012017

Statements

Daniel Rempe

Die Kirche der Zukunft ertüfteln

Wie wird die Kirche der Zukunft aussehen? Wie muss sich die heutige Kirche wandeln, um auch morgen noch ihren Grundauftrag zu erfüllen?
Diese und ähnliche Fragen treiben viele um, denen die Kirche und die ihr anvertraute gute Nachricht am Herzen liegen. Sie werden gestellt von denen, die danach suchen, wie christlicher Glaube für sie selbst und ihre Zeitgenossen relevant sein kann. Auch kirchenleitende Gremien und Verantwortungsträger und -trägerinnen suchen nach Antworten auf diese Fragen.

Ich beobachte – bei mir und bei anderen – wie bei diesen Zukunftsfragen die Antworten oft in der Vergangenheit gesucht werden. Nicht in einer konservativen Form, die versucht, das Bewährte zu bewahren, sondern in einer progressiven Form, die versucht, Neues zu erschließen, indem sie danach fragt, was gut funktioniert hat. Best practice wird das dann gennant.

Warum best practices nicht in die Zukunft führen

Doch best practice hat zwei Haken. Der erste Haken ist, dass best practice nur eine Auskunft darüber geben kann, was gut funktioniert hat oder aktuell gut funktioniert. Aber ob das auch in Zukunft gut funktionieren wird, ist damit nicht gesagt – insbesondere wenn man davon ausgeht, dass wir in einer Gesellschaft leben, die höchst dynamisch ist und die sich permanent wandelt. Wenn das Beständige der Wandel ist, dann kann die best practice von heute nicht die best practice von morgen sein.

Wenn das Beständige der Wandel ist, dann kann die best practice von heute nicht die best practice von morgen sein.

Der zweite Haken ist, dass best practice nur ein Auskunft darüber geben kann, was an dem einem Ort, in der einen spezifischen Situation, mit den jeweiligen Menschen und diesem konkreten Kontext eine gute Art ist Kirche zu sein und Glauben zu leben. Denn geht man davon aus, dass wir nicht nur in einer höchst dynamischen Welt leben, sondern auch in einer Gesellschaft, die sich in unterschiedliche Lebenswelten und Milieus ausdifferenziert (hat), dann kann das, was in dem einem Kontext als best practice erkannt wird in einem anderen voll daneben liegen.

Für die Frage, wie sich eine Kirche der Zukunft gestalten lässt, hilft in der aktuellen gesellschaftlichen Situation also best practice nur bedingt weiter. Kirchliche Modellprojekte, die als Leuchttürme in die Landschaft gesetzt werden, bieten nur begrenzt Orientierung für den Weg in die Zukunft. Mit erfolgreichen Konzepten, die ähnlich wie in einem Franchising-System über die kirchliche Landschaft verbreitet werden, lässt sich die Kirche der Zukunft nur begrenzt entwickeln. Aber was ist dann die Alternative?

Und warum Tüfteln eine Alternative ist

Der Digitalstratege Bastian Wilkat macht auf medium.com1 eine interessanten Vorschlag, wie in unsicheren Situationen, zum Beispiel in Zeiten permanent dynamischen Wandels und weitreichender gesellschaftlicher Ausdifferenzierung, eine Organisation vorgehen kann, um sich eine Zukunft zu erschließen: Best practice soll durch best tinkering ersetzt werden. „Best tinkering soll schlicht ausdrücken, selber zu probieren und sich dem Ziel langsam anzunähern. Der englische Begriff tinkering lässt sich frei als herumtüfteln bezeichnen,“ so Wilkat wörtlich.

Etwas ganz ähnliches legt das aus dem Wissensmanagement stammende Cynefin-Framework nahe.2 Das von Dave Snowden entwickelte Instrument unterscheidet grob zwischen vier Situationen – bezogen auf das Verhältnis von Ursache und Wirkung:

  • Einfach: Das Verhältnis von Ursache und Wirkung ist einfach und leicht zu erkennen.
  • Kompliziert: Das Verhältnis von Ursache und Wirkung ist nur nach tiefgreifender Analyse zu erkennen.
  • Komplex: Das Verhältnis von Ursache und Wirkung lässt sich erst in der Rückschau erkennen.
  • Chaotisch: Ursuche und Wirkung stehen in keinem Zusammenhang.

Je nach Situation führen unterschiedliche Handlungsweisen zum Ziel. Die gesellschaftliche Situation, in der wir Kirche sind und in der wir an deren Entwicklung arbeiten, ist komplex. Wo vieles im Wandel ist und Lebenswelten sich ausdifferenzieren, ist das Verhältnis von Ursache und Wirkung erst in der Rückschau zu erkennen.

Wo vieles im Wandel ist und Lebenswelten sich ausdifferenzieren, ist das Verhältnis von Ursache und Wirkung erst in der Rückschau zu erkennen.

Das Vorgehen, was das Cynefin-Framework hier nahe legt, lautet: Ausprobieren! Und dann wahrnehmen, reflektieren, lernen und wieder neu ausprobieren. Und wieder wahrnehmen, reflektieren, lernen, neu ausprobieren und so weiter. Mit anderen Worten: Herumtüfteln!

Dazu brauchen wie Pioniere und Pionierinnen, die sich auf dieses Wagnis einlassen, an der Kirche der Zukunft herumzutüfteln. Und wir brauchen Leitende, die diese darin unterstützen, Freiraum geben und sie wohlwollend begleiten.

Wie der Weg dahin aussieht? Keine Ahnung! Aber vielleicht lässt er sich ertüfteln.

  1. vgl. https://medium.com/the-new-worker/wie-best-practices-das-denken-nicht-verhindern-158b6c3fa330
  2. Mein Dank geht an dieser Stelle an Maria Herrmann & Dr. min. Sandra Bils von Kirche², die mich mit diesem Instrument vertraut gemacht haben. Mehr zum Framework z.B. hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Cynefin-Framework

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