Praxis

Freude und Hoffnung – Trauer und Angst

Ein Jahr Corona – und von unseren bisherigen Vorstellungen von „Freiheit und Ordnung“ im 21. Jahrhundert scheint nicht mehr viel übrig geblieben zu sein. Oder hätten wir je geglaubt, dass wir eine Maskenpflicht im öffentlichen Raum akzeptieren, nachdem wir die letzten Jahre so um Kopftuchverbot und Verschleierung gerungen haben? Dass wir anordnen, wie weit der Abstand zum Nächsten sein muss? Uns die Freiheit nehmen lassen zu entscheiden, wie viele Gäste aus welchen Familien bei uns zuhause am Küchentisch sitzen? Bei der Impfkampagne schimpfen wir über dauerbesetzte Telefon-Hotlines, idiotische Software und schlechte Planung, aber wir regen uns – zum Glück – auch über alle auf, die ihre Position ausnutzen wollten, um schneller geimpft zu werden. Ist eigentlich klar, wie wenig selbstverständlich es ist, dass wir uns miteinander darauf einigen konnten, nicht diejenigen zuerst zu bedienen, die am meisten bezahlen konnten oder den größten Einfluss haben? Im Rückblick sind wir schlauer und wissen, was wir wann als Gesellschaft und Staat besser hätten „ordnen“ müssen, um mit dem Virus fertig zu werden. Doch ich bin dankbar für alle, die bereit waren zum Schutz der Schwächeren massive Einschränkungen der eigenen Freiheit in Kauf zu nehmen. Wir können stolz auf diese Ordnung sein, die die Nöte anderer an erste Stelle setzt.

Immer wieder beklagen wir, wie prekär unsere Lebensgewohnheiten und wie rasant Veränderungen geworden sind, ja, was uns alles an Unsicherheit abverlangt würde. Tut mir leid. Haben wir eine Idee davon, dass noch im 19. Jahrhundert Menschen in Deutschland durch Hungersnöte nach Missernten bedroht waren, und wie viele Arme weltweit das heute noch sind? Kennen wir die brutalen Verhältnisse, aus denen Menschen nach langer gefährlicher Reise, selbst noch über das Mittelmeer, es zu uns schaffen, und denen wir schnell das Etikett „Wirtschaftsflüchtling“ anheften? Weder im historischen noch im globalen Vergleich haben die meisten von uns Grund, sich zu beklagen.

Uns stehen wissenschaftliche Forschungsmethoden zur Verfügung, von denen frühere Generationen keine Vorstellung hatten. Wir sind frei, sie anzuwenden oder nicht.

Jede neue Erkenntnis zum Klimawandel wird ebenso regelmäßig als Fake-News abgelehnt, wie Querdenker die Existenz von Covid-19 leugnen bis sie selbst auf der Intensivstation liegen. Aber das in weniger als einem Jahr die ersten Impfstoffe gefunden wurden halten wir für „das mindeste, was man erwarten kann“. Dabei stehen uns wissenschaftliche Forschungsmethoden zur Verfügung, von denen frühere Generationen keine Vorstellung hatten. Wir sind frei, sie anzuwenden oder nicht.

Was ist meine Botschaft?  Freiheit und Ordnung sind nicht gefährdeter und die Bedrohung unseres privilegierten Lebensstandards nicht größer als früher. Ein wichtiger Unterschied mag aber sein: Wir erfahren mehr und können im Internet mehr Nachrichten mitverfolgen. Wenn in China der berühmte Sack Reis umfiel, hat man zu Zeiten von Marco Polo in Europa bestenfalls davon erfahren, wenn dabei der Kaiser erschlagen wurde. Heute twittert schon jemand den genauen Inhalt des Sacks, die Windstärke und den Fallwinkel bevor er ganz umgefallen ist. Aber wollen wir das dann auch wissen? Viel zu viele Fakten, News und Stories rauschen an uns vorbei. Damit sie relevant sind, brauchen wir ein Framing, einen Bezug. Haben wir Mitleid mit den Betroffenen? „Compassion“ (J.B.Metz)? Haben wir Freunde unter den Armen dieser Welt, an deren Schicksal wir Anteil nehmen? Wie gesagt an digitalen Infos mangelt es nicht, aber sind wir bereit, auch ganz existenziell unser Leben mit den an den Rand Gedrängten zu teilen?

 Viel zu viele Fakten, News und Stories rauschen an uns vorbei. Damit sie relevant sind, brauchen wir ein Framing, einen Bezug. Haben wir Mitleid mit den Betroffenen?

Die katholische Kirche ist eine Institution, die eigentlich genau für diese Botschaft einstehen sollte: Menschen überall auf der Welt sind unsere Geschwister, haben gleiche Rechte, gleiche Würde und erwarten, dass wir ihre Sorgen, ihre Ängste und ihre Hoffnungen mit ihnen teilen – nicht nur auf dem Papier oder laut Konzilstexten, sondern in „echt“. Zur Zeit macht unserer Kirche leider eher durch bad news von sich reden. Es ist gut, dass sich nichts mehr auf Dauer vertuschen lässt. Ich hoffe, wir Katholik*innen können aber auch bald wieder zeigen, dass wir unsere Freiheit und die möglichen Ordnungen dieser Zeit nutzen, um zu fragen: „Was tut Not?“ Wie können wir unser Leben mit den Menschen dieser Welt teilen? Denn „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger*innen Christi.“1

Praxis

Fragmentarität auf Augenhöhe

Der gegenwärtige Bedeutungsverlust der Kirche erodiert. Und es scheint gerade die kirchliche Ordnung zu sein, die entgegengesetzt ihrer Intention nicht Stabilität sondern Substanzverlust bewirkt. Der Skandal des sexuellen Missbrauchs hat das Fass vermutlich „nur“ zum Überlaufen gebracht. Und er hat indirekt den Blick auf den ebenfalls vorhandenen geistigen Missbrauch freigelegt, der seine Wurzeln in einem ganz anderen, viel zu wenig aufgearbeiteten Problemfeld hat: Vor allem die katholische Kirche hat sich bis heute unzureichend mit der Neuzeit und ihrem Freiheitsdenken auseinandergesetzt.

Kirche wäre vor allem dann ein Sinn gebendes Orientierungssystem, wenn sie Menschen auf ihre Fähigkeit zu Freiheit und Selbstverantwortung hin anspricht, ohne ihnen dabei die Illusion unbedingter Selbstbehauptung und abgeschlossener Identität einzureden.

In der Konsequenz zeigte sich ein zunehmend einseitiger, deutungshoheitlicher Anspruch, der sich lange noch als Autorität der Gesellschaft behauptete und sich später dann zumindest als (das „einzig wahre“) Parallel-Angebot zur postmodernen Multioptionalität verstand. Innerhalb dieser Ordnung jedoch blieb der Umgang mit Freiheit und Selbstbestimmung schwierig und unaufgearbeitet – vermutlich nicht zuletzt auch aufgrund der Befürchtung, dass eine emanzipative Freiheit die „gottgegebene“ Ordnung der Kirche zerstören könnte. Dass viel zu häufig die Ordnung der Institution über einzelne gestellt wurde, haben die Fälle des Machtmissbrauchs offenkundig gemacht. Aber – so könnte man fragen – wäre nicht angesichts der viele Menschen überfordernden Optionsvielfalt ein Orientierung gebendes Bezugssystem gleichsam entlastend und hilfreich?

Meine These geht in die umgekehrte Richtung: Kirche wäre vor allem dann ein Sinn gebendes Orientierungssystem, wenn sie Menschen auf ihre Fähigkeit zu Freiheit und Selbstverantwortung hin anspricht, ohne ihnen dabei die Illusion unbedingter Selbstbehauptung und abgeschlossener Identität einzureden. Es ist das Eingeständnis, dass Identitätsfindung kaum mehr über das Fragmentarische hinaus gelingen kann. Umso mehr kann es aber zur Aufgabe von Pastoral werden, Menschen darin zu ermutigen, selbstbestimmt „als Fragment zu leben und leben zu können.“ 1

Aporie der Freiheit

Es lohnt sich, die Begriffe Freiheit und Ordnung in ihrer Relation genauer zu bestimmen. Mit Verweis auf Herrmann Krings lässt sich Freiheit transzendentalphilosophisch „als Voraussetzung, Mittelpunkt und Sinn“2 von Systemen behaupten (begrifflich kann hier ein System strenger gefasst werden als der Terminus Ordnung, der – nach Hegel – „als Bezeichnung für einen lockeren Zusammenhang, für ein »Aggregat«“3 steht). Zu fragen wäre deshalb weniger, wie Freiheit innerhalb eines Systems, einer Ordnung, integriert oder gewährleistet werden kann; oder gar: wie viele Nischen für Freiheit geschaffen werden müssten.

Auch wenn Freiheit transzendentallogisch als unbedingte Bedingung jeglicher Systeme gedacht wird, also als das Setzen einer Setzung, so ist sie – wenn sie nicht abstrakt und leer bleiben soll – sich doch darin selbst verpflichtet, konkret zu werden und sich zu realisieren. Damit unterwirft sie sich allerdings (selbstbestimmt) den Bedingungen der Realität. „Das Unbedingte löst diesen Widerspruch dadurch, dass es die Bedingungen seiner Existenz selbst setzt. Kantisch gesprochen: die Freiheit bedarf des Gesetzes; aber das Gesetz ist nicht vorgegeben, sondern selbstgegeben.“4 Dadurch jedoch insistiert Freiheit bleibend auf ihre Unbedingtheit als Fundament ihrer bedingten Setzung.

Wenn Gott selbst im freien Entschluss für die Menschen sein Versprechen unbedingter Liebe und Anerkennung in seiner Menschwerdung real gemacht hat … dann ist mit diesem Offenbarungsereignis die Bedeutung der Möglichkeit, Freiheit zu wagen, aufgezeigt.

Die damit aufgezeigte Aporie, dass „das Unbedingte […] nicht unbedingt real“ sei, markiert weniger einen ärgerlichen, sondern notwendigen Widerspruch: „Wenn der Widerspruch von System und Freiheit ein struktureller Garant realer Freiheit ist, dann ist zu folgern, dass ein System, das diesen Widerspruch nicht in sich trägt, zur Realisierung von Freiheit untauglich ist. Ebenso untauglich ist eine Freiheit, die sich nicht die Bedingungen ihrer Realität formell setzt.“ 5 Übertragen auf politische Systeme nennt Krings beispielsweise die Opposition als den notwendig institutionalisierten Widerspruch zu einer Regierung in freiheitlich-politischen Systemen.

Pastorale und ekklesiologische Konsequenzen

Theologisch gesehen kann ein solches Freiheitsverständnis nicht nur ein mögliches Denkschema, sondern vielmehr ein weiterführendes Kriterium zentraler Glaubensaussagen sein6: Wenn Gott selbst im freien Entschluss für die Menschen sein Versprechen unbedingter Liebe und Anerkennung in seiner Menschwerdung real gemacht hat und sich damit selbst den Bedingungen der Welt ausgesetzt hat; wenn er in seinem Leben diesen Entschluss bedingungslos und bis ins Äußerste gelebt hat, dass er sogar vor den tödlichen Konsequenzen nicht zurückgeschreckt ist; wenn Gott diese gelebte Liebe im Zeichen der Auferweckung über den Tod hinaus als bleibend gültige bestätigt hat – dann ist mit diesem Offenbarungsereignis die Bedeutung der Möglichkeit, Freiheit zu wagen, aufgezeigt.

Kirche wäre schlecht beraten – mehr noch: sie würde ihren zentralen Glaubensaussagen widersprechen – wenn sie weiterhin ihre Ordnung lediglich als gegeben behauptet. Dabei spielt es auch keine Rolle, falls sie sich „nur“ als alternatives Ordnungssystem anbietet, solange sie Freiheit nicht als Voraussetzung und Grundlage ihrer selbst versteht. Als gefährlich muss man ein kirchliches Handeln einstufen, wenn es einfache Antworten und klare Identitätsversprechen bereit hält: Sie führen in Abhängigkeitsverhältnisse, die nicht nur unfrei machen, sondern systembedingt Missbrauch hervorbringen.

Antwort geben meint … sich der Fähigkeit der eigenen Freiheit zu vergewissern statt Ver-Antwortung abzugeben.

Aufgabe der Kirche wäre es, strukturell wie pastoral, die unauflösbare Aporie von Freiheit und System aufrecht zu erhalten. Das bedeutet, nicht nur Menschen in ihrer Fragmentarität auf Augenhöhe zu begleiten und sie zu einer fragmentarischen Lebensweise zu ermutigen, sondern als Kirche den Mut und die Hoffnung aufzubringen, sich selbst als Fragment zu verstehen und fragmentarisch Kirche zu leben.

Antwort geben meint – egal ob für die Kirche oder einzelne – sich der Fähigkeit der eigenen Freiheit zu vergewissern statt Ver-Antwortung abzugeben. Antwort geben bedeutet dann, sich zu entschließen als jemand, der oder die auch anderen genau jene Freiheit schenken möchte, aus der heraus sie selbst handelt – auch wenn alles Handeln immer fragmentarisch und in der Realität nur bedingt bleibt. Am Ende ist es der Glaube, dass ein freiheitsermöglichendes Handeln trotz allen Scheiterns dennoch Sinn macht.

Praxis

Der Ausbruch aus der Zoom-Kachel

Das Videokonferenztool Zoom hat mit dem Update sein Design geändert. Statt in der wunderbar ästhetischen Ordnung zu verharren, in der mein eigenes Bild nur in eine der vielen geometrisch perfekt ausgerichteten Kacheln in eine Zusammenschau eingereiht wird, kann man nun die Personen in einen gemeinsamen virtuellen Hintergrund mit zahlreichen Möglichkeiten, Karibikinseln inklusive, platzieren.

Was für eine Veränderung, im wahren Sinn ein Aufbruch! Mit der wachsenden Fähigkeit der Menschen, Emotionen auch via Videokonferenz in einen Computer hinein- und hinüber zu projizieren, in den Computer hinein zu streiten, Freundschaft zu teilen, Wärme, Trauer, Emotion und sogar Gebet virtuell umzusetzen, reicht die Kachelordnung allein offenbar nicht mehr aus.

Die Konferenzen des letzten Jahres haben den Nachteil, in der Erinnerung zu verschwimmen, zu ähnlich gestalten sich die Zusammenkünfte. Legte sich vor Corona noch ein Netz an Sinneswahrnehmungen und Begleiterscheinungen (die Hinfahrt, die Örtlichkeit, Gerüche, Lichter und Geschmackserlebnisse, der schlechte Kaffee, die obligatorischen Kekse oder Gummibärchen) unter die Erfahrungen von Konferenzen und Tagungen, stehen in Videokonferenzen neuerdings allein Inhalte und die unterschiedlichen Gesichter in den Kacheln als Erinnerungshilfen zur Verfügung, all dies im immer gleichen Setting des eigenen Wohn- oder Arbeitszimmers. Menschliche Kommunikation zeigt sich hier im Minimalismus einer virtuellen Welt.

Im Einheitseinerlei kategorisiert sich jedoch eine neue Form auch des Sitzungskatholizismus heraus, im Kachelmodus sind die Hierarchien aufgehoben

Lachen und zweckloses Geplauder, Schulterklopfen, Raunen und Widerworte: all dies entschwindet in der Stummschaltung der künstlichen Umgebung oder gelingt allein den Multitasker/-innen in der begleitenden Chatfunktion.

Im Einheitseinerlei kategorisiert sich jedoch eine neue Form auch des Sitzungskatholizismus heraus, im Kachelmodus sind die Hierarchien aufgehoben, Tools und Beteiligungsmöglichkeiten sind allen verfügbar und gleichermaßen für alle verwendbar. Männer und Frauen, Junge und Alte, Laien und Kleriker sind gleich berechtigt in diesem Modus des Kachelparlaments und haben gleichwertige Zugangs- und Mitgestaltungsmöglichkeiten.

Dies zeigt sich dann, wenn diese Partizipationstools beherrscht werden wollen und können. Bei den Konferenzen des Synodalen Wegs lässt sich ein interessantes Phänomen feststellen: Einige setzen lieber auf fachkundige Unterstützung, was die reale Partizipation am Gesamtgeschehen dann erschwert. Interessanterweise sind dies jene Teilnehmer, die eine gewisse Gewohnheit im Vorbereiten inhaltlicher Punkte haben und sich üblicherweise der administrativen Aufgaben durch Delegation entledigen. Um es quasi-biblisch zu sagen, gilt: Wenn jemand auch eine ganze EDV-Abteilung zur Verfügung hätte, (junge) Spezialisten zur Unterstützung im Vorfeld herbeiholte, kommt aber zum Testlauf nicht, so nutzt es ihm nicht. Wer die Tools nicht beherrscht, bleibt vielleicht stumm, zumindest aber nachgeordnet. Da hilft keine Hierarchie.

Die Zoom-Kachel: Sie ist Stückwerk und doch Angesicht.

Im Originaltext dieser biblischen Persiflage heißt es: „Stückwerk ist unser Erkennen (…). Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse, dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht.“ (Paulus, 1 Kor 13).

Die Zoom-Kachel: Sie ist Stückwerk und doch Angesicht. Wenn alle Insignien verschwinden, alle gleichermaßen ihr Gesicht in die Kamera halten, ungeschützt und aus direkter Nähe, wenn man sogar verdammt dazu ist, sich selbst zu beobachten, wie vielleicht die Mimik entgleist … dann zählt kein großer Titel, kein Einfluss, kein Ruf: dann entscheidet allein das Argument oder die Eindrücklichkeit der Worte, die Sprach- und Auskunftsfähigkeit. Wer nach dem kreativen Potenzial, ja gar nach der Kraft des schöpferischen Grundes, nach dem Wehen des Heiligen Geistes in einer Videokonferenz fragt, mag vielleicht darauf verwiesen sein: In jeder und jedem Teilnehmenden spiegelt sich das Gesicht des Ewigen.

Unter der Kapitelüberschrift „Vereindeutigung durch Kästchenbildung“ reflektiert der Universitätsprofessor Thomas Bauer1 über die Schwierigkeiten des Menschen, „mit den vielfältigen Wahrheiten einer uneindeutigen Welt“2 umzugehen, und die negative Auswirkung der Neigung, sich per Kategorisierung vermeintliche Eindeutigkeiten zu schaffen.

Wenn es gelingt, die Kacheln der Einzelmeinungen in einen gemeinsamen, vielleicht neuen Hintergrund zu framen, fällt das Raster, nicht jedoch die Ordnung.

Bauer unterscheidet zwischen Identität und Authentizität; dabei sei Authentizität „nichts anderes als die Identität eines Individuums mit sich selbst“3. Gefährlich werde es dann, wenn Identität in politischer Verwendung kollektiviert werden solle.4

Vorsichtig auf eine reformbemühte kirchliche Diskussion hin bezogen ist diese Gefahr durchaus erkennbar. Die Identität der kirchlichen Gemeinschaft ist aber nicht ohne Ambiguität zu beschreiben, wenn sie sich nicht mehr nur auf ein allgemeingültiges (und damit leicht identifizierbares) Lehramt berufen will, sondern zugleich für einzelne mit dem Anspruch der Authentizität gelebt werden soll. Das wäre jedoch die Grundlage jeglicher Glaubwürdigkeit in einer auch als virtuell erfahrenen Lebenswirklichkeit.

Kontroverse Diskussionen in Videokonferenzen sind möglich, wenn die einzelnen Teilnehmenden Gesicht zeigen, Stimme ergreifen und sich positionieren, also in sich authentisch sind. Damit wird aus der Zoom-Konferenz ein Paradebeispiel moderner menschlicher Kommunikation. Wenn es gelingt, die Kacheln der Einzelmeinungen in einen gemeinsamen, vielleicht neuen Hintergrund zu framen, fällt das Raster, nicht jedoch die Ordnung.

Geht so Partizipation? Ist das Freiheit?

Im Zoom-Raster verbleibt ein Individuum nicht. Auch virtuell lebt jede und jeder das eigene Beziehungsgeflecht und Netzwerk, real wie virtuell. Die Entgrenzungen dieser Netzbeziehungen, Platzierungsmöglichkeiten und Kommentarfunktionen erweitern die Austauschmöglichkeit und beschleunigen die Meinungsgestaltung, wenn sie die Öffnung der eigenen Bubble erlauben. Geht so Partizipation? Ist das Freiheit? Zumindest die Aktionen von #MariaZweipunktnull und #liebegewinnt, die in letzter Zeit die Grenzen der sozialen Medien auf katholischem Boden überwanden, würden dies bestätigen.

Das Reframing zu initiieren gelingt übrigens bei Zoom nur einer Person allein: der/dem Host! Nicht einmal als Co-Moderator/-in verfüge ich über diese Fähigkeit, sondern bin auf die Führung des Meetingveranstaltenden verwiesen. Ein passendes Stoßgebet bietet sich für die nächste Videokonferenz im kirchlichen Kontext an, wenn die eigenen engen Grenzen und die Schwerfälligkeit der Institution einmal mehr nach fester Ordnung rufen:

Heiliger Host, reframe uns!

Praxis

Chancen im Scheitern synodaler Prozesse?

„Die Kirche ist keine menschliche Organisation, sie ist der Tempel des Heiligen Geistes”, sagte Papst Franziskus an Pfingsten. Es gehe nicht um Traditionalisten und Erneuerer, das Ziel müsse „Harmonie in Verschiedenheit sein.“ Vergleichbares sagen manche Beteiligten und Beobachter*innen des Synodalen Wegs (SW), beschwören das Schreckgespenst der Spaltung und verwenden gerne das böse Wort „Maximalforderungen“. Die gäbe es auf beiden Seiten – bei den Bewahrern und den Reformorientierten. Dieser Spruch zu den angeblichen Maximalforderungen der Reformer nervt. Gleichberechtigung ist keine Maximalforderung! Geschlechtergerechtigkeit ist das Hauptziel des Frauenforums im SW. Die Zielerreichung wird dabei nicht daran festgemacht, dass beim Abschlussgottesdienst des SW Priesterinnen geweiht werden sollten. Es erwartet auch kein Mensch, dass der Papst am Ende des SW sagt: „Ups, ja stimmt, das mit der Weihe und der Hierarchie und den Klerikern und der Wichtigkeit eines Lehramts … das ist natürlich alles Quatsch, hat mit dem Evangelium nichts zu tun und wird hiermit durch eine letzte unfehlbare Äußerung meinerseits abgeschafft!“

Die eher kleine, aber wachsende Gruppe der Traditionalist*innen gibt sich viel Mühe, den Eindruck zu erwecken, als wollten Katholik*innen zurück ins 19. Jahrhundert.

Ein Erfolg wäre, wenn die Synodalen insgesamt Stellung beziehen würden im Sinne von: „Wenn schon Weihe, dann ohne Begrenzung aufgrund des Geschlechts”, verbunden mit der Forderung, das Gesamtsystem auf den Prüfstand zu stellen. Nicht, um die Kirche zu retten, sondern um den systemimmanenten Machtmissbrauch zu beenden.

Die MHG-Studie von 2018 zum sexuellen Missbrauch durch Kleriker war der Anlass des SW. Die Idee dazu entstand, so hört man, ziemlich spontan kurz vor der Pressekonferenz am Ende der Bischofskonferenz im März 2019 letztlich aufgrund des Erwartungsdrucks der Öffentlichkeit. Nach der Bekanntgabe musste schleunigst überlegt werden, wie das Ganze ablaufen soll. DBK und ZDK, zwei große Gremien, die bisher so nie zusammengearbeitet hatten, haben eine Satzung gestrickt, Aufgaben verteilt und zu letztlich vier Themenbereichen inhaltliche Vorüberlegungen in Textform erarbeitet. Eine wesentliche Phase wurde dabei übersprungen. Es fand kein OE-Prozess der beiden Gremien statt mit Analyse, Zielformulierung und strategischer Prozessplanung. Zu Rolle und Zusammenspiel von Präsidium, erweitertem Präsidium, Foren, Synodalen, Vernetzung, Öffentlichkeitsarbeit gab es keine klaren Vereinbarungen. Installiert wurde geistliche Begleitung, aber an professionelle Prozessbegleitung des Gesamtprojekts, Supervision für die Verantwortungsträger oder eine Vernetzungsplattform für alle Synodalen wurde nicht gedacht. Hinweise dazu aus dem Kreis der Synodalen wurden zögerlich oder auch bis heute gar nicht aufgegriffen. Mitverursacht durch die pandemiebedingten virtuellen Vernetzungsmöglichkeiten sind allerdings schnell unkontrollierte Netzwerke unter Synodalen entstanden, viele davon unter Reformern, aber auch ziemlich aktive unter denen, die vehement Weiterentwicklung verhindern wollen.

…kirchenrechtlich Mögliches hätte längst umgesetzt werden können…

Die eher kleine, aber wachsende Gruppe der Traditionalist*innen gibt sich viel Mühe, den Eindruck zu erwecken, als wollten Katholik*innen zurück ins 19. Jahrhundert. Unterstützt werden sie durch (oder sollte man lieber sagen: instrumentalisiert werden sie durch?) ca. fünf Bischöfe in der DBK, die offensichtlich alles tun, um den Reformweg zu unterlaufen und zu torpedieren. Zumindest kommen derzeit aus Rom Papiere, deren Absicht es wohl ist, schon im Vorhinein synodale Beschlüsse zu verhindern.

Etwa 90% der Delegierten im SW engagieren sich für zukunftsorientierte Veränderung der Kirche. Sie erarbeiten Handlungsoptionen, die aufzeigen, was innerhalb des geltenden Rechts und der vorhandenen Strukturen möglich ist. Sie verfassen Texte mit fundierten Argumenten für notwendige Reformen. Manche sehen es schon als Erfolg, dass man über die seit Jahrzehnten virulenten Themen reden darf, manche wollen Abhandlungen mit weltkirchlicher Relevanz verfassen. Synodale aus Verbänden betonen, dass es in Kirche bereits demokratische Strukturen gibt, die richtungsweisend sein können. Viele der Argumente und Handlungsoptionen sind allerdings längst bekannt, kirchenrechtlich Mögliches hätte längst umgesetzt werden können. Am Ende des SW werden alle Beschlüsse nur Vorschläge sein, mit denen jeder Bischof machen kann, was er will. Umgekehrt gilt dies aber auch für Texte ohne die erforderlichen Mehrheiten.

Was die Texte … jetzt schon bewirken können, ist der Mut zum Experiment. Niemand muss Beschlüsse abwarten, gehandelt werden kann sofort.

Auch sie werden in der Welt sein und können aufgegriffen werden. Beschlussvorlagen sollten Fakten und Erkenntnisse klar benennen und nicht zu vorsichtig formuliert werden, nur um genügend Bischofsstimmen zu gewinnen! Absehbar ist jetzt schon, dass einige Bischöfe mehrheitlich beschlossene, zukunftsorientierte Texte nicht umsetzen werden. In all dem kann man Scheitern befürchten und auch Chancen sehen. Je mehr z.B. traditionalistische Bischöfe in Herrschermanier agieren, desto offensichtlicher wird, dass die monarchische Ständestruktur der römisch-katholischen Kirche zum einen nicht in unsere Zeit passt und zum anderen auch nicht zur Botschaft des Evangeliums. Es wird nicht der große Wurf herauskommen beim Synodalen Weg und von den Beschlüssen wird vieles an der Umsetzung und der Reaktion aus Rom scheitern. Was die Texte, die nach und nach veröffentlicht werden, jetzt schon bewirken können, ist der Mut zum Experiment. Niemand muss Beschlüsse abwarten, gehandelt werden kann sofort.

Grob betrachtet kann man von zwei Lagern sprechen im SW: Traditionalisten und Reformer. Die kleine Gruppe mit Tendenz zurück ins 19. Jahrhundert präsentiert sich einheitlicher. Sie sind überzeugt, die Wahrheit zu kennen. Die Reformer gehen den Prozess differenzierter an und es sind vor allem zwei Haltungen zu erkennen: diejenigen, die das, was im System Kirche im Argen liegt, mit Argumenten und konkreten Vorschlägen von innen verändern wollen, und die, die zwar z.T. hochengagiert mitarbeiten, jedoch letztlich das System für unreformierbar halten. Manche, die sich nach außen als Argumentierer zeigen, äußern nur im kleinen Kreis oder unter vier Augen ihre ebenfalls heftigen Zweifel im Hinblick auf einen möglichen Erfolg. Viele sagen im geschützten Rahmen, dass sie nicht wissen, wie lange sie es in dieser Kirche noch aushalten.

Prof. Norbert Lüdecke sprach … davon, dass es angesichts der offensichtlichen Diskriminierung der Frau in der katholischen Kirche drei Reaktionen gäbe: „Protestieren – Argumentieren – Identifizieren“

2009 bereits sprach Prof. Norbert Lüdecke in einem Vortrag zur Geschlechterfrage in Kirche und Gesellschaft davon, dass es angesichts der offensichtlichen Diskriminierung der Frau in der katholischen Kirche drei Reaktionen gäbe: „Protestieren – Argumentieren – Identifizieren“. Der kämpferisch-emanzipatorische Weg führe zwingend aus dem System heraus, der evolutiv-reformerische bleibe systemimmanent und mit seinem Ziel der Gleichberechtigung illusionär. Der identifikatorische Weg sei der einzig kirchenamtlich legitime und vor allem auch erwünschte.1

Zur Frage, ob eine Reform der römisch-katholischen Kirche überhaupt möglich sei, schrieb Doris Reisinger Anfang des Jahres auf Twitter: „I do not believe a reform oft he RCC ist still possible. And even it was: Millions of Catholics will break away from the RCC either because of the lack of reform or because of reform.“ In einem Interview des BDKJ-Blogs „kontrovers katholisch“2 wurde sie gebeten, den Tweet näher zu erläutern. Sie sprach daraufhin von der wachsenden Aggressivität der autoritären, sexistischen und klerikalistischen Gruppierungen und davon, dass diese Gruppen von der Kirche bis heute geschützt werden. Würde sie es nicht tun, dann wäre die Massenmanipulation vor allem junger Menschen nicht mehr möglich. Gründe für ihre Einschätzung findet man in ihrem Buch „Nur die Wahrheit rettet“. Dieses Buch, wie auch die Bücher „Sodom“ von Frederic Martel, „Der Elefant im Zimmer“ von Petra Morsbach oder „Der Unfehlbare“ von Hubert Wolf sollten  Pflichtlektüre für Synodale sein!

Sollte Franziskus tatsächlich Veränderung wollen – er hat doch gar keine Chance!

Nun kam an Pfingsten aus heiterem Himmel die Botschaft vom weltweiten synodalen Prozess. Auch irgendwie plötzlich aus dem Boden gestampft, soll die ganze Weltkirche von Oktober 2021 bis April 2022 einen synodalen Weg absolvieren. Unter Federführung der Bischöfe soll eine Anhörung ermöglicht werden, deren Ergebnisse dann in die nächste Bischofssynode in Rom eingebracht werden. Erfreute Reaktionen der Vorsitzenden von ZDK und DBK und vielen weiteren Personen und Gruppierungen irritierten mich zunehmend. Unter eine dieser Reaktionen zur Bekanntgabe dieses Prozesses schrieb ich als Facebook-Kommentar:

„Wenn es denn so wäre, lieber Herr XY, dass die Konflikte und das Leiden unter klerikalem Machtmissbrauch auf den Tisch kämen. Wenn tatsächlich die, die unter kirchlichem Unrecht und Gewalt leiden, gehört würden, und wenn Konsequenzen folgen würden! Natürlich werden sich manche davon äußern, natürlich werden Stimmen, die Veränderung fordern, vorkommen. Aber Hoffnung habe ich wenig, dass sie wirklich ernst genommen werden! Vor ein paar Tagen erst habe ich ein Buch aus dem Jahr 2000 nochmal gelesen, “Glaubenswächter”, von Peter Hertel. Da sind sie alle drin, die üblichen Verdächtigen, wie die Legionäre Christi, Opus dei, CL, Neokatechumenat, Das Werk … Alle, die bis heute stark vernetzt und machtorientiert agieren. Sollte Franziskus tatsächlich Veränderung wollen – er hat doch gar keine Chance! In der aktuellen ZEIT z.B. berichtet Doris Reisinger über den lange bekannten massiven sexuellen Missbrauch an Ordensschwestern weltweit. Sie beschreibt, was alles in Rom bekannt war. Konsequenzen gab es keine. Das System der römischen Kirche ist nicht reformierbar, sagt sie zu Recht.

Der synodale Weg wird nicht zusammenführen, sondern die Auflösung beschleunigen.

Oder glauben Sie tatsächlich, diese Synode schreibt sich Geschlechtergerechtigkeit, Beendigung von gewaltfördernden Strukturen, Abschaffung der schrägen kirchlichen Sexualmoral usw. auf die Fahnen? Glauben Sie, der Elefant im Zimmer wird klar benannt? Die männerbündische Bischofs-und-Kardinalsrunde wird sich doch nicht selbst das Wasser abgraben? Wer sich bei der Befragung höchst engagiert gebärden wird, das kann man erahnen, wenn man die Umfrage zu Beginn des Synodalen Wegs anschaut. Die Katholikalen haben mobil gemacht und scharenweise geantwortet, die BDKJ-Veranstaltungen wurden durch diese Gruppen gezielt geflutet. Fünf Bischöfe in der DBK sorgen dafür, dass schon bevor der SW etwas beschlossen hat, das “Nein” aus Rom kommt. Viele der Synodalen sind hoch engagiert. Einige davon aber haben Angst, wirklich Klartext zu reden – und ich verstehe das! Dieses Einbeziehen der ganzen Welt innerhalb eines halben Jahres ist vielleicht vor allem der Versuch zu sortieren, wo die aufmüpfigsten Katholik*innen sind, um dann durch die Bischofssynode Maßnahmen zu ergreifen, um Ruhe hereinzubringen? Es ist doch jetzt schon so, dass keiner unserer Bischöfe sich traut, sich für die Priesterinnenweihe starkzumachen oder gar das ganze Konstrukt mit Hierarchie und Weihe und einem Lehramt, das theologische Forschung behindert usw. zu hinterfragen.“

Ich bekam viel Zustimmung zu diesem Kommentar. Realistisch seien meine Gedanken, leider sei zu befürchten, dass sie zutreffen. „Wohltuender Klartext statt Hoffnungssimulation“ schrieb eine, und eine andere: „Bäm! Schluss mit Bullshit-Bingo! Danke Regina!“

In gewisser Weise werden die synodalen Prozesse – der deutsche und der weltweite – scheitern. Genau darin aber liegt die Chance.

Wenn das Ziel des SW in Deutschland sein sollte, die Kirche wieder attraktiv zu machen und wenn dies auf dem Weg von Dialog und Kompromiss zustande kommen soll, dann wird das nicht funktionieren. Der SW wird nicht zusammenführen, sondern die Auflösung beschleunigen. Aber ist das dann Scheitern? Im Januar 2020, noch vor Beginn des SW, sprach Prof. Magnus Striet in einem Vortrag darüber, dass alle Ordnungssysteme, auch die römisch-katholische Kirche, von Menschen konstruiert wurden. Einer seiner Sätze begleitet mich seither in meinem durchaus recht umfangreichen Engagement im Synodalen Weg: „Wenn weder sich irgendein Mensch sicher sein kann, den Willen Gottes zu kennen, wenn nicht einmal gewiss ist, dass Gott überhaupt existiert, und jeder Begriff von Gott ein von Menschen gemachter Begriff von Gott ist, dann schafft dies den nötigen Freiraum … Menschen, die einmal diese Freiheit erlernt haben … werden sich nicht mehr autoritär vermachten lassen.“

Das Konstrukt römisch-katholische Kirche ist nicht automatisch Tempel des Heiligen Geistes, sondern diese Kirche ist samt ihrer Lehre historisch gewachsen. Als Lisa Kötter ihren Kirchenaustritt angekündigt hat, sagte sie sehr präzise, dass sie aus der römischen Kirche austritt – nicht aber aus der katholischen Kirche. Sie tritt nicht aus der Gemeinschaft von Menschen, die aus dem Evangelium leben möchten.

In gewisser Weise werden die synodalen Prozesse – der deutsche und der weltweite – scheitern. Genau darin aber liegt die Chance. Nicht auf die Rettung des Systems kommt es an, sondern auf den Einsatz für die Beendigung von Machtmissbrauch und Gewalt und für glaubwürdiges Leben aus der Botschaft des Evangeliums gemeinsam mit allen Menschen, die sich für Frieden, für Gerechtigkeit und das Leben starkmachen. Menschen können mit oder ohne Austritt das Beengende der Strukturen verlassen. Neue Beziehungsstrukturen entstehen bereits.

Sich nie mehr autoritär vermachten lassen – diese Haltung möge Kreise ziehen.

Praxis

Von der Ordnung der Religion und der Freiheit des Glaubens

Ordnung und Freiheit – ein ziemlich spannendes Wortpaar. Ergänzen sie sich? Widersprechen sie sich? Oder schließen sie einander sogar aus?

Am Anfang von allem steht das Chaos in das hinein Gott* eine Ordnung wirft. Am Anfang unseres je eigenen Zugehens auf die Welt steht ebenfalls die Ordnung. Wir wählen aus, verwerfen, verknüpfen und bündeln, sortieren und unterscheiden noch bevor uns überhaupt bewusst ist, dass wir es tun. Wir schaffen Ordnung im Reizchaos, dass auf uns einprasselt, um überhaupt bewusst wahrnehmen und handeln zu können. Wir sind auf diese basale Ordnung der Dinge angewiesen. Sie ist ein grundlegendes Prinzip unseres Seins, da sie unser Bild von der Welt erschafft – ganz unfrei sind wir da. Erst auf der Grundlage dieser Ordnung könne wir uns der Welt zuwenden, in der Welt sein und so etwas wie Freiheit überhaupt für uns reklamieren. Insofern ergänzen sie sich, die beiden Prinzipien, in gewisser Weise.

But when it comes to religion …

Ordnung und Freiheit – Religion und Glaube. Vielleicht passt es ganz gut, sie einfach mal so nebeneinander zu stellen diese vier Worte. Ist die verfasste Religion (wobei ich persönlich nur von der römisch-katholischen Konfession sprechen kann) die Ordnung des freien Glaubens? Religion als Ordnungsprinzip des Glaubens an Gott* diente dem einzelnen Menschen immer auch dazu, seine Angst vor einem strafenden Gott* im Zaum zu halten.

Als stünden wir an einem Scheideweg: auf der einen Seite die Verlockungen der Ordnung von klaren Rollen-, Geschlechter- und gesellschaftlichen Verhältnissen auf der anderen Seite die Unsicherheit und Weite einer schier unbegrenzten Vielfalt, Vielgestaltigkeit und Freiheit.

Wenn ich als Glaubende*r nur gewissenhaft und sorgfältig die Regeln und Vorschriften beachte und einhalte, dann bin ich auf der sicheren Seite. Auf der Seite der Guten, der Richtigen. Gleichzeitig hat die Religion diesen strafenden Gott* überhaupt erst erschaffen, die Angst vor ihm durch die Jahrhunderte getragen und geschürt. Sie hat den Menschen nicht in die Freiheit einer tragenden Gottesbeziehung begleitet und ihm Raum gelassen, den aufrechten Gang auf diesem tragenden Grund einzuüben. Sie hat ihn unfrei und klein gehalten in der Angst.

Dies alles sitzt auch heute noch tief in unseren Knochen und unseren Herzen. Je größer die Angst des einzelnen Menschen vor der Weite des Glaubens, der Vielfalt der Lebensentwürfe, der Freiheit der anderen umso enger und stärker müssen die Leitplanken sein, die mich führen. Dann ist Religion keine Rückbindung mehr – kein Zurückgebunden-Sein im Glauben – sondern ein Korsett, dass mich zwar stützt, mich aber auch einengt, mich meiner Freiheit beraubt, mich den aufrechten Gang verlernen lässt. Hier prallen sie also aufeinander die beiden Prinzipien Ordnung und Freiheit.

[Und diese Aufeinanderprallen scheint mir nicht auf die Religion begrenzt sondern Ausdruck einer Zeitenwende zu sein. Als stünden wir an einem Scheideweg: auf der einen Seite die Verlockungen der Ordnung von klaren Rollen-, Geschlechter- und gesellschaftlichen Verhältnissen auf der anderen Seite die Unsicherheit und Weite einer schier unbegrenzten Vielfalt, Vielgestaltigkeit und Freiheit.]

Die Gelingensfrage

Die römisch-katholische Kirche wird begreifen müssen, dass in einer freien Gesellschaft der Großteil der Menschen sich nicht mehr festbinden wird lassen in den alten Mechanismen von Schuld, von Angst und Sühne, von Wahrheitsbehauptung und der Diffamierung von Lebensentwürfen. Sie wird anfangen müssen, dem Glauben, dem Suchen und Sehnen des einzelnen Menschen zu trauen und begreifen, dass der freie Mensch nur in Freiheit ein glaubender Mensch sein kann.

Wir sind frei!

Denn daran glaube ich, dass Jesus von Nazareth uns von einem Gott* erzählt, der* uns zur und in die Freiheit gerufen hat. Eine Freiheit die im Bloch’schen Sinne im Nächsten nicht ihre Begrenzung findet sondern eine Freiheit, für die der oder die Nächste Bedingung und Garant ist. Ob der Kirche dies jemals gelingen wird? Es gibt gute Gründe, daran zu zweifeln; oder, wie ein lieber Freund es schrieb: Mutter Kirche verliert den Sorgerechtsprozess gegen den Schöpfer Gott*. Wir sind frei!

Praxis

Corona- und Klimakrise aussitzen? Freiheit zukünftiger Generationen nicht verspielen

Die Corona-Pandemie hat uns gesamtgesellschaftlich vor Augen geführt, was wir an unseren Freiheiten haben, aber auch, wie fragil und wie ungleich sie verteilt sind. Der eigene Garten wird zur Oase der Freiheit, wenn sogar Spielplätze geschlossen sind. Und ein stabiler Internetzugang wird zum Nadelöhr der Teilhabemöglichkeiten im Distanzunterricht.

Grundrechte wurden eingeschränkt, um Leben zu schützen und unser Gesundheitssystem vor dem Kollaps zu bewahren. Das war ein enormer Akt der Solidarität, denn alle haben sich eingeschränkt, um vor allem die Schwächsten und Verletzlichsten zu schützen. Wenn es nun aber darum geht, diese Einschränkungen zurückzunehmen, dann muss das auch mit gesellschaftlicher Solidarität einhergehen. Gerade die jungen Menschen sind besonders in ihren Lebenswelten und in ihren Freiheiten eingeschränkt worden. Die erste große Liebe im Videocall oder der Abschlussball als Livestream sind sicherlich sehr besondere Erfahrungen, aber sie ermöglichen auch nur begrenzt diese wichtigen Erlebnisse jugendlicher Freiheit. Erfahrungen von selbstbestimmtem Handeln sind für Heranwachsende nicht nur Kern individueller Freiheitserlebnisse, sondern Selbstbestimmung ist eben auch Grundpfeiler unseres demokratischen Zusammenlebens. Nun kommt es auf die Solidarität der Älteren an, um den jüngeren ihre unmittelbare Freiheit, aber vor allem auch ihre Zukunftschancen zu erhalten, in dem wir Lern- und Lebensräume junger Menschen in den Fokus politischen Handelns rücken.

Nun kommt es auf die Solidarität der Älteren an, um den jüngeren ihre unmittelbare Freiheit, aber vor allem auch ihre Zukunftschancen zu erhalten.

Die Corona-Krise stellt aber nicht nur unseren Umgang mit der Freiheit und Selbstbestimmung junger Menschen auf den Prüfstand. Sie hat auch die sozialen Ungerechtigkeiten unserer Gesellschaft noch schärfer zu Tage treten lassen. Beengte Wohnverhältnisse, eingeschränkte Möglichkeiten zum Homeoffice und schlechte digitale Ausstattung machen die Krise auch zu einer sozialen Gesundheits- und Teilhabekrise. Sie zeigt die Interdependenz von ökonomischen Ressourcen und Selbstbestimmung.

Das gilt auch für die Klimakrise. Gerade einkommensschwache Personen wohnen in Quartieren mit hoher Verkehrsdichte und weniger Frischluftschneisen durch dichtere Bebauung. In Hitzesommern sind es wieder die vulnerablen Gruppen, die besonders darunter leiden und es sind die schlechter bezahlten Jobs, die oft nicht in gut klimatisierten Büros ausgeübt werden können.

Was also bedeutet Freiheit angesichts ungleich verteilter Teilhabechancen oder einem Mangel an generationengerechter Politik?

Die Freiheit des Individuums hat seine Grenzen in der Freiheit des Anderen – das kann man als reine Schrankenwirkung definieren oder aber als Solidaritätsmechanismus begreifen.

Mittlerweile ist klar, dass die planetaren Grenzen Freiheit zu einer endlichen Ressource machen, wenn wir nicht gegensteuern. Junge Menschen klagen ihr Recht auf Zukunft und auf konsequentes Handeln im Heute daher lautstark ein. Sie tragen ihren Protest auf die Straßen und sie tragen ihn in die Gerichte. Das Bundesverfassungsgericht hat mit seiner Entscheidung zum Klimaschutz den Begriff der Freiheit  in einen intergenerationalen Kontext gestellt: Die Freiheit, die wir heute genießen, darf nicht einseitig zu Lasten kommender Generationen gehen und ihnen die Möglichkeiten nehmen, frei zu leben. Das bedeutet anders herum, dass wir im hier und heute eine Verantwortung für die Zukunft und die Freiheit zukünftiger Generationen haben. Die Verfassungsrichter*innen haben den politisch Verantwortlichen  nun aufgetragen, Maßnahmen zum Klimaschutz zu beschreiben, und so die Verantwortung nicht einfach auf unbestimmte Zeit zu verschieben. Denn Freiheit bedeutet eben gerade nicht, die Abwesenheit von Regeln und Rahmung. Um unsere Freiheit zu schützen und zu sichern, braucht es eine Ordnung, einen Rahmen, der den Ausgleich sucht zwischen Individualinteressen und gesamtgesellschaftlicher Verantwortung zum Erhalt der Freiheit aller, auch in der Zukunft.

Die Freiheit, die wir heute genießen, darf nicht einseitig zu Lasten kommender Generationen gehen und ihnen die Möglichkeiten nehmen, frei zu leben.

Mehr Klimagerechtigkeit bedeutet dann auch mehr soziale Gerechtigkeit und in der Konsequenz mehr gesellschaftliche Freiheit. Freiheit darf kein Privileg einzelner sein, sondern muss als gesamtgesellschaftliche Freiheit aufgefasst werden und richtungsweisend für politisches Handeln sein.

Die Corona- und die Klimakrise führen uns deutlich vor Augen: Aussitzen spielt mit der Zukunft und der Freiheit künftiger Generationen und es gefährdet den sozialen Zusammenhalt.

Praxis

Der Kampf um die Deutungshoheit – Reflexionen zum Synodaler Weg

Der Kampf um die Deutungshoheit beweist: hier geht es um was!

Er scheint – zumindest für mich – eines der zentralen Subthemen des Synodalen Wegs der Katholischen Kirche in Deutschland zu sein: Der Kampf um die Deutungshoheit. Vor allem vor und nach den großen Vollversammlungen, ob präsent in Frankfurt, dezentral in den Regionalversammlungen oder online vor wenigen Monaten, versuchen viele die Deutungshoheit über den Synodalen Weg zu gewinnen. Ist es erlaubt, legitim, ziemlich, statthaft oder wie auch immer, dass sich der*die zur Frage äußert, gar etwas sagt, was bisherige lehramtliche Entscheidungen infrage stellt? Sind Lehrveränderungen möglich und/oder angebracht?

Als Vertreter des Berufsverbands der Pastoralreferent*innen Deutschlands e.V. bin ich von meinem Verband gewähltes Mitglied der Vollversammlung. Und seitdem befinde ich mich mitten drin, in diesen Fragen. Daher: ein persönlicher Zwischenblick auf Interventionen, Blogbeiträge und Äußerungen von mir

Gewählt und nicht berufen

Bewusst schreibe ich über mich: gewähltes Mitglied. Anders als viele andere Mitglieder bin ich in einer demokratischen Wahl von wiederum demokratisch legitimierten Vertreter*innen auf einer Bundesdelegiertentagung wirklich gewählt, nicht gesandt, erwählt, ausgesucht oder sonst irgendwas.

Die Frage nach der Deutungshoheit in der Kirche wird durch den Synodalen Weg gerade verändert.

Indem ich dies als meinen persönlichen Distinktionsgewinn wahrnehme stehe ich für eine Deutung: Demokratie, transparente Beteiligungsverfahren gehören in die Kirche, so bin ich es als Verbandler mit Leib und Seele gewöhnt und mit dieser Brille blicke ich auf den Synodalen Weg.

Der Antrag zur Geschäftsordnung

In der Satzung steht, dass die Zustimmung von zwei Dritteln aller Mitglieder und gleichzeitig zwei Drittel der Bischöfe einem Beschluss zur Gültigkeit verhelfen. Für mich und meine Kolleg*innen war das ein Zeichen des Misstrauens gegenüber den Nicht-Bischöfen. Wie auf so etwas reagieren? Für mich gibt es nur einen Weg: konstruktiv, aber selbstbewusst. Und so stellten wir einen Geschäftsordnungsantrag, dass auf Antrag die Frauen getrennt abstimmen müssen und so ein weiteres Quorum eingeführt wird. Erfolgreich. Innerhalb weniger Minuten während der ersten Vollversammlung das Thema in den Medien – so gewinnt man Deutungshoheit nicht durch vorlautes Reden, sondern durch Tat.

Das Fazit nach Frankfurt 1

In einem Blogbeitrag auf www.pastoralreferenten.de schrieb ich mit einer Kollegin noch auf der Heimfahrt: „Während Kardinal Woelki vorzeitig den Saal verlässt und beim Domradio über Manipulation, Protestantisierung und mangelnde Katholizität spricht, feiert Daniel Deckers in der FAZ bereits den Geist der Freimut, der sich schon in der ersten Versammlung Bahn gebrochen habe. Auch wir finden: Das war ein guter Anfang! Persönliche, fundierte, reflektierte und kontroverse Statements prägten … Einzig Bischof Voderholzer liest, nicht zum ersten Mal, ein vorbereitetes allgemeines Statement ab, hält die anschließende Erwiderung durch Frau Prof. Aschmann nicht aus und brüllt wild dazwischen.“ Auch wir versuchen uns an der Deutungshoheit durch öffentliche Worte.

Römischer Zwischenruf

Weil wir Pastoralreferent*innen uns sonst ja oft eher nicht auf großes mediales Interesse einstellen dürfen, ist unser Beitrag meist weniger der von lauten Wortmeldungen, sondern von theologischer und durch Erfahrung gedeckter Arbeit. Ein Foulspiel der alten Garde, des klassischen Verständnisses von kirchlicher Autorität ließ uns aber im Sommer 2020 anders handeln. Auf das römische Verbot von Laien in der Leitung von Gemeinden antworteten wir, zusammen mit den Vertreter*innen der Gemeindereferent*innen mit einem öffentlichen Statement. Dieses stand unter dem Titel: „und jetzt bitte mal konstruktiv.“

Eine Kirche, die in ihren eigenen Strukturen ein Evangelisierungshindernis darstellt, braucht dringend strukturelle Veränderung. Strukturfragen reflektieren Glaubensinhalte – oder sie sind nicht evangeliumsgemäß.

Mit dieser Wortwahl sprachen wir bewusst dem römischen Dokument, das doch formale Autorität für sich beanspruchen kann, die inhaltliche Autorität ab. Und weil wir gerade dabei waren um die Deutungshoheit zu kämpfen nahmen wir auch noch ein Lieblingsargument eher beharrender Kräfte, dass es doch mehr um Evangelisierung, denn um Strukturen gehen muss als Hauptargument, wenn wir schrieben: „Wir sind überzeugt, dass eine Reform kirchlicher Strukturen nicht gegen den Gedanken einer Evangelisierung ausgespielt werden kann und darf. Wer Evangelisierung sagt, der muss auch Selbstevangelisierung betreiben. Eine Kirche, die in ihren eigenen Strukturen ein Evangelisierungshindernis darstellt, braucht dringend strukturelle Veränderung. Strukturfragen reflektieren Glaubensinhalte – oder sie sind nicht evangeliumsgemäß.“

Den Mund aufmachen

Auf den Regionalversammlungen war nun endgültig klar, dass man den Mund klar aufmachen muss, will man nicht denen das Feld überlassen, die wollen, dass alles bleibt. So sagte ich in München: “Wir müssen benennen, dass wir Lehrveränderung wollen, nicht eine blumige Rede von -reflexion und -vertiefung”.

Und dann das Totschlagargument

Der Prozess schreitet voran. Die Foren arbeiten. Und immer wieder wird, gleichsam als eine Art Totschlagargument, gefragt: Ist denn der Synodale Weg geistlich genug? Wird da genug gebetet oder nur taktiert? Schon die Frage ist natürlich wieder der Versuch Deutungshoheit zu gewinnen. Anders als in der unsäglichen Debatte, ob es die Gefahr einer deutschen Nationalkirche gibt, entschieden wir uns hier wieder einmal zu einer Stellungnahme, wenn wir gemeinsam mit anderen Verbandsvertreter*innen schrieben:

Auch Diskussionen, Abstimmungen und Wahlen sind geistliche Prozesse, die den Synodalen Weg fundamental stärken.


„Wir Verbandsvertreter*innen bringen unsere guten Erfahrungen von demokratischen und zugleich geistlichen Entscheidungsprozessen, die auf der Gottesebenbildlichkeit aller basieren, in den Synodalen Weg ein. Auch Diskussionen, Abstimmungen und Wahlen sind geistliche Prozesse, die den Synodalen Weg fundamental stärken.“

Kritische Selbstreflexion

Als Synodaler bin ich oft zu Bildungs- und Diskussionsveranstaltungen eingeladen. Schon häufiger bekam ich am Ende zu hören: “Danke. Ihr Engagement macht mir Mut. Endlich mal einer, der noch Schwung und Energie hat und daran glaubt, dass was voran geht.” Oder so ähnlich. Selbstkritisch frage ich mich dann: Ist die Hoffnung, die ich verbreite, gerechtfertigt oder durch irgendetwas gedeckt? Angesichts von Schrumpfungsdepression, mangelndem Aufklärungswillen, klerikalen Fassaden, Machtmissbrauch und Reformstau. Darf ich Hoffnung stiften angesichts verbreiteter Hoffnungslosigkeit?

Wir müssen benennen, dass wir Lehrveränderung wollen, nicht eine blumige Rede von -reflexion und -vertiefung”


Nach der Onlinekonferenz des Synodalen Wegs wagte ich ein vorsichtiges „JA“.
Denn es geschieht etwas. Immer mehr Synodale wagen sich aus der Deckung. Auch die Bereitschaft zu Kritik unter Bischöfen steigt. Die Erkenntnis, dass am Ende keine weichgespülten Texte stehen dürfen, setzt sich durch. Fehlentwicklungen werden benannt. Und vor allem: Die Stimme der Betroffenen hat einen guten Ort in der Versammlung gefunden und erinnert uns an die Wurzel des Synodalen Wegs.

Die Reihe dieser Beobachtungen eigener Tätigkeiten ließe sich noch lange fortsetzen, zum Beispiel mit der Frage, mit wem man sich solidarisiert, z.B. in der Frage nach der Segnung Homosexueller, oder wessen Solidarität einem gut tut, in meinem Fall des orthodoxen Bischofs, der sagte, dass ihm in seiner Kirche wahrscheinlich ebenso oft die Orthodoxie abgesprochen würde, wie manch Synodalem die Katholizität. Auch gerade letzteres ist ja gleichsam die Mutter aller Deutungshoheitsfragen und sie führt mich auch zu meiner vorläufigen Antwort: Die Frage nach der Deutungshoheit in der Kirche wird durch den Synodalen Weg gerade verändert. Mag es auch noch so viele geben, die dem Weg jede Legitimität oder Katholizität absprechen und seinen Vertreter*innen den guten Willen, die Kompetenz, die Legitimität oder die Geistlichkeit – je länger die Debatten dauern, desto mehr zeigt sich: Das alte Schema „Mutter Kirche spricht – die Kinder Gottes hören“ greift nicht mehr. Alle Versuche es aufrecht zu halten wirken immer verzweifelter. Sie hätten nur Erfolg, wenn alle gingen, austräten, der Kirche den Rücken kehrten. Und das mache ich nicht, denn: Dann hätte ich den Kampf um die Deutungshoheit verloren. Und das möchte ich nicht.

Praxis

Der Stellenwert von Respekt in unserer Gesellschaft

Sehr geehrter Herr Scholz, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für dieses Interview nehmen, um die Frage des Stellenwertes von Respekt in unserer Gesellschaft zu erörtern.

In unserer Gesellschaft erfahren immer mehr Menschen Respektlosigkeit. Gleichzeitig erkennen wir einen Rückgang des Respekts gegenüber Institutionen wie dem Bundestag und den Abgeordneten durch den versuchten Sturm des Gebäudes oder durch eingeschleuste AfD-Anhänger. In den USA wurde sogar das Capitol gestürmt – Politiker erfahren Anfeindungen und Morddrohungen.

Was bedeutet vor diesem Hintergrund für Sie Respekt und welchen Stellenwert hat er in unserer Gesellschaft?

Die Bilder vom Capitol Anfang Januar waren verstörend und beängstigend. Das war ein unerträglicher Anschlag auf die Demokratie und hat sichtbar gemacht, dass Trump in vier Jahren Amtszeit das Land noch tiefer gespalten hat. Nun hat Präsident Joe Biden eine gewaltige Aufgabe geerbt: Er muss die Amerikanerinnen und Amerikaner wieder zusammenführen.

Es ist liegt an uns, ob Veränderungen gesellschaftliche Spaltung vertiefen oder … überwinden.

Für mich ist das eine der zentralen Fragen, wie wir ein gutes Miteinander gestalten können. Die Ungleichheit auch bei uns in Deutschland nimmt leider zu. Der gegenseitige Respekt geht zunehmend verloren. Das ist für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft nicht gut. Es ist Aufgabe von Volksparteien wie der SPD, verschiedene Interessen und Wertvorstellungen zusammenzuführen und gemeinsame Ziele über den Tag hinaus zu benennen und zu verfolgen. Mein Leitbild ist eine Gesellschaft des Respekts. Respekt, der aus dem Miteinander und aus gegenseitigem Verständnis erwächst. Ein solches „Wir“ entsteht nicht aus sich selbst heraus. Es ist daher eine große Aufgabe von politischen Parteien voranzugehen.Es ist liegt an uns, ob Veränderungen gesellschaftliche Spaltung vertiefen oder – so das Ziel der SPD – überwinden.

Welche gesellschaftlichen Entwicklungen und Herausforderungen liegen Ihrer Meinung nach hinter dem veränderten Umgang miteinander?

In den sozialen Netzwerken werden die Spannungen mittlerweile besonders deutlich. Aggressionen, Ausgrenzungen und Abwertungen nehmen einen besorgniserregend breiten Raum ein. Aber natürlich sind nicht die sozialen Netzwerke schuld – sondern nur ein Spiegel für tiefergehende Entwicklungen.

Nach dem Mauerfall erlebten viele Bürgerinnen und Bürger Ostdeutschlands eine rasante Entwertung ihrer Biografien und Berufe. Ich selbst habe zu jener Zeit viele von ihnen und ihre Sorgen kennengelernt, als ich als junger Anwalt Beschäftigte und Gewerkschaften im Osten vertreten habe, die zugleich für ihre Zukunft und die Sicherung ihrer Lebensleistung kämpften. Inzwischen erleben wir in ganz Deutschland: Viele Industriearbeitsplätze und damit Berufsstolz und soziale Strukturen sind verloren gegangen. Zwar sind natürlich neue Berufe und Arbeitsplätze entstanden, aber oftmals ohne Strukturen, die Sicherheit bieten. Das Aufstiegsversprechen von einst, gilt mittlerweile nur noch für eine privilegierte Minderheit.

Respekt muss sich auch in guten Löhnen und besseren Arbeitsbedingungen äußern.

Eine weitere Entwicklung ist, dass zu viele schlicht davon überzeugt sind, der persönliche Platz in der Gesellschaft sei das – verdiente – Ergebnis individueller Anstrengung. Die Überbetonung des Erfolgs Einzelner darf aber nicht zur Herabwürdigung all derer führen, die nicht aufsteigen; die nicht nach akademischen Abschlüssen oder Kreativberufen in die Metropolen streben. Wir sind eine arbeitsteilige Gesellschaft. Das heißt, wir sind alle aufeinander angewiesen. Das Akademiker-Ehepaar in Vollzeitbeschäftigung mit kleinen Kindern kann es nur geben, wenn es auf eine qualifizierte Dienstleistungswirtschaft zurückgreifen kann. Konkret geht es meistens um Kinderbetreuung, das Sauberhalten der eigenen Wohnung, das Liefern von bestellter Ware. Nicht erst die Corona-Pandemie hat gezeigt, dass ohne diese Jobs gar nichts geht: ohne diejenigen, die in der Pflege und im Erziehungsbereich arbeiten, ohne die Männer und Frauen, die uns Pakete oder Essen ausliefern oder tagelang LKW fahren. Antwort auf diese Erkenntnis ist übrigens nicht allein, samstags Beifall zu klatschen. Respekt muss sich auch in guten Löhnen und besseren Arbeitsbedingungen äußern.

Wieviel Freiheit braucht unsere Gesellschaft, um die anstehenden Herausforderungen kreativ zu meistern und wieviel Ordnung ist nötig, um – bei aller gebotenen Vielfalt – die verschiede­nen Interessen miteinander in eine gute Balance zu bringen?

Freiheit und Ordnung sind keine Gegensätze. Der Staat stellt die Rahmenbedingungen – daraus leiten sich individuelle und gesellschaftliche Freiheiten ab. Ich will, dass wir raus kommen aus dem politischen Klein-Klein. Es geht nicht um einzelne Reparaturen – sondern ums große Ganze. Ziel der SPD ist ein moderner, bürgernaher Staat, aber eben auch der Staat als strategischer Investor, als Ordnungs- und Gestaltungskraft zur Bewältigung der Herausforderungen unserer Zeit. Staat und Verwaltung müssen zum Innovationstreiber werden. Die Corona-Krise nutzen wir auch dafür, mit viel Geld kräftig in die Modernisierung unseres Landes zu investieren. Ein Beispiel: die Digitalisierung. Seit Jahrzehnten bleibt die Digitalisierung Deutschlands ein Nebenschauplatz und steht zu selten im Fokus aller Bemühungen. Viele Länder um uns herum haben uns längst überholt. In der Corona-Krise haben wir uns plötzlich gefragt, warum Gesundheitsämter immer noch mehr mit dem Fax-Gerät arbeiten, als mit passgenauen Software-Lösungen. Ich schlage daher eine missionsorientierte Wirtschaftspolitik vor. Es geht um eine klimaneutrale Industrie, um ein modernes Mobilitätssystem, eine konsequente Digitalisierung hin zur Gigabit-Gesellschaft und eine gute und moderne Gesundheitsversorgung. Wie wichtig ein funktionierender Ordnungsrahmen ist – das erfahren wir seit einem Jahr in der Corona-Krise.

Bei vielen Gruppierungen in unserer Gesellschaft scheint das Bewusstsein vom Sinn und der Legitimität demokratischer Institutionen wie Grundgesetz, Bundestag oder Polizei verloren ge­gangen zu sein. Wie kann man in einer Demokratie von den Bürgern gegenüber diesen Institu­tionen Respekt einfordern, ohne autoritär zu sein?

Es geht immer um beides, um Vertrauen und Respekt.

Grundsätzlich ist es doch so: Der Staat gewinnt Respekt gegenüber den Bürgerinnen und Bürgern, wenn er zeigt, dass er in der Lage ist, klug und besonnen zu handeln, für Sicherheit und Ordnung zu sorgen und die Zukunft fest im Blick hat. Es geht immer um beides, um Vertrauen und Respekt.

Diejenigen, die unsere Demokratie nicht respektieren, sind vielleicht lauter als die, die sie achten. Wir sollten uns von ihrem Lärm aber nicht in die Irre führen lassen: Eine ganz große Mehrheit steht mit beiden Beinen fest auf demokratischem Boden.

Wie viel Respekt kann man politisch Andersgesinnten wie Rechtpopulisten, Querdenkern oder Reichsbürgern zollen, die Vertretern und Institutionen des Rechtsstaats aus eigener Perspek­tive absolut respektlos begegnen und die Grundlagen unserer Demokratie mehr oder weniger offen in Frage stellen?

Was Rechtspopulisten, Querdenker und Reichsbürger eint, ist die bewusste Verkürzung und das Auslassen. Sie geben vor, sie hätten einfache Lösungen für komplizierte Probleme: den Blick zurück oder das Ressentiment. Diese Annahme ist aber immer falsch. Wichtig ist mir zu unterscheiden, zwischen den Brandstiftern und jenen, die in einer schwierigen Lage nach Antworten suchen. Radikalisierte Bürgerinnen und Bürger erreichen wir immer schwerer. Wir müssen diese Gruppe so klein wie möglich halten, Ihnen keine Dauerbühne und vor allem keine Gelegenheit bieten. Viele andere aber müssen wir wieder auf unsere Seite holen, mit guten Konzepten und verantwortungsvollem staatlichen Handeln. Ganz aktuell habe ich großen Respekt vor allen, die von der Pandemie und ihren Folgen betroffen sind, die sogar existenzielle Ängste haben und trotzdem einen klaren Blick auf die Situation behalten und nicht vermeintlich einfachen Antworten verfallen.

Amtsträger und Institutionen sind in einer Demokratie auf Respekt angewiesen, um handlungsfähig zu sein. Was müssen sowohl Personen als auch Institutionen leisten, um langfristig Vertrauen und damit Respekt und Handlungsfähigkeit zu gewinnen und zu behalten?

Eine von Respekt geleitete soziale Politik ist in der Lage, Diskurse um Gleichberechtigung und Identität in ihre politischen Lösungen zu integrieren.

Es geht ja immer um gegenseitiges Vertrauen – der Staat in seine Bürgerinnen und Bürger und umgekehrt. Dafür steht die Demokratie. In der Politik geht es darum, wem die Wählerinnen und Wähler zutrauen, ihre Interessen gut zu vertreten. Es geht um Mehrheiten und Kompromisse. Wenn ich an die Institution Polizei denke, geht es natürlich um das Sicherstellen von Recht und Ordnung, nicht vorrangig um Kompromisse. Die Institution Schule muss vom Staat so ausgestattet sein, dass alle Kinder eine gute Bildung erfahren. Staatliches Handeln muss also immer verlässlich und nachvollziehbar sein. Respekt und Vertrauen können nicht von oben herab eingefordert werden, ohne selbst zu liefern.

Nach Chantal Mouffe ist der „postdemokratische Konsens“ mit zu viel Respekt gegenüber politischen Gegnern eine Ursache für den Rechtspopulismus. Kann „Linkspopulismus“ eine Antwort auf den Rechtspopulismus sein?

Nein, die Antwort muss aus der Mitte der Gesellschaft kommen und eine soziale Politik der Mitte kann sie auch geben. Eine von Respekt geleitete soziale Politik ist in der Lage, Diskurse um Gleichberechtigung und Identität in ihre politischen Lösungen zu integrieren. Sie ist liberal und sozial und geht gleichzeitig konsequent gegen Rassismus und Sexismus vor. Es muss egal sein, wen man liebt, woher man kommt, ob und an welchen Gott man glaubt. Vor allem wendet sie sich konsequent gegen die Überheblichkeit gegenüber den vielen hart arbeitenden Bürgerinnen und Bürgern. Daraus leitet sich die Politik des Respekts ab: Sie orientiert sich nicht an denen, die sich für etwas Besseres halten. Sie wendet sich entschlossen gegen den „Klassismus“ in unserer Gesellschaft. Sie schafft stattdessen die Voraussetzungen für mehr Zusammenhalt und gegenseitige Anerkennung. Und darauf kommt es an.

Verlassen wir das politisch-institutionelle Themenfeld und werden wir – wenn Sie erlauben – etwas persönlicher:

Als stellvertretender Juso-Vorsitzender unterstützten Sie seinerzeit den Stamokap-Flügel der Jusos und kritisierten die „aggressiv-imperialistische Nato“, die Bundesrepublik als „europäische Hochburg des Großkapitals“ sowie die sozialliberale Koalition, die den „nackten Machterhalt über jede Form der inhaltlichen Auseinandersetzung“ stelle. War das schon respektlos gegenüber Ihrer Parteiführung und wie beurteilen Sie dies aus heutiger Sicht?

Mit dem Kompass, mit dem ich durch mein Leben navigiert bin als 17-Jähriger, würde ich heute nicht mehr durchkommen. Das gleiche gilt für den Olaf Scholz als 27-Jährigen oder auch 47-Jährigen. Es ist ganz wichtig, dass man nicht sein Bild von der Welt, irgendwann fertig abgeschlossen hat. Im Gegenteil, je älter ich werde, desto größer der Reichtum an Erfahrungen und Wissen – das ist eine große Chance, die es unbedingt zu nutzen gilt.

Bei allem was wir tun, geht es um Respekt … Das heißt nicht, dass man nicht hart im Argument sein kann.

Das habe ich tief in mir drin. Ich habe einen Kompass, der sich aus den Erfahrungen der Vergangenheit und dem Heute zusammensetzt – ohne den geht es nicht.

Heute würde ich sagen: Ich bin Vizekanzler und Finanzminister einer Nation, die sehr erfolgreich haushaltet und wirtschaftet. Deutschland leistet einen großen Beitrag zur Förderung der gemeinsamen europäischen Idee. Das will ich weiter stärken. Ein starkes Europa ist unsere Zukunft.

Kann ein Politiker in höchste Ämter gelangen, ohne jemals im Lauf seiner Karriere respektlos gewesen zu sein: gegenüber Vorgängern, Vorgesetzten, Spielregeln oder Konkurrenten? Wie war das bei Ihnen?

Ja, natürlich. Niemand soll sich für etwas Besseres halten. Das gilt für die Gesellschaft – genauso wie für mich als Politiker. Na klar geht es um Macht, um Rechte und ganz wichtig: um Pflichten. Als ich als 20-Jähriger für die Einführung einer Frauenquote gekämpft habe, hätte ich es nicht für möglich gehalten, dass wir heute immer noch keine echte Gleichstellung haben. Das ist auch für mich frustrierend, auch wenn ich den Fortschritt natürlich anerkenne.

Wenn ich an die Maskenaffäre aus den Reihen von CDU und CSU denke, geht es leider oft auch um Geld. Die Affäre wirft ein sehr schlechtes Bild auf unseren Stand. Abgeordnete, die sich persönlich an der Pandemie bereichern, beschädigen mit ihrem Verhalten die Demokratie. Um es ganz klar zu sagen: Nebeneinkünfte in Millionenhöhe sind aus meiner Sicht schwer vereinbar mit dem Amt eines Vollzeit-Abgeordneten. Transparenz ist ein absolut notwendiges Mittel, um Vertrauen in gewählte Abgeordnete zu stärken. Erste Schritte nach den Masken-Skandalen in der Union sind immerhin die Verschärfung des Abgeordnetengesetzes und das Lobbyregister. Dafür hat die SPD lange gekämpft.

Bei allem, was wir tun, geht es um Respekt. Ich bin überzeugt, dass es sich lohnt, einen höflichen und respektvollen Ton zu wahren. Das heißt nicht, dass man nicht hart im Argument sein kann. So halten wir es jetzt auch innerhalb der SPD und kommen damit weiter als uns viele vor einem Jahr noch zugetraut haben. Wir haben einen Kompass. Wir wissen was wir für unser Land erreichen wollen.

Sehr geehrter Herr Scholz, vielen Dank für Ihre Offenheit und Ihre Bereitschaft unsere Fragen zu beantworten!

Praxis

Im Frühbeet neuer Normalität – Ein Gespräch über Transformationserfahrungen in einer katholischen Pfarrei

Ute Gertz ist Pastoralreferentin, geistliche Begleiterin und Organisationsberaterin im Bistum Münster. Im Gespräch mit futur2-Redaktionsmitglied Jan-Christoph Horn reflektiert sie ihre Erfahrungen der letzten Monate, in der sie Merkmale einer veränderten, „jenseitigen“ Kirche entdeckt.

… ehrlich gesagt erlebe ich gerade bei Priestern wenig Fantasie zum Experiment in und mit der Liturgie.

Jan-Christoph Horn: Ute, wenn du deine Grunderfahrung der vergangenen Monate rückblickend auf den Punkt formulieren müsstest: Was würdest du sagen?

Ute Gertz: Was haben wir getan, was haben wir vermisst, was haben wir erfahren? Und dann unterscheide.

Die Corona-Krise hat gesamtgesellschaftlich, aber eben auch in der Kirche, also auch in den Pfarreien, viele vereinbarte Standards und Regeln über den Haufen geworfen. Ob beim Restaurant- oder Gottesdienstbesuch, im Homeoffice oder der Online-Gruppenstunde. Was ist dabei aus deiner Sicht als Seelsorgerin mit den Menschen passiert?

Was haben wir getan, was haben wir vermisst, was haben wir erfahren? Und dann unterscheide.

Die Menschen waren herausgefordert, auf ihre Sehnsucht zu hören und ihr zu trauen, ihre Bedürfnisse als Kompass zu nutzen. Es waren viele erwachsene Entscheidungen zu treffen – und sie wurden getroffen. Vieles war nicht im erlernten Raum möglich, sondern musste verantwortet verändert werden. Und das ist passiert.

Du sprachst mir gegenüber davon, dass es im ersten Lockdown richtige Stilblüten in eurer Pfarrei gegeben hat. Erzähl doch mal.

Ein Familienvater erzählte mir, wie sie Ostern gefeiert haben: „Wir haben den Livestream eurer Gottesdienste geschaut. Brot und Wein auf den Tisch gestellt. Haben das Brot gesegnet, wo auch der Priester während des Gottesdienstes den Geist Gottes herabruft. Das war unsere Gemeinschaft untereinander und mit Gott. So tief hatte ich es schon lange nicht mehr erlebt.“ – Eine Form geistlichen Lebens, die zwar aus der Not geboren, aber echt ist. Während eines ‚normalen‘ Osterfestes hätten das vielleicht auch Leute gemacht, aber wir hätten es vermutlich gar nicht mitbekommen.

Was bedeutet dir das Zeugnis dieses Vaters?

Mit Blick auf die Liturgie ist es offensichtlich nicht wesentlich, ob das jetzt Eucharistie heißt oder kanonisch eine gültige Feier ist, sondern ob sich eine religiöse Verbundenheit ausdrücken kann…

Dass sie sich als mit Christus verbundene Menschen verstehen, ohne dass ihnen das jemand sagen müsste. Da sind Menschen, die sagen: „Wenn wir dies oder das tun, ist das Christus für uns.“ Mit Blick auf die Liturgie ist es offensichtlich nicht wesentlich, ob das jetzt Eucharistie heißt oder kanonisch eine gültige Feier ist, sondern ob sich eine religiöse Verbundenheit ausdrücken kann, die wir doch geistlich meinen, wenn wir von Eucharistie und Liturgie und Kult sprechen.

Was erwartest du jetzt im zweiten Lockdown, der mit Weihnachten zusammenfällt?

Ganz klar: Wenn etwas in den letzten Monaten als sinnvoll erlebt wurde, wird das wiederholt. Die Menschen warten nicht darauf, ob sich eine Institution oder Organisation dazu verhält. Es werden Formen und Weisen gestaltet, auch an Weihnachten, die die Verbundenheit miteinander und mit Gott zum Ausdruck bringen. Unterstützung durch uns als Pfarrei ist dabei willkommen, aber alles andere liegt bei den Leuten.

Beschreibst du damit Merkmale einer veränderten, „jenseitigen“ Kirche? Und was denken und wie handeln Seelsorgerinnen und Seelsorger dabei?

Zur ersten Frage: Ja. Aber: „Jenseits“ heißt ja nicht „Abwegig“. Und ehrlich gesagt erlebe ich gerade bei Priestern wenig Fantasie zum Experiment in und mit der Liturgie.

Wir dürfen nicht schon vorsortieren, sondern müssen einen Unterscheidungs- und Entscheidungsprozess der Menschen miteinander moderieren.

Worauf kommt es an?

Fragen, nicht wissen, mitsuchen, die Fläche öffnen, nicht den Weg vorgeben, mittragen, was den Menschen in die Gottverbundenheit hilft, nicht auf Formalien verweisen. Weniger die Antworten zu haben, sondern das Angebot zu sein, die Fragen nach Jesus und Gott miteinander zu gehen. Und zu schauen, was trägt und was nicht trägt und was hält und was nicht hält. Sich zu trauen, Unterschiedliches ins Gespräch zu bringen, ist nicht gut ausgebildet bei Seelsorger*innen.

Hast du ein Beispiel?

Nehmen wir den Bibelkreis in unserer Pfarrei: Uns als Hauptamtlichen und überhaupt irgendwem steht es nicht zu, die Leute dafür vorzusortieren,  zu meinen, man wüsste schon, wen was interessiert und für wen was gut wäre. Fragen, anbieten, Erfahrungen machen lassen, kommen lassen und eben auch guten Gewissens gehen lassen. Wir dürfen nicht schon vorsortieren, sondern müssen einen Unterscheidungs- und Entscheidungsprozess der Menschen miteinander moderieren. Ich habe schon Leute aus den Nischen kommen sehen, von denen ich nicht gedacht hätte, dass die das interessiert.

Verändert sich dadurch die Klientel einer Pfarrei?

Mir ist es nicht egal, wenn die Leute wegbleiben. Ich rufe auch mal an und frage nach. Wenn es gelingt, in Beziehung zu bleiben, gleicht meine Erfahrung der beim Steine flitschen: Gerade die, die bisher auf die klassische Sonntagsliturgie konzentriert waren, finden in den letzten Monaten weitere Formen und gestalten wiederum verschiedene neue Formen mit, die wieder andere Menschen anspricht. Das sind natürlich keine Massen, das sind kleinste Pflänzchen, die man allzu schnell übersehen kann.

Wenn man sich das vorstellt: So wächst die Gemeinde?

Ja, so kann man das sehen. Sie weitet sich auf jeden Fall. Natürlich gehen auch Sachen nicht weiter, aber dann war da auch keine Energie mehr drin.

Unsere Aufgabe als Pfarrei ist es, Gesprächsanlässe zu schaffen. Das bildet dann Communio in einem ganz basiskirchlichen Sinn…

Was für Anregungen schafft ihr konkret, was ist die Bedingung der Möglichkeit dafür?

Halt die Leute zu unterstützen. Wir haben Menschen eine „Ostertüte“ mit Impulsen und Anregungen zur Verfügung gestellt, in diesen Tagen entsprechend eine „Weihnachtstüte“: Tägliche Impulse, die zu Beginn der Pandemie fast ausschließlich aus dem Seelsorgeteam kamen und an dem sich über die Monate auch immer mehr Menschen aus der Pfarrei und darüber hinaus mit ihren Geschichten einbringen. Manchmal, indem sie uns was erzählen, aber auch immer wieder, indem sie eigene Impulse senden. Unsere Aufgabe als Pfarrei ist es, Gesprächsanlässe zu schaffen. Das bildet dann Communio in einem ganz basiskirchlichen Sinn: Die Gemeinschaft, die die Menschen untereinander erleben, in eine Communio mit Christus überführen. Das ist etwas jenseits klassischer Gemeindezugehörigkeit und der strahlenden Präsenz von Hauptamtlichen.

Eine jenseitige Kirche ist eine Kirche der Fokusverschiebung?

Soweit würde ich nicht gehen. Das ist ja alles im Frühbeet hier. Was ich von der Familie und ihrer Gottesdiensterfahrung erzählt habe, hat der Vater ja nicht theologisch oder ekklesiologisch formuliert, sondern er hat es mir einfach erzählt: Wir haben den Tisch gedeckt, haben den Stream angeschaut und anschließend gab es Abendessen. Aber er hat mit Erstaunen gesagt, dass sie sich noch nie so intensiv über das unterhalten haben, was in der Predigt gesprochen wurde. Da horche ich doch auf.

Und vor allem: Nicht für, sondern mit den Menschen.

So wie du sprichst, müsste es für dich Auswirkungen auf die institutionalisierte Kirche geben. Was rätst du?

Das Image der Kirche ist so schlecht, da ist ganz viel verbrannte Erde. Auch wir Hauptamtliche vor Ort können und sollten nicht über unsere Energie alles retten. Für mich ist entscheidend, mein Engagement anders zu verstehen: Kleinteiliger, für eine Stunde mit ein paar Leuten, nicht gleich rastlos für die ganze Pfarrei. Und vor allem: Nicht für, sondern mit den Menschen. Ihre Ideen und Formen aufnehmen, das ihrige unterstützen und Mut machen, ihrer Sehnsucht zu trauen.

Ein Tag als Bischöfin – was würdest du tun, was würdest du lassen?

Ich würde Experimentieren und Experimente fördern. Einfordern, nicht nur zulassen – in vorgefertigten Leitplanken, die ggf. auch erst im Nachhinein bekannt gemacht werden. Ich würde mich für eine fluide Form von Kirche aussprechen – Kirche, die Einheit in Vielfalt und Vielfalt in der Einheit lebt, auch normativ. Meine wichtigste Aufgabe wäre es, die Menschen auf den Geist zu einen, der uns trägt, dabei die Ausdrucksformen zuzulassen, die für sie jeweils die richtigen sind. Das ist das, was sich in der Corona-Zeit zeigt: Menschen suchen sich unter den begrenzten Möglichkeiten das, was sie brauchen. Dabei nehmen sie Begleitung gerne an.

Es wird verschiedene Kultformen nebeneinander geben müssen. Dafür müssen wir unsere Kirche entsprechend gestalten…

Kirchenentwicklung wird oft über die Liturgie diskutiert. Was ist aus deiner Erfahrung in eurer Pfarrei dein Impuls dazu?

Es wird verschiedene Kultformen nebeneinander geben müssen. Dafür müssen wir unsere Kirche entsprechend gestalten, Ressourcen bereithalten und so weiter. Als Beispiel nehme ich die Tauffeiern: Bei uns gibt es seit Corona Einzelfeiern. Das sind dann am Wochenende auch mal sechs Feiern. Um die Ressourcen zu kompensieren, haben wir Werktagsmessen gestrichen. Das war kein Problem, dafür erreichen wir die Leute jetzt besser.

So wie ich dich kenne, hast du über diesen pragmatischen Ansatz noch hinausgehende Reformgedanken …

In der Taufe wollen Menschen sich der Nähe Gottes vergewissern, nicht in die Kirche eintreten.

In der Tat. Warum taufen im Falle der bei uns üblichen Säuglingstaufe die Eltern nicht in Begleitung eines Priesters oder Hauptamtlichen ihre Kinder? Die ganze Liturgie der Taufe hebt in einer Weise auf die Eingliederung in die Kirche ab, die den Menschen nichts bedeutet. Für sie ist die Taufe ein Beziehungssakrament, ein göttlicher Segen über eine fragile Beziehung, denn so ist das Leben. Das aber ist doch Kirche im besten Wortsinn – „die zum Herrn gehören“. In der Taufe wollen Menschen sich der Nähe Gottes vergewissern, nicht in die Kirche eintreten. Aber indem sie sich der Nähe Gottes vergewissern, sind sie Kirche, indem sie spüren und vertrauen in die Grundzusage der Taufe: „Du, bist mein geliebter Sohn, meine geliebte Tochter, an dir habe ich gefallen.“

Wie sehr ist in eurer Pfarrei schon eine „jenseitige“ Kirche erkennbar – auf einer Skala von 0 bis 10?

0,7. Es ist wenig erkennbar, aber es ist etwas erkennbar.

Wann ist es eine zwei?

Wenn die Leute das, was sie in ihrer geistlichen Selbstermächtigung erleben, nicht nur uns Hauptamtlichen, sondern sich untereinander erzählen.

Danke, Ute. Was ist dir noch wichtig, in unser Gespräch hineinzulegen?

Dass wir uns trauen mitzufragen, mitzusuchen, mitzutragen. Und das zu begrüßen, was dann entsteht.

Praxis

Wenn das Salz im Glas droht, schal zu werden

Reaktion eines hauptamtlichen Laien auf die Instruktion der Kleruskongregation vom 29.06.2020 über die Leitung von Pfarrgemeinden

Ekklesiale Engführung

Die Instruktion über die Leitung von Pfarrgemeinden sorgt derzeit für viel Bewegung. Es ist eine sichernde Spurensuche, klerikale bzw. pfarrliche Identität, aber auch christlich-kirchliche Identität auf der Grundlage von Rechtsfiguren zu beschreiben. Dass dies ein Thema im Wandel der Gegenwart ist, wird man mit Fug nicht bestreiten können.
Nun steckt allerdings in der Wahl und im Gewichten der Aspekte die Gefahr einer ekklesialen Engführung, die sich der Evangelisierung und letztlich der Erfahrung Gottes in dieser Welt entgegen stellt. Prosaisch ausgedrückt werden Räume und Erfahrungen von Christen – zumal Laien – am ‚Rande‘ der verfassten Kirche und der pfarrlich-gemeindlichen Strukturen nicht als befruchtend und als Orte der Offenbarung Gottes gesehen. Irritierend ist, dass dies auch nicht am Rande oder als wesentliches Komplement erwähnt wird.

Unter der Nummer 23 des Dokuments zitieren die Verfasser Papst Franziskus, der daran erinnert hat, „…dass es notwendig ist, ‚die Aufmerksamkeit auf zwei Verfälschungen der Heiligkeit (G.D.) zu lenken, die uns vom Weg abbringen könnten: der Gnostizismus und der Pelagianismus. Es handelt sich um zwei Häresien, die in den ersten christlichen Jahrhunderten entstanden, weiterhin aber besorgniserregend aktuell sind.’ 1. Im Falle des Gnostizismus geht es um einen abstrakten Glauben, der nur intellektuell ist und aus einem Wissen besteht, das das Leben wenig betrifft. Der Pelagianismus hingegen bringt den Menschen dazu, lediglich auf die eigene Kraft zu bauen und das Wirken des Heiligen Geistes zu ignorieren.“ 2.
Ohne Zweifel werden die beiden Gefahren immer wieder zu beachten sein, und die Instruktion mag die Absicht haben, die spirituelle Innenseite eines wichtigen Teiles der kirchlichen Struktur zu heben und Unklarheiten und Fehlentwicklungen zu verhindern. Doch kritisiert Johann Pock3, dass die Überdehnung des Klerikerideals im Sinne einer umfassenden Seelsorge und einer sich wohl abzeichnenden Auszehrung Einzelner keine ernsthaft nachhaltige Perspektive sein kann. Und Paul Zulehner4 schält in der Instruktion ungewollt innovative Aspekte des beharrlichen Kryptoklerikalismus heraus, wenn er als einzig mögliche Lösung der personal-pastoralen Dilemmata die Entkoppelung von Leitung und Vorsitz sakramentaler Feiern von der Ordination oder die Wahl von geeigneten Personen aus den Pfarrgemeinden heraus beschreibt. Sind das ‚nur‘ pragmatische, oder nicht vielmehr im Kern theologische Herausforderungen an die Kirche?

Es ist keine nachgereichte oder gar marginale Option, die Erfahrungen aller Christ*innen in einer pluralen Grundsituation zu sehen, zu klären und daraus zu handeln.

Der Preis für eine engführende ‚Bestandsfixierung‘ ist jedoch so hoch, dass ein Einspruch über die genannten weiter zugespitzt und erhoben wird. Die Ausgrenzung des Modells der Instruktion transportiert theologisch, pastoral und seelsorglich Untiefen.

Theo-logische Offenheit

Der Ansatz der Instruktion steht selbst dann – mindestens auch – der pastoralen Erneuerung und der Evangelisierungsdynamik entgegen, wenn die genannten Verfälschungen der Heiligkeit durch theologische Engführungen und pastorale Schwerpunkte bisherig gelebter Strukturen und ihrer Akteure weiter betrieben werden. Hier können wir nicht, sondern müssen wir uns dem spannungsreichen Austausch und Disput auf und aus der Grundlage des Handelns und der Erfahrungen von allen Christen in der heutigen Welt stellen.
Es ist aus theo-logischer Perspektive keine nachgereichte oder gar marginale Option, die Erfahrungen aller Christ*innen in einer pluralen Grundsituation zu sehen, zu klären und daraus zu handeln. Dies betrifft sowohl die Gewichte der Charismen und Ämter in ihrem spannungsreichen Zueinander, als auch den Sensus fidei fidelium als Ort sich erneuernder Kirchlichkeit aus dem Grund der Erfahrung Gottes5. Und es betrifft im Prozess des Wandels die faktische regionale und internationale kirchliche Pluralität.

‚Mission possible‘ – Gesendet sein zum seelsorglichen Dienst in unserer Welt

Johann Pock hat im erwähnten Artikel auf das einseitige Missions- und Dienstverständnis hingewiesen, das sich vor dem Hintergrund der Frage nach Sendung, Dienst und Seelsorge heute weiter entfalten lässt. Die Sendung der Menschen, mit denen ich in der Pastoral meiner Gemeinde, als Krankenhausseelsorger und als diözesaner Beauftragter für die Krankenhaus- und Hospizseelsorge im Kontakt bin, ist nicht (für-) wahrgenommen, wenn sie primär entlang des geschilderten Pfarreiverständnisses und des darin enthaltenen Seelsorgeauftrags verstanden wird. Das wäre aber möglich – Doris Nauers weitgehend noch nicht ausgeschöpftes Seelsorgemodell6 beschreibt Dimensionen eines seelsorglich-diakonalen christlichen Handelns, das individualistische und sakramentale Engführungen hinter sich lässt. Und ‚Orte‘ des Handelns können und müssen heute sowohl im eigentlichen wie im übertragenen Sinn erschlossen werden. Dort gemachte Erfahrungen von dort lebenden und handelnden Christ*innen kommen nicht ‚auch noch‘, sondern essenziell zum Kirche-Sein-Heute aus dem Evangelium hinzu und erschließen und deuten die Gesamtheit der kirchlichen Wirklichkeit und Wahrheit.

Die Sendung der Menschen, ist nicht (für-) wahrgenommen, wenn sie primär entlang des geschilderten Pfarreiverständnisses und des darin enthaltenen Seelsorgeauftrags verstanden wird.

Das hält die pfarrliche Struktur ebenso einladend wie spannungsreich offen, ohne sich ihr gegenüber in falscher Konkurrenz und auch möglicher Eindimensionalität zu zeigen. Gleichwohl ist es ein spannungsreiches Miteinander, nun aber ausgespannt über rechtliche und ekklesiologische, amtliche, charismatische und theo-logische Wandlungs-Motive.

Handeln aus dem Glauben

Ein Feld mag diesbezüglich genannt sein: Das Beispiel der palliativen und hospizlichen Begleitung, die in ihrer Bedeutung noch letzthin durch eine römische Veröffentlichung7 hervorgehoben wurde, kann ernsthaft gar nicht anders denn durch ein sehr differenziertes Miteinander von Charismen, Ämtern und Diensten als christliches Zeugnis in unserer Welt gelebt werden. Das geschieht an vielen Orten bereits – über die pfarrlichen und diözesanen Möglichkeiten hinaus. Dort wird Wandel konkret und mit Konsequenzen für Strukturen gestaltet.

Die ekklesiogenetische Dynamik, die erlebbar ist, wenn man sich auf die Menschen und Gruppen mit ihrem (selbst-)kritischen Potential einlässt, ist enorm, allerdings oftmals nicht klassisch kirchlich-institutionell.

Die Herausforderung an hier erforderliche Kompetenzen und Professionen sowie an stattfindende Diskussionen um erforderliche Schwerpunkte ist so greifbar und angesichts des Themas von Leiden – Sterben – Tod und Hoffnung so offensichtlich, dass die oben skizzierten Engführungen im Sinne einer sich verlängernden ekklesialen Furcht aus pastoraler und seelsorglicher Sicht nicht unkommentiert gelassen werden können.
Die ekklesiogenetische Dynamik, die erlebbar ist, wenn man sich auf die Menschen und Gruppen mit ihrem (selbst-)kritischen Potential einlässt, ist enorm, allerdings oftmals nicht klassisch kirchlich-institutionell.

Wie damit nun umgehen?

Die Instruktion scheint demgegenüber schlicht an der Lebens- und Arbeitswirklichkeit in wichtigen Bereichen kirchlich-pastoralen Handelns vorbei konzipiert und bedient kirchlich-konservative bzw. klerikale Denk- und Handlungsmuster, die die Arbeit vor Ort – zumal in sogenannten kategorialen Feldern, in denen viele Christen handeln – bisher schon erschwert haben und nun erneut erschweren können. Dabei sind manche Fragen kirchlicher Dienste und ihres Zu- und Miteinanders theologisch eröffnet und im erforderlichen Klärungsprozess.

Die Instruktion scheint demgegenüber schlicht an der Lebens- und Arbeitswirklichkeit in wichtigen Bereichen kirchlich-pastoralen Handelns vorbei konzipiert

Das Eigenverständnis der Instruktion könnte man im Rahmen eines Professionsdiskurses noch als grundsätzlich möglich und sich immer wieder stellende Frage nach Rahmenrichtlinien erachten. Aber es raubt in seiner Intention gegenwärtig und entgegen der Not die Perspektive auf eine engagierte heutige hauptamtliche kirchliche Tätigkeit – so der gesammelte Tenor aus Gesprächen mit Kolleg*innen dazu, die ich geführt habe.

Es verunsichert – mehr noch – ignoriert die ehrenamtlich bzw. freiwillig Tätigen, die sich nicht nur am Inhalt ihres Handels, sondern in der Dienst-Verantwortung im und aus dem Glauben wahr- und ernstgenommen wissen und gesehen werden wollen, gerade wenn sie über das oben genannte Beispiel hinaus in der Notfallseelsorge oder der ehrenamtlichen Krankenhausseelsorge oder in der Flüchtlingsarbeit oder der Sozialarbeit oder der Eine-Welt-Arbeit, etc…(!) engagiert sind.

Pastoral: Leidsensibel – streitbar – mit schwacher Stimme

Um es an einem Leitbegriff zu fokussieren: Die Instruktion erschwert die pastorale Arbeit, wenn Pastoral und Theologie angesichts der heute klar zutage tretenden Fragen ‚leidsensibel’ (Metz/Steinkamp) sein will. Und doch muss man angesichts der Herausforderungen heute (Frieden, Bewahrung der Schöpfung, Gerechtigkeit und Gesundheit) wohl eher sagen, dass Diakonie, Pastoral und Seelsorge leidsensibel sein müssen. Die Enzyklika ‚Laudato si’ von Papst Franziskus ist hier bereits 5 Jahre Impulsgeberin. Wichtige Fragen gehen über eine individuelle spirituelle Herausforderung hinaus bzw. öffnen sie. Sie sind gemeinschaftsstiftend und aus sich eine Herausforderung für unsere – auch die kirchliche – Gemeinschaft. Ist hier möglicher Weise der Nukleus der Dynamik für viele Christinnen und Christen, sich in mancherlei Organisationen zu engagieren?

Die Instruktion erschwert die pastorale Arbeit, wenn Pastoral und Theologie angesichts der heute klar zutage tretenden Fragen ‚leidsensibel’ sein will.

Jedenfalls: das kann (theologisch) und muss (pastoral) bestärkt werden! Die angedeuteten umfassenden Themen sind heute an allen Orten bekannt und Anlass für viele zum Handeln. Vor diesem Hintergrund ist es nach der Veröffentlichung der Instruktion einmal mehr erforderlich, die Form eines ‚Mit-der-Kirche-Wahrnehmens’ (sentire cum ecclesia) auch als vielfältige und streitbare Rede und streitbares Handeln pastoral und theologisch begründet im Sinn der Unterstützung von Erfahrungen heutiger Christinnen und Christen anzuregen. Dies mehr denn je nicht um des Streites, sondern um der Wahrheit Gottes gelebt in der Nachfolgegemeinschaft willen. So etwas klingt nicht ohne ein gewisses, vielleicht befremdlich-frommes Pathos im Bild. Aber genau diese alltagstaugliche Frömmigkeit ist auch der Anspruch.

Salz muss nährend würzen – Die u-topoi der Hoffnung in unruhigen pastoralen Zeiten

Die Herausforderung unseres Glaubens – und für unsere Glaubensgemeinschaft, die Kirche – ist eingebettet in der Erfahrung Gottes an und in den Orten seiner Welt (immer wieder: Lumen gentium mit Gaudium et spes gelesen). Unsere Hoffnung und unser Glaube sind so ausgespannt, dass die Zugehörigkeit sich nicht in Gottes Welt erschöpft, sondern erweist.

In der Vielfalt der Um- und Aufbrüche lässt sich eine erneuerte Gestalt von Kirche heute oftmals noch nicht erkennen.

Das Dilemma und die Grenze des Anspruchs der Instruktion sehe ich darin, dass sie zu einer sozialen Ordnung aufruft, die bestenfalls als Teil eines katholischen Welt-Ideals gesehen werden kann, das dem Wehen des Geistes heute nicht im Wege steht, aber nur in sehr geringem Umfang nähren, klären, begleiten und verantwortlich gestalten kann. Mir scheint momentan dagegen eine andere Herausforderung erheblich mehr Gewicht zu haben und Kräfte zu benötigen: neben einer rechtlich-theologischen, die ihren Gehalt und ihre Grenze kennen sollte, lässt sich in der Vielfalt der Um- und Aufbrüche eine erneuerte Gestalt von Kirche heute oftmals noch nicht erkennen.

Ich habe keine Bedenken, dies – zumal für die katholische Kirche – als geistliche Herausforderung zu charakterisieren. Das Ringen mit- und umeinander ist ‚dran’. Dafür stehen viele Christinnen und Christen ein.

Das macht mir Hoffnung.

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