22018

Praxis

Konrad Neuwirth

Songwriters’ Church. Ein Erfahrungsbericht

Mission geschieht an Hecken und Zäunen. Sie wird nur funktionieren, wenn die Kirche ihre Umweltstrategie von Exklusion und Assimilation auf Inklusion und Differenzierung umstellt.1

Zeitfenster ist eine 2010 gegründete Gemeinde der Pfarre Franziska von Aachen. Seit 2014 feiert Zeitfenster einmal monatlich einen Gottesdienst, über dessen Konzeption an anderer Stelle schon geschrieben worden ist.2 Dennoch gibt es Aspekte, die bislang nicht in Veröffentlichungen in den Fokus genommen wurden.

So war es eine der grundsätzlichen Entscheidungen, die Abende auch mit guter und gut gemachter Veranstaltungstechnik auszustatten. Licht sollte den Raum stimmungsvoll akzentuieren, Musik und Sprache sollten gut verständlich sein und die Menschen emotional erreichen. Deshalb investierten wir in entsprechende Technik. Als sich abzeichnete, dass die bislang im Team vorhandenen Kompetenzen nicht ausreichten, entschieden wir, uns zu verstärke

n und einen professionellen Tontechniker zu suchen, um einerseits die Veranstaltungen zu betreuen und andererseits dafür zu sorgen, dass die Ziele – überall in der Kirche guten Ton zu haben – auch erreicht werden.

Eine andere zentrale Entscheidung war es, auch in Sachen Musik der gewählten Markenidentität mit der Tonalität „echt, handgemacht, hochwertig, klug und zugewandt“ zu entsprechen3 und sich daher klar zu positionieren: Sie sollte gut gemacht sein – also auch für sich genommen, als Darbietung, ernstgenommen werden können; sie sollte klar einem spezifischen Stil entstammen (Singer/Songwriter – handgemacht, echt, zugewandt) und aus einem aktuellen Musikrepertoire schöpfen. Wir hatten hier Glück: es fanden sich genug talentierte Musiker*innen, die das machen wollten. Und wenn es im Laufe der Zeit mit unseren eigenen Musikteams mal eng wurde, dann waren Aufrufe im Gottesdienst erfolgreich und es fanden sich weitere Menschen, die sich so in einem der nächsten Gottesdienste einbrachten.

So kamen mit der Zeit ein paar Faktoren zusammen: wir hatten Erfahrung damit, den Kirchenraum wirken zu lassen und Atmosphäre zu erzeugen. Wir hatten die Raumakustik in den Griff bekommen und konnten für die und mit den Mitfeiernden einen guten Abend gestalten. Wir wollten jedoch mehr Musiker*innen gewinnen und kamen so auf die Idee, ein neues Format zu probieren.

Bei uns in der Stadt gibt es viele gute Musiker*innen, die mit Kirche keine Berührungspunkte mehr haben. Können wir es nicht schaffen, dass Kirche ein Ort für diese Musiker*innen wird?

Der Leitgedanke war: Bei uns in der Stadt gibt es viele gute Musiker*innen, die mit Kirche keine Berührungspunkte mehr haben. Können wir es nicht schaffen, dass Kirche ein Ort für diese Musiker*innen wird? Und vielleicht ergibt es sich sogar, dass wir unter den Musiker*innen welche finden, die auch Lust hätten, die Gottesdienste mitzugestalten. Und nicht zuletzt können wir uns mit diesem, komplett auf Musik ausgerichteten Format, auch neuem Publikum öffnen, das sonst keine Berührung mehr mit Kirche hat. Zu unserem großen Glück ist Ramón Creutzer, der sich um unseren Ton kümmert, nicht nur ein sehr guter Tontechniker für Live-Veranstaltungen – er ist auch Musikproduzent und Organisator des Aachener Songwriters’ Table und sehr gut in der lokalen Musikszene vernetzt.

Der Songwriters’ Table – damals monatlich, mittlerweile einmal pro Quartal – bietet Musiker*innen die Möglichkeit, auch dann auf die Bühne zu gehen, wenn sie kein Programm für ein volles Konzert mitbringen oder wenn sie nicht alleine einen Abend bestreiten wollen. Er ist in Aachen eine Institution, der Name steht auch für musikalische Qualität und Unterhaltung. Unter den Musiker*innen, die sich regelmäßig bei Zeitfenster engagieren gab es mit Missi Wainwright eine Frau, die großen Spaß an der Idee hatte, eine solche Veranstaltung zu moderieren. Mit ihrer großen Erfahrung als Sängerin, Frontfrau diverser Bands und auf Bühnen aller Größenordnungen waren wir uns sicher, dass sie mit den Act schnell eine gute Gesprächsbasis haben würde und die Abende professionell und unterhaltsam gestalten würde. Stück für Stück fügte es sich also, dass unser neues Format Form annahm. Um die Verbundenheit mit dem Songwriters’ Table aufzugreifen entschieden wir uns für den Namen „Songwriters’ Church“ – und hatten damit auch eine klare Aussage über die musikalische Ausrichtung getroffen. Ebenso ist der Name Ausdruck der Haltung hinter der Veranstaltung: St. Foillan zur Kirche der Songwriter zu machen, den Ort den Musiker*innen zu überlassen und zu vertrauen, dass Gutes passiert.

Am Abend, in der Kirche, ergaben sich dichte, schöne Momente und manche Menschen haben sich weit geöffnet und an Persönlichem teilhaben lassen.

Von Anfang der Idee an war uns klar, dass zum Format der Songwriters’ Church nicht nur Musik, sondern auch Interviews mit den Musiker*innen dazugehören sollten. Wir hatten uns erhofft, dass wir Einblicke bekommen, was die Musiker*innen antreibt und woraus sie für ihre Musik schöpfen – und diese Hoffnungen haben sich erfüllt. Am Abend, in der Kirche, ergaben sich dichte, schöne Momente und manche Menschen haben sich weit geöffnet und an Persönlichem teilhaben lassen. Wir haben eine Struktur gefunden, bei der zwei Acts pro Abend das Programm bestreiten – zunächst jeweils im Interview, dann musikalisch. Wichtig war und ist uns, dass Besucher*innen jederzeit dazukommen können: die Türen sind den ganzen Abend offen, der Eintritt ist frei. Wir sammeln Spenden, die dann jeweils unter den Musiker*innen aufgeteilt werden – aus den Einnahmen der jeweiligen Abende bleibt nichts für Zeitfenster.

Mit dem Start der Veranstaltung sind schöne Dinge passiert: es haben sich recht schnell Musiker*innen bei uns gemeldet, die auch gerne auftreten wollen – wir hatten nicht damit gerechnet, dass das direkt passieren würde. Von den Auftretenden bekommen wir sehr positives Feedback, dass es schöne Erlebnisse sind, in der Kirche Musik zu machen. Und es hat sich auch weitere Vernetzung ergeben. Gleich neben dem Gemeindehaus, an einem schönen Platz in der Innenstadt, gibt es ein Lokal, in dem oft Konzerte stattfinden. Es ergaben sich gute Gespräche, im Sommer Veranstaltungen für den Platz zu organisieren – die Fenster-zum-Hof-Konzerte. An drei Wochenenden haben wir live Musik aus den Fenstern in den Hof (so heißt der Platz in Aachen) gemacht. Und wir sind sehr gespannt, wie es mit dem musikalischen Engagement noch weitergeht.

Was haben wir aus unseren Erfahrungen gelernt?

Songwriters’ Church existiert nur, weil sich uns Möglichkeiten zur Zusammenarbeit und Partnerschaft ergeben haben.

Zunächst: Songwriters’ Church existiert nur, weil sich uns Möglichkeiten zur Zusammenarbeit und Partnerschaft ergeben haben. Ohne Ramón Creutzers Kontakte in die Musikszene, ohne sein Wissen um die Gestaltung von Live-Events, ohne Missi Wainwrights kenntnisreiche und charmante Moderation, gäbe es das Format nicht. Gleichzeitig ermöglicht das Format
neue Kooperationen und bringt uns die Chance, in neuen Zusammenhängen wahrgenommen zu werden. Einen offenen Blick dafür zu haben, welche Charismen Menschen einbringen könnten und welche Optionen sich für kirchliches Handeln daraus eröffnen, hat uns ein Format beschert, das einen Weg bietet, Kirche für neue Menschen interessant zu machen.

Für das Team der Songwriters’ Church ist sehr wichtig, dass wir nach den Veranstaltungen unsere Erfahrungen reflektieren, um dazuzulernen. Wir haben an manchen Stellen mutige Entscheidungen getroffen, um Ideen gezielt auszuprobieren – wissend, dass da auch Sachen schiefgehen können. Wir wissen jetzt mehr als vor zwei Jahren darüber, wie das Format funktionieren kann und

haben ein Bild davon, wie wir es weiter entwickeln wollen, damit es auch auf Dauer bestand hat. Und bezugnehmend auf das Eingangszitat: wir sind auf vielfältige Weise bestrebt, mit unserer Umwelt in Kontakt zu sein – ästhetisch, inhaltlich und an den Werten und Entscheidungen der Menschen orientiert. Es stellt sich dabei heraus, dass wir auch tatsächlich etwas anzubieten haben, das für die Umwelt attraktiv ist.

  1. Dessoy, V.: Kirche könnte gehen … In: C. Hennecke, T. Tewes, G. Viecens (Hrsg.): Kirche geht … Die Dynamik lokaler Kirchenentwicklung. Würzburg 2013, 23-42.
  2. Vgl. z.B. Hahmann, U./ Jantzen, A./ Maubach, J.: ZeitfensterGemeindegründung im urbanen Raum, Diakonia 48 (2017) 111-115
  3. Vgl. Hahmann, U.: Bitte weitersagen: Fürchtet euch nicht. Warum es bei pastoralen Innovationen wichtig ist, auf das Risikoempfinden potenzieller Nachfrager zu achten und wie Marketing helfen kann. In: futur2 1/2016: http://www.futur2.org/article/bitte-weitersagen-fuerchtet-euch-nicht.

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