Transformationsstrategien revisited. Eine hypnosystemische Inspiration.
Die Hypnosystemik ist innerhalb systemisch orientierter Therapie eine Praxisorientierung mit hoher Anerkennung. In diesem Beitrag soll sie auf die Arbeit in und Beratung von organisationalen Transformationsprozessen reflektiert werden.
Hypnosystemik – eine Kontaktaufnahme und Einordnung
Hypnosystemisch zu arbeiten heißt, die Bedeutung unterbewusster Prozesse zu verstehen, ihre Ressourcen zu aktivieren und dadurch systemisch erweiterte Entwicklungspotenziale zu entfalten.1 Der Volkswirt, Arzt und Psychotherapeut Gunther Schmidt (Jahrgang 1945) hat Anfang der 1980er Jahre, nach Ausbildung bei Helm Stierlin in systemischer Psychotherapie und Milton Erickson in Hypnotherapie, begonnen, die Verbindung beider Ansätze im Sinne eines Integrationskonzeptes auszubauen, angereichert durch Modelle aus Gestaltarbeit, Psychodrama, Kommunikationspsychologie und Transaktionsanalyse.2
Dass die Hypnosystemik in systemischer Praxis gerade in Deutschland populär ist, hängt vermutlich damit zusammen, dass diese hierzulande eine stark soziologische Einfärbung hat – Niklas Luhmann lässt grüßen. Dass sie aber starke psychologische Wurzeln hat, wird dabei mitunter übersehen. Erinnert sei also an die Gedächtnis- und Kognitionsforschung in der Mitte des 20. Jahrhunderts (Jean Piaget sowie die kybernetisch orientierten Heinz von Foerster und Heinz von Glasersfeld), aus der, philosophisch bereichert durch Ludwig Wittgenstein, unter anderem die moderne Kommunikationswissenschaft (Paul Watzlawick) und, in Erweiterung individualpsychologischer Ansätze auf Mehrpersonenkonstellationen, systemische Familien- bzw. Psychotherapie erwächst. Das Verständnis von „Systemisch“ als „um die soziale Dimension erweitert“ (Mobile-Bild) ist dabei allerdings eine Verkürzung. Genauer gesagt geht es um die Aufmerksamkeit auf die mentale und emotionale Konstruktion des Erlebens als (hypothetisches) System. Genau dies, die Aufmerksamkeit auf die psychische Gebundenheit erlebter Wirklichkeit, führt Gunther Schmidt hierzulande ein, erinnert die systemische Community an den blinden Fleck in der Betrachtung sozialer Systeme: die Person als Träger:in mentaler Modelle.3 Er bietet also dort einen Zugang an, wo die differenztheoretische soziologische Systemtheorie luhmannscher Prägung, ihrem Arbeitsprogramm folgend, den Blick auf biologische und psychische Systeme „ausstanzt“.4 Gleichzeitig kann er im Rückgriff auf eine pragmatisch orientierte Psychotherapie US-amerikanischer Prägung die in Deutschland „standesgemäße“ kritische Rezeption vor allem freudscher Trieb- und Biografie(psycho)analyse umgehen und muss deswegen auch dem Umkehrschluss, einer humanistisch geframten Psychotherapie, nicht „blind“ folgen.
Die Verbindung von Hypnotherapie und Systemik ist also weniger originell als naheliegend. Hypnotherapeutische Begriffe wie Trance, Aufmerksamkeitsfokussierung und Utilisation5 verbinden sich mit systemischer Aufmerksamkeit auf Selbstorganisation, Muster und Interventionen. Gunther Schmidt selber formuliert: „Mit der Entwicklung der hypnosystemischen Konzepte habe ich versucht, ein Modell zu schaffen, mit dem die so dringend benötigte Integration und zielwirksame Kooperation von Kognition und Intuition intensiv gefördert werden kann.“6 Die Verbindung von Hypnotherapie und Systemik ist weniger originell als naheliegend.
Die Basisannahmen hypnosystemischen Arbeitens seien wie folgt wiedergegeben:7
- „Alles Erleben wird jeweils ständig neu erzeugt, jede Realität wird also konstruiert – durch Prozesse der Aufmerksamkeitsfokussierung.“
- „Dies ist aber von Beginn unseres Lebens an immer ein interaktioneller Prozess, das Ich entwickelt sich interaktionell, als ständiger Rückkoppelungsprozess mit der Umwelt, mit Beiträgen anderer und sonstigen Umwelteinflüssen, auf die dann wieder aktiv geantwortet wird.“
- „Wir sind also eingebettet in ein dialektisches bzw. multilektisches Wechselspiel (wie bei einem Tanz), bei dem wir einerseits autonom gestalten und gleichzeitig nicht ganz unabhängig davon sein können.“
- „In unserem unbewussten Erlebnisrepertoire werden alle emotional ‚geladenen‘ Erlebnisprozesse als eigenständiges Erlebnisnetzwerk gespeichert (Episodengedächtnis).“
- „Solche Netzwerke, die den Erlebenden üblicherweise ja zum größten Teil unbewusst bleiben, können mit hypnosystemischen Modellen systematisch und detailliert beschreibbar und damit auch in ihren zentralen Aspekten bewusst erfassbar gemacht werden.“
- „Mit gezielten Fragen können auch die gravierendsten Problemmuster schnell rekonstruiert und damit bewusster Beeinflussung zugänglich gemacht werden.“
- „Erlebt jemand ein Problem und will das ändern, ist es deshalb vorrangig wichtig, die gewünschten Lösungsprozesse zu verstehen, denn indem man diese imaginiert, können sie schon tendenziell erlebte Wirklichkeit werden, sogar schon dann, wenn man das ‚Problem‘ gar nicht verstanden hat.“
Vor allem am letzten Punkt kann der von Schmidt deutlich gemachte Unterschied zur lösungsorientierten Arbeit von Steve de Shazer kenntlich werden.8 Es geht zwar nicht darum, Probleme zu verstehen, aber durchaus darum, sich den beschriebenen Problemen zuzuwenden. Und zwar in Würdigung dessen, dass „die Problemschilderung ein anerkennenswertes Bedürfnis im Rahmen von individueller oder organisationaler Veränderung darstellt(.)“9 Entscheidend ist dabei eine „steuernde Metaposition“10, was an das Modell des „Inneren Teams“ von Friedemann Schulz von Thun denken lässt.11
An dieser Schmidt wiederholt wichtigen Klärung lässt sich ein, vielleicht sogar das Merkmal hypnosystemischer Arbeit kenntlich machen: Die Anerkennung des unwillkürlich Aufscheinenden („tranceartiges Erleben“) und ihr Einbezug (Utilisation) in das Thema/Anliegen.12 Mit Vera Starker und Tilman Peschke ausgedrückt, liegt der Inhalt von Daten eben nicht nur in den Daten als solchen. „Entscheidend für das Erleben von Individuen ist … nicht die Beschreibung (durch Dritte) oder der Inhalt des erlebten Phänomens an sich, sondern vielmehr die Position, aus der heraus der Mensch das Phänomen im jeweils aktuellen Kontext wahrnimmt (als Fokus seiner Aufmerksamkeit) und welche Bedeutung er diesem in diesem Augenblick zuschreibt.“13 Mit einem Ruth Cohn (Themenzentrierte Interaktion) zugeschriebenen Ausruf: „Sag, was mit dir ist.“14
Praktisch bedeutet dies vor allem die Arbeit mit Bildern, Metaphern und in Aufstellungen15, die zum „inneren Erleben mit allen Sinnen“16 anstiften und unbewusste Aufmerksamkeitsfokussierung erlebbar machen sollen. Mit Worten von Schmidt: „(D)ie moderne Hirnforschung, die Forschung zur Evolutionsbiologie, die Motivationsforschung, die Forschungen zu Kommunikation, zu Kooperation und zu erfolgreicher Entscheidungsfindung und verwandter Gebiete (zeigen, JCH) eindeutig und unmissverständlich: Selbst wenn auf bewusster, willentlicher Ebene die Beteiligten eine geplante Veränderung umsetzen wollen, reicht das überhaupt nicht aus. Der größte Teil menschlichen Erlebens und Verhaltens wird auf unwillkürlicher und dabei zu einem erheblichen Teil unbewusster Ebene erzeugt und umgesetzt(.)“17 Schmidt argumentiert hier ähnlich wie das (ebenfalls, jedoch ebenfalls nicht zu unrecht, gut rezipierte) Zürcher Ressourcenmodell (ZRM).18
Hypnosystemik in organisationalen Transformationsprozessen
Soweit die Kontaktaufnahme zu und Einordnung von hypnosystemischer Arbeit. Entstanden in und primär ausgerichtet auf psychotherapeutische Kontexte, ist ein Hineindenken in organisationale Transformationsprozesse aber keineswegs verwunderlich, ja, inspirierend. So wie die systemische Reflexion therapeutischer Themen durch den Einbezug psychischer (mentaler und emotionaler) Prozesse der Klienten unterstützt wird, so lässt sich die alltagsempirisch eher als gering wahrgenommene Aufmerksamkeit darauf in Prozessen der Organisationsentwicklung und -beratung erhöhen. Soziale Systeme sind nicht alles. Soziale Systeme sind nicht alles.
Aus hypnosystemischer Aufmerksamkeit auf die Möglichkeit von Veränderung, fokussiert auf Organisationen, ergeben sich diese Hinweise:
- Der psychische Druck, den Veränderung auf den Plan ruft, darf nicht unterbewertet werden. Denn „(j)ede Veränderung im Erleben der Betroffenen bringt neben eventueller Neugier, Freude am Neuen und Lernbereitschaft auch Ambi- bzw. Multi-Valenzen, Ängste, Zögern, Tendenzen zur Vermeidung und zum Zurückweichen usw. mit sich. Das liegt ganz einfach daran, dass Neues (welches solche Veränderungen eben mit sich bringen) ja zunächst noch unbekannt ist. Das menschliche Gehirn, insbesondere auf der Ebene der Stamm- und Zwischenhirn-Prozesse, reagiert darauf unwillkürlich, quasi automatisch, eben auch mit Angst, Abwehr und Stress, denn das Unbekannte könnte auch gefährlich sein, und auf mögliche Gefahr reagieren das Gehirn und der ganze Organismus von Menschen eben auf diese Weise.“19
- „In Veränderungsprozessen wird häufig kategorisch ‚altes Vorgehen‘ für obsolet erklärt, damit eine Fokussierung auf ‚neues Verhalten‘ möglich ist. … Eine zu dynamische Entwicklung … führt (jedoch, JCH) in der Regel zu einer Beeinträchtigung des Grundbedürfnisses nach Orientierung und Sicherheit.“20 Da diese aus hypnosystemischer Sicht unwillkürlich („automatisiert“) und unbewusst organisiert sind, sind sie „aus neurobiologischer Sicht grundsätzlich immer schneller, stärker und effektiver als alles Bewusste und Willentliche.“21 Mag man Veränderung also noch so sehr wollen, man kann sie nicht vollziehen, solange Orientierung und Sicherheit nicht gegeben, genauer: gespürt und erlebt, sind.
Für die Gestaltung von Transformationsprozessen gibt hypnosystemische Aufmerksamkeit entsprechend an die Hand:
- Es braucht keine lange Problemerarbeitung. Die meisten Klient:innen sind sowieso in Trance, wenn sie zur Beratung kommen. „Durch eine intensive Fokussierung auf ihr Problemerleben haben sie sich in eine selbstinduzierte Problemtrance versetzt.“22 Problemerarbeitung verschärft die Trance also möglicherweise sogar noch. Sinnvoller ist, bei der Trance anzusetzen.
- „Um die hilfreichen unwillkürlichen, intuitiven Kompetenzen … wirksam aktivieren zu können, bedarf es immer wieder einer Gestaltung von ‚Umwelten‘ (Kontexten) für die Beteiligten in Organisationen, die das fördern, denn Unwillkürliches lässt sich nicht bewusst auf Kommando ‚machen‘, es entsteht als Reflex auf förderliche Bedingungen.“23
- Es müssen – klassisch System-Umwelt-Theoretisch formuliert – also ausreichend neue Unterschiede eingeführt worden sein, die eine neue Musterbildung ermöglichen. Dies ist aber eben nicht nur ein rational-bewusster, sondern eben auch emotional-affektiver Prozess. Starker und Peschke gehen davon aus, dass die Geschwindigkeit der Veränderung im Kern davon – und dass es >Kompetenz<muster sind – abhängt.24 Dem sei zugestimmt.
- Die Arbeit mit Aufstellungen sollte mehr im Blick sein.25
- Die Rolle von Entwickler:innen und Berater:innen sei mit diesen Worten von Gunther Schmidt illustriert: Sie sind Realitätenkellner26 und kompetent im polynesischen Segeln27.
Fürwahr: Die Hypnosystemik ist nicht die Entdeckung einer neuen Welt – das ist auch nicht ihr Versprechen. Sie ist aber durchaus eine Aufmerksamkeitsfokussierung auf hypnotische Aufmerksamkeitsfokussierung von Menschen und stellt zur Kompetenz- und Ressourcenaktivierung dessen methodische Trittstufen auf die systemische Landkarte entwicklerischer und beraterischer Landschaft.
Eine (kurze) theologische Einordnung
Ganz auf Praxis orientiert, lässt Schmidt philosophische (Wahrheit), epistemologische (Erkenntnis) und neurobiologische (Freiheit) Fragestellungen beiseite. In einem theologischen Orientierungszusammenhang, wie diesem Magazin, kann dies nicht unkommentiert bleiben. Denn hypnosystemische Praxis ist konstruktivistische Praxis. Jede Realität, so Gunther Schmidt, wird konstruiert.28
So wie die Theologie auch, muss Schmidt aber die unbeantwortbare Frage29 „Was ist wirklich (richtig)?“ entscheiden. Die Paradoxität jeder Antwort wird hypnosystemisch in das Unbewusste und „das System“ verschoben, so dass ein hypothetisch freies Ich sich daraus (und darüber) erheben, mindestens damit umgehen kann.30 Dies kann man (mit Stefan Kühl) als Scharlatanerie bezeichnen,31 und in der Tat muss entwicklerisches und beraterisches Handeln immer von solcher wegbegründet sein, im Kern mittels ethischer Prädikationen entwicklerischer/beraterischer Praxis („Haltung, Haltung, Haltung“).
Aber, weil damit kein Bekenntnis verbunden ist, ist es kein theologisch verwerflicher, vielmehr ein zum Gespräch anregender, für die Theologie durchaus gewinnbringender Kontakt.32
- Siehe Hullmann, 15.
- Siehe Schmidt, 7.
- Siehe Schmidt, 8ff.
- Ein ähnliches Ansinnen lässt sich auch über Jürgen Kriz sagen (Subjekt und Lebenswelt. Personzentrierte Systemtheorie für Psychotherapie, Beratung und Coaching. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2017).
- Zu diesen siehe Schmidt, 11 bis 43.
- Starker / Peschke, X (Vorwort von Gunther Schmidt).
- Zitiert nach Schmidt in Leeb et al, 19 bis 22.
- Schmidt in Leeb et al, 32 bis 35.
- Starker / Peschke, 223.
- Begriff bei Schmidt in Leeb et al, 22.
- Siehe Miteinander Reden, Band 3. Das Innere Team und situationsgerechte Kommunikation. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 28. Auflage 2019.
- Siehe das Modell bei Schmidt, 20.
- Starker / Peschke, 46.
- Mündlich überliefert.
- Empfehlenswert hierzu Sparrer, Insa / Varga von Kibéd, Matthias: Klare Sicht im Blindflug. Schriften zur Systemischen Strukturaufstellung. Carl-Auer, Heidelberg 2010.
- Hullmann, 16.
- Starker / Peschke, VI (Vorwort von Gunther Schmidt).
- Siehe Storch, Maja / Krause, Frank / Weber, Julia: Selbstmanagement – ressourcenorientiert. Hogrefe, Bern 7., überarbeitete Auflage 2022.
- Starker / Peschke, VIf (Vorwort von Gunther Schmidt).
- Starker / Peschke, 224.
- Starker / Peschke, 222. Siehe dazu auch Kahnemann, Daniel: Schnelles Denken, langsames Denken. Pantheon, 3. Auflage 2005.
- Hullmann, 16.
- Starker / Peschke, IX (Vorwort von Gunther Schmidt).
- Siehe Starker / Peschke, 222f.
- Siehe Groth, Thorsten / Stey, Gerhard (Hg.): Potenziale der Organisationsaufstellung. Carl-Auer, Heidelberg 2007.
- Schmidt in Leeb et al, 23.
- Siehe Starker / Peschke, X (Vorwort von Gunther Schmidt). Polynesisches Segeln ist die Praxis, die es den indigenen Völkern Polynesiens ermöglichte, weite Strecken über den offenen Pazifik zu segeln, ohne moderne Navigationsinstrumente wie Kompasse oder GPS. Man segelte allein im Kontakt zu den umgebenden Phänomen, in der Gewissheit, das Ziel zu erreichen, ohne das Ziel zu kennen. Die Funktion des Ziels ist also nicht, es zu erreichen, sondern in Bewegung zu kommen.
- Schmidt in Leeb et al, 22.
- Siehe von Foerster, Heinz: Über das Konstruieren von Wirklichkeiten. In: Ders.: Wissen und Gewissen. Versuch einer Brücke. Herausgegeben von Siegfried J. Schmidt. Suhrkamp, Frankfurt (Main) 3. Auflage 1996. Seiten 25 bis 49.
- Siehe Metzinger, Thomas: Der Ego-Tunnel. Eine neue Philosophie des Selbst. Berlin-Verlag, Berlin 2009.
- Siehe Kühl, Stefan: Das Regenmacher-Phänomen. Widersprüche und Aberglaube im Konzept der lernenden Organisation. Campus, Frankfurt (Main) 2000.
- Ausführlicher mein Beitrag: Eine Theologie der Beobachtung für die Praxis der Kirche. In: Brieden, Norbert / Hoff, Jonas Maria (Hg.): Gott – nur ein Konstrukt? Über konstruktivistisches Denken in der Theologie. Herder, Freiburg (Breisgau) 2024. Seiten 247 bis 265.
