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Foto: Schub@: take a seat, read a book (CC BY-NC-SA 2.0)

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Martin Lätzel

Buchrezension: Joachim Bauer: Arbeit. Warum unser Glück von ihr abhängt und wie sie uns krank macht

Joachim Bauer: „Arbeit. Warum unser Glück von ihr abhängt und wie sie uns krank macht“. Karl Blessing Verlag: 2013; 270 S.; 19,99 €

„Und was machst Du so?“ Arbeit ist ein deutscher Mythos. Sie gehört zur grundlegenden Identifikation der Menschen hierzulande dazu. Arbeit steht im Zentrum des Lebens. Das hat zum einen kulturhistorische Gründe, ist zudem dadurch bedingt, dass weite Teile des Zwanzigsten Jahrhunderts durch Arbeitslosigkeit dramatisch geprägt waren. Allerdings ist die Arbeit in der Diskussion. Wo macht sie krank? Wie kann sie in Zukunft gestaltet werden? Welchen individuellen und gesellschaftlichen Wert hat Arbeit? Der vorliegenden Band „Arbeit. Warum unser Glück von ihr abhängt und wie sie uns krank macht“ entstammt der Feder von Joachim Bauer, Internist an der Universität Freiburg und dort auch in Forschung und Lehre tätig.

Gleich zu Beginn seines Buches stellt Bauer klar, welche hohe Bedeutung die Arbeit für die personale Identität hat. Gleichzeitig besteht ein großer Zusammenhang von Arbeit und Gesundheit. So hat die Arbeit durchaus ambivalenten Charakter im Gegensatz von Begegnung und Abgrenzung, von Kreativität und Reproduktion von Potenzial und Zerstörungspotenzial. Der hohe Anspruch an die Arbeit ergibt sich, so der Autor, aus der Bedeutungszuschreibung des Arbeitenden: „Ein zentrales, neurobiologisch begründetes Motiv für die Bereitschaft des Menschen zu arbeiten ist der Wunsch nach direkter oder indirekter Anerkennung.“ (29). So will Bauer nicht das Für und Wider von Arbeit diskutieren, sondern die Rahmenbedingungen, die für ein gutes und gesundes Arbeiten notwendig sind.

Zunächst bietet Bauer neurobiologische Grundlagen, ein Kapitel, das sowohl Arbeitergebern als auch Arbeitnehmern schon sehr sachliche Hinweise bietet. Das folgende Kapitel stellt einen sozialwissenschaftlichen Überblick über die Arbeitswelt dar und hier insbesondere krankmachende Faktoren wie Mobilität, Arbeitsplatzunsicherheiten oder Mobbing. Das führt direkt zum vierten Kapitel, in dem der Arzt Bauer medizinische Faktoren anhand von Krankheitsbildern und Forschungsergebnissen extrapoliert. Kapitel fünf und sechs widmen sich einem historischen und philosophischen Überblick. Abschließend nimmt der Autor die Bedeutung der Erziehung in den Blick.

Zu konstatieren ist die gewachsene Belastung durch das Arbeitsumfeld, Überstunden, Nacht- und Schichtarbeit, Mobbing etc. Viel dramatischer aber ist die Entwicklung zu einer „Kultur des Kapitalismus“, die Arbeitswelt sei darüber in „Unordnung“ geraten, führt Bauer fußend auf den Theorien Richard Sennetts aus.

Der Einfluss von Investoren auf Arbeitsabläufe hat direkt und indirekt zugenommen und erschwert die eingangs erwähnte so wichtige Identifikation. Bauer spricht hier von „zunehmender Fragmentierung“ (128), Horizont erweiternde Berufsbiographien werden diachron und synchron verunmöglicht.

Das Buch ist eine insgesamt klar strukturierte und fundierte Übersicht und absolut gut lesbar, selbst in den wissenschaftlichen Analysen. Manche Erkenntnis ist trivial, manche konzise auf den Punkt gebracht.

Bauers Plädoyer gilt der Balance. Auch das mag nicht überraschen, aber der Weg dorthin ist nachvollziehbar und bietet gute Argumente sowohl für den Arbeitgeber wie den Arbeitnehmer. Arbeit wird in dieser Hinsicht entideologisiert und entmythologisiert; sie wird in ihrer positiven Auswirkung ebenso deutlich wie in den Gefahren, die in ihr lauern. Leistung muss sich lohnen, sowohl für das Unternehmen, als auch für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, so Bauers zentrales Resümee in einem Interview zum Buch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Die gesellschaftliche Aufgabe wird sein, gegen absolute Ökonomisierungstendenzen eine neue Kultur der Arbeit zu fördern, um auch in Zukunft gesunde und motivierte Arbeitskräfte zu bekommen.

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