Praxis

Gottvertrauen und gelassenes Engagement

Meine Wahlheimat Niedersachsen ist ähnlich wie Bremen, Hamburg und Schleswig-Holstein weniger von der Corona-Pandemie betroffen als andere Regionen. Zugleich sind Norddeutsche eher nüchtern und pragmatisch eingestellt. Sie neigen nicht zu emotionalen Ausbrüchen. Ein kurzes „Na!“ als Antwort auf das, was Menschen einem erzählen ­– je nach Aussageabsicht verschieden intoniert – ersetzt tausend Worte. Typische Sprichworte lauten „Wat mutt, dat mutt“ und „Wer sich nicht zu helfen weiß, dem ist nicht zu helfen“. Auf die aktuelle Lage angewendet heißt das: Wer sich nicht impfen lässt, wird krank und stirbt, oder er steckt andere an, die krank werden und sterben. Deshalb ist es gut, sich impfen zu lassen. Mehr muss man dazu nicht sagen.

Als Nordlicht ist mir deshalb die Frage nach dem, was mir aktuell im Blick auf Kirche und Gesellschaft Hoffen und Bangen bereitet, eher fremd. Ich frage mich vielmehr: Wo liegen die Probleme? Wie packen wir sie an? Und was müssen wir hinnehmen, weil wir es nicht ändern können? Dabei ist klar: Es lässt sich nicht alles steuern. Aber es ist möglich, etwas beizusteuern, um Herausforderungen zu bewältigen. Zugleich gilt: Veränderungen beginnen bei uns selbst und nicht bei anderen.

Was steht an? Ich meine, vor allem sollten wir versuchen, nicht der Faszination des Bösen zu erliegen und damit in eine Art Problem-Trance zu geraten. Es wäre besser, der Corona-Pandemie und anderem Ungemach, wie Karl Barth es empfohlen hat, nur einen kurzen schrägen Seitenblick zu gönnen. So wird die Seele frei, die Aufmerksamkeit stattdessen auf Jesus Christus zu richten und daraus die Kraft des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe zu schöpfen.

Als Nordlicht ist mir deshalb die Frage nach dem, was mir aktuell im Blick auf Kirche und Gesellschaft Hoffen und Bangen bereitet, eher fremd

So gesehen ist die eigene spirituelle Verankerung der wichtigste Beitrag, den wir als Christinnen und Christen zu Bewältigung der Pandemie und anderer gesellschaftlicher Herausforderungen leisten können. In dem Maße, in dem wir uns von Gott im Leben wie im Sterben und über den Tod hinaus gehalten wissen, sind wir in der Lage, in eine Haltung der Dankbarkeit und des gelassenen Engagements hineinzufinden.

Dazu ein Beispiel: Im Jahr 1528 fixierte Johannes Bugenhagen in der ersten evangelische Kirchenordnung für die Stadt Braunschweig die allgemeine Schulpflicht für Jungen und Mädchen. Es hat dann 200 Jahre gedauert, bis in Deutschland das Niveau der Lese- und Schreibfähigkeit der Antike wieder erreicht war. Noch bis weit ins 19. Jahrhundert hinein genoss der Einsatz von Kindern bei der Feldarbeit Priorität vor dem Schulbesuch. Erst nach 400 Jahren wurde mit der Weimarer Reichsverfassung die Schulpflicht verbindlich flächendeckend umgesetzt.

In dem Maße, in dem wir uns von Gott im Leben wie im Sterben und über den Tod hinaus gehalten wissen, sind wir in der Lage, in eine Haltung der Dankbarkeit und des gelassenen Engagements hineinzufinden.

Aus dem Halt im Glauben wächst die Kraft, mit Beharrlichkeit und Geduld langfristig angelegte kulturelle Lernprozesse zu initiieren, umzusetzen und sich dabei von Misserfolgen nicht entmutigen zu lassen. Und eben das wird in den kommenden Jahren und Jahrzehnten notwendig sein. Denn die Pandemie werden wir demnächst besiegt haben. Aber die bestehenden ökologischen Herausforderungen werden uns die nächsten einhundert Jahre beschäftigen.

Worüber in diesem Zusammenhang niemand gerne spricht: Die Abkehr von fossilen Brennstoffen bedarf nicht nur enormer technologischer und wirtschaftlicher Anstrengungen, sondern auch eines Wandels unserer Vorstellungen von einem guten Leben. Wir haben die Grenzen des Wachstums endgültig erreicht. Der Primärenergieverbrauch wird bis 2050 um ein Drittel sinken mit erheblichen Folgen für Wohnung und Heizen, die Kosten von Gütern des täglichen Bedarfs und für die Mobilität. Wir werden lernen müssen, mit weniger auszukommen.

Die bestehenden ökologischen Herausforderungen werden uns die nächsten einhundert Jahre beschäftigen.

Es geht deshalb bei den aktuellen Zukunftsprozessen in Landeskirchen und Bistümern aus meiner Sicht nicht nur um die Bewältigung organisatorischer Abbrüche und Umbrüche. Vielmehr steht eine inhaltliche Neuausrichtung an, die aufhört, den Erfolg der kirchlichen Arbeit am quantitativen Wachstum empirisch messbarer Kriterien ablesen zu wollen, sondern bereit ist, Gott inmitten von Rückgang und Schrumpfung zu suchen und zu finden.

Dabei gilt es, im Glauben gegen den Augenschein Zuversicht und Gelassenheit zu bewahren. Oder wie man in meiner alten Heimat Nordfriesland scherzhaft sagt: „Sturm ist erst, wenn die Schafe keine Locken mehr haben.“

Vielmehr steht eine inhaltliche Neuausrichtung an, (…) die bereit ist, Gott inmitten von Rückgang und Schrumpfung zu suchen und zu finden

Praxis

Gesellschaft der Spannungs-Pole

Download | Sprecher: Uli Keip

Was mich hoffen lässt – und was mich bange macht

Zunächst möchte ich meine Beobachtungen unserer gesellschaftlichen Situation in Deutschland umreißen und dazu einige Wahrnehmungen zusammentragen, bevor ich dann, davon ausgehend, mein eigenes Hoffen und Bangen beschreibe.

Wir sind im Begriff, eine Diversitäts-sensible Gesellschaft zu werden

Wir befinden uns, angestoßen durch die Klimakrise, gesellschaftlich in der Situation einer gewaltigen sozial-ökologischen Transformation, und gleichzeitig leben wir, vielleicht durch die Beschränkungen der Corona-Pandemie kurz unterbrochen, an ganz vielen Stellen mit unseren eingeübten Inkonsistenzen wie gewohnt weiter. Als – zugegebenermaßen stereotypes – Beispiel mag das Einkaufen von Bio-Produkten auf dem örtlichen Markt, zu dem man jedoch mit dem SUV fährt, genügen.

Wir sind längst zu einer Einwanderungs-Gesellschaft geworden und können viele Dienstleistungen (z.B. in Pflege, Reinigung, Land- und Hauswirtschaft etc.) nur durch Zuzug von Arbeitskräften gewährleisten, zugleich aber spaltet uns das Thema Migration, insofern es viele – auch politisch geschürte – (Verlust-)Ängste bei den schon lange hier Lebenden oder vor langer Zeit Zugezogenen hervorruft, Ängste vor Überfremdung, sozialem Abstieg, steigender Kriminalität.

Wir leben in einer zunehmend digital entgrenzten und global vernetzten Welt

Wir sind im Begriff, eine Diversitäts-sensible Gesellschaft zu werden, unterschiedliche sexuelle Orientierungen zu achten, mit religiöser, kultureller und ethnischer Pluralität respektvoll umzugehen, parallel hierzu ist aber ein ideologischer Kampf um Identitätspolitik entstanden; es wird darum gefightet, wer welche Normen für das Miteinander-Leben vorgibt und vorgeben darf.

Wir leben in einer zunehmend digital entgrenzten und global vernetzten Welt, auch wenn der Netzausbau auf dem Land oder in unseren Schulen zum Teil mühsam vorangeht, gleichzeitig bewegen wir uns zunehmend in begrenzten Informations- und Kommunikations-Blasen (sei es in den social media, in Sprach- und Kulturkreisen, aber auch in den klassischen Medien) und scheuen uns davor, in der öffentlichen Debatte unsere eigenen Positionen zur Diskussion zu stellen.

Spannungen in einer demokratischen Gesellschaft sind nicht nur nichts Ungewöhnliches, sondern Zeichen für Offenheit

Wir leben in einem Rechtsstaat, in einer seit Jahrzehnten bewährten Demokratie, in wirtschaftlich gesicherten und politisch stabilen Verhältnissen, und doch verlieren nicht wenige Menschen ihr Vertrauen in die Politik, in diesen Staat und seine Institutionen, in die klassischen Medien, glauben, sich gegen eine heraufziehende (Meinungs-)Diktatur zur Wehr setzen, querdenken und Widerstand leisten zu müssen – etwa gegen Corona-Verordnungen.

Die Liste wäre erweiterbar durch diverse Frontstellungen: Europäische Einheit contra Nationalismus, Multi- contra Uni-Lateralismus, zunehmende Säkularität und Entfremdung von Religion auf der einen, Islamophobie auf der anderen Seite, Pro und Contra Corona-Maßnahmen etc. In all diesen Beispielen kommen meines Erachtens tiefe Spannungen, zum Teil aber auch unversöhnliche Gegensätze zum Ausdruck, die unsere gesellschaftliche Situation kennzeichnen und ihre Stabilität gefährden.

Spannungen in einer demokratischen Gesellschaft sind nicht nur nichts Ungewöhnliches, sondern Zeichen für Offenheit. Unterschiedliche Positionen und Haltungen zeichnen eine plurale Demokratie geradezu aus. Eine Bewegung in eine Richtung ruft nach dem Gesetz der Dialektik eine Gegenbewegung in die andere Richtung hervor. Die Frage ist aber jeweils, ob es gelingt, These und Antithese zu einer neuen Synthese zusammenzubringen. Oder anders formuliert, ob es gelingt, unterschiedliche Positionen miteinander im Diskurs und damit in einer konstruktiven Spannung zu halten, oder ob sich die Kluft zwischen den Polen vertieft, unüberbrückbar wird und dann eine Gesellschaft zu zerreißen droht. Letzteres fürchte ich bei den Themen Klima, Migration, Identität und Vertrauen in den Staat. Wir leben zwar nicht in amerikanischen Verhältnissen, wo sich zwei in etwa gleich große Lager unversöhnlich gegenüberzustehen scheinen. In Deutschland gibt es, je nach Thema, große Mehrheiten, die für die sozial-ökologische Transformation, für humanitäre Flüchtlingspolitik und wirtschaftlich orientierte Einwanderungspolitik, für Respekt vor der Andersartigkeit des Anderen eintreten, aber es gibt auch klare, lautstarke, in ihren Positionen verfestigte und gut organisierte Minderheiten, die konträre Haltungen vertreten. Gesellschaftliche Dialoge, in denen die unterschiedlichen Positionen einander zuhören und gemeinsam nach Lösung suchen, finden kaum statt.

Dabei hat sich … gezeigt, dass neue gesellschaftliche Koalitionen über religiöse und weltanschauliche Grenzen hinweg entstehen können, wenn man gemeinsame Ziele verfolgt

Was lässt mich in dieser Situation trotzdem hoffen? Ich möchte zwei Beispiele aus meinem unmittelbaren Nahbereich der Katholischen Akademie Freiburg erzählen, die ich als Hoffnungsgeschichten betrachte und die pars pro toto für viele solcher Geschichten stehen mögen:

Seit etwa fünf Jahren haben wir eine hauswirtschaftliche Ausbildung für Geflüchtete in der Akademie. Inzwischen haben drei Personen die Ausbildung erfolgreich mit der staatlichen Prüfung abgeschlossen, und die beiden ersten ehemaligen Azubis haben bereits eine feste Anstellung in ihrem Beruf. Sie werden in unserer Gesellschaft gebraucht und sind stolz darauf. Wenn ich rückblickend auf ihre Entwicklung schaue, die sie in Sachen Spracherwerb, kulturelle Akklimatisierung, Zurechtfinden in unserer Gesellschaft, Einbindung in den deutschen Arbeitsmarkt gemacht haben, dann macht mich das glücklich und ich bin auch etwas stolz auf unser Haus und unsere Mitarbeiter*innen. Wir haben kräftig investiert, haben eine eigene Ausbildungs-Betreuerin als erste Ansprechpartnerin eingestellt; natürlich lief nicht alles konfliktfrei ab, aber wir haben sehr viel von den jungen Leuten zurückbekommen. Diese Ausbildung ist für mich ein hoffnungsvolles Beispiel gelungener Integration von Geflüchteten über den Arbeitsmarkt, so dass am Ende eine win-win-Situation entsteht.

Ein zweites Beispiel: Um das klimapolitische Ziel unseres Freiburger Erzbischofs „Klimaneutrale Diözese 2030“ zu befördern und zugleich auf den dringenden Handlungsbedarf aufmerksam zu machen, haben wir ein neues Format „Welterschöpfungstag, Deutschland“ entwickelt. Wir legen den Ressourcenverbrauch in Deutschland zu Grunde und veranstalten diesen Studien- und Aktionstag deshalb an dem Tag, an dem die natürlichen Ressourcen der Erde aufgebraucht wären, wenn alle Menschen so leben würden wie wir; derzeit ist das Anfang Mai der Fall. In dieser Dekade werden wir jährlich einen anderen thematischen Akzent der sozial-ökologischen Transformation setzen. Von Anfang an waren jungen Menschen in die Gestaltung des Tages eingebunden, besonders auch Vertreter*innen der „Fridays for future“. Dabei hat sich – nicht zum ersten Mal, aber für mich ein deutliches Hoffnungszeichen – gezeigt, dass neue gesellschaftliche Koalitionen über religiöse und weltanschauliche Grenzen hinweg entstehen können, wenn man gemeinsame Ziele verfolgt. Als katholische Akademie sind wir in solchen Bündnissen und gesellschaftlichen Debatten allerdings nicht gefragt, weil wir katholisch sind, sondern eher, obwohl wir katholisch sind, aber weil man uns abnimmt, dass wir etwas beizutragen haben, in diesem Fall zur klimapolitischen Diskussion, und dass wir es mit dem Dialog ernst meinen.

Mir scheint, Kirche muss erst wieder lernen, sich in der heutigen Welt und Gesellschaft theologisch substantiell zu Wort zu melden

Ein großes Problem aber sehe ich in der Rolle der Kirche, und ich beziehe mich hier ausschließlich auf meine eigene, die katholische Kirche: Sie fällt als gesellschaftlicher Akteur zunehmend aus. Durch die Skandale der letzten Jahre „entzaubert“, zu sehr mit sich selbst beschäftigt, insofern seit Jahrzehnten angemahnte Reformen immer noch ausstehen, agiert sie zu administrativ, zu zögerlich, zu ängstlich, zu sehr nach innen, zu wenig gesellschaftlich orientiert. Ihre moralische Autorität und Dignität hat sie eingebüßt und sie vermag es nicht mehr, über politische und weltanschauliche Grenzen hinweg für Zusammenhalt zu sorgen, zumal in einer säkularer werdenden Gesellschaft eine religiöse Deutung von Welt und Wirklichkeit zunehmend weniger gefragt ist. Die Corona-Krise, insbesondere im ersten Lockdown, war ein beredtes Beispiel: Was hatte die Kirche als Ganze den Menschen – abgesehen vom Aufruf zur Solidarität – in dieser Krise religiös zu sagen? Welche theologische Deutung bzw. Auseinandersetzung mit der Lage war hilfreich, ermutigend, Hoffnung stärkend?

Mir scheint, Kirche muss erst wieder lernen, sich in der heutigen Welt und Gesellschaft theologisch substantiell zu Wort zu melden, ihre religiöse Perspektive so zu formulieren und plausibel zu machen, dass Menschen diese verstehen können und dass sie sogar wieder etwas von der Botschaft des Evangeliums erwarten. Hier bleibt viel zu tun!

Praxis

Supervision bei Jesaja

Um es gleich zu sagen: Ich liebe die Kirche, trotz allem, wie eine alte Mutter. Von ihr habe ich, was mir wichtig ist. Zwischen Hoffen und Bangen? Eher umgekehrt!

In einem Offenen Brief1 hatten wir, die 1967 im Kölner Dom zu Priestern Geweihten, im Januar 2017, also nach einem halben Jahrhundert, von unseren unerfüllten Hoffnungen geschrieben und dafür viel Zustimmung erhalten. Angetreten zur Zeit des wunderbaren Reformkonzils (1962 bis 1965 in Rom) ist unsere Enttäuschung die von vielen geworden. Wir leiden mit zahlreichen, früher hochengagierten Christen, die zwischen Zweifeln und Verzweiflung ihren Glaubensweg suchen. Die real existierende Kirche in Deutschland bietet zurzeit wenig Anlass, Hoffnung zu schöpfen, zumindest nicht aus den veröffentlichten Meldungen. In überschaubaren Ortsgemeinden und kleinen Gemeinschaften dagegen gibt es durchaus schon Zeichen von Vorfrühling.

Ein flächendeckendes „Weiter so“ geht weder in der Politik noch in der Kirche

„Es ist viel zu tun“ stand im Spätsommer auf manchen Wahlplakaten und ein flächendeckendes „Weiter so“ geht weder in der Politik noch in der Kirche.

Aber was ist jetzt vor allem zu tun oder zu lassen?

Hektische Betriebsamkeit verlerne ich gerne im Garten: Ausreißen, Umgraben, Zurückschneiden, Säen, Pflanzen: JA, aber vor und nach allem: Wachsen lassen! Da gibt es Kräfte, die nicht „schnell mal eben“ wirken. Wenn ich einen Schalter umlege oder einen Knopf drücke, funktioniert das sofort. Technik kann ungeduldig machen und fördert einen gewissen Machbarkeitswahn.

„Kirche“ ist hierzulande fast ein Schimpfwort geworden. Was bedeutet das Wort ursprünglich? Es kommt aus dem griechischen Wort „Kyriake“ und meint die Gemeinschaft, die dem „kyrios“, dem „HERRN“ gehört. Da der Gemeinte ein Jude war, sollten wir, die Zeichen der Zeit erkennend, eine neue Suchgemeinschaft bilden mit den Juden, unseren älteren Geschwistern. Den Großteil der Bibel haben wir mit ihnen gemeinsam und schon der Hl. Hieronymus (gestorben 420 in Betlehem) stellte fest: „Wer die Schrift nicht kennt, kennt die Kraft und Weisheit Gottes nicht. Wenn die Kenntnis der Schrift fehlt, fehlt die Kenntnis Christi.“ Das schrieb er im Prolog seines Jesaja-Kommentars.

Ich lade ein zu einer Supervision bei Jesaja. Das lateinische Wort „Supervisor“ heißt ja – griechisch ausgedrückt – „episkopos“, also einer, der hilft, draufzuschauen und auch Unangenehmes nicht zu übersehen.

Jesaja sagt den Leuten in Jerusalem am Ende des 8. Jahrhunderts vor Christi Geburt kurz und knapp: „Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht!“ (Jesaja 7,9)

Was meint er genau?

Vertrauen, sich fest machen an dem grenzenlosen Unsichtbaren

Hier haben wir wieder das Riesenproblem unserer religiösen Sprache. Im heutigen Deutsch ist „glauben“ verwirrend doppeldeutig! Wer „nur“ glaubt, vermutet etwas, ohne sicher zu sein. Glauben ist also ein Defekt gegenüber dem Wissen. Jesaja dachte aber nicht deutsch, sondern hebräisch. Sein „aman“ – wir haben es noch im internationalen „Amen“ – bedeutet: Vertrauen, sich fest machen an dem grenzenlosen Unsichtbaren, den wir „Gott“ nennen – wieder so ein mit Missverständnissen vollgesaugtes Schwammwort.

„Diesen“ verbindet die ganze jüdische Bibel unzählige Male mit den beiden Eigenschaften: Güte und Treue. Festmachen also nicht an wackeligen Menschen, aber mit ihnen an der „Liebe, die alles umfängt“!

Alles, auch unsere Dummheiten, Fehler und Verbrechen sind dieser Liebe keineswegs gleichgültig, aber sie ist treu, unbedingt verlässlich!

Wir dürfen uns anschließen lassen an ein unerschöpfliches Energiezentrum!

Wir dürfen uns anschließen lassen an ein unerschöpfliches Energiezentrum! Davon reden wir zwar irgendwie, aber …? Den Vorwurf, wir seien, genau besehen, zurzeit eine „gottlose Kirche“, weisen wir zwar verärgert zurück, Jesaja aber fragt unbeirrt, an was für einem „Gott“ wir uns festmachen. Ist „ER“ wahrhaftig für uns der „Gott des Unmöglichen“, der sein armseliges Volk in ein neues Land führen und Jesus aus dem Tod zu sich holen konnte? Der Prager Theologe Tomáš Halík spricht von „resurrectio continua“ wie wir schon lange von „creatio  continua“  sprechen.

Ein Blick in die Kirchengeschichte gibt für solche Hoffnungssicht viele gute Gründe an. Was hat die Kirche schon alles überstanden, wieviel Zeitbedingtes immer wieder lassen müssen! Neulich war ich bei einer Wanderung in Nideggen (Kreis Düren). Unten im Burgturm, in einem fensterlosen Verlies saß 1242 für 9 Monate der Kölner Erzbischof als Gefangener des Grafen von Jülich, dem er in einer Schlacht Herrschaftsgebiet abtrotzen wollte. Es war der gleiche Konrad von Hochstaden, der 1248 den Grundstein des heutigen Kölner Doms gelegt hat. Sein Neffe und Nachfolger Engelbert II. verbrachte in dem gleichen Kellergewölbe ab 1267 sogar dreieinhalb Jahre, ebenfalls wegen seiner Machtansprüche. Dann erst konnte der hl. Albertus Magnus ihm seinen Starrsinn ausreden.

„Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht!“ Stürme reißen Dächer ab, Feuer und Fluten können Häuser zerstören, selten aber die Fundamente. Nach Kriegen und Katastrophen wurde manche Stadt neu aufgebaut, schöner und zeitgemäßer.

Vertrauen ist angesagt – Vertrauen auf den wirklichen Bauherrn.

Ich glaube an die Gnade der Krise.

Praxis

Der Sinn des Gehens in dynamischen Zeiten

Gedanken-Gänge von Hardy Lech

Das Gehen im Coaching als Möglichkeit über Umwege sich selbst wieder zu finden.

„Ich habe mir meine besten Gedanken angelaufen, und ich kenne keinen Gedanken, der so schwer wäre, dass man ihn nicht beim Gehen loswürde.“ (Sören Kierkegaard)

„Gehen ist die Geschwindigkeit der Seele“ (Johann Wolfgang von Goethe)

„Schau dir die Natur genau an und du wirst alles besser verstehen.“ (Albert Einstein)

„Alles würde besser gehen, wenn man mehr ginge“ (Johann Gottfried Seume, aus: Zu Fuß hält die Seele Schritt)

Die „Coachingroute Oberhausen – Siebenkommafünfkilometer in inspirierender Industriekulturlandschaft auf dem Weg zur eigenen inneren Quelle“ (www.a42-coaching.de)

Mein Bangen, einerseits: Gelähmt und Getrieben

Wir suchen gerade viel Sicherheit und Orientierung im Außen

Die Herausforderungen im Außen werden rasant dynamischer, komplexer und unkontrollierbarer. VUKA1 vor wenigen Jahren in Beraterkreisen noch das Synonym für nicht beherrschbaren Wandel, klingt heutzutage nahezu altbacken, angesichts der aktuellen dynamischen Entwicklungen.

Wir suchen gerade viel Sicherheit und Orientierung im Außen, bedienen uns der Medienvielfalt, deren Analysen und (Katastrophen-) Prophezeiungen. Und, wir fordern, einerseits, eine konsequente Handlungsbereitschaft der „Anderen“/der „Zuständigen“, uns „Die Normaliserung“, „Das Vertraute“ und „Das Vorherige“ wieder zurückzugeben. So entsteht vielerorts eine zu-packende „Handlungs-Gier“. Dieser nahezu demonstrative Durchsetzungswille mag uns erst einmal beruhigen. Gleichzeitig lähmt es, anästhesiert es, verschließt den Zugang zur eigenen inneren Quelle. Ich fühle mich gerade sehr mit-genommen, und das im „doppelten Sinne“.

Auch im Arbeitsfeld der Facilitatoren, Coaches, Supervisoren, Strategen etc., zu denen ich ja gehöre, erhöht sich das Tempo, die Bereitschaft, zum Um-Die-Wette-Laufen, zu „boostern“, Energie-geladen, Lösungs-beladen, dem Kunden, gerade jetzt(!), pass-genaue, Ziel-fixierende Handlungsmöglichkeiten anzubieten, schnell und „facil“, mit, aber auch ohne ihn, werden vermeintlich beruhigende Lösungen  entwickelt, digitale, noch im gemeinsamen Prozess erstellte Visualisierungen werden abgelegt („eingespeist“) in „Diggi-Clouds“, und ermöglichen so  jedem Kunden,  jederzeit (wieder) in die Rolle eines Handlungs-Akteurs zu schlüpfen. Wir nehmen ihn, den Kunden, damit gleich in die Pflicht, aus dieser Rollenkompetenz zu denken, zu fühlen, pro-aktiv zu handeln. Auch das Anhalten, das Ent-Schleunigen, das Sich-Im-Innern-finden, gehört nun dazu, ist mega-in; Achtsamkeitsübungen werden gerne Ziel-gerichtet, Zeit-ökonomisch, erwartungs-voll, eingesetzt. Darüber hinaus wird der (Berater-) Muskel „mindful leadership“ hochleistungsmäßig für den Kunden durch-trainiert; der einfacher halber gerne per “Zoom“ bzw. „App-digital“.

Auch im Arbeitsfeld der Facilitatoren, Coaches, Supervisoren, Strategen etc., zu denen ich ja gehöre, erhöht sich das Tempo …

Ich stolpere soeben Wege entlang, die zu Autobahnen von Sach-Logik und Vernünftig-Sein werden, sichtbare Schlaglöcher werden umfahren. Es ist nicht mein Weg. Das spüre ich, tief von innen heraus.

Und, was hält mich gerade zurück, schließt sich in mir? Ist es das Ein-Parken von neuen Infos in bekannte „alte“ Gedanken-Silos? Das „Nicht wirklich an neue Möglichkeiten glauben“, Angst, Bisheriges loszulassen? Lähmung, und Verunsicherung nehmen sich unwillkürlich Raum.

… Lähmung, und Verunsicherung nehmen sich unwillkürlich Raum

Der Panther. Paris. Im Jardin des Plantes

Sein Blick ist vom Vorübergehen der Stäbe
So müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
Und hinter tausend Stäben keine Welt.
Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.
Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
Sich lautlos auf -, Dann geht ein Bild hinein,
geht durch die Glieder angespannter Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.

(Rainer Maria Rilke)

Es ist nicht mein Weg. Das spüre ich, tief von innen heraus

Mein Hoffen, andererseits: Bereit, andere Wege zu gehen

„Die Angst ist nicht das Ende des Lebens, sie ist das Tor für die Aufgabe, etwas Neues zu schaffen, und sie lädt dazu ein, das neue und wache Hiersein mit den eigenen Füßen und nicht mit intellektuellen Versiertheiten zu erproben“2.

Nicht nur ich, auch viele meiner Kunden, darunter viele Führungskräfte, befinden sich gerade an einer Wegkreuzung mit vielen Verzweigungen. Die innere Weigerung, schnell wieder in vertraute, ausgetretene Spuren einzutreten, wächst, wird deutlich, bei mir, bei meinen Kunden. Wir machen uns gemeinsam, im Rahmen von Coaching, auf den Weg und gehen, lassen los, gehen los. Es wird ein Suchen werden.

Was ist die Quelle meiner Energie und meines Selbst? Wie kann ich mich mit dieser Quelle verbinden, mir bewusster werden, wer ich bin und was meine Aufgabe ist? Welchen Weg gilt es, in diesen verunsichernden Zeiten, mutig(er) zu beschreiten?

Die innere Weigerung, schnell wieder in vertraute, ausgetretene Spuren einzutreten, wächst, wird deutlich, bei mir, bei meinen Kunden

„Aber es gibt immer noch die Innenwelt, den Blick, der mitgestaltet, weil er genauer sieht und ein Sehen ermöglicht, das alles ändern kann“3

„Beim Gehen hält die Seele Schritt“4 – In den letzten Monaten deutlich zunehmend, begleite ich als Coach Führungskräfte, die Sinn-suchend, bereit sind, andere Wege als bisher zu gehen.  Dabei ist nun merklich weniger das Ziel, eigene Handlungskompetenzen zu stärken, als eher ein Aufbruch, ein Los-Gehen zu eigenen Kraft- und Bewusstseinsquellen. Mit Neugierde, Mitgefühl und Mut, und … zu Fuß.

Mit einem Coachee, neu in der Führungsrolle, gehen wir die 100 Kilometer zur Emscher-Quelle, im Dialog konzentriert, auch stundenlang in Stille, und dann auf sich und das Eigene, das Wesentliche fokussiert. Die „Emscher“ ist gerade ein inspirierendes Beispiel für gelingende Transformation, teils Industriekloake noch, teils, bereits re-naturalisiert, das eigene, ursprüngliche Flussbett wieder einnehmend, verbunden mit der Ursprünglichkeit der markanten Ruhrgebiets-Industrielandschaft.

You cannot transform consciousness unless you make a system see and sense itself

„You cannot transform consciousness unless you make a system see and sense itself.“ (Theory U)

Die biographischen Wurzeln des Coachees befinden sich an der Emscher-Quelle, für ihn ein Quell-Ort seines Bewusstseins, eine Kraft-Quelle, die er nun sehr bewusst im Rahmen eines Führungskräfte-Coachings aufsucht, um zu erfahren, worum es ihm, in der Rolle als Führungskraft, und darüber hinaus, in Wirklichkeit gerade geht.

 „Es gibt eine Vitalität, eine Lebenskraft, eine Energie, eine Regung, die durch dich in Handlung umgesetzt wird. Und da es dich über alle Zeiten hinweg nur einmal gibt, ist dieser Ausdruck einzigartig“ (Martha Graham).

Das Gehen „befreit uns nicht von unseren wachsenden Verantwortungen gegenüber dem Chaos auf der Welt, gestattet uns aber, Atem zu schöpfen, die Sinne zu schärfen und die Neugier wieder zu entfachen. Das Gehen ist oft ein Umweg, um sich selbst wiederzufinden“5.

Das Gehen ist eine einfache Handlung. Körper, Geist und Gefühle werden gleichzeitig angesprochen und in Verbindung gebracht. Das Gehen ist eine Öffnung zur Welt. Schritt für Schritt entstehen neue Perspektiven und Bewusstsein für die ursprüngliche Herausforderung.

Bei meinem Coachingangebot „Gedanken-Gänge in Industrienatur“, führe und begleite ich Menschen auf der von mir „abgesteckten“ Coachingroute („Oberhausener Coachingpfad“, www.a42-coaching.de) Die Siebenkommafünfkilometer gehen wir durch eine Industriekulturlandschaft, gespickt mit Industrielandmarken, die als charismatische Zeitzeugen für Wandel/ Transformation wahrzunehmen sind und dann, im gemeinsamen Unterwegs, als Reflexionsstandorte „Position beziehen“ und den Blick auf das eigene Zukunftspotenzial lenken. Was wird denkbar und möglich? Was scheint durch? Was öffnet sich für mich?

Wanderer, es gibt hier keinen Weg. Du bereitest den Weg, indem du gehst

„The way is to change our level of consciousness , to change the way  that we think about ourselves“6

„Wanderer, es gibt hier keinen Weg. Du bereitest den Weg, indem du gehst.“ A. Machado, spanischer Poet.

Praxis

Aufbruch zwischen Hoffen und Bangen

“Geh fort aus deinem Land, aus deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus in das Land, das ich dir zeigen werde! … Da ging Abram, wie der HERR ihm gesagt hatte.” (Gen 12,1+4)

Was lässt Menschen aus dem Gewohnten, aus ihrer Heimat aufbrechen?

Eine Berufung ist entweder eine Evolution oder eine Revolution

Konkret aufbrechen, auf einen Weg zu einem äußeren Ziel hin, oder innerlich aufbrechen auf einen Weg der Veränderung? Oft motivieren uns dabei eher die Härten des Lebens als die Verheißungen. Das steckt auch bereits im Wort „Aufbruch“. Da muss etwas Hartes aufbrechen, sei es eine Schale, damit das Küken aus dem Ei schlüpfen kann, oder ein Samenkorn, damit der Keimling und die kleinen Wurzeln anfangen können zu wachsen. In uns muss etwas Verhärtetes aufgebrochen, durchbrochen werden, ehe Neues werden kann. Kein Aufbruch ohne Widerstände. So war es sicher auch bei Abraham und Sara. Und so war es, als ich mich entschieden habe, in ein Kloster einzutreten. Eine unserer Kandidatinnen sagte einmal sehr treffend: „Eine Berufung ist entweder eine Evolution oder eine Revolution.“ Meine war eindeutig eine Revolution, sie überraschte zunächst einmal mich selbst und dann auch alle Menschen, die mich kannten…

Führt die vertraute Lösungsstrategie nicht zum gewünschten Ergebnis, dann liegt der Fehler – so meinen wir – darin, dass wir uns einfach noch nicht genug angestrengt haben

Zugleich ist das Thema „Aufbruch“ ein Sehnsuchts-Thema und mit starken Hoffnungen verbunden.

Viele Menschen träumen vom Aufbruch, von Veränderungen in ihrem Leben. Viele Organisationen und Institutionen befassen sich damit, auch die Kirchen. Bei der von Papst Franziskus gerade eröffneten „Weltsynode“ geht es darum, beim „Synodalen Weg“ genauso. Ob Strukturwandel in der Kirche, Pastoraler Zukunftsweg oder wie auch immer die Projekte und Prozesse heißen, sie alle sollen Aufbruch und Veränderung bewirken. Warum verändert sich dann so wenig? Dazu eine kleine Geschichte:

Unter einer Straßenlaterne steht ein Betrunkener und sucht und sucht. Ein Polizist kommt daher, fragt ihn, was er verloren habe, und der Mann antwortet: „Meinen Schlüssel“. Nun suchen beide. Schließlich will der Polizist wissen, ob der Mann sicher ist, den Schlüssel gerade hier verloren zu haben, und jener antwortet: „Nein, nicht hier, sondern dort hinten – aber dort ist es viel zu finster.”

Wir Menschen haben die fatale Neigung, bei Problemen und Konflikten mit Feuereifer immer wieder dieselbe „Lösung“ zu versuchen, auch dann, wenn längst klar ist, dass das so nicht funktioniert

Dies ist eine der Geschichten, die Paul Watzlawick in seinem Buch „Anleitung zum Unglücklichsein“ als Aufhänger nutzt. Er fährt dazu ironisch fort: „Der Vorteil ist nämlich, dass eine solche Suche zu nichts führt, außer ‚mehr desselben‘, nämlich nichts. Hinter diesen beiden einfachen Worten ‚mehr desselben‘, verbirgt sich eines der erfolgreichsten und wirkungsvollsten Katastrophenrezepte…“ Es geht um eine Strategie, die wir auch in der Kirche perfekt beherrschen. Führt die vertraute Lösungsstrategie nicht zum gewünschten Ergebnis, dann liegt der Fehler – so meinen wir – darin, dass wir uns einfach noch nicht genug angestrengt haben. Wir Menschen haben die fatale Neigung, bei Problemen und Konflikten mit Feuereifer immer wieder dieselbe „Lösung“ zu versuchen, auch dann, wenn längst klar ist, dass das so nicht funktioniert.

Der Aufbruch ins wirklich Neue birgt immer ein großes Risiko

In Beziehungen führt dies zu kaum lösbaren Konflikten. Da sucht z.B. der Eine mehr Nähe und die Andere braucht mehr Rückzug. Auf der einen Seite wird dann die Suche nach Nähe intensiviert und der Rückzug auf der anderen Seite intensiviert sich ebenfalls … Wer sich die tragische Komik dieses „Mehr-desselben“ nicht vorstellen kann, braucht nur einige von Loriots Sketchen anzuschauen. Sie sind deshalb so lustig, weil sie diese Mechanismen so treffend-überzeichnet entlarven. Wenn wir uns darauf fixiert haben, dass ein Raum nur durch diese eine Türe zu verlassen ist, werden wir es mit wachsender Energie und oft auch mit Verbissenheit immer wieder versuchen, auch wenn diese eine Türe geschlossen ist und es gleich daneben eine andere gibt. Ob Problemlösungen, Aufbrüche oder Veränderungsprozesse im persönlichen oder im institutionellen Leben, wohl dem, der bei sich selbst erkennt: Ja, ich spiele gerade „Mehr-Desselben“!

Wer aufbricht ins Unbekannte, heraus aus dem Gewohnten, macht sich auf einen weiten Weg mit Höhen und Tiefen, mit Versuch und Irrtum

So seltsam es klingen mag, der Kern des Problems liegt darin, dass Neues nun mal eben neu ist. Absurd? Keineswegs. Wer wachen Auges durch die Welt geht, erkennt leicht und hoffentlich auch bei sich selbst, wie grandios Watzlawicks Problemanalyse ist.

Der Aufbruch ins wirklich Neue birgt immer ein großes Risiko. Ängste, Unsicherheit, Zweifel und Fragen sind da ganz normal. Es fehlt die Möglichkeit, Schritte vorherzusehen, Entwicklungen vorauszusagen, sich ein Bild des Zieles zu haben. Denn: Das Neue ist nun mal eben neu. Es lässt sich ohne Wagnis nicht erreichen. Wer aufbricht ins Unbekannte, heraus aus dem Gewohnten, macht sich auf einen weiten Weg mit Höhen und Tiefen, mit Versuch und Irrtum. Er wird es nicht leicht haben, die anderen, die sich mit ihm auf den Weg gemacht haben, „bei der Stange“ zu halten. Auf anfanghafte Begeisterung folgt, wenn das gewünschte Ziel nicht schnell erreicht wird, Ernüchterung, Ermüdung und Widerstand. Im Changemanagement nennt man diese Phase „dark night of the innovator“ – „dunkle Nacht des Erneuerers“. Genau das ist es: Der Schlüssel muss im Dunkeln gesucht und gefunden werden. Daran führt kein Weg vorbei.

Vielleicht zählt dies zum Erschütterndsten an der Corona-Krise, zu merken wie schnell die für sicher gehaltenen Landkarten unseres Lebens ihre Bedeutung verloren haben

Wie aber finden wir Orientierung auf dem Weg? Normalerweise durch eine Landkarte, denn auch ein Navigator ist nichts anderes als das. Wer einmal alte Landkarten angeschaut hat, sei es eine antike Karte der damals bekannten Welt oder erste Karten der „Neuen Welt“ Amerika, und sie mit späteren Karten vergleicht, sieht, wie Landkarte und Wirklichkeit sich immer mehr annähern. Ich staune darüber, wie die frühen Entdecker angesichts der gewaltigen Unterschiede zwischen Landkarte und Wirklichkeit überhaupt ein Ziel erreicht haben. Oft genug war es, wie bei der Entdeckung Amerikas, dann ja auch ein ganz anderes Ziel als das, was sie eigentlich erreichen wollten.

Wir alle haben solche, oft unbewussten, inneren „Landkarten“ vom Leben, von der Wirklichkeit, von uns selber, von unserem Weg, unserem Ziel. Wir brauchen sie, um Orientierung zu haben. Wir passen unsere Landkarten wieder und wieder an das an, was wir vom Leben und unserer Welt erfahren, entdecken oder glauben. Solche „Landkarten“ sind ganz normal und notwendig, aber sie bergen, solange sie unbewusst bleiben, auch eine Gefahr:

Eine Landkarte ist etwas, das auf etwas anderes hindeutet, und ihr Sinn besteht allein in dieser Fähigkeit. […] Indem wir die Landkarten mit dem Territorium verwechseln, haben wir auch ihre Nützlichkeit fast gänzlich zunichte gemacht. Unsere Landkarten sind Fiktionen … Und so nützlich diese Fiktionen auch sein mögen, sie führen zu unsäglicher Verwirrung, wenn man sie für Fakten nimmt. […] Haben wir die Beschreibungen der Welt erst als die Wirklichkeit selbst akzeptiert, gelingt es nur noch unter allergrößten Schwierigkeiten, an diesen Beschreibungen vorbeizuschauen. Unsere Augen kleben sozusagen an den Landkarten, und so können wir gar nicht mehr bemerken, was eigentlich geschieht. (Ken Wilber)

Wir brauchen beides, die Bereitschaft im Dunkeln zu suchen und zugleich unsere Landkarten immer wieder zu hinterfragen …

Was für eine entlarvende Analyse für unsere Situation, ganz gleich, ob es sich um persönliche, gesellschaftliche, politische, wirtschaftliche oder auch kirchliche „Landkarten“ handelt. Vielleicht zählt dies zum Erschütterndsten an der Corona-Krise, zu merken wie schnell die für sicher gehaltenen Landkarten unseres Lebens ihre Bedeutung verloren haben? Werden nicht gerade auch in der Kirche traditionelle Formen und Deutungsmuster – also religiöse Landkarten – mit Wahrheit und Wirklichkeit gleichgesetzt? Da erleben Menschen deren drohenden Verlust als existentielle Katastrophe, die mit allen Mitteln verhindert werden muss. Zugleich werden wir von immer mehr Menschen, besonders solchen, die sich mit denselben Landkarten längst nicht mehr zurechtfinden, eindringlich, kritisch, ja (an)klagend gefragt nach unserer Wirklichkeit, nach dem, was wir wirklich leben.

Kurz vor meinem Eintritt ins Kloster lernte ich – eher zufällig – einen erfahrenen Mönch kennen. Er fragte mich, was ich denn so vorhätte, und leicht verlegen gestand ich, ich wolle ins Kloster eintreten. Da schaute er mich intensiv an und sagte zu mir: „Ja, tun Sie das. Aber rechnen Sie damit, dass alles ganz anders ist.“ Da ich ja auch selbst von meinem Schritt überrascht war, antwortete ich, ich hätte schon gemerkt, dass es ganz anders sei. Und er: „Ja, und in fünf Jahren ist es nochmal anders und in zehn oder zwanzig Jahren noch ganz anders.“ Dieser Satz hat mich durch viele Krisen meines Lebens begleitet: Es ist alles ganz anders. Denn er hat mir dabei geholfen, meine Landkarten zu hinterfragen, mich von der Wirklichkeit immer wieder überraschen und befreien zu lassen.

Wir brauchen beides, die Bereitschaft im Dunkeln zu suchen und zugleich unsere Landkarten immer wieder zu hinterfragen, um mutig und effektiv aufzubrechen, realistisch, zwischen Hoffen und Bangen…

Praxis

Zwischen Hoffen und Bangen

Download | Sprecher: Uli Keip

Ein Spaziergang im Kölner Königsforst, noch nicht lange her. Mir kommt eine junge Mutter mit Kinderwagen entgegen. Ich möchte das Baby sehen, beuge mich vor und ernte lautes Geschrei und bittere Tränen. Ich zucke zurück mit schlechtem Gewissen. Sowas ist mir noch nie passiert. „Sie haben keine Maske an“, erklärt mir die Mutter, „normale Gesichter kennt die Kleine nicht und hat sich deshalb so erschreckt“.

Ein kleiner Anfang wäre es, wenn Kinderrechte endlich in vollem Umfang Platz im Grundgesetz fänden

Diese Szene verfolgt mich durch den Tag. Einmal mehr wird mir klar, welche Schäden und Verwüstungen die Corona-Monate insbesondere bei den Nachwachsenden angerichtet haben. Spielplätze gesperrt, KiTas zu, wochenlang keine Freunde und Freundinnen gesehen, Chaos im Schulbetrieb, überforderte ErzieherInnen und LehrerInnen, Eltern verzweifelt. Was ist das für ein Alltag, dessen Regeln so viel NEIN und kaum JA mit sich bringen?

Das hat Folgen, da helfen keine Überbrückungskredite oder ein paar Tage zusätzliche Elternzeit. Wie lange wird es dauern, bis die Kleine im Kinderwagen wieder Speck an der Seele hat, bis Eltern ohne Verbotsschilder im Kopf rumlaufen können, bis all das nachgelernt ist, was Corona hat ausfallen lassen? Zwischen Hoffen und Bangen? Was die Erwachsenen von morgen und übermorgen betrifft: Im Moment ganz viel Bangen. Skepsis, ob und wie hilfreiche Unterstützung bei der Aufarbeitung der Pandemie-Schäden bei den Familien ankommt. Konjunktur ankurbeln, Arbeitsplätze sichern, Rohstoffe beschaffen: wie das gehen könnte, dafür gibts Rezepte. Aber Kinder stark machen? Hat das unsere Gesellschaft, hat das die Politik wirklich im Blick? Ein kleiner Anfang wäre es, wenn Kinderrechte endlich in vollem Umfang Platz im Grundgesetz fänden. Ob man da auf die neue Regierung, das neue Parlament hoffen darf?

Liebe und dann tu, was Du willst

Und noch ein Spaziergang, täglich nötig, um dem kleinen Hund angemessene Bewegung bieten zu können. Einmal um die Kirche. Und manchmal dann auch mit einem Blick in die Kirche des katholisch geprägten Vororts von Köln. Das ist auch einem gerade Ausgetretenen wie mir erlaubt, denke ich. Also wie immer Kerze anzünden, das gehört für mich seit Kinderzeiten zum festen Ritual. Ein paar Sekunden wünschen, bangen und hoffen für die Menschen, die mir wichtig sind. Und dann: Ein Blick ins, ja wirklich, so gut wie leere Gotteshaus. Und das am Sonntagmorgen – ohne Maskenpflicht. Corona? Ja, sicher haben einige Ältere Sorge und vertrauen sich lieber dem Radio-Gottesdienst an. Allerdings: Junge sehe ich schon garnicht.

Klar, die Gottesdienste leiden schon lange unter Besucherschwund. Aber da ist mehr, wie ich in Gesprächen vor der Kirche erfahre. Und da fällt auch schon der Name, dessentwegen ich mit vielen anderen gegangen bin: Woelki. So viel Ignoranz, so viel Mitleidlosigkeit, so wenig Barmherzigkeit und Reue. Ob der Mann schon mal zur Beichte geht? Und von wem Absolution bekommt?

Hoffen, dass der Platz frei wird für einen Neuanfang, für eine Gemeinschaft, deren Mitglieder … auf Augenhöhe eine Kirche der Nächstenliebe und der Toleranz zu ihrer Sache machen

„Liebe und dann tu, was Du willst“ – dieses Wort von Augustinus war der leitende Glaubenssatz meiner Mutter. Eine alltagstaugliche Empfehlung, die mir in meinem Leben oft weiter geholfen hat. Wer darf sich von diesem Kardinal geliebt fühlen, der sich ganz offensichtlich über die Gemeinschaft der Gläubigen gestellt hat. Und damit steht er außerhalb, gestützt nur noch von alten Männern in Rom.

Hoffen und Bangen: Bangen, dass der Kardinal demnächst nach seiner „Auszeit“ mit einem fröhlichen Alaaf zurückkommt und so lange in seinem Amt durchhält, bis aus der Gemeinde eine Sekte wird. Hoffen, dass der Platz frei wird für einen Neuanfang, für eine Gemeinschaft, deren Mitglieder, ob Frau, ob Mann, ob divers, ob geweiht oder nicht, auf Augenhöhe eine Kirche der Nächstenliebe und der Toleranz zu ihrer Sache machen. Und so Vorbild werden können für eine Gesellschaft, die immer mehr ihren Zusammenhalt verliert.

Wie viele Spaziergänge wird es wohl noch brauchen, um da anzukommen?

Praxis

Eingeklemmt zwischen Hoffen und Bangen

Ignatianischer Zwischenruf zu einem unchristlichen Zustand

Vielerorts ist im Raum der römisch-katholischen Kirche eine Lähmung zu beobachten, die vielfältige Ursachen hat. Insbesondere in der bunten Gruppe derer, die seit Langem für dringend angesagte Veränderungen in der Kirche plädieren und sich dafür einsetzen sind der Frust und die daraus resultierende Antriebslosigkeit groß.

Dabei unterscheiden sich die Symptome kaum, gleich ob man sie im Kontext des Synodalen Weges auf Ebene der Bischofskonferenz oder lokal bei den diversen Veränderungsprozessen der Diözesen diagnostiziert. Frustauslösend sind dabei u.a. die diversen Interventionen aus der römischen Zentrale, wie die “Instruktion zur pastoralen Umkehr der Pfarrei”, das Segnungsverbot gleichgeschlechtlicher Beziehungen, die päpstlichen Entscheidungen hinsichtlicher diverser Bischofsrücktritte oder der  massive Eingriff in die Umsetzung der Trierer Diözesansynode. Auch Äußerungen von deutschen Bischöfen, die mit dem Verweis auf das kirchliche Lehramt deutlich rote Linien für Moral und Theologie markieren, sind Dämpfer für diverse Aufbruchbewegungen oder Hoffnungen auf Veränderungen. Nicht zuletzt trägt insbesondere die zähe nicht unabhängige Aufarbeitung der diversen Missbrauchskandale und die mangelnde institutionellen Übernahme von Verantwortung zum trostlosen Gesamtbild maßgeblich bei.

Trostlosigkeit und Lähmung sind für Ignatius von Loyola deutliche Anzeichen dafür, dass der Geist Gottes nicht am Werk ist

Dass in diesem Setting die gute, professionelle und notwendige Arbeit von Seelsorgerinnen und Seelsorgern wie zuletzt bei der Koordinierung der dringend benötigten (Notfall)-Seelsorge in den Flutkatastrophengebieten wenig öffentliche Sichtbarkeit erhalten, verstärkt den Eindruck der Trostlosigkeit.

Trostlosigkeit und Lähmung sind für Ignatius von Loyola deutliche Anzeichen dafür, dass der Geist Gottes nicht am Werk ist. In seinen geistlichen Übungen1 (Nr. 317) bezeichnet er mit Trostlosigkeit “Dunkelheit der Seele, (…) Unruhe von verschiedenen Bewegungen und Versuchungen, die zu Unglauben bewegen, ohne Hoffnung, ohne Liebe, wobei sich die Seele ganz träge, lau, traurig und wie von ihrem Schöpfer und Herrn getrennt findet.“

Trost hingegen ist für Ignatius das Kennzeichen dafür, dass Gott am Werk ist und nicht sein Widersacher. Dabei soll man sich nicht täuschen lassen und über einen längeren Zeitraum anschauen, in welche Richtung man wirklich geführt wird: „Wir müssen sehr die Folge der Gedanken beachten. Und wenn der Anfang, die Mitte und das Ende alles gut ist, dann ist dies ein Kennzeichen des guten Engels.” (EB 333) Der biblische Verweis dieser Einsicht ist bei Matthäus 7,16 zu finden, wenn der Evangelist weiß, dass man an den Früchten erkennen kann, was gut und böse ist.

Wenn nun jährlich hunderttausende Menschen aus den beiden großen Kirchen austreten, wenn vielerorts Religionslehrerinnen und -lehrer ihre Missio zurückgeben, wenn die Zahl der Studierenden an den Theologischen Fakultäten dramatisch abnimmt, dann mag der geneigte Leser und die geneigte Leserin selbst beurteilen, ob diese Art von Früchten auf gutem oder schlechtem Boden wachsen.

Matthäus 7,16: Der Evangelist weiß, dass man an den Früchten erkennen kann, was gut und böse ist

Da die Wahrnehmung dieser Entwicklungen oft gepaart ist, mit einer strukturellen Unfähigkeit und Unmöglichkeit, diesen Zustand zu verändern, bleibt nichts als gelähmtes Abwarten. Umgangssprachlich nennt man diese Art der Ungewissheit, ob etwas gut oder schlecht ausgeht, einen Zustand “zwischen Hoffen und Bangen”. Menschlich ist diese Haltung sehr nachvollziehbar; alleine, es ist keine christliche Haltung, denn sie führt eben nicht aus der Trostlosigkeit heraus, sondern verfestigt die Trostlosigkeit und trägt ungewollt aber durchaus wirksam dazu bei, dass sich kaum eine geistgewirkte Dynamik von Veränderung und Aggiornamento entwickeln kann. Zwischen Hoffen und Bangen darf kein Dauerzustand für Christen sein, wenn dieser ein Hoffen auf Veränderung und ein Bangen davor ist, dass sich letztendlich doch nichts tut.

Was also tun?

Ignatius und die jesuitische Tradition empfehlen im Sinne von 1 Joh 3,18 ”Meine Kinder, wir wollen nicht mit Wort und Zunge lieben, sondern in Tat und Wahrheit”, mehr Gewicht auf die Tat als auf das Wort zu legen, um den Seelen zu helfen.

Im großen Schatten der reinen kirchlichen Lehre finden sich in den bunten Tiefen des echten Lebens genügend Gelegenheiten das, was ich vom Evangelium verstanden habe, auch zu tun. Hierbei geht es nicht um einen Aktionismus sondern um ein Handeln, dass sich aus der tiefgläubigen Gewissheit speist, dass Gott auch heute am Werk ist und mich braucht um Heil zu wirken. Dass dabei u.U. die Kluft zwischen kirchenamtlichen Äußerungen sowie kirchenoffziellen Handeln auf der einen Seite und der gelebten Praxis von Christinnen und Christen größer wird, ist nach m.E. um des Evangeliums Willen in Kauf zu nehmen. Denn wir haben bei den meisten lähmenden Themen kein Erkenntnisdefizit, sondern ein Anerkennungs- und Umsetzungsdefizit.

Man muss sich nicht beim Papst oder Bischof absichern, um …

Man muss sich nicht beim Papst oder Bischof absichern, um Menschen zu segnen, die sich lieben, um Frauen und Männer gleich zu berechtigen,  um klerikale männerbündische Attitüden abzulegen, um immer noch existierende kirchliche Privilegien nicht in Anspruch zu nehmen, um Menschen, die aus der Kirche ausgetreten sind, aber deren Taufe ja nicht ungültig geworden ist,  zu fragen, wie man Ihnen helfen kann, ihren Glauben zu leben oder die kirchliche Blase zu verlassen und auf andere Menschen zuzugehen und mit diesen zu kooperieren.

Den in der Pastoral Tätigen in der deutschen Kirche wird oft kritisch vorgeworfen, “ihr Ding” zu machen. Wenn damit gemeint ist, einem in der Kirchenblase abgeschlossenen Milieukatholizismus zu huldigen, kann ich dem nur zustimmen. Wenn damit aber diskreditiert wird, dass das Agieren von Männern und Frauen, die ihr Christsein ernst nehmen indem sie an der Front gesellschaftlicher Entwicklungen und dort wo die Würde des Menschen bedroht ist, kooperative Projekte aus dem Geist des Evangeliums initiieren, dann ist dem zu erwidern, dass es vielerorts schon lange kein lebendiges kirchliches Tun mehr gäbe, wenn nicht Männer und Frauen ihr Christsein ins 21. Jahrhundert übersetzt hätten und einfach gehandelt hätten auch und manchmal auch besser auf den Nebengleisen offizieller Kirchenstrukturen.

Um in den aktuellen Krisenzeiten nicht an der Kirche zu verzweifeln, muss ich meine direkten und indirekten Gestaltungsmöglichkeiten erkennen, erweitern und nutzen.

Um in den aktuellen Krisenzeiten nicht an der Kirche zu verzweifeln, muss ich meine direkten und indirekten Gestaltungsmöglichkeiten erkennen, erweitern und nutzen

Als begeisterter Fitnesssportler kenne ich den Spruch, der in vielen Studios hängt “Könnte – Sollte – Hätte – WürdeMüsste – Machen”. Diesen Spruch empfehle ich allen, die sich gelähmt fühlen. Wir müssen den Wirkungskreis (Circle of influence) ausnutzen und weiten, den jeder und jede hat und den der Geist jedem und jeder Getauften eröffnet. Er ist meist größer als gedacht und führt aus der trostlosen Lähmung in ein Christsein, das Sinn stiftet und sogar Spaß machen kann; wetten?

Praxis

Auf Zukunft ausgerichtet

„Selig sind die Zuversichtlichen, denn ihnen werden die Gotteshäuser offenstehen“: Mit dieser Hoffnung im Hinterkopf haben sich 26 katholische, evangelische und freie Gemeinden in der Klingenstadt auf das Wagnis eingelassen, trotz Corona-Pandemie und Delta-Variante in diesem Herbst die „5. Solinger Nacht der offenen Kirchen“ zu organisieren. Obwohl seit anderthalb Jahren das, was unser Gemeindeleben ausmacht, fragwürdig oder ganz verboten ist: eng nebeneinander in der Kirchenbank sitzen, Hände schütteln, einander umarmen, miteinander singen, beten, essen, trinken und feiern.

Wir müssen aber aufpassen, dass wir Kirche nicht nur in Mauern fassen, statt das Wirken des Heiligen Geistes zuzulassen und dessen befreiende Botschaft auch und gerade in der Kirche erlebbar zu machen.

Der Erfolg, den diese Nacht hatte, spiegelt das „Dennoch“ des Glaubens wider, wie es im 73. Psalm anklingt: Rund 3000 Besucher:innen, ob gläubig oder nicht, nutzten die Chance, die Kirchen (mal wieder) von innen zu sehen und sich ein eigenes Bild davon zu machen, was hinter den Pforten so alles passiert. Nach dem Lockdown wollten die Solinger Christinnen und Christen die Schlösser sprengen – auch im übertragenen Sinne. So kam es zu vielen schönen Begegnungen und Gesprächen.

Der Eröffnungsgottesdienst stand unter der Liedzeile „Hoffnung ist mehr als ein Wort“. Ich selbst habe als Schirmherr der Kirchennacht über einen Jünger Jesu gesprochen, mit dem ich mich sehr verbunden fühle: Petrus. Der hat viele gute Ideen – und stellt doch immer wieder fest, dass „an Gottes Segen alles gelegen“ ist. Voll Hoffnung ist er auf dem See Genezareth seinem Rabbi entgegengegangen – um dann angesichts der dunklen Wolken und der stürmischen See seinen Blick von Jesus abzuwenden und sich mutlos den widrigen Elementen hinzugeben, bis Jesus ihn herauszieht aus der tödlichen Gefahr.

Da hilft mir der Blick auf Jesus, der zupackt und eingreift. Nicht unbedingt sofort, aber immer rechtzeitig. Das habe ich schon mehrfach erleben dürfen, und diese Hoffnung trägt mich.

Zwar schwebe ich weder als Oberbürgermeister noch als Diözesanratsvorsitzender des Erzbistums Köln zwischen Leben und Tod, aber Herausforderungen, die mich zu verschlingen drohen und mir den Atem rauben, gibt es immer wieder. Da hilft mir der Blick auf Jesus, der zupackt und eingreift. Nicht unbedingt sofort, aber immer rechtzeitig. Das habe ich schon mehrfach erleben dürfen, und diese Hoffnung trägt mich.

Eine Hoffnung, die ich auch meinen drei Söhnen vermitteln möchte. Denn neben meinem Beruf und meinen Ehrenämtern bin ich ja auch ein ganz normaler Familienvater – und von ganzem Herzen Christ. Ich bin – übrigens immer ökumenisch – in der Kirche großgeworden, durfte dort vieles lernen und habe zahlreiche beeindruckende Menschen kennengelernt. Ich engagiere mich für gesellschaftliche Solidarität und unsere Demokratie, die – wie es unser Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zum 60. Jahrestag des Mauerbaus gesagt hat – „nie ein für allemal erreicht ist, sondern immer wieder erkämpft und dann auch geschützt und verteidigt werden muss, um sie zu erhalten“.

Doch wenn ich von meinem Glauben an die Hoffnung durch Jesus Christus rede, wird es für viele offenbar komisch. Ich erlebe, dass Menschen darauf spöttisch oder verärgert reagieren – oder einfach nichts damit anfangen können. Ich merke, wie die Botschaft davon, dass das Leben stärker ist als der Tod, über die klassischen kirchlichen Kanäle kaum noch jemand erreicht – oder mit den Fragen und Sorgen vieler Menschen aus deren Sicht nichts mehr zu tun zu haben scheint.

Doch wenn ich von meinem Glauben an die Hoffnung durch Jesus Christus rede, wird es für viele offenbar komisch.

„Mit meinem Gott überspringe ich Mauern“, heißt es in Psalm 18. Das ist die Botschaft, an die ich glaube: die eines Gottes, der größer ist als alles menschliche Denken und der zu mir steht, so wie ich bin. Wir müssen aber aufpassen, dass wir Kirche nicht nur in Mauern fassen, statt das Wirken des Heiligen Geistes zuzulassen und dessen befreiende Botschaft auch und gerade in der Kirche erlebbar zu machen. Am Ostermorgen war eben nicht alles geklärt, sondern es herrschte ein positives, kreatives Chaos und ein völliger Neuanfang, für dessen Gestaltung uns Jesus den Geist der Wahrheit und des Trostes zugesagt hat. „Löscht den Geist nicht aus“, schrieb schon der Apostel Paulus an die Thessalonicher. Denn unser Glaube und unsere Kirche sind auf die Zukunft ausgerichtet!

Praxis

Man fährt dahin, wohin man schaut

Download | Sprecher: Uli Keip

Vor zehn Jahren habe ich den Motorrad-Führerschein gemacht und mir damit einen länger gehegten Traum erfüllt. Es ist nicht der Geschwindigkeitsrausch, der für mich den Reiz des Bikens ausmacht. Autobahnen nutze ich mit dem Motorrad eigentlich nur im Ausnahmefall. Ich liebe es vielmehr, bei schönem Wetter und meist zusammen mit Freunden durch die Lande zu fahren, die Landschaft zu genießen und in Ecken zu kommen, in die ich sonst nie gekommen wäre. Eine Sache macht das Motorradfahren aber darüber hinaus besonders reizvoll: das Kurvenfahren.

Das Kurvenfahren verlangt ein besonderes Können. Nach einem Kurvensturz in einem Sicherheitstraining musste ich erst einmal wieder die Angst vor Kurven überwinden. Ein Rat hat mir dabei besonders geholfen: „Man fährt dahin, wohin man schaut.“ Bei Kurven ist daher der Blick an das Ende der Kurve wichtig, sonst landet man unwillkürlich im Graben. Mit dem Blick auf das Ziel und mit angemessener Geschwindigkeit (nicht zu langsam, nicht zu schnell!) aber wird sogar eine von außen betrachtet beängstigende und gefährliche Schräglage zu einem schönen Erlebnis – ja, sie macht den besonderen Reiz des Motorradfahrens aus.

Bei Kurven ist daher der Blick an das Ende der Kurve wichtig, sonst landet man unwillkürlich im Graben

Die aktuelle kirchliche wie gesellschaftliche Situation kommt mir vor wie eine besonders kurvige Strecke: absehbare und überschaubare Kurven gefolgt von unübersichtlichen und überraschenden Spitzkehren, viel Auf und Ab, manchmal Drängler von hinten, ein anderes Mal Gegenverkehr von vorne. All das macht vielen Menschen Angst und Bange. Die Herausforderungen, Probleme und Anfragen stapeln sich zu scheinbar unbezwingbaren Bergen. Manches ist selbstverschuldet und kommt daher wenig überraschend. Anderes kommt unvorhergesehen hinzu und erschwert die Gesamtsituation. Ich kann nicht verhehlen, dass auch ich mich immer wieder hin- und hergerissen fühle, nicht ein noch aus weiß und verzweifelt nach einer Lösung suche.

Das Ziel in den Blick zu nehmen bzw. nicht aus dem Blick zu verlieren, scheint mir in dieser Situation besonders wichtig. Die Erfahrung des Motorradfahrens lässt mich hoffen: Seitdem ich nicht mehr so ängstlich zu vermeiden versuche, in den Straßengraben zu fahren (und dabei natürlich ein besonderes Augenmerk auf diesen richtete), sondern meine Augen mutig nach vorne an das Ende der Kurve wende, ergibt sich Kurvenlage, Geschwindigkeit und Richtung fast wie von alleine. Wohin soll Kirche heute steuern? Für das Bistum Trier gibt es seit der Bistumssynode (2013-16) klare Ziele: eine glaubensstarke (missionarische) und dienstbereite (diakonische) Kirche, die die Nähe zu den Menschen pflegt (lokal) und mit ihnen das gemeindliche Leben gestaltet (synodal). Es gab zwar Gegenverkehr in Form von Widerständen, die auch einen ersten Anlauf ausgebremst und die Geschwindigkeit gemindert haben, aber die Vision bleibt und belebt und bestärkt uns auch im weiteren gemeinsamen Gehen.

Für das Bistum Trier gibt es seit der Bistumssynode (2013-16) klare Ziele: eine glaubensstarke (missionarische) und dienstbereite (diakonische) Kirche, die die Nähe zu den Menschen pflegt (lokal) und mit ihnen das gemeindliche Leben gestaltet (synodal).

Das ist für mich ein zweiter Grund zum Hoffen in allem Bangen: Wie das Motorradfahren erst mit Freunden so richtig Spaß und Freude bereitet, so kann auch der Weg der Kirche durch unsere Zeit niemals nur ein Weg von Einzelnen sein. Im Mit- und Füreinander findet die Gemeinschaft des Glaubens zur Fülle. Nicht zuletzt auch deshalb sind der Begriff der Synodalität und die Forderung nach mehr Partizipation bis hinein in Entscheidungen Schlüssel für die aktuelle und zukünftige Entwicklung der Kirche. Der Wunsch danach, nicht nur Objekt sondern Subjekt von Beratung, Entscheidung und Handeln zu sein, wird größer. Dabei geht es nicht, wie oft vorwurfsvoll vorgehalten wird, um ein Streben nach Macht, sondern vielmehr um die Möglichkeit das, was das kirchliche Leben im Kleinen oder auch im Großen betrifft, auch mitgestalten zu können. Schließlich ist kirchliches Leben und Handeln etwas, das jeden Christen und jede Christin betrifft – warum sollte man dann nicht auch selbst ein Wort mitreden und/oder Hand anlegen dürfen?! Beteiligung braucht Zeit und kann anstrengend sein. Es wird immer wieder auch ein gemeinsames Ringen und Sich-Auseinandersetzen geben, aber das Schöne dabei ist: Es geht um die gegenseitige Ergänzung. „Keinem gabst du alles – und keinem nichts“, heißt es in einem Tagesgebet des Messbuchs, um es dann mit der Bitte an Gott zu verbinden: „Hilf uns, dass wir einander dienen mit dem, was du einem jeden zum Nutzen aller gibst.“ Gegenseitig bereichern statt zueinander in Konkurrenz treten – wer das als konkrete Erfahrung macht, hält auch in bangen Zeiten aus und bewahrt sich in allem Bangen die Freude und Hoffnung.

Wie das Motorradfahren erst mit Freunden so richtig Spaß und Freude bereitet, so kann auch der Weg der Kirche durch unsere Zeit niemals nur ein Weg von Einzelnen sein

In diesem Zusammenhang steht für mich auch die erfreuliche Tendenz, dass in einigen Diözesen das Generalvikariat/ Ordinariat nicht mehr allein durch einen allzuständigen und damit (in so komplexen Zeiten wie heute) oftmals überforderten Generalvikar geführt wird, sondern dass diese Führung ergänzt wird durch eine zweite Person mit stärkerer Verwaltungskompetenz. Es geht nicht nur um das Abgeben und Teilen von Macht sondern auch um den positiven Effekt von gemeinsamem Ringen mit verschiedenen Perspektiven und auf Augenhöhe, der dem kirchlichen Leben und Handeln in schwierigen Zeiten mehr dienen soll.

Die aktuellen kirchlichen wie gesellschaftlichen Turbulenzen lehren uns eines: Es kann nicht so weiter gehen wie bisher. Die Erfahrungen mit den bisherigen Bemühungen um Veränderungen zeigen aber auch, wie komplex und schwierig sie sind. Einfache Lösungen gibt es nicht. Umso wichtiger scheint es mir, ein klares Ziel vor Augen und ergänzende und bereichernde Menschen zur Seite zu haben. Das erst gibt den Mut, Schritte zu gehen und ins Handeln zu kommen.

Der Wunsch danach, nicht nur Objekt sondern Subjekt von Beratung, Entscheidung und Handeln zu sein, wird größer … Beteiligung braucht Zeit und kann anstrengend sein

Praxis

Ein feste Burg ist unser Gott …

Hoffen lassen mich die frisch in ihre Führungsämter einer protestantischen Organisation und eines katholischen Vereins gewählten Frauen: die neue EKD-Ratspräsidentin, Präses Annette Kurschus und die neue ZdK-Präsidentin, Dr. Irme Stetter-Karp. In Respekt und Anerkennung vor der Leistung ihrer jeweiligen Vorgänger, wage ich zu behaupten, dass mit mir viele – und nicht nur Frauen – auf einen frischen Neubeginn für die Kirchen hoffen. Vielleicht schaffen ja Frauen, was Männer über Jahrhunderte „verbockt“ haben. Es sei mir erlaubt, mit einem Schmunzeln in diese ernsthafte Betrachtung zu starten.

Vielleicht schaffen ja Frauen, was Männer über Jahrhunderte „verbockt“ haben

Beide neue Führungspersönlichkeiten haben in ihren Antrittsreden den Reformstau in den Kirchen als prioritäre Aufgabe und Herausforderung beschrieben. EKD-Ratspräsidentin, Präses Annette Kurschus ebenso wie ZdK-Präsidentin Stetter-Karp vermittelten, dass sie mit vielen Gläubigen die Sorge um den Zustand der Kirchen teilen. Beide wollen neue Akzente setzen, neu hinsehen und neue Wege einschlagen. Präses Kurschus gestand ein, dass große Aufgaben vor den Kirchen lägen – Lösungen habe die Evangelische Kirche in Deutschland nicht, schon gar keine Einfachen. Man wisse es auch nicht besser als Andere. Vieles sei in nie gekannter Weise ungewiss geworden – auch in ihrer Kirche.

Und da spricht sie nicht nur für ihre Kirche, sondern über die Sorge vieler, die um den christlichen Glauben in Deutschland bangen. Mit eben diesem Bangen will ich mich zunächst auseinandersetzen und dazu auch Lösungsvorschläge formulieren. Schließen möchte ich dann mit einem Ausblick, der wieder hoffen lässt.

So treibt mich aktuell ein Kirchenlied von Martin Luther um, gerade gesungen in einem wunderbaren Gottesdienst zum Reformationstag in der Katharinenkirche im rheinhessischen Oppenheim: „Ein feste Burg ist unser Gott“.

Abgesehen davon, dass es wie viele protestantische Kirchenlieder nicht wirklich einfach zu singen ist, lässt einen der Text, von dem hier nur die erste Strophe zitiert sein soll, angesichts der Situation der christlichen Kirchen sehr nachdenklich werden:

Es ist ein Text aus einer anderen Zeit, die schlicht vorbei ist

„Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen.
Er hilft uns frei aus aller Not, die uns jetzt hat betroffen.
Der alt böse Feind mit Ernst er‘s jetzt meint, groß Macht und viel List
Sein grausam Rüstung ist, auf Erd ist nicht seinsgleichen.“

Der Text aus dem Jahr 1529 macht in doppelter Hinsicht betroffen. Zum einen lässt er sich frei beziehen auf die aktuelle Not der christlichen Kirchen in Deutschland. Zum anderen ist er rein sprachlich für den modernen Menschen des 21. Jahrhunderts nur noch schwer zu verstehen und – das soll der Kern meiner Betrachtungen sein – steht damit symptomatisch für die Probleme der Glaubensvermittlung hierzulande. Es ist ein Text aus einer anderen Zeit, die schlicht vorbei ist. Zudem, und das ist noch viel wichtiger, hat die Burg, als Metapher für Kirche, Gott und Glauben, ihre Bedeutung für die Menschen von heute verloren. Statt eine Burg und ihren Schutz aufzusuchen, wenden sich immer mehr Menschen von ihr ab. Sie verstehen die Kirche nicht mehr. Sie verstehen nicht, was Gott und Glauben im Kern bedeuten. Das, was Gott und Glauben bedeuten, wird zugedeckt und erschüttert von Skandalen, von Intransparenz und amtskirchlicher Sklerose.

Immer weniger Menschen glauben offenbar das einst vertraute, heute aber auch als unbequem und eng empfundene Sicherheitsgefühl der Burg zu brauchen. Im Gegenteil: sie lehnen die Burg ab – und suchen ihr Glück außerhalb der Ringmauern in der Welt der großen, individuellen Freiheit. Und davon gab es noch nie so viel für so viele: Informations- und Bildungschancen, Wohlstand, Unterhaltung, Reisen, Feste usw… Insgesamt scheint es uns allen – Corona zum Trotz – doch gut zu gehen. Ein Glück – vielleicht ein brüchiges Glück?!?

Das, was Gott und Glauben bedeuten, wird zugedeckt und erschüttert von Skandalen, von Intransparenz und amtskirchlicher Sklerose

Das ahnt man wohl in den Burgen der Kirchen und bittet deswegen „Fanfaren-Trompeter“ in Form von mehr oder weniger Prominenten, die sich zu ihrem Glauben bekennen, „Zeugnis abzulegen“. Man möchte meinen, die Kirchen selbst finden nicht mehr die richtigen Worte, um den Kern ihrer Verkündigung zu formulieren – und damit die Gesellschaft  zu erreichen.

Die Austritts- und Todeszahlen in beiden großen christlichen Kirchen Deutschlands werden seit Jahren nicht mehr ausgeglichen. Das Kirchenvolk wird kleiner und älter und das, was man medial von der Kirche wahrnimmt, stimmt eher deprimierend als hoffnungsvoll.

Auf Gemeindeebene kämpfen viele mutig dagegen an. Da passiert sehr viel – und das ist aller Ehren wert! Aber: es reicht offensichtlich nicht, um den Trend insgesamt zu drehen. Trotz aller Mühen finden sich keine adäquaten Mittel,  die frohe Botschaft wieder an den Mann und an die Frau zu bringen.

Als Erklärung wird häufig herangezogen, dass schon immer gute Zeiten schlecht für die Kirche waren. In der Konsequenz müssten die Kirchen also auf ein Ende von individueller Freiheit und Wohlstand und stattdessen auf Notlagen setzen. Das kann im Ernst niemand wirklich wollen. Schon gar nicht ein Christ! Im Übrigen finden ja auch die Notleidenden und Verlierer unserer Gesellschaft nicht mehr den Weg zum Glauben, zu Gott und den Kirchen…

Wir müssen uns ehrlich machen! Weder auf der Gemeindeebene, noch auf der Ebene der „Großkopferten“ haben sich in den letzten Jahren Impulse gezeigt, die wirklich Hoffnung machen

Wir müssen uns ehrlich machen! Weder auf der Gemeindeebene, noch auf der Ebene der „Großkopferten“ haben sich in den letzten Jahren Impulse gezeigt, die wirklich Hoffnung machen. Die Rezepte, die wir heute sehen, sind so oder so ähnlich auch die Rezepte der letzten Jahrzehnte. Die Kirchen verwalten ihre immer noch enormen Mittel, stellen dynamisch und aktiv Haushalte auf, reparieren Kirchendächer und Orgeln, verwalten auch ihr Personal und sind vor allem in den Bereichen Krankenversorgung und Pflege durchaus wichtige Teile des Sozialstaates. Nur von einem ist weit und breit viel zu wenig zu spüren: von Aufbruchsstimmung, Optimismus und kraftvollen Zukunftskonzepten …

Dabei gilt: Patentrezepte gibt es nicht! Die bekannten „Megatrends“ Digitalisierung und Globalisierung verändern unsere Welt mit rasender Dynamik. Dieser Entwicklung müssen sich auch die Kirchen stellen. Dem Veränderungsdruck mit Synoden, respektive einem Synodalen Weg zu begegnen, auf denen Missstände beklagt, aber nicht behoben werden, auf denen ausführlich und gut gemeint geredet, aber viel zu wenig Faktisches initiiert wird, kann die Kirchen nicht zukunftsfest machen und sie wieder „vor den Wind bringen“, um es in der Seglersprache zu formulieren. Die Kirchen müssen raus aus ihren selbstreferentiellen Kreisen und auch raus aus den ausschließlichen Kreisen der Gläubigen, hin zu den Menschen, in eine Gesellschaft, die zunehmend „gottloser“ wird, weil Gott und Glauben, Kirche und Religion ihre Bindungskräfte verlieren.

Als Medienfrau, die ihren eigenen Glauben als Geschenk empfindet, sehe ich von daher die folgenden wenigen Punkte als sinnvoll an, um die Wahrnehmung der Kirchen in der Öffentlichkeit positiv zu beeinflussen. Die wichtigsten vier Punkte sind, meiner Meinung nach:

Die Kirchen müssen raus aus ihren selbstreferentiellen Kreisen und auch raus aus den ausschließlichen Kreisen der Gläubigen, hin zu den Menschen, in eine Gesellschaft, die zunehmend „gottloser“ wird, weil Gott und Glauben, Kirche und Religion ihre Bindungskräfte verlieren

1. Die Ökumene!

Wann, wenn nicht endlich jetzt und heute, sollten wir uns vergegenwärtigen, wie sehr die Zeit drängt. Immer noch betonen wir mehr die Unterschiede zwischen katholischer und evangelischer Kirche, als dass wir die Gemeinsamkeit aller Christen würdigen und leben! Es ist doch ein Treppenwitz der Religionsgeschichte, dass wir, 500 Jahre nach der Kirchenspaltung, immer noch nicht in der Lage sind, gemeinsam zu dem Gott zu beten, der seinen Sohn für unser aller Erlösung ans Kreuz hat schlagen lassen. Nach Festlegung einer klaren Agenda müssten sich beide großen Kirchen in Deutschland zügig bewegen. Mit festgelegtem Ablauf und Zeithorizont! Die bestehenden Sklerosen in den Köpfen vor allem derer, die in Machtstrukturen denken, müssen überwunden werden – nicht irgendwann – sondern jetzt!

2. Subsidiäre Strukturen

Die Kirchen brauchen klarere föderalistische und subsidiäre Strukturen mit deutschlandweitem Anspruch und, zumindest perspektivisch, einem gemeinsamen ökumenischen Zentralorgan. Sämtliche Macht- und Entscheidungsstrukturen sollten paritätisch zwischen Laien und Klerikern auf den unterschiedlichen Ebenen aufgeteilt werden. Dabei müsste, meiner Meinung nach, darauf geachtet werden, dass die Gremien zahlenmäßig möglichst klein bleiben und der ihnen jeweils vorstehende klerikale Leiter eine moderierende Rolle einnimmt. Er sollte allerdings auch das Recht haben, in Streitfällen mit seiner entscheidenden Stimme Patt-Situationen aufzulösen.

3. Die mediale Aufbereitung des Evangeliums

Die Verkündigungsbotschaft sollte und muss über die bestehenden Strukturen hinaus,  in konzentrierter Form auf christliche Kernbotschaften komprimiert,  digitalisiert und mediengerecht aufbereitet  werden. Die Predigt in der Liturgie darf selbstverständlich individuell und differenziert sein. Die nach außen gerichteten medialen Botschaften müssen jedoch den Kommunikationsformen unserer Zeit angepasst werden. Die Kirchen brauchen eine Art Verkündigung 2.0. – und das nicht kleckernd, sondern klotzend!

Der Mitteleinsatz für altes Denken ist drastisch zu reduzieren – alle Kraft ist in den Aufbruch zu stecken!

4. Kraft zu radikaler Anpassung

Um in der medial sich immer weiter ausdifferenzierenden Kommunikationswelt wahrgenommen zu werden und damit zu „überleben“, bedarf es einer vergleichsweise radikalen Anpassung der organisatorischen, finanziellen und personellen Rahmenbedingungen an die angesprochenen Zielsetzungen. Der Mitteleinsatz für altes Denken ist drastisch zu reduzieren – alle Kraft ist in den Aufbruch zu stecken!

Soweit nur vier Punkte, um eine positive Wahrnehmung von Kirchen, Gott und Glauben zu erreichen. Wenn wir uns das als eine Art Gedankenexperiment vorstellen, kommen wir zu der Frage, ob das die Wende bringen kann? Meine Antwort ist: eindeutig ja! In dem Wissen, dass es enorme Kraft und Mut vor allem in den Amtskirchen zu Veränderungen braucht!

Lautet die Frage allerdings: wird das die Kirchen in Deutschland in die alte machtvolle Position in der Gesellschaft bringen? Die Antwort darauf ist: wohl eher nein. Längst ist unser Miteinander dafür zu pluralistisch und differenziert geworden. Aber: wie würde die scheidende Kanzlerin diesen Weg bezeichnen? Richtig! Als alternativlos!

Dabei ist die Zahl der Menschen, die nach Orientierung und spiritueller Erfüllung suchen, größer als manch einer denkt. Und diejenige, die wissen, welch‘ großes Geschenk der Glaube ist, empfinden deutlich, dass gerade die christliche Religion und,  mit gewissen Einschränkungen auch die christlichen Kirchen die richtigen Antworten auf die Fragen unserer Zeit haben. Im aufgeregten medialen Trommelfeuer unseres Alltags dringen sie allerdings nicht mehr durch, auch wegen der „Störfeuer“ durch Skandale.

Also: facta non verba! Handeln, statt reden! Bevor es zu spät ist!

Also: facta non verba! Handeln, statt reden! Bevor es zu spät ist!

Die zweite Strophe des Liedes „Ein feste Burg ist unser Gott“ hat Martin Luther 1529 übrigens so formuliert:

„Mit unsrer Macht ist nichts getan, wir sind gar bald verloren;
Es streit‘ für uns der rechte Mann, den Gott hat selbst erkoren.
Fragst du, wer der ist? Er heißt Jesus Christ, der Herr Zebaoth
Und ist kein andrer Gott, das Feld muss er behalten.“

Hier zeigt sich ein Kern des Glaubens, den wir Christen teilen: es gibt ein Koordinatensystem, ohne das wir verloren sind. Eine andere Ebene, die ich als Laie vielleicht eine höhere Macht nennen darf, auf die wir uns beziehen können, ebenso wie andere Religionen sich auf ihre Götter beziehen. Nennen wir diesen Kern Gott – oder die Liebe. Der Glaube daran kann Hoffnung geben.

Und Hoffnung gab mir kürzlich auch ein Besuch aus Nigeria. Das katholische Hilfswerk missio, für das ich mich seit vielen Jahren ehrenamtlich engagiere, lud  zum Weltmissionssonntag hohe geistliche Würdenträger aus Nigeria nach Deutschland ein. Der Emir von Wase, Dr. Muhammadu Sambo Heruna, und der Erzbischof von Abuja, Dr. Ignatius Kaigama beschrieben in vielen Begegnungen ihren interreligiösen Dialog, der im Norden Nigerias die Menschen,  Muslime und Christen, zueinander bringt. Persönlich sind beide in ihrer Heimat dafür Anfeindungen und Bedrohungen ausgesetzt – und trotzdem bringen sie die Kraft und den Mut für Veränderung auf, brechen mit der Tradition der Abgrenzung – mit dem Ziel von Frieden und Versöhnung. Das lässt hoffen.

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