Die Freiheit zum Wandel. Ignatianische Indifferenz und die Kunst, sich verändern zu lassen
Die Zeit der Beschleunigten
Es gibt Epochen, die glauben, sie stünden still. Unsere gehört nicht dazu. Kaum ein Begriff beschreibt das Selbstverständnis der Gegenwart so sehr wie der des Wandels. Unternehmen sprechen von Transformation, Universitäten von Innovation, die Politik von großen Reformvorhaben, die Kirchen von Veränderung oder Synodalität. Wer nicht lernfähig ist, gilt als gefährdet. Wer sich nicht verändert, scheint schon verloren zu haben.
Merkwürdigerweise wächst mit der Geschwindigkeit der Veränderungen nicht die Gelassenheit, sondern die Nervosität. Fast jede Reform erzeugt neue Reformen, jede Lösung macht neue Probleme sichtbar, jede Innovation beschleunigt den Ruf nach der nächsten. Der Wandel hat aufgehört, Ausnahme zu sein. Er ist zur Normalität geworden.
Das verändert auch den Menschen. Nicht nur seine Arbeitswelt oder seine Kommunikationsformen. Es verändert seine Art, Wirklichkeit wahrzunehmen. Was gestern noch Orientierung gab, erscheint heute als Vorläufiges. Kaum hat sich eine Gewissheit etabliert, beginnt sie schon wieder zu erodieren. Die Folge ist ein eigentümlicher Widerspruch. Noch nie standen so viele Informationen zur Verfügung, und selten fiel es schwerer, sich ein Urteil zu bilden. Alles scheint gleichzeitig wichtig zu sein. Eben deshalb verliert vieles an Gewicht. Die eigentliche Krise unserer Zeit ist eine Krise der Urteilskraft.
Vielleicht erklärt das die eigentümliche Gereiztheit unserer Zeit. Polarisierung entsteht selten dort, wo Menschen zu viel wissen. Sie entsteht dort, wo Unsicherheit schwer auszuhalten ist. Wer sich seiner Sache nicht mehr sicher sein kann, sucht umso entschiedener nach Eindeutigkeit. Die Welt zerfällt in Lager, Meinungen werden zu Identitäten, und wer widerspricht, erscheint nicht mehr als Gesprächspartner, sondern als Gegner. Die eigentliche Krise unserer Zeit ist deshalb vielleicht weniger eine Krise der Institutionen als eine Krise der Urteilskraft.
Eine alte Tugend für eine neue Welt
Vor mehr als vierhundert Jahren ließ Michel de Montaigne eine Medaille prägen. Auf ihr war eine Waage zu sehen, deren Schalen im Gleichgewicht standen. Daneben sein Wahlspruch: Que sais-je? – Was weiß ich?
Man könnte diesen Satz für die Kapitulation eines Skeptikers halten. Tatsächlich war er das Gegenteil. Montaigne lebte mitten in den französischen Religionskriegen. Überall wurde mit letzter Gewissheit gesprochen, mit theologischer, politischer und moralischer Entschiedenheit. Gerade deshalb misstraute er dem vorschnellen Urteil. Nicht weil es keine Wahrheit gäbe, sondern weil der Mensch sich ihrer selten so sicher sein könne, wie er behaupte.
Es ist bemerkenswert, dass die Waage auf seiner Medaille nicht nach einer Seite ausschlägt. Sie verharrt im Gleichgewicht. Nicht aus Unentschlossenheit, sondern weil sie noch wägt. Vielleicht ist genau das die eigentliche Kunst des Urteilens. Nicht möglichst schnell zu einer Entscheidung zu gelangen, sondern lange genug offen zu bleiben, damit sich die Wirklichkeit zeigen kann.
Unsere Zeit hat für diese Haltung wenig Geduld. Sie verlangt Positionierungen. Sofort. Wer zögert, gerät unter Verdacht. Wer Fragen stellt, gilt leicht als unsicher. Die sozialen Medien haben aus dem Urteil einen Reflex gemacht. Zwischen Wahrnehmung und Bewertung bleibt kaum noch ein Zwischenraum. Dabei entscheidet sich gerade dort die Qualität des Denkens.
Montaigne wusste: Der Mensch sieht nicht einfach die Wirklichkeit. Er sieht sie immer durch sich selbst hindurch. Seine Erfahrungen, Ängste, Hoffnungen und Verletzungen schauen mit. Deshalb beginnt Erkenntnis mit einer Form der Bescheidenheit. Nicht alles, was ich sehe, ist schon die Wirklichkeit. Vielleicht ist es zunächst nur meine Wirklichkeit.
Ignatius‘ Entdeckung
Fast zur gleichen Zeit machte ein anderer Mann eine ähnliche Erfahrung. Nicht in einer Bibliothek, sondern auf einem Krankenbett. Ignatius von Loyola hatte sein bisheriges Leben verloren. Der Offizier, der von Ruhm, Ansehen und höfischer Karriere geträumt hatte, musste erleben, wie innerhalb weniger Stunden sein Lebensentwurf zerbrach. Die Kanonenkugel von Pamplona verletzte nicht nur sein Bein, sie traf seine Identität.
Rückblickend ist erstaunlich, dass Ignatius seine Bekehrung nicht mit einer neuen Überzeugung beschreibt. Nicht eine neue Idee veränderte ihn, sondern eine neue Wahrnehmung. Zum ersten Mal begann er, die Bewegungen seines eigenen Herzens zu beobachten. Warum hinterließen manche Gedanken Leere und andere Frieden? Weshalb versprachen manche Wünsche Erfüllung und führten doch zur Unruhe? Warum war das, was zunächst unerquicklich erschien, oft von größerer Dauer als das unmittelbar Verlockende? Ignatius von Loyola veränderte nicht eine neue Idee, sondern eine neue Wahrnehmung.
Die eigentliche Entdeckung des Ignatius bestand nicht darin, Antworten gefunden zu haben. Er entdeckte den Wahrnehmenden. Damit drehen sich die Fragen um. Er fragt nicht zuerst „Was soll ich tun?“, sondern „Wer ist eigentlich der, der diese Frage stellt?“
Die Freiheit des Dazwischen
Hier beginnt die Eigenart der ignatianischen Indifferenz. Sie ist weder stoische Gelassenheit noch skeptische Zurückhaltung. Vor allem aber ist sie kein Endzustand. Das ist vielleicht das größte Missverständnis, das dem Begriff bis heute anhaftet.
Wer „indifferent“ hört, denkt an einen Menschen, der sich herausnimmt, der nichts mehr will, der über den Dingen steht. Ignatius meint das Gegenteil. Der Indifferente ist nicht einer, der nichts mehr will. Er ist einer, der noch nicht weiß, was er wollen soll, weil er zunächst lernen muss, richtig zu sehen. Indifferenz ist deshalb keine Tugend des Bleibens, sondern eine des Übergangs.
Der Mensch tritt gleichsam einen Schritt zurück, nicht um sich der Wirklichkeit zu entziehen, sondern um ihr näher zu kommen. Er löst sich für einen Augenblick von seinen Vorlieben, seinen Ängsten, seinen Erfolgen und Niederlagen. Nicht weil diese bedeutungslos wären, sondern weil sie sonst verhindern, dass sich etwas Neues zeigen kann.
Vielleicht liegt gerade hier der tiefste Unterschied zwischen geistlicher und moderner Freiheit. Unsere Zeit versteht Freiheit meist als Möglichkeit, aus einer großen Zahl von Optionen zu wählen. Ignatius versteht Freiheit anders. Frei ist nicht der Mensch mit den meisten Möglichkeiten. Frei ist der Mensch, der sich nicht von seinen Möglichkeiten beherrschen lässt. Diese Freiheit entsteht nicht durch Verzicht, sondern durch Ordnung. Sie fragt: Woran bin ich so gebunden, dass ich die Wirklichkeit nicht mehr wahrnehmen kann? Der Indifferente ist nicht einer, der nichts mehr will. Er ist einer, der noch nicht weiß, was er wollen soll.
Damit erhält die Indifferenz eine überraschend aktuelle Bedeutung. Denn vermutlich war der Mensch nie so reich an Möglichkeiten wie heute und zugleich selten so abhängig von ihnen. Die Auswahl wächst, die Freiheit nicht notwendigerweise. Im Gegenteil. Wo alles jederzeit möglich scheint, wird jede Entscheidung zum Verzicht. Gerade deshalb fällt sie schwer.
Ignatius beschreibt dieses Phänomen lange vor der Moderne. Seine inordinati affectus (ungeordneten Anhänglichkeiten) sind weit mehr als moralische Fehlhaltungen. Sie bezeichnen jene inneren Bindungen, die den Menschen daran hindern, das Wirkliche wahrzunehmen. Bemerkenswert ist dabei, dass Ignatius nicht nach der Qualität des Gegenstandes fragt. Fast alles kann zur ungeordneten Anhänglichkeit werden: nicht nur Besitz, auch Armut, nicht nur Erfolg, auch Scheitern, nicht nur Macht, auch das Bedürfnis, machtlos erscheinen zu wollen. Nicht einmal religiöse Überzeugungen sind davor gefeit.
Gerade hier unterscheidet sich die ignatianische Indifferenz von jeder Form geistlicher Askese, die den Menschen lediglich von der Welt lösen möchte. Ignatius interessiert sich nicht für den Rückzug aus der Welt. Er möchte den Menschen innerhalb der Welt freier machen. Die Indifferenz ist deshalb kein Nein zum Leben, sondern ein Ja, das noch offen ist. Ein Ja, das sich nicht vorschnell festlegt, sondern bereit ist, sich überraschen zu lassen.
Die Versuchung der Guten
Vielleicht zeigt sich diese Dynamik heute nirgendwo deutlicher als in den Auseinandersetzungen innerhalb der Kirche. Erstaunlich ist dabei weniger, dass gestritten wird. Das Christentum war nie konfliktfrei. Erstaunlich ist vielmehr, mit welcher Selbstverständlichkeit jede Seite davon ausgeht, bereits zu wissen, wohin der Geist Gottes die Kirche führen müsse.
Die einen sehen die Rettung in der Rückkehr zu überlieferten Formen, die anderen im entschlossenen Aufbruch in eine neue Zukunft. Beide Positionen werden oft mit großer theologischer Ernsthaftigkeit vertreten. Und doch verbindet sie häufig dieselbe Versuchung. Beide wissen schon, was am Ende herauskommen soll. Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Unfreiheit. Ignatius hätte vermutlich weder zuerst nach der konservativen noch nach der progressiven Position gefragt. Er hätte eine andere Frage gestellt: Was bewegt dich eigentlich so sehr, dass du diese Position nicht mehr loslassen kannst?
Diese Frage trifft den Kern. Denn sie richtet sich nicht gegen Überzeugungen, sondern gegen ihre Verabsolutierung. Es ist kein Zufall, dass Ignatius in den Exerzitien niemals damit beginnt, den Willen Gottes zu erklären. Er beginnt mit der Freiheit des Exerzitanten. Solange dieser innerlich gebunden bleibt, wird selbst die beste Einsicht nur die Bestätigung seiner eigenen Wünsche sein. Der Mensch sucht dann nicht mehr Wahrheit, sondern Bestätigung.
Das ist vermutlich eine der größten Versuchungen unserer Zeit. Wir verwechseln Überzeugung mit Identität. Wer meine Meinung kritisiert, scheint mich selbst infrage zu stellen. Deshalb werden Debatten so erbittert geführt. Nicht weil es um Ideen geht, sondern um Personen.
Ignatianische Indifferenz löst diese Identifikation auf. Sie verlangt nicht weniger Leidenschaft. Sie verlangt eine Leidenschaft, die frei genug ist, sich korrigieren zu lassen.
Die Fruchtbarkeit der Freiheit
Es gehört zu den eigentümlichen Missverständnissen unserer Zeit, Kreativität mit Originalität zu verwechseln. Wer Neues hervorbringen will, so meint man, müsse sich möglichst weit vom Alten lösen. Innovation erscheint als bewusster Traditionsbruch. Gerade kirchliche Reformdebatten leiden bisweilen unter dieser Alternative. Entweder bewahrt man oder man erneuert.
Ignatius hätte beide Begriffe vermutlich gemieden. Er spricht weder von Innovation noch von Tradition. Er spricht von der größeren Ehre Gottes. Das wirkt auf den ersten Blick erstaunlich unpraktisch. Tatsächlich verschiebt sich dadurch jedoch die gesamte Perspektive. Denn nun geht es nicht mehr darum, ob etwas alt oder neu ist. Entscheidend wird allein, ob es der größeren Ehre Gottes dient. Ignatianische Indifferenz verlangt eine Leidenschaft, die frei genug ist, sich korrigieren zu lassen.
Damit verliert sowohl das Alte als auch das Neue seinen Eigenwert. Traditionen sind nicht deshalb gut, weil sie alt sind, und Neuerungen nicht deshalb, weil sie neu sind. Beide müssen sich an einer Wirklichkeit messen lassen, die außerhalb ihrer selbst liegt. Das ist ein ungeheuer anspruchsvoller Gedanke, da er beide Seiten „enteignet“. Er nimmt dem Konservativen die Sicherheit, allein im Überlieferten den Willen Gottes erkennen zu können, und dem Progressiven die Gewissheit, dass die Zukunft notwendig recht haben müsse. Beide müssen stattdessen unterscheiden. Vielleicht ist genau darin die eigentliche Zumutung der ignatianischen Spiritualität. Sie macht es niemandem recht. Nicht einmal Ignatius, denn auch seine Einsichten besitzen keinen Selbstzweck. Die Exerzitien wollen den Menschen gerade davor bewahren, sich an geistliche Methoden zu klammern. Selbst die Exerzitien dürfen nicht zum Götzen werden.
Das magis oder die Versuchung des Immer-mehr
Kaum ein Begriff der ignatianischen Spiritualität ist so populär geworden wie das magis – mehr. Gleichzeitig wird kaum einer so häufig missverstanden. Das magis wird heute gern mit Steigerung übersetzt. Mehr Einsatz, Effizienz, Mission, Wachstum. Nicht selten begegnet es sogar in der Sprache kirchlicher Leitungsprozesse als spirituelle Variante des modernen Optimierungsdenkens.
Ignatius denkt allerdings nicht in Kategorien der Steigerung, sondern der Angemessenheit. Das magis fragt niemals „Wie kann ich mehr erreichen?“, sondern „Was entspricht in dieser konkreten Situation mehr dem Willen Gottes?“ Manchmal kann das magis Aufbruch verlangen, ein anderes Mal den Verzicht darauf, manchmal Schweigen, ein anderes Mal das mutige Wort, manchmal geduldiges Warten, ein anderes Mal entschlossenes Handeln. Gerade deshalb setzt das magis die Indifferenz voraus. Nur wer bereits weiß, was das Bessere sein soll, braucht nicht mehr zu unterscheiden. Ignatius dagegen misstraut genau dieser Sicherheit.
Nicht weil Wahrheit beliebig wäre, sondern weil der Mensch sich selbst so leicht täuscht.
Vielleicht besteht die eigentliche Weisheit der Exerzitien darin, dass sie den Menschen nicht lehren, Gottes Willen zu produzieren, sondern ihn zu empfangen. Das verändert den Charakter jeder Entscheidung, die weniger zum Ausdruck meiner Entschlossenheit als meiner Hörfähigkeit wird.
Die Geduld Gottes
Hier berührt die ignatianische Spiritualität einen Punkt, an dem sie dem Zeitgefühl unserer Gegenwart beinahe widerspricht. Unsere Kultur kennt kaum eine Tugend, die geringer geschätzt wird als Geduld. Beschleunigung gilt als Fortschritt, Langsamkeit erscheint verdächtig. Wer zögert, verliert. Wer innehält, wird überholt. Auch die Kirche hat sich diesem Takt nicht vollständig entzogen. Reformen sollen sichtbar sein, Prozesse effizient verlaufen, und Ergebnisse möglichst rasch vorliegen. Selbst geistliche Entwicklungen werden heute nicht selten mit den Kategorien des Projektmanagements beschrieben.
Dabei erzählt die Bibel eine andere Geschichte. Abraham wartet auf den Erben. Mose verbringt Jahrzehnte in der Wüste. David wird gesalbt und muss dennoch lange auf sein Königtum warten. Jesus beginnt sein öffentliches Wirken erst nach dreißig verborgenen Jahren. Die Heilsgeschichte besitzt ein anderes Tempo als die Geschichte menschlicher Projekte. Vielleicht deshalb kennt sie etwas, das modernen Organisationen zunehmend verloren geht: Reife.
Ignatius weiß, dass Entscheidungen wachsen müssen. Sie lassen sich nicht erzwingen. Wie eine Frucht reifen sie von innen. Darum ist Geduld bei ihm keine passive Tugend, sondern eine Form geistlicher Aktivität. Geduld bedeutet, der Wirklichkeit Zeit zu lassen, sich zu zeigen.
Das fällt uns schwer. Nicht zuletzt deshalb, weil wir Veränderung oft mit Machbarkeit verwechseln. Wir möchten Zukunft herstellen. Ignatius dagegen vertraut darauf, dass Zukunft zunächst Geschenk ist.
Die Kunst des gemeinsamen Hörens
Vielleicht erklärt sich von hier aus auch, weshalb Papst Franziskus der Synodalität eine so große Bedeutung beimaß. Sie ist weit mehr als eine neue Form kirchlicher Leitung. Wer sie ausschließlich organisatorisch versteht, wird sie zwangsläufig überschätzen oder enttäuscht von ihr sein. Synodalität ist zunächst eine geistliche Haltung. Die gemeinschaftliche Unterscheidung der Geister beginnt mit der Frage, ob alle Beteiligten bereit sind, ihre bevorzugte Lösung auch wieder loszulassen.
Das griechische Wort syn-hodos bezeichnet einen gemeinsamen Weg. Wege aber entstehen nicht dadurch, dass alle dieselbe Richtung bevorzugen. Sie entstehen dadurch, dass Menschen bereit sind, sich gemeinsam führen zu lassen. Genau darin liegt die Schwierigkeit. Wir neigen dazu, Beratung mit Überzeugungsarbeit zu verwechseln. Man hört einander zu, um die besseren Argumente zu finden. Man diskutiert, um Mehrheiten zu gewinnen. Selbst dort, wo man aufrichtig nach Konsens sucht, bleibt oft unausgesprochen, dass das Ergebnis im Grunde schon feststeht. Man möchte Zustimmung, keine Überraschung.
Ignatius denkt anders. Die gemeinschaftliche Unterscheidung der Geister beginnt nicht mit der Frage, welche Lösung die überzeugendste ist. Sie beginnt mit der Frage, ob alle Beteiligten bereit sind, ihre bevorzugte Lösung auch wieder loszulassen. Das ist ein hoher Anspruch, und doch entscheidet sich genau hier, ob gemeinsames Beraten geistlich wird oder bloß strategisch bleibt. Denn wer bereits weiß, was Gott sagen muss, wird kaum noch wahrnehmen können, was Gott tatsächlich sagt.
Synodalität ist deshalb keine Methode, sondern praktizierte Indifferenz; nicht Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit, sondern Freiheit gegenüber den eigenen Gewissheiten. Gerade darin unterscheidet sie sich von jeder Form demokratischer Willensbildung. Demokratie lebt davon, dass Interessen ausgehandelt werden. Geistliche Unterscheidung lebt davon, dass Interessen verwandelt werden. Das eine ersetzt das andere nicht. Aber beides darf auch nicht verwechselt werden.
Die Zukunft der Freiheit
Vielleicht liegt hierin der eigentliche Beitrag der ignatianischen Spiritualität zu den Dynamiken des Wandels. Unsere Zeit verfügt über eine kaum überschaubare Zahl von Methoden, Veränderung zu organisieren. All diese Ansätze haben ihren Wert. Sie helfen, komplexe Prozesse besser zu verstehen und zu gestalten. Sie beantworten jedoch nur selten die eigentliche Frage: Zu wem wird der Mensch selbst, der Organisationen verändert? Stattdessen gehen sie von der Frage aus: Wie verändern wir Organisationen?
Hier kann Ignatius hilfreich sein. Seine Exerzitien sind keine Anleitung zur Optimierung. Sie wollen auch keine effizienteren Entscheider hervorbringen. Sie möchten einen Menschen formen, der frei genug geworden ist, sich von der Wirklichkeit korrigieren zu lassen. Vielleicht ist dies die anspruchsvollste Form von Freiheit überhaupt. Denn sie verlangt den Mut, nicht nur die Welt infrage zu stellen, sondern immer wieder auch sich selbst.
In diesem Sinn ist die ignatianische Indifferenz weder konservativ noch progressiv. Sie kennt keine Vorliebe für das Alte und keine Faszination für das Neue. Beides kann zum Ort der Wahrheit werden. Beides kann aber auch zur Versuchung werden. Der indifferente Mensch fragt deshalb weder „Was haben wir immer schon getan?“ noch „Was verlangt der Zeitgeist?“ Stattdessen fragt er: „Was verlangt die Wirklichkeit, in der Gott uns heute begegnet?“
Diese Frage schützt vor zwei Versuchungen, die unsere Zeit gleichermaßen prägen: vor dem Aktivismus, der jede Veränderung begrüßt, weil sie Veränderung ist, und vor jener Angst, die jede Veränderung als Verlust erlebt. Beide Haltungen kreisen um dasselbe Zentrum. Um das eigene Bedürfnis nach Sicherheit. Indifferenz dagegen eröffnet einen anderen Horizont.
Sie lebt nicht aus Sicherheit, sondern aus Vertrauen.
Am Ende: Die Waage
Als Montaigne die Waage als sein Symbol wählte, wusste er nicht, dass sie einmal zum Sinnbild einer Epoche werden könnte. Ihre beiden Schalen befinden sich im Gleichgewicht. Sie schlagen nicht aus. Nicht weil nichts auf ihnen läge. Sondern weil das Wägen noch nicht beendet ist. Die ignatianische Indifferenz ist nicht bloß eine Methode der Entscheidungsfindung und kein Instrument des Veränderungsmanagements. Sie ist eine Lebensform.
Vielleicht ist dieses Bild heute aktueller denn je. Wir leben in einer Zeit, die schnelle Urteile belohnt und langes Nachdenken misstrauisch betrachtet. Fast alles fordert eine sofortige Reaktion. Der Zwischenraum zwischen Wahrnehmung und Entscheidung wird immer kleiner.
Ignatius erinnert an diesen Zwischenraum. Er nennt ihn nicht Skepsis, Unentschlossenheit oder Relativismus, sondern Freiheit. Es ist die Freiheit, die eigene Geschichte, die eigenen Wünsche und Überzeugungen für einen Augenblick nicht zum Maß aller Dinge zu machen. Die Freiheit, sich der Wirklichkeit auszusetzen, bevor man über sie verfügt. Die Freiheit, sich überraschen zu lassen.
Vielleicht besteht darin die eigentliche Dynamik des Wandels. Nicht dass wir immer neue Antworten finden, sondern dass wir Menschen werden, die fähig sind, die richtigen Fragen zu stellen. Denn Wandel beginnt nicht dort, wo sich Strukturen verändern. Er beginnt dort, wo der Mensch aufhört, sich selbst zum Mittelpunkt seiner Wahrnehmung zu machen.
Die ignatianische Indifferenz ist nicht bloß eine Methode der Entscheidungsfindung und kein Instrument des Veränderungsmanagements. Sie ist eine Lebensform. Eine Schule der Freiheit. Und vielleicht braucht eine Zeit permanenter Transformation nichts dringender als genau diese innere Freiheit.
