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Konzept

Michael Utsch

Sinnsuche zwischen immanenter und transzendenter Verbundenheit – ein psychologischer Essay

Nach der Beobachtung von Soziologen ist die gegenwärtige Gesellschaft entscheidend durch Prozesse der Säkularisierung und Individualisierung geprägt. Die Bindungskraft der „großen Erzählungen“ religiöser und politischer Traditionen ist gering geworden. Einer politischen oder religiösen visionären Idee nachzufolgen ist also nicht sehr populär. Das war früher anders, als die Kirche noch „mitten im Dorf“ stand und stark frequentiert wurde. In Westdeutschland gehörten im Jahr 1951 noch 96 Prozent der Bevölkerung einer christlichen Konfession an. Nach der Wiedervereinigung veränderte sich die konfessionelle Struktur der Bundesrepublik Deutschland beträchtlich. Migration und die Flüchtlingswelle der letzten Jahre haben zu einer weiteren Pluralisierung der Weltanschauungen und kulturell-religiösen Praktiken beigetragen. Die weltanschauliche Buntheit der Gesellschaft und die Mitgliederverluste der christlichen Kirchen haben der bewusst vieldeutigen Beschreibung einer „freien Spiritualität“ mehr Sympathien verschafft. Im Religionsmonitor 2020 gab jeder Fünfte in Deutschland an, „spirituell“ gegenüber „religiös“ als Selbstbezeichnung zu bevorzugen.

Hinzu kommt, dass in den letzten Jahren die Gruppe der Konfessionslosen stark gewachsen ist. Genaue Zahlen lassen sich bei einer heterogenen Bewegung, die sich primär über die Abgrenzung „-los“ definiert, schwer ermitteln. Studien zufolge zählen sich heute in Deutschland 30 bis 40 Prozent zu dieser Glaubensrichtung. Zunehmend ist also ein Patchwork-Glaube vorzufinden, in dem verschiedene religiöse, spirituelle und säkulare Überzeugungen miteinander verwoben sind.

Säkulare und religiöse Sinngebung

Soziologen weisen darauf hin, dass die Praxis des christlichen Glaubens vor allem zwei menschliche Grundbedürfnisse befriedigen kann, auf die unsere hochtechnisierte, säkulare Gesellschaft keine Antworten weiß:

Wie können wir trotz unserer tief verwurzelten egoistischen und gewalttätigen Impulse harmonisch in Gemeinschaften zusammenleben? Und wie können wir unsere Endlichkeit, das ungerechte Leiden und den Schmerz aushalten, ohne zu verzweifeln?

Wie können wir trotz unserer tief verwurzelten egoistischen und gewalttätigen Impulse harmonisch in Gemeinschaften zusammenleben? Und wie können wir unsere Endlichkeit, das ungerechte Leiden und den Schmerz aushalten, ohne zu verzweifeln? Hier bietet der christliche Glaube Sinndeutungen an, um bohrende existenzielle Fragen zu beantworten und Hoffnung und Vertrauen über den Tod hinaus zu stiften. Der Philosoph Jürgen Habermas schätzt die Religionen auch für „religiös Unmusikalische“ als wichtige Quelle der persönlichen Sinnstiftung ein. Er skizziert in seiner 2019 erschienenen Philosophiegeschichte fünf Bereiche, in denen ihm die Ergänzung der säkularen Vernunft durch einen religiösen Umgang mit der Lebenswirklichkeit als sinnvoll erscheint: Solidarität, Moral, Sprache, existentielle Antworten und Transzendenz.

Religiöse Werte bilden eine zentrale Säule der Kultur und sind damit identitätsstiftend. Der Deutsche Kulturrat hat im Jahr 2017 Thesen zur kulturellen Integration einer zunehmend pluralistischen Gesellschaft verabschiedet. Sie beschreiben, wie Religionen wichtige Beiträge zur kulturellen Integration leisten, indem sie etwa durch ihre Wertvorstellungen den Gemeinsinn stärken. Deshalb ist es klug, dass beispielsweise vor dem staatlichen Corona-Gedenkakt für die an der Pandemie Verstorbenen im April 2022 ein ökumenischer Gottesdienst in der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche stattfand, der auch live von einem öffentlich-rechtlichen Sender übertragen wurde. Damit erinnert sich die Regierung an ihre kulturellen Wurzeln und übergeht die zahlreichen und bewährten Möglichkeiten christlicher Trauerkultur und Angstbewältigung vor Tod und Sterben nicht.

Irgendeine Form des Glaubens scheint nötig zu sein, um die existentielle Unsicherheit des Menschen zu bewältigen und sich nicht dem Absurden und Tragischen seines Lebens ausgeliefert zu fühlen.

Irgendeine Form des Glaubens scheint nötig zu sein, um die existentielle Unsicherheit des Menschen zu bewältigen und sich nicht dem Absurden und Tragischen seines Lebens ausgeliefert zu fühlen. Glauben, ob er nun säkular-positivistisch, vage spirituell oder traditionell religiös ausgestaltet wird, scheint eine anthropologische Konstante des Menschen darzustellen (Rudolf, 2015, 120–146).

Die seelischen Möglichkeiten des Vertrauens, Glaubens und Hoffens stellen eine komplexe emotional-kognitive Fähigkeit dar, die insbesondere Entscheidungsprozesse beeinflusst. Glauben, Selbstvertrauen und zwischenmenschliches Vertrauen beruhen auf einer verpflichtenden Hingabe an eine Wirklichkeitsdeutung (Utsch & Demmrich, 2023, 17ff). Wenn bei einer Wanderung ein Flusslauf zu überqueren ist, muss ich realistisch einschätzen, ob ich das Wasser mit meiner Sprungkraft überwinden kann oder ob ich lieber den Umweg zur nächsten Holzbrücke in Kauf nehme. Hoffnungsvolles Vertrauen ist nötig, um die Angst zu überwinden und den Sprung zu wagen. Genauso wichtig sind die Risikoabwägung und eine realistische Selbsteinschätzung, um die körperlichen Kräfte nicht zu überschätzen und dann vielleicht im Wasser zu landen.

Glauben ist eine menschliche Möglichkeit, die sich nicht nur auf eine Situation, die eigene Person und das Gegenüber beziehen kann, sondern auch auf eine größere Wirklichkeit. Manche nennen das Karma, das Schicksal, eine Schöpferkraft oder Gott. Glauben und Vertrauen wirken sich in vielfältigen Bereichen aus: auf das Selbstbild, auf zwischenmenschliche Beziehungen, ja sogar auf die Arbeit und die Unternehmenskultur. Mittlerweile werden Firmenwerte nach Vertrauen in eine Marke eingeschätzt. Damit bringt die psychologisch schwierig zu erfassende Glaubenshaltung handfeste ökonomische Konsequenzen mit sich, was die Forschung motiviert, noch mehr darüber hinauszufinden. Erstaunlicherweise gibt es bisher wenig psychologische Untersuchungen über den Glauben. Der Glaubensprozess kann aber psychologisch untersucht werden (Utsch & Demmrich, 2023). Die Beziehung zur Transzendenz wurde in verschiedensten Ausprägungen in den vergangenen Jahrhunderten in den Religionen kultiviert. Spezifische Überzeugungen und Praktiken halfen den Gläubigen, das Tragische und Absurde ihres Lebens zu bewältigen.

Um besser zu verstehen, an welchen Werten und Idealen sich säkulare bzw. religiöse Nachfolge orientiert, hilft die Unterscheidung zwischen dem substanziellen und funktionalen Religionsbegriff. Der substanzielle Religionsbegriff versucht, Religion von ihrer Substanz und ihrem Wesen her zu erfassen, sein Bezugspunkt ist das Heilige oder die Transzendenz. Bei dem funktionalen Religionsbegriff wird eine Religion über ihre Leistungen und Funktionen für die Gesellschaft und den Einzelnen definiert.

Eine wesentliche Funktion der Religion besteht darin, eine Lebensdeutung oder Weltanschauung zu konstruieren, mit der das Schicksalhafte und Zufällige der menschlichen Existenz überwunden werden kann.

Eine wesentliche Funktion der Religion besteht darin, eine Lebensdeutung oder Weltanschauung zu konstruieren, mit der das Schicksalhafte und Zufällige der menschlichen Existenz überwunden werden kann. Je mehr Unwägbarkeiten der eigenen Umwelt und besonders der eigenen Person bekannt seien und kontrollierbar erschienen, desto größere Lebenssicherheit – im Sinne von Vertrauen in die eigenen und die sozialen Ressourcen – könne entstehen. Vertrauen scheint eine günstige Haltung gegenüber der Unberechenbarkeit des Schicksals zu sein. In wen oder was kann ich aber Vertrauen setzen, wer gibt meiner Unsicherheit Halt? Bei einer materialistischen Weltsicht kann das nur innerweltlich-immanent gelingen – die Sinngebung erfolgt säkular. Bei einer transzendenzoffenen Weltsicht hingegen ist eine religiöse Sinngebung möglich. Die folgende Tabelle verbindet die beiden Sinnverständnisse mit religiösen Fragen:
Religiöse oder säkulare SinngebungReligiöse Frage oder nicht
KonsistenzKontingenz
Transzendenz (religiöse Sinngebung)religiöse Routine (religiöse Antwort ohne religiöse Frage)vitale Religiösität (religiöse Frage und religiöser Antwort)
Immanenz (säkulare Sinngebung)Pragmatismus (keine religiöse Frage, keine religiöse Antwort)Religiöse Suche (religiöse Frage ohne religiöse Antwort)
Säkulare und religiöse Kontingenzbewältigung (modifiziert nach Pickel 2011, 22)

Die verschiedenen Einstellungen sind aber nicht als dauerhafte Haltungen zu verstehen, sondern eher als Momentaufnahmen. Je nach Biografie und Lebenssituation können sich die Einstellungen zur Sinngebung verändern. Im Zeitalter der Individualisierung nehmen subjektive Sinngebungsversuche zu. Werthaltungen werden kritisch überprüft und neuen Lebensbedingungen angepasst. Die Suche wird von manchen permanent erweitert und verändert – den „spirituellen Wanderer“ zeichnet seine „fluide Religiosität“ aus (Lüddeckens & Walthert, 2010). Diese „Wanderer“ orientieren sich nicht dauerhaft und langfristig an einem bestimmten Wertesystem, sondern achten darauf, was der aktuellen Situation und den eigenen Bedürfnissen entspricht und gerade „passt“.

Im folgenden Abschnitt werden zwei Beispiele säkularer Sinnsuche mit ihren Werten, Zielen, Lehren und Methoden vorgestellt. Abschließend werden daraus Folgerungen für die kirchliche Praxis gezogen.

Säkulare Sinnsuche im Veganismus

Nach Angaben des Vegetarierbundes Deutschland (VEBU) verzichten heute mittlerweile rund zehn Prozent der Deutschen auf den Fleischkonsum. Etwa eine Million ernähren sich laut Schätzungen der Veganen Gesellschaft Deutschland (VGD) und des VEBU vegan. Das sind 25 Prozent mehr als 2013. Veganismus ist also in kurzer Zeit zum Massentrend geworden. Bahnhofsbuchhandlungen bieten fast ein Dutzend vegetarische und vegane Periodika an, und vegane Restaurants und die Supermarktkette „Veganz“ finden sich in vielen größeren Städten. Die Hälfte der Deutschen drückt die gesellschaftliche Anerkennung des Trends dadurch aus, dass sie sich selbst als „Teilzeitvegetarier“ einschätzt. Längst sind Essgewohnheiten nicht mehr Geschmackssache, sondern werden zum Inhalt hitziger Glaubensgespräche. Die Frage, was man isst, wird von der Kantine bis zur Küche zum Diskussionsfeld weltanschaulicher Grundsätze. Was ist wichtiger, meine Gesundheit, Tierschutz oder die Umwelt? Klimarettung, Regionalität oder globale Gerechtigkeit?

Ging es beim Essen einst vor allem um Fragen wie ausgewogene Nährstoffaufnahme, Körpergewicht und Geschmack, stehen nun weit größere Anliegen im Vordergrund.

Kaum eine Lehre verspricht dabei so viel und ist so schnell gewachsen wie der Veganismus, eine soziale Bewegung, die für viele ihrer Anhänger so lebensbestimmend geworden ist wie eine Religion.

Kaum eine Lehre verspricht dabei so viel und ist so schnell gewachsen wie der Veganismus, eine soziale Bewegung, die für viele ihrer Anhänger so lebensbestimmend geworden ist wie eine Religion. Dabei werden Tierrechte den Menschrechten gleichgestellt und durch strikte Essensregeln eine bessere, gerechte Welt in Aussicht gestellt.

Aus der Glaubensperspektive drücken Speisegebote Gehorsam gegen Gott aus und dienen dem Heilsgewinn. Religionspsychologisch haben sie eine identitätsstiftende Funktion. Dabei steht nicht das Individuum, sondern die religiöse Gruppe im Vordergrund: Ich bin in gemischter Gesellschaft gezwungen, mich zu meinem Glauben zu bekennen. Zugleich bekomme ich die Chance, ihn nach außen zu bezeugen.
Die Heilsversprechen mancher Veganer sind umfassend. Manche behaupten, durch die Umstellung auf vegane Ernährung von Krebs und schweren Allergien geheilt worden zu sein. Mit dem individuellen Versprechen geht oft eine universale Heilshoffnung einher: Veganer verstehen ihre Lebensweise als Lösung des Welthungers oder als Quelle eines künftigen Weltfriedens. Problematisch ist auch das überzogene Selbstbewusstsein mancher Veganer. Häufig stilisieren sie die Nahrungsaufnahme zur ethisch wichtigsten Frage hoch. Dem entspricht das Gefühl, zu einer Elite zu gehören, die sich von anderen Menschen abgrenzt. Man kann den Veganismus als eine Reaktion auf die moderne Massentierhaltung verstehen. Einer natürlichen Lebensweise entspricht der Veganismus aber keineswegs. Denn wie Funkschmidt (2015) treffend festgestellt hat, ist ein veganes Leben nur durch importierte Lebensmittel und Ergänzungsprodukte möglich.

In der überzeugten Veganer-Szene finden sich Züge religiöser Gemeinschaften. Viele Veganer schildern ihre Entscheidung als „Umkehr“ und Bekehrungserlebnis, wobei Heilungswunder oder mindestens eine verbesserte Lebensqualität den Anfang machen, bevor man zu den oben genannten globalen Heilsversprechen fortschreitet.

Säkulare Sinnsuche in sozialutopischen Gemeinschaften

Alternativen Lebens- und Gemeinschaftsformen geht es darum, Utopien und Visionen menschlichen Zusammenlebens zumindest ansatzweise zu verwirklichen. Ein klassisches Beispiel dafür ist die „Utopie der Klöster“, die mit ihren Idealen von Armut bzw. Gütergemeinschaft, Ehelosigkeit und Gehorsam auch heute noch provozieren. Die Kibbuz-Bewegung in Israel hat mit ihrer Vision einer egalitären Gemeinschaft, die angeblich ausbeutungsfrei ist, grundlegende Impulse zum Aufbau des jungen Staats beigetragen. Heute ist sie durch die Säkularisierung des Zionismus’ und den Rückgang sozialistischer Bewegungen primär historisch interessant.

Die konkreten Motive zur Bildung einer sozialutopischen Gemeinschaft sind so verschieden wie ihre weltanschaulichen Hintergründe. Gemeinsam ist ihnen jedoch der Gegenentwurf zur bürgerlichen Gesellschaft mit ihrem auf Besitz und Konsum, persönlichem Wohlstand beruflichem Fortkommen ausgerichteten Wertesystem. Weiter ist den Gruppen gemeinsam, dass sie ihre Vision vom Leben in einer besseren Welt spirituell begründen. Häufig suchen sie deshalb nach einer besseren Anbindung unter sich selbst und auch zur Natur.

Kommunitäre Lebensformen sollen die bürgerliche Kleinfamilie ersetzen, die als überholt gilt: Die Gruppen verstehen sich als Keimzellen für eine mögliche zukünftig bessere Welt.

Kommunitäre Lebensformen sollen die bürgerliche Kleinfamilie ersetzen, die als überholt gilt: Die Gruppen verstehen sich als Keimzellen für eine mögliche zukünftig bessere Welt.
Charakteristisch für diese Bewegungen ist, dass die Gemeinschaften auf längere Zeit angelegt sind, und dass es dort verbindliche Strukturen und Regeln gibt. Die örtliche Nähe der Mitglieder zueinander und ihre spezifische Form des Zusammenlebens ermöglicht erkennbare Unterschiede von der Außenwelt, was identitätsstiftend wirkt.

In dem von der VELKD (2015) herausgegebenen „Handbuch Weltanschauungen“ werden folgende Merkmale aufgelistet, die in diesem Milieu anzutreffen sind:

  • psychologische Methoden (Methoden der Gruppendynamik),
  • politische Absichten (Kapitalismuskritik, soziale Verteilungssysteme),
  • ökologische Motive (nachhaltige Landwirtschaft),
  • spirituelle Anliegen (Ganzheitlichkeit, Esoterik).

Diese Bewegungen weisen ein hohes Spektrum an weltanschaulicher Vielfalt und spirituellen Zielen auf, die sich von linksliberalen (Kommune Niedertaufungen) bis zu rechtsesoterischen (Königreich Deutschland) Positionen erstrecken. Als typische Ziele können die individuelle Autonomie und möglichst herrschaftsfreie Selbstentfaltung genannt werden. Das VELKD-Handbuch beschreibt Beispiele in den folgenden drei Richtungen: psychosoziale Experimente, politische Sozialutopien und internationale esoterische Kommunen. In der Sozialstruktur gibt es nach dem VELKD-Handbuch ebenfalls große Unterschiede zwischen einem Stammesverband (Likatien) oder einer esoterischen Stadt (Auroville), zwischen polyamorischen Gruppen zur Befreiung der Sexualität (Tamera) und familien-orientierten Bio-Bauern (Ökodorf Sieben Linden).

Anschließende Kontrollfragen im Handbuch dienen dazu, auf kritische Punkte typischer Konfliktquellen sozialutopischer Gemeinschaften aufmerksam zu machen. Hervorzuheben ist dabei die Frage, wie die Autorität des Leiters begründet wird, und ob und wie sie wirksam begrenzt wird. Der besondere Anspruch der Gemeinschaft beinhaltet den latenten Vorwurf an die Außenwelt, dass sie nicht richtig lebe. Deshalb ist zu fragen, wie sich das Verhältnis zur Umgebung darstellt: eher einladend und ausstrahlend oder elitär und ausgrenzend.

Nach dieser exemplarischen Darstellung von Beispielen säkularer Sinnsuche stellt sich die Frage, was die christliche Sinnsuche ausmacht. Sinnsuche im Kontext der Nachfolge Christi verknüpft das existenzielle Bedürfnis nach Lebenssinn mit der bewussten Ausrichtung des eigenen Lebens an der Person und Lehre Jesu von Nazareth. In der christlichen Theologie ist Sinn kein theoretisches Konstrukt, sondern eine Beziehungs- und Praxiswirklichkeit.

Sinnsuche in der Nachfolge Christi

Auch die christliche Hoffnung antwortet auf das menschliche Bedürfnis nach Sicherheit und Kontrolle. In einem Alltag, der heute von vielen als unübersichtlich und vieldeutig wahrgenommen wird, ist das Bedürfnis nach Sicherheit und Kontrolle besonders ausgeprägt. Technische Hilfsmittel wie eine Wetter- oder Hausgeräte-App können in manchen Alltagsbereichen das menschliche Kontrollbedürfnis stillen. Der bedeutende deutsche Soziologe Niklas Luhmann bezeichnet Vertrauen in seinem gleichnamigen Werk als einen Mechanismus zur Reduktion von Komplexität. Komplexität bezieht sich auf die Unsicherheit von Ereignissen, mit denen jeder im täglichen Leben konfrontiert ist. Nach Luhmann sind es vornehmlich vertrauensvolle Erwartungen, die optimistisch in die Zukunft blicken lassen. Vertrauen vermittelt ein Gefühl von Sicherheit angesichts einer potentiell chaotischen Zukunft. Fehlt die Bereitschaft zu vertrauen, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sich der Mensch durch das Übermaß an Komplexität überfordert fühlt und Angst entwickelt. Das urmenschliche Bedürfnis nach Vertrauen ist wohl auch der Motor, Halt und Unterstützung in einem Strukturvertrieb, dem „richtigen“ Essen – natürlich vegan – oder in einer sozialutopischen Gemeinschaft zu finden.

Christliche Nachfolge hängt nicht von der Willenskraft positiven Denkens im Sinne der Autosuggestion ab. Im biblischen Verständnis ist damit eine Beziehungsweise gemeint, die sich im persönlichen Vertrauen auf den gegenwärtig verborgenen dreieinigen Gott ausdrückt.

Christliche Nachfolge hängt nicht von der Willenskraft positiven Denkens im Sinne der Autosuggestion ab. Im biblischen Verständnis ist damit eine Beziehungsweise gemeint, die sich im persönlichen Vertrauen auf den gegenwärtig verborgenen dreieinigen Gott ausdrückt. Glauben zu können ist aus theologischer Sicht zu allererst ein Geschenk, mit den Worten Hans-Martin Barths (2003, 82): „Glaube ist die – von Gott geschenkte – Gottesbeziehung des Menschen.“ Auf das Beziehungsangebot Gottes antwortet jeder Mensch nach seinen kommunikativen Gewohnheiten und Möglichkeiten. Die christliche Formung der Identität durch den Glauben hängt maßgeblich von den charakterlichen Voraussetzungen und der religiösen Sozialisation ab. Das persönliche Beziehungsverhalten und die Erfahrungen mit primären Bezugspersonen bestimmen das Gottesbild und den Glaubensstil mit. Ein Markenzeichen des Protestantismus ist dabei die Einsicht, ohne eigene Gegenleistung (sola gratia) gerechtfertigt zu sein. Glauben zu können ist ein Geschenk, das ich dankbar annehmen darf. Dass man den Ruf Gottes gehört, verstanden und auf ihn geantwortet hat, ist nicht dem eigenen Vermögen zuzuschreiben. Dennoch will Nachfolge eingeübt werden. Deshalb löst der Gedanke der Übung zunächst vielleicht Unbehagen aus – als solle man sich die Seligkeit verdienen. Aber schon Paulus beklagte sich über die geistliche Unreife seiner Leser und warb im Brief an die Hebräer um „durch Gewöhnung geübte Sinne zur Unterscheidung des Guten und des Bösen“ (Hebr 5,14). Gerade in der heutigen Zeit audiovisueller Überflutung bedarf es der Übung, um die verborgene Gegenwart Gottes wahrnehmen zu können, und geschulter Sinne, um aus der Vielfalt der Wahlmöglichkeiten den richtigen Weg zu finden. Stille hilft mir, zu mir selber zu kommen, innere Unruhe zu überwinden und mich wieder an meine innere Quelle – an Gott – anzuschließen. Dazu brauche ich keinen Meister einer spirituellen Gemeinschaft oder ein spezielles Ernährungsprogramm. Die Bibel und das Hören auf die Stimme meines Gewissens reichen aus.

Fazit für die kirchliche Praxis

Wenn Gott der Schöpfer alles Lebenden ist, sind seine Spuren überall zu entdecken. Deshalb gilt es, die Wahrnehmungsfähigkeit für die verborgene Wirklichkeit des unsichtbar Gegenwärtigen zu schärfen. Auf dem Weg, Gott als Geheimnis der Welt für sich zu entschlüsseln, braucht es mitunter viel Zeit und Geduld. Angebote kirchlicher Praxis werden sich in fröhlichem Gottvertrauen am Sozialraum und dem Gemeinwohl orientieren, wie es in Strukturreform-Prozessen einzelner EKD-Gliedkirchen wie etwa in Hessen-Nassau konsequent durchgeführt wird. Die Grenzen zwischen säkularer und religiöser Sinnsuche werden dadurch fließend, das Gespräch zwischen früher kontroversen Weltanschauungen kann konstruktiver werden. Der Kulturpsychologe Jürgen Straub (2016) vergleicht beide Sichtweisen und sieht den zentralen gesellschaftlichen Konflikt nicht zwischen Gläubigen und Ungläubigen, sondern unterscheidet zwischen offenen Menschen mit Kontingenzbewusstsein und dogmatisch-totalitären Haltungen – unabhängig von deren Religiosität oder Wissenschaftsglauben:

Die wichtigste Konfliktlinie verläuft heute nicht mehr zwischen religiös Gläubigen und Ungläubigen, sondern zwischen Menschen, die ihr Weltbild reflektiert und integriert haben, und denen, die totalitär strukturiert sind.

„Die wichtigste Konfliktlinie verläuft heute nicht mehr zwischen religiös Gläubigen und Ungläubigen, sondern zwischen Menschen, die ihr Weltbild reflektiert und integriert haben, und denen, die totalitär strukturiert sind“ (2016, 84).

Barth, H.-M. (2003). Dogmatik. Evangelischer Glaube im Kontext der Weltreligionen, Gütersloh: GVH.
Funkschmidt, K. (2015). Erlösung durch Ernährung. Veganismus als Ersatzreligion. Materialdienst der EZW 78/11, 403–412.

Lüddeckens, D., & Walthert, R. (Hrsg.) (2010). Fluide Religion: Neue religiöse Bewegungen im Wandel. Bielefeld: Transcript.

Pickel, G. (2011). Religionssoziologie. Eine Einführung in zentrale Themenbereiche. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften.

Rudolf, G. (2015). Wie Menschen sind. Eine Anthropologie aus psychotherapeutischer Sicht. Stuttgart: Schattauer.

Straub, J. (2016). Religiöser Glaube und säkulare Lebensformen im Dialog. Gießen: Psychosozial-Verlag.

Utsch, M., & Demmrich, S. (2023). Psychologie des Glaubens. Einführung in die Religionspsychologie. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

VELKD-Handbuch Weltanschauungen, Religiöse Gemeinschaften, Freikirchen. Gütersloh 2015, 786–799.

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