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Praxis

Simone Birkel

Koordinaten einer transformativen religiösen Bildung

In der aktuellen Literatur zur Transformationsforschung sind derzeit vier relevante Bereiche auszumachen, die sich für den theologisch-religionspädagogischen Diskurs als anschlussfähig erweisen. Sie können als Koordinaten verstanden werden, innerhalb derer aus gesellschaftswissenschaftlicher und theologischer Perspektive ein Ansatz transformativ-religiöser Bildung diskutiert werden kann. Im Folgenden wurde bewusst auf Referenztheorien wie die von Bruno Latour, Hartmut Rosa oder Christian Felber, verzichtet, die zwar relevant und wichtig sind, die jedoch im sozialethischen sowie theologisch-praktischen Bereich schon öfter rezipiert wurden (beispielsweise Bogner, Schüßler & Bauer, 2021; Haker, 2019). Auch die Diskussion einer „Theologie der Transformation“ liefert wichtige Hinweise (Faix, Reimer, & Brecht, 2009), die im Folgenden mit Stimmen aus der Transformationsforschung aktualisiert werden.1

Transformation als Revolution

Denkt neu und vertraut der guten Nachricht.

Zunächst kann Transformation im Sinne der Revolution in den Blick genommen werden. Wenn hier von Revolution gesprochen wird, ist nicht ein Umsturz im Sinne einer gewaltvollen Machtübernahme gemeint, sondern es wird eher ein grundlegender Perspektivenwechsel anvisiert. In unterschiedlichsten Fachdisziplinen finden sich derzeit Publikationen, die ein neues Denken einfordern, wie beispielsweise die Einladung der Transformationsforscherin und Ökonomin Maja Göpel in ihrem Buch „Unsere Welt neu denken“2. In der Philosophie hat Eva von Redecker vor dem Hintergrund neuer Protestformen eine „Revolution für das Leben“ vorgelegt3. Sie beschreibt darin, was bereits getan wird, um ein gelingendes Leben zu ermöglichen. Und sie geht einen radikalen Schritt, wenn sie eine „Vergesellschaftung von Gütern“4 fordert: Anstelle von Beherrschung, Verwertung und Zerstörung tritt sie ein für das „Retten“ von Leben5, das „Re-Generieren“ von Arbeit6 und das „Teilen“ von Gütern7. Kein Wunder, dass sie der Theologe und Philosoph Jürgen Manemann8 in seinem Plädoyer „Revolutionäres Christentum“ häufig als Gewährsfrau zitiert. Wenn auf die revolutionäre Sprengkraft der eigenen theologischen Tradition verwiesen wird, dann wird bereits mit Blick auf das älteste Evangelium sehr schnell klar, dass die Jesusbewegung sehr früh eine Umkehrung herkömmlicher Denkmuster einforderte. Wenn, wie Angela Büchel-Sladkovic es tut, Mk 1,14 mit „Denkt neu und vertraut der guten Nachricht“ übersetzt wird9, dann wirkt das erstaunlich aktuell. In der derzeitigen Debatte um neue Formate der Transformationsgestaltung spielen solidarische Lebensformen wie beispielsweise Solidarische Landwirtschaft oder alternative Wirtschaftsweisen eine wichtige Rolle. Die Idee einer solidarischen Lebensweise, in der Reichtum geteilt wird, damit alle gut leben können, ist Christ:innen nicht fremd. Sabine Bieberstein und andere Bibliker:innen weisen darauf hin, dass dies insbesondere im Lukasevangelium und in der Apostelgeschichte gut belegt ist10. Kirchengeschichtlich kann der Bogen weiter auf die Armutsbewegung im Mittelalter geschlagen werden, die aktuell in der integralen Ökologie von Papst Franziskus gipfelt. Eine wichtige Stellschraube in Richtung sozial-ökologischer Transformation ist die kulturelle Dimension, weswegen im Transformationsdiskurs auch ein Rückgriff auf Bewährtes festzustellen ist.

Transformation im Rückgriff auf Bewährtes

Die großen Fragen des Lebens werden schon längst nicht mehr in Kirchen oder theologischen Debatten, sondern in Literatur, Film, Popkultur und/oder neuen kulturellen Formaten wie Poetryslams11 geführt. Das Erfinden von neuen Narrativen, also sinnstiftenden Erzählungen, geschieht nicht selten auf der Basis von uralten biblischen Texten. Traditionell theologische Fragestellungen werden im Kontext von Nachhaltigkeit aufgenommen. Das Narrativ des Wandels von der Raupe zum Schmetterling hat beispielsweise auch eine lange christliche Tradition. Diese ist sehr eindrücklich sichtbar im Regensburger Diözesanmuseum. Bei der Restaurierung eines stark verwitterten gotischen Holzkreuzes wurde am Hinterkopf des Gekreuzigten eine grüne Schnur bemerkt. Wenn man daran zog, öffnete sich im Hinterkopf der Figur des Gekreuzigten ein Hohlraum. Darin lag ein Lederbeutel, der einen bunten Schmetterling, eine feuervergoldete Emailarbeit aus Silber, beinhaltete. Ein:e unbekannte:r Künstler:in hat auf den Flügeln des Schmetterlings die Kreuzigung Jesu dargestellt. Mit dem Schmetterling wird deutlich: der Tod ist nicht das Ende, aus dem Tod entsteht neues Leben. Der Gekreuzigte hatte im wahrsten Sinne des Wortes seine Auferweckung „im Hinterkopf“12.

In der Transformationsforschung wird von der Sachverständigengruppe „Weltwirtschaft und Sozialethik“ der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz bemängelt, dass die kulturellen, und damit oftmals auch religiös begründeten Bedingungen des Wandels häufig nicht mitbedacht würden13. Auf der Suche nach religiösen Bildungssettings, die die Sehnsüchte und Hoffnung der Menschen in der Welt von heute aufnimmt, ist es legitim, wenn nicht sogar geboten, auf bewährte (Glaubens-)Traditionen zurückzugreifen14.

Die Tradition liefert eine Grammatik zur Generierung immer wieder neuer Lesarten von Welt.

Nicht von ungefähr kommt der Trend der DIY-Bewegung, also die Rückkehr zu handwerklichen Tätigkeiten und der Rückzug ins Private, das unter den Stichwörtern Cocooning oder Hygge verhandelt wird. Der Ruf und Rückgriff auf Traditionen darf allerdings nicht unkritisch stattfinden. Es bedarf der Anpassung an die Bedingungen der Gegenwart, um fundamentalistische Engführungen zu vermeiden. Mit Rudolf Englert ist darauf hinzuweisen, dass eine lebendige Tradition nicht ein „Fundus ewiger Wahrheiten“, sondern eher ein „Instrumentarium zur Hervorbringung situationsangemessener Reaktion“ ist15. Und Englert weiter: „Die Tradition liefert eine Grammatik zur Generierung immer wieder neuer Lesarten von Welt.“16.

Bewährte kirchliche Bildungsorte haben sich bereits auf den Weg hin zu einer sozial-ökologischen Transformation gemacht. Insbesondere Klöster, kirchliche Bildungshäuser und andere kirchliche Institutionen besinnen sich auf Altbewährtes und steuern den kontinuierlichen Prozess einer Verbesserung im sozial-ökologischen Bereich durch die Standards des europäischen Umweltmanagement- und Auditierungssystem EMAS bzw. EMAS+. Was diese Bildungsorte mit dem Rückgriff auf Bewährtes außerdem auszeichnet, ist ein ganzheitlicher Ansatz, der ein entscheidender Katalysator für die sozial-ökologische Transformation von Institutionen und Systemen ist und hier als dritte Koordinate einer transformativen religiösen Bildung entfaltet wird.

Die transformierende Wirkung eines Whole Institution Approach

Es geht bei der sozial-ökologischen Transformation auch um die Ausbildung von Haltungen.

In der Bildungsforschung wird im Hinblick auf eine Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) immer wieder auf die Wirksamkeit eines ganzheitlichen Ansatzes hingewiesen. Dabei wird von der UNESCO (Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur) die Bedeutung eines Whole Institution Approachs betont. Es stehen für die verschiedenen Lernorte von der Kita bis zur Universität Bildungsmaterialien zur Verfügung. Bei der Beschreibung dieser ganzheitlichen Betrachtungsweise werden interdisziplinär die Erkenntnisse der Bezugswissenschaften Pädagogik, Psychologie, Soziologie, Ökonomie, Architektur oder auch Transformationswissenschaften aufgenommen. Sowohl Inhalte als auch Ziele und Methoden sollten so gewählt werden, dass sie auf ein Handeln in komplexen Systemen vorbereiten. Wichtig ist dabei auch die Ausbildung einer Schulkultur, die Partizipation, Transparenz, Achtsamkeit und die individuellen Potentiale der Lernenden fördert. Gerade für die eingangs erwähnte Generation Z sind dies wichtige Bereiche. Es geht also bei der sozial-ökologischen Transformation auch um die Ausbildung von Haltungen. Wertschätzung, Offenheit, Achtsamkeit werden im Sinne der Werteprimärerfahrung ausgebildet, wenn sich Wertediskurse in der eigenen Praxis widerspiegeln. Die transformierende Wirkung dieses ganzheitlichen Ansatzes kann beispielsweise auch an Universitäten beobachtet werden, wenn bei einer nachhaltigen Gestaltung die Handlungsfelder Governance, Forschung, Lehre, Campusmanagement, studentische Initiativen und Transfer gleichermaßen beachtet werden. In diesen Handlungsfeldern spiegelt sich die Grundaufgabe einer nachhaltigen universitären Entwicklung wider. Die Durchgängigkeit von nachhaltigen Prozessen in all diesen unterschiedlichen Feldern kann ein Kriterium sein, die eine Universität als „Institution mit einem weit fortgeschrittenen und weitreichenden Nachhaltigkeitsgesamtkonzept“17 auszeichnet. Neben dem ganzheitlichen Ansatz in Institutionen spielen auch die beiden folgenden werteorientierten Bedingungen eine wichtige Rolle, die zum Gelingen von Transformationsprozessen beitragen.

Bedingungen gelingender Transformation: Freiheit und Wertschätzung

Freiheit wird sichtbar in einer öffentlichen, gemeinsam geschaffenen Wirklichkeit.

Eines der grundlegendsten Dinge der jesuanischen Botschaft ist die freie und gleiche Würde aller Menschen. Bibliker:innen werden nicht müde, hier auf die paulinische Tradition der vielfältigen Charismen aller zu verweisen. Thomas Söding bezeichnet insbesondere den Galaterbrief als „die Magna Charta christlicher Freiheitslehre“18. In humanwissenschaftlicher Perspektive spielen Freiheitskonzepte ebenfalls eine entscheidende Rolle. Wenn Eva von Redecker, wie oben gesehen, auf die Notwendigkeit revolutionärer Veränderungen verweist, steht sie in der Tradition Hannah Arendts. Und Hannah Arendts Definition von Freiheit ist eine sehr konkrete und gesellschaftlich einladende: „Diese öffentliche Freiheit ist eine handfeste lebensweltliche Realität, geschaffen von Menschen, um in der Öffentlichkeit gemeinsam Freude zu haben – um von anderen gesehen, gehört, erkannt und erinnert zu werden. Und diese Art von Freiheit erfordert Gleichheit, sie ist nur unter seinesgleichen möglich.“19 Freiheit wird für Hannah Arendt sichtbar in einer öffentlichen, gemeinsam geschaffenen Wirklichkeit. Sie bezieht sich dabei auf den Freiheitsbegriff von Immanuel Kant, der es als Freiheit ansieht „von seiner Vernunft in allen Stücken öffentlich Gebrauch zu machen“20. Zweck des Zusammenlebens ist es, gemeinsam Freude daran zu haben und sich gegenseitig zu ermutigen, zu bestärken oder sich ggf. auch zu korrigieren. Sie beschreibt nichts anderes als ein Leben in einem öffentlichen Raum, in dem es für alle möglich ist, ohne Gewalt und ohne Angst vor Gefährdung leben zu können.

Dass die Angst, Schaden zu nehmen, nicht unbegründet ist, zeigen zahlreiche gesellschaftliche und – wie hinlänglich bekannt – auch kirchliche Beispiele. Zu den besonders vulnerablen Gruppen zählen Kinder und Jugendliche, Frauen, People of Color, Menschen mit Beeinträchtigungen, Geflüchtete, nicht heterosexuelle Menschen und Menschen in ethnischen oder religiösen Minderheiten21.

Hier gilt es, eine Theologie der Freiheit zu etablieren. Eine solche fordert die Dogmatikerin Gunda Werner im Anschluss an Judith Butler und Michel Foucault. Nach Werner ist eine Theologie der Freiheit kreativ, performativ und kritisch22. Die meisten Inszenierungen der „Letzten Generation“ können beispielsweise als kreativ, performativ und kritisch zugleich charakterisiert werden. Wichtig dabei ist, dass angstfrei agiert wird. Und genau das fordert Michael Böhnke in der biblischen Tradition der Parrhesia, nämlich Freimut: „Freimütig redet, wer seine Einstellung und Haltung offenlegt und sie nicht aus Angst vor Sanktionen unterdrückt oder verstellt.“23 Das biblische „Fürchte dich nicht“ bedeutet also im Klartext, keine Angst zu haben vor nichts und niemandem.

Freimut macht nicht selten verwundbar. Religiöse Bildung, die auf eine sozial-ökologische Transformation zielt, nimmt die Verwundungen der menschlichen und mitmenschlichen Welt in den Blick. Die französische Philosophin Corine Pelluchon, die ebenfalls eine wichtige Mitdenkerin der Transformationsbewegung ist, legte 2019 eine in deutscher Übersetzung erschienene „Ethik der Wertschätzung“ vor24. Darin benennt sie im Untertitel „Tugenden für eine ungewisse Welt.“ Eine Tugend der Wertschätzung erkennt den:die andere:n oder auch die Mitwelt in ihrem jeweiligen Eigenwert und weiß auch gleichzeitig um den Eigenwert der eigenen Person. Die eigene Verletzbarkeit, Brüchigkeit und Unzulänglichkeit wird dabei mitgedacht genauso wie auch bei Mitmensch und Mitwelt. Der, die oder das Andere wird damit zum Teil der eigenen Gestimmtheit25. Es gibt viele Hinweise darauf, dass gerade im Bildungsalltag die Tugend der gegenseitigen Wertschätzung noch ausbaufähig ist. Insbesondere Erzieher:innen und Lehrer:innen klagen häufig darüber, dass ihre Arbeit selten wertgeschätzt wird. Auch die Akteur:innen der Letzten Generation fühlen sich mit ihrem Anliegen i. d. R. wenig wertgeschätzt und wahrgenommen. In den verschiedenen politischen Systemen, wo ihr diese Wertschätzung entgegengebracht wird, kann eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit der Einbindung aller Ressourcen stattfinden26.

Resümee: Grundlinien einer transformativen religiösen Bildung

Nach den oben ausgeführten Darlegungen kann eine transformative religiöse Bildung zusammenfassend als ein christliches Bildungsverständnis charakterisiert werden, das ein radikales Umdenken in Freiheit mit Anerkennung der Würde von Mensch und Mitwelt unter Rückgriff auf bewährte tragende Systeme in Angriff nimmt. Die Koordinaten, innerhalb derer sie sich ausspannt, liegen zwischen Revolution und dem Neu-Denken einerseits und dem Rückgriff auf bewährte kulturelle oder religiöse Traditionen andererseits. Wichtige Bedingungen von Transformation, nämlich Freiheit und Wertschätzung werden idealerweise durch einen ganzheitlichen Ansatz im Sinne eines Whole Institution Approach gewährt.

  1. Dieser leicht bearbeitete Textausschnitt wurde in Absprache mit der Autorin aus einem Fachartikel der Zeitschrift Theo Web. Zeitschrift für Religionspädagogik übernommen, und ist in voller Länge unter DOI: https://doi.org/10.23770/tw0328 einsehbar. Derzeit arbeiten Simone Birkel und Martin Schneider von der School of Transformation and Sustainability (STS) der KU Eichstätt-Ingolstadt an einer Kompetenzspirale des transformativen Lernens, in der das zyklische Lernen in transformativen Prozessen sowie deren mögliche Emotionen reflektiert werden. Zur Frage, ob transformative Bildung Religion braucht, finden sich weiterführende Informationen in dem Podcast „Die Edenhoferin“ in der Folge vom 16.12.2024 unter https://open.spotify.com/episode/3ZGOl7BNw9Z0eflxhLMSF8?si=cNrIt2hxQ8WAhsetWD–Dw&nd=1&dlsi=5f94f130e08b4333
  2. Göpel, 2020
  3. von Redecker, 2020
  4. von Redecker, 2020, S. 260; Hervorhebung im Original
  5. von Redecker, 2020, S. 159-193
  6. von Redecker, 2020, S. 194-234
  7. von Redecker, 2020, S. 235-262
  8. Manemann, 2021
  9. Büchel-Sladkovic, 2021
  10. Bieberstein, 2021 und 2022
  11. Birkel, 2018
  12. Renzikowski, 2017
  13. Kommission der Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz, 2021, S. 12-13
  14. Knapp, 2015
  15. Englert, 2005, S. 69
  16. Englert, 2005, S. 69
  17. Lindau & Hemmer, 2022
  18. Söding, 2015
  19. Arendt, 2020
  20. Kant, 1964, S. 54
  21. Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, o.D.
  22. Werner, 2021
  23. Böhnke, 2022
  24. Pelluchon, 2019
  25. Pelluchon, 2021
  26. Eichler, Jeschke & Alt, 2023

Literatur

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Söding, T. (2015). Zur Freiheit berufen. Zugänge zum Galaterbrief. URL: http://www.kath.ruhr-uni-bochum.de/imperia/md/content/nt/oekumenischebibelwochemuenster2015/zur_freiheit_berufen_bibelwoche_m__nster_2015.pdf [Zugriff: 19.08.2026].

Wallacher, J. (2021). Wie sozial-ökologische Transformation gelingen kann. Stimmen der Zeit 146, S. 563-572.

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