Praxis

Rezension: Faix/Künkler (Hg.): Handbuch Transformation

Transformation steht für grundlegende Veränderungsprozesse, die angesichts massiver Umbrüche in vielen Bereichen von Gesellschaft und Kirche auf uns zukommen bzw. bereits wirken. Nicht nur im wissenschaftlich-gesellschaftlichen Diskurs hat sich ‘Transformation’ zu einem Schlüsselbegriff entwickelt. Auch im kirchlichen Kontext gewinnt das Thema für evangelische und katholische Christinnen und Christen an Relevanz und wird über die Transformation von Kirche diskutiert.

So erstaunt es nicht wirklich, dass sich der erst 2018 eingerichtete neue Master-Studiengang „Transformationsstudien: Öffentliche Theologie & Soziale Arbeit“ an der CVJM-Hochschule in Kassel schon nach kurzer Zeit etabliert hat. Hier werden Fach- und Führungskräfte befähigt, Veränderungsprozesse aktiv und kreativ zu gestalten und soziale Innovation anzuregen. Das Konzept des Studiengangs sieht vor, die Profession der Sozialen Arbeit (mit dem Schwerpunkt Sozialraumorientierung und Gemeinwesenarbeit) und der Disziplin der Theologie (mit dem Schwerpunkt Öffentliche Theologie) miteinander in eine fruchtbare Beziehung zu bringen. Konzeptioniert und ins Leben gerufen wurde der Studiengang von Prof. Dr. Tobias Faix und Prof. Dr. Tobias Künkler.

Von diesen beiden wurde nun das „Handbuch Transformation“ als erster Band einer neuen Reihe „Interdisziplinäre Studien zur Transformation (IST)“ herausgegeben. Diese Reihe will sich in den kommenden Jahren den großen Themen unserer Zeit aus explizit transformatorischer Sicht zuwenden. Das Handbuch Transformation setzt damit den interdisziplinären Austausch von Sozialwissenschaft und Theologie fort, der einen zentralen Aspekt im konzeptionellen Rahmen des obengenannten Studiengangs darstellt.

Zusammen mit zweiundzwanzig weiteren Autorinnen und Autoren aus Theologie und Humanwissenschaften, die zum Teil selber Lehrende an der CVJM Hochschule sind, gehen die beiden Herausgeber des Handbuches den Fragen rund um die gesellschaftlichen Veränderungsprozesse unserer Zeit nach. Sie versuchen, „den Begriff Transformation in seiner Vieldeutigkeit aufzunehmen und seine unterschiedlichen Facetten aufzuzeigen, ihn zu systematisieren und somit mehr Klarheit und Verständnis in dessen Gebrauch zu bekommen.“ (S. 14).

Die 30 Beiträge des Handbuches verteilen sich inhaltlich auf drei Teile. Ein erster einleitender Beitrag klärt den Begriff Transformation und erschließt die Systematik der Gliederung des Handbuchs. Jedem der drei Teile ist wiederum ein einleitender Beitrag der beiden Herausgeber vorangestellt, der den roten Faden zwischen den Beiträgen der jeweiligen Teile herstellt.

Alle, denen die nachhaltige Entwicklung von Gesellschaft und Kirche ein Anliegen ist, finden in diesem Handbuch jede Menge inspirierende und anregende Impulse sowie fundierte theoretische Grundlagen zum Thema Transformation.

Der erste Teil wendet sich primär aus sozialwissenschaftlicher Perspektive dem Ziel von Transformation zu. Soziale Arbeit, so belegen die Beiträge in diesem Kapitel, hat auch als Ziel, gesellschaftliche Entwicklung positiv zu beeinflussen und mitzugestalten. Welche gesellschaftliche Veränderung und Entwicklung aber soll konkret angestrebt werden? Welcher Zustand soll durch Interventionen der Sozialen Arbeit erreicht werden? Wie lässt sich messen, ob eine Entwicklung positiv, also zielführend ist oder eben nicht? Diesen Fragen wenden sich die Beiträge dieses Kapitels zu.
Die zehn Beiträge des zweiten Teils reflektieren aus einer theologischen Perspektive das Ziel von Transformation. Aus theologischer Perspektive ist es Gott, der in der Welt wirkt. Menschen sind eingeladen, an der Heilsgeschichte Gottes mit den Menschen mitzuwirken. Sie dürfen und sollen an der Dynamik des schon angebrochenen Reiches Gottes partizipieren. „Die Nachfolgerinnen und Nachfolger Jesu Christi sind eingeladen und aufgefordert, an der Sendung Gottes (missio Dei) teilzuhaben und in die Welt heilsam hineinzuwirken.“ (S. 145) „Gottes Transformation beschreibt demnach das Handeln Gottes durch Gerechtigkeit, Liebe, Diakonie, Evangelisation, Versöhnung, Schöpfungshandeln etc. mitten in dieser Welt.“ Dieses Verständnis von Transformation entfalten, belegen und hinterfragen die Beiträge des zweiten Teils aus exegetischer, systematischer, kirchengeschichtlicher, ethischer und praktisch-theologischer Perspektive.
Im dritten Teil „Transformation als Gegenstand“ nehmen die Beiträge eine untersuchend-analytische Perspektive von Transformationsprozessen ein. Hier werden die Auswirkungen der großen gesellschaftlichen Transformationsprozesse analysiert.

Gottes Transformation beschreibt demnach das Handeln Gottes durch Gerechtigkeit, Liebe, Diakonie, Evangelisation, Versöhnung, Schöpfungshandeln etc. mitten in dieser Welt.

Dieses Handbuch Transformation bietet einen umfangreichen Überblick zum aktuellen Stand der Transformationsforschung und wichtiges Hintergrundwissen. Für alle, die sich mit dem Thema Transformation auseinandersetzen wollen, bietet es eine gute Basis. Das Handbuch Transformation beleuchtet den Begriff Transformation aus theologischer und humanwissenschaftlicher Perspektive und bündelt langjährige Erfahrungen aus Forschung, Theorie und Praxis in einem Buch. Dabei wird sichtbar, welche große Relevanz das Thema für eine „Kirche in Transformation“ hat und macht deutlich, wie wichtig es ist, Veränderungsprozesse aktiv mitzugestalten.
Geschrieben aus einer eher protestantischen Perspektive ist das Handbuch Transformation auch für katholische Christinnen und Christen mit Gewinn zu lesen. Alle, denen die nachhaltige Entwicklung von Gesellschaft und Kirche ein Anliegen ist, finden in diesem Handbuch jede Menge inspirierende und anregende Impulse sowie fundierte theoretische Grundlagen zum Thema Transformation.

Handbuch Transformation. Ein Schlüssel zum Wandel von Kirche und Gesellschaft, Neukirchner Verlagsgesellschaft mbH, Neukirchen-Vluyn, 2021

Praxis

Rezension: Maja Göpel: Unsere Welt neu denken. Eine Einladung

Cover: Unsere Welt neu denken
„Unsere Welt neu denken. Eine Einladung“, so lautet der Titel des aktuellen Buchs von Maja Göpel, das 2020 veröffentlicht und Anfang dieses Jahres auch als Taschenbuch auf den Markt kam.

Die Autorin Maja Göpel leitet als Generalsekretärin den Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung für globale Umweltveränderungen, lehrt als Honorar­professorin an der Leuphana Universität Lüneburg, ist Mitbegründerin von #Scientists4Future und gehört dem Club of Rome an. Die Politökonomin gilt als anerkannte Transformationsforscherin, Nachhaltigkeitsexpertin und Gesell­schafts­wissenschaftlerin mit Schwerpunkt auf transdisziplinärem Denken. In den vergangenen Jahren hat sie sich zunehmend auf Wissenschaftskommunikation spezialisiert. Sie ist durch regelmäßige Publikationen, Vorträge sowie Interviews in Medien öffentlich präsent und zählt aktuell zu Deutschlands einflussreichsten und inspirierendsten Ökonominnen.

“Unsere Welt neu denken” ist eine Einladung. Göpel möchte die Lesenden dafür gewinnen, die Welt neu zu denken. Ausgangsgangpunkt für ihre Überlegungen ist die Feststellung, dass „sich unsere heutige Welt fundamental von der Welt vor zweihundertfünfzig Jahren unterscheidet, als die Industrielle Revolution begann.“ (GÖPEL 2021, S. 15) Ob Umwelt oder Gesellschaft – unsere Systeme seien gleichzeitig unter Stress geraten. All dies, so Göpel, könne zurückgeführt werden auf die Regeln, nach denen wir unsere Wirtschaftsysteme aufgebaut haben.

Doch obwohl wir heute in einer anderen Welt leben als noch zu Beginn der Industriellen Revolution, „suchen wir heute vorwiegend mit der damaligen Sichtweise auf die Welt nach Lösungen. Wir haben vergessen, unsere Denkmuster auf ihre Tauglichkeit für die Gegenwart zu prüfen. Sie zu hinterfragen macht die Hebel frei, mit denen wir aus der Krise in die Zukunftsgestaltung im 21. Jahrhundert kommen.“ (GÖPEL 2021, S. 15) Damit macht Göpel sich ein Konzept aus der Systemtheorie zu eigen, wonach (Lebendige) Systeme oft auf Lösungen setzen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt, in einem bestimmten Kontext sinnvoll und hilfreich waren. Werden solche Lösungen weiter genutzt, obwohl sich der Kontext ändert, können Lösungen Teil des aktuellen Problems werden. Um die aktuellen Krisen zu meistern, müssten wir uns, so Göpel, “die Regeln bewusst machen, nach denen unser Wirtschaftssystem gebaut ist. Erst, wenn wir sie erkennen, können wir sie auch ändern. (GÖPEL 2021, S. 22)

In den weiteren Kapiteln entfaltet Göpel diese Grundgedanken. Zunächst legt sie dar, inwiefern sich unsere Situation heute von der der Menschen zu Beginn der industriellen Revolution unterscheidet. “Während der Menschheit lange sehr viel Planet für wenige Menschen gegenüberstand, gibt es heute für immer mehr Menschen immer weniger Planet. Will die Menschheit nicht ihren eigenen Zusammenbruch herbeiführen, muss sie lernen, in einer vollen Welt zu wirtschaften, auf einem einzigen Planeten, mit begrenzten Ressourcen.” (GÖPEL 2021,36) So werde es ganz neu zur Aufgabe für die Menschheit, die “Grenzen des Wachstums” zu erkennen und in eine neue Form des Wirtschaftens einzutreten. Die bestehenden Systeme seien nicht nachhaltig (genug) und “müssen notgedrungen zusammenbrechen, wenn wir nicht lernen, sie umzubauen.” (GÖPEL, S. 54)

Sie beschreibt das Mindset und die Gedankenwelt, die bis heute unsere Gesellschaft und insbesondere unser Wirtschaftssystem prägt. Aktuell würden die Wirtschaftswissenschaften mehrheitlich den Menschen als egoistisches Wesen denken. “Dieses Menschenbild ist falsch und muss dringend einem Update unterzogen werden. (…) Wir brauchen eine Neubetrachtung der Werte, die Menschen in ihre kooperativen Lebendigkeit stützen. (GÖPEL, S. 72)

Vom Produkt zum Prozess. Vom Förderband zum Kreislauf. Vom Einzelteil zum System. Vom Extrahieren zum Regenerieren. Vom Wettkampf zur Zusammenarbeit. Von Unwucht zur Balance. Vom Geld zum Wert.

Die neue Realität einer Welt mit begrenztem Raum und begrenzten Ressourcen ernst zu nehmen, müsse Konsequenzen für unsere Idee von Wirtschaften und für unser Verständnis von technischem Fortschritt und für unser Konsumverhalten haben. Es zeige sich mehr und mehr, dass es ein nachhaltiges, werteorientiertes Wirtschaftsmodell brauche. Göpel stellt fest, dass es eine Neuverhandlung darüber brauche, was den Wohlsinn der Menschen zukünftig ausmachen solle. Ein neuer Gesellschaftsvertrag sei nötig, um als Menschheit in eine gute Zukunft gehen zu können. Dazu seien neue Begriffe und Konzepte von Entwicklung, Fortschritt und Wachstum notwendig: “Vom Produkt zum Prozess. Vom Förderband zum Kreislauf. Vom Einzelteil zum System. Vom Extrahieren zum Regenerieren. Vom Wettkampf zur Zusammenarbeit. Von Unwucht zur Balance. Vom Geld zum Wert.” (Göpel2021, 95) Mit zahlreichen Beispielen, die Göpel an unterschiedlicher Stelle beschreibt, belegt sie, dass in einem Teil der Gesellschaft dieses neue Denken bereits Raum gewinnt und verändernd wirkt.

Nach Ansicht Göpels werde der Markt allein die Probleme der Ressourcenverknappung nicht lösen können. Es brauche ein regelndes Eingreifen des Staates. “Für knappe Güter, die den gesamten Planeten umfassen, müssen globale Ansätze gefunden werden, selbst wenn uns das schwierig erscheint.” (GÖPEL 2021, S. 155) Damit die ökologische nicht gegenüber der sozialen Frage ausgespielt werde, sei Gerechtigkeit der Schlüssel für eine nachhaltige Wirtschaftsweise, wenn sie global funktionieren solle. Ökologie und Gerechtigkeit gehören, so Göpel, zusammen.

Das abschließende Kapitel “Denken und Handeln” hat eine ganz eigene Kraft. Es lädt die Lesenden ein, sich ihrer Verantwortung und Selbstwirksamkeit bewusst zu werden. Göpel ermutigt dazu “jeden Tag Teil der Veränderung (zu) sein, die wir uns für die Welt wünschen, auch wenn sich diese Veränderung erst einmal klein und wenig anfühlt.” (GÖPEL 2021, S. 184) Göpel weist darauf hin, welche Kraft konkrete Schritte und Entscheidungen im eigenen Wirkungsbereich haben: “Konzentrieren Sie sich auf das, was in Ihrer Macht liegt, und kümmern Sie sich nicht zu sehr um das, was nicht in Ihrer Macht liegt.” (Göpel 2021,S.190)

Maja Göpel ist ein ebenso anregendes wie hoffnungsvolles und mutmachendes Buch gelungen. Sie zeigt darin Wege auf, wie wir als Menschheit gemeinsam die aktuellen Krisen meistern können. Göpels fundierte und fachliche Analysen sind gut nachvollziehbar. Auch komplizierte Zusammenhänge werden von ihr prägnant und gut verständlich dargestellt. Göpel gelingt es, „die großen Linien des heute zu spürenden Zeitenwandels in möglichst zugänglicher Form darzulegen und ein paar Ideen und Sichtweisen anzubieten, die zwischen den scheinbar unauflöslichen Positionen der Bewahrerinnen und Blockiererinnen vermitteln.“ (GÖPEL 2021, S. 18) Sie bringt so Orientierung in den Suchprozess nach einer gemeinsamen, nachhaltigen Zukunft.

Am Ende des Buches wird deutlich, wie sehr es in dieser Krisen erfüllten Zeit darauf ankommt, dass wir uns als Menschheit ein “neues Denken” zu eigen machen müssen, wenn wir eine gute, gemeinsame Zukunft haben möchten. Göpel weist uns dabei auf unsere Gestaltungsmöglichkeiten und somit auch auf unsere Verantwortung hin, die uns als Menschheit insgesamt, aber auch jedem einzelnen als Individuum zukommt. Denn Zukunft, so Göpel, “ist nichts, was bloß vom Himmel fällt. Nichts, das einfach so passiert. Sie ist in vielen Teilen das Ergebnis unserer Entscheidungen.“ (GÖPEL 2021, S. 14)

Der Kairos unserer Zeit ruft uns auf, “unsere Welt neu zu denken”. Wir sind eingeladen, die nachhaltige Entwicklung der Gesellschaft und unseres Wirtschaftssystems mitzugestalten. Göpels Buch macht Mut und weckt Lust, Teil dieser Bewegung zu sein.


Maja Göpel: Unsere Welt neu denken. Eine Einladung, Taschenbuch, 206 Seiten, Berlin 2021

Praxis

Rezension: Matthias Sellmann: Was fehlt, wenn die Christen fehlen?

Zum Hintergrund

Coverfoto Sellmann. Was fehlt, wenn die Christen fehlen
Im Jahr 2019 hat das Forschungszentrum Generationenverträge (FZG) der Albert-Ludwig-Universität Freiburg eine koordinierte Mitglieder- und Kirchensteuervorausberechnung für die katholische und evangelische Kirche in Deutschland erstellt. Seitdem liegen für die 20 evangelischen Landeskirchen und die 27 (Erz-)Bistümer der katholischen Kirche belastbare Projektionen auf dem Tisch, die zeigen, wie sich Kirchenmitgliederzahlen und Kirchensteueraufkommen langfristig bis zum Jahr 2060 mit hoher Wahrscheinlichkeit entwickeln werden. Beide Kirchen haben sich darauf einzustellen, dass Ihre Mitgliederzahlen in diesem Zeitraum um ca. die Hälfte zurückgehen werden.
Dass die Kirche an Relevanz für die Gesellschaft verliert, wird aktuell von niemandem ernsthaft bestritten. Das Christentum scheint unaufhaltsam aus der Gesellschaft zu verschwinden. Schon etwa 2030 werden gemäß der Prognosen die Christinnen und Christen nicht einmal mehr die Hälfte der Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland ausmachen. Ein post-christliches Zeitalter wird also am Horizont sichtbar.

Sellmann legt dar, dass Christsein – entgegen einem oft vermittelten Eindruck – nicht aufgeht in Moral, Dogma, Kirche oder Gehorsam


Diese Ausgangslage ist Anstoß für Matthias Sellmann, Professor für Pastoraltheologie an der Ruhr-Universität Bochum und Direktor des “Zentrums für angewandte Pastoralforschung”, über die Frage nachzudenken: “Was fehlt, wenn die Christen fehlen?”

Diese Frage bildet dann auch den Titel für sein Buch, das im Echter Verlag erschienen ist. Sellmann entwickelt darin eine “Kurzformel” des christlichen Glaubens. In leicht verständlicher und prägnanter Sprache werden Menschen darüber informiert, was das Christsein im Kern ausmacht. Sellmann legt dar, dass Christsein – entgegen einem oft vermittelten Eindruck – nicht aufgeht in Moral, Dogma, Kirche oder Gehorsam. Darüber hinaus möchte Sellmann mit seinem Buch Menschen Orientierung bieten, “die selber Christen sind und in den letzten Jahren durch so viele verwirrende Prozesse unsicher geworden sind, warum man selber noch dabeibleiben soll.” (S.14)

Inhalt

Die zentrale These des Buches ist, dass das Christsein “eine bestimmte Form von Lebensklugheit” darstellt

Sellmann geht davon aus, dass Christsein eine “Ressource für positive, gelingende Existenz” darstellt. “Ein Leben”, so Sellmann, “lebt sich nicht von selbst; man muss Entscheidungen treffen, Antworten geben, Mitstreiter/innen finden, es mit sich aushalten und im Ganzen sein Glück versuchen.” (S.17f) Diese Lebensleistung ist von jedem Menschen gefordert. Das Christentum hat, so Sellmann weiter, eine Idee davon, wie die Bewältigung dieser Aufgabe gut und erfolgreich gelingen kann.

Die zentrale These des Buches ist, dass das Christsein “eine bestimmte Form von Lebensklugheit” darstellt. Diese Lebensklugheit kann nach Sellmann auch von Menschen genutzt werden, die selber Nicht-Christen sind. Auf dieser Grundlage formuliert Sellmann die folgende Kurzformel, die er im weiteren Verlauf des Buches weiter entfaltet. Demnach ist Christsein “eine bestimmte, nämlich geistliche Form von Klugheit (phronesis). Diese Klugheit motiviert zu drei Kompetenzen, die sich im Vollzug dauernd wechselseitig ergänzen: immer weniger wegrennen (physis); aus sich herauskommen (kenosis); Kraft von außen aufnehmen (dynamis).” (S.33)

Die … von Sellmann präsentierte christliche Lebensklugheit baut auf drei Kompetenzen (physis, kenosis, dynamis) auf

Biblisch hängt Sellmann seine Kurzformel am Philipper-Hymnus (Phil 2,5-11) auf. Er entdeckt in diesem biblischen Christus-Hymnus einen vierstufigen Aufbau: Auf eine Art Einleitung folgen drei Strophen. Nachdem die Einleitung, die Gesinnung Christi thematisiert (phronesis), wird in der ersten Strophe die Abwärtsbewegung Christi (kenosis) besungen. Die zweite Strophe handelt von der “Bewährung” Christi in der Welt (physis). Die dritte Strophe besingt, dass Gott Christus erhöht hat, beschreibt also eine Aufstiegsbewegung.

Die so von Sellmann präsentierte christliche Lebensklugheit baut auf drei Kompetenzen (physis, kenosis, dynamis) auf, denen Sellmann jeweils ein eigenes Kapitel widmet, um zu erschließen, was mit diesen Kompetenzen gemeint ist. Dies erfolgt jeweils in einem Dreischritt: Zunächst wird zu jeder Kompetenz der Sitz im Leben sowie der Sitz im Christus-Hymnus erläutert. Im weiteren Verlauf wird jeweils eine christliche Person aus der jüngeren Zeitgeschichte vorgestellt (Dietrich Bonhoeffer, Chiara Lubich und Madeleine Delbrêl), in deren Biografie die jeweilige Kompetenz besonders gut durchscheint. Zuletzt wird auf Materialien verwiesen, die einen ganzheitlichen Zugang (“mit allen Sinnen”) zu den jeweiligen Kompetenzen ermöglichen. Hier finden sich YouTube-Links zu Videos aus der Theologischen LateNightShow “Sellmanns guter Abend”. Sie führen zu Interview-Filmen, die die jeweilige Kompetenz veranschaulichen, Comedy-Schnipseln und einem Konzertfilm zu Johann Sebastian Bach. Darüber hinaus wird auf Bilder des Elija-Zyklus der Benediktinerabtei Kornelimünster und das ZAP-Projekt “Raumdüfte für Kirchen und kirchliche Gebäude” verwiesen, bei dem zu den drei Kompetenzen jeweils ein Duft entwickelt wurde.

Was mir an dem Buch gefällt

Der populärwissenschaftliche Ansatz des Buches und die Sprachbegabung Sellmanns sorgen dafür, dass das Buch … leicht lesbar und verständlich ist

Matthias Sellmann ist ein auf vielfache Weise starkes und anregendes Buch gelungen! Schon beim ersten Aufschlagen des Buches fällt dem Leser eine Duftkarte mit einem Motiv des Elija-Zyklus der Benediktinerabtei Kornelimünster entgegen. Das macht neugierig und weckt Lust zur Auseinandersetzung mit der in diesem Buch angebotenen Kurzformel des Christseins.

Der populärwissenschaftliche Ansatz des Buches und die Sprachbegabung Sellmanns sorgen dafür, dass das Buch (auch für Nicht-Theolog:innen bzw. Nicht-Christ:innen) leicht lesbar und verständlich ist. Die mitunter launig dargestellten Inhalte sorgen dafür, dass die Lesefreude nicht abreißt.

Für Christ:innen bietet die Kurzformel einen interessanten und inspirierenden Zugang zum christlichen Glauben, der auch aufgeklärten Menschen einer postmodernen Welt plausibel erscheint. Alles in allem handelt es sich hier um ein Buch, das auch von Nicht-Christen mit Gewinn gelesen werden kann und das dazu einlädt, die Lebensklugheit des Christentums für die eigene Lebensbewältigung nutzbar werden zu lassen.

Vermutlich mögen nicht alle die lockere, mitunter humorige Sprache des Buches und manchem mag das Buch vielleicht nicht wissenschaftlich oder ausführlich genug erscheinen. Für all diese gibt es eine ausführliche Fundierung der Kurzformel in dem ebenfalls 2021 im Echter Verlag erschienen Buch “Matthias Sellmann: Geistliche Klugheit als Lebenskompetenz. Fundierungen einer Kurzformel des christlichen Glaubens”.

Praxis

Rezension: Valentin Dessoy, Ursula Hahmann, Gundo Lames (Hrsg.): Macht und Kirche

“Macht und Umgang mit Macht in der Kirche” – so lautete das Motto des 6. Kongresses der Kongressreihe “Strategie und Entwicklung in Kirche und Gesellschaft”, der im Dezember 2019 in Bensberg stattfand. Die Kongressreihe wendet sich an Führungs- und Fachkräfte kirchlicher Organisationen (Bistümer, Landeskirchen, Caritas und Diakonie, Verbände, Einrichtungen, Unternehmen, Hochschulen, Orden, etc.) sowie Verantwortungsträger:innen in der Gesellschaft. In den letzten Jahren haben sich diese Strategiekongresse als Plattform etabliert, bei der relevante Zukunftsthemen an der Schnittstelle zwischen Kirche und Gesellschaft in fundierter und differenzierter Atmosphäre betrachtet, in freier und konstruktiver Atmosphäre diskutiert und mit der eigenen beruflichen und organisatorischen Praxis verknüpft werden können.

Im Nachgang des Strategiekongresses haben Valentin Dessoy, Ursula Hahmann und Gundo Lames im Echter Verlag unter dem Titel “Macht und Kirche” einen Sammelband herausgegeben, der die (zum Teil leicht überarbeiteten) Vorträge und Keynotes der Vorträge des Kongresses einer breiten Öffentlichkeit zugänglich macht. Ergänzt wurden diese Beiträge um markante Beiträge der futur2 Ausgabe (2/2019), die mit dem Themenschwerpunkt “Macht” erschienen ist, und so das Kongressthema vertiefend begleitete. Darüber hinaus wurde im Vorfeld des Kongresses eine Befragung von Führungskräften der evangelischen und der katholischen Kirche zum Thema Macht durchgeführt. Die Ergebnisse dieser Befragungen wurden ebenfalls in diesen Sammelband aufgenommen.

Das Buch bietet eine Fülle von Anregungen, über neue Formen von Machtverteilung und Leitungsmodellen nachzudenken und lädt dazu ein, im eigenen Wirkungsbereich neue Formen des Miteinanders auszuprobieren bzw. zu implementieren

Inhaltlich gliedern sich die Beiträge in fünf Kapitel. Nach einer philosophisch und sozialwissenschaftlich fundierten Grundlegung des Themas (“Macht und System”) folgen im ersten Kapitel Beiträge aus unterschiedlichen “Außenperspektiven”, u.a. aus gesellschaftswissenschaftlichem, soziologischem, psychologisch-pädagogischem und systemisch-organisationstheoretischem Blickwinkel. Die Autor:innen beschreiben, wie Machtstrukturen und -mechanismen funktionieren, wie Macht im System Kirche wirksam ist und sich auf unterschiedliche Weise zeigt, wo sie hilfreich und zielfördernd ist, aber auch, wie sie missbraucht werden kann oder einfach nur unzeitgemäß ist.

Im zweiten Teil finden sich Beiträge, die das Thema Macht und Kirche aus der Perspektive unterschiedlicher theologischer Fachdisziplinen reflektieren. Neben systematisch-theologischen Beiträgen finden sich hier pastoral-theologische, liturgische und kirchenrechtliche Reflexionen.

Das dritte Kapitel stellt die schon oben genannte, nicht repräsentative Befragung 540 evangelischer und katholischer Führungskräfte und ihre zentralen Ergebnisse vor; die Ergebnisse der Studie zeigen markante konfessionelle Unterschiede der Einschätzungen kirchlicher Führungskräfte im Hinblick auf das Thema Macht auf.

Unter der Überschrift “Erfahrungen und Orientierung” sammelt das vierte Kapitel Beiträge konkreter Erfahrungen im Umgang mit Macht und Ohnmacht vor allem aus der Perspektive von Führungskräften der beiden Kirchen. Aufgrund ihrer Erfahrungen entwickeln die Autor:innen “Orientierungshilfen, wie ein guter, von der Botschaft des Evangeliums getragener Umgang mit Macht aussehen kann.” (S. 189)

Im fünften Kapitel finden sich Beiträge, die organisatorische Implikationen und Optionen für die Entwicklung in der katholischen Kirche beschreiben: Wie können differenzierte, Hierarchie und Partizipation ausbalancierende, transparente Entscheidungsstrukturen in der Kirche aussehen? Welches Potenzial steckt in dem aus der Tradition der Orden bekannten Modell der “Leitung auf Zeit”? Wie zeigt sich Macht in “kollegialen Organisationen”? Wie kann eine flexibel konfigurierbare Architektur geteilter Leitung auf Basis des vorgebenen kirchenrechtlichen Rahmens aussehen? Wie können agile Strukturen in einer Bistumsverwaltung implementiert werden? Diese und weitere Fragen werden in den Artikeln aufgegriffen und vertieft.

Macht, so lässt das Ergebnis der im Buch vorgestellten Studie vermuten, scheint insgesamt für Führungskräfte der katholischen Kirche ein drängenderes Thema zu sein als für evangelische Führungskräfte

Spätestens seit der Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche steht die Frage nach dem Umgang mit der Macht in der Kirche auf der Tagesordnung. Zeigt sich doch hier in besonders bedrückender Weise, welche schlimmen Verbrechen im Macht-Raum der Kirche möglich waren. Die lange tabuisierte Frage danach, wie Macht in der Kirche ausgeübt wird und wie Macht verteilt und kontrolliert werden kann, wird aktuell nicht nur beim “Synodalen Weg” heftig diskutiert.

Macht, so lässt das Ergebnis der im Buch vorgestellten Studie vermuten, scheint insgesamt für Führungskräfte der katholischen Kirche ein drängenderes Thema zu sein als für evangelische Führungskräfte. Die Studie weist zudem darauf hin, welche Problemanzeigen es aus Sicht kirchlicher Führungskräfte im Hinblick auf das Thema Macht gibt. Evangelische Führungskräfte problematisieren vor allem Verschleierung von Macht, Machtstreben und Bildung von Seilschaften. Katholische Führungskräfte sehen vor allem Klerikalismus, Machtmissbrauch, Machtkonzentration, Machtverschleierung u.ä. als zu lösende Probleme.

Mit dem hier vorgestellten Buch ist den Herausgeber:innen ein ebenso wichtiges, wie lesenswertes Buch gelungen. Es stellt eine Fülle von anregenden Beiträgen zusammen, die immer wieder benannte Problemstellungen und Herausforderungen im Umgang mit Macht in der Kirche analysieren, bewerten und Wege aufzeigen, wie eine nachhaltige Entwicklung im Umgang mit Macht in den Kirchen aussehen könnte.

Trotz einer ökumenischen Offenheit der Veranstaltung zeigte sich schon beim Strategiekongress, dass das Thema Macht in der Kirche eher die katholische Perspektive im Blick hatte. Das setzt sich auch im Sammelband fort. Die überwiegende Zahl der Autor:innen schreibt mit einem katholischen Hintergrund. Dennoch finden sich hier viele Artikel, die sehr grundsätzliche Fragestellungen aufgreifen und überkonfessionelle Relevanz haben.

Die Beiträge weisen auf die enormen Herausforderungen hin, vor denen die Kirchen im Hinblick auf den Umgang mit Macht stehen. Sie zeigen auch, wie weit insbesondere die katholische Kirche dabei von allgemein gültigen Standards entfernt ist und welche tiefgreifenden Veränderungen notwendig sind. Hierin liegt sicherlich mit ein zentraler Treiber für die Entfremdung vieler Katholik:innen von ihrer Kirche.

Die Beiträge zeigen auch, wie weit insbesondere die katholische Kirche dabei von allgemein gültigen Standards entfernt ist und welche tiefgreifenden Veränderungen notwendig sind

Wie immer bei solchen Publikationen wird man ggf. nicht jeden Beitrag mit dem gleichen Interesse lesen. Dennoch ist das Buch all denen zu empfehlen, die auf unterschiedlichen Ebenen kirchlicher Organisationen darüber nachdenken, wie eine nachhaltige Entwicklung des kirchlichen Systems aussehen kann, das einerseits den Missbrauch von Macht verhindert, andererseits aber die den Kirchen eigene pastorale Wirkmacht in den Dienst der Menschen und der Gesellschaft stellen kann. Das Buch bietet eine Fülle von Anregungen, über neue Formen von Machtverteilung und Leitungsmodellen nachzudenken und lädt dazu ein, im eigenen Wirkungsbereich neue Formen des Miteinanders und der Entscheidungsfindung auszuprobieren bzw. zu implementieren.

Valentin Dessoy, Ursula Hahmann, Gundo Lames (Hg.): Macht und Kirche, Würzburg 2021

Praxis

Es bleibt alles anders – 10 Jahre futur2

Im Jahr 2011 erschien die erste futur2. Seit zehn Jahren erscheint zweimal jährlich eine neue Ausgabe des Onlinemagazins zu Themen der Strategie und Entwicklung in Kirche und Gesellschaft. Grund zum Feiern, aber auch Gelegenheit, Rückschau zuhalten. Der folgende Beitrag zeichnet wichtige Etappen der rasanten Entwicklungsgeschichte der futur2 nach.

Wie alles begann

Im Jahr 2011 ging die erste Ausgabe der futur2 online. Herausgeber waren Valentin Dessoy, Gundo Lames, Martin Lätzel und Frank Reintgen. Nach intensiven, konzeptionellen Überlegungen gründeten die vier dazu die futur2 GbR. Vision der Gründer war es, eine Onlineplattform zum Themenfeld „Strategie und Entwicklung in Kirche und Gesellschaft“ zu etablieren.

In der Folge erschien die futur2 unter www.futur2.org als Onlinemagazin. In dieser frühen Phase der futur2 wurden die Autorinnen und Autoren primär in den persönlichen Netzwerken und Arbeitskontexten der Herausgeber gefunden. Von Anfang an gab es eine große Bereitschaft bei Autorinnen und Autoren, Beiträge beizusteuern. Eine Ausgabe bestand schon damals jeweils aus einem Mix von konzeptionellen Beiträgen, Praxisreflexionen, methodischen Artikeln und Hinweisen auf neue Publikationen.

Die ersten Jahre erschien futur2 noch in einem sehr schlichten und 08/15-Layout. Dennoch gelang es schnell, viele Leserinnen und Leser zu gewinnen. Anders als heute war die futur2 in dieser Phase nur für Abonnentinnen bzw. Abonnenten zugänglich. Die ersten Strategiekongresse waren eine wichtige Plattform, um auf das neue Onlinemagazin aufmerksam zu machen.

Von der GbR zum e.V.

Es zeigte sich bald, dass das Abo-Modell der Sharing-Kultur des Internets entgegenstand. Auch waren die Herausgeber mit dem selbstgestrickten Layout des Onlinemagazins zunehmend unzufriedener. Zudem zeichnete sich ab, dass gewünschte Funktionalitäten nicht mehr ohne professionelle Unterstützung umzusetzen waren.

Deshalb wurde nach einer neuen Organisationsform gesucht, um einen Relaunch des Magazins zu realisieren. Die GbR wurde aufgelöst, Gundo Lames und Martin Lätzel mussten wegen fehlender zeitlicher Kapazitäten aus der Redaktion ausscheiden. In der Folge wurde auf Initiative von Valentin Dessoy und Frank Reintgen am 5. April 2014 in Köln der Verein „Strategie und Entwicklung in Kirche und Gesellschaft e.V.“ gegründet. Valentin Dessoy (1. Vorsitzender), Barbara Kruse (2. Vorsitzende), Frank Reintgen (Schriftführer) und Ralph Baumgarten (Kassenführer) bildeten den ersten Vorstand des Vereins.

Ziel des neu gegründeten Vereins war es, Menschen, denen die nachhaltige Entwicklung von Kirche und Gesellschaft auf Grundlage des christlichen Menschenbildes ein Anliegen ist, miteinander zu vernetzen. Dazu gibt der Verein die Onlinezeitschrift futur2 heraus und stellt die redaktionelle Betreuung der Seite sicher. Schon bei der Gründung gab es die Hoffnung, dass der Verein über die Herausgabe von futur2 hinaus, durch die Organisation von Kongressen und Fachveranstaltungen, den Dialog über die langfristige, wertorientierte Entwicklung von Gesellschaft und Kirche fördern könnte.

Bei den jährlich stattfindenden Mitgliederversammlungen des Vereins steht deshalb bis heute neben einem satzungsgemäß vorgesehenen formalen Teil der fachliche Austausch und die Möglichkeit zur Vernetzung im Fokus dieser Events.

Relaunch und Markenbildung

Die neue Organisationsform als e.V. ermöglichte es, Stiftungsgelder für den dringend notwendigen Relaunch zu akquirieren. In Kooperation mit der Agentur XIQIT aus Aachen entstand ein neues Logo sowie das markante Design der neuen futur2. Ein schöner Nebeneffekt dieser Kooperation war es, dass Ursula Hahmann, Geschäftsführerin der XIQIT, als Redaktionsmitglied für futur2 gewonnen (und später auch als Mitglied im Vorstand des Vereins eingebunden) werden konnte. Im Frühjahr 2015 erschien die erste Ausgabe von futur2 im neuen Gewand. Mit dem Relaunch endete auch das Abo-Modell von futur2 und die Artikel sind seither kostenfrei für alle lesbar. Die laufenden Kosten für den Betrieb des Onlinemagazins werden nun über die Mitgliedsbeiträge des Vereins finanziert. Auch in der neuen Organisationsform bleibt das Onlinemagazin futur2 ein Herzensprojekt. Die Redaktion wie auch die Autorinnen und Autoren arbeiten seit der ersten Ausgabe ohne Honorare.

Mit dem Relaunch startete die Redaktion auch die Präsenz der futur2 auf Facebook. Ein Twitterkanal, der auf neue Ausgaben und ausgewählte Artikel hinweist, hat sich ebenfalls etabliert. Dass futur2 wahrgenommen wird, zeigen die hohen, stetig wachsenden Klickzahlen. Und immer wieder erreichen die Redaktion Anfragen, einzelne Artikel nachdrucken bzw. an anderer Stelle veröffentlichen zu dürfen. Auch im wissenschaftlichen Betrieb finden die Artikel Beachtung und werden wahrgenommen. Zunehmend gelingt es, profilierte Autorinnen und Autoren dafür zu gewinnen, Beiträge für futur2 beizusteuern und die einzelnen Ausgaben von futur2 werden inzwischen von einem deutlich gewachsenen Redaktionsteam verantwortet.

Verein übernimmt die Trägerschaft für die Strategiekongresse

Von Beginn an gab es eine große Nähe und personelle Überschneidung zwischen den „Macherinnen bzw. Machern“ von futur2 und der Kongressreihe „Strategie und Entwicklung in Kirche und Gesellschaft“. Verschiedene Umstände haben dazu geführt, dass die bisherige Trägerstruktur des Strategiekongresses neu überdacht werden musste:

  • Nach dem letzten Strategiekongress 2019 zeichnete sich ab, dass es einen Wechsel bei den bisherigen Trägern der Kongressreihe geben würde
  • Aus unterschiedlichen Gründen schieden mehrere Personen aus dem Kongressboard aus, also der Gruppe, die bisher die Strategiekongresse organisierte

Nach Prüfung verschiedener Optionen wurde im Board des Strategiekongresses ein Modell favorisiert, bei dem der Verein „Strategie und Entwicklung in Kirche und Gesellschaft e.V.“ zukünftig die Trägerschaft für die Kongressreihe übernimmt. Der Vorstand des Vereins hat nach intensiver Prüfung des Modells im Sommer 2020 beschlossen, künftig die Trägerschaft der Kongressreihe zu übernehmen.

Die Vorbereitungen für den 7. Strategiekongress, der vom 7. bis 8. Dezember 2021 in Bensberg stattfinden wird, läuft auf vollen Touren. Er wird unter dem Thema „Auflösung. Kirche reformieren, unterbrechen, aufhören?“ stehen. Es zeichnet sich ab, dass auch dieser Kongress wie bisher in Kooperation mit anderen Partnern durchgeführt wird. Neben der Thomas Morus Akademie, kairos Coaching, Consulting, Training und dem Bistum Trier konnte auch midi (Evangelische Arbeitsstelle für missionarische Kirchenentwicklung und diakonische Profilbildung) als Veranstalter für den kommenden Kongress gewonnen werden. Durch die Kooperation mit midi bekommt die schon lange gewünschte ökumenische Perspektive der Kongressreihe einen starken Auftrieb.

futur2 wächst – Umbenennung des Vereins

Inzwischen hat der Verein über 100 Mitglieder, die mir ihren Mitgliedsbeiträgen vor allem das Erscheinen des Onlinemagazins ermöglichen. Aber futur2 hat sich in den vergangenen 10 Jahren zu einer Marke entwickelt, die mehr umfasst. So war es folgerichtig, dass sich der Verein“Strategie und Entwicklung in Kirche und Gesellschaft e.V.“ im Oktober 2020 umbenannt hat und nun „futur2 e.V.“ heißt. Der Verein futur2 wird auch weiterhin Menschen vernetzen, die nach Strategien und innovativen Ideen suchen, wie nachhaltige Entwicklung von Kirche und Gesellschaft angestoßen und realisiert werden kann.

Auch weiterhin werden Menschen zusammengebracht, die sich trauen, Kirche und Gesellschaft neu zu denken und die ihre Kompetenzen und Kreativität zur Verfügung zu stellen, um die anstehenden kirchlichen und gesellschaftlichen Transformationsprozesse zu bewältigen. Der Verein futur2 verantwortet mit dem Onlinemagazin und der Kongressreihe zwei starke Formate, die auch künftig wichtige Impulse für eine zukunftsorientierte Kirchenentwicklung im deutschsprachigen Raum setzen werden.

Praxis

Rezension: Benedikt Jürgens/Matthias Sellmann (Hg.): Wer entscheidet, wer was entscheidet?

Das vor kurzem von Benedikt Jürgens und Matthias Sellmann herausgegebene Buch “Wer entscheidet, wer was entscheidet? Zum Reformbedarf kirchlicher Führungspraxis” fällt mitten in eine Zeit schwerster Krise der katholischen Kirche. Nicht zuletzt wird in den vergangenen Jahren zunehmend insbesondere die kirchliche Entscheidungspraxis angefragt. So verstehen Jürgens und Sellmann ihr Buch als Beitrag zum synodalen Weg der deutschen Kirche, der als Reaktion auf die öffentlich gewordenen Missbrauchsverbrechen in der Katholischen Kirche initiiert wurde. Er zielt nicht zuletzt auch auf systemische Veränderung in der Kirche und fragt danach, wie sich kirchliche Strukturen ändern müssen, um künftigen (Macht-)Missbrauch zu verhindern.

Die Kirchenkrise, so die Gewissheit der Herausgeber, ist zugleich eine Führungskrise. Das sei besonders kritisch, weil Reformen epochalen Ausmaßes anstehen. Reformen aber sind Entscheidungen. Wenn die Entscheidungspraxis der Kirche sowohl bei den Kirchenmitgliedern selber als auch im gesellschaftlichen Umfeld unter massivem Legitimierungsdruck steht, gefährdet dies die anstehenden Transformationsprozesse. Die Frage “Wer entscheidet, wer was entscheidet?” wird so zu einer der zentralen Zukunftsfragen der katholischen Kirche.

Die Beiträge in dem von Jürgens und Sellmann herausgegebenen Band gehen zurück auf den Arbeitskreis “Führen und Entscheiden in der Katholischen Kirche” der katholischen-theologischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum, der vom Lehrstuhl für Pastoraltheologie und dem “Zentrum für angewandte Pastoralforschung” (zap) initiiert wurde. Im Arbeitskreis arbeiteten Vertreterinnen bzw. Vertreter unterschiedlicher theologischer Disziplinen interdisziplinär zusammen. 2019 wurden im Arbeitskreis erarbeitete Thesen einem größeren und öffentlichen Publikum vorgestellt. Die überarbeiteten Thesen bilden den Kern des vorliegenden Buches. Aus verschiedenen theologischen Disziplinen wird das kirchliche Führungsthema ausgeleuchtet und die aktuelle kirchliche Entscheidungspraxis kritisch hinterfragt.

Kirchliche Entscheidungspraxis steht … gesellschaftlich unter enormem Legitimierungsdruck.

Die Beiträge zeigen überdeutlich: Das aktuell wirksame kirchliche Führungskonzept und die damit verbundene kirchliche Entscheidungspraxis stecken in der Krise. Die Entscheidungspraxis der katholischen Kirche, wie sie sich heute ausgeprägt hat, steht in doppelter Hinsicht unter Druck. Aus dem Inneren heraus wird mit Verweis auf die biblischen Quellen theologisch kritisch hinterfragt, wie faktisch in Kirche Entscheidungsprozesse laufen. Darüber hinaus weicht kirchliche Entscheidungspraxis stark von allgemein gültigen gesellschaftlichen Standards ab. Kirchliche Entscheidungspraxis steht somit auch gesellschaftlich unter enormem Legitimierungsdruck.

Die Beiträge des Bandes und ihre Lösungsvorschläge kommen vor allem aus der intensiven Reflexion der eigenen kirchlichen Tradition und bezeugen somit eine Innensicht. Die aktuelle, reale kirchliche Entscheidungspraxis wird in Beziehung zum eigenen Anspruch, zu ihrer eigenen Geschichte und ihren eigenen Praktiken gesetzt. Auf diese Weise wird der Reformbedarf aber auch das Reformpotential sichtbar gemacht.

Das Buch ist unterteilt in fünf Kapitel, die jeweils markieren, aus welcher Perspektive der Reformbedarf kirchlicher Führungspraxis untersucht wird:

  1. philosophisch
  2. biblisch theologisch
  3. historisch theologisch
  4. systematisch theologisch
  5. praktisch theologisch

Die im Band präsentierten Antworten und Optionen … weisen … eindringlich darauf hin, wie groß der Reformbedarf bzw. -druck auch im Hinblick auf die kirchliche Entscheidungspraxis ist.

Abgerundet wird der Band durch eine die Beiträge auswertende, praktisch-theologische Reflexion. Auf Grundlage dieser Reflexion entwickeln die Herausgeber eine “Kriteriologie einer praktischen Theologie kirchlichen Entscheidens” und nennen dreizehn Kriterien, an denen sich kirchliches Führen und Entscheiden messen lassen sollte:
  1. Inspirierte Legitimität
  2. Inklusion moderner Wertestandards
  3. Aktives Lernen
  4. Freisetzung neuer Potentiale
  5. Transparenz
  6. Verbindliche und verlässliche Prozesse
  7. Balancierte Symbolizität
  8. Partizipation
  9. Gewaltenteilung und -kontrolle
  10. Strukturell geregelte Selbstbegrenzung
  11. Kollegialität
  12. Ethos und Habitus
  13. Professionalität

Ohne auf alle Beiträge eingehen zu können, sollen im Folgenden einige Beiträge besonders hervorgehoben werden.

  • Katharina Pyschny verdeutlicht an drei ausgewählten biblischen Perikopen des Alten Testaments, welche Ressource von Denkmöglichkeiten und Handlungsoptionen in Führungsfragen alttestamentarische Texte liefern. Das überrascht und irritiert. Das nach wie vor gängige Klischee einer streng-hierarchisch geprägten Kultur bekommt hier wertvolle Ergänzungen. Pyschny stellt fest, dass in den biblischen Texten Führung bleibend angefragt ist und das diskursive Moment wesentlich zum Volk Gottes auf seinem Weg ins verheißene Land dazu gehöre.
  • Georg Essen weist im Rückgriff auf das geschichtswissenschaftliche Konzept “Invention of Tradition” auf eine paradoxe Situation hin. Im 19. Jahrhundert fand, so Essen, im amtlichen Kirchenverständnis ein Traditionsbruch statt, der eine veränderte Kirche hervorgebracht hat, die in ihrer Selbstbeschreibung proklamiert, Hüterin der Tradition zu sein. Im 19. und 20. Jahrhundert habe eine Entwicklung stattgefunden, die die römisch-katholische Kirche normativ, das heißt dogmatisch, rechtlich und ekklesiologisch, in eine Hermetik geführt hat, aus der, so Essen, kein Ausweg mehr möglich sei. Sein Beitrag ernüchtert, weil er die Größe der Herausforderung deutlich macht. Er weist auf, an welcher Stelle systemisch gesehen der Hebel anzusetzen wäre. Substantielle Veränderung sei nur möglich, wenn sich das kirchliche Selbstverständnis radikal ändert, und dieses veränderte Selbstverständnis zu einer veränderten Dogmatik und einem veränderten Kirchenrecht führt.
  • Böntert widmet sich der Liturgie und sieht sie als Brennpunkt von Leitung in der Kirche. Er weist darauf hin, dass bei jeder liturgischen Feier ein Bild von Macht in der Kirche zum Ausdruck gebracht und gleichzeitig normativ proklamiert wird. Er lenkt damit den Blick auf ein Thema, das zu selten im Kontext von Kirchenreform im Blick ist. Die Bedeutung der Liturgie in den Prozessen des Umdenkens und Neuformulierens von Leitung und die Wirkkraft von Ritualen wird oft unterschätzt. An einigen Beispielen weist Böntert nach, wie aktuelle liturgische Vorschriften dazu führen, dass in der  Liturgie ein bestimmtes Kirchenverständnis inszeniert, gestärkt und verfestigt wird.

Es ist eine ebenso kritische wie notwendige Frage, mit der Benedikt Jürgens und Matthias Sellmann das von Ihnen herausgegebene Buch betitelt haben: “Wer entscheidet, wer was entscheidet?”. Die im Band präsentierten Antworten und Optionen sind eindeutig und weisen (nochmals) eindringlich darauf hin, wie groß der Reformbedarf bzw. -druck auch im Hinblick auf die kirchliche Entscheidungspraxis ist. Zudem verdeutlichen die vielen Artikel in ihrer unterschiedlichen Perspektive, welches Potential der Rückgriff auf die biblische Botschaft und die zweitausendjährige Glaubenstradition der Kirche bietet, um Kirche nachhaltig so zu verändern, dass sie ihrer Sendung treu bleiben kann.

Ein Buch, dem man wünscht, dass es gerade auch von denen gelesen wird, die entscheiden, wer was entscheidet!

Benedikt Jürgens/Matthias Sellmann (Hg.): Wer entscheidet, wer was entscheidet? Zum Reformbedarf kirchlicher Führungspraxis, Freiburg 2020

Praxis

Rezension: Monika Kling-Witzenhausen: Was bewegt Suchende?

Monika Kling-Witzenhausen: Was bewegt Suchende? Leutetheologien – empirisch–theologisch untersucht, Stuttgart 2020

Welche Themen bewegen Gläubige, die für existenzielle Grundfragen und Antwortversuche empfänglich sind, und sich in bestimmtem Maße vom kirchengemeindlichen Leben “angezogen” fühlen, dort aber nicht aktiv teilnehmen? Dieser Frage geht Monika Kling-Witzenhausen in einer empirisch-theologischen Untersuchung über Leutetheologien nach, die unter dem Titel “Was Suchende bewegt” veröffentlicht wurde.

Jede und jeder, der bzw. die sich mit Fragen nach Sinn, Gott, Religion etc. auseinandergesetzt und diese reflektiert hat, besitzt eine persönliche Theologie.

Monika Kling-Witzenhausen ist promovierte Theologin und arbeitet als Seelsorgerin in Stuttgart. Grundlegend für ihr Theologieverständnis ist die These, dass “jede und jeder, der bzw. die sich mit Fragen nach Sinn, Gott, Religion etc. auseinandergesetzt und diese reflektiert hat, eine persönliche Theologie besitzt.” (S. 20) Sie greift dabei ein Konzept auf, das Christian Bauer unter dem Begriff “Leutetheologien” in den wissenschaftlichen Diskurs eingeführt hat.

Solche Leutetheologien reifen, entwickeln und bewähren sich im konkreten Alltag eines Menschen. Sie sind stark durch die je eigene Lebensgeschichte geprägt und somit subjektiv bestimmt und konstruiert. So verstanden gibt es nicht die Leutetheologie. Leutetheologien sind plural und vielfältig. Deswegen wird der Terminus Leutetheologien nur im Plural verwendet.

Für Kling-Witzenhausen stellen Leutetheologien und akademischen Theologien verschiedene Diskursarten dar, denen verschiedene Wissensformen zugrunde liegen. Ziel der Arbeit es, Leutetheologien in den Dialog mit wissenschaftlicher Theologie zu bringen und darzulegen, wie sich beide Arten gegenseitig ergänzen und bereichern können, ja müssen.

In fünf Kapiteln präsentiert Kling-Witzenhausen die Ergebnisse ihrer Forschung. Ein erstes, einführendes Kapitel dient vor allem der Klärung zentraler Begriffe und Konzepte, auf die in der Arbeit zurückgegriffen wird, und einer pastoraltheologischen Verortung der Arbeit. Insbesondere wird hier in das Konzept der Leutetheologien eingeführt.

Kling-Witzenhausen entwickelt hier den Gedanken, dass Leutetheologien als eigenständiger und bedeutsamer locus theologicus zu werten sind und als solcher Ort der Gottesoffenbarung unbedingt Aufmerksamkeit der akademischen Theologie bedürfen.

Empirische Grundlage der Untersuchung sind narrative Interviews, die Kling-Witzenhausen mit vier “Suchenden” bzw. Schwellenchristinnen/-christen geführt hat. Hinweise zur methodischen Anlage dieser Interviews sowie eine thematische Querauswertung der Interviews finden sich im zweiten Kapitel.

Im dritten Kapitel werden ausgewählte Inhalte der Interviews in den Dialog mit akademischer Theologie gebracht. Dabei werden die von den Interviewpartnern in den Gesprächen benannten  Themen “Stellenwert der Bibel”, “(Gottes)Erfahrung und Körperlichkeit” sowie die “Mündigkeit der Gläubigen und die Frage nach Freiheit” in den Blick genommen.

Das vierte Kapitel zeichnet die Theologie-geschichtliche Debatte um die loci theologicus nach. Kling-Witzenhausen entwickelt hier den Gedanken, dass Leutetheologien als eigenständiger und bedeutsamer locus theologicus zu werten sind und als solcher Ort der Gottesoffenbarung unbedingt Aufmerksamkeit der akademischen Theologie bedürfen.

Im fünften Kapitel bündelt Kling-Witzenhausen zentrale Ergebnisse und Erkenntnisse ihrer Untersuchung. Sie legt dar, welches sowohl kritische aber auch innovative Potenzial Leutetheologien für die akademische Theologie bieten. Theologie und pastorale Praxis sind geradezu darauf angewiesen, “Leutetheologien” in den Dialog mit akademischer Theologie zu bringen, damit “die geoffenbarte Wahrheit immer tiefer erfasst, besser verstanden und passender verkündet werden kann“ (GS 44). Menschen mit ihren je eigenen (Leute-) Theologien werden so zu Subjekten im theologischen Gespräch, zum Korrektiv, zu Ideengeberinnen/-gebern und Diskussionspartnerinnen/-partnern. Die Stimmen der Leutetheologien in den akademischen Diskurs einfließen zu lassen und für Pastoral und Verkündigung fruchtbar werden zu lassen, wird eine bleibende Aufgabe für (akademische) Theologie sein (müssen).

Kling-Witzenhausen greift in ihrem Buch hochaktuelle Themen auf. Sie zeigt, welches Potenzial darin liegt, die “Welt” als Raum der Gottesoffenbarung ernst zunehmen und Theologie ausgehend von den Erfahrungen der “Leute” zu treiben. Eine solche induktive Theologie passt gut zu einer Pastoral, die Menschen den christlichen Glauben als Ressource für ihre Lebensbewältigung anbieten möchte, und Pastoral als Lebenshilfe für Menschen versteht.

Aktuelle pastorale Strategien betonen zudem, wie wichtig es ist, kirchliches Leben von den Bedarfen und Bedürfnissen der Leute her zu denken und zu konzipieren.

Eine Pastoral (Theologie), die sich als Lebenshilfe versteht, ist immer wieder neu herausgefordert, die konkreten und je unterschiedlichen Fragen und Lebensthemen von Suchenden aufzugreifen und zum Ausgangspunkt eigenen Nachdenkens und Reflektierens zu machen.

Aktuelle pastorale Strategien betonen zudem, wie wichtig es ist, kirchliches Leben von den Bedarfen und Bedürfnissen der Leute her zu denken und zu konzipieren. Die Sensibilität für Leutetheologien kann (und muss) hierbei ein wichtiger Baustein sein. Die Suche nach neuen Formen des Kirche-Seins kann nicht ohne eine wertschätzende Auseinandersetzung mit den Leutetheologien derer stattfinden, die die Kirche von morgen bilden wollen. Für die Frage, wie eine menschendienliche Kirche der Zukunft aussehen könnte, können (vielleicht müssen) Leutetheologien wichtige Impulse geben.

Praxis

“Das neue Evangelium” als digitales Filmerlebnis

Am 17. Dezember 2020 startet der Film “Das neue Evangelium” von Regisseur Milo Rau und mit Politaktivist Yvan Sagnet in der Rolle des Jesus als digitales Filmerlebnis. Dies ist ein bemerkenswertes Projekt auf das wir gerne hinweisen.

Was würde Jesus im 21. Jahrhundert predigen? Wer wären seine Jünger? Diese Frage stellt Regisseur Milo Rau in seinem neuesten Kinofilm “Das neue Evangelium”. Gedreht wurde in der süditalienischen Stadt Matera, in der bereits Pier Paolo Pasolini und Mel Gibson ihre legendären Filme über das Leben Jesus’ gedreht haben. Gemeinsam mit dem Politaktivisten Yvan Sagnet, der Jesus verkörpert, erschafft Milo Rau eine moderne und zugleich biblische Geschichte eines Schwarzen Jesus. Hauptdarsteller Yvan Sagnet stammt aus Kamerun und arbeitete selbst auf einer Tomatenplantage in Apulien, bis er 2011 den bisher größten Streik in der italienischen Landwirtschaft organisierte. Für das Filmprojekt zieht er in seiner Rolle als Jesus in das größte der Flüchtlingslager bei Matera.

Unter den dort Gestrandeten, findet er seine „Jünger“. Allesamt Verzweifelte, die über das Mittelmeer nach Europa gekommen sind, um auf den Tomatenfeldern Süditaliens versklavt zu werden und dort unter unmenschlichen Bedingungen in regelrechten Ghettos hausen. Sie starten die „Revolte der Würde“, gemeinsam mit Kleinbäuerinnen und -bauern der Region, die von großen Agrarunternehmen in den Bankrott getrieben werden, und machen so auf die herrschenden Missstände aufmerksam. Begleitet werden sie stets von der Kamera.

Jetzt sollte der Film ins Kino kommen. Doch die Kinos bleiben auch im Dezember im Rahmen des Lockdowns geschlossen. „Mit ‘Das neue Evangelium’ starten wir einen hochpolitischen Film, der thematisch offenkundig in diese Zeit gehört“, erklärt Jan Krüger vom Filmverleih Port au Prince Pictures. Daher habe man beschlossen auch bei der Herausbringung einen neuen Weg einzuschlagen: Am 17. Dezember startet “Das neue Evangelium” als digitale Kinoauswertung unter Beteiligung der Kinos. Man wolle so einen Beitrag für die von der Coronakrise schwer beeinträchtigte Kultur- und Filmlandschaft leisten, erklärt Krüger weiter. Denn durch die digitale Kinoauswertung können die teilnehmenden Kinos unmittelbar an den Streaming-Umsätzen beteiligt werden.
“Das neue Evangelium” – auf allen Ebenen ein hochpolitischer Jesus-Film, bei dem Dokumentarfilm, Spielfilm, politische Aktionskunst und Passionsspiel mit einander verschmelzen.

DAS NEUE EVANGELIUM startet am 17. Dezember 2020.
Der Vorverkauf ist ab 01. Dezember 2020 möglich.

Online-Kinotickets können unter http://www.dasneueevangelium.de erworben werden. Beim Kauf wählt der Zuschauer direkt sein Kino aus, das am Erlös beteiligt werden soll. Der Film ist nach Bezahlung und anschließender Aktivierung der Ticket-ID 24 Stunden streambar. Neben dem Film steht Bonusmaterial zur Verfügung.

Praxis

Buchrezension: Hubert Wolf, Der Unfehlbare. Pius IX. und die Erfindung des Katholizismus im 19. Jahrhundert.

Hubert Wolf hat sich mittlerweile weit über theologische oder gar kirchenhistorische Kreise einen Namen als Autor gemacht, der wissenschaftlich fundiert schreiben kann, spannende Themen aufgreift und packend erzählt. Genau das gelingt ihm alles in seinem neuen Buch, in dem er die Biographie Pius IX., Giovanni Maria Mastai Ferratis verbindet mit der ganzen Tragik seiner Zeit, den politischen Auseinandersetzungen in Europa, dem Niedergang des Kirchenstaats und dem des doch sehr massiv dagegen gesetzten Dogmas von der Unfehlbarkeit des Papstes. Wolf skizziert eine umstrittene Persönlichkeit, die Pius IX. schon in seiner Zeit war. Vor allem zeigt er die Kontexte seines Lebens und Wirkens auf.

Mastai legt eine doch recht ungewöhnliche Karriere hin. Er, der doch zunächst nicht so recht weiß, was er werden will, entscheidet sich für das geistliche Amt und wird schnell Bischof. Um ihn herum erodieren die Zeitläufe. „Wir haben zu betrachten, wie in den Stürmen der großen Französischen Revolution und den aus ihr hervorgegangenen Kriegen die alte mehr als tausendjährige Gestalt der Kirche von dem Erdboden verschwand…“ zitiert Wolf den Kirchenhistoriker Pius Bonifazius Gams aus dem Jahr 1854. Nicht nur die Gestalt wurde erschüttert, sondern gleichsam die Substanz. Wer hat das Sagen, wer bestimmt, was in der Katholischen Kirche geglaubt und vor allem: gelebt wird? Sind es die Ortskirchen, die auf mehr Eigenständigkeit aus sind? Oder gilt weiterhin der von Augustinus überkommene Grundsatz Roma locuta, causa finita? Wolf skizziert die politischen und gesellschaftlichen Kontexte und Ideen, die damals ihre Wirkung entfalteten: Die Restauration, die Romantik, die Aufklärung, das Staatskirchentum und den Ultramontanismus. Spätestens hier haben der Leser und die Leserin den Eindruck, dass wir es nicht allein mit einem historischen Werk zu tun haben, sondern uns in einer aktuellen Debatte befinden. Die Frage, ob die Kirche zentral oder dezentral gelenkt wird, ist evident wie damals. Denn mit dem Dogma, welches Pius der IX doch als fest gegeben zu verkünden glaubte, ist es so eine Sache. Weil es nie wirklich substantiell akzeptiert und rezipiert wurde, sind die Debatten geblieben und in einer Zeit, in der Globalisierung noch Nationalismus, Revanchismus und Liberalismus, Demokratie und Autokratie um die Vorherrschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts kämpfen, ist die Position Roms und des Zentralismus in der Katholischen Kirche weiterhin fragil, wenn nicht gar angesichts des vorherrschenden Pluralismus (auch in der Kirche selbst, seit Benedikt XVI. die Gültigkeit der lateinischen Messe offiziell anerkannt hat) obsolet.

Mastai wird Papst, gibt sich den Namen Pius IX, und es scheint, mit ihm zieht frischer Wind in die Kirche ein. Das hoffen manche. Andere wiederum wünschen sich klare Worte. Die Situation und um Rom war auch hier nicht anders, als sie gegenwärtig ist. Verschiedene Kräfte kämpfen miteinander, teils um ihre Ideen, teils um ihre Macht. Wenn man Wolf und sein Buch liest, bekommt man den Eindruck, dass Pius IX die Situation mehr und mehr entgleiste, oder aber, dass er der Situation mehr und mehr entrückte, um dann am Ende mit einem Dogma seine Macht zementieren zu wollen in der irrigen Annahme, das Amt des Papstes und die Gestalt der Kirche seien ein und dasselbe. Selbst um das Dogma wird gekämpft, die Gegner, wie wir wissen, unterliegen. Das Konzil wird nie beendet, sondern unterbrochen. Italienische Truppen ziehen in den Kirchenstaat ein und beenden seine Existenz. Im Augenblick der scheinbar höchsten Machtentfaltung eines Pontifex, wird er gleichzeitig ohnmächtig, wie seit Jahrhunderten nicht mehr. Pius IX. alterte zusehends, wird krank und gebrechlich und mutierte zu einem Märtyrer, zu dem ihm die politischen Umstände gemacht haben. Wirkliche Macht hat er da nicht mehr. Und die Kirche? Das Fazit lässt Wolf offen: Ist eine alte Kirche vergangen und eine neue aufgegangen? War der Bruch durch das Dogma so eminent, dass er einen Wendepunkt darstellt? Hier beginnt die Reflektion in die Gegenwart. Insofern ist Wolfs Band, wiewohl ein historischer, ein Zwinkern in die Zukunft, wenn es darum geht, zu klären, für wen die Kirche steht, für sich und ihre eigenen Machtstrukturen oder als Dienerin für alle Menschen.

Hubert Wolf, Der Unfehlbare. Pius IX. und die Erfindung des Katholizismus im 19. Jahrhundert. C.H. Beck, München 2020, 432 Seiten, 28,00 €

Praxis

Buchrezension: Etscheid-Stams, M. et al. (Hrsg.), Gesucht: Die Pfarrei der Zukunft. Der kreative Prozess im Bistum Essen

Ist Pfarrei da draußen?

Wohin entwickelt sich die Pfarrei? Wie viel ist noch in ihr drinnen? Wieviel draußen kommt rein? Ist die Pfarrei der Zukunft ein aufgeblähter Taugenichts oder ein pastoraler Keimling? – Zu solchen Fragen im Kontext dieser Ausgabe der futur2 kam der Redaktion die Anfrage der Besprechung des Buches gerade passend.1 

Das vom Team des Stabsbereichs Strategie und Entwicklung des Bischöflichen Generalvikariats im Bistum Essen und Wissenschaftlern am Zentrums für angewandte Pastoralforschung der Ruhr-Universität Bochum herausgegebene Buch veröffentlicht eine Studie, die die unter dem Titel „Pfarreientwicklungsprozess“ (PEP)2 gemachten Eingaben von 42 Pfarreien des Bistums an den Bischof zu ihrer Zukunftsvision untersucht. 

Die Studie ist eine grundlegende Untersuchung der Selbstauskunft von (parriochal verfasster) Kirche über die Entwicklung ihrer selbst und sucht, zumal in dieser Öffentlichkeit, ihresgleichen. Pastoralen Forschern und strategischen Planern steht dadurch Material zur Verfügung, welches Aussagen darüber ermöglicht, wie die Akteure in den Pfarreien sich verstehen und ausrichten wollen. Die Verantwortlichen im Bistum Essen setzen damit die begrüßenswerte wissenschaftliche Aufbereitung und Begleitung der Diözesanentwicklung fort.3  

Eingangs wird von Markus Potthoff, Leiter der Hauptabteilung Pastoral und Bildung, die Rede von der „Pfarrgemeinde“ mit ihrer inneren Logik, dass die Pfarrei eine Gemeinde am Ort sein soll, als grundlegend überholt bezeichnet: „Pfarreigrenzen (Raumlogik) sind kein Referenzpunkt für die Ausrichtung der Pastoral (Relations- bzw. Soziallogik): Näher betrachtet ist die Pfarrei eine (…) Setzung bzw. Konvention.“4 Im Unterschied zu anderen Diözesen (z.B. Münster5), die ein Verständnis von Pfarrei deklaratorisch setzen, gehen die für die Diözesanentwicklung im Bistum Essen Zuständigen in die Beobachtung: Es wird beobachtet, was die lokale Ebene selber beschreibt und was daran an Entwicklung sichtbar wird. Das induktive Vorgehen ist dann tatsächlich ein kreativer, schöpferischer Prozess.  

Interessant ist, dass die intraorganisationale Oberkategorie am meisten Seiten füllt, also die Darstellung dessen, wie die Pfarreien die innere Organisation bearbeitet. Wofür steht das?

Inwieweit die PEP-Voten als Dokumente eines nur bedingt standardisierten, weil auch sozialen, Prozesses dafür geeignet sind, soll hier nicht im Vordergrund stehen. Aber ein Fragezeichen sei erlaubt, weil das Forschungsdesign rein auf kategoriale Codes im Schlusstext der Voten setzt. Die Auswertung nutzt die Methode der qualitativ orientierten Inhaltsanalyse nach Philipp Mayring6, die „(…) mithilfe der aus dem Studienmaterial selbst generierten Analysekategorien“7 arbeitet. Somit bleibt es bei einer Selbstbeobachtung, aus systemisch-konstruktivistischer Sicht entsteht nichts Neues. Das, was durch die Analyse gehoben wird, wird durch die Analysten selber konstruiert, im schlimmsten Fall ist es sogar interessensgeleitet. Man liest das, was man lesen will. Zudem muss „(…) für die Analyse einer so breiten Materialmenge (…) ein noch sehr hohes Abstraktionsniveau gewählt werden, um das Material übersichtlich, nachvollziehbar und tatsächlich auch zusammenfassend analysieren zu können.“8 Auch eine redaktionskritische und kontextsensible Exegese fehlt.  

Die Darstellung der PEP-Voten in den gewählten 17 Kategorien – gebündelt in spiritueller, pastoraler, liturgischer, intraorganisationaler und interorganisationaler Oberkategorie – nimmt breiten Raum ein.9 Interessant ist, dass die intraorganisationale Oberkategorie am meisten Seiten füllt, also die Darstellung dessen, wie die Pfarreien die innere Organisation bearbeitet. Wofür steht das?  

In einer Zwischenreflexion wird anhand von Prototyping zwischen einem pfarreizentrierten und gemeindezentrierten Modell von lokaler Kirche in den PEP-Voten unterschieden.10 Dieser Teil der Studie berührt die Frage nach der Transformation der Pfarreigestalt unmittelbar, spricht aber an dieser Stelle richtigerweise – keine Empfehlungen aus.  

Auf Grundlage der Auswertung der PEP-Voten folgen eine Reihe von „Perspektiven“: theologische, zeitgeschichtliche, beteiligungsorientierte und umsetzungsorientierte. Die Beiträge reflektieren auf je eigene Weise die PEP-Studie vor dem Hintergrund der Frage nach der Pfarrei der Zukunft. Es sind lesenswerte Tiefenbohrungen, die zum Mitdenken anregen. Besonders die Beiträge von Hans-Joachim Sauer („Keine Angst vor dem Unmöglichen“) und Wolfgang Reuter („Der Pfarreientwicklungsprozess als seelsorgerische Herausforderung“) weiten die Perspektive in Richtung Sendungsauftrag der Kirche; die Beiträge von Thomas Wienhardt („Pfarreien mit Wirkung! Voten stärken durch Qualitätsentwicklung“) und Tobias Meier („PEP-Voten und Community Organizing“) weisen auf humanwissenschaftliche Kompetenzen hin, die die PEP-Voten in ihrer Umsetzung aus dem Binnenraum der kirchlichen Debatte heben 

Themen, wie z.B. die gesellschaftliche Relevanz von Kirche, die Inhalte der Verkündigung und die Veränderung von Führungsrollen in der Pfarrei in Korrespondenz zu Entwicklungen sozialer Entrepreneurschaft, bleiben unterbelichtet.

Eingedenk dessen, dass Themen und Autor*innen der „Perspektiven“ sicher nicht zufällig gesetzt wurden, sondern die Auswahl bestimmten Motiven folgt, lassen sie sich für die Frage nach der Pfarrei der Zukunft so zusammenfassen: 1. Die Pfarrei und ihr (Selbst-)Verständnis war immer in Bewegung. 2. Allein die PEP-Voten machen noch keine Zukunft. Die Idee von Zukunft muss nicht zuletzt theologisch hineingetragten werden. 3. Die PEP-Voten bieten Material für Prozesse der Transformation, aber „handwerklich“ ist damit noch nichts getan. 4. Die PEP-Voten blähen erwartbare Themen wie Jugend und Liturgie auf, ohne dazu substantiell Neues zu sagen. Umgekehrt bleiben Themen unterbelichtet, wie z.B. die gesellschaftliche Relevanz von Kirche, die Inhalte der Verkündigung und die Veränderung von Führungsrollen in der Pfarrei in Korrespondenz zu Entwicklungen sozialer Entrepreneurschaft 

Mit Blick auf die Fragestellung dieser Ausgabe der futur2 nehmen die Analyse der PEP-Voten als auch die „Perspektiven“ wenig Außenperspektive wahr. Die Pfarrei der Zukunft reproduziert sich selbst. Das ist autopoietisch richtig angesetzt. Aber was ist mit dem Impuls zu Musterveränderungen oder Lernen 2. Ordnung? Geschweige denn, dass ein Re-Entry gedanklich formuliert wird. Stattdessen werden durch die „Perspektiven“ vorhandene Linien verlängert. Da wird aus der wohlfahrtsstaatlichen Gemeinwesenarbeit Community Organizing, aus pastoraler Professionalität wird Qualitätsentwicklung, aus dem Leitbild wird eine Strategie. Ist das genug?  

Dass soll kein konzeptioneller Vorwurf am Band sein, war es auch kein Ziel der Veröffentlichung. Die Auftraggeber betonen das wiederholt. Die Erkenntnisse „sind alles andere als Patentlösungen. Sie entspringen der kontingenten Situation eines einzelnen Bistums; doch genau das macht sie so wertvoll: Die Erkenntnisse in diesem Sammelband sind von der Praxis her inspiriert und auf diese hin ausgerichtet.“11 Doch kann (lokale) Kirchenentwicklung sich selber genügen?  

Die Erkenntnisse in diesem Sammelband sind von der Praxis her inspiriert und auf diese hin ausgerichtet.

Die Herausgeber*innen selber stellen am Ende des Bandes sechs Wegmarken als „Lerneffekte“ auf. „Aus der Evaluation und den Beiträgen ergeben sich eine Reihe von Anfragen und Hinweisen, die die Zukunftsgestalt der Pfarrei und ihrer Entwicklungsprozesse betreffen.“12

Für eine Kirche „outside the box“ und am Ende eines Monopols ist dabei die Wegmarke „Ein Identitätsprofil, das inkludiert statt exkludiert“ interessant.13 Gründlich wird die Dilemma-Situation reflektiert, in der lokale Kirchenentwicklung steht: ein (noch) starkes und selbstbewusstes „Innen“ trifft auf ein diffuses, multizentrisches „Außen“. Wohin sollte die Pfarrei angesichts dieses Feldes geführt werden? Darauf, so räumen die Essener ein, haben sie auch keine Antwort. Sie halten sich aber – nicht unbegründet – zugute, dass sie das Thema geöffnet und Angänge zur Bearbeitung gestartet haben.  

Gründlich wird die Dilemma-Situation reflektiert, in der lokale Kirchenentwicklung steht: ein (noch) starkes und selbstbewusstes „Innen“ trifft auf ein diffuses, multizentrisches „Außen“.

Gemäß der Auffassung, dass die Lösung immer im System liegt, nur noch nicht beobachtet/bezeichnet wurde, wäre eine Begegnung der Wegmarken miteinander ein interessanter Schritt: Welche innovative (Wegmarke 5) Wirkung hätte es, wenn auf diözesaner Ebene (Wegmarke 6) und in ökumenischer Zusammenarbeit (Wegmarke 4) in größtmöglicher, inkludierender (Wegmarke 1) Partizipation (Wegmarke 2) die Frage nach der Pfarrei der Zukunft als Frage der „Profession“ (in Anlehnung an Wegmarke 3) von Pfarrei bearbeitet würde? 

Der Band und v.a. die Studie in ihr ist ein respektables zeitgeschichtliches Dokument der Kirchenentwicklung. Zur Pfarrei der Zukunft sagt er weniger als zur Pfarrei der Gegenwart. Die Verantwortlichen im Bistum Essen begehen jedoch genau dadurch nicht den Konstruktionsfehler offener und partizipativer Prozesse, leichtfertig über die gegebene Wirklichkeit hinwegzugehen. Am Ende hätte es gleichwohl mehr Mut geben dürfen, Unterschiede zu benennen. Irritation ist ein starkes Mittel der Unterbrechung, für Reflexion und Veränderung. In aller Wertschätzung für das gegebene Engagement vor Ort klingt aber nur an, wie groß die Veränderung für die Pfarreien auf Zukunft hin (!) sein werden. Wie eigentlich immer in solchen Bänden stehen auch die Beiträge aus der Bistumsleitung – Bischof und Hauptabteilungsleitung – zu Beginn, nicht am Ende der Erkenntniskette.  

Der Band und v.a. die Studie in ihr ist ein respektables zeitgeschichtliches Dokument der Kirchenentwicklung.

Im September 2021 wird es eine ursprünglich für März 2020 (Corona) geplante Veranstaltung über die „Transformation der Pfarrei“ geben.14 Die kritischen Töne am hier vorgestellten Band im Kontext der Frage dieser Ausgabe der futur2 verblassen deshalb angesichts der Konsistenz, mit der der Prozess im Bistum Essen geführt wird. Man muss den einzelnen Schritt immer im Kontext des gesamten Weges sehen. Gleichzeitig sind die PEP-Voten im Herbst 2021 zwischen vier und sechs Jahre alt. Noch einmal bei diesen anzusetzen wäre ein Rück-Schritt, die angeführten Wegmarken als Führungsimpuls zu nutzen, verspricht mehr. Denn die dann Jetzt-Situation der Pfarrei ist aus heutiger Zeit noch Zukunft. Lasst uns dorthin gehen, schauen, was dabei passiert und entdecken, was dort ist. Vor allem für die Jetzt-Engagierten in den Pfarreien braucht es dabei wohl Passagierscheine wie dieses Buch 

Etscheid-Stams, M./ Szymanowski, B./ Qualbrink, A./ Jürgens, B. (Hrsg.): Gesucht: Die Pfarrei der Zukunft. Der kreative Prozess im Bistum Essen, Freiburg 2020

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