22018

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Konzept

Benedikt Jürgens

Weltkirche als Kirche in der Welt. Zur theologischen Relevanz von Umweltreferenz

Dass sich die Kirche in einem fundamentalen Klärungs- und Wandlungsprozess befindet, ist bekannt. Die Zeiten einer Volkskirche sind definitiv vorbei, in der das Leben der Katholikinnen und Katholiken von der Wiege bis zur Bahre in dem durch Pfarreien und katholische Verbände organisierten katholischen Milieu rundumversorgt war. Aber auch die Gemeindekirche, die mit einem vielfältigen Angebot für jung und alt zum Mitmachen einlädt und Gemeinschaftserfahrung verspricht, funktioniert nicht mehr. Und das hängt nicht nur mit den knapper werdenden personellen Ressourcen zusammen, worauf mit größeren Strukturen wie Gemeinschaften von Gemeinden, Seelsorgebereichen, Pastoralen Räumen oder fusionierten Großpfarreien reagiert wird. Mindestens ebenso wichtig dürfte vielmehr sein, dass sich die Rolle von Religion in unserer Gesellschaft fundamental wandelt. So ist der Anteil der Konfessionslosen an der Gesamtbevölkerung mit über 35% mittlerweile größer als der der Katholiken (ca. 28%) und der Protestanten (ca. 26%) jeweils für sich betrachtet.

Mindestens ebenso wichtig dürfte vielmehr sein, dass sich die Rolle von Religion in unserer Gesellschaft fundamental wandelt.

Doch nicht nur gesamtgesellschaftlich ist ein deutlich gewachsener Pluralismus zu beobachten. Die Vielfalt findet sich auch innerhalb der Konfessionen. Darauf haben insbesondere die Sinus-Milieu-Studien aufmerksam gemacht, und zwar mit der wichtigen zusätzlichen Beobachtung, dass die Kirchen mit ihrem Angebot nur einen kleinen Teil ihrer Mitglieder ansprechen und erreichen. Die Kirchen stehen hierzulande also vor dem doppelten Problem, wie sie sich zu einer pluralistischen Gesellschaft verhalten, in der längst auch andere als christliche Lebensentwürfe von großen Teilen der Gesellschaft praktiziert werden, aber auch zu einer Mitgliedschaft, die ihrerseits wiederum pluralistischer ist als in den Zeiten der (vermeintlich) homogenen Milieus.

Die Kirchen haben große Schwierigkeiten, sich dieser doppelten Herausforderung erfolgreich zu stellen. Es kostet sehr viel Energie, den Verlust der prägenden Stellung nach außen wie innen zu verarbeiten. Hier ist zweifellos auch Trauerarbeit zu leisten. Doch bei aller Wertschätzung für das, was verlorengeht, sollte nicht vergessen werden, dass nicht alles gut war. Die vermeintlich „gute alte Zeit“ hatte mit Phänomenen wie sozialem Druck, klerikaler Bevormundung und kultureller Enge auch ihre Schattenseiten. Der kirchliche und gesellschaftliche Pluralismus kann auch als Befreiung erlebt und gedeutet werden, weil er mit religiöser Freiheit verbunden ist, die vom Zweiten Vatikanischen Konzil ausdrücklich begrüßt wurde: „Es gehört zu den Hauptbestandteilen der katholischen Lehre, im Wort Gottes enthalten und von den Vätern ständig verkündet, dass der Mensch freiwillig durch seinen Glauben Gott antworten muss, dass dementsprechend niemand gegen seinen Willen zur Annahme des Glaubens gezwungen werden darf“ (DH 10). Wenn die katholische Kirche diese religiöse Freiheit gutheißt, ist sie herausgefordert, sich in Beziehung zu anderen Konfessionen, Religionen und Weltanschauungen zu setzen. An die Stelle des einfachen „Innen“ (Kirche) und „Außen“(Welt) tritt eine differenziertere Positionierung der katholischen Kirche in der Welt.

Wenn die katholische Kirche diese religiöse Freiheit gutheißt, ist sie herausgefordert, sich in Beziehung zu anderen Konfessionen, Religionen und Weltanschauungen zu setzen.

Wie und warum die katholische Kirche ein differenziertes Verhältnis zu ihren Umwelten entwickeln sollte, möchte dieser Beitrag in drei Schritten beschreiben. Zunächst soll anhand des systemtheoretisch inspirierten Denkens von Valentin Dessoy nachgezeichnet werden, wie kirchliche Systeme durch Umweltreferenz ihre gesellschaftliche Relevanz wiedergewinnen können. In einem zweiten Schritt soll deutlich werden, dass die Kopplung der Kirche mit der Welt einer der zentralen Lernprozesse des Zweiten Vatikanischen Konzils war. Schließlich soll in einem abschließenden dritten Schritt auf die bibeltheologische Tiefendimension dieser Orientierung an der Welt hingewiesen werden.

1. Systemrelevanz durch Umweltreferenz (Valentin Dessoy)

Um ihr Weltverhältnis positiv bearbeiten zu können, benötigt die Kirche „Umweltreferenz“. Das ist einer der zentralen Begriffe im Denken und Handeln von Valentin Dessoy, dem er sich vor allem in seiner langjährigen professionellen Begleitung von kirchlichen Organisationen und ihrer Führungskräfte verpflichtet fühlt. Es ist auch deutlich erkennbar in der maßgeblich von ihm mitgeprägten Kongressreihe „Strategie und Entwicklung in Kirche und Gesellschaft“, im gleichnamigen Netzwerk, im Konzept der Online-Zeitschrift futur2 und in vielen seiner Veröffentlichungen.

Orientierung an den Wurzeln

Als Systemtheoretiker diagnostiziert Valentin Dessoy in der weithin fehlenden Umweltreferenz der Kirche einen wichtigen Grund für die derzeitige Krise: „Obgleich die Dysfunktionalität aufgrund mangelnder Umweltreferenz dramatisch voranschreitet, blieben die Reformen der zurückliegenden Jahrzehnte stets kulturimmanent. Es ging primär um Systemerhaltung und Effizienzsteigerung, also darum, das Hamsterrad der althergebrachten Produktion mit schwindenden Ressourcen nach Möglichkeit noch schneller zu drehen.“1 Das ist um so bedauerlicher, weil die Kirche gerade durch Umweltreferenz entstanden und groß geworden ist: „Die Kirche hat immer wieder kulturelle Gegebenheiten und gesellschaftliche Impulse aufgegriffen und in die bestehende Systemlogik integriert. In den ersten Jahrhunderten wurde die christliche Botschaft in unterschiedlichste Kulturen eingetragen. Durch Kopplung mit der Umwelt, die Transformation von Bildern und Begriffen, durch Reflexion und Normierung entstand der Kanon und in der Folge die kirchliche Tradition.“2 Wenn die Kirche durch Umweltreferenz relevant wird, folgt sie für Valentin Dessoy nicht irgendeinem beliebigen Zeitgeist, sondern entdeckt vielmehr ihre eigenen Wurzeln und kehrt damit zu sich selbst zurück.

Orientierung an den Adressaten

Auch aus diesem Grund ist es für Valentin Dessoy nicht problematisch, in einer ökonomischen Sprache die Kirche auf einen „Markt“ zu positionieren, in der sie es mit „Adressaten“ oder auch mit „Kunden“ zu tun hat. Im Gegenteil: Wenn Kirche den Dialog sucht, sich im Markt bewährt und sich an „Kunden“ orientiert, wenn sie sich „dauerhaft kleinräumig und experimentell im Blick auf Lebenswirklichkeiten und ästhetischen Orientierungen transformiert“, dann handelt sie „wie in der Frühzeit.“3Wenn sich die Kirche konsequent an den Adressaten ausrichten würde, gewänne sie verlorengegangene Relevanz und damit einen Ort in der Welt zurück.

Wenn sich die Kirche konsequent an den Adressaten ausrichten würde, gewänne sie verlorengegangene Relevanz und damit einen Ort in der Welt zurück.

Das ist jedoch nicht ohne Konsequenzen für kirchliche Strukturen zu haben: „Kundennähe, Differenzierung und Beweglichkeit gewinnt Kirche dann zurück, wenn sie Strukturen und Prozesse im Binnenbereich dezentral organisiert.“4 Ebenso wäre eine Umsteuerung bei den Ressourcen erforderlich: „Kirche wird auf breiter Basis dauerhaft und substantiell in Produktentwicklung, Innovation und Gemeindegründung investieren müssen.“5 Auch in der Kommunikation müsste sich die Kirche umstellen. Sie müsste eher zuhören statt selbst zu reden, sich eher von außen wahrnehmen statt um sich selbst zu kreisen: „Bezogen auf Prozesse der Kirchenentwicklung ist von Anfang an die Einbeziehung der Außen-Perspektive (Fremdprophetie) in Form von Interviews, Foren oder Resonanzgruppen von zentraler Bedeutung.“6

Permanente (beschleunigte) Veränderung ist – auch für Kirche – zukünftig der Normalzustand, Stabilität die Ausnahme.

Für Valentin Dessoy ist klar, dass ein solches Denken für die weitgehend auf Stabilität ausgelegten kirchlichen Systeme ungewohnt ist. Sie müssten sich dieser Herausforderung jedoch stellen, weil der gesellschaftliche Wandel unausweichlich ist und weil die kirchliche Sendung fordert, vom Menschen her zu denken: „Die Dynamik der Entwicklung des gesellschaftlichen Umfeldes nimmt dabei stetig zu. Der davon ausgehende Veränderungsdruck auf die Kirche als Teilsystem von Gesellschaft wird sich daher weiter verstärken. Permanente (beschleunigte) Veränderung ist – auch für Kirche – zukünftig der Normalzustand, Stabilität die Ausnahme. Das aber heißt, sich stetig im Umfeld neu zu orientieren, Ballast abzuwerfen und neu auf Zukunft hin auszurichten. Richtschnur für die Suchbewegung ist dabei der Sendungsauftrag Mt 28,19. Kirche ist gefordert, sich konsequent von den Menschen her zu denken und zu entwerfen, die perspektivisch von der Frohen Botschaft erreicht und für die Mitarbeit am Reich Gottes gewonnen werden sollen. Hierauf ist alles andere zu beziehen.“7

Orientierung an Strategien

In diesem Prozess ist die Kirche oft getrieben. Um aus dieser Rolle herauszukommen, empfiehlt es sich, proaktiv auf die Herausforderungen zu reagieren und sie als Treiber für Kirchenentwicklung zu nutzen. Für Valentin Dessoy legen sich dabei drei Kernstrategien nahe. Kirche sollte sich erstens als lernende Organisation verstehen. Voraussetzung dafür ist „die ‚fluide‘ oder ‚agile‘ Organisation, die sich bei Bedarf den Umweltanforderungen entsprechend enger oder loser koppeln kann.“ In einem solchen Umfeld ensteht „ein Meta-Programm, das kontinuierlich Lern- und Entwicklungsprozesse organisiert und die Ergebnisse aus diesen Prozessen einer multiplen Validierung (bottom-up und top-down; Innen- und Außenperspektive) unterzieht.“8

Wer handlungsfähig bleiben möchte, benötigt verschiedene Optionen, auf die er im Bedarfsfall zurückgreifen kann.

Zweitens erfordert das sich ständig ändernde Umfeld permanente Reform, die ebenfalls systematisch organisiert werden sollte: Durch die Partizipation aller Getauften in Entscheidungsprozessen, durch konsequente Adressatenorientierung und indem Kirche von der Zukunft her gedacht wird.9 Dabei besteht die Herausforderung darin, „die auf größtmögliche Stabilität und Funktionalität ausgerichtete Gestalt so zu transformieren, dass sie sich nachhaltig in einem dynamischen Umfeld bewegen kann, das maximale Flexibilität und Innovation erfordert.“10

Durch die Partizipation aller Getauften in Entscheidungsprozessen, durch konsequente Adressatenorientierung und indem Kirche von der Zukunft her gedacht wird.

Schließlich empfiehlt sich drittens Innovation als Strategie, um sich an wechselnde Kontexte anpassen zu können. Wer handlungsfähig bleiben möchte, benötigt verschiedene Optionen, auf die er im Bedarfsfall zurückgreifen kann. Diese sind nur durch Mut zur Disruption, zum Experimentieren und Risikobereitschaft gewinnen. „Wenn bestehende Muster und (funktionierende) Routinen unterbrochen werden, können alternative Handlungsoptionen entstehen. Nur so lassen sich neue Erfahrungen generieren, die eine bessere Anpassung erlauben. Erneuerung hat experimentellen Charakter und beginnt dabei stets an den Rändern, an Hecken und Zäunen, kommt also – systemisch gesehen – von unten und von außen.“11

Orientierung an Führung

Aus der Rolle der Getriebenen kommt die Kirche letztlich nur heraus, wenn sie bewusst und gezielt geführt wird. Dabei ist Führung erst zweitrangig eine Frage der Personen und Persönlichkeiten. Entscheidend dürfte vielmehr in erster Linie die richtige Strategie sein, mit denen kirchliche Organisationen geführt werden: „Systeme überleben, wenn sie kontinuierlich in der Lage sind, sich angemessen auf ihre Umwelt zu beziehen, also Umweltreferenz herzustellen.

Aus der Rolle der Getriebenen kommt die Kirche letztlich nur heraus, wenn sie bewusst und gezielt geführt wird.

Hierbei treffen sie permanent Entscheidungen. Die Strategie liefert hierfür den notwendigen variablen Bezugspunkt. ]…] Die Strategie macht es möglich, stets aktuell die Prämissen zu generieren, die für die operativen Entscheidungsprozesse erforderlich sind. Gleichzeitig ermöglicht sie jedoch deren Überprüfung und Korrektur anhand konkreter Erfahrungen. Sie dient damit der Reproduktion der Organisation (indem Wichtiges von Unwichtigem unterscheidbar wird), ihrer Orientierung (indem Entscheidungsgrundlagen bestimmt werden können) und der Innovation (indem Raum für Entwicklung geschaffen wird).“12

2. Heterotopie – den eigenen Standort von außen bestimmen lassen

Mit ihrem Verhältnis zur Welt – also mit ihrer Umweltreferenz – hat sich die römisch-katholische Kirche im Zweiten Vatikanischen Konzil intensiv beschäftigt.

Umweltreferenz im Zweiten Vatikanischen Konzil

Bereits zu Beginn des Konzils wenden sich die Konzilsväter in einer Botschaft „an alle Menschen und an alle Nationen“. Ihren Auftrag sehen sie darin, „den Menschen unserer Zeit die Wahrheit Gottes in ihrer Fülle und Reinheit so zu verkünden, dass sie von ihnen verstanden und bereitwillig angenommen werde.“ Sie tun dies in der Überzeugung, dass „die Menschen insgesamt Brüder sind, gleich welcher Nation und Rasse.“ Aus diesem Grund sehen sie sich dazu verpflichtet, mit dem Konzil einen Beitrag zum Weltfrieden und zur sozialen Gerechtigkeit zu leisten. 13 Diese Eröffnung findet ihr Pendant in Gaudium et spes, dem Abschlussdokument des Konzils. Mit der „Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt in dieser Zeit“ bekräftigt das Konzil, dass es sich mit der „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen dieser Zeit, besonders der Armen und Bedrängten aller Art“ identifiziert (GS 1). Es entwirft eine ausgesprochen positive Sicht von Umweltreferenz, in dem es bejaht, „durch die Entwicklung des menschlichen gesellschaftlichen Lebens bereichert“ zu werden – „nicht als ob in der von Christus ihr gegebenen Verfassung etwas fehlte, sondern um sie tiefer zu erkennen, besser auszudrücken und unseren Zeiten besser anzupassen.“ Ja, sogar von ihren Gegnern profitiere die katholische Kirche: „Die Kirche bekennt, dass sie selbst aus der Gegnerschaft derer, die sich ihr widersetzen oder sie verfolgen, großen Nutzen gezogen hat und ziehen kann“ (GS 44).

Das Konzil entwirft eine ausgesprochen positive Sicht von Umweltreferenz, in dem es bejaht, „durch die Entwicklung des menschlichen gesellschaftlichen Lebens bereichert“ zu werden

Die Pastoralkonstitution resümiert damit eine Lernerfahrung des Konzils, die auch in anderen Konzilsdokumenten erkennbar ist. Im Dekret Unitatis redintegratio etabliert die katholische Kirche eine wohlwollende Beziehung zu den anderen christlichen Konfessionen und befürwortet den ökumenischen Dialog als eine Möglichkeit, sich gegenseitig besser kennen und verstehen zu lernen: „Durch diesen Dialog erwerben nämlich alle eine wahrere Kenntnis und angemessenere Einschätzung der Lehre und des Lebens jeder der beiden Gemeinschaften“ – eine Voraussetzung dafür, „eifrig das Werk der Erneuerung und Reform in Angriff“ zu nehmen (UR 4). Und in der Erklärung Nostra Aetate spricht die katholische Kirche wertschätzend von den anderen Religionen: „Mit aufrichtiger Hochachtung betrachtet sie jene Handlungs- und Lebensweisen, jene Gebote und Lehren, die, auch wenn sie von dem, was sie selber festhält und vorlegt, in vielem abweichen, nicht selten dennoch einen Strahl jener Wahrheit wiedergeben, die alle Menschen erleuchtet“ (NA 2).

Die dogmatische Grundlage, die diese Öffnung ermöglicht, ist die ekklesiologische Konzeption der Kirche als realitas complexa, „die aus menschlichem und göttlichem Element zusammenwächst“ und in der zwischen der einzigen Kirche Christi, „die wir im Glaubensbekenntnis als die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche bekennen“ und der katholischen Kirche zu differenzieren ist. Bekanntlich subsistiert die einzige Kirche Christi in der katholischen Kirche, existiert also in ihr, ohne mit ihr identisch zu sein (LG 8).

Heterotopie als Lernprozess

Dass die Konzilsväter das Konzil als Lernprozess begriffen und von der Außensicht profitiert haben, rekonstruiert Hans-Joachim Sander am Entstehungsprozess von Gaudium et spes. Die Redaktionskommission (Bischof Guano, Charles Moeller und Bernhard Haering) traf sich Anfang 1964 in Zürich mit Lukas Vischer, einem ökumenischen Beobachter des Konzils, und lässt sich in der Konzeption der Konstitution maßgeblich von einer reformatorischen Außenperspektive inspirieren. Auf diese Weise identifiziert die Kirche „sich mit Gaudium et spes selbst angesichts dieses Außen und identifiziert sich mit den Menschen in der Welt. Sie realisiert damit, wo sie sich befindet, und akzeptiert, dass sie sich selbst im Verhältnis zu diesem Außen bestimmen kann und dabei dieses Außen als ein Ausgangspunkt des Verhältnisses respektieren muss. Wer sie ist, wird von dem benannt, wo sie sich befindet.“14

Im Lernprozess des Konzils wird die „Macht“ der Heterotopie dadurch erfahren, dass die Außenperspektive der Ökumene eine Autorität entwickelt hat, der sich die Kirche stellen muss.

Entscheidend ist nun für Hans-Joachim Sander, dass die Kirche sich räumlich als ein „Ort“ wahrnimmt, der in Beziehung zu anderen „Orten“ steht. Durch diese andere Wahrnehmung verändert sich auch die Identität der Kirche: Nun prägt sie „eine Art Wo-Identität aus, welche für eine Wer-Identität der Kirche dann sehr bedrängend wird, wenn diese Identität, die im Innen geformt wird, auf Ausschließungsmechanismen gegenüber jenem Außen beruht.“15 Exemplarisch an der Ökumene wird für Hans-Joachim Sander deutlich, dass sich die katholische Kirche nunmehr über einen anderen Ort wahrnimmt als über den, den sie selbst einnimmt. Einen solchen Ort nennt er mit Michel Foucault „Heterotopie“, der damit „reale Räume bezeichnet wie Friedhöfe und Gärten, Bibliotheken und Bordelle, Theater und Kolonien. An solchen Orten herrscht jeweils eine anderen Ordnung der Dinge, die machtvolle Größen freilegt, welche in der normalen Ordnung des Diskurses mit Ausschließungen belegt sind.“16 Im Lernprozess des Konzils wird die „Macht“ der Heterotopie dadurch erfahren, dass die Außenperspektive der Ökumene eine Autorität entwickelt hat, der sich die Kirche stellen muss. „Mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil hat die katholische Kirche Respekt vor dieser Autorität entwickelt und sie hat begriffen, dass sie ihr nicht ausweichen kann. Diese Zumutung tut ihr gut, gerade weil sie vor den Menschen dieser Welt stattfindet.“17

Heterotopie als Merkmal der Weltkirche

Dieser Lernprozess des Konzils führt zu einer Bedeutungserweiterung des Begriffs der „Weltkirche“. Hatte sich das Konzil zu Beginn in dem Sinn als „Weltkirche“ verstanden, dass zum ersten Mal Vertreter der römisch-katholischen Kirche aus allen Teilen der Welt zu einem Konzil in Rom zusammenkamen und auf diese Weise die äußere Ausdehnung der Weltkirche erfuhren, wurde den Konzilsvätern durch die Erfahrung der Heterotopie außerdem bewusst, dass die Kirche in der Welt ist und damit ein realer Ort mit Umwelten, Umgebungen, Kontexten ist.

Den Konzilsvätern wurde durch die Erfahrung der Heterotopie außerdem bewusst, dass die Kirche in der Welt ist und damit ein realer Ort mit Umwelten, Umgebungen, Kontexten ist.

Mit diesem Verständnis von „Weltkirche“ könnte man die Erfahrung des gesellschaftlichen und kirchlichen Pluralismus ekklesiologisch auf den Punkt bringen: „Eine Weltkirche entsteht nicht einfach dadurch, dass Kirche global vergrößert wird, sondern dass sie der pluralen Qualität des Ortes nicht ausweicht, an den sie gestellt ist. Eine Weltkirche schließt nicht alles in sich ein, was es heute gibt, so dass jeder Kontext verschwindet, weil er schon in ihren Text eingebaut wäre. Es bedeutet vielmehr, keinen Kontext zu scheuen, auch wenn er bisher keine Beachtung gefunden hat. Das Plural-Problem dieser Kontexte lässt sich nicht damit bewältigen, dass man sich auf die singuläre Welt-Dimension einer auf die ganze Erde ausgeweiteten Kirche beschränkt, sondern verlangt, dass man sich den Herausforderungen öffnet, die es gibt, gleich ob dafür bereits bewährte Standpunkte vorliegen. ‚Weltkirche‘ bedeutet deshalb keine kirchliche Ausweitung im Singular, sondern einen Ortswechsel im Plural.“18

3. Die Weltkirche als Teil der guten Schöpfung Gottes

Dass die Konzilsväter des Zweiten Vatikanischen Konzils die Kirche von außen wahrnahmen und dabei etwas entscheidend Neues für das Selbstverständnis lernten, ist zweifellos eine Neuentdeckung. Es ist aber keine Neuerfindung. Es ist vielmehr auch die Wiederentdeckung einer alten biblischen Botschaft, nämlich der von der einen, guten, von Gott gesegneten Schöpfung, und die Überwindung eines unbiblischen Dualismus zwischen einer verlorenen Welt und einer geretteten Kirche.

Dass die Konzilsväter des Zweiten Vatikanischen Konzils die Kirche von außen wahrnahmen und dabei etwas entscheidend Neues für das Selbstverständnis lernten, ist zweifellos eine Neuentdeckung. Es ist aber keine Neuerfindung.

Die Exegese hat darauf aufmerksam gemacht, dass die beiden biblischen Schöpfungsgeschichten als Teile der Urgeschichte gelesen werden wollen, die von der Schöpfung bis hin zum Tod Noahs in Gen 9,28 reicht.19 Diese Urgeschichte berichtet vom Anfang der Welt, der prinzipiell für alle Lebewesen relevant ist. Die Differenzierung in verschiedene Völker, Kulturen und Religionen beginnt erst mit dem Stammbaum der Söhne Noahs in Gen 10. Die Urgeschichte erzählt davon, dass Gottes gute Schöpfung durch die vom Menschen ausgehende Gewalt aus dem Gleichgewicht gerät, so dass Gott zu dem Entschluss kommt, Menschen und Tiere durch die Flut von der Erde zu tilgen, ohne jedoch das Leben als Solches ganz auszurotten. Noah, seine Familie und die ausgewählten Tiere in der Arche überleben die Flut und wurden so Stammeltern alles Lebens nach der Flut. Die besondere Pointe der Flutgeschichte besteht darin, dass die Flut „nicht den Menschen verwandelt, sondern Gott.“20 Gott ändert seine Beziehung zur Schöpfung, indem seinen Segen erneuert (Gen 9,1; vgl. Gen 1, 28) und ihn dadurch bekräftigt, dass er nun einen „ewigen Bund“ mit dem Bogen als Zeichen in den Wolken schließt (Gen 9,16). Wohlgemerkt: Der erneuerte und durch den „ewigen Bund“ bekräftigte Segen bezieht sich nicht nur auf alle Menschen, sondern sogar auf alle Lebewesen!

Auf diesem Fundament beginnt nun aus biblischer Perspektive die Weltgeschichte, in der sich zunächst Völker, Kulturen und Religionen und dann Israel und später die Kirche ausdifferenzieren und die aus der Sicht der biblischen Autoren als Ganze unter Segen Gottes und in seinem „ewigen Bund“ steht. Weder die Geschichte Gottes mit Israel noch die mit der Kirche sind an die Stelle dieses Segens und dieses „ewigen Bundes“ getreten, sondern stehen in deren Kontext. Schöpfungstheologisch muss deshalb auch außerhalb Israels und außerhalb der Kirche mit Gottes Segen und liebender Zuwendung gerechnet werden. Hier ist das Fundament der Würde aller menschlichen Personen und für die religiöse Freiheit zu suchen, von denen Dignitatis humanae spricht.

Schöpfungstheologisch muss deshalb auch außerhalb Israels und außerhalb der Kirche mit Gottes Segen und liebender Zuwendung gerechnet werden.

In diesem Sinn gewinnt auch die Einsicht Hans-Joachim Sanders, die „Völker“ des jesuanischen Missionsauftrags als eine „theologische Position“ und damit als ein locus theologicus alienus“ zu verstehen, noch größere Tiefe. Weil „alle Völker“ Teil der guten Schöpfung Gottes sind, kommt es nicht mehr darauf an, sie in die Kirche zu „inkludieren“. „Es ist keine Inklusion, sondern eine Nicht-Ausschließung. Niemand soll für diese Ortsbestimmung ausgeschlossen sein, aber niemand kann dazu genötigt werden.“21 Das alles dürften gute Gründe für die Kirche sein, auf Umweltreferenz zu setzen.

  1. Dessoy, V.: Partizipation und Leitung in der Kirche, in E. Kröger (Hg.), Wie lernt Kirche Partizipation? Theologische Reflexion und praktische Erfahrungen, Würzburg 2016, 71–90, 78.
  2. Dessoy, V.: Kirche könnte gehen …, in: C. Hennecke, T. Tewes, G. Viecens (Hg.), Kirche geht … Die Dynamik lokaler Kirchenentwicklung, Würzburg 2013, 23–42, 32.
  3. Dessoy, V.: Wie Kirche zu einer lernenden Organisation werden kann, in: Lebendige Seelsorge 4/2012, 243–247, 244.
  4. Dessoy, V.: Kirche könnte gehen …, in: C. Hennecke, T. Tewes, G. Viecens (Hg.), Kirche geht … Die Dynamik lokaler Kirchenentwicklung, Würzburg 2013, 2342, 34.
  5. Dessoy, V.: Kirche braucht Profis – aber keine Gemeindereferenten. Skizze einer neuen Rollenarchitektur, 3 (http://www.kairos-cct.de/wp-content/uploads/2018/03/Dessoy-2017-Kirche-braucht-Profis-final-1.pdf).
  6. Dessoy, V., Nur Mut. Vom Pfad abweichen und den Systemwechsel vorbereiten, in: heute.glauben.leben, Themenheft der Hauptabteilung Seelsorge, Bistum Würzburg, Heft 8, 5/2015, 10.
  7. Dessoy, V.: Die Reform reformieren. Strategisch denken und prozessorientiert handeln lernen, in: Diakonia 2/2010, 6568, 66.
  8. Dessoy, V.: Auf dem Weg zu einer visionären Praxis. Syntax nachhaltiger Kirchenentwicklung, in: in: P. Hundertmark, H. Schönemann (Hg.), Pastoral hinter dem Horizont. Eine ökumenische Denkwerkstatt, KAMP kompakt 6, Erfurt 2017, 83-100, 90.
  9. Dessoy, V.: Partizipation und Leitung in der Kirche, in E. Kröger (Hg), Wie lernt Kirche Partizipation? Theologische Reflexion und praktische Erfahrungen, Würzburg 2016, 71–90, 79.
  10. Dessoy, V.: Wie Kirche zu einer lernenden Organisation werden kann, in: Lebendige Seelsorge 4/2012, 243–247, 244.
  11. Dessoy, V.: Kirche und Innovation – ein Widerspruch? Innovation als organisatorische und theologische Herausforderung, in: futur2, 2/2011 (http://www.futur2.org/article/kirche-und-innovation-ein-widerspruch-innovation-als-organisatorische-und-theologische-herausforderung/).
  12. Dessoy, V.: Zur Architektur strategischer Entwicklungsprozesse, in: futur2, 1/2011 (http://www.futur2.org/article/zur-architektur-strategischer-entwicklungsprozesse/).
  13. Wege zur Erneuerung der Kirche. Botschaft der Konzilsväter an die ganze Menschheit. In: Herders Theologischer Kommentar zum Zweiten Vatikanischen Konzil. Band 5: Die Dokumente des Zweiten Vatikanischen Konzils. Theologische Zusammenschau und Perspektiven, hg. von P. Hünermann und B.-J. Hilberath (Freiburg / Basel / Wien: Herder), 2006, 491–494.
  14. Sander, H.-J. „Der Ort der Ökumene für die Katholizität der Kirche – von der unmöglichen Utopie zur prekären Heterotopie“. In: Herders Theologischer Kommentar zum Zweiten Vatikanischen Konzil. Band 5: Die Dokumente des Zweiten Vatikanischen Konzils. Theologische Zusammenschau und Perspektiven, hg. von P. Hünermann und B.-J. Hilberath (Freiburg / Basel / Wien: Herder), 2006, 195. 
  15. ebd. 196.
  16. ebd.
  17. ebd. 200.
  18. Sander, H.-J., Von der kontextlosen Kirche im Singular zur pastoralen Weltkirche im Plural – ein Ortswechsel durch Nicht-Ausschließung prekärer Fragen“, in: Herders Theologischer Kommentar zum Zweiten Vatikanischen Konzil. Band 5: Die Dokumente des Zweiten Vatikanischen Konzils. Theologische Zusammenschau und Perspektiven, hg. von P. Hünermann und B.-J. Hilberath (Freiburg / Basel / Wien: Herder), 2006, 390.
  19. Z.B. Zenger, E., Die Welt als Schöpfung des barmherzigen Gottes, in: Löning, K. & Zenger, E. Als Anfang schuf Gott. Biblische Schöpfungstheologien. Düsseldorf: Patmos 1997, 135–177; Baumgart, N. C., Die Umkehr des Schöpfergottes. Zu Komposition und religionsgeschichtlichem Hintergrund von Gen 5–9 (HBS 22; Freiburg / Basel / Wien) 1999.
  20. Perlitt, L, 1 Mose 8,15–22, in: Göttinger Predigtmeditationen 24, 1969/70, 392, zit. nach Zenger 1997, 170.
  21. Sander, H.-J., Von der kontextlosen Kirche im Singular zur pastoralen Weltkirche im Plural – ein Ortswechsel durch Nicht-Ausschließung prekärer Fragen“, a.a.O, 391

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