022011

Foto: Schub@: take a seat, read a book (CC BY-NC-SA 2.0)

Service & Dialog

Martin Lätzel

Buchrezension: Hannig, Nicolai: Die Religion der Öffentlichkeit

Hannig, Nicolai: Die Religion der Öffentlichkeit. Kirche und Medien in der Bundesrepublik 1945-1980. (Geschichte der Religion in der Neuzeit 3)

Seit seinem Entstehen ist das Christentum eine öffentliche Religion. Ja, der Völkerapostel Paulus, selber ein Medienmann seiner Zeit, wenn man so will, ruft geradezu dazu auf, die Botschaft zu verkünden. In seiner Geschichte hat das Christentum sich jeweils in den neuesten Medien wiedergefunden. Das erste Gutenbergsche Buch war eine Bibel; der erste Text auf einer Schallplatte das Vaterunser. Nicolai Hannig untersucht in seiner Dissertation die Wechselwirkung von zunehmender Säkularisierung der Öffentlichkeit bei gleichzeitiger Thematisierung des Religiösen in und durch die Medien. Er stellt dar, wie die Kirchen in den Medien der deutschen Nachkriegszeit präsentiert und auch kritisiert worden sind und beschreibt einen Paradigmenwechsel von der Deutungshoheit der Institution Kirche über den Glauben zur Neubewertung des Religiösen jenseits der es vermittelnden Institution. Ein Prozess, der sich im Übrigen in den vergangenen Jahren fortgesetzt hat. Insofern sind die Ausführungen des Autors auch ein wichtiger Beitrag zum heutigen Verständnis von Religion und Kirche in der (medialen) Öffentlichkeit. Denn letztlich, so weist der Autor nach, hat der Auszug des Religiösen aus dem Bereich des Institutionellen seine Wurzeln auch in der Medialisierung, so dass eine Ambivalenz insofern besteht, dass die Religion, und insbesondere das Christentum gerade auf Medien und Veröffentlichung angewiesen und ausgerichtet sind, dies aber gleichzeitig zu einer Emanzipation von der Institution führt, die somit ihre Deutungshoheit verliert und diese dem Subjekt überlässt, das wiederum in einer Wechselwirkung mit der Öffentlichkeit agiert und darin Religion objektiv entgrenzt.