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Konzept

Christoph Jacobs

Spirituelle Resilienz in Zeiten kirchlicher Transformation

Wandel ist ein Kerngeschehen und eine traditionsprägende Kernkompetenz in der Geschichte der Kirche. Das zeigt ihre zweitausendjährige Geschichte. Anpassungsfähigkeit, Lernfähigkeit, Innovationspotential und Experimentierfreudigkeit machen ihre Stärke aus. Genau dies wird heute häufig als organisationale Resilienz bezeichnet.

Auch heute befindet sich die Kirche in einem tiefgreifenden Transformationsprozess. Für Europa gilt: Demografischer Wandel, zurückgehende personelle und finanzielle Ressourcen, größere pastorale Räume, veränderte Formen religiöser Sozialisation und ein erheblicher Vertrauensverlust verändern ihre vertraute Gestalt. Die Transformation der Kirche steht wiederum im Kontext ebenso tiefgreifender Krisenprozesse in der gesamten Gesellschaft.

Der kirchliche Transformationsdiskurs fragt zu Recht seit Jahren nach neuen Strukturen, Leitung, Beteiligung, organisationalem Lernen, Innovation und Exnovation (Burkowski, 2022; Dessoy, 2022). Er bleibt jedoch unvollständig, solange nicht grundsätzlich gefragt wird, ob Glaube resilient macht. Ob auch die Kirche als Lebens- und Lernort des Glaubens ein Ort der Resilienz für Menschen sein kann, die auf der Suche sind, Krisen und Wandel zu bewältigen. Zusätzlich ist zu fragen, was Transformation mit den Menschen macht, die Kirche bilden und sich in ihr in der Seelsorge engagieren.

Wandel ist ein Kerngeschehen und eine traditionsprägende Kernkompetenz in der Geschichte der Kirche.

Die Ausgangsthese lautet daher: Die Transformationskraft der Kirche – und ihre Begrenzung – realisiert sich in und für Menschen. Transformation ist nie nur ein strukturelles und organisationales Geschehen. Sie ist eine existentielle und spirituelle Herausforderung für Menschen. Transformation wird von Menschen erlebt, gestaltet, erlitten. Sie sind keine externen Beobachterinnen und Beobachter von Systemen. Es sind vor allem Menschen mit ihren Lebensbedingungen und Glaubensgestalten, die sich in Transformation befinden. Diese Transformation berührt Zugehörigkeit und Identität, Sinnorientierung und Zukunftshoffnung, Selbstwirksamkeit und missionarisches Engagement. Menschen müssen Abschied nehmen von Vertrautem, mit Unsicherheit leben und sich auf eine Zukunft einstellen, deren Gestalt noch nicht erkennbar ist. Transformation ist deshalb immer auch ein psychischer, sozialer und spiritueller Bewältigungsprozess.

Hier setzt die Frage nach Resilienz an. Resilienz meint nicht Unverwundbarkeit und auch nicht die Fähigkeit, Krisen möglichst unberührt zu überstehen – dies ist eher ein populärwissenschaftliches Verständnis, das aus der wörtlichen Übersetzung des Lateinischen hervorgegangen ist (Jacobs & Oel, 2021).

Aus der Perspektive der Humanwissenschaften bezeichnet Resilienz jene dynamischen Prozesse, in denen Menschen angesichts von Belastungen auf innere und äußere Ressourcen zurückgreifen, um ihre Handlungs-, Beziehungs- und Entwicklungsfähigkeit zu erhalten, zu vergrößern oder wiederzugewinnen.

Aus der Perspektive der Humanwissenschaften bezeichnet Resilienz jene dynamischen Prozesse, in denen Menschen angesichts von Belastungen auf innere und äußere Ressourcen zurückgreifen, um ihre Handlungs-, Beziehungs- und Entwicklungsfähigkeit zu erhalten, zu vergrößern oder wiederzugewinnen. Für die gegenwärtige Situation stellt sich deshalb die Frage, welche Bedeutung Spiritualität, Glaube und Religiosität in krisenhaften menschlichen, gesellschaftlichen und kirchlichen Veränderungsprozessen gewinnen können.

Wichtig ist für den Beitrag eine kurze Begriffsklärung von Spiritualität und Religiosität bzw. Glaube. Spiritualität wird gegenwärtig in der Forschung als der weitere Begriff verstanden: als persönliche Sinnorientierung bzw. Beziehung zum Heiligen bzw. Transzendenten. Religiosität/Glaube bezeichnet stärker die Einbindung in ein organisiertes System von Überzeugungen, Praktiken und Symbolen, das die Nähe zum Transzendenten fördert. Empirisch lassen sich beide Konstrukte allerdings nicht immer trennscharf unterscheiden (Schwalm et al., 2022).

Bedeutsam ist: Für kirchlich gebundene Menschen erhält Transformation eine besondere Dynamik. Die Kirche in ihrer Vielgestaltigkeit ist für sie ein Ort, an dem sie ihren Glauben leben und ihr Leben deuten. Sie erfahren dort Kraft, Sinn und Zugehörigkeit. Kirche ist für sie ein Erfahrungsraum für gelebte Spiritualität. Transformation berührt damit gerade jene Ressourcen, die bei der Bewältigung von Krisen helfen können. Die Institution, die Ressourcen zur Bewältigung von Krise, Unsicherheit und Verlust bereitstellt, ist selbst von Krise, Unsicherheit und Verlust betroffen. Kirchliche Transformation ist deshalb auch eine Herausforderung zur spirituellen Transformation.

Dieser Beitrag fokussiert auf der Basis grundsätzlicher Überlegungen zur Resilienz in Krisenzeiten explizit auf Resilienz im Transformationsprozess der Kirche. Drei Fragen prägen den Beitrag:

  1. Welche psychischen, sozialen und spirituellen Ressourcen kann der Glaube aktivieren?
  2. Wie kann Kirche Räume schaffen, in denen diese gestärkt werden?
  3. Wie muss die Kirche sich selbst verändern, damit sie Resilienz nicht nur fordert, sondern ermöglicht?

    Resilienz darf nicht dazu dienen, Menschen an belastende Verhältnisse anzupassen. Resilienz wird vielmehr selbst zu einem Qualitätsmaßstab der gesamten kirchlichen Transformation.

Dabei soll von Beginn an ein Postulat gesetzt werden: Resilienz darf nicht dazu dienen, Menschen an belastende Verhältnisse anzupassen. Resilienz wird vielmehr selbst zu einem Qualitätsmaßstab der gesamten kirchlichen Transformation. Die Kirche als ganze muss sich daran messen lassen, ob Menschen durch sie und in ihr handlungs-, beziehungs-, glaubens- und hoffnungsfähig werden. Für Menschen wie für die Kirche als Organisation geht es darum, sich in Krisenszenarien verändern zu können, ohne die eigene spirituelle Mitte zu verlieren.

Resilienz in Zeiten der Transformation

Die aktuelle wissenschaftliche Resilienzforschung versteht unter Resilienz einen dynamischen Anpassungs- und Entwicklungsprozess angesichts von belastenden Bedingungen (Bonanno, Westphal, & Mancini, 2011; Rutter, 2012). Menschen bleiben oder werden handlungsfähig, indem sie auf Ressourcen zurückgreifen, neue erschließen und sich auf veränderte Bedingungen einstellen.

Damit richtet sich der Blick nicht nur auf die Person, sondern auf das Zusammenspiel von Person und Umwelt. Die individuellen Ressourcen der Resilienz (z. B. Selbstwirksamkeit, Emotionsregulation oder Hoffnung) sind bedeutsam. Ob sie allerdings wirksam werden, hängt ebenso von Netzwerken, sozialer Unterstützung und den jeweiligen Lebensbedingungen ab. Resilienz ist deshalb weder ausschließlich persönliche Leistung noch bloßes Ergebnis günstiger Umstände. Sie entsteht relational und kontextabhängig.

In Krisenzeiten ist diese Perspektive besonders wichtig. Menschen leben von tragenden Gewohnheiten – ja, sie lieben tragende Gewohnheiten. Krisen lassen sich als Bruch von Gewohnheiten verstehen, die nicht in angemessener Zeit wieder aufgenommen werden können. Existentielle Veränderungen von individuellen Lebensplänen, Rollen und Strukturen werden dort belastend, wo vertraute Orientierungen verloren gehen, Einflussmöglichkeiten schwinden oder Menschen nicht mehr erkennen können, wie ihre Erfahrungen und ihr Engagement in einer veränderten Welt Bedeutung behalten. Transformation berührt damit zentrale psychische Bedürfnisse nach Orientierung, Zugehörigkeit, Selbstwirksamkeit und Sinn.

Das Bild eines Zurückspringens in den Ausgangszustand (bouncing back) greift zu kurz, wenn sich die Bedingungen dauerhaft verändern.

Resilienz bedeutet in solchen Situationen nicht unbedingt, möglichst schnell wieder Stabilität herzustellen. Das Bild eines Zurückspringens in den Ausgangszustand (bouncing back) greift zu kurz, wenn sich die Bedingungen dauerhaft verändern (Bonanno et al., 2011). Resilienz zeigt sich dann vielmehr darin, in einem dynamischen Prozess unter neuen Bedingungen erneut Orientierung und Handlungsmöglichkeiten zu gewinnen. Sie bezeichnet nicht die Rückkehr zum Früheren, sondern die Fähigkeit zur Anpassung und Entwicklung.

Damit erhält die Resilienz für kirchliche Transformation eine doppelte Bedeutung:

  1. Resilienz fragt danach, was Menschen trägt, wenn Vertrautes brüchig wird.
  2. Resilienz fragt andererseits danach, welche Bedingungen Kirche selbst für Resilienz bereitstellt. Denn Resilienz hängt von Ressourcen in Kontexten ab.

Ein so konzipiertes dynamisches und relationales Resilienzkonzept bewahrt erstens davor, die Bewältigung der Transformation allein den Betroffenen aufzubürden. Zweitens nimmt es ernst, dass Menschen stets Subjekte ihres eigenen Lebens und Glaubens bleiben.

Zur Beantwortung der ersten Frage soll im Folgenden bedacht werden, wie spirituelle Ressourcen auf individueller Ebene ins Spiel kommen: Welche Ressourcen können durch Spiritualität und Glauben aktiviert werden – und wie können sie in kirchlichen Transformationsprozessen wirksam werden?

Was Glaube psychisch bewirken kann

Dass Spiritualität und Religiosität mit Resilienz in Beziehung stehen, ist inzwischen empirisch gut belegt (Foy, Drescher, & Watson, 2011; Schwalm et al., 2022). Die aktuelle systematische Übersicht und Metaanalyse von Schwalm et al. findet über unterschiedliche Populationen hinweg einen moderaten positiven Zusammenhang (r = .40). In ihrer Metaanalyse ist der Zusammenhang mit Resilienz für Spiritualität stärker (r = .46) als für Religiosität (r = .24).

Das spricht gegen die einfache Gleichung „Religion macht resilient“. Entscheidend ist vielmehr, welche vielfältigen Ressourcendimensionen spirituelle und religiöse Praxis tatsächlich erschließen. Wichtig ist: Empirisch sind die Zusammenhänge vorsichtig zu interpretieren. Die meisten Studien sind querschnittlich und heterogen; Kausalaussagen sind daher nicht möglich.

Religion und Spiritualität können in Krisen unterschiedliche Prozesse der Bewältigung miteinander verbinden: Menschen deuten Erfahrungen, regulieren Gefühle, erleben Zugehörigkeit, gewinnen Hoffnung und setzen sich zu dem ins Verhältnis, was ihrer Verfügung entzogen bleibt.

Welche spirituellen und religiösen Ressourcen stehen nun in positiver Beziehung zur Resilienz? Fünf Ressourcendimensionen treten besonders hervor (vgl. hierzu auch: Pargament, 2001):

  1. Eine erste Ressourcendimension des Glaubens umfasst Sinn, Kohärenz und Selbsttranszendenz durch die Erfahrung des Heiligen (Antonovsky, 1987; Baumann, Büssing, Frick, Jacobs, & Weig, 2017). Krisen belasten deshalb, weil Gewohnheiten gebrochen und bisherige Deutungs- und Handlungsmuster fraglich werden. Religiöse Überzeugungen können helfen, Erfahrungen in einen größeren Zusammenhang einzuordnen, Verankerung zu schaffen und veränderte Wirklichkeit in die eigene Lebensgeschichte zu integrieren. Gerade wenn vertraute kirchliche Formen verschwinden, wird die Unterscheidung wichtig zwischen dem, was dem Glauben seine Mitte gibt, und den Formen, in denen diese bisher Ausdruck gefunden hat.
  2. Eng damit verbunden ist Hoffnung in Verbindung mit Selbstwirksamkeit. Hoffnung bedeutet nicht die Erwartung, dass „es schon gut gehen wird“. Sie hält Zukunft offen und ermöglicht Handeln, obwohl der Ausgang unsicher ist. Religiöse Hoffnung kann dabei zwei Erfahrungen verbinden: „Ich kann etwas tun – aber nicht alles hängt von mir ab!“. Das schützt vor Ohnmacht ebenso wie vor der Überforderung, das Gelingen der Transformation selbst garantieren zu müssen (Snyder, 2002).
  3. Daran knüpft eine dritte Ressource an: Vertrauen im Umgang mit Unverfügbarkeit. Transformation konfrontiert mit begrenzter Kontrolle oder gar Kontrollverlust. Entwicklungen lassen sich nicht vollständig planen, Folgen von Entscheidungen nicht sicher vorhersehen. Religiöses Vertrauen kann helfen, diese Grenze anzuerkennen, ohne in Passivität zu geraten: verantwortlich handeln, ohne die Zukunft vollständig herstellen zu müssen.
  4. Glaube kann entscheidend zur Emotionsregulation beitragen. Gebet, Gottesdienst, Klage und Rituale geben Angst, Trauer oder Dankbarkeit Ausdruck und Form. Gerade Transformation braucht nicht nur Strategien für das Neue (das unsicher, ambivalent und angstauslösend sein kann), sondern auch Möglichkeiten, Vergangenes zu würdigen und Verluste zu betrauern.
  5. Schließlich vermittelt Religion in umfassender Weise Beziehung, Gemeinschaft und Zugehörigkeit in einem zeitüberdauernden Kontext. Gemeinschaft kann soziale Unterstützung und soziale Identität bereitstellen. Zugleich eröffnet der Glaube einen Horizont über die eigene Person und die gegenwärtige Situation hinaus. Auch die bestehende Gestalt der Kirche wird damit relativiert: Sie ist nicht selbst der letzte Horizont des Glaubens. Das ist auch eine fundamentaltheologische Grundeinsicht.

Insgesamt gilt: Sinn, Kohärenz und Selbsttranszendenz, Hoffnung und Selbstwirksamkeit, Vertrauen, Emotionsregulation und schließlich Gemeinschaft machen verständlich, warum Glaube in Krisenzeiten resilient wirken kann. Spirituelle Resilienz bedeutet dabei nicht, „mehr zu glauben“. Entscheidend ist, ob Glaube hilft, Wirklichkeit wahrzunehmen, Verluste zu integrieren, Handlungsmöglichkeiten zu entdecken und eine offene Zukunft auszuhalten.

Glaube ist eine mögliche Resilienzressource, aber kein Resilienzversprechen – auch nicht in theologischer und spiritueller Perspektive.

Allerdings können dieselben religiösen Deutungen und Bindungen in Problemkonstellationen auch belasten. Glaube ist eine mögliche Resilienzressource, aber kein Resilienzversprechen – auch nicht in theologischer und spiritueller Perspektive. Auch der Glaube kennt Krise, Zweifel und die Erfahrung der Gottesferne. Darauf wird später einzugehen sein.

Spiritualität und Resilienz bei Seelsorgenden in Zeiten der Transformation: empirisch getragene Einsichten

Die Frage nach spiritueller Resilienz in explizit kirchlichen Transformationsprozessen ist empirisch bislang nur begrenzt untersucht. Hinweise geben jedoch eigene Untersuchungen mit unterschiedlichen Gruppen von Seelsorgenden. Sie untersuchen nicht unmittelbar die Bewältigung kirchlicher Transformation, wohl aber Ressourcen, die dafür bedeutsam sind: Lebenszufriedenheit und psychisches Wohlbefinden, Kohärenzgefühl und Gotteserfahrung im Alltag, verschiedene Resilienzkomponenten, Selbstwirksamkeit, Ambiguitäts- und Unsicherheitstoleranz sowie unterschiedliche Dimensionen von Religiosität und Spiritualität. Sie erlauben keine einfachen Kausalaussagen, zeigen aber, unter welchen Bedingungen Spiritualität zur Ressource werden kann – und wo ihre Grenzen liegen (vgl. zum folgenden: Baumann et al., 2017; Büssing & Jacobs, 2022; Jacobs, 2021, 2022; Jacobs & Büssing, 2022; Jacobs, Pollitt, & Büssing, 2023). Ein Teil dieser Befunde dürfte auch über die untersuchten Gruppen von Seelsorgenden hinaus für religiös engagierte Menschen relevant sein.

Die Befunde sprechen insgesamt gegen ein additives Verständnis spiritueller Resilienz: Zu psychischen Ressourcen kommt nicht einfach noch „Spiritualität“ hinzu. Spirituelle Erfahrung scheint vielmehr integrative Komponente eines Ressourcenverbundes zu sein, der Menschen ermöglicht, Identität, Handlungsfähigkeit und Hoffnung auch unter veränderten Bedingungen aufrechtzuerhalten. Vier Einsichten erscheinen besonders relevant:

Nicht religiöse Aktivität als solche, sondern die Integration von Transzendenz in das Leben scheint entscheidend zu sein. Resilienzrelevant ist die Fähigkeit, den Alltag selbst als Erfahrungsraum von Transzendenz wahrzunehmen.

  1. Entscheidend für Lebensqualität und Engagement der Seelsorgenden ist die Fähigkeit, Gott im Alltag wahrzunehmen. Die alltägliche Erfahrung des Heiligen – so ein zentrales Ergebnis der großen Seelsorgestudie – steht mit Lebensqualität und Engagement in Beziehung. Sie lässt sich als einübungsfähige Erfahrungskompetenz verstehen. Nicht religiöse Aktivität als solche, sondern die Integration von Transzendenz in das Leben scheint entscheidend zu sein. Resilienzrelevant ist die Fähigkeit, den Alltag selbst als Erfahrungsraum von Transzendenz wahrzunehmen. Spirituelle Resilienz lässt sich deshalb als Wahrnehmungs- und Resonanzfähigkeit verstehen: das eigene Leben auch unter veränderten Bedingungen als möglichen Ort der Gotteserfahrung wahrzunehmen. Dazu gehören auch Formen spirituellen Erlebens wie Staunen, Ehrfurcht und Dankbarkeit. Spirituelle Resilienz ist dann nicht zuerst die Fähigkeit, mithilfe des Glaubens Schwierigkeiten abzuwehren. Sie bezeichnet vielmehr eine Weise der Wahrnehmung, auch unter schwierigen Bedingungen für Sinn, Beziehung und Transzendenz ansprechbar zu sein und zu bleiben. Darin lässt sich auch eine Grundbewegung der Glaubenserfahrung des Volkes Gottes in Schrift und Tradition erkennen.

    Spirituelle Resilienz ist keine Einzelressource, sondern Teil eines Ressourcenverbundes.

  2. 2. Spirituelle Resilienz ist keine Einzelressource, sondern Teil eines Ressourcenverbundes. Dies ist ein erneut bestätigtes Ergebnis der Studie mit den jungen Seelsorgenden. Kohärenzgefühl, Selbstwirksamkeit, Resilienz, Ambiguitätstoleranz und spirituelle Erfahrung stehen miteinander in Beziehung. Entscheidend ist nicht, möglichst viele Ressourcen zu „besitzen“, sondern sie situationsgerecht aktivieren und miteinander verbinden zu können.
  3. Gerade bei transformationsrelevanten Ressourcen zeigt sich Entwicklungsbedarf angesichts von Gestaltungsanforderungen. Dies gilt besonders für das Kohärenzgefühl, also die wahrgenommene Kompetenz zur Meisterung des Lebens. Bei der nachwachsenden Generation von Seelsorgenden sind im Vergleich zu älteren Seelsorgenden einige Ressourcen schwächer ausgeprägt. Ob es sich dabei um Kohorten- oder Entwicklungseffekte handelt, lässt sich mit den vorliegenden Querschnittsdaten nicht entscheiden. Auffällig ist insbesondere eine bemerkenswerte Intoleranz gegenüber Unsicherheit und Ambiguität. Dies gilt auch im Vergleich mit der Normalbevölkerung junger Erwachsener. Das ist für Transformation bedeutsam: Sie verlangt, eine noch nicht entschiedene Zukunft auszuhalten, ohne vorschnell Eindeutigkeit herzustellen – und gerade darin lern- und handlungsfähig zu bleiben.
  4. Resilienz ist nicht nur Aufgabe der Person. Spiritualität fördert Engagement, schützt aber nicht automatisch vor Burnout oder belastenden Arbeitsbedingungen. Resilienz braucht deshalb auch Partizipation und Empowerment: Menschen müssen sich als Subjekte und nicht nur als Betroffene von Veränderung erfahren können. Die Befunde sprechen damit gegen eine Spiritualisierung von Resilienz. Auch eine tragfähige Gottesbeziehung macht aus schlechten Arbeitsbedingungen keine guten. Spirituelle Resilienz entsteht im Zusammenspiel von Person, Spiritualität und organisationalen Bedingungen. Damit führt schon die empirische Perspektive von der Frage nach resilienten Menschen zur Frage nach einer resilienten Kirche.

Wenn Glaube nicht trägt

Glaube ist keine Resilienzgarantie. Religionspsychologische Forschung zeigt, dass religiöse Dynamiken Krisen bewältigen, Belastungen aber auch verstärken können. Daher ist es sinnvoll, zwischen positiven und negativen Formen religiöser Belastungs- und Krisenbewältigung zu unterscheiden (Pargament, 2001). Vertrauen, Sinn und Hoffnung können stabilisieren. Vorstellungen von Strafe und Verlassenheit, religiös aufgeladene Schuldgefühle oder konflikthafte Gottesbilder können dagegen Angst und Ohnmacht verstärken. Entscheidend ist deshalb nicht allein, ob Menschen glauben, sondern wie sie glauben und in welchen sozialen und kirchlichen Kontexten ihre Religiosität gelebt und mitgestaltet wird.

Angesichts der gegenwärtigen Transformationssituation erhält die grundsätzliche Doppelgesichtigkeit religiöser Erfahrung eine besondere Bedeutung. Mit der Kirche verändert sich für viele Menschen gerade jener Raum, in dem ihr Glaube Gestalt gewonnen hat. Gemeinden, Gottesdienste, vertraute Personen, Rollen und Orte sind mit biografischen Erfahrungen, Zugehörigkeit und religiöser Identität verbunden. Darin liegt eine besondere Herausforderung für spirituelle Resilienz: Der Transformationsgegenstand ist zugleich Teil des Bewältigungssystems. Was Halt geben kann, gerät selbst in Bewegung.

Spirituelle Resilienz zeigt sich nicht in der Abwesenheit von Zweifel, Klage und Verunsicherung, sondern auch in der Fähigkeit, solche Erfahrungen zuzulassen und zu bearbeiten.

Das kann auch den Glauben verunsichern. Die Forschung zu „religious and spiritual struggles“ beschreibt Zweifel, Konflikte mit Gott oder Entfremdung von der eigenen Glaubensgemeinschaft (Exline et al., 2024). Solche Erfahrungen sind nicht notwendig Ausdruck eines defizitären Glaubens. Spirituelle Resilienz zeigt sich nicht in der Abwesenheit von Zweifel, Klage und Verunsicherung, sondern auch in der Fähigkeit, solche Erfahrungen zuzulassen und zu bearbeiten.

Problematisch wird Religiosität dort, wo sie unbewusst oder bewusst eingesetzt wird, um eine verunsichernde oder aversive Wirklichkeit abzuwehren. Religiöse Gewissheiten können Sicherheit geben, aber auch historisch gewordene oder lebensgeschichtlich lieb gewonnene Formen von Spiritualität und Kirche in belastender Weise mit dem Kern des Glaubens identifizieren. Eine resilienzfördernde Spiritualität müsste dagegen Bindung und Veränderung, Zugehörigkeit und Autonomie, Vertrauen und das Aushalten von Nichtwissen miteinander verbinden.

Negativ konnotiert ist häufig die Erfahrung spiritueller Trockenheit im geistlichen Leben und im seelsorglichen Alltag. Wo Gottes Zuwendung fraglich wird und der Glaube selbst in eine Krise gerät, wird eine wichtige Ressource zeitweise brüchig. Spirituelle Tradition und Forschung zeigen jedoch, dass Phasen geistlicher Trockenheit zum geistlichen Leben gehören (Büssing & Dienberg, 2021). Sie sollten deshalb nicht vorschnell pathologisiert werden. Ihre Bewältigung kann vielmehr zu größerer spiritueller Tiefe und neuem Engagement führen und insofern selbst zum Wachstum spiritueller Resilienz beitragen.

Problematisch können sie werden, wenn solche Erfahrungen nicht zur Sprache kommen dürfen und nicht angemessen begleitet werden.

Entscheidend ist nicht das dauerhafte Verspüren von Gottesnähe, sondern die Fähigkeit, Phasen empfundener Gottesferne spirituell anzunehmen und zu bewältigen.

Entscheidend ist nicht das dauerhafte Verspüren von Gottesnähe, sondern die Fähigkeit, Phasen empfundener Gottesferne spirituell anzunehmen und zu bewältigen. Spirituelle Trockenheit kann so selbst Teil eines geistlichen Transformationsprozesses werden, der Resilienz stärkt.

Allerdings sei noch einmal festgehalten: Resilienz darf nicht zur individuellen Anpassungsleistung deklariert und gar eingefordert werden. Menschen sollen nicht resilienter oder spirituell gefestigter werden, damit sie neue pastorale Konzepte, größere Räume, weniger Personal, Rollenunsicherheit und steigende Belastungen gesundheitlich und spirituell besser ertragen. Auch hier ist daher ein Perspektivenwechsel geboten: Nicht „Wie machen wir Menschen resilient genug, damit sie Transformation aushalten?“, sondern: „Welche Bedingungen braucht kirchliche Transformation, damit Menschen in ihr handlungs-, beziehungs-, glaubens- und hoffnungsfähig bleiben?“. Diese Frage führt über die einzelne Person hinaus: zur Kirche als Resonanz- und Ressourcenraum.

Kirche als Resonanz- und Ressourcenraum

Wenn Resilienz nicht als individuelle Eigenschaft, sondern als Prozess im Zusammenspiel von Person und Umwelt verstanden wird, stellt sich die Frage nach den Bedingungen, unter denen Menschen ihre Ressourcen aktivieren und weiterentwickeln können. Kirche kann Resilienz nicht herstellen. Sie kann aber Räume schaffen, in denen psychische, soziale und spirituelle Ressourcen zugänglich werden. Dafür lässt sich Hartmut Rosas Begriff der Resonanz fruchtbar machen: eine Beziehung zur Welt, in der Menschen sich ansprechen lassen, antworten und dabei selbst verändert werden (Rosa, 2016). Resonanz ist nicht produzierbar, wohl aber können Bedingungen geschaffen werden, die sie ermöglichen oder verhindern. Drei Dimensionen seien hier entfaltet:

  1. Kirche als Raum der Achtsamkeit und des gemeinschaftlichen Hörens: Mit Blick auf das Wachstum von Resilienz muss Kirche an erster Stelle ein Raum wertschätzenden Wahrnehmens und ernstnehmenden Zuhörens sein. Menschen brauchen die Erfahrung, dass ihre Sicht der Veränderungen zählt – auch wenn sie nicht den Erwartungen der Verantwortlichen entspricht. Wer Trauer, Angst oder Widerspruch vorschnell als mangelnde Veränderungsbereitschaft deutet, verschließt solche Resonanzräume. Zuhören würdigt Menschen als Subjekte ihrer eigenen Erfahrung. Das gilt besonders für Verlust und Trauer. Kirche verfügt mit Klage, Erinnerung, Dank, Abschiedsritualen und Segen über eine Sprache, solche Erfahrungen auszudrücken. Wo Vergangenes gewürdigt werden kann, muss sein Ende nicht zur Entwertung der eigenen Geschichte werden.
  2. Kirche als Beziehungsraum und Raum für Partizipation: Resilienz wächst wesentlich in tragfähigen Beziehungen. Zugehörigkeit, soziale Unterstützung und die Erfahrung, mit Unsicherheit nicht allein zu sein, können Menschen stabilisieren. Dazu gehört auch Beteiligung: Wer sich nicht nur als Objekt der Veränderung erlebt, sondern Einfluss nehmen kann, erfährt Selbstwirksamkeit. Ein resilienzfördernder Raum ist ein Raum, in dem Menschen sich als gestaltungskräftig erfahren können, nicht ein Raum, in dem über Köpfe hinweg entschieden wird. Beteiligung dient deshalb nicht lediglich der Akzeptanz bereits geplanter Reformen. Sie stärkt die Erfahrung, mit der eigenen Wahrnehmung und dem eigenen Handeln etwas bewirken zu können. Scheinpartizipation bewirkt Ohnmacht – Ohnmacht schwächt Resilienz.
  3. Kirche als spiritueller Erfahrungsraum: Wenn alltägliche Transzendenzerfahrung eine bedeutsame spirituelle Ressource ist, braucht Transformation Räume, in denen Menschen ihr Leben vor Gott wahrnehmen und deuten können. Gebet und Gottesdienst, Stille und Klage, Dankbarkeit und gemeinschaftliche Deutung eröffnen Möglichkeiten, auch das Unabgeschlossene und Unverfügbare auszuhalten. Kirche wird damit nicht zum religiösen Schutzraum vor Veränderung, sondern zu einem Raum, in dem Veränderung spirituell erfahren und bearbeitet werden kann. Große Räume brauchen Nahräume, die spirituelle Heimat ermöglichen. Sie beseitigen Unsicherheit nicht, können aber helfen, sich der eigenen Mitte zu vergewissern und eine noch offene Zukunft auszuhalten.

    Resonanz, Vertrauen oder Gotteserfahrung sind unverfügbar. Kirche kann sie nicht produzieren, wohl aber Bedingungen ihrer Möglichkeit schaffen.

Diese Räume lassen sich nicht einfach herstellen. Resonanz, Vertrauen oder Gotteserfahrung sind unverfügbar. Kirche kann sie nicht produzieren, wohl aber Bedingungen ihrer Möglichkeit schaffen. Gerade darin liegt ihre Aufgabe in Transformationsprozessen: Räume offenzuhalten, in denen Menschen wahrnehmen und trauern, sich verbinden und beteiligen, glauben und zweifeln, hoffen und Neues erproben können. Damit führt die Frage nach spiritueller Resilienz von der resilienten Person über die Kirche als Erfahrungsraum für resilienzrelevante Ressourcen zur Frage nach einer resilienten Kirche.

Von der resilienten Person zur resilienten Kirche

Organisationale Resilienz meint deshalb nicht, die bisherige Gestalt möglichst lange zu bewahren. Sie zeigt sich in der Fähigkeit, unter veränderten Bedingungen neue Realitäten wahrzunehmen, zu lernen und sich zu verändern.

Selbstsorge ersetzt keine Organisationsentwicklung. Wenn Kirche Resonanz- und Ressourcenraum für Menschen sein will, stellt sich die Frage nach ihrer eigenen Resilienz. Eine Organisation kann unter Veränderungsdruck ihre Handlungsfähigkeit verlieren, sich gegen Irritationen abschotten oder an Lösungen festhalten, die unter früheren Bedingungen erfolgreich waren. Organisationale Resilienz meint deshalb nicht, die bisherige Gestalt möglichst lange zu bewahren. Sie zeigt sich in der Fähigkeit, unter veränderten Bedingungen neue Realitäten wahrzunehmen, zu lernen und sich zu verändern.

Hilfreich ist hier Edgar H. Scheins Verständnis von Organisationskultur (E. H. Schein & P. Schein, 2018). Kultur entsteht wesentlich aus dem gemeinsamen Lernen einer Gruppe. Was sich bei äußeren Herausforderungen und für den inneren Zusammenhalt bewährt, wird mit der Zeit selbstverständlich. Darin liegt Stabilität – aber auch ein Risiko: Gerade erfolgreiche Lösungen der Vergangenheit können zu Lernhindernissen der Gegenwart werden. Das gilt auch für die Kirche. Strukturen, pastorale Angebote, Rollenbilder und Leitungsformen sind Ergebnisse früherer Lernprozesse. Sie sind nicht schon deshalb zukunftsfähig, weil sie einmal erfolgreich waren.

Eine resiliente Kirche braucht deshalb eine Kultur gemeinsamen Lernens. Dazu gehört zunächst, Wirklichkeit wahrzunehmen, bevor sie gedeutet oder bewertet wird. Scheins Konzept der „Humble Inquiry“ beschreibt eine Haltung, die nicht vorschnell zu wissen meint, sondern fragt und zuhört (E. H. Schein, 2013). Wenn eine Praxis des Zuhörens organisational gesichert und kompetent umgesetzt wird, werden unterschiedliche Perspektiven zur Resilienzressource: Leitungspersonen sehen anderes als Mitarbeitende, Ehrenamtliche anderes als Menschen, die sich von Kirche entfernt haben oder ihr vielleicht ganz neu begegnen. Lernfähigkeit setzt voraus, solche Differenzen nicht als Störung, sondern als Erkenntnischance zu begreifen.

Die These lautet hier: Organisationale Lernfähigkeit unter Belastung wird zur strukturellen Entsprechung persönlicher Resilienz: Es gehört zur Transformationskompetenz der Kirche, bisherige Muster zu überprüfen und neue Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln. Dies ist ein Weg gemeinsamen Lernens. Damit erhält die Vorstellung organisationaler Resilienz eine neue Perspektive. Die Resilienz der Kirche zeigt sich nicht darin, möglichst unverändert aus der Transformation hervorzugehen. Sie wird und bleibt resilient, wenn sie sich irritieren lässt, Erfahrungen auswertet und Neues erprobt. Nicht die bisherige Gestalt der Kirche muss stabil bleiben. Resilient muss ihre Fähigkeit zum gemeinsamen Lernen sein.
Gemeinsames Lernen schließt deshalb auch Verlernen ein. Nicht alles, was einmal getragen hat, trägt unter veränderten Bedingungen weiter. Neues braucht Freiräume. Dazu gehört Exnovation: die Bereitschaft, zu unterscheiden, was bewahrt werden muss und was beendet oder losgelassen werden kann (Dessoy & Hahmann, 2024). Ein additives „Immer mehr“ überfordert nicht nur die Organisation, sondern auch die Menschen, die sie tragen.

Doch Kirche muss nicht nur fragen, ob sie sich verändern kann. Mit Blick auf ihre Resilienz muss sie unterscheiden, was veränderbar ist und was ihre Identität trägt. Das führt zur theologischen Frage, welche Hoffnung es ermöglicht, Vertrautes loszulassen, ohne die eigene Mitte zu verlieren. Damit führt organisationale Lernfähigkeit zur geistlichen Unterscheidung – und zur Frage nach österlicher Verwandlungsfähigkeit.

Österliche Verwandlungsfähigkeit

Die Frage nach der Resilienz der Kirche führt über die psychologische und organisationale Perspektive hinaus. Diese kann beschreiben, wie Menschen Krisen bewältigen und Organisationen lernen. Sie kann aber nicht entscheiden, was Kirche in aller Veränderung festhalten und neu in den Blick nehmen muss, um Kirche zu bleiben. Hier wird die theologische Perspektive unverzichtbar. Auch im futur2-Diskurs ist bereits darauf hingewiesen worden, dass kirchliche Transformation nicht in organisationswissenschaftlichen Kategorien aufgeht, sondern einer theologischen Deutung bedarf (Schönemann, 2012).

Nicht jede Veränderung bedroht Identität – und nicht jede Bewahrung ist Ausdruck von Treue.

Christliche Hoffnung bedeutet nicht Bestandsgarantie. Sie verspricht nicht, dass bestimmte kirchliche Formen erhalten bleiben. Strukturen, pastorale Konzepte und Formen kirchlicher Präsenz sind geschichtlich geworden und damit veränderbar. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: „Wie können wir möglichst viel bewahren?“, sondern: „Wie können wir unter veränderten Bedingungen dem Evangelium treu bleiben?“. Nicht jede Veränderung bedroht Identität – und nicht jede Bewahrung ist Ausdruck von Treue.

Im Zentrum des christlichen Glaubens steht eine Bewegung, in der Verlust und Tod nicht das letzte Wort behalten. Allerdings wird das Verlorene nicht einfach wiederhergestellt. Ostern macht Karfreitag nicht ungeschehen. Der Auferstandene ist der Gekreuzigte; die Geschichte des Leidens bleibt gegenwärtig. Darin liegt eine theologische Korrektur des Resilienzbegriffs: Auferstehung bedeutet kein bouncing back, keine Rückkehr in den Zustand vor Karfreitag. Das Bild des Weizenkorns verweist vielmehr auf Verwandlung: Zukunft entsteht durch den Tod hindurch.

Das setzt voraus, Verluste als Verluste anzuerkennen. Kirchliche Ausdrucksformen des Glaubens werden sich verändern, Gemeinden werden sich wandeln, vertraute Orte werden aufgegeben, Rollen enden, institutioneller Einfluss schwindet. Eine spirituell resiliente Kirche sollte dies niemals vorschnell als Chance umdeuten. Dies wird zwar häufig versucht, wirkt aber meistens unglaubwürdig. Was Menschen getragen hat, muss gewürdigt und betrauert werden.

Manches war gut und wird dennoch ohne Ersatz zu Ende gehen.

Manches war gut und wird dennoch ohne Ersatz zu Ende gehen. Zwischen dem Ende des Vertrauten und einer neuen Gestalt liegt jedoch das Noch-nicht. Der Karsamstag kann dafür zur theologischen Chiffre und zum spirituellen Ankerpunkt resilienter Transformation werden: Das Alte trägt nicht mehr, das Neue ist noch nicht deutlich sichtbar. Planung bleibt notwendig, aber sie beseitigt die Ungewissheit nicht. Spirituelle Resilienz bedeutet deshalb auch, Nichtwissen auszuhalten, ohne handlungsunfähig zu werden. Kirche muss wahrnehmen, entscheiden und erproben, obwohl sie ihre zukünftige Gestalt nicht kennt. Hoffnung besteht nicht darin, den guten Ausgang bereits zu kennen und planbar zu machen. Hoffnung ermöglicht Handeln unter Bedingungen der Ungewissheit.

Nicht alles Neue ist zukunftsfähig, weil es neu ist; nicht alles Überlieferte unverzichtbar, weil es vertraut ist.

Damit braucht gemeinsames Lernen geistliche Unterscheidung. Nicht alles Neue ist zukunftsfähig, weil es neu ist; nicht alles Überlieferte unverzichtbar, weil es vertraut ist. Geistliche Unterscheidung fragt danach, was dem Evangelium und dem Leben dient, welche Formen ihren Auftrag weiterhin erfüllen und welche ihre Tragfähigkeit verloren haben. Sie schützt vor der Gleichsetzung von Treue und Unveränderlichkeit ebenso wie vor Veränderung als Selbstzweck.

So eröffnet der Glaube eine Ressource, die über Selbstwirksamkeit und organisationale Lernfähigkeit hinausweist: Gnade bewahrt vor dem Anspruch „Es muss doch – bei guter Planung – gelingen!“. Menschen können verantwortlich handeln, ohne den Erfolg garantieren zu müssen. Auch Kirche wird planen, entscheiden und verändern, ohne ihre Zukunft vollständig herstellen zu können: „Wir können und müssen handeln – aber nicht alles hängt von uns ab!“.

Eine resiliente Kirche wird deshalb nicht versuchen, möglichst unbeschadet aus der Krise hervorzugehen. Eine resiliente Kirche ist eine verwandlungsfähige Kirche: fähig zu lernen und loszulassen, zu trauern und zu hoffen, zu handeln und Nichtwissen auszuhalten, zu bewahren und zu unterscheiden.
Spirituelle Resilienz erhält damit ihre österliche Zuspitzung: Altes darf sterben, damit Zukunft möglich wird.

Hoffnung als Transformationskraft

Spirituelle Resilienz verändert den Blick auf kirchliche Transformation. Die entscheidende Frage lautet nicht, wie Menschen resilient genug werden, um Transformation auszuhalten. Sie lautet: Welche psychischen und spirituellen Ressourcen brauchen Menschen, um in Krisen und in Transformationsprozessen handlungs-, beziehungs-, glaubens- und hoffnungsfähig zu bleiben – und wie muss sich Kirche verändern, damit sie dies ermöglicht?

Kirchliche Transformation kann organisational gelingen und menschlich dennoch scheitern. Sie muss sich deshalb auch daran messen lassen, was sie mit den Menschen macht, die Kirche bilden.

Damit wird Resilienz zu einer kritischen Kategorie von Kirchenentwicklung. Transformation ist nicht schon gelungen, wenn neue Strukturen funktionieren, pastorale Räume neu geordnet und knapper werdende Ressourcen effizienter verteilt sind. So sei noch einmal zugespitzt: Kirchliche Transformation kann organisational gelingen und menschlich dennoch scheitern. Sie muss sich deshalb auch daran messen lassen, was sie mit den Menschen macht, die Kirche bilden.

Glaube kann Ressourcen erschließen, die Menschen in Krisen tragen. Kirche kann Resonanzräume eröffnen, in denen diese Ressourcen zugänglich werden. Sie darf sie jedoch nicht dazu benutzen, Menschen an belastende Verhältnisse anzupassen. Deshalb führt die Frage nach spiritueller Resilienz notwendig von der Person zur Kirche selbst: Sie kann von Menschen keine Resilienz verlangen, die sie als Organisation selbst nicht aufbringt.

Eine resiliente Kirche nimmt Wirklichkeit wahr, lernt und verlernt, trauert und lässt los, erprobt Neues und unterscheidet, was zu ihrer Mitte gehört und was geschichtlich gewordene Formen dieser Mitte sind, die sich verändern können. Resilienz wird so zur Verwandlungskraft.

Hoffnung ermöglicht, angesichts einer offenen Zukunft verantwortlich zu handeln, ohne über sie verfügen zu können.

Hier bewährt sich die besondere Kraft christlicher Hoffnung. Sie garantiert weder den Fortbestand vertrauter Formen noch den Erfolg unserer Transformationsbemühungen. Ihre österliche Logik ist eine andere: Zukunft kann entstehen, ohne dass das Verlorene zurückkehrt. Hoffnung ermöglicht, angesichts einer offenen Zukunft verantwortlich zu handeln, ohne über sie verfügen zu können.

Vielleicht liegt darin die entscheidende spirituelle Ressource für Menschen und Kirche in Zeiten der Transformation: Wir kennen die zukünftige Gestalt der Kirche nicht. Aber Hoffnung muss die Zukunft nicht kennen, um ihr in Vertrauen entgegenzugehen.

Antonovsky, A. (1987). Unraveling the mystery of health: How people manage stress and stay well. San Francisco, CA: Jossey-Bass.
Baumann, K., Büssing, A., Frick, E., Jacobs, C., & Weig, W. (2017). Zwischen Spirit und Stress: Die Seelsorgenden in den deutschen Diözesen. Würzburg: Echter.
Bonanno, G. A., Westphal, M., & Mancini, A. D. (2011). Resilience to loss and potential trauma. Annual Review of Clinical Psychology, 7(1), 511-535.
Burkowski, P. (2022). Transformation der Kirche – einige notwendige Paradigmenwechsel. futur2, 02/2022. Retrieved from https://www.futur2.org/article/transformation-der-kirche-einige-notwendige-paradigmenwechsel/, abgerufen am 31.08.2026
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