Praxis

Video-Interview: Die Gesellschaft spuckt das Christentum aus

Interview zur aktuellen Situation der Kirchen im Vorfeld des 7. Strategiekongresses zum Thema “AUFLÖSUNG – Kirche reformieren, unterbrechen, aufhören?”

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Video-Interview: Die Kirchen werden nicht mehr gebraucht

Interview zur aktuellen Situation der Kirchen im Vorfeld des 7. Strategiekongresses zum Thema “AUFLÖSUNG – Kirche reformieren, unterbrechen, aufhören?”

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Video-Interview: Herauskommen aus der Selbstbeschäftigung

Interview zur aktuellen Situation der Kirchen im Vorfeld des 7. Strategiekongresses zum Thema “AUFLÖSUNG – Kirche reformieren, unterbrechen, aufhören?”

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Video Interview: Bedroht vom großen Skandal und vom großen Egal

Interview zur aktuellen Situation der Kirchen im Vorfeld des 7. Strategiekongresses zum Thema “AUFLÖSUNG – Kirche reformieren, unterbrechen, aufhören?”

Praxis

Umsteuern! RobinSisterhood e.V.

„Das ist menschenverachtend und ich möchte, dass das aufhört!“ Monika Schmelter von „Out in Church“ hat im Film „Wie Gott uns schuf“ diesen Satz über die Diskriminierungsstrategien der Amtskirche geprägt.

Das kalte, menschenverachtende Angesicht der römisch-katholischen Hierarchie zeigte sich mir im Oktober 2020 als Rainer Maria Woelki, der Kardinal von Köln, zusammen mit seinen Anwälten und Beratern bekannt gab, dass er das Missbrauchsgutachten der Kanzlei Westpfahl, Spilker und Wastl mit der Zustimmung des Betroffenenbeirats nicht veröffentlichen werde. Ohne das Gutachten der Münchner Kanzlei zu kennen, wurden die Betroffenen in einer mehrstündigen Sitzung mit Spitzenanwälten über die angeblichen äußerungsrechtlichen und methodischen Mängel informiert und davon „überzeugt“, dass die für Oktober geplante Veröffentlichung verhindert werden muss. Für Kardinal Woelkis Absichten ein vermeintlich geschickter Schachzug: Mit der Zustimmung der Betroffenen von sexualisierter Gewalt an seiner Seite würde niemand die Richtigkeit und Lauterkeit dieser Entscheidung anzweifeln. Allerdings hatten der Kardinal und seine Berater nicht mit dem Mut und der Aufrichtigkeit einiger Menschen in diesem Kreis gerechnet: Drei Mitglieder des Betroffenenbeirats erkannten das falsche Spiel und erklärten ihren Austritt aus dem Gremium. Der Beirat war nicht mehr handlungsfähig.

Das zu tun, was Kirche nicht leistet: Den von sexualisierter Gewalt betroffenen und den diskriminierten Menschen zur Seite zu stehen und zusammen mit ihnen starke Lobby für Gerechtigkeit zu sein.

Als Maria 2.0 Gruppe stellten wir uns sofort an die Seite der Betroffenen sexualisierter Gewalt und stehen dort bis heute. Aus diesem intensiven Engagement wurde die Idee für umsteuern! Robinsisterhood geboren: Das zu tun, was Kirche nicht leistet: Den von sexualisierter Gewalt betroffenen und den diskriminierten Menschen zur Seite zu stehen und zusammen mit ihnen starke Lobby für Gerechtigkeit zu sein.

Wir möchten, dass das menschenverachtende Tun und Unterlassen aufhört. Mit umsteuern! Robinsisterhood fängt etwas Neues an. Das Besondere dabei: Wir arbeiten Hand in Hand. Wir lernen gegenseitig Tag für Tag voneinander. Das erzeugt eine umfassende Expertise und eine unglaubliche Energie.

Für uns gilt eine Perspektive und das ist die Perspektive der Betroffenen. Daraus ergibt sich nur eine Option: Das Schweigen brechen und aufstehen für Gerechtigkeit.

Wir erleben eine große Solidarität außerhalb der „katholischen Bubble“. Menschen, denen christliche Werte wichtig sind, die selbst schon schlechte Erfahrungen mit der Institution gemacht haben, die aus der Kirche ausgetreten sind, aber durchaus auch positive Erfahrungen in der Jugend gemacht haben, sind begeistert von der Idee und unserer Arbeit.

Seit der Gründung unserer Beratungsstelle Leuchtzeichen, die von einer hauptamtlichen Kraft und vielen (aber nie genug) Ehrenamtlichen getragen wird, erleben wir einen hohen Bedarf an Beratung, Austausch und Vernetzung . Uns erreichen viele Anfragen von Betroffenen. Für einige ist das Engagement im Verein eine befreiende Erfahrung, selbst aktiv zu werden.

Am Beginn meines Engagements bei Maria 2.0 hatte ich noch die Hoffnung, dass sich die Institution wandeln könnte. Inzwischen bin ich davon überzeugt, dass sich die klerikale Machtelite von sich aus nicht ändern wird.

Am Beginn meines Engagements bei Maria 2.0 hatte ich noch die Hoffnung, dass sich die Institution wandeln könnte. Inzwischen bin ich davon überzeugt, dass sich die klerikale Machtelite von sich aus nicht ändern wird. Die „Klerikerkirche“ hat zu viel Macht und Vermögen als dass man sie sich selbst überlassen sollte. Deshalb ist eine starke Opposition wichtig. Katholikinnen selbst müssen demokratische Standards, die Achtung von Menschenrechten und das Ende jeglicher Diskriminierung einfordern. Zentral ist dabei die Frage: Wem gehört die Kirche? Es ist nicht gottgegeben, dass über die Mittel nur geweihte Männer entscheiden. Die Kirchen „gehören“ nicht den Klerikern. Wohin eine unkontrollierte Macht über Vermögen führen kann, ist in Köln derzeit zu bestaunen. 2,8 Millionen Euro für Anwälte und Kommunikationsberater, hohe Millionenbeträge für eine fragwürdige Hochschule, die zum „pastoralen Schwerpunkt“ umetikettiert wurde, um sie an allen Gremien vorbei zu installieren. Das muss aufhören! Auch die Rolle des Staates muss hinterfragt werden. Ist es redlich, dass der Staat einer Institution, die Menschenrechte missachtet, die Straftaten über Jahrzehnte vertuscht hat, weiterhin Privilegien einräumt? Die Verflechtung von Staat und Kirche in Deutschland ist hochproblematisch. Deshalb ist es nur zu begrüßen, dass die SPD Fraktion zumindest im Landtag in NRW einen Antrag eingebracht hat, der zum Ziel hat, Aufarbeitung sexualisierter Gewalt unter staatliche Aufsicht zu stellen.

Für mich läge die Zukunft der Kirche nur im Entzug ihrer vom Staat gewährten Privilegien.

Wir beobachten in den Kirche seit Jahren einen schleichenden und in jüngster Zeit einen rasanten Zerfall. Es gibt Splittergruppen, die es sich noch in ihren Nischen „gemütlich“ machen. Allerdings wird sich in naher Zukunft nichts daran ändern, dass das immense Vermögen der römisch katholischen Kirche in den Händen einer klerikalen, immer kleiner werdenden Gruppe von reaktionären Kräften bleiben wird. Sie bestimmen mit ihrer antimodernen Haltung die Geschicke. Sie benötigen auch keine Gläubigen. Die „kleine treue Herde“ ist ihnen lieber als die kritische Mehrheit. Kirchenaustritte berühren sie nur am Rande. Für mich läge die Zukunft der Kirche nur im Entzug ihrer vom Staat gewährten Privilegien. Solange sie diese Machtposition aber inne hat, werden sich immer mehr Menschen abwenden, weil sie christliche Werte im Wirken der Hierarchie nicht mehr sehen.

Ich werde mich auch bei einem Kirchenaustritt, den immer mehr Menschen in meinem Umfeld schon vollzogen haben, nicht von diesen Themen abwenden. Es geht um Gerechtigkeit und um Menschenwürde. Das werde ich einfordern, solange ich kann. Egal ob ich Kirchensteuer bezahle oder nicht.

 

Praxis

Umsonst habt Ihr empfangen, umsonst sollt Ihr auch geben

Was mich antreibt, mich mit aller Kraft in der Kirche zu engagieren und mich für sie einzusetzen

„Umsonst habt Ihr empfangen, umsonst sollt Ihr auch geben.“ Dieses Wort Jesu (Matthäus 10,8) ist mein Leitwort, das ich anlässlich meiner Priesterweihe ausgewählt habe. Umsonst, gratis habe ich wie alle Menschen Gaben empfangen, um sie in der Zeit meines Lebens und in der Wirklichkeit einzusetzen, in der ich lebe. Mit diesen Gaben kann ich Menschen in ihrem Leben unterstützen, kann die Perspektive auf das ewige Leben eröffnen und bei alledem die Beziehung zu Gott pflegen. Aus diesem Geist wollte ich mich engagieren und tue es auch heute. Die Orte, an denen ich war und bin, haben sich verändert. Meine Aufgaben haben sich verändert. Nicht verändert aber hat sich meine Haltung, die Gaben, die ich gratis empfangen habe, auch umsonst einzusetzen. Umsonst kann dann im Deutschen auch „vergeblich“ bedeuten. Auch das gehört zur Wirklichkeit. Die Ambivalenzen –  zum Beispiel teilweise sich extrem unterscheidende Kirchenbilder der Katholik:innen, in deren Dienst ich unabhängig von ihren Vorstellungen stehe – ertrage ich, weil ich glaube, dass Gott unter allen Umständen gegenwärtig ist und in jedem Menschen lebt und wirken will. Seine Gegenwart ist Grund meiner Anwesenheit.

Die Ambivalenzen … ertrage ich, weil ich glaube, dass Gott unter allen Umständen gegenwärtig ist und in jedem Menschen lebt und wirken will.

Wo ich die Knackpunkte im Blick auf die Zukunft sehe

Wenn wir auf die letzten 60 Jahre zurückschauen, erweisen sich Themen, die wir seit dem 19. Jahrhundert in unserer Kirche nicht zufriedenstellend beantworten, auch nach dem II. Vatikanischen Konzil als ungelöste Probleme. Selbst wenn einige behaupten, Themen seien theologisch geklärt. Hätten Sie Recht, bedeutet das noch nicht, dass es keine Knackpunkte mehr gibt. Meines Erachtens  ist beispielsweise das Verhältnis von Amt und Teilhabe beziehungsweise aktiver Teilnahme aller Gläubigen und zwischen hierarchischer und synodaler Kirche nicht zufriedenstellend geklärt. Woran mache ich dies fest? Zum einen zeigt sich das in den Texten sowohl der Konstitution „Lumen gentium“ als auch in den Texten der Würzburger und der Dresdner Synode als auch in diözesanen Vereinbarungen. Ein wichtiges Kriterium für die Frage, ob ein Problem gelöst ist oder nicht, ist die Einheit. Wenn eine Lehre die Einheit gefährdet und zu untragbaren Spannungen führt, wie wir sie in unserer Kirche – nicht nur in Deutschland – derzeit haben, können wir ein Problem nicht als gelöst betrachten. Einheit bedeutet nicht Uniformität. Aber sie bedeutet, dass man

Meines Erachtens  ist beispielsweise das Verhältnis von Amt und Teilhabe beziehungsweise aktiver Teilnahme aller Gläubigen und zwischen hierarchischer und synodaler Kirche nicht zufriedenstellend geklärt.

  • im Frieden und in guter Beziehung sachlich diskutieren kann
  • gemeinsam erkennt, wenn man ein Thema nicht weiterbearbeiten kann, und gemeinsam anerkennt, dass man es deshalb besser ruhen lässt
  • sich ermutig und Ängste überwindet, um entschieden voranzugehen, wo man sich bisher vor Entscheidungen gedrückt hat
  • miteinander aushält, wenn es unterschiedliche Positionen gibt
  • gemeinsam zweifeln lernt, wo man die eigene Meinung und Position nicht mehr hinterfragt.

Als Kirche können wir bezüglich der Einheit in der Vielfalt besser werden. Dazu muss die Überzeugung stark gemacht werden:  „Deus semper major.“ Gott ist immer größer. Dieses Wort des hl. Ignatius von Loyola weist in die richtige Richtung. Denn dieser Gott ist es, der eint. Ein großer Knackpunkt ist die Vorstellung, es dürfe keine Vielfalt geben. Das gilt sicher für die Aussagen des Glaubensbekenntnisses, die uns einen. Aber in Bezug auf moralische Werte und Wertungen ist Differenzierung geboten, besonders dann, wenn es um die Einstellung zu einem konkreten Menschen geht. Nicht umsonst berufen sich politische Gruppierungen, die eher die Uniformität bis ins Detail suchen und sich mit Diskurs und Vielfalt schwer tun, gerne auf jene Gruppen in der Katholischen Kirche, die sich ebenfalls Uniformität wünschen. Als Kirche müssen wir uns wehren, wenn politische oder religiöse Gruppierungen sich auf uns berufen und damit diskriminierende Aussagen und Handlungen rechtfertigen.

Ein großer Knackpunkt ist die Vorstellung, es dürfe keine Vielfalt geben.

Ein weiterer großer Knackpunkt in unserer gegenwärtigen Situation ist die Vermessenheit sowie, damit einhergehend, die mangelnde Demut. Vermessen und maßlos sind einige Forderungen, die weder mit der aktuellen gesellschaftlichen Situation, noch mit der kirchlichen Wirklichkeit kompatibel sind. Vermessen ist der Anspruch auf Macht und Autorität, der nicht nach den tatsächlichen Ressourcen – Fähigkeit, Zeit, etc. – fragt und die Kontingenz als Wesensmerkmal alles Geschaffenen, auch des Menschen, missachtet. Vermessen ist die Vorstellung, mit geringeren personellen Ressourcen alles aufrechterhalten zu können. Vermessen ist die Behauptung, mit Aktionen und Kampagnen könnte Kirche Glaubwürdigkeit zurückgewinnen.

Ein weiterer Knackpunkt ist, dass wir Macht oft exklusiv an Positionen und Ämter binden. Gerade in den 80er und 90er Jahren habe ich Gemeindereferentinnen kennengelernt, die Leitungsaufgaben wahrnahmen, ohne dafür formal die Position zu haben. Und ich erlebe Menschen, die Leitungspositionen innehaben, aber weder leiten noch führen. Der Aspekt, Leitung nicht exklusiv an Position zu binden, muss zusammengedacht werden mit den Bemühungen, Ämter und Positionen geschlechterunabhängig allen Menschen, die dazu berufen sind, zu öffnen. Zugleich relativiert das Zusammendenken beider Perspektiven die Diskussionen über und den Kampf um Positionen.

Ein weiterer Knackpunkt ist, dass wir Macht oft exklusiv an Positionen und Ämter binden.

Wie notwendige Veränderungen konstruktiv gestaltet werden können

Ermutigen möchte ich, sich die Wirklichkeit anzusehen. Dazu gehört es, dass Katholik:innen sich darüber austauschen, welche Aspekte der Wirklichkeit sie sehen. Die Realität ist so komplex, dass es bereits das Miteinander braucht, um die Wirklichkeit möglichst umfassend und korrekt kennenzulernen. Dazu gehört auch die innere Freiheit. Wer Blickwinkel und Argumente verkürzt, um seine vorgefasste Meinung durchzusetzen, ist gefangen und befangen. Beispielsweise leben wir in einer „alternden Gesellschaft“. Als Kirche haben wir in dieser Wirklichkeit die Pflicht, die Menschen zu begleiten und sie zu erinnern: Die letzten Jahre des Lebens sind ebenso wichtig – unter anderem für die Gottesbeziehung – wie die ersten. Auch möchte ich gerade in Krisenzeiten, in denen man nicht weit nach vorne schauen kann, zu Experimenten ermutigen und sie unterstützen. Bei alledem ist es wichtig, dass wir uns und unser Tun am Abend jedes Tages selbst reflektieren und Gott für das Gelungene danken und ihm und seiner Barmherzigkeit das Misslungene anvertrauen. Denn jenseits der nicht zu unterschätzenden Bedeutung von Gemeinde-, Gruppen- und Netzwerkbildung ist letztendlich der einzelne Mensch verantwortlich für das, was er tut. Er kann niemals gegen sein Gewissen handeln, selbst wenn er sich dabei auf die Kirche beruft. Kirche muss mehr zur Gewissensbildung des einzelnen Menschen beitragen und weniger sich mit Reglementierungen befassen, die dem einzelnen Menschen die Verantwortung abzunehmen scheinen. Um dieses Gewissen zu bilden, braucht es möglichst viel Wissen. Dies beinhaltet auch, möglichst viele Aspekte zu einem Thema zur Kenntnis zu nehmen.

Kirche muss mehr zur Gewissensbildung des einzelnen Menschen beitragen und weniger sich mit Reglementierungen befassen, die dem einzelnen Menschen die Verantwortung abzunehmen scheinen.

Wie sich die Kirche weiterentwickeln wird

Die Kirche (in Deutschland) muss systemisch so aufgestellt werden, dass sie nicht ohne Gott auskommen kann. Diese Prämisse, die ich u.a. aufgrund der historisch gewachsenen engen Bindungen zwischen Kirche und Staat mit ihren Chancen und Risiken voranstelle, prägt dann mein Zukunftsbild von Kirche. Mag es teilweise ein Wunschbild sein und bleiben. Ich bin überzeugt, dass wir die Kraft dazu hätten, uns dem in der Wirklichkeit zu nähern, wenn wir es denn wollten.

Die Auflösung von überkommenen Strukturen und die Befreiung von Verpflichtungen, die überfordern, werden zu einer Lösung von Problemen führen, die wir als Kirche seit Jahrzehnten und Jahrhunderten als Ballast tragen. Vor allem werden wir klaren gemeinsamen Beratungs- und Entscheidungsprozessen folgen, die begleitet werden von Unterscheidungsprozessen. Diese werden weniger von Ideologie und mehr von Spiritualität geleitet werden. Der Glaube an das Wirken des Heiligen Geistes in allen Getauften wird stärker sein als die Angst vor der Auseinandersetzung. Gemeinsame Suche nach Antworten auf die Fragen unserer Zeit wird die teils zu wenig von Geist und Vernunft geleiteten Debatten ablösen. Befugnisse und Verantwortung in der Kirche werden in eine Balance gebracht, um den Dienst der Verkündigung effizient und verantwortungsbewusst ausüben zu können. Ich gehe davon aus, dass wir eine Kirche sein werden, die mehr von Gott als von sich selbst reden wird; die Jesus Christus Stimme und Hand in dieser Welt schenkt, ihn darstellt und nicht sich selbst.

Die Auflösung von überkommenen Strukturen und die Befreiung von Verpflichtungen, die überfordern, werden zu einer Lösung von Problemen führen, die wir als Kirche seit Jahrzehnten und Jahrhunderten als Ballast tragen.

Auch muss die Kirche verstärkt lernen, sich je nach Ziel mit Gruppierungen zu vernetzen, die ebenfalls dieses Ziel verfolgen, auch dann, wenn diese nicht die religiöse Überzeugung teilen. An der Stelle einer engen Verbindung mit dem Staat wird es verstärkt wechselnde und in den Zielen begründete Bündnisse geben.

Weshalb ich dabei bin und bleibe

Zu meiner Ordensprofess hatte ich das Wort des Herrn gewählt „Sag nicht, ich bin noch zu jung.“ (Jeremia 1,7). Diese Auswahl hatte sicher den Sitz in meinem Leben, war ich doch erst 19 Jahre alt, als ich versprach, in der Ordensgemeinschaft nach den Evangelischen Räten leben zu wollen. Im Laufe meines Lebens hat sich die Bedeutung dieses Schriftwortes geweitet: Such nicht Gründe, um dich dem Herrn zu verweigern. Dieser will durch uns Menschen in dieser Welt gegenwärtig sein, in guten und in schwierigen Zeiten. Diese Treue Gottes auch in unserer sündhaften Kirche darzustellen, sehe ich als Auftrag. Mein aktuelles Engagement zurücknehmen würde ich, wenn Krankheit dies erfordert oder wenn der Bischof mich aus dem Amt entlässt. Mein Leben als Ordenschrist in dieser Kirche möchte ich mit meinem letzten Atemzug beenden. Da ich sehr in der Gegenwart lebe, habe ich mir über Formen des Rückzugs keine Gedanken gemacht.

Mein Leben als Ordenschrist in dieser Kirche möchte ich mit meinem letzten Atemzug beenden.

Praxis

Die Pflicht zur radikalen Erneuerung

Die Perspektive eines Jugendverbandlers auf den Wandel der katholischen Kirche

Vor allem auch junge Menschen, die in einer demokratisch-pluralistischen Gesellschaft aufgewachsen sind, erwarten von ihrer Kirche, dass sie sich an die Standards der Moderne hält und ihren Dienst als Verkünderin des Evangeliums menschenfreundlich und menschengerecht gestaltet.

Die katholische Kirche ist im Wandel und wird insbesondere in Deutschland so stark hinterfragt wie selten zuvor. Grund dafür sind zahlreiche Krisen, die in Beziehung zueinanderstehen: Die massenhafte und systemisch bedingte sexualisierte Gewalt, die Vertuschung der Missbrauchsfälle, der anhaltende Missbrauch von Macht und deren Konzentration auf Einzelne, die schwindende Relevanz in einer pluralen Gesellschaft, die Handlungen und Haltungen von Menschenverachtung und Menschenrechtsverletzungen, die zahlreichen Kirchenaustritte, die Demokratiefeindlichkeit, die Finanzskandale und einiges mehr. Vor allem auch junge Menschen, die in einer demokratisch-pluralistischen Gesellschaft aufgewachsen sind, erwarten von ihrer Kirche, dass sie sich an die Standards der Moderne hält und ihren Dienst als Verkünderin des Evangeliums menschenfreundlich und menschengerecht gestaltet. Da ist es nicht verwunderlich, dass sich viele Menschen die Frage stellen, ob sie ihren Glauben in dieser kirchlichen Institution noch vertreten und leben können. Viele suchen sich dafür andere Wege und verlassen die Kirche.

Ich selbst ringe mit meinem Verbleib in der Kirche. Fast jeden Tag stelle ich mir die Frage, wann der Punkt erreicht ist, an dem ich gehen muss. Fast jeden Tag muss ich vor mir selbst begründen, warum ich in dieser Institution, die Menschen in ihrer tiefsten Identität verletzt, ihnen Gewalt zufügt (noch) bleiben kann. Und ich nehme bei vielen Jugendverbandler*innen den gleichen inneren Konflikt war. Und beide Entscheidungen kann ich nachvollziehen und würdige sie: Diejenigen, die austreten, weil sie den Mut haben ihren Glauben auf eine andere Weise zu leben, weil sie auf ein Stück ihrer Identität verzichten und somit verdeutlichen, wie kaputt diese Kirche ist, weil sie einen Schritt wagen, vor dem ich bisher zurückgescheckt bin. Und diejenigen die bleiben, weil sie zeigen, dass Kirche nicht nur die „Amtskirche“ von Bischöfen, Priestern und Ordinariaten ist, weil sie ihre Kirche trotz heftiger Kritik gestalten und versuchen sie zu verändern, weil sie trotz stärkster innerer Kämpfe den Mut und die Zuversicht haben, dass sie einen Unterschied in dieser Kirche machen können. Ich gehöre zu Letzteren und bleibe, weil ich Kirche vor allem in den Jugendverbänden kennengelernt habe. Diese sind eine Form der Kirche, die demokratisch ist, bei der Ämter von allen Menschen ausgeübt werden können, sie gewählt und zeitlich befristet sind, eine Form der Kirche in der Kinder und Jugendliche sich selbst organisieren und ihre Strukturen schaffen, selbst ihre Themen festlegen und selbst gestalten, wie sie ihren Glauben leben, eine Form der Kirche, die versucht allen Menschen offen zu begegnen und sie akzeptieren, wie sie sind. Und zugleich weiß ich, dass ich diese jugendverbandliche Form der Kirche auch leben kann, ohne formal Mitglied der katholischen Kirche zu sein. Bisher bleibe ich und zum jetzigen Zeitpunkt kann ich nicht sagen, was geschehen muss, damit es sich ändert. Ich reflektiere es fast täglich und werde wissen, wenn es so weit ist.

Ich verstehe meine Rolle als eine Person, die Transparenz herstellt, die Unbequemes anspricht, die Erkenntnisse über Verletzungen und Störungen verdeutlicht.

So lange ich BDKJ-Bundesvorsitzender bin, ist es unter anderem meine Aufgabe die Interessen von Kindern und Jugendlichen und insbesondere der Jugendverbände in der Kirche zu vertreten. Diese erwarten eine deutliche und laute Stimme für Veränderungen. Sie erwarten, dass jemand nicht nur auf Kompromisse setzt, sondern deutlich macht, wohin sich die Kirche entwickeln muss, damit sie menschengerecht und evangeliumsgetreu ist. Ich verstehe meine Rolle als eine Person, die Transparenz herstellt, die Unbequemes anspricht, die Erkenntnisse über Verletzungen und Störungen verdeutlicht. Und meine Rolle wird missverstanden als Störenfried, Pöbler und wenig kompromissbereit. Zum einen ist Letzteres nicht richtig, denn allein im Synodalen Weg bin ich hundertfach Kompromisse eingegangen und habe mich für jede noch so kleine Änderung in dieser Kirche eingesetzt – zugleich muss jedoch ausgesprochen werden, was Kinder und Jugendliche über die Textvorlagen hinaus erwarten. Zum anderen darf es in gewissen Fragen keinen Kompromiss geben. Mit der Veröffentlichung der sogenannten MHG-Studie ist nachgewiesen worden, dass sexualisierte Gewalt systemische Ursachen und Risikofaktoren hat. Dies bedeutet, dass diese Ursachen und Risikofaktoren weltweit wirken, denn die Systeme und Strukturen der Kirche sind zentralisiert im Vatikan. Und sie müssen beseitigt werden, damit wir sexualisierte Gewalt, sexuellen Missbrauch, Machtmissbrauch und geistlichen Missbrauch verhindern können. Solange die Systeme der Kirche nicht in der Tiefe geändert werden, lässt die Kirche dieses Leid weiterhin zu. Es kann somit keine Lösung geben, die dahinter zurückbleibt. Da ist im Synodalen Weg der Verweis auf Rom und die Weltkirche, auf das aufeinander Hören und kompromissbereite aufeinander Zugehen und das Zusammenbringen progressiver und reaktionärer Personen, auf die Tradition und auf das behutsame Ändern der Kirche nicht hilfreich.

Daher muss die Kirche in Deutschland eine Lösung für Veränderungen dieser Missstände finden, wenn der Vatikan andere Lösungen blockiert. Es kann nicht kirchengetreu, nicht evangeliumsgemäß oder gottgewollt sein, Missbrauch zuzulassen.

Verletzende, leidvolle, gewalttätige Strukturen, Systeme, Haltungen und Kulturen müssen sofort geändert werden. Ein Beibehalten dieser darf nicht die Lösung sein. Daher muss die Kirche in Deutschland eine Lösung für Veränderungen dieser Missstände finden, wenn der Vatikan andere Lösungen blockiert. Es kann nicht kirchengetreu, nicht evangeliumsgemäß oder gottgewollt sein, Missbrauch zuzulassen. Und auch wenn wir sehen, dass sich die Kirche in winzigen Schritten ändert, so ist dies nicht ausreichend, denn es braucht jetzt eine bis an die Wurzeln gehende Veränderung der katholische Kirche und ihrer (Irr-)Lehre1. Ich glaube, wenn dies die Kirchenverantwortlichen nicht verstehen und wahrhaben wollen – und alles deutet darauf hin, dass der Schutz der Institution und der eigenen Macht nach wie vor am wichtigsten ist und kein Verstehen oder Wandel eingesetzt hat – dann wird sich diese Kirche selbst zerstören (müssen) und erst im Aufbau einer neuen Kirche, die Jesus gerecht wird, wird sie sich verwandelt haben.

Das klingt radikal und ist es an letzter Stelle auch. Doch offenbar braucht es diese Radikalität, um dem unfassbaren Ausmaß der Verfehlungen dieser Kirche gerecht zu werden. Ein System, welches so missbräuchlich agiert, muss bis zum Kern verändert werden. Und dies gilt gerade für die katholische Kirche, welche die Welt ebenso radikal mit ihrer Botschaft verändern will, weil Jesus die Welt radikal bis in den Tod hinein und darüber hinaus verändert hat. Die Kirche muss als erstes bei sich selbst beginnen. Ich werde innerhalb dieser Kirche als „Radikalreformer“ bezeichnet und teilweise für diese Meinung verlacht. Doch zum einen muss nach der Alternative gefragt werden, denn ein „weiter so“ darf es nicht geben, und zum anderen ist in unserer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft meine Haltung eine Haltung der Mitte. Und schon allein das zeigt, wie sehr die Kirche in der heutigen Welt mit ihrer menschenfeindlichen Lehre danebenliegt. Die Kirche hat doch gerade die Aufgabe die Botschaft der radikalen Liebe Gottes zu den Menschen zu transportieren, vor aller Leistung und trotz aller Schuld und sie schafft es nicht ihre eigenen Systeme, ihre eigene Struktur, ihre eigene Haltung und Kultur, ja ihre eigenen Lehrsätze danach auszurichten.

Und wir als Jugendverbände müssen uns dabei auch selbst betrachten und anfragen lassen, an welcher Stelle wir die Kirche in ihrer verletzenden Weise unterstützt und gestützt haben.

Und wir als Jugendverbände müssen uns dabei auch selbst betrachten und anfragen lassen, an welcher Stelle wir die Kirche in ihrer verletzenden Weise unterstützt und gestützt haben. Auch dies ist in unseren eigenen Reihen radikal beseitigen. Das ist ebenfalls meine Aufgabe. Sie ist unangenehm, sie ist schwierig, sie verletzt mich in meiner Identität – doch dieser Schmerz, möglicherweise liebgewonnene und selbst als stärkend und persönlichkeitsprägend kennengelernte Strukturen zu hinterfragen, ist gering gegen das Leid und die Gewalt, die die Kirche Menschen zugefügt hat und zufügt. Zugleich dürfen die Jugendverbände von sich behaupten, bedeutend anders zu sein als die römisch-zentralisierte „Amtskirche“. Sie zeigen bereits heute, dass eine demokratische, menschenfreundliche, partizipative, kinder- und jugendgerechte Kirche möglich ist. Eine Kirche, in der sich Menschen selbstbestimmt bewegen, in der Menschen ihre eigenen Strukturen selbstorganisiert finden und gestalten können, in der Glaube weltweit gelebt werden kann und als gemeinsames Gut geschützt wird auch ohne Machtkonzentration in einem hierarchischen System. Solange sich Kinder und Jugendliche in den Jugendverbänden für ihre Kirche einsetzen und diese so gestalten, werde ich ihre Interessen als Teil dieser Kirche mit Stolz angesichts dieser wunderbaren Menschen in den Verbänden, als Ally für vulnerable Gruppen und für Diversität und als Katholik vertreten. Ich will für sie eine laute Stimme des Wandels sein.

Praxis

Die Frage nach dem Warum

Irgendwie ist es ja erstaunlich. Fast jeden Tag fragt mich jemand: „Warum bist Du Priester geworden?“

Die Antwort darauf ist nicht so einfach und doch auch einfach. Äußere Gründe gibt es da viele von denen ich erzählen kann. Gute Vorbilder, die Liebe zum Gottesdienst, eine tolle Gemeinschaft.  Über das Innere zu sprechen ist dann doch kompliziert in Worte zu fassen. Es ist ein Geheimnis. Zwischen Gott und mir. Es hat sich gefügt. Gott hat nicht losgelassen, mir seine Wirklichkeit zu zeigen und mir meinen Platz in dieser Wirklichkeit zuzusprechen.

Aber, wie war das eigentlich damals? Eine gute alte Zeit? Die „Kirche des Abbruchs“ ist für mich eine Realität, die ich nicht anders kenne. Ich bin 1979 geboren, goldene Zeiten habe ich in der Kirche nicht erlebt. Als es darauf zuging Priester zu werden, war es eher so, dass Menschen aus meinem persönlichen Umfeld, die nicht zur Kirche gehörten oder gingen, mich zu diesem Schritt ermutigt haben. Die Skepsis von Menschen in der Kirche war oftmals größer. „Das ist doch nicht mehr zeitgemäß!“

Wenn ich an meine Geschichte in der Kirche zurückdenke, dann ist es sicher in der Kindheit und Jugend eine Geschichte der Sakramente. Die sakramentale Gestalt der Kirche fand in den Katechesen und den damit verbundenen Feiern statt. Gerade die Eucharistiefeier am Sonntag und die Gemeinschaft der Kirchengemeinde, besonders der Ministranten, waren für mich ein sicherer Ort. Ist das noch so?

Das ist jetzt ein Rückblick, der sich auch auf die vergangenen Jahre hin ausdehnen könnte, aber es soll ja mehr um die Lage jetzt und die Zukunft gehen.

Einen Blick in die Zukunft zu wagen, ist riskant. Es gibt so viele Unwägbarkeiten, aber auch die Beeinflussung durch selbsterfüllende Prophezeiungen. Zukunftsforschung hatte in den vergangenen Jahren eine gewisse Aktualität. Immer wieder gab es Prognosen und Hinweise aus der Wissenschaft, wie es weitergehen kann, wie es weitergehen wird. Manche Entwicklung, die wir in der Gesellschaft und auch in den Kirchen sehen, ist sicher so eingetroffen, manches aber auch nicht. Die Geschichte des Menschen ist nichts Lineares und immer auch durch das Unvorhersehbare geprägt.

Wer Verantwortung in der Kirche hat, muss auch Vorsorge für die Zukunft tragen. Ein realistischer Blick in Entwicklungen, Veränderungen und Rahmenbedingungen ist notwendig, in aller Nüchternheit.

Gleichzeitig möchte ich den Blick auf die Gegenwart Gottes in unserem Leben, unseren Planungen und Unternehmungen nicht aufgeben. Das ist doch die Erfahrung des Volkes Gottes: Immer wieder bricht Gott die Entwicklung der Geschichte überraschend auf. Christus selbst war, wenn auch lange erwartet, die größte Überraschung Gottes.

Die Erscheinungen des Totgeglaubten setzen dieses Moment der Überraschung fort, können den menschlichen Blick auf die Zukunft neu ausrichten und stellen ihn Tag für Tag in Frage.

In meiner Gegenwart erlebe ich solche Geschichten von Menschen, die aus ihrer Vergangenheit geweckt werden, manchmal sogar darin regelrecht gefesselt waren. Lähmende Traurigkeit, unerfüllbarer Leistungsdruck, misslungene Beziehungen, das Gefühl austauschbar zu sein.

Dann befreit eine Begegnung mit Gott, die ihnen zeigt: ich bin gesehen, ich bin gewollt, ich bin geliebt – ich habe eine Zukunft!

Genau dazu braucht die Gesellschaft aus meiner Sicht die Kirche. Sie garantiert den Blick Gottes auf die Wirklichkeit des Menschen. Es braucht keine hohlen Phrasen von Vertröstung, sondern das Zeugnis für die reale Gegenwart Gottes im Hier und Jetzt. Für mich passiert das am deutlichsten in den Sakramenten, weil es hier nicht um Meinung und bloße Wort geht, sondern um die Zuwendung Gottes zum Einzelnen in Gemeinschaft.

Um Sinn zu finden und Sinn zu stiften, sollten wir immer zuerst nach dem „Warum“ und erst dann nach dem „Wie“ fragen.

Genau in dieser Spannung wird sich auch die Veränderung der Kirche in ihrer Gestalt in unserem Land, in Westeuropa, in der ganzen Welt vollziehen.

Entwicklungen werden die äußere Gestalt betreffen. Kleiner werdende Gemeinden und Gemeinschaften, verbunden mit Orten an denen die Kirche lebt. Die Kirche wird ihre „Kernkompetenzen“ stärken müssen, um durch diese Zeit zu finden, sie wird mehr ein Akteur von vielen sein und hoffentlich ein guter Kooperationspartner für verschiedenen gesellschaftliche Gruppen. In meinem Arbeitskontext als Hochschulpfarrer erlebe ich diese Entwicklung – anfanghaft – schon jetzt. Als Hochschulgemeinde sind wir ein sehr verlässlicher Partner in der Landschaft der Hochschulen. Kernkompetenz ist dabei vor allem die Seelsorge, die Sorge um den ganzen Menschen.

Wir dürfen als Kirche, aus meiner Sicht, nicht in einen „Etikettenschwindel“ geraten. Wo Kirche draufsteht, sollte dann auch Kirche drin sein. Wahrscheinlich werden wir die Dimension des stellvertretenden Handelns und Seins wieder neu entdecken. Aus dem Heiligen Geist heraus kleine Auferstehungen ermöglichen. Dabei uns ganz in der Gelassenheit des Handelns Gottes in dieser Welt verankern.

Um Sinn zu finden und Sinn zu stiften, sollten wir immer zuerst nach dem „Warum“ und erst dann nach dem „Wie“ fragen.

Darin sehe ich auch die wichtigste Entscheidung der Kirche für die Zukunft auf mich als Priester, Christ und Menschen hin. Wir müssen eine klare Antwort finden auf die Frage, warum es diese Kirche gibt und geben muss, sonst werden wir wahrscheinlich bedeutungslos. Was ist es, das diese Kirche der Welt geben kann – und niemand anderes? WER ist es, den sie zu geben hat?

Praxis

Ungehorsam sein, anders handeln oder gehen

In den letzten Monaten habe ich oft darüber gesprochen, warum ich die Hoffnung auf Veränderung in der römisch-katholischen Kirche verloren und am Ende für mich keinen anderen Ausweg mehr gesehen habe, als zu gehen. Ein Weg der Entfremdung, der sicher nicht erst im letzten Jahr seinen Anfang nahm, aber der eben doch mit immer schnellerem Tempo für mich zuletzt alternativlos war. Ich bereue meinen Schritt auch nicht, denn ich fühle mich in meiner neuen kirchlichen Heimat, der alt-katholischen Kirche, sehr wohl.

Der Begriff der Alternativlosigkeit ist von der Gesellschaft für Deutsche Sprache 2010 zum Unwort des Jahres gekürt worden und auch ich merke bei mir, wie oft er trotzdem in meinem aktiven Sprachgebrauch vorkommt.

Hinter verschlossenen Türen habe ich mich getraut, den einen oder anderen Regelverstoß zu unternehmen

Aber stimmt das rückblickend auch? War es wirklich alternativlos oder muss ich vielleicht selbstkritisch anmerken, dass ich im letzten eben auch in meinem Handeln als Priester in unterschiedlichen Aufgaben und Positionen, zuletzt als Generalvikar, nicht auch viel zu sehr systemimmanent gedacht und gehandelt habe und deswegen auch keine Alternativen gesehen habe? Hinter verschlossenen Türen habe ich mich getraut, den einen oder anderen Regelverstoß zu unternehmen: habe queere Paare gesegnet oder auch heterosexuellen Paaren, die schon mal verheiratet waren, ermöglicht, sich nochmal das Ja-Wort zuzusprechen. Auch ihre Verbindung habe ich gesegnet. Es kam vor, dass pastorale Mitarbeitende in einer Eucharistiefeier, deren Vorsitz ich hatte, predigten oder bei einer Taufe oder Trauung über das übliche Maß hinaus assistierten. Dazu kommt sicher auch noch, dass ich im Lauf der Jahre immer deutlicher meine Stimme erhoben und für Veränderungen eingesetzt habe, aber im Letzten war ich eben immer im System verhaftet. Stolz kann ich auf all das nicht sein, denn es reicht wohl kaum aus, um echte Veränderungen herbeizuführen.

Momentan wird ja viel darüber gesprochen, was der synodale Weg an Veränderungen bringen kann. Ich muss gestehen, dass ich Vieles dabei eher skeptisch sehe und kaum Hoffnung auf echte Veränderung habe. Gleichzeitig habe ich auch den Applaus und die Euphorie nach der Verabschiedung des Grundtextes zu Frauen in der Kirche erlebt und dies am Live-Stream mitverfolgt. Möglicherweise sind meine Erwartungen einfach vollkommen überzogen und ein Großteil ist zufrieden, wie es läuft. Scheinbar hat man sich so an die Rolle gewöhnt, dass man nicht mehr tun kann, sodass schon der Versuch allein, ein Thema auf die römische Agenda beim weltweiten synodale Prozess zu bringen, ausreicht. Ich bin gespannt, wie erfolgreich dies ist. Ich muss gestehen, dass ich seit dem Waterloo in Bezug auf eine Öffnung des Priesteramtes für verheiratete Männer (Viri probate) im Rahmen der Amazonas-Synode sehr ernüchtert auf den weiteren Verlauf der Bischofssynode auf Weltebene schaue.

Möglicherweise sind meine Erwartungen einfach vollkommen überzogen und ein Großteil ist zufrieden, wie es läuft.

Aber nehmen wir nur mal all jene Punkte, die in Deutschland entschieden werden. Selbst hier bin ich immer noch äußerst skeptisch, wie das weiter gehen wird. Der synodale Weg ist ja aufgrund seiner Genese im Letzten doch absolut systemimmanent geblieben. Der jeweilige Bischof ist Herr des ganzen Verfahrens und er entscheidet frei, ob er etwas in seinem Bistum einführen wird. Diesen Sachverhalt hat man auch immer wieder, gerade angesichts heftigen Gegenwinds aus Rom, betont. Nun mag die überwiegende Zahl der sich zur Zeit im Amt befindenden Diözesanbischöfe alle Beschlüsse in ihren jeweiligen Bistümern umsetzen, aber wer gibt die Garantie, dass auch ein Nachfolger wieder so huldvoll ist und sich erbarmt. Auf mich wirkt das alles immer wie die Gewährung von Gnadengeschenken in einem absolutistischen System. Die Gläubigen als getaufte und gefirmte Subjekte kirchlichen Handelns tauchen dabei gar nicht auf.

Ich glaube es bräuchte einen anderen Ansatz. Damit es zu echten und bleibenden Veränderungen kommt, braucht es den Ungehorsam und ein breiter Aufruf zu einem anderen Handeln. In den letzten Wochen lese ich immer wieder von solchen und ähnlichen Aktionen. Einem Aufruf zur Laienpredigt in Eucharistiefeiern, eine Frau in der Schweiz, die zusammen mit den Männern konzelebriert, Priester, die keine Segnungen und sakramentale Trauungen Menschen bzw. Paaren vorenthalten, die von der offiziellen Lehre dafür ausgeschlossen wären.

Damit es zu echten und bleibenden Veränderungen kommt, braucht es den Ungehorsam und ein breiter Aufruf zu einem anderen Handeln.

Ich habe keine Ahnung, ob das zielführend ist. Beim Blick in die Kirchengeschichte habe ich den Eindruck, dass Menschen Dinge anders gemacht haben, als es die offizielle Lehre war und dies dann zu Veränderungen geführt hat: Beispiele hierfür sind die Änderung der Zelebrationsrichtung und die Verwendung der Landessprache in der Eucharistie sowie die Tradition von Mädchen als Ministrantinnen.

Die römisch-katholische Kirche ist Weltkirche und ist darauf stolz – zu Recht. Aber wenn das Weltkirchen-Argument zum Hemmschuh wird, weil die Erwartung im Raum ist, dass man erst etwas ändern kann, wenn alle anderen mitziehen, dann werden wir keine Veränderung erleben. Dann wird die Diskriminierung von LGBTQ+ in der römisch-katholischen Kirche weiter gehen, weil es Länder auf dieser Erde gibt, in denen auf Homosexualität die Todesstrafe steht. Da werden Frauen weiter ausgegrenzt, weil es viele Länder gibt, in denen die Gleichberechtigung von Frauen und Männern nicht existiert. Und all die vielen Betroffenen sexualisierter Gewalt werden auch zukünftig erleben müssen, dass Aufarbeitung – echte Aufarbeitung – nicht existiert, weil in zu vielen Ländern Nähe, Distanz und Sexualität kein Thema sind und die Stellung des Priesters oder gar Bischofs viel zu machtvoll ist und somit sein Handeln vollkommen unhinterfragt akzeptiert wird. Und wir werden auch erleben, dass noch viel, viel mehr Menschen die römisch-katholische Kirche verlassen. Die Wenigsten werden sich einer neuen Kirche anschließen, da sie aus den Erfahrungen mit Kirche genug haben. Und das müsste uns so unruhig werden lassen, weil es im Letzten die Kirche und den gelebten Glauben in dieser Welt so dringend bräuchte.

Und wir werden auch erleben, dass noch viel, viel mehr Menschen die römisch-katholische Kirche verlassen.

Als Martin Luther mit seinen Anliegen auftrat, wollte die kirchliche Obrigkeit nicht hören, was dieses „kleine Mönchlein aus Wittenberg“ zu sagen hat. Heute stehen so viele auf und erheben ihre Stimme und machen ihrem Unmut lautstark Luft, aber auch heute sind es weltweit nur einige wenige Bischöfe, die dies hören und wahrnehmen. Bei Luther kam es in der Folge zum Bruch und erst dann sah man in der römischen Kirche Handlungsdruck. Erst dann kam es zu einem Konzil, welches grundlegende Reformen einläutete. Hat die römische Kirche in diesen 500 Jahren so wenig gelernt? Verhält man sich nicht schon wieder so ähnlich, wie damals zur Zeit der Reformatoren?

Ich will nicht zur Revolution aufrufen und sehe mich auch wahrlich nicht als Martin Luther 2.0, aber ich würde allen raten, die Veränderung wollen, diese auch zu leben und umzusetzen. Jede und jeder kann hier in seinem Bereich einfach anders handeln. Wer wartet, bis Rom oder das zuständige Ordinariat die Erlaubnis gibt, erlebt dies mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr. Ich rate allen dazu, die Veränderung in der römisch-katholischen Kirche wollen, dies auch aktiv umzusetzen und in ihrem Bereich anzugehen. Einen Pfarrer kann man seines Amtes entheben, vielleicht auch fünf oder zehn, aber hunderte nicht. Das gleiche gilt auch für pastorale Mitarbeitende. Die Reformwilligen sind so schlecht vernetzt und organisiert, dass man ihnen nur raten kann, sich bei den konservativen Gruppen in der Kirche eine Scheibe abzuschneiden.

Wenn man nicht ungehorsam sein kann, weil man keine Kraft dazu hat, die Widerstände zu groß sind oder man daran krank wird, dann geht man besser.

Wenn man nicht ungehorsam sein kann, weil man keine Kraft dazu hat, die Widerstände zu groß sind oder man daran krank wird, dann geht man besser. Es gibt genügend andere Kirchen. Wenn man bleibt und nichts tut, dann trägt man dazu bei, dass dieses System der Diskriminierung und des Machtmissbrauchs weiter gefestigt und gestärkt wird.

 

Ich hatte am Ende die Kraft, weiterzukämpfen, nicht mehr und bin gegangen.

Praxis

Fürchte dich nicht, du armer Wurm Jakob

Auflösungserscheinungen, Kipp-Punkte, Zusammenbrüche – und nicht wirklich Aussicht auf Besserung: Damit sollten wir uns eigentlich auskennen. Und könnten drüberstehen und uns an Jesus halten: „Fürchte dich nicht, du kleine Herde.“ hat der gesagt. Und sich dabei an den Zweiten Jesaja gehalten: „Fürchte dich nicht, du armer Wurm Jakob“ (Jes 41,14). Und beide sagen sie es gegen den Trend und gegen den Augenschein.

„Fürchte dich nicht, du kleine Herde! Denn Euer Vater hat beschlossen, euch das Reich zu geben.“

Jesaja sagt es denen im Exil. Vom ehrwürdigen Tempel stand da kein Stein mehr. In der Königsstadt Jerusalem weideten Ziegen in den Trümmern. Und Psalmenlieder ließen sich jetzt bei ihren Gelagen die neuen Herren von ihren judäischen Sklaven zur Belustigung vortragen. Das sah Jesaja natürlich auch alles. Und sah mehr. Sah den Zionsberg, und dass die Menschen alle dorthin pilgern werden. Weil die Erde dort getränkt sein wird von Frieden und Gerechtigkeit. (Einen Tempel sah der Zweite Jesaja übrigens dort nicht. Das unterschied ihn vom anderen großen Träumer seiner Zeit: Ezechiel. Der sah den neuen, wiederhergestellten Tempel in allen, aber wirklich allen Details voraus. Bloß, dass er sich bei ihm am Ende verflüssigt und zum Lebensstrom wird für die Menschen. Auch ein schönes Bild für eine Kirche, die ins Schwimmen kommt. Aber das nur am Rande).

Jesus jedenfalls hat sich in diese gedankliche Reihe gestellt und die Linie noch ein Stück ausgezogen: Nicht um den Zionsberg werde es gehen, sondern um das Reich Gottes für alle Menschen. „Fürchte dich nicht, du kleine Herde! Denn Euer Vater hat beschlossen, euch das Reich zu geben.“ (Lk 12,32)

„Na, bitte“, könnten die Reformgegner in ihrer Wagenburg sagen. „Kein Grund zur Beunruhigung. Alles schon mal dagewesen. Und die Kirche hat es ausgehalten. Unabsteigbar, unkaputtbar eben.“ Aber da würde dem Zweiten Jesaja der Hut hoch gehen (und dem Ezechiel auch). Denn so hat er es gewiss nicht gemeint. Und von wegen: unkaputtbar. Die einst blühenden Kirchen Nordafrikas und Kleinasiens sprechen eine andere Sprache.

Wer aus Angst um den Fortbestand der Kirche diese vor der Welt abschotten möchte, der hat im Grunde schon aufgehört an die Wirksamkeit von Kirche zu glauben …

Beunruhigung also sehr wohl. Gelassenheit aber auch. Sich keine Angst einjagen lassen. Weder von denen, die hämisch grinsend auf unsren Untergang warten. Noch von den andren, die uns weismachen wollen, jede kleinste Änderung im Lehrgebäude brächte das ganze Gefüge zum Einsturz. Und erst recht nicht davon, dass wir nur ein kleines Häuflein sind, gering an Kraft und allzu beschränkt in unsren Möglichkeiten. Das alles widerlegt nicht den Grund unsrer Hoffnung.

Wer aus Angst um den Fortbestand der Kirche diese vor der Welt abschotten möchte, der hat im Grunde schon aufgehört an die Wirksamkeit von Kirche zu glauben und kauft sich höchstens noch ein bisschen Zeit. Wer an die Wirksamkeit von Kirche glaubt, dem können die bröckelnden Tempel-Steine sogar letztlich egal sein: egal ob Gebäude, gesellschaftlicher Einfluss oder institutionelle Macht. Nicht egal sein kann uns dann aber, wovon diese Kirche kündet. Und mit welchem Maß an Entschlossenheit und Unerschrockenheit sie das tut.

Fürchtet euch nicht. Denkt nicht zu klein von dem, was ihr bewirken könnt. Für eine bessere Kirche. Vor allem aber für eine bessere Welt. Kleinmut ist keine Option. Und Feigheit keine Strategie. Wir brauchen nicht mit dem Kopf durch die Wand. Aber immer mal an der Türklinke rütteln, ob die Tür denn tatsächlich immer noch verschlossen ist, das sollte man von uns doch erwarten können. (Und manchmal geht sie ja einfach nach der andern Seite auf…)

Wir sollten uns nicht unterschätzen. Und unsere Pfarreien und Gemeinden auch nicht. Und tunlichst auch nicht, wer uns alles an Bündnispartnern begegnen könnte. Vorausgesetzt natürlich: Wir versuchen es. Und laden ein, es mit uns zu versuchen. Oder laden uns bei denen ein, die es jedenfalls versuchen. Womöglich finden wir den Gott, den wir so schmerzlich vermissen, gerade dort. Wer hat denn gesagt, dass der, der die Welt erlöst hat, sich exklusiv um die Katholiken kümmern würde?

Bange machen gilt nicht. Ihr könnt mehr, als ihr ahnt. Und ihr ahnt nicht mal im Ansatz, was Gott durch euch kann.

Furchtlos und gelassen: für den wirksamen Schutz vor sexualisierter Gewalt, für Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern, für die Bewahrung der Schöpfung und die Rettung des Klimas. Für Frieden in Gerechtigkeit und für den Kampf gegen Armut und Ausgrenzung. Für einen wertschätzenden Umgang miteinander – ach, es ist fast egal, wo wir anfangen. Das meiste hängt sowieso zusammen. Und es wird nur etwas werden, wenn es nicht in hektischen Aktionismus ausartet oder aus Resignation und Kleinmut gleich ganz unterbleibt.

Liebe Würmlein! Bange machen gilt nicht. Ihr könnt mehr, als ihr ahnt. Und ihr ahnt nicht mal im Ansatz, was Gott durch euch kann.

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