Praxis

Es bleibt alles anders – 10 Jahre futur2

Im Jahr 2011 erschien die erste futur2. Seit zehn Jahren erscheint zweimal jährlich eine neue Ausgabe des Onlinemagazins zu Themen der Strategie und Entwicklung in Kirche und Gesellschaft. Grund zum Feiern, aber auch Gelegenheit, Rückschau zuhalten. Der folgende Beitrag zeichnet wichtige Etappen der rasanten Entwicklungsgeschichte der futur2 nach.

Wie alles begann

Im Jahr 2011 ging die erste Ausgabe der futur2 online. Herausgeber waren Valentin Dessoy, Gundo Lames, Martin Lätzel und Frank Reintgen. Nach intensiven, konzeptionellen Überlegungen gründeten die vier dazu die futur2 GbR. Vision der Gründer war es, eine Onlineplattform zum Themenfeld „Strategie und Entwicklung in Kirche und Gesellschaft“ zu etablieren.

In der Folge erschien die futur2 unter www.futur2.org als Onlinemagazin. In dieser frühen Phase der futur2 wurden die Autorinnen und Autoren primär in den persönlichen Netzwerken und Arbeitskontexten der Herausgeber gefunden. Von Anfang an gab es eine große Bereitschaft bei Autorinnen und Autoren, Beiträge beizusteuern. Eine Ausgabe bestand schon damals jeweils aus einem Mix von konzeptionellen Beiträgen, Praxisreflexionen, methodischen Artikeln und Hinweisen auf neue Publikationen.

Die ersten Jahre erschien futur2 noch in einem sehr schlichten und 08/15-Layout. Dennoch gelang es schnell, viele Leserinnen und Leser zu gewinnen. Anders als heute war die futur2 in dieser Phase nur für Abonnentinnen bzw. Abonnenten zugänglich. Die ersten Strategiekongresse waren eine wichtige Plattform, um auf das neue Onlinemagazin aufmerksam zu machen.

Von der GbR zum e.V.

Es zeigte sich bald, dass das Abo-Modell der Sharing-Kultur des Internets entgegenstand. Auch waren die Herausgeber mit dem selbstgestrickten Layout des Onlinemagazins zunehmend unzufriedener. Zudem zeichnete sich ab, dass gewünschte Funktionalitäten nicht mehr ohne professionelle Unterstützung umzusetzen waren.

Deshalb wurde nach einer neuen Organisationsform gesucht, um einen Relaunch des Magazins zu realisieren. Die GbR wurde aufgelöst, Gundo Lames und Martin Lätzel mussten wegen fehlender zeitlicher Kapazitäten aus der Redaktion ausscheiden. In der Folge wurde auf Initiative von Valentin Dessoy und Frank Reintgen am 5. April 2014 in Köln der Verein „Strategie und Entwicklung in Kirche und Gesellschaft e.V.“ gegründet. Valentin Dessoy (1. Vorsitzender), Barbara Kruse (2. Vorsitzende), Frank Reintgen (Schriftführer) und Ralph Baumgarten (Kassenführer) bildeten den ersten Vorstand des Vereins.

Ziel des neu gegründeten Vereins war es, Menschen, denen die nachhaltige Entwicklung von Kirche und Gesellschaft auf Grundlage des christlichen Menschenbildes ein Anliegen ist, miteinander zu vernetzen. Dazu gibt der Verein die Onlinezeitschrift futur2 heraus und stellt die redaktionelle Betreuung der Seite sicher. Schon bei der Gründung gab es die Hoffnung, dass der Verein über die Herausgabe von futur2 hinaus, durch die Organisation von Kongressen und Fachveranstaltungen, den Dialog über die langfristige, wertorientierte Entwicklung von Gesellschaft und Kirche fördern könnte.

Bei den jährlich stattfindenden Mitgliederversammlungen des Vereins steht deshalb bis heute neben einem satzungsgemäß vorgesehenen formalen Teil der fachliche Austausch und die Möglichkeit zur Vernetzung im Fokus dieser Events.

Relaunch und Markenbildung

Die neue Organisationsform als e.V. ermöglichte es, Stiftungsgelder für den dringend notwendigen Relaunch zu akquirieren. In Kooperation mit der Agentur XIQIT aus Aachen entstand ein neues Logo sowie das markante Design der neuen futur2. Ein schöner Nebeneffekt dieser Kooperation war es, dass Ursula Hahmann, Geschäftsführerin der XIQIT, als Redaktionsmitglied für futur2 gewonnen (und später auch als Mitglied im Vorstand des Vereins eingebunden) werden konnte. Im Frühjahr 2015 erschien die erste Ausgabe von futur2 im neuen Gewand. Mit dem Relaunch endete auch das Abo-Modell von futur2 und die Artikel sind seither kostenfrei für alle lesbar. Die laufenden Kosten für den Betrieb des Onlinemagazins werden nun über die Mitgliedsbeiträge des Vereins finanziert. Auch in der neuen Organisationsform bleibt das Onlinemagazin futur2 ein Herzensprojekt. Die Redaktion wie auch die Autorinnen und Autoren arbeiten seit der ersten Ausgabe ohne Honorare.

Mit dem Relaunch startete die Redaktion auch die Präsenz der futur2 auf Facebook. Ein Twitterkanal, der auf neue Ausgaben und ausgewählte Artikel hinweist, hat sich ebenfalls etabliert. Dass futur2 wahrgenommen wird, zeigen die hohen, stetig wachsenden Klickzahlen. Und immer wieder erreichen die Redaktion Anfragen, einzelne Artikel nachdrucken bzw. an anderer Stelle veröffentlichen zu dürfen. Auch im wissenschaftlichen Betrieb finden die Artikel Beachtung und werden wahrgenommen. Zunehmend gelingt es, profilierte Autorinnen und Autoren dafür zu gewinnen, Beiträge für futur2 beizusteuern und die einzelnen Ausgaben von futur2 werden inzwischen von einem deutlich gewachsenen Redaktionsteam verantwortet.

Verein übernimmt die Trägerschaft für die Strategiekongresse

Von Beginn an gab es eine große Nähe und personelle Überschneidung zwischen den „Macherinnen bzw. Machern“ von futur2 und der Kongressreihe „Strategie und Entwicklung in Kirche und Gesellschaft“. Verschiedene Umstände haben dazu geführt, dass die bisherige Trägerstruktur des Strategiekongresses neu überdacht werden musste:

  • Nach dem letzten Strategiekongress 2019 zeichnete sich ab, dass es einen Wechsel bei den bisherigen Trägern der Kongressreihe geben würde
  • Aus unterschiedlichen Gründen schieden mehrere Personen aus dem Kongressboard aus, also der Gruppe, die bisher die Strategiekongresse organisierte

Nach Prüfung verschiedener Optionen wurde im Board des Strategiekongresses ein Modell favorisiert, bei dem der Verein „Strategie und Entwicklung in Kirche und Gesellschaft e.V.“ zukünftig die Trägerschaft für die Kongressreihe übernimmt. Der Vorstand des Vereins hat nach intensiver Prüfung des Modells im Sommer 2020 beschlossen, künftig die Trägerschaft der Kongressreihe zu übernehmen.

Die Vorbereitungen für den 7. Strategiekongress, der vom 7. bis 8. Dezember 2021 in Bensberg stattfinden wird, läuft auf vollen Touren. Er wird unter dem Thema „Auflösung. Kirche reformieren, unterbrechen, aufhören?“ stehen. Es zeichnet sich ab, dass auch dieser Kongress wie bisher in Kooperation mit anderen Partnern durchgeführt wird. Neben der Thomas Morus Akademie, kairos Coaching, Consulting, Training und dem Bistum Trier konnte auch midi (Evangelische Arbeitsstelle für missionarische Kirchenentwicklung und diakonische Profilbildung) als Veranstalter für den kommenden Kongress gewonnen werden. Durch die Kooperation mit midi bekommt die schon lange gewünschte ökumenische Perspektive der Kongressreihe einen starken Auftrieb.

futur2 wächst – Umbenennung des Vereins

Inzwischen hat der Verein über 100 Mitglieder, die mir ihren Mitgliedsbeiträgen vor allem das Erscheinen des Onlinemagazins ermöglichen. Aber futur2 hat sich in den vergangenen 10 Jahren zu einer Marke entwickelt, die mehr umfasst. So war es folgerichtig, dass sich der Verein“Strategie und Entwicklung in Kirche und Gesellschaft e.V.“ im Oktober 2020 umbenannt hat und nun „futur2 e.V.“ heißt. Der Verein futur2 wird auch weiterhin Menschen vernetzen, die nach Strategien und innovativen Ideen suchen, wie nachhaltige Entwicklung von Kirche und Gesellschaft angestoßen und realisiert werden kann.

Auch weiterhin werden Menschen zusammengebracht, die sich trauen, Kirche und Gesellschaft neu zu denken und die ihre Kompetenzen und Kreativität zur Verfügung zu stellen, um die anstehenden kirchlichen und gesellschaftlichen Transformationsprozesse zu bewältigen. Der Verein futur2 verantwortet mit dem Onlinemagazin und der Kongressreihe zwei starke Formate, die auch künftig wichtige Impulse für eine zukunftsorientierte Kirchenentwicklung im deutschsprachigen Raum setzen werden.

Praxis

Rezension: Benedikt Jürgens/Matthias Sellmann (Hg.): Wer entscheidet, wer was entscheidet?

Das vor kurzem von Benedikt Jürgens und Matthias Sellmann herausgegebene Buch “Wer entscheidet, wer was entscheidet? Zum Reformbedarf kirchlicher Führungspraxis” fällt mitten in eine Zeit schwerster Krise der katholischen Kirche. Nicht zuletzt wird in den vergangenen Jahren zunehmend insbesondere die kirchliche Entscheidungspraxis angefragt. So verstehen Jürgens und Sellmann ihr Buch als Beitrag zum synodalen Weg der deutschen Kirche, der als Reaktion auf die öffentlich gewordenen Missbrauchsverbrechen in der Katholischen Kirche initiiert wurde. Er zielt nicht zuletzt auch auf systemische Veränderung in der Kirche und fragt danach, wie sich kirchliche Strukturen ändern müssen, um künftigen (Macht-)Missbrauch zu verhindern.

Die Kirchenkrise, so die Gewissheit der Herausgeber, ist zugleich eine Führungskrise. Das sei besonders kritisch, weil Reformen epochalen Ausmaßes anstehen. Reformen aber sind Entscheidungen. Wenn die Entscheidungspraxis der Kirche sowohl bei den Kirchenmitgliedern selber als auch im gesellschaftlichen Umfeld unter massivem Legitimierungsdruck steht, gefährdet dies die anstehenden Transformationsprozesse. Die Frage “Wer entscheidet, wer was entscheidet?” wird so zu einer der zentralen Zukunftsfragen der katholischen Kirche.

Die Beiträge in dem von Jürgens und Sellmann herausgegebenen Band gehen zurück auf den Arbeitskreis “Führen und Entscheiden in der Katholischen Kirche” der katholischen-theologischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum, der vom Lehrstuhl für Pastoraltheologie und dem “Zentrum für angewandte Pastoralforschung” (zap) initiiert wurde. Im Arbeitskreis arbeiteten Vertreterinnen bzw. Vertreter unterschiedlicher theologischer Disziplinen interdisziplinär zusammen. 2019 wurden im Arbeitskreis erarbeitete Thesen einem größeren und öffentlichen Publikum vorgestellt. Die überarbeiteten Thesen bilden den Kern des vorliegenden Buches. Aus verschiedenen theologischen Disziplinen wird das kirchliche Führungsthema ausgeleuchtet und die aktuelle kirchliche Entscheidungspraxis kritisch hinterfragt.

Kirchliche Entscheidungspraxis steht … gesellschaftlich unter enormem Legitimierungsdruck.

Die Beiträge zeigen überdeutlich: Das aktuell wirksame kirchliche Führungskonzept und die damit verbundene kirchliche Entscheidungspraxis stecken in der Krise. Die Entscheidungspraxis der katholischen Kirche, wie sie sich heute ausgeprägt hat, steht in doppelter Hinsicht unter Druck. Aus dem Inneren heraus wird mit Verweis auf die biblischen Quellen theologisch kritisch hinterfragt, wie faktisch in Kirche Entscheidungsprozesse laufen. Darüber hinaus weicht kirchliche Entscheidungspraxis stark von allgemein gültigen gesellschaftlichen Standards ab. Kirchliche Entscheidungspraxis steht somit auch gesellschaftlich unter enormem Legitimierungsdruck.

Die Beiträge des Bandes und ihre Lösungsvorschläge kommen vor allem aus der intensiven Reflexion der eigenen kirchlichen Tradition und bezeugen somit eine Innensicht. Die aktuelle, reale kirchliche Entscheidungspraxis wird in Beziehung zum eigenen Anspruch, zu ihrer eigenen Geschichte und ihren eigenen Praktiken gesetzt. Auf diese Weise wird der Reformbedarf aber auch das Reformpotential sichtbar gemacht.

Das Buch ist unterteilt in fünf Kapitel, die jeweils markieren, aus welcher Perspektive der Reformbedarf kirchlicher Führungspraxis untersucht wird:

  1. philosophisch
  2. biblisch theologisch
  3. historisch theologisch
  4. systematisch theologisch
  5. praktisch theologisch

Die im Band präsentierten Antworten und Optionen … weisen … eindringlich darauf hin, wie groß der Reformbedarf bzw. -druck auch im Hinblick auf die kirchliche Entscheidungspraxis ist.

Abgerundet wird der Band durch eine die Beiträge auswertende, praktisch-theologische Reflexion. Auf Grundlage dieser Reflexion entwickeln die Herausgeber eine “Kriteriologie einer praktischen Theologie kirchlichen Entscheidens” und nennen dreizehn Kriterien, an denen sich kirchliches Führen und Entscheiden messen lassen sollte:
  1. Inspirierte Legitimität
  2. Inklusion moderner Wertestandards
  3. Aktives Lernen
  4. Freisetzung neuer Potentiale
  5. Transparenz
  6. Verbindliche und verlässliche Prozesse
  7. Balancierte Symbolizität
  8. Partizipation
  9. Gewaltenteilung und -kontrolle
  10. Strukturell geregelte Selbstbegrenzung
  11. Kollegialität
  12. Ethos und Habitus
  13. Professionalität

Ohne auf alle Beiträge eingehen zu können, sollen im Folgenden einige Beiträge besonders hervorgehoben werden.

  • Katharina Pyschny verdeutlicht an drei ausgewählten biblischen Perikopen des Alten Testaments, welche Ressource von Denkmöglichkeiten und Handlungsoptionen in Führungsfragen alttestamentarische Texte liefern. Das überrascht und irritiert. Das nach wie vor gängige Klischee einer streng-hierarchisch geprägten Kultur bekommt hier wertvolle Ergänzungen. Pyschny stellt fest, dass in den biblischen Texten Führung bleibend angefragt ist und das diskursive Moment wesentlich zum Volk Gottes auf seinem Weg ins verheißene Land dazu gehöre.
  • Georg Essen weist im Rückgriff auf das geschichtswissenschaftliche Konzept “Invention of Tradition” auf eine paradoxe Situation hin. Im 19. Jahrhundert fand, so Essen, im amtlichen Kirchenverständnis ein Traditionsbruch statt, der eine veränderte Kirche hervorgebracht hat, die in ihrer Selbstbeschreibung proklamiert, Hüterin der Tradition zu sein. Im 19. und 20. Jahrhundert habe eine Entwicklung stattgefunden, die die römisch-katholische Kirche normativ, das heißt dogmatisch, rechtlich und ekklesiologisch, in eine Hermetik geführt hat, aus der, so Essen, kein Ausweg mehr möglich sei. Sein Beitrag ernüchtert, weil er die Größe der Herausforderung deutlich macht. Er weist auf, an welcher Stelle systemisch gesehen der Hebel anzusetzen wäre. Substantielle Veränderung sei nur möglich, wenn sich das kirchliche Selbstverständnis radikal ändert, und dieses veränderte Selbstverständnis zu einer veränderten Dogmatik und einem veränderten Kirchenrecht führt.
  • Böntert widmet sich der Liturgie und sieht sie als Brennpunkt von Leitung in der Kirche. Er weist darauf hin, dass bei jeder liturgischen Feier ein Bild von Macht in der Kirche zum Ausdruck gebracht und gleichzeitig normativ proklamiert wird. Er lenkt damit den Blick auf ein Thema, das zu selten im Kontext von Kirchenreform im Blick ist. Die Bedeutung der Liturgie in den Prozessen des Umdenkens und Neuformulierens von Leitung und die Wirkkraft von Ritualen wird oft unterschätzt. An einigen Beispielen weist Böntert nach, wie aktuelle liturgische Vorschriften dazu führen, dass in der  Liturgie ein bestimmtes Kirchenverständnis inszeniert, gestärkt und verfestigt wird.

Es ist eine ebenso kritische wie notwendige Frage, mit der Benedikt Jürgens und Matthias Sellmann das von Ihnen herausgegebene Buch betitelt haben: “Wer entscheidet, wer was entscheidet?”. Die im Band präsentierten Antworten und Optionen sind eindeutig und weisen (nochmals) eindringlich darauf hin, wie groß der Reformbedarf bzw. -druck auch im Hinblick auf die kirchliche Entscheidungspraxis ist. Zudem verdeutlichen die vielen Artikel in ihrer unterschiedlichen Perspektive, welches Potential der Rückgriff auf die biblische Botschaft und die zweitausendjährige Glaubenstradition der Kirche bietet, um Kirche nachhaltig so zu verändern, dass sie ihrer Sendung treu bleiben kann.

Ein Buch, dem man wünscht, dass es gerade auch von denen gelesen wird, die entscheiden, wer was entscheidet!

Benedikt Jürgens/Matthias Sellmann (Hg.): Wer entscheidet, wer was entscheidet? Zum Reformbedarf kirchlicher Führungspraxis, Freiburg 2020

Praxis

Rezension: Monika Kling-Witzenhausen: Was bewegt Suchende?

Monika Kling-Witzenhausen: Was bewegt Suchende? Leutetheologien – empirisch–theologisch untersucht, Stuttgart 2020

Welche Themen bewegen Gläubige, die für existenzielle Grundfragen und Antwortversuche empfänglich sind, und sich in bestimmtem Maße vom kirchengemeindlichen Leben “angezogen” fühlen, dort aber nicht aktiv teilnehmen? Dieser Frage geht Monika Kling-Witzenhausen in einer empirisch-theologischen Untersuchung über Leutetheologien nach, die unter dem Titel “Was Suchende bewegt” veröffentlicht wurde.

Jede und jeder, der bzw. die sich mit Fragen nach Sinn, Gott, Religion etc. auseinandergesetzt und diese reflektiert hat, besitzt eine persönliche Theologie.

Monika Kling-Witzenhausen ist promovierte Theologin und arbeitet als Seelsorgerin in Stuttgart. Grundlegend für ihr Theologieverständnis ist die These, dass “jede und jeder, der bzw. die sich mit Fragen nach Sinn, Gott, Religion etc. auseinandergesetzt und diese reflektiert hat, eine persönliche Theologie besitzt.” (S. 20) Sie greift dabei ein Konzept auf, das Christian Bauer unter dem Begriff “Leutetheologien” in den wissenschaftlichen Diskurs eingeführt hat.

Solche Leutetheologien reifen, entwickeln und bewähren sich im konkreten Alltag eines Menschen. Sie sind stark durch die je eigene Lebensgeschichte geprägt und somit subjektiv bestimmt und konstruiert. So verstanden gibt es nicht die Leutetheologie. Leutetheologien sind plural und vielfältig. Deswegen wird der Terminus Leutetheologien nur im Plural verwendet.

Für Kling-Witzenhausen stellen Leutetheologien und akademischen Theologien verschiedene Diskursarten dar, denen verschiedene Wissensformen zugrunde liegen. Ziel der Arbeit es, Leutetheologien in den Dialog mit wissenschaftlicher Theologie zu bringen und darzulegen, wie sich beide Arten gegenseitig ergänzen und bereichern können, ja müssen.

In fünf Kapiteln präsentiert Kling-Witzenhausen die Ergebnisse ihrer Forschung. Ein erstes, einführendes Kapitel dient vor allem der Klärung zentraler Begriffe und Konzepte, auf die in der Arbeit zurückgegriffen wird, und einer pastoraltheologischen Verortung der Arbeit. Insbesondere wird hier in das Konzept der Leutetheologien eingeführt.

Kling-Witzenhausen entwickelt hier den Gedanken, dass Leutetheologien als eigenständiger und bedeutsamer locus theologicus zu werten sind und als solcher Ort der Gottesoffenbarung unbedingt Aufmerksamkeit der akademischen Theologie bedürfen.

Empirische Grundlage der Untersuchung sind narrative Interviews, die Kling-Witzenhausen mit vier “Suchenden” bzw. Schwellenchristinnen/-christen geführt hat. Hinweise zur methodischen Anlage dieser Interviews sowie eine thematische Querauswertung der Interviews finden sich im zweiten Kapitel.

Im dritten Kapitel werden ausgewählte Inhalte der Interviews in den Dialog mit akademischer Theologie gebracht. Dabei werden die von den Interviewpartnern in den Gesprächen benannten  Themen “Stellenwert der Bibel”, “(Gottes)Erfahrung und Körperlichkeit” sowie die “Mündigkeit der Gläubigen und die Frage nach Freiheit” in den Blick genommen.

Das vierte Kapitel zeichnet die Theologie-geschichtliche Debatte um die loci theologicus nach. Kling-Witzenhausen entwickelt hier den Gedanken, dass Leutetheologien als eigenständiger und bedeutsamer locus theologicus zu werten sind und als solcher Ort der Gottesoffenbarung unbedingt Aufmerksamkeit der akademischen Theologie bedürfen.

Im fünften Kapitel bündelt Kling-Witzenhausen zentrale Ergebnisse und Erkenntnisse ihrer Untersuchung. Sie legt dar, welches sowohl kritische aber auch innovative Potenzial Leutetheologien für die akademische Theologie bieten. Theologie und pastorale Praxis sind geradezu darauf angewiesen, “Leutetheologien” in den Dialog mit akademischer Theologie zu bringen, damit “die geoffenbarte Wahrheit immer tiefer erfasst, besser verstanden und passender verkündet werden kann“ (GS 44). Menschen mit ihren je eigenen (Leute-) Theologien werden so zu Subjekten im theologischen Gespräch, zum Korrektiv, zu Ideengeberinnen/-gebern und Diskussionspartnerinnen/-partnern. Die Stimmen der Leutetheologien in den akademischen Diskurs einfließen zu lassen und für Pastoral und Verkündigung fruchtbar werden zu lassen, wird eine bleibende Aufgabe für (akademische) Theologie sein (müssen).

Kling-Witzenhausen greift in ihrem Buch hochaktuelle Themen auf. Sie zeigt, welches Potenzial darin liegt, die “Welt” als Raum der Gottesoffenbarung ernst zunehmen und Theologie ausgehend von den Erfahrungen der “Leute” zu treiben. Eine solche induktive Theologie passt gut zu einer Pastoral, die Menschen den christlichen Glauben als Ressource für ihre Lebensbewältigung anbieten möchte, und Pastoral als Lebenshilfe für Menschen versteht.

Aktuelle pastorale Strategien betonen zudem, wie wichtig es ist, kirchliches Leben von den Bedarfen und Bedürfnissen der Leute her zu denken und zu konzipieren.

Eine Pastoral (Theologie), die sich als Lebenshilfe versteht, ist immer wieder neu herausgefordert, die konkreten und je unterschiedlichen Fragen und Lebensthemen von Suchenden aufzugreifen und zum Ausgangspunkt eigenen Nachdenkens und Reflektierens zu machen.

Aktuelle pastorale Strategien betonen zudem, wie wichtig es ist, kirchliches Leben von den Bedarfen und Bedürfnissen der Leute her zu denken und zu konzipieren. Die Sensibilität für Leutetheologien kann (und muss) hierbei ein wichtiger Baustein sein. Die Suche nach neuen Formen des Kirche-Seins kann nicht ohne eine wertschätzende Auseinandersetzung mit den Leutetheologien derer stattfinden, die die Kirche von morgen bilden wollen. Für die Frage, wie eine menschendienliche Kirche der Zukunft aussehen könnte, können (vielleicht müssen) Leutetheologien wichtige Impulse geben.

Praxis

“Das neue Evangelium” als digitales Filmerlebnis

Am 17. Dezember 2020 startet der Film “Das neue Evangelium” von Regisseur Milo Rau und mit Politaktivist Yvan Sagnet in der Rolle des Jesus als digitales Filmerlebnis. Dies ist ein bemerkenswertes Projekt auf das wir gerne hinweisen.

Was würde Jesus im 21. Jahrhundert predigen? Wer wären seine Jünger? Diese Frage stellt Regisseur Milo Rau in seinem neuesten Kinofilm “Das neue Evangelium”. Gedreht wurde in der süditalienischen Stadt Matera, in der bereits Pier Paolo Pasolini und Mel Gibson ihre legendären Filme über das Leben Jesus’ gedreht haben. Gemeinsam mit dem Politaktivisten Yvan Sagnet, der Jesus verkörpert, erschafft Milo Rau eine moderne und zugleich biblische Geschichte eines Schwarzen Jesus. Hauptdarsteller Yvan Sagnet stammt aus Kamerun und arbeitete selbst auf einer Tomatenplantage in Apulien, bis er 2011 den bisher größten Streik in der italienischen Landwirtschaft organisierte. Für das Filmprojekt zieht er in seiner Rolle als Jesus in das größte der Flüchtlingslager bei Matera.

Unter den dort Gestrandeten, findet er seine „Jünger“. Allesamt Verzweifelte, die über das Mittelmeer nach Europa gekommen sind, um auf den Tomatenfeldern Süditaliens versklavt zu werden und dort unter unmenschlichen Bedingungen in regelrechten Ghettos hausen. Sie starten die „Revolte der Würde“, gemeinsam mit Kleinbäuerinnen und -bauern der Region, die von großen Agrarunternehmen in den Bankrott getrieben werden, und machen so auf die herrschenden Missstände aufmerksam. Begleitet werden sie stets von der Kamera.

Jetzt sollte der Film ins Kino kommen. Doch die Kinos bleiben auch im Dezember im Rahmen des Lockdowns geschlossen. „Mit ‘Das neue Evangelium’ starten wir einen hochpolitischen Film, der thematisch offenkundig in diese Zeit gehört“, erklärt Jan Krüger vom Filmverleih Port au Prince Pictures. Daher habe man beschlossen auch bei der Herausbringung einen neuen Weg einzuschlagen: Am 17. Dezember startet “Das neue Evangelium” als digitale Kinoauswertung unter Beteiligung der Kinos. Man wolle so einen Beitrag für die von der Coronakrise schwer beeinträchtigte Kultur- und Filmlandschaft leisten, erklärt Krüger weiter. Denn durch die digitale Kinoauswertung können die teilnehmenden Kinos unmittelbar an den Streaming-Umsätzen beteiligt werden.
“Das neue Evangelium” – auf allen Ebenen ein hochpolitischer Jesus-Film, bei dem Dokumentarfilm, Spielfilm, politische Aktionskunst und Passionsspiel mit einander verschmelzen.

DAS NEUE EVANGELIUM startet am 17. Dezember 2020.
Der Vorverkauf ist ab 01. Dezember 2020 möglich.

Online-Kinotickets können unter http://www.dasneueevangelium.de erworben werden. Beim Kauf wählt der Zuschauer direkt sein Kino aus, das am Erlös beteiligt werden soll. Der Film ist nach Bezahlung und anschließender Aktivierung der Ticket-ID 24 Stunden streambar. Neben dem Film steht Bonusmaterial zur Verfügung.

Praxis

Buchrezension: Hubert Wolf, Der Unfehlbare. Pius IX. und die Erfindung des Katholizismus im 19. Jahrhundert.

Hubert Wolf hat sich mittlerweile weit über theologische oder gar kirchenhistorische Kreise einen Namen als Autor gemacht, der wissenschaftlich fundiert schreiben kann, spannende Themen aufgreift und packend erzählt. Genau das gelingt ihm alles in seinem neuen Buch, in dem er die Biographie Pius IX., Giovanni Maria Mastai Ferratis verbindet mit der ganzen Tragik seiner Zeit, den politischen Auseinandersetzungen in Europa, dem Niedergang des Kirchenstaats und dem des doch sehr massiv dagegen gesetzten Dogmas von der Unfehlbarkeit des Papstes. Wolf skizziert eine umstrittene Persönlichkeit, die Pius IX. schon in seiner Zeit war. Vor allem zeigt er die Kontexte seines Lebens und Wirkens auf.

Mastai legt eine doch recht ungewöhnliche Karriere hin. Er, der doch zunächst nicht so recht weiß, was er werden will, entscheidet sich für das geistliche Amt und wird schnell Bischof. Um ihn herum erodieren die Zeitläufe. „Wir haben zu betrachten, wie in den Stürmen der großen Französischen Revolution und den aus ihr hervorgegangenen Kriegen die alte mehr als tausendjährige Gestalt der Kirche von dem Erdboden verschwand…“ zitiert Wolf den Kirchenhistoriker Pius Bonifazius Gams aus dem Jahr 1854. Nicht nur die Gestalt wurde erschüttert, sondern gleichsam die Substanz. Wer hat das Sagen, wer bestimmt, was in der Katholischen Kirche geglaubt und vor allem: gelebt wird? Sind es die Ortskirchen, die auf mehr Eigenständigkeit aus sind? Oder gilt weiterhin der von Augustinus überkommene Grundsatz Roma locuta, causa finita? Wolf skizziert die politischen und gesellschaftlichen Kontexte und Ideen, die damals ihre Wirkung entfalteten: Die Restauration, die Romantik, die Aufklärung, das Staatskirchentum und den Ultramontanismus. Spätestens hier haben der Leser und die Leserin den Eindruck, dass wir es nicht allein mit einem historischen Werk zu tun haben, sondern uns in einer aktuellen Debatte befinden. Die Frage, ob die Kirche zentral oder dezentral gelenkt wird, ist evident wie damals. Denn mit dem Dogma, welches Pius der IX doch als fest gegeben zu verkünden glaubte, ist es so eine Sache. Weil es nie wirklich substantiell akzeptiert und rezipiert wurde, sind die Debatten geblieben und in einer Zeit, in der Globalisierung noch Nationalismus, Revanchismus und Liberalismus, Demokratie und Autokratie um die Vorherrschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts kämpfen, ist die Position Roms und des Zentralismus in der Katholischen Kirche weiterhin fragil, wenn nicht gar angesichts des vorherrschenden Pluralismus (auch in der Kirche selbst, seit Benedikt XVI. die Gültigkeit der lateinischen Messe offiziell anerkannt hat) obsolet.

Mastai wird Papst, gibt sich den Namen Pius IX, und es scheint, mit ihm zieht frischer Wind in die Kirche ein. Das hoffen manche. Andere wiederum wünschen sich klare Worte. Die Situation und um Rom war auch hier nicht anders, als sie gegenwärtig ist. Verschiedene Kräfte kämpfen miteinander, teils um ihre Ideen, teils um ihre Macht. Wenn man Wolf und sein Buch liest, bekommt man den Eindruck, dass Pius IX die Situation mehr und mehr entgleiste, oder aber, dass er der Situation mehr und mehr entrückte, um dann am Ende mit einem Dogma seine Macht zementieren zu wollen in der irrigen Annahme, das Amt des Papstes und die Gestalt der Kirche seien ein und dasselbe. Selbst um das Dogma wird gekämpft, die Gegner, wie wir wissen, unterliegen. Das Konzil wird nie beendet, sondern unterbrochen. Italienische Truppen ziehen in den Kirchenstaat ein und beenden seine Existenz. Im Augenblick der scheinbar höchsten Machtentfaltung eines Pontifex, wird er gleichzeitig ohnmächtig, wie seit Jahrhunderten nicht mehr. Pius IX. alterte zusehends, wird krank und gebrechlich und mutierte zu einem Märtyrer, zu dem ihm die politischen Umstände gemacht haben. Wirkliche Macht hat er da nicht mehr. Und die Kirche? Das Fazit lässt Wolf offen: Ist eine alte Kirche vergangen und eine neue aufgegangen? War der Bruch durch das Dogma so eminent, dass er einen Wendepunkt darstellt? Hier beginnt die Reflektion in die Gegenwart. Insofern ist Wolfs Band, wiewohl ein historischer, ein Zwinkern in die Zukunft, wenn es darum geht, zu klären, für wen die Kirche steht, für sich und ihre eigenen Machtstrukturen oder als Dienerin für alle Menschen.

Hubert Wolf, Der Unfehlbare. Pius IX. und die Erfindung des Katholizismus im 19. Jahrhundert. C.H. Beck, München 2020, 432 Seiten, 28,00 €

Praxis

Buchrezension: Etscheid-Stams, M. et al. (Hrsg.), Gesucht: Die Pfarrei der Zukunft. Der kreative Prozess im Bistum Essen

Ist Pfarrei da draußen?

Wohin entwickelt sich die Pfarrei? Wie viel ist noch in ihr drinnen? Wieviel draußen kommt rein? Ist die Pfarrei der Zukunft ein aufgeblähter Taugenichts oder ein pastoraler Keimling? – Zu solchen Fragen im Kontext dieser Ausgabe der futur2 kam der Redaktion die Anfrage der Besprechung des Buches gerade passend.1 

Das vom Team des Stabsbereichs Strategie und Entwicklung des Bischöflichen Generalvikariats im Bistum Essen und Wissenschaftlern am Zentrums für angewandte Pastoralforschung der Ruhr-Universität Bochum herausgegebene Buch veröffentlicht eine Studie, die die unter dem Titel „Pfarreientwicklungsprozess“ (PEP)2 gemachten Eingaben von 42 Pfarreien des Bistums an den Bischof zu ihrer Zukunftsvision untersucht. 

Die Studie ist eine grundlegende Untersuchung der Selbstauskunft von (parriochal verfasster) Kirche über die Entwicklung ihrer selbst und sucht, zumal in dieser Öffentlichkeit, ihresgleichen. Pastoralen Forschern und strategischen Planern steht dadurch Material zur Verfügung, welches Aussagen darüber ermöglicht, wie die Akteure in den Pfarreien sich verstehen und ausrichten wollen. Die Verantwortlichen im Bistum Essen setzen damit die begrüßenswerte wissenschaftliche Aufbereitung und Begleitung der Diözesanentwicklung fort.3  

Eingangs wird von Markus Potthoff, Leiter der Hauptabteilung Pastoral und Bildung, die Rede von der „Pfarrgemeinde“ mit ihrer inneren Logik, dass die Pfarrei eine Gemeinde am Ort sein soll, als grundlegend überholt bezeichnet: „Pfarreigrenzen (Raumlogik) sind kein Referenzpunkt für die Ausrichtung der Pastoral (Relations- bzw. Soziallogik): Näher betrachtet ist die Pfarrei eine (…) Setzung bzw. Konvention.“4 Im Unterschied zu anderen Diözesen (z.B. Münster5), die ein Verständnis von Pfarrei deklaratorisch setzen, gehen die für die Diözesanentwicklung im Bistum Essen Zuständigen in die Beobachtung: Es wird beobachtet, was die lokale Ebene selber beschreibt und was daran an Entwicklung sichtbar wird. Das induktive Vorgehen ist dann tatsächlich ein kreativer, schöpferischer Prozess.  

Interessant ist, dass die intraorganisationale Oberkategorie am meisten Seiten füllt, also die Darstellung dessen, wie die Pfarreien die innere Organisation bearbeitet. Wofür steht das?

Inwieweit die PEP-Voten als Dokumente eines nur bedingt standardisierten, weil auch sozialen, Prozesses dafür geeignet sind, soll hier nicht im Vordergrund stehen. Aber ein Fragezeichen sei erlaubt, weil das Forschungsdesign rein auf kategoriale Codes im Schlusstext der Voten setzt. Die Auswertung nutzt die Methode der qualitativ orientierten Inhaltsanalyse nach Philipp Mayring6, die „(…) mithilfe der aus dem Studienmaterial selbst generierten Analysekategorien“7 arbeitet. Somit bleibt es bei einer Selbstbeobachtung, aus systemisch-konstruktivistischer Sicht entsteht nichts Neues. Das, was durch die Analyse gehoben wird, wird durch die Analysten selber konstruiert, im schlimmsten Fall ist es sogar interessensgeleitet. Man liest das, was man lesen will. Zudem muss „(…) für die Analyse einer so breiten Materialmenge (…) ein noch sehr hohes Abstraktionsniveau gewählt werden, um das Material übersichtlich, nachvollziehbar und tatsächlich auch zusammenfassend analysieren zu können.“8 Auch eine redaktionskritische und kontextsensible Exegese fehlt.  

Die Darstellung der PEP-Voten in den gewählten 17 Kategorien – gebündelt in spiritueller, pastoraler, liturgischer, intraorganisationaler und interorganisationaler Oberkategorie – nimmt breiten Raum ein.9 Interessant ist, dass die intraorganisationale Oberkategorie am meisten Seiten füllt, also die Darstellung dessen, wie die Pfarreien die innere Organisation bearbeitet. Wofür steht das?  

In einer Zwischenreflexion wird anhand von Prototyping zwischen einem pfarreizentrierten und gemeindezentrierten Modell von lokaler Kirche in den PEP-Voten unterschieden.10 Dieser Teil der Studie berührt die Frage nach der Transformation der Pfarreigestalt unmittelbar, spricht aber an dieser Stelle richtigerweise – keine Empfehlungen aus.  

Auf Grundlage der Auswertung der PEP-Voten folgen eine Reihe von „Perspektiven“: theologische, zeitgeschichtliche, beteiligungsorientierte und umsetzungsorientierte. Die Beiträge reflektieren auf je eigene Weise die PEP-Studie vor dem Hintergrund der Frage nach der Pfarrei der Zukunft. Es sind lesenswerte Tiefenbohrungen, die zum Mitdenken anregen. Besonders die Beiträge von Hans-Joachim Sauer („Keine Angst vor dem Unmöglichen“) und Wolfgang Reuter („Der Pfarreientwicklungsprozess als seelsorgerische Herausforderung“) weiten die Perspektive in Richtung Sendungsauftrag der Kirche; die Beiträge von Thomas Wienhardt („Pfarreien mit Wirkung! Voten stärken durch Qualitätsentwicklung“) und Tobias Meier („PEP-Voten und Community Organizing“) weisen auf humanwissenschaftliche Kompetenzen hin, die die PEP-Voten in ihrer Umsetzung aus dem Binnenraum der kirchlichen Debatte heben 

Themen, wie z.B. die gesellschaftliche Relevanz von Kirche, die Inhalte der Verkündigung und die Veränderung von Führungsrollen in der Pfarrei in Korrespondenz zu Entwicklungen sozialer Entrepreneurschaft, bleiben unterbelichtet.

Eingedenk dessen, dass Themen und Autor*innen der „Perspektiven“ sicher nicht zufällig gesetzt wurden, sondern die Auswahl bestimmten Motiven folgt, lassen sie sich für die Frage nach der Pfarrei der Zukunft so zusammenfassen: 1. Die Pfarrei und ihr (Selbst-)Verständnis war immer in Bewegung. 2. Allein die PEP-Voten machen noch keine Zukunft. Die Idee von Zukunft muss nicht zuletzt theologisch hineingetragten werden. 3. Die PEP-Voten bieten Material für Prozesse der Transformation, aber „handwerklich“ ist damit noch nichts getan. 4. Die PEP-Voten blähen erwartbare Themen wie Jugend und Liturgie auf, ohne dazu substantiell Neues zu sagen. Umgekehrt bleiben Themen unterbelichtet, wie z.B. die gesellschaftliche Relevanz von Kirche, die Inhalte der Verkündigung und die Veränderung von Führungsrollen in der Pfarrei in Korrespondenz zu Entwicklungen sozialer Entrepreneurschaft 

Mit Blick auf die Fragestellung dieser Ausgabe der futur2 nehmen die Analyse der PEP-Voten als auch die „Perspektiven“ wenig Außenperspektive wahr. Die Pfarrei der Zukunft reproduziert sich selbst. Das ist autopoietisch richtig angesetzt. Aber was ist mit dem Impuls zu Musterveränderungen oder Lernen 2. Ordnung? Geschweige denn, dass ein Re-Entry gedanklich formuliert wird. Stattdessen werden durch die „Perspektiven“ vorhandene Linien verlängert. Da wird aus der wohlfahrtsstaatlichen Gemeinwesenarbeit Community Organizing, aus pastoraler Professionalität wird Qualitätsentwicklung, aus dem Leitbild wird eine Strategie. Ist das genug?  

Dass soll kein konzeptioneller Vorwurf am Band sein, war es auch kein Ziel der Veröffentlichung. Die Auftraggeber betonen das wiederholt. Die Erkenntnisse „sind alles andere als Patentlösungen. Sie entspringen der kontingenten Situation eines einzelnen Bistums; doch genau das macht sie so wertvoll: Die Erkenntnisse in diesem Sammelband sind von der Praxis her inspiriert und auf diese hin ausgerichtet.“11 Doch kann (lokale) Kirchenentwicklung sich selber genügen?  

Die Erkenntnisse in diesem Sammelband sind von der Praxis her inspiriert und auf diese hin ausgerichtet.

Die Herausgeber*innen selber stellen am Ende des Bandes sechs Wegmarken als „Lerneffekte“ auf. „Aus der Evaluation und den Beiträgen ergeben sich eine Reihe von Anfragen und Hinweisen, die die Zukunftsgestalt der Pfarrei und ihrer Entwicklungsprozesse betreffen.“12

Für eine Kirche „outside the box“ und am Ende eines Monopols ist dabei die Wegmarke „Ein Identitätsprofil, das inkludiert statt exkludiert“ interessant.13 Gründlich wird die Dilemma-Situation reflektiert, in der lokale Kirchenentwicklung steht: ein (noch) starkes und selbstbewusstes „Innen“ trifft auf ein diffuses, multizentrisches „Außen“. Wohin sollte die Pfarrei angesichts dieses Feldes geführt werden? Darauf, so räumen die Essener ein, haben sie auch keine Antwort. Sie halten sich aber – nicht unbegründet – zugute, dass sie das Thema geöffnet und Angänge zur Bearbeitung gestartet haben.  

Gründlich wird die Dilemma-Situation reflektiert, in der lokale Kirchenentwicklung steht: ein (noch) starkes und selbstbewusstes „Innen“ trifft auf ein diffuses, multizentrisches „Außen“.

Gemäß der Auffassung, dass die Lösung immer im System liegt, nur noch nicht beobachtet/bezeichnet wurde, wäre eine Begegnung der Wegmarken miteinander ein interessanter Schritt: Welche innovative (Wegmarke 5) Wirkung hätte es, wenn auf diözesaner Ebene (Wegmarke 6) und in ökumenischer Zusammenarbeit (Wegmarke 4) in größtmöglicher, inkludierender (Wegmarke 1) Partizipation (Wegmarke 2) die Frage nach der Pfarrei der Zukunft als Frage der „Profession“ (in Anlehnung an Wegmarke 3) von Pfarrei bearbeitet würde? 

Der Band und v.a. die Studie in ihr ist ein respektables zeitgeschichtliches Dokument der Kirchenentwicklung. Zur Pfarrei der Zukunft sagt er weniger als zur Pfarrei der Gegenwart. Die Verantwortlichen im Bistum Essen begehen jedoch genau dadurch nicht den Konstruktionsfehler offener und partizipativer Prozesse, leichtfertig über die gegebene Wirklichkeit hinwegzugehen. Am Ende hätte es gleichwohl mehr Mut geben dürfen, Unterschiede zu benennen. Irritation ist ein starkes Mittel der Unterbrechung, für Reflexion und Veränderung. In aller Wertschätzung für das gegebene Engagement vor Ort klingt aber nur an, wie groß die Veränderung für die Pfarreien auf Zukunft hin (!) sein werden. Wie eigentlich immer in solchen Bänden stehen auch die Beiträge aus der Bistumsleitung – Bischof und Hauptabteilungsleitung – zu Beginn, nicht am Ende der Erkenntniskette.  

Der Band und v.a. die Studie in ihr ist ein respektables zeitgeschichtliches Dokument der Kirchenentwicklung.

Im September 2021 wird es eine ursprünglich für März 2020 (Corona) geplante Veranstaltung über die „Transformation der Pfarrei“ geben.14 Die kritischen Töne am hier vorgestellten Band im Kontext der Frage dieser Ausgabe der futur2 verblassen deshalb angesichts der Konsistenz, mit der der Prozess im Bistum Essen geführt wird. Man muss den einzelnen Schritt immer im Kontext des gesamten Weges sehen. Gleichzeitig sind die PEP-Voten im Herbst 2021 zwischen vier und sechs Jahre alt. Noch einmal bei diesen anzusetzen wäre ein Rück-Schritt, die angeführten Wegmarken als Führungsimpuls zu nutzen, verspricht mehr. Denn die dann Jetzt-Situation der Pfarrei ist aus heutiger Zeit noch Zukunft. Lasst uns dorthin gehen, schauen, was dabei passiert und entdecken, was dort ist. Vor allem für die Jetzt-Engagierten in den Pfarreien braucht es dabei wohl Passagierscheine wie dieses Buch 

Etscheid-Stams, M./ Szymanowski, B./ Qualbrink, A./ Jürgens, B. (Hrsg.): Gesucht: Die Pfarrei der Zukunft. Der kreative Prozess im Bistum Essen, Freiburg 2020

Praxis

Buchrezension: Ahmad Mansour: Klartext zur Integration. Gegen falsche Toleranz und Panikmache

Ahmad Mansour ist ein deutsch-israelischer Psychologe und Autor. Er lebt seit 2004 in Deutschland und beschäftigt sich mit Projekten und Initiativen gegen Radikalisierung, Unterdrückung im Namen der Ehre und Antisemitismus in der islamischen Gemeinschaft. Mit seinen Büchern und Beiträgen in diversen Zeitungen ist er zu einem viel gefragten Gesprächspartner für das Thema Integration geworden und gilt inzwischen als ausgewiesener Islamismus-Experte. Neben seiner Tätigkeit als Gruppenleiter bei “Heroes”, einem Projekt für Gleichberechtigung, arbeitet er als wissenschaftlicher Mitarbeiter in dem Projekt “ASTIU” (Auseinandersetzung mit Islamismus und Ultranationalismus) und bei der Beratungsstelle Hayat mit, wo er gefährdete Jugendliche und deren Angehörige berät. 2019 erhielt er den Menschenrechtspreis der Gerhart und Renate Baum-Stiftung.

Auch in seinem 2018 erschienen Buch „Klartext zur Integration. Gegen falsche Toleranz und Panikmache“, das aktuell auch als Sonderausgabe bei der Bundeszentrale für politische Bildung zu beziehen ist, setzt er sich mit dem Thema Integration auseinander.

Mansour, selber muslimischer Immigrant, blickt sowohl mit dem Erfahrungshintergrund der eigenen Biographie als auch mit professioneller Analyse auf die Janusköpfigkeit von Integration. Er setzt sich mit der Frage auseinander, wie Integration von Migranten im Spannungsfeld von Toleranz und notwendiger Anpassung gelingen kann. Integration, so Mansour, fordert alle heraus: „Wir müssen uns fragen, was wir von Menschen, die in unser Land kommen, verlangen dürfen – und sie von uns.“

Die Diskussionen in Deutschland, so die Analyse Mansours, seien oft von Vorurteilen und Verallgemeinerungen geprägt. Demzufolge fordert er, dass „wir eine Gesellschaft von Demokraten sein (sollten), die Demokratie, Offenheit, Toleranz und Akzeptanz vermittelt und verteidigt. Grundsätzlich. Immer.“ Er plädiert, „eine Integration zu schaffen, die Unterschiede nicht verurteilt, aber auch nicht zelebriert, sondern Regeln festhält, an die sich alle halten müssen.“

Sein Buch sammelt Geschichten und Portraits von Menschen, die Freiheit und Gleichheit nicht mit ihrem Weltbild in Einklang bringen können oder wollen. Sehr plastisch beleuchtet er soziale Lebenslagen oft junger Menschen, Umstände und Erfahrungen, die Integration massiv erschweren. Mansour sieht Politik und Gesellschaft gleichermaßen in der Pflicht und mahnt zu Offenheit, Sachlichkeit und Gesprächsbereitschaft. Insbesondere Verantwortliche in Sozialarbeit und Verbänden, aber auch Lehrende und Eltern ruft er auf, die Einladung des Grundgesetzes zur Teilhabe zu verbreiten und anzunehmen.

Für Mansour gehört es zur unaufgebbaren Grundlage des Zusammenlebens, die im Grundgesetz festgelegte demokratische Grundordnung anzuerkennen und zu achten. „Wer die freie Art und Weise ablehnt, wie Menschen hier leben, wer Gesetze und Demokratie abwertet, der wird kaum eine Chance haben, hier anzukommen oder akzeptiert zu werden. Und um beides geht es.“

Damit Integration gut gelingen kann, brauchte es politisch kluge Konzepte und gesamtgesellschaftlich wirksame Maßnahmen, die helfen, potenzielle Ängste und Vorbehalte gegenüber der freien Gesellschaft abzubauen.
Er denkt dabei an ein ganzheitliches Maßnahmenbündel, dass Schule, Nachbarschaft und Arbeitswelt umfasst. Ziel müsse es sein, bundesweite Standards eines Integrationsprozesses zu etablieren. „Das zu tun, die passenden, stabilen Brücken zu bauen, um Konfliktpotential zu verringern, ist Kernaufgabe der aufnehmenden Gesellschaft. Über die Brücke zu gehen, um wirklich anzukommen, ist Kernaufgabe der Neuankömmlinge.“
Masour schlägt zehn konkrete Schritte bzw. Maßnahmen für die konkrete Politik vor, die gelingende Integration ermöglichen sollen:

  • Integration ohne politische Ängste angehen
  • Integrationsarbeit standardisieren, evaluieren und professionalisieren
  • Bildungsarbeit und Sozialarbeit reformieren und neu konzipieren
  • Einberufung eines Bundesgipfels zur Vermittlung der Werte des Grundgesetztes
  • Ein Einwanderungsgesetz auf den Weg bringen. Jetzt!
  • Integrationsleistungen belohnen
  • Selbstbewusstes und entschiedenes Auftreten des Staats
  • Aktive Förderung einer Kultur der Inklusion
  • Paten- und Mentorensystem einführen
  • Staatliche Förderung der innerislamischen Debatte.

Diese zehn Maßnahmen werden am Ende des Buches genauer entfaltet und bilden als Fazit gewissermaßen das Zentrum des Buches. Sie werden im letzten Kapitel ausführlich entfaltet und begründet.
Mansour versteht es, Dinge auf den Punkt zu bringen. Manche Formulierung mag dem ein oder der anderen drastisch erscheinen oder zum Widerspruch herausfordern. Anderes hat man so oder so ähnlich schon öfters gehört. Und doch, unbestreitbar gelingt Integration in Deutschland zurzeit viel zu selten. Im politischen Diskurs stehen sich rechte und linke Lager unversöhnt gegenüber. Mansour gelingt es, ohne Tabus beide Lager kritisch anzufragen. Auf diese Weise gelingt ihm mit seinen Ausführungen und Vorschlägen ein wichtiger und lesenswerter Beitrag für ein drängendes Thema.

Ahmad Mansour:
Klartext zur Integration. Gegen falsche Toleranz und Panikmache,
Frankfurt Am Main 2018

Aktuell auch als preiswerte Sonderausgabe bei der Bundeszentrale für Politische Bildung erschienen:
Ahmad Mansour:
Klartext zur Integration. Gegen falsche Toleranz und Panikmache,
Bonn 2019

Praxis

midi. Neue evangelische Arbeitsstelle für Mission und Profilbildung

EKD, Diakonie und Arbeitsgemeinschaft Missionarische Dienste gründen „Think Tank“, um Menschen heute mit dem Evangelium zu erreichen

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD), die Diakonie Deutschland und die Arbeitsgemeinschaft Missionarische Dienste (AMD)  haben eine neue gemeinsame Arbeitsstelle eingerichtet. Damit soll das evangelische Profil geschärft werden. Im Zentrum des neuen „Think Tanks“ steht die Frage, wie Menschen heute vom Evangelium erreicht werden können. Die Arbeitsstelle wird ihren Schwerpunkt auf Glaubensbildung und Spiritualität legen. Sie wird sich mit ihren Ideen sowohl an die Mitarbeitenden von Kirche und Diakonie richten als auch an evangelische Christen und die Klienten der diakonischen Einrichtungen.

Die Arbeitsstelle mit Sitz beim Evangelischen Werk für Diakonie und Entwicklung in Berlin hat 20 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Ein Kuratorium mit je vier Vertretern der drei beteiligten Institutionen wird die Arbeit von „midi“, der neuen „Evangelischen Arbeitsstelle für missionarische Kirchenentwicklung und diakonische Profilbildung“ steuern.

Mit der Neugründung wird darauf reagiert, dass kirchliche und diakonische Einrichtungen ihre Alltagsarbeit gegenseitig häufig kaum wahrnähmen. Die „midi“-Arbeitsstelle soll die konzeptionelle Zusammenarbeit von Kirche und Diakonie stärken. midi arbeitet an gemeinsamen Zukunftsthemen von Evangelischer Kirche in Deutschland (EKD), Diakonie Deutschland und der Arbeitsgemeinschaft Missionarische Dienste (AMD). Die Arbeitsstelle entwickelt neue Begegnungsräume und Werkzeuge für die Kommunikation des Evangeliums.

Die fachliche Aufsicht und Steuerung liegt bei einem Kuratorium mit Vertreterinnen und Vertretern aus EKD, Diakonie und AMD unter Vorsitz von Dr. Michael Diener, Präses des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbandes und Mitglied im Rat der EKD. Das Kollegium von midi besteht aus elf Referentinnen und Referenten und wird von Direktor Dr. Klaus Douglass geleitet. Der Sitz der Arbeitsstelle ist die Diakonie Deutschland im Evangelischen Werk für Diakonie und Entwicklung e.V. in Berlin.

Weitere Informationen: www.mi-di.de

Praxis

Buchrezension: Bart Sommer, Zusammen leben. Meine Rezepte gegen Kriminalität und Terror

Bart Sommer ist seit 2001 Bürgermeister in der 86000 Einwohner umfassenden belgischen Stadt Mechelen. Die Stadt Mechelen ist weit über Belgien hinaus für ihr Integrationskonzept bekannt geworden, das maßgeblich von Bart Sommers mitentwickelt und beeinflusst wurde. Wie in kaum einer anderen belgischen Stadt gelingt in Mechelen die Integration von Einwanderern und von Geflüchteten, sodass die Stadt inzwischen international als Vorzeigemodell erfolgreich Integrationspolitik gilt.

Die Bundeszentrale für politische Bildung hat unter dem Titel „Bart Sommer: Zusammen leben. Meine Rezepte gegen Kriminalität und Terror“ eine Sonderausgabe des Buches von Bart Sommer herausgegeben, dass im flämischen Original den Titel „Samen leben. Een hoopvolle strategie tegen IS“ trägt. Sommer stellt in diesem Buch die Grundüberlegungen dar, die seinem integrativen Ansatz zugrunde liegen. Er beschreibt, wie er die verschiedensten Milieus an einen Tisch versammelt und mit Ihnen Strategien des Zusammenleben der unterschiedlichen Gruppen entworfen hat. Für dieses Engagement als Bürgermeister wurde ihm 2016 der Preis World Mayor verliehen.

Einerseits ist sein Ansatz davon geprägt, den Rechtsstaat mit einer großen Entschiedenheit durchzusetzen. Videoüberwachung wurde ausgeweitet und der Druck auf Dealer, Hehler und Kleinkriminelle wuchs. Auf Kriminalität und Vandalismus wurde zeitnah reagiert. Viel wesentlicher aber für den Erfolg seiner Strategie waren Investitionen in die Sicherheit und Sauberkeit der Stadt verbunden mit wertschätzender Kommunikation, mit dem Werben für eine gleichberechtigte Teilhabe der Geschlechter und für bürgerschaftlichen Gemeinsinn – all dies nicht selten gegen religiösen oder weltanschaulich motivierten Widerstand. Mit verschiedenen Maßnahmen an Schulen sorgte er z.B. für eine soziale Durchmischung der einzelnen Bevölkerungsgruppen. Auch setzte er sich für strikte Antidiskriminierung und Gleichberechtigung ein.

Das Buch nimmt einen mit in ein hochaktuelles Thema auch der deutschen Gesellschaft. Wie kann Integration in einem Gemeinwesen angesichts pluraler Lebensstile, unterschiedlicher kultureller Prägungen und zahlreicher Nationalitäten gelingen? Sommer zeigt sich in seinen Gedanken als entschiedener Demokrat, der für eine offene und freie Gesellschaft engagiert. Ein weltanschaulich neutraler Staat muss für die Gleichwürdigkeit seiner Bürgerinnen und Bürger eintreten. „Alle Bürger müssen darauf vertrauen können, dass sie ungeachtet ihres Geschlechts, ihrer sexuellen Orientierung und ihrer politischen und religiösen Präferenz gleich behandelt werden.“ (178f)

Das ein Zusammenleben in Diversität nicht einfach aber möglich ist, davon ist Sommer überzeugt. Es kann gelingen, wenn die Menschen im Gemeinwesen ein „Wir“ entwickeln und sich gegenseitig als „Schicksalsgefährten“ betrachten. Dieses gemeinsam „Wir“ kann sich entwickeln , wenn „wir die richtige Einstellung haben, eine des gegenseitigen Respektes voreinander, eine Offenheit des Geistes sowie eine Menge Empathie und Anteilnahme an den anderen unter Berücksichtigung ihrer Gefühle.“ (S. 149)
Die Ausführungen Sommers zeigen, wie konsequent er dies weiterdenkt und in praktisches kommunales Handeln überführt. Genau diesen gegenseitigen Respekt zu vermitteln, dass scheint Sommer über die Laufe der Jahre in Mechelen gelungen zu sein. Sommers Maßnahmen zeigen nachhaltige und überraschende Wirkungen bei Menschen, die sich bisher eher am Rande der Gesellschaft sahen. Sie nehmen ein echtes Interesse an ihrer Situation wahr und spüren, dass der Staat bzw. die Kommune ihre Lebenssituation nachhaltig verbessert. So überrascht es am Ende nicht, dass, anders als in anderen belgischen Städten, bisher keine Bewohner Mechelens bekannt sind, die sich dem IS angeschlossen haben.

Für christlich Interessierte Leserinnen und Leser sind die Ausführungen Sommers zum Verhältnis Staat und Religion besonders interessant. Sommer, der christlich geprägt aufgewachsen ist, bezeichnet sich selber als Atheist. Er steht für eine strikte Trennung von Staat und Religion und sieht den Staat als Garant der Grundwerte. Damit eine Gesellschaft funktioniert, so Sommer, braucht es „Toleranz, das Akzeptieren der Tatsache, dass Mitbürger eine andere Überzeugung haben. Das bedeutet vor allem, sich von der Idee zu verabschieden, es sei eine Verpflichtung, einem anderen die eigene Meinung aufzuzwingen.“ (S. 163 ) Dies bezieht Sommer nicht nur auf eine radikale, fundamentalistische Form des Islams, sondern ebenso auf Strömungen im Christentum. „Ohne weltanschauliche Toleranz kann eine offene Gesellschaft nicht funktionieren, sind Freiheit und Diversität unmöglich“(S. 164).
Damit stößt er bei den Kirchen eine zentrale Fragen an. Wie kann es gelingen, Teil der modernen Gesellschaft zu sein, und dennoch dem Sendungsauftrag Jesu gerecht zu werden. Schon vor Jahren sprachen die französischen Bischöfe davon, dass es heutige Aufgabe von Kirche sei, den Glauben in der Gesellschaft vorzuschlagen (Proposer la foi) bzw. anzubieten. Zu lernen, dass die Kirche nur ein „Anbieter“ auf dem modernen Markt der Religionen und der Sinnsuche ist, das ist nach wie vor eine noch nicht bewältigte Aufgabe für die Kirchen.

 

Bart Sommer:
Zusammen leben. Meine Rezepte gegen Kriminalität und Terror.
Sonderausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung,
Bonn 2018.

Praxis

Buchrezension: Katholische Kirchengemeinde Maria Geburt (Hg.): voll Gott

Katholische Kirchengemeinde Maria Geburt: Aschaffenburg (Hg): voll Gott, Verlag Schnell und Steiner, Regensburg, 2019

Welche (Wirk-)Macht von Räumen, genauer hin Kirchenräumen, ausgehen kann, das zeigt das so eben erschienenes Buch „voll Gott“, das die katholische Kirchengemeinde Maria Geburt in Aschaffenburg herausgegeben hat.
Die Mitglieder der Pfarrgemeinde waren aufgerufen zu beschreiben, was sie am Wandel in Maria Geburt am meisten berührt. Das Buch enthält 58 Texte, die von unterschiedlichen Autorinnen und Autoren nach diesem Aufruf beisteuerten. Die Beiträge reichen von kurzen Meditationen bis zu Beschreibungen von Prozessen zur Annäherung an Raum und Liturgie. Das Buch sammelt auf diese Weise unterschiedliche Erfahrungen, die Gemeindemitglieder der Pfarrei Maria Geburt in Aschaffenburg nach der radikalen Neugestaltung des Kirchenraums und einer daraus resultierenden Neuausrichtung der Pastoral gemacht haben.
In den Beiträgen wird spürbar und nachvollziehbar, welches Potenzial dem neu gestalteten Kirchenraum innewohnt. Für die Leserinnen und Leser wird schnell klar, dass der Gemeinde mit der Neugestaltung der Kirche Maria Geburt und dem in der Kirche stattfindende Leben etwas Außergewöhnliches gelungen.

Anfang der 90er Jahren stand eine umfassende Renovierung der Kirche Maria Geburt an. Zu dieser Zeit trat Pfarrer Markus Kauth dort seinen Dienst an. Er drängte darauf, dem notwendigen Umbau der Kirche ein künstlerisches Gesamtkonzept zugrunde zu legen. Die Gemeinde nahm Kontakt zu Leo Zogmayer auf, einem österreichischen, nicht kirchlichen Künstler, und trat mit ihm in einen inspirierenden Dialog von Theologie und Kunst ein.
Die aus diesem Dialogprozess hervorgehenden Planungen waren nicht unumstritten. Auch seitens der Bistumsverwaltung wurde die Konzeption kritisch gesehen. Doch nach längerem hin und her bekam Zogmayer den Auftrag zur Umgestaltung der Kirche. So konnte 1999 nach einer zweijährigen Umbauphase und der völligen Umgestaltung die Kirche neu eröffnet werden.

Die Macht der (Bau)Kunst: Kunst als Auslöserin von Veränderung in Liturgie und Gemeinde

Entstanden ist ein heller, Licht durchfluteter Raum, der sich durch eine klare und stark reduzierte Formensprache auszeichnet. Von der alten Einrichtung blieb am Ende nur die Orgel und ein Kreuzrelief an der Wand. Die entstandene Leere wurde in minimalistischem Stil zeitgenössisch gestaltet. Diese Gestaltung verdankt sich einem völlig neuen, spirituellem Konzept, das den Raum bestens entspricht und neue Möglichkeiten für die liturgische Gestaltung ermöglicht.
Die Idee der „Leere“ als Raumgestaltungsprinzip, ist motiviert von negativ-theologischen Impulsen. In Maria Geburt soll Kunst hinführen zu dem bildlosen, unfassbaren und unbegreiflichen Gott, der Menschen so auch in ihrem im Alltag begegnet. Von Anfang an gehörte das Wechselspiel zwischen Kunst und Liturgie zum pastoralen Konzept.

Bis heute sucht die Gemeinde immer wieder neu nach Wegen, wie die Feier des Gottesdienstes so gestaltet werden kann, dass sie der Qualität des Raumes und des Evangeliums entspricht. So haben die Gottesdienste in Maria Geburt immer wieder stark experimentellen Charakter. Gerade das wird durch die vielen eindrucksvollen Fotografien, die das Buch enthält, ausdrucksstark illustriert. Sie lassen die tiefe Spiritualität und die ganz besondere Ästhetik, die den Raum und das liturgische Geschehen in Maria Geburt prägen, auf kunstvolle Weise sichtbar werden.

Das Buch erzählt von einem ganz eigenen Weg der Kirchenentwicklung, den die Gemeinde von Maria Geburt eingeschlagen hat.

Bis heute polarisiert der neu gestaltete Raum und die liturgischen Feiern, die in Maria Geburt stattfinden. Zeigen sich die einen hell auf begeistert, sind andere eher distanziert oder gar ablehnend. Auch das ein Beleg dafür, welche Kraft Kirchenräumen zu eigen sein kann.

Das Buch erzählt von einem ganz eigenen Weg der Kirchenentwicklung, den die Gemeinde von Maria Geburt eingeschlagen hat. Nur an wenigen anderen Ort in Deutschland wird Kunst so konsequent als Auslöserin von Veränderung in Liturgie und Gemeinde genutzt, wie in Maria Geburt. Das Buch macht deutlich, wie Kirche im städtischen Raum in einem modernen Milieu vor allem für spirituell Suchende als sogenannte Personalgemeinde neu Relevanz entfalten kann. Schon deshalb ist die Lektüre überaus anregend und lohnend.

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