Was fangen wir mit all dieser Zukunft an?
YOT, Gott 9.0 und die Dynamik spiritueller Veränderung
„Deine Organisation hat einen hohen Gott-7.0-Gehalt.“ Die Bemerkung stammt von Piet van Veldhuizen, dem niederländischen Übersetzer des Buches Gott 9.0 (Küstenmacher et.al. 2010), nach einem Besuch in Brügge mit dem Kernteam seiner protestantischen Gemeinde. Es war eine beiläufige Bemerkung, aber sie blieb hängen. Sie gab uns plötzlich eine Sprache für etwas, mit dem wir lange gerungen hatten: warum unser Angebot so vielfältig ist, warum wir uns so schwer festlegen lassen, und warum ein Teil dessen, was wir tun, Widerstand hervorruft innerhalb der Kirche, zu der wir selbst gehören.

Dieser Artikel handelt von jener Dynamik des Wandels — nicht als abstrakte kirchenstrategische Frage, sondern so, wie sie sich konkret abzeichnet im Leben von Menschen und im Leben einer kleinen, eigenwilligen Organisation. Wir gehen vom Entwicklungsmodell aus Gott 9.0 aus und benutzen es als Brille, um zu zeigen, was Veränderung bewirkt: an Gottesbildern, an Glaubenssprache, an der Weise, wie Menschen sich in der Kirche noch zu Hause fühlen — oder eben nicht. Zunächst skizzieren wir kurz, was YOT ist. Danach fassen wir die Sicht von Gott 9.0 zusammen. Anschließend verorten wir unsere Arbeit in der gelben Bewusstseinsstufe, Gott 7.0. Schließlich kehren wir zu der Frage zurück, die den Kern dieser Ausgabe bildet: Was bedeutet es, psychologisch und pastoral, wenn Menschen — und Gemeinschaften — ihren vertrauten Formen entwachsen?
YOT: ein Labor für Weltanschauung
YOT ist eine Organisation, gegründet von engagierten Christinnen und Christen, und seit 2002 in und um die Brügger Heilig-Magdalenen-Kirche aktiv. Wir nennen uns ein Labor für Weltanschauung: postkonfessionell, niederschwellig und bewusst gastfreundlich über Überzeugungen hinweg. Unsere Mission ist leicht zu formulieren und schwer zu verwirklichen: Menschen zu inspirieren, ihr alltägliches Leben auf Kurs zu halten. Die beseelende Kraft des christlichen Erbes ist dabei unser Ausgangspunkt — nicht als Museum der Vergangenheit, sondern als lebendige Quelle.
Wir nennen uns ein Labor für Weltanschauung: postkonfessionell, niederschwellig und bewusst gastfreundlich über Überzeugungen hinweg.
Unser Name bedarf vielleicht einer Erklärung. YOT verweist auf das Jod oder Jota, den kleinsten Buchstaben des hebräischen Alphabets und zugleich eine mater lectionis — ein unscheinbares Zeichen, das mitbestimmt, wie ein Wort gelesen und verstanden wird (nicht umsonst sagte Jesus, dass kein Jota vom Gesetz vergehen werde). So möchten auch wir sein: eine kleine Organisation, die gerade in ihrem bescheidenen Format dem Nachdenken über die Zukunft unserer christlichen Tradition Bedeutung und Richtung zu geben hofft.

Wir sprechen deshalb bewusst von Umstimmung statt von Umnutzung. Der Unterschied ist nicht kosmetisch. Umnutzung ersetzt die ursprüngliche Bestimmung durch eine neue. Umstimmung trägt die ursprüngliche Intention des Raumes weiter und stimmt sie zugleich neu auf eine neue Vision ab — so wie man ein Instrument umstimmt. Der Ort bleibt, was er war, und wird etwas Neues. Diese Sowohl-als-auch-Logik, die sich weigert, zwischen Vergangenheit und Zukunft zu wählen, ist kein rhetorischer Trick; sie bestimmt, wie wir Projekte, Namen und Kommunikation denken.
So möchten wir sein: eine kleine Organisation, die gerade in ihrem bescheidenen Format dem Nachdenken über die Zukunft unserer christlichen Tradition Bedeutung und Richtung zu geben hofft.
Im Sommer 2023 bekam all das ein Gesicht mit dem Start von „Madeleine in Brugge“ (benannt nach der Patronin der Kirche, Maria Magdalena): Die Kirche und das benachbarte Pfarrhaus wurden in ein Konzept mit eigenem Namen, Logo und Slogan aufgenommen. „A little piece of heaven“ sagt knapp, was unser Anliegen ist: den Himmel ein wenig näher an die Erde zu bringen. In zwanzig Jahren hat YOT es mit seiner Kommunikation allerdings schwer gehabt. Was sind wir eigentlich? Warum ist unser Angebot so vielfältig? Steckt überhaupt Richtung und Fokus in dem, was wir tun? Sind wir nicht einfach chaotisch? Gerade um diese Fragen zu beantworten und uns selbst besser zu verstehen, bot Gott 9.0 uns eine überraschend klare Brille.
Gott 9.0: Spiritualität als Entwicklungsgeschichte
Das Buch Gott 9.0 dürfte einem Teil der futur2-Leserschaft bekannt sein, doch bei uns — wie vermutlich auch in Deutschland — ist es nur bei einer kleinen Gruppe wirklich verankert. Eine kurze Skizze ist daher angebracht. Die Grundthese lautet, dass Spiritualität in der Geschichte der Menschheit eine Entwicklungsgeschichte durchlaufen hat, beschreibbar in einer Reihe idealtypischer Phasen. Das Modell vergleicht unser Gottesbild mit Software, die hin und wieder ein Update erhält: keine Version ist „falsch“, aber jede Version stößt irgendwann an ihre Grenzen und verlangt nach einer nächsten.
Die Grundthese lautet, dass Spiritualität in der Geschichte der Menschheit eine Entwicklungsgeschichte durchlaufen hat, beschreibbar in einer Reihe idealtypischer Phasen.
Zwei Dinge vorweg, für alle, die das Buch nicht kennen. Das Modell unterscheidet neun Gottesbilder oder Bewusstseinsstufen; wo wir Gott 7.0 oder Gott 9.0 schreiben, geht es also nicht um eine Softwareversion, sondern um das Gottesbild, das zu einer bestimmten Stufe gehört. Und obwohl das Modell populär vereinfacht, steht es nicht allein: Die Intuition, dass sich Glaube in Phasen entwickelt, findet sich auch bei akademisch etablierten Religionspsychologen wie James Fowler (Stages of Faith) und, im deutschsprachigen Raum, Fritz Oser und Paul Gmünder mit ihrer Theorie des religiösen Urteils.
Die Autoren entlehnen ihr Stufenmodell dem amerikanischen Psychologen Clare Graves und dem Philosophen Ken Wilber und stehen damit in jener Tradition, die als Spiral Dynamics oder integrale Psychologie bekannt ist. Neun Bewusstseinsstufen werden mit einer Farbe bezeichnet, und zu jeder Stufe gehört ein anderes Gottesbild:
- 1.0 BEIGE (Überleben — Gott als „große Hand“);
- 2.0 PURPUR (magisch, Stämme, gute und böse Geister);
- 3.0 ROT (Macht, Egozentrik);
- 4.0 BLAU (mythische Ordnung, strenge Gesetze, die eine wahre Wahrheit);
- 5.0 ORANGE (Rationalität, Leistung, Wissenschaft);
- 6.0 GRÜN (Gleichheit, Sensibilität, Pluralismus; Gott als menschenfreundlich und in allen Religionen gegenwärtig);
- 7.0 GELB (integral, individuell; lässt Unterschiede und Gegensätze nebeneinander bestehen);
- 8.0 TÜRKIS (holistisch, weltweit verbunden; Gott als pulsierender Prozess, als „Dichter der Welt“);
- 9.0 KORALLE (Gott als unser Werden-Können).
Zwei Nuancen sind wichtig. Erstens wechseln die Stufen zwischen Ich-bezogen und Wir-bezogen. Die „warmen“ Farben (Beige, Rot, Orange, Gelb) betonen die Ausweitung des Ich; die „kühleren“ (Purpur, Blau, Grün, Türkis) betonen die Gemeinschaft. GELB ist also eine ausgesprochene Ich-Stufe. Das erklärt mit, warum unsere gelbe Grundhaltung mitunter mit einer Kirche reibt, die von jeher im Kollektiven, im „Wir“ und in der gemeinsamen Lehre verwurzelt ist — kein Zusammenstoß zwischen Recht und Unrecht, sondern zwischen zwei Registern. Zweitens sind die Stufen keine Leiter, die man erklimmt, um die vorherigen Sprossen hinter sich zu lassen. Jede höhere Stufe umfasst die vorhergehende und integriert sie. Wer gelb denkt, lässt Blau oder Grün nicht fallen, sondern gibt ihnen einen Platz. Was das Modell selbst weniger scharf benennt, ist der Motor jener Bewegung: was jemanden von einer Stufe zur nächsten zieht. Jedes Mal ist es eine Form der Selbstüberschreitung — ein Aus-uns-selbst-herausgezogen-Werden hin zu einem größeren Ganzen. Die Theologin Carmody Grey gibt dieser Bewegung weiter unten ihren Namen: Liebe.
Wir benutzen das Modell deshalb nicht als Rangordnung, sondern als Spiegel: Es hilft uns zu verstehen, warum unser Angebot ist, wie es ist, und warum es dort aneckt, wo es aneckt.
Wir fügen sogleich hinzu, dass Gott 9.0 nur einer der Rahmen ist, aus denen wir Inspiration schöpfen, und dass das Modell nicht unumstritten ist. Kritiker weisen darauf hin, dass es sich auf Autoren stützt, die in der akademischen Psychologie eine Randrolle spielen, und dass die Einteilung in „höhere“ und „niedrigere“ Stufen leicht elitär entgleisen kann. Zu Recht. Ein Modell ist nie die Wirklichkeit selbst, und wer sich „bei Gelb oder höher“ verortet, läuft Gefahr, auf jene herabzusehen, die das nicht tun — genau das Gegenteil dessen, was Gelb bedeuten sollte. Wir benutzen das Modell deshalb nicht als Rangordnung, sondern als Spiegel: Es hilft uns zu verstehen, warum unser Angebot ist, wie es ist, und warum es dort aneckt, wo es aneckt.
Für die Kirche ziehen die Autoren eine scharfe Schlussfolgerung. Die Theologie ist intellektuell oft schon zu Orange oder Grün vorgestoßen, doch das spirituelle Bewusstsein vieler Kirchgänger blieb blau gefärbt. Blaue Gottesdienste leeren sich, nicht weil die Menschen „die Kirche“ verlassen, sondern weil immer weniger Menschen noch ein blaues Gottesbild haben. Sie brauchen Gesprächs- und Feierformen, die an Orange, Grün — oder, in unserem Fall, an Gelb anschließen. Genau dort verortet sich die Dynamik des Wandels, nach der diese Ausgabe fragt.
GELB: YOT innerhalb von Gott 7.0
Ken Wilber schätzt den Anteil GELB an der Weltbevölkerung auf etwa ein Prozent. GELB entsteht gerade erst, doch bei jungen Menschen und bei innovativen Projekten scheint diese Stufe präsenter.

GELB ist zudem eine Ich-Stufe, und das verlangt eine Gemeinschaft, die nicht versucht, die Menschen festzuhalten und in ihr Schema zu bringen:
„Es wird immer lose-fest bleiben müssen. Es bietet Möglichkeiten an, lässt die Menschen — auch die eigenen — aber frei, davon Gebrauch zu machen oder nicht. Bei GELB muss man nie das ganze Paket abnehmen: Es fördert deine Entwicklung, es bietet Optionen, die du auf deine eigene Weise und auf deiner eigenen Stufe erleben kannst. Das finde ich bei euch stark ausgeprägt.“ (Piet van Veldhuizen)
Im Folgenden skizzieren wir einige Merkmale unserer Arbeit, die unseres Erachtens deutlich gelb gefärbt sind. Wir tun das nicht, um ein Diplom „Gelb“ zu beanspruchen, sondern weil sie konkret machen, wie eine gelbe Grundhaltung in der pastoralen Praxis aussieht.
Projektbezogen und auf den Einzelnen zugeschnitten arbeiten.
YOT hat kein Jahresthema und keinen starren Mehrjahresplan. Weil wir stark auf die Gelegenheiten des Augenblicks eingehen, kann unsere Arbeit viele Richtungen einschlagen. Unsere fünf strategischen Ziele sind bewusst vage, jedes in einem Wort: YOT wertet neu, inspiriert, imaginiert, weitet, unternimmt. Man könnte sagen, dass sie gerade deshalb nicht so strategisch sind. Und doch funktionieren sie für uns wie Leuchttürme in bewegter See. Sie machen uns wendig, und die Freiheit, die sie bieten, schafft eine große Dynamik.
Unsere fünf strategischen Ziele: YOT wertet neu, inspiriert, imaginiert, weitet, unternimmt.
Als der Krieg in der Ukraine ausbrach, stellten wir innerhalb weniger Stunden eine rituelle Installation in die Kirche; andere Projekte ziehen sich über Jahre. Die richtige Frage zu stellen ist dabei wichtiger als die Antwort. Der tschechische Priester Tomáš Halík meint, dass manche Fragen so schön sind, dass wir sie nicht mit Antworten verderben dürfen.
Ein Teal-Organisationsmodell.
Wir lassen uns vom „Teal“-Managementmodell von Frédéric Laloux inspirieren: Wir arbeiten lieber nicht mit abgegrenzten Aufgabenpaketen, sondern mit wechselnden Rollen; über das Beratungsverfahren kann jede und jeder Entscheidungen treffen, sofern Rat eingeholt wird bei Fachleuten und bei denen, die die Folgen tragen. Teal-Organisationen legen ihr Ziel zudem außerhalb ihrer selbst. Das Ziel von YOT ist nicht, den Verein zu erhalten, sondern am Reich Gottes mitzuwirken — säkular übersetzt: am guten Leben für alle. Eine andere Organisation mit demselben Ziel ist nie ein Konkurrent, sondern ein Verbündeter.
Das Kirchengebäude als Raum für Leere.
Als wir 2002 begannen, entfernten wir vierhundert Stühle aus der Kirche. Unsere einschneidendste jüngere Entscheidung war, 2023 das monumentale Möbelstück, das damals im Kirchenschiff errichtet worden war, teilweise verschwinden zu lassen (ein großes, maßgefertigtes hölzernes Bauwerk, das das Kirchenschiff jahrelang beherrschte) — lange unser Paradestück. Über dieses Verschwinden wird getrauert; etwas Vertrautes fällt weg.
Das Ziel von YOT ist nicht, den Verein zu erhalten, sondern am Reich Gottes mitzuwirken — säkular übersetzt: am guten Leben für alle. Eine andere Organisation mit demselben Ziel ist nie ein Konkurrent, sondern ein Verbündeter.
Doch wollten wir unserem Labor-Charakter treu bleiben, mussten wir Raum für Neues schaffen. In den leeren Raum setzten wir auf den Kirchenboden, in großen Lettern, die Frage der Künstlerin Coco Capitan: „What are we going to do with all this future?“ Diese Leere nicht im Voraus zu füllen, ist kein Mangel an Vision; es ist die Vision. Oder anders formuliert: Es ist ein Bekenntnis des Glaubens. Eine Kirche ist ein Ort „ungerichteter Aufmerksamkeit“: kein Museum, in dem man weiß, was man betrachten muss, sondern ein öffentlicher Raum, in dem nichts muss und vieles kann.
Die Vorhalle: eine Schwelle, die einlädt.
Wer die Magdalenenkirche betritt, passiert zuerst die Vorhalle — den Übergang zwischen dem gewöhnlichen Leben und dem Kirchenraum. Auch hier treffen wir gelbe Entscheidungen. In der Vorhalle sieht der Besucher gleich eine Reihe von Wörtern, die sagen, wer wir sind und was wir tun. Es sind nicht die Wörter, die man in einer Kirche erwartet. Wir greifen zwei heraus.

Erst wer anschließend den eigentlichen Eingang der Kirche sucht — die Tür zwischen der Vorhalle und dem Kirchenschiff — stößt auf eine zweite Überraschung. Statt eines Pfeils, eines Schilds „Eingang“ oder eines „Ziehen“ steht auf dieser Tür, in den drei Farben von Madeleine in Brugge, ein Zauberspruch: Sesam, öffne dich. Der Spruch stammt aus Ali Baba und die vierzig Räuber, einer der Erzählungen aus Tausendundeine Nacht, und holt so bewusst eine nicht-westliche Erzähltradition in das Kirchengebäude. Gerade dieser Austausch mit dem Fremden und die Dynamik, die daraus entsteht, sind genau das, was wir suchen: keine Anweisung, sondern eine Einladung zum Staunen.
Der Spruch ist zudem vielschichtig. Manchen Quellen zufolge ist „Sesam“ verwandt mit dem hebräischen šem — dem Namen, Gott — und mit šem-šamájim, „dem Namen des Himmels“. Zugleich zwinkert er dem magischen Denken von Gott 2.0 zu, das in unserer Welt nie ganz verschwindet: Auch wer gelb denkt, sucht in unsicheren Zeiten weiterhin Schutz und Verzauberung. Das ist kein Rückfall, sondern Integration — keine Stufe wird abgeschafft, jede Stufe darf mitklingen.
Und der Spruch enthält eine feine Paradoxie, die den Kern dieses Artikels berührt. Er richtet sich an ein passives Element — in der ursprünglichen Erzählung an die Sesampflanze, deren heilsame Kraft im Menschen wirken darf — und legt also nahe, dass sich etwas in uns durch das Zutun von „etwas anderem“ verändern kann. Doch die Tür geht nicht von selbst auf: Der Besucher muss sie selbst öffnen, um das Kirchenschiff zu betreten. Veränderung wird gegeben und getan. Was dann geschieht, überlassen wir dem Wunder der Begegnung.
Paradoxien pflegen und Gegensätze verbinden.
GELB lässt Unterschiede und Gegensätze bewusst nebeneinander bestehen. Vor einigen Jahren gaben wir einer acht Meter hohen Statue — dem Tantalus aus der griechischen Mythologie — einen prominenten, dauerhaften Platz in der katholischen Magdalenenkirche. Ein nicht-christliches Bildwerk in einer Kirche: das ist ein Statement, und es löste eine interne Krise zwischen Befürwortern und Gegnern aus. Das Bildwerk wirkte also schon, bevor es dort stand; sofort wussten wir, dass es hierher gehörte. Niemand, auch YOT nicht, wird dem Besucher vorsagen, was es bedeutet; es liegt an jedem, es zu lesen. Es bereichert uns, auch wenn es reibt. Es gibt eben keinen Glanz ohne Reibung. In einem Nebengebäude der Kirche investierten wir in öffentliche Toiletten — eine gewöhnliche, nützliche Einrichtung in einer Stadt voller Passanten. Doch wir gaben ihnen ein spirituelles Augenzwinkern und nannten den Ort einen „Übungsort im Loslassen“. Das ist typisch gelb: Es verweigert die Trennung zwischen profan und heilig und macht aus der alltäglichsten Handlung einen kleinen Moment von Bedeutung und Selbstrelativierung. Oder es betont die untrennbare Verbindung von Leib und Geist.
YOT ist keine Mitgliederorganisation. Menschen kommen und gehen frei; wenn jemand uns verlässt, erleben wir das nicht als Scheitern.
Individuelle Freiheit — und die Einsamkeit, die dazugehört. YOT ist keine Mitgliederorganisation. Menschen kommen und gehen frei; wenn jemand uns verlässt, erleben wir das nicht als Scheitern. Wir hoffen nur, dass wir für die Zeit, in der jemand bei uns war, einen bescheidenen Beitrag zu seinem oder ihrem Wachstum geleistet haben. Es ist befreiend, in Gott 9.0 zu lesen, dass die gelbe Stufe auch Einsamkeit mit sich bringt. Wir sind eine Minderheit, die diese Sichtweise teilt — auch wenn viele Mitgläubige und kirchlich Verantwortliche unser Projekt wertschätzen, selbst wenn sie nicht jeden Schritt mitgehen. Aus dieser Isolation kommen wir auch heraus, indem wir uns mit Partnern außerhalb der Kirche verbinden: der Stadtverwaltung, dem Kulturerbe-Sektor und dem Tourismus, die die Magdalenenkirche als einen „Ort der Zukunft“ zu sehen begonnen haben und den Besucher nicht als Konsumenten, sondern als Pilger betrachten. Eine Kirche als Zukunftsort — da liegen spannende Querverbindungen zum christlichen Erbe.
Die Dynamik des Wandels: pastoralpsychologisch gelesen
Was bedeutet es nun, psychologisch und pastoral, wenn Menschen den traditionellen Ausdrucksformen des Glaubens und einer naiven theologischen Sprache entwachsen? Die Redaktion von futur2 hat diese Frage scharf gestellt, und das Modell von Gott 9.0 hilft, sie zu klären.
Der pastorale Gewinn liegt in dieser Umdeutung: nicht „du hast deinen Glauben verloren“, sondern „dein Gottesbild ist reif für ein Update“.
Oft wird ein solches Entwachsen als Verlust erlebt — von den Betroffenen wie von der Gemeinschaft. Wer dem blauen Gottesbild entwächst, hält sich nicht selten für einen Atheisten oder gar Antitheisten, weil er den allmächtigen Schöpfer von seinem Thron gestoßen hat. Das ist jedoch selten Unglaube; meist ist es ein Akt der Selbstbefreiung, ein notwendiger Zwischenschritt zu einem weniger anthropomorphen, transpersonalen Gottesverständnis. Der pastorale Gewinn liegt in dieser Umdeutung: nicht „du hast deinen Glauben verloren“, sondern „dein Gottesbild ist reif für ein Update“. Genau das kann ein gelber Ort bieten: Sprache und Raum, um diesen Übergang nicht als Problem, sondern als Wachstum zu erleben. Die Kirche ist für uns daher ein Ort der Trauer und des Übergangs zugleich.

Hilft eine höhere Bewusstseinsstufe, mit dem Veränderungsdruck unserer Gesellschaft zurechtzukommen? Zum Teil. Wer mit Paradoxien leben lernt, wer Unterschiede nicht sofort auflösen muss und Unsicherheit ertragen kann, steht wendiger in einer Welt, die permanent kippt. Doch das Modell warnt auch: Gelb bringt Einsamkeit mit sich und die Versuchung der Überlegenheit. Eine höhere Stufe ist also keine Rüstung gegen die Zeit; sie ist vielmehr eine andere Weise, in ihr zu stehen — offener, mit mehr Toleranz für Spannung, aber auch verletzlicher.
Ist es schließlich erstrebenswert, Menschen zu einer höheren Bewusstseinsstufe zu verhelfen, und wenn ja, wie? Hier ist Vorsicht geboten. Man kann niemanden „hochstufen“, und das Erzwingen-Wollen von Wachstum ist selbst ein Zeichen dafür, dass einem die gelbe Grundhaltung fehlt. Was sehr wohl geht, ist das Ermöglichen: eine Umgebung schaffen, in der Entwicklung möglich wird, ohne verpflichtend zu sein. Unsere Frage lautet nie „wie verkünden wir unsere Botschaft am besten?“, sondern „was hilft Menschen heute, ihr Leben auf Kurs zu halten?“ Bewusstwerdung — ein offener Geist, ein offenes Herz und ein offener Wille, in den Worten von Otto Scharmers Theorie U — lässt sich einladen, nicht erzwingen. Wachstum widerfährt Menschen, so wie die schönsten Begegnungen uns widerfahren. Unsere Aufgabe ist es, die Schwellen zu senken und das Unerwartete möglich zu machen.
Communio: die nächste Schwelle
Wenn wir vorausblicken, worauf YOT in den kommenden Jahren setzen möchte, dann ist es der Begriff communio. Auf den ersten Blick scheint das mit allem zu kollidieren, was wir oben über Gelb und individuelle Freiheit geschrieben haben — und gerade diese Spannung macht es zu unserer wichtigsten Herausforderung. Die britische Theologin Carmody Grey bringt scharf auf den Punkt, was auf dem Spiel steht. Ohne eine tiefe Beziehung zur Natur, zu anderen Menschen und zu Gott, sagt sie, wissen wir nicht mehr, wer wir sind. Wir haben eine Lebensweise aufgebaut, die uns von der Natur, voneinander und von Gott löst — und wir stehen erst am Anfang von Klimawandel und künstlicher Intelligenz. Gegen die Einsamkeit und den Sinnverlust vor allem junger Menschen hält sie fest, dass wir bedeutungsvolle Beziehungen brauchen: Bedeutung ist Beziehung.
Was sehr wohl geht, ist das Ermöglichen: eine Umgebung schaffen, in der Entwicklung möglich wird, ohne verpflichtend zu sein. Unsere Frage lautet nie „wie verkünden wir unsere Botschaft am besten?“, sondern „was hilft Menschen heute, ihr Leben auf Kurs zu halten?“
Diese Gemeinschaft — communio — ist etwas ganz anderes, als soziale Medien versprechen. Jemandem eine Plattform zu geben, wenn er sich nach Gemeinschaft sehnt, ist Grey zufolge „als gäbe man einem Kind einen Stein, wenn es um Brot bittet“. Keine bloße Verbindung, wie ein Laptop sich mit dem Internet verbindet, sondern Beziehung in ihrer vollen Wirklichkeit, ein bleibendes Ineinander-Wohnen. Und hier berührt sie den Kern des Wortes katholisch. Wir gebrauchen es meist, um eine Gruppe von Gläubigen zu bezeichnen, doch das griechische kata holon bedeutet „gemäß dem Ganzen“: bezogen sein auf alles — auf die ganze Schöpfung, auf alle Menschen, auf Kultur, Wissenschaft und Natur. Katholisch sein ist also das Gegenteil von Nach-innen-gekehrt-Sein. Communio ist in diesem Sinne Verbundenheit mit allen Menschen, mit der Natur, mit der Welt — und mit dem Grund von all dem, den wir Gott nennen. Und dieses Sich-nach-außen-Kehren hat bei Grey einen Namen: Liebe — die Energie, die uns aus uns selbst herausführt, zu anderen Menschen, zur Schöpfung, zu Gott. Es ist dieselbe Bewegung, die die ganze Entwicklung trägt: Jeder Schritt in Gott 9.0 ist einer der Selbstüberschreitung.

Ohne eine tiefe Beziehung zur Natur, zu anderen Menschen und zu Gott, sagt sie, wissen wir nicht mehr, wer wir sind.
Wie verhält sich das zu Gelb? Gott 9.0 selbst weist die Richtung. Nach den gelben Individualisten bricht dem Modell zufolge eine neue Wir-Zeit an — die des türkisen Bewusstseins, in dem alles mit allem verbunden ist und die positiven Kräfte aller Stufen genutzt werden. Gelb ist also kein Endpunkt und schon gar keine Flucht aus der Gemeinschaft; es ist die Ich-Stufe, die eine freiere Form des Zusammenseins vorbereitet. Genau darin liegt unsere Aufgabe. YOT ist stark in der gelben Grammatik der Freiheit — lose-fest, keine Mitgliederwerbung, Kommen und Gehen — doch diese Freiheit droht in dieselbe Atomisierung zu entgleisen, die Grey beschreibt. Was wir suchen, ist eine communio, die niemanden festhält und dennoch wirklich trägt: keine Rückkehr zum blauen oder grünen Wir, das Menschen in ein Schema zwingt, sondern eine Verbundenheit, die Unterschiede bestehen lässt. Sie schließt nahtlos an das an, was wir immer schon sagten — dass das Ziel von YOT außerhalb seiner selbst liegt, im Mitwirken am guten Leben für alle — und sie verbindet unsere gelbe Arbeit neu mit der katholischen Wurzel, aus der sie hervorgeht. Ganz konkret wird das sichtbar in der Weise, wie wir Menschen an der Schwelle willkommen heißen, in der Sorge um jene, die einsam sind, in unserem Einsatz für die Schöpfung und in der geduldigen Arbeit, Menschen wieder leibhaftig zusammenzubringen.
Das Experiment: so arbeiten wir an Zukunft
Noch eines, und es bringt uns zur Zukunft. YOT ist ein Labor für Weltanschauung, und das Experiment ist für uns nicht unverbindlich, sondern wesentlich. Nur indem wir Dinge ausprobieren, Prototypen entwickeln und unserer Vorstellungskraft Gestalt geben, können wir an Zukunft arbeiten. Wer auf Nummer sicher geht, wiederholt bestenfalls die Vergangenheit.
Eine Kirche, die auf Kontinuität gebaut ist, mag von sich aus das Experiment nicht — und doch sind gerade diese Experimente für uns der einzige Weg, wirklich zukunftsgerichtet zu sein.
Der deutsche Theologe J. B. Metz beschrieb in seinem Buch „Zeit der Orden?“ die Ordensgemeinschaften und Kongregationen als die innovierende, prophetische Kraft innerhalb der Kirche — komplementär zur Institution, die vor allem die Kontinuität wahrt. Beide sind nötig, und sie setzen einander voraus. YOT arbeitet im Kontext der Institution, teilt aber die Intentionen jener zweiten Kraft: empfänglich für die Nöte der Zeit, ausgerichtet auf das, was noch nicht ist. Das macht unsere Lage mitunter komplex. Eine Kirche, die auf Kontinuität gebaut ist, mag von sich aus das Experiment nicht — und doch sind gerade diese Experimente für uns der einzige Weg, wirklich zukunftsgerichtet zu sein.
Schluss: ein Gott, der sich mit Zukunft verbindet
Im Schiff unserer Kirche steht nicht zufällig eine Frage über Zukunft, und hängt nicht zufällig eine Schaukel. Beide zeugen von Bewegung. Eine der Gründungspersonen unserer Organisation weist gern auf die Zukunft im Gottesnamen aus dem Exodus hin, EHEJEH ASCHER EHEJEH, jahrhundertelang übersetzt als „ich bin, der ich bin“. Doch im Hebräischen lässt sich das Verb „sein“ nicht in der Gegenwart konjugieren. Zutreffender ist: ich werde sein, der ich sein werde. Gott verbindet sich stets mit Zukunft, mit Perspektive, mit Sehnsucht. Selbst ein anderer Gottesname, EL, bedeutet „zu“, „in Richtung auf“. Wer Gott denkt, kann der Bibel zufolge nicht anders, als an Bewegung zu denken.
Veränderung ist für uns keine Bedrohung, die wir erleiden, sondern der Grundton des Glaubens selbst.
Darin liegt, denken wir, die tiefste Berührung zwischen der Geschichte von YOT und der Geschichte von Gott 9.0. Veränderung ist für uns keine Bedrohung, die wir erleiden, sondern der Grundton des Glaubens selbst. Die große Erzählung, die uns beseelt, kann ihre Kraft nur bewahren, wenn sie in Bewegung bleibt. „What are we going to do with all this future?“ Es ist keine rhetorische Frage. Es ist der Auftrag einer Kirche, die zu glauben wagt, dass die schönste Version ihres Gottesbildes noch vor ihr liegt.
