Praxis

Im Frühbeet neuer Normalität – Ein Gespräch über Transformationserfahrungen in einer katholischen Pfarrei

Ute Gertz ist Pastoralreferentin, geistliche Begleiterin und Organisationsberaterin im Bistum Münster. Im Gespräch mit futur2-Redaktionsmitglied Jan-Christoph Horn reflektiert sie ihre Erfahrungen der letzten Monate, in der sie Merkmale einer veränderten, „jenseitigen“ Kirche entdeckt.

… ehrlich gesagt erlebe ich gerade bei Priestern wenig Fantasie zum Experiment in und mit der Liturgie.

Jan-Christoph Horn: Ute, wenn du deine Grunderfahrung der vergangenen Monate rückblickend auf den Punkt formulieren müsstest: Was würdest du sagen?

Ute Gertz: Was haben wir getan, was haben wir vermisst, was haben wir erfahren? Und dann unterscheide.

Die Corona-Krise hat gesamtgesellschaftlich, aber eben auch in der Kirche, also auch in den Pfarreien, viele vereinbarte Standards und Regeln über den Haufen geworfen. Ob beim Restaurant- oder Gottesdienstbesuch, im Homeoffice oder der Online-Gruppenstunde. Was ist dabei aus deiner Sicht als Seelsorgerin mit den Menschen passiert?

Was haben wir getan, was haben wir vermisst, was haben wir erfahren? Und dann unterscheide.

Die Menschen waren herausgefordert, auf ihre Sehnsucht zu hören und ihr zu trauen, ihre Bedürfnisse als Kompass zu nutzen. Es waren viele erwachsene Entscheidungen zu treffen – und sie wurden getroffen. Vieles war nicht im erlernten Raum möglich, sondern musste verantwortet verändert werden. Und das ist passiert.

Du sprachst mir gegenüber davon, dass es im ersten Lockdown richtige Stilblüten in eurer Pfarrei gegeben hat. Erzähl doch mal.

Ein Familienvater erzählte mir, wie sie Ostern gefeiert haben: „Wir haben den Livestream eurer Gottesdienste geschaut. Brot und Wein auf den Tisch gestellt. Haben das Brot gesegnet, wo auch der Priester während des Gottesdienstes den Geist Gottes herabruft. Das war unsere Gemeinschaft untereinander und mit Gott. So tief hatte ich es schon lange nicht mehr erlebt.“ – Eine Form geistlichen Lebens, die zwar aus der Not geboren, aber echt ist. Während eines ‚normalen‘ Osterfestes hätten das vielleicht auch Leute gemacht, aber wir hätten es vermutlich gar nicht mitbekommen.

Was bedeutet dir das Zeugnis dieses Vaters?

Mit Blick auf die Liturgie ist es offensichtlich nicht wesentlich, ob das jetzt Eucharistie heißt oder kanonisch eine gültige Feier ist, sondern ob sich eine religiöse Verbundenheit ausdrücken kann…

Dass sie sich als mit Christus verbundene Menschen verstehen, ohne dass ihnen das jemand sagen müsste. Da sind Menschen, die sagen: „Wenn wir dies oder das tun, ist das Christus für uns.“ Mit Blick auf die Liturgie ist es offensichtlich nicht wesentlich, ob das jetzt Eucharistie heißt oder kanonisch eine gültige Feier ist, sondern ob sich eine religiöse Verbundenheit ausdrücken kann, die wir doch geistlich meinen, wenn wir von Eucharistie und Liturgie und Kult sprechen.

Was erwartest du jetzt im zweiten Lockdown, der mit Weihnachten zusammenfällt?

Ganz klar: Wenn etwas in den letzten Monaten als sinnvoll erlebt wurde, wird das wiederholt. Die Menschen warten nicht darauf, ob sich eine Institution oder Organisation dazu verhält. Es werden Formen und Weisen gestaltet, auch an Weihnachten, die die Verbundenheit miteinander und mit Gott zum Ausdruck bringen. Unterstützung durch uns als Pfarrei ist dabei willkommen, aber alles andere liegt bei den Leuten.

Beschreibst du damit Merkmale einer veränderten, „jenseitigen“ Kirche? Und was denken und wie handeln Seelsorgerinnen und Seelsorger dabei?

Zur ersten Frage: Ja. Aber: „Jenseits“ heißt ja nicht „Abwegig“. Und ehrlich gesagt erlebe ich gerade bei Priestern wenig Fantasie zum Experiment in und mit der Liturgie.

Wir dürfen nicht schon vorsortieren, sondern müssen einen Unterscheidungs- und Entscheidungsprozess der Menschen miteinander moderieren.

Worauf kommt es an?

Fragen, nicht wissen, mitsuchen, die Fläche öffnen, nicht den Weg vorgeben, mittragen, was den Menschen in die Gottverbundenheit hilft, nicht auf Formalien verweisen. Weniger die Antworten zu haben, sondern das Angebot zu sein, die Fragen nach Jesus und Gott miteinander zu gehen. Und zu schauen, was trägt und was nicht trägt und was hält und was nicht hält. Sich zu trauen, Unterschiedliches ins Gespräch zu bringen, ist nicht gut ausgebildet bei Seelsorger*innen.

Hast du ein Beispiel?

Nehmen wir den Bibelkreis in unserer Pfarrei: Uns als Hauptamtlichen und überhaupt irgendwem steht es nicht zu, die Leute dafür vorzusortieren,  zu meinen, man wüsste schon, wen was interessiert und für wen was gut wäre. Fragen, anbieten, Erfahrungen machen lassen, kommen lassen und eben auch guten Gewissens gehen lassen. Wir dürfen nicht schon vorsortieren, sondern müssen einen Unterscheidungs- und Entscheidungsprozess der Menschen miteinander moderieren. Ich habe schon Leute aus den Nischen kommen sehen, von denen ich nicht gedacht hätte, dass die das interessiert.

Verändert sich dadurch die Klientel einer Pfarrei?

Mir ist es nicht egal, wenn die Leute wegbleiben. Ich rufe auch mal an und frage nach. Wenn es gelingt, in Beziehung zu bleiben, gleicht meine Erfahrung der beim Steine flitschen: Gerade die, die bisher auf die klassische Sonntagsliturgie konzentriert waren, finden in den letzten Monaten weitere Formen und gestalten wiederum verschiedene neue Formen mit, die wieder andere Menschen anspricht. Das sind natürlich keine Massen, das sind kleinste Pflänzchen, die man allzu schnell übersehen kann.

Wenn man sich das vorstellt: So wächst die Gemeinde?

Ja, so kann man das sehen. Sie weitet sich auf jeden Fall. Natürlich gehen auch Sachen nicht weiter, aber dann war da auch keine Energie mehr drin.

Unsere Aufgabe als Pfarrei ist es, Gesprächsanlässe zu schaffen. Das bildet dann Communio in einem ganz basiskirchlichen Sinn…

Was für Anregungen schafft ihr konkret, was ist die Bedingung der Möglichkeit dafür?

Halt die Leute zu unterstützen. Wir haben Menschen eine „Ostertüte“ mit Impulsen und Anregungen zur Verfügung gestellt, in diesen Tagen entsprechend eine „Weihnachtstüte“: Tägliche Impulse, die zu Beginn der Pandemie fast ausschließlich aus dem Seelsorgeteam kamen und an dem sich über die Monate auch immer mehr Menschen aus der Pfarrei und darüber hinaus mit ihren Geschichten einbringen. Manchmal, indem sie uns was erzählen, aber auch immer wieder, indem sie eigene Impulse senden. Unsere Aufgabe als Pfarrei ist es, Gesprächsanlässe zu schaffen. Das bildet dann Communio in einem ganz basiskirchlichen Sinn: Die Gemeinschaft, die die Menschen untereinander erleben, in eine Communio mit Christus überführen. Das ist etwas jenseits klassischer Gemeindezugehörigkeit und der strahlenden Präsenz von Hauptamtlichen.

Eine jenseitige Kirche ist eine Kirche der Fokusverschiebung?

Soweit würde ich nicht gehen. Das ist ja alles im Frühbeet hier. Was ich von der Familie und ihrer Gottesdiensterfahrung erzählt habe, hat der Vater ja nicht theologisch oder ekklesiologisch formuliert, sondern er hat es mir einfach erzählt: Wir haben den Tisch gedeckt, haben den Stream angeschaut und anschließend gab es Abendessen. Aber er hat mit Erstaunen gesagt, dass sie sich noch nie so intensiv über das unterhalten haben, was in der Predigt gesprochen wurde. Da horche ich doch auf.

Und vor allem: Nicht für, sondern mit den Menschen.

So wie du sprichst, müsste es für dich Auswirkungen auf die institutionalisierte Kirche geben. Was rätst du?

Das Image der Kirche ist so schlecht, da ist ganz viel verbrannte Erde. Auch wir Hauptamtliche vor Ort können und sollten nicht über unsere Energie alles retten. Für mich ist entscheidend, mein Engagement anders zu verstehen: Kleinteiliger, für eine Stunde mit ein paar Leuten, nicht gleich rastlos für die ganze Pfarrei. Und vor allem: Nicht für, sondern mit den Menschen. Ihre Ideen und Formen aufnehmen, das ihrige unterstützen und Mut machen, ihrer Sehnsucht zu trauen.

Ein Tag als Bischöfin – was würdest du tun, was würdest du lassen?

Ich würde Experimentieren und Experimente fördern. Einfordern, nicht nur zulassen – in vorgefertigten Leitplanken, die ggf. auch erst im Nachhinein bekannt gemacht werden. Ich würde mich für eine fluide Form von Kirche aussprechen – Kirche, die Einheit in Vielfalt und Vielfalt in der Einheit lebt, auch normativ. Meine wichtigste Aufgabe wäre es, die Menschen auf den Geist zu einen, der uns trägt, dabei die Ausdrucksformen zuzulassen, die für sie jeweils die richtigen sind. Das ist das, was sich in der Corona-Zeit zeigt: Menschen suchen sich unter den begrenzten Möglichkeiten das, was sie brauchen. Dabei nehmen sie Begleitung gerne an.

Es wird verschiedene Kultformen nebeneinander geben müssen. Dafür müssen wir unsere Kirche entsprechend gestalten…

Kirchenentwicklung wird oft über die Liturgie diskutiert. Was ist aus deiner Erfahrung in eurer Pfarrei dein Impuls dazu?

Es wird verschiedene Kultformen nebeneinander geben müssen. Dafür müssen wir unsere Kirche entsprechend gestalten, Ressourcen bereithalten und so weiter. Als Beispiel nehme ich die Tauffeiern: Bei uns gibt es seit Corona Einzelfeiern. Das sind dann am Wochenende auch mal sechs Feiern. Um die Ressourcen zu kompensieren, haben wir Werktagsmessen gestrichen. Das war kein Problem, dafür erreichen wir die Leute jetzt besser.

So wie ich dich kenne, hast du über diesen pragmatischen Ansatz noch hinausgehende Reformgedanken …

In der Taufe wollen Menschen sich der Nähe Gottes vergewissern, nicht in die Kirche eintreten.

In der Tat. Warum taufen im Falle der bei uns üblichen Säuglingstaufe die Eltern nicht in Begleitung eines Priesters oder Hauptamtlichen ihre Kinder? Die ganze Liturgie der Taufe hebt in einer Weise auf die Eingliederung in die Kirche ab, die den Menschen nichts bedeutet. Für sie ist die Taufe ein Beziehungssakrament, ein göttlicher Segen über eine fragile Beziehung, denn so ist das Leben. Das aber ist doch Kirche im besten Wortsinn – „die zum Herrn gehören“. In der Taufe wollen Menschen sich der Nähe Gottes vergewissern, nicht in die Kirche eintreten. Aber indem sie sich der Nähe Gottes vergewissern, sind sie Kirche, indem sie spüren und vertrauen in die Grundzusage der Taufe: „Du, bist mein geliebter Sohn, meine geliebte Tochter, an dir habe ich gefallen.“

Wie sehr ist in eurer Pfarrei schon eine „jenseitige“ Kirche erkennbar – auf einer Skala von 0 bis 10?

0,7. Es ist wenig erkennbar, aber es ist etwas erkennbar.

Wann ist es eine zwei?

Wenn die Leute das, was sie in ihrer geistlichen Selbstermächtigung erleben, nicht nur uns Hauptamtlichen, sondern sich untereinander erzählen.

Danke, Ute. Was ist dir noch wichtig, in unser Gespräch hineinzulegen?

Dass wir uns trauen mitzufragen, mitzusuchen, mitzutragen. Und das zu begrüßen, was dann entsteht.

Praxis

Wenn das Salz im Glas droht, schal zu werden

Reaktion eines hauptamtlichen Laien auf die Instruktion der Kleruskongregation vom 29.06.2020 über die Leitung von Pfarrgemeinden

Ekklesiale Engführung

Die Instruktion über die Leitung von Pfarrgemeinden sorgt derzeit für viel Bewegung. Es ist eine sichernde Spurensuche, klerikale bzw. pfarrliche Identität, aber auch christlich-kirchliche Identität auf der Grundlage von Rechtsfiguren zu beschreiben. Dass dies ein Thema im Wandel der Gegenwart ist, wird man mit Fug nicht bestreiten können.
Nun steckt allerdings in der Wahl und im Gewichten der Aspekte die Gefahr einer ekklesialen Engführung, die sich der Evangelisierung und letztlich der Erfahrung Gottes in dieser Welt entgegen stellt. Prosaisch ausgedrückt werden Räume und Erfahrungen von Christen – zumal Laien – am ‚Rande‘ der verfassten Kirche und der pfarrlich-gemeindlichen Strukturen nicht als befruchtend und als Orte der Offenbarung Gottes gesehen. Irritierend ist, dass dies auch nicht am Rande oder als wesentliches Komplement erwähnt wird.

Unter der Nummer 23 des Dokuments zitieren die Verfasser Papst Franziskus, der daran erinnert hat, „…dass es notwendig ist, ‚die Aufmerksamkeit auf zwei Verfälschungen der Heiligkeit (G.D.) zu lenken, die uns vom Weg abbringen könnten: der Gnostizismus und der Pelagianismus. Es handelt sich um zwei Häresien, die in den ersten christlichen Jahrhunderten entstanden, weiterhin aber besorgniserregend aktuell sind.’ 1. Im Falle des Gnostizismus geht es um einen abstrakten Glauben, der nur intellektuell ist und aus einem Wissen besteht, das das Leben wenig betrifft. Der Pelagianismus hingegen bringt den Menschen dazu, lediglich auf die eigene Kraft zu bauen und das Wirken des Heiligen Geistes zu ignorieren.“ 2.
Ohne Zweifel werden die beiden Gefahren immer wieder zu beachten sein, und die Instruktion mag die Absicht haben, die spirituelle Innenseite eines wichtigen Teiles der kirchlichen Struktur zu heben und Unklarheiten und Fehlentwicklungen zu verhindern. Doch kritisiert Johann Pock3, dass die Überdehnung des Klerikerideals im Sinne einer umfassenden Seelsorge und einer sich wohl abzeichnenden Auszehrung Einzelner keine ernsthaft nachhaltige Perspektive sein kann. Und Paul Zulehner4 schält in der Instruktion ungewollt innovative Aspekte des beharrlichen Kryptoklerikalismus heraus, wenn er als einzig mögliche Lösung der personal-pastoralen Dilemmata die Entkoppelung von Leitung und Vorsitz sakramentaler Feiern von der Ordination oder die Wahl von geeigneten Personen aus den Pfarrgemeinden heraus beschreibt. Sind das ‚nur‘ pragmatische, oder nicht vielmehr im Kern theologische Herausforderungen an die Kirche?

Es ist keine nachgereichte oder gar marginale Option, die Erfahrungen aller Christ*innen in einer pluralen Grundsituation zu sehen, zu klären und daraus zu handeln.

Der Preis für eine engführende ‚Bestandsfixierung‘ ist jedoch so hoch, dass ein Einspruch über die genannten weiter zugespitzt und erhoben wird. Die Ausgrenzung des Modells der Instruktion transportiert theologisch, pastoral und seelsorglich Untiefen.

Theo-logische Offenheit

Der Ansatz der Instruktion steht selbst dann – mindestens auch – der pastoralen Erneuerung und der Evangelisierungsdynamik entgegen, wenn die genannten Verfälschungen der Heiligkeit durch theologische Engführungen und pastorale Schwerpunkte bisherig gelebter Strukturen und ihrer Akteure weiter betrieben werden. Hier können wir nicht, sondern müssen wir uns dem spannungsreichen Austausch und Disput auf und aus der Grundlage des Handelns und der Erfahrungen von allen Christen in der heutigen Welt stellen.
Es ist aus theo-logischer Perspektive keine nachgereichte oder gar marginale Option, die Erfahrungen aller Christ*innen in einer pluralen Grundsituation zu sehen, zu klären und daraus zu handeln. Dies betrifft sowohl die Gewichte der Charismen und Ämter in ihrem spannungsreichen Zueinander, als auch den Sensus fidei fidelium als Ort sich erneuernder Kirchlichkeit aus dem Grund der Erfahrung Gottes5. Und es betrifft im Prozess des Wandels die faktische regionale und internationale kirchliche Pluralität.

‚Mission possible‘ – Gesendet sein zum seelsorglichen Dienst in unserer Welt

Johann Pock hat im erwähnten Artikel auf das einseitige Missions- und Dienstverständnis hingewiesen, das sich vor dem Hintergrund der Frage nach Sendung, Dienst und Seelsorge heute weiter entfalten lässt. Die Sendung der Menschen, mit denen ich in der Pastoral meiner Gemeinde, als Krankenhausseelsorger und als diözesaner Beauftragter für die Krankenhaus- und Hospizseelsorge im Kontakt bin, ist nicht (für-) wahrgenommen, wenn sie primär entlang des geschilderten Pfarreiverständnisses und des darin enthaltenen Seelsorgeauftrags verstanden wird. Das wäre aber möglich – Doris Nauers weitgehend noch nicht ausgeschöpftes Seelsorgemodell6 beschreibt Dimensionen eines seelsorglich-diakonalen christlichen Handelns, das individualistische und sakramentale Engführungen hinter sich lässt. Und ‚Orte‘ des Handelns können und müssen heute sowohl im eigentlichen wie im übertragenen Sinn erschlossen werden. Dort gemachte Erfahrungen von dort lebenden und handelnden Christ*innen kommen nicht ‚auch noch‘, sondern essenziell zum Kirche-Sein-Heute aus dem Evangelium hinzu und erschließen und deuten die Gesamtheit der kirchlichen Wirklichkeit und Wahrheit.

Die Sendung der Menschen, ist nicht (für-) wahrgenommen, wenn sie primär entlang des geschilderten Pfarreiverständnisses und des darin enthaltenen Seelsorgeauftrags verstanden wird.

Das hält die pfarrliche Struktur ebenso einladend wie spannungsreich offen, ohne sich ihr gegenüber in falscher Konkurrenz und auch möglicher Eindimensionalität zu zeigen. Gleichwohl ist es ein spannungsreiches Miteinander, nun aber ausgespannt über rechtliche und ekklesiologische, amtliche, charismatische und theo-logische Wandlungs-Motive.

Handeln aus dem Glauben

Ein Feld mag diesbezüglich genannt sein: Das Beispiel der palliativen und hospizlichen Begleitung, die in ihrer Bedeutung noch letzthin durch eine römische Veröffentlichung7 hervorgehoben wurde, kann ernsthaft gar nicht anders denn durch ein sehr differenziertes Miteinander von Charismen, Ämtern und Diensten als christliches Zeugnis in unserer Welt gelebt werden. Das geschieht an vielen Orten bereits – über die pfarrlichen und diözesanen Möglichkeiten hinaus. Dort wird Wandel konkret und mit Konsequenzen für Strukturen gestaltet.

Die ekklesiogenetische Dynamik, die erlebbar ist, wenn man sich auf die Menschen und Gruppen mit ihrem (selbst-)kritischen Potential einlässt, ist enorm, allerdings oftmals nicht klassisch kirchlich-institutionell.

Die Herausforderung an hier erforderliche Kompetenzen und Professionen sowie an stattfindende Diskussionen um erforderliche Schwerpunkte ist so greifbar und angesichts des Themas von Leiden – Sterben – Tod und Hoffnung so offensichtlich, dass die oben skizzierten Engführungen im Sinne einer sich verlängernden ekklesialen Furcht aus pastoraler und seelsorglicher Sicht nicht unkommentiert gelassen werden können.
Die ekklesiogenetische Dynamik, die erlebbar ist, wenn man sich auf die Menschen und Gruppen mit ihrem (selbst-)kritischen Potential einlässt, ist enorm, allerdings oftmals nicht klassisch kirchlich-institutionell.

Wie damit nun umgehen?

Die Instruktion scheint demgegenüber schlicht an der Lebens- und Arbeitswirklichkeit in wichtigen Bereichen kirchlich-pastoralen Handelns vorbei konzipiert und bedient kirchlich-konservative bzw. klerikale Denk- und Handlungsmuster, die die Arbeit vor Ort – zumal in sogenannten kategorialen Feldern, in denen viele Christen handeln – bisher schon erschwert haben und nun erneut erschweren können. Dabei sind manche Fragen kirchlicher Dienste und ihres Zu- und Miteinanders theologisch eröffnet und im erforderlichen Klärungsprozess.

Die Instruktion scheint demgegenüber schlicht an der Lebens- und Arbeitswirklichkeit in wichtigen Bereichen kirchlich-pastoralen Handelns vorbei konzipiert

Das Eigenverständnis der Instruktion könnte man im Rahmen eines Professionsdiskurses noch als grundsätzlich möglich und sich immer wieder stellende Frage nach Rahmenrichtlinien erachten. Aber es raubt in seiner Intention gegenwärtig und entgegen der Not die Perspektive auf eine engagierte heutige hauptamtliche kirchliche Tätigkeit – so der gesammelte Tenor aus Gesprächen mit Kolleg*innen dazu, die ich geführt habe.

Es verunsichert – mehr noch – ignoriert die ehrenamtlich bzw. freiwillig Tätigen, die sich nicht nur am Inhalt ihres Handels, sondern in der Dienst-Verantwortung im und aus dem Glauben wahr- und ernstgenommen wissen und gesehen werden wollen, gerade wenn sie über das oben genannte Beispiel hinaus in der Notfallseelsorge oder der ehrenamtlichen Krankenhausseelsorge oder in der Flüchtlingsarbeit oder der Sozialarbeit oder der Eine-Welt-Arbeit, etc…(!) engagiert sind.

Pastoral: Leidsensibel – streitbar – mit schwacher Stimme

Um es an einem Leitbegriff zu fokussieren: Die Instruktion erschwert die pastorale Arbeit, wenn Pastoral und Theologie angesichts der heute klar zutage tretenden Fragen ‚leidsensibel’ (Metz/Steinkamp) sein will. Und doch muss man angesichts der Herausforderungen heute (Frieden, Bewahrung der Schöpfung, Gerechtigkeit und Gesundheit) wohl eher sagen, dass Diakonie, Pastoral und Seelsorge leidsensibel sein müssen. Die Enzyklika ‚Laudato si’ von Papst Franziskus ist hier bereits 5 Jahre Impulsgeberin. Wichtige Fragen gehen über eine individuelle spirituelle Herausforderung hinaus bzw. öffnen sie. Sie sind gemeinschaftsstiftend und aus sich eine Herausforderung für unsere – auch die kirchliche – Gemeinschaft. Ist hier möglicher Weise der Nukleus der Dynamik für viele Christinnen und Christen, sich in mancherlei Organisationen zu engagieren?

Die Instruktion erschwert die pastorale Arbeit, wenn Pastoral und Theologie angesichts der heute klar zutage tretenden Fragen ‚leidsensibel’ sein will.

Jedenfalls: das kann (theologisch) und muss (pastoral) bestärkt werden! Die angedeuteten umfassenden Themen sind heute an allen Orten bekannt und Anlass für viele zum Handeln. Vor diesem Hintergrund ist es nach der Veröffentlichung der Instruktion einmal mehr erforderlich, die Form eines ‚Mit-der-Kirche-Wahrnehmens’ (sentire cum ecclesia) auch als vielfältige und streitbare Rede und streitbares Handeln pastoral und theologisch begründet im Sinn der Unterstützung von Erfahrungen heutiger Christinnen und Christen anzuregen. Dies mehr denn je nicht um des Streites, sondern um der Wahrheit Gottes gelebt in der Nachfolgegemeinschaft willen. So etwas klingt nicht ohne ein gewisses, vielleicht befremdlich-frommes Pathos im Bild. Aber genau diese alltagstaugliche Frömmigkeit ist auch der Anspruch.

Salz muss nährend würzen – Die u-topoi der Hoffnung in unruhigen pastoralen Zeiten

Die Herausforderung unseres Glaubens – und für unsere Glaubensgemeinschaft, die Kirche – ist eingebettet in der Erfahrung Gottes an und in den Orten seiner Welt (immer wieder: Lumen gentium mit Gaudium et spes gelesen). Unsere Hoffnung und unser Glaube sind so ausgespannt, dass die Zugehörigkeit sich nicht in Gottes Welt erschöpft, sondern erweist.

In der Vielfalt der Um- und Aufbrüche lässt sich eine erneuerte Gestalt von Kirche heute oftmals noch nicht erkennen.

Das Dilemma und die Grenze des Anspruchs der Instruktion sehe ich darin, dass sie zu einer sozialen Ordnung aufruft, die bestenfalls als Teil eines katholischen Welt-Ideals gesehen werden kann, das dem Wehen des Geistes heute nicht im Wege steht, aber nur in sehr geringem Umfang nähren, klären, begleiten und verantwortlich gestalten kann. Mir scheint momentan dagegen eine andere Herausforderung erheblich mehr Gewicht zu haben und Kräfte zu benötigen: neben einer rechtlich-theologischen, die ihren Gehalt und ihre Grenze kennen sollte, lässt sich in der Vielfalt der Um- und Aufbrüche eine erneuerte Gestalt von Kirche heute oftmals noch nicht erkennen.

Ich habe keine Bedenken, dies – zumal für die katholische Kirche – als geistliche Herausforderung zu charakterisieren. Das Ringen mit- und umeinander ist ‚dran’. Dafür stehen viele Christinnen und Christen ein.

Das macht mir Hoffnung.

Praxis

Die Vision von einer Kirche, die Digitalität liebt und lebt

Download | Sprecher: Uli Keip

Seligkeitsdinge, lingualpfeife, ruach.jetzt, oder yeet; die Angebote christlicher Influencer*innen oder Netzwerke auf Instagram und Co scheinen auf den ersten Blick thematisch breit gefächert. In ihrer Summe sind sie Teil einer gemeinsamen Suchbewegung, wie eine digitale Kirche aussieht, wie Glaubenskommunikation, wie von Gott sprechen im 21. Jahrhundert funktionieren kann.

Digital von Gott erzählen scheint keine Aufgabe von Institutionen zu sein, sondern von Personen mit echten Bedürfnissen und Befürchtungen.

Die ersten Lerneffekte sind wenig überraschend und bestätigen diverse Online-, Sinus- und Jugendstudien: das Erzählen von Gott in den sozialen Netzwerken ist auf jeden Fall etwas Autobiographisches. Digital von Gott erzählen scheint damit keine Aufgabe von Institutionen zu sein, sondern von Personen mit echten Bedürfnissen und Befürchtungen, mit eigenen Themen und eben auch einer eigenen Agenda. Das ist zwar generell nichts Neues, die Vehemenz, mit der man eine solche Aussage treffen kann, ist digital aber nochmals dick zu unterstreichen. Noch mehr als analog steht digital personale Kommunikation im Fokus. Institutionen treten dabei entweder auf eine funktionale Ebene zurück oder machen sich die Eigenheiten des Kulturraumes zu nutzen, indem sie ihr Markenimage mit neuen Gatekeepern bspw. in Form von Influencern*innen orchestrieren oder Employer Branding Kampagnen starten, um ihre Marke emotional zu besetzten, Authentizität zu leihen und ihre Markenbotschaft situativ fassbar zu machen.

Aber ist es für Kirche ausreichend nun auch digital zu publizieren? Verreckt Kirche wirklich ‚nur‘ an ihrer inauthentischen Sprache oder liegt der (digitalen) Kommunikationskrise etwas viel Tieferliegendes zugrunde? Wenn dem so ist, dann besteht eine große Gefahr darin, dass Kirche als Institution dem gesellschaftlichen status quo von Vorgestern hinterherläuft, die Oberfläche kaschiert, aber das zugrundeliegende Problem eines kulturellen Wandels unbearbeitet lässt.

Eine digitale Kirche ist keine digitalisierte Kirche, in der analoge Angebote in digitale Bits und Bytes übersetzt werden, sondern geht an die Substanz ihrer Verfasstheit.

Ein Beispiel: Häufig wird die Frage nach neuen Formen und Formaten von Glaubenskommunikation unter dem Buzzword der Digitalisierung verhandelt. Selbstverständlich steht Kirche, wie alle großen Institutionen, vor gewaltigen Aufgaben, die allesamt unter den Bedingungen von COVID-19 nochmals deutlich expliziert wurden. Das gesamte Thema einer „digitalen Kirche“ unter dem Stichwort Digitalisierung zu verhandeln, wäre an sich jedoch sowohl strategisch als auch theologisch unterkomplex verstanden. Eine digitale Kirche ist keine digitalisierte Kirche, in der analoge Angebote in digitale Bits und Bytes übersetzt werden, sondern geht an die Substanz ihrer Verfasstheit. Deswegen schlage ich vor, dass der Begriff der digitalen Kirche unter den Bedingungen einer ‚Kultur der Digitalität‘ verhandelt wird. Unter dem Begriff der Digitalität von Kirche verstehe ich ihre konkrete Ausformung in Gestalt eines differenzierten und komplexen Wechselspiels von technologischen, sozialen und gesellschaftlichen Trends innerhalb eines digitalen Kulturraums. Der Begriff des Kulturraums ist dabei sinnkonstitutiv. Er deutet ‚das Digitale‘ als wesentlichen Bestandteil eines gemeinsamen Lebensraums, in dem das gesamte Menschsein stattfindet. Digital wird vollkommen selbstverständlich täglich Zeugnis der eigenen Identität gegeben. Dies geschieht in Form von Mikrokommunikation bspw. durch Likes und Reactions, dem Posten von Foodporn oder dem Verhandeln der großen Dinge des Lebens: Liebe, Existenz, Sexualität, Freiheit und manchmal auch der eigene Glaube. Digitale Kommunikationsräume regen die Zeugnisgabe nicht nur an, sie multiplizieren diese quantitativ und bieten eine, gegenüber analoger Kommunikation andersartige, qualitative Anteilnahme.

Normbiographien, wie ein Leben zu gestalten sei, treten deutlich hinter einer fluiden lebenslang nie abschließbaren Identitätsarbeit zurück.

Die dominierende Kulturtechnik ist partizipative Kommunikation und zielt auf das Darstellen, Verstehen, Hinterfragen und Implementieren von biographischen Kernnarrationen, die jeweils situativ meist in Alltagssituationen gefluchtet werden. Normbiographien, wie ein Leben zu gestalten sei, treten deutlich hinter einer fluiden lebenslang nie abschließbaren Identitätsarbeit zurück. Glaube ist seit jeher ein Teil dieses Prozesses und kann zu seiner Ressource werden. Folgt man einem solchen Verständnis des digitalen Kulturraums, stellt sich die Frage nicht mehr, ob Glaubenskommunikation digital funktionieren kann, weil digitale Räume die Selbstmitteilung einzelner Individuen und damit auch ihrer religiösen Identitäten geradezu forcieren.

Die spannende und meines Erachtens zu diskutierende Frage ist, wie sich eine territorialhierarchische Institution Kirche in diese fluiden und netzstrukturell organisierten Gemeinschaften hineindenken lässt. So kann es nicht darum gehen, tradiertes Glaubenswissen von A nach B zu tragen, denn Kirche muss den Menschen nichts bringen, was ihnen ansonsten fehlen würde. Anders gedacht: Kirche entfesselt ihre Power, wo sie sich zum Dienstleister eines Raumes macht, der Ort gemeinsamer und biographisch gewendeter Lehr-Lernprozesse ist, wo sich Kirche zu einem gemeinsam genutzten ko-kreativen Werkzeug macht. Diese Dienstleistung, die eine selbstbewusst auftretende Kirche für modernes und selbstbestimmtes Leben anzubieten hat, ist enorm. Hier ist Kirche bedeutend, weil sie Zugang zu wichtigen Lebenshilfen und faszinierenden Inspirationsquellen freilegen und organisieren kann.

Meine Ambition ist es, nicht auf die Erfüllung dieser Vision von Kirche zu warten, sondern sie ko-kreativ mitzugestalten. Die Mission einer institutionellen Kirche besteht darin, diese bereits laufenden Gestaltungsprozesse aufzugreifen, Räume aufzuspannen und so zum Beschleunigungsstreifen, zum Werkzeug ihrer eigenen Mission zu werden. Hierfür darf Digitalität nicht nur theoretisch rezipiert werden, sondern braucht die Praxis einer ‚Kultur der Digitalität‘. Glücklicherweise muss sie hierfür auch nicht neu ausgerichtet werden, sondern Digitalität ist Bestandteil der kirchlichen DNA. Denn: Kirche organisiert seit jeher die Selbstermächtigung des Menschen unter der Zusage Gottes. Eine so verstandene digitale Kirche ist damit keine Neuausrichtung ihres Wesens, sondern eine Fokussierung auf ihren Kern.

Praxis

Keine aufgeblähte, sondern eine geweitete Kirche

Auf der Suche nach kirchlichen Amtsträger*innen, die uns angesichts unseres Themas für ein Statement zur Verfügung stehen, fiel der Blick auf die Leiterin der Hauptabteilung Seelsorge im Generalvikariat des Bistum Münster, Maria Bubenitschek, und auf Weihbischof Stefan Zekorn, ebenfalls aus dem Bistum Münster. Unsere Hoffnung war: Das sind zwei interessante Charaktere, die etwas dazu zu sagen haben. Aus der zunächst einzeln gedachten Anfrage wurde in einem Moment des „Man könnte auch …“ die Doppelanfrage für ein miteinander geführtes Gespräch. Die Zusage dazu war von beiden binnen weniger Stunden da.

Beginnen wir mit einer persönlichen Frage: Gibt es etwas, wo Sie gerne etwas tun, von dem man denken könnte: „Sowas macht unsere Seelsorgeamtsleiterin!? Sowas macht unser Weihbischof!?“ – Also, tun Sie etwas „outside the box“?

Maria Bubenitschek: Ich liebe es, in Fußballstadien zu gehen! Fußball vor dem Fernseher schaue ich eher nicht. Aber im Stadion bin ich im Kontakt mit Leuten, denen ich sonst nicht begegnen würde. Ich habe dabei schon ganz interessante Menschen kennengelernt. Und es ergibt sich manchmal en passant ein Gespräch über Gott und die Welt. Ich bin beeindruckt von den Zeremonien und Ritualen in Fußballstadien und kann mich nicht davon freisprechen, dass mich das anspricht.

Stefan Zekorn: Welcher Verein, wenn ich fragen darf?

Maria Bubenitschek (grinst):  Ja, das darf man hier in Westfalen vielleicht gar nicht sagen: Bayern München …

Stefan Zekorn (lacht): Oh je! Aber auch ich gehe gerne mal ins Stadion, aber nur alle paar Jahre, wenn meine Patenkinder das initiieren. Was ich regelmäßig mache: Ich gehe gerne in den Bergen klettern. Dieses Gefühl von Freiheit und Erhabenheit – das ist toll. Gesichert am Stahlseil, aber sonst nur die hohe Wand um mich herum … faszinierend! Das ist eine gewisse Form von Grenzenlosigkeit – der nur begrenzten Sicherheit, der weiten Natur um mich herum. Das bringt mich auch mit Gott in Berührung, ohne da bei jedem Schritt drüber nachdenken zu müssen.

Maria Bubenitschek: Ich bin auch ehrenamtlich in der Notfallseelsorge tätig und singe u.a.in einem Chor in der Pfarrei, zu der ich mich zugehörig fühle. Der Chor singt auch Lieder, die von Komponisten und Komponistinnen aus Freikirchen sind. Und die nicht ohne Grund: sie sind einfach anders komponiert, ansprechender, emotionaler, innerlicher.

Was war Ihre letzte berufliche Erfahrung, wo Sie sagen: „Die war ganz schön outside“?

Stefan Zekorn: Da frage ich mich, was ist „outside“ und was ist „inside“? Ich war neulich bei einem Treffen für Wohnungslose. Das ist ganz schön „outside“. Aber wenn mich dann ein Wohnungsloser bittet, seinen Rosenkranz zu segnen, ist das dann doch „inside“, oder? Umgekehrt denke ich an eine Schwesterngemeinschaft, die in einer sehr kontemplativen Weise die Christusbeziehung lebt. Die sind für den kirchlichen Mainstream in unseren Gemeinden eher „outside“.

Maria Bubenitschek: Ich wohne seit dem Sommer in einem Mehrparteienhaus. Wir haben uns neulich mal – coronakonform natürlich – getroffen. Ich dachte, das hat mit Kirche nichts zu tun und doch waren wir ruckzuck beim Thema Kirche und ihrer Relevanz für meine Mitbewohner und Mitbewohnerinnen. Ich war überrascht, wie sehr sie sich mit dem Thema beschäftigen, wer “dazu gehört”, wer aus guten Gründen nicht mehr dazu gehört, woran sie glauben und wofür sie alternativ ihre Kirchensteuer spenden.

Die Grenzen sind also fließend. Wann dürfte Ihrer Meinung nach etwas nicht mehr „kirchlich“ heißen?

Die Kirche hat eine große Weite und Bandbreite. Aus der fällt man nicht so schnell heraus.

Maria Bubenitschek: Wenn da Amtskirche stände, wäre es einfacher, das zu definieren.

Stefan Zekorn: Und das ist gut so, dass es nicht einfach zu definieren ist. Die Kirche hat eine große Weite und Bandbreite. Aus der fällt man nicht so schnell heraus. Aber klar, wenn etwas dem weltweit überwiegend geteilten Glauben widerspricht, wird man es nicht “kirchlich” nennen.

Gibt es denn einen Punkt, an dem Sie über das, was „Kirche“ sein darf, unterschiedlicher Meinung sind? 

Maria Bubenitschek (schaut den Weihbischof offen an): Vielleicht im liturgischen Bereich?

Stefan Zekorn: Wobei es auf einer gemeinsamen Grundlage immer um die Kommunikation geht. Auch mal über Ansichten zu streiten – das gehört dazu. Das haben wir beide ja auch schon mal gemacht, Frau Bubenitschek. Aber es ging uns um die Sache. Und deswegen haben wir auch einen Punkt gefunden, an dem wir uns dann getroffen haben.

Maria Bubenitschek: Stimmt. Ich erlebe die Zusammenarbeit als konstruktiv. Es ist gut, dass wir auch mal an unseren Punkten festhalten und dem bzw. der Anderen die Möglichkeit geben, mehr davon zu verstehen, was gemeint ist.

Meinen Sie, dass sich christliche Religiosität in ihrem Verständnis und ihren Vollzügen eher in oder eher außerhalb der verfassten Kirche weiterentwickelt? Warum fallen uns die Worship-Lieder, von denen Sie sprachen, Frau Bubenitschek, nicht selber ein? 

Eine Bewegung wie Maria 2.0 definiert sich selber als „innen“, aber manche würden sagen: . . . die sind „draußen“.

Maria Bubenitschek: So einfach ist es nicht. Denn auch ich frage mich, ob das Sprachspiel „innen“ und „außen“ überhaupt passt. Eine Bewegung wie Maria 2.0 definiert sich selber als „innen“, aber manche würden sagen: Was die Frauen da einklagen, geht nicht mit der katholischen Lehre überein – die sind „draußen“.

Stefan Zekorn: Ich tue mich überhaupt schon schwer mit dem Begriff der „verfassten Kirche“. Auch theologisch. Es gibt nicht eine verfasste und eine nicht-verfasste Kirche. Es gibt nur die eine Kirche. Und die ist bunt. Da denken wir mir manchmal zu wenig über die Verwaltungsstrukturen hinaus. Ich sehe innovative Pfarreien, Vereine, Verbände, Orden, geistliche Gemeinschaften und vieles mehr. Und auch wenn ich mir manchmal mehr Innovationskraft wünschen würde, dürfen wir uns nicht unterschätzen. Und andere nicht überschätzen.

Maria Bubenitschek: Wenn Sie das sagen, nicke ich innerlich mit. Dem stimme ich zu.

Stefan Zekorn: Und ich sehe nicht, dass sich christliche Religiosität in Deutschland stark außerhalb von kirchlichen Gemeinschaften entwickelt. Christlicher Glaube ohne kirchliche Gemeinschaft wäre auch ein Widerspruch in sich.

Ist eine Partnerschaft mit allen möglich? 

Stefan Zekorn: Auf dem Boden des Apostolischen Glaubensbekenntnisses schon. Dieses inhaltliche Kriterium braucht es. Als Pfarrer in Kevelaer hatte ich guten Kontakt zur freikirchlichen Gemeinde am Ort. Als Jugendlicher, fest verortet in der katholischen Pfarrei, habe ich freikirchliche Treffen in der Essener Grugahalle erlebt, die mich angesprochen haben. Das sind doch alles Bereicherungen. Und es ergeben sich dabei intensive Gespräche, auch über die Unterschiede. Ein genauer Blick darauf schreckt doch nicht. Ich empfinde das als Anregung der eigenen Spiritualität.

Maria Bubenitschek: Ja, wichtig ist der Austausch. Und die Auseinandersetzung mit dem eigenen Glauben. Es braucht die Andersartigkeit sogar. Mir geht es da nicht um eine organisierte Wirklichkeit, sondern um die persönliche Ebene. „Innen“ und „Außen“ ist halt eine Frage der Perspektive!

In den Dokumenten des 2. Vatikanischen Konzils findet man einerseits Aussagen, dass sich die Offenbarung Gottes jedem Menschen zeigt, dass aber andererseits nur die gestiftete (katholische) Kirche und in ihr nur das Lehramt die Deutung dessen vornehmen kann. – Wie erklären Sie das einem Menschen im Jahr 2020? 

Das Lehramt sorgt dafür, dass ich als Einzelne und Einzelner ein Gegenüber habe, damit ich nicht nur bei mir selber bleibe.

Maria Bubenitschek: Ich schätze das Konzil sehr. Und die erste gerade genannte Aussage – „Die Kirche ist bunt“ – war zeitgeschichtlich damals eine enorme Leistung. Der Synodale Weg ist heute ein Versuch, die Buntheit in eine Ausrichtung der Kirche zu bringen.

Stefan Zekorn: Ich selbst habe in mir die Fragen unserer Zeit, also auch die nach dem Verhältnis von autonomer Vernunft und Offenbarung. Die Philosophie zeigt, dass sichere Erkenntnis außerhalb von Empirie und Logik nicht möglich ist. Mit einer rein autonomen Vernunfterkenntnis kommt man also in den wesentlichen Fragen des Lebens nicht weit. Damit komme ich in den Bereich des Religiösen. Im Christentum zeigt die Offenbarung Gottes in Jesus Christus den Weg des Lebens. Aber wer sichert, dass sie wahrhaftig durch die Zeiten vermittelt wird? Mich spricht an, wie diese Kontinuität in der katholischen Kirche gesichert wird: Nicht Historiker oder Juristen entscheiden. Schon früh in der Kirche hat sich vielmehr entwickelt: Wenn die Bischöfe weltweit in Einheit mit dem Papst auf Grundlage der Schrift und des durch die Zeiten geteilten Glaubens in Gemeinschaft mit der ganzen Kirche etwas als Glauben erkennen (oder auch nicht), ist dies vom Geist Gottes gewirkt. Das ist, ich weiß, kein einfaches Konzept. Aber wenn es um die Wahrheit geht, kann es auch nicht anders sein.

Maria Bubenitschek (zum Weihbischof): Wie spielt bei dem, was Sie sagen, die persönliche Gottesbeziehung eine Rolle, die persönliche Berufung, die dem Lehramt auch mal widersprechen kann?

Stefan Zekorn: Zu vielem der Alltagspraxis sollte das Lehramt sich gar nicht äußern. Es geht um ein Gespräch zwischen meiner persönlichen Wahrnehmung und dem Lehramt, das dann auch Korrektiv sein kann. Das Lehramt sorgt dafür, dass ich als Einzelne und Einzelner ein Gegenüber habe, damit ich nicht nur bei mir selber bleibe.

Maria Bubenitschek: Mir ist das zu unpersönlich. Ich habe – für mich, biographisch – die starke Erfahrung des von Gott Getragen-Seins gemacht, ohne damals als 8-jähriges Mädchen schon an die Kirche zu denken. Der Zugang zum Glauben war für mich eine Erfahrungsgeschichte, keine Deutungsgeschichte.

Wenn das Lehramt Teil eines Gesprächs ist, ist dann die persönliche Gottesbeziehung nicht auch ein Korrektiv für das Lehramt? 

Stefan Zekorn: Ja. Das zeigt doch die Dogmengeschichte, in der bestimmte Themen, manchmal über einen langen Zeitraum, miteinander bewegt und dann auch weiterentwickelt wurden. Aber ich sage schon auch: Ein echtes Gespräch findet heute zu wenig statt, das gegenseitige aufeinander Hören, das auch mal offene Sprechen, ohne bloß plakativ Positionen zu markieren. Das ist schade.

Maria Bubenitschek: Hier im Bistum erlebe ich das in der Diskussion um die bei uns so genannten „vielfältigen Leitungsformate in der Pastoral“. Da erlebe ich gegenseitiges Weiterentwickeln, eine hohe Bereitschaft an Kommunikation, nicht direkt in Modellen zu denken, sondern einer Bewegtheit Raum zu geben, auch die persönlichen Hintergründe voreinander auszusprechen.

Was denken und fühlen Sie, wenn Sie sehen: Mitgliedschaft sowie Engagement in und Relevanz der verfassten Kirchen gehen zurück, freikirchliche Bewegungen haben Zulauf? 

Wir bieten gerade für die Sinnsuchenden – und von denen gibt es viele – zu wenig an.

Stefan Zekorn: Wir können da vor allem etwas lernen. Wir treffen zum Beispiel in den Freikirchen auf Menschen, die sagen: Hier finden wir etwas, was für uns Relevanz hat. Wir als katholische Kirche, vielleicht ähnlich in den evangelischen Kirchen, sind an vielen Stellen gut, aber in der Vermittlung der Relevanz des Glaubens für das Leben, da haben wir ein Desiderat. Lebendige Martyria, also Leben aus und Sprechen vom Glauben, sowie persönlich gelebte Leiturgia in persönlichem Gebet und gefeierter Gottesbeziehung im Gottesdienst – da geben andere Gruppen eine Antwort, die wir nicht finden.

Maria Bubenitschek: Ich kann mich dem fast wortwörtlich anschließen. Meine Gefühle dabei sind aber gemischt. Denn wir haben da etwas nicht mehr oder zurzeit nicht, was Menschen berührt. Wir sind nicht adäquat, besonders im Bereich der Liturgie. Das, was da landauf-landab gefeiert wird, enthält oft zu wenig Authentizität. Ich weiß, das klingt hart. Ich meine damit niemanden persönlich, sondern spreche von einer persönlichen Wahrnehmung. Gleichzeitig ist es damit eine Frage oder vielleicht auch Warnung für  jeden und jede Einzelne an uns.

Stefan Zekorn: Ich treffe immer wieder auf Menschen, die mir erzählen, wie sie z. B. durch fernöstliche Meditation, freie Fastengruppen oder in freikirchlichen Bibelgruppen ihre inneren Bedürfnisse stillen. Und ich denke mir: „Das könnten wir doch auch anbieten! Da geht es doch  um Grundelemente katholischer Spiritualität.“

Maria Bubenitschek: Ich kenne auch solche Menschen und habe sie im eigenen Freundeskreis. Wir bieten gerade für die Sinnsuchenden – und von denen gibt es viele – zu wenig an. Offene Angebote, bei denen ich mich über meinen Glauben unterhalten kann – mit allen Fragen – gibt es wenige. Eine Familienbildungsstätte plant allerdings ein solches Format. Ich bin gespannt, was es davon zu berichten gibt.

Die Kirche hat also mehr Offenheit, als man gemeinhin denkt? 

Es ist doch eine Frage der Haltung, wie einladend sich Kirche zeigt . . .

Stefan Zekorn: Absolut. Ich denke zum Beispiel an spirituelle Praktiken, die von anderen angeboten werden, die es aber auch genuin christlich gibt. Das zeigt doch: In den letzten Jahrzehnten haben wir uns mit unserem eigenen Fundus zu wenig beschäftigt. Und zu wenig ausprobiert.

Maria Bubenitschek: Und uns viel zu viel mit Strukturen beschäftigt! Das ist die Falle, in die wir jederzeit wieder tappen könnten. Es ist doch eine Frage der Haltung, wie einladend sich Kirche zeigt, nicht der besten Struktur, um die man dann lange diskutieren kann. Die Haltung ist entscheidend. Und das Thema, mit dem wir uns beschäftigen müssen, lautet: Wo müssen wir da sein, im Leben der Menschen?

Stefan Zekorn: Diejenigen, die suchen, melden sich nicht von sich aus – die sind ja Suchende. Und die wollen sich auch nicht über Strukturen einbinden lassen.

Maria Bubenitschek: Zudem investieren wir nicht in diese Menschen. Wenn ich mitbekomme, wie wenig Zeit wir in diejenigen investieren, die am Anfang stehen oder ein Sinndeutungsangebot anfragen – bei der Taufe, bei der Hochzeit. Das darf doch nicht wahr sein! Stattdessen haben wir vielerorts eine aufgeblähte Erstkommunionvorbereitung, bei der wir auf viele Konventionen achten und schlimmstenfalls meinen, es könnten andere Bedürfnisse einzig und allein damit kompensiert werden.

Stefan Zekorn: Es ist aber, Frau Bubenitschek, nicht nur eine Haltungsfrage, sondern schon auch eine strukturelle Frage. Uns fehlt die Phantasie, aber uns fehlt auch die Kraft, die Dinge so anders zu denken, wie es eigentlich nötig wäre.

Maria Bubenitschek: Wir schauen dafür vielleicht zu viel auf die Hauptberuflichen. Lasst doch die Gemeinden viel mehr selber die Dinge tun. Da gehört es hin.

Was tun Sie in Ihrem Verantwortungsbereich, damit sich die „box“ frisch hält, mit der Kirche Formate, Riten, Rollen und Sprache bereithält? Damit das, was Sie beide in der Kirche an Möglichkeiten sehen, nach draußen dringt? 

. . . Kirche nicht länger als Hauptamtlichenkirche denken.

Stefan Zekorn: Wir beschäftigen von Bistumsseite die Pfarreien zu sehr mit verschiedenen Verordnungen und lassen sie dabei auch selber von Null anfangen. Die Verordnungen sind zum Teil wichtig, aber wir müssen mehr Unterstützung anbieten. Bei der Erstellung von Präventionsschutzkonzepten habe ich zum Beispiel von unseren Fachleuten gelernt, wie lebendige Begleitung gelingen kann, ohne umgekehrt vor Ort alles vorzugeben. Ich habe gesehen, wie unterstützende und entlastende Begleitung möglich ist.

Maria Bubenitschek: Mit Blick auf die Frage möchte ich Kirche nicht länger als Hauptamtlichenkirche denken.

Stefan Zekorn: Das kann ich nur dreimal unterstreichen. Die Gemeinden haben doch noch vor einer Generation anders gelebt. Meine Mutter hat mir immer wieder erzählt, dass sie in den 50er- und 60er-Jahren in der pfarrlichen Verbandsarbeit mehr Gestaltungsfreiheit hatte als in den 70er- und 80er-Jahren. Den geistlichen Impuls hatte z. B. dann immer der Präses.

Maria Bubenitschek: Als Leiterin der Hauptabteilung Seelsorge gehe ich zurzeit mit den Kollegen und Kolleginnen in der Hauptabteilung bewusst in einen Prozess: Alle können und sollen in ihrem eigenen Bereich Verantwortung übernehmen. Und dadurch wird Erfahrung, Expertise und Wissen freigesetzt, um auf die Herausforderungen der Seelsorge und Pastoral angemessen im Sinne der notwendigen Offenheit für Veränderungen zu reagieren.

Stefan Zekorn: Meine Hauptaufgabe ist das Unterwegs-Sein in den Pfarreien, Einrichtungen etc. Da erlebe ich häufig ein Suchen auf den unterschiedlichsten Ebenen. Das ist schön zu sehen. Gleichzeitig erlebe ich auch, dass es viele verfestigte Strukturen gibt. Manche empfinden die als hinderlich, andere als Notwendigkeit. Ich versuche in den Gesprächen, die ich führe, diese unterschiedlichen Wahrnehmungen ins Gespräch zu bringen oder rege an, darüber ins Gespräch zu kommen. Ich glaube, nur dann kann sich etwas Lebendiges entwickeln. Beim bloßen Verharren in den je eigenen Ideen kommt es nicht in den Sinn, den Blick zu weiten oder mal mit Menschen zu sprechen, mit denen man in der eigenen Blase nicht in Kontakt kommt. Das sind einfache, vorsichtige Ansätze. Ich selber bin dabei nicht derjenige, der weiß, wie es geht.

Maria Bubenitschek: In dieser Haltung erkennbar sein, darauf kommt es an. Ich denke an die Wiedereinführung des Mittagsgebets in unserem Haus, nachdem wir alle aus dem Corona-Shutdown wiedergekommen waren. Für einige wurde das ein wichtiger Ort. Oder ich denke an den Advent, der in diesem Jahr anders sein wird. Wie werden wir als Dienstgemeinschaft mit unseren Sinnfragen im Kontakt miteinander sein?

Stefan Zekorn: Frische ist da, wo etwas lebendig ist. Darauf ein Auge zu haben, ist wichtig.

Und was passiert mit dem, was nicht mehr lebendig ist? Anders gefragt: Was ist der „leistbare Verlust“ für Veränderungen? 

Maria Bubenitschek: Aus meiner Zeit im Bistum Aachen weiß ich, wie schwer es für die Menschen war, im Gebiet des Tagebergbaus ihre Kirche vor Ort aufzugeben. Wir haben dann geschaut: Was ist der Kern dessen, um den es geht? Und das war dann z. B. ein bestimmtes Kreuz, materiell gar nicht wertvoll, aber symbolisch aufgeladen dadurch, dass es schon in der Vorgängerkirche hing und damit gleichzeitig sowohl Zeichen für Kontinuität als auch für Veränderung war. Das war wesentlich. Als die Menschen das erkannt hatten, konnten sie loslassen. Das war immer noch schmerzhaft und traurig – und doch gleichzeitig auch hoffnungsvoll und chancenreich. Der leistbare Verlust zeigt sich also darin, auf all das verzichten zu können, was nicht den Kern dessen trifft, was wichtig ist.

Stefan Zekorn: “Wichtig” ist aber oft vieles. Ich würde eher von „Wesentlich“ sprechen. Was ist für uns wesentlich? Also weniger tun, nur um etwas zu tun. Und weniger Zeit in bloße Strukturen investieren.

Maria Bubenitschek: Das machen wir – wie gesagt – gerade in der Hauptabteilung Seelsorge. Und ich mache die Erfahrung: Eigentlich ist jede und jeder dankbar dafür.

Was würden Sie einer bzw. einem pastoralen Hauptamtlichen sagen, wenn diese/dieser ihren/seinen Dienst bei Ihnen beendet, um sich als Gemeindegründer*in selbstständig zu machen?

Und wenn jemand mit einer Idee kommt, dann sollten wir das ernst nehmen.

Maria Bubenitschek: Ich würde erstmal gar nichts sagen, sondern fragen. Ich würde ins Gespräch gehen und lernen wollen. Und wenn deutlich wird: Da haben wir bei uns ein Defizit, dann müssen wir das aus dem Weg räumen. Und wenn wir das nicht schaffen, dann freue ich mich, dass jemand ihren bzw. seinen Weg in dieser Welt gefunden hat.

Stefan Zekorn: Wo ist das Problem? Die Kirche lebt doch davon, dass Menschen solche Räume sehen und angehen. Wir hätten sonst, rückwärts betrachtet, keine Orden, keine Verbände, keine geistlichen Gemeinschaften, keine Initiativen wie die Eine-Welt-Arbeit usw. Die wurden zu Beginn auch erstmal komisch angeschaut, aber heute sind wir dankbar dafür, oder? Für uns als Bistumsleitung ist es die Aufgabe, den „Laden“ zusammenzuhalten und den Prozess zu einer Lösung zu führen. Dafür ist es wichtig, im Gespräch zu sein. Und wenn jemand mit einer Idee kommt, dann sollten wir das ernst nehmen. Papst Franziskus ist einer, der schon als Erzbischof von Buenos Aires immer sehr früh gespürt hat, wo es solche Momente des „nach draußen“ gibt und der dann dafür stand, das zu ermöglichen. Wichtig ist für neue Initiativen, im Gespräch mit der Kirche als Ganzer zu bleiben. Das unterscheidet übrigens den heiligen Franziskus von ähnlichen Gestalten seiner Zeit, die heute niemand mehr kennt.

Zuletzt: Welche Erfahrung sollte jemand, die/der mit ihrer/seiner christlichen Spiritualität „outside“ von Kirche steht, „inside“ der Kirche mal machen? Und was können Sie dafür tun, dass das passiert?

. . . ihn oder sie in Gottesdienste mitnehmen, in denen Leben und Glauben gefeiert wird . . .

Stefan Zekorn: Hier möchte ich drei verschiedene Möglichkeiten nennen, denn jeder muss schauen, was zu ihm passt. Erstens: Eine Wallfahrt, am besten zu Fuß. Zweitens: Eine Zeit lang mitleben in irgendeiner Form von lebendiger geistlicher Gemeinschaft, ob ein Orden, eine Familie, eine geistliche Bewegung. Drittens: Lesen der Heiligen Schrift oder eines Glaubensbuches. Zu allen drei Möglichkeiten habe ich konkrete Menschen vor Augen, für die das eine Bedeutung hatte.

Maria Bubenitschek: Einem solchen Menschen wünsche ich die Erfahrung, als Mensch zutiefst angenommen zu sein. Ich würde ihn oder sie in Gottesdienste mitnehmen, in denen Leben und Glauben gefeiert wird, und ihm oder ihr caritative Aufgaben von Kirche zeigen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Jan-Christoph Horn.

Praxis

Wir können auch anders

Bischöfe und Pastoraltheologen fragen sich, warum samstags die Stadien voll und sonntags die Kirchen leer sind. Dabei wird gerne übersehen, dass auch die Bundesliga in der Krise steckt. Das hat auch die Corona-Pandemie gezeigt. Aber gerade deswegen lohnt der Blick auf das Phänomen Fußball.

Am 26. September war ich zum ersten Mal seit Monaten wieder im Fußballstadion. Als Dauerkartenbesitzer hatte ich Losglück und zählte zu den 6021 Zuschauern, die in der BayArena in Leverkusen das Spiel gegen RB Leipzig sehen konnte. Phasenweise war es vor allem ein von der Werkself hervorragend geführtes Spiel. Obwohl sie Leipzig minutenlang am eigenen Strafraum einschnürten, endete das Spiel nur 1:1.

Das erste Spiel vor Zuschauern seit dem Lockdown … war ein Fußballspiel, es fühlte sich aber nicht so an.

Das erste Spiel vor Zuschauern seit dem Lockdown war für mich ein merkwürdiges Ereignis. Es war ein Fußballspiel, es fühlte sich aber nicht so an. Zu viel fehlte: natürlich Kai Havertz, der nun bei Chelsea spielt, aber vor allem die anderen Fans, nicht zuletzt die aus Leipzig, die zum Auswärtsspiel nicht zugelassen waren.

Während des ersten Lockdowns waren sowohl öffentliche Gottesdienste als auch Fußballspiele vor Publikum untersagt: sowohl die Osternacht als auch das Pokalendspiel fanden vor leeren Bänken statt. Als die Corona-bedingten Maßnahmen gelockert wurden, hatten die Kirchen die Nase vorn. Christen konnten ihren Gottesdienst wieder in der Kirchenbank mitfeiern – Fußballfans mussten nach der Wiederaufnahme des Spielbetriebs weiterhin im Fernsehsessel sitzen bleiben. Die Jahreskartenbesitzer erhielten anteilweise ihr Geld wieder zurück, während für Gottesdienste im Erzbistum Köln kostenfrei Tickets ausgegeben wurden. Die Satire-Website “Der Postillion” reagierte mit gewohnter Ironie darauf: »Weil Gottesdienste wieder erlaubt sind: DFB meldet neue Religion ‚Fußball‘ an und erklärt Stadien zu Kirchen«. Für manche Fans wird diese Schlagzeile nicht wirklich überraschend sein, denn für sie sind die Fußballstadien längst die modernen Kathedralen, der Spieltag der Sonntag und die Vereinshymne das gesungene Credo.

Weil Gottesdienste wieder erlaubt sind: DFB meldet neue Religion ‚Fußball‘ an und erklärt Stadien zu Kirchen

Eine Pointe an der Schlagzeile überrascht dennoch, denn ansonsten blicken meist Kirchenvertreter neidisch auf den offenbar weiterhin populären Fußball. Bischöfe und Pastoraltheologen fragen sich, warum samstags die Stadien voll und sonntags die Kirchen leer sind. Manch bischöflicher Pressesprecher reagiert auf die jährlich sinkenden Kirchenbesucherzahlen mit dem trotzigen Hinweis, dass weiterhin mehr Menschen am Wochenende in die Kirche als zum Fußball gehen. Trotzdem kann diese Momentaufnahme nicht darüber hinwegtäuschen, dass der DFB eine attraktivere Marke als die DBK oder das ZdK ist. Nicht umsonst kam Panini bisher nicht auf die Idee, ein Sammelalbum mit Bischöfen herauszugeben – auch wenn das Bischofsquartett des Domradios auf Katholikentagen durchaus Absatz findet. Und der Live-Stream vom Synodalen Weg hat nicht so viele Zugriffe wie das Relegationsspiel zur 2. Liga.

Nicht umsonst kam Panini bisher nicht auf die Idee, ein Sammelalbum mit Bischöfen herauszugeben.

Dieser Befund sollte aber nicht dazu verführen, den Deutschen Fußballbund als Erfolgsmodell für Kirchenreformen vor Augen zu haben. Denn nicht nur die Kirchen, sondern auch die Bundesliga verliert an Attraktivität. „Der Zuschauerschnitt sinkt seit drei Jahren kontinuierlich, und die Anzahl der ausverkauften Spiele nimmt rapide ab.“1 Ein Grund für das sinkende Interesse der Fans an den Spielen in den Bundesligastadien ist die weiter vorangetriebene Vermarktung des Fußballs. Genau wie die Bischöfe sehen sich die Fußballfunktionäre der Kritik der Basis ausgesetzt.

Genau wie die Bischöfe sehen sich die Fußballfunktionäre der Kritik der Basis ausgesetzt.

Wird an der Kirche die Klerikalisierung kritisiert, ist es beim Fußball die Kommerzialisierung. Die Schere zwischen Basis und Leitung geht immer weiter auseinander. Im Februar eskalierten die Proteste von Fangruppen gegen Dietmar Hopp, der mit seinen Gewinnen aus SAP Hoffenheim finanziert. Die Art und Weise, in der organisierte Fans ihren Protest äußerten, wurde zu Recht von vielen Seiten kritisiert. Die Proteste gegen Hopp stehen aber stellvertretend für die Kritik an der zunehmenden Kommerzialisierung des Fußballs. Der Widerstand der Fans hat bei anderen Streitfragen schon Wirkung gezeigt: Auf Protestaktionen mit einem bundesweiten Stimmungsboykott reagierte die DFL mit Beendigung der Montagspiele.

Priester feierten Gottesdienste ohne Volk und Fußballprofis spielten ohne Zuschauer die Saison zu Ende.

Die Kluft zwischen oben und unten offenbarte sich dann zu Beginn der Corona-Pandemie eindrücklich. Priester feierten Gottesdienste ohne Volk und Fußballprofis spielten ohne Zuschauer die Saison zu Ende. Beteuerten die Profis ansonsten nach jedem Spiel, wie entscheidend die Fans als zwölfter Mann für den Sieg waren und Priester, dass Hl. Messe nur in Gemeinschaft schön ist, so galt dies plötzlich nicht mehr. Auch das von den Fußballfunktionären oft gesungene Loblied auf den Amateurfußball hatte keine Bedeutung mehr. Während die Profis spielten, konnten Amateure und Jugendliche den Rasen nicht betreten. Die Konsequenzen spüren beide Institutionen jetzt vor Ort. „Während sich der Profifußball vor den Augen der Öffentlichkeit selbst rettete – weil er es konnte und weil er es wollte – ist der Jugend- und Amateurfußball in dieser Zeit sang- und klanglos untergegangen.“2 Die Kinder und Jugendlichen kommen einfach nicht mehr. Parallelen dazu finden sich ebenso bei der Kirche. Die Kinder und Jugendlichen waren als Messdiener*innen nicht mehr gefragt und standen und stehen zum Teil weiterhin vor verschlossenen Jugendzentren.

Als im Sommer die Corona-Pandemie eine kurze Pause einlegte und sich für einige Wochen wieder die alte Normalität zeigte, war die Wirkung zu erkennen. Zu manchen Fußballspielen kamen noch nicht einmal die zugelassenen 20% der Zuschauer und in vielen Kirchen blieben mehr Plätze frei als notwendig.

Beide Institutionen leiden unter einem Verlust an Glaubwürdigkeit gerade bei den treuesten und engagiertesten Mitgliedern.

In der Zwischenzeit scheint klar, dass Corona das beschleunigt hat, was nicht nur Statistiken schon seit Jahren zeigen. Sowohl die Welt des Fußballs als auch die der Religion verändern sich, wenn auch in einem unterschiedlichen Tempo. Beide Institutionen leiden unter einem Verlust an Glaubwürdigkeit gerade bei den treuesten und engagiertesten Mitgliedern. Geschlossene Kirchen und hinter verschlossenen Türen gehaltene Solo-Gottesdienste provozierten viele Gottesdienstbesucher dazu, eine Spiritualität jenseits des Kirchgangs zu entwickeln. „Wir brauchen das nicht, wofür uns die Kleriker nicht brauchen.“3 Viele machten die überraschende Erfahrung, dass Glauben auch anders geht.

Viele machten die überraschende Erfahrung, dass Glauben auch anders geht.

Sie machten somit eine ähnliche Erfahrung, die viele Freund*innen des Fußballs schon seit einigen Jahren machen: sie zelebrieren ihre Freude am Fußball jenseits des organsierten Sports. So werden in Köln auf der „Jahnwiese“, im „Rheinpark“ oder auf den „Poller Wiesen“ und zahlreichen anderen Sport- und Bolzplätzen unabhängig von DFB-Statuten Tore geschossen und Doppelpässe gespielt. Allein in der Bunten Liga Köln, die 1990 mit sechs Mannschaften gegründet wurde, kicken heute 48 Mannschaften – wobei der Begriff Mannschaft nicht so eng gefasst ist: aufgrund fehlender Spielerpässe kann es vorkommen, „daß in einer Mannschaft Spieler agieren, die man von anderen Teams kennt, daß ‚man’ plötzlich von einer Frau abgegrätscht wird, daß einem ein Kind oder ein vermeintlicher Greis den Ball wegspitzelt.“4 Aber auch jenseits dieser alternativen Liga zeigen viele Initiativen, dass der DFB nicht das Monopol auf den Fußball besitzt.

Insofern können Kirchenmitglieder und Kirchenverantwortliche sehr wohl vom Fußball lernen.

Wir können auch anders.

Sie können sehen, dass weiterhin Fußball gespielt wird, auch wenn die Spielergebnisse nicht in den Statistiken des DFBs auftauchen. Und so wurden dieses Jahr auch an vielen Orten Ostern und Tod und Auferstehung neu und anders gefeiert: „bisweilen anarchisch und chaotisch, aber doch auch kreativ und innovativ, oft schmerzhaft oder über Schmerzen angeregt.“ 5

Die während der weiterhin anhaltenden Corona-Pandemie gemachten Erfahrungen jenseits der gewohnten kirchlichen Rituale und Liturgien sind eine Momentaufnahme. Sie bezeugen aber eine unerwartete Produktivität. Und eine Botschaft, die für manche erschreckend, für andere ermutigend sein kann: Wir können auch anders.

 

Praxis

Religiöse Nachricht

Es ging ein wenig schnell und war auch ein wenig flüchtig – fast hatte ich den Eindruck, daß es Absicht war – als neulich die Nachricht um die Erde lief, Gott sei aus der Kirche ausgetreten.

Viele wollten das natürlich nicht glauben, ist ja logisch. „Lüge, Propaganda, Legende!“ sagten sie.

Bis die Oberen und Mächtigen der Kirche sich erklärten und mit einem sogenannten Hirtenbrief folgendes erzählten:

„Wir, die Kirche, haben Gott, dem Herrn, in aller Freundschaft nahegelegt, doch das Weite aufzusuchen, aus der Kirche auszutreten und gleich alles mitzunehmen, was die Kirche immer schon gestört hat:

Nämlich seine wolkenlose Musikalität, seine Leichtigkeit, und vor allem Liebe, Hoffnung und Geduld. Seine alte Krankheit, alle Menschen gleich zu lieben, seine Nachsicht, seine fassungslose Milde, seine gottverdammte Art und Weise, alles zu verzeihen und zu helfen – sogar denen, die ihn stets verspottet. Seine Heiterkeit und seine Komik, Großmut bis zur Selbstaufgabe, sein utopisches Gehabe, seine Vorliebe für die, die gar nicht an ihn glauben. Seine Virtuosität des Geistes über allem, allenthalben, auch sein Harmoniekonzept, bis zur Meinungslosigkeit, seine unberechenbare Größe und vor allem seine Anarchie des Herzens. Darum haben wir, die Kirche, ihn und seine große Güte unter Hausarrest gestellt – äußerst weit gelegen, daß er keinen Unsinn macht.“

Viele Menschen, als sie davon hörten, sagten: „Ist doch gar nicht möglich. Kirche ohne Gott? Gott ist doch die Kirche! Ist doch eigentlich nicht möglich. Gott ist ja die Liebe und die Kirche ist die Macht – und es heißt: die Macht der Liebe. Oder? Oder geht es nur noch um die Macht?“

Andre sprachen: „Auch nicht schlecht: Kirche ohne Gott – Leute, warum nicht Kirche ohne Gott? Ist doch gar nichts Neues! Gott kann sowieso nichts machen. Heute ist doch wirklich alles anders. Nee, nee, Gott ist out. Gott ist out, als Werbeträger nicht mehr zu gebrauchen. Und die Kirche hat zur richtigen Zeit das Steuer rumgeworfen. Kirche ohne Gott – das ist der neue Slogan.“

Doch den größten Teil der Menschen sah man hin und her durch alle Kontinente ziehen. Und sie sagten: „Gott sei Dank. Endlich ist er frei. Kommt. Wir suchen ihn.“

Copyright Christiane Hüsch-von Aprath, aus: Das literarische Werk, in der Edition Dia, Bd. 4: “Ich habe nichts mehr nachzutragen. Die christlichen Texte.“

Wir bedanken uns für die Abdruckerlaubnis. 

Praxis

Spannungsfeld zwischen Einheit und Vielfalt

Inklusive Aspekte für die Entwicklung neuer (pastoraler) Wege in der Kirche

Zwei Themenfelder wecken immer wieder neu Leidenschaft und Kreativität in mir: ,Entwicklung neuer (pastoraler) Wege in der Kirche‘ und ,Inklusion‘. Sie sind eigentlich beide von großer Aktualität. Notwendige Veränderungsprozesse setzen sie voraus. Dennoch erscheinen sie von geringer gesellschaftlicher Relevanz zu sein. Teilhabegerechtigkeit aller in Kirche und Gesellschaft – so meine Kurzformulierung.
Ziele, die zunächst von vielen bejaht werden, in der Praxis jedoch oft scheitern.

Meinen Überlegungen zugrunde liegt die Annahme, dass in sozialen Systemen Vielfalt ein konstitutives Merkmal ist. Wie geht man hiermit um? Wie gelingt es, Gemeinschaft so zu gestalten, dass alle Menschen willkommen und eingebunden sind?

Kirche und Gesellschaft haben im Laufe der Jahrhunderte ein differenziertes System geschaffen, um Vielfalt in verschiedene Einheiten zu unterteilen (Segregation):

  • auf Kirchenseite: Ebenen von Laien und Klerus, Ämterstrukturen, Gottesdienstformen und Seelsorge für spezifische Zielgruppen
  • auf gesellschaftlicher Seite: sieben sonderpädagogische Förderschwerpunkte und entsprechende Förderschulen, mehrgliedriges Schulsystem, Werkstätten und Wohnheime mit unterschiedlichen Adressatenkreise

Segregation, Zuordnung zu bestimmten Bereichen und nachfolgenden Positionen, schafft eine vermeintliche Eindeutigkeit, Passgenauigkeit und Klarheit. Je komplexer die Wirklichkeit, desto größer erscheint teilweise die Sehnsucht hiernach. Man werde dem Menschen und seinen Begabungen/Charismen hierdurch besser gerecht, so die Argumentation.

In sozialen Systemen ist Vielfalt ein konstitutives Merkmal.

Als Frau klicke ich mich, wenn ich Interesse an spirituellen Angeboten habe, auf der Bistumsseite zu ,Angebote für Frauen‘ durch. Etwas mehr Recherche bedarf es, wenn ich auch Familie habe und Akademikerin bin, um die Fülle der Angebote wahrzunehmen, die auf weitere Aspekte meines Daseins abgestimmt sind. Spezialisierung – auch von Seelsorgeangeboten – ist Zeichen von Qualität. Ein umfangreiches Portfolio von seelsorgerischen Angeboten erscheint erstrebenswert. Die Differenzierung in viele Teilbereiche sorgt für Ressourcen. Neben der Gemeindeseelsorge erhalten auch die Einzeldisziplinen aus dem Feld der kategorialen Seelsorge Personal und Gelder.

Gleiches gilt analog für den Bereich der Bildung. Sieben Förderschwerpunkte bestimmen die Zuständigkeit der passenden Förderschulen, personelle und sächliche Ressourcen werden nach einem bestimmten Schlüssel diesen Förderschulen zuteil, an den Universitäten existieren Professuren für jeden einzelnen Förderschwerpunkt, jede Disziplin eine eigene Fachwissenschaft. Die Folge ist Spezialisierung: Forschung, Publikationen, Expertise – in jedem einzelnen Bereich. So erscheint die Vielfalt menschlichen Daseins aushaltbar und kontrollierbar.

Doch, wie ergeht es den Menschen, die dieser Zuordnung folgen? Wird man ihnen dadurch eher gerecht? Ich fühle mich fragmentiert und festgelegt auf eine Rolle von vielen, die ich innehabe. Bei aller Passgenauigkeit stelle ich fest, dass mich hingegen handwerkliche Angebote für Männer mehr interessieren. Darf ich diese Angebote auch wahrnehmen?

Diese wahrnehmbare Unstimmigkeit erscheint mir als Signal zum Umdenken.

An vielen Stellen berichten Praktiker, dass diese vermeintlich eindeutige Zuordnung eben nicht eindeutig ist. Genau diese Bereiche, die sich der Eindeutigkeit entziehen, machen Arbeit und verunsichern. Eine Reaktionsweise besteht darin, sich noch weiter zu spezialisieren. Sorgfältig werden Teilbereiche und Zuständigkeiten geklärt, um dann zu merken, dass es knirscht. Diese wahrnehmbare Unstimmigkeit erscheint mir als Signal zum Umdenken.

Ist dies möglich? Oft zeigt sich, dass eine neue Herangehensweise nicht von allen erwünscht ist. Weder Entwicklung neuer (pastoraler) Wege in der Kirche noch die Etablierung inklusiver Strukturen wird von allen freudig als lohnenswertes Ziel – als Antwort auf diese Wahrnehmung – angesehen. Im Gegenteil, es zeigt sich, dass Entwicklungen dieser Art sehr zögerlich, wenn überhaupt, umgesetzt werden.

Obschon das Knirschen unüberhörbar ist, bleibt es beim Erhalt des gegenwärtigen Zustands – durch Kosmetik. Natürlich ist Kirche inklusiv, wenn sie über eine Rampe und eine Induktionsschleife verfügt. Auch das Schulsystem ist inklusiv, wenn der Rechtsanspruch auf inklusive Bildung gegeben ist. Dennoch bleibt das Knirschen. Was braucht es noch?

Es lohnt sich, das Spannungsfeld von Einheit und Vielfalt in den Blick zu nehmen. Geht man von der Gottesebenbildlichkeit und/oder der Würde des Menschen aus, dann hat man eine Vorstellung der Einheit. Diese Einheit ist vielfältig ausgeprägt. Alle sind Menschen, aber Menschen sind unterschiedlich. Eine Binsenweisheit. Oder: Eine Weisheit mit Potential, Bestehendes zu hinterfragen und andere Wege einzuschlagen.

In der Kirche sind alle Menschen spirituell Suchende. Muss ich als pastorale/r Mitarbeiter/in mehrere differenzierte geistige Angebote, am besten in einzelnen Zielgruppen, erarbeiten?

Wenn man dies ernst meint, dann gebe ich Deutungsmacht ab.

Das Konzept des Universal Design Learning/UDL kann evtl. einen Anstoß für die Weiterentwicklung pastoraler Wege in der Kirche geben. Entwickelt wurde UDL aus dem Bereich Architektur: Wie plane ich Gebäude, die von allen Menschen gleichermaßen, ohne nachträglich eingebaute Maßnahmen, genutzt werden können?
Die Gestaltung einer flexiblen, förderlichen Lernumgebung ist das Ziel des Universal Design Learning, eines Ansatzes des inklusiven Lernens und Unterrichtens. Die zugrundeliegende Haltung ist proaktiv. Hindernisse sollen von vornherein ausgeschlossen werden, so dass die direkte Teilhabe aller am Lernen selbstverständlich gegeben ist. Das kann die o.g. Rampe, die Induktionsschleife u.a. sein. Aber es reicht nicht, nur diese in den Blick zu nehmen. Es bedarf eines hohen Maßes an Kreativität, v.a. aber an Kommunikation mit den betreffenden Menschen, um herauszufinden, welche Barrieren vorhanden sein könnten und wie man diese überwinden kann.
Wenn man dies ernst meint, dann gebe ich Deutungsmacht ab. Ich bin dann nicht mehr der/die Spezialist/in, der/die passgenau Angebote für bestimmte Personengruppen erstellt. Vielmehr begleite ich, suche ich in einem kommunikativen Prozess mit den Betreffenden nach Lösungen. Meine Profession ist es dann zu wissen, wo ich welche Ressourcen zum Abbau von Barrieren erhalte, wie entsprechende Anträge geschrieben werden müssen und welche technischen Hilfen es gibt.

Es bedarf eines hohen Maßes an Kreativität, v.a. aber an Kommunikation mit den betreffenden Menschen, um herauszufinden, welche Barrieren vorhanden sein könnten und wie man diese überwinden kann.

Im Bereich inklusiven Lernens gilt es, verschiedene Repräsentationsformen des Lerngegenstandes bereit zu halten, damit eine Auseinandersetzung möglich ist. Eine Unterstützung des Lernenden beim Erwerb von Lernstrategien erleichtert diese. Schließlich geht es um Gemeinschaft. Das Einbringen eigener Lernerfahrungen, der Austausch mit anderen führt zu wechselseitigen Perspektiven und v.a. zu einer erhöhten Motivation, sich neuen Lernprozessen gegenüber zu öffnen.

Wäre ein Transfer der Prinzipien des UDL auf die Entwicklung neuer (pastoraler) Wege in der Kirche denkbar?

Praxis

Man muss den Führungskräften ihre Ängste nehmen

Umgang mit Vielfalt in weltweit operierenden Unternehmen

Sandra Ling und Sandro Kenda haben lange Jahre in wechselnden, je unterschiedlichen Rollen im Management von BP, einem global agierenden Großkonzern, gearbeitet. Sandra Ling hatte zudem über drei Jahre die Rolle der Diversity &-Inclusion-Champion für Europa inne. In dieser Rolle hat sie sich mit dem Thema Inklusion und Vielfalt im Hinblick auf Frauen, LGBTQ und Ausländer beschäftigt.
In diesem Interview sprechen die beiden mit Frank Reintgen über die Bedeutung von Diversity Management in Großunternehmen und beschreiben, wie ein wirtschaftlich operierendes Unternehmen mit den Themen Diversität und Inklusion umgeht. Es zeigt sich, dass Kirche als weltumspannende Organisation vor ähnlichen Herausforderungen steht wie multinationale Konzerne. Hierbei sind interessante Parallelen und Unterschiede zu entdecken, die das kirchliche Nachdenken über die eigene Führungskultur inspirieren können, aber auch kritisch Anfragen stellen.

Ich würde gern zu Beginn mit euch darauf schauen, wo der Ursprung des Themas Diversität und Inklusion liegt. Welche Erfahrungen waren aus eurer Perspektive Anlass und Auslöser dafür, dass in den vergangenen Jahren so viele Unternehmen dem Thema eine solche Beachtung geschenkt haben? Auf welche Herausforderungen reagierte das Diversity Management?

Ling: Diversity Management tauchte in den Firmen etwa in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts auf. Zunächst mehr als etwas, das man damals noch ohne innere Überzeugung halt machen musste. Das hat überhaupt nicht funktioniert.

Zu Beginn dieses Jahrhunderts wuchs dann durch die Globalisierung der Druck auf die Firmen. Die Aufgaben wurden unglaublich komplex und die Organisation immer kleiner. Es war nicht mehr möglich, dass ein Experte alleine von oben nach unten den anderen Anordnungen mitgeteilt hätte: man braucht das Wissen, Ideen und Einsatz von allen.

Diversity Management kam wirklich aus der Not.

Einige von den Aufgaben, die man heute zu tun hat, sind höchst komplex und kaum zu schaffen, außer du hast intelligente, vielfältig zusammengesetzte Teams aus Anwälten, Finanzfachleuten, HR und operativen Mitarbeitern, die nur gemeinsam Lösungen finden können. Du brauchst wirklich die besten, um die ganzen Konstrukte zu durchdenken und verschiedene Landeskulturen und Sichtweisen zu verstehen.

In diesem Jahrhundert gab es sehr viel Neuland für die Firmen im Sinne von neuen Regularien, z. B. neue Gesetze, Datenschutzbestimmungen oder europäische Aufgaben, die niemand vorher je gemacht hat. Es wäre absolut unmöglich gewesen, das überhaupt zu wuppen, ohne wirklich viele verschiedene Meinungen und Köpfe am Tisch zu haben. Diversity Management kam wirklich aus der Not.

Es war nicht mehr möglich, dass ein Experte alleine, von oben nach unten, den anderen Anordnungen mitgeteilt hätte. Das ging nicht mehr.

Kenda: Dazu kommt noch, wenn ich international agiere, sagen wir z. B. in den USA, gibt es verschärfte Gesetze, dann muss ich diese Vorgabe dort erfüllen. Das heißt, in meinem Unternehmen muss ich einen Standard implementieren, der vielleicht über dem liegt, also besser ist als z. B. der in Deutschland. Dann ist es sinnvoll, diesen Standard für das ganze Unternehmen zu übernehmen. Das heißt, dann halte ich ihn auch hier in Deutschland ein, wo ich ihn im Grunde genommen in dieser Qualität nicht notwendigerweise bräuchte. So bekommt das Thema Diversität und Inklusion eine besondere Relevanz, weil ich als Unternehmen heute in einem solchen globalisierten Umfeld agiere.

Spielten in dieser Entwicklung auch emanzipatorische Bewegungen, wie z. B. die Frauenbewegung eine Rolle? Gab es sozusagen auch eine Bewegung von unten?

Ling: Ja, tatsächlich kamen auch Impulse von unten. Ich erinnere mich an die achtziger Jahre. Da gab es eine große Bewegung besonders auch in Deutschland für Frauengleichheit. Die hat aber meiner Meinung nach nicht besonders gut funktioniert. Es gab viele Frauen, die gefördert wurden. Wir Frauen wurden zu der Zeit aber eher wie ein Haustier behandelt nach dem Motto: Ich habe auch eine. Man wurde sehr nett behandelt, aber nicht auf Augenhöhe. So war mein Eindruck. Man kann nur einen guten Beitrag leisten, wenn einem zugehört und man respektiert wird.

Man kann nur einen guten Beitrag leisten, wenn einem zugehört und man respektiert wird.

Erst in den letzten 20 Jahren entstand mehr Druck. Und der kam, denke ich, weil wir uns nicht mehr auf Frauen alleine konzentriert haben. Wir haben das Thema geöffnet und gesagt, jeder hat das Recht respektiert zu werden und die eigene Meinung einzubringen. Jeder. So konnte sich tatsächlich jeder in dem Ziel ‚Vielfalt‘ wiederfinden. Das hat dann funktioniert.

Kenda: Es gibt noch einen zweiten Aspekt. Das Grundgesetz regelt den Grundsatz der Gleichberechtigung. Es richtet sich gegen Diskriminierung. Bezugspunkt ist hierbei das Verhältnis des Staates gegenüber seinen Bürgern. Mit dem Gleichstellungsgesetz kam dann irgendwann eine Regelung für das Verhältnis der Bürger untereinander hinzu. Da entstand nochmal vom Gesetzgeber her Druck. Fehlten solche Regelungen drohten finanzielle Bestrafungen. Das kann ein Unternehmen nicht ignorieren.

Wenn man über Vielfalt nachdenkt, dann muss man sich immer fragen “Was will ich?”

Ling: Es gab die Idee, eine Verteilung von 70 % Männern und 30 % Frauen in den Führungsetagen zu erzielen. Wenn man das wirklich mathematisch denkt und weiß, dass jede und jeder gleich fähig ist, egal ob Mann, Frau, Chinese, Deutsche, usw. und nimmt dann 70 % weiße Männer, dann kann man nicht die besten Leute ausgesucht haben.

Lässt sich belegen, dass Unternehmen, die ein Diversity Management eingeführt haben, erfolgreicher sind? Gibt es eine Evaluierung positiver Faktoren?

Kenda: Es gibt tatsächlich Untersuchungen von führenden Unternehmensberatungen wie Boston Consulting Group und McKinsey. Danach ist es z. B. zweimal wahrscheinlicher für ein Unternehmen, dass es seine Finanzziele erreicht oder übertrifft, wenn die Unternehmenskultur divers und inklusiv ist. Eine andere Untersuchung kommt zu dem Schluss, dass es für börsennotierte Unternehmen, die eine diverse, inklusive Unternehmenskultur haben, um 25 % wahrscheinlicher ist, dass ihr Aktienwert steigt. Und noch ein anderer interessanter Aspekt: 33 % der Unternehmen, die ein kulturell und ethnisch vielfältig zusammengesetztes Topmangement haben, sind profitabler.

Es geht darum, dass die Kultur des Unternehmens offen ist, dass es Fragen stellt, dass es zuhört, und dass diese Kultur erfolgreich ist.

Wir selber haben in unserer eigenen Karriere keine empirischen Daten erhoben. Aber wenn wir berücksichtigen, was wir in unserem Umfeld und in unserem eigenen Unternehmen hören, dann sind diese Untersuchungsergebnisse nachvollziehbar.

Ling: Es geht in diesen Studien übrigens nicht darum, dass ein Unternehmen beispielsweise ein schwarzes Vorstandsmitglied hat. Es geht darum, dass die Kultur des Unternehmens offen ist, dass es Fragen stellt, dass es zuhört. Es bezieht sich nicht auf die Existenz von einigen besonderen Leuten, sondern wie die Organisation zusammenarbeitet.

Was sind wichtige Werte und Grundhaltungen, die es braucht, um in einer Organisation eine solche Kultur zu etablieren?

Ling: Es geht um Respekt vor Menschen. Dass du einfach alle Leute im Raum reden lässt, allen Meinungen zuhörst, dass wirklich alle sprechen können. Auf der anderen Seite müssen alle akzeptieren, dass es immer um die Umsetzung des Ziels geht.

Es gibt eine Zeit, deine Meinung zu äußern, und es gibt eine Zeit zu folgen.

Es muss eine Entscheidung getroffen werden. Das bedeutet, alle sprechen, alle teilen ihre Meinung, aber irgendwann entscheiden wir, jetzt gehen wir in diese Richtung. Und dann machen alle mit. Das muss man wirklich üben und lernen, weil du wirklich sonst nur Gerede hast. Es gibt eine Zeit, deine Meinung zu äußern, und es gibt eine Zeit zu folgen. Das musst du als Person auch disziplinarisch akzeptieren.

Kenda: Wir sprechen ja oft vom Respekt vor der Person, Respekt vor dem anderen. Aber was heißt das eigentlich? Ich kann dir zehnmal sagen, dass ich Respekt vor dir habe. Aber materialisieren wird sich das nachher im Vorgang, in der Diskussion. Das heißt, ich muss deinen Beitrag respektieren. Das ist dann der Respekt vor der Person. Nicht einfach zu sagen, ich respektiere dich, sondern es zu machen.

Ich kann dir zehnmal sagen, dass ich Respekt vor dir habe. Aber materialisieren wird sich das nachher im Vorgang, in der Diskussion.

Und wenn man dann alle gehört hat, kommt das Entscheidende, dass man es auch schafft, eine Entscheidung zu treffen. Das ist wie in der Politik. Wenn es irgendeine Mehrheitsentscheidung gibt, dann gehört es zum guten Ton, dass man dann auch als unterlegener Meinungsführer sagt, okay, das war jetzt aus irgendeinem Grund die Entscheidung und die trage ich mit.

Wie gelingt es Organisationen, die bisher eher einen hierarchischen Führungsstil gelebt haben, eine solche Kultur in ihrem Unternehmen zu etablieren?

Ling: Ich glaube, dass die Aufgaben, zu komplex waren. An dem Punkt angekommen, wo du eine Entscheidung triffst, sagen danach fünf Leute im Raum, warum diese Entscheidung blöd ist, und zwar mit sehr gut belegten Gründen. Dann sitzt du da und lernst, vorher abzufragen. Du lernst, alle Meinungen zu sammeln und dann die Entscheidung zu treffen, weil du sonst den falschen Weg gehst und dich nebenbei bloßstellst.

Auch nette, intelligente Leute können zum Beispiel nicht unbedingt wissen, was in China das Gesetz zur Kinderarbeit ist, das ist ein anderes als in Polen oder Norwegen. Du musst dann Konzepte besprechen: “Ich denke, in diese Richtung zu gehen. Wir haben diese Optionen. Was denkt ihr alle?“ Die besten Vorgesetzten, die ich hatte, haben so gearbeitet.

Kenda: Als ich BWL studiert habe, waren meine damaligen Chefs meine Vorbilder, also die Menschen, die ich damals sehen konnte, die in Abteilungsleiter-, Hauptabteilungsleiter, Bereichsleiterfunktion waren. Die haben eine Ansage gemacht. Und es wurde keine Hinterfragung geduldet. So bin ich sozialisiert worden. Das war meine Vorstellung von Chef.

Du musst einfach zugeben können, dass du Unrecht hast. Und nur die stärksten können das vor anderen!

Als ich dann selber Chef wurde, hat sich die Welt komplett gedreht. Da wurde ich hinterfragt. Da ging Entscheiden nicht mehr „klassisch“. Ich musste mir vorher Mehrheiten verschaffen, vorher die Leute abholen, networken, mich vorbereiten. Irgendwann am Ende des Prozesses musste dann eine Ansage kommen. Wenn die getroffen wurde, dann war ich gewappnet für die möglichen Argumente, die es gab.

Ling: Als Führungskraft musst du härter sein, wenn du allen Meinungen zuhörst, als wenn du nur Befehle erteilst. Du musst einfach zugeben können, dass du Unrecht hast. Und nur die stärksten können das vor anderen!

Hat das Thema Vielfalt und Diversity eine größere Relevanz, je höher es in der Unternehmenshierarchie geht?

Kenda: Ich würde das Hierarchie-übergreifend sehen. Es sind vielleicht andere Probleme, die man lösen muss, aber am Ende muss es in dem Umfeld gelöst werden, in dem es gerade stattfindet. Es geht fast immer um ein kommunikatives Problem, nur die Reichweite ist eben anders. Wenn der Vorstandsvorsitzende etwas macht, ist es sichtbarer, als wenn einer in einer ganz kleinen Ecke im Lager unten etwas macht. Aber das Problem an sich bleibt dasselbe. Ich kann nicht erkennen, dass es da strukturell unterschiedliche Angänge gab.

Die Frage ist, wie viel Akzeptanz du für Vielfalt in deinem Unternehmen erzeugst und wie offen das besprochen wird. Das betrifft jede Ebene.

Ling: Auf der Führungsebene war das Thema Frauenförderung und die Idee, dass wir von 90:10 auf 70:30 kommen wollten, für mehrere Jahre ein riesiges Thema. Die Männer hatten Angst, Macht zu verlieren. Sie hatten Angst, dass ihre Bewerbung nicht gleich bzw. richtig bewertet wird. Das war ein großes Kommunikationsthema. Ich hatte das auf jeder Ebene.

Die Frage ist, wie viel Akzeptanz du für Vielfalt in deinem Unternehmen erzeugst und wie offen das besprochen wird. Das betrifft jede Ebene. Ich hatte einmal einen Fall, dass ein Mann als Frau leben wollte. Er arbeitete am Fließband. Da mussten wir viel Kommunikation führen mit den Mitarbeitenden, z. B. hatten einige Frauen Sorgen, eine gemeinsame Toilette zu teilen.

Das ist für mich auch ein Beispiel dafür, dass das eigentliche Thema oft Angst ist. Angst vor etwas, das man nicht kennt. Diversität und Inklusion heißt, diese Ängste zu besprechen.

Kenda: Als ich Vertriebsleiter war, betreuten unsere Außendienstler gewerbliche Kunden. Am Anfang hatte ich nur eine Frau in meinem  Team von zehn Mitarbeitern . Ich habe versucht, das aufzustocken, weil ich gespürt habe, dass es irgendwie nicht richtig war.

Das eigentliche Thema ist oft Angst vor etwas, das man nicht kennt.

Es war aber schwer, das umzusetzen. Der gewerbliche Außendienst war eine sehr männerlastige Welt. Und da ist es tatsächlich sehr schwer. Man kann ja Ziele haben, wie man möchte. Aber die Realität, die stoppt einen dann an der ein oder anderen Stelle. Das ist leider so.

Ling: Ich hatte einmal ein Team in einem Kommunikationsbereich, das überwiegend aus Frauen bestand. Da habe ich gezielt Männer eingestellt, um eine bessere Balance herzustellen. Unsere Kommunikation war einfältig wie im Kindergarten mit tanzen, singen, malen. Die ganze Kommunikation war für unsere Zielgruppe nicht richtig.

Gesamtgesellschaftlich gewinnen weltweit Kräfte an Einfluss, die die Grundwerte einer pluralen, demokratischen Gesellschaft infrage stellen (Trump, AFD, …). Hat das Auswirkungen in den Unternehmen? Wie reagieren Unternehmen darauf?

Ling: Unternehmen von über hunderttausend Leuten weltweit sind ein Abbild der Gesellschaft. Es gibt Menschen aus jeder politischen Partei dabei. Man versucht, im Geschäft politisch unabhängig zu bleiben.

Man muss den Leuten ihre Ängste in irgendeiner Form wegnehmen, sie mit ihnen besprechen und man muss die progressive Seite entwickeln.

Das beste Wort, dass ich in meinem Wortschatz habe, ist das Wort „und“. Man muss den Leuten ihre Ängste in irgendeiner Form nehmen, sie mit ihnen besprechen und man muss die progressive Seite entwickeln. Es gibt nicht nur entweder oder.

Das war bei uns in den Unternehmen immer der Fall. Wie machen wir Gewinn, wie machen wir das gesetzeskonform, wie machen wir das bis Dienstag, wie machen wir das im Sinne des Umweltschutzes. Das waren immer mehrere Bedingungen. Ich glaube, in einem Unternehmen ist man daran gewöhnt, verschiedene Aspekte miteinander in Einklang zu bringen. Man hat geschäftliche Ziele, die einen zusammengebracht haben.

Kenda: Ich glaube, das ist in einem Unternehmen keine Freiwilligkeit. Dort bildet sich die Gesellschaft ab; dieselben Leute, die in meinem Viertel wohnen, arbeiten in meinem Unternehmen. Aber das Regelwerk ist ein anderes. Das Unternehmen ist ja keine grüne Wiese, keine Demokratie, sondern es gibt ganz klare Ziele. Es gibt einen Verhaltenskodex, es gibt eine gemeinsame Vereinbarung, es gibt so etwas wie Arbeitsrecht und Direktionsrecht des Arbeitgebers. Und das überdeckt vieles.

Manchmal denke ich, da fehlt ein Regelwerk. Wie wollen wir unser gemeinsames Leben gestalten?


Mich hat mal jemand gefragt, wieso ich, der Ausländer, sein Chef sei. Aber das war schnell erledigt. Ich musste mich nicht rechtfertigen. Ich war ja immer noch Chef, auch nachdem er das gesagt hatte. Er konnte also mit seiner Äußerung nichts bewirken. Wenn man den jetzt z. B. als Nachbarn hat, dann ist das etwas anderes. Aber in dieser speziellen Rolle im Unternehmen kommt das nicht so zum Tragen.

Ling: Man hat in Deutschland die AFD auf der einen und die liberale Politik auf der anderen Seite. Manchmal denke ich, da fehlt ein Regelwerk. Wie wollen wir unser gemeinsames Leben gestalten? Wir wollen einen hohen Lebensstandard. Wir wollen gut bezahlte Arbeit. Wir wollen nicht fliegen, wir wollen nicht Auto fahren. Was wir wollen und nicht wollen, ist relativ klar, aber wie wir das hinkriegen, nicht. Die verschiedenen Gruppen müssen individuelle Meinungen zur Seite legen und zusammenkommen.

Ausgerechnet ein Unternehmen, das auf Profit aus ist, hat zum ersten Mal diesem Umstand, dass ich einen multikulturellen Hintergrund hatte, Rechnung getragen. Das ist schon spannend.

Ich glaube beispielsweise, dass nicht alle AFD-Mitglieder Rassisten sind. Das sind Leute, die relativ konservativ die Welt, die sie kennen, erhalten wollen. Nicht alle wollen Ausländer umbringen. Die sind wahrscheinlich einfach wie meine Eltern angesichts der vielen Veränderungen ängstlich. Wenn die irgendwo anrufen und jemand spricht mit einem indischen Akzent oder sie können sich mit dem Arzt nicht verständigen oder sie müssen jetzt alles im Internet machen, dann sind sie teilweise einfach überfordert. Ich glaube, man muss mehr Verständnis haben.

Kenda: Ich habe einen Migrationshintergrund. Das erste Mal, dass ich positive Resonanz auf diesen Migrationshintergrund erfahren habe, das war als BP kam. Also dieser multinationale, globale Konzern. BP hat zum ersten Mal diesem Umstand, dass ich einen multikulturellen Hintergrund hatte, Rechnung getragen. Das ist schon spannend. Ich bin bis dahin schon in vielen gesellschaftlichen Bereichen unterwegs gewesen. Und das war tatsächlich das erste Mal, dass ich das Gefühl hatte, guck mal, jetzt wird das wahrgenommen und wertgeschätzt.

Die Person ist, wie sie ist. Das, was wir ermöglichen, ist mehr und mehr von ihr zu sehen.

Dass ausgerechnet ein Unternehmen, das auf Profit aus ist, plötzlich so etwas entdeckt. Auch wenn es das vielleicht aus anderen Beweggründen macht. Aber in dem Moment, wo es das tut, tut es gut. Das fand ich eine total spannende Erfahrung.

Gibt es auch eine Grenze für Vielfalt, also einen Punkt, an dem Vielfalt evtl. unproduktiv wird?

Ling: Vielfalt existiert in der Gesellschaft, sie ist einfach da. Die Frage ist, wie viel wir davon sehen wollen. BP arbeitet viel mit der LGBT-Communitiy. Und da war oft das Thema, dass ich nicht mehr ich selbst bin, wenn ich arbeite. Besonders als Mann muss ich eine Rolle übernehmen, ich muss „taff“ sein und wenn ich nach Hause gehe, bin ich jemand anders. Was wir versuchen, ist zu fragen, wie wir das schaffen können, dass du auch bei der Arbeit du selbst sein kannst. Die Person ist, wie sie ist. Das, was wir ermöglichen, ist mehr und mehr von ihr zu sehen.

Vielfalt hat für mich keine Grenze. Die Frage ist, wie viel Akzeptanz es geben soll ?

Aber es gibt auch Grenzen. Gegen Rechtsradikale muss man hart vorgehen. Und man muss klare Signale geben. Ein männlicher Kunde hat abgelehnt mit einer Frau zu verhandeln. Da haben wir dem Kunden gekündigt. Es war wahrscheinlich kein Großkunde, aber immerhin.

Vielfalt hat für mich keine Grenze. Die Frage ist, wie viel Akzeptanz es geben soll? Aber wenn man sich diese Frage stellt, dann muss die Antwort darauf sein, so viel wie menschlich überhaupt geht.

Kenda: So weit wie man kann, sollte man den Zaun ziehen. Ich glaube, es gibt keine ernsthaften Grenzen.

Wenn ihr als Managerinnen/Manager auf Kirche schaut, wie würdet ihr dann den Umgang der Kirche mit dem Thema Vielfalt beschreiben?

Ling: Wenn ich darüber nachdenke, merke ich, dass ich nicht genau weiß, was die Rolle der Kirche in der Gesellschaft ist, bzw. was die Bischöfe sich wünschen. Für mich geht alles nur um das Ziel des ‚Unternehmens‘. Du kannst nicht nur Vielfalt in dieser Spalte machen und das unternehmerische Ziel in einer anderen. Das muss irgendwie verzahnt sein.

Du kannst nicht nur Vielfalt in dieser Spalte machen und das unternehmerische Ziel in einer anderen.

Ich weiß nicht genug über die Ziele der Kirche. Aber mal angenommen, die Rolle der Kirche wäre es, dass Leben der Leute zu unterstützen, damit sie in Gottes Namen ihren Weg gehen können. Dann müsste man sagen, ihr macht es total falsch, denn ihr seid nicht repräsentativ für die Leute, die ihr vertretet. Es ist sehr, sehr schwierig, wenn, wie in der katholischen Kirche, eine Gruppe von ledigen Männern einer sehr, sehr vielfältigen Gruppe von Menschen Entscheidungen und Moral und Lebensweisheiten mitteilen möchte. Das ist in sich nicht machbar.

Kenda: Ich frage mich immer, was ist der „Secret-Trick“ oder was haben die noch in der Hinterhand. Was ist es, das dazu führt, dass sich die Kirche erlauben kann, so aufzutreten, dass sie die Hälfte der Bevölkerung von bestimmten Positionen ausschließt, dass sie Top-down agiert und sich diese ganzen Schwächen leistet.

Aber ich versuche jetzt mal ein bisschen pro Kirche zu reden, auch wenn das nicht meine Aufgabe ist. Unternehmen haben einen Lebenszyklus, sie kommen, wachsen, sind profitabel, und irgendwann sterben sie. Unternehmen können sich das leisten. Bei einem Unternehmen kann man das nachvollziehen.

Ich glaube, dass das so an die Wand gefahren wird.

Kirche kann sich das wahrscheinlich nicht leisten aufgrund des historischen Auftrags. Die dürfen vielleicht nicht so mit der Zeit gehen und sich jedem modischen Trend aussetzen. Ich glaube, dass die Tradionsverpflichtung andere Pflichten mit sich bringt, z. B. dass man nicht jeden Schwung mitmachen muss. Einen Teil des „Ladens“ gibt es ja noch, weil man eben nicht jede Strömung mitgemacht hat.

Wie das ausbalanciert werden kann, da kann man, glaube ich, drüber sprechen. Es ist wie so oft eine Frage der Dosis. Und mein Gefühl ist wie bei Sandra auch. Wow, dass sie sich das leisten können, beeindruckt mich auf der einen Seite, aber ich verstehe es nicht. Wenn ich da was zu sagen hätte, ich würde das nicht so machen, weil ich glaube, dass das so an die Wand gefahren wird.

Einem aufgeklärten Menschen sind manche Dinge im Grunde genommen nicht nachvollziehbar.

Nur ist mein Zeithorizont, den ich beurteilen kann, nicht zweitausend Jahre. Es gibt die Kirche, weil es ihr immer wieder gelungen ist, ihre Tradition in ein neues Gewand zu kleiden. Hier die genaue Dosis hinzukriegen ist schwierig. Es geht zum einen darum, die Identität zu bewahren, und zum anderen die Frage zu beantworten, wie viel Innovation es braucht, damit es überhaupt weitergehen kann. Daran reibt es sich im Moment. Ich glaube, da fehlt zur Zeit der Mut. Einem aufgeklärten Menschen sind manche Dinge im Grunde genommen nicht nachvollziehbar.

Ling: Das ist interessant für mich, denn der Mensch sucht nach einer Antwort, sucht nach Halt. Wir hatten bisher diese Hierarchie. Meine Eltern z. B. hatten immer den Bankmanager, den Anwalt, den Arzt usw. Die waren immer wie Götter. Das ist alles weg.

Es ist positiv, finde ich, dass wir so viel mehr Freiheit haben. Aber diese Struktur, an der sich die Menschen orientiert haben, ist weg. Und die Kirche wäre ideal platziert, dieses neue Leben in irgendeiner Form darzustellen und zu zeigen, wie wir mit Vielfalt und Freiheit umgehen können. Sie könnte vorleben, wie ich als Mensch gut leben kann.

Sandra, ich spüre bei dir viel Respekt und Toleranz. Woher kommt diese Liebe zu den Menschen? Woraus speist sie sich?

Ling: Das geht zurück auf meine Vergangenheit. Ich bin direkt von der Uni in eine Firma gewechselt. Da habe ich zum ersten Mal gemerkt, dass ich eine Frau bin. Vorher ist mir das nie aufgefallen. Ich bin immer gleich behandelt worden. Aber in der Firma warst du auf einmal etwas Niedrigeres.

Ich hatte immer das Glück, gute Führungskräfte zu erleben. Ich weiß nicht, wie wir geworden wären, wenn wir das nicht gehabt hätten! Das ist Glück!

Ich glaube, ich habe da Manager erlebt, die Menschen wirklich zugehört haben. Die waren wirklich Personen, die unterstützend und offen als hilfreiche Berater da waren. Ich habe damit ein Grundmodell und Vorbild gehabt. Nachdem ich nach Deutschland gekommen bin, habe ich relativ viel Lob für meinen Führungsstil erhalten. Er war weiblicher und nicht so streng vielleicht. Ich habe versucht mit Leuten respektvoll umzugehen und sie als Mensch und nicht als Untertanen zu sehen.

Das erste Team, das ich in Deutschland hatte, fragte, was wir zu tun haben? Da habe ich geantwortet, ich weiß es nicht. Ich habe erst gestern angefangen. Was zu tun ist, das musst du schon wissen.

Kenda: Du hast den Mut gezeigt, zu sagen, dass du nicht alles weißt. Meine Führungsrolle hat eine andere Aufgabenbeschreibung als meine Mitarbeiter. Ich bin nicht der bessere Sachbearbeiter, der dann im Zweifel das alles fünfmal können muss, was die können.

Du hast den Mut gezeigt, zu sagen, dass du nicht alles weißt.

Meine Aufgabe ist, ihnen den Rücken freizuhalten, sie zu motivieren, für sie einzustehen, für deren Fortkommen zu sorgen, und, und, und. Das ist meine Aufgabenbeschreibung. Wenn man das wirklich versteht, dann geht man ganz anders in solche Gesprächssituationen.

Bei mir ist es genau wie bei Sandra. Auch mich haben Vorbilder in meiner Führungsrolle sozialisiert. Ich hatte immer das Glück, gute Führungskräfte zu erleben. Ich weiß nicht, wie wir geworden wären, wenn wir das nicht gehabt hätten! Das ist Glück!

Praxis

Mehr als nur zwei Päpste. Vom Katholizismus zur Katholizität

Es hört nicht auf. Josef Ratzinger, Ex-Papst Benedikt XVI., agiert je länger, je mehr, als Hintergrundpapst. Nicht, dass das schlimm wäre, aber es macht Arbeit. In der katholischen Kirche wurde die Machtfülle des Papstamtes allerdings längst demokratisiert. Jede und jeder ist Papst. Es zeigt sich hier nur die Spitze des Eisbergs. Die einheitsstiftende Funktion der Hierarchie ist insgesamt bis zur Unkenntlichkeit geschwächt. Gleichzeitig zeigt sich, dass das eben zerbrochene Modell kirchlicher Einheit seine Zeit und seine Geschichte hatte – wie andere zuvor auch. Heute – unter Corona-Bedingungen – erleben wir, wie sich kirchliche Kommunikation und entsprechende Machtverhältnisse durch die Digitalisierung dezentralisieren und wieder neu mischen. Historisch gilt, dass die Einheitlichkeit des modernen Katholizismus eine Folge der Industrie-Moderne war. Die Kirche, hochgradig zentralisiert und bürokratisiert, ermöglichte einen uniformen Katholizismus, wie es ihn zuvor nie gegeben hatte.

„Leitung“ der Kirche schafft bestenfalls Moderation, schlimmstenfalls Spaltung.

Dieser Katholizismus, der Vielfalt nur als äußeres Dekor anerkannte, transformiert sich seit einigen Jahrzehnten und unter hohen Verlusten an struktureller Macht zur Katholizität. Religiöse Macht ist dezentral, wenn nicht diffus verteilt. Es gibt konkurrierende und widersprüchliche Gruppierungen und Machtzentren. „Leitung“ der Kirche schafft bestenfalls Moderation, schlimmstenfalls Spaltung.
Unsere Spätmoderne ist anders als die Moderne vom Umgang mit bleibender Vielheit geprägt. Das gilt für die Ebene der Individualisierung wie für neue Kollektivierungsprozesse in der Kirche: Schon vor dreißig Jahren hat Karl Gabriel diverse Sektoren im „Christentum zwischen Tradition und Postmoderne“ beschrieben. Durch die seitdem gewachsene Bedeutung von Digitalisierung, Globalisierung und Migration verschränken, vermischen und vervielfältigen sich diese Sektoren. Ihre jeweiligen Eigenrationalitäten nutzen sich im zuweilen schmerzhaften Ringen um Katholizität mal ab, mal spitzen sie sich zu – aber sie führen kaum zu einer neuen alten Einheitsform. Der katholischen Kirche bleibt nichts anderes übrig, als sich der kulturellen Matrix der Vielfalt anzupassen. Sie kann ihre Katholizität dann nur noch als Horizont und Praxis der Verständigung in Vielfalt leben.

Der katholischen Kirche bleibt nichts anderes übrig, als sich der kulturellen Matrix der Vielfalt anzupassen.

Diese Katholizität dürfte alternativlos sein. Sie macht Arbeit, gibt keine Ruhe, verlangt Ambiguitätstoleranz und bleibt immer offen. Robert Schreiter hat dafür längst ein Kochbuch verfasst. In „Die Neue Katholizität“ (1997) benennt er Spielregeln einer Vielfaltskirche, an denen man sich fürs Erste orientieren kann. Dabei gilt: Die unterschiedlichen Akteure der Vielfaltskirche sind selbst gefordert, sich in neuer Katholizität kritisch-selbstkritisch zu behaupten. Zugleich gilt: Die Vielfaltskatholizität ist nie fertig. Sie bleibt ein Aushandlungsprozess ohne starke inhaltliche Vorgaben. Für Menschen, die noch im Katholizismus sozialisiert wurden, mag das entweder befreiend sein oder beängstigend. Zur Vielfalt gehört somit schließlich auch die Auseinandersetzung mit Positionen, die gerade diese Vielfalt nicht anerkennen möchten.
Ein Seitenblick in gesellschaftliche und politische Orientierungsprozesse zum Umgang mit Vielfalt hilft. Die Migrationsforschung bringt Impulse, die auch für eine erfolgreiche Katholizität fruchtbar sind. Naika Foroutan hat für die postmigrantische Vielfaltsgesellschaft fünf Stichworte genannt, die auch für eine spätmoderne Vielfaltskirche gelten:

  1. Anerkennung der Vielfaltssituation
    Der Schritt vom Katholizismus zur Katholizität braucht das Eingeständnis einer neuen Situation der Kirche. Nur dann kann die Situation auch gestaltet werden.
  2. Aushandeln der Identitätsfragen
    Die katholische Kirche geht aktuell Schritte in Richtung größerer Aushandlungsprozesse: der Synodale Weg in Deutschland ist ebenso ein Suchmoment dieses Prozesses wie die angekündigte Bischofssynode zur Synodalität.
  3. Antagonistische Positionen abwehren
    Zur real existierenden Katholizität gehören Stimmen, die diese Situation an und für sich als illegitim bekämpfen. Es gehört zum Minimalkonsens der neuen Katholizität, hier zu widerstehen.
  4. Allianzen der Vielfalt in Netzwerken gestalten
    Vielfalt und Katholizität brauchen Erfahrungs- und Übungsräume. Im Kirchenalltag, in Pfarreien, Projekten, Verbänden … kann Vielfalt als Alltagsrealität erlebt und erprobt werden.

    Zwei Päpste sind nicht genug für die Vielfalt der Katholizität.

  5. Ambiguität aushalten
    Vielfalt ist mühsam, weil sie eigene Positionen und Identitäten in Frage stellt. Das ist nicht zu umgehen und verlangt die Bereitschaft und Fähigkeit, „Fünfe gerade sein zu lassen“.

Zwei Päpste sind nicht genug für die Vielfalt der Katholizität. Wenn alle Papst sind, dann gilt aber auch: Alle tragen an der Bürde des Amtes der Einheit mit.

Praxis

Paare im Spannungsfeld von Einheit und Trennung. Wenn Emotionen und Fakten Achterbahn fahren

Nichts bleibt, wie es ist. Warum eigentlich? Weil die Liebe zwischen zwei Menschen kein Kontinuum außerhalb von Zeit und Raum ist? Weil Veränderungen ein unantastbares Gut durchlöchern können wie einen Laib Emmentaler? Spielt Kausalität dabei überhaupt eine Rolle?

Jetzt ist es so. Ewig war gestern. Die Eindeutigkeit des Seins mit dem Partner*in ist verloren gegangen und damit die Eindeutigkeit des Tuns. Der Verstand sagt „geh“, das Gefühl sagt „bleib“ – oder auch umgekehrt. Der Konflikt zwischen Dableiben und Verlassen, zwischen Einheit und Trennung beruht auf der Spannung der jetzt in den Partnern wirkenden Kräfte. Beratung wird gesucht, wenn Eindeutigkeit nicht ohne Einbeziehung eines Dritten wiedergewonnen werden kann. Ein-heit benötigt Ein-deutigkeit und Klarheit. Einheit bedeutet, in wesentlichen Bereichen an einem Strang zu ziehen, den Interessen und Bedürfnissen des Partners*in mit Wohlwollen zu begegnen und mit Liebe an der Seite des anderen zu sein. Die fehlende Eindeutigkeit, die Überflutung von gegensätzlichen Gefühlen und die Kollision von Verstand, Vernunft und Emotion erzeugen das Grundmoment der Spannung im Beratungsgespräch. Dazu kommt Unsicherheit, weil die Entscheidung offen ist.

Schuldzuweisung ist keine weiterführende Maßnahme

Enttäuschungen, Verletzungen, Schuldzuweisungen, Untreue aber auch schöne Erinnerungen, gemeinsame Verpflichtungen und Erreichtes lösen widersprüchliche Gefühle aus und sorgen für ein Wechselbad zwischen Hoffen und Bangen, Dranbleiben oder Aufgeben. Dementsprechend erleben sich Betroffene orientierungslos. Selbstzweifel, falsche Entscheidungen getroffen zu haben, vielleicht auch die Idee der Sinnlosigkeit der vergangen Jahre tauchen auf, die die Einheit in Frage stellen und in die Leere der Trennung führen können. Schon oft bei anderen gesehen, von außen miterlebt, nur scheinbar verstanden, und jetzt selbst hilflos mittendrin?

Nichts bleibt, wie es ist. Warum eigentlich? … Jetzt ist es so. Ewig war gestern.


Menschen erleben sich als scheiternd, Abwehrmechanismen setzen ein. Negative Erfahrungen aus der gemeinsamen Geschichte bekommen zunehmendes Gewicht. Kausalitätsketten, die die Situation zu erklären versuchen, werden jetzt eher zu Ungunsten des Partners*in aufgebaut oft Mithilfe von Schuldzuweisungen und entwertenden Vorwürfen. Das hilft nicht. Auch Coaching-Tools im Sinne des modern gewordenen erfolgreichen Scheiterns führen ins Leere. Schließlich handelt es sich hier nicht um eine Marketing-Präsentation, die in den Sand gesetzt wurde, sondern um das eigene Sein. Es geht jetzt darum, dass Betroffene die Situation der Spannung annehmen. Nicht jede offene Frage, nicht jeder Anspruch zu wissen, wie es denn weitergeht, kann schnell gefüllt werden. Malen nach Zahlen funktioniert nicht. Die Farben und die Zahlen müssen für die Zukunft neu zusammengestellt und neu zugeordnet werden, das benötigt Zeit und Geduld, der Ausgang ist offen. Wenn beide Partner dazu „ja“ sagen, ist der erste Schritt gemacht, um die richtige Entscheidung zu finden.

Der Blick auf den ganzen Menschen als Chance

Solange Fehlverhalten in der Vergangenheit immer wieder als Waffe in Konfliktsituationen von heute verwendet wird oder Kritik und Entwertung weiterhin stattfinden, stehen die Chancen schlecht auf das Wiederfinden der Einheit. Auch wenn an unrealistischen Beziehungserwartungen festgehalten wird, kann der Kreislauf aus Enttäuschung, Schuldzuweisung, Schaden, Druck und Missgunst nicht durchbrochen werden.

… schließlich muss niemand alles am Andern mögen …

In solchen Fällen entsteht auch beim Fortführen der Partnerschaft keine neue Einheit. Trennung ist hier die bessere Alternative. Gelingt es jedoch, erfahrene und selbst begangene Verletzungen und Versäumnisse aus der gemeinsamen Geschichte anzuschauen, zu verstehen und Wege zur Heilung und Vergebung zu finden, kann Neuorientierung beginnen. Die Bereitschaft, gegenseitige Wertschätzung und Wohlwollen aufzubauen, das dem Gegenüber ehrliche Akzeptanz entgegenbringt, ohne dabei die eigene Haltung und Sichtweise der Dinge aufzugeben, unterstützt den Aufbau eines neuen partnerschaftlichen Verhaltens. Beide können lernen, ungeliebte Anteile in Verhalten und Persönlichkeit des Andern zu akzeptieren, schließlich muss niemand alles am Andern mögen. Solche Erfahrungen bieten gute Chancen zur Entwicklung einer neuen Einheit des Paares und verleihen Hoffnung für die gemeinsame Zukunft.

Sehnsuchtsort Partnerschaft

Die Sehnsucht nach Glück ist schon immer Basis aller Utopien der Geschichte, die Liaison zwischen Glückssehnsucht und ihrer Erfüllung in der Partnerschaft allerdings ein Anspruch aus dem Umfeld der heute üblichen Liebesheirat. Der Andere wird bei allen positiven Konnotationen dieses Umstands als Heilsbringer*in verstanden: ein „partner almighty“. Dieser soll in Parallelität je nach Bedarf perfekt zwischen den Rollen als sicherer Ehepartner*in, Job-Coach, Liebhaber*in, Elternteil und attraktiver Freizeitpartner*in wechseln. Dieser Anspruch überfordert, die Realität hinkt den Idealen hinterher. Zurück bleibt Enttäuschung und Sehnsucht, die sich einen anderen Erfüllungsort sucht, in der Diversität der Rollen intrinsisch angelegt ist, somit per se die Infragestellung des Anspruchs nach Einheit. Emotionen treffen auf Tatsachen, ein Fakt konterkariert den anderen, eine Emotion spielt eine andere gegen sich aus. Der Gedanke an Trennung taucht auf, wenn das an den Einheitsgedanken gekoppelte Sehnsuchtsversprechen nicht erfüllt wird.

Freiheit versus Einheit

Das gegebene Versprechen auf lebenslange Einheit, die sich die meisten Paare wünschen, trifft bei vielen, die Beratung aufsuchen, auf den gleichzeitigen Anspruch der Freiwilligkeit und der dauerhaften Liebe mit Beziehungsglück als Basis der Partnerschaft. Zusammenbleiben ist geknüpft an die Freiheit der Entscheidung jedes Partners. Da nichts bleibt, wie es ist, weil sich stetig jeder und alles verändert, bedeutet Beziehung immer Aufmerksamkeit und gegebenenfalls Veränderungsbereitschaft für das, was jetzt gerade ist.

Da nichts bleibt, wie es ist, weil sich stetig jeder und alles verändert, bedeutet Beziehung immer Aufmerksamkeit und gegebenenfalls Veränderungsbereitschaft für das, was jetzt gerade ist.

Geht das verloren und nehmen schädigende Verhaltensmuster, Schicksalsschläge, unerfüllte Sehnsucht zu oder entwickeln sich Partner sehr unterschiedlich weiter, befördert dies heute auch bei vielen religiös gebundenen Paaren die Überlegung, irgendwann die Karte „Freiheit“ durch Trennung zu ziehen. Was kann ein Berater*in in dieser Situation anbieten? Empathisches Unterstützen ohne Dogmatismus steht an oberster Stelle. Es gilt die für die Ratsuchenden beste Lösung zu erarbeiten. Hierfür braucht es seitens der Berater*in Offenheit und Neutralität auch für eventuell stark von der eigenen Weltanschauung und Sichtweise abweichenden Vorstellungen. Für jeden Einzelnen wichtige Werte und Bedürfnisse werden wertschätzend unter die Lupe genommen, damit deren Integration in die Einheit (wieder) möglich wird und diese festigt. Die Berater*in ist im besten Fall die moderne Inkarnation des Kaleidoskops – er/sie lädt dazu ein, die Situation aus neuen Perspektiven zu betrachten, Experimente zu wagen und dem Paar durch das Spektrum neuer Ideen neue Erfahrungen zu ermöglichen. Präsenz, positive Annahme und eine gute Portion Humor helfen darüber hinweg, wenn neue Denk- und Handlungsansätze erst einmal fremd erscheinen. Neue Erfahrungen beflügeln meist die Findung von Klarheit. Diese führt freilich nicht immer zu neuer Einheit, insbesondere dann nicht, wenn die Liebe verlorengegangen ist. Klarheit ist im Spannungsfeld zwischen Einheit und Trennung ein bedeutender Schritt zu wiedererlangter Sicherheit und gestärktem Selbst- und oft auch Paarwert.

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