022017

Statements

Martin Lätzel

Kein Zufall – wie die Digitalisierung unsere Zivilisation verändert

Industrie 4.0, Telemedizin und autonome Autos, Cloud Computing, Social Media und digitale Assistenten, die ständig zuhören: in schnellen Schritten verändert sich Gesellschaft im Kleinen wie im Großen. Was ist real, was ist wahr, wie ist unsere Welt? Ganz neue Fragen tun sich auf, neue Kompetenzen sind gefragt. futur2 hat verschiedene Autorinnen und Autoren um ein STATEMENT zu der folgenden Fragestellung gebeten.
1. Welche Organisationsstrukturen entstehen oder werden nötig, welche transparenten und welche intransparenten Machstrukturen bilden sich neu aus?
2. Was sind denn die notwendigen Kompetenzen, welche ethischen Grundpositionen sind für eine verantwortliche und erfolgreiche Navigation in der neuen Welt hilfreich?
3. In welcher Weise müssen sinnstiftende und weltdeutende Angebote formatiert und formuliert werden, um relevant und für die Menschen verfügbar zu sein? Und wie können sie diese Entwicklungen reflektieren und deuten?

Allyson Braithwaite Condie, kurz Ally Condie, ist eine amerikanische Romanautorin. Ihre Sci-Fi Romantrilogie Matched stand lange auf der Bestseller-Liste der New York Times. Worum geht es in dem Buch, dass auch in Deutschland viele, vor allem junge, Leserinnen und Leser und sogar einen Jugendbuchpreis gefunden hat?

Eigentlich geht es um eine Liebesgeschichte, deren Inhalt und Verlauf aber in unserem thematischen Zusammenhang wenig Bedeutung hat. Der Kontext ist jedoch interessant. Die Autorin konstruiert eine Dystopie, eine strikten Regeln unterworfene Gesellschaft. Im Gegensatz zu ähnlichen Werken, wie beispielsweise Orwells 1984, wird das Kollektiv in Matched kulturell reglementiert. Die beschriebenen zukünftigen Menschen sind weder Armut noch Krankheit ausgesetzt. Die Biographie inklusive Familie, Heirat und Tod wird staatlich reguliert. Kriterium ist der optimale Wert eines jeden Menschen. Um dieses Konstrukt aufrechtzuerhalten, wird die Kultur stark eingeschränkt. 100 Werke – das ist, was es von jeder Gattung geben darf, Gemälde, Gedichte oder Lieder. Lesen und Schreiben ist verpönt und eigentlich verboten. Warum sollte man auch, es wird ja für jeden gesorgt. In die Schusslinie der Aufsichtsbehörde kommt, wer seinen Verstand gebraucht. Man wird beobachtet und kontrolliert, „weil“, wie die Protagonistin in einem Gespräch mit ihrem Freund konstatiert, „ich etwas lese, was ich nicht lesen sollte, und etwas lerne, das ich nicht können sollte …“. Kreativität wird zur Subversion und als solche für das Gedeihen der Gesellschaft gefährlich. Wer sich nicht mit der geregelten Welt in kompetenter und adäquater Weise auseinandersetzt, die Prozesse und Spielregeln infrage stellt, unterwirft sich der Logik des Algorithmus. Um dieser Logik zu entkommen, braucht es die kulturelle Bildung, die in Matched als so gefährlich angesehen wird, weil sie es auch ist. Sie mehr als nur ästhetische Erziehung, nämlich die Entwicklung von Kompetenzen zur Gestaltung und Vergewisserung unserer Gesellschaft.

Die Kultur der Digitalität denkt in Bezügen, sie ist geprägt durch Netzwerke und Gemeinschaftlichkeit, erzeugt Ordnung und wird beeinflusst durch Algorithmen. Dazu kommen die gesammelten Daten als (ökonomische) Werte.

Die Digitalisierung wird in der Gesellschaft durchaus ambivalent bewertet. Für manche bietet sie grenzenlose Chancen, anderen macht sie Angst. Auf jeden Fall wird sie Gesellschaft und Individuum irreversibel verändern. Wenn wir schon nicht von einem digitalen Zeitalter sprechen, so sprechen wir mindestens von einer „Kultur der Digitalität“ (Felix Stalder). Die Kultur der Digitalität denkt in Bezügen, sie ist geprägt durch Netzwerke und Gemeinschaftlichkeit, erzeugt Ordnung und wird beeinflusst durch Algorithmen. Dazu kommen die gesammelten Daten als (ökonomische) Werte. Im Zeitalter der Digitalität kristallisieren sich deswegen gesellschaftlich zwei Optionen heraus. Entweder gelingt es, die Digitalisierung so zu nutzen, dass sie Wohlstand und Gemeinwohl unterstützt, oder aber sie befördert Postfaktizismus, Postdemokratie und Neoliberalität. Digital Government ist ein Gebot der Nachhaltigkeit, wenn man diese im ursprünglichen Sinn als systemisches Denken in Bezügen interpretiert. Ordnungspolitisch bedeutet das, sich mit Digitalisierung insgesamt auseinanderzusetzen (als Querschnittsthema der Politik), mit Digitalisaten (wie es in Archiven, Bibliotheken aber auch anderen Kulturgüter sammelnden Institutionen wie Museen Fall ist) und mit der Digitalität, die für die Gesellschaft verschiedene Handlungsoptionen erforderlich macht.

Weder ist Verneinung und Abkehr sinnvoll, noch kritiklose Aneignung digitaler Entwicklung. Was es braucht, ist eine aktive und doch kritische Auseinandersetzung bis hin zur durch die Digitalisierung entfachten Diskussion um den Transhumanismus.

In Wahrheit geht es bei dem, was wir bisher unter Big Data verstehen nicht um Sicherheit und Wohlstand, sondern allein um Big Business und aufgrund der Berechenbarkeit um das Ausschalten jeglichen Kontingenz.

Die Heiligkeit des Individuums (im umfassenden Verständnis Hans Joas‘) zu bewahren, ja, zu schützen, ist eine weitere Aufgabe, in einer Zeit, da es gilt, die Vision George Orwells 1984 Wirklichkeit zu werden droht. Der flächendeckende Ausbau der Überwachung und gegebenenfalls sogar biologischer existenzieller Veränderungen, sei er staatliche, wirtschaftlich oder privat bedingt, wird a la longue global zu massiveren Einschränkungen der Menschenwürde führten, als wir uns das bei regional limitierten Regimen vorstellen können. Eric Schmidt, Chef von Google, prognostiziert die Abschaffung der Privatsphäre. Andere wiederum erhoffen sich Unsterblichkeit. Der Prozess ist schleichend, kaum jemand – außerhalb der noch überschaubaren Szene der Netzaktivisten – weiß über das wahre Ausmaß Bescheid und viele, die um die diversen Formen der Überwachung Kenntnis haben, negieren dies aus Angst oder Sicherheitsbedürfnis. „Angesichts der Art und Weise, wie wir heute leben, sind die kostbarsten und bestgeschützten Daten statistischer Korrelationen, die von Algorithmen verwendet werden, aber von den Menschen selten gesehen oder verstanden werden“ sagt Jaron Lanier.

Big Data wird zu einer zivilisatorischen Gefahr werden, wenn es nicht gelingt, rechtzeitig und langfristig gültige Regeln aufzustellen, die die Chancen des Netzes nutzen und die zivilisatorischen Risiken minimieren.

Vertreter von Big Data argumentieren, ihre Arbeit sei insofern humanistisch, da sie in unsicheren Zeiten, geprägt von Terror, durch das Pflegen von Datenbanken und Sammeln von Daten Gefahren vorbeugen können, Krankheiten heilen ja, Unmögliches möglich machen können. Das soll nicht in Abrede gestellt werden. In Wahrheit geht es bei dem, was wir bisher unter Big Data verstehen nicht um Sicherheit und Wohlstand, sondern allein um Big Business und aufgrund der Berechenbarkeit um das Ausschalten jeglichen Kontingenz. Der Zugang und der Output allerdings werden allerdings nur von wenigen kontrolliert und der Profit von ebenso wenigen abgeschöpft. Dies hat evidente Auswirkungen auf das Zusammenleben der Menschen und also auf ihre Kultur. „Wenn zu viele Ebenen des Zugangs privatisiert [und mit der Privatisierung kontrolliert und observiert, Anm. M.L.] sind, wie es im Internet geschehen ist, hat man schließlich nur noch wenige sehr große Marktteilnehmer.“(Jaron Lanier) Diese wiederum werden über die Marktbeherrschung einen eminenten Einfluss auf die Politik haben. Big Data wird zu einer zivilisatorischen Gefahr werden, wenn es nicht gelingt, rechtzeitig und langfristig gültige Regeln aufzustellen, die die Chancen des Netzes nutzen und die zivilisatorischen Risiken minimieren. Das Geschäft gewandet sich in eine Ideologie, die die Gesellschaft zu bekennen genötigt ist, da sie andernfalls als rückständig und regressiv erscheinen muss. Jaron Lanier stellt dazu nüchtern fest: „Was wir zurzeit erleben, ist die Entstehung einer neuen Religion, der Religion einer technisierten Kultur.“ Das im Zeitalter der Digitalisierung zu dekonstruieren wird Teil einer Aufgabe des zukünftigen Christentums sein, das sich seiner Verantwortung für die Zivilisation bewusst werden muss, ein Plädoyer für Freiheit, Privatsphäre, Kreativität und Müßiggang und auch, gerade dem Katholizismus nicht fremd, für die Bedingung der Möglichkeit der Sünde – ohne die es die Freiheit nicht geben kann. Bisher sind die Kenntnis der Vorgänge und die Beschäftigung mit den Phänomenen innerhalb der Theologie jedoch rudimentär.

Die sich derzeit entwickelnden Logik des Algorithmus ist die Logik der Bequemlichkeit und einer Art Bedürfnislosigkeit auf die Hoffnung bezogen, da die technische Kultur die Hoffnung an sich überflüssig macht, wenn sie Verlässlichkeit und umfassendes Wissen suggeriert. Der Zufall bleibt auf der Strecke.