022015

Praxis

Frank Johannes Hensel

Relevant ist, was Menschen hilft

Kirche gewinnt durch ihr Engagement in der Flüchtlingsarbeit gesellschaftliche Bedeutung zurück

Terror und Krieg im Nahen Osten; ein gerade noch abgewendeter Grexit am südlichen Rand Europas; tausende Menschen auf der Flucht vor unseren Haustüren:

Diese drei Themen haben vor und seit Monaten die Medien und die Menschen beherrscht. Ist angesichts dieser Ereignisse die Frage nach der Relevanz der katholischen Kirche in Deutschland jetzt überhaupt dran und angemessen? Kann Kirche aktuell eine wirkliche Relevanz für die deutsche Gesellschaft haben oder (zurück-)erlangen? Gerade vor dem Hintergrund, dass über ein Drittel der Bevölkerung keiner der drei großen monotheistischen Religionsgemeinschaften angehört und allein im Jahr 2014 nur aus der katholischen Kirche 217.000 Menschen ausgetreten sind.

In einer Gesellschaft, in der für viele das größte Glück in der Selbstverwirklichung liegt und das Glück durch „Sinn und Werte“ laut einer aktuellen Studie der Meinungsforschungsinstitute TNS Infratest und Trendbüro erst auf Platz fünf rangiert, anzunehmen, dass Selbstverwirklichung mit Selbstlosigkeit im Einsatz für Flüchtlinge im Namen der Kirche Hand in Hand geht, scheint kühn. Oder passt das doch zusammen mit der Selbst- und der Nächstenliebe und gerade die katholische Kirche hilft dabei, diesen biblischen Zusammenhang wieder zu beleben?

„Wenn sich ein Fremder in eurem Land aufhält, sollt ihr ihn nicht bedrücken. Er soll bei euch wie ein Einheimischer sein, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen“(Lev 19, 33f.).

Der Erzbischof von Köln, Rainer Maria Kardinal Woelki, bezeichnete die Sorge um und den Einsatz für soziale Gerechtigkeit und Flüchtlinge als „Lackmustest für Christen“. Denn die Sorge für Fremde ist Kernbestand des christlichen Glaubens. In den Büchern Mose ist zu lesen: „Wenn sich ein Fremder in eurem Land aufhält, sollt ihr ihn nicht bedrücken. Er soll bei euch wie ein Einheimischer sein, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen“(Lev 19, 33f.). Übrigens macht die Bibel keinen Unterschied, ob eine Flucht durch Hunger, Unterdrückung oder Bedrohung motiviert wurde. Im Neuen Testament belegen viele Berichte, dass Jesus sein eigenes Handeln und sein Aufrufen zur Nachfolge ganz zentral an der sozialen Integration des Fremden, Ausgegrenzten oder Geächteten festmacht. Gerade das frühe Christentum hat große Anziehungskraft dadurch entwickelt, dass es das Verbindende der Menschen hervorhob und nicht die Unterschiede (Gal 3, 28ff.) und seine caritative Ausrichtung und Sorge für jeden Nächsten galt.

Migration ist Menschheitserfahrung und verbindet Menschen, über Religionen und den Globus hinweg.

Migration ist Menschheitserfahrung und verbindet Menschen, über Religionen und den Globus hinweg. Da ist es sehr hilfreich, wenn sich eine Gesellschaft und die vielen Einzelnen darin ihrer Migrationserfahrungen erinnern. Für den Zusammenhalt und die Offenheit von Gesellschaften gegenüber Flüchtlingen und Migranten ist das von zentraler Bedeutung.

Nach den Übersiedlungen von Flüchtlingen und Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg spielte Asyl zunächst keine bedeutende Rolle in der Bundesrepublik Deutschland: In den Jahren 1953 bis einschließlich 1968 suchten insgesamt gerade einmal 70.500 Menschen hier Zuflucht. 1980 bewarben sich erstmals mehr als 100.000 Menschen um Asyl. In der Zeit nimmt auch die katholische Flüchtlingshilfe Fahrt auf. So bildete sich im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz unter Leitung von Weihbischof Wilhelm Wöste die Gruppe „Asyl“ beim Kommissariat der Deutschen Bischöfe in Bonn. Im September 1980 gab der Vorsitzende der Kommission Weltkirche, Bischof Dr. Franz Hengsbach (Essen), eine „Erklärung zu bedenklichen Entwicklungen bei der Behandlung von Asylbewerbern in der Bundesrepublik Deutschland“ ab. Auch bei der Tagung des Deutschen Caritasverbandes im September 1981 war Asyl und der Umgang mit Flüchtlingen ein bedeutendes Thema. In den örtlichen Caritasverbänden des Erzbistums Köln entstanden bis Ende der 1980er Jahre Flüchtlingssozialdienste. Alle diese Dienste wurden bis 1996 ausschließlich durch kirchliche Mittel finanziert, erst dann setzte eine öffentliche Teilförderung durch das Land Nordrhein-Westfalen ein. Besonders zu erwähnen ist auch das 1985 gegründete Therapiezentrum für Folteropfer in Köln (zunächst unter dem Namen „Psychosoziales Zentrum für ausländische Flüchtlinge“).

Die Hauptaufgaben der Flüchtlingssozialdienste lassen sich mit Beratung im Asylverfahren und in der Alltagsbewältigung (z. B. Gruppenangebote  in den Bereichen Freizeit und Sprachförderung) sowie Unterstützung von ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern beschreiben; für sie gab der Diözesan-Caritasverband Köln 1990 die Handreichung „Ehrenamtliche Flüchtlingshilfe“ heraus. Sowohl für die ehrenamtlich Engagierten als auch für die hauptamtlich in der Flüchtlingshilfe Tätigen stellt der 3. Oktober 2013 einen aufrüttelnden Einschnitt dar: 366 Menschen ertranken vor der Küste Lampedusas, die meisten von ihnen aus Eritrea und Somalia. Dieser Katastrophe folgte eine große Bereitschaft zur Flüchtlingshilfe. Bürgerschaftliches Engagement entwickelte sich in vielfältigen Formen, auch abseits von Kirche. Dass Papst Franziskus seine erste Auslandsreise nach Lampedusa machte und dort angesichts des Flüchtlingselends die „Globalisierung der Gleichgültigkeit“ anprangerte, war ein bedeutendes Signal der Solidarität mit den Flüchtlingen.

Logo der Aktion neue Nachbarn im Erzbistum Köln

Logo der „Aktion Neue Nachbarn“ im Erzbistum Köln

Im November 2014 gründete der Kölner Kardinal Woelki die „Aktion Neue Nachbarn“. Deren Ziel ist es, die Willkommenskultur für Flüchtlinge und das Zusammenleben von Flüchtlingen und bereits Ansässigen zu fördern. Die Bedarfe von Flüchtlingen sollen stärker in das Bewusstsein gerückt werden sowie alle kirchlichen und nicht-kirchlichen Akteure und Initiativen vernetzt werden. Das Erzbistum Köln hat dafür eine Soforthilfe von einer Million Euro zur Verfügung gestellt. Flüchtlingsinitiativen in den Gemeinden können für Projekte, Aktionen und Veranstaltungen sowie Bildungsangebote Gelder beantragen. Eine weitere Million Euro dient dem Ausbau flankierender Hilfen, zum Beispiel von Bildungswerken, Jugendpastoral und Caritas- und Fachverbänden. Dazu gehören auch Sprachkurse und Ehrenamtsschulungen. Darüber hinaus hat das Erzbistum Köln für die Unterstützung der Flüchtlingsarbeit in den Krisenregionen weitere zehn Millionen Euro gespendet.

Am Vorabend des Weltflüchtlingstags am 19. Juni 2015 fand vor dem Kölner Dom der Solidaritätsabend „23.000 Glockenschläge“ statt. Seit dem Jahr 2000 haben über 23.000 Flüchtlinge bei dem Versuch, nach Europa zu gelangen, ihr Leben verloren. Jedem einzelnen widmete das Erzbistum Köln bei der ökumenischen Gedenkfeier einen Glockenschlag. „Die Totenglocken sollen eine europäische Flüchtlingspolitik einfordern, die einen legalen Weg für Flüchtlinge nach Europa schafft“, erläuterte der Kölner Erzbischof Woelki und regte eine „Globalisierung der Nächstenliebe“ an. Bis August wurden anlässlich dieses Solidaritätsabends mehr als 250.000 Euro gespendet, die dem maltesischen Seenotrettungsprojekt Migrant Offshore Aid Station (MOAS) zugute kommen.

Der Solidaritätsabend hat gezeigt, dass die Kirche in der Flüchtlingshilfe Partnerin, aber auch Mahnerin von Politik und Verwaltung ist.

Der Solidaritätsabend hat gezeigt, dass die Kirche in der Flüchtlingshilfe Partnerin, aber auch Mahnerin von Politik und Verwaltung ist. So kritisierte die Kirche bereits in den 1990er Jahren deutlich die Abschreckungspolitik und sprach sich gegen die teils würdelose Unterbringung in großen Sammelunterkünften aus. 1993 stemmte sich die Kirche gegen die massiven Einschränkungen des Asylgrundrechts und lehnte die Schaffung des Asylbewerberleistungsgesetzes unterhalb der Leistungen des Bundessozialhilfegesetzes ab. Erst nachdem das Bundesverfassungsgericht diese Ungleichbehandlung bei der Definition des Existenzminimums unter Berufung auf das Grundgesetz verbot, sind im Jahr 2012 die Unterstützungssätze endlich angeglichen worden.

Auch in die aktuelle Flüchtlingsdebatte bringen sich die Caritasverbände deutlich ein:

1. Flucht ist ein globales Dauerphänomen!
In diesem Jahr werden voraussichtlich 800.000 Asylbewerber nach Deutschland kommen. Mit Sicherheit wird auch im kommenden Jahr die Zahl der Flüchtlinge nach Deutschland hoch sein. Es gilt, dieses Phänomen anzuerkennen und aktive Maßnahmen zur Bewältigung dieser nationalen und europäischen Herausforderung zu treffen.

2. Fluchtursachen ehrlich besprechen!
Eine verkürzte Diskussion über die Fluchtursachen vor Ort lenkt von der Verantwortung der westlichen Gesellschaften ab. Die Kirche versucht, Bewusstsein für die Mitverantwortung zu schaffen, zum Beispiel durch die letztjährige Caritas-Kampagne „Weit weg ist näher, als Du denkst“.

3. Legale Fluchtwege ermöglichen!
Notwendig sind legale Zugangswege für Flüchtlinge nach Europa, um lebensgefährliche Reisen zu verhindern. Die Flüchtlinge den Zäunen, dem offenen Meer und den Schleppern zu überlassen markiert so lange ein politisches Versagen, wie es währt. Eine Regulation der Zugangsmöglichkeiten nach der Arbeitsfähigkeit, wie sie derzeit bei der Debatte um ein Einwanderungsgesetz diskutiert wird, kann und darf bei Flüchtlingen keine Rolle spielen.

4. Flüchtlingsaufnahme europäisch gemeinschaftlich organisieren!
Eine solidarische Verteilung und eine Angleichung der politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen für die Aufnahme von Flüchtlingen müssen Leitziele der europäischen Flüchtlingspolitik werden.

5. Flüchtlingen für einen Neuanfang echte Integrationschancen bieten!
Das Ziel muss der rasche Zugang zu Sprach- und Integrationskursen bereits im noch laufenden Asylverfahren sein, auch der freie und ungeschmälerte Zugang zur gesundheitlichen Versorgung, zum Erwerb schulischer und beruflicher Bildungsabschlüsse sowie die Anerkennung vorhandener Schul- und Berufsabschlüsse und der zügige Einstieg in den Arbeitsmarkt ohne Wartefristen und unsinnige Vorrangprüfungen. Die Anerkennungsverfahren müssen deutlich schneller abgeschlossen werden, um die Flüchtlinge und ihre Helfer nicht auch noch mit einer monate- oder gar jahrelangen Ungewissheit zu belasten.

Zurück zur Eingangsfrage: Hat die katholische Kirche mit ihrer Flüchtlingshilfe eine Relevanz für die Gesellschaft? Es wird deutlich: Die Kirche übernimmt viele Aufgaben in der Flüchtlingsarbeit. So hat beispielsweise auch der Sozialdienst Katholischer Männer in Köln im Sommer 2015 die Betriebsträgerschaft von drei Flüchtlingsunterkünften übernommen. Über die beauftragten Leistungen hinaus richten die kirchlichen Dienste weitere Projekte, Unterstützungs- und Beratungsangebote für Flüchtlinge und Migranten ohne finanzielle Beteiligung der öffentlichen Hand aus. Allein im Erzbistum Köln gibt es 13 Fachdienste für Integration und Migration; deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter leisten pro Jahr in rund 6.000 Fällen Beratungen und Unterstützung, wobei die Anzahl der damit Erreichten aufgrund von Gruppenberatungen und Informationsveranstaltungen weit höher liegt. Das Erzbistum Köln stellt schon regelhaft allein für die soziale Arbeit im Bereich der Migrations- und Flüchtlingsdienste rund 2,5 Millionen Euro pro Jahr zur Verfügung.

Bei dem Einsatz von katholischer Kirche und ihrer Caritaseinrichtungen für Flüchtlinge und Migranten geht es ganz besonders darum, diese Arbeit in erster Linie an den unmittelbaren Bedarfen der Flüchtlinge auszurichten.

Soziale Gerechtigkeit ist eine Sache der Tat. Und genau die ist relevant, wenn es um Menschen geht.

Gesellschaftsrelevant wird sie für die Bevölkerung, weil sie eine der gegenwärtigen Hauptsorgen der Deutschen aufgreift: die wachsende Zuwanderung. Diese hat in der Sorgenranking-Studie des GfK-Vereins erstmals seit 22 Jahren die Angst vor Arbeitslosigkeit von Platz eins verdrängt. Diese Sorge ist keineswegs gleich etwas mit Überfremdungsängsten zu tun: Einer steigenden Zahl von Menschen geht es ganz im Gegenteil vor allem um eine bessere Integration und Bekämpfung der Ausländerfeindlichkeit, betonte der GfK-Verein. Dies ist umso wichtiger, als die Übergriffe auf Flüchtlingsunterkünfte zunehmen und auch die im Herbst 2014 aufkommenden PEGIDA-Demonstrationen noch gut im Gedächtnis sind. Die Ausrichtung der kirchlichen Flüchtlingsarbeit verbindet die Anliegen der Menschen, die hier nun in den Nachbarschaften neu zusammen finden müssen. Kirche arbeitet authentisch und konkret, sichtbar und fürsorglich in einem für die Gesellschaft relevanten Bereich, widmet sich den Sorgen und Nöten der Flüchtlinge wie auch der Aufnahmegesellschaft und ist damit enorm bedeutsam.

Auf Papst Johannes Paul II. geht der Satz zurück: „Der Umgang mit den Migranten ist ein Maßstab für die soziale Gerechtigkeit eines Systems.“ Soziale Gerechtigkeit ist eine Sache der Tat. Und genau die ist relevant, wenn es um Menschen geht.