Transformation als Übungsweg
Erich Fromms Weg „vom Haben zum Sein“ – 50 Jahre später
In ihrem aktuellen Buch „Dieser Drang nach Härte. Über den neuen Faschismus“1 prägt die Philosophin Eva von Redecker den Begriff Phantombesitz. Damit meint sie Phantasmen, die eine „Neuauflage überlebter Verfügungsansprüche“2 darstellen. Gemeint sind Überidentifikationen zum Beispiel mit der Nation, der Familie, dem Volk, den Traditionen; auch das Recht auf Verbrennermotoren, Öl oder Gasheizungen, die gefühlte Bedrohung der Meinungsfreiheit oder angeblich gestohlene Wahlen könnten gemeint sein. Dieses Klammern an reaktionäre Illusionen an sich hält sie natürlich noch nicht für faschistisch. Doch in vielen Menschen in den westlichen Wohlstandsgesellschaften hätten sich ein Groll, ein Hass auf die liberale Demokratie und ihre Vertreter:innen entwickelt, die mittlerweile ins Destruktive abgeglitten seien. Die beiden Soziolog:innen Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey haben in zahlreichen Interviews für Deutschland Ähnliches herausgefunden.3
Ich will hier den beunruhigenden und doch weithin zutreffenden Thesen über den Charakter eines neuen, sich abzeichnenden Faschismus nicht einfach so folgen. Von Redecker beschreibt Faschismus als Bereitschaft zu einer „liquidierende[n] Phantombesitzverteidigung“, die sich als Opfer mit dem Recht zur Selbstverteidigung inszeniere.4 Der Begriff Phantombesitz im Sinne einer Wahrnehmung eines irregeleiteten Verständnisses von Freiheit erinnert mich bei der Lektüre an ein erfolgreiches, wenn auch oft missverstandenes, vor genau 50 Jahren erschienenes Buch des deutsch-jüdisch-amerikanischen Sozialpsychologen Erich Fromm: „Haben oder Sein“. Schon damals wurde von Kritikern über dieses Buch fälschlich geurteilt, Fromm predige darin gegen Eigentum und Besitz, gegen das ganz natürliche Haben-Wollen und empfehle stattdessen Askese. Wer Fromms Biografie kennt, weiß, dass er zwar nie selbst stark an Geld und Besitz interessiert war und einen Großteil seines Vermögens bereits zu Lebzeiten spendete. Und doch besaß er Eigentum und wusste die schönen Dinge des Lebens durchaus zu genießen. Er war also keineswegs ein Asket – und empfahl dies auch anderen nicht.5
Viele Kritiker verstanden Fromms psychoanalytisch geprägte, sozialpsychologische Perspektive nicht. Fromm meinte mit Haben oder Sein „zwei grundsätzliche Existenzweisen, zwei verschiedene Arten der Charakterstruktur, deren jeweilige Dominanz die Totalität dessen bestimmt, was ein Mensch denkt, fühlt und handelt. […] In der Existenzweise des Habens ist die Beziehung zur Welt die des Besitzergreifens und Besitzens, eine Beziehung, in der sich jedermann und alles, mich selbst miteingeschlossen, zu meinem Besitz machen will. [Die] Existenzweise des Seins […] bedeutet Lebendigkeit und authentische Bezogenheit zur Welt.“6
Das, was Eva von Redecker heute Phantombesitz nennt, entspricht zu einem großen Teil dem, was Fromm damals Haben-Orientierung nannte. Das Haben-Wollen kompensiert ein mangelndes Lebendig-Sein. Und es ist, so seine Diagnose, in den westlichen Wohlstandsgesellschaften vor allem ein pathologischer Narzissmus, ein Gruppennarzissmus, der diese Entwicklung befeuert, die wir heute in voller Blüte erleben. Es ist nicht die Wiederkehr des autoritären Charakters als eines dominierenden Gesellschaftscharakters wie der Faschismus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.Das Haben-Wollen kompensiert ein mangelndes Lebendig-Sein.
Erich Fromm war der Ansicht: Ohne eine Politik und eine Wirtschaft, die für eine gerechtere, partizipativere Gesellschaft sorgen, werde es vielen Menschen nicht möglich sein, die Tendenz zum Sein gegenüber der zum Haben in ihnen selbst zu stärken. Soweit bestimmt das Sein nicht nur das Bewusstsein (Marx), sondern vor allem auch das Unbewusste. Deshalb machte er dazu in „Haben oder Sein“ zahlreiche vernünftige, wenn auch – für eine kapitalistische Gesellschaft – teilweise radikale Vorschläge. Vorschläge die durchaus rechtsstaatlich, marktwirtschaftlich und demokratisch sind, aber das Gegenteil von neoliberal. Zum Beispiel die Einschränkung von Konzernleitung und Aktionären, sich nur an kurzfristigen Gewinnen zu orientieren oder auch das Verbot aller Methoden der Massenmanipulation in kommerzieller und politischer Werbung – oder auch den Abbau von allen offenen und heimlichen Bedingungen, die die wirkliche Gleichberechtigung von Frauen verhindern. (Dabei sind wir in Europa doch ein Stück vorangekommen.) Seine diesbezüglichen Ideen sollen hier aber nicht das Thema sein. Ich empfehle, das Buch (noch einmal?) zu lesen. Fromm ging es immer um beides: Um eine positive Veränderung der Gesellschaft in Reformschritten und die Weiterentwicklung des Individuums in einem Prozess des Übens und der Selbsterkenntnis. Auf diesen Aspekt von Transformation möchte ich im Folgenden zu sprechen kommen.
Dazu sollte man zunächst wissen, dass Fromm einen Teil des ursprünglichen Manuskriptes, der sich ausschließlich mit praktischen Schritten zu einer individuellen inneren Transformation beschäftigt, damals nicht drucken ließ. Aus seinem Nachlass hat sein ehemaliger Assistent Rainer Funk diesen Teil 1989 erstmals veröffentlicht, der sich seit 1999 auch in Band 12 der Fromm-Gesamtausgabe findet.
Fromm warnte in all seinen Werken vor verschiedenen Formen von Abhängigkeit, in die wir als Freigelassene der Evolution, d. h. als nicht ausschließlich von Instinkten gesteuerte Wesen, wie das Tier, immer wieder geraten bzw. geraten können. Um Zufriedenheit und Lebensfreude in Freiheit erreichen zu können, muss sich der Mensch zu allen Zeiten immer wieder aus der Gefahr, die in alten und neuen Abhängigkeitsmöglichkeiten besteht, befreien und eine gelungene Beziehung zwischen sich und seinen Mitmenschen und der Natur herzustellen versuchen. Dazu benötigt er zum einen Methoden der Selbsterkenntnis und Selbsterfahrung und zum anderen den Willen zur Veränderung und eine aktive Zuwendung zur lebendigen Welt. Es handelt sich um einen langen, zum Teil auch angstbesetzten Prozess. Mit einem Beispiel aus Fromms eigenen Erfahrungen sei dies verdeutlicht. Er schreibt damals: „In der buddhistischen Meditation habe ich eine einfache, nicht mystifizierende und nicht-suggestive Meditationsform gefunden, die bezweckt, den Menschen näher zum buddhistischen Ziel der Überwindung von Gier, Hass und Selbsttäuschung zu führen.“7 Dieses Ziel war es, das Fromm besonders interessierte, auch wenn er die Welt- und Menschenbilder in denen sie entstanden sind wie das hinduistische, aus dem das Yoga stammt, oder das ihm besser bekannte buddhistische nicht teilte.Es handelt sich um einen langen, zum Teil auch angstbesetzten Prozess.
Er hatte bereits Erfahrungen mit westlichen psychosomatischen Methoden gemacht, bevor er zunächst den Zen-Buddhismus durch die persönliche Bekanntschaft mit dem bedeutenden japanischen Zen-Vermittler Daisetsu Teitaro Suzuki (1870-1966) und dann – schon in fortgeschrittenem Alter – durch den auf Ceylon (heute Sri Lanka) lebenden deutschstämmigen Mönch Nyanaponika Mahathera auch den klassischen Buddhismus kennenlernte. Fromm war zwar ein unabhängiger Geist, orientierte sich jedoch immer auch an persönlichen Vorbildern: Es komme darauf an, die richtigen Vorbilder zu haben, nicht: keine Vorbilder, so wie es auch darauf ankomme, nicht keine Autorität, sondern eine rational verantwortete Autorität zu akzeptieren. In Haben oder Sein schildert er, was er von Nyanaponika Mahathera, gelernt hatte, dem Autor des Klassikers Geistestraining durch Achtsamkeit (orig. 1950, dt. Konstanz 1970), durch den dieser mittlerweile etwas überstrapazierte Begriff Achtsamkeit vor mehr als 50 Jahren auch im deutschsprachigen Raum bekannt und populär wurde.
Die Methode der Achtsamkeit, um die es bei ihm geht, ist übrigens weitgehend die gleiche, die auch der Historiker Yuval Harari empfiehlt und praktiziert. Harari, der Meditation keineswegs für „eine Art Zauberformel zur Lösung sämtlicher Probleme auf dieser Welt“8 hält, berichtet, dass er dadurch mehr über sich selbst, seinen Geist und die Realität gelernt habe als durch alles andere in seinem Leben. Fromm wie Harari schildern, dass es diese Übungen seien, in denen es vor allem um Atemübungen gehe, die die Aufmerksamkeit auf das zurückführten, was wir wirklich empfänden und wahrnähmen. Dies habe zur Folge, dass wir uns und die Welt realistischer, objektiver wahrnähmen, weil wir nicht mehr ständig von Illusionen, Ängsten und Sorgen, Sehnsüchten, Erinnerungen und Plänen abgelenkt würden. Genau dies empfiehlt Fromm schon in seinem Haben oder Sein-Manuskript Mitte der siebziger Jahre. Es sei geradezu ein wesentliches Kennzeichen des pathologischen Narzissmus, so Fromm, dass er eine realistische Selbst-, Fremd- und Weltwahrnehmung gar nicht (mehr) möglich mache. Dies erklärt Fromm auch schon in Die Seele des Menschen (1964), wo er schreibt: „Ziel des Menschen ist es, seinen Narzissmus zu überwinden. Nirgends vielleicht kommt dieser Grundsatz radikaler zum Ausdruck als im Buddhismus. […] Nur wenn der Mensch sich von der Illusion seines unzerstörbaren Ichs freimacht, nur wenn er sie mit anderen Objekten seiner Gier fallen lassen kann, nur dann kann er sich der Welt öffnen und ganz zu ihr in Beziehung treten. Psychologisch ist dieser Prozess des völligen Wachwerdens identisch mit der Ablösung des Narzissmus durch die Bezogenheit auf die Welt.“9
Positiv ausgedrückt hat Fromm damit den Buddhismus vom Kopf auf die Füße gestellt, wie Marx es mit Hegel tat. Denn dass der buddhistische Weg statt auf ein anderes Sein (im ontologischen Sinne) „nur“ auf ein anderes Dasein bzw. Selbst-Sein gerichtet ist, ist eine moderne humanistische Sichtweise – wahrscheinlich aber auch die einzig mögliche, wenn man nicht an eine jenseitige Wirklichkeit glaubt. Die meditativen Techniken dienten in den Systemen, aus denen sie stammen, zur Vorbereitung auf das Eigentliche. Und sie sollten selbst erst begonnen werden, wenn man ethisch bereit und würdig sei, sie auszuüben. Das ist – Ausnahmen bestätigen die Regel – verlorengegangen. Selbstverständlich gibt es auch heute noch Menschen, die nach Erleuchtung streben, insgesamt ist man aber doch eher bescheidener geworden. Weisheit wäre schon viel, ergänzend zu Wahrheit und Wissenschaft.Weisheit wäre schon viel, ergänzend zu Wahrheit und Wissenschaft.
Inzwischen aber werden gerade Wahrheit und Wissenschaft negiert bzw. bedroht. Und zwar nicht vor allem von Menschen mit einer autoritären Charakterstruktur, wie sie Erich Fromm in den dreißiger Jahren schon am Institut für Sozialforschung beschrieben hat.10 Sondern durch „eine passive Form des Narzissmus […], bei der viele Menschen ihr defizitäres Selbst- und Identitätserleben dadurch kompensieren, dass sie sich mit einer narzisstischen Person, Idee, Organisation, Institution oder Gruppierung identifizieren, um sich in der Identifizierung mit fantasierter Großartigkeit selbst großartig erleben zu können.“11 Lebende Beispiele aus Politik und Wirtschaft, nicht nur in Amerika, können hier direkt als Anschauung dienen. Rainer Funk, der wohl beste Kenner von Fromms Werk, ergänzt: „Sicherlich gibt es noch immer autoritäre Gruppierungen und Personen […] Auch kann nicht bezweifelt werden, dass es in den ehemals sozialistischen Staaten Mittelosteuropas noch starke autoritäre Residuen gibt (vgl. Jecker 2025). […] Und doch geht es mehrheitlich um eine andere als eine autoritäre emotionale Situation, wenn man America first und die nationalistischen Bewegungen in den westeuropäischen Ländern psychologisch verstehen will.“12
Wissenschaftler haben während der Meditation die Aktivitäten im Gehirn gemessen und stellen fest, welche Zentren dort aktiv sind und welche nicht. Durch regelmäßige und tiefe Meditation komme es nach wenigen Jahren schon zu Veränderungen im Gehirn; Konzentrationsfähigkeit, innere Ruhe und Empathiefähigkeit nähmen zu.13 — Aber ist dadurch eine weitergehende Transformation im Sinne Erich Fromms, ein Charakterwandel, realistischerweise erreichbar? — Raus aus dem „Egotunnel“14 – das kann so sein, muss es aber nicht zwingend. Es hat sich gezeigt, dass manche gerade durch die Pflege solcher Techniken in eine Haltung der Überheblichkeit oder übergroßer Selbstbezogenheit geraten. Dennoch bin auch ich, wie Erich Fromm oder gegenwärtig z. B. Peter Sloterdijk15, davon überzeugt, dass der Geist des Übens an der Selbstverbesserung (nicht am Irrweg der Selbstoptimierung!) der Königsweg für jeden einzelnen ist — und dies zu jeder Zeit.Der Geist des Übens an der Selbstverbesserung ist der Königsweg für jeden einzelnen.
- von Redecker, Eva: Dieser Drang nach Härte. Über den neuen Faschismus. Frankfurt am Main 2026
- Ebd., S. 19
- Amlinger, Carolin und Nachtwey, Oliver: Zerstörungslust. Elemente des demokratischen Faschismus, Berlin 2025
- Von Redecker, Eva: Dieser Drang nach Härte, S. 21. Dies ist eine Gemeinsamkeit mit dem historischen Faschismus, der ansonsten in vielem anders ist als der gegenwärtige, so von Redecker.
- Siehe dazu Hardeck, Jürgen: Erich Fromm, Wiesbaden 2025
- Fromm, Erich: „Haben oder Sein“, 1976, GA II, S. 290
- Ebd., S. 429
- Harari, Yuval Noah: 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert, 3. Aufl. 2019, S. 478
- Fromm, Erich: Die Seele des Menschen (1964), Gesamtausgabe Band II, S. 219
- Fromm, Erich: Sozialpsychologischer Teil. In: Studien über Autorität und Familie. Forschungsberichte aus dem Institut für Sozialforschung. Alcan, Paris 1936; Erich Fromm: Escape from Freedom. New York 1941, dt. Ausgabe Die Furcht vor der Freiheit. Zürich 1945, neue Übersetzung Frankfurt a. M. 1983; später Theodor W. Adorno, Else Frenkel-Brunswik, Daniel J. Levinson, R. Nevitt-Sanford: The Authoritarian Personality. Harper und Brothers, New York 1950.
- Funk, Rainer: Psychodynamiken gegenwärtiger Macht- und Gewaltausübung. Sozialpsychologische Erkenntnisse nach Erich Fromm, unveröffentlichtes Manuskript des Vortrags beim Online-Symposium der C. G. Jung Gesellschaft Stuttgart zum Thema „Zeitgeist. Ist ‚autoritär‘ wieder attraktiv?“ am Samstag, 29. November 2025, S. 4.
- Ebd., S. 3. – Eva von Redecker kommt selbst diesen Erkenntnissen stellenweise schon sehr nahe, bleibt dann aber zu einseitig dabei, alles aus dem „autoritären Charakter“ in der Interpretation Adornos erklären zu wollen.
- Vgl. Ott, Ulrich: Spiritualität für Skeptiker, München 2021
- Vgl. Metzinger, Thomas: Der Ego-Tunnel. Eine neue Philosophie des Selbst. Von der Hirnforschung zur Bewusstseinsethik. Aus dem Englischen von Thomas Metzinger und Thorsten Schmidt. Berlin: Berlin Verlag 2009. — Der Philosoph Metzinger sprach in einem 2010 in Berlin gehaltenen Vortrag von einer philosophisch verantworteten Spiritualität, die dem Prinzip der intellektuellen Redlichkeit folgt, um Irrtum und Selbsttäuschungen zu vermeiden.
- Vgl. Sloterdijk, Peter: Du mußt dein Leben ändern, Frankfurt/Main 2009
