Zwischen Glauben und Gleichgültigkeit
Gott – nach dem Abbruch der Korrelation
„Gott ist die uninteressanteste Antwort auf die interessantesten Fragen.“1 Dieser Satz aus Hernan Diaz‘ Roman „Treue“ macht meines Erachtens deutlich, worin ein Problem für die Kirche in der Gegenwart besteht. Sie wird noch dadurch verschärft, dass viele Menschen eine mögliche Antwort auf Fragen des eigenen Lebens gar nicht mehr mit Gott in Verbindung bringen. Die Gottesfrage steht selbst zur Disposition. Es gibt keine Garantien dafür, dass existenzielle Fragen des Menschseins mit Gott in Verbindung gebracht werden oder dass Gott eine „passende“ Antwort auf eine mögliche Frage darstellt. Gerade im Hinblick auf religiöse Indifferenz verschärft sich diese Problemlage deutlich. Der Theologe Tiemo Rainer Peters fragt nachdrücklich: „Machen die Christen mit ihrem Erlösungsglauben ein Angebot, dem heute keine Nachfrage mehr entspricht?“2 In diesem Zitat wird deutlich, dass der christliche Glaube ein (Sinn-)Angebot darstellt, das gewählt oder nicht gewählt werden kann.
Klärungen des Begriffs „Glauben“ – oder: auf dem Weg zur Korrelation
Um zu zeigen, dass die Gottesfrage selbst zur Disposition steht, lohnt sich zunächst ein Blick in den „Methodenkasten“ der Theologie. Eine schmerzliche Erfahrung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der Pastoral besteht darin, dass pastorale Angebote immer seltener gewählt werden und, selbst wenn sie angenommen werden, führen diese kaum noch zu einer dauerhaften Bindung an die Kirche. Dieser Befund hat zwei Seiten. Erstens wird heute immer noch implizit oder explizit eine Korrelation bemüht, die darauf abzielt, dass Menschen Fragen haben und Antworten im Raum der Kirche und der Theologie suchen. Zweitens zeigt sich, ausgehend von verschiedenen religionssoziologischen Befunden und der Problematik der religiösen Indifferenz, dass korrelative Herangehensweisen nicht mehr greifen.Die Gottesfrage steht selbst zur Disposition.
Die Korrelationsmethode nimmt ihren Ausgang beim evangelischen Theologen Paul Tillich, der herauszuarbeiten versucht, wie das Evangelium mit den verschiedenen Lebenswelten der Menschen in einen Zusammenhang gebracht werden kann. Paul Tillich legt dazu eine formale Definition des Begriffs „Glauben“ vor, indem er konstatiert: „Glaube ist der Zustand letztgültigen Ergriffenseins.“3 Diese Feststellung hat Auswirkungen auf das gesamte Sein des Menschen: „Ein Glaubensakt ist ein Akt eines endlichen Wesens, das vom Unendlichen ergriffen und zu diesem hingelenkt wird.“4 Den Glaubensakt versteht er als Akt eines kontingenten, begrenzten Seins, in dem das Unendliche an den Grenzen dieses Aktes aufscheint. Mit dem Akt des Glaubens wird die Schwelle zur Transzendenz und zur Heiligkeit überschritten. Dieser Übertritt und die Offenheit für das Göttliche, die diesem Akt innewohnen, sind für Paul Tillich der Inhalt des ‚ultimate concern‘.5
In der Konzeption Tillichs wird der Zweifel des endlichen Menschen am Glauben mitbedacht. Charakteristisch für den Glaubensakt ist, dass es sich um einen existenziellen Akt des Wagnisses und des Mutes handelt. Tillich schreibt: „‚Ultimate concern‘ bedeutet letztgültiges Wagnis und letztgültiger Mut. Er ist kein Wagnis und bedarf keines Mutes in Bezug auf die Letztgültigkeit selbst. Aber er ist ein Wagnis und erfordert Mut, wenn er ein konkretes Anliegen bejaht.“6 Ausgehend von den Zweifeln des endlichen Menschen wird deutlich, worin die Schärfung des Begriffs des Glaubens bei Paul Tillich besteht. Er schreibt:
All dies kommt im Verhältnis von Glaube und Zweifel deutlich zum Ausdruck. Wenn Glaube als Für-wahr-Halten (belief) verstanden wird, dann ist der Zweifel mit dem Akt des Glaubens unvereinbar. Wenn Glaube verstanden wird als letztgültiges Ergriffensein (being ultimately concerned), ist Zweifel ein notwendiges Element in ihm. Er ist Folge des Glaubenswagnisses.7
Glauben ist also – im Sinne Tillichs – nicht etwas, das lediglich für wahr gehalten wird, sondern etwas, das existenziell begriffen und angenommen werden muss. Für ihn bedeutet es „Partizipation mit dem gesamten Sein am Gegenstand des ‚ultimate concern‘“8. Folglich ergibt sich daraus, dass „die Gewissheit des Glaubens ‚existentiell‘ [ist, M. H.], was bedeutet, dass die ganze Existenz des Menschen daran beteiligt ist.“9Glaube ist der Zustand letztgültigen Ergriffenseins.
Die Überlegungen machen bis hierher deutlich, dass Paul Tillich unter dem Begriff des Glaubens ein ‚letztgültiges Ergriffensein‘ versteht. Dies ist ein notwendiger Schritt, um im Folgenden besser zu verstehen, welchen Zusammenhang Paul Tillich mit der Korrelationsmethode abzubilden versucht. Tillich konstatiert: „Die Methode der Korrelation erklärt die Inhalte des christlichen Glaubens durch existentielles Fragen und theologisches Antworten in wechselseitiger Abhängigkeit.“10 Hierin ist die Aufgabe der Theologie benannt, die sich für Paul Tillich folgendermaßen darstellt:
Die Theologie formuliert die in der menschlichen Existenz beschlossenen Fragen, und die Theologie formuliert die in der göttlichen Selbstbekundung liegenden Antworten in Richtung der Fragen, die in der menschlichen Existenz liegen.11
Ausgehend von den Problemen, die sich durch die religiöse Indifferenz ergeben, steht die Korrelationsmethode unter Druck. Stellen Menschen mit einer indifferenten Haltung heute noch existenzielle Fragen? Hinterfragen sie ihr eigenes Leben? Stellen sie grundsätzlich die Frage nach Gott und nach Sinn? Unter Indifferenz ist hier zu verstehen, dass es sich dabei um eine „Haltung der Unbestimmtheit entweder gegenüber dem Religiösen oder einer religiösen Repräsentation“ handelt.12 Die Frage-Antwort-Korrelation gewinnt für Tillich an Bedeutung, da sie die Kontingenz des Menschen zum methodischen Ausgangspunkt macht.13 Heute erleben wir, dass die Kontingenzbewältigung nicht automatisch zur Gottesfrage führt, denn die Sinnstiftungsoptionen gibt es heute zahlreich. An dieser Stelle sei z. B. auf eine säkulare Feierkultur hingewiesen.14Heute erleben wir, dass die Kontingenzbewältigung nicht automatisch zur Gottesfrage führt.
Edward Schillebeeckx und der Erfahrungsbezug des Glaubens
Zu den ersten Rezipienten der Korrelationsmethode in der katholischen Theologie gehörte der belgisch-niederländische Theologe Edward Schillebeeckx OP. Seine Herangehensweise an die Korrelationsmethode ist geprägt von den Zeitumständen, in denen er lebt. Wir befinden uns hier in den späten 1960er-Jahren. Zunächst versucht er die Bedingungen freizulegen, unter denen die Gottesfrage an sich eine sinnvolle Frage ist. Schillebeeckx konstatiert: „Ist die Gottesfrage selbst eine ernste Frage, ist sie wirklich sinnvoll, und wenn ja, unter welchen Bedingungen?“15 Dafür stellt Edward Schillebeeckx die Wichtigkeit von Erfahrungen in das Zentrum seiner Überlegungen. Erfahrungen von Sinn und Unsinn werden bereits gemacht, bevor sie möglicherweise religiös interpretiert werden. Dazu führt Schillebeeckx aus:
Zu einer menschlichen Lebensfrage gehört korrelativ in erster Linie allein eine menschlich-sinnvolle Antwort; eine Frage, die der Mensch stellt, wird allein der Mensch selbst sinnvoll beantworten müssen, bevor er ein eventuell transzendentes, göttliches Offenbarungswort verstehen kann. Das Christentum kann nicht direkt eine Antwort auf eine menschliche Frage geben.16
Schillebeeckx legt hier die Grundbedingung frei, unter der der Mensch möglicherweise eine religiöse Frage stellt. Die Grundbedingung zeigt sich in Form einer „negativen Dialektik“17, die sich in dem „Widerstand gegen die Bedrohung des Menschseins“ konkretisiert.18 Für Schillebeeckx ergibt sich aus der ‚negativen Dialektik‘ eine Vorerfahrung, die alle Menschen machen: Sie lehnen sich gegen Unrecht auf.19 Die menschlichen Erfahrungen haben Vorrang, sobald es darum geht, dass die Menschen sich gegen den ‚Unsinn‘ der Welt stellen:
Der in der Welt trotz allem nach Sinn suchende Mensch stellt eine Frage, und diese muß er somit auch selbst zuerst beantworten. Seine Antwort läßt etwas von dem Wunder des menschlichen Daseins durchschimmern, nämlich daß der Mensch trotz allem Güte realisieren will und daß er, […] dennoch weiter vertraut, daß das Gute sich durchsetzen wird, und daß er sich dafür einsetzt.20
Später wird dieser Gedanke bei Schillebeeckx als „negative Kontrasterfahrung“ zu finden sein. Für die gegenwärtige Theologie und viele pastorale Problemstellungen ist damit ein Horizont aufgezeigt, von dem her die Gottesfrage möglicherweise wieder sinnvoll gestellt werden kann: „Aufgrund menschlicher Erfahrung von Gott reden ist wesentlich mit der Möglichkeit verbunden, weltliche Erfahrung zu einem religiösen Gesprächsthema zu machen.“21 Der Theologe wendet sich gegen ein naives Korrelationsverständnis22, das aus einer unthematischen Frage-Antwort-Korrelation besteht und die menschlichen Erfahrungen nicht berücksichtigt.
Im Verlauf seines Denkens wird Schillebeeckx sich von der Korrelationsmethode abwenden, denn für ihn sind die Entwicklungen (gerade in den Niederlanden) problematisch, insofern bruchlose Anknüpfungspunkte an das Evangelium immer unmöglicher werden. Diese Entwicklungen sind im Begriff der „kritischen Interrelation“23 gefasst, die versucht, Brüche anzuerkennen und nicht einfach auszuschließen. Ausgehend von einem Abbruch der Korrelation und der Problematik der religiösen Indifferenz verändert sich die Aufgabenstellung der Theologie:
Eine der fundamentalen Aufgaben der Theologie ist es gerade, zu versuchen, neue Erfahrungen, mit ihrer Kritik an früheren Erfahrungen, in Worte zu fassen, zu reflektieren und zu formulieren als Frage an die religiöse Tradition, die Kirche, und an die gesellschaftlich-kulturellen Selbstverständlichkeiten, in denen sich die Kirche befindet. Durch diese Tätigkeit wird der Theologe verletzbar, weil er darin auf eine besondere Weise ein Suchender ist, weil er experimentell und hypothetisch ist in seinen Behauptungen. Denn was in neuen Erfahrungen für den christlichen Glauben wichtig oder irrelevant ist, steht von vornherein keineswegs fest.24
Die Überlegungen haben eine überraschende und befreiende Pointe. Der tieferliegende Gedanke bei Schillebeeckx führt über die Notwendigkeit der Gottesfrage hinaus – sie kann als sinnvolle Ergänzung der menschlichen Fragen nach Sinn verstanden werden. Die Gottesfrage kann sinnvoll gestellt werden, sie ist jedoch nicht notwendig. Damit steht sie auch nicht in direkter Konkurrenz zu säkularen (Sinn-)Angeboten. Für die Gegenwart gilt: „Moderne Menschen brauchen Gott nicht zur Erklärung [der Welt].“25 Maßgeblich für die Theologie von Edward Schillebeeckx ist die Unterscheidung zwischen „menschlichen Sinn“26 und „religiösen Sinn“27. Für das Offenbarungsverständnis bedeutet dies, dass Offenbarung sich dort ereignet, wo sich ein „sinnvolles Geschehen“28 ereignet, „das auch schon ohne direkten Bezug auf Gott […] für den Menschen relevant ist.“29Die Gottesfrage kann sinnvoll gestellt werden, sie ist jedoch nicht notwendig.
Auslotungen für die Gegenwart I – Religiöse Indifferenz
Bis hierher haben wir skizzenhaft gesehen, worauf die Korrelationsmethode zurückgeht und inwiefern sie von Edward Schillebeeckx OP ergänzt und erweitert wurde. Alle theologischen und pastoralen Bemühungen, Gott in der Welt präsent zu halten, stehen vor der Problematik der religiösen Indifferenz. Wie kann mit der religiösen Indifferenz umgegangen werden, ohne dass die „Korrelationsfalle“ zuschnappt? An dieser Stelle soll ein differenzierter Blick auf den Phänomenbereich der religiösen Indifferenz geworfen werden. Zunächst macht der ehemalige Erfurter Theologie-Professor Eberhard Tiefensee deutlich, dass das kontingente Dasein des Menschen nicht als ein Automatismus verstanden werden darf, der in direkter Linie zu Sinnfragen und schlussendlich zur Gottesfrage führt. Er macht dafür einen Unterschied zwischen einer „normativen Anthropologie“30 (der Mensch sei von Natur aus religiös) und einer „deskriptiven Anthropologie“31 (der tatsächlichen Religiosität eines Menschen). Die Frage der religiösen Indifferenz befindet sich dabei auf der Ebene der ‚deskriptiven Anthropologie‘. Um die religiöse Indifferenz greifbarer zu machen, bieten der Ethnologe Andreas Quack und die Kulturwissenschaftlerin Cora Schuh eine Differenzierung des Phänomens an. Zunächst unterscheiden sie zwischen einer „bewussten Indifferenz“32 und einer „unbewussten Indifferenz“33. Beide Formen der Indifferenz unterscheiden sich in ihrer Reflexionsweise. Es gibt eine „ausgearbeitete Haltung“34, die dazu führt, dass Religion „als gleichermaßen gut wie schlecht oder weder gut noch schlecht“35 wahrgenommen wird. Irrelevanz von religiösen Fragestellungen und Gewohnheit sind die ausschlaggebenden Kriterien der ‚unbewussten Indifferenz‘.36 Um Erreichbarkeitspotenziale freizulegen, differenzieren Quack und Schuh das Phänomen der Indifferenz weiter. Sie führen aus, dass es Formen der „relativen“37 und der „absoluten“38 Indifferenz geben kann:
Die absolut Indifferenten kümmern sich überhaupt nicht um Religion. Es handelt sich um eine nicht vorhandene (Nicht)Religiosität. Eine relative Indifferenz meint, dass sich Menschen lediglich gegenüber bestimmten Aspekten von Religion indifferent zeigen.39
Hier zeigen sich Erreichbarkeitspotenziale, die sich aus den verschiedenen Haltungen gegenüber „der Religion“ ergeben. Sie schlussfolgern:
Im Sinne der Unterscheidung zwischen bewusster und unbewusster Indifferenz könnte man Indifferenz in erster Linie als das Fehlen einer maßgeblichen Antwort verstehen; sie kann somit als eine desinteressierte Einstellung betrachtet werden.40
Es zeigt sich, dass Menschen, die gegenüber religiösen Themen eine eher unbewusst-relative Indifferenz aufweisen, dennoch Potenziale der Erreichbarkeit besitzen. Demgegenüber gibt es die Gruppe von Menschen, die eine bewusst-absolute Indifferenz aufweisen – dort können keine Erreichbarkeitspotenziale gefunden werden. Hier bricht jeder Versuch, Korrelationen herzustellen, ab.
Wenn die Gottesfrage, wie zu Beginn des Artikels benannt, zur Disposition steht, dann ist abschließend zu fragen, wie die Gottesfrage unter den sich verändernden Bedingungen neu gestellt werden kann.
Auslotungen für die Gegenwart II – Anatheismus
In den letzten Jahren sind verschiedene Versuche unternommen worden, die Botschaft des Evangeliums und die damit verbundene Gottesfrage an die Gegenwart anzuknüpfen und dabei nicht den Befund zu ignorieren, der hier bereits angeklungen ist. Im abschließenden Teil soll das Konzept des „Anatheismus“41 des irischen Philosophen Richard Kearney übersichtlich dargestellt werden. Wie kann Gott zur „interessantesten Antwort“ werden?Wie kann Gott zur interessantesten Antwort werden?
Mit dem Anatheismus geht zunächst eine Öffnung für den Raum der Gottesfrage einher. Die Philosophin Sheila Gallagher fasst die Grundidee des Anatheismus als „die Idee einer Rückkehr zu Gott ‚nach‘ (ana-) Gott, der Wiederentdeckung des Heiligen im Zufall, des Ikonischen im Gewöhnlichen, des Höchsten im Niedrigsten“42 zusammen. Dementsprechend vermisst Richard Kearney den Raum der (anatheistischen) Gottesfrage als „eine alternative Dialogmöglichkeit […], jenseits der sterilen Polarisierung von Theismus und Atheismus“43. Dem Anatheismus ist eine doppelte Dynamik inhärent, die sich aus der Doppeldeutigkeit des Präfixes „ana“ ergibt. Sie umfasst dabei einerseits ein „zurück“ und andererseits ein „erneut und wieder“44. Es geht darum, an eine „ursprüngliche Erfahrung“ anzuknüpfen.45 Kearney fasst seine Idee des Anatheismus folgendermaßen zusammen:
In diesem Sinne verwende ich den Begriff Anatheismus als eine ‚Rückkehr zu Gott nach Gott‘: ein kritisches hermeneutisches Zurückholen heiliger Dinge, die vorbei sind, aber noch immer einen radikalen Restbestand in sich tragen, ein unerkanntes Potential oder Versprechen, das in der Zukunft vollständiger erkannt werden soll. So kann Anatheismus als ‚Nach-glaube‘ verstanden werden, was mehr ist als ein schlichter ‚Nach-gedanke‘ oder eine ‚Nach-wirkung‘. Nach-glaube ist eschatologisch – etwas Endgültiges, das eigentlich schon von Anfang an da war. Und aus diesem Grund ist das Danach von ana- auch ein Davor – ein Davor, das in ein zweites Danach transponiert wurde.46
Für Kearney ist der Glaube, ähnlich wie es bei Paul Tillich angeklungen ist, ein existenzieller Akt. Glauben erfordert den Mut des gesamten Individuums. In diesem Zusammenhang ist Kearney sich sehr bewusst, dass der Anatheismus als modernes Geschehen zu verstehen ist, insofern sich das Fundament, von dem her die mögliche Frage nach Gott gestellt werden kann, verändert hat. Er führt aus:Glauben erfordert den Mut des gesamten Individuums.
Die Illusion von Gott (als unbeschränkter Lenker des Universums) verloren zu haben, bedeutet für mich die Möglichkeit zu genießen, mich wieder dem ursprünglichen und fortwährenden Versprechen einen heiligen Fremden zu öffnen, eines absolut Anderen, der als Geschenk kommt, als Ruf oder Berufung, als Aufforderung zur Gastfreundschaft und zur Gerechtigkeit. Kurzum, der Anatheismus ist eine radikale Öffnung für jemanden oder etwas, das von der westlichen Metaphysik verloren und vergessen war […] und wieder ins Gedächtnis gerufen werden muss.47
Der Anatheismus führt zu einer „anatheistischen Frage“48, die zwei Ebenen hat, nämlich unter Berücksichtigung der historischen Umstände: „Was kommt nach dem Tod Gottes?“49 Daran schließt sich die existenzielle Ebene an: „Wie könnte irgendein aktuelles Ich dies in seiner konkreten, gelebten Existenz erfahren – also in seinem persönlichen Sein, das dem unpersönlichen entgegensteht?“50 Die existenzielle Ebene der ‚anatheistischen Frage‘ geht mit einem „anatheistischen Moment“51 einher, der sich als „Leere“52 oder „Umkehr“53 zeigt. Dieses Sich-Einlassen auf die Frage ist für Kearney nur im Modus einer existenziellen Wette möglich, da sich nur so der Raum für die mögliche Frage nach Gott eröffnen kann.54
Schlussbemerkung
Die Probleme, die sich aufgrund der religiösen Indifferenz ergeben, sind für die Kirche und die Pastoral gravierend. Wir haben gesehen, dass Paul Tillich den Glauben als existenzielles „letztgültiges Ergriffensein“ versteht und mit der Korrelationsmethode den Zusammenhang zwischen den Fragen der Menschen und den Antworten der göttlichen Offenbarung sowie des Evangeliums herauszustellen sucht. Mit Edward Schillebeeckx wurde gezeigt, dass religiöse Fragen nur aus dem Kontext menschlicher, sinnvoller Erfahrungen heraus plausibel werden können. Ebenso haben wir gesehen, dass es Erreichbarkeitspotenziale gibt, wenn das Phänomen der religiösen Indifferenz genauer differenziert wird. Den Abschluss bildet das Konzept des Anatheismus, verstanden als eine „Rückkehr zu Gott nach Gott“, in dem die starren Gegensätze zwischen „Glaube und Unglaube“ aufgebrochen werden.
Für die Pastoral geht es darum, danach zu suchen, wo neue Räume für eine mögliche Gottesfrage ausgemacht werden können. Gott kann die interessanteste Antwort auf die interessantesten Fragen sein, allerdings unter Bedingungen, die sich stark und schnell verändern. Gott ist eine mögliche Antwort, keine notwendige.
- DIAZ, Hernan, Treue, Berlin 2022, 406.
- PETERS, Tiemo Rainer, Entleerte Geheimnisse. Die Kostbarkeit des christlichen Glaubens, Ostfildern ²2017, 40.
- TILLICH, Paul, Dynamik des Glaubens. (Neu übersetzt, eingeleitet und mit einem Kommentar versehen von Werner Schüßler), Berlin 2020, 14.
- Ebd., 23.
- Vgl., ebd., 21.
- Ebd., 24f.
- Ebd., 25.
- Ebd., 34.
- Ebd., 36.
- TILLICH, Paul, Systematische Theologie I-II, (Studienausgabe), Berlin 2017, 65.
- Ebd., 66.
- HÖRSCH, Daniel, Das Phänomen des „homo indifferenz“. Sozialwissenschaftliche Annäherungen, in: POMPE, Hans-Hermann und Hörsch, Daniel, Indifferent? Ich bin normal. Indifferenz als Irritation für kirchliches Denken und Handeln (Kirche im Aufbruch, Bd. 23), Leipzig 2017, 73–85, hier: 83.
- Vgl. TILLICH, Paul, Systematische Theologie I-II, (Studienausgabe), Berlin 2017, 66.
- Vgl. HEUVELMANN, Maximilian, Parookaville – oder: Von Orten säkularer Sinnerfahrung, in: https://www.feinschwarz.net/parookaville-oder-von-orten-saekularer-sinnerfahrung/ [Abruf am: 26.09.2025]
- SCHILLEBEECKX, Edward, Glaubensinterpretation. Beiträge zu einer hermeneutischen und kritischen Theologie, Mainz 1971, 84.
- Ebd., 94 f. (Hervorhebung dort.)
- Ebd., 97.
- Ebd.
- Vgl. ebd.
- Ebd., 108.
- SCHILLEBEECKX, Edward, Menschen. Die Geschichte von Gott, Freiburg 1990, 50. (Hervorhebung dort.)
- Vgl., SCHILLEBEECKX, Edward, Tradition und Erfahrung. Von der Korrelation zur kritischen Interrelation. Hans-Georg Ziebertz im Gespräch mit Edward Schillebeeckx anlässlich dessen 80. Geburtstags am 12. November, in: KatBl 119 (1994), 756–762, hier: 757.
- Ebd.
- SCHILLEBEECKX, Edward, Christus und die Christen. Die Geschichte einer neuen Lebenspraxis, Freiburg 1977, 35.
- SCHILLEBEECKX, Edward, Weil Politik nicht alles ist. Von Gott reden in einer gefährdeten Welt, Freiburg 1987, 16.
- Ebd., 22. (Hervorhebung dort.)
- Ebd. (Hervorhebung dort.)
- Ebd.
- Ebd.
- TIEFENSEE, Eberhard, „…normal halt!“ Einige Anmerkungen zu einer Theologie säkularer Existenzweisen aus philosophischer Perspektive, in: Zeitschrift für Pastoraltheologie (40. Jahrgang, 2020-2), Theologie säkularer Existenzweisen, 47–57, hier: 51.
- Ebd.
- QUACK, Johannes und SCHUH, Cora, Religiöse Indifferenz zwischen Religion und Nichtreligion, in: https://www.euangel.de/ausgabe-2-2016/religioese-indifferenz/religioese-indifferenz-zwischen-religion-und-nichtreligion/ [Abruf am: 24.09.2025].
- Ebd.
- Ebd.
- Ebd.
- Ebd.
- Ebd.
- Ebd.
- Ebd.
- Ebd.
- KEARNEY, Richard, Revisionen des Heiligen. Streitgespräche zur Gottesfrage, (im Deutschen herausgegeben von René Dausner), Freiburg 2019.
- GALLAGHER, Sheila, Pneuma hostis – Künstlerische Notiz zum Titelbild, in: KEARNEY, Richard, Revisionen des Heiligen. Streitgespräche zur Gottesfrage, (im Deutschen herausgegeben von René Dausner), Freiburg 2019, 19.
- KEARNEY, Richard, Vorwort, in: KEARNEY, Richard, Revisionen des Heiligen. Streitgespräche zur Gottesfrage, (im Deutschen herausgegeben von René Dausner), Freiburg 2019, 18.
- Vgl. DAUSNER, René, Anatheismus – Richard Kearneys religionsphilosophischer Beitrag zur Gottesfrage heute, online: feinschwarz.net, 07.05.2020, https://www.feinschwarz.net/anatheismus-richard-kearneys-religionsphilosophischer-beitrag-zur-gottesfrage-heute/ [Abruf am: 24.09.2025].
- KEARNEY, Richard, Gott nach Gott. Ein anatheistischer Versuch der Revision Gottes, in: KEARNEY, Richard, Revisionen des Heiligen. Streitgespräche zur Gottesfrage, (im Deutschen herausgegeben von René Dausner), Freiburg 2019, 21.
- Ebd., 22. (Hervorhebung dort.)
- Ebd., 25.
- Ebd., 26.
- Ebd.
- Ebd.
- Ebd.
- Vgl. ebd., 27.
- Vgl. ebd., 26.
- Vgl. ebd., 28.
