022020

Foto: Alvaro Reyes/Unsplash

Statements

Jan Kuhn

Die Vision von einer Kirche, die Digitalität liebt und lebt

Seligkeitsdinge, lingualpfeife, ruach.jetzt, oder yeet; die Angebote christlicher Influencer*innen oder Netzwerke auf Instagram und Co scheinen auf den ersten Blick thematisch breit gefächert. In ihrer Summe sind sie Teil einer gemeinsamen Suchbewegung, wie eine digitale Kirche aussieht, wie Glaubenskommunikation, wie von Gott sprechen im 21. Jahrhundert funktionieren kann.

Digital von Gott erzählen scheint keine Aufgabe von Institutionen zu sein, sondern von Personen mit echten Bedürfnissen und Befürchtungen.

Die ersten Lerneffekte sind wenig überraschend und bestätigen diverse Online-, Sinus- und Jugendstudien: das Erzählen von Gott in den sozialen Netzwerken ist auf jeden Fall etwas Autobiographisches. Digital von Gott erzählen scheint damit keine Aufgabe von Institutionen zu sein, sondern von Personen mit echten Bedürfnissen und Befürchtungen, mit eigenen Themen und eben auch einer eigenen Agenda. Das ist zwar generell nichts Neues, die Vehemenz, mit der man eine solche Aussage treffen kann, ist digital aber nochmals dick zu unterstreichen. Noch mehr als analog steht digital personale Kommunikation im Fokus. Institutionen treten dabei entweder auf eine funktionale Ebene zurück oder machen sich die Eigenheiten des Kulturraumes zu nutzen, indem sie ihr Markenimage mit neuen Gatekeepern bspw. in Form von Influencern*innen orchestrieren oder Employer Branding Kampagnen starten, um ihre Marke emotional zu besetzten, Authentizität zu leihen und ihre Markenbotschaft situativ fassbar zu machen.

Aber ist es für Kirche ausreichend nun auch digital zu publizieren? Verreckt Kirche wirklich ‚nur‘ an ihrer inauthentischen Sprache oder liegt der (digitalen) Kommunikationskrise etwas viel Tieferliegendes zugrunde? Wenn dem so ist, dann besteht eine große Gefahr darin, dass Kirche als Institution dem gesellschaftlichen status quo von Vorgestern hinterherläuft, die Oberfläche kaschiert, aber das zugrundeliegende Problem eines kulturellen Wandels unbearbeitet lässt.

Eine digitale Kirche ist keine digitalisierte Kirche, in der analoge Angebote in digitale Bits und Bytes übersetzt werden, sondern geht an die Substanz ihrer Verfasstheit.

Ein Beispiel: Häufig wird die Frage nach neuen Formen und Formaten von Glaubenskommunikation unter dem Buzzword der Digitalisierung verhandelt. Selbstverständlich steht Kirche, wie alle großen Institutionen, vor gewaltigen Aufgaben, die allesamt unter den Bedingungen von COVID-19 nochmals deutlich expliziert wurden. Das gesamte Thema einer „digitalen Kirche“ unter dem Stichwort Digitalisierung zu verhandeln, wäre an sich jedoch sowohl strategisch als auch theologisch unterkomplex verstanden. Eine digitale Kirche ist keine digitalisierte Kirche, in der analoge Angebote in digitale Bits und Bytes übersetzt werden, sondern geht an die Substanz ihrer Verfasstheit. Deswegen schlage ich vor, dass der Begriff der digitalen Kirche unter den Bedingungen einer ‚Kultur der Digitalität‘ verhandelt wird. Unter dem Begriff der Digitalität von Kirche verstehe ich ihre konkrete Ausformung in Gestalt eines differenzierten und komplexen Wechselspiels von technologischen, sozialen und gesellschaftlichen Trends innerhalb eines digitalen Kulturraums. Der Begriff des Kulturraums ist dabei sinnkonstitutiv. Er deutet ‚das Digitale‘ als wesentlichen Bestandteil eines gemeinsamen Lebensraums, in dem das gesamte Menschsein stattfindet. Digital wird vollkommen selbstverständlich täglich Zeugnis der eigenen Identität gegeben. Dies geschieht in Form von Mikrokommunikation bspw. durch Likes und Reactions, dem Posten von Foodporn oder dem Verhandeln der großen Dinge des Lebens: Liebe, Existenz, Sexualität, Freiheit und manchmal auch der eigene Glaube. Digitale Kommunikationsräume regen die Zeugnisgabe nicht nur an, sie multiplizieren diese quantitativ und bieten eine, gegenüber analoger Kommunikation andersartige, qualitative Anteilnahme.

Normbiographien, wie ein Leben zu gestalten sei, treten deutlich hinter einer fluiden lebenslang nie abschließbaren Identitätsarbeit zurück.

Die dominierende Kulturtechnik ist partizipative Kommunikation und zielt auf das Darstellen, Verstehen, Hinterfragen und Implementieren von biographischen Kernnarrationen, die jeweils situativ meist in Alltagssituationen gefluchtet werden. Normbiographien, wie ein Leben zu gestalten sei, treten deutlich hinter einer fluiden lebenslang nie abschließbaren Identitätsarbeit zurück. Glaube ist seit jeher ein Teil dieses Prozesses und kann zu seiner Ressource werden. Folgt man einem solchen Verständnis des digitalen Kulturraums, stellt sich die Frage nicht mehr, ob Glaubenskommunikation digital funktionieren kann, weil digitale Räume die Selbstmitteilung einzelner Individuen und damit auch ihrer religiösen Identitäten geradezu forcieren.

Die spannende und meines Erachtens zu diskutierende Frage ist, wie sich eine territorialhierarchische Institution Kirche in diese fluiden und netzstrukturell organisierten Gemeinschaften hineindenken lässt. So kann es nicht darum gehen, tradiertes Glaubenswissen von A nach B zu tragen, denn Kirche muss den Menschen nichts bringen, was ihnen ansonsten fehlen würde. Anders gedacht: Kirche entfesselt ihre Power, wo sie sich zum Dienstleister eines Raumes macht, der Ort gemeinsamer und biographisch gewendeter Lehr-Lernprozesse ist, wo sich Kirche zu einem gemeinsam genutzten ko-kreativen Werkzeug macht. Diese Dienstleistung, die eine selbstbewusst auftretende Kirche für modernes und selbstbestimmtes Leben anzubieten hat, ist enorm. Hier ist Kirche bedeutend, weil sie Zugang zu wichtigen Lebenshilfen und faszinierenden Inspirationsquellen freilegen und organisieren kann.

Meine Ambition ist es, nicht auf die Erfüllung dieser Vision von Kirche zu warten, sondern sie ko-kreativ mitzugestalten. Die Mission einer institutionellen Kirche besteht darin, diese bereits laufenden Gestaltungsprozesse aufzugreifen, Räume aufzuspannen und so zum Beschleunigungsstreifen, zum Werkzeug ihrer eigenen Mission zu werden. Hierfür darf Digitalität nicht nur theoretisch rezipiert werden, sondern braucht die Praxis einer ‚Kultur der Digitalität‘. Glücklicherweise muss sie hierfür auch nicht neu ausgerichtet werden, sondern Digitalität ist Bestandteil der kirchlichen DNA. Denn: Kirche organisiert seit jeher die Selbstermächtigung des Menschen unter der Zusage Gottes. Eine so verstandene digitale Kirche ist damit keine Neuausrichtung ihres Wesens, sondern eine Fokussierung auf ihren Kern.

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