012013

Foto: Schub@: take a seat, read a book (CC BY-NC-SA 2.0)

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Martin Lätzel

Buchrezension: Bucher, Rainer: … wenn nichts bleibt, wie es war

Bucher, Rainer: … wenn nichts bleibt, wie es war. Zur prekären Zukunft der katholischen Kirche.

Rainer Bucher gehört sich zu den profiliertesten Pastoraltheologen der Gegenwart. Er scheut weder das offene Wort, noch liest man bei ihm ausschließlich Destruktion und Pessimismus. Seine Gabe, strategisch und zukunftsgewandt zu denken, hat er in vielen Publikationen bewiesen.

Sein neues Buch, nach Untertitel Zur prekären Lage der katholischen Kirche, fügt sich gut an diese Tradition an. Zunächst einmal versucht er, die Lage der Kirche einzuordnen in den gesellschaftlichen Kontext. Dieser Zugang überrascht, setzt er doch eben nicht bei der sonst üblichen Selbstreferenz ekklesiologisch motivierter Reflexion der Situation an. Leider zeigt dieser Angang auch Schwächen. Die Gesellschaft ist mehr als diffus und übersichtlich geworden; neben der von Bucher bemühten Beschleunigung und technologischen Entwicklung gibt es eben auch Gegenbewegungen und es gibt Negative, Ansätze, die sich gegen den Trend stellen und Bündnispartner suchen (von denen eine sicherlich die Kirche sein kann). Umschrieben, aber nicht deutlich erwähnt, wird der herrschende Zwang zum Pragmatismus, der in seiner Folge Werte auflösen wird (oder, um mit einer von Bucher adaptierten Vokabel zu arbeiten, verflüssigen wird). Dass die Technokratie bis in die höchste Politik fröhliche Urständ feiert zwingt Christen geradezu heraus, hier Alternativen zu entwickeln. Dass vor diesem Hintergrund die kirchliche Sozialform der Gemeinde unter Druck gerät ist unbestritten und wird von Bucher auch so thematisiert.

Der zweite Teil des Bandes soll Orientierungen bieten. Bucher entwirft das Bild einer Pastoral, die jenseits statischen Denkens flexibel mit den Herausforderungen von Gesellschaft und Gegenwart umzugehen lernt. Pastoral ist, so Rainer Bucher, „nicht die etwas gnädige Handlungsvariante des strengeren systemtischen Diskurses, sondern die kreative und situative Konfrontation von Evangelium und Existenz“ (143). Die Aufgabe gilt dem berufenen Volk Gottes, es ist die Wahrnehmung der Zeitzeichen im Wissen um die göttliche Botschaft von Umkehr, Erlösung und Befreiung (101).

Das Kapitel Kontraste widmet sich Akteuren und Gegensätzen. Bucher diskutiert das Verhältnis von Priestern und Laien, Haupt- und Ehrenamtlichen, Nahen und Fernen sowie Männer und Frauen. Nach Bucher dominieren besonders bei den Priestern „Selbstvergewisserungsdiskurse und ihnen entsprechende Identitätsstrategien. Die realen Lebenslagen von Priestern werden innerkirchlich kaum wahrgenommen und schon gar nicht offen thematisiert“(124). Und, muss man hinzufügen, die Berufsgruppe der Priester ist vermutlich diejenige mit der geringsten Lobby und der geringsten kollegialen Solidarität in den Diözesanverwaltungen und Hierarchien. Verflüssigungen in der Gesellschaft und der Pastoral werden auf jeden Fall mit Verunsicherungen der priesterlichen Identität einher gehen und ein Aktionsfeld bieten. Dass Bucher in Bezug auf die Frauen, deren Stellung in der Kirche er durchaus präzise formuliert, doch eher einen Schwenk auf eine ausführliche Behandlung einer neuen Sicht auf Ehe nimmt, enttäuscht etwas. Denn gerade die weibliche Kirche könnte doch dem Gesamtsystem in der Perspektive eines Netzwerkes so sehr viel mehr bieten.

Das von Bucher „Kehren“ genannte Abschlusskapitel setzt drei Schwerpunkte: die Aufgaben- und Netzwerkorientierung, sowie das Vertrauen auf die prophetische Kraft der Kirche. In allem ist dem Autor zuzustimmen, zumal er der erste ist, dass Thema Netzwerk neu auf die pastorale Agenda setzt und eine wirkliche Perspektive für eine zeitgemäße Seelsorge(organisation) bietet.

Konsequent koppelt Bucher seine Texte und Thesen an das Konzil und beweist, dass dieses nicht nur 50 Jahre nach seiner Eröffnung die Aktualität nicht verloren hat, sondern ganz im Gegenteil in vielerlei Hinsicht noch der Umsetzung harrt. Rainer Buchers verweist auf Um-Interpretationen des Konzils, wo doch die konsequente Um-Setzung angesagt sei – und zwar in die Gegenwart.

Sein Buch ist ein wertvoller Beitrag zur Diskussion, wenn sich auch der Rezensent hier und da deutlichere Konkretionen gewünscht hätte, denn es ist nicht so, dass es nicht schon gute Wege im Sinne der genannten Thesen gibt. Aus eigener Erfahrung kann gesagt werden, dass viele Entwicklungen der katholischen Kirche in Frankreich in den vergangenen Jahren bereits der Entwicklung von Netzwerken entsprechen. Auch hätte wohl eine manchmal deutlichere, weniger intellektuelle Sprache den Vorteil, dass das Buch auch in der Breite von Gremien und Engagierten wahrgenommen werden könnte. Was Bucher schreibt, ist nicht falsch, manchmal bleibt es leider etwas formelhaft. Und zu wünschen wäre doch, dass die Pastoraltheologie starke Impulse in die verunsicherten Gemeinden und zu suchenden Haupt- und Ehrenamtlichen bringt. Bucher kann das, schließlich ist er einer der profiliertesten Pastoraltheologen der Gegenwart.

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