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Foto: Schub@: take a seat, read a book (CC BY-NC-SA 2.0)

Service & Dialog

Martin Lätzel

Buchrezension: Equit, Thomas: Seelsorge erneuern durch Vision und Partizipation

Equit, Thomas: Seelsorge erneuern durch Vision und Partizipation. Strategieprozesse deutscher Diözesen.

Als eine Art Lösungsansatz, den Herausforderungen, denen sich die Kirche in Deutschland heute zu stellen hat, haben sich in den vergangenen Jahren systematische Entwicklungsprozesse in den Diözesen herausgestellt. In Pastoralgesprächen, Dialogprozessen, Foren und Zukunftsgesprächen wurden in fast allen Bistümern drängende Fragen behandelt und teilweise Umsetzungsstrategien entwickelt, um den aktuellen Herausforderungen in adäquater Weise begegnen zu können.

Es gibt mittlerweile eine Reihe von Publikationen, die sich mit diesen Prozessen reflexiv und deskriptiv beschäftigen. Da ist zunächst einmal die Studie „Löscht den Geist nicht aus“ (2005), eine Studie im Auftrag des Zentralkomitees der deutschen Katholiken zu nennen, aber auch die Dissertation „Kann Kirche noch Gemeinde sein?“ von Bernhard Spielberg (2008). Veränderungsprozesse beschrieb auch anschaulich Manfred Belok „Zwischen Vision und Planung (2002), dem das Verdienst zukommt, das Thema erstmals zusammenfassend aufgegriffen zu haben.

In diesem Kontext ist die Arbeit von Thomas Equit „Seelsorge erneuern durch Vision und Partizipation“ zu lesen. Equit möchte in seiner Arbeit eine pastoraltheologische Kriteriologie in den Zusammenhang mit der Organisationsentwicklung bringen, um hieraus Schlussfolgerungen für die zukünftige Gestaltung ortskirchlicher Konsultationsprozesse abzuleiten. Darüber hinaus ist es dem Autor wichtig aufzuzeigen, welchen besonderen Wert eine Beteiligungskultur bei der Gestaltung solcher Prozesse bietet.

Equit grenzt sich gegenüber den voran genannten Arbeiten von der Methodik her ab. Ihm geht es mehr um die konkrete Gestaltung ausgewählter Prozesse, zudem weitet er den Horizont auf das deutschsprachige Ausland aus.

Einführend skizziert Equit eine theologische und eine organisationstheoretische Kriteriologie. Theologisch orientiert er sich an den Aussagen des Zweiten Vatikanischen Konzils, organisationstheoretisch an den Besonderheiten von Non-Profit-Organisationen.

Dem gegenüber stellt er die diözesanen Prozesse der vergangenen Jahre dar. Ausdrücklich nimmt er – im Gegensatz zu den sonstigen Veröffentlichungen – alle deutschsprachigen Bistümer in den Blick. Die Zusammenfassungen basieren hauptsächlich auf der Studie des ZdK und beruhen leider häufig auf der deskriptiven Wiedergabe dieses einen Buches.

Vier Prozesse nimmt er nun stellvertretend für die anderen besonders unter die Lupe. Es sind dies der „Prozess 2010“ der Diözese Graz-Seckau, das „Pastorale Zukunftsgespräch“ des Bistums Magdeburg, der „Pastorale Entwicklungsplan (PEP)“ im Bistum Basel und das „Projekt 2020“ des Bistums Trier. Die Prozesse untersucht er unter den Themenstellungen: Keine Thematisierung gesamtkirchlicher Fragen, konkrete Umsetzung steht im Mittelpunkt; Strukturfragen vorherrschend; daraus evozierend die Notwendigkeit von Partizipation. Als eine Art Ergebnis eine Art Empfehlung für zukünftige Prozesse präsentiert der Autor einen Strategiekompass. Er fragt jeweils nach der Rolle der Führung, nach pastoralen Prioritäten, nach der Umweltrelevanz und dem Umfang von Partizipation.

Dieser Abschnitt ist durchaus lohnenswert zu lesen, zeigt er doch in nuce, wo die Stolpersteine und auch die Chancen pastoraler Prozesse liegen. Außerdem relativiert der Autor positiv anhand dieser Kriteriologie die Effektivität von Dialogprozessen insofern, da die Kirche sich eh nie über die eschatologische Spannung hinweg setzen kann. „Die relative Ergebnisoffenheit und die Prozessorientierung diözesaner Synodalvorgänge ist folglich nicht nur der Beteiligungsorientierung geschuldet […], sondern ist {sic! M.L.} Ausdruck des Gottvertrauens und einer Hoffnung auf Vollendung, die die Kirche nicht selbst vollbringen kann und muss.“ (390)

Thomas Equit findet, dass das „Wie?“ ein zentrales Moment der Prozesse darstellt und Beschränkungen zeitlicher oder thematischer Art durchaus als Ausdruck der Reich-Gottes-Hoffnung verstanden werden können (Ebd.)

Der Autor beendet die Arbeit mit einem Ausblick auf das Konzept der shifting baselines indem er versucht, hieraus Parallelen für die kirchliche Praxis zu ziehen.

Equit verweist zu Recht auf die Vorläufigkeit von Prozessen, die letztlich nie wirklich abgeschlossen sein können. Insofern müssen Pastoralprozesse in den Diözesen ständige Vorgänge sein. Es müsste Foren geben, die regelmäßig überprüfen, inwieweit die Ortskirche evangeliumsgemäß handelt und ob sie die Zeichen der Zeit richtig deutet. Hier könnten die von Equit vorgeschlagenen Basics von Visionsarbeit und partizipativem Diskurs wichtige Leitplanken darstellen.

Gleichwohl muss man Anfragen an die Arbeit stellen. Die Darstellung und Auswertung der Prozessgestaltung ist wichtig und hat einen Wert an sich. Allerdings hätte man daran anschließend nach Umsetzungen und auf Nachhaltigkeit evaluieren können. Die Frage ist doch, inwieweit sich wirklich fundamentale Veränderungen in der pastoralen Praxis ergeben haben (oder eben gerade nicht ergeben bzw. ins Gegenteil umgekehrt wurden, wie die Entwicklungen in den Diözesen Linz und Passau – hier rekurriert Equit zumindest auf die problematische Situation, die Paul Michael Zulehner auch publizistisch umfassend dargestellt hat – öffentlich gezeigt haben). Zum Beispiel steht der Prozess im Bistum Magdeburg für eine hohe Nachhaltigkeit. Dort wird nun im Nachgang zum Prozess unter Beteiligung der Bistumsleitung eine Bistumsversammlung zur Evaluation einberufen – entsprechend den von Equit aufgestellten Kriterien!

Was bedeutet es denn, die Seelsorge zu erneuern, wie der Autor schreibt? Reicht es, das semper reformanda als Ziel der Erneuerung der Seelsorge anzusehen? Sicher die ist „Verheutigung“, das „aggiornamento“, eine wichtige Aufgabe für die Kirche und für die Christen. Aber welche Rolle spielen dann Strategieprozesse? Dazu wären noch Analysen wünschenswert gewesen.

Nicht zuletzt hinterlässt das Konzept der shifting baselines, vom Autor anstelle eine Nachwortes an die Arbeit angefügt, einen ambivalenten Eindruck. Die Idee ist gut und ja, man kann hier sicherlich Honig für die Pastoral saugen. Allerdings, Equit räumt das sogar ein, wirkt das Thema ein wenig nachgestellt, ohne direkten Bezug zum vorher beschriebenen. Stattdessen hätte man sich hier vom Autor angewandte Missionsarbeit, Konkretisierungen einer partizipatorischen Kirche der Zukunft gewünscht.