012015

Praxis

Barbara Kruse

Zu Gast im Salon – den eigenen (Zukunfts-) Themen einen Raum geben

Wenn wir von der Zukunft her führen wollen, braucht die Zukunft einen Raum im Jetzt. Einen Raum, in dem Zukunft gedacht werden kann, kritisch hinterfragt werden kann. Im Alltagsgeschäft ist vieles andere wichtiger. Und alleine im stillen Kämmerlein oder unter der Dusche entstehen zwar vielleicht gute Ideen, aber in Ko-Kreation1 werden Zukunftsthemen geschärft und weitergebracht. Salonabende können einen solchen Raum bieten.

Sie sind gekommen, um in einem geschützten Raum, zwischen Öffentlichkeit und Privatsphäre, gemeinsam mit anderen Menschen eine besondere Form der Ko-Kreation zu erleben.

Gemurmel, Lachen, Gläser klirren, konzentrierte Gesichter, bunte Schrift auf Papiertischdecken. Salonabend in Köln. 25 Gäste sitzen verteilt an sechs Tischen und vertiefen sich in so unterschiedliche Themen wie eine Reise durch Deutschland, die Sinn stiften soll, über die Gründung einer Stiftung, einen Veränderungsprozess an einer Schule, die Entwicklung der Stadt von unten bis zur Rettung der Weltmeere. Menschen aus unterschiedlichen Kontexten kommen miteinander ins Gespräch, im Alter von zehn bis 80 Jahren, aus Groningen bis Frankfurt, aus Brüssel, Köln oder Hannover. Sie sind gekommen, um in einem geschützten Raum, zwischen Öffentlichkeit und Privatsphäre, gemeinsam mit anderen Menschen eine besondere Form der Ko-Kreation zu erleben. Nach einem gemeinsamen Einstieg unterstützen sie sich gegenseitig durch Zuhören und Hinterfragen in wechselnden Gesprächsrunden. Gleich werden die Gäste zusammen essen, bevor es in die letzte Frage-Runde geht. Am Ende werden die Themengeber über mehr Klarheit über ihr Projekt und den konkreten nächsten Schritt verfügen, und auch die anderen Gäste werden den einen oder anderen Gedanken für ihr eigenes Leben mitnehmen und fühlen sich vom Abend reich beschenkt.

salonabend_3Foto: Kölner Salon der Ideen (CC BY-NC)
Die Atmosphäre und der Ablauf des Abends sind durch den Ansatz des Salonhostings2 geprägt. In Anlehnung an die Idee der bürgerlichen Salons des 18. Jahrhunderts, die vom Status der Gäste absahen und potenziell jedem Menschen den Zugang ermöglichten3, entstand 2010 diese neue Form der Salons in Brüssel und Bregenz. In dieser Art des Salons dürfen jenseits der Öffentlichkeit, im geschützten Raum, neue Ideen ausprobiert und eine andere Zukunft gedacht und eingeleitet werden4. Heute wächst das Netz der Salons im partizipativen Sinne des Salonhostings vor allem im deutschsprachigen Raum5.

Bei einem Aufenthalt in Brüssel bei einer Kollegin entstand in mir der Wunsch, auch in Köln zu Salonabenden einzuladen und der Zukunft einen Raum zu geben. Im Ansatz des Salonhostings gilt das Prinzip „never host alone“, also niemals alleine Gastgeber zu sein. Schnell wusste ich, mit wem ich im Kernteam arbeiten wollte: mit der Kollegin aus Brüssel und einem Kollegen aus Köln.

In langen Internetkonferenzen haben wir daran gearbeitet, eine gemeinsame Intention für den Salon in Köln herauszuarbeiten: Was ist uns wichtig? Was wollen wir? Daraus haben wir schließlich eine gemeinsame Einladung formuliert und in die Welt gebracht – mit sehr guter Resonanz. Weitere Unterstützer für den Abend finden, den Veranstaltungsraum nach unseren eigenen Vorstellungen herrichten, Essen und Getränke bestellen und die Finanzen klären. Veranstaltungsmanagement, das wichtig ist, um einen entspannten, angenehmen Abend zu verbringen. Denn ein Salonabend zeichnet sich dadurch aus, dass sich die Gäste wohlfühlen und dadurch wie beiläufig relevante Themen und Anliegen weitergebracht werden.

salonabend_2Foto: Kölner Salon der Ideen (CC BY-NC)

Dies gelingt allerdings nur unter bestimmten Voraussetzungen: Wenn sich die Gäste auf schöpferisches Zuhören6 einlassen und außerdem akzeptieren können, dass man eine Idee nicht mehr genau einer Person zurechnen kann, weil sie gemeinsam entstanden ist – ko-kreativ. Derjenige, der den alleinigen Ruhm im Rampenlicht genießen will, wird hier nicht glücklich. Glücklich werden zum Beispiel solche Gäste: Menschen, die gemeinsam mit anderen Projekt-Ideen entwickeln möchten. Dauergäste, die jedes Mal ihr Projekt einen Schritt voranbringen–Projekt-Coaching der anderen Art. Menschen, die „Art of Hosting“ unverbindlich kennenlernen möchten oder solche, die einfach einen netten Abend verbringen möchten. Das alles hat hier Platz.

Salonabende sind ursprünglich offen für jeden Gast, aber man kann diesen Ansatz natürlich auch als geschlossene Veranstaltung umsetzen und den Kreis der Gäste zum Beispiel auf die eigenen Mitarbeiter beschränken.

In Köln überarbeiten wir gerade mit einem erweiterten Kernteam unsere gemeinsame Intention für den Salon: Die offenen Salonabende werden eingebunden in ein größeres Netz von Angeboten an Gestalter der Zukunft. Wir freuen uns auf sie.

  1. In gemeinsamer Arbeit, in Zusammenarbeit, in der alle einen Beitrag leisten und etwas vollkommen Neues entstehen kann. Nicht zu verwechseln mit Arbeit im Schwarm, Dueck 2015.
  2. Salonhosting: eine Form der Art of Hosting. Vgl. http://salonhosting.at/salonhosting/salonhosting-20/ und http://diegastgeber.eu/salons-ein-raum-zwischen-oeffentlich-und-privat/ Grundlage bildet die Methode des pro action cafés, das in Brüssel im Wirkungsbereich der Europäischen Kommission entwickelt wurde und Projekte von Gestaltungswilligen durch gegenseitiges Zuhören und Fragen voranbringt.
  3. Habermas 1990
  4. Dies entspricht den Salons in Frankreich: „Der Salon hielt gleichsam das Monopol der Erstveröffentlichung.“ Habermas 1990, S. 94. In der Innovationsforschung wird heute ebenfalls die Bedeutung der Konversation hervorgehoben, vgl. Lester und Piore 2006.
  5. Außer in Bregenz gibt es derzeit Salons in Köln, Innsbruck, Meran, Wien, Graz, München und Waldviertel; in Brüssel (pro action cafe). Weitere sind in Planung, z.B. Frankfurt am Main.
  6. Scharmer 2009

Literaturverzeichnis

Dueck, Gunter (2015): Schwarmdumm. So blöd sind wir nur gemeinsam. 1. Aufl. Frankfurt am Main: Campus.

Habermas, Jürgen (1990): Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft. 1. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Lester, Richard K. und Piore, Michael J. (2006): Innovation – The Missing Dimension. Cambridge: Harvard University Press.

Scharmer, Claus Otto (2009): Theory U. Leading from the future as it emerges. The social technology of presencing. San Francisco, CA: Berrett Koehler.

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CoachingGrußgruppeInnovationPraxisVision

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