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Statements

Hans-Ferdinand Angel

Die unsichtbare Grammatik des Wandels

Creditionen – die Tiefendynamik gesellschaftlicher Transformation

Ludger Verst im Gespräch mit Hans-Ferdinand Angel

Ob gesellschaftlicher Wandel gelingt, hängt nicht allein von Wissen, Technologien und professionellem Veränderungsmanagement ab, sondern auch davon, was Menschen für glaubwürdig, möglich und wünschenswert halten – und wie sie Veränderungen emotional verarbeiten. Diese körperlich-mentalen Glaubensvorgänge, in denen Kognition und Emotion zusammenwirken, werden in der Wissenschaft als Creditionen bezeichnet. Der Terminus geht auf den Grazer Theologen und Religionspädagogen Hans-Ferdinand Angel zurück, der ihn 2006 also vor 20 Jahren in die wissenschaftliche Diskussion eingeführt hat. Im Gespräch mit Hans-Ferdinand Angel rückt die Frage in den Mittelpunkt, wie Creditionen gesellschaftlichen Wandel ermöglichen, hemmen oder stabilisieren können.

Nach »Optimierung« und »Change« ist nun »Transformation« die große Leitformel. Was trägt die Creditionsforschung zum Verständnis dieser unübersichtlichen Großbaustelle bei?

Transformation betrifft nicht nur äußere Strukturen. Sie berührt auch die inneren Deutungs- und Orientierungsmuster, aus denen Menschen ihre Entscheidungen treffen. Gerade in Umbrüchen müssen wir handeln, obwohl die Zukunft noch nicht feststeht und unser Wissen unvollständig bleibt. Wir bilden Annahmen, entwickeln Erwartungen, vertrauen bestimmten Personen und Institutionen und entwerfen Bilder einer lebenswerten Zukunft. Bei all diesen Vorgängen sind Creditionen aktiviert. Creditionen spielen zwar in religiösen Zusammenhängen eine zentrale Rolle, doch der Ausdruck Credition bezeichnet zunächst nichts anderes als eine Gehirnfunktion. Diese selbst ist nicht religiös. Deswegen bezeichnet Credition auch keinen religiösen Glauben, sondern jene unvermeidlichen körperlich-mentalen Prozesse, durch die Menschen ihrer Wahrnehmung Bedeutung geben und sich in einer mehrdeutigen Wirklichkeit orientieren. Die Forschung richtet den Blick auf eine häufig übersehene anthropologische Tiefenschicht: Wandel wird erst wirksam, wenn Menschen das Neue überhaupt als glaubwürdig und bedeutungsvoll in ihr Welt- und Selbstverständnis aufnehmen können.

Man kann den Eindruck gewinnen: Eine säkulare Gesellschaft scheint immer weniger »Glauben« zu benötigen. Was aber übersehen wir, wenn wir eine multioptionale Kultur für glaubensärmer halten?

Ich würde nicht von „übersehen“ sprechen. Wir sind Kinder einer historischen Entwicklung. Im Gefolge der Aufklärung wurden Rationalität und Wissen zu jenen Stellgrößen, auf die hin sich die westlichen Gesellschaften ausgerichtet haben. Soziologen charakterisierten sie deswegen schon vor Jahrzehnten als Wissensgesellschaft (Robert E. Lane, Daniel Bell, Peter Drucker) oder sogar als Wissenschaftsgesellschaft (Rolf Kreibich). Dieser Fokus auf Wissen ließ Glauben als immer weniger bedeutsam erscheinen. Es ist nicht überraschend, dass sich folgerichtig zwar eine Wissenschaft, aber keine „Glaubenschaft“ entwickelte. Die Entwertung von „Glauben“ wurde noch dadurch beschleunigt, dass er meist mit „religiösem Glauben“ assoziiert wurde. Mit zunehmender Säkularisierung musste ein solchermaßen religiös gefärbter Glaubensbegriff irrelevant werden. Manche kognitionswissenschaftlich orientierte Philosophen wie etwa Paul Churchland plädieren dafür, „Glauben“ aus der Wissenschaft völlig zu eliminieren. Prominent formuliert dies der Kognitionswissenschaftler Stephen Stich in seinem Buch „From Folk Psychology to Cognitive Science“ (1983). Er versteht die Kognitionswissenschaft geradezu als „Case against Belief“ – als Argument gegen den Glauben.

Ist denn eine solche Sichtweise heute überhaupt noch haltbar?

Die Moderne ist creditiv hochaktiv und damit oftmals erheblich überfordert.

Nein, sie muss grundlegend verändert werden, wenn man aktuelle neurokognitive Forschungen zur Kenntnis nimmt. Denn die lassen erkennen, dass „Glaube“ immer ein Ergebnis eben jener inneren Vorgänge ist, die als Creditionen bezeichnet werden. Ich habe es einmal so formuliert: „Der Vorrang von Wissen vor Glauben war eine der Triebfedern für die Entwicklung der Wissensgesellschaft. Die Niederlage von Pístis [griechisch: Glaube] war vorgezeichnet. […] Im Moment, so scheint es jedenfalls, kehrt Pístis auf die Weltbühne zurück. […] Ihre Rehabilitation erfolgt – wie in einer Wissensgesellschaft nicht anderes zu erwarten – aufgrund ihrer wissenschaftlichen Neuentdeckung“ (Credition: Fluides Glauben, S. 218). Die mit Creditionen bezeichneten Vorgänge sowie die mit ihnen einhergehenden Funktionen sind hochkomplex. Sie verlaufen teilweise subliminal, das heißt, sie sind unserem Bewusstsein gar nicht zugänglich. Erst wenn einem die Ergebnisse dieser inneren Vorgänge bewusst werden, kann man sie als Glaubensinhalte sprachlich ausdrücken. Zudem sind Creditionen hochgradig emotional. Allerdings wäre es verfehlt, sie deswegen als „irrational“ zu verstehen. Im Gegenteil: Beim Ablauf von Glaubensvorgängen wird auch der „Sicherheitsgrad“ (degree of certainty) von Informationen bewertet. Während des Ablaufs von Creditionen vollzieht sich eine emotionale Bewertung von Hard-facts, die auch zu dem Ergebnis kommen kann: „Sachverhalt zu 100% sicher“. Das wirkt „rational“, und ein solcher Glaubensinhalt kann zu Wissen werden. Allerdings kann es auch anders kommen: Der Sicherheitsgrad eines Sachverhalts kann deutlich geringer ausfallen. Das kann zum Problem werden, wenn man sehr stark an der emotionalen Ladung dieses Sachverhalts (emotional loading) hängt. Weil wir es heute mit einem ungeheuren Ausmaß von Informationen und Fehlinformationen zu tun haben, müssen diese verarbeitet werden. Daran sind Creditionen maßgeblich beteiligt und die creditive Aktivität wird in allen von uns gegenwärtig geradezu zum Glühen gebracht. Die Moderne glaubt sicher nicht weniger – ist also, um bei Ihrer Frage zu bleiben –, nicht glaubensärmer. Im Gegenteil: sie ist creditiv hochaktiv und damit oftmals erheblich überfordert.
Lassen Sie uns einen Moment noch beim Stichwort „Überforderung“ bleiben. Wir wissen viel über Klimawandel, technologische Risiken oder gesellschaftliche Ungleichheit. Und zugleich sehen wir, dass dieses Wissen nicht selbstverständlich zu verändertem Handeln führt.

Genau darin liegt das Problem: Wissen wird erst handlungsrelevant, wenn es auch geglaubt wird. Zunächst muss man glauben, dass das „neue“ Wissen verlässlich ist, zumindest verlässlicher als das bisherige. Ich erinnere mich noch gut an die Zeit meiner Dissertation zum Thema Naturwissenschaft und Technik im Religionsunterricht (1984). Damals sprachen die ersten Wissenschaftler von Klimawandel. Man hielt sie schlicht für irgendwelche grünen Spinner. Heute haben sich viele, wenngleich nicht alle der damaligen Prognosen erhärtet oder sind gar schon eingetreten.

Wissen wird erst handlungsrelevant, wenn es auch geglaubt wird.

Ich sehe hier aus der Perspektive unserer Forschung zwei große Themenbereiche. Der eine hat direkt mit dem von Ihnen angesprochenen Thema „Transformation“ zu tun. Den wenigsten Menschen dürfte bewusst sein, auf wie viele Arten sie und wir alle mit den bestehenden wirtschaftlichen und technologischen Gegebenheiten verflochten sind. Das fehlende Wissen führt leicht zum Irrglauben, es könne alles ganz schnell geändert werden. Das ist Aberglaube aus Mangel an Wissen. Das Wissen um den Klimawandel allein kann gar nicht zu einer Veränderung des Handelns führen. Für eine Transformation müssen Tausende und Abertausende Entscheidungen getroffen werden. Sie werden alle unter der Bedingung von Unsicherheit getroffen. In all diesen komplizierten Zusammenhängen spielen Creditionen eine wichtige Rolle, denn sie sind die „Vorbereitungsphase“ für Entscheidungen. Im Credition-Kommunikationsmodell sprechen wir von einer Vorbereitung eines „space of action“ – also eines Handlungsraums, in dem Entscheidungen getroffen werden. Entscheidungen sind Ausdruck von Ergebnissen, zu denen wir im Verlauf eines creditiven Vorgangs gekommen sind. Wer Entscheidungen zu treffen hat, tut dies mit Blick in eine unbekannte Zukunft voller Unsicherheit. Glaubensvorgänge sind immer mit Emotionen verbunden. „No believing without emotion“ gehört zu unseren Standardsätzen.

Der andere Themenkomplex hat mit dem Phänomen Sprache zu tun. Wissenschaftliche Ergebnisse, gerade im Bereich der Naturwissenschaft, werden im Rahmen von methodisch klar definierten Experimenten und Analysen generiert. Wenn man die Ergebnisse in „allgemeinverständliche“ Aussagen überführen möchte, muss man sich zwangsläufig „umgangssprachlicher“ Formulierungen bedienen. In diese fließen aber Wörter der Alltagssprache ein. Sie können die exakten Ergebnisse sowie insbesondere deren methodische Vorannahmen meist nur unscharf wiedergeben. Aber was alles noch schwieriger macht: Alltagssprachliche Ausdrücke sind emotional geladen bzw. können leicht emotional aufgeladen werden. Dem kann die Wissenschaft nur bedingt entkommen, zumal wenn Kommunikation emotional negativ aufgeladen wird, weil man mit diesem destruktiven Trick bestimmte politische Interessen besser pushen kann. Und auch in diesem Zusammenhang spielen Creditionen eine Rolle. Sie sind daran beteiligt, welche Wörter von Seiten der Wissenschaft und in Folge von der Politik und der Wirtschaft gewählt werden. Die „allgemeinverständlichen“ Ergebnisse müssen jetzt von den Abnehmerinnen und Abnehmern geglaubt werden. Erst in dieser Verbindung entsteht subjektive Bedeutung. Dieselbe Information kann ganz unterschiedliche Reaktionen auslösen. Was für den einen eine überzeugende Erkenntnis ist, bedroht für einen anderen sein Selbstverständnis oder seine Zugehörigkeit. Widerstand muss deswegen nicht auf einem Mangel an Wissen beruhen. Häufig wird mit einer Überzeugung zugleich eine emotional stabilisierte Lebenswelt verteidigt.

Fundamentalismen und Verschwörungserzählungen zeigen ja, wie Menschen auf Verunsicherung reagieren, indem sie das Vertraute umso stärker verteidigen. Wie müssen Irritationen verarbeitet werden, damit sie Überzeugungen nicht verhärten, sondern für Veränderung öffnen?

Wenn man aus Sicht unserer Forschung eine Antwort darauf geben will, wie Irritationen verarbeitet werden, dann muss man sich auf die von uns entwickelten Modelle beziehen. Im Credition-Kommunikationsmodell unterscheiden wir mehrere Grundfunktionen des Glaubensvorgangs. Eine nennt sich „enclosure function“ [Einschluss-Funktion]. Sie wird durch eine Irritation ausgelöst und ist maßgeblich an der Entscheidung beteiligt, welche Vorstellung, Idee oder Information eingeschlossen – also geglaubt – werden kann. Ob eine neue Information eingeschlossen wird oder nicht, hängt von vielen Faktoren ab, die unsere Weltsicht prägen. In der Psychologie spricht man in diesem Zusammenhang häufig von „Mindset“. Wir vermeiden den Ausdruck, weil er statische Assoziationen weckt.

Wenn ein neuer Sachverhalt (Clum) eingeschlossen werden kann, hat dies Einfluss auf eine zweite Funktion, die in unserem Modell „converter function“ [Umwandlungs-Funktion] heißt. Sie organisiert die Weiterverarbeitung der nun neuen Konfiguration zu einer Handlungsoption. Wenn sich der Einschluss erfolgreich zu einer Handlungsoption weiterverarbeiten lässt, ist dies erst ein vorläufiges Ergebnis. Der Vorgang wiederholt sich x-mal – wobei er immer wieder adjustiert und optimiert werden kann. Wir nennen diese Funktion deswegen „stabilizer function“. Stabilisierter Glaube kann etwas Großartiges sein: Er entlastet, weil man nicht permanent Energie aufwenden muss, um sich selbst in seiner Umgebung neu zu positionieren. Etwas Großartiges ist es auch, wenn sich stabilisierter Glaube in einer positiven „Beziehung zu Gott“ einstellt. Ein solcher Glaube ist freilich nicht herstellbar. Er ist – theologisch gesprochen – Geschenk, Gnade, Geheimnis. Aber er kann durch alle Niederungen des Lebens tragen, so wie es der Psalmist ausdrückt: „Muss ich auch wandern in finsterer Schlucht, ich fürchte kein Unheil, denn du bist bei mir“ (Ps 23,4).

Glaubensvorgänge verarbeiten Irritationen, Stimuli aus der Außen- oder Innenwelt.

Stabilisierter Glaube kann aber auch zur Last werden. Glaubensvorgänge verarbeiten Irritationen — oder neutraler ausgedrückt: Stimuli aus der Außen- oder Innenwelt. Wenn diese Stimuli nicht mehr adäquat verarbeitet werden, kann es zu Störungen oder gar pathologischen Verzerrungen des Glaubens kommen. Diese sich wiederholenden Vorgänge verlaufen zwar im Prinzip, d.h. in ihrer Grundstruktur, bei allen Menschen gleich. Doch im je konkreten Fall sind sie bei allen Menschen unterschiedlich. Sie sind je individuell modifiziert, weil nun Biografie und je individuelle emotionale Verfassung zum Tragen kommen. Wir nennen das „modulator function“. Eine Irritation allein ist deshalb noch keine Transformation. Sie kann aber wohl ein Anstoß sein, der dazu beiträgt, dass sich neue Überzeugungen entwickeln. Aber ebenso kann sie eine Gegenbewegung auslösen, in der das schon Geglaubte erst recht befestigt wird.
Creditionen vollziehen sich als leiblich, emotional und biografisch geprägte Prozesse in individuellen Subjekten. Wie werden daraus nun gesellschaftlich wirksame Überzeugungen? Und wo liegen die Grenzen der Übertragung vom individuellen Glaubensvorgang auf kollektive Transformationsprozesse?

Kollektive Erzählungen gewinnen nur Macht, wenn einzelne Menschen sie aufnehmen, verkörpern und in Handlung übersetzen.

Ihre Frage fällt in den Bereich der sich gerade lebhaft entwickelnden sozialen Neurokognition (social neuro-cognition). Auf unserem Jubiläumskongress 2022, mit dem wir im Schloss Herrenhausen in Hannover das 10-jährige Bestehen des Credition-Research-Projects feierten, stellte eine israelische Neurowissenschaftlerin aus unserem Netzwerk ihre Forschungen zum „empathischen Gehirn“ vor. In einem sogenannten „two-brain-approach“ wurden zwei Probanden durch Kabel miteinander verbunden, sodass man über bildgebende Verfahren sehen konnte, wie die Aktivität ihrer beiden Gehirne durch die Aktion des je anderen beeinflusst wurde. Der Beitrag erschien unter dem Titel Inter-brain plasticity underlies empathic learning in social interactions. Bekannt ist auch, dass wir (und unser Gehirn) uns wohler fühlen, wenn wir mit solchen Menschen zusammen sind, die unsere Werte und Vorlieben teilen. Die sogenannte „Kommunikationsblase“ (bubble) ist eine Folge dieser Vorliebe. Sie macht sich bemerkbar, wenn Menschen Narrative und Deutungsmuster aus Familien, Milieus, Religionen, Medien und politischen Gemeinschaften übernehmen. Diese Muster werden emotional besetzt und durch soziale Anerkennung stabilisiert. Umgekehrt gewinnen kollektive Erzählungen nur Macht, wenn einzelne Menschen sie aufnehmen, verkörpern und in Handlung übersetzen. In diesem Sinne können Glaubensvorgänge sowohl gemeinschaftsbildende wie auch abgrenzende Handlungsräume eröffnen.
Wenn jeder Mensch unvermeidlich glaubt: Werden wissenschaftliche Erkenntnis, Desinformation oder Verschwörungsglaube damit nicht zu bloßen Varianten desselben Vorgangs?

Diese Frage dürfte viele Menschen bewegen. In gewisser Weise kann man sie sogar mit „Ja“ beantworten. Doch diese Feststellung muss ich sofort wieder korrigieren, denn Ihre Frage ist aus einer Perspektive gestellt, die Credition noch nicht auf dem Radar hat. Aus Creditionenperspektive müsste man anders ansetzen: Credition ist eine Gehirnfunktion. Das konnten wir 2015 erstmals wissenschaftlich publizieren. Die Sehweise, dass „Credition als Hirnfunktion“ oder anders formuliert „believing as brain function“ verstanden werden muss, hat sich wissenschaftlich schon verbreitet. Bislang ist uns noch kein Widerspruch von neurowissenschaftlicher Seite bekannt. Wenn man diese Sehweise als Ausgangspunkt nimmt, dann sind in der Tat alle Glaubensvorstellungen, die aus wissenschaftlichen Informationen oder aus Desinformation gewonnen werden, Ergebnis derselben Gehirnfunktion. Deswegen konnte ich vorhin zunächst mit „Ja“ antworten. Doch nun kommt die Korrektur: Man müsste zunächst die Komplexität von creditiven Abläufen und die dabei ins Spiel kommenden (neuro-)biologischen Funktionen explizit und detailliert darstellen, um die Unterschiede aus Sicht der Creditionenforschung erläutern zu können. So muss z. B. nochmals ausdrücklich darauf hingewiesen werden, dass Glaubensvorgänge subliminal beginnen. Und ebenso ist zu betonen, dass Glaubensergebnisse erst dann sprachlich artikuliert werden können, wenn sie die „Bewusstseinsschranke“ überschritten haben. Erst wenn sie in Worte gefasst sind, lassen sie sich individuell sowie im Austausch mit anderen weiter reflektieren. Wir sprechen hier von Metakognition. Bevor ich klar machen kann, wo die Unterschiede bei den von Ihnen angesprochenen „Varianten desselben Vorgangs“ liegen, müsste ich zunächst sehr weit ausholen. Doch das würde den Rahmen des Interviews sprengen.

Die Bindung an die Kirchen nimmt ab, doch Glaubensvorgänge verschwinden damit nicht. Hat die Kirche womöglich weniger ein Glaubensproblem als ein Verständnisproblem – weil sie zu wenig darüber weiß, wie Menschen überhaupt glauben?

’Religiös‘ ist ein Bananenschalen-Wort.

Die Creditionenforschung verändert den Blick darauf, wie Glaube überhaupt entsteht, sich stabilisiert und verändert. Diese Einsichten könnte die Kirche besser nutzen, um die Relevanz von Glaubensvorgängen außerhalb des eigenen „Kirchen-Raums“ einsichtig zu machen. Sich Kenntnis über die Existenz und den Ablauf von Creditionen zu erwerben, ist in etwa so, wie sich ein neues „Seh-Gerät“ oder vielleicht auch eine neue Brille zuzulegen. Ich spreche gerne von „Creditionen-Brille“. Wenn man „die Kirche“ [was ist das – die Kirche?] in ihrer ganzen Vielfalt, ihren Verästelungen, ihren individuellen Konflikt- und Konfliktlösungsstrukturen, ihren Impulsen für Frieden, Versöhnung und Gerechtigkeit durch die Linsen der „Creditionen-Brille“ betrachtet, kann man zu faszinierenden Einsichten gelangen. Zunächst einmal sieht man mit dieser Brille nicht Kirche oder Religion, sondern Religiosität. Das heißt der Blick richtet sich auf die anthropologische Dimension religiösen Glaubens. Nebenbei: In unserer Alltagskommunikation und auch im theologischen und besonders im religionspädagogischen Diskurs wird mit Vorliebe das Adjektiv „religiös“ verwendet. Ich habe meinen Studierenden oft gesagt, „religiös“ ist ein Bananenschalen-Wort. Man rutscht aus, kaum dass man es verwendet hat. Ein Grund hierfür ist, dass dieses Adjektiv meistens zu „Religion(en)“ hin dechiffriert wird, obwohl man es mit gleicher Berechtigung hin zu „Religiosität“ dechiffrieren könnte. Aus Sicht der Creditionenforschung geht es, etwas flapsig ausgedrückt, beim „religiösen“ Glauben darum, wie Menschen ihre „Religiosität“ entwickeln, wenn und indem sie auf „Religion“ zugreifen. Uns interessieren nicht die Glaubensvorstellungen als solche. Nein, uns interessieren eben diese Vorgänge, die in (neuro-)biologischer und (neuro-)psychologischer Hinsicht bei der Bezugnahme auf – sagen wir einmal das christliche Dogma – ablaufen. An ihnen sind nämlich in hohem Maße Creditionen beteiligt. Religiöse Traditionen stellen Symbole, Narrative und Praktiken bereit, in denen Erfahrungen gedeutet werden können. Diese Inhalte werden nicht einfach übernommen. Sie müssen, wie Sie sagen, körperlich, emotional und biografisch Bedeutung gewinnen.
Wenn ich Ihnen so zuhöre, ergibt sich für mich eine praktische Konsequenz: Wir brauchen eine creditionale Bildung, die bei Menschen eine – nennen wir es: Regulationskompetenz im Umgang mit den eigenen Glaubensvorgängen ausbildet. Was zeichnet eine solche Kompetenz aus — in einer Zeit, in der Verunsicherung leicht in Abwehr und Verhärtung umschlagen kann?

Mit Ihrer Formulierung einer „praktischen Konsequenz“ sprechen Sie mir aus der Seele. Ja, davon bin ich überzeugt: Wir brauchen creditionale Bildung! Eine solche ist dringend erforderlich. Die Umsetzung dieses Bildungspostulats müsste einem Stufenplan folgen, wie er in der Pädagogik auch ansonsten weit verbreitet ist. Man müsste begreifen, dass alles, was wir glauben, Folge von vorausliegenden inneren Prozessen ist. Mit anderen Worten: Man müsste die Existenz von Credition als Gehirnfunktion bekannt machen. Daraus folgt nämlich — in Anlehnung an das berühmte Diktum von Paul Watzlawick formuliert: Wir können nicht „nicht glauben“.

Wir brauchen creditionale Bildung!

Wenn man in der Lage ist, das Credition-Kommunikationsmodell einzusetzen, kann man mit seiner Hilfe darüber ins Gespräch kommen, wie die eigenen Glaubensvorgänge zu einem bestimmten Glauben geführt haben. Und man kann auch anderen ohne Abwertung zuhören. Möglicherweise entdeckt man dabei, dass auch Glaubensergebnisse, die man selbst völlig ablehnt, beim Gegenüber durch seine inneren Vorgänge entwickelt wurden. Ein solcher nicht abwertender Austausch kann Barrieren bearbeiten und abbauen, die sich ansonsten leicht verhärten und stabilisieren.

Im Blick auf den Religionsunterricht habe ich eine Vision: Die Creditionenthematik eignet sich bestens für fächerübergreifenden Unterricht. Die biologischen Grundlagen könnten in naturwissenschaftlichen Fächern behandelt werden; andere Fächer, z. B. der Geschichtsunterricht, könnten untersuchen, wie die je subjektiven Vorgänge zu „Glaubensergebnissen“ führen. Für den Religionsunterricht interessant ist, dass sich das Creditionen-Modell sowohl als Instrument der Selbstwahrnehmung als auch zur Analyse von Interaktion und Kommunikation eignet. Wissen um die Existenz von Creditionen sowie die Verwendung des Credition-Kommunikationsmodells können für das ökumenische wie für das interreligiöse Gespräch fruchtbar gemacht werden. Es geht immer um jene inneren Vorgänge, die Glauben hervorbringen. Genau hier liegt auch der Kern dessen, was Sie eingangs mit „Regulationskompetenz“ bezeichnet haben. Dieser Ausdruck gefällt mir gut. Regulationskompetenz hieße: die eigenen Glaubensvorgänge wahrnehmen, ihre Entstehung reflektieren und zugleich fremde Glaubensergebnisse verstehen können, ohne sie deshalb übernehmen zu müssen. Hier sehe ich ein gewaltiges Potential für die Kirche: Sie könnte den christlichen Glauben in ganz neuer Weise einsichtig und attraktiv machen.

Das Feld reicht natürlich deutlich weiter, als wir es hier entfalten können. Vielleicht lässt sich dieses Gespräch an anderer Stelle noch weiterführen. Auf unserer Forschungswebsite gibt es dafür einen eigenen Bereich: https://credition.uni-graz.at/de/expansion/

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