22018

Foto: Adrien Olichon/Unsplash

Praxis

Achim Härtner

Den Suchraum erweitern – Impulse zur Kirchenreform aus den Niederlanden 

„Angesichts der gesellschaftlichen Umbrüche wird ein Reformparadigma gebraucht, das den Suchraum auf die nächste Gesellschaft hin öffnet und die hierfür relevanten Umwelten inkludiert.  Wenn akzeptiert ist, dass die Volkskirche vorbei ist und die moderne Gesellschaft stirbt, sind zentrale Prämissen obsolet, die Reformen bisher bestimmt haben. (…) Ein kirchlicher Würdenträger hat die Reformansätze in seinem Bistum einmal so zusammengefasst: „Wir denken Kirche von der Tradition (der Vergangenheit), von innen (der Binnenperspektive) und von oben (der Hierarchie) her.“ Er hat damit die relevanten Kontexte im Exklusionsmodus beschrieben. Im Inklusionsmodus gehen Reformen anders:
  • Die Getauften sind in Entscheidungsprozesse einbeziehen: Partizipation ist nicht bloß Beiwerk (nice-to-have), sondern Konstitutivum (must-have) und umso wichtiger, je stärker sich die aktuelle Krise zu einer Stakeholderkrise entwickelt.
  • Die Adressaten sind aktiv ins Spiel bringen: Es geht nicht in erster Linie um die Erneuerung der Binnenorganisation, sondern um Anschlussfähigkeit jenseits der Kirchenmauern. Die Adressaten entscheiden über die Relevanz von Kirche.
  • Kirche ist von der Zukunft her zu denken: Je schneller sich die Umwelten verändern, desto weniger kann das Zukünftige vom Bisherigen abgeleitet werden. Die Annahmen der Stakeholder über die Zukunft werden gebraucht, um valide Entscheidungen treffen zu können.

Veränderte Prämissen und erweiterte Suchbewegung werden zukünftige Prozesse der Kirchenentwicklung grundlegend verändern.“1

1. Den Suchraum erweitern – ein Leitbild für Kirchenreformen?

Das Bild, das Valentin Dessoy hier aufruft, hat mich sogleich angesprochen: den Suchraum erweitern. Soziale Institutionen, die sich in der Krise befinden, stehen in der Gefahr, sich vorrangig und vielleicht gar ausschließlich mit sich selbst zu beschäftigen. Und es wird deutlich, wieviel Wahrheit in dem äthiopischen Sprichwort steckt: Das Wort, das dir hilft, kannst du dir nicht selbst sagen.

Das Wort, das dir hilft, kannst du dir nicht selbst sagen.

In der Tat: Wer sich mit Fragen der Kirchenreform befasst, wird den Blick weiten müssen, über den Tellerrand der eigenen Organisation und Institution hinaus. Viele, die sich in jüngster Zeit mit Frage nach der Kirche der Zukunft beschäftigt haben, haben ihren Blick nach Großbritannien gewendet und sich mit den Fresh Expressions of Church befasst.2 Im deutschsprachigen Raum ist daraus seit 2011 eine vitale, ökumenisch breit aufgestellte Bewegung entstanden, die neue Ausdrucksformen kirchlicher Arbeit erdenkt, ins Leben ruft, fördert und begleitet. Dabei hat man viel von- und miteinander gelernt, und es sind eine Vielzahl an ermutigenden Impulsen in die bestehenden Kirchen hinein gegeben worden sind, in Richtung einer mixed economy of church, einer kirchlichen Biodiversität.3

Immer mehr Verantwortliche in den unterschiedlichen Landes- und Freikirchen sehen ein, dass es neben den etablierten Gemeindeformen und -angeboten neue, innovative Projekte braucht, die auf je unterschiedliche Weise „ganz Kirche, aber nicht die ganze Kirche“ sind.

2. Blickwechsel: Von den „Fresh Expressions“ in Großbritannien zu den „Pionierorten “ in den Niederlanden

Erweitern wir nun den Suchraum: Kaum geläufig ist uns hierzulande die jüngste Entwicklung in den Niederlanden. Holland mag für Mancherlei bekannt und berühmt sein – wohl aber kaum für gegenwärtige kirchliche Aufbrüche, ganz im Gegenteil. Im Jahr 2013 beklagte der katholische Erzbischof Willem Jacobus Eijk von Utrecht: „Jährlich werden 100 Kirchen geschlossen werden, in den vergangenen zehn Jahren waren es 1000“ und sprach von einer „Zukunft ohne Kirchen“ für sein Land, dies sei ein Resultat von „Fehlern der lokalen Kirchen … und des Verzichts auf Evangelisation.“4 Auf der evangelischen Seite sieht es kaum besser aus. Im Unterschied zur Anglikanischen Kirche in Großbritannien ist die Protestantse Kerk in Nederland  (PKN) keine Staatskirche, sie ist ein noch recht junger Verbund, der erst im Jahr 2004 – man muss es so sagen: notgedrungen – aus der Fusion dreier Vorgängerkirchen hervorgegangen ist.5 Laut aktueller Statistik hat sie Kirche in der zurückliegenden Dekade pro Jahr rund 3% ihrer Mitglieder (d.h. 50-60.000 Menschen!) verloren.6 Die Kirchenleitung hat sich infolgedessen von der ideologischen „Verkleidung/Tarnung“ (camouflage) eines flächendeckenden, volkskirchlichen Parochialsystems verabschiedet und bekennt sich nun zu „offenen Gegenden“ (open areas), in denen es keine „normale religiöse Versorgung“ mehr gibt.7 Die Kirche besinnt sich nun neu auf ihren „Markenkern“. In ihrer jüngsten Denkschrift „Kirche 2025: Wo ein Wort ist, ist ein Weg“ (2016) heißt es: “In einer säkularen Kultur ist die Kirche herausgefordert zu einer neuen Unbefangenheit und Freimütigkeit, wenn es um den Glauben und das Sprechen über Gott geht. Das geschieht alles andere als von selbst … Daher muss sich die Kirche ausdrücklich des Themas Glauben annehmen.“8

Die Kirchenleitung bekennt sich zu „offenen Gegenden“, in denen es keine normale religiöse Versorgung mehr gibt.

Im tief säkularisierten und religiös-weltanschaulich pluralisierten Holland hat man mit der Erkenntnis Ernst gemacht, dass die seitherigen „Gefäße“ kirchlicher Arbeit die Mehrzahl der Menschen offenbar nicht mehr erreicht –  insbesondere in den Städten und innerhalb der jüngeren Generationen und versucht nun gegenzusteuern. Die Ausgangslage ist also sehr gut – vielleicht besser noch als die in England – mit unserer hiesigen gesamtkirchlichen Situation vergleichbar.

In den vergangenen acht Jahren hat das Thema „Pionieren“ in Holland immer mehr an Bedeutung gewonnen. Die Protestantse Kerk in Nederland spricht nicht von Fresh Expressions of Church, sondern von „Pionierorten“ [engl. pioneer places]. Damit will man das Neue und Unerwartete, aber auch das Schwierige an der Sache betonen, getragen von der zentralen ekklesiologischen Einsicht:  „Die Kirche ist … kein Dienstleistungsunternehmen, in dem die Profis ein Publikum bedienen. Die Kirche, das ist die Gemeinschaft der Gläubigen, die Nachfolger Jesu, die durch Ihn selbst berufen sind und sich beteiligen dürfen an seinem Leib“.9

Seit 2013 hat man im Raum der Protestantse Kerk nicht weniger als 84 „Pionierorte“ gestartet und weitere 100 sind für die nahe Zukunft geplant. Über die Hintergründe und Erfahrungen gibt der Bericht „op hoop van zegen“ (2017, dt.: Hoffnung auf Segen, 2018) ausführlich Auskunft und bietet folgende Definition: „Ein Pionierplatz ist eine neue Gestalt der Kirche für Leute, die nicht zur Kirche gehen. Allerlei Formen können dabei benutzt werden. Abstimmung auf den Kontext, das Zusammenarbeiten von vom geteilten Glaubensauffassungen innerhalb des Pionierteams, und dauerhafte Gemeinschaftsbildung sind dabei essenziell.“10

2.1 Zwei Phasen des Aufbruchs

Unterschieden werden zwei Phasen des Aufbruchs: Pionierplätze der ersten und zweiten Generation. Die ersten Pionierplätze starteten in Gebieten ohne kirchliche Präsenz und in großen Neubauvierteln – also aufgrund geografischer Kriterien (CrossPoint in Nieuw-Vennep, De BinnenWaai in Amsterdam und Boei90 in Den Haag, Kerk op de Kop in Rotterdam, Nijkleaster in Jorwerd und die Internetkirche MijnKerk.nl). Im Jahr 2014 analysierte man vier Pionierplätze der ersten Generation genauer, um für die Zukunft zu lernen, mit zwei Ergebnissen. Erstens: Der sonntägliche Gottesdienst als zentrale Veranstaltung der Gemeinde ist zwar für Mitarbeitende wichtig, zeigt jedoch kaum missionarisches Potenzial, Außenstehende zu erreichen. Zweitens: Weder finanziell noch organisatorisch ist es machbar, innerhalb von nur drei Jahren eine unabhängige Gemeinde entstehen zu lassen. Es braucht mehr Zeit und einfachere Konzepte des Kirche-Seins vor Ort.

Ende 2012 fasste die PKN-Synode den Beschluss, weitere 100 Pionierplätze zu starten, nun aber von einem stärker soziologischen Ansatz her (Kirche für diejenigen, die seither nicht zur Kirche gingen). Dazu wurden landesweit „Entdeckertage“ organisiert. Viele Pionierorte starten in kleinem Rahmen, daher ist eine hauptamtliche Kraft dafür nicht finanzierbar. Es sind vorrangig begeisterte Ehrenamtliche, die diese Projekte tragen. Somit geht die Entwicklung weg vom klassischen „church planting“ durch Hauptamtliche zu stärker kontextuell und durch Ehrenamtliche getragene Initiativen, wie die folgende Übersicht deutlich macht:11

In jedem Fall hat man ein waches Gespür für die gesellschaftliche Wirklichkeit vor Ort und weit darüber hinaus.

Ähnlich wie in Großbritannien sind auch in Holland der Stil und die Art der Pioniergemeinden höchst unterschiedlich. Die Pluralität der Projekte umfasst deren Theologie, kultureller Zuschnitt, Durchschnittsalter der Beteiligten, städtische und ländliche Locations und manches mehr. So gibt es eher kontemplativ ausgerichtete kommunitäre Gruppen, quicklebendige Szene-Gemeinden in hippen Stadtvierteln, Cafékirchen mit offenen Angeboten, sozialdiakonisch-missionarische  Initiativen in Brennpunktgebieten, Bibelgesprächsgruppen in Kneipen und anderes mehr. Ein großer Teil der Pionierorte wenden sich an die Gruppe der emerging adults, der jungen Erwachsenen, insbesondere aus der Start-Up-Szene – diejenigen, die auch in den Niederlanden oft kaum mehr auf konventionellem und konfessionellen Wege erreicht werden. In jedem Fall hat man ein waches Gespür für die gesellschaftliche Wirklichkeit vor Ort und weit darüber hinaus. Weil die Menschen spüren: Kirche ist nicht länger „von gestern“, sondern für unser Leben heute offen und relevant. Deshalb finden die jungen Initiativen Zuspruch.

2.2 Welche Arten bzw. Formen von Pionierplätzen haben sich entwickelt?

Der Bericht „Hoffnung auf Segen“ beschreibt es so: „Etwa 68% der Pionierplätze bietet gottesdienstliche Feiern an. Fast genauso viele Plätze (67%) organisieren auch Mahlzeiten. Die Hälfte organisiert diakonische oder helfende Aktivitäten. 45% der Plätze organisiert künstlerische oder kreative Aktivitäten. Und ein Drittel organisiert monastische Aktivitäten wie Stille Zeiten oder Spaziergänge“12.

2.3 Wer wird erreicht?

Im Bericht heißt es: „Bei mehr als der Hälfte der Pionierplätze sind viele Menschen beteiligt, die zwischen 20 und 40 Jahre alt sind. In dieser Hinsicht ergänzen Pionierplätze bestehende Gemeinden, denn dort fehlen oft Menschen aus diesem Altersklassen“13. Dies sind bemerkenswerte Zahlen: 52% der Pionierplätze binden Frauen, 53% Männer zwischen 20 und 40 Jahren in die Gemeindearbeit ein: Hier gelingt es offenbar, die „verlorene Generation“14 der emerging adults in einem erheblichem Maße zu erreichen, und dabei überraschenderweise sogar mehr Männer als Frauen. Die holländischen Pioniergemeinden erreichen derzeit insgesamt rund 10.000 Menschen. Im Durchschnitt sind in einer Pioniergemeinde 44 Personen engagiert dabei, 112 weitere beteiligen sich punktuell. In der ersten Gruppe waren vorher durchschnittlich 40% , bei der zweiten rund 50% vorher in keiner Weise kirchlich eingebunden oder aktiv. Diese Zahlen klingen sehr ermutigend!

2.4 Welche Rolle spielt die Kirche als Organisation?

Die meisten Pioniergemeinden werden mit kirchlicher Unterstützung, in Anbindung an eine bestehende Gemeinde gestartet.15 Dabei befruchten sich etablierte und neue Gemeindeform gegenseitig. Im Bericht Hoffnung auf Segen heißt es dazu: „Wir entdecken immer mehr, dass es nicht darum geht, hippe Formen zu kopieren, obwohl das auch manchmal passiert. Wesentlicher ist, dass durch die Pionierarbeit essenzielle Fragen sichtbar werden über die Identität, das Funktionieren und die Zukunft der Kirche. Existierende Gemeinden und Pionierplätze schärfen sich gegenseitig.“16

2.5 Was hat man durch die „Pionierorte“ für die Reform von Kirche gelernt?

Aus den Erfahrungen der letzten acht Jahre haben die Verantwortlichen vier Lehren gezogen, die im Folgenden kurz zusammengefasst werden:17

a) Das Pionierteam kann Same der Kirche sein

Wovon hängt es ab, ob sich eine Pionierinitiative voll zu einer Glaubensgemeinschaft entwickelt? Es gibt viele Faktoren, aber das Pionierteam ist lebenswichtig.

Wenn innerhalb des Teams keine warmen Verhältnisse wachsen, wie kann dann eine warme Gemeinschaft entstehen? Wenn innerhalb eines Teams das Glauben kein Thema ist, wie kann der Glaube eine Rolle spielen im Pionierplatz?

Wenn innerhalb des Teams keine warmen Verhältnisse wachsen, wie kann dann eine warme Gemeinschaft entstehen? Wenn innerhalb eines Teams das Glauben kein Thema ist, wie kann der Glaube eine Rolle spielen im Pionierplatz? Ein Pionierteam ist mehr als ein Aktivitäten-Ausschuss. Das Team ist der Same für die Glaubensgemeinschaft, die wachsen darf. Darum legen wir unsere Aufmerksamkeit auf die Kultur der startenden Teams.

b) Hören wird zu Beziehungen führen

Oft sind wir viel zu schnell dabei, Aktivitäten zu organisieren. In der Vorbereitung eines ‚Pionierortes‘ ermutigen wir Teams, viel Zeit dafür zu verwenden, auf ihren Kontext zu hören. Das klingt passiv, aber in der Praxis ist dies aktiv. So entstehen neue Beziehungen –  der Anfang eines Netzwerks. ‚Hören‘ wird umgesetzt durch Interviews, Gespräche und Beobachtungen. Öfter als erwartet zeigt sich dabei, dass die Menschen offen sind für Gespräche über den christlichen Glauben.

c) Bietet Unternehmer*innen Raum

Ein Team ist unentbehrlich, aber in der ersten Phase der Pionierarbeit kommt es darauf an, dass eine/einer die Initiative ergreift. Jemand mit einem Weitblick, der/die sich geistlich berufen fühlt und eine unternehmerische Mentalität hat. Beweglichkeit, Risikobereitschaft, Begeisterung und Flexibilität machen die Musik. Als Kirche sind wir es oft nicht gewöhnt, unternehmerischen Menschen viel Raum zu bieten. In diesem Fall realisiert eine Kirche nicht selber einen Plan, sondern ‚adoptiert‘ den Plan einer anderen Person. Pionierarbeit ist in zunehmendem Maße etwas, das ‚von unten her‘ geschieht, ohne zu viel Kontrolle von oben herab.

d) Es braucht mehr Zeit als gedacht

Das Entstehen von Pionierplätzen kostet mehr Zeit, als ursprünglich erwartet wurde. Es fängt schon an bei der Vorbereitung. Am Anfang dachte man, dass dies weniger als sechs Monate braucht, aber oft benötigt es ein bis zwei Jahre (für Teambildung, Entwicklung der Tragfähigkeit und gemeinsames Hören). Anschließend dauert es noch Jahre, damit eine Glaubensgemeinschaft gedeiht. Die Erfahrung zeigt uns, dass Pionierplätze in der Regel fünf bis zehn Jahre brauchen, bevor sie eigenständig sind.

3. Was können wir für die Reform von Kirche in Deutschland lernen?

Dass es lohnt, die jüngste Entwicklung der Protestantse Kerk in Nederlanden weiter zu beobachten und von ihren Reflexionen, Initiativen und Erfahrungen für den deutschsprachigen Kontext zu lernen, dürfte außer Frage stehen. Aus einer ersten Beschäftigung mit dem missionarischen Aufbruch der Protestanste Kerk in Nederland möchte ich fünf Lern-Impulse für die Kirche der Zukunft festhalten:

Mission ist möglich.

Die für mich wichtigste und für den deutschen Kontext ausgesprochen ermutigende Einsicht der Beschäftigung mit dem missionarischen Aufbruch in Holland lautet im Anklang an einen Blockbuster: „Mission possible!“ Auch in einer hoch säkularisierten und religiös-weltanschaulich pluralisierten Gesellschaft ist die Botschaft von Gottes Liebe in Jesus Christus nicht obsolet, ist Gottes Geist noch am Werk, das Reich Gottes noch im Werden. Die Kirche Jesu Christi, die sich in der Gemeinde vor Ort realisiert,  ist noch nicht am Ende – allen Unkenrufen zu Trotz. Es kann auch in einer schwierigen Ausgangslage gelingen, dass Menschen im Glauben an Jesus Christus Befreiung, Wegweisung und Lebenssinn finden. Kirche entsteht und besteht dort, wo Jesus Menschen in seine Nachfolge und in seine Gemeinschaft ruft und seine verändernde Kraft erfahrbar wird.

Die Kirche Jesu Christi, die sich in der Gemeinde vor Ort realisiert,  ist noch nicht am Ende – allen Unkenrufen zu Trotz.

Glauben heißt Gott vertrauen.

Wir brauchen in unseren Kirchen – auf allen Ebenen –  ein neues, hoffnungsvolles Vertrauen in die tatsächliche Gegenwart und das tatsächliche Wirken des dreieinigen Gottes in seiner Welt: „Die Kirche steht oder fällt mit dem Glauben an Gott und an den Herrn Jesus Christus. Dieser Glaube ist das Geheimnis der Kirche. Die Zeit ist vorbei, diesen verzweifelt gegenüber Angriffen von außen zu verteidigen.“18

Offene Augen, offene Herzen, offener Verstand.

Nicht weniger als das bewusste Vertrauen auf Gottes Wirken in unserer Zeit, braucht es den Mut, die gesellschaftliche Realität mit offenem Auge, Herz und Verstand wahrzunehmen. Konrad Adenauer hat einmal gesagt: „Nehmt die Menschen wie sie sind, andere gibt’s nicht.“ Dies gilt auch in Bezug auf die kirchliche Arbeit, auf etablierte und neu entstehende Ausdrucksformen, in denen die frohe Botschaft von der gnädigen Zuwendung Gottes den heutigen Menschen, in Wort und Tat nahe zu bringen ist: „Vorbei ist die Zeit, krampfhaft an dem festzuhalten, was für postmoderne Menschen gerade noch akzeptabel ist. … Es geht darum, Offenheit und Empfänglichkeit für den reichen Strom der christlichen Lehre und Tradition zu haben und diese neu zu uns sprechen zu lassen. Klar ist, dass wir nicht alle in derselben Art und Weise glauben. Gleichwohl brauchen wir einander, um zu einer neuen Einsicht in die befreiende Kraft des Evangeliums, des Wortes Gottes und der christlichen Tradition zu kommen.“19

Neues zulassen, Vielfalt fördern, Stukturen anpassen.

Das Gesagte schließt ein, dass wir als kirchliche Entscheider und Verantwortliche bewusst auch neue Formen in der Vielfalt kirchlicher Arbeit zuzulassen und unterstützen. Drei Stichworte prägen den strukturellen Umbau der Kirche in Holland: Transparenz, Freiraum, Einfachheit.20 Aus Sicht der Kirchenleitung wird betont: „Besonders bei Pionierplätzen sollten wir uns davor hüten, ihnen in einer neuen Situation unangemessene Regeln aufzuerlegen. Das Leben hat Vorrang vor den Regeln, auch wenn Regeln helfen, dieses Leben weiterzuentwickeln und ihm Bedeutung zu geben.“21

Partizipation ist entscheidend.

Ähnlich wie bei den Fresh Expressions in Großbritannien machen auch die Niederländer die Erfahrung: In der Beteiligung, Ermutigung und Ermächtigung von Laien – in guter Kooperation mit den Pastorinnen und Pfarrern – liegt ein entscheidender ekklesiologischer Schlüssel für die Kirche der Zukunft.22 Ohne Partizipation auf Augenhöhe wird es nicht gehen, wie Valentin Dessoy im Eingangszitat zugespitzt feststellt:  „Partizipation ist nicht bloß Beiwerk (nice-to-have), sondern Konstitutivum (must-have)“. Damit wird die Kirche bunter und vielgestaltiger werden. Sie muss es werden, wenn sie die unterschiedlichen Menschen in ihrer jeweiligen Prägung erreichen und nachhaltig einbinden möchte. In allen missionarischen Bemühungen unserer Kirchen – gleich ob in etablierten oder neu entstehenden Gemeinden – muss dabei die Beteiligung der Glaubenden und Suchenden an der Wirklichkeit des Reiches Gottes vor dem Ansinnen einer konfessionellen Beheimatung und kirchlichen Mitgliedschaft im Vordergrund stehen.

  1. Valentin Dessoy: Partizipation und Leitung in der Kirche. In: E. Kröger: Wie lernt Kirche Partizipation? Theologische Reflexion und praktische Erfahrungen. Würzburg 2016, 71ff.
  2. Vgl. https://freshexpressions.org.uk. Michael Moynagh: Church in Every Context. London 2012; deutsche Ausgabe: Fresh Expressions of Church. Eine Einführung in Theorie und Praxis. Gießen 2016.
  3. Vgl. www.freshexpressions.de. Valentin Dessoy et al. (Hg.): Kirchenentwicklung. Ansätze – Konzepte – Praxis. Trier 2015. Achim Härtner: Missionarisch Gemeinde sein – An Gottes Mission teilhaben mit unterschiedlichen Gemeindeformen. In: Wilfrid Haubeck/Wolfgang Heinrichs (Hg.): Gemeinde der Zukunft – Zukunft der Gemeinde. Witten 2011, 81–104. Michael Herbst (Hg.): Mission bringt Gemeinde in Form. Neukirchen 2006. Sabrina Müller: Fresh Expressions of Church. Zürich 2016. Reinhold Krebs/Daniel Rempe: Fresh X. Der Guide. Neue Gemeindeformen entdecken. Gießen 2017.
  4. https://katholisches.info/2013/07/04/sie-nennen-sie-die-toten-kirchen-christentum-in-den-niederlanden, abgerufen am 9.10.2018.
  5. Die Protestantse Kerk in Nederland (PKN) wurde am 1. Mai 2004 gegründet, als Zusammenschluss der ehemaligen Nederlandse Hervormde Kerk, der Gereformeerde Kerken in Nederland und der Evangelisch-Lutherse Kerk in het Koninkrijk der Nederlanden. Sie repräsentiert heute ca. 10% der niederländischen Bevölkerung. https://www.protestantsekerk.nl.
  6. www.protestantsekerk.nl/zoekresultaten?search_basic_query=5bc457da789aa&q=jaarbrief, Statistische jaarbrief 2015, abgerufen am 15.10.2018.
  7. Im englischen Originaltext heißt es: “It is not good to maintain the camouflage of the parochial system. In a positive sense, ‘open areas’ say something about the missional calling of the church and the explicit responsibility of the church for areas where there is no longer a ‘normal’ religious presence.” Protestants Landelijk Dienstencentrum: Church 2025. Where there is a Word, there is a Way. Utrecht 2016, 25.
  8. Church 2025, a.a.O., 8; eigene Übersetzung.
  9. Protestants Landelijk Dienstencentrum: Church 2025, zitiert in: Protestants Landelijk Dienstencentrum: Hoffnung auf Segen. Utrecht 2018, 12. Der Bericht „op hoop van zegen“ (2017) ist im Original sowie in englischer und deutscher Übersetzung (2018) abrufbar unter https://www.lerenpionieren.nl/ophoopvanzegen.
  10. Ebd. 6.
  11. Hoffnung auf Segen, a.a.O., 4.
  12. A.a.o., 6.
  13. A.a.O., 8.
  14. Christian Smith: Lost in Transition. The Dark Side of Emerging Adulthood. Oxford/New York 2011.
  15. Die PKN unterstützt beginnende Pionierorte mit Beratung (Planentwicklung, kontextuelle Wahrnehmung, Teamentwicklung), nach dem Start werden die Pioniere – nach dem britischen Vorbild – in learning communities eingebunden, in denen kollegialer Austausch und gegenseitige Ermutigung geschehen. Die finanzielle Unterstützung seitens der Kirche ist an die Mitfinanzierung der bestehenden Gemeinde gebunden. Dann gibt es jährlich 12.000 € für die ersten vier Jahre, dann geht der Beitrag auf jährlich 4.000 € zurück – bis zur Erreichung der finanziellen Eigenständigkeit (siehe Hoffnung auf Segen, 16).
  16. A.a.O., 12.
  17. Hoffnung auf Segen, a.a.O., 13; manche Formulierungen wurden aus der englischsprachigen Ausgabe entnommen und ins Deutsche übersetzt.
  18. Im englischsprachigen Original heißt es: “The church stands or falls with faith in God and in the Lord Jesus Christ. That faith is the secret of the church. The time is past for frantically defending that faith against attacks ‘from outside …”. Church 2025, a.a.O., 9; eigene Übersetzung.
  19. “The time is also past for securing a jealously guarded remnant of what is still acceptable for postmodern people. The word ‘still’ (can we ‘still’ believe this?) should ideally be discarded. It’s about having the open-mindedness and receptivity to invite in the rich Christian teachings and traditions and to let them be spoken anew. It is clear that do not all believe in the same manner. However, we do need each other in order to come to a renewed insight into the liberating power of the Gospel, the Word of God and the Christian tradition.” Church 2025, a.a.O., 9; eigene Übersetzung.
  20. „In short, transparency, space and simplicity are the key words for the reorganisation of our church. In addition, there are two issues that remain important: 1. The local congregation should be given space and burdened as little as possible with rules that do not directly serve the preaching of the Gospel, community, the diaconate and the mission in the world. 2. At the same time, we are a church in communion, we will need to take care of one another and recognise that we are witnesses to the Gospel together in our society.” Church 2025, a.a.O., 18–19; Hervorhebung vom Autor.
  21. Church 2025, a.a.O., zitiert in „Hoffnung auf Segen“, 16; eigene Übersetzung aus dem Englischen.
  22. Vgl. Achim Härtner: Teil nehmen – Teil haben – Teil sein. Partizipation als Gnadenmittel. Ekklesiologische Reflexionen aus Evangelisch-methodistischer Perspektive. Erscheint 2019 in der Zeitschrift Theologie für die Praxis.