022017

Foto: Dawid Sobolewski

Statements

Stefan Lesting

Führungskräfte, die nicht bald handeln, sind verantwortungslos.

Industrie 4.0, Telemedizin und autonome Autos, Cloud Computing, Social Media und digitale Assistenten, die ständig zuhören: in schnellen Schritten verändert sich Gesellschaft im Kleinen wie im Großen. Was ist real, was ist wahr, wie ist unsere Welt? Ganz neue Fragen tun sich auf, neue Kompetenzen sind gefragt. futur2 hat verschiedene Autorinnen und Autoren um ein STATEMENT zu der folgenden Fragestellung gebeten.
1. Welche Organisationsstrukturen entstehen oder werden nötig, welche transparenten und welche intransparenten Machstrukturen bilden sich neu aus?
2. Was sind denn die notwendigen Kompetenzen, welche ethischen Grundpositionen sind für eine verantwortliche und erfolgreiche Navigation in der neuen Welt hilfreich?
3. In welcher Weise müssen sinnstiftende und weltdeutende Angebote formatiert und formuliert werden, um relevant und für die Menschen verfügbar zu sein? Und wie können sie diese Entwicklungen reflektieren und deuten?

Sicherlich kennen Sie das Gefühl, wenn sich ein Gewitter oder ein Sturm anbahnt. Die Ruhe trügt und es gibt augenscheinlich nur wenige Anzeichen dafür, was über einen hinein bricht. Doch wer genau schaut und aufmerksam beobachtet, der kann sehen, dass die Schwalben tiefer fliegen und der Luftdruck schwankt: Plötzlich ist das Unwetter oder der Sturm da und glücklich können sich diejenigen schätzen, die darauf vorbereitet waren.

Ähnlich verhält es sich mit dem digitalen Wandel, der schon seit vielen Jahren unterhalb des sichtbaren Radars vieler Organisationen und Menschen stattfindet. Historiker vergleichen diesen Wandel gerne mit der Epoche der Industrialisierung, die das Leben der Menschen vollständig auf den Kopf gestellt hat. Der große Unterschied ist die Geschwindigkeit, mit der der Zugang zu Informationen und die digitalen Möglichkeiten zugenommen haben.

Der digitale Wandel trifft dabei insbesondere Organisationen, die schwerfällig sind und in denen grundlegende Veränderung auf Grund der Struktur und des eingestellten Personals nicht zum Tagesgeschäft gehören.

Die Veränderung der Gesellschaft, die früher über mehrere Jahrhunderte stattfand, findet heute innerhalb von fünf bis zehn Jahren statt. Dies bedeutet eine große Haltungsänderung auf drei Ebenen, die für den Menschen essentiell sind: Die erste Ebene ist die eigene persönliche Einstellung zum Thema Digitalisierung und Nutzung der digitalen Möglichkeiten, die zweite ist eine Änderung der Arbeitsweise im Team und in der Gruppe. Die dritte Ebene ist die Veränderung der Geschäftsmodelle und Aufträge, denen sich Unternehmen und Organisationen stellen müssen.

Der digitale Wandel trifft dabei insbesondere Organisationen, die schwerfällig sind und in denen grundlegende Veränderung auf Grund der Struktur und des eingestellten Personals nicht zum Tagesgeschäft gehören. Dazu gehören Behörden, Großkonzerne und kirchliche Einrichtungen, die von dem eingangs beschriebenen Sturm derzeit immer häufiger getroffen werden. Im Gegensatz dazu stehen junge und auch kleinere Organisationen, die sich auf Grund ihrer agilen Arbeitsweise und kürzerer Entscheidungswege den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Änderungen viel schneller stellen können. Sie sind innovativer und können mit mehr Nachdruck bestehende Geschäftsmodelle durch Zerstörung weiterzuentwickeln. Als Beispiel kann hier die Taxibranche benannt werden, die durch den digitalen Fahrdienstvermittler Uber kräftig aufgemischt wird. Dieser hatte zuletzt noch die Bestellung von einer Million selbstfahrender Autos für New York als Taxiersatz verkündet. Doch nicht nur die Taxibranche verändert sich, sondern Anbieter wie Airbnb bringen Unruhe in die Tourismusbranche; Amazon, Alibaba und Co revolutionierenden den Handel.

Sie müssen sowohl die digitale Transformation in der eigenen Organisation vollziehen, als auch für die Menschen da sein, die erst einmal die Verlierer in diesem neuen Zeitalter sind.

Die Herausforderung für Unternehmen ist klar erkennbar: Es müssen neue Geschäftsfelder entwickelt oder bestehende in das digitale Zeitalter zu transformiert werden. Für gemeinnützige Organisationen gilt ähnliches, doch sind sie noch mit einer weiteren größeren Herausforderung konfrontiert: Sie müssen sowohl die digitale Transformation in der eigenen Organisation vollziehen, als auch für die Menschen da sein, die erst einmal die Verlierer in diesem neuen Zeitalter sind. Hier wird das Zusammenspiel der drei Ebenen deutlich erkennbar und erste Tendenzen sind auszumachen, wie Organisationen grundsätzlich dem digitalen Zeitalter begegnen können.

Zuerst benötigt es in etablierten Organisationen auf höchster Ebene ein klares Verständnis und Bekenntnis für die Herausforderung, die durch die digitale Transformation entsteht. Transformation und Veränderung von Organisationen kosten Geld und brauchen klare, eindeutige Entscheidungen. Zu Beginn dieses Weges ist es hilfreich, die Mitarbeiter zu identifizieren, die bereit sind, den Veränderungsprozess mitzugehen und sich von den Mitarbeitern zu trennen, die den Weg nicht schaffen werden oder wollen. Es ist eine harte, aber zumeist unabwendbare Entscheidung, da Denkmuster in kurzer Zeit komplett durchbrochen und auf sämtliche Arbeitsschritte und Bereiche aus einem digitalen Blickwinkel angewendet werden müssen. Die Notwendigkeit der Transformation wird nicht nur bei Unternehmen sichtbar, sondern mittlerweile stehen selbst die ersten gemeinnützigen Organisationen kurz vor dem Aus, da ihr „Geschäftsmodell“ durch digitale und effizientere Lösungen innerhalb von zwei Jahren komplett zerstört wurde.

Im Zeitalter des digitalen Wandels gewinnt nicht der Große oder der Traditionelle, sondern es gewinnt und überlebt immer der Schnellere und Anpassungsfähigere.

Deshalb gilt es mit den richtigen Mitarbeitern an Bord fluide und agile Netzwerke aufzubauen, um den heutigen und zukünftigen Veränderungen innerhalb von kurzen Zeitintervallen zu begegnen. An dieser Stelle braucht es vielerorts neue Formen und Methoden der Zusammenarbeit und ein anderes Verständnis von (Zusammen-)Arbeit. Zuletzt ist es so, dass erst mit den richtigen Mitarbeitern an Bord und der Einführung von diesen Arbeitsweisen eine Organisation in die Lage versetzt wird, die alten Geschäftsmodelle konstruktiv durch neue zu ersetzen. Denn am Ende gilt ein neues Prinzip: Im Zeitalter des digitalen Wandels gewinnt nicht der Große oder der Traditionelle, sondern es gewinnt und überlebt immer der Schnellere und Anpassungsfähigere.