022016

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Statements

Martin Lätzel

Religion und Exklusivität

Mit der Religion verhält es sich wie mit der Kultur. Nicht umsonst sind beide Interpretationen menschlichen Lebens und Zusammenlebens historisch eng miteinander verwoben, auch angesichts der Einschränkung einer Trennung von Staat und Kirche. Kultur ist per se exkludierend, da sie ja einen Referenzrahmen einer bestimmten Gruppe in Abgrenzung zu einer anderen Gruppe beschreibt. Ähnlich verhält es sich mit der Religion. Glaubenssätze und Dogmatiken definieren einen Rahmen für die Gruppe der Gläubigen. Jeder Religion ist inhärent, die eigenen Glaubensansätze für wahr zu halten. Damit ist annähernd jede Religion exkludierend. Wer die eigenen Glaubenssätze für wahr hält, wird andere Glaubensgrundsätze als falsch bezeichnen müssen. Das bedeutet nicht, dass gleichfalls unbedingt Konfliktlinien aufgezeichnet werden, diese können entstehen, wenn religiöse Überzeugungen missioniert werden. Für das Christentum und den Islam beispielsweise ist der Missionsauftrag offensichtlich. Damit wird zwar die Exklusivität etwas aufgebrochen aber nur, um den exklusiven Kreis zu erweitern. Umso schwieriger ist also die Frage zu beantworten, wie Religion zur notwendigen gesellschaftlichen Inklusion beitragen kann.

Unsere kapitalistische Gesellschaft hat sich jahrelang in der Säkularität eingerichtet. Und nachdem Wolfgang Thierse noch 1997 behaupten konnte, Religion sei keine Privatsache, ist der Slogan mittlerweile allgemeingültig geworden. Der Einfluss religiöser Institutionen geht sukzessive zurück. Das Thema  an sich kommt indessen mit aller Macht auf die politische Tagesordnung zurück. Da sind neue rechte und nationalistische Bewegung (wie beispielsweise in Polen), die die Bedeutung von Religion reaktionär betonen; man beruft sich auf das Christentum als zentrale Wurzel der Kultur (wie beispielsweise Pegida dies tut). Da ist nicht zuletzt die sprunghaft angestiegene Zahl der Muslime in Deutschland, die mit neuem Selbstbewusstsein ihren Glauben leben und Staatsverträge ähnlich denen der Kirchen und jüdischen Gemeinschaften fordern. Fundamentalistische religiöse Kreise aller Couleur agitieren gerne gegen die aus ihrer Sicht allzu dekadente Gesellschaft.

Um einen Clash of cultures zu verhindern, bedarf es der kritischen Selbstreflexion der Religionen, die mögliche Relativität der eigenen Überzeugungen zu erkennen und zu akzeptieren, dass es auch andere Weltinterpretationen geben kann.

Genau diese Gesellschaft muss nun definieren, wie sie mit religiösen Ansprüche und Traditionen verfährt. Ein Wegducken im Sinne der Religion als Privatsache ist da nicht mehr möglich. Es gibt mitunter ein eklatantes Nicht-Wissen über Religion in Politik und Verwaltung. In dem Maße, wie sich die Gesellschaft säkularisierten hat, haben sich auch ihre Institutionen säkularisiert. Das Vakuum wird nun durch fundamentalistische Strömungen aller Religionen geflutet. Hier tut Aufklärung und Dialogbereitschaft not. Ebenso muss es im Interesse der Religionen und ihrer Vertreterinnen und Vertreter liegen, reaktionären Entwicklungen nicht Vorschub zu leisten.

Für Außenstehende mag Glauben oft atavistisch wirken. Viele Christinnen und Muslime fühlen sich unverstanden. Je mehr sich dieser Eindruck verfestigt, desto mehr schreitet aber die Desintegration von Religion in der Gesellschaft und damit auch die Desintegration der Gesellschaft voran. Hier soll beileibe nicht für eine Lösung der Trennung von Staat und Religion votiert werden. Wichtig aber ist die Kenntnis um und von Religion, um erstens Verständnis zu erzeugen und zweitens Grenzen sinnvoll zu definieren.

Religiöse Institutionen stehen in einer Verantwortung der Inklusionsbereitschaft. Für die Integration in der Gesellschaft ist demnach unerlässlich, religiöse Strukturen und Denkmuster zu verstehen. Eine wesentliche Aufgabe der Religionen ist es deswegen, für Aufklärung und Verständnis zu sorgen. Das beinhaltet Themen wie Transzendenz, Offenbarung und Glaubensvollzug. Die Glaubenslehre ist vom Staat getrennt und entzieht sich seiner Einflussnahme. Nicht jedoch die Praktikabilität religiöser Ausprägungen. Der Wertekanon einer Religion kann Teil der Debatte sein, staatlich und damit gesellschaftlich relevant wird er dann, „wenn […] Schamgrenzen und Sicherheitsabstände körperlicher Integrität unterlaufen werden“, formuliert der Jurist Ulrich Jan Schröder. Um einen Clash of cultures zu verhindern, bedarf es der kritischen Selbstreflexion der Religionen, die mögliche Relativität der eigenen Überzeugungen zu erkennen und zu akzeptieren, dass es auch andere Weltinterpretationen geben kann. Sicher, das ist ein schwieriger Anspruch und er darf nicht zu Selbstaufgabe führen. Aber seit der Aufklärung gilt es, sich kritischen Anfragen zu stellen.

Diesen Prozess zu gestalten, ist die Aufgabe der Vertreterinnen und Vertreter religiöser Institutionen. Vollkommen falsch wäre es, die eigene Exklusivität noch zu steigern und zu negieren, dass es Evolutionen gibt. Verständnis für religiöse Zusammenhänge zu wecken und Grenzen zu respektieren, geht nur mit Transparenz und im Dialog und – angesichts der größtenteils säkularen Gesellschaft – in demütigem Selbstbewusstsein, wie es der ehemalige Erfurter Bischof Joachim Warnke einmal genannt hat. Religionen können zur Inklusion und Integration beitragen, wenn sie zu ihren eigenen Überzeugungen ebenso wie zum Dialog stehen, wenn sie der Arkandisziplin entsagen und für Transparenz sorgen, wenn sie akzeptieren, dass der Staat die Gesetze macht, wenn sie wahrnehmen, dass sich die Gesellschaft weiterentwickelt und Dogmatik immer auch zeitbedingter Interpretation unterzogen werden muss.