Praxis

“Das neue Evangelium” als digitales Filmerlebnis

Am 17. Dezember 2020 startet der Film “Das neue Evangelium” von Regisseur Milo Rau und mit Politaktivist Yvan Sagnet in der Rolle des Jesus als digitales Filmerlebnis. Dies ist ein bemerkenswertes Projekt auf das wir gerne hinweisen.

Was würde Jesus im 21. Jahrhundert predigen? Wer wären seine Jünger? Diese Frage stellt Regisseur Milo Rau in seinem neuesten Kinofilm “Das neue Evangelium”. Gedreht wurde in der süditalienischen Stadt Matera, in der bereits Pier Paolo Pasolini und Mel Gibson ihre legendären Filme über das Leben Jesus’ gedreht haben. Gemeinsam mit dem Politaktivisten Yvan Sagnet, der Jesus verkörpert, erschafft Milo Rau eine moderne und zugleich biblische Geschichte eines Schwarzen Jesus. Hauptdarsteller Yvan Sagnet stammt aus Kamerun und arbeitete selbst auf einer Tomatenplantage in Apulien, bis er 2011 den bisher größten Streik in der italienischen Landwirtschaft organisierte. Für das Filmprojekt zieht er in seiner Rolle als Jesus in das größte der Flüchtlingslager bei Matera.

Unter den dort Gestrandeten, findet er seine „Jünger“. Allesamt Verzweifelte, die über das Mittelmeer nach Europa gekommen sind, um auf den Tomatenfeldern Süditaliens versklavt zu werden und dort unter unmenschlichen Bedingungen in regelrechten Ghettos hausen. Sie starten die „Revolte der Würde“, gemeinsam mit Kleinbäuerinnen und -bauern der Region, die von großen Agrarunternehmen in den Bankrott getrieben werden, und machen so auf die herrschenden Missstände aufmerksam. Begleitet werden sie stets von der Kamera.

Jetzt sollte der Film ins Kino kommen. Doch die Kinos bleiben auch im Dezember im Rahmen des Lockdowns geschlossen. „Mit ‘Das neue Evangelium’ starten wir einen hochpolitischen Film, der thematisch offenkundig in diese Zeit gehört“, erklärt Jan Krüger vom Filmverleih Port au Prince Pictures. Daher habe man beschlossen auch bei der Herausbringung einen neuen Weg einzuschlagen: Am 17. Dezember startet “Das neue Evangelium” als digitale Kinoauswertung unter Beteiligung der Kinos. Man wolle so einen Beitrag für die von der Coronakrise schwer beeinträchtigte Kultur- und Filmlandschaft leisten, erklärt Krüger weiter. Denn durch die digitale Kinoauswertung können die teilnehmenden Kinos unmittelbar an den Streaming-Umsätzen beteiligt werden.
“Das neue Evangelium” – auf allen Ebenen ein hochpolitischer Jesus-Film, bei dem Dokumentarfilm, Spielfilm, politische Aktionskunst und Passionsspiel mit einander verschmelzen.

DAS NEUE EVANGELIUM startet am 17. Dezember 2020.
Der Vorverkauf ist ab 01. Dezember 2020 möglich.

Online-Kinotickets können unter http://www.dasneueevangelium.de erworben werden. Beim Kauf wählt der Zuschauer direkt sein Kino aus, das am Erlös beteiligt werden soll. Der Film ist nach Bezahlung und anschließender Aktivierung der Ticket-ID 24 Stunden streambar. Neben dem Film steht Bonusmaterial zur Verfügung.

Praxis

Buchrezension: Hubert Wolf, Der Unfehlbare. Pius IX. und die Erfindung des Katholizismus im 19. Jahrhundert.

Hubert Wolf hat sich mittlerweile weit über theologische oder gar kirchenhistorische Kreise einen Namen als Autor gemacht, der wissenschaftlich fundiert schreiben kann, spannende Themen aufgreift und packend erzählt. Genau das gelingt ihm alles in seinem neuen Buch, in dem er die Biographie Pius IX., Giovanni Maria Mastai Ferratis verbindet mit der ganzen Tragik seiner Zeit, den politischen Auseinandersetzungen in Europa, dem Niedergang des Kirchenstaats und dem des doch sehr massiv dagegen gesetzten Dogmas von der Unfehlbarkeit des Papstes. Wolf skizziert eine umstrittene Persönlichkeit, die Pius IX. schon in seiner Zeit war. Vor allem zeigt er die Kontexte seines Lebens und Wirkens auf.

Mastai legt eine doch recht ungewöhnliche Karriere hin. Er, der doch zunächst nicht so recht weiß, was er werden will, entscheidet sich für das geistliche Amt und wird schnell Bischof. Um ihn herum erodieren die Zeitläufe. „Wir haben zu betrachten, wie in den Stürmen der großen Französischen Revolution und den aus ihr hervorgegangenen Kriegen die alte mehr als tausendjährige Gestalt der Kirche von dem Erdboden verschwand…“ zitiert Wolf den Kirchenhistoriker Pius Bonifazius Gams aus dem Jahr 1854. Nicht nur die Gestalt wurde erschüttert, sondern gleichsam die Substanz. Wer hat das Sagen, wer bestimmt, was in der Katholischen Kirche geglaubt und vor allem: gelebt wird? Sind es die Ortskirchen, die auf mehr Eigenständigkeit aus sind? Oder gilt weiterhin der von Augustinus überkommene Grundsatz Roma locuta, causa finita? Wolf skizziert die politischen und gesellschaftlichen Kontexte und Ideen, die damals ihre Wirkung entfalteten: Die Restauration, die Romantik, die Aufklärung, das Staatskirchentum und den Ultramontanismus. Spätestens hier haben der Leser und die Leserin den Eindruck, dass wir es nicht allein mit einem historischen Werk zu tun haben, sondern uns in einer aktuellen Debatte befinden. Die Frage, ob die Kirche zentral oder dezentral gelenkt wird, ist evident wie damals. Denn mit dem Dogma, welches Pius der IX doch als fest gegeben zu verkünden glaubte, ist es so eine Sache. Weil es nie wirklich substantiell akzeptiert und rezipiert wurde, sind die Debatten geblieben und in einer Zeit, in der Globalisierung noch Nationalismus, Revanchismus und Liberalismus, Demokratie und Autokratie um die Vorherrschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts kämpfen, ist die Position Roms und des Zentralismus in der Katholischen Kirche weiterhin fragil, wenn nicht gar angesichts des vorherrschenden Pluralismus (auch in der Kirche selbst, seit Benedikt XVI. die Gültigkeit der lateinischen Messe offiziell anerkannt hat) obsolet.

Mastai wird Papst, gibt sich den Namen Pius IX, und es scheint, mit ihm zieht frischer Wind in die Kirche ein. Das hoffen manche. Andere wiederum wünschen sich klare Worte. Die Situation und um Rom war auch hier nicht anders, als sie gegenwärtig ist. Verschiedene Kräfte kämpfen miteinander, teils um ihre Ideen, teils um ihre Macht. Wenn man Wolf und sein Buch liest, bekommt man den Eindruck, dass Pius IX die Situation mehr und mehr entgleiste, oder aber, dass er der Situation mehr und mehr entrückte, um dann am Ende mit einem Dogma seine Macht zementieren zu wollen in der irrigen Annahme, das Amt des Papstes und die Gestalt der Kirche seien ein und dasselbe. Selbst um das Dogma wird gekämpft, die Gegner, wie wir wissen, unterliegen. Das Konzil wird nie beendet, sondern unterbrochen. Italienische Truppen ziehen in den Kirchenstaat ein und beenden seine Existenz. Im Augenblick der scheinbar höchsten Machtentfaltung eines Pontifex, wird er gleichzeitig ohnmächtig, wie seit Jahrhunderten nicht mehr. Pius IX. alterte zusehends, wird krank und gebrechlich und mutierte zu einem Märtyrer, zu dem ihm die politischen Umstände gemacht haben. Wirkliche Macht hat er da nicht mehr. Und die Kirche? Das Fazit lässt Wolf offen: Ist eine alte Kirche vergangen und eine neue aufgegangen? War der Bruch durch das Dogma so eminent, dass er einen Wendepunkt darstellt? Hier beginnt die Reflektion in die Gegenwart. Insofern ist Wolfs Band, wiewohl ein historischer, ein Zwinkern in die Zukunft, wenn es darum geht, zu klären, für wen die Kirche steht, für sich und ihre eigenen Machtstrukturen oder als Dienerin für alle Menschen.

Hubert Wolf, Der Unfehlbare. Pius IX. und die Erfindung des Katholizismus im 19. Jahrhundert. C.H. Beck, München 2020, 432 Seiten, 28,00 €

Praxis

Buchrezension: Etscheid-Stams, M. et al. (Hrsg.), Gesucht: Die Pfarrei der Zukunft. Der kreative Prozess im Bistum Essen

Ist Pfarrei da draußen?

Wohin entwickelt sich die Pfarrei? Wie viel ist noch in ihr drinnen? Wieviel draußen kommt rein? Ist die Pfarrei der Zukunft ein aufgeblähter Taugenichts oder ein pastoraler Keimling? – Zu solchen Fragen im Kontext dieser Ausgabe der futur2 kam der Redaktion die Anfrage der Besprechung des Buches gerade passend.1 

Das vom Team des Stabsbereichs Strategie und Entwicklung des Bischöflichen Generalvikariats im Bistum Essen und Wissenschaftlern am Zentrums für angewandte Pastoralforschung der Ruhr-Universität Bochum herausgegebene Buch veröffentlicht eine Studie, die die unter dem Titel „Pfarreientwicklungsprozess“ (PEP)2 gemachten Eingaben von 42 Pfarreien des Bistums an den Bischof zu ihrer Zukunftsvision untersucht. 

Die Studie ist eine grundlegende Untersuchung der Selbstauskunft von (parriochal verfasster) Kirche über die Entwicklung ihrer selbst und sucht, zumal in dieser Öffentlichkeit, ihresgleichen. Pastoralen Forschern und strategischen Planern steht dadurch Material zur Verfügung, welches Aussagen darüber ermöglicht, wie die Akteure in den Pfarreien sich verstehen und ausrichten wollen. Die Verantwortlichen im Bistum Essen setzen damit die begrüßenswerte wissenschaftliche Aufbereitung und Begleitung der Diözesanentwicklung fort.3  

Eingangs wird von Markus Potthoff, Leiter der Hauptabteilung Pastoral und Bildung, die Rede von der „Pfarrgemeinde“ mit ihrer inneren Logik, dass die Pfarrei eine Gemeinde am Ort sein soll, als grundlegend überholt bezeichnet: „Pfarreigrenzen (Raumlogik) sind kein Referenzpunkt für die Ausrichtung der Pastoral (Relations- bzw. Soziallogik): Näher betrachtet ist die Pfarrei eine (…) Setzung bzw. Konvention.“4 Im Unterschied zu anderen Diözesen (z.B. Münster5), die ein Verständnis von Pfarrei deklaratorisch setzen, gehen die für die Diözesanentwicklung im Bistum Essen Zuständigen in die Beobachtung: Es wird beobachtet, was die lokale Ebene selber beschreibt und was daran an Entwicklung sichtbar wird. Das induktive Vorgehen ist dann tatsächlich ein kreativer, schöpferischer Prozess.  

Interessant ist, dass die intraorganisationale Oberkategorie am meisten Seiten füllt, also die Darstellung dessen, wie die Pfarreien die innere Organisation bearbeitet. Wofür steht das?

Inwieweit die PEP-Voten als Dokumente eines nur bedingt standardisierten, weil auch sozialen, Prozesses dafür geeignet sind, soll hier nicht im Vordergrund stehen. Aber ein Fragezeichen sei erlaubt, weil das Forschungsdesign rein auf kategoriale Codes im Schlusstext der Voten setzt. Die Auswertung nutzt die Methode der qualitativ orientierten Inhaltsanalyse nach Philipp Mayring6, die „(…) mithilfe der aus dem Studienmaterial selbst generierten Analysekategorien“7 arbeitet. Somit bleibt es bei einer Selbstbeobachtung, aus systemisch-konstruktivistischer Sicht entsteht nichts Neues. Das, was durch die Analyse gehoben wird, wird durch die Analysten selber konstruiert, im schlimmsten Fall ist es sogar interessensgeleitet. Man liest das, was man lesen will. Zudem muss „(…) für die Analyse einer so breiten Materialmenge (…) ein noch sehr hohes Abstraktionsniveau gewählt werden, um das Material übersichtlich, nachvollziehbar und tatsächlich auch zusammenfassend analysieren zu können.“8 Auch eine redaktionskritische und kontextsensible Exegese fehlt.  

Die Darstellung der PEP-Voten in den gewählten 17 Kategorien – gebündelt in spiritueller, pastoraler, liturgischer, intraorganisationaler und interorganisationaler Oberkategorie – nimmt breiten Raum ein.9 Interessant ist, dass die intraorganisationale Oberkategorie am meisten Seiten füllt, also die Darstellung dessen, wie die Pfarreien die innere Organisation bearbeitet. Wofür steht das?  

In einer Zwischenreflexion wird anhand von Prototyping zwischen einem pfarreizentrierten und gemeindezentrierten Modell von lokaler Kirche in den PEP-Voten unterschieden.10 Dieser Teil der Studie berührt die Frage nach der Transformation der Pfarreigestalt unmittelbar, spricht aber an dieser Stelle richtigerweise – keine Empfehlungen aus.  

Auf Grundlage der Auswertung der PEP-Voten folgen eine Reihe von „Perspektiven“: theologische, zeitgeschichtliche, beteiligungsorientierte und umsetzungsorientierte. Die Beiträge reflektieren auf je eigene Weise die PEP-Studie vor dem Hintergrund der Frage nach der Pfarrei der Zukunft. Es sind lesenswerte Tiefenbohrungen, die zum Mitdenken anregen. Besonders die Beiträge von Hans-Joachim Sauer („Keine Angst vor dem Unmöglichen“) und Wolfgang Reuter („Der Pfarreientwicklungsprozess als seelsorgerische Herausforderung“) weiten die Perspektive in Richtung Sendungsauftrag der Kirche; die Beiträge von Thomas Wienhardt („Pfarreien mit Wirkung! Voten stärken durch Qualitätsentwicklung“) und Tobias Meier („PEP-Voten und Community Organizing“) weisen auf humanwissenschaftliche Kompetenzen hin, die die PEP-Voten in ihrer Umsetzung aus dem Binnenraum der kirchlichen Debatte heben 

Themen, wie z.B. die gesellschaftliche Relevanz von Kirche, die Inhalte der Verkündigung und die Veränderung von Führungsrollen in der Pfarrei in Korrespondenz zu Entwicklungen sozialer Entrepreneurschaft, bleiben unterbelichtet.

Eingedenk dessen, dass Themen und Autor*innen der „Perspektiven“ sicher nicht zufällig gesetzt wurden, sondern die Auswahl bestimmten Motiven folgt, lassen sie sich für die Frage nach der Pfarrei der Zukunft so zusammenfassen: 1. Die Pfarrei und ihr (Selbst-)Verständnis war immer in Bewegung. 2. Allein die PEP-Voten machen noch keine Zukunft. Die Idee von Zukunft muss nicht zuletzt theologisch hineingetragten werden. 3. Die PEP-Voten bieten Material für Prozesse der Transformation, aber „handwerklich“ ist damit noch nichts getan. 4. Die PEP-Voten blähen erwartbare Themen wie Jugend und Liturgie auf, ohne dazu substantiell Neues zu sagen. Umgekehrt bleiben Themen unterbelichtet, wie z.B. die gesellschaftliche Relevanz von Kirche, die Inhalte der Verkündigung und die Veränderung von Führungsrollen in der Pfarrei in Korrespondenz zu Entwicklungen sozialer Entrepreneurschaft 

Mit Blick auf die Fragestellung dieser Ausgabe der futur2 nehmen die Analyse der PEP-Voten als auch die „Perspektiven“ wenig Außenperspektive wahr. Die Pfarrei der Zukunft reproduziert sich selbst. Das ist autopoietisch richtig angesetzt. Aber was ist mit dem Impuls zu Musterveränderungen oder Lernen 2. Ordnung? Geschweige denn, dass ein Re-Entry gedanklich formuliert wird. Stattdessen werden durch die „Perspektiven“ vorhandene Linien verlängert. Da wird aus der wohlfahrtsstaatlichen Gemeinwesenarbeit Community Organizing, aus pastoraler Professionalität wird Qualitätsentwicklung, aus dem Leitbild wird eine Strategie. Ist das genug?  

Dass soll kein konzeptioneller Vorwurf am Band sein, war es auch kein Ziel der Veröffentlichung. Die Auftraggeber betonen das wiederholt. Die Erkenntnisse „sind alles andere als Patentlösungen. Sie entspringen der kontingenten Situation eines einzelnen Bistums; doch genau das macht sie so wertvoll: Die Erkenntnisse in diesem Sammelband sind von der Praxis her inspiriert und auf diese hin ausgerichtet.“11 Doch kann (lokale) Kirchenentwicklung sich selber genügen?  

Die Erkenntnisse in diesem Sammelband sind von der Praxis her inspiriert und auf diese hin ausgerichtet.

Die Herausgeber*innen selber stellen am Ende des Bandes sechs Wegmarken als „Lerneffekte“ auf. „Aus der Evaluation und den Beiträgen ergeben sich eine Reihe von Anfragen und Hinweisen, die die Zukunftsgestalt der Pfarrei und ihrer Entwicklungsprozesse betreffen.“12

Für eine Kirche „outside the box“ und am Ende eines Monopols ist dabei die Wegmarke „Ein Identitätsprofil, das inkludiert statt exkludiert“ interessant.13 Gründlich wird die Dilemma-Situation reflektiert, in der lokale Kirchenentwicklung steht: ein (noch) starkes und selbstbewusstes „Innen“ trifft auf ein diffuses, multizentrisches „Außen“. Wohin sollte die Pfarrei angesichts dieses Feldes geführt werden? Darauf, so räumen die Essener ein, haben sie auch keine Antwort. Sie halten sich aber – nicht unbegründet – zugute, dass sie das Thema geöffnet und Angänge zur Bearbeitung gestartet haben.  

Gründlich wird die Dilemma-Situation reflektiert, in der lokale Kirchenentwicklung steht: ein (noch) starkes und selbstbewusstes „Innen“ trifft auf ein diffuses, multizentrisches „Außen“.

Gemäß der Auffassung, dass die Lösung immer im System liegt, nur noch nicht beobachtet/bezeichnet wurde, wäre eine Begegnung der Wegmarken miteinander ein interessanter Schritt: Welche innovative (Wegmarke 5) Wirkung hätte es, wenn auf diözesaner Ebene (Wegmarke 6) und in ökumenischer Zusammenarbeit (Wegmarke 4) in größtmöglicher, inkludierender (Wegmarke 1) Partizipation (Wegmarke 2) die Frage nach der Pfarrei der Zukunft als Frage der „Profession“ (in Anlehnung an Wegmarke 3) von Pfarrei bearbeitet würde? 

Der Band und v.a. die Studie in ihr ist ein respektables zeitgeschichtliches Dokument der Kirchenentwicklung. Zur Pfarrei der Zukunft sagt er weniger als zur Pfarrei der Gegenwart. Die Verantwortlichen im Bistum Essen begehen jedoch genau dadurch nicht den Konstruktionsfehler offener und partizipativer Prozesse, leichtfertig über die gegebene Wirklichkeit hinwegzugehen. Am Ende hätte es gleichwohl mehr Mut geben dürfen, Unterschiede zu benennen. Irritation ist ein starkes Mittel der Unterbrechung, für Reflexion und Veränderung. In aller Wertschätzung für das gegebene Engagement vor Ort klingt aber nur an, wie groß die Veränderung für die Pfarreien auf Zukunft hin (!) sein werden. Wie eigentlich immer in solchen Bänden stehen auch die Beiträge aus der Bistumsleitung – Bischof und Hauptabteilungsleitung – zu Beginn, nicht am Ende der Erkenntniskette.  

Der Band und v.a. die Studie in ihr ist ein respektables zeitgeschichtliches Dokument der Kirchenentwicklung.

Im September 2021 wird es eine ursprünglich für März 2020 (Corona) geplante Veranstaltung über die „Transformation der Pfarrei“ geben.14 Die kritischen Töne am hier vorgestellten Band im Kontext der Frage dieser Ausgabe der futur2 verblassen deshalb angesichts der Konsistenz, mit der der Prozess im Bistum Essen geführt wird. Man muss den einzelnen Schritt immer im Kontext des gesamten Weges sehen. Gleichzeitig sind die PEP-Voten im Herbst 2021 zwischen vier und sechs Jahre alt. Noch einmal bei diesen anzusetzen wäre ein Rück-Schritt, die angeführten Wegmarken als Führungsimpuls zu nutzen, verspricht mehr. Denn die dann Jetzt-Situation der Pfarrei ist aus heutiger Zeit noch Zukunft. Lasst uns dorthin gehen, schauen, was dabei passiert und entdecken, was dort ist. Vor allem für die Jetzt-Engagierten in den Pfarreien braucht es dabei wohl Passagierscheine wie dieses Buch 

Etscheid-Stams, M./ Szymanowski, B./ Qualbrink, A./ Jürgens, B. (Hrsg.): Gesucht: Die Pfarrei der Zukunft. Der kreative Prozess im Bistum Essen, Freiburg 2020

Praxis

Buchrezension: Ahmad Mansour: Klartext zur Integration. Gegen falsche Toleranz und Panikmache

Ahmad Mansour ist ein deutsch-israelischer Psychologe und Autor. Er lebt seit 2004 in Deutschland und beschäftigt sich mit Projekten und Initiativen gegen Radikalisierung, Unterdrückung im Namen der Ehre und Antisemitismus in der islamischen Gemeinschaft. Mit seinen Büchern und Beiträgen in diversen Zeitungen ist er zu einem viel gefragten Gesprächspartner für das Thema Integration geworden und gilt inzwischen als ausgewiesener Islamismus-Experte. Neben seiner Tätigkeit als Gruppenleiter bei “Heroes”, einem Projekt für Gleichberechtigung, arbeitet er als wissenschaftlicher Mitarbeiter in dem Projekt “ASTIU” (Auseinandersetzung mit Islamismus und Ultranationalismus) und bei der Beratungsstelle Hayat mit, wo er gefährdete Jugendliche und deren Angehörige berät. 2019 erhielt er den Menschenrechtspreis der Gerhart und Renate Baum-Stiftung.

Auch in seinem 2018 erschienen Buch „Klartext zur Integration. Gegen falsche Toleranz und Panikmache“, das aktuell auch als Sonderausgabe bei der Bundeszentrale für politische Bildung zu beziehen ist, setzt er sich mit dem Thema Integration auseinander.

Mansour, selber muslimischer Immigrant, blickt sowohl mit dem Erfahrungshintergrund der eigenen Biographie als auch mit professioneller Analyse auf die Janusköpfigkeit von Integration. Er setzt sich mit der Frage auseinander, wie Integration von Migranten im Spannungsfeld von Toleranz und notwendiger Anpassung gelingen kann. Integration, so Mansour, fordert alle heraus: „Wir müssen uns fragen, was wir von Menschen, die in unser Land kommen, verlangen dürfen – und sie von uns.“

Die Diskussionen in Deutschland, so die Analyse Mansours, seien oft von Vorurteilen und Verallgemeinerungen geprägt. Demzufolge fordert er, dass „wir eine Gesellschaft von Demokraten sein (sollten), die Demokratie, Offenheit, Toleranz und Akzeptanz vermittelt und verteidigt. Grundsätzlich. Immer.“ Er plädiert, „eine Integration zu schaffen, die Unterschiede nicht verurteilt, aber auch nicht zelebriert, sondern Regeln festhält, an die sich alle halten müssen.“

Sein Buch sammelt Geschichten und Portraits von Menschen, die Freiheit und Gleichheit nicht mit ihrem Weltbild in Einklang bringen können oder wollen. Sehr plastisch beleuchtet er soziale Lebenslagen oft junger Menschen, Umstände und Erfahrungen, die Integration massiv erschweren. Mansour sieht Politik und Gesellschaft gleichermaßen in der Pflicht und mahnt zu Offenheit, Sachlichkeit und Gesprächsbereitschaft. Insbesondere Verantwortliche in Sozialarbeit und Verbänden, aber auch Lehrende und Eltern ruft er auf, die Einladung des Grundgesetzes zur Teilhabe zu verbreiten und anzunehmen.

Für Mansour gehört es zur unaufgebbaren Grundlage des Zusammenlebens, die im Grundgesetz festgelegte demokratische Grundordnung anzuerkennen und zu achten. „Wer die freie Art und Weise ablehnt, wie Menschen hier leben, wer Gesetze und Demokratie abwertet, der wird kaum eine Chance haben, hier anzukommen oder akzeptiert zu werden. Und um beides geht es.“

Damit Integration gut gelingen kann, brauchte es politisch kluge Konzepte und gesamtgesellschaftlich wirksame Maßnahmen, die helfen, potenzielle Ängste und Vorbehalte gegenüber der freien Gesellschaft abzubauen.
Er denkt dabei an ein ganzheitliches Maßnahmenbündel, dass Schule, Nachbarschaft und Arbeitswelt umfasst. Ziel müsse es sein, bundesweite Standards eines Integrationsprozesses zu etablieren. „Das zu tun, die passenden, stabilen Brücken zu bauen, um Konfliktpotential zu verringern, ist Kernaufgabe der aufnehmenden Gesellschaft. Über die Brücke zu gehen, um wirklich anzukommen, ist Kernaufgabe der Neuankömmlinge.“
Masour schlägt zehn konkrete Schritte bzw. Maßnahmen für die konkrete Politik vor, die gelingende Integration ermöglichen sollen:

  • Integration ohne politische Ängste angehen
  • Integrationsarbeit standardisieren, evaluieren und professionalisieren
  • Bildungsarbeit und Sozialarbeit reformieren und neu konzipieren
  • Einberufung eines Bundesgipfels zur Vermittlung der Werte des Grundgesetztes
  • Ein Einwanderungsgesetz auf den Weg bringen. Jetzt!
  • Integrationsleistungen belohnen
  • Selbstbewusstes und entschiedenes Auftreten des Staats
  • Aktive Förderung einer Kultur der Inklusion
  • Paten- und Mentorensystem einführen
  • Staatliche Förderung der innerislamischen Debatte.

Diese zehn Maßnahmen werden am Ende des Buches genauer entfaltet und bilden als Fazit gewissermaßen das Zentrum des Buches. Sie werden im letzten Kapitel ausführlich entfaltet und begründet.
Mansour versteht es, Dinge auf den Punkt zu bringen. Manche Formulierung mag dem ein oder der anderen drastisch erscheinen oder zum Widerspruch herausfordern. Anderes hat man so oder so ähnlich schon öfters gehört. Und doch, unbestreitbar gelingt Integration in Deutschland zurzeit viel zu selten. Im politischen Diskurs stehen sich rechte und linke Lager unversöhnt gegenüber. Mansour gelingt es, ohne Tabus beide Lager kritisch anzufragen. Auf diese Weise gelingt ihm mit seinen Ausführungen und Vorschlägen ein wichtiger und lesenswerter Beitrag für ein drängendes Thema.

Ahmad Mansour:
Klartext zur Integration. Gegen falsche Toleranz und Panikmache,
Frankfurt Am Main 2018

Aktuell auch als preiswerte Sonderausgabe bei der Bundeszentrale für Politische Bildung erschienen:
Ahmad Mansour:
Klartext zur Integration. Gegen falsche Toleranz und Panikmache,
Bonn 2019

Praxis

midi. Neue evangelische Arbeitsstelle für Mission und Profilbildung

EKD, Diakonie und Arbeitsgemeinschaft Missionarische Dienste gründen „Think Tank“, um Menschen heute mit dem Evangelium zu erreichen

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD), die Diakonie Deutschland und die Arbeitsgemeinschaft Missionarische Dienste (AMD)  haben eine neue gemeinsame Arbeitsstelle eingerichtet. Damit soll das evangelische Profil geschärft werden. Im Zentrum des neuen „Think Tanks“ steht die Frage, wie Menschen heute vom Evangelium erreicht werden können. Die Arbeitsstelle wird ihren Schwerpunkt auf Glaubensbildung und Spiritualität legen. Sie wird sich mit ihren Ideen sowohl an die Mitarbeitenden von Kirche und Diakonie richten als auch an evangelische Christen und die Klienten der diakonischen Einrichtungen.

Die Arbeitsstelle mit Sitz beim Evangelischen Werk für Diakonie und Entwicklung in Berlin hat 20 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Ein Kuratorium mit je vier Vertretern der drei beteiligten Institutionen wird die Arbeit von „midi“, der neuen „Evangelischen Arbeitsstelle für missionarische Kirchenentwicklung und diakonische Profilbildung“ steuern.

Mit der Neugründung wird darauf reagiert, dass kirchliche und diakonische Einrichtungen ihre Alltagsarbeit gegenseitig häufig kaum wahrnähmen. Die „midi“-Arbeitsstelle soll die konzeptionelle Zusammenarbeit von Kirche und Diakonie stärken. midi arbeitet an gemeinsamen Zukunftsthemen von Evangelischer Kirche in Deutschland (EKD), Diakonie Deutschland und der Arbeitsgemeinschaft Missionarische Dienste (AMD). Die Arbeitsstelle entwickelt neue Begegnungsräume und Werkzeuge für die Kommunikation des Evangeliums.

Die fachliche Aufsicht und Steuerung liegt bei einem Kuratorium mit Vertreterinnen und Vertretern aus EKD, Diakonie und AMD unter Vorsitz von Dr. Michael Diener, Präses des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbandes und Mitglied im Rat der EKD. Das Kollegium von midi besteht aus elf Referentinnen und Referenten und wird von Direktor Dr. Klaus Douglass geleitet. Der Sitz der Arbeitsstelle ist die Diakonie Deutschland im Evangelischen Werk für Diakonie und Entwicklung e.V. in Berlin.

Weitere Informationen: www.mi-di.de

Praxis

Buchrezension: Bart Sommer, Zusammen leben. Meine Rezepte gegen Kriminalität und Terror

Bart Sommer ist seit 2001 Bürgermeister in der 86000 Einwohner umfassenden belgischen Stadt Mechelen. Die Stadt Mechelen ist weit über Belgien hinaus für ihr Integrationskonzept bekannt geworden, das maßgeblich von Bart Sommers mitentwickelt und beeinflusst wurde. Wie in kaum einer anderen belgischen Stadt gelingt in Mechelen die Integration von Einwanderern und von Geflüchteten, sodass die Stadt inzwischen international als Vorzeigemodell erfolgreich Integrationspolitik gilt.

Die Bundeszentrale für politische Bildung hat unter dem Titel „Bart Sommer: Zusammen leben. Meine Rezepte gegen Kriminalität und Terror“ eine Sonderausgabe des Buches von Bart Sommer herausgegeben, dass im flämischen Original den Titel „Samen leben. Een hoopvolle strategie tegen IS“ trägt. Sommer stellt in diesem Buch die Grundüberlegungen dar, die seinem integrativen Ansatz zugrunde liegen. Er beschreibt, wie er die verschiedensten Milieus an einen Tisch versammelt und mit Ihnen Strategien des Zusammenleben der unterschiedlichen Gruppen entworfen hat. Für dieses Engagement als Bürgermeister wurde ihm 2016 der Preis World Mayor verliehen.

Einerseits ist sein Ansatz davon geprägt, den Rechtsstaat mit einer großen Entschiedenheit durchzusetzen. Videoüberwachung wurde ausgeweitet und der Druck auf Dealer, Hehler und Kleinkriminelle wuchs. Auf Kriminalität und Vandalismus wurde zeitnah reagiert. Viel wesentlicher aber für den Erfolg seiner Strategie waren Investitionen in die Sicherheit und Sauberkeit der Stadt verbunden mit wertschätzender Kommunikation, mit dem Werben für eine gleichberechtigte Teilhabe der Geschlechter und für bürgerschaftlichen Gemeinsinn – all dies nicht selten gegen religiösen oder weltanschaulich motivierten Widerstand. Mit verschiedenen Maßnahmen an Schulen sorgte er z.B. für eine soziale Durchmischung der einzelnen Bevölkerungsgruppen. Auch setzte er sich für strikte Antidiskriminierung und Gleichberechtigung ein.

Das Buch nimmt einen mit in ein hochaktuelles Thema auch der deutschen Gesellschaft. Wie kann Integration in einem Gemeinwesen angesichts pluraler Lebensstile, unterschiedlicher kultureller Prägungen und zahlreicher Nationalitäten gelingen? Sommer zeigt sich in seinen Gedanken als entschiedener Demokrat, der für eine offene und freie Gesellschaft engagiert. Ein weltanschaulich neutraler Staat muss für die Gleichwürdigkeit seiner Bürgerinnen und Bürger eintreten. „Alle Bürger müssen darauf vertrauen können, dass sie ungeachtet ihres Geschlechts, ihrer sexuellen Orientierung und ihrer politischen und religiösen Präferenz gleich behandelt werden.“ (178f)

Das ein Zusammenleben in Diversität nicht einfach aber möglich ist, davon ist Sommer überzeugt. Es kann gelingen, wenn die Menschen im Gemeinwesen ein „Wir“ entwickeln und sich gegenseitig als „Schicksalsgefährten“ betrachten. Dieses gemeinsam „Wir“ kann sich entwickeln , wenn „wir die richtige Einstellung haben, eine des gegenseitigen Respektes voreinander, eine Offenheit des Geistes sowie eine Menge Empathie und Anteilnahme an den anderen unter Berücksichtigung ihrer Gefühle.“ (S. 149)
Die Ausführungen Sommers zeigen, wie konsequent er dies weiterdenkt und in praktisches kommunales Handeln überführt. Genau diesen gegenseitigen Respekt zu vermitteln, dass scheint Sommer über die Laufe der Jahre in Mechelen gelungen zu sein. Sommers Maßnahmen zeigen nachhaltige und überraschende Wirkungen bei Menschen, die sich bisher eher am Rande der Gesellschaft sahen. Sie nehmen ein echtes Interesse an ihrer Situation wahr und spüren, dass der Staat bzw. die Kommune ihre Lebenssituation nachhaltig verbessert. So überrascht es am Ende nicht, dass, anders als in anderen belgischen Städten, bisher keine Bewohner Mechelens bekannt sind, die sich dem IS angeschlossen haben.

Für christlich Interessierte Leserinnen und Leser sind die Ausführungen Sommers zum Verhältnis Staat und Religion besonders interessant. Sommer, der christlich geprägt aufgewachsen ist, bezeichnet sich selber als Atheist. Er steht für eine strikte Trennung von Staat und Religion und sieht den Staat als Garant der Grundwerte. Damit eine Gesellschaft funktioniert, so Sommer, braucht es „Toleranz, das Akzeptieren der Tatsache, dass Mitbürger eine andere Überzeugung haben. Das bedeutet vor allem, sich von der Idee zu verabschieden, es sei eine Verpflichtung, einem anderen die eigene Meinung aufzuzwingen.“ (S. 163 ) Dies bezieht Sommer nicht nur auf eine radikale, fundamentalistische Form des Islams, sondern ebenso auf Strömungen im Christentum. „Ohne weltanschauliche Toleranz kann eine offene Gesellschaft nicht funktionieren, sind Freiheit und Diversität unmöglich“(S. 164).
Damit stößt er bei den Kirchen eine zentrale Fragen an. Wie kann es gelingen, Teil der modernen Gesellschaft zu sein, und dennoch dem Sendungsauftrag Jesu gerecht zu werden. Schon vor Jahren sprachen die französischen Bischöfe davon, dass es heutige Aufgabe von Kirche sei, den Glauben in der Gesellschaft vorzuschlagen (Proposer la foi) bzw. anzubieten. Zu lernen, dass die Kirche nur ein „Anbieter“ auf dem modernen Markt der Religionen und der Sinnsuche ist, das ist nach wie vor eine noch nicht bewältigte Aufgabe für die Kirchen.

 

Bart Sommer:
Zusammen leben. Meine Rezepte gegen Kriminalität und Terror.
Sonderausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung,
Bonn 2018.

Praxis

Buchrezension: Katholische Kirchengemeinde Maria Geburt (Hg.): voll Gott

Katholische Kirchengemeinde Maria Geburt: Aschaffenburg (Hg): voll Gott, Verlag Schnell und Steiner, Regensburg, 2019

Welche (Wirk-)Macht von Räumen, genauer hin Kirchenräumen, ausgehen kann, das zeigt das so eben erschienenes Buch „voll Gott“, das die katholische Kirchengemeinde Maria Geburt in Aschaffenburg herausgegeben hat.
Die Mitglieder der Pfarrgemeinde waren aufgerufen zu beschreiben, was sie am Wandel in Maria Geburt am meisten berührt. Das Buch enthält 58 Texte, die von unterschiedlichen Autorinnen und Autoren nach diesem Aufruf beisteuerten. Die Beiträge reichen von kurzen Meditationen bis zu Beschreibungen von Prozessen zur Annäherung an Raum und Liturgie. Das Buch sammelt auf diese Weise unterschiedliche Erfahrungen, die Gemeindemitglieder der Pfarrei Maria Geburt in Aschaffenburg nach der radikalen Neugestaltung des Kirchenraums und einer daraus resultierenden Neuausrichtung der Pastoral gemacht haben.
In den Beiträgen wird spürbar und nachvollziehbar, welches Potenzial dem neu gestalteten Kirchenraum innewohnt. Für die Leserinnen und Leser wird schnell klar, dass der Gemeinde mit der Neugestaltung der Kirche Maria Geburt und dem in der Kirche stattfindende Leben etwas Außergewöhnliches gelungen.

Anfang der 90er Jahren stand eine umfassende Renovierung der Kirche Maria Geburt an. Zu dieser Zeit trat Pfarrer Markus Kauth dort seinen Dienst an. Er drängte darauf, dem notwendigen Umbau der Kirche ein künstlerisches Gesamtkonzept zugrunde zu legen. Die Gemeinde nahm Kontakt zu Leo Zogmayer auf, einem österreichischen, nicht kirchlichen Künstler, und trat mit ihm in einen inspirierenden Dialog von Theologie und Kunst ein.
Die aus diesem Dialogprozess hervorgehenden Planungen waren nicht unumstritten. Auch seitens der Bistumsverwaltung wurde die Konzeption kritisch gesehen. Doch nach längerem hin und her bekam Zogmayer den Auftrag zur Umgestaltung der Kirche. So konnte 1999 nach einer zweijährigen Umbauphase und der völligen Umgestaltung die Kirche neu eröffnet werden.

Die Macht der (Bau)Kunst: Kunst als Auslöserin von Veränderung in Liturgie und Gemeinde

Entstanden ist ein heller, Licht durchfluteter Raum, der sich durch eine klare und stark reduzierte Formensprache auszeichnet. Von der alten Einrichtung blieb am Ende nur die Orgel und ein Kreuzrelief an der Wand. Die entstandene Leere wurde in minimalistischem Stil zeitgenössisch gestaltet. Diese Gestaltung verdankt sich einem völlig neuen, spirituellem Konzept, das den Raum bestens entspricht und neue Möglichkeiten für die liturgische Gestaltung ermöglicht.
Die Idee der „Leere“ als Raumgestaltungsprinzip, ist motiviert von negativ-theologischen Impulsen. In Maria Geburt soll Kunst hinführen zu dem bildlosen, unfassbaren und unbegreiflichen Gott, der Menschen so auch in ihrem im Alltag begegnet. Von Anfang an gehörte das Wechselspiel zwischen Kunst und Liturgie zum pastoralen Konzept.

Bis heute sucht die Gemeinde immer wieder neu nach Wegen, wie die Feier des Gottesdienstes so gestaltet werden kann, dass sie der Qualität des Raumes und des Evangeliums entspricht. So haben die Gottesdienste in Maria Geburt immer wieder stark experimentellen Charakter. Gerade das wird durch die vielen eindrucksvollen Fotografien, die das Buch enthält, ausdrucksstark illustriert. Sie lassen die tiefe Spiritualität und die ganz besondere Ästhetik, die den Raum und das liturgische Geschehen in Maria Geburt prägen, auf kunstvolle Weise sichtbar werden.

Das Buch erzählt von einem ganz eigenen Weg der Kirchenentwicklung, den die Gemeinde von Maria Geburt eingeschlagen hat.

Bis heute polarisiert der neu gestaltete Raum und die liturgischen Feiern, die in Maria Geburt stattfinden. Zeigen sich die einen hell auf begeistert, sind andere eher distanziert oder gar ablehnend. Auch das ein Beleg dafür, welche Kraft Kirchenräumen zu eigen sein kann.

Das Buch erzählt von einem ganz eigenen Weg der Kirchenentwicklung, den die Gemeinde von Maria Geburt eingeschlagen hat. Nur an wenigen anderen Ort in Deutschland wird Kunst so konsequent als Auslöserin von Veränderung in Liturgie und Gemeinde genutzt, wie in Maria Geburt. Das Buch macht deutlich, wie Kirche im städtischen Raum in einem modernen Milieu vor allem für spirituell Suchende als sogenannte Personalgemeinde neu Relevanz entfalten kann. Schon deshalb ist die Lektüre überaus anregend und lohnend.

Praxis

Buchrezension: Stefan Kiechle SJ: Achtsam und wirksam. Führen aus dem Geist der Jesuiten.

1.

Wie gelingt Führung? Dazu gibt es kaum zählbare und vor allem immer wieder neue Experten, Literatur, Workshops und Trainings. Das bedeutet wohl vor allem: Die Frage ist nicht beantwortbar. Zumindest nicht auf den Punkt. Denn gleichwohl gibt es ja gelingende Führung – im Selbsterleben als Führungskraft und als geführte Person.

Die Vehemenz der Präsenz der Frage steht noch für etwas zweites: Gelingende Führung ist ein Anliegen. Einerseits aus Gründen wirtschaftlicher Wertschöpfung: Schlechte Führung ist auf kurz oder lang schlecht für das Unternehmen, die Organisation, das System. Hinzu kommt – allerdings nicht zwangsläufig – das Gespür dafür, dass man mit Führung Einfluss auf andere nimmt, Macht über sie gewinnt. Sowohl positiv (man spricht dann anerkennend von „Mitarbeiterführung“), als auch destruktiv (die Rede ist dann vom „Machtmissbrauch“).

2.

Gelingende Führung bewegt sich also auf einem schmalen Grad. Doch dieses Bild spricht von Gefahr und Risiko. Ein besseres Bild lautet: Führung findet in einem Raum statt. Wer diesen Raum wahrnimmt, durchschreitet, seine Wahrnehmungen unterscheidet und bewusste sowie reflektierte Entscheidungen trifft, bleibt selber auf einem Weg, auf dem er andere mitnehmen, anleiten, führen kann. So ein Mensch entwickelt Kraft – Führungskraft.

Führungskraft braucht also auch eine Führungspersönlichkeit – jemanden, der in Prozess, Raum und Weg geht, aber dabei „in Führung“ auch geschulte Wahrnehmung und klare Entschiedenheit einsetzt.

Führungskräfte erleben sich und erlebt man dabei als Person unterschiedlich: Manchen gelingt das auf Anhieb, andere müssen es erlernen, manche wollen es mehr als dass sie es können, andere probieren und probieren, ohne in die Kraft zu kommen. Führungskraft braucht also auch eine Führungspersönlichkeit – jemanden, der in Prozess, Raum und Weg geht, aber dabei „in Führung“ auch geschulte Wahrnehmung und klare Entschiedenheit einsetzt.

Der Jesuit Stefan Kiechle ist innerhalb seines Ordens eine solche Führungspersönlichkeit und hatte genug Gelegenheit, diese in Kraft zu bringen. Der Blick in seine Ordenslaufbahn spricht dafür, dass man dies schon früh erkannt und zu nutzen gewusst hat. Jetzt, in seiner dritten Berufsphase, legt er mit dem hier vorgestellten Buch eine Führungskonzeption vor, die frühere Bücher zu den Aspekten „sich Entscheiden“ und „Macht ausüben“ weiterführt.

Der zentrale und titelgebende Impuls lautet: Führung muss achtsam und wirksam gestaltet werden. Das sind Prozessworte, die uns etwas über Führungskraft (Wirksamkeit) und Führungspersönlichkeit (Achtsamkeit) sagen können. Das Buch schöpft dabei aus der ignatianischen Spiritualität – einer Prozessspiritualität –, der Geschichte des Jesuitenordens und den Erfahrung des Autors, die er immer wieder anbietet.

3.

Vorweg stellt Kiechle einige Perspektiven, mit denen auch der Fokus für das Folgende gesetzt wird: Führung ist gut und sie ist ein Gut, was am biblischen Bild des „guten Hirten“ illustriert wird. Hilfreich ist auch die Differenzierung zwischen Leitung („Manager“, technisch-administrative Funktion) und Führung („Leader“, visionär-wertegebende Funktion) – und dem Wissen der alltäglichen Durchmischung von beidem. Vision, Ziel und Mittel sind halt nicht identisch. Indifferenz als Erleben innerer Freiheit gehört für Kiechle deswegen nicht nur zu den Techniken oder Haltungen guter Führung, sondern zu einem Prinzip.

Führung kann etwas Dämonisches sein, muss aber nicht einsam machen; sie betrifft die ganze Person, aber kann den Menschen wachsen und reifen lassen.

Letztgenanntes führt Kiechle dann weiter aus, indem er die Ordnung der Person in den Blick nimmt. In seiner Haltung ganz ignatianisch – gaben- und ordnungsorientiert – und Humanpsychologisch geschult, charakterisiert er eine Führungspersönlichkeit

  • als jemanden, der sich achtsam seinen eigenen Verletzungen stellt, aber auch der eigenen „Täter“-Seite;
  • als jemanden, der die eigene Tiefenstruktur analysiert hat und dysfunktionalen Seiten etwas entgegensetzen kann – die Klarheit, den Hang von Führungspersönlichkeiten zu Narzissmus und Depressivität deutlich zu benennen, ist dabei bemerkenswert, zumal dies nicht Anklagend sondern sehr Einfühlend passiert -;
  • als jemand, der sich helfen lässt und letztlich für sich sorgt.

Führung, so steht es danach vor Augen, kann etwas Dämonisches sein, muss aber nicht einsam machen; sie betrifft die ganze Person, aber kann den Menschen wachsen und reifen lassen.

4.

Kiechle legt sodann wirkungsvolle Arbeitshinweise für eine Führungskraft aus: Vertrauen, Kommunikation, Motivation, Unterscheidung, prozessuales Denken, Zielvorgabe, Mittelbestimmung, Wertorientierung, strategisches Vorgehen und Netzwerkarbeit. Dies geschieht umfangreich und inhaltlich ein wenig erwartbar, doch nie im Sinne eines plumpen Ratgebers. Denn Kiechle liest sich gut, hat ein feines Gefühl für Bedeutungsinhalte, lotet die geistlich-spirituelle Bedeutung mit aus und die vielen konkreten Beispiele aus der Ordens- und eigenen Führungsgeschichte halten lebendig.

Herausgehoben seien die Hinweise

  • zur Beratung von Führungskräfte (was freilich auch mit dem Autor dieser Zeilen zu tun hat);
  • der Leadership-Reflexion, dass eigene Charisma und den Einsatz für das Schwache nicht der Leitungsfunktion unterzuordnen;
  • der stark formulierte Impuls, eine Führungsaufgabe bewußt anzutreten, in ihr bewußt aufzutreten und schließlich auch bewußt abzutreten.

5.

Die beiden folgenden Kapitel schließen das Buch ab, machen es aber auch „rund“.

Der erste Gedankengang richtet sich auf die „Arbeit in der Nacht“ – ein treffendes Bild für die beschwerlichen Seiten der Führung: Prügel ertragen, kämpfen, Ohnmacht annehmen. Kiechle setzt dem keineswegs platt, sondern im Zutrauen in die Möglichkeit der Reifung des Menschen durch einen (geistlichen) Weg entspringend, den positiven Impuls entgegen, durch diese Momente hindurchzugehen. Das Kreuz zu tragen und an den Tod zu denken ist dabei für manche Leser womöglich zu religiös konotiert, aber Kiechle bleibt hier konsequent ignatianisch. Im Grunde meint das ja auch nur: sich hineingeben, von sich absehen, weiterkommen, ankommen.

Wie jeder Mensch in seiner Lebenswirklichkeit ist auch die Führungskraft dazu aufgerufen, seinen Beitrag an der Errichtung dieser göttlichen Schöpfungsordnung zu tun.

Dem fügt sich der zweite Gedankengang an: die Ausrichtung der (Führungs-)Arbeit auf Gott, als dem „letzten Ding“, vor dem alles (be)stehen muss. Wer an dieser Stelle religiös-moralisches Tüddellü erwartet, liegt falsch. Kiechle setzt Bilder von leichtem, spielenden Vertrauen, dem Dirigat einer Wirklichkeit, die sich dem Schöpfer des Werkes verdankt, ihm Ehre zollt und doch im Augenblick neu und einmalig entsteht um in denen, die zuhören, etwas anzuregen – österlich, also in befreites und von Liebe erfülltes Leben hinein. Wie jeder Mensch in seiner Lebenswirklichkeit ist auch die Führungskraft dazu aufgerufen, seinen Beitrag an der Errichtung dieser göttlichen Schöpfungsordnung zu tun.

6.

Kiechles Buch ist ein Exerzitium, der Aufbau entspricht auch dem Weg der ignatianischen Exerzitien. Was Exerzitien sind? Ein Hinhalten vor den Wirklichkeiten, ein Ausrichten auf das je Größere hin, eine Rüstzeit für den Alltag. Wer sich auf die dahinterliegende christliche Grundhaltung und den davon angestoßenen Prozess einläßt, erhält von Stefan Kiechle wertvolle Hinweise für seine Arbeit an sich als Führungsperson und als Führungskraft. Allen anderen bleibt das Buch, vor allem zum Ende hin, vermutlich fremd.

Das Buch ist in Zeiten des Disputs um den Weg der Kirche im Heute der Zeit auch ein beachtenswertes Statement für eine bestimmte Kirchenkultur.

Doch das ist in den Exerzitien ja genauso: den persönlichkeitsstärkenden Übungen der ersten und zweiten Woche folgt man gern und enthusiastisch, die beiden Wochen der Kreuzesnachfolge und Lebenshingabe verstören mitunter. Diese im Blick auf Führung zu reflektieren (Schwierigkeiten in Führung und Österlichkeit von Führung) ist fremd-, aber auch neuartig. Es liegt am Leser, ob er an dieser Stelle ins Ungefähre abschweift oder Kiechles Gedankenangebote konsequent auf die eigene Praxis überträgt. Das geht vermutlich besser im Austausch mit anderen als im Lesestübchen für sich.

Das Buch ist in Zeiten des Disputs um den Weg der Kirche im Heute der Zeit auch ein beachtenswertes Statement für eine bestimmte Kirchenkultur. Wer dieser Kultur folgt, wird anders über Motive, Rollen, Macht, Eigenanteile und Prozesse denken und handeln – auch innerhalb der Kirche. Dem sei Achtsamkeit und Wirksamkeit gewünscht.

Praxis

Buchrezension: Hermann, Maria / Bils, Sandra (Hg.): Vom Wandern und Wundern

Maria Hermann/ Sandra Bils (Hg.): Vom Wandern und Wundern. Fremdsein und prophetische Ungeduld in der Kirche, Echter Verlag, Würzburg 2017

Maria Hermann lebt und arbeitet als katholische Theologin in Hannover. Für das Bistum Hildesheim verantwortet sie die ökumenische Bewegung Kirche2. Mit bei ihr arbeitet als Referentin bei Kirche2 Sandra Bils, Pastorin der Evangelischen-Lutherischen Landeskirche Hannover. Beide haben für das von ihnen herausgegebene Buchprojekt vom „Wandern und Wundern“ Menschen angesprochen, die sich aus unterschiedlichsten Gründen der Kirche entfremdet haben bzw. Menschen, die sich in vielen Situationen ihrer Kirche fremd fühlen.

Sechszehn Autorinnen und Autoren haben Beiträge für das so entstanden Buchprojekt zur Verfügung gestellt. Entstanden ist eine höchst anregende Sammlung von ebenso persönlichen wie inspirierenden Beiträgen. Es sind keine wissenschaftlichen Abhandlungen zusammengetragen worden, sondern Glaubens- und Lebenszeugnisse von Menschen im Kontext von Kirche. Die Beiträge erzählen viel von Gott, bzw. von der Beziehung die die Autorinnen zu Gott haben und sind in im eigentlichen Wortsinn Theologie also Rede von Gott.

Die Kirche der Zukunft wird nur mit Menschen gefunden werden, die den kirchlichen Binnenraum verlassen; mit Menschen, die bereit sind aufzubrechen und über die Grenzen hinaus zu wandern; mit Menschen, die die Gabe des Wunderns in sich tragen.

Inhaltlich ranken die Beiträge um unterschiedlichste Fremdheitserfahrungen mit und in der Kirche. Dazu gehören und sich doch fremd fühlen. Mitten drin zu sein und sich doch sehr weit weg erleben – Das ist das sind die immer wieder kehrenden Motive, die die Autorinnen und Autoren exemplarisch ins Wort bringen. In manchen Beiträgen wird deutlich, dass sich die Verfasserin bzw. der Verfasser gegenüber Kirche eine kritische Wachheit und Distanz erhalten haben, gewissermaßen einen Blick von außen. Mit einem „fremden Blick“ schauen sie auf das, was sie in und mit Kirche erleben und decken so manches Befremdliche auf. In anderen Beiträgen schildern die Autorinnen und Autoren, wie sie sich von Kirche entfremdet haben bzw. wie fremd sie sich in kirchlichen Bezügen fühlen, die so gar nicht zu ihrem Lebensgefühl passen wollen.

In all diesen Berichten klingt eine tiefe Sehnsucht nach einer Kirche an, die ganz anders ist. Hier kommt zur Sprache, was viele Menschen, die sich von Kirche entfremdet haben, denken und fühlen. Mit jeder Seite des Buches wird deutlicher: Es gibt viele Menschen, denen eine ungeduldige, „heilige Unruhe“ zu eigen ist. Sie ersehnen eine Kirche, die Nähe zu den Menschen glaubwürdig lebt, die in ihren Aktivitäten, Ritualen und ihrer Sprache anschlussfähig wird an das Lebensgefühl der heutigen Zeit und die so wirkliche Relevanz entfaltet. Die Autorinnen und Autoren werden so zu Prophetinnen und Propheten einer Kirche von morgen.

Den beiden Herausgeberinnen ist ein Buch gelungen, dass diese Leserinnen und Leser sensibilisiert für die Landschaft, die Jenseits der aktuellen kirchlichen Denk- und Lebensräume liegt. Die Beiträger machen Lust den kirchlichen Binnenraum zu verlassen und aufzubrechen “an die Ränder”, hin zu den Grenzgebieten, wo Menschen heute um Sinn und Lebensglück ringen.

Die Kirche der Zukunft wird nur mit Menschen gefunden werden, die den kirchlichen Binnenraum verlassen; mit Menschen, die bereit sind aufzubrechen und über die Grenzen hinaus zu wandern; mit Menschen, die die Gabe des Wunderns in sich tragen. Einige dieser Grenzgänger stellt dieses Buch vor. Auf diese Weise ermutigt das lesenswerte Buch auch die Leserin bzw. den Leser selbst zum wandern und wundern.

 

Praxis

Buchrezension: Scharmer, C. Otto / Käufer, Katrin: Von der Zukunft her führen: Von der Egosystem- zur Ökosystem-Wirtschaft

C. Otto Scharmer, Katrin Käufer: Von der Zukunft her führen. Von der Egosystem- zur Ökosystem-Wirtschaft. Theorie U in der Praxis, Heidelberg 2014

Vor allem innerhalb der katholischen Kirche erlebt das Thema Spiritualität eine Renaissance. Immer wieder ist die Rede davon, dass kirchliche Entwicklungsprozesse maßgeblich geistlich gestaltet sein sollen. Dahinter steckt die Erfahrung, dass zahlreiche Änderungsprozesse  eher eine betriebswirtschaftlichen Logik folgten und sich weniger einem geistlichen Entscheidungsprozess verdanken. Nicht selten wurden diese Prozesse stark als Top-Down Prozesse erlebt, die vielfachen Widerstand auf den unterschiedlichsten Ebenen der Bistümer erzeugten.

Doch wie geht geistliches Entscheiden in Gruppen? Und wie lässt es sich in Prozesse integrieren, bei denen es unter anderem darum geht, möglichst viele Menschen an den Entscheidungen teilhaben zu lassen. Denn in den letzten Jahren wird immer deutlicher, dass Partizipation eine der wesentlichsten Voraussetzung einer nachhaltigen  Entwicklung von Kirche darstellt.

Interessanter Weise gibt es innerhalb des betriebswirtschaftlichen Management  ein intensives Nachdenken über ein nachhaltiges Wirtschaften. Allzu deutlich wird, dass unser aktuelles Wirtschaftssystem die Zukunft der Menschheit und den Lebensraum Erde massiv bedrohen. Die  als Theorie U (siehe hierzu auch futur2, Ausgabe 01|2015) und Presencing bekannt gewordene Führungsmethode, stellt notwendige Führungsinstrumente bereit, um den Erfordernissen von Nachhaltigkeit und globaler Verantwortung im Management gerecht werden zu können.

Entwickelt wurde die Theorie U von C. Otto Scharmer, Senior Lecturer am Massachusetts Institute of Technology  (=MIT) und Gründer des Prescencing Instituts in Cambridge.  Interessanter Weise gehören spirituelle Elemente zum Kern dieses Führungskonzepts, dass auch für den kirchlichen Kontext höchst anregend und übertragbar ist.

Mit seiner MIT-Kollegin Katrin Käufer hat Scharmer unter dem Titel „Von der Zukunft her führen. Theorie U in der Praxis“ ein Buch vorgelegt, dass einen Systemwechsel vorschlägt. Statt auf ein „Egosystem-Bewusstsein“, das auf das Eigenwohl konzentriert ist, bauen die Autoren auf ein „Ökosystem-Bewusstsein“, das auf das Wohl aller, auf das Gemeinwohl ausgerichtet ist. Dieser Bewusstseinswandel betrifft nicht nur Individuen, sondern auch Teams, Gruppen und Organisationen bis hin zur Gesellschaft als Ganzes betrifft. In einem solchen Systemwechsel sehen die beiden Autoren eine Möglichkeit den weltweiten, krisenhaften Phänomenen zu begegnen, die die Zukunft der Menschheit bedroht (Finanzkrise, Energiekrise, Klimakatastrophe, Massenarmut, Massenmigration, Fundamentalismus) und zu nachhaltige Veränderungen anzustoßen.

Ein vierphasiges Bewusstseinsmodell dient dem Autorenteam zur Beschreibung mentaler Modelle, die in der Geschichte der Menschheit prägend waren: a) Traditionelles Bewusstsein, b) Egosystem Bewusstsein, c) Stakeholder-Bewusstsein, d) Ökosystem-Bewusstsein. An vielen praktischen Beispielen variert das Autorenteam seine Grundthese, dass sich die Menscheheit in einem gesellschaftlichen Umbruch befindet, der eine neue Bewusstseinsstufe zur Folge haben wird.

Das Buch hilft Führungskräften, Beratern und Entscheidern dabei, Ideen, Experimente und persönliche Praktiken zu entwickeln, die diesen Wandel erleichtern und unterstützen. Ergänzendes Online-Material unterstützt die Umsetzung in den Führungsalltag.

Das von C. Otto Scharmer entwickelte Führung Theorie U hat sich als eine Führungsmethode etabliert, die gerade auch für den kirchlichen Bereich eine hohe Relevanz besitzt. Dabei ist besonders interessant, dass im Konzept Scharmers die Verbindung von „Geist und Materie“ eine zentrale Bedeutung zukommt. Spiritualität wird somit Voraussetzung und Treiber von Veränderung. Ein Ansatz, der gerade auch für Kirche hoch anschlussfähig ist! Es überrascht und erstaunt, dass das, was für manche Bistümer zurzeit eine große Herausforderung darstellt (obwohl es doch eigentlich zu den Kernkompetenzen von Kirche gehört), nämlich Prozesse „geistlich“ zu gestalten, in „profanen“ Organisationsberatungskonzepten schon weit entwickelt ist.

Alles in allem ist dem Autorenteam ein wichtiges und anregendes Buch gelungen. Alle, die auf der Suche nach Führungskonzepten für eine nachhaltige Entwicklung von Kirche und Gesellschaft sind, finden hier wichtige Impulse. Der populärwissenschaftliche Stil des Buches erleichtert den Zugang zu diesem wichtigen Diskussionsbeitrag.

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