonom ab, unterbrochen jeweils vom Hinweis bzw. dem Signal, dass die jeweilige Gesprächsrunde beendet ist und eine neue Einheit in veränderter Besetzung beginnt. Nach der letzten Gesprächsrunde schließt die Moderation den Schwarzmarkt mit einem Dank an die Experten/innen und Teilnehmer/innen ab. Ein Feedback aus demj Kreis der Teilnehmenden ist möglich, aber nicht notwendig.

  1. In aller Regel gibt es eine/n Experten/in pro Tisch. In Ausnahmefällen können es auch zwei Personen sein, die Rede und Antwort stehen.
  2. In einzelnen Fällen gibt es die Gelegenheit auf der Veranstaltung selbst Personen anzusprechen und für die Teilnahme am Schwarzmarkt zu gewinnen.