012013

Foto: Schub@: take a seat, read a book (CC BY-NC-SA 2.0)

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Frank Reintgen

Buchrezension: Zulehner, Paul M.: Aufruf zum Ungehorsam

Zulehner, Paul M.: Aufruf zum Ungehorsam. Taten, nicht Worte reformieren die Kirche.

Beim gerade vergangenen Katholikentag in Mannheim war sie wieder deutlich spürbar, die Kluft zwischen nach Reformen drängenden Christen aus den Gemeinden und den bischöflichen Amtsträgern. Der Reformstau in der katholischen Kirche droht die Kirche zu zerreißen. Die nach Reformen rufenden Christen auf der einen Seite und Bischöfe, die sich durch Vorgaben aus Rom gebunden sehen, auf der anderen Seite, sind gefangen im Teufelskreis von Anklage – Verteidigung – Gegenklage. Seit Jahren sind die selber Muster immer wieder zu beobachten.

Für eine deutliche Musterunterbrechung sorgte im Juni 2011 der „Aufruf zum Ungehorsam“ einer österreichischen Pfarrerinitiative. Darin fordern die unterzeichnenden Pfarrer nicht mehr nur verbal kirchliche Reformen, sondern sie machen sie. Sie kündigen alternatives Handeln an. Das hat weltweit für Aufmerksamkeit gesorgt, übertreten doch hier Amtsträger bewusst und öffentlich den kirchlich vorgegeben Rahmen.

Eine für alle beteiligten nicht unwichtige Frage in diesem Konflikt ist, ob es sich bei den Pfarrern der Initiative um eine kleine Minderheit im österreichischen Klerus handelt oder ob die Anliegen des Aufrufs von einer größeren Gruppe inhaltlich mitgetragen werden. Um diese Frage zu klären hat der Österreichische Rundfunk das Forschungsinstitut GfK Austria mit einer Studie beauftragt.

Paul Michael Zulehner hat nun sehr rasch eine Auswertung der Studie vorgelegt. Er hofft, dass damit beiden Konfliktparteien deeskalierende Entscheidungshilfen für ihr weiteres Vorgehen an die Hand gegeben werden.

Die Ergebnisse sind kaum überraschend und doch brisant. Neben vielen interessanten Teilaspekten ist es vor allem das Kernergebnis der Studie, das aufmerken lässt: Mehr 2/3 der befragten Priester stimmen dem Aufruf der Initiative (wenn auch nicht in allen Punkten uneingeschränkt) zu. Zulehner ordnet die befragten Priester drei Typen zu:

a) Die entschlossenen Zustimmer (31% der Befragten) charakterisiert er als „Radikalreformer“. Sie begrüßen die Priesterinitiative uneingeschränkt und hätten auch zum Großteil selber  unterschrieben.

b) Die Aufschnürer (41%) stellen laut Zulehner eine Subgruppe der Zustimmer da. Sie unterstützen nicht alle Themen der Initiative und lassen sich als gemäßigte Reformer charakterisieren.

c) Als Ablehner (28% der Befragten) typisiert Zulehner die dritte Gruppe. Sie lassen sich als Reformgegner charakterisieren. Sie lehnen die Initiative ab und befürworten Sanktionen gegen Abweichler.

Dass die Gruppe der Ablehner gerade bei den jüngeren Priesterjahrgängen besonders groß ist, überrascht den aufmerksamen Beobachter kirchlicher Entwicklung nicht und doch beunruhigt es. Die Spuren, die das zweite Vatikanische Konzil bei einer Generation von Priestern hinterlassen hat, drohen zu verblassen.

In der Studie wurden 500 von 3500 österreichischen Pfarrern befragt. Das Ergebnis kann als repräsentativ für den Österreichischen Klerus angesehen werden. 500 Pfarrer lassen sich kaum

als „parasitäre Existenzform“ bezeichnen, wie der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller kritische Geister in der katholischen Kirche während des Katholikentages in Mannheim bezeichnet hat. Wenn es im Klerus in so zentralen Fragen einen so großen Dissens mit dem Lehramt gibt, wie es die Studie nahe legt, dann muss das alle Beteiligten wachrütteln.

Wie sagte Bischof Ackermann beim2. Kongress zur Strategieentwicklung in Kirche und Gesellschaft 2011 in Bensberg: Reformieren werden die tataren oder die Mönche“. Sind die österreichischen Pfarrer in diesem Sinn Mönche? Wenn die Musterunterbrechung der Pfarrerinitiative ein Mehr-desselben seitens der Bischöfe verhindert, so dass Raum für neue Lösungen entstehen würde, dann könnte das der Anfang eines Prozesses sein, der Kirche wieder gesellschaftlich Anschluss fähig machen würde. Es wird spannend sein, wie die kirchlichen Amtsträger diesen Konflikt lösen werden.

 

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