022017

Foto: Daniel Cheung

Konzept

Ira Diethelm

Informatische Bildung für digitale Aufklärung

Ich möchte Sie zunächst mitnehmen in die Welt von E.M. Forster im Roman „Die Maschine steht still“1: In wabenähnlichen Zimmern wohnen die Menschen isoliert und jeder für sich unter der Erde … und sind völlig zufrieden. Denn die MASCHINE sorgt für sie, erfüllt ihnen auf Knopfdruck alle Wünsche und vernetzt sie mit sämtlichen Menschen weltweit. Man muss sein Zimmer nicht mehr verlassen, denn man ist rundum versorgt, hat genügend virtuelle Kontakte und Zerstreuung. Die Menschen vergessen, dass die MASCHINE menschengemacht ist, und beten sie daher an wie ein Gott. Ein einziges Buch gibt es noch in dieser dystopischen Welt: Das Handbuch der Maschine hat in etwa den Status einer Bibel. Wer die Göttlichkeit der Maschine bestreitet, gilt als „unmaschinell“ und wird mit Heimatlosigkeit bedroht.

Dann, eines Tages, verhält sich DIE MASCHINE ungewohnt. Sie zeigt Anzeichen von Defekten. DER KORREKTURMECHANISMUS scheint selbst korrekturbedürftig zu sein. Kurz vor ihrem kollektiven Tod hoffen immer noch die meisten Menschen, dass DIE MASCHINE in kürze repariert sein wird. Man müsse nur abwarten: „Ach morgen … morgen setzt irgendein Dummkopf die MASCHINE wieder in Gang.“

Die Kurzgeschichte beschreibt die vollkommene Fremdbestimmung und Abhängigkeit von DER MASCHINE und die meisten Menschen scheinen sich damit arrangiert zu haben und zufrieden, zufrieden mit ihrer Unmündigkeit.

Das eigentlich Besondere an diesem Werk ist, dass es vor Alexa und Siri, vor Facebook, vor Google, vor Navigationsgeräten, vor dem WWW, vor 1984 und vor dem Erscheinen des Buches ‚1984‘ entstand … nämlich schon 1909. Hier finden wir die älteste mir bekannte Beschreibung des Internets und von virtuellen sozialen Netzwerken und gleichzeitig des Gegenteils von Digitaler Souveränität.

Ob MASCHINE oder Skynet (aus Terminator): Unheilszenarien wie diese gibt es in der erzählenden Kunst seither viele. Auslöser allen Übels ist stets eine völlig vernetzte künstliche Intelligenz, ein künstlicher Leviathan, dem sich die Menschheit freiwillig oder unfreiwillig untergeordnet hat. Dort haben die Maschinen oft unter dem Vorwand zum Wohle der Menschheit zu entscheiden die Menschen als Instanz der kritischen Vernunft ablöst.

Um unsere freiheitlich-demokratische Gesellschaft zu erhalten, brauchen wir dringend eine neue Welle der Aufklärung, die uns vor der digitalen Unmündigkeit bewahrt.

Elon Musk, Chef von Tesla, hat kürzlich vor geballter künstlicher Intelligenz und vor autonomen Waffensystemen gewarnt und eine Verbannung solcher Bestrebungen gefordert. Viele belächeln das als Science Fiction. Ich finde es jedoch nicht komisch, wenn zwei künstliche Intelligenzen sich in einer selbst erfundenen Sprache unterhalten, wie im Juni 2017 geschehen.

„Die Grenzenlosigkeit der Informationsverarbeitung wird es gestatten, das Individuum auf seinem gesamten Lebensweg zu begleiteten, von ihm laufend Momentaufnahmen, Glanzbilder und Profile seiner Persönlichkeit zu liefern, Lebensformen und Lebensäußerungen zu registrieren, zu beobachten, zu überwachen und die so gewonnenen Daten ohne die Gnade des Vergessens ständig präsent zu halten“, dieser Ausspruch ist nicht von Mark Zuckerberg, sondern eine Prophezeiung von Horst Herold, Chef des BKA von 19802.

Sollte uns das Angst machen? Und wovor genau sollten wir Angst haben? Den intelligenten Maschinen oder den dummen oder größenwahnsinnigen Menschen, die das Leben von Milliarden verändern bzw. kontrollieren möchten? Oder vor den blinden Politikern, die den Ernst der Lage nicht erkennen und die Gesellschaft weiter in die Unmündigkeit laufen lassen?

Wir sind an dem Punkt, wo wir bei einer Geschichte schwer entscheiden können, ob dies Science Fiction ist oder schon in einem Labor oder im breiten Feld existiert.

„Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“ (Kant) Um unsere freiheitlich-demokratische Gesellschaft zu erhalten, brauchen wir dringend eine neue Welle der Aufklärung, die uns vor der digitalen Unmündigkeit bewahrt.

Leider reduzieren Politiker in ihren Reden oft diese Gesellschaft umfassende Veränderung des Alltags durch Digitalisierung nur auf ihren Nutzen im täglichen Leben oder in der Schule fürs Lernen. Sie machen ihn nicht selbst zum Unterrichtsgegenstand und verfehlen damit den Bildungsauftrag.

In den meisten Bundesländern verlässt ein Großteil der Schülerinnen und Schüler die Schule ohne etwas über Datenschutz, Algorithmen, Digitalisierung und Vernetzung gelernt zu haben. Diese Kenntnisse sind aber zu einem selbstbestimmten Handeln in einer Welt notwendig, in der nicht länger Staaten, sondern Maschinen und künstliche Intelligenzen oder Konzerne, die Daten sammeln, herrschen.

Die „Naturgesetze“ der digitalen Welt, ihren Algorithmen und informatischen Prinzipien müssen dazu genau so verstanden werden wie das Wetter oder der Wasserkreislauf, Kernenergie oder Gewaltenteilung.

Bereits Thoreau schreibt „Alle Menschen erkennen das Recht der Völker auf Selbstbestimmung an. Gemeint ist das Recht, einer Regierung die Treue zu verweigern und ihr Widerstand zu leisten, wenn ihre Unterdrückung oder Unfähigkeit zu groß und unerträglich werden.“

Um sich gegen die Unterdrückung durch die Maschinen zu wehren, ist es nötig den Feind zu kennen: Wie er arbeitet, denkt, welche Schwachstellen und Grenzen er aber auch hat. Nur das, was man versteht und zumindest in Ansätzen einmal selbst erfahren bzw. getan hat, ist man in der Lage zu beurteilen.

Die „Naturgesetze“ der digitalen Welt, ihren Algorithmen und informatischen Prinzipien müssen dazu genau so verstanden werden wie das Wetter oder der Wasserkreislauf, Kernenergie oder Gewaltenteilung.

Die Beherrschung von Schrift, Zahl, Bild und nun auch Code ist nötig für die soziale Teilhabe eines jeden Individuums einerseits und zur individuellen Befähigung zum zivilen Ungehorsam auch gegenüber den MASCHINEN andererseits und damit der Aufrechterhaltung unserer Gesellschaftsform.

Zum Schutz vor Bevormundung muss heute jeder nicht nur die Rechtschreibung und Grundrechenarten beherrschen, sondern auch herausragende Literatur, Algebra, Geometrie, Revolutionen, Kunstepochen. Dies sind Dinge, die sich kaum verändern. Hinter den täglichen Veränderungen der digitalen Welt stehen aber unveränderliche Prinzipien von Algorithmen wie z.B. die Grenzen der Berechenbarkeit. Wer weiß, dass man für einige Dinge keine Computerprogramme schreiben kann (wie z.B. ob ein Computer abgestürzt ist oder nicht) wird dies zur Hinterfragung und Gestaltung der Welt besser nutzen können als solche, die anderen alles glauben müssen. Nur durch informatisches Hintergrundwissen kann man (digital) souverän werden und bleiben.

Digitale Souveränität…. Dieser Begriff suggeriert, dass es auch eine analoge Souveränität geben könnte – eine, die sich auf die digitale Welt bezieht und eine, die sich nur auf die analoge Welt bezieht. Aber mit der Digitalisierung verhält es sich wie mit der Kommunikation, man kann nicht nicht-kommunizieren. Und man kann sich auch dann nicht den Einflüssen der Digitalisierung entziehen, wenn man selbst völlig offline lebt.

Also müssen alle Kinder und damit sowohl alle Jungen als auch alle Mädchen, dieses Wissen verpflichtend in der Schule erwerben, ob sie oder ihre Eltern dies nun wollen oder nicht. Aus dem gleichen Grund ist auch der Naturwissenschafts- und Englischunterricht verpflichtend. Und aus dem gleichen Grund wurde überhaupt die allgemeine Schulpflicht eingeführt.

Informatikunterricht ist nicht mehr und nicht weniger als dringend nötige Aufklärung über die digitale Welt.

Bereits 2011 hatte die Enquette-Kommission Internet und Gesellschaft in ihrem Zwischenbericht zur Medienkompetenz3 mehrere Ziele identifiziert. Sie fordert neben den Kulturtechniken lesen, schreiben, rechnen auch technische Fähigkeiten (Umgang mit Hard- und Software, Grundverständnis vom Aufbau des Internets, Grundkenntnisse im Programmieren etc.), die vor allem auf das Verstehen von Zusammenhängen und die Befähigung zum Selbstlernen abzielen.

Neben den Kulturtechniken lesen, schreiben, rechnen sind auch auch technische Fähigkeiten gefordert (Umgang mit Hard- und Software, Grundverständnis vom Aufbau des Internets, Grundkenntnisse im Programmieren etc.), die vor allem auf das Verstehen von Zusammenhängen und die Befähigung zum Selbstlernen abzielen.

Diese Fähigkeiten sind notwendig für das kritische Hinterfragen von Inhalten, Quellen einzuschätzen (z.B. indem man die Eigentümer von Web-Domains bestimmt und mit dem Impressum vergleicht), den kompetenten Umgang mit der Informationsflut (hierfür ist ein Grundverständnis der Funktionsweise von Suchmaschinen unerlässlich), und nicht zuletzt für den Datenschutz (hierzu ist neben der informationellen Selbstbestimmung als Grundprinzip die Kenntnis der Funktionsweise des Internet und verschiedener Datenspeicherungs- und Verschlüsselungsmöglichkeiten sowie deren Vor- und Nachteile essentiell).

Zur digitalen Souveränität gehört auch die Kreativität beim Umgang mit und dem Schaffen von Inhalten (Webseiten, Blogs, Filme, Musik, eigene Apps, Skripte oder Makros) (vgl. ebd.).

Medienkompetent ist demnach „beispielsweise nicht, wer gelernt hat, mit einem bestimmten Textverarbeitungsprogramm Serienbriefe zu erstellen. Medienkompetent ist, wer mit vertretbarem Zeitaufwand selbstständig in einem beliebigen Textverarbeitungsprogramm Serienbriefe erstellen kann, ohne es zuvor gelernt zu haben.“ (ebd.)

Kompetenzen dieser Art erwirbt man nicht nebenbei, genauso wenig wie man nebenbei Lesen, Schreiben und Rechnen lernt. Und Kompetenzen dieser Art können auch Lehrkräfte, die oftmals diese Kompetenzen selbst nicht vollständig besitzen, auch nicht nebenbei vermitteln. Wie beim Lesen, Schreiben, Rechnen braucht es dafür speziell fachlich und fachdidaktisch ausgebildete Lehrkräfte, die sich dieses Themas mit Freude annehmen. Daher muss die Schulpflicht umgehend auf die Erteilung von Informatikunterricht für alle Mädchen und Jungen ausgedehnt werden. Andere Länder wie Neuseeland, Finnland, Estland, Polen, Rumänien, England, die Schweiz u.a. haben dies bereits teilweise ab der ersten Klasse umgesetzt. Wann folgt Deutschland?

 

  1. E.M. Forster: Die Maschine steht still, Hoffmann und Campe, 978-3-455-40571-2, 2016
  2. Vgl. Harald Welzer: Die Smarte Dikatur, S. Fischer, 3. Aufl., 2016, S. 39
  3. http://dipbt.bundestag.de/dip21/btd/17/072/1707286.pdf S. 32