012026

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Konzept

Andreas Wittrahm

Die Dialektik religiöser Biografien um die Jahrtausendwende. Zur Dynamik religiösen Wandels im höheren und hohen Alter

Beginnen wir mit der „postglazialen Landhebung“. Da dieser Essay auf einer Insel im Kattegatt entsteht, liegt es nahe, die „Dynamiken des (religiösen resp. kirchlichen) Wandels“ im Lichte dieser geologischen Dynamik zu betrachten, die die skandinavische Halbinsel immer noch ca. 1 cm pro Jahr ansteigen lässt, während auf der anderen Seite der Ostsee die norddeutsche und dänische Küste absinken. Die Ursache für die Hebung liegt im Abschmelzen der skandinavischen Gletscher vor etwa 10.000 Jahren, die das Land über Jahrtausende niedergedrückt bzw. niedergehalten hatten. Könnte es sein, dass für die Religiosität der Mitteleuropäer ähnliches gilt und es mit dem Abschmelzen des gesellschaftlichen Einflusses der Kirchen zu einer vergleichbaren „Hebung“ – hier in Form einer Zunahme des Spielraums für individuelle religiöse Biografien gekommen ist?

Die Einsicht, dass die ontogenetische Entwicklung jedes Menschen, der wir die religiöse Entwicklung subsumieren wollen, von Beginn an auch mit Einflüssen der Außenwelt zusammenhängt, verdanken wir der Life-span-Psychologie1. Die Bedeutung der Außenwelt wiederum wächst mit zunehmendem Lebensalter, entsprechend dem vom leider viel zu früh verstorbenen deutsch-amerikanische Psychologen Klaus Riegel formulierten Grundsatz der „dialektischen Entwicklungspsychologie“:

Jeder sich entwickelnde Mensch verändert handelnd nicht nur sich selbst, sondern auch die Außenwelt, in der er lebt, und wird durch die Welt, die er und andere geschaffen haben, verändert.

Jeder sich entwickelnde Mensch verändert handelnd nicht nur sich selbst, sondern auch „die Außenwelt, in der er lebt, … und wird durch die Welt, die er und andere geschaffen haben, verändert.“2 Mit dieser fruchtbaren Alternative zu den gängigen intrinsischen oder extrinsischen Entwicklungskonzepten fand sich ein vielversprechender Ausgangspunkt zur Beschreibung und zum Verstehen der individuellen religiösen Entwicklung3 und deren möglichen Beiträgen zur Dynamik gesellschaftlicher Prozesse im fortschreitenden 21. Jahrhundert. Auf diesem Hintergrund sind im Folgenden drei Fragen zu diskutieren:
  1. Wie geht dieser Wandel im Einzelnen vor sich, und wie lässt sich das Verhältnis von individuellem und gesellschaftlichem Wandel beschreiben und bestenfalls bestimmen?
  2. Lassen sich Richtungen des religiösen Wandels erkennen?
  3. Welchen Einfluss übt wiederum ein religiöser Wandel auf allgemeine gesellschaftliche Veränderungsdynamiken aus?

Wie geht dieser Wandel im Einzelnen vor sich, und wie lässt sich das Verhältnis von individuellem und gesellschaftlichem Wandel beschreiben und bestenfalls bestimmen?

Romano Guardini und Karl Rahner beschrieben Mitte des 20. Jahrhunderts erstmals Überlegungen zu einer Veränderung der Qualität des Glaubens mit zunehmendem Alter. Damit waren sie ihrer Zeit voraus, da im theologischen Mainstream noch allenfalls die pastorale Praxis oder die moralischen Anforderungen, nicht aber die persönliche Entwicklung des Glaubenslebens durch ontogenetische Prozesse beeinflusst gesehen wurde.

Die Erkenntnis von der Plastizität menschlichen Erlebens und Verhaltens in der zweiten Hälfte des individuellen Lebenslaufes war in der Praktischen Theologie zwar angestoßen, aber noch lange nicht als Gegenstand angekommen.

Die Erkenntnis von der Plastizität auch dieser Dimension menschlichen Erlebens und Verhaltens in der zweiten Hälfte des individuellen Lebenslaufes war somit in der Praktischen Theologie zwar angestoßen, aber noch lange nicht als Gegenstand erweiterter Forschung und Diskussion angekommen. Erst seit die religionssoziologischen Daten den Trend eines permanent sinkenden „religiösen Levels“ unübersehbar aufdecken4, muss sich neben der religionspsychologischen auch die pastoraltheologische Forschung mit diesen Veränderungen beschäftigen: Fast alle im Rahmen (religions-)soziologischer Studien in der nordwestlichen Hemisphäre präsentierten Items zur Beschreibung von Glaubensüberzeugungen oder religiöser Ansprechbarkeit (von der Kirchenbindung ganz zu schweigen) zeigen im Erwachsenenalter von Kohorte zu Kohorte in allen Altersgruppen permanent niedrigere Werte. Das heißt, jede Altersgruppe im Erwachsenenalter weist in allen Indizes der großen quantitativen Untersuchungen, also etwa der Kirchenmitgliedschaftsuntersuchungen wie auch der Auswertungen der Allbus-Untersuchungen durch die „Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland“, niedrigere Werte auf als die jeweils nächst-ältere Altersgruppe, aber auch im Vergleich zu den jeweils Gleichaltrigen in den früheren Untersuchungen.

Jede Altersgruppe im Erwachsenenalter weist in allen Indizes der großen quantitativen Untersuchungen niedrigere Werte auf als die jeweils nächst-ältere Altersgruppe, aber auch im Vergleich zu den jeweils Gleichaltrigen in den früheren Untersuchungen.

Damit ist über die individuelle biografische Wandlungsdynamik noch nichts gesagt. Für die kohortengebundenen Veränderungen braucht es lediglich äußere Einflüsse (siehe „postglaziale Landhebung“), die dafür sorgen, dass jede Generation mit geringerer religiöser Ausstattung startet als die vorherige.

Doch da diese Reduktion der (gemessenen) Religiosität sowohl im horizontalen als auch vertikalen Vergleich zu beobachten ist, scheint es naheliegend, dieses Phänomen als doppelte Auswirkung eines allgemeinen Säkularisierungstrends zu deuten: Dieser scheint zusätzlich zu den veränderten Startbedingungen im Laufe des individuellen Lebens die in jeder Generation sowieso immer vulnerabler verankerte Religiosität schlicht durch allmähliches Austrocknen aufzulösen. Oder führt gar, beschleunigt durch den Abbruch der Vertrauenswürdigkeit der Kirchen als wesentlicher Agenten einer verfassten Religiosität, bei entsprechender Konfrontation mit enttäuschenden oder empörenden Erfahrungen durch persönliche oder öffentliche Anlässe irgendwann im Leben zu dem Entschluss, dass es jetzt reiche mit der Religion und gar mit der Kirche die Beziehung zu Glaubensgemeinschaft und religiöser Praxis abgebrochen wird.

Es gibt einen alternativen Erklärungsansatz an den sich viele pastorale Konzepte und kirchlich Verantwortliche lange geklammert haben, dass ein geheimes Skript im Lebenslauf jedes Einzelnen diesen erst im Alter zur höchsten Ausprägung seines spirituellen bzw. Glaubenslebens (und damit zurück zur Kirche) führt, zumindest wenn in Kindheit und Jugend entsprechende Fundamente gelegt wurden.

Es gibt allerdings einen alternativen Erklärungsansatz (an den sich viele pastorale Konzepte und kirchlich Verantwortliche lange geklammert haben), dass ein geheimes Skript im Lebenslauf jedes Einzelnen diesen erst im Alter zur höchsten Ausprägung seines spirituellen bzw. Glaubenslebens (und damit zurück zur Kirche) führt, zumindest wenn in Kindheit und Jugend entsprechende Fundamente gelegt wurden. Auch eine solche Entwicklung mag säkularen Einflüssen unterliegen. Wer mit einem niedrigeren Religiositätsindex (wie immer wir den beschreiben) in Kindheit und Jugend, vor allem aber im jungen Erwachsenenalter startet, wird vielleicht nicht das Niveau seiner Vorgängergeneration erreichen, aber immerhin ebenfalls die höchste Ausprägung seiner Religiosität im höheren und hohen Alter erfahren. Spannend bleibt dann aber die Frage, wie sich ein solcher biografischer Trend zu wachsender religiöser oder spiritueller Aufgeschlossenheit oder gar Suche im höheren Alter realisieren sollte, wenn in Kindheit und Jugend gar keine entsprechenden Dispositionen angelegt wurden?

Diese Fragen sind allein aufgrund von querschnittlichen Untersuchungsergebnissen nicht zu entscheiden, denn bei den quantitativen Daten zur religiösen Entwicklung sind historisch-gesellschaftliche und individuell-psychische Entwicklungen konfundiert. Entwicklungspsychologisch gedacht, wird man im Sinne Riegels von einem kombinierten Effekt ausgehen müssen. Aber wie hängen gesellschaftliche und innerpsychische Prozesse miteinander zusammen? Zur Beantwortung dieser Frage bedarf es eigentlich der Kombination der vorliegenden querschnittlichen Analysen mit einer Längsschnittstudie, deren Aufwand in herkömmlichen Forschungsprogrammen allerdings kaum zu realisieren ist.

Mit einem methodischen Kompromiss versuchte eine Forschungsgruppe unter Leitung von Walter Fürst und dem Verfasser um die Jahrtausendwende, die damals schon virulenten Veränderungen im religiösen Erleben und Verhalten insbesondere im mittleren und höheren Erwachsenenalter nachzuzeichnen.5 Als qualitativer methodischer Ansatz diente eine biographische Exploration6, mit der die religiöse Lebensgeschichte in umfangreichen leitfadengestützten Interviews rekonstruiert wurde. Mit einem Drittel der Stichprobe konnte nach ca. zwei Jahren zudem ein Follow-Up-Interview geführt werden. Hinzu kam ein Kohortenvergleich: Die Gruppe erhob Interviews mit nach dem Zufallsprinzip ausgewählten Forschungsparter:innen aus Nord-, Ost und Westdeutschland, gleichverteilt nach Geschlechtern und in zwei Altersgruppen (Geburtsjahrgang 1930 bis 1935 und 1950 bis 1955). Aus einer vorherigen Pilotstudie stand noch ca. ein Dutzend Biografien hochaltriger Menschen der Geburtsjahrgänge zwischen 1910 und 1925 zur Verfügung. Damit schienen wesentliche historische Sozialisationsbedingungen abgebildet:

  • die älteste Gruppe mit der Kindheit in erstmals sich liberalisierenden Kirchen und Jugend in der religionskonkurrierenden und kirchenfeindlichen NS-Zeit (Pilotstudie),
  • die Gruppe der Senioren mit der Kindheit im Dritten Reich und Jugend in der (auch kirchlichen) Restauration der Nachkriegszeit und
  • die Gruppe im höheren Erwachsenenalter mit der Kindheit im Wirtschaftswunder sowie der Jugend im kulturellen Umbruch der 60er-Jahre.

Zwei theoretische Vorentscheidungen trafen wir für unser Projekt: Erstens entschieden wir uns für einen differenzierten Religionsbegriff als abhängige Variable. Beobachtet werden sollte eine individuelle „Gestalt der Religiosität“, bestehend aus den fünf Dimensionen „Gottesbild“, „subjektives Religionsverständnis“, „religiöse Praxis“, „religiöses Wissen“ und „religionsgemeinschaftliche Bindung“. Wir gingen davon aus, dass Veränderungen über die Zeit in jeder einzelnen Dimension zu beobachten sein sollten, dass diese aber nicht unabhängig erfolgten und die Veränderungen der Einzeldimensionen in bestimmten Fällen zu einem umfassenden „Gestaltwandel“ könnten – aber nicht müssten, sondern auch bestehende Ungleichzeitigkeiten abbilden könnten. Zweitens lösten wir uns vom dominierenden Paradigma der Stufenmodelle religiöser Entwicklung, wie sie den an Kohlberg angelehnten und seinerzeit von James Fowler und Fritz Oser erarbeiteten und einer empirischen Überprüfung zugeführten Konzepten zugrunde lag. Statt dieser noch bis heute häufig als Referenzmodellen dienenden Theorien rezipierte unser Ansatz das Life-span-Modell der psychischen Entwicklung im Erwachsenenalter mit besonderem Fokus auf dem Umgang mit kritischen Lebensereignissen.

Die Entwicklung der individuellen Gestalt der Religiosität folgt keinem normativen Muster, sondern verändert sich interindividuell und intraindividuell plural. Dies geschieht in Wechselwirkung mit historischen Bedingungen und persönlichen kritischen Lebensereignissen.

Folglich lauteten die beiden wesentlichen Hypothesen:

  • Die Entwicklung der individuellen Gestalt der Religiosität folgt keinem normativen Muster, sondern verändert sich – entsprechend den Axiomen der Life-span-Psychologie – interindividuell und intraindividuell plural.
  • Dies geschieht in Wechselwirkung mit historischen Bedingungen und persönlichen kritischen Lebensereignissen.

Zur Überprüfung der Hypothesen ließen wir die Forschungsparter:innen ihren bisherigen Lebenslauf selbst nach für sie bedeutsamen Lebenswenden gliedern und die jeweilige Gestalt ihrer Religiosität in allen fünf Dimensionen vor und nach dieser Wende beschreiben. Auf diese Weise ergaben sich nicht nur Erkenntnisse zur Veränderungskraft der Lebenskrisen, die für die Forschungsparter:innen zu Lebenswenden führten, sondern auch ein (erinnertes) Kontinuum an Gestalten von der Kindheit bis zum Erhebungszeitpunkt.

Ganz grob gesprochen konnten wir beide Hypothesen bestätigen. Die Plastizität der Gestalt der Religiosität der Forschungsparter:innen variierte mit der Anzahl an kritischen Lebensereignissen, von denen sie (retrospektiv) zu berichten wussten und deren Einfluss auf mögliche Veränderungen ihrer Religiosität sie auch beschreiben konnten (Individualisierung und Pluralisierung). Die Veränderungen wiesen um so stärker in Richtung einer individualisierten oder besser personalisierten Gestalt der Religiosität, je später die Forschungsparter:innen geboren wurden (Kohorteneffekt).

Im Einzelnen war zu fragen, ob die Idee typischer „Gestalten der Religiosität“ zu einer sinnvollen, einerseits veränderungssensitiven und andererseits konsistenten Beschreibungskategorie führen konnte. Mit Hilfe von Expertenratings ließen sich sieben abgrenzbare, an den praktisch-theologischen Forschungsstand anschlussfähige und dennoch innovative „Gestalttypen“ ermitteln, deren Veränderungsmuster durch den Lebenslauf zu verfolgen waren. Bei knapp 30 % der Forschungsparter:innen war eine Stabilität der Gestalt vom Ende der Kindheit bis ins Alter zu beobachten, gut 20 % berichteten von drei und mehr Wechseln, der Rest lag dazwischen. Die Wechselhäufigkeit der jüngeren Kohorte lag höher, obwohl diese bis zum Untersuchungszeitpunkt weniger Lebensjahre und mit dem 2. Weltkrieg eine große gesellschaftliche Veränderung weniger durchlebt hatten.

Inhaltlich ergab sich als bedeutendster Wechsel die Abkehr von einer traditional-kirchlich geprägten Gestalt (60 % vor der ersten Lebenswende) hin zu nicht einer, sondern einer Vielfalt von Gestalten! Ausgelöst wurden diese Lebenswenden überwiegend durch kritische Lebensereignisse im Sinne von Sigrun-Heide Filipp. Krankheiten, Todesfälle und familiäre Ereignisse zwangen die Forschungsparter:innen zu „Synchronisationsleistungen“, was in 40 % der Fälle zu einem Wandel in der Gestalt der Religiosität führte. Die Auslöser waren also zunächst einmal persönlicher Natur, wobei historische Entwicklungen (Krieg, kulturelle Veränderungen, kirchliche Großereignisse wie das Konzil und seine Folgen) den Hintergrund für manche individuellen Krisen bildete. Während ein knappes Drittel der Forschungsparter:innen auch im Alter die Merkmale einer traditionalen (kirchlichen) Religiosität aufwiesen, verteilten sich die übrigen zwei Drittel auf alle sechs anderen Gestalttypen: communial-kirchlich, kultur-christlich, kultur-kirchlich, postmodern-religiös, indifferent und areligiös. Die Pluralität insgesamt und die Veränderung hin zu den „offenen“ Religionstypen fand sich bei den jüngeren Forschungsparter:innen deutlich beschleunigt.

Interessante Befunde zeigten sich bei Betrachtung der einzelnen Dimensionen: Die „kognitiven“ Bestandteile der religiösen Gestalt, also Gottesbild und Religionsverständnis, erwiesen sich als deutlich veränderungssensitiver, während die praktischen Gestaltmerkmale (religionsgemeinschaftliche Bindung und religiöse Praxis) deutlich mehr Stabilität aufwiesen. Dies führte zu Ungleichzeitigkeiten innerhalb der Gestalt, die, anders als in einschlägigen entwicklungspsychologischen Modellen vorhergesagt, nicht unmittelbar zum Ausgleich drängten, sondern oft über lange Lebensphasen ausgehalten wurden – und dann doch anlässlich eines kritischen Lebensereignisses einen Gestaltwandel provozierten.

Die massivsten Veränderungen einer Einzeldimension wies das Gottesbild auf: Die Mehrheit der (religiösen) Forschungsparter:innen nahm aus der kindlichen/jugendlichen (vorkonziliären) Sozialisation ein patriarchalisches Gottesbild mit in den Lebenslauf. Mit jeder Lebenswende schmolz dieses Konzept insbesondere in der patriarchalisch-strengen Variante ab und spielte zum Zeitpunkt der Untersuchung keine Rolle mehr – die Gottesvorstellungen hatten sich stattdessen auf eine gütig-patriarchalische Gottesbildvariante, ein „partnerschaftliches“ Gottesverhältnis sowie diffuse oder apersonale Konzepte verteilt. Strikter Atheismus war – zumeist von Kindheit an – auf niedrigem Niveau stabil geblieben.
Umgekehrt fand sich – und hier wird am ehesten deutlich, dass die Studie gut 20 Jahre zurückliegt – die höchste Stabilität bei der Bindung an die jeweilige Religionsgemeinschaft: Nur ganz wenige Forschungsparter:innen hatten im Kontext von Lebenswenden eine innere oder äußere Abkehr von ihrer jeweiligen Gemeinde, Kirche oder Gemeinschaft vollzogen.

Lassen sich Richtungen des religiösen Wandels erkennen?

Die Befunde unserer Bonn-Aachener pastoralpsychologischen Studie werden u. a. deshalb hier so ausführlich rezipiert, weil sich mit einer Ausnahme keine vergleichbaren Forschungsprogramme zur ontogenetischen Entwicklung der Religiosität im mittleren und höheren Erwachsenenalter angeschlossen haben. Nur das – zeitlich und hinsichtlich der Teilnehmerzahl umfangreiche – Studienprogramm der Universitäten Bielfeld und Tennessee (Heinz Streib u.a.) verfolgt ein vergleichbares Interesse, das – in kritischer Fortentwicklung des Faith-development-Konzepts von Fowler – auf einen methodischen Ansatz mit halb-strukturierten Interviews, einen offenen und dimensional gestalteten Religionsbegriff und eine Ausrichtung auf den gesamten Lebenslauf als Beobachtungsperspektive zurückgreift. Streib u.a. wählen als Beobachtungskategorie in Anlehnung an Fowler einen „Lebensglauben“ (faith)7, den sie von einer stark normativ orientierten Religiosität unterscheiden. Die Fragestellung ihres sich über mittlerweile 20 Jahre erstreckenden Programms lautet, „ob, wie, warum und mit welchen Konsequenzen Menschen ihre Religion und Weltanschauung ändern.“8

Während sich das Bonner Programm stärker an der Konfrontation mit individuellen oder historischen Lebenswenden orientiert und damit den Interaktionen nachspürt, die für Veränderungen in der Gestalt der Religiosität verantwortlich zu machen sind, richtet die Gruppe um Streib ihr Augenmerk besonders auf persönliche Stile (faith styles), die eine Glaubensentwicklung fördern oder hemmen. Neben diesem methodischen Unterschied verfolgen die beiden Studien deutlich verschiedene Ziele: Die Bonner Studie ist überwiegend deskriptiv angelegt, während das Bielefeld-Chattanooga-Programm von einem normativen Ziel ausgeht: Die Forschenden suchen nach Bedingungen, unter denen religiöse Entwicklung Menschen zu einem weiter entwickelten „faith style“, d. h. zu mehr Offenheit für interreligiösen Wandel, damit Offenheit für Fremde(s) und Reduktion von Vorurteilen befähigt. Religionspsychologisch betrachtet verläuft ihre Glaubensstil-Hierarchie von einem selbstbezogenen über einen konventionellen und einen persönlich reflektierten letztlich zu einem dialogischen Glaubensstil, der dann am ehesten mit der gesuchten interreligiösen Offenheit als Resultat und dem Wandel von einem autoritären hin zu einem mystischen oder unaussprechlichen Gottesbild korreliert. Drei Prädiktoren für einen solchen Fortschritt in den Glaubensstilen finden die Forschenden: Persönlichkeitspsychologisch korreliert der dialogische Glaubensstil mit einer hohen Ladung auf dem Faktor „Offenheit für neue Erfahrungen“ im Rahmen des Big-Five-Modells, und praktisch-theologisch ist eine umgekehrte Korrelation zu „religiös-kirchlicher Praxis“ sowie zur Akzeptanz lehramtlicher und katechetischer Texte festzustellen – so dass im Ergebnis die Entwicklung eines dialogischen „faith style“ und seiner erwünschten ethischen Begleiterscheinungen mit einer Distanz zum kirchlich tradierten Glauben und einer formalisierten Religiosität einhergeht.

Welchen Einfluss übt wiederum ein religiöser Wandel auf allgemeine gesellschaftliche Veränderungsdynamiken aus?

Was wissen wir nun über die „Dynamik religiösen Wandels im (höheren) Erwachsenenalter“ – und was tragen die Ergebnisse dieses Wandels möglicherweise in die vielfältigen Prozesse des gesellschaftlichen Wandels im 21. Jahrhundert ein?

Eine Kombination der Ergebnisse der Bonner und der Bielefelder Studien vor dem Hintergrund religionssoziologischer Umfragen ergibt folgendes Bild:

Das in gewissem Maße geschlossene Bild der Religiosität aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich aufgelöst.

Das in gewissem Maße geschlossene Bild der Religiosität aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich aufgelöst – die kirchliche Partizipation wie auch die Indikatoren einer konventionellen Religiosität, hier vor allem ein patriarchales bzw. überhaupt „personales“ Gottesbild, Akzeptanz von Religion und Kirche als wichtige gesellschaftlich-kulturelle Größen und das katechetische Wissen haben von Kohorte zu Kohorte abgenommen, und die Indikatoren einer solchen konventionellen Religiosität sind auch nicht mit zunehmendem Alter in den Biografien nicht wieder aufgeflammt. Stattdessen haben sich insgesamt religiöse Indifferenz und diverse Gottesvorstellungen sowie vielfältige Konzepte individueller Spiritualität verbreitet.

Als Ursachen dieser Entwicklung lassen sich sowohl gesellschaftliche Entwicklungen als auch persönliche Erfahrungen ausmachen. Als Mischung von beidem lässt ist etwa die große Kirchenaustrittswelle im Zusammenhang mit den Aufdeckungen der Missbrauchsfälle und der zögerlichen Aufarbeitung in den Kirchen zu deuten: Der kulturell-gesellschaftliche Faktor liegt in der deutlich gesunkenen gesellschaftlichen Toleranz gegenüber sexualisierten Übergriffen. Hinzu kommt die gewachsene Bereitschaft von Christinnen und Christen allen Alters, ihre persönliche Glaubensgestalt von solcherlei skandalösem Verhalten oder auch von kirchenpolitischen Entscheidungen, die nicht zu ihren sonstigen Überzeugungen passen, beeinflussen zu lassen. Die persönliche religiöse Biografie reagiert zudem, wie die Bonner Studie gezeigt hat, stark auf das Erleben und die Bewältigung von Lebenswenden und Lebenskrisen: Standen in diesen Krisen private oder institutionelle Begleiter und Unterstützer mit überzeugender persönlicher Religiosität bzw. kirchlich-diakonischem Hintergrund zur Seite, konnte dies Impulse im Sinne einer weiter ausdifferenzierten und gefestigten Gestalt der Religiosität zur Folge haben. Umgekehrt führten Erfahrungen der Exklusion, der Missbilligung oder moralischen Verurteilung in solchen Krisen auch im Alter zu weiterer Distanzierung. Somit dürfte zwar das Zusammenwirken von gesellschaftlichen Veränderungen und persönlichen Erlebnissen in der religiösen Entwicklung im Sinne des Riegelschen Dialektik-Modells oder der Grundsätze der Life-span-Psychologie als bestätigt gelten – die genauen Mechanismen dieses Zusammenwirkens zu identifizieren oder gar zu quantifizieren, bleibt weiterer Forschung vorbehalten.

Wenn wir davon ausgehen, dass sowohl die individuelle Lebensgestaltung als auch die hohe Komplexität und Vielfalt des gesellschaftlichen Zusammenlebens im Gefolge der enormen Wandlungsdynamik im 21. Jahrhundert insbesondere des Aufbaus einer belastbaren Ambiguitätstoleranz bedürfen,9 dann können sowohl die Ergebnisse der Forschungen von Streib als auch der Bonner Studie interessante, allerdings für die verfassten Kirchen nicht unproblematische Beiträge liefern: Die beiden oberen Stufen in der Streibschen Hierarchie der religiösen Entwicklung, also (religiöse) Selbstreflexivität und interreligiöse Dialogbereitschaft dürften am ehesten für ein „Leben mit riskanten Chancen“ (Keupp) und in Anerkennung von Verschiedenheit qualifizieren. Ebenso werden diejenigen Gestalttypen der Religiosität, die gemäß der Bonner Studie ein existenzvergewisserndes und zugleich freiheitsgewährendes Gottesbild und eine eigenverantwortliche religiöse Praxis kombinieren, Menschen im mittleren und höheren Erwachsenenalter ermutigen, die Dynamiken des gesellschaftlichen Wandels nicht nur auszuhalten, sondern auch weiterhin zu gestalten.

„Lehre“ kann nicht mehr „Belehrung“ heißen, sondern Weitergabe des Evangeliums durch Orthopraxie und Sorge für eine überzeugende pastorale Ästhetik.

Wenn aber laut Streib diese höher entwickelten „Glaubensstile“ mit einer zumindest kritischen religiösen Praxis und einer Skepsis gegenüber kirchlichem Lehramt bzw. kirchlichen Texten einhergehen – und wenn entsprechend der Bonner Studie die religionsproduktivste Situation dort anzutreffen ist, wo Menschen in Lebenswenden und Lebenskrisen Akzeptanz, Begleitung und konkrete Hilfe erfahren –, dann müssen sich die verfassten Kirchen, um im gesellschaftlichen Wandel eine konstruktive Rolle zu spielen, mehr denn je auf ihr diakonisches Selbstverständnis und ihre diakonische Kompetenz konzentrieren. Dann kann „Lehre“ nicht mehr „Belehrung“ heißen, sondern Weitergabe des Evangeliums durch Orthopraxie und Sorge für eine überzeugende pastorale Ästhetik.

Das Eis auf der skandinavischen Halbinsel kehrt auf absehbare Zeit nicht zurück.

Die kirchliche Macht, Biografien durch ein rigoroses Lebenslauf-Regime zu lenken, hat sich aufgelöst. Die gesellschaftliche Bedeutung von Religion verändert sich in den Zeitläuften, und die individuelle Religiosität entwickelt sich im Lebenslauf – beides miteinander verschränkt.

Die kirchliche Macht, Biografien durch ein rigoroses Lebenslauf-Regime zu lenken, hat sich aufgelöst. Die gesellschaftliche Bedeutung von Religion verändert sich in den Zeitläuften, und die individuelle Religiosität entwickelt sich im Lebenslauf – beides miteinander verschränkt. Das Individuum ist dabei Mitgestalter seiner religiösen Biografie, und die Ergebnisse dieser persönlichen religiösen Entwicklung wiederum bestimmen mit, wie dieser Mensch auf seine nähere und weitere Umwelt Einfluss nimmt. Fazit: Dynamiken des gesellschaftlichen Wandels sind von individuellen Dynamiken des religiösen Wandels nicht zu lösen, aber in ihren Ergebnissen auch nicht zu bestimmen.
  1. Paul B. Baltes, Entwicklungspsychologie der Lebensspanne, in: Psychologische Rundschau 41 (1990) 1–24.
  2. Klaus Riegel, Ansätze zu einer dialektischen Theorie der Entwicklung, in: ders. (Hrsg.), Zur Ontogenese dialektischer Operationen, Frankfurt/M. 1978, 75–96, 76.
  3. Vgl. zum Ganzen Andreas Wittrahm, Seelsorge, Pastoralpsychologie und Postmoderne. Eine pastoralpsychologische Grundlegung lebensfördernder Begegnungen angesichts radikaler postmoderner Pluralität, Stuttgart 2001.
  4. Hier ist zuletzt auf die Daten der sechsten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung zu verweisen: Sozialwissenschaftliches Institut der EKD/Katholische Arbeitsstelle für missionarische Pastoral (Hrsg.), Wie hältst du’s mit der Kirche? Zur Relevanz von Religion und Kirche in der pluralen Gesellschaft, Leipzig 2024, sowie fowid, Wichtigkeit von Religion und Kirche 2023, https://fowid.de/meldung/wichtigkeit-religion-und-kirche-2023, zuletzt eingesehen 23.08.2026.

  5. Walter Fürst u. a. (Hrsg.), „Selbst die Senioren sind nicht mehr die alten …“. Praktisch-theologische Beiträge zu einer Kultur des Alterns, Münster 2003. Das Projekt wurde durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft und das Bistum Aachen gefördert.
  6. Andreas Kruse, Biografische Methode und Exploration, in: Gerd Jüttemann/Hans Thomae (Hrsg.), Biografie und Psychologie, Berlin 1987, 119–137.
  7. Chen und Streib definieren „faith as a human universal rooted in personal experiences, relation to the Ultimate, and processes of meaning-making”. Zhuo Job Chen/Heinz Streib, What predicts faith development? A longitudinal analysis with faith development interviews. Preprint, veröffentlicht unter https://europepmc.org/article/ppr/ppr1157596, 1, zuletzt eingesehen 23.08.2026.
  8. Heinz Streib, Outcomes of faith style development. Final report, https://pub.uni-bielefeld.de/download/3011319/3011368/FINAL_REPORT_STR570-22-1_2025-11-07_public.pdf, 3, zuletzt eingesehen 23.08.2026.
  9. Heiner Keupp, Subjektsein heute. Zwischen postmoderner Diffusion und der Suche nach neuen Fundamenten, in: Wege zum Menschen 51 (1999) 136–152.

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