Praxis

Buchrezension: Ahmad Mansour: Klartext zur Integration. Gegen falsche Toleranz und Panikmache

Ahmad Mansour ist ein deutsch-israelischer Psychologe und Autor. Er lebt seit 2004 in Deutschland und beschäftigt sich mit Projekten und Initiativen gegen Radikalisierung, Unterdrückung im Namen der Ehre und Antisemitismus in der islamischen Gemeinschaft. Mit seinen Büchern und Beiträgen in diversen Zeitungen ist er zu einem viel gefragten Gesprächspartner für das Thema Integration geworden und gilt inzwischen als ausgewiesener Islamismus-Experte. Neben seiner Tätigkeit als Gruppenleiter bei “Heroes”, einem Projekt für Gleichberechtigung, arbeitet er als wissenschaftlicher Mitarbeiter in dem Projekt “ASTIU” (Auseinandersetzung mit Islamismus und Ultranationalismus) und bei der Beratungsstelle Hayat mit, wo er gefährdete Jugendliche und deren Angehörige berät. 2019 erhielt er den Menschenrechtspreis der Gerhart und Renate Baum-Stiftung.

Auch in seinem 2018 erschienen Buch „Klartext zur Integration. Gegen falsche Toleranz und Panikmache“, das aktuell auch als Sonderausgabe bei der Bundeszentrale für politische Bildung zu beziehen ist, setzt er sich mit dem Thema Integration auseinander.

Mansour, selber muslimischer Immigrant, blickt sowohl mit dem Erfahrungshintergrund der eigenen Biographie als auch mit professioneller Analyse auf die Janusköpfigkeit von Integration. Er setzt sich mit der Frage auseinander, wie Integration von Migranten im Spannungsfeld von Toleranz und notwendiger Anpassung gelingen kann. Integration, so Mansour, fordert alle heraus: „Wir müssen uns fragen, was wir von Menschen, die in unser Land kommen, verlangen dürfen – und sie von uns.“

Die Diskussionen in Deutschland, so die Analyse Mansours, seien oft von Vorurteilen und Verallgemeinerungen geprägt. Demzufolge fordert er, dass „wir eine Gesellschaft von Demokraten sein (sollten), die Demokratie, Offenheit, Toleranz und Akzeptanz vermittelt und verteidigt. Grundsätzlich. Immer.“ Er plädiert, „eine Integration zu schaffen, die Unterschiede nicht verurteilt, aber auch nicht zelebriert, sondern Regeln festhält, an die sich alle halten müssen.“

Sein Buch sammelt Geschichten und Portraits von Menschen, die Freiheit und Gleichheit nicht mit ihrem Weltbild in Einklang bringen können oder wollen. Sehr plastisch beleuchtet er soziale Lebenslagen oft junger Menschen, Umstände und Erfahrungen, die Integration massiv erschweren. Mansour sieht Politik und Gesellschaft gleichermaßen in der Pflicht und mahnt zu Offenheit, Sachlichkeit und Gesprächsbereitschaft. Insbesondere Verantwortliche in Sozialarbeit und Verbänden, aber auch Lehrende und Eltern ruft er auf, die Einladung des Grundgesetzes zur Teilhabe zu verbreiten und anzunehmen.

Für Mansour gehört es zur unaufgebbaren Grundlage des Zusammenlebens, die im Grundgesetz festgelegte demokratische Grundordnung anzuerkennen und zu achten. „Wer die freie Art und Weise ablehnt, wie Menschen hier leben, wer Gesetze und Demokratie abwertet, der wird kaum eine Chance haben, hier anzukommen oder akzeptiert zu werden. Und um beides geht es.“

Damit Integration gut gelingen kann, brauchte es politisch kluge Konzepte und gesamtgesellschaftlich wirksame Maßnahmen, die helfen, potenzielle Ängste und Vorbehalte gegenüber der freien Gesellschaft abzubauen.
Er denkt dabei an ein ganzheitliches Maßnahmenbündel, dass Schule, Nachbarschaft und Arbeitswelt umfasst. Ziel müsse es sein, bundesweite Standards eines Integrationsprozesses zu etablieren. „Das zu tun, die passenden, stabilen Brücken zu bauen, um Konfliktpotential zu verringern, ist Kernaufgabe der aufnehmenden Gesellschaft. Über die Brücke zu gehen, um wirklich anzukommen, ist Kernaufgabe der Neuankömmlinge.“
Masour schlägt zehn konkrete Schritte bzw. Maßnahmen für die konkrete Politik vor, die gelingende Integration ermöglichen sollen:

  • Integration ohne politische Ängste angehen
  • Integrationsarbeit standardisieren, evaluieren und professionalisieren
  • Bildungsarbeit und Sozialarbeit reformieren und neu konzipieren
  • Einberufung eines Bundesgipfels zur Vermittlung der Werte des Grundgesetztes
  • Ein Einwanderungsgesetz auf den Weg bringen. Jetzt!
  • Integrationsleistungen belohnen
  • Selbstbewusstes und entschiedenes Auftreten des Staats
  • Aktive Förderung einer Kultur der Inklusion
  • Paten- und Mentorensystem einführen
  • Staatliche Förderung der innerislamischen Debatte.

Diese zehn Maßnahmen werden am Ende des Buches genauer entfaltet und bilden als Fazit gewissermaßen das Zentrum des Buches. Sie werden im letzten Kapitel ausführlich entfaltet und begründet.
Mansour versteht es, Dinge auf den Punkt zu bringen. Manche Formulierung mag dem ein oder der anderen drastisch erscheinen oder zum Widerspruch herausfordern. Anderes hat man so oder so ähnlich schon öfters gehört. Und doch, unbestreitbar gelingt Integration in Deutschland zurzeit viel zu selten. Im politischen Diskurs stehen sich rechte und linke Lager unversöhnt gegenüber. Mansour gelingt es, ohne Tabus beide Lager kritisch anzufragen. Auf diese Weise gelingt ihm mit seinen Ausführungen und Vorschlägen ein wichtiger und lesenswerter Beitrag für ein drängendes Thema.

Ahmad Mansour:
Klartext zur Integration. Gegen falsche Toleranz und Panikmache,
Frankfurt Am Main 2018

Aktuell auch als preiswerte Sonderausgabe bei der Bundeszentrale für Politische Bildung erschienen:
Ahmad Mansour:
Klartext zur Integration. Gegen falsche Toleranz und Panikmache,
Bonn 2019

Praxis

midi. Neue evangelische Arbeitsstelle für Mission und Profilbildung

EKD, Diakonie und Arbeitsgemeinschaft Missionarische Dienste gründen „Think Tank“, um Menschen heute mit dem Evangelium zu erreichen

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD), die Diakonie Deutschland und die Arbeitsgemeinschaft Missionarische Dienste (AMD)  haben eine neue gemeinsame Arbeitsstelle eingerichtet. Damit soll das evangelische Profil geschärft werden. Im Zentrum des neuen „Think Tanks“ steht die Frage, wie Menschen heute vom Evangelium erreicht werden können. Die Arbeitsstelle wird ihren Schwerpunkt auf Glaubensbildung und Spiritualität legen. Sie wird sich mit ihren Ideen sowohl an die Mitarbeitenden von Kirche und Diakonie richten als auch an evangelische Christen und die Klienten der diakonischen Einrichtungen.

Die Arbeitsstelle mit Sitz beim Evangelischen Werk für Diakonie und Entwicklung in Berlin hat 20 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Ein Kuratorium mit je vier Vertretern der drei beteiligten Institutionen wird die Arbeit von „midi“, der neuen „Evangelischen Arbeitsstelle für missionarische Kirchenentwicklung und diakonische Profilbildung“ steuern.

Mit der Neugründung wird darauf reagiert, dass kirchliche und diakonische Einrichtungen ihre Alltagsarbeit gegenseitig häufig kaum wahrnähmen. Die „midi“-Arbeitsstelle soll die konzeptionelle Zusammenarbeit von Kirche und Diakonie stärken. midi arbeitet an gemeinsamen Zukunftsthemen von Evangelischer Kirche in Deutschland (EKD), Diakonie Deutschland und der Arbeitsgemeinschaft Missionarische Dienste (AMD). Die Arbeitsstelle entwickelt neue Begegnungsräume und Werkzeuge für die Kommunikation des Evangeliums.

Die fachliche Aufsicht und Steuerung liegt bei einem Kuratorium mit Vertreterinnen und Vertretern aus EKD, Diakonie und AMD unter Vorsitz von Dr. Michael Diener, Präses des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbandes und Mitglied im Rat der EKD. Das Kollegium von midi besteht aus elf Referentinnen und Referenten und wird von Direktor Dr. Klaus Douglass geleitet. Der Sitz der Arbeitsstelle ist die Diakonie Deutschland im Evangelischen Werk für Diakonie und Entwicklung e.V. in Berlin.

Weitere Informationen: www.mi-di.de

Praxis

Buchrezension: Bart Sommer, Zusammen leben. Meine Rezepte gegen Kriminalität und Terror

Bart Sommer ist seit 2001 Bürgermeister in der 86000 Einwohner umfassenden belgischen Stadt Mechelen. Die Stadt Mechelen ist weit über Belgien hinaus für ihr Integrationskonzept bekannt geworden, das maßgeblich von Bart Sommers mitentwickelt und beeinflusst wurde. Wie in kaum einer anderen belgischen Stadt gelingt in Mechelen die Integration von Einwanderern und von Geflüchteten, sodass die Stadt inzwischen international als Vorzeigemodell erfolgreich Integrationspolitik gilt.

Die Bundeszentrale für politische Bildung hat unter dem Titel „Bart Sommer: Zusammen leben. Meine Rezepte gegen Kriminalität und Terror“ eine Sonderausgabe des Buches von Bart Sommer herausgegeben, dass im flämischen Original den Titel „Samen leben. Een hoopvolle strategie tegen IS“ trägt. Sommer stellt in diesem Buch die Grundüberlegungen dar, die seinem integrativen Ansatz zugrunde liegen. Er beschreibt, wie er die verschiedensten Milieus an einen Tisch versammelt und mit Ihnen Strategien des Zusammenleben der unterschiedlichen Gruppen entworfen hat. Für dieses Engagement als Bürgermeister wurde ihm 2016 der Preis World Mayor verliehen.

Einerseits ist sein Ansatz davon geprägt, den Rechtsstaat mit einer großen Entschiedenheit durchzusetzen. Videoüberwachung wurde ausgeweitet und der Druck auf Dealer, Hehler und Kleinkriminelle wuchs. Auf Kriminalität und Vandalismus wurde zeitnah reagiert. Viel wesentlicher aber für den Erfolg seiner Strategie waren Investitionen in die Sicherheit und Sauberkeit der Stadt verbunden mit wertschätzender Kommunikation, mit dem Werben für eine gleichberechtigte Teilhabe der Geschlechter und für bürgerschaftlichen Gemeinsinn – all dies nicht selten gegen religiösen oder weltanschaulich motivierten Widerstand. Mit verschiedenen Maßnahmen an Schulen sorgte er z.B. für eine soziale Durchmischung der einzelnen Bevölkerungsgruppen. Auch setzte er sich für strikte Antidiskriminierung und Gleichberechtigung ein.

Das Buch nimmt einen mit in ein hochaktuelles Thema auch der deutschen Gesellschaft. Wie kann Integration in einem Gemeinwesen angesichts pluraler Lebensstile, unterschiedlicher kultureller Prägungen und zahlreicher Nationalitäten gelingen? Sommer zeigt sich in seinen Gedanken als entschiedener Demokrat, der für eine offene und freie Gesellschaft engagiert. Ein weltanschaulich neutraler Staat muss für die Gleichwürdigkeit seiner Bürgerinnen und Bürger eintreten. „Alle Bürger müssen darauf vertrauen können, dass sie ungeachtet ihres Geschlechts, ihrer sexuellen Orientierung und ihrer politischen und religiösen Präferenz gleich behandelt werden.“ (178f)

Das ein Zusammenleben in Diversität nicht einfach aber möglich ist, davon ist Sommer überzeugt. Es kann gelingen, wenn die Menschen im Gemeinwesen ein „Wir“ entwickeln und sich gegenseitig als „Schicksalsgefährten“ betrachten. Dieses gemeinsam „Wir“ kann sich entwickeln , wenn „wir die richtige Einstellung haben, eine des gegenseitigen Respektes voreinander, eine Offenheit des Geistes sowie eine Menge Empathie und Anteilnahme an den anderen unter Berücksichtigung ihrer Gefühle.“ (S. 149)
Die Ausführungen Sommers zeigen, wie konsequent er dies weiterdenkt und in praktisches kommunales Handeln überführt. Genau diesen gegenseitigen Respekt zu vermitteln, dass scheint Sommer über die Laufe der Jahre in Mechelen gelungen zu sein. Sommers Maßnahmen zeigen nachhaltige und überraschende Wirkungen bei Menschen, die sich bisher eher am Rande der Gesellschaft sahen. Sie nehmen ein echtes Interesse an ihrer Situation wahr und spüren, dass der Staat bzw. die Kommune ihre Lebenssituation nachhaltig verbessert. So überrascht es am Ende nicht, dass, anders als in anderen belgischen Städten, bisher keine Bewohner Mechelens bekannt sind, die sich dem IS angeschlossen haben.

Für christlich Interessierte Leserinnen und Leser sind die Ausführungen Sommers zum Verhältnis Staat und Religion besonders interessant. Sommer, der christlich geprägt aufgewachsen ist, bezeichnet sich selber als Atheist. Er steht für eine strikte Trennung von Staat und Religion und sieht den Staat als Garant der Grundwerte. Damit eine Gesellschaft funktioniert, so Sommer, braucht es „Toleranz, das Akzeptieren der Tatsache, dass Mitbürger eine andere Überzeugung haben. Das bedeutet vor allem, sich von der Idee zu verabschieden, es sei eine Verpflichtung, einem anderen die eigene Meinung aufzuzwingen.“ (S. 163 ) Dies bezieht Sommer nicht nur auf eine radikale, fundamentalistische Form des Islams, sondern ebenso auf Strömungen im Christentum. „Ohne weltanschauliche Toleranz kann eine offene Gesellschaft nicht funktionieren, sind Freiheit und Diversität unmöglich“(S. 164).
Damit stößt er bei den Kirchen eine zentrale Fragen an. Wie kann es gelingen, Teil der modernen Gesellschaft zu sein, und dennoch dem Sendungsauftrag Jesu gerecht zu werden. Schon vor Jahren sprachen die französischen Bischöfe davon, dass es heutige Aufgabe von Kirche sei, den Glauben in der Gesellschaft vorzuschlagen (Proposer la foi) bzw. anzubieten. Zu lernen, dass die Kirche nur ein „Anbieter“ auf dem modernen Markt der Religionen und der Sinnsuche ist, das ist nach wie vor eine noch nicht bewältigte Aufgabe für die Kirchen.

 

Bart Sommer:
Zusammen leben. Meine Rezepte gegen Kriminalität und Terror.
Sonderausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung,
Bonn 2018.

Praxis

Buchrezension: Katholische Kirchengemeinde Maria Geburt (Hg.): voll Gott

Katholische Kirchengemeinde Maria Geburt: Aschaffenburg (Hg): voll Gott, Verlag Schnell und Steiner, Regensburg, 2019

Welche (Wirk-)Macht von Räumen, genauer hin Kirchenräumen, ausgehen kann, das zeigt das so eben erschienenes Buch „voll Gott“, das die katholische Kirchengemeinde Maria Geburt in Aschaffenburg herausgegeben hat.
Die Mitglieder der Pfarrgemeinde waren aufgerufen zu beschreiben, was sie am Wandel in Maria Geburt am meisten berührt. Das Buch enthält 58 Texte, die von unterschiedlichen Autorinnen und Autoren nach diesem Aufruf beisteuerten. Die Beiträge reichen von kurzen Meditationen bis zu Beschreibungen von Prozessen zur Annäherung an Raum und Liturgie. Das Buch sammelt auf diese Weise unterschiedliche Erfahrungen, die Gemeindemitglieder der Pfarrei Maria Geburt in Aschaffenburg nach der radikalen Neugestaltung des Kirchenraums und einer daraus resultierenden Neuausrichtung der Pastoral gemacht haben.
In den Beiträgen wird spürbar und nachvollziehbar, welches Potenzial dem neu gestalteten Kirchenraum innewohnt. Für die Leserinnen und Leser wird schnell klar, dass der Gemeinde mit der Neugestaltung der Kirche Maria Geburt und dem in der Kirche stattfindende Leben etwas Außergewöhnliches gelungen.

Anfang der 90er Jahren stand eine umfassende Renovierung der Kirche Maria Geburt an. Zu dieser Zeit trat Pfarrer Markus Kauth dort seinen Dienst an. Er drängte darauf, dem notwendigen Umbau der Kirche ein künstlerisches Gesamtkonzept zugrunde zu legen. Die Gemeinde nahm Kontakt zu Leo Zogmayer auf, einem österreichischen, nicht kirchlichen Künstler, und trat mit ihm in einen inspirierenden Dialog von Theologie und Kunst ein.
Die aus diesem Dialogprozess hervorgehenden Planungen waren nicht unumstritten. Auch seitens der Bistumsverwaltung wurde die Konzeption kritisch gesehen. Doch nach längerem hin und her bekam Zogmayer den Auftrag zur Umgestaltung der Kirche. So konnte 1999 nach einer zweijährigen Umbauphase und der völligen Umgestaltung die Kirche neu eröffnet werden.

Die Macht der (Bau)Kunst: Kunst als Auslöserin von Veränderung in Liturgie und Gemeinde

Entstanden ist ein heller, Licht durchfluteter Raum, der sich durch eine klare und stark reduzierte Formensprache auszeichnet. Von der alten Einrichtung blieb am Ende nur die Orgel und ein Kreuzrelief an der Wand. Die entstandene Leere wurde in minimalistischem Stil zeitgenössisch gestaltet. Diese Gestaltung verdankt sich einem völlig neuen, spirituellem Konzept, das den Raum bestens entspricht und neue Möglichkeiten für die liturgische Gestaltung ermöglicht.
Die Idee der „Leere“ als Raumgestaltungsprinzip, ist motiviert von negativ-theologischen Impulsen. In Maria Geburt soll Kunst hinführen zu dem bildlosen, unfassbaren und unbegreiflichen Gott, der Menschen so auch in ihrem im Alltag begegnet. Von Anfang an gehörte das Wechselspiel zwischen Kunst und Liturgie zum pastoralen Konzept.

Bis heute sucht die Gemeinde immer wieder neu nach Wegen, wie die Feier des Gottesdienstes so gestaltet werden kann, dass sie der Qualität des Raumes und des Evangeliums entspricht. So haben die Gottesdienste in Maria Geburt immer wieder stark experimentellen Charakter. Gerade das wird durch die vielen eindrucksvollen Fotografien, die das Buch enthält, ausdrucksstark illustriert. Sie lassen die tiefe Spiritualität und die ganz besondere Ästhetik, die den Raum und das liturgische Geschehen in Maria Geburt prägen, auf kunstvolle Weise sichtbar werden.

Das Buch erzählt von einem ganz eigenen Weg der Kirchenentwicklung, den die Gemeinde von Maria Geburt eingeschlagen hat.

Bis heute polarisiert der neu gestaltete Raum und die liturgischen Feiern, die in Maria Geburt stattfinden. Zeigen sich die einen hell auf begeistert, sind andere eher distanziert oder gar ablehnend. Auch das ein Beleg dafür, welche Kraft Kirchenräumen zu eigen sein kann.

Das Buch erzählt von einem ganz eigenen Weg der Kirchenentwicklung, den die Gemeinde von Maria Geburt eingeschlagen hat. Nur an wenigen anderen Ort in Deutschland wird Kunst so konsequent als Auslöserin von Veränderung in Liturgie und Gemeinde genutzt, wie in Maria Geburt. Das Buch macht deutlich, wie Kirche im städtischen Raum in einem modernen Milieu vor allem für spirituell Suchende als sogenannte Personalgemeinde neu Relevanz entfalten kann. Schon deshalb ist die Lektüre überaus anregend und lohnend.

Praxis

Buchrezension: Stefan Kiechle SJ: Achtsam und wirksam. Führen aus dem Geist der Jesuiten.

1.

Wie gelingt Führung? Dazu gibt es kaum zählbare und vor allem immer wieder neue Experten, Literatur, Workshops und Trainings. Das bedeutet wohl vor allem: Die Frage ist nicht beantwortbar. Zumindest nicht auf den Punkt. Denn gleichwohl gibt es ja gelingende Führung – im Selbsterleben als Führungskraft und als geführte Person.

Die Vehemenz der Präsenz der Frage steht noch für etwas zweites: Gelingende Führung ist ein Anliegen. Einerseits aus Gründen wirtschaftlicher Wertschöpfung: Schlechte Führung ist auf kurz oder lang schlecht für das Unternehmen, die Organisation, das System. Hinzu kommt – allerdings nicht zwangsläufig – das Gespür dafür, dass man mit Führung Einfluss auf andere nimmt, Macht über sie gewinnt. Sowohl positiv (man spricht dann anerkennend von „Mitarbeiterführung“), als auch destruktiv (die Rede ist dann vom „Machtmissbrauch“).

2.

Gelingende Führung bewegt sich also auf einem schmalen Grad. Doch dieses Bild spricht von Gefahr und Risiko. Ein besseres Bild lautet: Führung findet in einem Raum statt. Wer diesen Raum wahrnimmt, durchschreitet, seine Wahrnehmungen unterscheidet und bewusste sowie reflektierte Entscheidungen trifft, bleibt selber auf einem Weg, auf dem er andere mitnehmen, anleiten, führen kann. So ein Mensch entwickelt Kraft – Führungskraft.

Führungskraft braucht also auch eine Führungspersönlichkeit – jemanden, der in Prozess, Raum und Weg geht, aber dabei „in Führung“ auch geschulte Wahrnehmung und klare Entschiedenheit einsetzt.

Führungskräfte erleben sich und erlebt man dabei als Person unterschiedlich: Manchen gelingt das auf Anhieb, andere müssen es erlernen, manche wollen es mehr als dass sie es können, andere probieren und probieren, ohne in die Kraft zu kommen. Führungskraft braucht also auch eine Führungspersönlichkeit – jemanden, der in Prozess, Raum und Weg geht, aber dabei „in Führung“ auch geschulte Wahrnehmung und klare Entschiedenheit einsetzt.

Der Jesuit Stefan Kiechle ist innerhalb seines Ordens eine solche Führungspersönlichkeit und hatte genug Gelegenheit, diese in Kraft zu bringen. Der Blick in seine Ordenslaufbahn spricht dafür, dass man dies schon früh erkannt und zu nutzen gewusst hat. Jetzt, in seiner dritten Berufsphase, legt er mit dem hier vorgestellten Buch eine Führungskonzeption vor, die frühere Bücher zu den Aspekten „sich Entscheiden“ und „Macht ausüben“ weiterführt.

Der zentrale und titelgebende Impuls lautet: Führung muss achtsam und wirksam gestaltet werden. Das sind Prozessworte, die uns etwas über Führungskraft (Wirksamkeit) und Führungspersönlichkeit (Achtsamkeit) sagen können. Das Buch schöpft dabei aus der ignatianischen Spiritualität – einer Prozessspiritualität –, der Geschichte des Jesuitenordens und den Erfahrung des Autors, die er immer wieder anbietet.

3.

Vorweg stellt Kiechle einige Perspektiven, mit denen auch der Fokus für das Folgende gesetzt wird: Führung ist gut und sie ist ein Gut, was am biblischen Bild des „guten Hirten“ illustriert wird. Hilfreich ist auch die Differenzierung zwischen Leitung („Manager“, technisch-administrative Funktion) und Führung („Leader“, visionär-wertegebende Funktion) – und dem Wissen der alltäglichen Durchmischung von beidem. Vision, Ziel und Mittel sind halt nicht identisch. Indifferenz als Erleben innerer Freiheit gehört für Kiechle deswegen nicht nur zu den Techniken oder Haltungen guter Führung, sondern zu einem Prinzip.

Führung kann etwas Dämonisches sein, muss aber nicht einsam machen; sie betrifft die ganze Person, aber kann den Menschen wachsen und reifen lassen.

Letztgenanntes führt Kiechle dann weiter aus, indem er die Ordnung der Person in den Blick nimmt. In seiner Haltung ganz ignatianisch – gaben- und ordnungsorientiert – und Humanpsychologisch geschult, charakterisiert er eine Führungspersönlichkeit

  • als jemanden, der sich achtsam seinen eigenen Verletzungen stellt, aber auch der eigenen „Täter“-Seite;
  • als jemanden, der die eigene Tiefenstruktur analysiert hat und dysfunktionalen Seiten etwas entgegensetzen kann – die Klarheit, den Hang von Führungspersönlichkeiten zu Narzissmus und Depressivität deutlich zu benennen, ist dabei bemerkenswert, zumal dies nicht Anklagend sondern sehr Einfühlend passiert -;
  • als jemand, der sich helfen lässt und letztlich für sich sorgt.

Führung, so steht es danach vor Augen, kann etwas Dämonisches sein, muss aber nicht einsam machen; sie betrifft die ganze Person, aber kann den Menschen wachsen und reifen lassen.

4.

Kiechle legt sodann wirkungsvolle Arbeitshinweise für eine Führungskraft aus: Vertrauen, Kommunikation, Motivation, Unterscheidung, prozessuales Denken, Zielvorgabe, Mittelbestimmung, Wertorientierung, strategisches Vorgehen und Netzwerkarbeit. Dies geschieht umfangreich und inhaltlich ein wenig erwartbar, doch nie im Sinne eines plumpen Ratgebers. Denn Kiechle liest sich gut, hat ein feines Gefühl für Bedeutungsinhalte, lotet die geistlich-spirituelle Bedeutung mit aus und die vielen konkreten Beispiele aus der Ordens- und eigenen Führungsgeschichte halten lebendig.

Herausgehoben seien die Hinweise

  • zur Beratung von Führungskräfte (was freilich auch mit dem Autor dieser Zeilen zu tun hat);
  • der Leadership-Reflexion, dass eigene Charisma und den Einsatz für das Schwache nicht der Leitungsfunktion unterzuordnen;
  • der stark formulierte Impuls, eine Führungsaufgabe bewußt anzutreten, in ihr bewußt aufzutreten und schließlich auch bewußt abzutreten.

5.

Die beiden folgenden Kapitel schließen das Buch ab, machen es aber auch „rund“.

Der erste Gedankengang richtet sich auf die „Arbeit in der Nacht“ – ein treffendes Bild für die beschwerlichen Seiten der Führung: Prügel ertragen, kämpfen, Ohnmacht annehmen. Kiechle setzt dem keineswegs platt, sondern im Zutrauen in die Möglichkeit der Reifung des Menschen durch einen (geistlichen) Weg entspringend, den positiven Impuls entgegen, durch diese Momente hindurchzugehen. Das Kreuz zu tragen und an den Tod zu denken ist dabei für manche Leser womöglich zu religiös konotiert, aber Kiechle bleibt hier konsequent ignatianisch. Im Grunde meint das ja auch nur: sich hineingeben, von sich absehen, weiterkommen, ankommen.

Wie jeder Mensch in seiner Lebenswirklichkeit ist auch die Führungskraft dazu aufgerufen, seinen Beitrag an der Errichtung dieser göttlichen Schöpfungsordnung zu tun.

Dem fügt sich der zweite Gedankengang an: die Ausrichtung der (Führungs-)Arbeit auf Gott, als dem „letzten Ding“, vor dem alles (be)stehen muss. Wer an dieser Stelle religiös-moralisches Tüddellü erwartet, liegt falsch. Kiechle setzt Bilder von leichtem, spielenden Vertrauen, dem Dirigat einer Wirklichkeit, die sich dem Schöpfer des Werkes verdankt, ihm Ehre zollt und doch im Augenblick neu und einmalig entsteht um in denen, die zuhören, etwas anzuregen – österlich, also in befreites und von Liebe erfülltes Leben hinein. Wie jeder Mensch in seiner Lebenswirklichkeit ist auch die Führungskraft dazu aufgerufen, seinen Beitrag an der Errichtung dieser göttlichen Schöpfungsordnung zu tun.

6.

Kiechles Buch ist ein Exerzitium, der Aufbau entspricht auch dem Weg der ignatianischen Exerzitien. Was Exerzitien sind? Ein Hinhalten vor den Wirklichkeiten, ein Ausrichten auf das je Größere hin, eine Rüstzeit für den Alltag. Wer sich auf die dahinterliegende christliche Grundhaltung und den davon angestoßenen Prozess einläßt, erhält von Stefan Kiechle wertvolle Hinweise für seine Arbeit an sich als Führungsperson und als Führungskraft. Allen anderen bleibt das Buch, vor allem zum Ende hin, vermutlich fremd.

Das Buch ist in Zeiten des Disputs um den Weg der Kirche im Heute der Zeit auch ein beachtenswertes Statement für eine bestimmte Kirchenkultur.

Doch das ist in den Exerzitien ja genauso: den persönlichkeitsstärkenden Übungen der ersten und zweiten Woche folgt man gern und enthusiastisch, die beiden Wochen der Kreuzesnachfolge und Lebenshingabe verstören mitunter. Diese im Blick auf Führung zu reflektieren (Schwierigkeiten in Führung und Österlichkeit von Führung) ist fremd-, aber auch neuartig. Es liegt am Leser, ob er an dieser Stelle ins Ungefähre abschweift oder Kiechles Gedankenangebote konsequent auf die eigene Praxis überträgt. Das geht vermutlich besser im Austausch mit anderen als im Lesestübchen für sich.

Das Buch ist in Zeiten des Disputs um den Weg der Kirche im Heute der Zeit auch ein beachtenswertes Statement für eine bestimmte Kirchenkultur. Wer dieser Kultur folgt, wird anders über Motive, Rollen, Macht, Eigenanteile und Prozesse denken und handeln – auch innerhalb der Kirche. Dem sei Achtsamkeit und Wirksamkeit gewünscht.

Praxis

Buchrezension: Hermann, Maria / Bils, Sandra (Hg.): Vom Wandern und Wundern

Maria Hermann/ Sandra Bils (Hg.): Vom Wandern und Wundern. Fremdsein und prophetische Ungeduld in der Kirche, Echter Verlag, Würzburg 2017

Maria Hermann lebt und arbeitet als katholische Theologin in Hannover. Für das Bistum Hildesheim verantwortet sie die ökumenische Bewegung Kirche2. Mit bei ihr arbeitet als Referentin bei Kirche2 Sandra Bils, Pastorin der Evangelischen-Lutherischen Landeskirche Hannover. Beide haben für das von ihnen herausgegebene Buchprojekt vom „Wandern und Wundern“ Menschen angesprochen, die sich aus unterschiedlichsten Gründen der Kirche entfremdet haben bzw. Menschen, die sich in vielen Situationen ihrer Kirche fremd fühlen.

Sechszehn Autorinnen und Autoren haben Beiträge für das so entstanden Buchprojekt zur Verfügung gestellt. Entstanden ist eine höchst anregende Sammlung von ebenso persönlichen wie inspirierenden Beiträgen. Es sind keine wissenschaftlichen Abhandlungen zusammengetragen worden, sondern Glaubens- und Lebenszeugnisse von Menschen im Kontext von Kirche. Die Beiträge erzählen viel von Gott, bzw. von der Beziehung die die Autorinnen zu Gott haben und sind in im eigentlichen Wortsinn Theologie also Rede von Gott.

Die Kirche der Zukunft wird nur mit Menschen gefunden werden, die den kirchlichen Binnenraum verlassen; mit Menschen, die bereit sind aufzubrechen und über die Grenzen hinaus zu wandern; mit Menschen, die die Gabe des Wunderns in sich tragen.

Inhaltlich ranken die Beiträge um unterschiedlichste Fremdheitserfahrungen mit und in der Kirche. Dazu gehören und sich doch fremd fühlen. Mitten drin zu sein und sich doch sehr weit weg erleben – Das ist das sind die immer wieder kehrenden Motive, die die Autorinnen und Autoren exemplarisch ins Wort bringen. In manchen Beiträgen wird deutlich, dass sich die Verfasserin bzw. der Verfasser gegenüber Kirche eine kritische Wachheit und Distanz erhalten haben, gewissermaßen einen Blick von außen. Mit einem „fremden Blick“ schauen sie auf das, was sie in und mit Kirche erleben und decken so manches Befremdliche auf. In anderen Beiträgen schildern die Autorinnen und Autoren, wie sie sich von Kirche entfremdet haben bzw. wie fremd sie sich in kirchlichen Bezügen fühlen, die so gar nicht zu ihrem Lebensgefühl passen wollen.

In all diesen Berichten klingt eine tiefe Sehnsucht nach einer Kirche an, die ganz anders ist. Hier kommt zur Sprache, was viele Menschen, die sich von Kirche entfremdet haben, denken und fühlen. Mit jeder Seite des Buches wird deutlicher: Es gibt viele Menschen, denen eine ungeduldige, „heilige Unruhe“ zu eigen ist. Sie ersehnen eine Kirche, die Nähe zu den Menschen glaubwürdig lebt, die in ihren Aktivitäten, Ritualen und ihrer Sprache anschlussfähig wird an das Lebensgefühl der heutigen Zeit und die so wirkliche Relevanz entfaltet. Die Autorinnen und Autoren werden so zu Prophetinnen und Propheten einer Kirche von morgen.

Den beiden Herausgeberinnen ist ein Buch gelungen, dass diese Leserinnen und Leser sensibilisiert für die Landschaft, die Jenseits der aktuellen kirchlichen Denk- und Lebensräume liegt. Die Beiträger machen Lust den kirchlichen Binnenraum zu verlassen und aufzubrechen “an die Ränder”, hin zu den Grenzgebieten, wo Menschen heute um Sinn und Lebensglück ringen.

Die Kirche der Zukunft wird nur mit Menschen gefunden werden, die den kirchlichen Binnenraum verlassen; mit Menschen, die bereit sind aufzubrechen und über die Grenzen hinaus zu wandern; mit Menschen, die die Gabe des Wunderns in sich tragen. Einige dieser Grenzgänger stellt dieses Buch vor. Auf diese Weise ermutigt das lesenswerte Buch auch die Leserin bzw. den Leser selbst zum wandern und wundern.

 

Praxis

Buchrezension: Scharmer, C. Otto / Käufer, Katrin: Von der Zukunft her führen: Von der Egosystem- zur Ökosystem-Wirtschaft

C. Otto Scharmer, Katrin Käufer: Von der Zukunft her führen. Von der Egosystem- zur Ökosystem-Wirtschaft. Theorie U in der Praxis, Heidelberg 2014

Vor allem innerhalb der katholischen Kirche erlebt das Thema Spiritualität eine Renaissance. Immer wieder ist die Rede davon, dass kirchliche Entwicklungsprozesse maßgeblich geistlich gestaltet sein sollen. Dahinter steckt die Erfahrung, dass zahlreiche Änderungsprozesse  eher eine betriebswirtschaftlichen Logik folgten und sich weniger einem geistlichen Entscheidungsprozess verdanken. Nicht selten wurden diese Prozesse stark als Top-Down Prozesse erlebt, die vielfachen Widerstand auf den unterschiedlichsten Ebenen der Bistümer erzeugten.

Doch wie geht geistliches Entscheiden in Gruppen? Und wie lässt es sich in Prozesse integrieren, bei denen es unter anderem darum geht, möglichst viele Menschen an den Entscheidungen teilhaben zu lassen. Denn in den letzten Jahren wird immer deutlicher, dass Partizipation eine der wesentlichsten Voraussetzung einer nachhaltigen  Entwicklung von Kirche darstellt.

Interessanter Weise gibt es innerhalb des betriebswirtschaftlichen Management  ein intensives Nachdenken über ein nachhaltiges Wirtschaften. Allzu deutlich wird, dass unser aktuelles Wirtschaftssystem die Zukunft der Menschheit und den Lebensraum Erde massiv bedrohen. Die  als Theorie U (siehe hierzu auch futur2, Ausgabe 01|2015) und Presencing bekannt gewordene Führungsmethode, stellt notwendige Führungsinstrumente bereit, um den Erfordernissen von Nachhaltigkeit und globaler Verantwortung im Management gerecht werden zu können.

Entwickelt wurde die Theorie U von C. Otto Scharmer, Senior Lecturer am Massachusetts Institute of Technology  (=MIT) und Gründer des Prescencing Instituts in Cambridge.  Interessanter Weise gehören spirituelle Elemente zum Kern dieses Führungskonzepts, dass auch für den kirchlichen Kontext höchst anregend und übertragbar ist.

Mit seiner MIT-Kollegin Katrin Käufer hat Scharmer unter dem Titel „Von der Zukunft her führen. Theorie U in der Praxis“ ein Buch vorgelegt, dass einen Systemwechsel vorschlägt. Statt auf ein „Egosystem-Bewusstsein“, das auf das Eigenwohl konzentriert ist, bauen die Autoren auf ein „Ökosystem-Bewusstsein“, das auf das Wohl aller, auf das Gemeinwohl ausgerichtet ist. Dieser Bewusstseinswandel betrifft nicht nur Individuen, sondern auch Teams, Gruppen und Organisationen bis hin zur Gesellschaft als Ganzes betrifft. In einem solchen Systemwechsel sehen die beiden Autoren eine Möglichkeit den weltweiten, krisenhaften Phänomenen zu begegnen, die die Zukunft der Menschheit bedroht (Finanzkrise, Energiekrise, Klimakatastrophe, Massenarmut, Massenmigration, Fundamentalismus) und zu nachhaltige Veränderungen anzustoßen.

Ein vierphasiges Bewusstseinsmodell dient dem Autorenteam zur Beschreibung mentaler Modelle, die in der Geschichte der Menschheit prägend waren: a) Traditionelles Bewusstsein, b) Egosystem Bewusstsein, c) Stakeholder-Bewusstsein, d) Ökosystem-Bewusstsein. An vielen praktischen Beispielen variert das Autorenteam seine Grundthese, dass sich die Menscheheit in einem gesellschaftlichen Umbruch befindet, der eine neue Bewusstseinsstufe zur Folge haben wird.

Das Buch hilft Führungskräften, Beratern und Entscheidern dabei, Ideen, Experimente und persönliche Praktiken zu entwickeln, die diesen Wandel erleichtern und unterstützen. Ergänzendes Online-Material unterstützt die Umsetzung in den Führungsalltag.

Das von C. Otto Scharmer entwickelte Führung Theorie U hat sich als eine Führungsmethode etabliert, die gerade auch für den kirchlichen Bereich eine hohe Relevanz besitzt. Dabei ist besonders interessant, dass im Konzept Scharmers die Verbindung von „Geist und Materie“ eine zentrale Bedeutung zukommt. Spiritualität wird somit Voraussetzung und Treiber von Veränderung. Ein Ansatz, der gerade auch für Kirche hoch anschlussfähig ist! Es überrascht und erstaunt, dass das, was für manche Bistümer zurzeit eine große Herausforderung darstellt (obwohl es doch eigentlich zu den Kernkompetenzen von Kirche gehört), nämlich Prozesse „geistlich“ zu gestalten, in „profanen“ Organisationsberatungskonzepten schon weit entwickelt ist.

Alles in allem ist dem Autorenteam ein wichtiges und anregendes Buch gelungen. Alle, die auf der Suche nach Führungskonzepten für eine nachhaltige Entwicklung von Kirche und Gesellschaft sind, finden hier wichtige Impulse. Der populärwissenschaftliche Stil des Buches erleichtert den Zugang zu diesem wichtigen Diskussionsbeitrag.

Praxis

Buchrezension: Etscheid-Stams, Markus / Laudage-Kleeberg, Regina / Rünker, Thomas (Hrsg.): Kirchenaustritt – oder nicht? Wie Kirche sich verändern muss

Etscheid-Stams, Markus / Laudage-Kleeberg, Regina / Rünker, Thomas (Herausgeber): Kirchenaustritt – oder nicht? Wie Kirche sich verändern muss, Freiburg im Breisgau 2018

Von 2013-2015 hat im Bistum Essen der breit angelegte Prozess Zukunftsbild stattgefunden. Mit 20 sehr unterschiedlichen Projekten wird nun versucht, das gemeinsam gefundene Zukunftsbild “Du bewegst Kirche“ im Bistum Essen konkret werden zu lassen.

Eines der Projekte widmet sich der Frage, wie die Zahl der Kirchenaustritte gesenkt werden kann. Unter der Fragestellung „Wie senken wir die Zahl der Kirchenaustritte?“ wird danach gefragt, “warum Katholikinnen und Katholiken ihre Kirche verlassen – und warum andererseits auch viele Menschen der Kirche die Treue halten, obwohl nur relativ wenige von ihnen Gottesdienste oder andere Angebote besuchen.” (aus der Projektbeschreibung) Im Rahmen dieses Projektes sollen Ideen entwickelt werden, wie Menschen auch künftig in der Kirche gehalten und vielleicht neue Leute hinzugewonnen werden können.

In einem ersten Schritt wurde eine wissenschaftlich Studie zum Thema Kirchenmitgliedschaft durchgeführt. Drei Wissenschaftler-Teams wurden beauftragt, sich mit der Fragestellung auseinander zu setzen, was Menschen an der Kirche so gut finden, dass sie bleiben – und was andere so sehr stört, dass sie gehen In einer Online-Befragung wurden mehr als 3000 Menschen befragt. Zudem hat das Zentrum für angewandte Pastoralforschung (ZAP) in Bochum bisher erschienene Forschungen zur Kirchenmitgliedschaft in einer Meta-Studie analysiert. Ziel war dabei eine Klassifizierung und Bewertung der verschiedenen Faktoren, die eine Mitgliedschaft in der Kirche beeinflussen, zu entwickeln. Das Berliner Instituts M.-Dominique Chenu reflektierte theologisch die Frage, wie künftige Formen der Mitgliedschaft in der Kirche aussehen werden.

Unter dem Titel “Kirchenaustritt – oder nicht? Wie Kirche sich verändern muss” ist Anfang des Jahres das Buch zum Projekt im Herder-Verlag erschienen. Es stellt die Ergebnisse der drei Wissenschaftler-Teams dar, liefert Hintergründe zur Kirchenmitgliedschaft und Kirchensteuer und präsentiert strategische Ideen für eine Kirche, die zum Bleiben einlädt.

Zentrale Inhalte stellen die Herausgeber des Buches auch in dieser Ausgabe von futur2 in komprimierter Form vor1.

Die Kirchenaustrittsstudie im Kontext von “Trend wenden”

Die in dieser Ausgabe von futur2 präsentierte Auswertung der Kirchenstudie „Trend wenden“ zeigt, dass

„kirchliche Verantwortungsträger sehr deutlich die gesellschaftlichen Herausforderungen und den enormen Anpassungsdruck (sehen), der (…) auf die Kirche als Organisation ausgelöst wird. Die Notwendigkeit von Wandlung und Entwicklung scheint auch in seiner Tiefe unbestritten. Es gibt – bei aller Unterschiedlichkeit im Detail – eine hohe Konvergenz bzgl. der Richtung, in die es gehen müsste.“

Angemahnt wird aber auch, dass

“eine grundlegende und verbindliche Vergewisserung über die konkret angestrebten langfristig-strategischen Ziele (notwendig wäre), aus denen sich dann hier und heute Entscheidungen und Umsetzungsprogramme ableiten lassen.“2

In diesem Sinne bietet die Kirchenaustritt-Studie wichtige Grundlagenarbeit für die Entscheider im Bistum Essen, um tatsächlich in eine veränderte Praxis zu kommen. Wenn auch wenig Neues oder wirklich Überraschendes durch die Studien entdeckt wurde, so liegt der Wert des Buches vor allem in der Aufbereitung, Zusammenführung und Systematisierung bekannter Daten. Auf dieser Grundlage können von den Herausgebern konkrete Ansatzpunkte beschrieben und Möglichkeiten herausgearbeitet werden, die wirkungsvolle Potentiale für nachhaltige Entwicklung in den folgenden Feldern bieten (könnten):

  • Qualität der Pastoral,
  • Mitglieder-Management und
  • Image und Identität.

Nachdenken über Kirchenbindung als Gegenstand von Führung

Es bleibt (nicht nur bei diesem, sondern bei allen 20 Projekten im Bistum Essen) spannend, ob aus den Ergebnissen der Studie, nicht nur Empfehlungen erwachsen sondern auch konkrete Umsetzungsschritte gegangen werden.

Gespannt sein darf man sicherlich auch auf die Veröffentlichung einer “Kirchenbindungs-Studie”, die das Rheingold Institut im Auftrag des Kölner Erzbistums durchgeführt hat. Bewusst hat man hier nach Gründen geforscht, die Menschen bewegen weiterhin Mitglied der Kirche zu bleiben. Hier wird interessant sein, ob die Studie die Ergebnisse der Essener Studie bestätigt und ob durch die Frageperspektive, bewusst nach Bindungsgründen zu forschen, neue Erkenntnisse gefunden werden können.

Wie auch immer: Genügend Wissen um die Möglichkeiten und Notwendigkeiten von Veränderungsschritten ist den Kirchen vorhanden. Es geht darum endlich den „Sprung“ in eine neue Zukunft von Kirche zu wagen – nicht nur im Bistum Essen!

Praxis

Buchrezension: Flügge, Erik / Holte, David: Eine Kirche für viele statt heiligem Rest

Flügge, Erik / Holte, David: Eine Kirche für viele statt heiligem Rest, Freiburg 2018

Erik Flügge hat nach seinem Bestseller „Die Kirche verreckt an ihrer Sprache“ ein zweites Buch vorgelegt. Zusammen mit dem Kommunikationsberater David Holte plädiert er für „Eine Kirche für Viele“. Es könnte aber sein, dass am Ende sich nur noch wenige für die Kirche interessieren.

Meine Sorge ist, dass die Umsetzung seines Programms genau das Gegenteil bewirken wird. Es werden noch mehr Menschen die Kirche verlassen, wenn diese sich nur noch als Glaubensgemeinschaft definiert und den daraus folgenden Anspruch als Dienstleister für die Gesellschaft und für ihre Mitglieder aufgibt.

Jedes Jahr erscheint ein „Schwarzbuch“ mit dem der Bund der Steuerzahler auf die Verschwendung öffentlicher Gelder aufmerksam macht. Mit „Eine Kirche für Viele“ hat Erik Flügge nun sein Schwarzbuch vorgelegt. Während sich der Bund der Steuerzahler über vermeintliche Luxus-Mülltonnen beklagt, regt sich Flügge über Gemeindehäuser und Pfarrämter auf: „Klar, auch ich könnte in ein muffiges Gemeindehaus gehen, um am Seniorennachmittag teilzunehmen – nur will ich das nicht.“ (9) Für ihn sind diese Räume pure Kirchensteuerverschwendung. Nun sind Steuern keine Zahlungen, die mit der kalkulierten Hoffnung auf möglichst maximale persönliche Gegenleistung gezahlt werden. Mit Steuern finanziere ich vor allem ein Gemeinwohl, auch mit meinen Kirchensteuern. Während ich diese Rezension schreibe, probt nebenan im Pfarrsaal ein Chor persischer Frauen. Sie bezahlen keine hohe Miete und sind noch nicht mal katholisch. Trotzdem halte ich meine Kirchensteuern dort für bestens investiert.

Dennoch ist der Frage nach der Verteilung der Kirchensteuer berechtigt. Auch ich als Kirchensteuerzahler will wissen, was mit meinem Geld passiert. Flügge beeindruckt mit der Zahl, dass 10% der aktiven Gemeindemitglieder über 90% der zur Verfügung stehenden Kirchensteuereinnahmen verfügen können. Zumindest im Erzbistum Köln, wo auch Flügge seine Kirchensteuern bezahlt, ist das nicht so. Hier fließen 43 % der Einnahmen in die Kirchengemeinden. Die weiteren Mittel werden vor allem für Bildung, Kultur und Caritas ausgegeben.

Wir brauchen den Missionsbegriff der frühen Christenheit, bei dem man loszog, um vom eigenen Glauben zu erzählen und bereit war, aus der Antwort des Gegenübers Neues über den eigenen Gott zu erfahren.“

Aber auch diese Zahlen würde Flügge nicht passen, denn ihm geht es nicht um Prozentzahlen, sondern um ein grundsätzliches Problem: „Es (das Geld) steckt überall, nur nicht im Glauben vieler Mitglieder.“ (21) Ich frage mich zwar, wie Geld in Glauben stecken kann, was Flügge aber sagen will, ist klar. Nicht Gebäudesanierung ist angesagt, sondern Glaubenskommunikation. Dafür entwickelt er auch ein Programm: Haustürmission. Die Kirchengemeinden sollen losziehen und das Gespräch mit ihren Mitgliedern suchen. Mit einer Modellrechnung kalkuliert er, dass, wenn die Gelder statt in Pastoralbüros in Personal investiert würden, jedes Gemeindemitglied im Jahr besucht werden könnte. Ich weiß nicht wie attraktiv diese Idee für die Gemeindemitglieder tatsächlich ist. Für einige meiner Freunde wäre es aber gewiss endgültig der Anlass zum Kirchenaustritt, wenn alle sechs Wochen der Pastor vor der Tür stehen würde. Trotzdem ist das Anliegen, das Flügge mit dieser Idee verfolgt, gut. Er will, dass die Kirche mit ihren Mitgliedern über Gott redet. Zwar kommt Flügge auch hier nicht ohne einen Abwertungsjargon aus, wenn er wie die Glaubenskongregation überall Glaubensdefizite diagnostiziert: „Die Getauften sind noch Mitglieder, aber längst keine Gläubigen mehr“. Wer mit so einer Haltung beim Nachbarn klingelt, hat sowieso keine Chance. Das weiß auch Flügge und deswegen erinnert er an die Anfänge der Kirche. Die Glaubenserfahrung der ersten Christen wurde erst durch den Dialog mit der griechischen Philosophie zu einer Theorie von Glauben, zur Theologie. Mit diesem Konzept will Flügge auch die Kirche in Westeuropa reanimieren: „Wir brauchen den Missionsbegriff der frühen Christenheit, bei dem man loszog, um vom eigenen Glauben zu erzählen und bereit war, aus der Antwort des Gegenübers Neues über den eigenen Gott zu erfahren.“ (55)   Kirche kann sich nur erneuern, wenn sie wieder lernt über Gott und Glauben zu reden. Und dieses Gespräch darf keine Einbahnstraße sein. Es kann nur gelingen, wenn jeder als Subjekt des Glaubens respektiert wird.

Ich weiß nicht so recht, ob die Türschwelle oder das Wohnzimmer der beste Ort für dieses Gespräch ist. Ich bin aber davon überzeugt, dass die dann angesprochenen selbstbewussten Katholiken nicht nur über Gott reden werden. Sie werden gewiss auch die Kirche und ihre Regeln zur Sprache bringen. Die spielen für Flügge aber keine Rolle. Für ihn ist z.B. die Frage, was Männer und Frauen in der Kirche dürfen, eine zu vernachlässigende Kulturfrage, mit der Liberale und Konservative nur ihre Zielgruppen befriedigen wollen, also eine Frage von „Marketing“ (47). Flügge wiederholt hier den schon oft gemachten Versuch, die Gottesfrage von der Kirchenfrage zu trennen. Dabei ist sie nicht zu trennen. Wenn die Kirche konsequent Frauen von den Weiheämtern ausschließt, verkündet sie zugleich auch einen Gott, der die schon im Schöpfungsbericht bezeugte Gleichheit von Mann und Frau ignoriert.

Kirche kann sich nur erneuern, wenn sie wieder lernt über Gott und Glauben zu reden. Und dieses Gespräch darf keine Einbahnstraße sein. Es kann nur gelingen, wenn jeder als Subjekt des Glaubens respektiert wird.

Ein zweites Ergebnis der Haustürmission würde Flügge überraschen. Für ihn sind Kirchen „Arbeitgeber und Sozialpartner, sie sind Berater und auch Dienstleister, aber eben keine Glaubensgemeinschaft mehr. Übrig ist nur noch ein heiliger Rest.“ (51) Viele Katholiken würden die Unterscheidung von Dienstleistung und Glaubensgemeinschaft gar nicht übernehmen. Ganz im Gegenteil, sie bezahlen ihre Kirchensteuern, weil für sie Kirche zugleich Glaubensgemeinschaft und Dienstleister ist. Sie sind nur oft von der Qualität der Dienstleistungen enttäuscht. Das größte Ansehen hat die Kirche aber vor allem da, wo sie als professionelle Dienstleister wirkt, bei Caritas und Bildung.

Erik Flügge plädiert mit seinem Buch für eine „Kirche für Viele“. Meine Sorge ist, dass die Umsetzung seines Programms genau das Gegenteil bewirken wird. Es werden noch mehr Menschen die Kirche verlassen, wenn diese sich nur noch als Glaubensgemeinschaft definiert und den daraus folgenden Anspruch als Dienstleister für die Gesellschaft und für ihre Mitglieder aufgibt. Genau aus diesem Grund sind viele weiterhin in der Kirche. Bei allen kirchlichen Krisenszenarien ist es ja überraschend, warum nicht noch viel mehr Leute aus der Kirche austreten, obwohl die übergroße Mehrheit ihre Angebote nicht mehr wahrnimmt. Jeder FC-Fan würde seine Jahreskarte zurückgeben, wenn er sie nur einmal im Jahr nutzen würden. Viele Katholiken bleiben in der Kirche, obwohl sie nur das Weihnachtsangebot wahrnehmen. Auf dieser Beobachtung kann und darf Kirche sich nicht ausruhen. Sie kann und darf diese Erkenntnis aber auch nicht ignorieren. Denn sonst wird sie tatsächlich zu einer Kirche des heiligen Rests.

Praxis

Digital Helpers

Der Verein Digital Helpers wurde von vier technologiebegeisterten Studenten in München gegründet. Der Verein verfolgt das Ziel, der digitalen Spaltung in Deutschland entgegenzuwirken und jedem Menschen den Zugang zu Informations- und Kommunikationsmitteln zu ermöglichen.

Hierbei werden hochwertige, aber von Unternehmen aussortierte Computer an Menschen verteilt, für die es nicht oder nur begrenzt möglich ist, einen Computer zu erwerben.

Sowohl für den Beruf als auch für die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben werden digitale Technologien immer wichtiger. Gleichzeitig ist der Zugang zu Computern stark von sozialen Faktoren abhängig und ungleich verteilt. Verallgemeinernd lässt sich sagen: Der Zugang zu Informations- und Kommunikationstechniken eröffnet bessere soziale und wirtschaftliche Entwicklungschancen.

Digital Helpers möchten einen Beitrag dazu leisten, diese Chancen nicht ungenutzt zu lassen. Durch ihr Projekt helfen sie Bedürftigen dabei, genau diese Informationstechnologien zu nutzen.

Als Verein, der zu 100% ehrenamtlich geführt wird, ist Digital Helpers auf Unterstützung angewiesen. Unterstützen kann man die Arbeit zum einen mit Spenden, vor allem aber auch mit ausrangierten EDV-Geräten wie PCs, Laptops, Bildschirme oder Drucker. Dies ist gut zu wissen, gerade auch für soziale Organisationen, die vor einem Update ihrer EDV Infrastruktur stehen!

Weitere Informationen: digitalhelpers.org

 

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