012012

Foto: Urban Kalbermatter: Bananen (CC BY 2.0), Bildausschnitt

Konzept

Ulrich Berens

Fair gehandelte Bananen und Freie Software: Ein Imperativ für Christen

Eine Banane ist eine Banane: Wir wissen als Christen mit ethisch geschärftem Blick, dass diese Aussage so nicht unbedingt wahr, sondern eigentlich problematisch ist. Denn es gibt solche Bananen, die für multinationale Konzerne produziert werden, deren Arbeiter unter ruinösen Arbeitsbedingungen und schlechten Löhnen leiden, deren Anbau begleitet ist von Landraub, Zwangsrodung, massivem Pestizideinsatz und Verödung durch Grundwasserabsenkung. Das sind die „schlechten“ Bananen.

Dann gibt es jene Bananen, von deren Anbau die Arbeiter in den Plantagen durch gerechte Löhne, faire Arbeitszeiten und nachhaltige Entwicklung profitieren, bei deren Anbau auch ökologische, gesundheitliche und soziologische Aspekte berücksichtigt werden. Das sind die „guten“, die „fairen“ Bananen. Als Christen wissen wir, welche Bananen wir eigentlich kaufen müssen, denn uns als Christen ist die Solidarität mit den Armen und die Liebe zur Schöpfung quasi ins Stammbuch geschrieben.

Die Banane ist nur ein Beispiel: von vielen Produkten, etwa Kaffee oder Kakao, Zucker und Lachs, aber auch von Rohstoffen wie Diamanten oder „seltenen Erden“ wollen wir wissen, ob sie „fair“ produziert, an- oder abgebaut werden. Auch hier schlägt unser Gewissen, denn uns leitet unser Blick auf die Welt als Christen.

Weniger geschärft ist hingegen unser Blick, wenn es darum geht, welche Software wir in den Kirchen und als Christen verwenden. Gelten hier für uns Christen plötzlich andere ethische Kriterien als bei Bananen oder Kaffee? Oder ist einfach unser Blick noch etwas getrübt?

 

Freie Software wie Linux, Firefox oder 1000 andere Freie Projekte, ist „faire“ Software im oben genannten Sinn und verträgt sich ideell bestens mit dem Evangelium. Warum? Jesus, das Evangelium, die Bibel haben sich selbstverständlich weder zu Bananen noch zu Software geäußert. Dennoch stecken sie das ethische Terrain ab, in dem wir zu den jeweils implizierten ethischen Fragen Stellung beziehen.

Freie Software ist solidarisch, macht unabhängig, bringt Menschen zusammen und dazu, miteinander etwas zu teilen – unentgeltlich. Sie ist im Kern sozial und steht für Kommunikation, Teilhabe, Austausch, Hilfe. Systeme wie Linux helfen ärmeren Ländern, auch mit weniger aktueller technischer Ausrüstung und Hardware Anschluss an das Zeitalter der Informationsgesellschaft zu erhalten. Freie Software ist also auch deshalb fair, weil sie bei der fairen Verteilung von Wissen hilft. Freie Software-Projekte wie Linux und andere helfen dabei, den „digital divide“, den von der UNO beklagten ” digitale Kluft“, zwischen Arm und Reich zu überwinden. Der Einsatz für eine gerechte und inklusive (nicht exklusive!) Weltinformationsgesellschaft sollte gerade den Kirchen selbstverständlich sein.

In der Tat ist es das Entwicklungsmodell, das so anders ist und Freie Software auszeichnet. Denn Freie Software heißt: Tausende von Menschen arbeiten über die Grenzen von Alter, Geschlecht, Nationalität, oder Hautfarbe hinweg gemeinsam an Projekten, die allen wieder zugute kommen – und zwar unentgeltlich. Über das Internet werden die Ergebnisse ausgetauscht, werden Probleme diskutiert und werden Hilfen gegeben. Jede/r kann als einfacher Anwender/in direkt mit den Entwicklern eines Programms in Verbindung treten und Vorschläge für die weitere Entwicklung machen, seine Hilfe anbieten oder sich einfach selbst helfen lassen.

Freie Software, zumal die, die das Internet und das Web 2.0 antreibt, ist somit immer auch schon von ihrem Entwicklungsansatz her „soziale Software“: sie bringt Menschen für Menschen zusammen. Ich denke, diese Ideen und dieses solidarische Handeln ist etwas für uns Christen. Wenn eine Idee so gut mit der Bibel und christlichen Grundüberzeugungen harmoniert, dann hat sie doch unsere Unterstützung verdient, oder?

Ein anderer Aspekt: Im kirchlichen Bereich gibt es seit jeher eine schöne, von vielen kirchlichen Mitarbeitern selbstverständlich praktizierte Tradition: Wer gute Ideen hat und ein schönes Konzept z.B. für eine Veranstaltung entworfen hat, benutzt es selbst gerne, aber gibt es ebenso gerne weiter, weil so auch Kollegen etwas davon haben. Und wenn die Anderen es für ihren Bedarf verändern, verbessern oder erweitern, dann ist das gut und in Ordnung. Vielleicht bekommt der Ideengeber die Ergebnisse der anderen dann wieder zurück und es entsteht so eine Kultur des Gebens und Nehmens.

Im Grunde genommen funktioniert ja die Idee Freier Software genauso. Jemand schreibt ein schönes Programm und stellt es allen anderen zur Verfügung. Und weil er den Quelltext mitliefert, können diejenigen, die etwas vom Programmieren verstehen, sein Programm verbessern und erweitern und es wieder allen anderen zur Verfügung stellen. Damit wird das Programm zu einer Art Gemeinbesitz. Und es wird frei. Nicht so sehr frei im Sinne von „das kostet nichts“, sondern vor allem frei im Sinne von „niemand kann die Weiterentwicklung und Nutzung einschränken“ – z.B. durch neue, rigide Lizenzmodelle.

Der Betreiber dieses Blogs, Ralf Peter Reimann, hat in einem vorigen Artikel geschrieben:

„Verstehen wir das Evangelium als Open Content – also ein Inhalt, der zur Verbreitung freigegeben ist – gibt es eine gewisse Nähe zu Open Source Software, daraus lässt sich aber meines Ermessens keine eindeutige Präferenz begründen.“

Nun, diese Nähe, die Ralf Peter Reimann anspricht, existiert zweifellos, und wenn ich mir durchlese, was die ersten Christen so einzigartig machte, dann sehe ich eine Handlungsempfehlung, eine Präferenz durchaus: sie „bildeten eine Gemeinschaft und hatten alles gemeinsam.“, wie die Apostelgeschichte (2,44) berichtet. Letzteres Zitat kann ja quasi als Kurzformel für die Freie-Software-Bewegung durchgehen: eine Gemeinschaft bilden und einfach teilen (in diesem Fall eben Software).

Richard Stallmann, Gründer der Free Software Foundation und Chef des GNU-Projects, war die Nähe von christlichen Gedanken zu den Prinzipien Freier Software schon früh bewusst: „Ich habe immer geglaubt, dass Freie Software einen moralischen Imperativ für christliche Kommuniktoren darstellt. Christen und Menschen anderen Glaubens können die Kontrolle menschlichen Wissens oder die Entwicklungsbeschränkungen nicht billigen, die proprietäre Software verursacht.“

Das führt mich direkt zu einem letzten Aspekt, den ich noch kurz erwähnen muss.

Die Software auf unseren Rechnern ist weltweit geprägt durch Monopole, die oft mit unsauberen und z.T. mit kriminellen Mitteln durchgedrückt und behauptet werden – das betrifft auch uns, die wir damit ja in den Kirchen auch arbeiten (müssen).

Ein Beispiel: Die Firma, deren Betriebssystem weltweit auf den meisten PC installiert ist, ist sowohl in den Vereinigten Staaten als auch im EU-Raum zu milliardenschweren Strafen rechtskräftig verurteilt worden. Die EU- Kommission liefert sich seit Jahren einen erbitterten Streit mit dem Softwarehersteller. Im Kern steht die Frage, wie das Betriebssystem Windows für Rechner mit Anwendungen anderer Hersteller überhaupt dialogfähig und kompatibel gemacht werden kann. Microsoft soll dazu ausreichend Informationen zur Verfügung stellen und Schnittstellen offen legen – und verweigert dies hartnäckig. Die EU verhängte darum mehrfach Rekordbußgelder gegen Microsoft.

Ein anderes Beispiel: Die Firma Apple verkauft weltweit die vom Markenimage her begehrteste und hochpreisigste Hardware im Bereich Unterhaltungselektronik (iPod), Telekommunikation (iPhone) und Computern (iMac). Die Arbeitsbedingungen in den chinesischen Fabriken, die diese hippen Geräten herstellen, waren (und sind z.T. immer noch) derart von psychischer Unterdrückung und ausbeuterischem Umgang mit den dort Beschäftigten geprägt, dass auffallend viele Mitarbeiter schwer erkranken und viele als Ausweg nur den Selbstmord sehen. Die hohe Selbstmordrate in den Apple-Fabriken sorgte weltweit für ein großes Medienecho.

Nun kann ich von diesen Fakten her vielleicht nicht darauf schließen, dass generell proprietäre Software „schlecht“ oder moralisch „zweifelhaft“ ist. Aber festzuhalten bleibt dennoch: das Entwicklungsmodell proprietärer, eben „unfreier“ Soft- und Hardware geschieht stets nach den Regeln des Kapitals und des Marktes und kann einhergehen mit Missbrauch von Macht und mit Ausbeutung.

Das ist das genaue Gegenteil des Entwicklungsmodells Freier Software.

Warum also wird in der Entscheidung für die eine oder andere Hard- oder Software-Lösung nicht auch mit einbezogen, wie die Hersteller z.B. mit ihren Angestellten oder mit dem geltenden Recht umgehen? Was hindert die Kirchen daran, gerade hier der jesuanischen Aufforderung zu folgen: „Bei euch aber soll es nicht so sein!“ – und im Bereich IT vorbestraften Firmen endgültig den Rücken zu kehren?

Unsere IT in den Kirchen hat Dienst-Charakter (letztlich an der Sache Jesu) und steht darum nicht im moralisch-ethisch luftleeren Raum. Die Kirche kann nicht „fairen Handel“ propagieren, ihre eigene IT aber davon ausnehmen.

Die Verwendung Freier Software könnte dieses Dilemma lösen und Zeichen setzen.

Wie bei den Bananen eben.

Anm. d. Redaktion: Dieser Artikel erschien ursprünglich auf Theonet.de und wurde uns vom Verfasser großzügig zur Verfügung gestellt.

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