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	<description>Strategie und Entwicklung in Kirche und Gesellschaft e.V.</description>
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		<title>Arbeit am Habitus – Bildung und Kirche in Transformationsprozessen</title>
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		<pubDate>Sat, 08 Aug 2026 06:11:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Klaus Kießling</dc:creator>
		
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				<description><![CDATA[Bildung – durch Krisen veranlasst Bildung im traditionellen Sinne einer „Sorge um sich […] als Sorge um eine mündige Lebensführung“ lässt sich mit Wilhelm von Humboldt wie folgt umschreiben: „Der wahre Zwek des Menschen“, so schreibt der Bildungsreformer, „ist die höchste und proportionirlichste Bildung seiner Kräfte zu einem Ganzen“. Eine möglichst weitreichende und möglichst ausgewogene ...]]></description>
					<content:encoded><![CDATA[<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.0 Transitional//EN" "http://www.w3.org/TR/REC-html40/loose.dtd">
<html><body><p style="text-align: left;"></p><p class="teaser">Bildungsfragen sind in der j&uuml;ngsten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung pr&auml;senter als je zuvor. Bildungsprozesse bedeuten Ver&auml;nderung, Krisen rufen nach Ver&auml;nderung. Die katholische Kirche hat durch systemisch bedingten Machtmissbrauch unz&auml;hligen Menschen unermessliches Leid angetan, sich selbst in eine massive Vertrauenskrise gest&uuml;rzt und den Weg in die Diaspora durch eigenes Versagen beschleunigt. Vor diesem Hintergrund stellen sich Bildungsfragen neu.<span id="easy-footnote-1-14187" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/arbeit-am-habitus-bildung-und-kirche-in-transformationsprozessen/#easy-footnote-bottom-1-14187" title="S. Pruchniewicz/R. Rothgerber, In der Mitte der Gesellschaft? Religionsunterricht zwischen Scheinriesentum und Selbstverzwergung, in: T. Kl&auml;den/J. Loffeld (Hrsg.), Christsein in der Minderheit. Debatten zur 6. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (Quaestiones disputatae; Bd. 343), Freiburg i.Br. 2025, 260-279."><sup>1</sup></a></span> Sie stellen sich auf so grundlegende Weise, dass es in Zukunft &ndash; und darum auch in diesem Beitrag &ndash; nicht allein auf die eine oder andere sinnvolle Optimierung ankommt, etwa bei der Gestaltung katechetischer Bildungsangebote, sondern auf Bildung im Sinne einer Transformation machtf&ouml;rmig gepr&auml;gter Haltungen: <span style="color: #000000;">Bildungsarbeit in der</span> <span style="color: #000000;">Diaspora wird notwendigerweise zur Arbeit am Habitus</span><span style="color: #000000;">.</span></p>
<h2 style="text-align: left;">Bildung &ndash; durch Krisen veranlasst</h2>
<p style="text-align: left;">Bildung im traditionellen Sinne einer &bdquo;Sorge um sich [&hellip;] als Sorge um eine m&uuml;ndige Lebensf&uuml;hrung&ldquo;<span id="easy-footnote-2-14187" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/arbeit-am-habitus-bildung-und-kirche-in-transformationsprozessen/#easy-footnote-bottom-2-14187" title="A. D&ouml;rpinghaus, Art. Bildung, in: B.-I. H&auml;mel/Th. Schreij&auml;ck (Hrsg.), Basiswissen Kultur und Religion. 101 Grundbegriffe f&uuml;r Unterricht, Studium und Beruf, Stuttgart 2007, 16-18, 16."><sup>2</sup></a></span> l&auml;sst sich mit Wilhelm von Humboldt<span id="easy-footnote-3-14187" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/arbeit-am-habitus-bildung-und-kirche-in-transformationsprozessen/#easy-footnote-bottom-3-14187" title="H.-Ch. Koller, Bildung anders denken. Einf&uuml;hrung in die Theorie transformatorischer Bildungsprozesse, Stuttgart 3. Auflage 2023, 9-19."><sup>3</sup></a></span> wie folgt umschreiben: &bdquo;Der wahre Zwek des Menschen&ldquo;, so schreibt der Bildungsreformer, &bdquo;ist die h&ouml;chste und proportionirlichste Bildung seiner Kr&auml;fte zu einem Ganzen&ldquo;.<span id="easy-footnote-4-14187" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/arbeit-am-habitus-bildung-und-kirche-in-transformationsprozessen/#easy-footnote-bottom-4-14187" title="W. v. Humboldt, Schriften zur Anthropologie und Geschichte (Werke 1), Darmstadt 2. Auflage 1969, 64."><sup>4</sup></a></span> Eine m&ouml;glichst weitreichende und m&ouml;glichst ausgewogene Entfaltung menschlicher Kr&auml;fte erfolgt &bdquo;durch die Verkn&uuml;pfung unsres Ichs mit der Welt zu der allgemeinsten, regesten und freiesten Wechselwirkung&ldquo;.<span id="easy-footnote-5-14187" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/arbeit-am-habitus-bildung-und-kirche-in-transformationsprozessen/#easy-footnote-bottom-5-14187" title="Ebd., 235f."><sup>5</sup></a></span> Dieses Zusammenspiel des Ichs mit der Welt greift Hans-Christoph Koller auf, und zugleich geht er dar&uuml;ber hinaus, indem er Bildung nicht allein als Streben nach allm&auml;hlicher Entfaltung eigener Kr&auml;fte fasst, sondern Bildungsprozesse als von krisenhaften Ereignissen veranlasst sieht,<span id="easy-footnote-6-14187" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/arbeit-am-habitus-bildung-und-kirche-in-transformationsprozessen/#easy-footnote-bottom-6-14187" title="H.-Ch. Koller, Bildung anders denken (s. Anm. 3), 15f."><sup>6</sup></a></span> als Ver&auml;nderung der Art und Weise, wie Menschen sich in ihrer Welt, gegen&uuml;ber Anderen und sich selbst verhalten. Solche Transformationsprozesse vollziehen sich immer dann, wenn Menschen mit neuen Problemlagen, mit neuen Herausforderungen konfrontiert werden, f&uuml;r deren Bew&auml;ltigung die bisher gepflegten Weisen, Modi, Kategorien oder Figuren ihrer Welt- und Selbstverh&auml;ltnisse nicht mehr ausreichen, nicht mehr taugen.</p>
<p class="western" lang="de-DE" style="text-align: left;" align="justify"></p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Krisen gehen mit emotionaler Destabilisierung und Selbstzweifeln ebenso einher wie mit mehr oder minder stark desintegrierter Handlungsorganisation.</p></blockquote>Krisen verlangen nach Ver&auml;nderung, freilich in zugespitzter Form. In psychologischer Perspektive<span id="easy-footnote-7-14187" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/arbeit-am-habitus-bildung-und-kirche-in-transformationsprozessen/#easy-footnote-bottom-7-14187" title="D. Ulich/K. Hau&szlig;er/Ph. Mayring/P. Strehmel/M. Kandler/B. Degenhardt, Psychologie der Krisenbew&auml;ltigung. Eine L&auml;ngsschnittuntersuchung mit arbeitslosen Lehrern, Weinheim/Basel 1985, 24."><sup>7</sup></a></span> handelt es sich bei Krisen um belastende, zwar zeitweilige, in ihrem Verlauf und in ihren Folgen jedoch offene Transformationsprozesse. Sie lassen keine routinierten Reaktionen zu, sie markieren eine Unterbrechung der bis dahin gegebenen Kontinuit&auml;t des Erlebens und Handelns. Denn die Mittel, die Betroffenen zur Verf&uuml;gung stehen, um jene Herausforderungen zu bew&auml;ltigen, versagen ihren Dienst. Krisen gehen mit emotionaler Destabilisierung und Selbstzweifeln ebenso einher wie mit mehr oder minder stark desintegrierter Handlungsorganisation. Mit anderen Worten stehen Betroffene mit leeren H&auml;nden da: Ihr Werkzeugkoffer mag zwar reich best&uuml;ckt sein, aber keines der zuhandenen Instrumente passt, keines eignet sich zur Krisenbew&auml;ltigung. Krisen lassen sich nicht greifen, nicht begreifen, sie bleiben unfassbar. Jede Passung bleibt aus.
<h2 style="text-align: left;">Kirche in der Passungskrise</h2>
<h3 style="text-align: left;">Kirche als Ort des Unheils</h3>
<p style="text-align: left;">Die Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung legt offen, wie sehr das Vertrauen in die Kirchen eingebrochen ist. Der evangelischen Kirche bringen 24 % der Gesamtbev&ouml;lkerung Vertrauen entgegen,<span id="easy-footnote-8-14187" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/arbeit-am-habitus-bildung-und-kirche-in-transformationsprozessen/#easy-footnote-bottom-8-14187" title='Dabei bleibt zu ber&uuml;cksichtigen, dass zum Zeitpunkt dieser Datenerhebung die Ergebnisse jener breit angelegten Studie noch nicht vorlagen, die der Forschungsverbund ForuM zur Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt und anderen Missbrauchsformen in der Evangelischen Kirche und Diakonie in Deutschland &lt;a href="https://www.ekd.de/aufarbeitungsstudie-forum-82255.htm"&gt;am 25.01.2024 ver&ouml;ffentlichte&lt;/a&gt;.'><sup>8</sup></a></span> der katholischen Kirche jedoch nur noch 9 %. Letztere rangiert damit weit abgeschlagen hinter Hochschulen und Universit&auml;ten, Justiz und Bundesregierung und liegt nur knapp vor dem Islam. Dagegen nehmen Caritas und Diakonie &ndash; auf sie werde ich zur&uuml;ckkommen &ndash; einen respektablen Platz ein. Bemerkenswert erscheint auch, dass Katholik:innen ihrer eigenen Kirche (22 %) weniger Vertrauen entgegenbringen als der evangelischen Kirche (26 %).</p>
<p style="text-align: left;"></p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Lediglich f&uuml;r 27 % der katholischen und 35 % der evangelischen Bev&ouml;lkerung kommt ein Kirchenaustritt nicht infrage.</p></blockquote>Lediglich f&uuml;r 27 % der katholischen und 35 % der evangelischen Bev&ouml;lkerung kommt ein Kirchenaustritt nicht infrage. Austritts&uuml;berlegungen sind unter denen, die dar&uuml;ber nachgedacht haben, weniger dadurch motiviert, dass ihnen ihre Kirche gleichg&uuml;ltig w&auml;re, sie mit dem Glauben nichts mehr anfangen k&ouml;nnten oder Kirchensteuern sparen wollten, kirchliche Angebote nicht nutzten oder andere Werte vertr&auml;ten als ihre Kirche. Vielmehr r&uuml;hren ihre Beweggr&uuml;nde daher, dass ihnen ihre Kirche massiv unglaubw&uuml;rdig erscheint, sie sich &uuml;ber Mitarbeitende oder &uuml;ber Stellungnahmen der Kirche sehr ge&auml;rgert haben, sie in starkem Ma&szlig;e auch ohne Kirche ein christliches Leben f&uuml;hren k&ouml;nnen und die Kirche nicht lebt, was Jesus wollte, sie den Aufbau ihrer Kirche f&uuml;r viel zu hierarchisch und undemokratisch halten und die Kirche der Gleichstellung der Frauen ganz und gar nicht nachkommt. Den Hauptgrund jedoch bilden Skandale, sexueller Missbrauch und seine Vertuschung: 90 % der &uuml;ber einen Austritt nachdenkenden Katholik:innen bezeichnen dieses Motiv als zutreffend. Sowohl dieses als auch die anderen Motive sind unter ihnen insgesamt deutlich pr&auml;senter und dr&auml;ngender als unter den Evangelischen.
<p style="text-align: left;">Was m&uuml;sste die Kirche tun, damit diese Menschen in der Kirche bleiben? Sie h&auml;tte in erster Linie zu bekennen, wie viel Schuld sie auf sich geladen hat, zweitens Frauen und M&auml;nnern in der Kirche die gleichen Rechte zuzubilligen und sich drittens radikal zu reformieren. Auch hier liegen die jeweils starken Zustimmungswerte bei den Katholik:innen nochmals h&ouml;her als bei den Evangelischen.<span id="easy-footnote-9-14187" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/arbeit-am-habitus-bildung-und-kirche-in-transformationsprozessen/#easy-footnote-bottom-9-14187" title="Diese und weitere Befunde finden sich bei K. Kie&szlig;ling, Religionsp&auml;dagogischer Silberstreif am d&uuml;steren kirchlichen Horizont? Die sechste Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung aus katholischer Perspektive, in: Zeitschrift f&uuml;r P&auml;dagogik und Theologie 75 (4/2023) 387-400."><sup>9</sup></a></span></p>
<p>Systemisch bedingter Machtmissbrauch macht die katholische Kirche zu einem Ort des Unheils. Ein j&auml;her Abgrund tut sich vor ihrem ekklesiologischen Grundverst&auml;ndnis auf, wie es das Zweite Vatikanische Konzil bezeugt: &bdquo;Die Kirche ist ja in Christus gleichsam das Sakrament, das hei&szlig;t Zeichen und Werkzeug f&uuml;r die innigste Vereinigung mit Gott wie f&uuml;r die Einheit der ganzen Menschheit&ldquo; (LG 1).</p>
<h3>Kirche als Zeichen des Heils</h3>
<p>In ihrer Verbundenheit mit Jesus Christus wird Kirche selbst zum sakramentalen Zeichen des Heils. Dabei ist das Zeichen nicht das Bezeichnete selbst, die Kirche handelt nicht aus sich heraus, Heil kommt anderswoher: &bdquo;Der Geist wohnt in der Kirche und in den Herzen der Gl&auml;ubigen wie in einem Tempel&ldquo; (LG 4). Kirche ist auf einen Geist angewiesen, der heilend und heiligend wirkt, und allein in der Kraft dieses Geistes vermag sie ihrer Sendung nachzukommen, das Reich Gottes anzuk&uuml;ndigen und zu begr&uuml;nden (LG 5).</p>
<p>W&auml;hrend Jesus Christus jedoch heilig und ohne S&uuml;nde ist, &bdquo;umfasst die Kirche S&uuml;nder in ihrem eigenen Scho&szlig;e. Sie ist zugleich heilig und stets der Reinigung bed&uuml;rftig, sie geht immerfort den Weg der Bu&szlig;e und Erneuerung&ldquo; (LG 8). Hier liegt laut Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung noch eine lange Strecke vor ihr, zumal sich immer neue Abgr&uuml;nde auftun.</p>
<p>L&auml;sst das Attribut der Heiligkeit l&auml;ngst vergangenen kirchlichen Triumphalismus aufblitzen? Muss diese Zuschreibung nicht sp&auml;testens im Angesicht kirchlichen Machtmissbrauchs als Zynismus identifiziert und darum schleunigst abgelegt werden? Die so auszumachende Fallh&ouml;he unserer Kirche ist wohl kaum extremer vorstellbar.</p>
<p></p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Heiligkeit ist der Kirche also h&ouml;chstens verliehen &ndash; und niemals ihr Besitz, &uuml;ber den sie eigenm&auml;chtig verf&uuml;gen k&ouml;nnte.</p></blockquote>Heiligkeit erlangt die Kirche, wenn &uuml;berhaupt, nicht aus sich selbst, sie ist in ihrer Heiligkeit nicht sakrosankt. Heiligkeit gewinnt sie allenfalls, indem sie Gott im Heiligen Geist darum bittet. Heiligkeit ist der Kirche also h&ouml;chstens verliehen &ndash; und niemals ihr Besitz, &uuml;ber den sie eigenm&auml;chtig verf&uuml;gen k&ouml;nnte. Auch Menschen sind nicht aus sich heraus heilig, heilig macht sie Gottes Zuwendung. Heiligkeit ist der Kirche, ist allen Gesch&ouml;pfen unverf&uuml;gbar, und die Kirche lebt nur fort, wenn sie Anderen zum Zeichen wird. Heilig sind Gesch&ouml;pfe, heilig ist die Kirche nicht aus sich selbst und nicht f&uuml;r sich selbst. In diesem doppelten Verweisungszusammenhang liegt gerade der sakramentale Charakter von Kirche, die alles, was sie hat, nicht aus sich selbst hat, sondern ihrem Gottesbezug verdankt, und die alles, was sie hat, nicht f&uuml;r sich selbst hat, sondern f&uuml;r die ganze Sch&ouml;pfung.<span id="easy-footnote-10-14187" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/arbeit-am-habitus-bildung-und-kirche-in-transformationsprozessen/#easy-footnote-bottom-10-14187" title="B. J. Hilberath, Thesen zur Theologie des Diakonats, in: K. Kie&szlig;ling (Hrsg.), St&auml;ndige Diakone &ndash; Stellvertreter der Armen? Projekt Pro Diakonia: Prozess &ndash; Positionen &ndash; Perspektiven (Diakonia und &Ouml;kumene/Diakonia and Ecumenics 2), M&uuml;nster 2006, 92-104; K. Kie&szlig;ling, Nicht aus sich selbst und nicht f&uuml;r sich selbst. Zum diakonischen Primat einer missionarischen Kirche, in: J. Kreidler/Th. Broch/D. Steinfort (Hrsg.), Zeichen der heilsamen N&auml;he Gottes. Auf dem Weg zu einer missionarischen Kirche. Bischof Gebhard F&uuml;rst zum 60. Geburtstag, Ostfildern 2008, 126-138."><sup>10</sup></a></span>
<p>Der Weg der Kirchen in eine christliche Minderheit ist freilich durch religi&ouml;se Individualisierungs- und S&auml;kularisierungsprozesse gebahnt, die dank der Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung neu diskutiert werden,<span id="easy-footnote-11-14187" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/arbeit-am-habitus-bildung-und-kirche-in-transformationsprozessen/#easy-footnote-bottom-11-14187" title='R. Bucher, &lt;a href="https://www.feinschwarz.net/saekularisierung"&gt;Religi&ouml;se Individualisierung oder S&auml;kularisierung? Zu einer wiederaufgebrochenen Diskussion&lt;/a&gt;&nbsp; (19.07.2024).'><sup>11</sup></a></span> aber ganz massiv auch durch eigenes Versagen gepr&auml;gt. Vor diesem Hintergrund spitzt sich die Frage nach der Zukunft des Christentums in der Diaspora zu.</p>
<h2>Diaspora als heilsgeschichtliches &bdquo;Muss&ldquo;</h2>
<p>Der griechische Begriff der &bdquo;diaspora&ldquo; steht f&uuml;r den Umstand, dass religi&ouml;se, kulturelle und ethnische Gemeinschaften nicht mehr in ihrer angestammten Heimat, sondern in der Fremde leben und oft in verschiedene Regionen der Welt verstreut sind. Urspr&uuml;nglich waren mit Diaspora das Exil des j&uuml;dischen Volkes und seine Zerstreuung gemeint, hier jedoch bezieht sich der Begriff auf lokale Minderheiten einer christlichen Diaspora, wie sie auch in Lumen gentium genannt ist (LG 26) &ndash; insofern an unerwarteter Stelle, als es dort vorrangig um die Heiligungsaufgabe des Bischofs geht.</p>
<p>&bdquo;Man wollte&ldquo;, so erl&auml;utert Karl Rahner, &bdquo;in der Konstitution etwas von der konkreten Kirche des Alltags h&ouml;ren, in der Situation also, wo wirklich der Tod des Herrn gefeiert wird, wo das Brot des Wortes Gottes gebrochen wird, wo man konkret betet, liebt und das Kreuz des Alltags tr&auml;gt, wo die Kirche in ihrer Realit&auml;t wirklich eindeutig und greifbar mehr ist als eine abstrakte Ideologie, eine dogmatische These oder eine gesellschaftliche Gro&szlig;organisation&ldquo;.<span id="easy-footnote-12-14187" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/arbeit-am-habitus-bildung-und-kirche-in-transformationsprozessen/#easy-footnote-bottom-12-14187" title="K. Rahner, &Uuml;ber die Gegenwart Christi in der Diasporagemeinde nach der Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils, in: ders., Schriften zur Theologie VIII, Einsiedeln/Z&uuml;rich/K&ouml;ln 1967, 409-425, 410."><sup>12</sup></a></span> Diese &bdquo;Kirchen [&hellip;] sind n&auml;mlich je an ihrem Ort, im Heiligen Geist [&hellip;] das von Gott gerufene neue Volk&ldquo;, in ihnen &bdquo;ist Christus gegenw&auml;rtig&ldquo; (LG 26) f&uuml;r die Welt &ndash; freilich bei bleibender Differenz zwischen diesen Kirchen als Heilszeichen und dem erhofften Reich Gottes.</p>
<p>Diese Kirche darf in der Diaspora nicht zur Sekte werden (wollen), nicht zu einer &bdquo;Gruppe der im Leben zu kurz Gekommenen, die den Mut nicht haben, eine werdende Welt mitzugestalten, und aus ihrer Not falsch und feig eine Tugend machen&ldquo;<span id="easy-footnote-13-14187" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/arbeit-am-habitus-bildung-und-kirche-in-transformationsprozessen/#easy-footnote-bottom-13-14187" title="Ebd., 421."><sup>13</sup></a></span> und &bdquo;die Glorifizierung einer gettohaften Existenz im Windschatten der Geschichte&ldquo;<span id="easy-footnote-14-14187" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/arbeit-am-habitus-bildung-und-kirche-in-transformationsprozessen/#easy-footnote-bottom-14-14187" title="Ebd., 422."><sup>14</sup></a></span> betreiben. &bdquo;Wir d&uuml;rfen nicht meinen, dem Himmel treu sein zu k&ouml;nnen, indem wir der Erde Gottes untreu w&auml;ren. Wir d&uuml;rfen f&uuml;r alle hoffen, unersch&uuml;tterlich und beharrlich, weil Gottes Erbarmen seine Grenze nicht an unserem Unverm&ouml;gen hat&ldquo;.<span id="easy-footnote-15-14187" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/arbeit-am-habitus-bildung-und-kirche-in-transformationsprozessen/#easy-footnote-bottom-15-14187" title="K. Rahner, Der Christ und seine ungl&auml;ubigen Verwandten, in: ders., Schriften zur Theologie III, Einsiedeln/Z&uuml;rich/K&ouml;ln 6. Auflage 1964, 419-439, 439."><sup>15</sup></a></span></p>
<p>Rahner versteht die christliche Diaspora als ein heilsgeschichtliches &bdquo;Muss&ldquo;, als eine unvermeidliche, ja &bdquo;gottverf&uuml;gte Situation&ldquo;,<span id="easy-footnote-16-14187" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/arbeit-am-habitus-bildung-und-kirche-in-transformationsprozessen/#easy-footnote-bottom-16-14187" title="K. Rahner, Der Christ in seiner Umwelt, in: ders., Schriften zur Theologie VII, Einsiedeln/Z&uuml;rich/K&ouml;ln 1966, 91-102, 93."><sup>16</sup></a></span> die als solche beherzt anerkannt werden will. &bdquo;Die christliche Gemeinde darf kein Ofen sein, der nur sich selbst w&auml;rmt&ldquo;,<span id="easy-footnote-17-14187" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/arbeit-am-habitus-bildung-und-kirche-in-transformationsprozessen/#easy-footnote-bottom-17-14187" title="Ebd., 98."><sup>17</sup></a></span> vielmehr macht sie Jesus Christus f&uuml;r die Welt pr&auml;sent.</p>
<p>Auf solche Ph&auml;nomene hatte auch Jorge Mario Bergoglio abgehoben, als er im M&auml;rz 2013 vor dem Kardinalskollegium in Rom eine Rede gehalten hatte, bevor er als Papst Franziskus aus dem Konklave hervorging: &bdquo;Wenn die Kirche nicht aus sich selbst herausgeht, um das Evangelium zu verk&uuml;nden, kreist sie um sich selbst [&hellip;]. Die &Uuml;bel, die sich im Laufe der Zeit in den kirchlichen Institutionen entwickeln, haben ihre Wurzel in dieser Selbstbezogenheit. Es ist ein Geist des theologischen Narzissmus [&hellip;]. Diese (Kirche) lebt, damit die einen die anderen beweihr&auml;uchern&ldquo;.<span id="easy-footnote-18-14187" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/arbeit-am-habitus-bildung-und-kirche-in-transformationsprozessen/#easy-footnote-bottom-18-14187" title='Zit. nach: &lt;a href="https://www.domradio.de/artikel/bergoglios-zusammenfassung-seiner-rede-vor-den-kardinaelen"&gt;Die Kirche, die sich um sich selber dreht: Theologischer Narzissmus&lt;/a&gt; (27.03.2013).'><sup>18</sup></a></span> Sie lebt dann allein aus sich selbst und wie jener Ofen auch nur f&uuml;r sich selbst, nicht aber ihre Sakramentalit&auml;t.</p>
<p></p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Das Verst&auml;ndnis von Kirche als Zeichen und Werkzeug f&uuml;r die Vereinigung mit Gott und die Einheit der Menschheit darf in seiner Ausrichtung auf das Heil jedoch nicht zu dem Missverst&auml;ndnis f&uuml;hren, Kirche kreise in ihrem Selbstvollzug ausschlie&szlig;lich um Sakramente und deren Feier.</p></blockquote>Das Verst&auml;ndnis von Kirche als Zeichen und Werkzeug f&uuml;r die Vereinigung mit Gott und die Einheit der Menschheit darf in seiner Ausrichtung auf das Heil jedoch nicht zu dem Missverst&auml;ndnis f&uuml;hren, Kirche kreise in ihrem Selbstvollzug ausschlie&szlig;lich um Sakramente und deren Feier. Auch dann, wenn diese erfahrbaren Heilszeichen ausbleiben, kann sich Kirche ereignen und muss die Hoffnung auf Gottes Geistesgegenwart nicht sterben.
<p>Hoffnungen kn&uuml;pft Rahner an eine &bdquo;planetarische Diaspora&ldquo;,<span id="easy-footnote-19-14187" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/arbeit-am-habitus-bildung-und-kirche-in-transformationsprozessen/#easy-footnote-bottom-19-14187" title="K. Rahner, Theologische Deutung der Position des Christen in der modernen Welt, in: ders., Sendung und Gnade. Beitr&auml;ge zur Pastoraltheologie, Innsbruck/Wien 5. Auflage 1988, 13-47, 27."><sup>19</sup></a></span> sofern &bdquo;wir einmal mutig es aufgeben, die alten Fassaden zu verteidigen, hinter denen nichts oder nicht viel ist&ldquo;,<span id="easy-footnote-20-14187" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/arbeit-am-habitus-bildung-und-kirche-in-transformationsprozessen/#easy-footnote-bottom-20-14187" title="Ebd., 44."><sup>20</sup></a></span> und &bdquo;aus einem Nachwuchschristentum ein Wahlchristentum&ldquo;<span id="easy-footnote-21-14187" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/arbeit-am-habitus-bildung-und-kirche-in-transformationsprozessen/#easy-footnote-bottom-21-14187" title="Ebd., 33."><sup>21</sup></a></span> entsteht. Bedr&uuml;ckend aktuell klingt Rahner, wenn er mit der Diaspora den Abschied von &bdquo;klerikaler Maschinerie&ldquo; und der &bdquo;B&uuml;rokratenmentalit&auml;t&ldquo; eines Betriebs einl&auml;utet, &bdquo;der auch dann weiterexistiert, wenn man keine R&uuml;cksicht auf das Publikum nimmt, wenn man der Institution und nicht den Menschen dient&ldquo;.<span id="easy-footnote-22-14187" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/arbeit-am-habitus-bildung-und-kirche-in-transformationsprozessen/#easy-footnote-bottom-22-14187" title="Ebd., 42."><sup>22</sup></a></span> Sind dann endlich die Zeiten &bdquo;vorbei, wo man hoffen konnte, durch ein Vertuschungssystem wirkliche Sch&auml;den zu verdecken, weil verschwiegene Wahrheiten giftig werden&ldquo;?<span id="easy-footnote-23-14187" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/arbeit-am-habitus-bildung-und-kirche-in-transformationsprozessen/#easy-footnote-bottom-23-14187" title="Ebd., 43f."><sup>23</sup></a></span></p>
<h2>Bildung als Habituswandel</h2>
<p>Manche zun&auml;chst unbekannte Herausforderung, manches bisher Fremde wandelt sich ja mit der Zeit, wird uns allm&auml;hlich vertraut, l&auml;sst sich aneignen und in bestehende Ordnungen einf&uuml;gen. Krisen hingegen stehen f&uuml;r Au&szlig;erordentliches, f&uuml;r au&szlig;erordentlich Fremdes, das eigene Ordnungen bedroht.<span id="easy-footnote-24-14187" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/arbeit-am-habitus-bildung-und-kirche-in-transformationsprozessen/#easy-footnote-bottom-24-14187" title="H.-Ch. Koller, Bildung anders denken (s. Anm. 3), 79-86, inspiriert von B. Waldenfels, Ordnung im Zwielicht, Frankfurt a. M. 1987, und ders., Topographie des Fremden. Studien zur Ph&auml;nomenologie des Fremden I, Frankfurt a. M. 2. Auflage 1999."><sup>24</sup></a></span> Betroffene sind Bew&auml;hrungsproben ausgesetzt. Und wie menschliche Bew&auml;hrungsdynamiken<span id="easy-footnote-25-14187" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/arbeit-am-habitus-bildung-und-kirche-in-transformationsprozessen/#easy-footnote-bottom-25-14187" title="U. Oevermann, Ein Modell der Struktur von Religiosit&auml;t. Zugleich ein Strukturmodell von Lebenspraxis und von sozialer Zeit, in: M. Wohlrab-Sahr (Hrsg.), Biographie und Religion. Zwischen Ritual und Selbstsuche, Frankfurt a. M. 1995, 27-102."><sup>25</sup></a></span> ein Leben lang nicht stillgestellt werden k&ouml;nnen, so lassen sich auch Bildungsprozesse nicht abschlie&szlig;en: Ein zuvor etabliertes und dann gescheitertes Welt- und Selbstverh&auml;ltnis l&auml;sst sich nicht einfach durch ein anderes ersetzen, vielmehr handelt es sich um unabschlie&szlig;bare Vorg&auml;nge der Infragestellung, der Verfl&uuml;ssigung bestehender Ordnungen, um Vorg&auml;nge des Anderswerdens mit wiederum offenem Ausgang.<span id="easy-footnote-26-14187" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/arbeit-am-habitus-bildung-und-kirche-in-transformationsprozessen/#easy-footnote-bottom-26-14187" title="H.-Ch. Koller, Bildung anders denken (s. Anm. 3), 166."><sup>26</sup></a></span></p>
<p>Zur Bew&auml;hrung in Krisen gen&uuml;gt kein zus&auml;tzliches Instrument, jedenfalls keines, das sich in den bisher genutzten Werkzeugkoffer einf&uuml;gen lie&szlig;e &ndash; gar unter Aufrechterhaltung der bis dahin etablierten Ordnung &ndash;, vielmehr braucht es Au&szlig;erordentliches, braucht es eine neue Haltung, einen Habituswandel.<span id="easy-footnote-27-14187" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/arbeit-am-habitus-bildung-und-kirche-in-transformationsprozessen/#easy-footnote-bottom-27-14187" title="Bildungstheorien, die sich wie diejenige Kollers (ebd., 137-179) in dieser Tradition verorten lassen, erlauben empirische Bildungsforschung: R.-T. Kramer, &bdquo;Habitus(-wandel)&ldquo; im Spiegel von &bdquo;Krise&ldquo; und &bdquo;Bew&auml;hrung&ldquo;. Strukturtheoretische &Uuml;berlegungen zu einer dokumentarischen L&auml;ngsschnittforschung, in: Zeitschrift f&uuml;r Qualitative Forschung 14 (1/2013) 13-32; R. Bohnsack, Rekonstruktive Sozialforschung. Einf&uuml;hrung in qualitative Methoden, Opladen/Toronto 9. Auflage 2014."><sup>27</sup></a></span></p>
<p></p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Arbeit am Habitus ist Arbeit.</p></blockquote>Arbeit am Habitus ist Arbeit. Der Begriff des Habitus steht f&uuml;r das Auftreten und die Umgangsformen einer Person, ihre Vorlieben und Gewohnheiten, ihr Sozialverhalten. Schon unsere Sprache macht den Zusammenhang von Haltung und Verhalten vernehmbar. Dabei l&auml;sst sich der Habitus bis in die Antike zur&uuml;ckverfolgen, und aus aristotelischen Quellen (&bdquo;hexis&ldquo;) sch&ouml;pft Thomas von Aquin,<span id="easy-footnote-28-14187" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/arbeit-am-habitus-bildung-und-kirche-in-transformationsprozessen/#easy-footnote-bottom-28-14187" title="O. H. Pesch, Thomas von Aquin. Grenze und Gr&ouml;&szlig;e mittelalterlicher Theologie. Eine Einf&uuml;hrung, Ostfildern 3. Auflage 1995."><sup>28</sup></a></span> bevor in der zeitgen&ouml;ssischen Soziologie Norbert Elias<span id="easy-footnote-29-14187" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/arbeit-am-habitus-bildung-und-kirche-in-transformationsprozessen/#easy-footnote-bottom-29-14187" title="N. Elias, &Uuml;ber den Prozess der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen (1939), 2 Bde., Frankfurt a. M. 1997."><sup>29</sup></a></span> und insbesondere Pierre Bourdieu<span id="easy-footnote-30-14187" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/arbeit-am-habitus-bildung-und-kirche-in-transformationsprozessen/#easy-footnote-bottom-30-14187" title="P. Bourdieu, Sozialer Sinn. Kritik der theoretischen Vernunft, Frankfurt a. M. 1987."><sup>30</sup></a></span> auf eigene Weise eine lange philosophisch-theologische Tradition weiterf&uuml;hren. Bei Letzterem umfasst der Habitus den Lebensstil, die Sprache, auch Kleidung und Geschmack. Wenn Entwicklung und Sozialisation sich als wechselseitiges Formen und Geformtwerden erweisen, wird deutlich, dass es sich beim Habitus, bei gleichsam verinnerlichten kollektiven Dispositionen eines sozialen Akteurs oder einer sozialen Akteurin um eine zwar tief verwurzelte und darum nicht abstreifbare, aber doch nicht angeborene, sondern erworbene und erfahrungsabh&auml;ngige Haltung handelt. In diesem Sinne ist der Habitus keine unumst&ouml;&szlig;liche Gr&ouml;&szlig;e, sondern eine, die sich in einem sozialen Feld bewegt, in einem Spielraum von Lebensstilen, in einem Kr&auml;ftefeld, in dem alle Beteiligten um Macht konkurrieren.
<p>Der Habitus steht f&uuml;r die geronnene Lebensgeschichte, damit aber auch f&uuml;r einen unabgeschlossenen Prozess, der uns Menschen nicht nur widerf&auml;hrt und &uuml;berf&auml;llt, sondern sich auch weiterf&uuml;hren und gestalten l&auml;sst. Arbeit an einem Habitus, der den Haltungsbegriff in dieser Tradition versteht, ist darum Arbeit, ist eine &Uuml;bung, ein exercitium.</p>
<p>Bildungsprozesse, von Krisen herausgefordert, verlangen einen Habituswechsel, wenn Menschen sich bew&auml;hren sollen. Aber zeichnet sich eine Krise nicht genau dadurch aus, dass kein Mensch, kein Gott, nichts, woran ich mich bisher halten konnte, weiteren Halt gew&auml;hrt? Selbst von den beiden krisengesch&uuml;ttelten J&uuml;ngern, denen sich auf ihrem Weg nach Emmaus ein Dritter zugesellt, hei&szlig;t es: &bdquo;Doch ihre Augen waren gehalten, sodass sie ihn nicht erkannten&ldquo; (Lk 24,16).</p>
<h2>Bildungsarbeit als Arbeit am Habitus</h2>
<h3>Arbeit an einem spirituellen Habitus</h3>
<p>Wie ereignet sich Bildung?<span id="easy-footnote-31-14187" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/arbeit-am-habitus-bildung-und-kirche-in-transformationsprozessen/#easy-footnote-bottom-31-14187" title="Damit stellt sich die Frage nach normativen Implikationen einer Theorie transformatorischer Bildungsprozesse (H.-Ch. Koller, Bildung anders denken [s. Anm. 3], 194-202), angesichts des Machtmissbrauchs gar in zugespitzter Weise, wenn freilich nicht jede Transformation eines Welt-, Anderen- und Selbstverh&auml;ltnisses als Bildung qualifiziert werden soll. Als Bildung k&ouml;nnen nur Ver&auml;nderungen gelten, die weiteres Wachstum zulassen, f&uuml;r weitere Erfahrungen und fortgesetzte Bildungsprozesse offen sind und nicht etwa in fundamentalistischen Sackgassen enden oder zu totalitaristischen Positionierungen f&uuml;hren, die auf Verletzung der Selbstbestimmung Andersdenkender, auf deren Dem&uuml;tigung oder gar Vernichtung zielen."><sup>31</sup></a></span> Bildung steht f&uuml;r eine Widerst&auml;ndigkeit, Menschen auf ihre Nutzbarmachung abzutasten. Denn Bildung ist Selbstbildung, Selbstbildung in Beziehung.<span id="easy-footnote-32-14187" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/arbeit-am-habitus-bildung-und-kirche-in-transformationsprozessen/#easy-footnote-bottom-32-14187" title="Transformatorische Bildungsprozesse lassen sich mit B. Waldenfels, Grundmotive einer Ph&auml;nomenologie des Fremden, Frankfurt a. M. 5. Auflage 2016, als responsorisches Geschehen verstehen, das auf fremden Anspruch antwortet; vgl. H.-Ch. Koller, Bildung anders denken (s. Anm. 3), 86."><sup>32</sup></a></span> Es geht also nicht darum, dass Andere machtvoll mich bilden und so zu einem blo&szlig;en Gebilde machen, und umgekehrt auch nicht darum, dass ich Bildung &ndash; etwa in Bildungspaketen &ndash; herstelle. Vielmehr geht es darum, dass ich mich bilden lasse, um passio, um pathische Existenz, um das Widerfahrnis, sich nicht in einem Geist des Narzissmus, sondern in Gottes Heiligem Geist bilden zu lassen &ndash; im Geist eines Gottes, mit dessen Menschwerdung unsere Menschwerdung einsetzt. Auch Selbstbildung steht unter fremdem, gar unter himmlischem Anspruch, unter der Ma&szlig;gabe unverf&uuml;gbarer Gesch&ouml;pflichkeit und vermag gerade so an Gottes Neusch&ouml;pfung teilzuhaben und Bildung als gesch&ouml;pfliche Menschwerdung zu verstehen.<span id="easy-footnote-33-14187" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/arbeit-am-habitus-bildung-und-kirche-in-transformationsprozessen/#easy-footnote-bottom-33-14187" title="M. Hofheinz, Bildung als gesch&ouml;pfliche Menschwerdung. Hans G. Ulrichs Beitrag zu einer Ethik der Bildung. Hans G. Ulrich zum 70. Geburtstag, in: TheoWeb. Zeitschrift f&uuml;r Religionsp&auml;dagogik 12 (2/2013) 219-227."><sup>33</sup></a></span></p>
<p></p><blockquote class="f2-sidequote"><p>In Prozessen spiritueller Bildung hat weder der Begleitete noch die Begleiterin Zugriff auf das Wirken des Geistes.</p></blockquote>Dazu braucht es einen Haltungswechsel, einen spirituellen Habitus<span id="easy-footnote-34-14187" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/arbeit-am-habitus-bildung-und-kirche-in-transformationsprozessen/#easy-footnote-bottom-34-14187" title="Th. Schreij&auml;ck, Art. Habitus, in: B.-I. H&auml;mel/ders. (Hrsg.), Basiswissen Kultur und Religion (s. Anm. 2), 56f."><sup>34</sup></a></span> &ndash; als Katechetin, als pastoraler Mitarbeiter, als f&uuml;r kirchliche Bildungsarbeit Verantwortliche &ndash;, der Menschen nicht mundtot macht, sondern in ihrer Sorge um eine m&uuml;ndige Lebensf&uuml;hrung begleitet. In Prozessen spiritueller Bildung hat weder der Begleitete noch die Begleiterin Zugriff auf das Wirken des Geistes. Vielmehr lernen beide auf die F&uuml;hrungskraft des Geistes zu setzen &ndash; und damit zugleich die Gefahr zu bannen, dass F&uuml;hrer und Gef&uuml;hrte zu Verf&uuml;hrern und Verf&uuml;hrten werden. &bdquo;Der die &Uuml;bungen gibt&ldquo; &ndash; von einem Meister oder F&uuml;hrer ist hier nicht die Rede &ndash;, &bdquo;darf nicht den, der sie empf&auml;ngt, mehr zu Armut oder einem Versprechen als zu deren Gegenteil bewegen noch zu dem einen Stand oder der einen Lebensweise mehr als zu einer anderen&ldquo;, so hei&szlig;t es in den Geistlichen &Uuml;bungen des Ignatius von Loyola. Beim Suchen des g&ouml;ttlichen Willens erscheint es &bdquo;angebrachter und viel besser, dass der Sch&ouml;pfer und Herr selbst sich seiner frommen Seele mitteilt [&hellip;]. Der die &Uuml;bungen gibt, soll sich also weder zu der einen Seite wenden oder hinneigen noch zu der anderen, sondern in der Mitte stehend wie eine Waage unmittelbar den Sch&ouml;pfer mit dem Gesch&ouml;pf wirken lassen und das Gesch&ouml;pf mit seinem Sch&ouml;pfer und Herrn.&ldquo;<span id="easy-footnote-35-14187" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/arbeit-am-habitus-bildung-und-kirche-in-transformationsprozessen/#easy-footnote-bottom-35-14187" title="Ignatius von Loyola, Geistliche &Uuml;bungen, W&uuml;rzburg 3. Auflage 2003, Nr. 15."><sup>35</sup></a></span>
<p>Diese S&auml;tze bergen unhintergehbare theologische Qualit&auml;tsstandards. Denn Versuchungen entstehen freilich auch aus Abh&auml;ngigkeiten, die meiner Erfahrung nach phasenweise unvermeidbar sind, wenn Begleitete in ihrer Sorge um sich, in ihrer Verzweiflung allein mir als Begleiter oder als Lehrer alle Macht und Expertise zusprechen. Doch dann kommt es darauf an, die stellvertretend &uuml;bernommene Verantwortung rasch wieder zu teilen und f&uuml;r ein Empowerment der Begleiteten Sorge zu tragen, die doch allemal eigene Expertise und eigene Gaben mitbringen, an die ich stellvertretend glaube, bis Begleitete selbst wieder daran glauben und sich bilden k&ouml;nnen.</p>
<p></p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Und wohin w&auml;chst diese Versuchung, wenn gar der g&ouml;ttliche Charakter des Repr&auml;sentierten abgebildet und durch seine Repr&auml;sentanten zur Geltung gebracht werden will?</p></blockquote>Dass Franziskus theologischen Narzissmus anprangerte, verstehe ich als Steilvorlage, die meine Skepsis gegen&uuml;ber einer Tradition sch&uuml;rt, die speziell den kirchlichen Amtstr&auml;gern eine repraesentatio Christi<span id="easy-footnote-36-14187" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/arbeit-am-habitus-bildung-und-kirche-in-transformationsprozessen/#easy-footnote-bottom-36-14187" title="Zum Amt als repraesentatio Christi und zum Amt als repraesentatio ecclesiae sowie zur Verschr&auml;nkung dieser beiden Amtskonzeptionen: P. H&uuml;nermann, Kirche und Amt &ndash; Marginalien zum Amtsverst&auml;ndnis, in: Geist und Leben 48 (1975) 285-299; M. Eckholt, Diakonische Kirche und Repr&auml;sentanz Christi. Ekklesiologische &Uuml;berlegungen in weltkirchlicher Perspektive, in: dies./J. Rahner (Hrsg.), Christusrepr&auml;sentanz. Zur aktuellen Debatte um die Zulassung von Frauen zum priesterlichen Amt (Quaestiones disputatae 319), Freiburg i. Br. 2021, 323-349."><sup>36</sup></a></span> zuschreibt. Dieser Begriff markiert ein Verh&auml;ltnis von Urbild und Abbild. Aber geraten Repr&auml;sentanten nicht in Versuchung zu vereinnahmen, was oder wen sie repr&auml;sentieren? Und wohin w&auml;chst diese Versuchung, wenn gar der g&ouml;ttliche Charakter des Repr&auml;sentierten abgebildet und durch seine Repr&auml;sentanten zur Geltung gebracht werden will? Wie l&auml;sst sich Repr&auml;sentation dann noch von Usurpation unterscheiden, also von unzul&auml;ssigen Versuchen, Macht an sich zu rei&szlig;en? Einer Usurpation, die nicht nur dem Repr&auml;sentierten droht, sondern mehr noch den Menschen, die sich amtlichen Repr&auml;sentanten anvertrauen?
<h3>Arbeit an einem diakonischen Habitus</h3>
<p>In diesem Horizont kommt die Weltgerichtsrede (Mt 25,31-46) ins Spiel. Denn die ein Leben lang nicht stillstellbare Bew&auml;hrungsdynamik l&auml;uft biblisch-plastisch auf jenen Tag des Gerichts zu, der im Griechischen &bdquo;hemera tes kriseos&ldquo; hei&szlig;t, und l&auml;sst das Gericht Gottes erwarten, die &bdquo;krisis tou theou&ldquo;.</p>
<p>Die Weltgerichtsrede lese ich als biblische Kritik an solcher Vereinnahmung, denn g&ouml;ttliche Macht und Herrschaft bilden sich hier gerade nicht in weltlicher Macht und Herrschaft ab. Sie lassen sich &uuml;berhaupt nicht einfangen, auch nicht von Amts wegen. Jesus Christus begegnet in Leidenden und Ohnm&auml;chtigen und anerkennt so ihre Autorit&auml;t.<span id="easy-footnote-37-14187" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/arbeit-am-habitus-bildung-und-kirche-in-transformationsprozessen/#easy-footnote-bottom-37-14187" title="J. B. Metz, Bemerkungen zum &bdquo;Katholischen Prinzip&ldquo; der Repr&auml;sentation, in: M. J. Rainer/H.-G. Jan&szlig;en (Hrsg.), Bilderverbot (Jahrbuch Politische Theologie 2), M&uuml;nster 1997, 303-307, 304."><sup>37</sup></a></span> Denn hier begegnet ausgerechnet in den Bed&uuml;rftigen und Ausgegrenzten der, in dem Gott selbst begegnet. Diese Dynamik durchkreuzt ein ohnehin statisch anmutendes Urbild-Abbild-Denken. Jesus Christus begegnet dann nicht in einer Einbahnstra&szlig;e, gar vom Amtstr&auml;ger zum Bed&uuml;rftigen. Die Weltgerichtsrede stellt genau diese Idee vom Kopf auf die F&uuml;&szlig;e. Sie verlangt zwar Demut, wirkt aber gegen&uuml;ber geistlicher Anma&szlig;ung unverf&auml;nglich.</p>
<p>Die Weltgerichtsrede ist die Urgeschichte einer Diakonie, die zu Solidarit&auml;t anstiftet. Und je l&auml;nger ich Diakon bin, desto lebenswichtiger wird mir eine Praxis der Stellvertretung, eine Diakonie der Stellvertretung.<span id="easy-footnote-38-14187" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/arbeit-am-habitus-bildung-und-kirche-in-transformationsprozessen/#easy-footnote-bottom-38-14187" title="J. Ratzinger, Stellvertretung, in: H. Fries (Hrsg.), Handbuch theologischer Grundbegriffe 4, M&uuml;nchen 1970, 127-137, 129; K. Kie&szlig;ling, Spiritualit&auml;t der Stellvertretung, in: ders. (Hrsg.), Diakonische Spiritualit&auml;t. Beitr&auml;ge aus Wissenschaft, Ausbildung und Praxis (Diakonie und &Ouml;kumene/Diakonia and Ecumenics 3), M&uuml;nster 2009, 36-55."><sup>38</sup></a></span> Solidarit&auml;t will demjenigen, dem sie gilt, dessen Platz nicht wegnehmen, sondern ihm den Raum f&uuml;r dessen eigenes Dasein schaffen. Stellvertretung meint einen Einsatz, der das Gegen&uuml;ber nicht ersetzt, sondern freisetzt, auch &bdquo;die Unverst&auml;ndigen, deren Herz zu tr&auml;ge ist, um alles zu glauben, was die Propheten gesagt haben&ldquo; (Lk 24,25).</p>
<p>Mein Stellvertreter, der an meiner Stelle glaubt, hofft und liebt, weil ich nicht glauben, nicht hoffen, nicht lieben kann, hebt mich nicht auf, sodass es auf mich nicht mehr ank&auml;me. Vielmehr l&auml;uft er vor, und ich folge nach, Andere folgen nach, weil er sich nach ihnen umsieht und sie ansieht. Er verleiht ihnen durch sein Ansehen Ansehen. Er leidet mit denen und an denen, die nicht nachkommen. Der Stellvertreter ist in seiner Liebe empfindlich f&uuml;r ihr Leid.</p>
<p>Der Stellvertreter erzwingt in seiner Liebe nichts, sondern hofft alles: Er l&auml;sst dem von ihm Vertretenen die Zeit, an seine Stelle zur&uuml;ckzukehren. Der Stellvertreter bedr&auml;ngt und bildet ihn nicht, vielmehr hofft er f&uuml;r ihn, auf dass er sich bilde. Seine Liebe ist als Hoffnung Stellvertretung. Der Stellvertreter macht sich in diakonischem Habitus abh&auml;ngig, er wei&szlig;, dass er nicht machen kann, was und worauf er hofft, aber genau in dieser Ohnmacht ist er zur Liebe befreit. Indem er sich an die von ihm vertretene Person r&uuml;ckbindet, ist er im Rahmen des Menschenm&ouml;glichen gegen Machtmissbrauch gefeit.</p>
<h3>Kirchliche Bildungsarbeit in der Diaspora</h3>
<p>Hinzu kommen psychologische Qualit&auml;tsstandards, denn Begleitende &uuml;ben doppelte Empathie: f&uuml;r die Regungen ihres Gegen&uuml;bers ebenso wie f&uuml;r die Bewegung und den Willen Gottes, mit anderen Worten sowohl in diakonischer Ausrichtung als auch in spiritueller Verankerung. In doppelter Empathie kann ein Begleiter sich f&uuml;rbittend an Gott wenden, darin solidarisch mit den ihm Anvertrauten und zugleich r&uuml;ckgebunden an Gott und sein Reich. Dieser Habitus mag den Begleiter davor bewahren, sein eigenes Reich aufzubauen und sich und den Begleiteten das Wirken der Gnade Gottes zu verbauen.</p>
<p>Dass doppelte Empathie in kirchlicher Bildungsarbeit schon heute, ja schon lange lebt, zeigt exemplarisch die Erfolgsgeschichte der Aktion Dreik&ouml;nigssingen, an der sich laut Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung 34 % der katholischen und 13 % aller Befragten beteiligt haben. Dieser bemerkenswerte Befund gewinnt durch die empirisch belegte nachhaltige Bindung der Kinder und Jugendlichen an diese weltkirchliche Aktion<span id="easy-footnote-39-14187" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/arbeit-am-habitus-bildung-und-kirche-in-transformationsprozessen/#easy-footnote-bottom-39-14187" title="K. Kie&szlig;ling/M. M&auml;hr, &bdquo;Die Sternsinger, wenn&rsquo;s die nicht g&auml;be!&ldquo; Eine empirische Studie, Ostfildern 2012."><sup>39</sup></a></span> zus&auml;tzlich an Gewicht. In ihrem Gottvertrauen setzen sie weltbewegende Kreisl&auml;ufe der Solidarit&auml;t in Gang und erweisen sich mit ihrem starken diakonischen Einsatz als best practice und f&uuml;r die Zukunft als begr&uuml;ndetes Hoffnungszeichen f&uuml;r den hier konturierten Habituswechsel. Sie wirken als Vorbilder daf&uuml;r, dass sie nicht nur in Sternstunden, sondern auch unter widrigen Umst&auml;nden ihrem Anliegen, ihrem Auftrag, der sie treibt, treu bleiben &ndash; als Vorbilder vielleicht auch f&uuml;r neue Netzwerke und Weggemeinschaften, die in innovativer kirchlicher Bildungsarbeit entstehen und der Welt zum Sternzeichen, zum Heilszeichen werden.</p>
<p>Bildung im Geist Gottes verlangt nach einer Demut, auf dass ich mich nicht zu einer Gottesrede verf&uuml;hren lasse, die mich Gott gleichsam &uuml;ber die Schulter blicken und in eine narzisstische Falle treten l&auml;sst. Ein spiritueller Habitus wei&szlig; sich anderswo verortet, lebt aus Gottes Geist, nicht aus sich selbst. In diakonischer Ausrichtung schenkt er, was er empf&auml;ngt, weiter, er beh&auml;lt die Gabe nicht wie einen Raub f&uuml;r sich. Ob sich der Habituswandel in Bildungsprozessen bew&auml;hrt und wie er gesch&ouml;pflicher Menschwerdung in der Diaspora zugutekommt, bleibt einstweilen offen. Auch die beiden krisengesch&uuml;ttelten J&uuml;nger erkennen den Dritten nicht schon auf ihrem Weg nach Emmaus, sondern erst im Nachhinein: &bdquo;Brannte nicht unser Herz in uns, als er unterwegs mit uns redete und uns den Sinn der Schriften er&ouml;ffnete?&ldquo; (Lk 24,32).</p>
<p>Offenbar l&auml;sst sich der Sinn einer Krise allenfalls im Nachhinein erschlie&szlig;en, also dann, wenn die Krise &uuml;berstanden ist, wenn &uuml;berhaupt. Denen, die hier nach biblischer Orientierung zugunsten m&uuml;ndiger Lebensf&uuml;hrung suchen, dient traditionell der Dritte, der sich den beiden J&uuml;ngern anschlie&szlig;t, als Identifikationsfigur und (wom&ouml;glich &uuml;berfordernder) Ma&szlig;stab. Liegt die entscheidende Botschaft jedoch nicht vielmehr darin, dass die beiden, die einander in ihrer Krise st&uuml;tzen, immer schon von jenem Dritten begleitet sind, sodass jede Katechetin, jeder pastorale Mitarbeiter, jede f&uuml;r kirchliche Bildungsarbeit Verantwortliche sich mit Kleopas oder demjenigen, der ohne Namen bleibt, identifizieren und darauf hoffen darf, mit Gef&auml;hrt:innen unterwegs nie alleingelassen, sondern allemal von jenem Dritten begleitet zu sein?</p>
<p></p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Die kirchliche Passungskrise ist nicht vorbei, sie tobt und wird weiter toben.</p></blockquote>Die kirchliche Passungskrise ist nicht vorbei, sie tobt und wird weiter toben. Not tut einstweilen eine Unterscheidung der Geister (&bdquo;diakrisis ton pneumaton&ldquo;). Vielleicht zugunsten diakonisch gepr&auml;gter Bildung, die keinem Narzissmus anheimf&auml;llt, sondern sich an der Weltgerichtsrede orientiert, die zu Empathie und Solidarit&auml;t anstiftet? Vielleicht in Gestalt einer weltkirchlichen Spiritualit&auml;t, die sich nicht verzwecken l&auml;sst, sondern buchst&auml;blich keinen Zweck hat und doch weltw&auml;rts wirkt? In Gestalt eines Lebens in spiritueller Selbstbestimmung, also in Grenzen, die bei Bedarf Einhalt gebieten, aber auch Halt gew&auml;hren &ndash; aus einem Geist, der Menschen in ihrer Sorge um eine m&uuml;ndige Lebensf&uuml;hrung endlich Mensch, Mitmensch und Mitkreatur werden l&auml;sst, mit eigener Emotionalit&auml;t, mit eigenem spirituellen Habitus und real pr&auml;sent? Denn wer glaubt an die Realpr&auml;senz Gottes, wenn kein Mensch real pr&auml;sent ist?
</body></html>
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		<title>Was fangen wir mit all dieser Zukunft an?</title>
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		<pubDate>Sun, 30 Aug 2026 16:39:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Koen Dekorte</dc:creator>
		
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				<description><![CDATA[YOT, Gott 9.0 und die Dynamik spiritueller Veränderung „Deine Organisation hat einen hohen Gott-7.0-Gehalt.“ Die Bemerkung stammt von Piet van Veldhuizen, dem niederländischen Übersetzer des Buches Gott 9.0 (Küstenmacher et.al. 2010), nach einem Besuch in Brügge mit dem Kernteam seiner protestantischen Gemeinde. Es war eine beiläufige Bemerkung, aber sie blieb hängen. Sie gab uns plötzlich ...]]></description>
					<content:encoded><![CDATA[<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.0 Transitional//EN" "http://www.w3.org/TR/REC-html40/loose.dtd">
<html><body><h2>YOT, Gott 9.0 und die Dynamik spiritueller Ver&auml;nderung</h2>
<p>&bdquo;Deine Organisation hat einen hohen Gott-7.0-Gehalt.&ldquo; Die Bemerkung stammt von Piet van Veldhuizen, dem niederl&auml;ndischen &Uuml;bersetzer des Buches Gott 9.0 (K&uuml;stenmacher et.al. 2010), nach einem Besuch in Br&uuml;gge mit dem Kernteam seiner protestantischen Gemeinde. Es war eine beil&auml;ufige Bemerkung, aber sie blieb h&auml;ngen. Sie gab uns pl&ouml;tzlich eine Sprache f&uuml;r etwas, mit dem wir lange gerungen hatten: warum unser Angebot so vielf&auml;ltig ist, warum wir uns so schwer festlegen lassen, und warum ein Teil dessen, was wir tun, Widerstand hervorruft innerhalb der Kirche, zu der wir selbst geh&ouml;ren.</p>
<p><div class="img-wrapper alignright wp-image-14289"><img loading="lazy" decoding="async" class="alignright wp-image-14289" src="http://www.futur2.org/wp-content/uploads/2026/08/230718_JAN4091%C2%A9jandarthet-520x347.jpg" alt="" width="401" height="267" srcset="https://www.futur2.org/wp-content/uploads/2026/08/230718_JAN4091&copy;jandarthet-520x347.jpg 520w, https://www.futur2.org/wp-content/uploads/2026/08/230718_JAN4091&copy;jandarthet-1000x667.jpg 1000w, https://www.futur2.org/wp-content/uploads/2026/08/230718_JAN4091&copy;jandarthet-768x512.jpg 768w, https://www.futur2.org/wp-content/uploads/2026/08/230718_JAN4091&copy;jandarthet-1536x1024.jpg 1536w, https://www.futur2.org/wp-content/uploads/2026/08/230718_JAN4091&copy;jandarthet-2048x1365.jpg 2048w" sizes="auto, (max-width: 401px) 100vw, 401px"></div></p>
<p>Dieser Artikel handelt von jener Dynamik des Wandels &mdash; nicht als abstrakte kirchenstrategische Frage, sondern so, wie sie sich konkret abzeichnet im Leben von Menschen und im Leben einer kleinen, eigenwilligen Organisation. Wir gehen vom Entwicklungsmodell aus Gott 9.0 aus und benutzen es als Brille, um zu zeigen, was Ver&auml;nderung bewirkt: an Gottesbildern, an Glaubenssprache, an der Weise, wie Menschen sich in der Kirche noch zu Hause f&uuml;hlen &mdash; oder eben nicht. Zun&auml;chst skizzieren wir kurz, was YOT ist. Danach fassen wir die Sicht von Gott 9.0 zusammen. Anschlie&szlig;end verorten wir unsere Arbeit in der gelben Bewusstseinsstufe, Gott 7.0. Schlie&szlig;lich kehren wir zu der Frage zur&uuml;ck, die den Kern dieser Ausgabe bildet: Was bedeutet es, psychologisch und pastoral, wenn Menschen &mdash; und Gemeinschaften &mdash; ihren vertrauten Formen entwachsen?</p>
<h3>YOT: ein Labor f&uuml;r Weltanschauung</h3>
<p>YOT ist eine Organisation, gegr&uuml;ndet von engagierten Christinnen und Christen, und seit 2002 in und um die Br&uuml;gger Heilig-Magdalenen-Kirche aktiv. Wir nennen uns ein Labor f&uuml;r Weltanschauung: postkonfessionell, niederschwellig und bewusst gastfreundlich &uuml;ber &Uuml;berzeugungen hinweg. Unsere Mission ist leicht zu formulieren und schwer zu verwirklichen: Menschen zu inspirieren, ihr allt&auml;gliches Leben auf Kurs zu halten. Die beseelende Kraft des christlichen Erbes ist dabei unser Ausgangspunkt &mdash; nicht als Museum der Vergangenheit, sondern als lebendige Quelle.</p>
<blockquote class="f2-sidequote"><p>Wir nennen uns ein Labor f&uuml;r Weltanschauung: postkonfessionell, niederschwellig und bewusst gastfreundlich &uuml;ber &Uuml;berzeugungen hinweg. </p></blockquote>
<p>Unser Name bedarf vielleicht einer Erkl&auml;rung. YOT verweist auf das Jod oder Jota, den kleinsten Buchstaben des hebr&auml;ischen Alphabets und zugleich eine mater lectionis &mdash; ein unscheinbares Zeichen, das mitbestimmt, wie ein Wort gelesen und verstanden wird (nicht umsonst sagte Jesus, dass kein Jota vom Gesetz vergehen werde). So m&ouml;chten auch wir sein: eine kleine Organisation, die gerade in ihrem bescheidenen Format dem Nachdenken &uuml;ber die Zukunft unserer christlichen Tradition Bedeutung und Richtung zu geben hofft.</p>
<p><div class="img-wrapper alignright wp-image-14324"><img loading="lazy" decoding="async" class="alignright wp-image-14324" src="http://www.futur2.org/wp-content/uploads/2026/08/MADELEINE_LOGO.png" alt="" width="289" height="289" srcset="https://www.futur2.org/wp-content/uploads/2026/08/MADELEINE_LOGO.png 400w, https://www.futur2.org/wp-content/uploads/2026/08/MADELEINE_LOGO-200x200.png 200w, https://www.futur2.org/wp-content/uploads/2026/08/MADELEINE_LOGO-100x100.png 100w, https://www.futur2.org/wp-content/uploads/2026/08/MADELEINE_LOGO-75x75.png 75w" sizes="auto, (max-width: 289px) 100vw, 289px"></div>Neben der inhaltlichen, spirituellen Qualit&auml;t der christlichen Tradition stellt sich auch die dr&auml;ngende Frage nach der Zukunft der Kirchengeb&auml;ude. In dieser Frage pl&auml;dieren wir f&uuml;r einen dritten Weg, neben den klassischen Wegen des Abrisses und der Umnutzung. Dieser dritte Weg versteht das Kirchengeb&auml;ude als einen einzigartigen weltanschaulichen Ort, an dem sich viele Menschen zu Hause f&uuml;hlen k&ouml;nnen. Die gro&szlig;en Lebensfragen sind ja zeitlos, und das Kirchengeb&auml;ude ist ein Ort par excellence, an dem diese Fragen erklingen d&uuml;rfen.</p>
<p>Wir sprechen deshalb bewusst von Umstimmung statt von Umnutzung. Der Unterschied ist nicht kosmetisch. Umnutzung ersetzt die urspr&uuml;ngliche Bestimmung durch eine neue. Umstimmung tr&auml;gt die urspr&uuml;ngliche Intention des Raumes weiter und stimmt sie zugleich neu auf eine neue Vision ab &mdash; so wie man ein Instrument umstimmt. Der Ort bleibt, was er war, und wird etwas Neues. Diese Sowohl-als-auch-Logik, die sich weigert, zwischen Vergangenheit und Zukunft zu w&auml;hlen, ist kein rhetorischer Trick; sie bestimmt, wie wir Projekte, Namen und Kommunikation denken.</p>
<blockquote class="f2-sidequote"><p> So m&ouml;chten wir sein: eine kleine Organisation, die gerade in ihrem bescheidenen Format dem Nachdenken &uuml;ber die Zukunft unserer christlichen Tradition Bedeutung und Richtung zu geben hofft.</p></blockquote>
<p>Im Sommer 2023 bekam all das ein Gesicht mit dem Start von &bdquo;Madeleine in Brugge&ldquo; (benannt nach der Patronin der Kirche, Maria Magdalena): Die Kirche und das benachbarte Pfarrhaus wurden in ein Konzept mit eigenem Namen, Logo und Slogan aufgenommen. &bdquo;A little piece of heaven&ldquo; sagt knapp, was unser Anliegen ist: den Himmel ein wenig n&auml;her an die Erde zu bringen. In zwanzig Jahren hat YOT es mit seiner Kommunikation allerdings schwer gehabt. Was sind wir eigentlich? Warum ist unser Angebot so vielf&auml;ltig? Steckt &uuml;berhaupt Richtung und Fokus in dem, was wir tun? Sind wir nicht einfach chaotisch? Gerade um diese Fragen zu beantworten und uns selbst besser zu verstehen, bot Gott 9.0 uns eine &uuml;berraschend klare Brille.</p>
<h3>Gott 9.0: Spiritualit&auml;t als Entwicklungsgeschichte</h3>
<p>Das Buch Gott 9.0 d&uuml;rfte einem Teil der futur2-Leserschaft bekannt sein, doch bei uns &mdash; wie vermutlich auch in Deutschland &mdash; ist es nur bei einer kleinen Gruppe wirklich verankert. Eine kurze Skizze ist daher angebracht. Die Grundthese lautet, dass Spiritualit&auml;t in der Geschichte der Menschheit eine Entwicklungsgeschichte durchlaufen hat, beschreibbar in einer Reihe idealtypischer Phasen. Das Modell vergleicht unser Gottesbild mit Software, die hin und wieder ein Update erh&auml;lt: keine Version ist &bdquo;falsch&ldquo;, aber jede Version st&ouml;&szlig;t irgendwann an ihre Grenzen und verlangt nach einer n&auml;chsten.</p>
<blockquote class="f2-sidequote"><p>Die Grundthese lautet, dass Spiritualit&auml;t in der Geschichte der Menschheit eine Entwicklungsgeschichte durchlaufen hat, beschreibbar in einer Reihe idealtypischer Phasen.</p></blockquote>
<p>Zwei Dinge vorweg, f&uuml;r alle, die das Buch nicht kennen. Das Modell unterscheidet neun Gottesbilder oder Bewusstseinsstufen; wo wir Gott 7.0 oder Gott 9.0 schreiben, geht es also nicht um eine Softwareversion, sondern um das Gottesbild, das zu einer bestimmten Stufe geh&ouml;rt. Und obwohl das Modell popul&auml;r vereinfacht, steht es nicht allein: Die Intuition, dass sich Glaube in Phasen entwickelt, findet sich auch bei akademisch etablierten Religionspsychologen wie James Fowler (Stages of Faith) und, im deutschsprachigen Raum, Fritz Oser und Paul Gm&uuml;nder mit ihrer Theorie des religi&ouml;sen Urteils.</p>
<p>Die Autoren entlehnen ihr Stufenmodell dem amerikanischen Psychologen Clare Graves und dem Philosophen Ken Wilber und stehen damit in jener Tradition, die als Spiral Dynamics oder integrale Psychologie bekannt ist. Neun Bewusstseinsstufen werden mit einer Farbe bezeichnet, und zu jeder Stufe geh&ouml;rt ein anderes Gottesbild:</p>
<ul>
<li>1.0 BEIGE (&Uuml;berleben &mdash; Gott als &bdquo;gro&szlig;e Hand&ldquo;);</li>
<li>2.0 PURPUR (magisch, St&auml;mme, gute und b&ouml;se Geister);</li>
<li>3.0 ROT (Macht, Egozentrik);</li>
<li>4.0 BLAU (mythische Ordnung, strenge Gesetze, die eine wahre Wahrheit);</li>
<li>5.0 ORANGE (Rationalit&auml;t, Leistung, Wissenschaft);</li>
<li>6.0 GR&Uuml;N (Gleichheit, Sensibilit&auml;t, Pluralismus; Gott als menschenfreundlich und in allen Religionen gegenw&auml;rtig);</li>
<li>7.0 GELB (integral, individuell; l&auml;sst Unterschiede und Gegens&auml;tze nebeneinander bestehen);</li>
<li>8.0 T&Uuml;RKIS (holistisch, weltweit verbunden; Gott als pulsierender Prozess, als &bdquo;Dichter der Welt&ldquo;);</li>
<li>9.0 KORALLE (Gott als unser Werden-K&ouml;nnen).</li>
</ul>
<p>Zwei Nuancen sind wichtig. Erstens wechseln die Stufen zwischen Ich-bezogen und Wir-bezogen. Die &bdquo;warmen&ldquo; Farben (Beige, Rot, Orange, Gelb) betonen die Ausweitung des Ich; die &bdquo;k&uuml;hleren&ldquo; (Purpur, Blau, Gr&uuml;n, T&uuml;rkis) betonen die Gemeinschaft. GELB ist also eine ausgesprochene Ich-Stufe. Das erkl&auml;rt mit, warum unsere gelbe Grundhaltung mitunter mit einer Kirche reibt, die von jeher im Kollektiven, im &bdquo;Wir&ldquo; und in der gemeinsamen Lehre verwurzelt ist &mdash; kein Zusammensto&szlig; zwischen Recht und Unrecht, sondern zwischen zwei Registern. Zweitens sind die Stufen keine Leiter, die man erklimmt, um die vorherigen Sprossen hinter sich zu lassen. Jede h&ouml;here Stufe umfasst die vorhergehende und integriert sie. Wer gelb denkt, l&auml;sst Blau oder Gr&uuml;n nicht fallen, sondern gibt ihnen einen Platz. Was das Modell selbst weniger scharf benennt, ist der Motor jener Bewegung: was jemanden von einer Stufe zur n&auml;chsten zieht. Jedes Mal ist es eine Form der Selbst&uuml;berschreitung &mdash; ein Aus-uns-selbst-herausgezogen-Werden hin zu einem gr&ouml;&szlig;eren Ganzen. Die Theologin Carmody Grey gibt dieser Bewegung weiter unten ihren Namen: Liebe.</p>
<blockquote class="f2-sidequote"><p>Wir benutzen das Modell deshalb nicht als Rangordnung, sondern als Spiegel: Es hilft uns zu verstehen, warum unser Angebot ist, wie es ist, und warum es dort aneckt, wo es aneckt.</p></blockquote>
<p>Wir f&uuml;gen sogleich hinzu, dass Gott 9.0 nur einer der Rahmen ist, aus denen wir Inspiration sch&ouml;pfen, und dass das Modell nicht unumstritten ist. Kritiker weisen darauf hin, dass es sich auf Autoren st&uuml;tzt, die in der akademischen Psychologie eine Randrolle spielen, und dass die Einteilung in &bdquo;h&ouml;here&ldquo; und &bdquo;niedrigere&ldquo; Stufen leicht elit&auml;r entgleisen kann. Zu Recht. Ein Modell ist nie die Wirklichkeit selbst, und wer sich &bdquo;bei Gelb oder h&ouml;her&ldquo; verortet, l&auml;uft Gefahr, auf jene herabzusehen, die das nicht tun &mdash; genau das Gegenteil dessen, was Gelb bedeuten sollte. Wir benutzen das Modell deshalb nicht als Rangordnung, sondern als Spiegel: Es hilft uns zu verstehen, warum unser Angebot ist, wie es ist, und warum es dort aneckt, wo es aneckt.</p>
<p>F&uuml;r die Kirche ziehen die Autoren eine scharfe Schlussfolgerung. Die Theologie ist intellektuell oft schon zu Orange oder Gr&uuml;n vorgesto&szlig;en, doch das spirituelle Bewusstsein vieler Kirchg&auml;nger blieb blau gef&auml;rbt. Blaue Gottesdienste leeren sich, nicht weil die Menschen &bdquo;die Kirche&ldquo; verlassen, sondern weil immer weniger Menschen noch ein blaues Gottesbild haben. Sie brauchen Gespr&auml;chs- und Feierformen, die an Orange, Gr&uuml;n &mdash; oder, in unserem Fall, an Gelb anschlie&szlig;en. Genau dort verortet sich die Dynamik des Wandels, nach der diese Ausgabe fragt.</p>
<h3>GELB: YOT innerhalb von Gott 7.0</h3>
<p>Ken Wilber sch&auml;tzt den Anteil GELB an der Weltbev&ouml;lkerung auf etwa ein Prozent. GELB entsteht gerade erst, doch bei jungen Menschen und bei innovativen Projekten scheint diese Stufe pr&auml;senter.</p>
<p><div class="img-wrapper alignright wp-image-14284"><img loading="lazy" decoding="async" class="alignright wp-image-14284" src="http://www.futur2.org/wp-content/uploads/2026/08/KOM-PASSIE-2024-%C2%A9Johan-Rosseel-520x693.jpeg" alt="" width="400" height="533" srcset="https://www.futur2.org/wp-content/uploads/2026/08/KOM-PASSIE-2024-&copy;Johan-Rosseel-520x693.jpeg 520w, https://www.futur2.org/wp-content/uploads/2026/08/KOM-PASSIE-2024-&copy;Johan-Rosseel-1000x1333.jpeg 1000w, https://www.futur2.org/wp-content/uploads/2026/08/KOM-PASSIE-2024-&copy;Johan-Rosseel-768x1024.jpeg 768w, https://www.futur2.org/wp-content/uploads/2026/08/KOM-PASSIE-2024-&copy;Johan-Rosseel-1152x1536.jpeg 1152w, https://www.futur2.org/wp-content/uploads/2026/08/KOM-PASSIE-2024-&copy;Johan-Rosseel-1536x2048.jpeg 1536w, https://www.futur2.org/wp-content/uploads/2026/08/KOM-PASSIE-2024-&copy;Johan-Rosseel-240x320.jpeg 240w, https://www.futur2.org/wp-content/uploads/2026/08/KOM-PASSIE-2024-&copy;Johan-Rosseel-scaled.jpeg 1920w" sizes="auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px"></div>Was Gelb in diesem Modell so besonders macht, ist, dass es die erste Stufe der sogenannten &bdquo;zweiten Reihe&ldquo; ist. Es ist das erste Mal, dass jemand alle vorhergehenden Stufen &uuml;berblicken und wertsch&auml;tzen kann, ohne sie zu verachten &mdash; Spiral Dynamics nennt diesen &Uuml;bergang einen &bdquo;momentous leap&ldquo;, einen entscheidenden Sprung. Gerade das erkl&auml;rt, warum Gelb kein neues &Uuml;berlegenheitsgef&uuml;hl ist, sondern eher dessen Ende: Erst wer gelb denkt, erkennt an, dass jede Stufe ihre eigene G&uuml;ltigkeit hat.</p>
<p>GELB ist zudem eine Ich-Stufe, und das verlangt eine Gemeinschaft, die nicht versucht, die Menschen festzuhalten und in ihr Schema zu bringen:</p>
<blockquote><p>&bdquo;Es wird immer lose-fest bleiben m&uuml;ssen. Es bietet M&ouml;glichkeiten an, l&auml;sst die Menschen &mdash; auch die eigenen &mdash; aber frei, davon Gebrauch zu machen oder nicht. Bei GELB muss man nie das ganze Paket abnehmen: Es f&ouml;rdert deine Entwicklung, es bietet Optionen, die du auf deine eigene Weise und auf deiner eigenen Stufe erleben kannst. Das finde ich bei euch stark ausgepr&auml;gt.&ldquo; (Piet van Veldhuizen)</p></blockquote>
<p>Im Folgenden skizzieren wir einige Merkmale unserer Arbeit, die unseres Erachtens deutlich gelb gef&auml;rbt sind. Wir tun das nicht, um ein Diplom &bdquo;Gelb&ldquo; zu beanspruchen, sondern weil sie konkret machen, wie eine gelbe Grundhaltung in der pastoralen Praxis aussieht.</p>
<h4>Projektbezogen und auf den Einzelnen zugeschnitten arbeiten.</h4>
<p>YOT hat kein Jahresthema und keinen starren Mehrjahresplan. Weil wir stark auf die Gelegenheiten des Augenblicks eingehen, kann unsere Arbeit viele Richtungen einschlagen. Unsere f&uuml;nf strategischen Ziele sind bewusst vage, jedes in einem Wort: YOT wertet neu, inspiriert, imaginiert, weitet, unternimmt. Man k&ouml;nnte sagen, dass sie gerade deshalb nicht so strategisch sind. Und doch funktionieren sie f&uuml;r uns wie Leuchtt&uuml;rme in bewegter See. Sie machen uns wendig, und die Freiheit, die sie bieten, schafft eine gro&szlig;e Dynamik.</p>
<blockquote class="f2-sidequote"><p>Unsere f&uuml;nf strategischen Ziele: YOT wertet neu, inspiriert, imaginiert, weitet, unternimmt. </p></blockquote>
<p>Als der Krieg in der Ukraine ausbrach, stellten wir innerhalb weniger Stunden eine rituelle Installation in die Kirche; andere Projekte ziehen sich &uuml;ber Jahre. Die richtige Frage zu stellen ist dabei wichtiger als die Antwort. Der tschechische Priester Tom&aacute;&scaron; Hal&iacute;k meint, dass manche Fragen so sch&ouml;n sind, dass wir sie nicht mit Antworten verderben d&uuml;rfen.</p>
<h4>Ein Teal-Organisationsmodell.</h4>
<p>Wir lassen uns vom &bdquo;Teal&ldquo;-Managementmodell von Fr&eacute;d&eacute;ric Laloux inspirieren: Wir arbeiten lieber nicht mit abgegrenzten Aufgabenpaketen, sondern mit wechselnden Rollen; &uuml;ber das Beratungsverfahren kann jede und jeder Entscheidungen treffen, sofern Rat eingeholt wird bei Fachleuten und bei denen, die die Folgen tragen. Teal-Organisationen legen ihr Ziel zudem au&szlig;erhalb ihrer selbst. Das Ziel von YOT ist nicht, den Verein zu erhalten, sondern am Reich Gottes mitzuwirken &mdash; s&auml;kular &uuml;bersetzt: am guten Leben f&uuml;r alle. Eine andere Organisation mit demselben Ziel ist nie ein Konkurrent, sondern ein Verb&uuml;ndeter.</p>
<h4>Das Kirchengeb&auml;ude als Raum f&uuml;r Leere.</h4>
<p>Als wir 2002 begannen, entfernten wir vierhundert St&uuml;hle aus der Kirche. Unsere einschneidendste j&uuml;ngere Entscheidung war, 2023 das monumentale M&ouml;belst&uuml;ck, das damals im Kirchenschiff errichtet worden war, teilweise verschwinden zu lassen (ein gro&szlig;es, ma&szlig;gefertigtes h&ouml;lzernes Bauwerk, das das Kirchenschiff jahrelang beherrschte) &mdash; lange unser Paradest&uuml;ck. &Uuml;ber dieses Verschwinden wird getrauert; etwas Vertrautes f&auml;llt weg.</p>
<blockquote class="f2-sidequote"><p>Das Ziel von YOT ist nicht, den Verein zu erhalten, sondern am Reich Gottes mitzuwirken &mdash; s&auml;kular &uuml;bersetzt: am guten Leben f&uuml;r alle. Eine andere Organisation mit demselben Ziel ist nie ein Konkurrent, sondern ein Verb&uuml;ndeter.</p></blockquote>
<p>Doch wollten wir unserem Labor-Charakter treu bleiben, mussten wir Raum f&uuml;r Neues schaffen. In den leeren Raum setzten wir auf den Kirchenboden, in gro&szlig;en Lettern, die Frage der K&uuml;nstlerin Coco Capitan: &bdquo;What are we going to do with all this future?&ldquo; Diese Leere nicht im Voraus zu f&uuml;llen, ist kein Mangel an Vision; es ist die Vision. Oder anders formuliert: Es ist ein Bekenntnis des Glaubens. Eine Kirche ist ein Ort &bdquo;ungerichteter Aufmerksamkeit&ldquo;: kein Museum, in dem man wei&szlig;, was man betrachten muss, sondern ein &ouml;ffentlicher Raum, in dem nichts muss und vieles kann.</p>
<h4>Die Vorhalle: eine Schwelle, die einl&auml;dt.</h4>
<p>Wer die Magdalenenkirche betritt, passiert zuerst die Vorhalle &mdash; den &Uuml;bergang zwischen dem gew&ouml;hnlichen Leben und dem Kirchenraum. Auch hier treffen wir gelbe Entscheidungen. In der Vorhalle sieht der Besucher gleich eine Reihe von W&ouml;rtern, die sagen, wer wir sind und was wir tun. Es sind nicht die W&ouml;rter, die man in einer Kirche erwartet. Wir greifen zwei heraus.</p>
<p><div class="img-wrapper alignright wp-image-14282"><img loading="lazy" decoding="async" class="alignright wp-image-14282" src="http://www.futur2.org/wp-content/uploads/2026/08/johan-rosseel-12-10-24-3-520x780.jpg" alt="" width="400" height="600" srcset="https://www.futur2.org/wp-content/uploads/2026/08/johan-rosseel-12-10-24-3-520x780.jpg 520w, https://www.futur2.org/wp-content/uploads/2026/08/johan-rosseel-12-10-24-3-933x1400.jpg 933w, https://www.futur2.org/wp-content/uploads/2026/08/johan-rosseel-12-10-24-3-768x1152.jpg 768w, https://www.futur2.org/wp-content/uploads/2026/08/johan-rosseel-12-10-24-3-1024x1536.jpg 1024w, https://www.futur2.org/wp-content/uploads/2026/08/johan-rosseel-12-10-24-3.jpg 1280w" sizes="auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px"></div>Serendipity, das bedeutet: finden, was man nicht sucht. Wir hoffen, dass das geschieht &mdash; im Leben und bei einem Besuch dieser Kirche: dass man hier etwas Wertvolles findet, das man nicht gesucht hat. Unsere Gesellschaft will alles unter Kontrolle halten, und manche Menschen sehen auch ihr eigenes Leben gern &bdquo;geordnet&ldquo;. Doch die sch&ouml;nsten Begegnungen lassen sich nicht organisieren; sie widerfahren uns. Ein Kirchengeb&auml;ude als Raum f&uuml;r das Unerwartete &mdash; das ist vielleicht die k&uuml;rzeste Zusammenfassung einer gelben Pastoral. Ein anderes Wort, friction, sagt, dass wir die Reibung nicht scheuen.</p>
<p>Erst wer anschlie&szlig;end den eigentlichen Eingang der Kirche sucht &mdash; die T&uuml;r zwischen der Vorhalle und dem Kirchenschiff &mdash; st&ouml;&szlig;t auf eine zweite &Uuml;berraschung. Statt eines Pfeils, eines Schilds &bdquo;Eingang&ldquo; oder eines &bdquo;Ziehen&ldquo; steht auf dieser T&uuml;r, in den drei Farben von Madeleine in Brugge, ein Zauberspruch: Sesam, &ouml;ffne dich. Der Spruch stammt aus Ali Baba und die vierzig R&auml;uber, einer der Erz&auml;hlungen aus Tausendundeine Nacht, und holt so bewusst eine nicht-westliche Erz&auml;hltradition in das Kirchengeb&auml;ude. Gerade dieser Austausch mit dem Fremden und die Dynamik, die daraus entsteht, sind genau das, was wir suchen: keine Anweisung, sondern eine Einladung zum Staunen.</p>
<p>Der Spruch ist zudem vielschichtig. Manchen Quellen zufolge ist &bdquo;Sesam&ldquo; verwandt mit dem hebr&auml;ischen &scaron;em &mdash; dem Namen, Gott &mdash; und mit &scaron;em-&scaron;am&aacute;jim, &bdquo;dem Namen des Himmels&ldquo;. Zugleich zwinkert er dem magischen Denken von Gott 2.0 zu, das in unserer Welt nie ganz verschwindet: Auch wer gelb denkt, sucht in unsicheren Zeiten weiterhin Schutz und Verzauberung. Das ist kein R&uuml;ckfall, sondern Integration &mdash; keine Stufe wird abgeschafft, jede Stufe darf mitklingen.</p>
<p>Und der Spruch enth&auml;lt eine feine Paradoxie, die den Kern dieses Artikels ber&uuml;hrt. Er richtet sich an ein passives Element &mdash; in der urspr&uuml;nglichen Erz&auml;hlung an die Sesampflanze, deren heilsame Kraft im Menschen wirken darf &mdash; und legt also nahe, dass sich etwas in uns durch das Zutun von &bdquo;etwas anderem&ldquo; ver&auml;ndern kann. Doch die T&uuml;r geht nicht von selbst auf: Der Besucher muss sie selbst &ouml;ffnen, um das Kirchenschiff zu betreten. Ver&auml;nderung wird gegeben und getan. Was dann geschieht, &uuml;berlassen wir dem Wunder der Begegnung.</p>
<h4>Paradoxien pflegen und Gegens&auml;tze verbinden.</h4>
<p>GELB l&auml;sst Unterschiede und Gegens&auml;tze bewusst nebeneinander bestehen. Vor einigen Jahren gaben wir einer acht Meter hohen Statue &mdash; dem Tantalus aus der griechischen Mythologie &mdash; einen prominenten, dauerhaften Platz in der katholischen Magdalenenkirche. Ein nicht-christliches Bildwerk in einer Kirche: das ist ein Statement, und es l&ouml;ste eine interne Krise zwischen Bef&uuml;rwortern und Gegnern aus. Das Bildwerk wirkte also schon, bevor es dort stand; sofort wussten wir, dass es hierher geh&ouml;rte. Niemand, auch YOT nicht, wird dem Besucher vorsagen, was es bedeutet; es liegt an jedem, es zu lesen. Es bereichert uns, auch wenn es reibt. Es gibt eben keinen Glanz ohne Reibung. In einem Nebengeb&auml;ude der Kirche investierten wir in &ouml;ffentliche Toiletten &mdash; eine gew&ouml;hnliche, n&uuml;tzliche Einrichtung in einer Stadt voller Passanten. Doch wir gaben ihnen ein spirituelles Augenzwinkern und nannten den Ort einen &bdquo;&Uuml;bungsort im Loslassen&ldquo;. Das ist typisch gelb: Es verweigert die Trennung zwischen profan und heilig und macht aus der allt&auml;glichsten Handlung einen kleinen Moment von Bedeutung und Selbstrelativierung. Oder es betont die untrennbare Verbindung von Leib und Geist.</p>
<blockquote class="f2-sidequote"><p>YOT ist keine Mitgliederorganisation. Menschen kommen und gehen frei; wenn jemand uns verl&auml;sst, erleben wir das nicht als Scheitern.</p></blockquote>
<p>Individuelle Freiheit &mdash; und die Einsamkeit, die dazugeh&ouml;rt. YOT ist keine Mitgliederorganisation. Menschen kommen und gehen frei; wenn jemand uns verl&auml;sst, erleben wir das nicht als Scheitern. Wir hoffen nur, dass wir f&uuml;r die Zeit, in der jemand bei uns war, einen bescheidenen Beitrag zu seinem oder ihrem Wachstum geleistet haben. Es ist befreiend, in Gott 9.0 zu lesen, dass die gelbe Stufe auch Einsamkeit mit sich bringt. Wir sind eine Minderheit, die diese Sichtweise teilt &mdash; auch wenn viele Mitgl&auml;ubige und kirchlich Verantwortliche unser Projekt wertsch&auml;tzen, selbst wenn sie nicht jeden Schritt mitgehen. Aus dieser Isolation kommen wir auch heraus, indem wir uns mit Partnern au&szlig;erhalb der Kirche verbinden: der Stadtverwaltung, dem Kulturerbe-Sektor und dem Tourismus, die die Magdalenenkirche als einen &bdquo;Ort der Zukunft&ldquo; zu sehen begonnen haben und den Besucher nicht als Konsumenten, sondern als Pilger betrachten. Eine Kirche als Zukunftsort &mdash; da liegen spannende Querverbindungen zum christlichen Erbe.</p>
<h3>Die Dynamik des Wandels: pastoralpsychologisch gelesen</h3>
<p>Was bedeutet es nun, psychologisch und pastoral, wenn Menschen den traditionellen Ausdrucksformen des Glaubens und einer naiven theologischen Sprache entwachsen? Die Redaktion von futur2 hat diese Frage scharf gestellt, und das Modell von Gott 9.0 hilft, sie zu kl&auml;ren.</p>
<blockquote class="f2-sidequote"><p>Der pastorale Gewinn liegt in dieser Umdeutung: nicht &bdquo;du hast deinen Glauben verloren&ldquo;, sondern &bdquo;dein Gottesbild ist reif f&uuml;r ein Update&ldquo;.</p></blockquote>
<p>Oft wird ein solches Entwachsen als Verlust erlebt &mdash; von den Betroffenen wie von der Gemeinschaft. Wer dem blauen Gottesbild entw&auml;chst, h&auml;lt sich nicht selten f&uuml;r einen Atheisten oder gar Antitheisten, weil er den allm&auml;chtigen Sch&ouml;pfer von seinem Thron gesto&szlig;en hat. Das ist jedoch selten Unglaube; meist ist es ein Akt der Selbstbefreiung, ein notwendiger Zwischenschritt zu einem weniger anthropomorphen, transpersonalen Gottesverst&auml;ndnis. Der pastorale Gewinn liegt in dieser Umdeutung: nicht &bdquo;du hast deinen Glauben verloren&ldquo;, sondern &bdquo;dein Gottesbild ist reif f&uuml;r ein Update&ldquo;. Genau das kann ein gelber Ort bieten: Sprache und Raum, um diesen &Uuml;bergang nicht als Problem, sondern als Wachstum zu erleben. Die Kirche ist f&uuml;r uns daher ein Ort der Trauer und des &Uuml;bergangs zugleich.</p>
<p><div class="img-wrapper alignright wp-image-14293"><img loading="lazy" decoding="async" class="alignright wp-image-14293" src="http://www.futur2.org/wp-content/uploads/2026/08/schommel-2021-Eline-Van-Steenkiste-3-520x693.png" alt="" width="400" height="533" srcset="https://www.futur2.org/wp-content/uploads/2026/08/schommel-2021-Eline-Van-Steenkiste-3-520x693.png 520w, https://www.futur2.org/wp-content/uploads/2026/08/schommel-2021-Eline-Van-Steenkiste-3-1000x1333.png 1000w, https://www.futur2.org/wp-content/uploads/2026/08/schommel-2021-Eline-Van-Steenkiste-3-768x1024.png 768w, https://www.futur2.org/wp-content/uploads/2026/08/schommel-2021-Eline-Van-Steenkiste-3-1152x1536.png 1152w, https://www.futur2.org/wp-content/uploads/2026/08/schommel-2021-Eline-Van-Steenkiste-3-1536x2048.png 1536w, https://www.futur2.org/wp-content/uploads/2026/08/schommel-2021-Eline-Van-Steenkiste-3-240x320.png 240w, https://www.futur2.org/wp-content/uploads/2026/08/schommel-2021-Eline-Van-Steenkiste-3-scaled.png 1920w" sizes="auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px"></div>Psychologisch ist das ein echter &Uuml;bergang, kein blo&szlig;es Umschalten. Wer ein vertrautes Gottesbild verliert, verliert zugleich ein St&uuml;ck Halt, Sprache und Gemeinschaft; die mystische Tradition nennt eine solche Phase nicht zuf&auml;llig eine &bdquo;dunkle Nacht&ldquo;. &Uuml;bergangspsychologen zeigen, dass jede Ver&auml;nderung mit einem Ende beginnt und durch eine verwirrende Zwischenzone f&uuml;hrt, bevor etwas Neues beginnen kann. Ein gelber Ort, der das begreift, treibt niemanden durch diese Zwischenzone. Er bietet genau das, was den &Uuml;bergang tragbar macht: Anerkennung des Verlusts, Sprache f&uuml;r das Kommende und die Gesellschaft anderer, die denselben Weg gehen.</p>
<p>Hilft eine h&ouml;here Bewusstseinsstufe, mit dem Ver&auml;nderungsdruck unserer Gesellschaft zurechtzukommen? Zum Teil. Wer mit Paradoxien leben lernt, wer Unterschiede nicht sofort aufl&ouml;sen muss und Unsicherheit ertragen kann, steht wendiger in einer Welt, die permanent kippt. Doch das Modell warnt auch: Gelb bringt Einsamkeit mit sich und die Versuchung der &Uuml;berlegenheit. Eine h&ouml;here Stufe ist also keine R&uuml;stung gegen die Zeit; sie ist vielmehr eine andere Weise, in ihr zu stehen &mdash; offener, mit mehr Toleranz f&uuml;r Spannung, aber auch verletzlicher.</p>
<p>Ist es schlie&szlig;lich erstrebenswert, Menschen zu einer h&ouml;heren Bewusstseinsstufe zu verhelfen, und wenn ja, wie? Hier ist Vorsicht geboten. Man kann niemanden &bdquo;hochstufen&ldquo;, und das Erzwingen-Wollen von Wachstum ist selbst ein Zeichen daf&uuml;r, dass einem die gelbe Grundhaltung fehlt. Was sehr wohl geht, ist das Erm&ouml;glichen: eine Umgebung schaffen, in der Entwicklung m&ouml;glich wird, ohne verpflichtend zu sein. Unsere Frage lautet nie &bdquo;wie verk&uuml;nden wir unsere Botschaft am besten?&ldquo;, sondern &bdquo;was hilft Menschen heute, ihr Leben auf Kurs zu halten?&ldquo; Bewusstwerdung &mdash; ein offener Geist, ein offenes Herz und ein offener Wille, in den Worten von Otto Scharmers Theorie U &mdash; l&auml;sst sich einladen, nicht erzwingen. Wachstum widerf&auml;hrt Menschen, so wie die sch&ouml;nsten Begegnungen uns widerfahren. Unsere Aufgabe ist es, die Schwellen zu senken und das Unerwartete m&ouml;glich zu machen.</p>
<h3>Communio: die n&auml;chste Schwelle</h3>
<p>Wenn wir vorausblicken, worauf YOT in den kommenden Jahren setzen m&ouml;chte, dann ist es der Begriff communio. Auf den ersten Blick scheint das mit allem zu kollidieren, was wir oben &uuml;ber Gelb und individuelle Freiheit geschrieben haben &mdash; und gerade diese Spannung macht es zu unserer wichtigsten Herausforderung. Die britische Theologin Carmody Grey bringt scharf auf den Punkt, was auf dem Spiel steht. Ohne eine tiefe Beziehung zur Natur, zu anderen Menschen und zu Gott, sagt sie, wissen wir nicht mehr, wer wir sind. Wir haben eine Lebensweise aufgebaut, die uns von der Natur, voneinander und von Gott l&ouml;st &mdash; und wir stehen erst am Anfang von Klimawandel und k&uuml;nstlicher Intelligenz. Gegen die Einsamkeit und den Sinnverlust vor allem junger Menschen h&auml;lt sie fest, dass wir bedeutungsvolle Beziehungen brauchen: Bedeutung ist Beziehung.</p>
<blockquote class="f2-sidequote"><p>Was sehr wohl geht, ist das Erm&ouml;glichen: eine Umgebung schaffen, in der Entwicklung m&ouml;glich wird, ohne verpflichtend zu sein. Unsere Frage lautet nie &bdquo;wie verk&uuml;nden wir unsere Botschaft am besten?&ldquo;, sondern &bdquo;was hilft Menschen heute, ihr Leben auf Kurs zu halten?&ldquo;</p></blockquote>
<p>Diese Gemeinschaft &mdash; communio &mdash; ist etwas ganz anderes, als soziale Medien versprechen. Jemandem eine Plattform zu geben, wenn er sich nach Gemeinschaft sehnt, ist Grey zufolge &bdquo;als g&auml;be man einem Kind einen Stein, wenn es um Brot bittet&ldquo;. Keine blo&szlig;e Verbindung, wie ein Laptop sich mit dem Internet verbindet, sondern Beziehung in ihrer vollen Wirklichkeit, ein bleibendes Ineinander-Wohnen. Und hier ber&uuml;hrt sie den Kern des Wortes katholisch. Wir gebrauchen es meist, um eine Gruppe von Gl&auml;ubigen zu bezeichnen, doch das griechische kata holon bedeutet &bdquo;gem&auml;&szlig; dem Ganzen&ldquo;: bezogen sein auf alles &mdash; auf die ganze Sch&ouml;pfung, auf alle Menschen, auf Kultur, Wissenschaft und Natur. Katholisch sein ist also das Gegenteil von Nach-innen-gekehrt-Sein. Communio ist in diesem Sinne Verbundenheit mit allen Menschen, mit der Natur, mit der Welt &mdash; und mit dem Grund von all dem, den wir Gott nennen. Und dieses Sich-nach-au&szlig;en-Kehren hat bei Grey einen Namen: Liebe &mdash; die Energie, die uns aus uns selbst herausf&uuml;hrt, zu anderen Menschen, zur Sch&ouml;pfung, zu Gott. Es ist dieselbe Bewegung, die die ganze Entwicklung tr&auml;gt: Jeder Schritt in Gott 9.0 ist einer der Selbst&uuml;berschreitung.</p>
<p><div class="img-wrapper alignright size-medium wp-image-14283"><img loading="lazy" decoding="async" class="alignright size-medium wp-image-14283" src="http://www.futur2.org/wp-content/uploads/2026/08/johan-rosseel-buiten-520x390.jpg" alt="" width="520" height="390" srcset="https://www.futur2.org/wp-content/uploads/2026/08/johan-rosseel-buiten-520x390.jpg 520w, https://www.futur2.org/wp-content/uploads/2026/08/johan-rosseel-buiten-1000x750.jpg 1000w, https://www.futur2.org/wp-content/uploads/2026/08/johan-rosseel-buiten-768x576.jpg 768w, https://www.futur2.org/wp-content/uploads/2026/08/johan-rosseel-buiten-1536x1152.jpg 1536w, https://www.futur2.org/wp-content/uploads/2026/08/johan-rosseel-buiten-2048x1536.jpg 2048w, https://www.futur2.org/wp-content/uploads/2026/08/johan-rosseel-buiten-160x120.jpg 160w" sizes="auto, (max-width: 520px) 100vw, 520px"></div>Grey weist auf eine schmerzliche Ironie hin. Das englische Wort parochial &mdash; von parish, Pfarrei &mdash; hat die Bedeutung &bdquo;engstirnig&ldquo; und &bdquo;in sich verschlossen&ldquo; angenommen, w&auml;hrend eine wirklich katholische Gemeinschaft genau das Gegenteil sein sollte: nach au&szlig;en gekehrt, der ganzen Gesellschaft und der ganzen Sch&ouml;pfung zugewandt. Genau gegen dieses Parochiale erhebt YOT Einspruch. Unsere gelbe Grundhaltung ist im Kern anti-parochial: Sie verweigert das Kirchturmdenken und das Nach-innen-gekehrt-Sein. Und so ber&uuml;hrt Gelb unerwartet die urspr&uuml;ngliche Bedeutung von katholisch: Wo Glaube sich verschlie&szlig;t, verarmt er; wo er sich dem Ganzen zuwendet, wird er wieder katholisch im vollen Sinn. Unsere individuelle Freiheit und Greys kata holon erweisen sich so nicht als Gegenpole, sondern als Verb&uuml;ndete.</p>
<blockquote class="f2-sidequote"><p>Ohne eine tiefe Beziehung zur Natur, zu anderen Menschen und zu Gott, sagt sie, wissen wir nicht mehr, wer wir sind.</p></blockquote>
<p>Wie verh&auml;lt sich das zu Gelb? Gott 9.0 selbst weist die Richtung. Nach den gelben Individualisten bricht dem Modell zufolge eine neue Wir-Zeit an &mdash; die des t&uuml;rkisen Bewusstseins, in dem alles mit allem verbunden ist und die positiven Kr&auml;fte aller Stufen genutzt werden. Gelb ist also kein Endpunkt und schon gar keine Flucht aus der Gemeinschaft; es ist die Ich-Stufe, die eine freiere Form des Zusammenseins vorbereitet. Genau darin liegt unsere Aufgabe. YOT ist stark in der gelben Grammatik der Freiheit &mdash; lose-fest, keine Mitgliederwerbung, Kommen und Gehen &mdash; doch diese Freiheit droht in dieselbe Atomisierung zu entgleisen, die Grey beschreibt. Was wir suchen, ist eine communio, die niemanden festh&auml;lt und dennoch wirklich tr&auml;gt: keine R&uuml;ckkehr zum blauen oder gr&uuml;nen Wir, das Menschen in ein Schema zwingt, sondern eine Verbundenheit, die Unterschiede bestehen l&auml;sst. Sie schlie&szlig;t nahtlos an das an, was wir immer schon sagten &mdash; dass das Ziel von YOT au&szlig;erhalb seiner selbst liegt, im Mitwirken am guten Leben f&uuml;r alle &mdash; und sie verbindet unsere gelbe Arbeit neu mit der katholischen Wurzel, aus der sie hervorgeht. Ganz konkret wird das sichtbar in der Weise, wie wir Menschen an der Schwelle willkommen hei&szlig;en, in der Sorge um jene, die einsam sind, in unserem Einsatz f&uuml;r die Sch&ouml;pfung und in der geduldigen Arbeit, Menschen wieder leibhaftig zusammenzubringen.</p>
<h3>Das Experiment: so arbeiten wir an Zukunft</h3>
<p>Noch eines, und es bringt uns zur Zukunft. YOT ist ein Labor f&uuml;r Weltanschauung, und das Experiment ist f&uuml;r uns nicht unverbindlich, sondern wesentlich. Nur indem wir Dinge ausprobieren, Prototypen entwickeln und unserer Vorstellungskraft Gestalt geben, k&ouml;nnen wir an Zukunft arbeiten. Wer auf Nummer sicher geht, wiederholt bestenfalls die Vergangenheit.</p>
<blockquote class="f2-sidequote"><p>Eine Kirche, die auf Kontinuit&auml;t gebaut ist, mag von sich aus das Experiment nicht &mdash; und doch sind gerade diese Experimente f&uuml;r uns der einzige Weg, wirklich zukunftsgerichtet zu sein.</p></blockquote>
<p>Der deutsche Theologe J. B. Metz beschrieb in seinem Buch &bdquo;<em>Zeit der Orden?&ldquo;</em> die Ordensgemeinschaften und Kongregationen als die innovierende, prophetische Kraft innerhalb der Kirche &mdash; komplement&auml;r zur Institution, die vor allem die Kontinuit&auml;t wahrt. Beide sind n&ouml;tig, und sie setzen einander voraus. YOT arbeitet im Kontext der Institution, teilt aber die Intentionen jener zweiten Kraft: empf&auml;nglich f&uuml;r die N&ouml;te der Zeit, ausgerichtet auf das, was noch nicht ist. Das macht unsere Lage mitunter komplex. Eine Kirche, die auf Kontinuit&auml;t gebaut ist, mag von sich aus das Experiment nicht &mdash; und doch sind gerade diese Experimente f&uuml;r uns der einzige Weg, wirklich zukunftsgerichtet zu sein.</p>
<h3>Schluss: ein Gott, der sich mit Zukunft verbindet</h3>
<p>Im Schiff unserer Kirche steht nicht zuf&auml;llig eine Frage &uuml;ber Zukunft, und h&auml;ngt nicht zuf&auml;llig eine Schaukel. Beide zeugen von Bewegung. Eine der Gr&uuml;ndungspersonen unserer Organisation weist gern auf die Zukunft im Gottesnamen aus dem Exodus hin, EHEJEH ASCHER EHEJEH, jahrhundertelang &uuml;bersetzt als &bdquo;ich bin, der ich bin&ldquo;. Doch im Hebr&auml;ischen l&auml;sst sich das Verb &bdquo;sein&ldquo; nicht in der Gegenwart konjugieren. Zutreffender ist: ich werde sein, der ich sein werde. Gott verbindet sich stets mit Zukunft, mit Perspektive, mit Sehnsucht. Selbst ein anderer Gottesname, EL, bedeutet &bdquo;zu&ldquo;, &bdquo;in Richtung auf&ldquo;. Wer Gott denkt, kann der Bibel zufolge nicht anders, als an Bewegung zu denken.</p>
<blockquote class="f2-sidequote"><p>Ver&auml;nderung ist f&uuml;r uns keine Bedrohung, die wir erleiden, sondern der Grundton des Glaubens selbst.</p></blockquote>
<p>Darin liegt, denken wir, die tiefste Ber&uuml;hrung zwischen der Geschichte von YOT und der Geschichte von Gott 9.0. Ver&auml;nderung ist f&uuml;r uns keine Bedrohung, die wir erleiden, sondern der Grundton des Glaubens selbst. Die gro&szlig;e Erz&auml;hlung, die uns beseelt, kann ihre Kraft nur bewahren, wenn sie in Bewegung bleibt. &bdquo;What are we going to do with all this future?&ldquo; Es ist keine rhetorische Frage. Es ist der Auftrag einer Kirche, die zu glauben wagt, dass die sch&ouml;nste Version ihres Gottesbildes noch vor ihr liegt.</p>
</body></html>
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		<title>Die Freiheit zum Wandel. Ignatianische Indifferenz und die Kunst, sich verändern zu lassen</title>
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		<pubDate>Wed, 12 Aug 2026 14:55:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Dominik Terstriep SJ</dc:creator>
		
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				<description><![CDATA[Die Zeit der Beschleunigten Es gibt Epochen, die glauben, sie stünden still. Unsere gehört nicht dazu. Kaum ein Begriff beschreibt das Selbstverständnis der Gegenwart so sehr wie der des Wandels. Unternehmen sprechen von Transformation, Universitäten von Innovation, die Politik von großen Reformvorhaben, die Kirchen von Veränderung oder Synodalität. Wer nicht lernfähig ist, gilt als gefährdet. ...]]></description>
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<html><body><h3><span lang="de-DE">Die Zeit der Beschleunigten</span></h3>
<p><span lang="de-DE">Es gibt Epochen, die glauben, sie st&uuml;nden still. Unsere geh&ouml;rt nicht dazu. Kaum ein Begriff beschreibt das Selbstverst&auml;ndnis der Gegenwart so sehr wie der des Wandels. Unternehmen sprechen von Transformation, Universit&auml;ten von Innovation, die Politik von gro&szlig;en Reformvorhaben, die Kirchen von Ver&auml;nderung oder Synodalit&auml;t. Wer nicht lernf&auml;hig ist, gilt als gef&auml;hrdet. Wer sich nicht ver&auml;ndert, scheint schon verloren zu haben.</span></p>
<p><span lang="de-DE">Merkw&uuml;rdigerweise w&auml;chst mit der Geschwindigkeit der Ver&auml;nderungen nicht die Gelassenheit, sondern die Nervosit&auml;t. Fast jede Reform erzeugt neue Reformen, jede L&ouml;sung macht neue Probleme sichtbar, jede Innovation beschleunigt den Ruf nach der n&auml;chsten. Der Wandel hat aufgeh&ouml;rt, Ausnahme zu sein. Er ist zur Normalit&auml;t geworden.</span></p>
<p><span lang="de-DE">Das ver&auml;ndert auch den Menschen. Nicht nur seine Arbeitswelt oder seine Kommunikationsformen. Es ver&auml;ndert seine Art, Wirklichkeit wahrzunehmen. Was gestern noch Orientierung gab, erscheint heute als Vorl&auml;ufiges. Kaum hat sich eine Gewissheit etabliert, beginnt sie schon wieder zu erodieren. Die Folge ist ein eigent&uuml;mlicher Widerspruch. Noch nie standen so viele Informationen zur Verf&uuml;gung, und selten fiel es schwerer, sich ein Urteil zu bilden. Alles scheint gleichzeitig wichtig zu sein. Eben deshalb verliert vieles an Gewicht.<blockquote class="f2-sidequote"><p>Die eigentliche Krise unserer Zeit ist eine Krise der Urteilskraft.</p></blockquote></span></p>
<p><span lang="de-DE">Vielleicht erkl&auml;rt das die eigent&uuml;mliche Gereiztheit unserer Zeit. Polarisierung entsteht selten dort, wo Menschen zu viel wissen. Sie entsteht dort, wo Unsicherheit schwer auszuhalten ist. Wer sich seiner Sache nicht mehr sicher sein kann, sucht umso entschiedener nach Eindeutigkeit. Die Welt zerf&auml;llt in Lager, Meinungen werden zu Identit&auml;ten, und wer widerspricht, erscheint nicht mehr als Gespr&auml;chspartner, sondern als Gegner. Die eigentliche Krise unserer Zeit ist deshalb vielleicht weniger eine Krise der Institutionen als eine Krise der Urteilskraft.</span></p>
<h3><span lang="de-DE">Eine alte Tugend f&uuml;r eine neue Welt</span></h3>
<p><span lang="de-DE">Vor mehr als vierhundert Jahren lie&szlig; Michel de Montaigne eine Medaille pr&auml;gen. Auf ihr war eine Waage zu sehen, deren Schalen im Gleichgewicht standen. Daneben sein Wahlspruch: </span><span lang="de-DE">Que sais-je?</span><span lang="de-DE"> &ndash; </span><span lang="de-DE">Was wei&szlig; ich?</span></p>
<p><span lang="de-DE">Man k&ouml;nnte diesen Satz f&uuml;r die Kapitulation eines Skeptikers halten. Tats&auml;chlich war er das Gegenteil. Montaigne lebte mitten in den franz&ouml;sischen Religionskriegen. &Uuml;berall wurde mit letzter Gewissheit gesprochen, mit theologischer, politischer und moralischer Entschiedenheit. Gerade deshalb misstraute er dem vorschnellen Urteil. Nicht weil es keine Wahrheit g&auml;be, sondern weil der Mensch sich ihrer selten so sicher sein k&ouml;nne, wie er behaupte.</span></p>
<p><span lang="de-DE">Es ist bemerkenswert, dass die Waage auf seiner Medaille nicht nach einer Seite ausschl&auml;gt. Sie verharrt im Gleichgewicht. Nicht aus Unentschlossenheit, sondern weil sie noch w&auml;gt. Vielleicht ist genau das die eigentliche Kunst des Urteilens. Nicht m&ouml;glichst schnell zu einer Entscheidung zu gelangen, sondern lange genug offen zu bleiben, damit sich die Wirklichkeit zeigen kann.</span></p>
<p><span lang="de-DE">Unsere Zeit hat f&uuml;r diese Haltung wenig Geduld. Sie verlangt Positionierungen. Sofort. Wer z&ouml;gert, ger&auml;t unter Verdacht. Wer Fragen stellt, gilt leicht als unsicher. Die sozialen Medien haben aus dem Urteil einen Reflex gemacht. Zwischen Wahrnehmung und Bewertung bleibt kaum noch ein Zwischenraum. Dabei entscheidet sich gerade dort die Qualit&auml;t des Denkens.</span></p>
<p><span lang="de-DE">Montaigne wusste: Der Mensch sieht nicht einfach die Wirklichkeit. Er sieht sie immer durch sich selbst hindurch. Seine Erfahrungen, &Auml;ngste, Hoffnungen und Verletzungen schauen mit. Deshalb beginnt Erkenntnis mit einer Form der Bescheidenheit. Nicht alles, was ich sehe, ist schon die Wirklichkeit. Vielleicht ist es zun&auml;chst nur meine Wirklichkeit.</span></p>
<h3><span lang="de-DE">Ignatius&lsquo; Entdeckung</span></h3>
<p><span lang="de-DE">Fast zur gleichen Zeit machte ein anderer Mann eine &auml;hnliche Erfahrung. Nicht in einer Bibliothek, sondern auf einem Krankenbett. Ignatius von Loyola hatte sein bisheriges Leben verloren. Der Offizier, der von Ruhm, Ansehen und h&ouml;fischer Karriere getr&auml;umt hatte, musste erleben, wie innerhalb weniger Stunden sein Lebensentwurf zerbrach. Die Kanonenkugel von Pamplona verletzte nicht nur sein Bein, sie traf seine Identit&auml;t.</span></p>
<p><span lang="de-DE">R&uuml;ckblickend ist erstaunlich, dass Ignatius seine Bekehrung nicht mit einer neuen &Uuml;berzeugung beschreibt. Nicht eine neue Idee ver&auml;nderte ihn, sondern eine neue Wahrnehmung. Zum ersten Mal begann er, die Bewegungen seines eigenen Herzens zu beobachten. Warum hinterlie&szlig;en manche Gedanken Leere und andere Frieden? Weshalb versprachen manche W&uuml;nsche Erf&uuml;llung und f&uuml;hrten doch zur Unruhe? Warum war das, was zun&auml;chst unerquicklich erschien, oft von gr&ouml;&szlig;erer Dauer als das unmittelbar Verlockende?<blockquote class="f2-sidequote"><p>Ignatius von Loyola ver&auml;nderte nicht eine neue Idee, sondern eine neue Wahrnehmung.</p></blockquote></span></p>
<p><span lang="de-DE">Die eigentliche Entdeckung des Ignatius bestand nicht darin, Antworten gefunden zu haben. Er entdeckte den Wahrnehmenden. Damit drehen sich die Fragen um. Er fragt nicht zuerst &bdquo;Was soll ich tun?&ldquo;, sondern &bdquo;Wer ist eigentlich der, der diese Frage stellt?&ldquo;</span></p>
<h3><span lang="de-DE">Die Freiheit des Dazwischen</span></h3>
<p><span lang="de-DE">Hier beginnt die Eigenart der ignatianischen Indifferenz. Sie ist weder stoische Gelassenheit noch skeptische Zur&uuml;ckhaltung. Vor allem aber ist sie kein Endzustand. Das ist vielleicht das gr&ouml;&szlig;te Missverst&auml;ndnis, das dem Begriff bis heute anhaftet.</span></p>
<p><span lang="de-DE">Wer &bdquo;indifferent&ldquo; h&ouml;rt, denkt an einen Menschen, der sich herausnimmt, der nichts mehr will, der &uuml;ber den Dingen steht. Ignatius meint das Gegenteil. Der Indifferente ist nicht einer, der nichts mehr will. Er ist einer, der noch nicht wei&szlig;, was er wollen soll, weil er zun&auml;chst lernen muss, richtig zu sehen. Indifferenz ist deshalb keine Tugend des Bleibens, sondern eine des &Uuml;bergangs.</span></p>
<p><span lang="de-DE">Der Mensch tritt gleichsam einen Schritt zur&uuml;ck, nicht um sich der Wirklichkeit zu entziehen, sondern um ihr n&auml;her zu kommen. Er l&ouml;st sich f&uuml;r einen Augenblick von seinen Vorlieben, seinen &Auml;ngsten, seinen Erfolgen und Niederlagen. Nicht weil diese bedeutungslos w&auml;ren, sondern weil sie sonst verhindern, dass sich etwas Neues zeigen kann.</span></p>
<p><span lang="de-DE">Vielleicht liegt gerade hier der tiefste Unterschied zwischen geistlicher und moderner Freiheit. Unsere Zeit versteht Freiheit meist als M&ouml;glichkeit, aus einer gro&szlig;en Zahl von Optionen zu w&auml;hlen. Ignatius versteht Freiheit anders. Frei ist nicht der Mensch mit den meisten M&ouml;glichkeiten. Frei ist der Mensch, der sich nicht von seinen M&ouml;glichkeiten beherrschen l&auml;sst. Diese Freiheit entsteht nicht durch Verzicht, sondern durch Ordnung. Sie fragt: Woran bin ich so gebunden, dass ich die Wirklichkeit nicht mehr wahrnehmen kann?<blockquote class="f2-sidequote"><p>Der Indifferente ist nicht einer, der nichts mehr will. Er ist einer, der noch nicht wei&szlig;, was er wollen soll.</p></blockquote></span></p>
<p><span lang="de-DE">Damit erh&auml;lt die Indifferenz eine &uuml;berraschend aktuelle Bedeutung. Denn vermutlich war der Mensch nie so reich an M&ouml;glichkeiten wie heute und zugleich selten so abh&auml;ngig von ihnen. Die Auswahl w&auml;chst, die Freiheit nicht notwendigerweise. Im Gegenteil. Wo alles jederzeit m&ouml;glich scheint, wird jede Entscheidung zum Verzicht. Gerade deshalb f&auml;llt sie schwer.</span></p>
<p><span lang="de-DE">Ignatius beschreibt dieses Ph&auml;nomen lange vor der Moderne. Seine </span><span lang="de-DE">inordinati affectus</span><span lang="de-DE"> (ungeordneten Anh&auml;nglichkeiten) sind weit mehr als moralische Fehlhaltungen. Sie bezeichnen jene inneren Bindungen, die den Menschen daran hindern, das Wirkliche wahrzunehmen. Bemerkenswert ist dabei, dass Ignatius nicht nach der Qualit&auml;t des Gegenstandes fragt. Fast alles kann zur ungeordneten Anh&auml;nglichkeit werden: nicht nur Besitz, auch Armut, nicht nur Erfolg, auch Scheitern, nicht nur Macht, auch das Bed&uuml;rfnis, machtlos erscheinen zu wollen. Nicht einmal religi&ouml;se &Uuml;berzeugungen sind davor gefeit.</span></p>
<p><span lang="de-DE">Gerade hier unterscheidet sich die ignatianische Indifferenz von jeder Form geistlicher Askese, die den Menschen lediglich von der Welt l&ouml;sen m&ouml;chte. Ignatius interessiert sich nicht f&uuml;r den R&uuml;ckzug aus der Welt. Er m&ouml;chte den Menschen innerhalb der Welt freier machen. Die Indifferenz ist deshalb kein Nein zum Leben, sondern ein Ja, das noch offen ist. Ein Ja, das sich nicht vorschnell festlegt, sondern bereit ist, sich &uuml;berraschen zu lassen.</span></p>
<h3><span lang="de-DE">Die Versuchung der Guten</span></h3>
<p><span lang="de-DE">Vielleicht zeigt sich diese Dynamik heute nirgendwo deutlicher als in den Auseinandersetzungen innerhalb der Kirche. Erstaunlich ist dabei weniger, dass gestritten wird. Das Christentum war nie konfliktfrei. Erstaunlich ist vielmehr, mit welcher Selbstverst&auml;ndlichkeit jede Seite davon ausgeht, bereits zu wissen, wohin der Geist Gottes die Kirche f&uuml;hren m&uuml;sse.</span></p>
<p><span lang="de-DE">Die einen sehen die Rettung in der R&uuml;ckkehr zu &uuml;berlieferten Formen, die anderen im entschlossenen Aufbruch in eine neue Zukunft. Beide Positionen werden oft mit gro&szlig;er theologischer Ernsthaftigkeit vertreten. Und doch verbindet sie h&auml;ufig dieselbe Versuchung. Beide wissen schon, was am Ende herauskommen soll. Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Unfreiheit. Ignatius h&auml;tte vermutlich weder zuerst nach der konservativen noch nach der progressiven Position gefragt. Er h&auml;tte eine andere Frage gestellt: Was bewegt dich eigentlich so sehr, dass du diese Position nicht mehr loslassen kannst?</span></p>
<p><span lang="de-DE">Diese Frage trifft den Kern. Denn sie richtet sich nicht gegen &Uuml;berzeugungen, sondern gegen ihre Verabsolutierung. Es ist kein Zufall, dass Ignatius in den Exerzitien niemals damit beginnt, den Willen Gottes zu erkl&auml;ren. Er beginnt mit der Freiheit des Exerzitanten. Solange dieser innerlich gebunden bleibt, wird selbst die beste Einsicht nur die Best&auml;tigung seiner eigenen W&uuml;nsche sein. Der Mensch sucht dann nicht mehr Wahrheit, sondern Best&auml;tigung.</span></p>
<p><span lang="de-DE">Das ist vermutlich eine der gr&ouml;&szlig;ten Versuchungen unserer Zeit. Wir verwechseln &Uuml;berzeugung mit Identit&auml;t. Wer meine Meinung kritisiert, scheint mich selbst infrage zu stellen. Deshalb werden Debatten so erbittert gef&uuml;hrt. Nicht weil es um Ideen geht, sondern um Personen.</span></p>
<p><span lang="de-DE">Ignatianische Indifferenz l&ouml;st diese Identifikation auf. Sie verlangt nicht weniger Leidenschaft. Sie verlangt eine Leidenschaft, die frei genug ist, sich korrigieren zu lassen.</span></p>
<h3><span lang="de-DE">Die Fruchtbarkeit der Freiheit</span></h3>
<p><span lang="de-DE">Es geh&ouml;rt zu den eigent&uuml;mlichen Missverst&auml;ndnissen unserer Zeit, Kreativit&auml;t mit Originalit&auml;t zu verwechseln. Wer Neues hervorbringen will, so meint man, m&uuml;sse sich m&ouml;glichst weit vom Alten l&ouml;sen. Innovation erscheint als bewusster Traditionsbruch. Gerade kirchliche Reformdebatten leiden bisweilen unter dieser Alternative. Entweder bewahrt man oder man erneuert.</span></p>
<p><span lang="de-DE">Ignatius h&auml;tte beide Begriffe vermutlich gemieden. Er spricht weder von Innovation noch von Tradition. Er spricht von der gr&ouml;&szlig;eren Ehre Gottes. Das wirkt auf den ersten Blick erstaunlich unpraktisch. Tats&auml;chlich verschiebt sich dadurch jedoch die gesamte Perspektive. Denn nun geht es nicht mehr darum, ob etwas alt oder neu ist. Entscheidend wird allein, ob es der gr&ouml;&szlig;eren Ehre Gottes dient.<blockquote class="f2-sidequote"><p>Ignatianische Indifferenz verlangt eine Leidenschaft, die frei genug ist, sich korrigieren zu lassen.</p></blockquote></span></p>
<p><span lang="de-DE">Damit verliert sowohl das Alte als auch das Neue seinen Eigenwert. Traditionen sind nicht deshalb gut, weil sie alt sind, und Neuerungen nicht deshalb, weil sie neu sind. Beide m&uuml;ssen sich an einer Wirklichkeit messen lassen, die au&szlig;erhalb ihrer selbst liegt. Das ist ein ungeheuer anspruchsvoller Gedanke, da er beide Seiten &bdquo;enteignet&ldquo;. Er nimmt dem Konservativen die Sicherheit, allein im &Uuml;berlieferten den Willen Gottes erkennen zu k&ouml;nnen, und dem Progressiven die Gewissheit, dass die Zukunft notwendig recht haben m&uuml;sse. Beide m&uuml;ssen stattdessen unterscheiden. Vielleicht ist genau darin die eigentliche Zumutung der ignatianischen Spiritualit&auml;t. Sie macht es niemandem recht. Nicht einmal Ignatius, denn auch seine Einsichten besitzen keinen Selbstzweck. Die Exerzitien wollen den Menschen gerade davor bewahren, sich an geistliche Methoden zu klammern. Selbst die Exerzitien d&uuml;rfen nicht zum G&ouml;tzen werden.</span></p>
<h3><span lang="de-DE">Das </span><span lang="de-DE">magis</span><span lang="de-DE"> oder die Versuchung des Immer-mehr</span></h3>
<p><span lang="de-DE">Kaum ein Begriff der ignatianischen Spiritualit&auml;t ist so popul&auml;r geworden wie das </span><span lang="de-DE">magis &ndash; mehr</span><span lang="de-DE">. Gleichzeitig wird kaum einer so h&auml;ufig missverstanden. Das </span><span lang="de-DE">magis</span><span lang="de-DE"> wird heute gern mit Steigerung &uuml;bersetzt. Mehr Einsatz, Effizienz, Mission, Wachstum. Nicht selten begegnet es sogar in der Sprache kirchlicher Leitungsprozesse als spirituelle Variante des modernen Optimierungsdenkens.</span></p>
<p><span lang="de-DE">Ignatius denkt allerdings nicht in Kategorien der Steigerung, sondern der Angemessenheit. Das </span><span lang="de-DE">magis</span><span lang="de-DE"> fragt niemals &bdquo;Wie kann ich mehr erreichen?&ldquo;, sondern &bdquo;Was entspricht in dieser konkreten Situation mehr dem Willen Gottes?&ldquo; Manchmal kann das </span><span lang="de-DE">magis</span><span lang="de-DE"> Aufbruch verlangen, ein anderes Mal den Verzicht darauf, manchmal Schweigen, ein anderes Mal das mutige Wort, manchmal geduldiges Warten, ein anderes Mal entschlossenes Handeln. Gerade deshalb setzt das </span><span lang="de-DE">magis</span><span lang="de-DE"> die Indifferenz voraus. Nur wer bereits wei&szlig;, was das Bessere sein soll, braucht nicht mehr zu unterscheiden. Ignatius dagegen misstraut genau dieser Sicherheit.</span></p>
<p><span lang="de-DE">Nicht weil Wahrheit beliebig w&auml;re, sondern weil der Mensch sich selbst so leicht t&auml;uscht.</span></p>
<p><span lang="de-DE">Vielleicht besteht die eigentliche Weisheit der Exerzitien darin, dass sie den Menschen nicht lehren, Gottes Willen zu produzieren, sondern ihn zu empfangen. Das ver&auml;ndert den Charakter jeder Entscheidung, die weniger zum Ausdruck meiner Entschlossenheit als meiner H&ouml;rf&auml;higkeit wird.</span></p>
<h3><span lang="de-DE">Die Geduld Gottes</span></h3>
<p><span lang="de-DE">Hier ber&uuml;hrt die ignatianische Spiritualit&auml;t einen Punkt, an dem sie dem Zeitgef&uuml;hl unserer Gegenwart beinahe widerspricht. Unsere Kultur kennt kaum eine Tugend, die geringer gesch&auml;tzt wird als Geduld. Beschleunigung gilt als Fortschritt, Langsamkeit erscheint verd&auml;chtig. Wer z&ouml;gert, verliert. Wer inneh&auml;lt, wird &uuml;berholt. Auch die Kirche hat sich diesem Takt nicht vollst&auml;ndig entzogen. Reformen sollen sichtbar sein, Prozesse effizient verlaufen, und Ergebnisse m&ouml;glichst rasch vorliegen. Selbst geistliche Entwicklungen werden heute nicht selten mit den Kategorien des Projektmanagements beschrieben.</span></p>
<p><span lang="de-DE">Dabei erz&auml;hlt die Bibel eine andere Geschichte. Abraham wartet auf den Erben. Mose verbringt Jahrzehnte in der W&uuml;ste. David wird gesalbt und muss dennoch lange auf sein K&ouml;nigtum warten. Jesus beginnt sein &ouml;ffentliches Wirken erst nach drei&szlig;ig verborgenen Jahren. Die Heilsgeschichte besitzt ein anderes Tempo als die Geschichte menschlicher Projekte. Vielleicht deshalb kennt sie etwas, das modernen Organisationen zunehmend verloren geht: Reife.</span></p>
<p><span lang="de-DE">Ignatius wei&szlig;, dass Entscheidungen wachsen m&uuml;ssen. Sie lassen sich nicht erzwingen. Wie eine Frucht reifen sie von innen. Darum ist Geduld bei ihm keine passive Tugend, sondern eine Form geistlicher Aktivit&auml;t. Geduld bedeutet, der Wirklichkeit Zeit zu lassen, sich zu zeigen.</span></p>
<p><span lang="de-DE">Das f&auml;llt uns schwer. Nicht zuletzt deshalb, weil wir Ver&auml;nderung oft mit Machbarkeit verwechseln. Wir m&ouml;chten Zukunft herstellen. Ignatius dagegen vertraut darauf, dass Zukunft zun&auml;chst Geschenk ist.</span></p>
<h3><span lang="de-DE">Die Kunst des gemeinsamen H&ouml;rens</span></h3>
<p><span lang="de-DE">Vielleicht erkl&auml;rt sich von hier aus auch, weshalb Papst Franziskus der Synodalit&auml;t eine so gro&szlig;e Bedeutung beima&szlig;. Sie ist weit mehr als eine neue Form kirchlicher Leitung. Wer sie ausschlie&szlig;lich organisatorisch versteht, wird sie zwangsl&auml;ufig &uuml;bersch&auml;tzen oder entt&auml;uscht von ihr sein. Synodalit&auml;t ist zun&auml;chst eine geistliche Haltung.<blockquote class="f2-sidequote"><p>Die gemeinschaftliche Unterscheidung der Geister beginnt mit der Frage, ob alle Beteiligten bereit sind, ihre bevorzugte L&ouml;sung auch wieder loszulassen.</p></blockquote></span></p>
<p><span lang="de-DE">Das griechische Wort </span><span lang="de-DE">syn-hodos</span><span lang="de-DE"> bezeichnet einen gemeinsamen Weg. Wege aber entstehen nicht dadurch, dass alle dieselbe Richtung bevorzugen. Sie entstehen dadurch, dass Menschen bereit sind, sich gemeinsam f&uuml;hren zu lassen. Genau darin liegt die Schwierigkeit. Wir neigen dazu, Beratung mit &Uuml;berzeugungsarbeit zu verwechseln. Man h&ouml;rt einander zu, um die besseren Argumente zu finden. Man diskutiert, um Mehrheiten zu gewinnen. Selbst dort, wo man aufrichtig nach Konsens sucht, bleibt oft unausgesprochen, dass das Ergebnis im Grunde schon feststeht. Man m&ouml;chte Zustimmung, keine &Uuml;berraschung.</span></p>
<p><span lang="de-DE">Ignatius denkt anders. Die gemeinschaftliche Unterscheidung der Geister beginnt nicht mit der Frage, welche L&ouml;sung die &uuml;berzeugendste ist. Sie beginnt mit der Frage, ob alle Beteiligten bereit sind, ihre bevorzugte L&ouml;sung auch wieder loszulassen. Das ist ein hoher Anspruch, und doch entscheidet sich genau hier, ob gemeinsames Beraten geistlich wird oder blo&szlig; strategisch bleibt. Denn wer bereits wei&szlig;, was Gott sagen muss, wird kaum noch wahrnehmen k&ouml;nnen, was Gott tats&auml;chlich sagt.</span></p>
<p><span lang="de-DE">Synodalit&auml;t ist deshalb keine Methode, sondern praktizierte Indifferenz; nicht Gleichg&uuml;ltigkeit gegen&uuml;ber der Wahrheit, sondern Freiheit gegen&uuml;ber den eigenen Gewissheiten. Gerade darin unterscheidet sie sich von jeder Form demokratischer Willensbildung. Demokratie lebt davon, dass Interessen ausgehandelt werden. Geistliche Unterscheidung lebt davon, dass Interessen verwandelt werden. Das eine ersetzt das andere nicht. Aber beides darf auch nicht verwechselt werden.</span></p>
<h3><span lang="de-DE">Die Zukunft der Freiheit</span></h3>
<p><span lang="de-DE">Vielleicht liegt hierin der eigentliche Beitrag der ignatianischen Spiritualit&auml;t zu den Dynamiken des Wandels. Unsere Zeit verf&uuml;gt &uuml;ber eine kaum &uuml;berschaubare Zahl von Methoden, Ver&auml;nderung zu organisieren. All diese Ans&auml;tze haben ihren Wert. Sie helfen, komplexe Prozesse besser zu verstehen und zu gestalten. Sie beantworten jedoch nur selten die eigentliche Frage: Zu wem wird der Mensch selbst, der Organisationen ver&auml;ndert? Stattdessen gehen sie von der Frage aus: Wie ver&auml;ndern wir Organisationen?</span></p>
<p><span lang="de-DE">Hier kann Ignatius hilfreich sein. Seine Exerzitien sind keine Anleitung zur Optimierung. Sie wollen auch keine effizienteren Entscheider hervorbringen. Sie m&ouml;chten einen Menschen formen, der frei genug geworden ist, sich von der Wirklichkeit korrigieren zu lassen. Vielleicht ist dies die anspruchsvollste Form von Freiheit &uuml;berhaupt. Denn sie verlangt den Mut, nicht nur die Welt infrage zu stellen, sondern immer wieder auch sich selbst.</span></p>
<p><span lang="de-DE">In diesem Sinn ist die ignatianische Indifferenz weder konservativ noch progressiv. Sie kennt keine Vorliebe f&uuml;r das Alte und keine Faszination f&uuml;r das Neue. Beides kann zum Ort der Wahrheit werden. Beides kann aber auch zur Versuchung werden. Der indifferente Mensch fragt deshalb weder &bdquo;Was haben wir immer schon getan?&ldquo; noch &bdquo;Was verlangt der Zeitgeist?&ldquo; Stattdessen fragt er: &bdquo;Was verlangt die Wirklichkeit, in der Gott uns heute begegnet?&ldquo;</span></p>
<p><span lang="de-DE">Diese Frage sch&uuml;tzt vor zwei Versuchungen, die unsere Zeit gleicherma&szlig;en pr&auml;gen: vor dem Aktivismus, der jede Ver&auml;nderung begr&uuml;&szlig;t, weil sie Ver&auml;nderung ist, und vor jener Angst, die jede Ver&auml;nderung als Verlust erlebt. Beide Haltungen kreisen um dasselbe Zentrum. Um das eigene Bed&uuml;rfnis nach Sicherheit. Indifferenz dagegen er&ouml;ffnet einen anderen Horizont.</span></p>
<p><span lang="de-DE">Sie lebt nicht aus Sicherheit, sondern aus Vertrauen.</span></p>
<h3><span lang="de-DE">Am Ende: Die Waage</span></h3>
<p><span lang="de-DE">Als Montaigne die Waage als sein Symbol w&auml;hlte, wusste er nicht, dass sie einmal zum Sinnbild einer Epoche werden k&ouml;nnte. Ihre beiden Schalen befinden sich im Gleichgewicht. Sie schlagen nicht aus. Nicht weil nichts auf ihnen l&auml;ge. Sondern weil das W&auml;gen noch nicht beendet ist.<blockquote class="f2-sidequote"><p>Die ignatianische Indifferenz ist nicht blo&szlig; eine Methode der Entscheidungsfindung und kein Instrument des Ver&auml;nderungsmanagements. Sie ist eine Lebensform.</p></blockquote></span></p>
<p><span lang="de-DE">Vielleicht ist dieses Bild heute aktueller denn je. Wir leben in einer Zeit, die schnelle Urteile belohnt und langes Nachdenken misstrauisch betrachtet. Fast alles fordert eine sofortige Reaktion. Der Zwischenraum zwischen Wahrnehmung und Entscheidung wird immer kleiner.</span></p>
<p><span lang="de-DE">Ignatius erinnert an diesen Zwischenraum. Er nennt ihn nicht Skepsis, Unentschlossenheit oder Relativismus, sondern Freiheit. Es ist die Freiheit, die eigene Geschichte, die eigenen W&uuml;nsche und &Uuml;berzeugungen f&uuml;r einen Augenblick nicht zum Ma&szlig; aller Dinge zu machen. Die Freiheit, sich der Wirklichkeit auszusetzen, bevor man &uuml;ber sie verf&uuml;gt. Die Freiheit, sich &uuml;berraschen zu lassen.</span></p>
<p><span lang="de-DE">Vielleicht besteht darin die eigentliche Dynamik des Wandels. Nicht dass wir immer neue Antworten finden, sondern dass wir Menschen werden, die f&auml;hig sind, die richtigen Fragen zu stellen. Denn Wandel beginnt nicht dort, wo sich Strukturen ver&auml;ndern. Er beginnt dort, wo der Mensch aufh&ouml;rt, sich selbst zum Mittelpunkt seiner Wahrnehmung zu machen.</span></p>
<p><span lang="de-DE">Die ignatianische Indifferenz ist nicht blo&szlig; eine Methode der Entscheidungsfindung und kein Instrument des Ver&auml;nderungsmanagements. Sie ist eine Lebensform. Eine Schule der Freiheit</span><span lang="de-DE">. Und vielleicht braucht eine Zeit permanenter Transformation nichts dringender als genau diese innere Freiheit.</span></p>
</body></html>
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		<title>Ärger und Aggression in der Kirche – revisited nach 35 Jahren</title>
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		<pubDate>Mon, 24 Aug 2026 15:42:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Klessmann</dc:creator>
		
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				<description><![CDATA[Zur Ambivalenz von Ärger und Aggression Ärger, Wut oder Zorn als emotionale Reaktionen auf das Erleben von Frustration, Kränkung oder Übersehen-Werden und Aggression als verbale oder physische Auseinandersetzung mit einer oder mehreren Personen stellen ausgesprochen ambivalente Verhaltensmuster dar: Auf der einen Seite dienen sie dazu, die eigene Person, ihre Identität, Ansprüche und Rechte zu schützen ...]]></description>
					<content:encoded><![CDATA[<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.0 Transitional//EN" "http://www.w3.org/TR/REC-html40/loose.dtd">
<html><body><p class="teaser">Michael Klessmann hat 1992 ein Buch mit dem Titel &bdquo;&Auml;rger und Aggression in der Kirche&ldquo; ver&ouml;ffentlicht (Vandenhoeck &amp; Ruprecht), lange, bevor Themen wie Tabuisierungen, Narzissmus und Machtmissbrauch offen(er) besprechbar wurden. In diesem Beitrag stellt er die weiterhin aufschlussreiche pastoralpsychologische Essenz des Buches vor und aktualisiert seine Reflexion aus heutiger Sicht.</p>
<h2>Zur Ambivalenz von &Auml;rger und Aggression</h2>
<p>&Auml;rger, Wut oder Zorn als emotionale Reaktionen auf das Erleben von Frustration, Kr&auml;nkung oder &Uuml;bersehen-Werden und Aggression als verbale oder physische Auseinandersetzung mit einer oder mehreren Personen stellen ausgesprochen ambivalente Verhaltensmuster dar: Auf der einen Seite dienen sie dazu, die eigene Person, ihre Identit&auml;t, Anspr&uuml;che und Rechte zu sch&uuml;tzen und zu st&auml;rken, abgebrochenen Kontakt wiederherzustellen, Hindernisse, die sich in einen bestimmten Kommunikationszusammenhang eingeschlichen haben, zu kl&auml;ren und zu beseitigen. In diesem Sinn k&ouml;nnen &Auml;rger und Aggression konstruktive und kreative Funktionen haben, wobei man allerdings auch nicht &uuml;bersehen sollte, dass &Auml;rger und Wut dazu benutzt werden k&ouml;nnen, um die &bdquo;leisen&ldquo; Gef&uuml;hle wie Trauer oder Angst zu &uuml;berlagern und zu verdr&auml;ngen. Andererseits werden sie nat&uuml;rlich dazu verwendet, um anderen Menschen Schaden oder Verletzungen zuzuf&uuml;gen oder sie sogar zu zerst&ouml;ren. Die feindselige, destruktive Dimension von &Auml;rger und Aggression steht im Allgemeinen, auch im wissenschaftlich-psychologischen Verst&auml;ndnis, fast immer im Vordergrund; ein Blick in die Geschichtsb&uuml;cher, auf die zahllosen Kriege und Gewalttaten, scheint diesem einseitigen Verst&auml;ndnis Recht zu geben.</p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Im Bereich vieler christlicher Kirchen haben sich ausgepr&auml;gte Familiarit&auml;ts- und Harmoniemilieus herausgebildet, in denen man m&ouml;glichst immer freundlich, geduldig und dankbar miteinander umgeht.</p></blockquote>
<p>Besonders ausgepr&auml;gt ist die negative Bedeutung im Bereich der christlichen Tradition: Hier ist das zentrale Narrativ das der Liebe: der Liebe und Barmherzigkeit Gottes gegen&uuml;ber den Menschen, der Liebe der Menschen zu Gott und der Menschen untereinander als N&auml;chsten- und sogar Feindesliebe. &Auml;rger, Wut, Zorn z&auml;hlen zu den Werken des Fleisches (Gal 5, 16-29 u.&ouml;.), die als s&uuml;ndiges Verhalten scharf verurteilt werden. So haben sich im Bereich vieler christlicher Kirchen ausgepr&auml;gte Familiarit&auml;ts- und Harmoniemilieus herausgebildet, in denen man m&ouml;glichst immer freundlich, geduldig und dankbar miteinander umgeht, Differenzen herunterspielt, Leitungsstrukturen, die in der Regel mit hierarchischen Ordnungen verkn&uuml;pft sind, verwischt, weil wir ja vor Gott alle gleich sind &ndash; gleichzeitig aber auch viel Klatsch und Tratsch bl&uuml;ht und sich verborgen und unterschwellig &Auml;rger und Unzufriedenheit verbreiten. Auch hier kann man wieder deutliche Ambivalenzen ausmachen: Einerseits repr&auml;sentiert die Betonung der Liebe eine unbedingt wichtiges Ingredienz aller menschlichen Beziehungen, jeder Mensch braucht Liebe und Zuwendung; &Auml;rger und Aggression entstehen manchmal genau daraus, dass solche W&uuml;nsche und Sehns&uuml;chte nicht in Erf&uuml;llung gehen bzw. verweigert werden. Auf der anderen Seite brauchen wir alle aber auch ein gewisses Quantum an &Auml;rger und Aggression, an Durchsetzungskraft und Machtaus&uuml;bung, um verworrene Kommunikationsverh&auml;ltnisse zu kl&auml;ren, Missverst&auml;ndnisse aufzudecken, Benachteiligung nicht einfach hinzunehmen, Zust&auml;ndigkeiten und Unterschiede klarzumachen und Selbstwirksamkeit zu erleben. Diese konstruktive Seite von &Auml;rger und Aggression wird jedoch in christlichen Kontexten meistens &uuml;bersehen; bereits bei der Berufswahl spielt es eine Rolle, dass sich manche Personen von einer T&auml;tigkeit in solchen Harmoniemilieus angezogen f&uuml;hlen.</p>
<h2>Ausgangspunkt</h2>
<p>W&auml;hrend eines 6-monatigen Forschungsaufenthalts an der Claremont School of Theology in Kalifornien im Jahr 1991 hatte ich mich entschieden, dem Thema &bdquo;&Auml;rger und Aggression in der Kirche&ldquo; genauer nachzugehen, weil es im englischsprachigen Raum deutlich mehr Literatur zu diesem Thema gab als in Deutschland zu jener Zeit. Schon lange hatten mich die oben angedeuteten Ambivalenzen besch&auml;ftigt. Als Pfarrerskind waren mir die neutestamentlichen Mahnungen vertraut, in unserer gro&szlig;en Familie gab es nat&uuml;rlich unter den Geschwistern viel Streit, der durfte aber aus Sicht der Eltern eigentlich nicht sein, er galt als unchristlicher Makel.</p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Die konstruktive Seite von &Auml;rger und Aggression wird in christlichen Kontexten meistens &uuml;bersehen.</p></blockquote>
<p>In meinen pastoralpsychologischen Weiterbildungen in den USA und Deutschland (Selbsterfahrungsgruppen im Rahmen der Seelsorgeausbildung, Ausbildung in Gestalttherapie einschlie&szlig;lich einer pers&ouml;nlichen Psychotherapie) machte ich dann jedoch &uuml;berraschend gegenteilige Erfahrungen: &Auml;rger, Konflikte oder Konkurrenz untereinander wahrzunehmen und anzusprechen, sie nicht zu unterdr&uuml;cken oder zu vermeiden, befreite und entlastete die Kommunikation, f&uuml;hrte dazu, dass Konflikte offen benannt und meistens auch produktiv gekl&auml;rt werden konnten. Ein direkter und unverstellter Umgang mit diesen sog. negativen Gef&uuml;hlen erwies sich in vielen F&auml;llen (nat&uuml;rlich nicht in allen) als positiv, als hilfreich f&uuml;r die Erneuerung einer (Arbeits-)Beziehung, als Weg zu neuem Kontakt und wechselseitiger Wertsch&auml;tzung. Diese Widerspr&uuml;chlichkeit wollte ich besser verstehen und m&ouml;gliche Auswege beschreiben.</p>
<p>Das Buch erschien 1992 und erfuhr viele positive Resonanzen, mehrfach erz&auml;hlten mir Pfarrpersonen, dass sie durch die Lekt&uuml;re gleichsam eine Erlaubnis bekommen h&auml;tten, &Auml;rger bei sich und anderen wahrzunehmen und Konflikte in ihrem Umfeld aktiv anzugehen und zu kl&auml;ren und dass sie das als pers&ouml;nlichen und beruflichen Gewinn f&uuml;r sich erlebt h&auml;tten. Man kann noch einen Schritt weitergehen: Die Wahrnehmung von &Auml;rger setzt die Offenheit zur Wahrnehmung von Gef&uuml;hlen insgesamt voraus. Was bei der Wahrnehmung eines Gef&uuml;hls abgeschnitten werden muss, reduziert die Lebendigkeit der gesamten Gef&uuml;hlswelt; und wo die &Ouml;ffnung f&uuml;r einen Gef&uuml;hlsbereich m&ouml;glich wird, erweitert sich die Gef&uuml;hlswelt als Ganze.</p>
<h2>Ver&auml;nderte gesellschafts- und kirchenpolitische Lage</h2>
<p>Die negativen Konnotationen, die in der Gesellschaft und in den Kirchen mit den Begriffen &Auml;rger und Aggression verbunden werden, haben nach meinem Eindruck im Lauf der letzten Jahrzehnte deutlich zugenommen und sich versch&auml;rft.</p>
<p>Gesellschaftliche Diskurse insgesamt haben sich durch die gro&szlig;e Verbreitung der sozialen Medien, in denen Hass und Hetze anonym kommuniziert werden k&ouml;nnen, durch die Corona-Pandemie und die in diesem Zusammenhang kursierenden Verschw&ouml;rungstheorien, durch das Erstarken rechter bzw. rechtsextremer Bewegungen und Parteien mit ihren menschenfeindlichen, ausgrenzenden Einstellungen (&bdquo;Wutb&uuml;rger&ldquo;) nicht nur in Deutschland, schlie&szlig;lich durch den Krieg Russlands gegen die Ukraine teilweise extrem polarisiert und radikalisiert; Kommunikation, die auf Verst&auml;ndigung zielt, wird damit generell erschwert. &Auml;rger und Aggression werden h&auml;ufig mit verschiedenen Formen verbaler, psychischer, physischer und struktureller Gewalt in Zusammenhang gebracht oder direkt in eins gesetzt. Damit verfestigt sich das generelle Vorurteil, dass Aggression ausschlie&szlig;lich ein destruktives, sch&auml;digendes, feindseliges Verhalten bezeichnet.</p>
<p>Die Kirchen befinden sich seit Jahren in tiefgreifenden Transformationsprozessen, die bei den Beteiligten viele intensive Emotionen, u.a. Frustrationen, Konflikte, Gef&uuml;hle von &Uuml;berforderung, &Auml;rger, Aggression und Konkurrenzen, aber nat&uuml;rlich gelegentlich auch Freude, Befriedigung und Stolz ausl&ouml;sen. Die Mitgliedszahlen schrumpfen durch Austritte und den demografischen Wandel dramatisch und erzwingen umfassende strukturelle Ver&auml;nderungen: Gemeinden werden zusammengelegt, Pfarrstellen gek&uuml;rzt, weniger Personen m&uuml;ssen mehr Aufgaben &uuml;bernehmen. Der Pfarrberuf scheint unattraktiv geworden zu sein, zumindest deuten die stark eingebrochenen Zahlen derer, die Theologie studieren (in beiden Konfessionen), darauf hin. Seit den 2010er-Jahren gibt es intensive &ouml;ffentlich gef&uuml;hrte Debatten &uuml;ber zahlreiche F&auml;lle von sexualisierter Gewalt &ndash; Vorg&auml;nge, die dem Image beider Kirchen nachhaltig geschadet haben und weiterhin schaden. Die Kirchen stehen nicht mehr als die moralisch unbescholtenen gro&szlig;en gesellschaftlichen Institutionen da, sondern werden mit ihren tiefen Ambivalenzen als menschliche Einrichtungen sichtbar. Pfarrpersonen stehen unter erheblichem Arbeits- und Beziehungsdruck: Sogenannte negative Gef&uuml;hle werden durch die schwierigen strukturellen Bedingungen eher gef&ouml;rdert und hervorgelockt, sollen aber zugleich kontrolliert und zur&uuml;ckgehalten werden; der Wunsch nach Einigkeit und Gemeinschaftlichkeit wird dann umso st&auml;rker beschworen.</p>
<h2>Innerkirchliche Beziehungsdynamiken</h2>
<p>Im Umgang mit &Auml;rger, Wut, Konflikten, Konkurrenz, Aggression im Raum der Kirchen hat sich nach meinem subjektiven Eindruck im Lauf der 35 Jahre nichts Grundlegendes ver&auml;ndert. Zwar ist das Bewusstsein f&uuml;r diese Bereiche des menschlichen F&uuml;hlens und Verhaltens deutlich gewachsen, in Aus- und Weiterbildungen wird die Funktion von &Auml;rger und Aggression h&auml;ufiger thematisiert, es gibt inzwischen viel Literatur zum Thema.<span id="easy-footnote-40-14238" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/aerger-und-aggression-in-der-kirche-revisited-nach-35-jahren/#easy-footnote-bottom-40-14238" title='Eine kleine exemplarische Auswahl: Gina Schibler / Christoph Morgenthaler, Gott und die Wut. WzM 2000, 78 &ndash; 94; Verena Kast, Vom Sinn des &Auml;rgers. Anreiz zur Selbstbehauptung und Selbstentfaltung. Freiburg 2005; Reiner Knieling, Konkurrenz in der Kirche. Praktisch-theologische Untersuchungen zu einem Tabu. Neukirchen 2006; Michael Klessmann, Konfrontieren und Position beziehen in Seelsorge und Beratung. In: Transformationen. Pastoralpsychologische Werkstattberichte Heft 22, Frankfurt a.M. 2015, 3 &ndash; 30; Annette Hau&szlig;mann, Mensch, &auml;rgere dich (nicht)? In: Dies. (Hg.), Die Entdeckung der inneren Welt in theologischer Perspektive. T&uuml;bingen 2021, 323 &ndash; 357; Josef W. Seifert: Moderation und Konfliktkl&auml;rung: Leitfaden zur Konfliktmoderation. Offenbach 2018; Reinhard K. Sprenger, Magie des Konflikts. Warum ich jeder braucht und wie er uns weiterbringt. &lt;span lang="en-US"&gt;M&uuml;nchen 2020.&lt;/span&gt;'><sup>40</sup></a></span> Trotzdem, so scheint mir, haben kirchlich sozialisierte bzw. in der Kirche t&auml;tige Menschen nach wie vor relativ gro&szlig;e Schwierigkeiten, eine produktive Einstellung und einen entsprechenden Umgang mit diesen Gef&uuml;hlen und Einstellungen zu leben. Immer wieder kommt es zu Verwechslungen oder Vermischungen von professionellen und privaten Belangen und Beziehungen, von Leitungsfunktionen und Seelsorge.</p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Kirchlich sozialisierte bzw. in der Kirche t&auml;tige Menschen haben nach wie vor relativ gro&szlig;e Schwierigkeiten, eine produktive Einstellung und einen entsprechenden Umgang mit diesen Gef&uuml;hlen und Einstellungen zu leben.</p></blockquote>
<p>Im Vordergrund stehen h&auml;ufig die schon von Anna Freud beschriebenen Abwehrmechanismen (oder besser: Bew&auml;ltigungsmechanismen): Verkehrung ins Gegenteil (durch dauernde Freundlichkeit nicht nur im geselligen und beruflichen Miteinander, sondern bis in die Theologie hinein, wenn z.B. Gott in Gebeten immer nur als &bdquo;guter Gott&ldquo; apostrophiert und damit der Geheimnischarakter und die Widerspr&uuml;chlichkeit der Gottes- und Lebenserfahrungen verharmlost wird), Wendung gegen das eigene Selbst (Neigung zu Schuldgef&uuml;hlen, &Auml;rger wird in Traurigkeit und depressive Stimmung umgewandelt, sich selbst zur&uuml;cknehmen), Verdr&auml;ngung (eingeschr&auml;nkte Wahrnehmung der eigenen Gef&uuml;hlswelt insgesamt), mangelnde Abgrenzungsf&auml;higkeit (was zu &Uuml;berlastung und Burnout f&uuml;hren kann), fehlende Leitungsklarheit und entsprechende Probleme (die dann an Supervision delegiert werden), passiv-aggressives Verhalten (durch Wegbleiben, Mails nicht beantworten etc.). Immer wieder erlebe ich in Weiterbildungen und Supervisionen, wie schwer sich gerade Pfarrpersonen damit tun, deutliche Ansagen zu machen, ein entsprechendes Verhalten zu zeigen, klare (Leitungs-) Strukturen zu etablieren und danach auch zu handeln.</p>
<p>Zwei kurze Beispiele:</p>
<ul>
<li>Eine junge Gemeindepfarrerin ist zust&auml;ndig f&uuml;r einen Praktikanten in ihrer Gemeinde; als dessen Arbeit in vieler Hinsicht zu w&uuml;nschen &uuml;brigl&auml;sst, bringt sie es nicht &uuml;ber sich, ihn als seine Vorgesetzte mit diesem Sachverhalt zu konfrontieren, ihn an bestimmte Regeln zu erinnern und eine sorgf&auml;ltigere und verl&auml;sslichere Arbeit von ihm einzufordern.</li>
<li>Ein Gemeindepfarrer wird von einer Frau, die er selbst als psychisch belastet bezeichnet, wegen immer neuer Termine f&uuml;r seelsorgliche Gespr&auml;che geradezu bedr&auml;ngt; es f&auml;llt ihm schwer, klare Terminstrukturen zu vereinbaren und ihr Grenzen zu setzen.</li>
</ul>
<p>Aus entwicklungs- und kommunikationspsychologischer Sicht hat Aggression f&uuml;r kleine Kinder (und sp&auml;ter auch f&uuml;r Jugendliche und Erwachsene) die kaum zu &uuml;bersch&auml;tzende positive Funktion, Selbstbehauptung und das Erleben von Selbstwirksamkeit, von Eigenst&auml;ndigkeit, zu entwickeln angesichts allgegenw&auml;rtiger Gef&uuml;hle von Kleinheit und Ohnmacht gegen&uuml;ber den Erwachsenen und den allgemeinen Lebensbedingungen &uuml;berhaupt. Der Wortsinn der lateinischen Wurzel ad-gredi bezeichnet die F&auml;higkeit, auf etwas oder jemanden zuzugehen, eine Sache in Angriff zu nehmen &ndash; wobei allerdings der &Uuml;bergang zu feindseligen, destruktiven Verhaltensweisen zweifellos flie&szlig;end ist. Gleichwohl darf dieser letzte Aspekt nicht dazu f&uuml;hren, die m&ouml;glichen konstruktiven Dimensionen von &Auml;rger und Aggression zu vernachl&auml;ssigen.</p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Aus entwicklungs- und kommunikationspsychologischer Sicht hat Aggression die kaum zu &uuml;bersch&auml;tzende positive Funktion, Selbstbehauptung und das Erleben von Selbstwirksamkeit, von Eigenst&auml;ndigkeit, zu entwickeln.</p></blockquote>
<p>Aus der Emotionsforschung wissen wir, dass Menschen ihre Gef&uuml;hle auf Grund vergangener Erlebnisse und der Pr&auml;gungen des jeweiligen kulturellen Umfelds konstruieren (im Unterschied zu fr&uuml;heren Annahmen, wonach man von irgendwie gegebenen Gef&uuml;hlen gleichsam &uuml;berschwemmt wird).<span id="easy-footnote-41-14238" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/aerger-und-aggression-in-der-kirche-revisited-nach-35-jahren/#easy-footnote-bottom-41-14238" title='&lt;span lang="en-US"&gt;Vgl. Lisa Feldman Barrett, How Emotions are made. The Secret Life of the Brain. New York 2017.&lt;/span&gt;'><sup>41</sup></a></span> Es spielt also eine wichtige Rolle, wie die kulturell-religi&ouml;se Bewertung eines Ph&auml;nomens ausf&auml;llt, ob man die wahrgenommene Regung als &Auml;rger oder Trauer oder Selbstvorwurf interpretiert. Auch hier sind die Folgen wiederum bis in die Theologie und liturgisch-homiletische Gestaltung hinein zu beobachten, beispielsweise dass Zorn oder Wut auf Gott angesichts der Theodizeethematik oft nur in Form einer Klage, selten aber als Wut Ausdruck finden darf oder dass Predigten meistens vers&ouml;hnlich enden und es den Predigenden schwerf&auml;llt, Ambivalenzen am Schluss stehen zu lassen.</p>
<p>Einen direkten Zusammenhang zwischen der Wahrnehmung von &Auml;rger und Aggression und dem Thema der sexualisierten Gewalt sehe ich nicht. Man k&ouml;nnte im Gegenteil sogar sagen, dass ein wacher Umgang mit &Auml;rger eher davor sch&uuml;tzt, ihn als spirituelle oder sexualisierte Gewalt auszuagieren, w&auml;hrend eine unbedarfte Nichtwahrnehmung Menschen eher anf&auml;llig f&uuml;r die Aus&uuml;bung dieser Formen von Gewalt macht.</p>
<h2>Einige Merkposten</h2>
<ul>
<li>&Auml;rger und Aggression haben konstruktive und destruktive Seiten. Im christlichen Kontext wird fast nur die destruktive Seite gesehen. Das ist einseitig und tr&auml;gt h&auml;ufig dazu bei, dass Kommunikation verunklart wird.</li>
<li>Die biblische Aufforderung, einander zu lieben, sollte man nicht mit Liebsein bzw. dem romantischen Gef&uuml;hl der Liebe verwechseln, sondern als Interesse an und Respekt vor der Andersartigkeit der anderen Person ernst nehmen.</li>
<li>Kirchliche Berufe sind Kommunikations- und Beziehungsberufe; deshalb ist es besonders wichtig, die in jeder Kommunikation auftretenden verschiedenen emotionalen Dimensionen wahrzunehmen und differenziert mit ihnen umgehen zu k&ouml;nnen.</li>
<li>In Leitungspositionen sind Klarheit und die Ber&uuml;cksichtigung struktureller Unterschiede besonders wichtig. Wir sind zwar alle gleicherma&szlig;en Gesch&ouml;pfe Gottes, aber empirisch gibt es in der Institution Kirche wichtige hierarchische Unterschiede, die bei der Entstehung von Konflikten eine Rolle spielen und bei Konfliktkl&auml;rungen zu ber&uuml;cksichtigen sind.</li>
<li>Klarheit und Deutlichkeit in der Kommunikation kann man in verschiedenen Weiterbildungsformaten lernen.</li>
</ul>
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		<title>In Between – Ein Plädoyer für die Beziehungsfähigkeit der Kirchen</title>
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		<pubDate>Sat, 22 Aug 2026 16:01:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Claudia Enders</dc:creator>
		
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				<description><![CDATA[Krisenreaktionsmuster als Beziehungsdiagnose Beziehungen sind das Dazwischen. Eine Beziehung zu haben bedeutet, sich aufeinander zu beziehen und sich selbst als relational zu verstehen. Es geht um ein Wechselspiel von Individuen und Interaktion. Meistens betrachten wir Organisationen zunächst vordergründig prozessual – erst mit einem tieferen relationalen Organisationsverständnis begreifen wir sie zusätzlich als ein Geflecht von Beziehungen. ...]]></description>
					<content:encoded><![CDATA[<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.0 Transitional//EN" "http://www.w3.org/TR/REC-html40/loose.dtd">
<html><body><p align="justify"></p><p class="teaser">&bdquo;Aber irgendwann begann ich zu begreifen, dass das System nicht in Gesetzen, Institutionen und Diskursen wohnt &ndash; sondern in K&ouml;rpern, Beziehungen, Erinnerungen. In &Auml;ngsten und Sehns&uuml;chten. Ich merkte, dass Wandel nicht nur im Au&szlig;en geschieht, sondern auch im Inneren.&ldquo; (Emilie Roig: Lieber Sohn oder So rettest du die Welt)</p>
<h2>Krisenreaktionsmuster als Beziehungsdiagnose</h2>
<p>Beziehungen sind das Dazwischen. Eine Beziehung zu haben bedeutet, sich aufeinander zu beziehen und sich selbst als relational zu verstehen. Es geht um ein Wechselspiel von Individuen und Interaktion. Meistens betrachten wir Organisationen zun&auml;chst vordergr&uuml;ndig prozessual &ndash; erst mit einem tieferen relationalen Organisationsverst&auml;ndnis begreifen wir sie zus&auml;tzlich als ein Geflecht von Beziehungen.</p>
<p align="justify">Gemeinhin offenbaren Krisen, was im Alltag bisher verborgen geblieben ist. Das ist in Organisationen in gewisser Weise &auml;hnlich wie in Familien oder anderen Gruppen. Krisen legen frei wie in einer Organisation, mit Menschen umgegangen wird &ndash; nicht wie sie es beabsichtigt oder beansprucht, sondern wie sich ihr Verhalten zeigt, wenn es schwierig wird. In diesem Sinne sind die Krisen der Kirche der letzten Jahrzehnte nicht nur ein moralisches, rechtliches, strukturelles oder institutionelles Problem. Sie sind, in einem sehr konkreten Sinne, eine Beziehungsdiagnose.</p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Mit einem relationalen Organisationsverst&auml;ndnis begreifen wir Organisationen als ein Geflecht von Beziehungen.</p></blockquote>
<h3 align="justify">Was l&auml;sst sich beobachten?</h3>
<p align="justify">Kirchliche Institutionen kommunizieren in Krisen prim&auml;r mit sich selbst. Deutlich wird das in den in synodalen Prozessen erzeugten Texten, die vor allem die Sprache derer reproduzieren, die sie verfasst haben. Es gibt Texte wie Hirtenbriefe, die &uuml;ber Betroffene sprechen, ohne mit ihnen zu sprechen. Die Institution tritt, bildlich gesprochen, in Dialog mit ihrem eigenen Spiegelbild &ndash; und ist verwundert dar&uuml;ber, dass die Resonanz ausbleibt.</p>
<p align="justify">Eng damit verkn&uuml;pft ist ein zweites Muster, das man als strukturelle Asymmetrie der Verletzlichkeit beschreiben kann. Beziehung setzt voraus, dass beide Seiten etwas riskieren und dass N&auml;he m&ouml;glich ist, weil sie nicht vollst&auml;ndig kontrolliert wird. In kirchlichen Krisendynamiken aber zeigt sich regelm&auml;&szlig;ig das Gegenteil: Diejenigen, die kritische Fragen stellen oder begr&uuml;ndet ausgetreten sind, werden als Problem wahrgenommen, dem man begegnen muss, eben nicht als Gegen&uuml;ber, auf das man sich einlassen k&ouml;nnte. Die Institution ist verletzlich, aber sie zeigt es nicht. Und wo keine Verletzlichkeit gezeigt wird, entsteht kein echter Kontakt.</p>
<p align="justify">Damit verbunden und besonders folgenreich ist das Muster des institutionellen Selbstschutzes. Es &auml;u&szlig;ert sich nicht immer in offener Abwehr, sondern h&auml;ufiger in subtileren Formen: in der Verschiebung von Verantwortung, in der Verlagerung von Entscheidungen auf Gremien oder Gutachten oder in der Bevorzugung von Verfahren gegen&uuml;ber Begegnungen. Es erscheint so, dass sich die Institution nicht darauf einl&auml;sst, Fehler wirklich anzuerkennen und damit einen Kontrollverlust zu riskieren. Dieser Verlust wird offenbar als bedrohlicher empfunden als der Verlust von Glaubw&uuml;rdigkeit. Dass beides zusammenh&auml;ngt, dass Glaubw&uuml;rdigkeit gerade durch die Bereitschaft zum Kontrollverlust entsteht, bleibt dabei grunds&auml;tzlich ausgeblendet.</p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Die Institution ist verletzlich, aber sie zeigt es nicht.</p></blockquote>
<p align="justify">Ein viertes, in seiner Wirkung vielleicht untersch&auml;tztes Muster ist gerade in Kirchen die Spiritualisierung von Konflikten. Wenn strukturelle Probleme in den Bereich des Glaubens verschoben werden, dann wird die Aushandlung unterbunden, bevor sie beginnt. Und das erzeugt Misstrauen. Auf der anderen Seite sind reine Organisationsentwicklungsprozesse ohne spirituelle und theologische Dimension f&uuml;r Kirchen zu eindimensional, ebenso nicht relational und verhindern ebenso die Suche nach dem Eigentlichen.</p>
<p align="justify">Zudem gibt es das, was man als Reformrhetorik ohne Kontakt beschreiben k&ouml;nnte. &Uuml;ber Wandel und Transformation wird viel gesprochen, sei es in Dokumenten, auf Podien oder oft in pastoralen Konzepten. Doch ein Wandel als Selbstgespr&auml;ch der Institution ist kein Wandel in Beziehung. Er ver&auml;ndert die Form, aber nicht das Verh&auml;ltnis. Meist wird in den kirchlichen Ver&auml;nderungsprozessen eine normative Vorstellung von der kirchlichen Organisation im kirchlichen Raum zugrunde gelegt und das Gespr&auml;ch dar&uuml;ber wird als Beziehungsgeschehen missverstanden.</p>
<p align="justify">In dieser normativen Vorstellung geht es fast ausschlie&szlig;lich um den Erhalt einer fl&auml;chendeckenden Pr&auml;senz der Kirche. Dazu geh&ouml;ren die zumeist verordnete Zusammenarbeit zwischen Kirchengemeinden, Vereinigungen, die &sbquo;Region&rsquo; oder die &sbquo;Nachbarschaft&rsquo;. Diese pastoralen R&auml;ume werden als strukturelles Moment betrachtet und sind sogenannte Kooperationsmodelle. Dahinter steht der Gedanke, dass mit einer normativen Vorstellung einer Fl&auml;chenkirche Beziehungen geschaffen werden, mit denen alle Aufgaben erledigt werden k&ouml;nnen. Zugleich aber nimmt diese Vorstellung &ndash; und die damit verbundene Kontrolle &ndash; der Transformation alle Kraft und Beziehungsf&auml;higkeit, die mit ihr verbunden werden.</p>
<p style="padding-left: 40px;" align="justify">Organisationale und gesellschaftliche Transformationen sind von ihren Bedingungen grunds&auml;tzlich auf Beziehungen angelegt. Dabei ist das Konzept der Transformation ein Schl&uuml;ssel &ndash; zum einen zum Verst&auml;ndnis des Wandels von Gesellschaft und Kirche und zum anderen zur aktiven Mitgestaltung von Transformationen. Transformationen sind dabei mehr als eine normative Ver&auml;nderung &ndash; sie sind immer tiefgreifend, paradigmatisch, umfassend, nachhaltig und systemver&auml;ndernd. Sie sind ein Mittel, um eine soziale Innovation hervorzubringen und eine Antwort auf den gegenw&auml;rtigen Ver&auml;nderungsdruck der Kirchen (und anderer mitgliedsorientierter Organisationen). Sie f&uuml;hren zu neuen und verbesserten F&auml;higkeiten und Beziehungen sowie einer besseren Nutzung von Ressourcen. Die Elemente der Innovation decken sich mit den Dimensionen von kirchlichen Kooperationen hinsichtlich der kirchlichen Handlungsfelder, der Partizipation und der Intentionalit&auml;t. Die Sicht der sozialen Innovation als wesentlicher Teil kirchlicher Transformationsprozesse nimmt die grunds&auml;tzliche Beziehungsfrage auf, in welcher Welt Kirche Kirche sein will und kann.</p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Meist wird in den kirchlichen Ver&auml;nderungsprozessen eine normative Vorstellung von der kirchlichen Organisation im kirchlichen Raum zugrunde gelegt und das Gespr&auml;ch dar&uuml;ber wird als Beziehungsgeschehen missverstanden.</p></blockquote>
<p align="justify">In der Gestaltung der innerkirchlichen Kommunikation f&auml;llt ein weiteres Muster auf, das von einem kirchlichen Beziehungsgeschehen gepr&auml;gt ist, das sich mit famili&auml;ren Kirchenbildern und Erfahrungen sowie einer r&uuml;ckw&auml;rtsgewandten Erinnerungskultur verbindet. Zu diesen Bildern gesellt sich eine alte Konkurrenz, die das Innenleben kirchlicher Organisationen bestimmt und die eine eigene organisationale Dynamik entwickelt. Beispiele daf&uuml;r sind: Profildiskussionen &uuml;ber Berufsbilder ordinierter sowie nicht ordinierter Menschen und die Frage, wer was tun darf, bei grunds&auml;tzlich &auml;hnlicher Qualifikation; die Frage, ob das Gemeindepfarramt nicht wichtiger als die Krankenhausseelsorge etc.? Diese Konkurrenz bewirkt einen Abbruch von Beziehungszusammenh&auml;ngen und verdr&auml;ngt den kooperativen Gedanken und eine damit verbundene kooperative Auffassung der kirchlichen Aufgaben. Es bedeutet auch, dass Macht fast immer gem&auml;&szlig; diesen Unterschieden verteilt wird und an die Berufszugeh&ouml;rigkeit gekoppelt ist. Es gibt ein permanentes Ringen darum, das einen hohen kirchenspezifischen Reibungsverlust innerhalb von Teams und Arbeitsgruppen mit sich bringt. Die Folge ist, dass es zu wenig kooperativen Beziehungen gibt.</p>
<h2 align="justify">Strukturelle Schwierigkeiten: Macht, Wandel und innere Kultur</h2>
<p align="justify">Die Besch&auml;ftigung mit den oben genannten Mustern zeigt deutlich, dass sie strukturelle Ursachen haben.</p>
<p align="justify">Die erste strukturelle Schwierigkeit liegt im Verh&auml;ltnis von Macht und N&auml;he. Beziehungsf&auml;higkeit setzt Gegenseitigkeit voraus: Die M&ouml;glichkeit, geh&ouml;rt zu werden und zu h&ouml;ren, zu ber&uuml;hren und ber&uuml;hrt zu werden. Hierarchisch verfasste Organisationen erschweren diese Gegenseitigkeit nicht zwingend, aber sie m&uuml;ssen aktiv gegensteuern, wenn sie sie erm&ouml;glichen wollen. Die Macht, die &uuml;ber Deutung, Zugeh&ouml;rigkeit und sakramentalen Zugang entscheidet, ist nicht neutral. Und wo Macht in dieser Weise konzentriert ist, fehlt der sichere Raum, in dem &sbquo;echte&lsquo; Begegnung entstehen k&ouml;nnte.</p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Die Sicht der sozialen Innovation als wesentlicher Teil kirchlicher Transformationsprozesse nimmt die grunds&auml;tzliche Beziehungsfrage auf.</p></blockquote>
<p align="justify">Organisationen, deren prim&auml;re Aufgabe die Bew&auml;ltigung bestimmter Krisen ist, sind h&auml;ufig streng hierarchisch organisiert. Dazu geh&ouml;ren u.a. Feuerwehr, Rettungsdienste oder die Akutmedizin. Hier zeigt sich die sogenannte &bdquo;helle Seite der Macht&ldquo;, der Sinn von Macht, die es erm&ouml;glicht, dass im Krisenfall alles z&uuml;gig und reibungslos abl&auml;uft. Die Legitimit&auml;t der Macht ergibt sich jedoch nicht aus der Aufgabe &bdquo;Krise&ldquo;, sondern aus der zeitlichen Verdichtung der Aufgabe. Krisen haben nicht immer diese zeitliche Verdichtung. Wie sich Macht und Hierarchie in Kirche legitimieren, ob mit der hellen oder der dunklen Seite der Macht, muss also intensiv reflektiert und kontextualisiert werden.</p>
<p align="justify">Ein besonders wirksames Deutungsmuster kirchlicher Machtlegitimation besteht in der Spiritualisierung von Macht: die sprachliche und theologische Verschiebung struktureller Autorit&auml;t in die Kategorie des Geistlichen. Wo Macht als Vollmacht, Berufung oder Charisma gefasst wird, entzieht sie sich der kritischen Aushandlung &ndash; Kritik an ihr erscheint dann nicht als legitimer struktureller Einspruch, sondern als Angriff auf das Geistliche selbst. Der Pastoraltheologe Christian Bauer hat diesen Mechanismus pointiert benannt und pl&auml;diert f&uuml;r eine Beendigung dieser Spiritualisierung von Macht. Sakramententheologisch wird dieser Befund radikalisiert, indem die katholische Kirche priesterliche Amtsmacht &uuml;ber die Ontologie des sakramentalen Amtes absichert. Diese doppelte Bewegung &ndash; die diskursive Verschiebung von Macht in Vollmacht einerseits, ihre sakramententheologische Fundierung andererseits &ndash; erkl&auml;rt, warum kirchliche Machtkritik strukturell so schwerf&auml;llt: Sie trifft nicht auf ein neutrales Organisationsproblem, sondern auf eine theologisch gesch&uuml;tzte Selbstverst&auml;ndlichkeit, die sich der Beobachtung von au&szlig;en wie von innen gleicherma&szlig;en entzieht.</p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Kirchliche Machtkritik trifft nicht auf ein neutrales Organisationsproblem, sondern auf eine theologisch gesch&uuml;tzte Selbstverst&auml;ndlichkeit, die sich der Beobachtung von au&szlig;en wie von innen gleicherma&szlig;en entzieht.</p></blockquote>
<p align="justify">Im evangelischen Bereich zeigt sich strukturell derselbe Effekt, jedoch in einer inversen Bewegung. Weil das reformatorische Kirchenverst&auml;ndnis &ndash; Priestertum aller Gl&auml;ubigen, die Absage an hierarchische Herrschaft nach Mk 10,42f &ndash; Macht theologisch gar nicht erst positiv besetzen kann, wird sie nicht erh&ouml;ht, sondern verleugnet. Michael Klessmann beschreibt diese Paradoxie so: Die jesuanische Aufforderung zum Machtverzicht f&uuml;hrt in der kirchlichen Praxis zu einer &bdquo;Verschleierung der Macht&ldquo;, die ja dennoch ausge&uuml;bt wird. Empirisch best&auml;tigt die ForuM-Studie diesen Befund f&uuml;r die evangelische Kirche: Die verbreitete Selbstbeschreibung als partizipativ, hierarchiearm und progressiv verhindert gerade die notwendige Reflexion bestehender Machtverh&auml;ltnisse. Ob Macht also geheiligt oder geleugnet wird &ndash; beide Bewegungen entziehen sie derselben Aushandlung, die Beziehungsf&auml;higkeit voraussetzt.</p>
<p align="justify">Die zweite Schwierigkeit betrifft das Verh&auml;ltnis von institutioneller Kontinuit&auml;t und Wandlungsbereitschaft. Jede Organisation tendiert zur Selbsterhaltung, weil sie dazu da ist, ihre Aufgabe zu erledigen. Bei den Kirchen verkn&uuml;pft sich mit dieser organisationalen Bedingung die Identit&auml;tsfrage: Wandel wird oft nicht als Anpassung an eine ver&auml;nderte Wirklichkeit erlebt, sondern als Bedrohung des eigentlichen Wesens. Was sich ver&auml;ndert, so die implizite Angst, k&ouml;nnte nicht mehr dasselbe sein. Dieser Identit&auml;tsschutz verwandelt Wandel/Transformation in eine Gefahr und verwandelt zugleich die Beziehung zu denen, die Wandel einfordern, in eine bedrohliche Zumutung.</p>
<p align="justify">Dabei w&auml;re gerade die F&auml;higkeit, sich ver&auml;ndern zu lassen, ein Zeichen von Beziehungsst&auml;rke und nicht von Schw&auml;che. In jedweder Beziehung, die wir Menschen eingehen, ist die F&auml;higkeit zu lernen, sich zu wandeln zentral. In jeder Freundschaft oder Ehe ist selbstverst&auml;ndlich, dass ich nicht so bleiben kann &ndash; Ich werde am Du. Somit ist in einer hierarchischen Organisation, in der Beziehung ein wesentlicher Faktor ist, die Lernbereitschaft besonders von F&uuml;hrungskr&auml;ften zentral.</p>
<p align="justify">Die dritte, vielleicht grundlegendste Schwierigkeit liegt in der inneren kirchlichen Organisationskultur. Institutionen, die intern u.a. keine echten Konflikte austragen, werden extern keine Begegnungen erm&ouml;glichen. Die Beziehungsf&auml;higkeit einer Organisation beginnt in ihrer eigenen Mitte. Organisationen reproduzieren in ihren Au&szlig;enkontakten dieselben Kommunikationsmuster, die sie intern etabliert haben &ndash; eine Organisation, die Differenz nach innen nicht aush&auml;lt, kann sie auch nach au&szlig;en nicht produktiv bearbeiten, sondern wird sie entweder vermeiden oder hierarchisch stillstellen.</p>
<p align="justify">Dabei sind Konflikte unvermeidlich, weil Menschen verschieden sind und die Verschiedenheit nicht immer konstruktiv genutzt werden kann. Wenn Konflikte vermieden oder in erster Linie mit der hierarchischen Seite der Macht gel&ouml;st werden, entstehen demotivierende Dynamiken wie Misstrauen, Kontaktabbr&uuml;che, Widerst&auml;nde und Aggression. Eine weitere Beobachtung ist, dass sich ein Konflikt, der nicht auf der Sachebene bearbeitet wird, sondern durch positionale Macht &bdquo;gel&ouml;st&ldquo; wird, sich verschiebt: Die Auseinandersetzung wird von der Kooperations- auf die Personenebene und weiter auf die Ebene offener Konfrontation verschoben. Der hierarchische Eingriff beendet dann zwar die sichtbare Auseinandersetzung, nicht aber deren Ursache. Die Energie des Konflikts wird lediglich verdeckt, etwa in Form von Misstrauen oder innerem R&uuml;ckzug, und wird in dieser Weise weitergef&uuml;hrt.</p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Institutionen, die intern keine echten Konflikte austragen, werden extern keine Begegnungen erm&ouml;glichen.</p></blockquote>
<p align="justify">Macht wird in kirchlichen Organisationen oft ausschlie&szlig;lich als positionale bzw. legitimierte Macht verstanden. Die Unterscheidung verschiedener Machtebenen (neben der legitimierten Macht auch Experten-, Beziehungs-, Belohnungs- und Bestrafungsmacht) macht jedoch sichtbar, dass gerade in Organisationen mit flachen fachlichen Hierarchien, wie sie f&uuml;r kirchliche Handlungsfelder charakteristisch sind, informelle Machtformen oft wirksamer, aber auch schwerer zu regulieren sind, als die formale Weisungsbefugnis.</p>
<p align="justify">So scheint es notwendig zu sein, dass viele kirchliche Mitarbeiter:innen die F&auml;higkeit zur Triangulierung entwickeln, also die F&auml;higkeit, sich zu verb&uuml;nden und gemeinschaftlich den demotivierenden (Macht-)Dynamiken entgegenzutreten und konstruktive Konfliktl&ouml;sungen ohne Beziehungsabbruch nach innen oder au&szlig;en zu finden. Das betrifft besonders die mittlere F&uuml;hrungsebene.</p>
<p style="padding-left: 40px;" align="justify">Der Begriff der Triangulierung bezeichnet die F&auml;higkeit, eine Zweierbeziehung unter Spannung durch Einbeziehung einer dritten Position zu stabilisieren, ohne dass diese dritte Position instrumentalisiert oder die urspr&uuml;ngliche Beziehung abgebrochen wird. &Uuml;bertragen auf organisationale Kontexte bedeutet dies: Statt Konflikte entweder zu vermeiden (Fusion) oder sie durch R&uuml;ckzug bzw. hierarchischen Eingriff zu beenden (Kontaktabbruch), erm&ouml;glicht Triangulierungsf&auml;higkeit, Spannung auszuhalten, Verb&uuml;ndete zu suchen und Differenz produktiv zu bearbeiten, ohne die Beziehung &ndash; sei es zur Kirchenleitung, zu Fachdiensten oder zu externen Kooperationspartnern &ndash; zu besch&auml;digen. Dass diese F&auml;higkeit gerade auf der mittleren F&uuml;hrungsebene entscheidend ist, l&auml;sst sich organisationstheoretisch begr&uuml;nden: Mittlere F&uuml;hrungskr&auml;fte nehmen strukturell eine Scharnierfunktion ein, sie vermitteln zwischen strategischer Leitungsebene und operativer Basis und sind dadurch in besonderer Weise gefordert, konfligierende Erwartungen zu triangulieren, statt sie einseitig aufzul&ouml;sen.</p>
<p align="justify">Gelingt dies nicht, wird genau diese Ebene zum Nadel&ouml;hr, an dem sich die eingangs beschriebenen demotivierenden Dynamiken verdichten.</p>
<h2 align="justify">Theologisch-pastoralpsychologische Grundlegung</h2>
<p align="justify">Das trinitarische Gottesverst&auml;ndnis &ndash; Gott als Beziehungsgeschehen, als perichoretische Gemeinschaft von Vater, Sohn und Geist &ndash; ist eine Aussage &uuml;ber das Wesen des Wirklichen: Wenn Gott selbst relational ist, wenn Sein Sein-in-Beziehung bedeutet, dann ist Beziehungsf&auml;higkeit kein optionales Merkmal von Kirche, sondern ihr theologischer Kern. Eine Kirche, die Beziehungsf&auml;higkeit verliert, verliert nicht nur Mitglieder und gesellschaftliche Relevanz, sondern auch ihre eigene Mitte.</p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Triangulierungsf&auml;higkeit erm&ouml;glicht, Spannung auszuhalten.</p></blockquote>
<p align="justify">Die Inkarnation radikalisiert diesen Gedanken: Gott tritt in Kontakt. Er bleibt nicht distanziert, er kommt nicht als Macht, die von oben reguliert &ndash; er wird verletzlich, angreifbar, konkret. Die Menschwerdung ist das Gegenmodell zum institutionellen Selbstschutz. Sie ist die Bereitschaft, sich wirklich ber&uuml;hren zu lassen, bis zur Passion, bis zum Kreuz. Wenn die Kirche Leib Christi sein will, dann ist die Frage nach ihrer Beziehungsf&auml;higkeit keine organisationstheoretische Fu&szlig;note &ndash; sie ist die Frage, ob sie das verk&ouml;rpert, was sie bekennt und im katholischen Verst&auml;ndnis: ob sie ihre Sakramentalit&auml;t lebt?</p>
<p align="justify">Von der Beschleunigung als auch der Radikalit&auml;t des gesellschaftlichen Wandels lernen wir, dass keine Vorstellung von der Planbarkeit k&uuml;nftiger Entwicklungen mehr m&ouml;glich erscheint. Die zunehmende Volatilit&auml;t der Rahmenbedingungen hat f&uuml;r das Agieren von Organisationen ein hohes Ma&szlig; an Unsicherheit zur Folge; sie wird deshalb als Bedrohung angesehen und nicht als Ressource wahrgenommen. Karl Rahner benennt diese Situation, in der sich die Organisation und Institution Kirche befindet, die &bdquo;prognostische Unsch&auml;rfebedingung&ldquo; und meint damit, dass keine Verf&uuml;gbarkeit in der Planbarkeit einer innerweltlichen Zukunft gibt. Es geht darum, diese Offenheit der Zukunft stark zu machen, &bdquo;sich mit ganzer Entschlossenheit auf das Ungeplante einzulassen&ldquo; oder anders formuliert: sich mit ihr in Beziehung zu setzen. Die damit verbundene Haltung, es als Wagnis anzusehen, nicht zu wissen, wie es weitergeht, ist eine hilfreiche Grundlage f&uuml;r die Arbeit in der Kirche. Damit verbunden ist der Gedanke, dass Ver&auml;nderungsprozesse eine besondere Form der Experimente sind, die gelingen k&ouml;nnen, die aber auch das Potenzial haben, schiefzugehen. Der damit verbundene Beziehungsgedanke, dass dieses Experiment gemeinsam unternommen wird, betont, dass damit Ver&auml;nderungsprozesse zu &Uuml;bungsfeldern werden, in denen man aus Erfahrungen gemeinsam lernt und gemeinsam den Mut entwickelt, &uuml;ber das Fehlermachen und das Misslingen zu lernen und von neuem zu beginnen. Diese Haltung ist eine Musterunterbrechung, denn ihr liegt ein ver&auml;ndertes Kirchenverst&auml;ndnis zugrunde. Es ist nicht mehr von Kontinuit&auml;t und Dauer gepr&auml;gt, sondern unterstreicht, dass Kirche mehr ist als das Vorfindliche, sie bezeugt eine Hoffnung auf eine innerweltliche Zukunft, egal, wie diese aussehen mag. Sie bezeugt, dass Kirche mehr ist als Strukturen, Hierarchie, Konkurrenz, Macht, Widerstand oder Angst.</p>
<h2 align="justify">Beziehungsf&auml;higkeit als Schl&uuml;ssel</h2>
<p align="justify">Um uns selbst wahrzunehmen, brauchen wir die anderen, denn erst in der Begegnung mit anderen, &bdquo;erf&auml;hrt sich der Mensch selbst auf dem Umweg &uuml;ber den Mitmenschen&ldquo; (Thomas Luckmann). Eine komplette Eigenst&auml;ndigkeit ist eine Illusion. Der Mensch ist von Grund auf ein soziales Wesen.</p>
<p align="justify">Beziehungsf&auml;higkeit beginnt mit Kontaktf&auml;higkeit &ndash; der schlichten, aber anspruchsvollen Bereitschaft, sich ber&uuml;hren zu lassen auf allen Ebenen des Menschseins. Nicht von Meinungsumfragen oder Marketingdaten, sondern von konkreten Menschen, ihren Geschichten, ihrem Schmerz, ihrer Angst, ihrer Freude. Kontakt ist nicht Konsultation. Er setzt keine Tagesordnung voraus und kein vorab formuliertes Ergebnis. Er erfordert, dass die Institution eine Weile nicht wei&szlig;, was dabei herauskommt &ndash; und das aush&auml;lt.</p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Der Beziehungsgedanke betont, dass Ver&auml;nderungsprozesse zu &Uuml;bungsfeldern werden, in denen man aus Erfahrungen gemeinsam lernt.</p></blockquote>
<p align="justify">Daran schlie&szlig;t sich Resonanzf&auml;higkeit an, ein Begriff, den Hartmut Rosa f&uuml;r das Verh&auml;ltnis des Menschen zur Welt gepr&auml;gt hat. Resonanz entsteht nicht durch Kontrolle, sondern durch Antwortbereitschaft &ndash; durch die F&auml;higkeit, auf etwas zu reagieren, das einen wirklich angeht. Eine resonanzf&auml;hige Kirche w&auml;re eine, die auf das, was in der Gesellschaft, in den Menschen, in der eigenen Basis vorgeht, nicht mit vorgefertigten Antworten reagiert, sondern mit echter Aufmerksamkeit. Das klingt selbstverst&auml;ndlich und ist es doch nicht.</p>
<p align="justify">Eine kooperative Kirche, die ihre Machtdimensionen und ihre Konkurrenzen in den Blick nimmt, ist eine Kirche, in der die Beziehungsdimension nicht nur eine sichere Basis, sondern der Ausgangspunkt und das Schmiermittel der Transformationen darstellt.</p>
<p align="justify">Wird der Wandel der Kirchen als Beziehungsgeschehen und Beziehungspraxis verstanden, bedeutet eine entsprechende Fehlerkultur, dass die &Uuml;bernahme von Verantwortung anerkannt werden kann, ohne dass die Institution daran zerbricht. Das setzt innere Stabilit&auml;t oder, anders formuliert, eine sichere Basis voraus. Wer sich nur dann als Kirche erf&auml;hrt, wenn er unfehlbar ist, kann keine Fehler eingestehen. Wer aber wei&szlig;, dass seine Identit&auml;t tiefer liegt als sein Versagen und, theologisch gesprochen, dass Gnade &auml;lter ist als Schuld, der kann Fehler benennen, ohne sich zu verlieren. Das ist keine Schw&auml;che, sondern eine St&auml;rke in einem sehr genauen Sinn.</p>
<p align="justify">Macht l&auml;sst sich nicht einfach abschaffen, und es w&auml;re naiv, das zu fordern. Aber Macht kann transparent gemacht, begrenzt und verantwortlich gestaltet werden. Viktor Frankl hat in anderem Kontext formuliert, dass der Mensch nach Sinn sucht, nicht nach Lust oder Macht. Eine beziehungsf&auml;hige Kirche w&auml;re eine, die ihre Machtstrukturen nicht leugnet, sondern sie so gestaltet, dass Begegnung trotzdem m&ouml;glich bleibt &ndash; oder gerade deshalb, weil die Bedingungen klar sind. Eine beziehungsf&auml;hige Kirche w&auml;re ein Ort, von dem aus Menschen aufbrechen k&ouml;nnen, ohne Angst, dass sie bei R&uuml;ckkehr nicht mehr willkommen sind. Ein Ort, der Differenz aush&auml;lt, weil er in seiner Mitte sicher genug ist.</p>
</body></html>
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		<item>
		<title>Wandel in einer kirchlichen Organisation – welche Dynamiken sind wie beobachtbar?</title>
		<link>https://www.futur2.org/article/wandel-in-einer-kirchlichen-organisation-welche-dynamiken-sind-wie-beobachtbar/</link>
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		<pubDate>Wed, 26 Aug 2026 10:47:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Andrea Stachon-Groth</dc:creator>
		
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				<description><![CDATA[Zwischen Notwendigkeit und Bereitschaft zur Veränderung Kirchliche Organisationen sind sicherlich besondere Organisationsformen – und zugleich auch nicht. Und wer kennt das nicht: Regelmäßig wird angemahnt, dass sich endlich etwas ändern müsse: „So geht es nicht weiter …“. Doch wenn Mitarbeitende gefragt werden, was sich konkret in ihrem Aufgabengebiet oder an ihrer Arbeitsweise verändern solle, sind ...]]></description>
					<content:encoded><![CDATA[<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.0 Transitional//EN" "http://www.w3.org/TR/REC-html40/loose.dtd">
<html><body><h3><span lang="de-DE">Zwischen Notwendigkeit und Bereitschaft zur Ver&auml;nderung</span></h3>
<p><span lang="de-DE">Kirchliche Organisationen sind sicherlich besondere Organisationsformen &ndash; und zugleich auch nicht. Und wer kennt das nicht: Regelm&auml;&szlig;ig wird angemahnt, dass sich endlich etwas &auml;ndern m&uuml;sse: &bdquo;So geht es nicht weiter &hellip;&ldquo;. Doch wenn Mitarbeitende gefragt werden, was sich konkret in ihrem Aufgabengebiet oder an ihrer Arbeitsweise ver&auml;ndern solle, sind Aussagen wie &bdquo;In meinem Bereich am besten nichts&ldquo; an der Tagesordnung. Ver&auml;nderungsnotwendigkeit allgemein nur zu kommunizieren und nichts zu &auml;ndern, ist sicher ein vertrautes Ph&auml;nomen &ndash; nicht nur in kirchlichen Organisationen &ndash; und doch stellt der Umgang mit Ver&auml;nderung gerade an Leitungskr&auml;fte besondere Anforderungen. Hierum soll es im folgenden Beitrag gehen.</span></p>
<p><span lang="de-DE">Kirche geh&ouml;rt zu den &auml;ltesten Organisationen weltweit. Sie hat &uuml;ber Jahrhunderte &uuml;berlebt, indem ihr die Passung zwischen Kontinuit&auml;t und Anpassung gelungen ist. Wandel war als eine Ver&auml;nderung in langen Zeitr&auml;umen zu beobachten, ausgel&ouml;st durch spezifische kirchengeschichtliche Ereignisse oder Personen. Diese Kultur wirkt bis in die j&uuml;ngste Vergangenheit, bis in viele einzelne Bist&uuml;mer mit ihren jeweiligen unterschiedlichen Organisationseinheiten. Jeder sollte in seinem Tempo mitgenommen werden. Dazu war gen&uuml;gend Zeit und Geld vorhanden. Das ist nun grundlegend anders. G&auml;ngige und bekannte Formen kleiner, organischer Anpassungen sto&szlig;en an ihre Grenzen, reichen nicht mehr aus. Den kirchlichen Organisationen geht es &auml;hnlich wie vielen anderen Unternehmen in der heutigen Gesellschaft: finanzielle Mittel schwinden, Personal fehlt, die Digitalisierung schreitet fort. Zudem kommt noch die hohe Anzahl an Kirchenaustritten durch den Vertrauensverlust in Kirche.<blockquote class="f2-sidequote"><p>Jeder sollte in seinem Tempo mitgenommen werden. Dazu war gen&uuml;gend Zeit und Geld vorhanden. Das ist nun grundlegend anders.</p></blockquote></span></p>
<p><span lang="de-DE">Da die Ressourcen Finanzen und Personal schneller schwinden als vor Jahrzehnten gedacht, signalisieren die Prognosen einen radikalen Handlungsbedarf. Der aktuelle strukturelle Wandel in den kirchlichen Organisationen erfordert deshalb ein schnelleres und tiefgreifenderes Eingreifen in die bestehenden Strukturen und auch in der Umsetzungsphase entsteht Zeitdruck. Bildlich gesprochen: Es wird nicht nur ein R&auml;dchen im Getriebe ver&auml;ndert, sondern gleich die gesamte komplexe Maschinerie, wie z.B. die Zuschnitte neuer Fachbereiche mit Abteilungen und Sachgebieten in der Bistumsverwaltung.</span></p>
<p><span lang="de-DE">Als Leitungskraft einer Beratungsstellenorganisationseinheit erlebe ich diese Dynamiken des Wandels konkret im Bistum M&uuml;nster in unterschiedlichen Rollen. In der Rolle der Leitungskraft habe ich die Aufgabe, Gesamtleitungsbeschl&uuml;sse des Bistums f&uuml;r Ver&auml;nderungen meiner Organisationseinheit umzusetzen. Als Mitglied der Gesamtorganisation Bistum beobachte ich zeitgleich, welche Ver&auml;nderungsdynamiken an den Schnittstellen der Ehe-, Familien- und Lebensberatung (EFL) zur gesamten Organisation der kirchlichen Beh&ouml;rde entstehen. Aufgabe der Ehe-, Familien- und Lebensberatung ist es, Menschen in Beziehungs- und Lebenskrisen zu unterst&uuml;tzen und zugleich pr&auml;ventive Angebote anzubieten, um zuk&uuml;nftige Krisensituationen zu vermeiden.</span></p>
<p><span lang="de-DE">Insofern ist dieser Beitrag eine Mischung aus Case Study der Ver&auml;nderungsprozesse in der Ehe-, Familien- und Lebensberatung und Essay &uuml;ber die beobachtbaren Dynamiken grundlegender Ver&auml;nderungsprozesse in einem Bisch&ouml;flichen Generalvikariat.</span></p>
<h3><span lang="de-DE"><b>Zun&auml;chst der Blick auf die Ver&auml;nderungen in der EFL</b></span></h3>
<p><span lang="de-DE">Ausgangspunkt sind die notwendigen Einsparbeschl&uuml;sse des Bistums f&uuml;r die Organisationseinheiten, in diesem Fall f&uuml;r die EFL. Die EFL im Bistum M&uuml;nster verf&uuml;gt &uuml;ber eine sechzigj&auml;hrige Geschichte. Wenn ich auf die Entwicklung der Beratungsstellen zur&uuml;ckschaue, war diese lange Zeit eine Wachstumsgeschichte. Durch Gelder des Bistums, des Landes und der Kommunen konnten neue Standorte er&ouml;ffnet und Stellen ausgebaut werden. Dieser Prozess war von einer steigenden Nachfrage der Klientel begleitet. Zeitgleich wurden die Qualit&auml;t und die Qualifizierung f&uuml;r das Arbeitsfeld EFL ausgebaut (Fortbildungsprogramme und Weiterbildungsmasterstudiengang in Kooperation mit der Katholischen Hochschule NRW und der Katholischen Bundesarbeitsgemeinschaft f&uuml;r Ehe-, Familien- und Lebensberatung, Telefonseelsorge und Offene T&uuml;r e.V.).<blockquote class="f2-sidequote"><p>Als ich 2019 die Leitungsfunktion der Ehe-, Familien- und Lebensberatung im Bistum M&uuml;nster &uuml;bernommen habe, war noch nicht vorherzusehen, welche grundlegenden Ver&auml;nderungsprozesse sich ank&uuml;ndigen werden.</p></blockquote></span></p>
<p><span lang="de-DE">Als ich 2019 die Leitungsfunktion der Ehe-, Familien- und Lebensberatung im Bistum M&uuml;nster &uuml;bernommen habe, war noch nicht vorherzusehen, welche grundlegenden Ver&auml;nderungsprozesse sich ank&uuml;ndigen werden. Nachdem 2020 Corona zun&auml;chst f&uuml;r Entschleunigung gesorgt hat und Prozesse sich zwangsweise verz&ouml;gerten, wurden die notwendigen Umbauprozesse anschlie&szlig;end forciert und klar vorangetrieben. Es kam zu einem grundlegenden Umbau der Organisation des Generalvikariates unter Ber&uuml;cksichtigung der Einsparziele und einer zukunftsf&auml;higen Verwaltung.</span></p>
<p><span lang="de-DE">Die EFL wurde im Rahmen des Organisationsentwicklungsprozesses &bdquo;Verwaltung Neu Denken&ldquo; als Abteilung in den Fachbereich Kirche in Gesellschaft des Bisch&ouml;flichen Generalvikariates eingeordnet. Zugleich stand der Beschluss, die prozentuale Einsparquote f&uuml;r die EFL umzusetzen. F&uuml;r eine personale Dienstleistungsorganisation wie die einer Beratungsorganisation bedeutet dies unvermeidlich Einsparungen bei den Personalkosten und Stundenabbau in den kommenden Jahren.</span></p>
<p><span lang="de-DE">Die Herausforderung besteht dabei darin, als Leitungskraft die Erwartungen von und auf unterschiedlichen Ebenen im Blick zu haben, zu balancieren und zu managen. Kurzum: Es verlangt eine hohe Kompetenz im Widerspruchsmanagement. Wieso? Es treffen erwartbar sehr unterschiedliche Reaktionen nach der Verk&uuml;ndigung von Einsparzielen und Organisationsver&auml;nderungen aufeinander.</span></p>
<p><span lang="de-DE">Menschen wollen auch im Arbeitskontext als Individuum und ganze Person gesehen werden, insbesondere im kirchlichen Kontext, der ja nicht nur eine Organisation, sondern auch eine Glaubensgemeinschaft verk&ouml;rpert. Also sind aus der Mitarbeitendenschaft jeweils individuelle Vorstellungen zur Umsetzungsart und zum gew&uuml;nschten Tempo verst&auml;ndlich. Aber wie kann es gelingen, alle mitzunehmen und gleichzeitig zu vermitteln, dass nicht alle individuellen W&uuml;nsche erf&uuml;llbar sind, um die organisationalen Ziele zu erreichen?</span></p>
<p><span lang="de-DE">Der hier zu bearbeitende Widerspruch lautet: &bdquo;Person vs. Funktion&ldquo;. Die individuellen Bed&uuml;rfnisse und die zu erf&uuml;llenden Aufgaben in der Funktionsrolle im Unternehmen sind unterschiedlich. Sie lassen sich nicht im Konsensverfahren aufl&ouml;sen. Diese Widerspr&uuml;chlichkeit zu akzeptieren bedeutet jedoch nicht in Passivit&auml;t und einen Opfermodus zu verfallen. Der Umgang mit Widerspr&uuml;chen l&auml;sst sich aktiv gestalten. Der wichtigste erste Schritt ist aus meiner Leitungserfahrung, Widerspr&uuml;che sichtbar zu machen, zu kommunizieren und anzuerkennen. Die Prozesse in der Paarberatung und Organisationsentwicklung sind aus meiner Sicht hier strukturell vergleichbar: Die Anerkennung der unterschiedlichen Bed&uuml;rfnisse ist f&uuml;r Paare der erste Erkenntnisschritt im Ver&auml;nderungsprozess.</span></p>
<p><span lang="de-DE">Auf der Leitungsebene der Beratungsstellen gilt es, die Stellenleitungen, die in ihrer Funktion zwischen Team (ein Team besteht aus ein bis f&uuml;nf Standorten) und Gesamtleitung stehen, im Ver&auml;nderungsprozess mitzunehmen. Die Bedarfe aus Sicht einer Stellenleitung f&uuml;r ihr Team sind nicht unbedingt kongruent mit den Ver&auml;nderungserfordernissen auf der Gesamtebene. Trotz steigender Nachfrage Stunden nicht wiederzubesetzen, l&ouml;st zun&auml;chst verst&auml;ndlichen Widerstand aus. Auch hier zeigt sich ein zu bearbeitender Widerspruch, den man bezeichnen kann als: &bdquo;Aktive Gestaltung des eigenen Verantwortungsbereiches vs. Erf&uuml;llen der Leitungsvorgaben&ldquo;. Dieser Widerspruch stellt sich mir in der Rolle der Leitungsverantwortung f&uuml;r die EFL ebenso in Relation zu den Bistumsleitungsvorgaben.</span></p>
<p><span lang="de-DE">Auf der Ebene der Organisation geht es um den Aufbau einer Struktur f&uuml;r die Beratungsstellen, in der effizient und zugleich professionell und fachlich verantwortbar mit st&auml;rker reduzierten Ressourcen gearbeitet werden kann. Um Ver&auml;nderungen auf dieser Organisationsebene zu entwickeln und gemeinschaftlich umzusetzen, braucht es Formate der Beteiligung f&uuml;r die Mitarbeitenden. Unter dem Motto &bdquo;Ver&auml;nderungen (mit) zu gestalten&ldquo; habe ich gemeinsam mit den Stellenleitungen und den Teams in einem mehrstufigen Prozess begonnen auszuloten, welche Gestaltungsfreir&auml;ume und Gestaltungsm&ouml;glichkeiten trotz geringerer Beratungsstundendeputaten und Einsparungen in der Verwaltung entwickelt werden k&ouml;nnen.</span></p>
<p><span lang="de-DE">Ein Ergebnis dieses Ver&auml;nderungsprozesses ist die Entwicklung von allgemein verbindlichen Rahmenleitlinien f&uuml;r die Beratungsprozesse in der EFL, mit denen Transparenz und Vergleichbarkeit der Beratungsarbeit an den unterschiedlichen Standorten gef&ouml;rdert werden. Auch auf dieser Ebene geht es um den Umgang mit einem vorhandenen Widerspruch: &bdquo;Standardisierte Effizienz in der Beratungsarbeit vs. fachliche Betrachtung des Einzelfalls&ldquo;.</span></p>
<p><span lang="de-DE">Parallel zu dieser Bearbeitung von Widerspr&uuml;chen sind aus meiner Sicht die Entwicklung von Beteiligungsformaten und die Ber&uuml;cksichtigung der Unternehmenskultur bei Ver&auml;nderungsprozessen in Organisationen unumg&auml;nglich. Und das bedeutet nicht, dass alle alles entscheiden, sondern dass Leitungsentscheidungen auf Informationen aus der Umwelt beruhen, dazu geh&ouml;ren auch die Informationen aus der Mitarbeitendenschaft, und diese regelm&auml;&szlig;ig reflektiert werden.</span></p>
<h3><span lang="de-DE">Wie holt Leitung bei Ver&auml;nderungsprozessen die beteiligten Mitarbeitenden mit ins Boot?</span></h3>
<p><span lang="de-DE">Zu beobachten ist, dass zu Prozessbeginn vorrangig auf die Notwendigkeit hingewiesen wird: Weg von finanziellen und personellen Engp&auml;ssen und Notsituationen, in denen die Organisation in Zukunft nicht mehr handlungsf&auml;hig ist. Diese Kommunikation stand auch am Anfang der Ver&auml;nderungskommunikation in der EFL. Ohne Einsicht in die Problemlage wird keine Zustimmung zur Ver&auml;nderung bei den Mitarbeitenden erlangt werden k&ouml;nnen. Jedoch reicht eine Problemanalyse allein nicht aus.</span></p>
<p><span lang="de-DE">&Uuml;bertragen auf individuelle beraterische Prozesse sind diese Erkl&auml;rungen im Erleben des Einzelnen Vermeidungsziele. Es f&auml;llt uns in der Regel leichter zu benennen, was wir nicht (mehr) m&ouml;chten oder k&ouml;nnen als konkret zu benennen, welches Ziel und welche Vision uns antreibt, sogenannte Ann&auml;herungsziele. Das ist vergleichbar mit den guten Vors&auml;tzen zu Beginn eines Jahres: &sbquo;Ich will nicht mehr so viel Schokolade essen&lsquo; reicht nicht aus f&uuml;r die Umsetzung. Wovon will ich stattdessen mehr?<blockquote class="f2-sidequote"><p>Es f&auml;llt uns in der Regel leichter zu benennen, was wir nicht mehr m&ouml;chten als zu benennen, welches Ziel und welche Vision uns antreibt.</p></blockquote></span></p>
<p><span lang="de-DE">F&uuml;r die Zielerreichung macht es oft einen erheblichen Unterschied, ob die positive Zukunft konkret beschrieben wird oder es bei der Formulierung des Vermeidungsziels bleibt. Beim Vermeidungsziel &bdquo;finanzielle oder personelle Engp&auml;sse beheben&ldquo; ist auf der rationalen Ebene zwar Zustimmung erwartbar, aber emotional bleibt die Verunsicherung vor dem Neuen. Es fehlt die Motivation und Begeisterung f&uuml;r eine gemeinsame Zukunft, eine Vision, an der man gerne mitarbeiten m&ouml;chte.</span></p>
<p><span lang="de-DE">Die Wahrnehmungen und Einsch&auml;tzungen, ob eine Vision top down oder bottom up in einer Organisation entwickelt werden sollte, gehen h&auml;ufig auseinander. Nach dem strukturellen Umbau wird aber deutlich: Ein Zukunftsbild ist wichtig, und es stellt sich die Frage, ob sich eine Vision auf der Mitarbeitenden-Ebene erarbeiten l&auml;sst oder dies eine Aufgabe der Leitungsebenen ist oder beides. Wie kann es gelingen, einen gemeinschaftlichen Ver&auml;nderungsprozess erfolgreich umzusetzen?</span></p>
<p><span lang="de-DE">Eine M&ouml;glichkeit besteht darin, einen partizipativen Prozess anzusto&szlig;en, um zu eruieren, welche Mitgestaltungsm&ouml;glichkeiten f&uuml;r den eigenen Arbeitsbereich vorhanden sind. An dieser Stelle entsteht Motivation und Energie f&uuml;r die Mitarbeitenden, selbstwirksam einen Umgang mit den begrenzten Ressourcen zu entwickeln und Ideen f&uuml;r ein bestm&ouml;gliches Szenario zu generieren. Workshops, Klausurtagungen oder Open-Space-Formate sind hierbei hilfreich, um Feedbackschleifen und Resonanzen aus den Teams in die Kommunikation zu bringen und der Leitungsebene f&uuml;r weitere Entscheidungsprozesse zur Verf&uuml;gung zu stellen.</span></p>
<p><span lang="de-DE">So spannungsfrei wie hier beschrieben, verlaufen Ver&auml;nderungsprozesse in der Realit&auml;t nicht, u.a. wirken die oben beschriebenen Widerspr&uuml;che weiter. Motivation l&auml;sst sich nicht herstellen, jedoch bietet z.B. ein Mitarbeitenden-Tag in der EFL mit der &Uuml;berschrift &bdquo;Gestaltungsspielr&auml;ume in Ver&auml;nderungszeiten&ldquo; die M&ouml;glichkeit, sich &uuml;ber den Umgang mit knapperen Personalressourcen, Teamarbeit und die Formen der Vernetzungsarbeit an den unterschiedlichen Beratungsstandorten auszutauschen. Jeder und jede kann am Ende des Tages f&uuml;r sich individuell festhalten, was er oder sie in das jeweilige Team einbringen will, was selbstwirksam m&ouml;glich ist bei der Ver&auml;nderungsgestaltung. Im besten Fall entsteht eine gemeinschaftliche Zukunftsvision f&uuml;r die EFL.</span></p>
<p><span lang="de-DE">Leitung bewegt sich bei Ver&auml;nderungsprozessen in einem Spannungsfeld. Einerseits sollen Mitarbeitende beteiligt werden, andererseits m&uuml;ssen Entscheidungen getroffen werden. Organisationen ben&ouml;tigen Beteiligung, um Wissen zu gewinnen und Akzeptanz zu f&ouml;rdern. Zugleich ben&ouml;tigen sie Entscheidungsf&auml;higkeit. Wer ausschlie&szlig;lich auf Partizipation setzt, riskiert Entscheidungsunf&auml;higkeit. Wer ausschlie&szlig;lich entscheidet, verliert Resonanz. F&uuml;hrung bedeutet deshalb nicht die Abschaffung dieses Widerspruchs, sondern dessen produktive Bearbeitung, also abermals ein erforderliches Widerspruchsmanagement.<blockquote class="f2-sidequote"><p>Wer ausschlie&szlig;lich auf Partizipation setzt, riskiert Entscheidungsunf&auml;higkeit. Wer ausschlie&szlig;lich entscheidet, verliert Resonanz.</p></blockquote></span></p>
<p><span lang="de-DE">Eine wichtige Erkenntnis f&uuml;r mich im Ver&auml;nderungsprozess ist, dass F&uuml;hrung nicht nur als pers&ouml;nlicher Erfolg oder Misserfolg zu sehen ist. Verst&auml;ndlicherweise sind manchmal Erwartungen im Raum, dass F&uuml;hrungskr&auml;fte alle Probleme l&ouml;sen und alle W&uuml;nsche erf&uuml;llen k&ouml;nnten. Nicht im Blick ist h&auml;ufig, dass an F&uuml;hrungsstellen einer Organisation unvermeidlich strukturelle Widerspr&uuml;che aufeinandertreffen. Organisationsnotwendigkeiten und Mitarbeitenden-Interessen m&uuml;ssen an diesen Scharnierstellen in der Organisation ausbalanciert werden, aus meiner Sicht ein hilfreiches Reframing: F&uuml;hrungskr&auml;fte sind Widerspruchsmanager und -managerinnen.</span></p>
<p><span lang="de-DE">Als weiterer wichtiger Einflussfaktor auf die Ver&auml;nderungsprozesse erscheinen mir nostalgische Narrative und die jeweilige Organisationskultur. In Zeiten der Ver&auml;nderungen h&ouml;rt man h&auml;ufiger in der Mitarbeiterschaft Erz&auml;hlungen von damals, als &bdquo;es doch viel geschmeidiger lief bei der Arbeit&ldquo;: weniger Druck, weniger Stress, vertraute Routinen usw., nostalgische Erinnerungen an ein besseres Gestern. Ob es nur besser war oder es nicht auch Schwachstellen gab, sei dahingestellt.</span></p>
<p><span lang="de-DE">Erinnerungen werden durch die Erz&auml;hlungen und den Austausch im Team immer wieder neu konstruiert und ver&auml;ndert: &bdquo;Ach so war das&ldquo; &ndash; und schon wird eine etwas ver&auml;nderte Geschichte im Team oder in der Abteilung weitererz&auml;hlt. Man erinnere sich an das Stille-Post-Spiel aus Kindertagen oder auch im B&uuml;roalltag. Ein anderes Beispiel f&uuml;r die Eigendynamik von Kommunikationen sind z. B. Check-in-Runden zu Beginn eines Seminars. Die erste Person erz&auml;hlt von der Anreise und erwartbar ist, dass sich die folgenden Kommunikationsbeitr&auml;ge auch auf die Reisemodalit&auml;ten beziehen.</span></p>
<p><span lang="de-DE">Wie schon angef&uuml;hrt, werden gemeinsam geteilte Narrative an Klausurtagungen, Mitarbeitendentagen u. &Auml;. konkret erlebbar und kommunizierbar. Sowohl in der Rolle als Leitungskraft als auch in der Rolle als Mitglied der Gesamtorganisation im Bistum habe ich die Teilnahme an solchen Formaten als sehr gewinnbringend erlebt. In den gemeinschaftlich entwickelten Narrativen und im Austausch ist ein kreativer Raum der Mitgestaltung entstanden, der individuell das Selbstwirksamkeitserleben gef&ouml;rdert, auf der Teamebene Zusammenhalt gest&auml;rkt und f&uuml;r die Organisationsentwicklung Ideen generiert hat.</span></p>
<p><span lang="de-DE">Jede Organisation entwickelt zudem kulturelle Gewohnheiten. Sie zeigen sich in Routinen, Sprache und informellen Erwartungen (z. B. wie die Fr&uuml;hst&uuml;ckspause verbracht wird, wie im Team ein Geburtstag gefeiert wird oder auch wen ich in Entscheidungssituationen informell fragen kann). Oft werden sie erst sichtbar, wenn neue Mitarbeitende dazusto&szlig;en oder organisationale Ver&auml;nderungen diese Routinen irritieren. So f&uuml;hrt eine Ver&auml;nderung der Zust&auml;ndigkeiten und der Ansprechpersonen f&uuml;r einen Verwaltungsbereich zun&auml;chst zu Unsicherheit, da die vertrauten Kommunikationspersonen jetzt eine andere Funktion &uuml;bernommen haben. Hier braucht es Zeit, wieder vertrauensvolle Beziehungen im Arbeitsalltag aufzubauen, bis ein &bdquo;neues Normal&ldquo; in der Kommunikation entsteht.<blockquote class="f2-sidequote"><p>In gemeinschaftlich entwickelten Narrativen ist ein kreativer Raum der Mitgestaltung entstanden, der das Selbstwirksamkeitserleben gef&ouml;rdert, Zusammenhalt gest&auml;rkt und Ideen generiert hat.</p></blockquote></span></p>
<p><span lang="de-DE">Die Erwartungen an das Tempo bei Ver&auml;nderungsprozessen sind je nach Rolle und Funktion sehr unterschiedlich: &bdquo;Bitte schnell umsetzen!&ldquo; versus &bdquo;Bitte Zeit lassen!&ldquo; &ndash; Im aktuellen Ver&auml;nderungsprozess kommen zu den strukturellen Ver&auml;nderungen im Verwaltungsaufbau auch die Erfordernisse einer Beschleunigung der Digitalisierungsprozesse hinzu. Erwartbar ist, dass Leitung hier auf Tempo und Umsetzung dr&auml;ngt und Mitarbeitende mehr Zeit f&uuml;r Ver&auml;nderungen fordern. Mitarbeitende sind in der Regel unterschiedlich digital affin und unterschiedlich schnell in der Aneignung neuer Techniken. So gibt es Sicherheit, wenn z.B. vor&uuml;bergehend noch die alte vertraute Software zur Verf&uuml;gung steht, bis das neue Programm sicher beherrscht wird. Meine Erfahrung ist, dass kontinuierliche Schulungsangebote und selbst organisierte Unterst&uuml;tzung im Team unabdingbar sind, um so schnell wie m&ouml;glich wieder arbeitsf&auml;hig zu werden.</span></p>
<p><span lang="de-DE">Eine nicht zu vermeidende Nebenwirkung von Entscheidungen ist, dass erst nach der Umsetzung &uuml;berpr&uuml;fbar ist, ob die Entscheidung f&uuml;r die Alternative A die gew&uuml;nschte Auswirkung mit sich bringt und welche Folgekosten real mit der Entscheidung verbunden sind. F&uuml;r eine Organisation ist das immer mit einem gr&ouml;&szlig;eren Risiko verbunden als bei kleinen Alltagsentscheidungen im Privatleben: Kleidung kann ich schnell wechseln, eine Organisationsstruktur l&auml;sst sich nicht von heute auf morgen von Alternative A zu Alternative B austauschen. Es braucht Zeit, bis die Ver&auml;nderung realisiert ist, und zeitgleich muss die Organisation weiter ihre Aufgaben erf&uuml;llen. Wie bei einer Operation am offenen Herzen oder der Kernsanierung eines Altbaus bedarf es lebenserhaltender Hilfssysteme oder einer unterst&uuml;tzenden Statik im Ver&auml;nderungsprozess, bis die ver&auml;nderte Struktur umgesetzt und in ihr wirksam gearbeitet werden kann.</span></p>
<h3><span lang="de-DE">Dynamischer Wandel in der Organisation</span></h3>
<p><span lang="de-DE">W&auml;hrend Individuen f&uuml;hlen und Teams erz&auml;hlen, ver&auml;ndern Organisationen sich durch Entscheidungen. Neue Fachbereiche, ver&auml;nderte Zust&auml;ndigkeiten oder Umstrukturierungen entstehen nicht durch Diskussionen allein, sondern durch formale Entscheidungen. Jede Entscheidung erzeugt Folgeentscheidungen und neue Unsicherheiten. Aber die Vorstellung, ein Ver&auml;nderungsprozess k&ouml;nne vollst&auml;ndig geplant werden, erweist sich als Illusion. Organisationen lernen im Vollzug. Deshalb gewinnen Evaluation, Beratung und Reflexionsschleifen an Bedeutung. Sie erh&ouml;hen die Beobachtungsf&auml;higkeit des Systems und helfen, unbeabsichtigte Nebenfolgen sichtbar zu machen.<blockquote class="f2-sidequote"><p>W&auml;hrend Individuen f&uuml;hlen und Teams erz&auml;hlen, ver&auml;ndern Organisationen sich durch Entscheidungen.</p></blockquote></span></p>
<p><span lang="de-DE">Das eigene Handeln zu beobachten und zu reflektieren wird im systemischen Denken &bdquo;Beobachtung zweiter Ordnung&ldquo; genannt. Dahinter steht die notwendige Funktion des Externalisierens, mit Abstand auf die Prozesse zu schauen. Aus diesem Grund kann es aus meiner Sicht auch sinnvoll sein, neben der internen Reflexion organisationsfremde Beratungsfachkr&auml;fte als Beobachter:innen zeitweise einzukaufen, um den Ver&auml;nderungsprozess zu begleiten. Denn f&uuml;r nachhaltige und wirksame Ver&auml;nderungen braucht es nicht nur den Blick auf das &sbquo;Was&lsquo; der Ver&auml;nderung, sondern besonders auch auf das &sbquo;Wie&lsquo; ihrer Umsetzung. Der Blick von au&szlig;en unterst&uuml;tzt den Selbstlernprozess der Organisation, und zwar sowohl durch die Erfolge als auch durch die Misserfolge.</span></p>
<h3><span lang="de-DE">Widerstand als Ressource in Ver&auml;nderungsprozessen</span></h3>
<p><span lang="de-DE">Wenn gewohnte Routinen und Arbeitsabl&auml;ufe ver&auml;ndert werden, ist Widerstand normal. Insbesondere in di&ouml;zesan-kirchlichen beh&ouml;rden&auml;hnlichen Strukturen sind schnelle Ver&auml;nderungen nicht an der Tagesordnung und der Umgang damit daher nicht erlernt. In vielen Ver&auml;nderungsprozessen, nicht nur in kirchlichen, wird Widerstand allerdings als negativ bewertet. Aus einer systemtheoretischen Perspektive besitzt Widerstand jedoch eine wertvolle Funktion. Er macht auf blinde Flecken aufmerksam und erweitert die Beobachtungsm&ouml;glichkeiten. Organisationen, die nur Zustimmung produzieren, verlieren Lernm&ouml;glichkeiten. Kritische Stimmen sichern die Vielfalt der Perspektiven. Das bedeutet nicht, jeder Kritik zu folgen. Entscheidend ist vielmehr, Kritik als Information zu behandeln. Widerstand ist dann nicht St&ouml;rung, sondern Rohstoff organisationalen Lernens. In meiner Beratungsarbeit hilft mir dabei eine innere Haltung, die ich mit &bdquo;Ach, wie interessant&ldquo; beschreiben w&uuml;rde, eine neugierige und wertsch&auml;tzende Haltung f&uuml;r mir noch fremde Perspektiven.<blockquote class="f2-sidequote"><p>Organisationen, die nur Zustimmung produzieren, verlieren Lernm&ouml;glichkeiten.</p></blockquote></span></p>
<p><span lang="de-DE">Und wenn alle immer von der Richtigkeit der Entscheidungen zu hundert Prozent &uuml;berzeugt w&auml;ren, entst&uuml;nde mit der Zeit ein neuer Konsens, der blind macht f&uuml;r Ver&auml;nderungsnotwendigkeiten in der Zukunft.</span></p>
<h3><span lang="de-DE">Res&uuml;mee</span></h3>
<p><span lang="de-DE">Wandel in Organisationen vollzieht sich auf mehreren Ebenen: Auf der Ebene der Gesamtorganisation, auf der Ebene der Teams und auf individueller Ebene der Mitarbeitenden und F&uuml;hrungskr&auml;fte. Die Ver&auml;nderungsdynamiken entwickeln sich in und zwischen diesen drei Ebenen in unterschiedlichem Tempo, parallel oder zeitversetzt.</span></p>
<h4><span lang="de-DE">Auf der Ebene des Individuums/Mitarbeitenden</span></h4>
<p><span lang="de-DE">Ver&auml;nderungen werden individuell unterschiedlich erlebt, je nach Erfahrungshintergrund und individuellen Ressourcen werden Ver&auml;nderungen irgendwo zwischen Verunsicherung und Bedrohung oder Chance und Gestaltungsspielraum wahrgenommen. In meiner Rolle als F&uuml;hrungskraft beobachte ich h&auml;ufig: Es gibt einige, die rufen: &bdquo;Hurra, endlich passiert mal was, war schon lange &uuml;berf&auml;llig&ldquo;, andere denken: &bdquo;Nun gut, ich versuche mich anzupassen und mitzukommen, auch wenn es mir nicht so gef&auml;llt&ldquo;, eine dritte Gruppe ist manchmal still, manchmal h&ouml;rbar im &bdquo;Da mach ich nicht mit, ich halte die Ver&auml;nderungen nicht f&uuml;r sinnvoll, ich werde dadurch zu stark belastet und &uuml;berfordert&ldquo;, eine vierte Gruppe denkt: &bdquo;die zwei Jahre bis zur Rente halte ich auch noch durch, ich versuche einfach so weiterzumachen wie bisher&ldquo;.</span></p>
<p><span lang="de-DE">Ver&auml;nderungen sind notwendig, aber wenn dies im eigenen Arbeitsbereich umgesetzt werden soll, braucht es eine sinnstiftende Motivation f&uuml;r die Umsetzung.</span></p>
<h4><span lang="de-DE">Auf der Ebene der Interaktion in Teams</span></h4>
<p><span lang="de-DE">Ver&auml;nderungen spielen sich nicht nur auf der individuellen Ebene ab, Ver&auml;nderungen ereignen sich im sozialen Raum, im Diskurs miteinander. Hier sind Teams wichtige Resonanzr&auml;ume, in denen Ver&auml;nderungsentscheidungen reflektiert werden und Narrative &uuml;ber die Ver&auml;nderungen entstehen. Damit die Geschichten sich nicht nur auf die erlebte Vergangenheit beziehen, braucht es Zukunftsszenarien, die daneben erz&auml;hlt werden.</span></p>
<h4>Auf der Ebene der Organisation</h4>
<p><span lang="de-DE">Organisationale Ver&auml;nderungen werden nicht durch Erz&auml;hlungen umgesetzt, sondern durch Entscheidungen, denen dann Folgeentscheidungen folgen: Neue Fachbereiche mit neuen Abteilungen und neuem Zuschnitt der Sachgebiete. Die Organisation folgt den durch Leitung gesetzten Entscheidungspr&auml;missen: welches Personal, welche Ablauforganisationen, wenn&hellip; dann Entscheidungsfolgen, welche Zielentscheidungen, wohin soll es gehen. Aber Organisation ist nicht nur ein Strukturgebilde, sondern ein soziales System, in dem die Kommunikationen der Organisationsmitglieder eine zentrale Rolle spielen.</span></p>
<p><span lang="de-DE">Die Herausforderung f&uuml;r die Rolle als Leitungskraft besteht darin, alle drei Ebenen und deren Wechselwirkungen im Blick zu behalten, denn sie beeinflussen sich gegenseitig. Die Komplexit&auml;t der Ver&auml;nderungsprozesse besteht darin, dass sich nicht vorhersagen l&auml;sst, welche Reaktionen und Auswirkungen auf welche Entscheidungen folgen, sei es bei den Teams, sei es bei den Mitarbeitenden. Experimente sind somit unvermeidlich, allerdings ist man im Umgang mit ihnen in einer Verwaltungsstruktur unge&uuml;bter als in einem Start-up-Unternehmen.<blockquote class="f2-sidequote"><p>Entscheidend ist die F&auml;higkeit, Unsicherheit in Lernprozesse zu &uuml;bersetzen.</p></blockquote>&nbsp;</span></p>
<p><span lang="de-DE">Entscheidend ist die F&auml;higkeit, Unsicherheit in Lernprozesse zu &uuml;bersetzen. Aus systemtheoretischer Sicht wird die Zukunft der Kirche nicht durch perfekte Planung entschieden, sondern durch die Qualit&auml;t ihrer Beobachtungen, ihrer Kommunikation und ihrer F&auml;higkeit, auf Irritationen lernf&auml;hig zu reagieren.</span></p>
<p><span lang="de-DE">Kirchliche Organisationen stehen dabei vor einer doppelten Herausforderung. Sie m&uuml;ssen organisatorisch handlungsf&auml;hig bleiben und zugleich ihrem Sendungsauftrag gerecht werden. Wer nur in Kategorien von Effizienz denkt, verliert den Sinn der Organisation aus dem Blick. Wer ausschlie&szlig;lich den Auftrag betont, &uuml;bersieht die Voraussetzungen nachhaltiger Handlungsf&auml;higkeit. Zukunftsf&auml;hig wird Kirche dort, wo beide Perspektiven miteinander verbunden werden.</span></p>
<p><span lang="de-DE">Aus Sicht der Ehe-, Familien- und Lebensberatung zeigt sich diese Spannung t&auml;glich. Menschen suchen nicht zuerst Institutionen. Sie suchen Zuh&ouml;ren, Beziehung, Orientierung und Unterst&uuml;tzung. Dort, wo Kirche dies erm&ouml;glicht, bleibt sie gesellschaftlich relevant.</span></p>
<p><span lang="de-DE">Die entscheidende Zukunftsfrage lautet deshalb aus meiner Sicht, wie Kirche gesellschaftlich bedeutsam bleiben kann. Beratungsangebote, Beziehungsarbeit und die Begleitung von Menschen in Krisen geh&ouml;ren zu den sichtbaren Orten einer solchen Kirche. Gerade in einer Gesellschaft, die von Fragmentierung, Einsamkeit und Polarisierung gepr&auml;gt ist, gewinnen Orte der Verst&auml;ndigung an Bedeutung. Die Erfahrung aus der Beratung zeigt, dass Beziehungsf&auml;higkeit lernbar ist. Wenn Kirche R&auml;ume schafft, in denen Menschen Konflikte bearbeiten, Zugeh&ouml;rigkeit erfahren und neue Perspektiven entwickeln k&ouml;nnen, leistet sie einen unverzichtbaren Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt.</span></p>
</body></html>
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		<title>Die unsichtbare Grammatik des Wandels</title>
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		<pubDate>Thu, 20 Aug 2026 20:16:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Hans-Ferdinand Angel</dc:creator>
		
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				<description><![CDATA[Ob gesellschaftlicher Wandel gelingt, hängt nicht allein von Wissen, Technologien und professionellem Veränderungsmanagement ab, sondern auch davon, was Menschen für glaubwürdig, möglich und wünschenswert halten – und wie sie Veränderungen emotional verarbeiten. Diese körperlich-mentalen Glaubensvorgänge, in denen Kognition und Emotion zusammenwirken, werden in der Wissenschaft als Creditionen bezeichnet. ]]></description>
					<content:encoded><![CDATA[<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.0 Transitional//EN" "http://www.w3.org/TR/REC-html40/loose.dtd">
<html><body><h2>Creditionen &ndash; die Tiefendynamik gesellschaftlicher Transformation</h2>
<p><strong>Ludger Verst im Gespr&auml;ch mit Hans-Ferdinand Angel</strong></p>
<p class="teaser">Ob gesellschaftlicher Wandel gelingt, h&auml;ngt nicht allein von Wissen, Technologien und professionellem Ver&auml;nderungsmanagement ab, sondern auch davon, was Menschen f&uuml;r glaubw&uuml;rdig, m&ouml;glich und w&uuml;nschenswert halten &ndash; und wie sie Ver&auml;nderungen emotional verarbeiten. Diese k&ouml;rperlich-mentalen Glaubensvorg&auml;nge, in denen Kognition und Emotion zusammenwirken, werden in der Wissenschaft als Creditionen bezeichnet. Der Terminus geht auf den Grazer Theologen und Religionsp&auml;dagogen Hans-Ferdinand Angel zur&uuml;ck, der ihn 2006 <em>&ndash;</em> also vor 20 Jahren <em>&ndash;</em> in die wissenschaftliche Diskussion eingef&uuml;hrt hat. Im Gespr&auml;ch mit Hans-Ferdinand Angel r&uuml;ckt die Frage in den Mittelpunkt, wie Creditionen gesellschaftlichen Wandel erm&ouml;glichen, hemmen oder stabilisieren k&ouml;nnen.</p>
<div class="statementfrage">Nach &raquo;Optimierung&laquo; und &raquo;Change&laquo; ist nun &raquo;Transformation&laquo; die gro&szlig;e Leitformel. Was tr&auml;gt die Creditionsforschung zum Verst&auml;ndnis dieser un&uuml;bersichtlichen Gro&szlig;baustelle bei?</div>
<p>Transformation betrifft nicht nur &auml;u&szlig;ere Strukturen. Sie ber&uuml;hrt auch die inneren Deutungs- und Orientierungsmuster, aus denen Menschen ihre Entscheidungen treffen. Gerade in Umbr&uuml;chen m&uuml;ssen wir handeln, obwohl die Zukunft noch nicht feststeht und unser Wissen unvollst&auml;ndig bleibt. Wir bilden Annahmen, entwickeln Erwartungen, vertrauen bestimmten Personen und Institutionen und entwerfen Bilder einer lebenswerten Zukunft. Bei all diesen Vorg&auml;ngen sind Creditionen aktiviert. Creditionen spielen zwar in religi&ouml;sen Zusammenh&auml;ngen eine zentrale Rolle, doch der Ausdruck Credition bezeichnet zun&auml;chst nichts anderes als eine Gehirnfunktion. Diese selbst ist nicht religi&ouml;s. Deswegen bezeichnet Credition auch keinen religi&ouml;sen Glauben, sondern jene unvermeidlichen k&ouml;rperlich-mentalen Prozesse, durch die Menschen ihrer Wahrnehmung Bedeutung geben und sich in einer mehrdeutigen Wirklichkeit orientieren. Die Forschung richtet den Blick auf eine h&auml;ufig &uuml;bersehene anthropologische Tiefenschicht: Wandel wird erst wirksam, wenn Menschen das Neue &uuml;berhaupt als glaubw&uuml;rdig und bedeutungsvoll in ihr Welt- und Selbstverst&auml;ndnis aufnehmen k&ouml;nnen.</p>
<div class="statementfrage">Man kann den Eindruck gewinnen: Eine s&auml;kulare Gesellschaft scheint immer weniger &raquo;Glauben&laquo; zu ben&ouml;tigen. Was aber &uuml;bersehen wir, wenn wir eine multioptionale Kultur f&uuml;r glaubens&auml;rmer halten?</div>
<p>Ich w&uuml;rde nicht von &bdquo;&uuml;bersehen&ldquo; sprechen. Wir sind Kinder einer historischen Entwicklung. Im Gefolge der Aufkl&auml;rung wurden Rationalit&auml;t und Wissen zu jenen Stellgr&ouml;&szlig;en, auf die hin sich die westlichen Gesellschaften ausgerichtet haben. Soziologen charakterisierten sie deswegen schon vor Jahrzehnten als Wissensgesellschaft (Robert E. Lane, Daniel Bell, Peter Drucker) oder sogar als Wissenschaftsgesellschaft (Rolf Kreibich). Dieser Fokus auf Wissen lie&szlig; Glauben als immer weniger bedeutsam erscheinen. Es ist nicht &uuml;berraschend, dass sich folgerichtig zwar eine Wissenschaft, aber keine &bdquo;Glaubenschaft&ldquo; entwickelte. Die Entwertung von &bdquo;Glauben&ldquo; wurde noch dadurch beschleunigt, dass er meist mit &bdquo;religi&ouml;sem Glauben&ldquo; assoziiert wurde. Mit zunehmender S&auml;kularisierung musste ein solcherma&szlig;en religi&ouml;s gef&auml;rbter Glaubensbegriff irrelevant werden. Manche kognitionswissenschaftlich orientierte Philosophen wie etwa Paul Churchland pl&auml;dieren daf&uuml;r, &bdquo;Glauben&ldquo; aus der Wissenschaft v&ouml;llig zu eliminieren. Prominent formuliert dies der Kognitionswissenschaftler Stephen Stich in seinem Buch &bdquo;From Folk Psychology to Cognitive Science&ldquo; (1983). Er versteht die Kognitionswissenschaft geradezu als &bdquo;Case against Belief&ldquo; &ndash; als Argument gegen den Glauben.</p>
<div class="statementfrage">Ist denn eine solche Sichtweise heute &uuml;berhaupt noch haltbar?</div>
<p></p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Die Moderne ist creditiv hochaktiv und damit oftmals erheblich &uuml;berfordert.</p></blockquote>Nein, sie muss grundlegend ver&auml;ndert werden, wenn man aktuelle neurokognitive Forschungen zur Kenntnis nimmt. Denn die lassen erkennen, dass &bdquo;Glaube&ldquo; immer ein Ergebnis eben jener inneren Vorg&auml;nge ist, die als Creditionen bezeichnet werden. Ich habe es einmal so formuliert: &bdquo;Der Vorrang von Wissen vor Glauben war eine der Triebfedern f&uuml;r die Entwicklung der Wissensgesellschaft. Die Niederlage von P&iacute;stis [griechisch: Glaube] war vorgezeichnet. [&hellip;] Im Moment, so scheint es jedenfalls, kehrt P&iacute;stis auf die Weltb&uuml;hne zur&uuml;ck. [&hellip;] Ihre Rehabilitation erfolgt &ndash; wie in einer Wissensgesellschaft nicht anderes zu erwarten &ndash; aufgrund ihrer wissenschaftlichen Neuentdeckung&ldquo; (Credition: Fluides Glauben, S. 218). Die mit Creditionen bezeichneten Vorg&auml;nge sowie die mit ihnen einhergehenden Funktionen sind hochkomplex. Sie verlaufen teilweise subliminal, das hei&szlig;t, sie sind unserem Bewusstsein gar nicht zug&auml;nglich. Erst wenn einem die Ergebnisse dieser inneren Vorg&auml;nge bewusst werden, kann man sie als Glaubensinhalte sprachlich ausdr&uuml;cken. Zudem sind Creditionen hochgradig emotional. Allerdings w&auml;re es verfehlt, sie deswegen als &bdquo;irrational&ldquo; zu verstehen. Im Gegenteil: Beim Ablauf von Glaubensvorg&auml;ngen wird auch der &bdquo;Sicherheitsgrad&ldquo; (degree of certainty) von Informationen bewertet. W&auml;hrend des Ablaufs von Creditionen vollzieht sich eine emotionale Bewertung von Hard-facts, die auch zu dem Ergebnis kommen kann: &bdquo;Sachverhalt zu 100% sicher&ldquo;. Das wirkt &bdquo;rational&ldquo;, und ein solcher Glaubensinhalt kann zu Wissen werden. Allerdings kann es auch anders kommen: Der Sicherheitsgrad eines Sachverhalts kann deutlich geringer ausfallen. Das kann zum Problem werden, wenn man sehr stark an der emotionalen Ladung dieses Sachverhalts (emotional loading) h&auml;ngt. Weil wir es heute mit einem ungeheuren Ausma&szlig; von Informationen und Fehlinformationen zu tun haben, m&uuml;ssen diese verarbeitet werden. Daran sind Creditionen ma&szlig;geblich beteiligt und die creditive Aktivit&auml;t wird in allen von uns gegenw&auml;rtig geradezu zum Gl&uuml;hen gebracht. Die Moderne glaubt sicher nicht weniger &ndash; ist also, um bei Ihrer Frage zu bleiben &ndash;, nicht glaubens&auml;rmer. Im Gegenteil: sie ist creditiv hochaktiv und damit oftmals erheblich &uuml;berfordert.
<div class="statementfrage">Lassen Sie uns einen Moment noch beim Stichwort &bdquo;&Uuml;berforderung&ldquo; bleiben. Wir wissen viel &uuml;ber Klimawandel, technologische Risiken oder gesellschaftliche Ungleichheit. Und zugleich sehen wir, dass dieses Wissen nicht selbstverst&auml;ndlich zu ver&auml;ndertem Handeln f&uuml;hrt.</div>
<p>Genau darin liegt das Problem: Wissen wird erst handlungsrelevant, wenn es auch geglaubt wird. Zun&auml;chst muss man glauben, dass das &bdquo;neue&ldquo; Wissen verl&auml;sslich ist, zumindest verl&auml;sslicher als das bisherige. Ich erinnere mich noch gut an die Zeit meiner Dissertation zum Thema Naturwissenschaft und Technik im Religionsunterricht (1984). Damals sprachen die ersten Wissenschaftler von Klimawandel. Man hielt sie schlicht f&uuml;r irgendwelche gr&uuml;nen Spinner. Heute haben sich viele, wenngleich nicht alle der damaligen Prognosen erh&auml;rtet oder sind gar schon eingetreten.</p>
<p></p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Wissen wird erst handlungsrelevant, wenn es auch geglaubt wird.</p></blockquote>Ich sehe hier aus der Perspektive unserer Forschung zwei gro&szlig;e Themenbereiche. Der eine hat direkt mit dem von Ihnen angesprochenen Thema &bdquo;Transformation&ldquo; zu tun. Den wenigsten Menschen d&uuml;rfte bewusst sein, auf wie viele Arten sie und wir alle mit den bestehenden wirtschaftlichen und technologischen Gegebenheiten verflochten sind. Das fehlende Wissen f&uuml;hrt leicht zum Irrglauben, es k&ouml;nne alles ganz schnell ge&auml;ndert werden. Das ist Aberglaube aus Mangel an Wissen. Das Wissen um den Klimawandel allein kann gar nicht zu einer Ver&auml;nderung des Handelns f&uuml;hren. F&uuml;r eine Transformation m&uuml;ssen Tausende und Abertausende Entscheidungen getroffen werden. Sie werden alle unter der Bedingung von Unsicherheit getroffen. In all diesen komplizierten Zusammenh&auml;ngen spielen Creditionen eine wichtige Rolle, denn sie sind die &bdquo;Vorbereitungsphase&ldquo; f&uuml;r Entscheidungen. Im Credition-Kommunikationsmodell sprechen wir von einer Vorbereitung eines &bdquo;space of action&ldquo; &ndash; also eines Handlungsraums, in dem Entscheidungen getroffen werden. Entscheidungen sind Ausdruck von Ergebnissen, zu denen wir im Verlauf eines creditiven Vorgangs gekommen sind. Wer Entscheidungen zu treffen hat, tut dies mit Blick in eine unbekannte Zukunft voller Unsicherheit. Glaubensvorg&auml;nge sind immer mit Emotionen verbunden. &bdquo;No believing without emotion&ldquo; geh&ouml;rt zu unseren Standards&auml;tzen.
<p>Der andere Themenkomplex hat mit dem Ph&auml;nomen Sprache zu tun. Wissenschaftliche Ergebnisse, gerade im Bereich der Naturwissenschaft, werden im Rahmen von methodisch klar definierten Experimenten und Analysen generiert. Wenn man die Ergebnisse in &bdquo;allgemeinverst&auml;ndliche&ldquo; Aussagen &uuml;berf&uuml;hren m&ouml;chte, muss man sich zwangsl&auml;ufig &bdquo;umgangssprachlicher&ldquo; Formulierungen bedienen. In diese flie&szlig;en aber W&ouml;rter der Alltagssprache ein. Sie k&ouml;nnen die exakten Ergebnisse sowie insbesondere deren methodische Vorannahmen meist nur unscharf wiedergeben. Aber was alles noch schwieriger macht: Alltagssprachliche Ausdr&uuml;cke sind emotional geladen bzw. k&ouml;nnen leicht emotional aufgeladen werden. Dem kann die Wissenschaft nur bedingt entkommen, zumal wenn Kommunikation emotional negativ aufgeladen wird, weil man mit diesem destruktiven Trick bestimmte politische Interessen besser pushen kann. Und auch in diesem Zusammenhang spielen Creditionen eine Rolle. Sie sind daran beteiligt, welche W&ouml;rter von Seiten der Wissenschaft und in Folge von der Politik und der Wirtschaft gew&auml;hlt werden. Die &bdquo;allgemeinverst&auml;ndlichen&ldquo; Ergebnisse m&uuml;ssen jetzt von den Abnehmerinnen und Abnehmern geglaubt werden. Erst in dieser Verbindung entsteht subjektive Bedeutung. Dieselbe Information kann ganz unterschiedliche Reaktionen ausl&ouml;sen. Was f&uuml;r den einen eine &uuml;berzeugende Erkenntnis ist, bedroht f&uuml;r einen anderen sein Selbstverst&auml;ndnis oder seine Zugeh&ouml;rigkeit. Widerstand muss deswegen nicht auf einem Mangel an Wissen beruhen. H&auml;ufig wird mit einer &Uuml;berzeugung zugleich eine emotional stabilisierte Lebenswelt verteidigt.</p>
<div class="statementfrage">Fundamentalismen und Verschw&ouml;rungserz&auml;hlungen zeigen ja, wie Menschen auf Verunsicherung reagieren, indem sie das Vertraute umso st&auml;rker verteidigen. Wie m&uuml;ssen Irritationen verarbeitet werden, damit sie &Uuml;berzeugungen nicht verh&auml;rten, sondern f&uuml;r Ver&auml;nderung &ouml;ffnen?</div>
<p>Wenn man aus Sicht unserer Forschung eine Antwort darauf geben will, wie Irritationen verarbeitet werden, dann muss man sich auf die von uns entwickelten Modelle beziehen. Im Credition-Kommunikationsmodell unterscheiden wir mehrere Grundfunktionen des Glaubensvorgangs. Eine nennt sich &bdquo;enclosure function&ldquo; [Einschluss-Funktion]. Sie wird durch eine Irritation ausgel&ouml;st und ist ma&szlig;geblich an der Entscheidung beteiligt, welche Vorstellung, Idee oder Information eingeschlossen &ndash; also geglaubt &ndash; werden kann. Ob eine neue Information eingeschlossen wird oder nicht, h&auml;ngt von vielen Faktoren ab, die unsere Weltsicht pr&auml;gen. In der Psychologie spricht man in diesem Zusammenhang h&auml;ufig von &bdquo;Mindset&ldquo;. Wir vermeiden den Ausdruck, weil er statische Assoziationen weckt.</p>
<p>Wenn ein neuer Sachverhalt (Clum) eingeschlossen werden kann, hat dies Einfluss auf eine zweite Funktion, die in unserem Modell &bdquo;converter function&ldquo; [Umwandlungs-Funktion] hei&szlig;t. Sie organisiert die Weiterverarbeitung der nun neuen Konfiguration zu einer Handlungsoption. Wenn sich der Einschluss erfolgreich zu einer Handlungsoption weiterverarbeiten l&auml;sst, ist dies erst ein vorl&auml;ufiges Ergebnis. Der Vorgang wiederholt sich x-mal &ndash; wobei er immer wieder adjustiert und optimiert werden kann. Wir nennen diese Funktion deswegen &bdquo;stabilizer function&ldquo;. Stabilisierter Glaube kann etwas Gro&szlig;artiges sein: Er entlastet, weil man nicht permanent Energie aufwenden muss, um sich selbst in seiner Umgebung neu zu positionieren. Etwas Gro&szlig;artiges ist es auch, wenn sich stabilisierter Glaube in einer positiven &bdquo;Beziehung zu Gott&ldquo; einstellt. Ein solcher Glaube ist freilich nicht herstellbar. Er ist &ndash; theologisch gesprochen &ndash; Geschenk, Gnade, Geheimnis. Aber er kann durch alle Niederungen des Lebens tragen, so wie es der Psalmist ausdr&uuml;ckt: &bdquo;Muss ich auch wandern in finsterer Schlucht, ich f&uuml;rchte kein Unheil, denn du bist bei mir&ldquo; (Ps 23,4).</p>
<p></p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Glaubensvorg&auml;nge verarbeiten Irritationen, Stimuli aus der Au&szlig;en- oder Innenwelt.</p></blockquote>Stabilisierter Glaube kann aber auch zur Last werden. Glaubensvorg&auml;nge verarbeiten Irritationen &mdash; oder neutraler ausgedr&uuml;ckt: Stimuli aus der Au&szlig;en- oder Innenwelt. Wenn diese Stimuli nicht mehr ad&auml;quat verarbeitet werden, kann es zu St&ouml;rungen oder gar pathologischen Verzerrungen des Glaubens kommen. Diese sich wiederholenden Vorg&auml;nge verlaufen zwar im Prinzip, d.h. in ihrer Grundstruktur, bei allen Menschen gleich. Doch im je konkreten Fall sind sie bei allen Menschen unterschiedlich. Sie sind je individuell modifiziert, weil nun Biografie und je individuelle emotionale Verfassung zum Tragen kommen. Wir nennen das &bdquo;modulator function&ldquo;. Eine Irritation allein ist deshalb noch keine Transformation. Sie kann aber wohl ein Ansto&szlig; sein, der dazu beitr&auml;gt, dass sich neue &Uuml;berzeugungen entwickeln. Aber ebenso kann sie eine Gegenbewegung ausl&ouml;sen, in der das schon Geglaubte erst recht befestigt wird.
<div class="statementfrage">Creditionen vollziehen sich als leiblich, emotional und biografisch gepr&auml;gte Prozesse in individuellen Subjekten. Wie werden daraus nun gesellschaftlich wirksame &Uuml;berzeugungen? Und wo liegen die Grenzen der &Uuml;bertragung vom individuellen Glaubensvorgang auf kollektive Transformationsprozesse?</div>
<p></p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Kollektive Erz&auml;hlungen gewinnen nur Macht, wenn einzelne Menschen sie aufnehmen, verk&ouml;rpern und in Handlung &uuml;bersetzen.</p></blockquote>Ihre Frage f&auml;llt in den Bereich der sich gerade lebhaft entwickelnden sozialen Neurokognition (social neuro-cognition). Auf unserem Jubil&auml;umskongress 2022, mit dem wir im Schloss Herrenhausen in Hannover das 10-j&auml;hrige Bestehen des Credition-Research-Projects feierten, stellte eine israelische Neurowissenschaftlerin aus unserem Netzwerk ihre Forschungen zum &bdquo;empathischen Gehirn&ldquo; vor. In einem sogenannten &bdquo;two-brain-approach&ldquo; wurden zwei Probanden durch Kabel miteinander verbunden, sodass man &uuml;ber bildgebende Verfahren sehen konnte, wie die Aktivit&auml;t ihrer beiden Gehirne durch die Aktion des je anderen beeinflusst wurde. Der Beitrag erschien unter dem Titel Inter-brain plasticity underlies empathic learning in social interactions. Bekannt ist auch, dass wir (und unser Gehirn) uns wohler f&uuml;hlen, wenn wir mit solchen Menschen zusammen sind, die unsere Werte und Vorlieben teilen. Die sogenannte &bdquo;Kommunikationsblase&ldquo; (bubble) ist eine Folge dieser Vorliebe. Sie macht sich bemerkbar, wenn Menschen Narrative und Deutungsmuster aus Familien, Milieus, Religionen, Medien und politischen Gemeinschaften &uuml;bernehmen. Diese Muster werden emotional besetzt und durch soziale Anerkennung stabilisiert. Umgekehrt gewinnen kollektive Erz&auml;hlungen nur Macht, wenn einzelne Menschen sie aufnehmen, verk&ouml;rpern und in Handlung &uuml;bersetzen. In diesem Sinne k&ouml;nnen Glaubensvorg&auml;nge sowohl gemeinschaftsbildende wie auch abgrenzende Handlungsr&auml;ume er&ouml;ffnen.
<div class="statementfrage">Wenn jeder Mensch unvermeidlich glaubt: Werden wissenschaftliche Erkenntnis, Desinformation oder Verschw&ouml;rungsglaube damit nicht zu blo&szlig;en Varianten desselben Vorgangs?</div>
<p>Diese Frage d&uuml;rfte viele Menschen bewegen. In gewisser Weise kann man sie sogar mit &bdquo;Ja&ldquo; beantworten. Doch diese Feststellung muss ich sofort wieder korrigieren, denn Ihre Frage ist aus einer Perspektive gestellt, die Credition noch nicht auf dem Radar hat. Aus Creditionenperspektive m&uuml;sste man anders ansetzen: Credition ist eine Gehirnfunktion. Das konnten wir 2015 erstmals wissenschaftlich publizieren. Die Sehweise, dass &bdquo;Credition als Hirnfunktion&ldquo; oder anders formuliert &bdquo;believing as brain function&ldquo; verstanden werden muss, hat sich wissenschaftlich schon verbreitet. Bislang ist uns noch kein Widerspruch von neurowissenschaftlicher Seite bekannt. Wenn man diese Sehweise als Ausgangspunkt nimmt, dann sind in der Tat alle Glaubensvorstellungen, die aus wissenschaftlichen Informationen oder aus Desinformation gewonnen werden, Ergebnis derselben Gehirnfunktion. Deswegen konnte ich vorhin zun&auml;chst mit &bdquo;Ja&ldquo; antworten. Doch nun kommt die Korrektur: Man m&uuml;sste zun&auml;chst die Komplexit&auml;t von creditiven Abl&auml;ufen und die dabei ins Spiel kommenden (neuro-)biologischen Funktionen explizit und detailliert darstellen, um die Unterschiede aus Sicht der Creditionenforschung erl&auml;utern zu k&ouml;nnen. So muss z. B. nochmals ausdr&uuml;cklich darauf hingewiesen werden, dass Glaubensvorg&auml;nge subliminal beginnen. Und ebenso ist zu betonen, dass Glaubensergebnisse erst dann sprachlich artikuliert werden k&ouml;nnen, wenn sie die &bdquo;Bewusstseinsschranke&ldquo; &uuml;berschritten haben. Erst wenn sie in Worte gefasst sind, lassen sie sich individuell sowie im Austausch mit anderen weiter reflektieren. Wir sprechen hier von Metakognition. Bevor ich klar machen kann, wo die Unterschiede bei den von Ihnen angesprochenen &bdquo;Varianten desselben Vorgangs&ldquo; liegen, m&uuml;sste ich zun&auml;chst sehr weit ausholen. Doch das w&uuml;rde den Rahmen des Interviews sprengen.</p>
<div class="statementfrage">Die Bindung an die Kirchen nimmt ab, doch Glaubensvorg&auml;nge verschwinden damit nicht. Hat die Kirche wom&ouml;glich weniger ein Glaubensproblem als ein Verst&auml;ndnisproblem &ndash; weil sie zu wenig dar&uuml;ber wei&szlig;, wie Menschen &uuml;berhaupt glauben?</div>
<p></p><blockquote class="f2-sidequote"><p>&rsquo;Religi&ouml;s&lsquo; ist ein Bananenschalen-Wort.</p></blockquote>Die Creditionenforschung ver&auml;ndert den Blick darauf, wie Glaube &uuml;berhaupt entsteht, sich stabilisiert und ver&auml;ndert. Diese Einsichten k&ouml;nnte die Kirche besser nutzen, um die Relevanz von Glaubensvorg&auml;ngen au&szlig;erhalb des eigenen &bdquo;Kirchen-Raums&ldquo; einsichtig zu machen. Sich Kenntnis &uuml;ber die Existenz und den Ablauf von Creditionen zu erwerben, ist in etwa so, wie sich ein neues &bdquo;Seh-Ger&auml;t&ldquo; oder vielleicht auch eine neue Brille zuzulegen. Ich spreche gerne von &bdquo;Creditionen-Brille&ldquo;. Wenn man &bdquo;die Kirche&ldquo; [was ist das &ndash; die Kirche?] in ihrer ganzen Vielfalt, ihren Ver&auml;stelungen, ihren individuellen Konflikt- und Konfliktl&ouml;sungsstrukturen, ihren Impulsen f&uuml;r Frieden, Vers&ouml;hnung und Gerechtigkeit durch die Linsen der &bdquo;Creditionen-Brille&ldquo; betrachtet, kann man zu faszinierenden Einsichten gelangen. Zun&auml;chst einmal sieht man mit dieser Brille nicht Kirche oder Religion, sondern Religiosit&auml;t. Das hei&szlig;t der Blick richtet sich auf die anthropologische Dimension religi&ouml;sen Glaubens. Nebenbei: In unserer Alltagskommunikation und auch im theologischen und besonders im religionsp&auml;dagogischen Diskurs wird mit Vorliebe das Adjektiv &bdquo;religi&ouml;s&ldquo; verwendet. Ich habe meinen Studierenden oft gesagt, &bdquo;religi&ouml;s&ldquo; ist ein Bananenschalen-Wort. Man rutscht aus, kaum dass man es verwendet hat. Ein Grund hierf&uuml;r ist, dass dieses Adjektiv meistens zu &bdquo;Religion(en)&ldquo; hin dechiffriert wird, obwohl man es mit gleicher Berechtigung hin zu &bdquo;Religiosit&auml;t&ldquo; dechiffrieren k&ouml;nnte. Aus Sicht der Creditionenforschung geht es, etwas flapsig ausgedr&uuml;ckt, beim &bdquo;religi&ouml;sen&ldquo; Glauben darum, wie Menschen ihre &bdquo;Religiosit&auml;t&ldquo; entwickeln, wenn und indem sie auf &bdquo;Religion&ldquo; zugreifen. Uns interessieren nicht die Glaubensvorstellungen als solche. Nein, uns interessieren eben diese Vorg&auml;nge, die in (neuro-)biologischer und (neuro-)psychologischer Hinsicht bei der Bezugnahme auf &ndash; sagen wir einmal das christliche Dogma &ndash; ablaufen. An ihnen sind n&auml;mlich in hohem Ma&szlig;e Creditionen beteiligt. Religi&ouml;se Traditionen stellen Symbole, Narrative und Praktiken bereit, in denen Erfahrungen gedeutet werden k&ouml;nnen. Diese Inhalte werden nicht einfach &uuml;bernommen. Sie m&uuml;ssen, wie Sie sagen, k&ouml;rperlich, emotional und biografisch Bedeutung gewinnen.
<div class="statementfrage">Wenn ich Ihnen so zuh&ouml;re, ergibt sich f&uuml;r mich eine praktische Konsequenz: Wir brauchen eine creditionale Bildung, die bei Menschen eine &ndash; nennen wir es: Regulationskompetenz im Umgang mit den eigenen Glaubensvorg&auml;ngen ausbildet. Was zeichnet eine solche Kompetenz aus &mdash; in einer Zeit, in der Verunsicherung leicht in Abwehr und Verh&auml;rtung umschlagen kann?</div>
<p>Mit Ihrer Formulierung einer &bdquo;praktischen Konsequenz&ldquo; sprechen Sie mir aus der Seele. Ja, davon bin ich &uuml;berzeugt: <em>Wir brauchen creditionale Bildung!</em> Eine solche ist dringend erforderlich. Die Umsetzung dieses Bildungspostulats m&uuml;sste einem Stufenplan folgen, wie er in der P&auml;dagogik auch ansonsten weit verbreitet ist. Man m&uuml;sste begreifen, dass alles, was wir glauben, Folge von vorausliegenden inneren Prozessen ist. Mit anderen Worten: Man m&uuml;sste die Existenz von Credition als Gehirnfunktion bekannt machen. Daraus folgt n&auml;mlich &mdash; in Anlehnung an das ber&uuml;hmte Diktum von Paul Watzlawick formuliert: Wir k&ouml;nnen nicht &bdquo;nicht glauben&ldquo;.</p>
<p></p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Wir brauchen creditionale Bildung!</p></blockquote>Wenn man in der Lage ist, das Credition-Kommunikationsmodell einzusetzen, kann man mit seiner Hilfe dar&uuml;ber ins Gespr&auml;ch kommen, wie die eigenen Glaubensvorg&auml;nge zu einem bestimmten Glauben gef&uuml;hrt haben. Und man kann auch anderen ohne Abwertung zuh&ouml;ren. M&ouml;glicherweise entdeckt man dabei, dass auch Glaubensergebnisse, die man selbst v&ouml;llig ablehnt, beim Gegen&uuml;ber durch seine inneren Vorg&auml;nge entwickelt wurden. Ein solcher nicht abwertender Austausch kann Barrieren bearbeiten und abbauen, die sich ansonsten leicht verh&auml;rten und stabilisieren.
<p>Im Blick auf den Religionsunterricht habe ich eine Vision: Die Creditionenthematik eignet sich bestens f&uuml;r f&auml;cher&uuml;bergreifenden Unterricht. Die biologischen Grundlagen k&ouml;nnten in naturwissenschaftlichen F&auml;chern behandelt werden; andere F&auml;cher, z. B. der Geschichtsunterricht, k&ouml;nnten untersuchen, wie die je subjektiven Vorg&auml;nge zu &bdquo;Glaubensergebnissen&ldquo; f&uuml;hren. F&uuml;r den Religionsunterricht interessant ist, dass sich das Creditionen-Modell sowohl als Instrument der Selbstwahrnehmung als auch zur Analyse von Interaktion und Kommunikation eignet. Wissen um die Existenz von Creditionen sowie die Verwendung des Credition-Kommunikationsmodells k&ouml;nnen f&uuml;r das &ouml;kumenische wie f&uuml;r das interreligi&ouml;se Gespr&auml;ch fruchtbar gemacht werden. Es geht immer um jene inneren Vorg&auml;nge, die Glauben hervorbringen. Genau hier liegt auch der Kern dessen, was Sie eingangs mit <em>&bdquo;Regulationskompetenz&ldquo;</em> bezeichnet haben. Dieser Ausdruck gef&auml;llt mir gut. Regulationskompetenz hie&szlig;e: die eigenen Glaubensvorg&auml;nge wahrnehmen, ihre Entstehung reflektieren und zugleich fremde Glaubensergebnisse verstehen k&ouml;nnen, ohne sie deshalb &uuml;bernehmen zu m&uuml;ssen. Hier sehe ich ein gewaltiges Potential f&uuml;r die Kirche: Sie k&ouml;nnte den christlichen Glauben in ganz neuer Weise einsichtig und attraktiv machen.</p>
<p>Das Feld reicht nat&uuml;rlich deutlich weiter, als wir es hier entfalten k&ouml;nnen. Vielleicht l&auml;sst sich dieses Gespr&auml;ch an anderer Stelle noch weiterf&uuml;hren. Auf unserer Forschungswebsite gibt es daf&uuml;r einen eigenen Bereich: <a href="https://credition.uni-graz.at/de/expansion/">https://credition.uni-graz.at/de/expansion/</a></p>
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		<title>Koordinaten einer transformativen religiösen Bildung</title>
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		<pubDate>Fri, 28 Aug 2026 20:41:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Simone Birkel</dc:creator>
		
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				<description><![CDATA[Transformation als Revolution Zunächst kann Transformation im Sinne der Revolution in den Blick genommen werden. Wenn hier von Revolution gesprochen wird, ist nicht ein Umsturz im Sinne einer gewaltvollen Machtübernahme gemeint, sondern es wird eher ein grundlegender Perspektivenwechsel anvisiert. In unterschiedlichsten Fachdisziplinen finden sich derzeit Publikationen, die ein neues Denken einfordern, wie beispielsweise die Einladung ...]]></description>
					<content:encoded><![CDATA[<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.0 Transitional//EN" "http://www.w3.org/TR/REC-html40/loose.dtd">
<html><body><p class="teaser">In der aktuellen Literatur zur Transformationsforschung sind derzeit vier relevante Bereiche auszumachen, die sich f&uuml;r den theologisch-religionsp&auml;dagogischen Diskurs als anschlussf&auml;hig erweisen. Sie k&ouml;nnen als Koordinaten verstanden werden, innerhalb derer aus gesellschaftswissenschaftlicher und theologischer Perspektive ein Ansatz transformativ-religi&ouml;ser Bildung diskutiert werden kann. Im Folgenden wurde bewusst auf Referenztheorien wie die von Bruno Latour, Hartmut Rosa oder Christian Felber, verzichtet, die zwar relevant und wichtig sind, die jedoch im sozialethischen sowie theologisch-praktischen Bereich schon &ouml;fter rezipiert wurden (beispielsweise Bogner, Sch&uuml;&szlig;ler &amp; Bauer, 2021; Haker, 2019). Auch die Diskussion einer &bdquo;Theologie der Transformation&ldquo; liefert wichtige Hinweise (Faix, Reimer, &amp; Brecht, 2009), die im Folgenden mit Stimmen aus der Transformationsforschung aktualisiert werden.<span id="easy-footnote-42-14384" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/koordinaten-einer-transformativen-religioesen-bildung/#easy-footnote-bottom-42-14384" title='Dieser leicht bearbeitete Textausschnitt wurde in Absprache mit der Autorin aus einem Fachartikel der Zeitschrift &lt;em&gt;Theo Web. Zeitschrift f&uuml;r Religionsp&auml;&lt;/em&gt;&lt;em&gt;dagogik&lt;/em&gt; &uuml;bernommen, und ist in voller L&auml;nge unter DOI: &lt;a href="https://doi.org/10.23770/tw0328"&gt;https://doi.org/10.23770/tw0328&lt;/a&gt; einsehbar. Derzeit arbeiten Simone Birkel und Martin Schneider von der School of Transformation and Sustainability (STS) der KU Eichst&auml;tt-Ingolstadt an einer Kompetenzspirale des transformativen Lernens, in der das zyklische Lernen in transformativen Prozessen sowie deren m&ouml;gliche Emotionen reflektiert werden. Zur Frage, ob transformative Bildung Religion braucht, finden sich weiterf&uuml;hrende Informationen in dem Podcast &bdquo;Die Edenhoferin&ldquo; in der Folge vom 16.12.2024 unter &lt;a href="https://open.spotify.com/episode/3ZGOl7BNw9Z0eflxhLMSF8?si=cNrIt2hxQ8WAhsetWD--Dw&amp;amp;nd=1&amp;amp;dlsi=5f94f130e08b4333"&gt;https://open.spotify.com/episode/3ZGOl7BNw9Z0eflxhLMSF8?si=cNrIt2hxQ8WAhsetWD&amp;#8211;Dw&amp;amp;nd=1&amp;amp;dlsi=5f94f130e08b4333&lt;/a&gt;'><sup>42</sup></a></span></p>
<h2>Transformation als Revolution</h2>
<p></p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Denkt neu und vertraut der guten Nachricht.</p></blockquote>Zun&auml;chst kann Transformation im Sinne der Revolution in den Blick genommen werden. Wenn hier von Revolution gesprochen wird, ist nicht ein Umsturz im Sinne einer gewaltvollen Macht&uuml;bernahme gemeint, sondern es wird eher ein grundlegender Perspektivenwechsel anvisiert. In unterschiedlichsten Fachdisziplinen finden sich derzeit Publikationen, die ein neues Denken einfordern, wie beispielsweise die Einladung der Transformationsforscherin und &Ouml;konomin Maja G&ouml;pel in ihrem Buch &bdquo;Unsere Welt neu denken&ldquo;<span id="easy-footnote-43-14384" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/koordinaten-einer-transformativen-religioesen-bildung/#easy-footnote-bottom-43-14384" title="G&ouml;pel, 2020"><sup>43</sup></a></span>. In der Philosophie hat Eva von Redecker vor dem Hintergrund neuer Protestformen eine &bdquo;Revolution f&uuml;r das Leben&ldquo; vorgelegt<span id="easy-footnote-44-14384" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/koordinaten-einer-transformativen-religioesen-bildung/#easy-footnote-bottom-44-14384" title="von Redecker, 2020"><sup>44</sup></a></span>. Sie beschreibt darin, was bereits getan wird, um ein gelingendes Leben zu erm&ouml;glichen. Und sie geht einen radikalen Schritt, wenn sie eine &bdquo;Vergesellschaftung von G&uuml;tern&ldquo;<span id="easy-footnote-45-14384" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/koordinaten-einer-transformativen-religioesen-bildung/#easy-footnote-bottom-45-14384" title="von Redecker, 2020, S. 260; Hervorhebung im Original"><sup>45</sup></a></span> fordert: Anstelle von Beherrschung, Verwertung und Zerst&ouml;rung tritt sie ein f&uuml;r das &bdquo;Retten&ldquo; von Leben<span id="easy-footnote-46-14384" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/koordinaten-einer-transformativen-religioesen-bildung/#easy-footnote-bottom-46-14384" title="von Redecker, 2020, S. 159-193"><sup>46</sup></a></span>, das &bdquo;Re-Generieren&ldquo; von Arbeit<span id="easy-footnote-47-14384" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/koordinaten-einer-transformativen-religioesen-bildung/#easy-footnote-bottom-47-14384" title="von Redecker, 2020, S. 194-234"><sup>47</sup></a></span> und das &bdquo;Teilen&ldquo; von G&uuml;tern<span id="easy-footnote-48-14384" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/koordinaten-einer-transformativen-religioesen-bildung/#easy-footnote-bottom-48-14384" title="von Redecker, 2020, S. 235-262"><sup>48</sup></a></span>. Kein Wunder, dass sie der Theologe und Philosoph J&uuml;rgen Manemann<span id="easy-footnote-49-14384" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/koordinaten-einer-transformativen-religioesen-bildung/#easy-footnote-bottom-49-14384" title="Manemann, 2021"><sup>49</sup></a></span> in seinem Pl&auml;doyer &bdquo;Revolution&auml;res Christentum&ldquo; h&auml;ufig als Gew&auml;hrsfrau zitiert. Wenn auf die revolution&auml;re Sprengkraft der eigenen theologischen Tradition verwiesen wird, dann wird bereits mit Blick auf das &auml;lteste Evangelium sehr schnell klar, dass die Jesusbewegung sehr fr&uuml;h eine Umkehrung herk&ouml;mmlicher Denkmuster einforderte. Wenn, wie Angela B&uuml;chel-Sladkovic es tut, Mk 1,14 mit &bdquo;Denkt neu und vertraut der guten Nachricht&ldquo; &uuml;bersetzt wird<span id="easy-footnote-50-14384" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/koordinaten-einer-transformativen-religioesen-bildung/#easy-footnote-bottom-50-14384" title="B&uuml;chel-Sladkovic, 2021"><sup>50</sup></a></span>, dann wirkt das erstaunlich aktuell. In der derzeitigen Debatte um neue Formate der Transformationsgestaltung spielen solidarische Lebensformen wie beispielsweise Solidarische Landwirtschaft oder alternative Wirtschaftsweisen eine wichtige Rolle. Die Idee einer solidarischen Lebensweise, in der Reichtum geteilt wird, damit alle gut leben k&ouml;nnen, ist Christ:innen nicht fremd. Sabine Bieberstein und andere Bibliker:innen weisen darauf hin, dass dies insbesondere im Lukasevangelium und in der Apostelgeschichte gut belegt ist<span id="easy-footnote-51-14384" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/koordinaten-einer-transformativen-religioesen-bildung/#easy-footnote-bottom-51-14384" title="Bieberstein, 2021 und 2022"><sup>51</sup></a></span>. Kirchengeschichtlich kann der Bogen weiter auf die Armutsbewegung im Mittelalter geschlagen werden, die aktuell in der integralen &Ouml;kologie von Papst Franziskus gipfelt. Eine wichtige Stellschraube in Richtung sozial-&ouml;kologischer Transformation ist die kulturelle Dimension, weswegen im Transformationsdiskurs auch ein R&uuml;ckgriff auf Bew&auml;hrtes festzustellen ist.
<h2>Transformation im R&uuml;ckgriff auf Bew&auml;hrtes</h2>
<p>Die gro&szlig;en Fragen des Lebens werden schon l&auml;ngst nicht mehr in Kirchen oder theologischen Debatten, sondern in Literatur, Film, Popkultur und/oder neuen kulturellen Formaten wie Poetryslams<span id="easy-footnote-52-14384" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/koordinaten-einer-transformativen-religioesen-bildung/#easy-footnote-bottom-52-14384" title="Birkel, 2018"><sup>52</sup></a></span> gef&uuml;hrt. Das Erfinden von neuen Narrativen, also sinnstiftenden Erz&auml;hlungen, geschieht nicht selten auf der Basis von uralten biblischen Texten. Traditionell theologische Fragestellungen werden im Kontext von Nachhaltigkeit aufgenommen. Das Narrativ des Wandels von der Raupe zum Schmetterling hat beispielsweise auch eine lange christliche Tradition. Diese ist sehr eindr&uuml;cklich sichtbar im Regensburger Di&ouml;zesanmuseum. Bei der Restaurierung eines stark verwitterten gotischen Holzkreuzes wurde am Hinterkopf des Gekreuzigten eine gr&uuml;ne Schnur bemerkt. Wenn man daran zog, &ouml;ffnete sich im Hinterkopf der Figur des Gekreuzigten ein Hohlraum. Darin lag ein Lederbeutel, der einen bunten Schmetterling, eine feuervergoldete Emailarbeit aus Silber, beinhaltete. Ein:e unbekannte:r K&uuml;nstler:in hat auf den Fl&uuml;geln des Schmetterlings die Kreuzigung Jesu dargestellt. Mit dem Schmetterling wird deutlich: der Tod ist nicht das Ende, aus dem Tod entsteht neues Leben. Der Gekreuzigte hatte im wahrsten Sinne des Wortes seine Auferweckung &bdquo;im Hinterkopf&ldquo;<span id="easy-footnote-53-14384" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/koordinaten-einer-transformativen-religioesen-bildung/#easy-footnote-bottom-53-14384" title="Renzikowski, 2017"><sup>53</sup></a></span>.</p>
<p>In der Transformationsforschung wird von der Sachverst&auml;ndigengruppe &bdquo;Weltwirtschaft und Sozialethik&ldquo; der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz bem&auml;ngelt, dass die kulturellen, und damit oftmals auch religi&ouml;s begr&uuml;ndeten Bedingungen des Wandels h&auml;ufig nicht mitbedacht w&uuml;rden<span id="easy-footnote-54-14384" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/koordinaten-einer-transformativen-religioesen-bildung/#easy-footnote-bottom-54-14384" title="Kommission der Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz, 2021, S. 12-13"><sup>54</sup></a></span>. Auf der Suche nach religi&ouml;sen Bildungssettings, die die Sehns&uuml;chte und Hoffnung der Menschen in der Welt von heute aufnimmt, ist es legitim, wenn nicht sogar geboten, auf bew&auml;hrte (Glaubens-)Traditionen zur&uuml;ckzugreifen<span id="easy-footnote-55-14384" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/koordinaten-einer-transformativen-religioesen-bildung/#easy-footnote-bottom-55-14384" title="Knapp, 2015"><sup>55</sup></a></span>.</p>
<p></p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Die Tradition liefert eine Grammatik zur Generierung immer wieder neuer Lesarten von Welt.</p></blockquote>Nicht von ungef&auml;hr kommt der Trend der DIY-Bewegung, also die R&uuml;ckkehr zu handwerklichen T&auml;tigkeiten und der R&uuml;ckzug ins Private, das unter den Stichw&ouml;rtern Cocooning oder Hygge verhandelt wird. Der Ruf und R&uuml;ckgriff auf Traditionen darf allerdings nicht unkritisch stattfinden. Es bedarf der Anpassung an die Bedingungen der Gegenwart, um fundamentalistische Engf&uuml;hrungen zu vermeiden. Mit Rudolf Englert ist darauf hinzuweisen, dass eine lebendige Tradition nicht ein &bdquo;Fundus ewiger Wahrheiten&ldquo;, sondern eher ein &bdquo;Instrumentarium zur Hervorbringung situationsangemessener Reaktion&ldquo; ist<span id="easy-footnote-56-14384" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/koordinaten-einer-transformativen-religioesen-bildung/#easy-footnote-bottom-56-14384" title="Englert, 2005, S. 69"><sup>56</sup></a></span>. Und Englert weiter: &bdquo;Die Tradition liefert eine Grammatik zur Generierung immer wieder neuer Lesarten von Welt.&ldquo;<span id="easy-footnote-57-14384" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/koordinaten-einer-transformativen-religioesen-bildung/#easy-footnote-bottom-57-14384" title="Englert, 2005, S. 69"><sup>57</sup></a></span>.
<p>Bew&auml;hrte kirchliche Bildungsorte haben sich bereits auf den Weg hin zu einer sozial-&ouml;kologischen Transformation gemacht. Insbesondere Kl&ouml;ster, kirchliche Bildungsh&auml;user und andere kirchliche Institutionen besinnen sich auf Altbew&auml;hrtes und steuern den kontinuierlichen Prozess einer Verbesserung im sozial-&ouml;kologischen Bereich durch die Standards des europ&auml;ischen Umweltmanagement- und Auditierungssystem EMAS bzw. EMAS+. Was diese Bildungsorte mit dem R&uuml;ckgriff auf Bew&auml;hrtes au&szlig;erdem auszeichnet, ist ein ganzheitlicher Ansatz, der ein entscheidender Katalysator f&uuml;r die sozial-&ouml;kologische Transformation von Institutionen und Systemen ist und hier als dritte Koordinate einer transformativen religi&ouml;sen Bildung entfaltet wird.</p>
<h2>Die transformierende Wirkung eines Whole Institution Approach</h2>
<p></p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Es geht bei der sozial-&ouml;kologischen Transformation auch um die Ausbildung von Haltungen.</p></blockquote>In der Bildungsforschung wird im Hinblick auf eine Bildung f&uuml;r nachhaltige Entwicklung (BNE) immer wieder auf die Wirksamkeit eines ganzheitlichen Ansatzes hingewiesen. Dabei wird von der UNESCO (Organisation der Vereinten Nationen f&uuml;r Bildung, Wissenschaft und Kultur) die Bedeutung eines Whole Institution Approachs betont. Es stehen f&uuml;r die verschiedenen Lernorte von der Kita bis zur Universit&auml;t Bildungsmaterialien zur Verf&uuml;gung. Bei der Beschreibung dieser ganzheitlichen Betrachtungsweise werden interdisziplin&auml;r die Erkenntnisse der Bezugswissenschaften P&auml;dagogik, Psychologie, Soziologie, &Ouml;konomie, Architektur oder auch Transformationswissenschaften aufgenommen. Sowohl Inhalte als auch Ziele und Methoden sollten so gew&auml;hlt werden, dass sie auf ein Handeln in komplexen Systemen vorbereiten. Wichtig ist dabei auch die Ausbildung einer Schulkultur, die Partizipation, Transparenz, Achtsamkeit und die individuellen Potentiale der Lernenden f&ouml;rdert. Gerade f&uuml;r die eingangs erw&auml;hnte Generation Z sind dies wichtige Bereiche. Es geht also bei der sozial-&ouml;kologischen Transformation auch um die Ausbildung von Haltungen. Wertsch&auml;tzung, Offenheit, Achtsamkeit werden im Sinne der Werteprim&auml;rerfahrung ausgebildet, wenn sich Wertediskurse in der eigenen Praxis widerspiegeln. Die transformierende Wirkung dieses ganzheitlichen Ansatzes kann beispielsweise auch an Universit&auml;ten beobachtet werden, wenn bei einer nachhaltigen Gestaltung die Handlungsfelder Governance, Forschung, Lehre, Campusmanagement, studentische Initiativen und Transfer gleicherma&szlig;en beachtet werden. In diesen Handlungsfeldern spiegelt sich die Grundaufgabe einer nachhaltigen universit&auml;ren Entwicklung wider. Die Durchg&auml;ngigkeit von nachhaltigen Prozessen in all diesen unterschiedlichen Feldern kann ein Kriterium sein, die eine Universit&auml;t als &bdquo;Institution mit einem weit fortgeschrittenen und weitreichenden Nachhaltigkeitsgesamtkonzept&ldquo;<span id="easy-footnote-58-14384" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/koordinaten-einer-transformativen-religioesen-bildung/#easy-footnote-bottom-58-14384" title="Lindau &amp;amp; Hemmer, 2022"><sup>58</sup></a></span> auszeichnet. Neben dem ganzheitlichen Ansatz in Institutionen spielen auch die beiden folgenden werteorientierten Bedingungen eine wichtige Rolle, die zum Gelingen von Transformationsprozessen beitragen.
<h2>Bedingungen gelingender Transformation: Freiheit und Wertsch&auml;tzung</h2>
<p></p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Freiheit wird sichtbar in einer &ouml;ffentlichen, gemeinsam geschaffenen Wirklichkeit.</p></blockquote>Eines der grundlegendsten Dinge der jesuanischen Botschaft ist die freie und gleiche W&uuml;rde aller Menschen. Bibliker:innen werden nicht m&uuml;de, hier auf die paulinische Tradition der vielf&auml;ltigen Charismen aller zu verweisen. Thomas S&ouml;ding bezeichnet insbesondere den Galaterbrief als &bdquo;die Magna Charta christlicher Freiheitslehre&ldquo;<span id="easy-footnote-59-14384" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/koordinaten-einer-transformativen-religioesen-bildung/#easy-footnote-bottom-59-14384" title="S&ouml;ding, 2015"><sup>59</sup></a></span>. In humanwissenschaftlicher Perspektive spielen Freiheitskonzepte ebenfalls eine entscheidende Rolle. Wenn Eva von Redecker, wie oben gesehen, auf die Notwendigkeit revolution&auml;rer Ver&auml;nderungen verweist, steht sie in der Tradition Hannah Arendts. Und Hannah Arendts Definition von Freiheit ist eine sehr konkrete und gesellschaftlich einladende: &bdquo;Diese &ouml;ffentliche Freiheit ist eine handfeste lebensweltliche Realit&auml;t, geschaffen von Menschen, um in der &Ouml;ffentlichkeit gemeinsam Freude zu haben &ndash; um von anderen gesehen, geh&ouml;rt, erkannt und erinnert zu werden. Und diese Art von Freiheit erfordert Gleichheit, sie ist nur unter seinesgleichen m&ouml;glich.&ldquo;<span id="easy-footnote-60-14384" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/koordinaten-einer-transformativen-religioesen-bildung/#easy-footnote-bottom-60-14384" title="Arendt, 2020"><sup>60</sup></a></span> Freiheit wird f&uuml;r Hannah Arendt sichtbar in einer &ouml;ffentlichen, gemeinsam geschaffenen Wirklichkeit. Sie bezieht sich dabei auf den Freiheitsbegriff von Immanuel Kant, der es als Freiheit ansieht &bdquo;von seiner Vernunft in allen St&uuml;cken &ouml;ffentlich Gebrauch zu machen&ldquo;<span id="easy-footnote-61-14384" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/koordinaten-einer-transformativen-religioesen-bildung/#easy-footnote-bottom-61-14384" title="Kant, 1964, S. 54"><sup>61</sup></a></span>. Zweck des Zusammenlebens ist es, gemeinsam Freude daran zu haben und sich gegenseitig zu ermutigen, zu best&auml;rken oder sich ggf. auch zu korrigieren. Sie beschreibt nichts anderes als ein Leben in einem &ouml;ffentlichen Raum, in dem es f&uuml;r alle m&ouml;glich ist, ohne Gewalt und ohne Angst vor Gef&auml;hrdung leben zu k&ouml;nnen.
<p>Dass die Angst, Schaden zu nehmen, nicht unbegr&uuml;ndet ist, zeigen zahlreiche gesellschaftliche und &ndash; wie hinl&auml;nglich bekannt &ndash; auch kirchliche Beispiele. Zu den besonders vulnerablen Gruppen z&auml;hlen Kinder und Jugendliche, Frauen, People of Color, Menschen mit Beeintr&auml;chtigungen, Gefl&uuml;chtete, nicht heterosexuelle Menschen und Menschen in ethnischen oder religi&ouml;sen Minderheiten<span id="easy-footnote-62-14384" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/koordinaten-einer-transformativen-religioesen-bildung/#easy-footnote-bottom-62-14384" title="Bundesministerium f&uuml;r wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, o.D."><sup>62</sup></a></span>.</p>
<p>Hier gilt es, eine Theologie der Freiheit zu etablieren. Eine solche fordert die Dogmatikerin Gunda Werner im Anschluss an Judith Butler und Michel Foucault. Nach Werner ist eine Theologie der Freiheit kreativ, performativ und kritisch<span id="easy-footnote-63-14384" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/koordinaten-einer-transformativen-religioesen-bildung/#easy-footnote-bottom-63-14384" title="Werner, 2021"><sup>63</sup></a></span>. Die meisten Inszenierungen der &bdquo;Letzten Generation&ldquo; k&ouml;nnen beispielsweise als kreativ, performativ und kritisch zugleich charakterisiert werden. Wichtig dabei ist, dass angstfrei agiert wird. Und genau das fordert Michael B&ouml;hnke in der biblischen Tradition der Parrhesia, n&auml;mlich Freimut: &bdquo;Freim&uuml;tig redet, wer seine Einstellung und Haltung offenlegt und sie nicht aus Angst vor Sanktionen unterdr&uuml;ckt oder verstellt.&ldquo;<span id="easy-footnote-64-14384" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/koordinaten-einer-transformativen-religioesen-bildung/#easy-footnote-bottom-64-14384" title="B&ouml;hnke, 2022"><sup>64</sup></a></span> Das biblische &bdquo;F&uuml;rchte dich nicht&ldquo; bedeutet also im Klartext, keine Angst zu haben vor nichts und niemandem.</p>
<p>Freimut macht nicht selten verwundbar. Religi&ouml;se Bildung, die auf eine sozial-&ouml;kologische Transformation zielt, nimmt die Verwundungen der menschlichen und mitmenschlichen Welt in den Blick. Die franz&ouml;sische Philosophin Corine Pelluchon, die ebenfalls eine wichtige Mitdenkerin der Transformationsbewegung ist, legte 2019 eine in deutscher &Uuml;bersetzung erschienene &bdquo;Ethik der Wertsch&auml;tzung&ldquo; vor<span id="easy-footnote-65-14384" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/koordinaten-einer-transformativen-religioesen-bildung/#easy-footnote-bottom-65-14384" title="Pelluchon, 2019"><sup>65</sup></a></span>. Darin benennt sie im Untertitel &bdquo;Tugenden f&uuml;r eine ungewisse Welt.&ldquo; Eine Tugend der Wertsch&auml;tzung erkennt den:die andere:n oder auch die Mitwelt in ihrem jeweiligen Eigenwert und wei&szlig; auch gleichzeitig um den Eigenwert der eigenen Person. Die eigene Verletzbarkeit, Br&uuml;chigkeit und Unzul&auml;nglichkeit wird dabei mitgedacht genauso wie auch bei Mitmensch und Mitwelt. Der, die oder das Andere wird damit zum Teil der eigenen Gestimmtheit<span id="easy-footnote-66-14384" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/koordinaten-einer-transformativen-religioesen-bildung/#easy-footnote-bottom-66-14384" title="Pelluchon, 2021"><sup>66</sup></a></span>. Es gibt viele Hinweise darauf, dass gerade im Bildungsalltag die Tugend der gegenseitigen Wertsch&auml;tzung noch ausbauf&auml;hig ist. Insbesondere Erzieher:innen und Lehrer:innen klagen h&auml;ufig dar&uuml;ber, dass ihre Arbeit selten wertgesch&auml;tzt wird. Auch die Akteur:innen der Letzten Generation f&uuml;hlen sich mit ihrem Anliegen i. d. R. wenig wertgesch&auml;tzt und wahrgenommen. In den verschiedenen politischen Systemen, wo ihr diese Wertsch&auml;tzung entgegengebracht wird, kann eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit der Einbindung aller Ressourcen stattfinden<span id="easy-footnote-67-14384" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/koordinaten-einer-transformativen-religioesen-bildung/#easy-footnote-bottom-67-14384" title="Eichler, Jeschke &amp;amp; Alt, 2023"><sup>67</sup></a></span>.</p>
<h2>Res&uuml;mee: Grundlinien einer transformativen religi&ouml;sen Bildung</h2>
<p>Nach den oben ausgef&uuml;hrten Darlegungen kann eine transformative religi&ouml;se Bildung zusammenfassend als ein christliches Bildungsverst&auml;ndnis charakterisiert werden, das ein radikales Umdenken in Freiheit mit Anerkennung der W&uuml;rde von Mensch und Mitwelt unter R&uuml;ckgriff auf bew&auml;hrte tragende Systeme in Angriff nimmt. Die Koordinaten, innerhalb derer sie sich ausspannt, liegen zwischen Revolution und dem Neu-Denken einerseits und dem R&uuml;ckgriff auf bew&auml;hrte kulturelle oder religi&ouml;se Traditionen andererseits. Wichtige Bedingungen von Transformation, n&auml;mlich Freiheit und Wertsch&auml;tzung werden idealerweise durch einen ganzheitlichen Ansatz im Sinne eines Whole Institution Approach gew&auml;hrt.</p>
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		<title>Transformation als Übungsweg</title>
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		<pubDate>Sun, 02 Aug 2026 21:14:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Jürgen Hardeck</dc:creator>
		
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				<description><![CDATA[Erich Fromms Weg „vom Haben zum Sein“ – 50 Jahre später In ihrem aktuellen Buch „Dieser Drang nach Härte. Über den neuen Faschismus“ prägt die Philosophin Eva von Redecker den Begriff Phantombesitz. Damit meint sie Phantasmen, die eine „Neuauflage überlebter Verfügungsansprüche“ darstellen. Gemeint sind Überidentifikationen zum Beispiel mit der Nation, der Familie, dem Volk, den ...]]></description>
					<content:encoded><![CDATA[<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.0 Transitional//EN" "http://www.w3.org/TR/REC-html40/loose.dtd">
<html><body><h2>Erich Fromms Weg &bdquo;vom Haben zum Sein&ldquo; &ndash; 50 Jahre sp&auml;ter</h2>
<p>In ihrem aktuellen Buch <em>&bdquo;Dieser Drang nach H&auml;rte. &Uuml;ber den neuen Faschismus&ldquo;</em><span id="easy-footnote-57-14392" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/transformation-als-uebungsweg/#easy-footnote-bottom-57-14392" title="von Redecker, Eva: Dieser Drang nach H&auml;rte. &Uuml;ber den neuen Faschismus. Frankfurt am Main 2026"><sup>57</sup></a></span> pr&auml;gt die Philosophin Eva von Redecker den Begriff <em>Phantombesitz</em>. Damit meint sie Phantasmen, die eine &bdquo;Neuauflage &uuml;berlebter Verf&uuml;gungsanspr&uuml;che&ldquo;<span id="easy-footnote-68-14392" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/transformation-als-uebungsweg/#easy-footnote-bottom-68-14392" title="Ebd., S. 19"><sup>68</sup></a></span> darstellen. Gemeint sind &Uuml;beridentifikationen zum Beispiel mit der Nation, der Familie, dem Volk, den Traditionen; auch das Recht auf Verbrennermotoren, &Ouml;l oder Gasheizungen, die gef&uuml;hlte Bedrohung der Meinungsfreiheit oder angeblich gestohlene Wahlen k&ouml;nnten gemeint sein. Dieses Klammern an reaktion&auml;re Illusionen an sich h&auml;lt sie nat&uuml;rlich noch nicht f&uuml;r faschistisch. Doch in vielen Menschen in den westlichen Wohlstandsgesellschaften h&auml;tten sich ein Groll, ein Hass auf die liberale Demokratie und ihre Vertreter:innen entwickelt, die mittlerweile ins Destruktive abgeglitten seien. Die beiden Soziolog:innen Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey haben in zahlreichen Interviews f&uuml;r Deutschland &Auml;hnliches herausgefunden.<span id="easy-footnote-69-14392" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/transformation-als-uebungsweg/#easy-footnote-bottom-69-14392" title="Amlinger, Carolin und Nachtwey, Oliver: Zerst&ouml;rungslust. Elemente des demokratischen Faschismus, Berlin 2025"><sup>69</sup></a></span></p>
<p>Ich will hier den beunruhigenden und doch weithin zutreffenden Thesen &uuml;ber den Charakter eines neuen, sich abzeichnenden Faschismus nicht einfach so folgen. Von Redecker beschreibt Faschismus als Bereitschaft zu einer &bdquo;liquidierende[n] Phantombesitzverteidigung&ldquo;, die sich als Opfer mit dem Recht zur Selbstverteidigung inszeniere.<span id="easy-footnote-70-14392" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/transformation-als-uebungsweg/#easy-footnote-bottom-70-14392" title="Von Redecker, Eva: Dieser Drang nach H&auml;rte, S. 21. Dies ist eine Gemeinsamkeit mit dem historischen Faschismus, der ansonsten in vielem anders ist als der gegenw&auml;rtige, so von Redecker."><sup>70</sup></a></span> Der Begriff Phantombesitz im Sinne einer Wahrnehmung eines irregeleiteten Verst&auml;ndnisses von Freiheit erinnert mich bei der Lekt&uuml;re an ein erfolgreiches, wenn auch oft missverstandenes, vor genau 50 Jahren erschienenes Buch des deutsch-j&uuml;disch-amerikanischen Sozialpsychologen Erich Fromm: <em>&bdquo;Haben oder Sein&ldquo;</em>. Schon damals wurde von Kritikern &uuml;ber dieses Buch f&auml;lschlich geurteilt, Fromm predige darin gegen Eigentum und Besitz, gegen das ganz nat&uuml;rliche Haben-Wollen und empfehle stattdessen Askese. Wer Fromms Biografie kennt, wei&szlig;, dass er zwar nie selbst stark an Geld und Besitz interessiert war und einen Gro&szlig;teil seines Verm&ouml;gens bereits zu Lebzeiten spendete. Und doch besa&szlig; er Eigentum und wusste die sch&ouml;nen Dinge des Lebens durchaus zu genie&szlig;en. Er war also keineswegs ein Asket &ndash; und empfahl dies auch anderen nicht.<span id="easy-footnote-71-14392" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/transformation-als-uebungsweg/#easy-footnote-bottom-71-14392" title="Siehe dazu Hardeck, J&uuml;rgen: Erich Fromm, Wiesbaden 2025"><sup>71</sup></a></span></p>
<p>Viele Kritiker verstanden Fromms psychoanalytisch gepr&auml;gte, sozialpsychologische Perspektive nicht. Fromm meinte mit Haben oder Sein &bdquo;zwei grunds&auml;tzliche Existenzweisen, zwei verschiedene Arten der Charakterstruktur, deren jeweilige Dominanz die Totalit&auml;t dessen bestimmt, was ein Mensch denkt, f&uuml;hlt und handelt. [&hellip;] In der Existenzweise des Habens ist die Beziehung zur Welt die des Besitzergreifens und Besitzens, eine Beziehung, in der sich jedermann und alles, mich selbst miteingeschlossen, zu meinem Besitz machen will. [Die] Existenzweise des Seins [&hellip;] bedeutet Lebendigkeit und authentische Bezogenheit zur Welt.&ldquo;<span id="easy-footnote-72-14392" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/transformation-als-uebungsweg/#easy-footnote-bottom-72-14392" title="Fromm, Erich: &bdquo;Haben oder Sein&ldquo;, 1976, GA II, S. 290"><sup>72</sup></a></span></p>
<p></p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Das Haben-Wollen kompensiert ein mangelndes Lebendig-Sein.</p></blockquote>Das, was Eva von Redecker heute Phantombesitz nennt, entspricht zu einem gro&szlig;en Teil dem, was Fromm damals Haben-Orientierung nannte. Das Haben-Wollen kompensiert ein mangelndes Lebendig-Sein. Und es ist, so seine Diagnose, in den westlichen Wohlstandsgesellschaften vor allem ein pathologischer Narzissmus, ein Gruppennarzissmus, der diese Entwicklung befeuert, die wir heute in voller Bl&uuml;te erleben. Es ist nicht die Wiederkehr des autorit&auml;ren Charakters als eines dominierenden Gesellschaftscharakters wie der Faschismus der ersten H&auml;lfte des 20. Jahrhunderts.
<p>Erich Fromm war der Ansicht: Ohne eine Politik und eine Wirtschaft, die f&uuml;r eine gerechtere, partizipativere Gesellschaft sorgen, werde es vielen Menschen nicht m&ouml;glich sein, die Tendenz zum Sein gegen&uuml;ber der zum Haben in ihnen selbst zu st&auml;rken. Soweit bestimmt das Sein nicht nur das Bewusstsein (Marx), sondern vor allem auch das Unbewusste. Deshalb machte er dazu in &bdquo;Haben oder Sein&ldquo; zahlreiche vern&uuml;nftige, wenn auch &ndash; f&uuml;r eine kapitalistische Gesellschaft &ndash; teilweise radikale Vorschl&auml;ge. Vorschl&auml;ge die durchaus rechtsstaatlich, marktwirtschaftlich und demokratisch sind, aber das Gegenteil von neoliberal. Zum Beispiel die Einschr&auml;nkung von Konzernleitung und Aktion&auml;ren, sich nur an kurzfristigen Gewinnen zu orientieren oder auch das Verbot aller Methoden der Massenmanipulation in kommerzieller und politischer Werbung &ndash; oder auch den Abbau von allen offenen und heimlichen Bedingungen, die die wirkliche Gleichberechtigung von Frauen verhindern. (Dabei sind wir in Europa doch ein St&uuml;ck vorangekommen.) Seine diesbez&uuml;glichen Ideen sollen hier aber nicht das Thema sein. Ich empfehle, das Buch (noch einmal?) zu lesen. Fromm ging es immer um beides: Um eine positive Ver&auml;nderung der Gesellschaft in Reformschritten und die Weiterentwicklung des Individuums in einem Prozess des &Uuml;bens und der Selbsterkenntnis. Auf diesen Aspekt von Transformation m&ouml;chte ich im Folgenden zu sprechen kommen.</p>
<p>Dazu sollte man zun&auml;chst wissen, dass Fromm einen Teil des urspr&uuml;nglichen Manuskriptes, der sich ausschlie&szlig;lich mit praktischen Schritten zu einer individuellen inneren Transformation besch&auml;ftigt, damals nicht drucken lie&szlig;. Aus seinem Nachlass hat sein ehemaliger Assistent Rainer Funk diesen Teil 1989 erstmals ver&ouml;ffentlicht, der sich seit 1999 auch in Band 12 der Fromm-Gesamtausgabe findet.</p>
<p></p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Es handelt sich um einen langen, zum Teil auch angstbesetzten Prozess.</p></blockquote>Fromm warnte in all seinen Werken vor verschiedenen Formen von Abh&auml;ngigkeit, in die wir als Freigelassene der Evolution, d. h. als nicht ausschlie&szlig;lich von Instinkten gesteuerte Wesen, wie das Tier, immer wieder geraten bzw. geraten k&ouml;nnen. Um Zufriedenheit und Lebensfreude in Freiheit erreichen zu k&ouml;nnen, muss sich der Mensch zu allen Zeiten immer wieder aus der Gefahr, die in alten und neuen Abh&auml;ngigkeitsm&ouml;glichkeiten besteht, befreien und eine gelungene Beziehung zwischen sich und seinen Mitmenschen und der Natur herzustellen versuchen. Dazu ben&ouml;tigt er zum einen Methoden der Selbsterkenntnis und Selbsterfahrung und zum anderen den Willen zur Ver&auml;nderung und eine aktive Zuwendung zur lebendigen Welt. Es handelt sich um einen langen, zum Teil auch angstbesetzten Prozess. Mit einem Beispiel aus Fromms eigenen Erfahrungen sei dies verdeutlicht. Er schreibt damals: &bdquo;In der buddhistischen Meditation habe ich eine einfache, nicht mystifizierende und nicht-suggestive Meditationsform gefunden, die bezweckt, den Menschen n&auml;her zum buddhistischen Ziel der &Uuml;berwindung von Gier, Hass und Selbstt&auml;uschung zu f&uuml;hren.&ldquo;<span id="easy-footnote-73-14392" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/transformation-als-uebungsweg/#easy-footnote-bottom-73-14392" title="Ebd., S. 429"><sup>73</sup></a></span> Dieses Ziel war es, das Fromm besonders interessierte, auch wenn er die Welt- und Menschenbilder in denen sie entstanden sind wie das hinduistische, aus dem das Yoga stammt, oder das ihm besser bekannte buddhistische nicht teilte.
<p>Er hatte bereits Erfahrungen mit westlichen psychosomatischen Methoden gemacht, bevor er zun&auml;chst den Zen-Buddhismus durch die pers&ouml;nliche Bekanntschaft mit dem bedeutenden japanischen Zen-Vermittler Daisetsu Teitaro Suzuki (1870-1966) und dann &ndash; schon in fortgeschrittenem Alter &ndash; durch den auf Ceylon (heute Sri Lanka) lebenden deutschst&auml;mmigen M&ouml;nch Nyanaponika Mahathera auch den klassischen Buddhismus kennenlernte. Fromm war zwar ein unabh&auml;ngiger Geist, orientierte sich jedoch immer auch an pers&ouml;nlichen Vorbildern: Es komme darauf an, die richtigen Vorbilder zu haben, nicht: keine Vorbilder, so wie es auch darauf ankomme, nicht keine Autorit&auml;t, sondern eine rational verantwortete Autorit&auml;t zu akzeptieren. In <em>Haben oder Sein</em> schildert er, was er von Nyanaponika Mahathera, gelernt hatte, dem Autor des Klassikers <em>Geistestraining durch Achtsamkeit</em> (orig. 1950, dt. Konstanz 1970), durch den dieser mittlerweile etwas &uuml;berstrapazierte Begriff Achtsamkeit vor mehr als 50 Jahren auch im deutschsprachigen Raum bekannt und popul&auml;r wurde.</p>
<p>Die Methode der Achtsamkeit, um die es bei ihm geht, ist &uuml;brigens weitgehend die gleiche, die auch der Historiker Yuval Harari empfiehlt und praktiziert. Harari, der Meditation keineswegs f&uuml;r &bdquo;eine Art Zauberformel zur L&ouml;sung s&auml;mtlicher Probleme auf dieser Welt&ldquo;<span id="easy-footnote-74-14392" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/transformation-als-uebungsweg/#easy-footnote-bottom-74-14392" title="Harari, Yuval Noah: 21 Lektionen f&uuml;r das 21. Jahrhundert, 3. Aufl. 2019, S. 478"><sup>74</sup></a></span> h&auml;lt, berichtet, dass er dadurch mehr &uuml;ber sich selbst, seinen Geist und die Realit&auml;t gelernt habe als durch alles andere in seinem Leben. Fromm wie Harari schildern, dass es diese &Uuml;bungen seien, in denen es vor allem um Atem&uuml;bungen gehe, die die Aufmerksamkeit auf das zur&uuml;ckf&uuml;hrten, was wir wirklich empf&auml;nden und wahrn&auml;hmen. Dies habe zur Folge, dass wir uns und die Welt realistischer, objektiver wahrn&auml;hmen, weil wir nicht mehr st&auml;ndig von Illusionen, &Auml;ngsten und Sorgen, Sehns&uuml;chten, Erinnerungen und Pl&auml;nen abgelenkt w&uuml;rden. Genau dies empfiehlt Fromm schon in seinem Haben oder Sein-Manuskript Mitte der siebziger Jahre. Es sei geradezu ein wesentliches Kennzeichen des pathologischen Narzissmus, so Fromm, dass er eine realistische Selbst-, Fremd- und Weltwahrnehmung gar nicht (mehr) m&ouml;glich mache. Dies erkl&auml;rt Fromm auch schon in <em>Die Seele des Menschen</em> (1964), wo er schreibt: &bdquo;Ziel des Menschen ist es, seinen Narzissmus zu &uuml;berwinden. Nirgends vielleicht kommt dieser Grundsatz radikaler zum Ausdruck als im Buddhismus. [&hellip;] Nur wenn der Mensch sich von der Illusion seines unzerst&ouml;rbaren Ichs freimacht, nur wenn er sie mit anderen Objekten seiner Gier fallen lassen kann, nur dann kann er sich der Welt &ouml;ffnen und ganz zu ihr in Beziehung treten. Psychologisch ist dieser Prozess des v&ouml;lligen Wachwerdens identisch mit der Abl&ouml;sung des Narzissmus durch die Bezogenheit auf die Welt.&ldquo;<span id="easy-footnote-75-14392" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/transformation-als-uebungsweg/#easy-footnote-bottom-75-14392" title="Fromm, Erich: Die Seele des Menschen (1964), Gesamtausgabe Band II, S. 219"><sup>75</sup></a></span></p>
<p></p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Weisheit w&auml;re schon viel, erg&auml;nzend zu Wahrheit und Wissenschaft.</p></blockquote>Positiv ausgedr&uuml;ckt hat Fromm damit den Buddhismus vom Kopf auf die F&uuml;&szlig;e gestellt, wie Marx es mit Hegel tat. Denn dass der buddhistische Weg statt auf ein anderes Sein (im ontologischen Sinne) &bdquo;nur&ldquo; auf ein anderes Dasein bzw. Selbst-Sein gerichtet ist, ist eine moderne humanistische Sichtweise &ndash; wahrscheinlich aber auch die einzig m&ouml;gliche, wenn man nicht an eine jenseitige Wirklichkeit glaubt. Die meditativen Techniken dienten in den Systemen, aus denen sie stammen, zur Vorbereitung auf das Eigentliche. Und sie sollten selbst erst begonnen werden, wenn man ethisch bereit und w&uuml;rdig sei, sie auszu&uuml;ben. Das ist &ndash; Ausnahmen best&auml;tigen die Regel &ndash; verlorengegangen. Selbstverst&auml;ndlich gibt es auch heute noch Menschen, die nach Erleuchtung streben, insgesamt ist man aber doch eher bescheidener geworden. Weisheit w&auml;re schon viel, erg&auml;nzend zu Wahrheit und Wissenschaft.
<p>Inzwischen aber werden gerade Wahrheit und Wissenschaft negiert bzw. bedroht. Und zwar nicht vor allem von Menschen mit einer autorit&auml;ren Charakterstruktur, wie sie Erich Fromm in den drei&szlig;iger Jahren schon am Institut f&uuml;r Sozialforschung beschrieben hat.<span id="easy-footnote-76-14392" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/transformation-als-uebungsweg/#easy-footnote-bottom-76-14392" title="Fromm, Erich: Sozialpsychologischer Teil. In: Studien &uuml;ber Autorit&auml;t und Familie. Forschungsberichte aus dem Institut f&uuml;r Sozialforschung. Alcan, Paris 1936; Erich Fromm: Escape from Freedom. New York 1941, dt. Ausgabe Die Furcht vor der Freiheit. Z&uuml;rich 1945, neue &Uuml;bersetzung Frankfurt a.&nbsp;M. 1983; sp&auml;ter Theodor W. Adorno, Else Frenkel-Brunswik, Daniel J. Levinson, R. Nevitt-Sanford: The Authoritarian Personality. Harper und Brothers, New York 1950."><sup>76</sup></a></span> Sondern durch &bdquo;eine passive Form des Narzissmus [&hellip;], bei der viele Menschen ihr defizit&auml;res Selbst- und Identit&auml;tserleben dadurch kompensieren, dass sie sich mit einer narzisstischen Person, Idee, Organisation, Institution oder Gruppierung identifizieren, um sich in der Identifizierung mit fantasierter Gro&szlig;artigkeit selbst gro&szlig;artig erleben zu k&ouml;nnen.&ldquo;<span id="easy-footnote-77-14392" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/transformation-als-uebungsweg/#easy-footnote-bottom-77-14392" title="Funk, Rainer: Psychodynamiken gegenw&auml;rtiger Macht- und Gewaltaus&uuml;bung. Sozialpsychologische Erkenntnisse nach Erich Fromm, unver&ouml;ffentlichtes Manuskript des Vortrags beim Online-Symposium der C. G. Jung Gesellschaft Stuttgart zum Thema &bdquo;Zeitgeist. Ist &sbquo;autorit&auml;r&lsquo; wieder attraktiv?&ldquo; am Samstag, 29. November 2025, S. 4."><sup>77</sup></a></span> Lebende Beispiele aus Politik und Wirtschaft, nicht nur in Amerika, k&ouml;nnen hier direkt als Anschauung dienen. Rainer Funk, der wohl beste Kenner von Fromms Werk, erg&auml;nzt: &bdquo;Sicherlich gibt es noch immer autorit&auml;re Gruppierungen und Personen [&hellip;] Auch kann nicht bezweifelt werden, dass es in den ehemals sozialistischen Staaten Mittelosteuropas noch starke autorit&auml;re Residuen gibt (vgl. Jecker 2025). [&hellip;] Und doch geht es mehrheitlich um eine andere als eine autorit&auml;re emotionale Situation, wenn man America first und die nationalistischen Bewegungen in den westeurop&auml;ischen L&auml;ndern psychologisch verstehen will.&ldquo;<span id="easy-footnote-78-14392" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/transformation-als-uebungsweg/#easy-footnote-bottom-78-14392" title="Ebd., S. 3. &ndash; Eva von Redecker kommt selbst diesen Erkenntnissen stellenweise schon sehr nahe, bleibt dann aber zu einseitig dabei, alles aus dem &bdquo;autorit&auml;ren Charakter&ldquo; in der Interpretation Adornos erkl&auml;ren zu wollen."><sup>78</sup></a></span></p>
<p></p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Der Geist des &Uuml;bens an der Selbstverbesserung ist der K&ouml;nigsweg f&uuml;r jeden einzelnen.</p></blockquote>Wissenschaftler haben w&auml;hrend der Meditation die Aktivit&auml;ten im Gehirn gemessen und stellen fest, welche Zentren dort aktiv sind und welche nicht. Durch regelm&auml;&szlig;ige und tiefe Meditation komme es nach wenigen Jahren schon zu Ver&auml;nderungen im Gehirn; Konzentrationsf&auml;higkeit, innere Ruhe und Empathief&auml;higkeit n&auml;hmen zu.<span id="easy-footnote-79-14392" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/transformation-als-uebungsweg/#easy-footnote-bottom-79-14392" title="Vgl. Ott, Ulrich: Spiritualit&auml;t f&uuml;r Skeptiker, M&uuml;nchen 2021"><sup>79</sup></a></span> &mdash; Aber ist dadurch eine weitergehende Transformation im Sinne Erich Fromms, ein Charakterwandel, realistischerweise erreichbar? &mdash; Raus aus dem &bdquo;Egotunnel&ldquo;<span id="easy-footnote-80-14392" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/transformation-als-uebungsweg/#easy-footnote-bottom-80-14392" title="Vgl. Metzinger, Thomas: Der Ego-Tunnel. Eine neue Philosophie des Selbst. Von der Hirnforschung zur Bewusstseinsethik. Aus dem Englischen von Thomas Metzinger und Thorsten Schmidt. Berlin: Berlin Verlag 2009. &mdash; Der Philosoph Metzinger sprach in einem 2010 in Berlin gehaltenen Vortrag von einer philosophisch verantworteten Spiritualit&auml;t, die dem Prinzip der intellektuellen Redlichkeit folgt, um Irrtum und Selbstt&auml;uschungen zu vermeiden."><sup>80</sup></a></span> &ndash; das kann so sein, muss es aber nicht zwingend. Es hat sich gezeigt, dass manche gerade durch die Pflege solcher Techniken in eine Haltung der &Uuml;berheblichkeit oder &uuml;bergro&szlig;er Selbstbezogenheit geraten. Dennoch bin auch ich, wie Erich Fromm oder gegenw&auml;rtig z. B. Peter Sloterdijk<span id="easy-footnote-81-14392" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/transformation-als-uebungsweg/#easy-footnote-bottom-81-14392" title="Vgl. Sloterdijk, Peter: Du mu&szlig;t dein Leben &auml;ndern, Frankfurt/Main 2009"><sup>81</sup></a></span>, davon &uuml;berzeugt, dass der Geist des &Uuml;bens an der Selbstverbesserung (nicht am Irrweg der Selbstoptimierung!) der K&ouml;nigsweg f&uuml;r jeden einzelnen ist &mdash; und dies zu jeder Zeit.
</body></html>
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		<title>Zwischen Glauben und Gleichgültigkeit</title>
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		<pubDate>Tue, 04 Aug 2026 20:11:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Maximilian Jan Heuvelmann</dc:creator>
		
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				<description><![CDATA[„Gott ist die uninteressanteste Antwort auf die interessantesten Fragen.“ Dieser Satz aus Hernan Diaz‘ Roman „Treue“ macht meines Erachtens deutlich, worin ein Problem für die Kirche in der Gegenwart besteht. Sie wird noch dadurch verschärft, dass viele Menschen eine mögliche Antwort auf Fragen des eigenen Lebens gar nicht mehr mit Gott in Verbindung bringen. Die Gottesfrage steht selbst zur Disposition. ]]></description>
					<content:encoded><![CDATA[<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.0 Transitional//EN" "http://www.w3.org/TR/REC-html40/loose.dtd">
<html><body><h2>Gott &ndash; nach dem Abbruch der Korrelation</h2>
<p>&bdquo;Gott ist die uninteressanteste Antwort auf die interessantesten Fragen.&ldquo;<span id="easy-footnote-82-14398" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/zwischen-glauben-und-gleichgueltigkeit/#easy-footnote-bottom-82-14398" title="DIAZ, Hernan, Treue, Berlin 2022, 406."><sup>82</sup></a></span> Dieser Satz aus Hernan Diaz&lsquo; Roman &bdquo;Treue&ldquo; macht meines Erachtens deutlich, worin ein Problem f&uuml;r die Kirche in der Gegenwart besteht. Sie wird noch dadurch versch&auml;rft, dass viele Menschen eine m&ouml;gliche Antwort auf Fragen des eigenen Lebens gar nicht mehr mit Gott in Verbindung bringen. Die Gottesfrage steht selbst zur Disposition. Es gibt keine Garantien daf&uuml;r, dass existenzielle Fragen des Menschseins mit Gott in Verbindung gebracht werden oder dass Gott eine &bdquo;passende&ldquo; Antwort auf eine m&ouml;gliche Frage darstellt. Gerade im Hinblick auf religi&ouml;se Indifferenz versch&auml;rft sich diese Problemlage deutlich. Der Theologe Tiemo Rainer Peters fragt nachdr&uuml;cklich: &bdquo;Machen die Christen mit ihrem Erl&ouml;sungsglauben ein Angebot, dem heute keine Nachfrage mehr entspricht?&ldquo;<span id="easy-footnote-83-14398" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/zwischen-glauben-und-gleichgueltigkeit/#easy-footnote-bottom-83-14398" title="PETERS, Tiemo Rainer, Entleerte Geheimnisse. Die Kostbarkeit des christlichen Glaubens, Ostfildern &sup2;2017, 40."><sup>83</sup></a></span> In diesem Zitat wird deutlich, dass der christliche Glaube ein (Sinn-)Angebot darstellt, das gew&auml;hlt oder nicht gew&auml;hlt werden kann.</p>
<h2>Kl&auml;rungen des Begriffs &bdquo;Glauben&ldquo; &ndash; oder: auf dem Weg zur Korrelation</h2>
<p></p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Die Gottesfrage steht selbst zur Disposition.</p></blockquote>Um zu zeigen, dass die Gottesfrage selbst zur Disposition steht, lohnt sich zun&auml;chst ein Blick in den &bdquo;Methodenkasten&ldquo; der Theologie. Eine schmerzliche Erfahrung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der Pastoral besteht darin, dass pastorale Angebote immer seltener gew&auml;hlt werden und, selbst wenn sie angenommen werden, f&uuml;hren diese kaum noch zu einer dauerhaften Bindung an die Kirche. Dieser Befund hat zwei Seiten. Erstens wird heute immer noch implizit oder explizit eine Korrelation bem&uuml;ht, die darauf abzielt, dass Menschen Fragen haben und Antworten im Raum der Kirche und der Theologie suchen. Zweitens zeigt sich, ausgehend von verschiedenen religionssoziologischen Befunden und der Problematik der religi&ouml;sen Indifferenz, dass korrelative Herangehensweisen nicht mehr greifen.
<p>Die Korrelationsmethode nimmt ihren Ausgang beim evangelischen Theologen Paul Tillich, der herauszuarbeiten versucht, wie das Evangelium mit den verschiedenen Lebenswelten der Menschen in einen Zusammenhang gebracht werden kann. Paul Tillich legt dazu eine formale Definition des Begriffs &bdquo;Glauben&ldquo; vor, indem er konstatiert: &bdquo;Glaube ist der Zustand letztg&uuml;ltigen Ergriffenseins.&ldquo;<span id="easy-footnote-84-14398" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/zwischen-glauben-und-gleichgueltigkeit/#easy-footnote-bottom-84-14398" title="TILLICH, Paul, Dynamik des Glaubens. (Neu &uuml;bersetzt, eingeleitet und mit einem Kommentar versehen von Werner Sch&uuml;&szlig;ler), Berlin 2020, 14."><sup>84</sup></a></span> Diese Feststellung hat Auswirkungen auf das gesamte Sein des Menschen: &bdquo;Ein Glaubensakt ist ein Akt eines endlichen Wesens, das vom Unendlichen ergriffen und zu diesem hingelenkt wird.&ldquo;<span id="easy-footnote-85-14398" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/zwischen-glauben-und-gleichgueltigkeit/#easy-footnote-bottom-85-14398" title="Ebd., 23."><sup>85</sup></a></span> Den Glaubensakt versteht er als Akt eines kontingenten, begrenzten Seins, in dem das Unendliche an den Grenzen dieses Aktes aufscheint. Mit dem Akt des Glaubens wird die Schwelle zur Transzendenz und zur Heiligkeit &uuml;berschritten. Dieser &Uuml;bertritt und die Offenheit f&uuml;r das G&ouml;ttliche, die diesem Akt innewohnen, sind f&uuml;r Paul Tillich der Inhalt des &sbquo;ultimate concern&lsquo;.<span id="easy-footnote-86-14398" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/zwischen-glauben-und-gleichgueltigkeit/#easy-footnote-bottom-86-14398" title="Vgl., ebd., 21."><sup>86</sup></a></span></p>
<p>In der Konzeption Tillichs wird der Zweifel des endlichen Menschen am Glauben mitbedacht. Charakteristisch f&uuml;r den Glaubensakt ist, dass es sich um einen existenziellen Akt des Wagnisses und des Mutes handelt. Tillich schreibt: &bdquo;&sbquo;Ultimate concern&lsquo; bedeutet letztg&uuml;ltiges Wagnis und letztg&uuml;ltiger Mut. Er ist kein Wagnis und bedarf keines Mutes in Bezug auf die Letztg&uuml;ltigkeit selbst. Aber er ist ein Wagnis und erfordert Mut, wenn er ein konkretes Anliegen bejaht.&ldquo;<span id="easy-footnote-87-14398" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/zwischen-glauben-und-gleichgueltigkeit/#easy-footnote-bottom-87-14398" title="Ebd., 24f."><sup>87</sup></a></span> Ausgehend von den Zweifeln des endlichen Menschen wird deutlich, worin die Sch&auml;rfung des Begriffs des Glaubens bei Paul Tillich besteht. Er schreibt:</p>
<blockquote><p>All dies kommt im Verh&auml;ltnis von Glaube und Zweifel deutlich zum Ausdruck. Wenn Glaube als F&uuml;r-wahr-Halten (belief) verstanden wird, dann ist der Zweifel mit dem Akt des Glaubens unvereinbar. Wenn Glaube verstanden wird als letztg&uuml;ltiges Ergriffensein (being ultimately concerned), ist Zweifel ein notwendiges Element in ihm. Er ist Folge des Glaubenswagnisses.<span id="easy-footnote-88-14398" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/zwischen-glauben-und-gleichgueltigkeit/#easy-footnote-bottom-88-14398" title="Ebd., 25."><sup>88</sup></a></span></p></blockquote>
<p></p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Glaube ist der Zustand letztg&uuml;ltigen Ergriffenseins.</p></blockquote>Glauben ist also &ndash; im Sinne Tillichs &ndash; nicht etwas, das lediglich f&uuml;r wahr gehalten wird, sondern etwas, das existenziell begriffen und angenommen werden muss. F&uuml;r ihn bedeutet es &bdquo;Partizipation mit dem gesamten Sein am Gegenstand des &sbquo;ultimate concern&lsquo;&ldquo;<span id="easy-footnote-89-14398" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/zwischen-glauben-und-gleichgueltigkeit/#easy-footnote-bottom-89-14398" title="Ebd., 34."><sup>89</sup></a></span>. Folglich ergibt sich daraus, dass &bdquo;die Gewissheit des Glaubens &sbquo;existentiell&lsquo; [ist, M. H.], was bedeutet, dass die ganze Existenz des Menschen daran beteiligt ist.&ldquo;<span id="easy-footnote-90-14398" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/zwischen-glauben-und-gleichgueltigkeit/#easy-footnote-bottom-90-14398" title="Ebd., 36."><sup>90</sup></a></span>
<p>Die &Uuml;berlegungen machen bis hierher deutlich, dass Paul Tillich unter dem Begriff des Glaubens ein &sbquo;letztg&uuml;ltiges Ergriffensein&lsquo; versteht. Dies ist ein notwendiger Schritt, um im Folgenden besser zu verstehen, welchen Zusammenhang Paul Tillich mit der Korrelationsmethode abzubilden versucht. Tillich konstatiert: &bdquo;Die Methode der Korrelation erkl&auml;rt die Inhalte des christlichen Glaubens durch existentielles Fragen und theologisches Antworten in wechselseitiger Abh&auml;ngigkeit.&ldquo;<span id="easy-footnote-91-14398" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/zwischen-glauben-und-gleichgueltigkeit/#easy-footnote-bottom-91-14398" title="TILLICH, Paul, Systematische Theologie I-II, (Studienausgabe), Berlin 2017, 65."><sup>91</sup></a></span> Hierin ist die Aufgabe der Theologie benannt, die sich f&uuml;r Paul Tillich folgenderma&szlig;en darstellt:</p>
<blockquote><p>Die Theologie formuliert die in der menschlichen Existenz beschlossenen Fragen, und die Theologie formuliert die in der g&ouml;ttlichen Selbstbekundung liegenden Antworten in Richtung der Fragen, die in der menschlichen Existenz liegen.<span id="easy-footnote-92-14398" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/zwischen-glauben-und-gleichgueltigkeit/#easy-footnote-bottom-92-14398" title="Ebd., 66."><sup>92</sup></a></span></p></blockquote>
<p></p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Heute erleben wir, dass die Kontingenzbew&auml;ltigung nicht automatisch zur Gottesfrage f&uuml;hrt.</p></blockquote>Ausgehend von den Problemen, die sich durch die religi&ouml;se Indifferenz ergeben, steht die Korrelationsmethode unter Druck. Stellen Menschen mit einer indifferenten Haltung heute noch existenzielle Fragen? Hinterfragen sie ihr eigenes Leben? Stellen sie grunds&auml;tzlich die Frage nach Gott und nach Sinn? Unter Indifferenz ist hier zu verstehen, dass es sich dabei um eine &bdquo;Haltung der Unbestimmtheit entweder gegen&uuml;ber dem Religi&ouml;sen oder einer religi&ouml;sen Repr&auml;sentation&ldquo; handelt.<span id="easy-footnote-93-14398" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/zwischen-glauben-und-gleichgueltigkeit/#easy-footnote-bottom-93-14398" title="H&Ouml;RSCH, Daniel, Das Ph&auml;nomen des &bdquo;homo indifferenz&ldquo;. Sozialwissenschaftliche Ann&auml;herungen, in: POMPE, Hans-Hermann und H&ouml;rsch, Daniel, Indifferent? Ich bin normal. Indifferenz als Irritation f&uuml;r kirchliches Denken und Handeln (Kirche im Aufbruch, Bd. 23), Leipzig 2017, 73&ndash;85, hier: 83."><sup>93</sup></a></span> Die Frage-Antwort-Korrelation gewinnt f&uuml;r Tillich an Bedeutung, da sie die Kontingenz des Menschen zum methodischen Ausgangspunkt macht.<span id="easy-footnote-94-14398" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/zwischen-glauben-und-gleichgueltigkeit/#easy-footnote-bottom-94-14398" title="Vgl. TILLICH, Paul, Systematische Theologie I-II, (Studienausgabe), Berlin 2017, 66."><sup>94</sup></a></span> Heute erleben wir, dass die Kontingenzbew&auml;ltigung nicht automatisch zur Gottesfrage f&uuml;hrt, denn die Sinnstiftungsoptionen gibt es heute zahlreich. An dieser Stelle sei z. B. auf eine s&auml;kulare Feierkultur hingewiesen.<span id="easy-footnote-95-14398" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/zwischen-glauben-und-gleichgueltigkeit/#easy-footnote-bottom-95-14398" title="Vgl. HEUVELMANN, Maximilian, Parookaville &ndash; oder: Von Orten s&auml;kularer Sinnerfahrung, in: https://www.feinschwarz.net/parookaville-oder-von-orten-saekularer-sinnerfahrung/ [Abruf am: 26.09.2025]"><sup>95</sup></a></span>
<h2>Edward Schillebeeckx und der Erfahrungsbezug des Glaubens</h2>
<p>Zu den ersten Rezipienten der Korrelationsmethode in der katholischen Theologie geh&ouml;rte der belgisch-niederl&auml;ndische Theologe Edward Schillebeeckx OP. Seine Herangehensweise an die Korrelationsmethode ist gepr&auml;gt von den Zeitumst&auml;nden, in denen er lebt. Wir befinden uns hier in den sp&auml;ten 1960er-Jahren. Zun&auml;chst versucht er die Bedingungen freizulegen, unter denen die Gottesfrage an sich eine sinnvolle Frage ist. Schillebeeckx konstatiert: &bdquo;Ist die Gottesfrage selbst eine ernste Frage, ist sie wirklich sinnvoll, und wenn ja, unter welchen Bedingungen?&ldquo;<span id="easy-footnote-96-14398" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/zwischen-glauben-und-gleichgueltigkeit/#easy-footnote-bottom-96-14398" title="SCHILLEBEECKX, Edward, Glaubensinterpretation. Beitr&auml;ge zu einer hermeneutischen und kritischen Theologie, Mainz 1971, 84."><sup>96</sup></a></span> Daf&uuml;r stellt Edward Schillebeeckx die Wichtigkeit von Erfahrungen in das Zentrum seiner &Uuml;berlegungen. Erfahrungen von Sinn und Unsinn werden bereits gemacht, bevor sie m&ouml;glicherweise religi&ouml;s interpretiert werden. Dazu f&uuml;hrt Schillebeeckx aus:</p>
<blockquote><p>Zu einer menschlichen Lebensfrage geh&ouml;rt korrelativ in erster Linie allein eine menschlich-sinnvolle Antwort; eine Frage, die der Mensch stellt, wird allein der Mensch selbst sinnvoll beantworten m&uuml;ssen, bevor er ein eventuell transzendentes, g&ouml;ttliches Offenbarungswort verstehen kann. Das Christentum kann nicht direkt eine Antwort auf eine menschliche Frage geben.<span id="easy-footnote-97-14398" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/zwischen-glauben-und-gleichgueltigkeit/#easy-footnote-bottom-97-14398" title="Ebd., 94 f. (Hervorhebung dort.)"><sup>97</sup></a></span></p></blockquote>
<p>Schillebeeckx legt hier die Grundbedingung frei, unter der der Mensch m&ouml;glicherweise eine religi&ouml;se Frage stellt. Die Grundbedingung zeigt sich in Form einer &bdquo;negativen Dialektik&ldquo;<span id="easy-footnote-98-14398" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/zwischen-glauben-und-gleichgueltigkeit/#easy-footnote-bottom-98-14398" title="Ebd., 97."><sup>98</sup></a></span>, die sich in dem &bdquo;Widerstand gegen die Bedrohung des Menschseins&ldquo; konkretisiert.<span id="easy-footnote-99-14398" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/zwischen-glauben-und-gleichgueltigkeit/#easy-footnote-bottom-99-14398" title="Ebd."><sup>99</sup></a></span> F&uuml;r Schillebeeckx ergibt sich aus der &sbquo;negativen Dialektik&lsquo; eine Vorerfahrung, die alle Menschen machen: Sie lehnen sich gegen Unrecht auf.<span id="easy-footnote-100-14398" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/zwischen-glauben-und-gleichgueltigkeit/#easy-footnote-bottom-100-14398" title="Vgl. ebd."><sup>100</sup></a></span> Die menschlichen Erfahrungen haben Vorrang, sobald es darum geht, dass die Menschen sich gegen den &sbquo;Unsinn&lsquo; der Welt stellen:</p>
<blockquote><p>Der in der Welt trotz allem nach Sinn suchende Mensch stellt eine Frage, und diese mu&szlig; er somit auch selbst zuerst beantworten. Seine Antwort l&auml;&szlig;t etwas von dem Wunder des menschlichen Daseins durchschimmern, n&auml;mlich da&szlig; der Mensch trotz allem G&uuml;te realisieren will und da&szlig; er, [&hellip;] dennoch weiter vertraut, da&szlig; das Gute sich durchsetzen wird, und da&szlig; er sich daf&uuml;r einsetzt.<span id="easy-footnote-101-14398" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/zwischen-glauben-und-gleichgueltigkeit/#easy-footnote-bottom-101-14398" title="Ebd., 108."><sup>101</sup></a></span></p></blockquote>
<p>Sp&auml;ter wird dieser Gedanke bei Schillebeeckx als &bdquo;negative Kontrasterfahrung&ldquo; zu finden sein. F&uuml;r die gegenw&auml;rtige Theologie und viele pastorale Problemstellungen ist damit ein Horizont aufgezeigt, von dem her die Gottesfrage m&ouml;glicherweise wieder sinnvoll gestellt werden kann: &bdquo;Aufgrund menschlicher Erfahrung von Gott reden ist wesentlich mit der M&ouml;glichkeit verbunden, weltliche Erfahrung zu einem religi&ouml;sen Gespr&auml;chsthema zu machen.&ldquo;<span id="easy-footnote-102-14398" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/zwischen-glauben-und-gleichgueltigkeit/#easy-footnote-bottom-102-14398" title="SCHILLEBEECKX, Edward, Menschen. Die Geschichte von Gott, Freiburg 1990, 50. (Hervorhebung dort.)"><sup>102</sup></a></span> Der Theologe wendet sich gegen ein naives Korrelationsverst&auml;ndnis<span id="easy-footnote-103-14398" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/zwischen-glauben-und-gleichgueltigkeit/#easy-footnote-bottom-103-14398" title="Vgl., SCHILLEBEECKX, Edward, Tradition und Erfahrung. Von der Korrelation zur kritischen Interrelation. Hans-Georg Ziebertz im Gespr&auml;ch mit Edward Schillebeeckx anl&auml;sslich dessen 80. Geburtstags am 12. November, in: KatBl 119 (1994), 756&ndash;762, hier: 757."><sup>103</sup></a></span>, das aus einer unthematischen Frage-Antwort-Korrelation besteht und die menschlichen Erfahrungen nicht ber&uuml;cksichtigt.</p>
<p>Im Verlauf seines Denkens wird Schillebeeckx sich von der Korrelationsmethode abwenden, denn f&uuml;r ihn sind die Entwicklungen (gerade in den Niederlanden) problematisch, insofern bruchlose Ankn&uuml;pfungspunkte an das Evangelium immer unm&ouml;glicher werden. Diese Entwicklungen sind im Begriff der &bdquo;kritischen Interrelation&ldquo;<span id="easy-footnote-104-14398" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/zwischen-glauben-und-gleichgueltigkeit/#easy-footnote-bottom-104-14398" title="Ebd."><sup>104</sup></a></span> gefasst, die versucht, Br&uuml;che anzuerkennen und nicht einfach auszuschlie&szlig;en. Ausgehend von einem Abbruch der Korrelation und der Problematik der religi&ouml;sen Indifferenz ver&auml;ndert sich die Aufgabenstellung der Theologie:</p>
<blockquote><p>Eine der fundamentalen Aufgaben der Theologie ist es gerade, zu versuchen, neue Erfahrungen, mit ihrer Kritik an fr&uuml;heren Erfahrungen, in Worte zu fassen, zu reflektieren und zu formulieren als Frage an die religi&ouml;se Tradition, die Kirche, und an die gesellschaftlich-kulturellen Selbstverst&auml;ndlichkeiten, in denen sich die Kirche befindet. Durch diese T&auml;tigkeit wird der Theologe verletzbar, weil er darin auf eine besondere Weise ein Suchender ist, weil er experimentell und hypothetisch ist in seinen Behauptungen. Denn was in neuen Erfahrungen f&uuml;r den christlichen Glauben wichtig oder irrelevant ist, steht von vornherein keineswegs fest.<span id="easy-footnote-105-14398" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/zwischen-glauben-und-gleichgueltigkeit/#easy-footnote-bottom-105-14398" title="SCHILLEBEECKX, Edward, Christus und die Christen. Die Geschichte einer neuen Lebenspraxis, Freiburg 1977, 35."><sup>105</sup></a></span></p></blockquote>
<p></p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Die Gottesfrage kann sinnvoll gestellt werden, sie ist jedoch nicht notwendig.</p></blockquote>Die &Uuml;berlegungen haben eine &uuml;berraschende und befreiende Pointe. Der tieferliegende Gedanke bei Schillebeeckx f&uuml;hrt &uuml;ber die Notwendigkeit der Gottesfrage hinaus &ndash; sie kann als sinnvolle Erg&auml;nzung der menschlichen Fragen nach Sinn verstanden werden. Die Gottesfrage kann sinnvoll gestellt werden, sie ist jedoch nicht notwendig. Damit steht sie auch nicht in direkter Konkurrenz zu s&auml;kularen (Sinn-)Angeboten. F&uuml;r die Gegenwart gilt: &bdquo;Moderne Menschen brauchen Gott nicht zur Erkl&auml;rung [der Welt].&ldquo;<span id="easy-footnote-106-14398" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/zwischen-glauben-und-gleichgueltigkeit/#easy-footnote-bottom-106-14398" title="SCHILLEBEECKX, Edward, Weil Politik nicht alles ist. Von Gott reden in einer gef&auml;hrdeten Welt, Freiburg 1987, 16."><sup>106</sup></a></span> Ma&szlig;geblich f&uuml;r die Theologie von Edward Schillebeeckx ist die Unterscheidung zwischen &bdquo;menschlichen Sinn&ldquo;<span id="easy-footnote-107-14398" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/zwischen-glauben-und-gleichgueltigkeit/#easy-footnote-bottom-107-14398" title="Ebd., 22. (Hervorhebung dort.)"><sup>107</sup></a></span> und &bdquo;religi&ouml;sen Sinn&ldquo;<span id="easy-footnote-108-14398" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/zwischen-glauben-und-gleichgueltigkeit/#easy-footnote-bottom-108-14398" title="Ebd. (Hervorhebung dort.)"><sup>108</sup></a></span>. F&uuml;r das Offenbarungsverst&auml;ndnis bedeutet dies, dass Offenbarung sich dort ereignet, wo sich ein &bdquo;sinnvolles Geschehen&ldquo;<span id="easy-footnote-109-14398" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/zwischen-glauben-und-gleichgueltigkeit/#easy-footnote-bottom-109-14398" title="Ebd."><sup>109</sup></a></span> ereignet, &bdquo;das auch schon ohne direkten Bezug auf Gott [&hellip;] f&uuml;r den Menschen relevant ist.&ldquo;<span id="easy-footnote-110-14398" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/zwischen-glauben-und-gleichgueltigkeit/#easy-footnote-bottom-110-14398" title="Ebd."><sup>110</sup></a></span>
<h2>Auslotungen f&uuml;r die Gegenwart I &ndash; Religi&ouml;se Indifferenz</h2>
<p>Bis hierher haben wir skizzenhaft gesehen, worauf die Korrelationsmethode zur&uuml;ckgeht und inwiefern sie von Edward Schillebeeckx OP erg&auml;nzt und erweitert wurde. Alle theologischen und pastoralen Bem&uuml;hungen, Gott in der Welt pr&auml;sent zu halten, stehen vor der Problematik der religi&ouml;sen Indifferenz. Wie kann mit der religi&ouml;sen Indifferenz umgegangen werden, ohne dass die &bdquo;Korrelationsfalle&ldquo; zuschnappt? An dieser Stelle soll ein differenzierter Blick auf den Ph&auml;nomenbereich der religi&ouml;sen Indifferenz geworfen werden. Zun&auml;chst macht der ehemalige Erfurter Theologie-Professor Eberhard Tiefensee deutlich, dass das kontingente Dasein des Menschen nicht als ein Automatismus verstanden werden darf, der in direkter Linie zu Sinnfragen und schlussendlich zur Gottesfrage f&uuml;hrt. Er macht daf&uuml;r einen Unterschied zwischen einer &bdquo;normativen Anthropologie&ldquo;<span id="easy-footnote-111-14398" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/zwischen-glauben-und-gleichgueltigkeit/#easy-footnote-bottom-111-14398" title="TIEFENSEE, Eberhard, &bdquo;&hellip;normal halt!&ldquo; Einige Anmerkungen zu einer Theologie s&auml;kularer Existenzweisen aus philosophischer Perspektive, in: Zeitschrift f&uuml;r Pastoraltheologie (40. Jahrgang, 2020-2), Theologie s&auml;kularer Existenzweisen, 47&ndash;57, hier: 51."><sup>111</sup></a></span> (der Mensch sei von Natur aus religi&ouml;s) und einer &bdquo;deskriptiven Anthropologie&ldquo;<span id="easy-footnote-112-14398" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/zwischen-glauben-und-gleichgueltigkeit/#easy-footnote-bottom-112-14398" title="Ebd."><sup>112</sup></a></span> (der tats&auml;chlichen Religiosit&auml;t eines Menschen). Die Frage der religi&ouml;sen Indifferenz befindet sich dabei auf der Ebene der &sbquo;deskriptiven Anthropologie&lsquo;. Um die religi&ouml;se Indifferenz greifbarer zu machen, bieten der Ethnologe Andreas Quack und die Kulturwissenschaftlerin Cora Schuh eine Differenzierung des Ph&auml;nomens an. Zun&auml;chst unterscheiden sie zwischen einer &bdquo;bewussten Indifferenz&ldquo;<span id="easy-footnote-113-14398" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/zwischen-glauben-und-gleichgueltigkeit/#easy-footnote-bottom-113-14398" title="QUACK, Johannes und SCHUH, Cora, Religi&ouml;se Indifferenz zwischen Religion und Nichtreligion, in: https://www.euangel.de/ausgabe-2-2016/religioese-indifferenz/religioese-indifferenz-zwischen-religion-und-nichtreligion/ [Abruf am: 24.09.2025]."><sup>113</sup></a></span> und einer &bdquo;unbewussten Indifferenz&ldquo;<span id="easy-footnote-114-14398" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/zwischen-glauben-und-gleichgueltigkeit/#easy-footnote-bottom-114-14398" title="Ebd."><sup>114</sup></a></span>. Beide Formen der Indifferenz unterscheiden sich in ihrer Reflexionsweise. Es gibt eine &bdquo;ausgearbeitete Haltung&ldquo;<span id="easy-footnote-115-14398" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/zwischen-glauben-und-gleichgueltigkeit/#easy-footnote-bottom-115-14398" title="Ebd."><sup>115</sup></a></span>, die dazu f&uuml;hrt, dass Religion &bdquo;als gleicherma&szlig;en gut wie schlecht oder weder gut noch schlecht&ldquo;<span id="easy-footnote-116-14398" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/zwischen-glauben-und-gleichgueltigkeit/#easy-footnote-bottom-116-14398" title="Ebd."><sup>116</sup></a></span> wahrgenommen wird. Irrelevanz von religi&ouml;sen Fragestellungen und Gewohnheit sind die ausschlaggebenden Kriterien der &sbquo;unbewussten Indifferenz&lsquo;.<span id="easy-footnote-117-14398" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/zwischen-glauben-und-gleichgueltigkeit/#easy-footnote-bottom-117-14398" title="Ebd."><sup>117</sup></a></span> Um Erreichbarkeitspotenziale freizulegen, differenzieren Quack und Schuh das Ph&auml;nomen der Indifferenz weiter. Sie f&uuml;hren aus, dass es Formen der &bdquo;relativen&ldquo;<span id="easy-footnote-118-14398" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/zwischen-glauben-und-gleichgueltigkeit/#easy-footnote-bottom-118-14398" title="Ebd."><sup>118</sup></a></span> und der &bdquo;absoluten&ldquo;<span id="easy-footnote-119-14398" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/zwischen-glauben-und-gleichgueltigkeit/#easy-footnote-bottom-119-14398" title="Ebd."><sup>119</sup></a></span> Indifferenz geben kann:</p>
<blockquote><p>Die absolut Indifferenten k&uuml;mmern sich &uuml;berhaupt nicht um Religion. Es handelt sich um eine nicht vorhandene (Nicht)Religiosit&auml;t. Eine relative Indifferenz meint, dass sich Menschen lediglich gegen&uuml;ber bestimmten Aspekten von Religion indifferent zeigen.<span id="easy-footnote-120-14398" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/zwischen-glauben-und-gleichgueltigkeit/#easy-footnote-bottom-120-14398" title="Ebd."><sup>120</sup></a></span></p></blockquote>
<p>Hier zeigen sich Erreichbarkeitspotenziale, die sich aus den verschiedenen Haltungen gegen&uuml;ber &bdquo;der Religion&ldquo; ergeben. Sie schlussfolgern:</p>
<blockquote><p>Im Sinne der Unterscheidung zwischen bewusster und unbewusster Indifferenz k&ouml;nnte man Indifferenz in erster Linie als das Fehlen einer ma&szlig;geblichen Antwort verstehen; sie kann somit als eine desinteressierte Einstellung betrachtet werden.<span id="easy-footnote-121-14398" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/zwischen-glauben-und-gleichgueltigkeit/#easy-footnote-bottom-121-14398" title="Ebd."><sup>121</sup></a></span></p></blockquote>
<p>Es zeigt sich, dass Menschen, die gegen&uuml;ber religi&ouml;sen Themen eine eher unbewusst-relative Indifferenz aufweisen, dennoch Potenziale der Erreichbarkeit besitzen. Demgegen&uuml;ber gibt es die Gruppe von Menschen, die eine bewusst-absolute Indifferenz aufweisen &ndash; dort k&ouml;nnen keine Erreichbarkeitspotenziale gefunden werden. Hier bricht jeder Versuch, Korrelationen herzustellen, ab.</p>
<p>Wenn die Gottesfrage, wie zu Beginn des Artikels benannt, zur Disposition steht, dann ist abschlie&szlig;end zu fragen, wie die Gottesfrage unter den sich ver&auml;ndernden Bedingungen neu gestellt werden kann.</p>
<h2>Auslotungen f&uuml;r die Gegenwart II &ndash; Anatheismus</h2>
<p></p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Wie kann Gott zur interessantesten Antwort werden?</p></blockquote>In den letzten Jahren sind verschiedene Versuche unternommen worden, die Botschaft des Evangeliums und die damit verbundene Gottesfrage an die Gegenwart anzukn&uuml;pfen und dabei nicht den Befund zu ignorieren, der hier bereits angeklungen ist. Im abschlie&szlig;enden Teil soll das Konzept des &bdquo;Anatheismus&ldquo;<span id="easy-footnote-122-14398" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/zwischen-glauben-und-gleichgueltigkeit/#easy-footnote-bottom-122-14398" title="KEARNEY, Richard, Revisionen des Heiligen. Streitgespr&auml;che zur Gottesfrage, (im Deutschen herausgegeben von Ren&eacute; Dausner), Freiburg 2019."><sup>122</sup></a></span> des irischen Philosophen Richard Kearney &uuml;bersichtlich dargestellt werden. Wie kann Gott zur &bdquo;interessantesten Antwort&ldquo; werden?
<p>Mit dem Anatheismus geht zun&auml;chst eine &Ouml;ffnung f&uuml;r den Raum der Gottesfrage einher. Die Philosophin Sheila Gallagher fasst die Grundidee des Anatheismus als &bdquo;die Idee einer R&uuml;ckkehr zu Gott &sbquo;nach&lsquo; (ana-) Gott, der Wiederentdeckung des Heiligen im Zufall, des Ikonischen im Gew&ouml;hnlichen, des H&ouml;chsten im Niedrigsten&ldquo;<span id="easy-footnote-123-14398" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/zwischen-glauben-und-gleichgueltigkeit/#easy-footnote-bottom-123-14398" title="GALLAGHER, Sheila, Pneuma hostis &ndash; K&uuml;nstlerische Notiz zum Titelbild, in: KEARNEY, Richard, Revisionen des Heiligen. Streitgespr&auml;che zur Gottesfrage, (im Deutschen herausgegeben von Ren&eacute; Dausner), Freiburg 2019, 19."><sup>123</sup></a></span> zusammen. Dementsprechend vermisst Richard Kearney den Raum der (anatheistischen) Gottesfrage als &bdquo;eine alternative Dialogm&ouml;glichkeit [&hellip;], jenseits der sterilen Polarisierung von Theismus und Atheismus&ldquo;<span id="easy-footnote-124-14398" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/zwischen-glauben-und-gleichgueltigkeit/#easy-footnote-bottom-124-14398" title="KEARNEY, Richard, Vorwort, in: KEARNEY, Richard, Revisionen des Heiligen. Streitgespr&auml;che zur Gottesfrage, (im Deutschen herausgegeben von Ren&eacute; Dausner), Freiburg 2019, 18."><sup>124</sup></a></span>. Dem Anatheismus ist eine doppelte Dynamik inh&auml;rent, die sich aus der Doppeldeutigkeit des Pr&auml;fixes &bdquo;ana&ldquo; ergibt. Sie umfasst dabei einerseits ein &bdquo;zur&uuml;ck&ldquo; und andererseits ein &bdquo;erneut und wieder&ldquo;<span id="easy-footnote-125-14398" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/zwischen-glauben-und-gleichgueltigkeit/#easy-footnote-bottom-125-14398" title="Vgl. DAUSNER, Ren&eacute;, Anatheismus &ndash; Richard Kearneys religionsphilosophischer Beitrag zur Gottesfrage heute, online: feinschwarz.net, 07.05.2020, https://www.feinschwarz.net/anatheismus-richard-kearneys-religionsphilosophischer-beitrag-zur-gottesfrage-heute/ [Abruf am: 24.09.2025]."><sup>125</sup></a></span>. Es geht darum, an eine &bdquo;urspr&uuml;ngliche Erfahrung&ldquo; anzukn&uuml;pfen.<span id="easy-footnote-126-14398" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/zwischen-glauben-und-gleichgueltigkeit/#easy-footnote-bottom-126-14398" title="KEARNEY, Richard, Gott nach Gott. Ein anatheistischer Versuch der Revision Gottes, in: KEARNEY, Richard, Revisionen des Heiligen. Streitgespr&auml;che zur Gottesfrage, (im Deutschen herausgegeben von Ren&eacute; Dausner), Freiburg 2019, 21."><sup>126</sup></a></span> Kearney fasst seine Idee des Anatheismus folgenderma&szlig;en zusammen:</p>
<blockquote><p>In diesem Sinne verwende ich den Begriff Anatheismus als eine &sbquo;R&uuml;ckkehr zu Gott nach Gott&lsquo;: ein kritisches hermeneutisches Zur&uuml;ckholen heiliger Dinge, die vorbei sind, aber noch immer einen radikalen Restbestand in sich tragen, ein unerkanntes Potential oder Versprechen, das in der Zukunft vollst&auml;ndiger erkannt werden soll. So kann Anatheismus als &sbquo;Nach-glaube&lsquo; verstanden werden, was mehr ist als ein schlichter &sbquo;Nach-gedanke&lsquo; oder eine &sbquo;Nach-wirkung&lsquo;. Nach-glaube ist eschatologisch &ndash; etwas Endg&uuml;ltiges, das eigentlich schon von Anfang an da war. Und aus diesem Grund ist das Danach von ana- auch ein Davor &ndash; ein Davor, das in ein zweites Danach transponiert wurde.<span id="easy-footnote-127-14398" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/zwischen-glauben-und-gleichgueltigkeit/#easy-footnote-bottom-127-14398" title="Ebd., 22. (Hervorhebung dort.)"><sup>127</sup></a></span></p></blockquote>
<p></p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Glauben erfordert den Mut des gesamten Individuums.</p></blockquote>F&uuml;r Kearney ist der Glaube, &auml;hnlich wie es bei Paul Tillich angeklungen ist, ein existenzieller Akt. Glauben erfordert den Mut des gesamten Individuums. In diesem Zusammenhang ist Kearney sich sehr bewusst, dass der Anatheismus als modernes Geschehen zu verstehen ist, insofern sich das Fundament, von dem her die m&ouml;gliche Frage nach Gott gestellt werden kann, ver&auml;ndert hat. Er f&uuml;hrt aus:
<blockquote><p>Die Illusion von Gott (als unbeschr&auml;nkter Lenker des Universums) verloren zu haben, bedeutet f&uuml;r mich die M&ouml;glichkeit zu genie&szlig;en, mich wieder dem urspr&uuml;nglichen und fortw&auml;hrenden Versprechen einen heiligen Fremden zu &ouml;ffnen, eines absolut Anderen, der als Geschenk kommt, als Ruf oder Berufung, als Aufforderung zur Gastfreundschaft und zur Gerechtigkeit. Kurzum, der Anatheismus ist eine radikale &Ouml;ffnung f&uuml;r jemanden oder etwas, das von der westlichen Metaphysik verloren und vergessen war [&hellip;] und wieder ins Ged&auml;chtnis gerufen werden muss.<span id="easy-footnote-128-14398" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/zwischen-glauben-und-gleichgueltigkeit/#easy-footnote-bottom-128-14398" title="Ebd., 25."><sup>128</sup></a></span></p></blockquote>
<p>Der Anatheismus f&uuml;hrt zu einer &bdquo;anatheistischen Frage&ldquo;<span id="easy-footnote-129-14398" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/zwischen-glauben-und-gleichgueltigkeit/#easy-footnote-bottom-129-14398" title="Ebd., 26."><sup>129</sup></a></span>, die zwei Ebenen hat, n&auml;mlich unter Ber&uuml;cksichtigung der historischen Umst&auml;nde: &bdquo;Was kommt nach dem Tod Gottes?&ldquo;<span id="easy-footnote-130-14398" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/zwischen-glauben-und-gleichgueltigkeit/#easy-footnote-bottom-130-14398" title="Ebd."><sup>130</sup></a></span> Daran schlie&szlig;t sich die existenzielle Ebene an: &bdquo;Wie k&ouml;nnte irgendein aktuelles Ich dies in seiner konkreten, gelebten Existenz erfahren &ndash; also in seinem pers&ouml;nlichen Sein, das dem unpers&ouml;nlichen entgegensteht?&ldquo;<span id="easy-footnote-131-14398" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/zwischen-glauben-und-gleichgueltigkeit/#easy-footnote-bottom-131-14398" title="Ebd."><sup>131</sup></a></span> Die existenzielle Ebene der &sbquo;anatheistischen Frage&lsquo; geht mit einem &bdquo;anatheistischen Moment&ldquo;<span id="easy-footnote-132-14398" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/zwischen-glauben-und-gleichgueltigkeit/#easy-footnote-bottom-132-14398" title="Ebd."><sup>132</sup></a></span> einher, der sich als &bdquo;Leere&ldquo;<span id="easy-footnote-133-14398" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/zwischen-glauben-und-gleichgueltigkeit/#easy-footnote-bottom-133-14398" title="Vgl. ebd., 27."><sup>133</sup></a></span> oder &bdquo;Umkehr&ldquo;<span id="easy-footnote-134-14398" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/zwischen-glauben-und-gleichgueltigkeit/#easy-footnote-bottom-134-14398" title="Vgl. ebd., 26."><sup>134</sup></a></span> zeigt. Dieses Sich-Einlassen auf die Frage ist f&uuml;r Kearney nur im Modus einer existenziellen Wette m&ouml;glich, da sich nur so der Raum f&uuml;r die m&ouml;gliche Frage nach Gott er&ouml;ffnen kann.<span id="easy-footnote-135-14398" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/zwischen-glauben-und-gleichgueltigkeit/#easy-footnote-bottom-135-14398" title="Vgl. ebd., 28."><sup>135</sup></a></span></p>
<h2>Schlussbemerkung</h2>
<p>Die Probleme, die sich aufgrund der religi&ouml;sen Indifferenz ergeben, sind f&uuml;r die Kirche und die Pastoral gravierend. Wir haben gesehen, dass Paul Tillich den Glauben als existenzielles &bdquo;letztg&uuml;ltiges Ergriffensein&ldquo; versteht und mit der Korrelationsmethode den Zusammenhang zwischen den Fragen der Menschen und den Antworten der g&ouml;ttlichen Offenbarung sowie des Evangeliums herauszustellen sucht. Mit Edward Schillebeeckx wurde gezeigt, dass religi&ouml;se Fragen nur aus dem Kontext menschlicher, sinnvoller Erfahrungen heraus plausibel werden k&ouml;nnen. Ebenso haben wir gesehen, dass es Erreichbarkeitspotenziale gibt, wenn das Ph&auml;nomen der religi&ouml;sen Indifferenz genauer differenziert wird. Den Abschluss bildet das Konzept des Anatheismus, verstanden als eine &bdquo;R&uuml;ckkehr zu Gott nach Gott&ldquo;, in dem die starren Gegens&auml;tze zwischen &bdquo;Glaube und Unglaube&ldquo; aufgebrochen werden.</p>
<p>F&uuml;r die Pastoral geht es darum, danach zu suchen, wo neue R&auml;ume f&uuml;r eine m&ouml;gliche Gottesfrage ausgemacht werden k&ouml;nnen. Gott kann die interessanteste Antwort auf die interessantesten Fragen sein, allerdings unter Bedingungen, die sich stark und schnell ver&auml;ndern. Gott ist eine m&ouml;gliche Antwort, keine notwendige.</p>
</body></html>
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		<title>Nicht bleiben, wie wir sind</title>
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		<pubDate>Sun, 16 Aug 2026 20:35:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ludger Verst</dc:creator>
		
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				<description><![CDATA[Wie das »andere Wissen« der Religion Wandlungsprozesse vertieft Wie wir arbeiten, kommunizieren, wirtschaften und zusammenleben, verändert sich gegenwärtig an vielen Stellen zugleich – weder in dieselbe Richtung noch im selben Tempo. Was den einen neue Freiheiten eröffnet, bedeutet für andere Kontrollverlust oder den Abschied von vertrauten Lebensformen. Neues setzt sich durch, während Altes fortwirkt. Fortschritte ...]]></description>
					<content:encoded><![CDATA[<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.0 Transitional//EN" "http://www.w3.org/TR/REC-html40/loose.dtd">
<html><body><h2>Wie das &raquo;andere Wissen&laquo; der Religion Wandlungsprozesse vertieft</h2>
<p>Wie wir arbeiten, kommunizieren, wirtschaften und zusammenleben, ver&auml;ndert sich gegenw&auml;rtig an vielen Stellen zugleich &ndash; weder in dieselbe Richtung noch im selben Tempo. Was den einen neue Freiheiten er&ouml;ffnet, bedeutet f&uuml;r andere Kontrollverlust oder den Abschied von vertrauten Lebensformen. Neues setzt sich durch, w&auml;hrend Altes fortwirkt. Fortschritte hier erzeugen neue Abh&auml;ngigkeiten dort. Transformation ist kein sauberer &Uuml;bergang von einem alten in einen neuen Zustand.</p>
<p></p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Transformation ist kein sauberer &Uuml;bergang von einem alten in einen neuen Zustand.</p></blockquote>Psychologie hilft, dieses Ineinander zu verstehen. Sie kommt nicht erst als Reparaturbetrieb ins Spiel, wenn Wandel Menschen &uuml;berfordert. Sie macht sichtbar, was in Ver&auml;nderungsprozessen wirkt: Aufbruch und Angst, bewusste Entscheidungen und unbewusste Abwehr, Kr&auml;nkung, Ohnmacht und fehlende Anerkennung. Vertraute Ordnungen werden verteidigt, Verunsicherungen auf andere projiziert. Das sind keine Nebeneffekte. Sie entscheiden mit dar&uuml;ber, wie Wandel gedeutet, angenommen oder bek&auml;mpft wird. Auch religi&ouml;se Perspektiven kommen hier ins Spiel. Religionen beobachten diese Dynamiken nicht von au&szlig;en. Ihre Bilder und Begriffe geh&ouml;ren zum symbolischen Haushalt einer Gesellschaft. Sie k&ouml;nnen Ambivalenzen erschlie&szlig;en oder Abwehr verst&auml;rken. Und selbst wo religi&ouml;se Sprache an &ouml;ffentlicher Plausibilit&auml;t verliert, verschwinden ihre Erwartungen nicht. Vorstellungen von Heil, Erl&ouml;sung und Vollendung wandern in politische, technische oder &ouml;konomische Fortschrittsversprechen ein. Dort wirken sie weiter.
<h2>Bedeutung wichtiger als Wahrnehmung?</h2>
<p>Menschen richten ihr Leben nicht nur an Zielen aus, die sie sich bewusst setzen. Sie folgen auch biografisch gewachsenen Bedeutungen, die Erfahrungen ordnen und ihrem Leben Richtung geben, ohne dass sie dar&uuml;ber nachdenken. Die Psychologin Tatjana Schnell bezeichnet solche Orientierungen als <em>Lebensbedeutungen</em>. Lebenssinn entsteht, so Schnell, prozesshaft aus dem Zusammenwirken verschiedener Lebensbedeutungen.<span id="easy-footnote-104-14402" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/nicht-bleiben-wie-wir-sind/#easy-footnote-bottom-104-14402" title="Vgl. Tatjana Schnell: Implizite Religiosit&auml;t. Zur Psychologie des Lebenssinns, Lengerich: Pabst Science Publishers 2004, besonders S. 41&ndash;42 und 142. Schnell unterscheidet zwischen konkreten Lebensbedeutungen und einem daraus prozesshaft hervorgehenden Lebenssinn. Ihre Untersuchung zeigt: In Umbr&uuml;chen geraten diese Lebensbedeutungen in Bewegung. Was getragen hat, verliert an Plausibilit&auml;t. Was entsteht, hat noch keine verl&auml;ssliche Gestalt."><sup>104</sup></a></span></p>
<p></p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Diesen religi&ouml;sen Bedeutungsaufschlag nenne ich Doppel- oder &Uuml;bercodierung.</p></blockquote>Lebenssinn ist nicht schon Religion. Lebensbedeutungen k&ouml;nnen religi&ouml;s gepr&auml;gt sein; sie m&uuml;ssen es nicht. Wer alles, was Menschen unbedingt wichtig ist, als &raquo;implizite Religiosit&auml;t&laquo; verbucht, vereinnahmt ihre Erfahrungen. Religi&ouml;se Rede legt sich dann &uuml;ber Erfahrungen, die sich psychologisch, sozial oder politisch ebenso hinreichend beschreiben lie&szlig;en. Ihre Begriffe versprechen Bedeutungstiefe, ohne die Wahrnehmung selbst zu vertiefen. Diesen religi&ouml;sen Bedeutungsaufschlag nenne ich <em>Doppel- oder &Uuml;bercodierung</em>. Sie zeigt sich auch bei gesellschaftlichen und &ouml;kologischen Themen. Nachhaltigkeit wird zur &raquo;Bewahrung der Sch&ouml;pfung&laquo;, ohne dass sich am Wirtschaften und Konsumieren etwas &auml;ndern w&uuml;rde. Sorgearbeit gilt als &raquo;gelebte N&auml;chstenliebe&laquo;, w&auml;hrend ihre gesellschaftliche Geringsch&auml;tzung fortbesteht. In polarisierten Konflikten wird &raquo;Vers&ouml;hnung&laquo; gefordert, noch bevor Machtverh&auml;ltnisse, Verletzungen und berechtigte Anspr&uuml;che &uuml;berhaupt zur Sprache gekommen sind. Solche Deutungen f&uuml;hren nicht tiefer in die Erfahrung. Sie &uuml;berspringen deren Spannung. Das beruhigt die Sprechenden. Die Lage der Betroffenen &auml;ndert es nicht.
<h2>Wenn die Doppelcodierung den Code wechselt</h2>
<p>Es w&auml;re zu einfach, darin nur einen religi&ouml;sen Kurzschluss zu sehen. Der R&uuml;ckgang kirchlicher Bindung hinterl&auml;sst keine symbolisch leere Gesellschaft. Der &uuml;bliche S&auml;kularisierungsbegriff verdeckt das eher, als dass er es erkl&auml;rt. Er l&auml;sst als Verschwinden erscheinen, was lediglich Form und Ort gewechselt hat. Jos&eacute; Casanova unterscheidet S&auml;kularisierung als historischen Prozess von einem S&auml;kularismus als Weltanschauung.<span id="easy-footnote-109-14402" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/nicht-bleiben-wie-wir-sind/#easy-footnote-bottom-109-14402" title="Vgl. Jos&eacute; Casanova: &raquo;The Secular and Secularisms&laquo;, in: Social Research 76 (2009), Heft 4, S. 1049&ndash;1066, hier besonders S. 1049&ndash;1052 und 1059&ndash;1060."><sup>109</sup></a></span> Er widerspricht damit der Erz&auml;hlung eines geradlinigen Weges vom Religi&ouml;sen zum S&auml;kularen.</p>
<p>Die Kirche aber entlastet sich gern mit einer solchen Erz&auml;hlung. Wortreich erkl&auml;rt sie, dass Vertrautes nicht mehr greift, und erspart sich dabei die Frage, warum ihre Sprache die Lebenswirklichkeit der Menschen schon lange nicht mehr erreicht. Die Dauerkrise religi&ouml;ser Rede wird zu einem Defizit der Gesellschaft umgewidmet. Was die ehemals kirchlich autorisierte Fassung verloren hat, wirkt aber l&auml;ngst anderswo weiter.</p>
<p>In der Moderne verband sich n&auml;mlich das christliche Versprechen, dass das Gegebene nicht alles ist, mit politischen, wissenschaftlichen und &ouml;konomischen <em>M&ouml;glichkeiten des Machens</em>. Aus Verhei&szlig;ung wurde Steigerung. Das Kommende erschien als leistungsf&auml;higere Fortsetzung des Bestehenden: h&ouml;her, schneller, weiter &ndash; und vermeintlich besser. Die Kirchen hatten daran ihren Anteil. Wo sie Hoffnung behaupteten, ohne die Widerspr&uuml;che der Wirklichkeit zu bearbeiten, verloren ihre Verhei&szlig;ungen an Glaubw&uuml;rdigkeit. Deren uneingel&ouml;ster &Uuml;berschuss wanderte in weltliche Fortschrittsvorstellungen ein. Die religi&ouml;se Doppelcodierung verschwand nicht. Sie wurde umcodiert.</p>
<p>Die Kritik gilt also nicht dem Fortschritt an sich, sondern seiner &Uuml;berh&ouml;hung zur Erl&ouml;sungserz&auml;hlung. Hartmut Rosa beschreibt moderne Gesellschaften als Systeme &raquo;dynamischer Stabilisierung&laquo;: Sie m&uuml;ssen wachsen, beschleunigen und innovieren, um ihre Ordnung zu erhalten.<span id="easy-footnote-110-14402" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/nicht-bleiben-wie-wir-sind/#easy-footnote-bottom-110-14402" title="Vgl. Hartmut Rosa: Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung, Berlin: Suhrkamp 2016, besonders S. 671&ndash;707."><sup>110</sup></a></span> Wird daraus ein Zukunftsversprechen, wechselt die Doppelcodierung nur den Code. Nicht mehr die Rede von Gott verleiht dem Gegebenen einen h&ouml;heren Sinn. Diese Funktion &uuml;bernimmt nun die bessere Zukunft. Verluste gelten als &Uuml;bergangskosten, Grenzen als vorl&auml;ufige Probleme, Krisen als Anl&auml;sse f&uuml;r die n&auml;chste Innovation.</p>
<p></p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Innovation wird zur Absolution.</p></blockquote>Daraus entsteht eine Logik nachtr&auml;glicher Rechtfertigung: Was heute Menschen besch&auml;digt, soll der Erfolg von morgen rechtfertigen. Die Fortschrittserz&auml;hlung h&auml;lt Schuld, Trauer und Begrenztheit auf Abstand. Innovation wird zur Absolution.
<h2>Fremdwissen statt frommer Zuschlag</h2>
<p>Was kann nun Religion dem entgegensetzen? Keinen weiteren &Uuml;berbau. J&uuml;rgen Habermas spricht von noch nicht ausgesch&ouml;pften <em>&raquo;semantischen Potenzialen&laquo;</em> religi&ouml;ser &Uuml;berlieferungen. Sie m&uuml;ssen &uuml;bersetzt werden, wenn sie in die &ouml;ffentliche Verst&auml;ndigung eingehen sollen. Doch &Uuml;bersetzung bedeutet nicht, ihre Eigensinnigkeit einzuebnen.<span id="easy-footnote-112-14402" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/nicht-bleiben-wie-wir-sind/#easy-footnote-bottom-112-14402" title="Vgl. J&uuml;rgen Habermas: Zwischen Naturalismus und Religion. Philosophische Aufs&auml;tze, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2005, besonders S. 137&ndash;149. Habermas spricht religi&ouml;sen &Uuml;berlieferungen nicht ausgesch&ouml;pfte semantische Potenziale zu und versteht ihre &Uuml;bersetzung in &ouml;ffentlich zug&auml;ngliche Sprache als gemeinsamen Lernprozess."><sup>112</sup></a></span></p>
<p></p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Fremdwissen macht sichtbar, was die herrschenden Codes &uuml;bersehen.</p></blockquote>Was aus religi&ouml;sen Traditionen in gesellschaftliche Debatten eintritt, ohne in Moral, Funktion oder Nutzen aufzugehen, nenne ich <em>Fremdwissen</em>. Es ist kein Geheimwissen &uuml;ber eine zweite Wirklichkeit. Es macht sichtbar, was die herrschenden Codes &uuml;bersehen: das Unverf&uuml;gbare und Nichtabgegoltene, verdr&auml;ngte Erfahrungen, ungelebte M&ouml;glichkeiten. Es f&uuml;gt der Wirklichkeit nichts hinzu. Es l&auml;sst sie anders hervortreten. Sch&ouml;pfung benennt dann nicht einfach &ouml;kologische Verantwortung um. Sie bestreitet, dass die Welt dem Menschen unbegrenzt zur Verf&uuml;gung steht. Compassion adelt Mitgef&uuml;hl nicht nachtr&auml;glich. Sie l&auml;sst fremdes Leiden zum Anspruch werden. Vers&ouml;hnung darf Wahrheit und Gerechtigkeit nicht &uuml;berspringen. Hoffnung ist weder religi&ouml;ser Optimismus noch Vertrauen auf den n&auml;chsten Entwicklungsschub. Sie h&auml;lt die Differenz zwischen Zukunft und Steigerung offen.
<h2>Diese <em>eine</em> Welt tiefer lesen</h2>
<p>Diese <em>eine</em> Welt tiefer zu lesen, ist das Anliegen einer Tiefentheologie, die ich an anderer Stelle entfaltet habe.<span id="easy-footnote-114-14402" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/nicht-bleiben-wie-wir-sind/#easy-footnote-bottom-114-14402" title="Vgl. Ludger Verst: Tiefentheologie. Von einem Gott, der zu Grunde geht, G&ouml;ttingen: Vandenhoeck &amp;amp; Ruprecht 2025."><sup>114</sup></a></span> Sie sucht keine metaphysische Hinterwelt, sondern befragt, was uns widerf&auml;hrt, ber&uuml;hrt und in Anspruch nimmt. Tiefentheologie erkl&auml;rt die Welt nicht besser. Sie sch&auml;rft die Wahrnehmung f&uuml;r Zusammenh&auml;nge, die sich einem unmittelbaren Begreifen entziehen und offenbleiben f&uuml;r das, was sich nicht herstellen l&auml;sst.</p>
<p></p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Das Christliche liegt nicht im religi&ouml;sen Zusatz, sondern in dieser anderen Sicht auf die Welt.</p></blockquote>Im Blick auf Jesus von Nazareth wird diese Lesart christlich. Das macht sie nicht enger, sondern legt offen, woran sie sich messen l&auml;sst. Jesu Gleichnisse handeln von Saat und Sauerteig, Lohn und Brot, Arbeit und Schulden. Sie &uuml;berziehen das Gew&ouml;hnliche nicht mit sakralem Mehrwert. Sie bringen es zum Sprechen. Das Vertraute kippt. &Uuml;bersehene r&uuml;cken in die Mitte. Geltende Ma&szlig;st&auml;be verlieren ihre Selbstverst&auml;ndlichkeit. Das Christliche liegt nicht im religi&ouml;sen Zusatz, sondern in dieser anderen Sicht auf die Welt.<span id="easy-footnote-115-14402" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/nicht-bleiben-wie-wir-sind/#easy-footnote-bottom-115-14402" title="Zum tiefentheologischen Verst&auml;ndnis von Religion als Offenheit f&uuml;r Entwicklung und Wandlung sowie zu einem relationalen Verst&auml;ndnis menschlicher Selbstwerdung vgl. Verst: Tiefentheologie, S. 150-156 und 161-168."><sup>115</sup></a></span>
<p>Die Geschichte Jesu f&uuml;hrt diese Lesart bis an ihren &auml;u&szlig;ersten Punkt. Der Gekreuzigte widerspricht jeder Ordnung, die sich gegen Leiden immunisiert und Menschen zu notwendigen Kosten eigener Zukunftsentw&uuml;rfe macht. Gerade darin wird die Geschichte Jesu zur Gegenerz&auml;hlung der Fortschrittsideologie. Sie handelt nicht von einer religi&ouml;sen Gegenwelt. Sie konfrontiert die Gegenwart mit den unabgegoltenen Anspr&uuml;chen all jener, deren Leiden und Tod als Preis des Fortschritts hingenommen wurden. Kein k&uuml;nftiger Erfolg kann diesen Preis rechtfertigen.</p>
<p>Johann Baptist Metz gibt dieser Gegenerz&auml;hlung mit der <em>&raquo;gef&auml;hrlichen Erinnerung&laquo;</em> ihre zeitliche Sch&auml;rfe.<span id="easy-footnote-116-14402" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/nicht-bleiben-wie-wir-sind/#easy-footnote-bottom-116-14402" title="Vgl. Johann Baptist Metz: Glaube in Geschichte und Gesellschaft. Studien zu einer praktischen Fundamentaltheologie, 5. Aufl., Mainz: Matthias-Gr&uuml;newald-Verlag 1992, bes. S. 95&ndash;107."><sup>116</sup></a></span> Sie verweigert der Gegenwart das Recht, Vergangenheit f&uuml;r erledigt zu erkl&auml;ren. Sie h&auml;lt die Gerechtigkeitsanspr&uuml;che derer wach, die nicht mehr mitsprechen k&ouml;nnen &ndash; ebenso wie derer, die auch heute von gesellschaftlichen Aushandlungen ausgeschlossen werden.</p>
<p></p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Dieses Ged&auml;chtnis nimmt dem Fortschritt seine behauptete Unschuld.</p></blockquote>Dieses Ged&auml;chtnis bremst Ver&auml;nderung nicht. Es nimmt dem Fortschritt seine behauptete Unschuld. Wer tr&auml;gt seine Kosten? Wer kommt in seinen Erz&auml;hlungen nicht vor? Wessen Leiden gilt als erledigt, wenn es einfach weitergeht?
<h2>Eine Gesellschaft ohne Ged&auml;chtnis h&auml;lt Beschleunigung f&uuml;r Zukunft</h2>
<p>&Ouml;ffentliche Aufmerksamkeit schafft Sichtbarkeit, aber noch keine Erinnerung. Im schnellen Wechsel medialer Erregungen verschwinden selbst einschneidende Ereignisse, bevor ihre Folgen bedacht sind. &raquo;Gef&auml;hrliche Erinnerung&laquo; h&auml;lt dagegen. Sie l&auml;sst den Leidenden Namen und Geschichte. Sie fragt nicht nur, was machbar ist, sondern was angesichts des Geschehenen geschuldet bleibt.</p>
<p>Darin liegt die prophetische Kraft religi&ouml;ser Rede. Als Herrschaftskritik legt sie offen, wo Wandel auf Kosten von Menschen betrieben wird &ndash; besonders auf Kosten derer, die abh&auml;ngig gehalten oder auf ihren Nutzen reduziert werden. Ihre transformative Kraft entfaltet sie nicht jenseits dieser Kritik, sondern durch sie: Sie setzt Voraussetzungen und Ziele des Wandels der Kritik aus und verschiebt seine Ma&szlig;st&auml;be &ndash; vom Machbaren zum Geschuldeten, von blo&szlig;er Optimierung zur Gerechtigkeit.</p>
<p>Darum ist die Gottesfrage f&uuml;r Transformation unersetzlich: Sie konfrontiert die Gegenwart mit Jesu Umkehrung der Ma&szlig;st&auml;be. Darin liegt eine ungeheure Zu-Mutung: In dieser Konfrontation geraten auch die eigenen Dynamiken in den Blick. Was dabei sichtbar wird, l&auml;sst uns nicht bleiben, wie wir sind.</p>
</body></html>
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		<title>Transformationsstrategien revisited. Eine hypnosystemische Inspiration</title>
		<link>https://www.futur2.org/article/transformationsstrategien-revisited-eine-hypnosystemische-inspiration/</link>
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		<pubDate>Tue, 01 Sep 2026 13:14:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Jan-Christoph Horn</dc:creator>
		
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				<description><![CDATA[Die Hypnosystemik ist innerhalb systemisch orientierter Therapie eine Praxisorientierung mit hoher Anerkennung. In diesem Beitrag soll sie auf die Arbeit in und Beratung von organisationalen Transformationsprozessen reflektiert werden. Hypnosystemik – eine Kontaktaufnahme und Einordnung Hypnosystemisch zu arbeiten heißt, die Bedeutung unterbewusster Prozesse zu verstehen, ihre Ressourcen zu aktivieren und dadurch systemisch erweiterte Entwicklungspotenziale zu entfalten. Der ...]]></description>
					<content:encoded><![CDATA[<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.0 Transitional//EN" "http://www.w3.org/TR/REC-html40/loose.dtd">
<html><body><p><span lang="de-DE">Die Hypnosystemik ist innerhalb systemisch orientierter Therapie eine Praxisorientierung mit hoher Anerkennung. In diesem Beitrag soll sie auf die Arbeit in und Beratung von organisationalen Transformationsprozessen reflektiert werden.</span></p>
<h3>Hypnosystemik &ndash;&nbsp;eine Kontaktaufnahme und Einordnung</h3>
<p><span lang="de-DE">Hypnosystemisch zu arbeiten hei&szlig;t, die Bedeutung unterbewusster Prozesse zu verstehen, ihre Ressourcen zu aktivieren und dadurch</span><span lang="de-DE"> systemisch </span><span lang="de-DE">erweiterte Entwicklungspotenziale zu entfalten.<span id="easy-footnote-117-14408" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/transformationsstrategien-revisited-eine-hypnosystemische-inspiration/#easy-footnote-bottom-117-14408" title="Siehe Hullmann, 15."><sup>117</sup></a></span> Der Volkswirt, Arzt und Psychotherapeut Gunther Schmidt (Jahrgang 1945) hat Anfang der 1980er Jahre, nach Ausbildung bei Helm Stierlin in systemischer Psychotherapie und Milton Erickson in Hypnotherapie, begonnen, die Verbindung beider Ans&auml;tze </span><span lang="de-DE">im Sinne eines Integrationskonzeptes auszubauen</span><span lang="de-DE">, angereichert durch Modelle aus Gestaltarbeit, Psychodrama, </span><span lang="de-DE">Kommunikationspsychologie</span><span lang="de-DE"> und Transaktionsanalyse.<span id="easy-footnote-118-14408" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/transformationsstrategien-revisited-eine-hypnosystemische-inspiration/#easy-footnote-bottom-118-14408" title="Siehe Schmidt, 7."><sup>118</sup></a></span></span></p>
<p><span lang="de-DE">Dass die Hypnosystemik </span><span lang="de-DE">in systemischer Praxis </span><span lang="de-DE">gerade in Deutschland popul&auml;r ist, h&auml;ngt vermutlich damit zusammen, dass </span><span lang="de-DE">diese</span><span lang="de-DE"> hierzulande eine stark soziologische Einf&auml;rbung hat &ndash;&nbsp;Niklas Luhmann l&auml;sst gr&uuml;&szlig;en. Dass sie aber starke psychologische Wurzeln hat, wird dabei mitunter &uuml;bersehen. Erinnert sei also an die Ged&auml;chtnis- und Kognitionsforschung in der Mitte des 20. Jahrhunderts (Jean Piaget sowie die kybernetisch orientierten Heinz von Foerster und Heinz von Glasersfeld), aus der, philosophisch </span><span lang="de-DE">bereichert</span><span lang="de-DE"> durch Ludwig Wittgenstein, unter anderem die moderne Kommunikationswissenschaft (Paul Watzlawick) und, in Erweiterung individualpsychologischer Ans&auml;tze auf Mehrpersonenkonstellationen, systemische Familien- bzw. Psychotherapie erw&auml;chst. </span><span lang="de-DE">Das Verst&auml;ndnis von </span><span lang="de-DE">&bdquo;Systemisch&ldquo; </span><span lang="de-DE">als &bdquo;um </span><span lang="de-DE">die soziale Dimension erweitert&ldquo; (Mobile-Bild) </span><span lang="de-DE">ist dabei allerdings eine Verk&uuml;rzung. Genauer gesagt geht es </span><span lang="de-DE">um die Aufmerksamkeit auf die mentale und emotionale Konstruktion des </span><span lang="de-DE">Erlebens als (hypothetisches) System. </span><span lang="de-DE">Genau dies, die Aufmerksamkeit auf die psychische Gebundenheit erlebter Wirklichkeit, f&uuml;hrt Gunther Schmidt hierzulande ein, erinnert die systemische Community an den blinden Fleck in der Betrachtung sozialer Systeme: die Person als Tr&auml;ger:in mentaler Modelle.<span id="easy-footnote-119-14408" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/transformationsstrategien-revisited-eine-hypnosystemische-inspiration/#easy-footnote-bottom-119-14408" title="Siehe Schmidt, 8ff."><sup>119</sup></a></span> Er bietet also dort einen Zugang an, wo die differenztheoretische soziologische Systemtheorie luhmannscher Pr&auml;gung, ihrem Arbeitsprogramm folgend, den Blick auf biologische und psychische Systeme &bdquo;ausstanzt&ldquo;.<span id="easy-footnote-120-14408" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/transformationsstrategien-revisited-eine-hypnosystemische-inspiration/#easy-footnote-bottom-120-14408" title='&lt;/span&gt;&lt;span lang="de-DE"&gt;Ein &auml;&lt;/span&gt;&lt;span lang="de-DE"&gt;hnliche&lt;/span&gt;&lt;span lang="de-DE"&gt;s Ansinnen&lt;/span&gt;&lt;span lang="de-DE"&gt; l&auml;sst sich auch &uuml;&lt;/span&gt;&lt;span lang="de-DE"&gt;ber&lt;/span&gt;&lt;span lang="de-DE"&gt; J&uuml;rgen Kriz sagen &lt;/span&gt;&lt;span lang="de-DE"&gt;(&lt;/span&gt;&lt;span lang="de-DE"&gt;Subjekt und Lebenswelt. Personzentrierte Systemtheorie f&uuml;r Psychotherapie, Beratung und Coaching. Vandenhoeck &amp;amp; Ruprecht, G&ouml;ttingen 2017&lt;/span&gt;&lt;span lang="de-DE"&gt;)&lt;/span&gt;&lt;span lang="de-DE"&gt;.'><sup>120</sup></a></span> Gleichzeitig kann er im R&uuml;ckgriff auf eine pragmatisch orientierte Psychotherapie US-amerikanischer Pr&auml;gung die in Deutschland &bdquo;</span><span lang="de-DE">standesgem&auml;&szlig;e&ldquo;</span><span lang="de-DE"> kritische Rezeption vor allem freudscher Trieb- und Biografie(psycho)analyse umgehen und muss deswegen auch dem Umkehrschluss, einer humanistisch geframten Psychotherapie, nicht &bdquo;blind&ldquo; folgen. </span></p>
<p><span lang="de-DE">Die Verbindung von Hypnotherapie und Systemik ist also weniger originell als naheliegend. Hypnotherapeutische Begriffe wie Trance, Aufmerksamkeitsfokussierung und Utilisation<span id="easy-footnote-121-14408" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/transformationsstrategien-revisited-eine-hypnosystemische-inspiration/#easy-footnote-bottom-121-14408" title="Zu diesen siehe Schmidt, 11 bis 43."><sup>121</sup></a></span> verbinden sich mit systemischer Aufmerksamkeit auf Selbstorganisation, Muster und Interventionen. Gunther Schmidt selber formuliert: &bdquo;Mit der Entwicklung der hypnosystemischen Konzepte habe ich versucht, ein Modell zu schaffen, mit dem die so dringend ben&ouml;tigte Integration und zielwirksame Kooperation von Kognition und Intuition intensiv gef&ouml;rdert werden kann.&ldquo;<span id="easy-footnote-127-14408" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/transformationsstrategien-revisited-eine-hypnosystemische-inspiration/#easy-footnote-bottom-127-14408" title="Starker / Peschke, X (Vorwort von Gunther Schmidt)."><sup>127</sup></a></span></span><span lang="de-DE"><blockquote class="f2-sidequote"><p>Die Verbindung von Hypnotherapie und Systemik ist weniger originell als naheliegend.</p></blockquote> </span></p>
<p><span lang="de-DE">Die Basisannahmen hypnosystemischen Arbeitens seien wie folgt wiedergegeben:<span id="easy-footnote-128-14408" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/transformationsstrategien-revisited-eine-hypnosystemische-inspiration/#easy-footnote-bottom-128-14408" title="Zitiert nach Schmidt in Leeb et al, 19 bis 22."><sup>128</sup></a></span> </span></p>
<ul>
<li><span lang="de-DE">&bdquo;Alles Erleben wird jeweils st&auml;ndig neu erzeugt, jede Realit&auml;t wird also konstruiert &ndash; durch Prozesse der Aufmerksamkeitsfokussierung.&ldquo;</span></li>
<li>&bdquo;Dies ist aber von Beginn unseres Lebens an immer ein interaktioneller Prozess, das Ich entwickelt sich interaktionell, als st&auml;ndiger R&uuml;ckkoppelungsprozess mit der Umwelt, mit Beitr&auml;gen anderer und sonstigen Umwelteinfl&uuml;ssen, auf die dann wieder aktiv geantwortet wird.&ldquo;</li>
<li>&bdquo;Wir sind also eingebettet in ein dialektisches bzw. multilektisches Wechselspiel (wie bei einem Tanz), bei dem wir einerseits autonom gestalten und gleichzeitig nicht ganz unabh&auml;ngig davon sein k&ouml;nnen.&ldquo;</li>
<li>&bdquo;In unserem unbewussten Erlebnisrepertoire werden alle emotional &sbquo;geladenen&lsquo; Erlebnisprozesse als eigenst&auml;ndiges Erlebnisnetzwerk gespeichert (Episodenged&auml;chtnis).&ldquo;</li>
<li>&bdquo;Solche Netzwerke, die den Erlebenden &uuml;blicherweise ja zum gr&ouml;&szlig;ten Teil unbewusst bleiben, k&ouml;nnen mit hypnosystemischen Modellen systematisch und detailliert beschreibbar und damit auch in ihren zentralen Aspekten bewusst erfassbar gemacht werden.&ldquo;</li>
<li>&bdquo;Mit gezielten Fragen k&ouml;nnen auch die gravierendsten Problemmuster schnell rekonstruiert und damit bewusster Beeinflussung zug&auml;nglich gemacht werden.&ldquo;</li>
<li>&bdquo;Erlebt jemand ein Problem und will das &auml;ndern, ist es deshalb vorrangig wichtig, die gew&uuml;nschten L&ouml;sungsprozesse zu verstehen, denn indem man diese imaginiert, k&ouml;nnen sie schon tendenziell erlebte Wirklichkeit werden, sogar schon dann, wenn man das &sbquo;Problem&lsquo; gar nicht verstanden hat.&ldquo;</li>
</ul>
<p><span lang="de-DE">Vor allem am letzten Punkt kann der von Schmidt deutlich gemachte Unterschied zur l&ouml;sungsorientierten Arbeit von Steve de Shazer kenntlich werden.<span id="easy-footnote-130-14408" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/transformationsstrategien-revisited-eine-hypnosystemische-inspiration/#easy-footnote-bottom-130-14408" title="Schmidt in Leeb et al, 32 bis 35."><sup>130</sup></a></span> Es geht zwar nicht darum, Probleme zu verstehen, aber durchaus darum, sich </span><span lang="de-DE">den beschriebenen </span><span lang="de-DE">Problemen zuzuwenden. Und zwar in W&uuml;rdigung dessen, dass &bdquo;die Problemschilderung ein anerkennenswertes Bed&uuml;rfnis im Rahmen von individueller oder organisationaler Ver&auml;nderung darstellt(.)&ldquo;<span id="easy-footnote-131-14408" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/transformationsstrategien-revisited-eine-hypnosystemische-inspiration/#easy-footnote-bottom-131-14408" title="Starker / Peschke, 223."><sup>131</sup></a></span> Entscheidend ist </span><span lang="de-DE">dabei </span><span lang="de-DE">eine &bdquo;steuernde Metaposition&ldquo;<span id="easy-footnote-132-14408" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/transformationsstrategien-revisited-eine-hypnosystemische-inspiration/#easy-footnote-bottom-132-14408" title="Begriff bei Schmidt in Leeb et al, 22."><sup>132</sup></a></span>,&nbsp;was an das Modell des &bdquo;Inneren Teams&ldquo; von Friedemann Schulz von Thun denken l&auml;sst.<span id="easy-footnote-136-14408" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/transformationsstrategien-revisited-eine-hypnosystemische-inspiration/#easy-footnote-bottom-136-14408" title="Siehe Miteinander Reden, Band 3. Das Innere Team und situationsgerechte Kommunikation. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 28. Auflage 2019."><sup>136</sup></a></span></span></p>
<p><span lang="de-DE">An dieser Schmidt wiederholt wichtigen Kl&auml;rung l&auml;sst sich ein, vielleicht sogar <em>das</em> Merkmal hypnosystemischer Arbeit kenntlich machen: Die Anerkennung des unwillk&uuml;rlich Aufscheinenden (&bdquo;tranceartiges Erleben&ldquo;) und ihr Einbezug (Utilisation) in das Thema/Anliegen.<span id="easy-footnote-137-14408" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/transformationsstrategien-revisited-eine-hypnosystemische-inspiration/#easy-footnote-bottom-137-14408" title="Siehe das Modell bei Schmidt, 20."><sup>137</sup></a></span> Mit Vera Starker und Tilman Peschke ausgedr&uuml;ckt, liegt der Inhalt von Daten eben nicht nur in den Daten als solchen. &bdquo;Entscheidend f&uuml;r das Erleben von Individuen ist &hellip; nicht die Beschreibung (durch Dritte) oder der Inhalt des erlebten Ph&auml;nomens an sich, sondern vielmehr die Position, aus der heraus der Mensch das Ph&auml;nomen im jeweils aktuellen Kontext wahrnimmt (als Fokus seiner Aufmerksamkeit) und welche Bedeutung er diesem in diesem Augenblick zuschreibt.&ldquo;<span id="easy-footnote-138-14408" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/transformationsstrategien-revisited-eine-hypnosystemische-inspiration/#easy-footnote-bottom-138-14408" title="Starker / Peschke, 46."><sup>138</sup></a></span> Mit einem Ruth Cohn (Themenzentrierte Interaktion) zugeschriebenen Au</span><span lang="de-DE">sruf: &bdquo;Sag, was mit dir ist.&ldquo;<span id="easy-footnote-139-14408" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/transformationsstrategien-revisited-eine-hypnosystemische-inspiration/#easy-footnote-bottom-139-14408" title="M&uuml;ndlich &uuml;berliefert."><sup>139</sup></a></span></span></p>
<p><span lang="de-DE">Praktisch bedeutet dies</span><span lang="de-DE"> vor allem die Arbeit mit Bildern, Metaphern und in Aufstellungen<span id="easy-footnote-140-14408" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/transformationsstrategien-revisited-eine-hypnosystemische-inspiration/#easy-footnote-bottom-140-14408" title="Empfehlenswert hierzu Sparrer, Insa / Varga von Kib&eacute;d, Matthias: Klare Sicht im Blindflug. Schriften zur Systemischen Strukturaufstellung. Carl-Auer, Heidelberg 2010."><sup>140</sup></a></span></span><span lang="de-DE">, die zum &bdquo;inneren Erleben mit allen Sinnen&ldquo;<span id="easy-footnote-141-14408" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/transformationsstrategien-revisited-eine-hypnosystemische-inspiration/#easy-footnote-bottom-141-14408" title="Hullmann, 16."><sup>141</sup></a></span> anstiften und unbewusste Aufmerksamkeitsfokussierung erlebbar machen sollen. Mit Worten von Schmidt: &bdquo;(D)ie moderne Hirnforschung, die Forschung zur Evolutionsbiologie, die Motivationsforschung, die Forschungen zu Kommunikation, zu Kooperation und zu erfolgreicher Entscheidungsfindung und verwandter Gebiete (zeigen, JCH) eindeutig und unmissverst&auml;ndlich: Selbst wenn auf bewusster, willentlicher Ebene die Beteiligten eine geplante Ver&auml;nderung umsetzen wollen, reicht das &uuml;berhaupt nicht aus. Der gr&ouml;&szlig;te Teil menschlichen Erlebens und Verhaltens wird auf unwillk&uuml;rlicher und dabei zu einem erheblichen Teil unbewusster Ebene erzeugt und umgesetzt(.)&ldquo;<span id="easy-footnote-142-14408" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/transformationsstrategien-revisited-eine-hypnosystemische-inspiration/#easy-footnote-bottom-142-14408" title="Starker / Peschke, VI (Vorwort von Gunther Schmidt)."><sup>142</sup></a></span> Schmidt argumentiert hier &auml;hnlich wie das (ebe</span><span lang="de-DE">nfalls, jedoch ebenfalls nicht zu unrecht, gut rezipierte) Z&uuml;rcher Ressourcenmodell (ZRM).<span id="easy-footnote-143-14408" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/transformationsstrategien-revisited-eine-hypnosystemische-inspiration/#easy-footnote-bottom-143-14408" title="Siehe Storch, Maja / Krause, Frank / Weber, Julia: Selbstmanagement &ndash;&nbsp;ressourcenorientiert. Hogrefe, Bern 7., &uuml;berarbeitete Auflage 2022."><sup>143</sup></a></span></span></p>
<h3>Hypnosystemik in organisationalen Transformationsprozessen</h3>
<p><span lang="de-DE">Soweit die Kontaktaufnahme zu und Einordnung von hypnosystemischer Arbeit. Entstanden in und prim&auml;r ausgerichtet auf psychotherapeutische Kontexte, ist ein Hineindenken in organisationale Transformationsprozesse aber keineswegs verwunderlich, ja, inspirierend. So wie die systemische Reflexion therapeutischer Themen durch den Einbezug psychischer (mentaler und emotionaler)&nbsp;Prozesse der Klienten unterst&uuml;tzt wird, so l&auml;sst sich die alltagsempirisch eher als gering wahrgenommene Aufmerksamkeit darauf in Prozessen der Organisationsentwicklung und -beratung erh&ouml;hen. Soziale Systeme sind nicht alles.</span><span lang="de-DE"><blockquote class="f2-sidequote"><p>Soziale Systeme sind nicht alles.</p></blockquote></span></p>
<p><span lang="de-DE">Aus hypnosystemischer Aufmerksamkeit auf die M&ouml;glichkeit von Ver&auml;nderung, </span><span lang="de-DE">fokussiert auf</span><span lang="de-DE"> Organisationen, ergeben sich diese Hinweise:</span></p>
<ol>
<li><span lang="de-DE">Der psychische Druck, den Ver&auml;nderung auf den Plan ruft, darf nicht unterbewertet werden. Denn &bdquo;(j)ede Ver&auml;nderung im Erleben der Betroffenen bringt neben eventueller Neugier, Freude am Neuen und Lernbereitschaft auch Ambi- bzw. Multi-Valenzen, &Auml;ngste, Z&ouml;gern, Tendenzen zur Vermeidung und zum Zur&uuml;ckweichen usw. mit sich. Das liegt ganz einfach daran, dass Neues (welches solche Ver&auml;nderungen eben mit sich bringen) ja zun&auml;chst noch unbekannt ist. Das menschliche Gehirn, insbesondere auf der Ebene der Stamm- und Zwischenhirn-Prozesse, reagiert darauf unwillk&uuml;rlich, quasi automatisch, eben auch mit Angst, Abwehr und Stress, denn das Unbekannte k&ouml;nnte auch gef&auml;hrlich sein, und auf m&ouml;gliche Gefahr reagieren das Gehirn und der ganze Organismus von Menschen eben auf diese Weise.&ldquo;<span id="easy-footnote-144-14408" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/transformationsstrategien-revisited-eine-hypnosystemische-inspiration/#easy-footnote-bottom-144-14408" title="Starker / Peschke, VIf (Vorwort von Gunther Schmidt)."><sup>144</sup></a></span></span></li>
<li>&bdquo;In Ver&auml;nderungsprozessen wird h&auml;ufig kategorisch &sbquo;altes Vorgehen&lsquo; f&uuml;r obsolet erkl&auml;rt, damit eine Fokussierung auf &sbquo;neues Verhalten&lsquo; m&ouml;glich ist. &hellip; Eine zu dynamische Entwicklung &hellip; f&uuml;hrt (jedoch, JCH) in der Regel zu einer Beeintr&auml;chtigung des Grundbed&uuml;rfnisses nach Orientierung und Sicherheit.&ldquo;<span id="easy-footnote-145-14408" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/transformationsstrategien-revisited-eine-hypnosystemische-inspiration/#easy-footnote-bottom-145-14408" title="Starker / Peschke, 224."><sup>145</sup></a></span> Da diese aus hypnosystemischer Sicht unwillk&uuml;rlich (&bdquo;automatisiert&ldquo;) und unbewusst organisiert sind, sind sie &bdquo;aus neurobiologischer Sicht grunds&auml;tzlich immer schneller, st&auml;rker und effektiver als alles Bewusste und Willentliche.&ldquo;<span id="easy-footnote-146-14408" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/transformationsstrategien-revisited-eine-hypnosystemische-inspiration/#easy-footnote-bottom-146-14408" title="Starker / Peschke, 222. Siehe dazu auch Kahnemann, Daniel: Schnelles Denken, langsames Denken. Pantheon, 3. Auflage 2005."><sup>146</sup></a></span> Mag man Ver&auml;nderung also noch so sehr <em>wollen</em>, man <em>kann</em>&nbsp;sie nicht vollziehen, solange Orientierung und Sicherheit nicht gegeben, genauer: gesp&uuml;rt und erlebt, sind.</li>
</ol>
<p><span lang="de-DE">F&uuml;r die Gestaltung von Transformationsprozessen gibt hypnosystemische Aufmerksamkeit entsprechend an die Hand:</span></p>
<ul>
<li><span lang="de-DE">Es braucht keine lange Problemerarbeitung. Die meisten Klient:innen sind sowieso in Trance, wenn sie zur Beratung kommen. &bdquo;Durch eine intensive Fokussierung auf ihr Problemerleben haben sie sich in eine selbstinduzierte Problemtrance v</span><span lang="de-DE">ersetzt.&ldquo;<span id="easy-footnote-147-14408" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/transformationsstrategien-revisited-eine-hypnosystemische-inspiration/#easy-footnote-bottom-147-14408" title="Hullmann, 16."><sup>147</sup></a></span> Problemerarbeitung versch&auml;rft die Trance also m&ouml;glicherweise sogar noch. Sinnvoller ist, bei der <em>Trance</em>&nbsp;anzusetzen.</span></li>
<li>&bdquo;Um die hilfreichen unwillk&uuml;rlichen, intuitiven Kompetenzen &hellip; wirksam aktivieren zu k&ouml;nnen, bedarf es immer wieder einer Gestaltung von &sbquo;Umwelten&lsquo; (Kontexten) f&uuml;r die Beteiligten in Organisationen, die das f&ouml;rdern, denn Unwillk&uuml;rliches l&auml;sst sich nicht bewusst auf Kommando &sbquo;machen&lsquo;, es entsteht als Reflex auf f&ouml;rderliche Bedingungen.&ldquo;<span id="easy-footnote-148-14408" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/transformationsstrategien-revisited-eine-hypnosystemische-inspiration/#easy-footnote-bottom-148-14408" title="Starker / Peschke, IX (Vorwort von Gunther Schmidt)."><sup>148</sup></a></span></li>
<li>Es m&uuml;ssen &ndash; klassisch System-Umwelt-Theoretisch formuliert &ndash; <span lang="de-DE">also </span><span lang="de-DE">ausreichend neue Unterschiede eingef&uuml;hrt worden sein, die eine neue Musterbildung erm&ouml;glichen. Dies ist aber eben nicht nur ein ratio</span><span lang="de-DE">nal-bewusster, sondern eben auch emotional-affektiver Prozess. Starker und Peschke gehen davon aus, dass die Geschwindigkeit der Ver&auml;nderung im Kern davon &ndash; und dass es &gt;Kompetenz&lt;muster sind &ndash; abh&auml;ngt.<span id="easy-footnote-149-14408" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/transformationsstrategien-revisited-eine-hypnosystemische-inspiration/#easy-footnote-bottom-149-14408" title="Siehe Starker / Peschke, 222f."><sup>149</sup></a></span> Dem sei zugestimmt.</span></li>
<li>Die Arbeit mit Aufstellungen sollte mehr im Blick sein.<span id="easy-footnote-150-14408" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/transformationsstrategien-revisited-eine-hypnosystemische-inspiration/#easy-footnote-bottom-150-14408" title="Siehe Groth, Thorsten / Stey, Gerhard (Hg.): Potenziale der Organisationsaufstellung. Carl-Auer, Heidelberg 2007."><sup>150</sup></a></span></li>
<li>Die Rolle von <span lang="de-DE">Entwickler:innen und Berater:innen </span><span lang="de-DE">sei mit diesen Worten von Gunther Schmidt illustr</span><span lang="de-DE">iert: Sie sind Realit&auml;tenkellner<span id="easy-footnote-151-14408" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/transformationsstrategien-revisited-eine-hypnosystemische-inspiration/#easy-footnote-bottom-151-14408" title="Schmidt in Leeb et al, 23."><sup>151</sup></a></span> und kompetent im polynesischen Segeln<span id="easy-footnote-152-14408" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/transformationsstrategien-revisited-eine-hypnosystemische-inspiration/#easy-footnote-bottom-152-14408" title='Siehe Starker / Peschke, X (Vorwort von Gunther Schmidt). Polynesisches Segeln ist &lt;/span&gt;&lt;span lang="de-DE"&gt;die&lt;/span&gt;&lt;span lang="de-DE"&gt; Praxis, die es den indigenen V&ouml;lkern Polynesiens erm&ouml;glichte, weite Strecken &uuml;ber den offenen Pazifik zu segeln, ohne moderne Navigationsinstrumente wie Kompasse oder GPS. &lt;/span&gt;&lt;span lang="de-DE"&gt;Man segelte allein im Kontakt zu den umgebenden Ph&auml;nomen, in der Gewissheit, das Ziel zu erreichen, ohne das Ziel zu kennen. Die Funktion des Ziels ist also nicht, es zu erreichen, sondern in Bewegung zu kommen.&lt;/span&gt;&lt;span lang="de-DE"&gt;'><sup>152</sup></a></span>.</span></li>
</ul>
<p><span lang="de-DE">F&uuml;</span><span lang="de-DE">rwahr: Die Hypnosystemik ist nicht die Entdeckung einer neuen Welt &ndash;&nbsp;das ist auch nicht ihr Versprechen. Sie ist aber durchaus eine Aufmerksamkeitsfokussierung auf hypnotische Aufmerksamkeitsfokussierung von Menschen und stellt zur Kompetenz- und Re</span><span lang="de-DE">ssourcenaktivierung dessen methodische Trittstufen auf die </span><span lang="de-DE">systemische </span><span lang="de-DE">Landkarte entwicklerischer und beraterischer Landschaft.</span></p>
<h3>Eine (kurze) theologische Einordnung</h3>
<p>Ganz auf Praxis orientiert, l&auml;sst Schmidt philosophische (Wahrheit), epistemologische (Erkenntnis) und neurobiologische (Freiheit) Fragestellungen beiseite. In einem theologischen Orientierungszusammenhang, wie diesem Magazin, kann dies nicht unkommentiert bleiben. Denn hypnosystemische Praxis ist konstruktivistische Praxis. Jede Realit&auml;t, so Gunther Schmidt, wird konstruiert.<span id="easy-footnote-153-14408" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/transformationsstrategien-revisited-eine-hypnosystemische-inspiration/#easy-footnote-bottom-153-14408" title='&lt;span lang="de-DE"&gt;Schmidt in Leeb et al, 22.'><sup>153</sup></a></span></p>
<p><span lang="de-DE">So wie die Theologie auch, muss Schmidt aber die unbeantwortbare Frage<span id="easy-footnote-154-14408" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/transformationsstrategien-revisited-eine-hypnosystemische-inspiration/#easy-footnote-bottom-154-14408" title="Siehe von Foerster, Heinz: &Uuml;ber das Konstruieren von Wirklichkeiten. In: Ders.: Wissen und Gewissen. Versuch einer Br&uuml;cke. Herausgegeben von Siegfried J. Schmidt. Suhrkamp, Frankfurt (Main) 3. Auflage 1996. Seiten 25 bis 49."><sup>154</sup></a></span> &bdquo;Was ist wirklich (richtig)?&ldquo; entscheiden. Die </span><span lang="de-DE">Paradoxit&auml;t jeder Antwort wird </span><span lang="de-DE">hypnosystemisch </span><span lang="de-DE">in das Unbewusste </span><span lang="de-DE">und &bdquo;das System&ldquo;</span><span lang="de-DE"> verschoben, so dass ein hypothetisch freies Ich sich daraus (und dar&uuml;ber) erheben, mindestens damit umgehen kann.</span><span lang="de-DE"><span id="easy-footnote-155-14408" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/transformationsstrategien-revisited-eine-hypnosystemische-inspiration/#easy-footnote-bottom-155-14408" title="Siehe Metzinger, Thomas: Der Ego-Tunnel. Eine neue Philosophie des Selbst. Berlin-Verlag, Berlin 2009."><sup>155</sup></a></span></span><span lang="de-DE"> Dies kann man (mit Stefan K&uuml;hl) als Scharlatanerie bezeichnen,<span id="easy-footnote-156-14408" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/transformationsstrategien-revisited-eine-hypnosystemische-inspiration/#easy-footnote-bottom-156-14408" title='Siehe K&uuml;hl, Stefan: Das Regenmacher-Ph&auml;nomen. Widerspr&uuml;che und Aberglaube im Konzept der lernenden Organisation. Campus, Frankfurt (Main) 2000&lt;/span&gt;&lt;span lang="de-DE"&gt;.&lt;/span&gt;&lt;span lang="de-DE"&gt;'><sup>156</sup></a></span> und in der Tat muss </span><span lang="de-DE">entwicklerisches und </span><span lang="de-DE">beraterisches Handeln </span><span lang="de-DE">immer </span><span lang="de-DE">von solcher</span><span lang="de-DE"> wegbegr&uuml;ndet sein, </span><span lang="de-DE">im Kern mittels ethischer Pr&auml;dikationen entwicklerischer/beraterischer Praxis (&bdquo;Haltung, Haltung, Haltung&ldquo;)</span><span lang="de-DE">.</span></p>
<p><span lang="de-DE">Aber, </span><span lang="de-DE">weil damit kein Bekenntnis verbunden ist,</span> <span lang="de-DE">ist </span><span lang="de-DE">es kein </span><span lang="de-DE">theologisch </span><span lang="de-DE">verwerflicher, vielmehr ein </span><span lang="de-DE">zum Gespr&auml;ch anregender, f&uuml;r die Theologie durchaus gewinnbringender Kontakt.<span id="easy-footnote-157-14408" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/transformationsstrategien-revisited-eine-hypnosystemische-inspiration/#easy-footnote-bottom-157-14408" title="Ausf&uuml;hrlicher mein Beitrag: Eine Theologie der Beobachtung f&uuml;r die Praxis der Kirche. In: Brieden, Norbert / Hoff, Jonas Maria (Hg.): Gott &ndash;&nbsp;nur ein Konstrukt? &Uuml;ber konstruktivistisches Denken in der Theologie. Herder, Freiburg (Breisgau) 2024. Seiten 247 bis 265."><sup>157</sup></a></span></span></p>
</body></html>
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		<title>Die Dialektik religiöser Biografien um die Jahrtausendwende. Zur Dynamik religiösen Wandels im höheren und hohen Alter</title>
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		<pubDate>Tue, 18 Aug 2026 13:33:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Andreas Wittrahm</dc:creator>
		
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				<description><![CDATA[Beginnen wir mit der „postglazialen Landhebung“. Da dieser Essay auf einer Insel im Kattegatt entsteht, liegt es nahe, die „Dynamiken des (religiösen resp. kirchlichen) Wandels“ im Lichte dieser geologischen Dynamik zu betrachten, die die skandinavische Halbinsel immer noch ca. 1 cm pro Jahr ansteigen lässt, während auf der anderen Seite der Ostsee die norddeutsche und ...]]></description>
					<content:encoded><![CDATA[<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.0 Transitional//EN" "http://www.w3.org/TR/REC-html40/loose.dtd">
<html><body><p>Beginnen wir mit der &bdquo;postglazialen Landhebung&ldquo;. Da dieser Essay auf einer Insel im Kattegatt entsteht, liegt es nahe, die &bdquo;Dynamiken des (religi&ouml;sen resp. kirchlichen) Wandels&ldquo; im Lichte dieser geologischen Dynamik zu betrachten, die die skandinavische Halbinsel immer noch ca. 1 cm pro Jahr ansteigen l&auml;sst, w&auml;hrend auf der anderen Seite der Ostsee die norddeutsche und d&auml;nische K&uuml;ste absinken. Die Ursache f&uuml;r die Hebung liegt im Abschmelzen der skandinavischen Gletscher vor etwa 10.000 Jahren, die das Land &uuml;ber Jahrtausende niedergedr&uuml;ckt bzw. niedergehalten hatten. K&ouml;nnte es sein, dass f&uuml;r die Religiosit&auml;t der Mitteleurop&auml;er &auml;hnliches gilt und es mit dem Abschmelzen des gesellschaftlichen Einflusses der Kirchen zu einer vergleichbaren &bdquo;Hebung&ldquo; &ndash; hier in Form einer Zunahme des Spielraums f&uuml;r individuelle religi&ouml;se Biografien gekommen ist?</p>
<p>Die Einsicht, dass die ontogenetische Entwicklung jedes Menschen, der wir die religi&ouml;se Entwicklung subsumieren wollen, von Beginn an auch mit Einfl&uuml;ssen der Au&szlig;enwelt zusammenh&auml;ngt, verdanken wir der Life-span-Psychologie<span id="easy-footnote-147-14410" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/die-dialektik-religioeser-biografien-um-die-jahrtausendwende-zur-dynamik-religioesen-wandels-im-hoeheren-und-hohen-alter/#easy-footnote-bottom-147-14410" title="Paul B. Baltes, Entwicklungspsychologie der Lebensspanne, in: Psychologische Rundschau 41 (1990) 1&ndash;24."><sup>147</sup></a></span>. Die Bedeutung der Au&szlig;enwelt wiederum w&auml;chst mit zunehmendem Lebensalter, entsprechend dem vom leider viel zu fr&uuml;h verstorbenen deutsch-amerikanische Psychologen Klaus Riegel formulierten Grundsatz der &bdquo;dialektischen Entwicklungspsychologie&ldquo;: </p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Jeder sich entwickelnde Mensch ver&auml;ndert handelnd nicht nur sich selbst, sondern auch die Au&szlig;enwelt, in der er lebt, und wird durch die Welt, die er und andere geschaffen haben, ver&auml;ndert.</p></blockquote>Jeder sich entwickelnde Mensch ver&auml;ndert handelnd nicht nur sich selbst, sondern auch &bdquo;die Au&szlig;enwelt, in der er lebt, &hellip; und wird durch die Welt, die er und andere geschaffen haben, ver&auml;ndert.&ldquo;<span id="easy-footnote-158-14410" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/die-dialektik-religioeser-biografien-um-die-jahrtausendwende-zur-dynamik-religioesen-wandels-im-hoeheren-und-hohen-alter/#easy-footnote-bottom-158-14410" title="Klaus Riegel, Ans&auml;tze zu einer dialektischen Theorie der Entwicklung, in: ders. (Hrsg.), Zur Ontogenese dialektischer Operationen, Frankfurt/M. 1978, 75&ndash;96, 76."><sup>158</sup></a></span> Mit dieser fruchtbaren Alternative zu den g&auml;ngigen intrinsischen oder extrinsischen Entwicklungskonzepten fand sich ein vielversprechender Ausgangspunkt zur Beschreibung und zum Verstehen der individuellen religi&ouml;sen Entwicklung<span id="easy-footnote-159-14410" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/die-dialektik-religioeser-biografien-um-die-jahrtausendwende-zur-dynamik-religioesen-wandels-im-hoeheren-und-hohen-alter/#easy-footnote-bottom-159-14410" title="Vgl. zum Ganzen Andreas Wittrahm, Seelsorge, Pastoralpsychologie und Postmoderne. Eine pastoralpsychologische Grundlegung lebensf&ouml;rdernder Begegnungen angesichts radikaler postmoderner Pluralit&auml;t, Stuttgart 2001."><sup>159</sup></a></span> und deren m&ouml;glichen Beitr&auml;gen zur Dynamik gesellschaftlicher Prozesse im fortschreitenden 21. Jahrhundert. Auf diesem Hintergrund sind im Folgenden drei Fragen zu diskutieren:
<ol>
<li>Wie geht dieser Wandel im Einzelnen vor sich, und wie l&auml;sst sich das Verh&auml;ltnis von individuellem und gesellschaftlichem Wandel beschreiben und bestenfalls bestimmen?</li>
<li>Lassen sich Richtungen des religi&ouml;sen Wandels erkennen?</li>
<li>Welchen Einfluss &uuml;bt wiederum ein religi&ouml;ser Wandel auf allgemeine gesellschaftliche Ver&auml;nderungsdynamiken aus?</li>
</ol>
<h3>Wie geht dieser Wandel im Einzelnen vor sich, und wie l&auml;sst sich das Verh&auml;ltnis von individuellem und gesellschaftlichem Wandel beschreiben und bestenfalls bestimmen?</h3>
<p>Romano Guardini und Karl Rahner beschrieben Mitte des 20. Jahrhunderts erstmals &Uuml;berlegungen zu einer Ver&auml;nderung der Qualit&auml;t des Glaubens mit zunehmendem Alter. Damit waren sie ihrer Zeit voraus, da im theologischen Mainstream noch allenfalls die pastorale Praxis oder die moralischen Anforderungen, nicht aber die pers&ouml;nliche Entwicklung des Glaubenslebens durch ontogenetische Prozesse beeinflusst gesehen wurde.</p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Die Erkenntnis von der Plastizit&auml;t menschlichen Erlebens und Verhaltens in der zweiten H&auml;lfte des individuellen Lebenslaufes war in der Praktischen Theologie zwar angesto&szlig;en, aber noch lange nicht als Gegenstand angekommen.</p></blockquote> Die Erkenntnis von der Plastizit&auml;t auch dieser Dimension menschlichen Erlebens und Verhaltens in der zweiten H&auml;lfte des individuellen Lebenslaufes war somit in der Praktischen Theologie zwar angesto&szlig;en, aber noch lange nicht als Gegenstand erweiterter Forschung und Diskussion angekommen. Erst seit die religionssoziologischen Daten den Trend eines permanent sinkenden &bdquo;religi&ouml;sen Levels&ldquo; un&uuml;bersehbar aufdecken<span id="easy-footnote-160-14410" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/die-dialektik-religioeser-biografien-um-die-jahrtausendwende-zur-dynamik-religioesen-wandels-im-hoeheren-und-hohen-alter/#easy-footnote-bottom-160-14410" title='&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Hier ist zuletzt auf die Daten der sechsten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung zu verweisen: Sozialwissenschaftliches Institut der EKD/Katholische Arbeitsstelle f&uuml;r missionarische Pastoral (Hrsg.), Wie h&auml;ltst du&rsquo;s mit der Kirche? Zur Relevanz von Religion und Kirche in der pluralen Gesellschaft, Leipzig 2024, sowie fowid, Wichtigkeit von Religion und Kirche 2023, &lt;a href="https://fowid.de/meldung/wichtigkeit-religion-und-kirche-2023"&gt;https://fowid.de/meldung/wichtigkeit-religion-und-kirche-2023&lt;/a&gt;, zuletzt eingesehen 23.08.2026.'><sup>160</sup></a></span>, muss sich neben der religionspsychologischen auch die pastoraltheologische Forschung mit diesen Ver&auml;nderungen besch&auml;ftigen: Fast alle im Rahmen (religions-)soziologischer Studien in der nordwestlichen Hemisph&auml;re pr&auml;sentierten Items zur Beschreibung von Glaubens&uuml;berzeugungen oder religi&ouml;ser Ansprechbarkeit (von der Kirchenbindung ganz zu schweigen) zeigen im Erwachsenenalter von Kohorte zu Kohorte in allen Altersgruppen permanent niedrigere Werte. Das hei&szlig;t, jede Altersgruppe im Erwachsenenalter weist in allen Indizes der gro&szlig;en quantitativen Untersuchungen, also etwa der Kirchenmitgliedschaftsuntersuchungen wie auch der Auswertungen der Allbus-Untersuchungen durch die &bdquo;Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland&ldquo;, niedrigere Werte auf als die jeweils n&auml;chst-&auml;ltere Altersgruppe, aber auch im Vergleich zu den jeweils Gleichaltrigen in den fr&uuml;heren Untersuchungen.<blockquote class="f2-sidequote"><p>Jede Altersgruppe im Erwachsenenalter weist in allen Indizes der gro&szlig;en quantitativen Untersuchungen niedrigere Werte auf als die jeweils n&auml;chst-&auml;ltere Altersgruppe, aber auch im Vergleich zu den jeweils Gleichaltrigen in den fr&uuml;heren Untersuchungen.</p></blockquote> Damit ist &uuml;ber die individuelle biografische Wandlungsdynamik noch nichts gesagt. F&uuml;r die kohortengebundenen Ver&auml;nderungen braucht es lediglich &auml;u&szlig;ere Einfl&uuml;sse (siehe &bdquo;postglaziale Landhebung&ldquo;), die daf&uuml;r sorgen, dass jede Generation mit geringerer religi&ouml;ser Ausstattung startet als die vorherige.
<p>Doch da diese Reduktion der (gemessenen) Religiosit&auml;t sowohl im horizontalen als auch vertikalen Vergleich zu beobachten ist, scheint es naheliegend, dieses Ph&auml;nomen als doppelte Auswirkung eines allgemeinen S&auml;kularisierungstrends zu deuten: Dieser scheint zus&auml;tzlich zu den ver&auml;nderten Startbedingungen im Laufe des individuellen Lebens die in jeder Generation sowieso immer vulnerabler verankerte Religiosit&auml;t schlicht durch allm&auml;hliches Austrocknen aufzul&ouml;sen. Oder f&uuml;hrt gar, beschleunigt durch den Abbruch der Vertrauensw&uuml;rdigkeit der Kirchen als wesentlicher Agenten einer verfassten Religiosit&auml;t, bei entsprechender Konfrontation mit entt&auml;uschenden oder emp&ouml;renden Erfahrungen durch pers&ouml;nliche oder &ouml;ffentliche Anl&auml;sse irgendwann im Leben zu dem Entschluss, dass es jetzt reiche mit der Religion und gar mit der Kirche die Beziehung zu Glaubensgemeinschaft und religi&ouml;ser Praxis abgebrochen wird.</p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Es gibt einen alternativen Erkl&auml;rungsansatz an den sich viele pastorale Konzepte und kirchlich Verantwortliche lange geklammert haben, dass ein geheimes Skript im Lebenslauf jedes Einzelnen diesen erst im Alter zur h&ouml;chsten Auspr&auml;gung seines spirituellen bzw. Glaubenslebens (und damit zur&uuml;ck zur Kirche) f&uuml;hrt, zumindest wenn in Kindheit und Jugend entsprechende Fundamente gelegt wurden.</p></blockquote> Es gibt allerdings einen alternativen Erkl&auml;rungsansatz (an den sich viele pastorale Konzepte und kirchlich Verantwortliche lange geklammert haben), dass ein geheimes Skript im Lebenslauf jedes Einzelnen diesen erst im Alter zur h&ouml;chsten Auspr&auml;gung seines spirituellen bzw. Glaubenslebens (und damit zur&uuml;ck zur Kirche) f&uuml;hrt, zumindest wenn in Kindheit und Jugend entsprechende Fundamente gelegt wurden. Auch eine solche Entwicklung mag s&auml;kularen Einfl&uuml;ssen unterliegen. Wer mit einem niedrigeren Religiosit&auml;tsindex (wie immer wir den beschreiben) in Kindheit und Jugend, vor allem aber im jungen Erwachsenenalter startet, wird vielleicht nicht das Niveau seiner Vorg&auml;ngergeneration erreichen, aber immerhin ebenfalls die h&ouml;chste Auspr&auml;gung seiner Religiosit&auml;t im h&ouml;heren und hohen Alter erfahren. Spannend bleibt dann aber die Frage, wie sich ein solcher biografischer Trend zu wachsender religi&ouml;ser oder spiritueller Aufgeschlossenheit oder gar Suche im h&ouml;heren Alter realisieren sollte, wenn in Kindheit und Jugend gar keine entsprechenden Dispositionen angelegt wurden?
<p>Diese Fragen sind allein aufgrund von querschnittlichen Untersuchungsergebnissen nicht zu entscheiden, denn bei den quantitativen Daten zur religi&ouml;sen Entwicklung sind historisch-gesellschaftliche und individuell-psychische Entwicklungen konfundiert. Entwicklungspsychologisch gedacht, wird man im Sinne Riegels von einem kombinierten Effekt ausgehen m&uuml;ssen. Aber wie h&auml;ngen gesellschaftliche und innerpsychische Prozesse miteinander zusammen? Zur Beantwortung dieser Frage bedarf es eigentlich der Kombination der vorliegenden querschnittlichen Analysen mit einer L&auml;ngsschnittstudie, deren Aufwand in herk&ouml;mmlichen Forschungsprogrammen allerdings kaum zu realisieren ist.</p>
<p>Mit einem methodischen Kompromiss versuchte eine Forschungsgruppe unter Leitung von Walter F&uuml;rst und dem Verfasser um die Jahrtausendwende, die damals schon virulenten Ver&auml;nderungen im religi&ouml;sen Erleben und Verhalten insbesondere im mittleren und h&ouml;heren Erwachsenenalter nachzuzeichnen.<span id="easy-footnote-161-14410" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/die-dialektik-religioeser-biografien-um-die-jahrtausendwende-zur-dynamik-religioesen-wandels-im-hoeheren-und-hohen-alter/#easy-footnote-bottom-161-14410" title="Walter F&uuml;rst u. a. (Hrsg.), &bdquo;Selbst die Senioren sind nicht mehr die alten &hellip;&ldquo;. Praktisch-theologische Beitr&auml;ge zu einer Kultur des Alterns, M&uuml;nster 2003. Das Projekt wurde durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft und das Bistum Aachen gef&ouml;rdert."><sup>161</sup></a></span> Als qualitativer methodischer Ansatz diente eine biographische Exploration<span id="easy-footnote-162-14410" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/die-dialektik-religioeser-biografien-um-die-jahrtausendwende-zur-dynamik-religioesen-wandels-im-hoeheren-und-hohen-alter/#easy-footnote-bottom-162-14410" title="Andreas Kruse, Biografische Methode und Exploration, in: Gerd J&uuml;ttemann/Hans Thomae (Hrsg.), Biografie und Psychologie, Berlin 1987, 119&ndash;137."><sup>162</sup></a></span>, mit der die religi&ouml;se Lebensgeschichte in umfangreichen leitfadengest&uuml;tzten Interviews rekonstruiert wurde. Mit einem Drittel der Stichprobe konnte nach ca. zwei Jahren zudem ein Follow-Up-Interview gef&uuml;hrt werden. Hinzu kam ein Kohortenvergleich: Die Gruppe erhob Interviews mit nach dem Zufallsprinzip ausgew&auml;hlten Forschungsparter:innen aus Nord-, Ost und Westdeutschland, gleichverteilt nach Geschlechtern und in zwei Altersgruppen (Geburtsjahrgang 1930 bis 1935 und 1950 bis 1955). Aus einer vorherigen Pilotstudie stand noch ca. ein Dutzend Biografien hochaltriger Menschen der Geburtsjahrg&auml;nge zwischen 1910 und 1925 zur Verf&uuml;gung. Damit schienen wesentliche historische Sozialisationsbedingungen abgebildet:</p>
<ul>
<li>die &auml;lteste Gruppe mit der Kindheit in erstmals sich liberalisierenden Kirchen und Jugend in der religionskonkurrierenden und kirchenfeindlichen NS-Zeit (Pilotstudie),</li>
<li>die Gruppe der Senioren mit der Kindheit im Dritten Reich und Jugend in der (auch kirchlichen) Restauration der Nachkriegszeit und</li>
<li>die Gruppe im h&ouml;heren Erwachsenenalter mit der Kindheit im Wirtschaftswunder sowie der Jugend im kulturellen Umbruch der 60er-Jahre.</li>
</ul>
<p>Zwei theoretische Vorentscheidungen trafen wir f&uuml;r unser Projekt: Erstens entschieden wir uns f&uuml;r einen differenzierten Religionsbegriff als abh&auml;ngige Variable. Beobachtet werden sollte eine individuelle &bdquo;Gestalt der Religiosit&auml;t&ldquo;, bestehend aus den f&uuml;nf Dimensionen &bdquo;Gottesbild&ldquo;, &bdquo;subjektives Religionsverst&auml;ndnis&ldquo;, &bdquo;religi&ouml;se Praxis&ldquo;, &bdquo;religi&ouml;ses Wissen&ldquo; und &bdquo;religionsgemeinschaftliche Bindung&ldquo;. Wir gingen davon aus, dass Ver&auml;nderungen &uuml;ber die Zeit in jeder einzelnen Dimension zu beobachten sein sollten, dass diese aber nicht unabh&auml;ngig erfolgten und die Ver&auml;nderungen der Einzeldimensionen in bestimmten F&auml;llen zu einem umfassenden &bdquo;Gestaltwandel&ldquo; k&ouml;nnten &ndash; aber nicht m&uuml;ssten, sondern auch bestehende Ungleichzeitigkeiten abbilden k&ouml;nnten. Zweitens l&ouml;sten wir uns vom dominierenden Paradigma der Stufenmodelle religi&ouml;ser Entwicklung, wie sie den an Kohlberg angelehnten und seinerzeit von James Fowler und Fritz Oser erarbeiteten und einer empirischen &Uuml;berpr&uuml;fung zugef&uuml;hrten Konzepten zugrunde lag. Statt dieser noch bis heute h&auml;ufig als Referenzmodellen dienenden Theorien rezipierte unser Ansatz das Life-span-Modell der psychischen Entwicklung im Erwachsenenalter mit besonderem Fokus auf dem Umgang mit kritischen Lebensereignissen.</p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Die Entwicklung der individuellen Gestalt der Religiosit&auml;t folgt keinem normativen Muster, sondern ver&auml;ndert sich interindividuell und intraindividuell plural. Dies geschieht in Wechselwirkung mit historischen Bedingungen und pers&ouml;nlichen kritischen Lebensereignissen.</p></blockquote>
<p>Folglich lauteten die beiden wesentlichen Hypothesen:</p>
<ul>
<li>Die Entwicklung der individuellen Gestalt der Religiosit&auml;t folgt keinem normativen Muster, sondern ver&auml;ndert sich &ndash; entsprechend den Axiomen der Life-span-Psychologie &ndash; interindividuell und intraindividuell plural.</li>
<li>Dies geschieht in Wechselwirkung mit historischen Bedingungen und pers&ouml;nlichen kritischen Lebensereignissen.</li>
</ul>
<p>Zur &Uuml;berpr&uuml;fung der Hypothesen lie&szlig;en wir die Forschungsparter:innen ihren bisherigen Lebenslauf selbst nach f&uuml;r sie bedeutsamen Lebenswenden gliedern und die jeweilige Gestalt ihrer Religiosit&auml;t in allen f&uuml;nf Dimensionen vor und nach dieser Wende beschreiben. Auf diese Weise ergaben sich nicht nur Erkenntnisse zur Ver&auml;nderungskraft der Lebenskrisen, die f&uuml;r die Forschungsparter:innen zu Lebenswenden f&uuml;hrten, sondern auch ein (erinnertes) Kontinuum an Gestalten von der Kindheit bis zum Erhebungszeitpunkt.</p>
<p>Ganz grob gesprochen konnten wir beide Hypothesen best&auml;tigen. Die Plastizit&auml;t der Gestalt der Religiosit&auml;t der Forschungsparter:innen variierte mit der Anzahl an kritischen Lebensereignissen, von denen sie (retrospektiv) zu berichten wussten und deren Einfluss auf m&ouml;gliche Ver&auml;nderungen ihrer Religiosit&auml;t sie auch beschreiben konnten (Individualisierung und Pluralisierung). Die Ver&auml;nderungen wiesen um so st&auml;rker in Richtung einer individualisierten oder besser personalisierten Gestalt der Religiosit&auml;t, je sp&auml;ter die Forschungsparter:innen geboren wurden (Kohorteneffekt).</p>
<p>Im Einzelnen war zu fragen, ob die Idee typischer &bdquo;Gestalten der Religiosit&auml;t&ldquo; zu einer sinnvollen, einerseits ver&auml;nderungssensitiven und andererseits konsistenten Beschreibungskategorie f&uuml;hren konnte. Mit Hilfe von Expertenratings lie&szlig;en sich sieben abgrenzbare, an den praktisch-theologischen Forschungsstand anschlussf&auml;hige und dennoch innovative &bdquo;Gestalttypen&ldquo; ermitteln, deren Ver&auml;nderungsmuster durch den Lebenslauf zu verfolgen waren. Bei knapp 30 % der Forschungsparter:innen war eine Stabilit&auml;t der Gestalt vom Ende der Kindheit bis ins Alter zu beobachten, gut 20 % berichteten von drei und mehr Wechseln, der Rest lag dazwischen. Die Wechselh&auml;ufigkeit der j&uuml;ngeren Kohorte lag h&ouml;her, obwohl diese bis zum Untersuchungszeitpunkt weniger Lebensjahre und mit dem 2. Weltkrieg eine gro&szlig;e gesellschaftliche Ver&auml;nderung weniger durchlebt hatten.</p>
<p>Inhaltlich ergab sich als bedeutendster Wechsel die Abkehr von einer traditional-kirchlich gepr&auml;gten Gestalt (60 % vor der ersten Lebenswende) hin zu nicht einer, sondern einer Vielfalt von Gestalten! Ausgel&ouml;st wurden diese Lebenswenden &uuml;berwiegend durch kritische Lebensereignisse im Sinne von Sigrun-Heide Filipp. Krankheiten, Todesf&auml;lle und famili&auml;re Ereignisse zwangen die Forschungsparter:innen zu &bdquo;Synchronisationsleistungen&ldquo;, was in 40 % der F&auml;lle zu einem Wandel in der Gestalt der Religiosit&auml;t f&uuml;hrte. Die Ausl&ouml;ser waren also zun&auml;chst einmal pers&ouml;nlicher Natur, wobei historische Entwicklungen (Krieg, kulturelle Ver&auml;nderungen, kirchliche Gro&szlig;ereignisse wie das Konzil und seine Folgen) den Hintergrund f&uuml;r manche individuellen Krisen bildete. W&auml;hrend ein knappes Drittel der Forschungsparter:innen auch im Alter die Merkmale einer traditionalen (kirchlichen) Religiosit&auml;t aufwiesen, verteilten sich die &uuml;brigen zwei Drittel auf alle sechs anderen Gestalttypen: communial-kirchlich, kultur-christlich, kultur-kirchlich, postmodern-religi&ouml;s, indifferent und areligi&ouml;s. Die Pluralit&auml;t insgesamt und die Ver&auml;nderung hin zu den &bdquo;offenen&ldquo; Religionstypen fand sich bei den j&uuml;ngeren Forschungsparter:innen deutlich beschleunigt.</p>
<p>Interessante Befunde zeigten sich bei Betrachtung der einzelnen Dimensionen: Die &bdquo;kognitiven&ldquo; Bestandteile der religi&ouml;sen Gestalt, also Gottesbild und Religionsverst&auml;ndnis, erwiesen sich als deutlich ver&auml;nderungssensitiver, w&auml;hrend die praktischen Gestaltmerkmale (religionsgemeinschaftliche Bindung und religi&ouml;se Praxis) deutlich mehr Stabilit&auml;t aufwiesen. Dies f&uuml;hrte zu Ungleichzeitigkeiten innerhalb der Gestalt, die, anders als in einschl&auml;gigen entwicklungspsychologischen Modellen vorhergesagt, nicht unmittelbar zum Ausgleich dr&auml;ngten, sondern oft &uuml;ber lange Lebensphasen ausgehalten wurden &ndash; und dann doch anl&auml;sslich eines kritischen Lebensereignisses einen Gestaltwandel provozierten.</p>
<p>Die massivsten Ver&auml;nderungen einer Einzeldimension wies das Gottesbild auf: Die Mehrheit der (religi&ouml;sen) Forschungsparter:innen nahm aus der kindlichen/jugendlichen (vorkonzili&auml;ren) Sozialisation ein patriarchalisches Gottesbild mit in den Lebenslauf. Mit jeder Lebenswende schmolz dieses Konzept insbesondere in der patriarchalisch-strengen Variante ab und spielte zum Zeitpunkt der Untersuchung keine Rolle mehr &ndash; die Gottesvorstellungen hatten sich stattdessen auf eine g&uuml;tig-patriarchalische Gottesbildvariante, ein &bdquo;partnerschaftliches&ldquo; Gottesverh&auml;ltnis sowie diffuse oder apersonale Konzepte verteilt. Strikter Atheismus war &ndash; zumeist von Kindheit an &ndash; auf niedrigem Niveau stabil geblieben.<br>
Umgekehrt fand sich &ndash; und hier wird am ehesten deutlich, dass die Studie gut 20 Jahre zur&uuml;ckliegt &ndash; die h&ouml;chste Stabilit&auml;t bei der Bindung an die jeweilige Religionsgemeinschaft: Nur ganz wenige Forschungsparter:innen hatten im Kontext von Lebenswenden eine innere oder &auml;u&szlig;ere Abkehr von ihrer jeweiligen Gemeinde, Kirche oder Gemeinschaft vollzogen.</p>
<h3>Lassen sich Richtungen des religi&ouml;sen Wandels erkennen?</h3>
<p>Die Befunde unserer Bonn-Aachener pastoralpsychologischen Studie werden u. a. deshalb hier so ausf&uuml;hrlich rezipiert, weil sich mit einer Ausnahme keine vergleichbaren Forschungsprogramme zur ontogenetischen Entwicklung der Religiosit&auml;t im mittleren und h&ouml;heren Erwachsenenalter angeschlossen haben. Nur das &ndash; zeitlich und hinsichtlich der Teilnehmerzahl umfangreiche &ndash; Studienprogramm der Universit&auml;ten Bielfeld und Tennessee (Heinz Streib u.a.) verfolgt ein vergleichbares Interesse, das &ndash; in kritischer Fortentwicklung des Faith-development-Konzepts von Fowler &ndash; auf einen methodischen Ansatz mit halb-strukturierten Interviews, einen offenen und dimensional gestalteten Religionsbegriff und eine Ausrichtung auf den gesamten Lebenslauf als Beobachtungsperspektive zur&uuml;ckgreift. Streib u.a. w&auml;hlen als Beobachtungskategorie in Anlehnung an Fowler einen &bdquo;Lebensglauben&ldquo; (faith)<span id="easy-footnote-163-14410" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/die-dialektik-religioeser-biografien-um-die-jahrtausendwende-zur-dynamik-religioesen-wandels-im-hoeheren-und-hohen-alter/#easy-footnote-bottom-163-14410" title='Chen und Streib definieren &bdquo;faith as a human universal rooted in personal experiences, relation to the Ultimate, and processes of meaning-making&rdquo;. Zhuo Job Chen/Heinz Streib, What predicts faith development? A longitudinal analysis with faith development interviews. Preprint, ver&ouml;ffentlicht unter &lt;a href="https://europepmc.org/article/ppr/ppr1157596"&gt;https://europepmc.org/article/ppr/ppr1157596&lt;/a&gt;, 1, zuletzt eingesehen 23.08.2026.'><sup>163</sup></a></span>, den sie von einer stark normativ orientierten Religiosit&auml;t unterscheiden. Die Fragestellung ihres sich &uuml;ber mittlerweile 20 Jahre erstreckenden Programms lautet, &bdquo;ob, wie, warum und mit welchen Konsequenzen Menschen ihre Religion und Weltanschauung &auml;ndern.&ldquo;<span id="easy-footnote-164-14410" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/die-dialektik-religioeser-biografien-um-die-jahrtausendwende-zur-dynamik-religioesen-wandels-im-hoeheren-und-hohen-alter/#easy-footnote-bottom-164-14410" title='Heinz Streib, Outcomes of faith style development. Final report, &lt;a href="https://pub.uni-bielefeld.de/download/3011319/3011368/FINAL_REPORT_STR570-22-1_2025-11-07_public.pdf"&gt;https://pub.uni-bielefeld.de/download/3011319/3011368/FINAL_REPORT_STR570-22-1_2025-11-07_public.pdf&lt;/a&gt;, 3, zuletzt eingesehen 23.08.2026.'><sup>164</sup></a></span></p>
<p>W&auml;hrend sich das Bonner Programm st&auml;rker an der Konfrontation mit individuellen oder historischen Lebenswenden orientiert und damit den Interaktionen nachsp&uuml;rt, die f&uuml;r Ver&auml;nderungen in der Gestalt der Religiosit&auml;t verantwortlich zu machen sind, richtet die Gruppe um Streib ihr Augenmerk besonders auf pers&ouml;nliche Stile (faith styles), die eine Glaubensentwicklung f&ouml;rdern oder hemmen. Neben diesem methodischen Unterschied verfolgen die beiden Studien deutlich verschiedene Ziele: Die Bonner Studie ist &uuml;berwiegend deskriptiv angelegt, w&auml;hrend das Bielefeld-Chattanooga-Programm von einem normativen Ziel ausgeht: Die Forschenden suchen nach Bedingungen, unter denen religi&ouml;se Entwicklung Menschen zu einem weiter entwickelten &bdquo;faith style&ldquo;, d. h. zu mehr Offenheit f&uuml;r interreligi&ouml;sen Wandel, damit Offenheit f&uuml;r Fremde(s) und Reduktion von Vorurteilen bef&auml;higt. Religionspsychologisch betrachtet verl&auml;uft ihre Glaubensstil-Hierarchie von einem selbstbezogenen &uuml;ber einen konventionellen und einen pers&ouml;nlich reflektierten letztlich zu einem dialogischen Glaubensstil, der dann am ehesten mit der gesuchten interreligi&ouml;sen Offenheit als Resultat und dem Wandel von einem autorit&auml;ren hin zu einem mystischen oder unaussprechlichen Gottesbild korreliert. Drei Pr&auml;diktoren f&uuml;r einen solchen Fortschritt in den Glaubensstilen finden die Forschenden: Pers&ouml;nlichkeitspsychologisch korreliert der dialogische Glaubensstil mit einer hohen Ladung auf dem Faktor &bdquo;Offenheit f&uuml;r neue Erfahrungen&ldquo; im Rahmen des Big-Five-Modells, und praktisch-theologisch ist eine umgekehrte Korrelation zu &bdquo;religi&ouml;s-kirchlicher Praxis&ldquo; sowie zur Akzeptanz lehramtlicher und katechetischer Texte festzustellen &ndash; so dass im Ergebnis die Entwicklung eines dialogischen &bdquo;faith style&ldquo; und seiner erw&uuml;nschten ethischen Begleiterscheinungen mit einer Distanz zum kirchlich tradierten Glauben und einer formalisierten Religiosit&auml;t einhergeht.</p>
<h3>Welchen Einfluss &uuml;bt wiederum ein religi&ouml;ser Wandel auf allgemeine gesellschaftliche Ver&auml;nderungsdynamiken aus?</h3>
<p>Was wissen wir nun &uuml;ber die &bdquo;Dynamik religi&ouml;sen Wandels im (h&ouml;heren) Erwachsenenalter&ldquo; &ndash; und was tragen die Ergebnisse dieses Wandels m&ouml;glicherweise in die vielf&auml;ltigen Prozesse des gesellschaftlichen Wandels im 21. Jahrhundert ein?</p>
<p>Eine Kombination der Ergebnisse der Bonner und der Bielefelder Studien vor dem Hintergrund religionssoziologischer Umfragen ergibt folgendes Bild:</p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Das in gewissem Ma&szlig;e geschlossene Bild der Religiosit&auml;t aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich aufgel&ouml;st.</p></blockquote> Das in gewissem Ma&szlig;e geschlossene Bild der Religiosit&auml;t aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich aufgel&ouml;st &ndash; die kirchliche Partizipation wie auch die Indikatoren einer konventionellen Religiosit&auml;t, hier vor allem ein patriarchales bzw. &uuml;berhaupt &bdquo;personales&ldquo; Gottesbild, Akzeptanz von Religion und Kirche als wichtige gesellschaftlich-kulturelle Gr&ouml;&szlig;en und das katechetische Wissen haben von Kohorte zu Kohorte abgenommen, und die Indikatoren einer solchen konventionellen Religiosit&auml;t sind auch nicht mit zunehmendem Alter in den Biografien nicht wieder aufgeflammt. Stattdessen haben sich insgesamt religi&ouml;se Indifferenz und diverse Gottesvorstellungen sowie vielf&auml;ltige Konzepte individueller Spiritualit&auml;t verbreitet.
<p>Als Ursachen dieser Entwicklung lassen sich sowohl gesellschaftliche Entwicklungen als auch pers&ouml;nliche Erfahrungen ausmachen. Als Mischung von beidem l&auml;sst ist etwa die gro&szlig;e Kirchenaustrittswelle im Zusammenhang mit den Aufdeckungen der Missbrauchsf&auml;lle und der z&ouml;gerlichen Aufarbeitung in den Kirchen zu deuten: Der kulturell-gesellschaftliche Faktor liegt in der deutlich gesunkenen gesellschaftlichen Toleranz gegen&uuml;ber sexualisierten &Uuml;bergriffen. Hinzu kommt die gewachsene Bereitschaft von Christinnen und Christen allen Alters, ihre pers&ouml;nliche Glaubensgestalt von solcherlei skandal&ouml;sem Verhalten oder auch von kirchenpolitischen Entscheidungen, die nicht zu ihren sonstigen &Uuml;berzeugungen passen, beeinflussen zu lassen. Die pers&ouml;nliche religi&ouml;se Biografie reagiert zudem, wie die Bonner Studie gezeigt hat, stark auf das Erleben und die Bew&auml;ltigung von Lebenswenden und Lebenskrisen: Standen in diesen Krisen private oder institutionelle Begleiter und Unterst&uuml;tzer mit &uuml;berzeugender pers&ouml;nlicher Religiosit&auml;t bzw. kirchlich-diakonischem Hintergrund zur Seite, konnte dies Impulse im Sinne einer weiter ausdifferenzierten und gefestigten Gestalt der Religiosit&auml;t zur Folge haben. Umgekehrt f&uuml;hrten Erfahrungen der Exklusion, der Missbilligung oder moralischen Verurteilung in solchen Krisen auch im Alter zu weiterer Distanzierung. Somit d&uuml;rfte zwar das Zusammenwirken von gesellschaftlichen Ver&auml;nderungen und pers&ouml;nlichen Erlebnissen in der religi&ouml;sen Entwicklung im Sinne des Riegelschen Dialektik-Modells oder der Grunds&auml;tze der Life-span-Psychologie als best&auml;tigt gelten &ndash; die genauen Mechanismen dieses Zusammenwirkens zu identifizieren oder gar zu quantifizieren, bleibt weiterer Forschung vorbehalten.</p>
<p>Wenn wir davon ausgehen, dass sowohl die individuelle Lebensgestaltung als auch die hohe Komplexit&auml;t und Vielfalt des gesellschaftlichen Zusammenlebens im Gefolge der enormen Wandlungsdynamik im 21. Jahrhundert insbesondere des Aufbaus einer belastbaren Ambiguit&auml;tstoleranz bed&uuml;rfen,<span id="easy-footnote-165-14410" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/die-dialektik-religioeser-biografien-um-die-jahrtausendwende-zur-dynamik-religioesen-wandels-im-hoeheren-und-hohen-alter/#easy-footnote-bottom-165-14410" title="Heiner Keupp, Subjektsein heute. Zwischen postmoderner Diffusion und der Suche nach neuen Fundamenten, in: Wege zum Menschen 51 (1999) 136&ndash;152."><sup>165</sup></a></span> dann k&ouml;nnen sowohl die Ergebnisse der Forschungen von Streib als auch der Bonner Studie interessante, allerdings f&uuml;r die verfassten Kirchen nicht unproblematische Beitr&auml;ge liefern: Die beiden oberen Stufen in der Streibschen Hierarchie der religi&ouml;sen Entwicklung, also (religi&ouml;se) Selbstreflexivit&auml;t und interreligi&ouml;se Dialogbereitschaft d&uuml;rften am ehesten f&uuml;r ein &bdquo;Leben mit riskanten Chancen&ldquo; (Keupp) und in Anerkennung von Verschiedenheit qualifizieren. Ebenso werden diejenigen Gestalttypen der Religiosit&auml;t, die gem&auml;&szlig; der Bonner Studie ein existenzvergewisserndes und zugleich freiheitsgew&auml;hrendes Gottesbild und eine eigenverantwortliche religi&ouml;se Praxis kombinieren, Menschen im mittleren und h&ouml;heren Erwachsenenalter ermutigen, die Dynamiken des gesellschaftlichen Wandels nicht nur auszuhalten, sondern auch weiterhin zu gestalten.</p><blockquote class="f2-sidequote"><p>&bdquo;Lehre&ldquo; kann nicht mehr &bdquo;Belehrung&ldquo; hei&szlig;en, sondern Weitergabe des Evangeliums durch Orthopraxie und Sorge f&uuml;r eine &uuml;berzeugende pastorale &Auml;sthetik.</p></blockquote> Wenn aber laut Streib diese h&ouml;her entwickelten &bdquo;Glaubensstile&ldquo; mit einer zumindest kritischen religi&ouml;sen Praxis und einer Skepsis gegen&uuml;ber kirchlichem Lehramt bzw. kirchlichen Texten einhergehen &ndash; und wenn entsprechend der Bonner Studie die religionsproduktivste Situation dort anzutreffen ist, wo Menschen in Lebenswenden und Lebenskrisen Akzeptanz, Begleitung und konkrete Hilfe erfahren &ndash;, dann m&uuml;ssen sich die verfassten Kirchen, um im gesellschaftlichen Wandel eine konstruktive Rolle zu spielen, mehr denn je auf ihr diakonisches Selbstverst&auml;ndnis und ihre diakonische Kompetenz konzentrieren. Dann kann &bdquo;Lehre&ldquo; nicht mehr &bdquo;Belehrung&ldquo; hei&szlig;en, sondern Weitergabe des Evangeliums durch Orthopraxie und Sorge f&uuml;r eine &uuml;berzeugende pastorale &Auml;sthetik.
<p>Das Eis auf der skandinavischen Halbinsel kehrt auf absehbare Zeit nicht zur&uuml;ck.</p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Die kirchliche Macht, Biografien durch ein rigoroses Lebenslauf-Regime zu lenken, hat sich aufgel&ouml;st. Die gesellschaftliche Bedeutung von Religion ver&auml;ndert sich in den Zeitl&auml;uften, und die individuelle Religiosit&auml;t entwickelt sich im Lebenslauf &ndash; beides miteinander verschr&auml;nkt.</p></blockquote> Die kirchliche Macht, Biografien durch ein rigoroses Lebenslauf-Regime zu lenken, hat sich aufgel&ouml;st. Die gesellschaftliche Bedeutung von Religion ver&auml;ndert sich in den Zeitl&auml;uften, und die individuelle Religiosit&auml;t entwickelt sich im Lebenslauf &ndash; beides miteinander verschr&auml;nkt. Das Individuum ist dabei Mitgestalter seiner religi&ouml;sen Biografie, und die Ergebnisse dieser pers&ouml;nlichen religi&ouml;sen Entwicklung wiederum bestimmen mit, wie dieser Mensch auf seine n&auml;here und weitere Umwelt Einfluss nimmt. Fazit: Dynamiken des gesellschaftlichen Wandels sind von individuellen Dynamiken des religi&ouml;sen Wandels nicht zu l&ouml;sen, aber in ihren Ergebnissen auch nicht zu bestimmen.
</body></html>
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		<title>Visionen der Zukunft – Veränderung aktiv gestalten, am Beispiel des Erzbistums Köln</title>
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		<pubDate>Thu, 03 Sep 2026 19:21:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Tabea Ritter</dc:creator>
		
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				<description><![CDATA[Eine aktive Rolle in Veränderungen Sie wissen: Veränderungen sind allgegenwärtig und die Welt verändert sich ständig. Auch die katholische Kirche ist davon nicht ausgenommen. Viele deutsche Bistümer sehen sich mit schwerwiegenden Veränderungen konfrontiert. Das Erzbistum Köln ist dabei keine Ausnahme: Besonders spür- und messbar sind zum Beispiel abnehmende Mitgliederzahlen oder weniger personelle und finanzielle Ressourcen. ...]]></description>
					<content:encoded><![CDATA[<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.0 Transitional//EN" "http://www.w3.org/TR/REC-html40/loose.dtd">
<html><body><p class="teaser">H&auml;ufig ist zu beobachten, dass im Umgang mit Ver&auml;nderung der Fokus zun&auml;chst darauf liegt, dessen negative Auswirkungen m&ouml;glichst gering zu halten. Dadurch wird Ver&auml;nderung bew&auml;ltigt. In diesem Artikel wird ein Perspektivwechsel vorschlagen: Ver&auml;nderung nicht nur zu bew&auml;ltigen, sondern sie aktiv zu gestalten. Als Hilfsmittel daf&uuml;r wird eine positive (Unternehmens-)Vision vorgeschlagen. Daf&uuml;r betrachtet Tabea Ritter als Mitarbeiterin im Fachbereich Strategieentwicklung und Grundsatzfragen des Erzbistums K&ouml;ln&nbsp;ihre Erfahrungen und zeigt auf, welche Auswirkungen eine solche Vision dort hatte und weiterhin hat.</p>
<h3>Eine aktive Rolle in Ver&auml;nderungen</h3>
<p>Sie wissen: Ver&auml;nderungen sind allgegenw&auml;rtig und die Welt ver&auml;ndert sich st&auml;ndig. Auch die katholische Kirche ist davon nicht ausgenommen. Viele deutsche Bist&uuml;mer sehen sich mit schwerwiegenden Ver&auml;nderungen konfrontiert. Das Erzbistum K&ouml;ln ist dabei keine Ausnahme: Besonders sp&uuml;r- und messbar sind zum Beispiel abnehmende Mitgliederzahlen oder weniger personelle und finanzielle Ressourcen. Soweit absehbar, sind diese Ver&auml;nderungen anhaltend und werden sich eher noch verst&auml;rken.</p>
<p>Diese Ver&auml;nderungen waren im Erzbistum K&ouml;ln lange handlungsleitend. So wurden z.B. auf Grund dieser Ver&auml;nderungen Kirchengemeinden zusammengelegt. Aus meiner Sicht eine schmerzhafte, jedoch notwendige Vorgehensweise. Diese Ma&szlig;nahme hat es erm&ouml;glicht, im Erzbistum K&ouml;ln m&ouml;glichst viele grunds&auml;tzliche Strukturen weitestgehend zu erhalten und damit Raum zum Atmen zu schaffen. Gleichzeitig zeigt sie aber auch, wie stark das Handeln von der Reaktion auf negative Ver&auml;nderungen gepr&auml;gt war.</p>
<p>Schaut man mit etwas Abstand auf solche Prozesse zeigt sich, dass hier in einem kontinuierlichen Fluss von Aktion und Reaktion agiert wird bzw. wurde: Ver&auml;nderungen werden beobachtet (z.B. weniger pastorales Personal) und in einer Art darauf reagiert, die wiederum Ver&auml;nderungen hervorruft (z.B. das Zusammenlegen von Kirchengemeinden, das wiederum Ver&auml;nderungen im Leben der einzelnen Gl&auml;ubigen hervorruft).</p>
<p>Zur Illustration hier eine hypothetische Ver&auml;nderungskette: Angenommen, die Rolle des Glaubens ver&auml;ndert sich im Leben vieler Menschen, als Folge ver&auml;ndern sich die Kirchenmitgliedschaftszahlen, welche wiederum die finanziellen Mittel der Kirchengemeinde bzw. des Bistums beeinflussen. Jetzt wird es spannend: Die Verantwortlichen im Erzbistum m&uuml;ssen entscheiden, WIE diese Ver&auml;nderungen kompensiert werden k&ouml;nnen. Entscheidet man sich also z.B. f&uuml;r eine Zusammenlegung der Kirchengemeinden, beeinflusst das wieder die Gl&auml;ubigen und weitere Zielgruppen, was wiederum Auswirkungen auf die Rolle des Glaubens in ihrem Leben hat.</p>
<blockquote class="f2-sidequote"><p>Jede und jeder, die oder der auf Ver&auml;nderungen reagiert, spielt eine aktive Rolle in Ver&auml;nderungsprozessen. Deshalb kann &ndash; und muss &ndash; jede und jeder entscheiden, wie diese Rolle gestaltet werden soll.</p></blockquote>
<p>Besonders wichtig ist dabei, dass diese gegenseitige Abh&auml;ngigkeit der Ver&auml;nderungen auch schnell zu einer Abw&auml;rtsspirale f&uuml;hren kann. Wenn diese Ver&auml;nderungen n&auml;mlich als negativ wahrgenommen werden, etabliert sich schnell eine Art &bdquo;Untergangsdenken&ldquo;, weil sich auf negative Ver&auml;nderungen mehr negative Ver&auml;nderungen als deren Konsequenz legen. Diese Ver&auml;nderungskette zeigt: Die Art, in der wir auf Ver&auml;nderungen reagieren und die Entscheidungen, die wir treffen, sind genauso ein Teil der Ver&auml;nderungskette, wie schwindende Mitgliedszahlen oder mangelndes pastorales Personal. Die Ver&auml;nderungen sind also nicht isoliert, sondern als Verkettung von Reaktionen in einem lebendigem &Ouml;kosystem zu betrachten. Jede und jeder, die oder der auf Ver&auml;nderungen reagiert, spielt also eine aktive Rolle in Ver&auml;nderungsprozessen. Deshalb kann &ndash; und muss &ndash; jede und jeder entscheiden, wie diese Rolle gestaltet werden soll.</p>
<h3>Es braucht eine Vision</h3>
<p>Im Erzbistum K&ouml;ln wurde diese Rolle zun&auml;chst vor allem reaktiv wahrgenommen: W&auml;hrend der Fokus auf negative Entwicklungen und deren Bew&auml;ltigung die Resilienz des Bistums st&auml;rkte, war doch zun&auml;chst eine Untergangs-Argumentationslogik handlungsleitend, die im vorangegangenen Abschnitt angerissen wurde. Ver&auml;nderung wurde bew&auml;ltigt, indem auf die genannten externen Entwicklungen reagiert und versucht wurde, ihre negativen Folgen m&ouml;glichst gering zu halten.</p>
<blockquote class="f2-sidequote"><p>Es fehlte ein positives Zukunftsbild, anhand dessen Ver&auml;nderungen aktiv h&auml;tten gestaltet werden k&ouml;nnen.</p></blockquote>
<p>Die Leitfrage war, wie bisher bestehende Strukturen unter den sich ver&auml;ndernden Bedingungen m&ouml;glichst erhalten bleiben k&ouml;nnen. Wie oben schon vermerkt, ist eine solche Fragestellung durchaus sinnvoll, es fehlt damit allein aber eine klare Orientierung: Welche Leitplanken geben Richtung und Halt in Zeiten der Ver&auml;nderung?</p>
<p>Dieser Mangel an Orientierung erschwerte es, Ver&auml;nderungen aktiv zu gestalten, denn es fehlte ein positives Zukunftsbild, anhand dessen Ver&auml;nderungen aktiv h&auml;tten gestaltet werden k&ouml;nnen. Es brauchte also eine Vision als Basis f&uuml;r Entscheidungen, die die Ver&auml;nderungen positiv gestalten &ndash; eine Vision, die aus reaktivem Handeln in ein aktives Gestalten f&uuml;hrt. Um diese Rolle aktiv zu gestalten, braucht es ein klares Bild davon, was &uuml;berhaupt unter einer Vision verstanden wird.</p>
<h3>Was ist eine Vision?</h3>
<p>In diesem Artikel wird &bdquo;Vision&ldquo; als ein Zukunftsbild verstanden. Laut dem Duden ist eine Vision in diesem Kontext ein &bdquo;in jemandes Vorstellung besonders in Bezug auf Zuk&uuml;nftiges entworfenes Bild&ldquo;. Ich m&ouml;chte es f&uuml;r diesen Artikel noch weiter zuspitzen: Eine (Unternehmens-)Vision beschreibt einen Soll-Zustand. Sie ist dabei nicht direkt messbar oder konkret, sondern bleibt abstrakt. Sie unterscheidet sich darin z.B. von Zielen, die in der Regel u.a. konkret und messbar sind (oder sein sollten, siehe <a href="https://karrierebibel.de/smart-methode/">SMART-Methode</a>). Durch diese Abstraktion kann eine Vision sozusagen fantastisch sein, sie muss sich nicht an die aktuellen Gegebenheiten anpassen. Wichtig ist trotzdem, dass eine Vision im Kontext von Ver&auml;nderungsmanagement kein ganz abstraktes Wunschdenken ist, das jeder Bodenhaftung entbehrt. Sie sollte konkret zum Unternehmen passen und f&uuml;r die entsprechenden Zielgruppen verst&auml;ndlich sein. So kann eine Vision inspirieren und motivieren. Eine Vision hat nicht den Anspruch, ein vollst&auml;ndiges und detailliertes Bild der Zukunft zu sein. Sie ordnet vielmehr den Blick auf bestimmte Dimensionen dessen, was werden soll, und schafft damit einen gemeinsamen Fokus. Dadurch l&auml;sst sich eine Vision auf viele verschiedene Kontexte und auf viele Lebens- und Arbeitssituation anwenden.</p>
<h3>Warum Vision und Ver&auml;nderung zusammengeh&ouml;ren (sollten)</h3>
<p>Eine Vision spielt in Zeiten von Ver&auml;nderung meiner Meinung nach auch deshalb eine zentrale Rolle, weil sie F&uuml;hrungskr&auml;fte in ihrer Aufgabe st&auml;rken kann. Sie bietet ihnen etwas, worauf sie Mitarbeitende hinf&uuml;hren k&ouml;nnen &ndash; und nicht nur weg von negativen Ver&auml;nderungen. Eine Vision kann inspirierend, klar und zugleich hinreichend konkret ausgestaltet werden, um Orientierung und Motivation zu stiften. Sie l&auml;sst sich auf das eigene Handlungsfeld anwenden und in konkrete Meilensteine und Ziele f&uuml;r den Weg zu diesem Zukunftsbild &uuml;bersetzen. Wenn nur klar ist, wovon weggef&uuml;hrt werden soll (etwa von negativen Ver&auml;nderungen), bleibt der Weg in die Zukunft unklar und das Ziel, auf das hingearbeitet werden soll, im Dunkeln. In einem solchen Kontext ist es schwer, als F&uuml;hrungskraft voranzugehen und f&uuml;r Mitarbeitende schwer, zu folgen. Ist die Vision hingegen klar und erstrebenswert und beleuchtet dadurch sozusagen den Weg voraus, wird es leichter, Ver&auml;nderung zu f&uuml;hren und mitzugehen.</p>
<blockquote class="f2-sidequote"><p>Eine Vision bietet ein Gegengewicht zum alleinigen Fokus auf negative Ver&auml;nderungen und erm&ouml;glicht einen ausbalancierten Ansatz zur Gestaltung von Ver&auml;nderungen.</p></blockquote>
<p>Neben dem Aspekt der F&uuml;hrungskr&auml;fte gibt es weitere Faktoren, die aus meiner Sicht erkl&auml;ren k&ouml;nnen, warum eine Vision Ver&auml;nderungsprozesse positiv beeinflussen kann &ndash; wie sich auch im Erzbistum K&ouml;ln beobachten l&auml;sst. Eine Vision schafft zun&auml;chst Klarheit dar&uuml;ber, worauf eine Organisation hinarbeitet. Dadurch f&auml;llt es leichter, Ziele zu formulieren, Entscheidungen zu treffen und Erfolg gemeinsam zu definieren. Das gibt Orientierung und kann zugleich motivierend wirken. Dar&uuml;ber hinaus bietet eine Vision einen fachbereichs&uuml;bergreifenden Referenzrahmen, der grunds&auml;tzliche Richtungsfragen kl&auml;rt und damit den Austausch zwischen unterschiedlichen Arbeitsbereichen erleichtert. Schlie&szlig;lich kann eine Vision auch in schwierigen Phasen Kraft geben, weil sie daran erinnern kann, wof&uuml;r sich der eigene Einsatz lohnt, und so zu einer mentalen Ressource f&uuml;r Orientierung und Durchhalteverm&ouml;gen wird. Entscheidend ist dabei, dass die Menschen, die sich mit der Vision auseinandersetzen und sie umsetzen sollen, wirklich an die Vision glauben und sie auch f&uuml;r realistisch halten (daher darf es, siehe oben, kein Wunschdenken sein). Wenn das gegeben ist, wird eine Vision gemeinsamer Ansporn. Sie wird gemeinsame Hoffnung und gemeinsamer Anspruch, aus denen konkrete geteilte Ideen entstehen. Eine Vision bietet damit ein Gegengewicht zum alleinigen Fokus auf negative Ver&auml;nderungen und erm&ouml;glicht einen ausbalancierten Ansatz zur Gestaltung von Ver&auml;nderungen.</p>
<h3>Entwicklung einer Vision im Erzbistum K&ouml;ln</h3>
<p>Die Vision des Erzbistums K&ouml;ln ist aus einer christlich-geistlichen Haltung heraus entstanden: Die Inhalte sind christlich gepr&auml;gt, die Erarbeitung war vom Gebet getragen. Damit beschreibt die Vision nicht allein ein angestrebtes Zukunftsbild f&uuml;r die Kirche im Erzbistum K&ouml;ln, sondern nimmt zugleich die Sendung der Kirche in den Blick, die ihren Ursprung in Jesus Christus hat und sich im konkreten kirchlichen Leben des Erzbistums verwirklichen soll. In diesem Abschnitt m&ouml;chte ich Ihnen einen kurzen Einblick darein geben, wie die Vision im Erzbistum K&ouml;ln entstanden ist.</p>
<p>Dem Erzbischof war es wichtig, dem Erzbistum eine Vision als Orientierung und Entscheidungsgrundlage zu geben und zugleich die F&uuml;hrungskr&auml;fte, die diese Vision sp&auml;ter umsetzen w&uuml;rden, aktiv in ihre Entwicklung einzubeziehen. Deshalb wurde die Vision im Rahmen einer Klausurtagung gemeinsam mit Verantwortlichen aus dem mittleren und oberen Management erarbeitet.</p>
<blockquote class="f2-sidequote"><p>Die Vision wurde gemeinsam mit Verantwortlichen aus dem mittleren und oberen Management erarbeitet.</p></blockquote>
<p>Da es ausdr&uuml;cklich darum ging, eine geistliche Vision zu erm&ouml;glichen, war der gesamte Prozess der Erarbeitung von Zeiten der Stille, Gebet, Meditationen zu biblischen Texten und <a href="https://www.vatican.va/roman_curia/synod/documents/rc_synod_doc_20040528_lineamenta-xi-assembly_ge.html">eucharistischer Anbetung</a>&nbsp;gepr&auml;gt und wurde durch eine externe Person geistlich begleitet. Wichtig waren dabei au&szlig;erdem intensive Gruppengespr&auml;che. Diese Gespr&auml;che wurden nach dem Modell des &bdquo;<a href="https://www.erzbistum-koeln.de/export/sites/ebkportal/erzbistum/geistliche-vision/.content/.galleries/Dokumente/Methode-und-Hinweise-zu-geistlichen-Gespraechen.pdf">Gespr&auml;chs im Heiligen Geist</a>&ldquo; gestaltet, das auch bei der <a href="https://www.synod.va/en.html">Weltsynode</a> und dar&uuml;ber hinaus Anwendung findet. Zentral ist dabei eine Haltung des aufmerksamen Zuh&ouml;rens. Alle kommen zu Wort, Beitr&auml;ge werden nicht vorschnell bewertet oder diskutiert, sondern zun&auml;chst stehen gelassen und gemeinsam bedacht. Gerade dadurch entstand ein Gespr&auml;chsklima, das Offenheit, gegenseitiges Verstehen und gemeinsames geistliches Unterscheiden f&ouml;rderte. Dabei entwickelte sich eine Vorstellung dessen, was der Auftrag f&uuml;r die Kirche von K&ouml;ln in dieser Zeit sein kann. Die Vision ist also kein Text, der als Entwurf in eine Abstimmung gegeben wurde, sondern das Resultat eines intensiven geistlichen Austauschs des Erzbischofs mit seinen leitenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Die positiven Erfahrungen mit diesem Vorgehen haben dazu gef&uuml;hrt, dass Elemente dieses Prozesses wie zum Beispiel das Gespr&auml;ch im Heiligen Geist bis heute im Erzbistum K&ouml;ln regelm&auml;&szlig;ige Anwendung finden.</p>
<blockquote class="f2-sidequote"><p>Interessierte sind eingeladen, die Vision nicht nur zu lesen, sondern sie sich gemeinsam mit anderen anzueignen.</p></blockquote>
<p>Nach ihrer Ausarbeitung wurde die Vision in verschiedenen Gremien des Erzbistums vorgestellt, beraten und anschlie&szlig;end &uuml;ber unterschiedliche Kommunikationsformate &ndash; von Empf&auml;ngen und Workshops bis zu Gemeindebesuchen des Erzbischofs &ndash; an Mitarbeitende und Gemeinden kommuniziert. Dabei stand und steht der offene Dialog im Mittelpunkt. Deshalb sind Interessierte eingeladen, die Vision nicht nur zu lesen, sondern sie sich gemeinsam mit anderen anzueignen. Dabei ist sowohl die eigene Betrachtung der Vision und der aufmerksame Austausch mit den anderen, das gegenseitige H&ouml;ren auf das, was jede und jeder Einzelne verstanden hat, sowie das gemeinsame Gebet zentral. Als Hilfestellung daf&uuml;r, eine solche Aneignung durchzuf&uuml;hren, stehen passende <a href="https://www.erzbistum-koeln.de/erzbistum/geistliche-vision/index.html">Materialien</a> zur Verf&uuml;gung.</p>
<h3>Was hat sich durch die Vision im Erzbistum K&ouml;ln positiv ver&auml;ndert?</h3>
<p>In den folgenden Abschnitten m&ouml;chte ich ein paar zentrale Ver&auml;nderungsprozesse im Erzbistum K&ouml;ln vorstellen, die so ohne die Vision nicht m&ouml;glich gewesen w&auml;ren.</p>
<p>Die Bedeutung der Vision wird zun&auml;chst im Ansatz der <strong>Wirkungsorientierung</strong> sichtbar, bei dem Ziele, Ma&szlig;nahmen und Ressourcen im Erzbistum K&ouml;ln systematisch daraufhin gepr&uuml;ft und ausgerichtet werden, ob und wie sie zur Verwirklichung der Vision beitragen. Als fachlicher Ansatz dazu dient der Ansatz der Wirkungsorientierung nach <a href="https://www.phineo.org/">Phineo</a>. Die Vision bzw. die aus ihr abgeleiteten strategischen Ziele<span id="easy-footnote-166-14423" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/visionen-der-zukunft-veraenderung-aktiv-gestalten-am-beispiel-des-erzbistums-koeln/#easy-footnote-bottom-166-14423" title="Das sind aus der Vision abgeleitete Ziele auf einer Meta-Ebene. Diese Ziele sind also schon an sich ein signifikanter Beitrag der Vision, und spielen auch in anderen Prozessen eine zentrale Rolle."><sup>166</sup></a></span> dienen als Referenzrahmen f&uuml;r die Planung von Projekten und das Treffen von Entscheidungen. F&uuml;r jedes Vorhaben wird festgelegt, welche Wirkung erzielt werden soll und wie sich diese &uuml;berpr&uuml;fen l&auml;sst. Das Thema Wirkungsorientierung ist zu umfassend, um es hier vertieft darzustellen; ich lade Sie jedoch herzlich ein, sich <a href="https://www.phineo.org/kursbuch-wirkung">n&auml;her damit zu besch&auml;ftigen</a>.</p>
<p>Entscheidend ist an dieser Stelle: Die Vision beeinflusst nicht nur die Ziele des Erzbistums K&ouml;ln, sondern auch die Zielerreichung, weil sie dazu anregen und bef&auml;higen kann, die eigene Arbeitsweise kontinuierlich zu hinterfragen und weiterzuentwickeln. Konkret wird Wirkungsorientierung im Erzbistum K&ouml;ln auf Bistumsebene derzeit dadurch umgesetzt, dass pastorale Ziele und Ma&szlig;nahmen konsequent mit klaren Wirkungszielen<span id="easy-footnote-167-14423" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/visionen-der-zukunft-veraenderung-aktiv-gestalten-am-beispiel-des-erzbistums-koeln/#easy-footnote-bottom-167-14423" title="Der Begriff Wirkungsziel stammt aus dem Kursbuch Wirkung von Phineo und beschreibt die &bdquo;[b]eabsichtigte Wirkungen eines Projekts, die f&uuml;r Personen, Gruppen, Organisationen oder die Gesellschaft zu physischen, finanziellen, institutionellen, sozialen, &ouml;kologischen oder sonstigen Verbesserungen beitragen.&ldquo; (Kurz, B., &amp;amp; Kubek, D., 2021, S. 137)"><sup>167</sup></a></span> und &uuml;berpr&uuml;fbaren Indikatoren<span id="easy-footnote-168-14423" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/visionen-der-zukunft-veraenderung-aktiv-gestalten-am-beispiel-des-erzbistums-koeln/#easy-footnote-bottom-168-14423" title="Auch die Bezeichnung Indikator stammt aus dem Kursbuch Wirkung und bedeutet &bdquo;Anzeiger (von lat. Indicare &ndash; auf etwas zeigen/ etwas zeigen) bzw. grunds&auml;tzlich unvollst&auml;ndiger Anhaltspunkt f&uuml;r das Vorhandensein eines Sachverhalts, dessen Vorliegen nicht unmittelbar beobachtbar ist.&ldquo; (Kurz, B., &amp;amp; Kubek, D., 2021, S. 136)"><sup>168</sup></a></span> hinterlegt werden. Anhand dieser Angaben wird die Wirksamkeit der zu analysierenden Ma&szlig;nahmen kontinuierlich gepr&uuml;ft. Die Messung der Wirksamkeit ist ein wichtiges Kriterium bei der &Uuml;berpr&uuml;fung von vorher definierten Zielen und Schwerpunkten (zu Pastoraler Schwerpunktsetzung und Zieleprozess siehe gleich noch unten) f&uuml;r alle Bereiche des Erzbistums. In Verbindung mit der Vision bedeutet das: Es wird regelm&auml;&szlig;ig gepr&uuml;ft, ob das eigene Tun tats&auml;chlich dazu beitr&auml;gt, die Vision wahr werden zu lassen.</p>
<blockquote class="f2-sidequote"><p>Es wird regelm&auml;&szlig;ig gepr&uuml;ft, ob das eigene Tun tats&auml;chlich dazu beitr&auml;gt, die Vision wahr werden zu lassen.</p></blockquote>
<p>Ein konkretes Anwendungsfeld dieser Kombination aus Vision und der daraus abgeleiteten M&ouml;glichkeit, Wirkung zu erfassen, ist die <strong>Pastorale Schwerpunktsetzung</strong>. Dabei handelt es sich kurz gesagt um ein Prozess, in dem die konkrete Ausrichtung und Priorisierung der Handlungsfelder des Erzbistums K&ouml;ln auf Bistumsebene betrachtet wurden. In diesem Rahmen war die Vision zentraler Bestandteil der Bewertungen: Sie diente als Orientierungshilfe daf&uuml;r, ob erfasste Aktivit&auml;ten der Vision entsprechen oder nicht. Der Prozess gestaltete sich dabei grob wie folgt: Die pastorale Schwerpunktsetzung im Erzbistum K&ouml;ln folgte einem geistlich gerahmten, synodalen Beratungsprozess und fand auf Bistumsebene statt:<span id="easy-footnote-169-14423" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/visionen-der-zukunft-veraenderung-aktiv-gestalten-am-beispiel-des-erzbistums-koeln/#easy-footnote-bottom-169-14423" title="Angepasste Prozesse auf Ebene der Kirchengemeinden folgen"><sup>169</sup></a></span>&nbsp;Zentrale Gremien im Erzbistum K&ouml;ln pr&uuml;ften, was inhaltlich im Erzbistum K&ouml;ln getan wird, systematisch im Licht der Vision und der strategischen Ziele. Methodisch geschah dies auch hier mit dem &bdquo;Gespr&auml;ch im Heiligen Geist&ldquo; und mit einer wirkungsorientierten Analyse: Welches Handlungsfeld tr&auml;gt wie stark zur Vision und den strategischen Zielen bei? Die Vision ist dabei die Bezugsgr&ouml;&szlig;e, sozusagen der Nordstern, und die systematische Analyse der Aktivit&auml;ten im Erzbistum ist der Kompas der anzeigt, welche dieser Aktivit&auml;ten inwieweit auf die Vision einzahlen. Ohne diese Grundlage w&auml;re es sehr schwierig geworden, auf einer solch gro&szlig;en Ebene vertretbare Schwerpunkte zu setzen. Diese Schwerpunkte brauchte es aber dringend f&uuml;r die anstehenden internen und externen Entwicklungen. Dieser solide Referenzrahmen, den die Vision geboten hat, hat die Erarbeitung von Schwerpunkten erst erm&ouml;glicht, vereinfacht und deren Akzeptanz gesteigert.</p>
<blockquote class="f2-sidequote"><p>Die systematische Analyse der Aktivit&auml;ten im Erzbistum ist der Kompass der anzeigt, welche dieser Aktivit&auml;ten inwieweit auf die Vision einzahlen.</p></blockquote>
<p>Ein weiteres Beispiel daf&uuml;r, wie die Vision im Erzbistum K&ouml;ln Ver&auml;nderungsprozesse pr&auml;gt, ist der sogenannte <strong>Zieleprozess</strong>, der in dieser Form erst durch die Vision m&ouml;glich geworden ist. Der Zieleprozess &uuml;bersetzt die Vision in konkrete, mehrj&auml;hrige Wirkungsziele. Diese Wirkungsziele werden wiederum in konkrete pastorale Wirkungsziele &uuml;bersetzt, die ihrerseits von entsprechenden organisationalen Wirkungszielen und den passenden Instrumenten und Ressourcen gest&uuml;tzt werden. Die Vision gibt dabei die inhaltliche Richtung vor: Sie legt die Ambition und die Richtung der Ziele vor. Dadurch wird der Zieleprozess zu einem in der Vision fundierten Steuerungsinstrument, das konkrete Zielsetzungen und Entscheidungen erm&ouml;glicht. Zudem sind Ziele durch die Vision, die allen gleicherma&szlig;en als Grundlage dient, auch zwischen Bereichen &bdquo;automatisch&rdquo; aufeinander abgestimmt und die Bem&uuml;hungen verschiedener Akteure gehen dadurch mit wenig Aufwand f&uuml;r Absprachen in eine kompatible Richtung.</p>
<h3>Eine Vision f&uuml;r die Zukunft</h3>
<p>Nat&uuml;rlich ist die Arbeit mit und an der Vision nicht abgeschlossen, sondern bleibt ein langfristiges Unterfangen, eine stete Weiter-Besch&auml;ftigung und Weiter-Aneignung der Vision. Die Vision ist kein Endziel, sondern wird &uuml;ber viele Jahre ein Begleiter bleiben, sowohl im Erzbisch&ouml;flichen Generalvikariat als auch in den Kirchengemeinden. Das Handeln der Verantwortlichen im Erzbistum K&ouml;ln soll immer konsequenter an der Vision ausgerichtet werden. Wichtig ist au&szlig;erdem, dass dabei die Realit&auml;t, sprich: die externen Ver&auml;nderungen, die beobachtbar sind und die Einfluss nehmen, nicht aus dem Blick verloren werden. Vielmehr muss die Vision hier das Mittel und die Basis sein, mit deren Hilfe auf diese externen Einfl&uuml;sse reagiert wird.</p>
<h3>Learnings</h3>
<p>Einige Learnings rund um die Erfahrungen mit der Vision seien kurz zusammengefasst. Die folgenden Punkte sind dabei nicht abschlie&szlig;end, haben sich aber aus meiner Sicht bew&auml;hrt und sind ein Teil des Erfolges der Vision:</p>
<ul>
<li>Es hat sich als hilfreich erwiesen, die Vision im Kreise des Top- und des fachlich zust&auml;ndigen Mittel-Managements zu entwickeln. Dadurch hat diese f&uuml;r Ver&auml;nderung und die Kommunikation solcher Visionen wichtige Zielgruppe eine sehr hohe Identifikation mit der geistlichen Vision. Das wirkt sich wiederum positiv auf die Akzeptanz auf allen Ebenen darunter aus.</li>
<li>Der konsequente Fokus auf Gebet und gegenseitiges H&ouml;ren haben nicht nur inhaltlich stark zur Qualit&auml;t der Vision beigetragen, sondern auch die Beratungen zu einer bereichernden Erfahrung f&uuml;r die Beteiligten gemacht.</li>
<li>Die Vision im Erzbistum K&ouml;ln ist bewusst so formuliert, dass sie sich &bdquo;auf einen Blick&ldquo; erfassen und in wenigen Minuten lesen l&auml;sst. Dabei ist sie trotzdem reich an Inhalt. Dadurch l&auml;sst sich sehr gut, auch &uuml;ber Monate und Jahre, mit ihr arbeiten.</li>
<li>Im Erzbistum K&ouml;ln wurde die Vision entwickelt, um sie als Grundlage f&uuml;r Entscheidungen und Projekte zu nutzen. In diesem Kontext wurde sie auch immer wieder (mit)kommuniziert. Leitung und Mitarbeitende gleicherma&szlig;en bezogen und beziehen sich immer wieder auf die Vision. Dadurch ist die Vision zu einem stabilen Bezugspunkt geworden.</li>
<li>Es gibt eine konsequente Bildsprache (Logo, Farbe) f&uuml;r die Vision, an der konsequent festgehalten wird. Diese st&auml;rkt die Wiedererkennbarkeit der Vision im Alltag des Erzbistums.</li>
<li>Entscheidend daf&uuml;r, der Vision konkrete Gestalt zu geben, war es, sie in den Ver&auml;nderungsprozessen des Erzbistums zur Grundlage zu machen. Dadurch ist sie nicht nur pr&auml;sent, sondern tats&auml;chlich im Handeln der verschiedenen Akteure erlebbar.</li>
</ul>
<h3>Schluss</h3>
<p>Abschlie&szlig;end l&auml;sst sich sagen: Die Erfahrungen im Erzbistum K&ouml;ln zeigen, wie eine Vision Ver&auml;nderungsprozesse pr&auml;gen kann: Sie bietet Orientierung in komplexen Entwicklungen, st&auml;rkt F&uuml;hrungskr&auml;fte und Mitarbeitende und schafft einen gemeinsamen Referenzrahmen f&uuml;r Entscheidungen, Ziele, Priorit&auml;ten und Projekte. Zugleich wird eine Vision erst wirksam, wenn sie immer wieder kommuniziert und konsequent in Steuerungsinstrumente &uuml;bersetzt wird, die wiederum durch die Vision erm&ouml;glicht und validiert werden. So kann eine Vision den gemeinsamen Gang in die Zukunft st&auml;rken.</p>
</body></html>
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		<title>Editorial</title>
		<link>https://www.futur2.org/article/editorial-15/</link>
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		<pubDate>Thu, 03 Sep 2026 20:38:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Jan-Christoph Horn</dc:creator>
		
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				<description><![CDATA[Was, so haben wir uns in der Redaktion gefragt, kann man eigentlich noch Neues über Strategie und Entwicklung in Gesellschaft und Kirche schreiben? Sind nicht alle Gedanken gedacht, alle Konzepte konzipiert, alle Statements abgegeben, alle Diskussionen diskutiert? Eine Perspektive aber scheint uns unterbelichtet, auch bei uns im Magazin. Wir haben oft eine pastoraltheologische und soziologische ...]]></description>
					<content:encoded><![CDATA[<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.0 Transitional//EN" "http://www.w3.org/TR/REC-html40/loose.dtd">
<html><body><p>Was, so haben wir uns in der Redaktion gefragt, kann man eigentlich noch Neues &uuml;ber Strategie und Entwicklung in Gesellschaft und Kirche schreiben? Sind nicht alle Gedanken gedacht, alle Konzepte konzipiert, alle Statements abgegeben, alle Diskussionen diskutiert?</p>
<p>Eine Perspektive aber scheint uns unterbelichtet, auch bei uns im Magazin. Wir haben oft eine pastoraltheologische und soziologische Perspektive angeboten, und das nicht ohne Grund. Aber innerhalb der Praktischen Theologie gibt es auch eine elaborierte Pastoralpsychologie, die individual-, sozial- und religionspsychologisches Wissen mit theologischer Reflexion verbindet.</p>
<p>Einmal dezidiert aus dieser Perspektive auf Dynamiken von Transformation zu schauen, ist f&uuml;r uns lohnenswert. Es kommen kognitive, emotionale und systemische Tiefenschichten des Wandels in den Blick, genauer und gr&uuml;ndlicher. Die Beitr&auml;ge dieser Ausgabe liefern dabei weder eine Blaupause noch eine gemeinsame Transformationsvision. Sie folgen dem Gedanken, dass Kirche sich gegen tiefgreifenden Wandel gerade dadurch immunisieren k&ouml;nnte, dass sie Ver&auml;nderung an psychologischen Hinweisen vorbei zu organisieren versucht. Wir w&uuml;nschen gute Lekt&uuml;re.</p>
</body></html>
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		<title>Spirituelle Resilienz in Zeiten kirchlicher Transformation</title>
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		<pubDate>Thu, 06 Aug 2026 13:29:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Christoph Jacobs</dc:creator>
		
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				<description><![CDATA[Wandel ist ein Kerngeschehen und eine traditionsprägende Kernkompetenz in der Geschichte der Kirche. Das zeigt ihre zweitausendjährige Geschichte. Anpassungsfähigkeit, Lernfähigkeit, Innovationspotential und Experimentierfreudigkeit machen ihre Stärke aus. Genau dies wird heute häufig als organisationale Resilienz bezeichnet. Auch heute befindet sich die Kirche in einem tiefgreifenden Transformationsprozess. Für Europa gilt: Demografischer Wandel, zurückgehende personelle und finanzielle ...]]></description>
					<content:encoded><![CDATA[<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.0 Transitional//EN" "http://www.w3.org/TR/REC-html40/loose.dtd">
<html><body><p>Wandel ist ein Kerngeschehen und eine traditionspr&auml;gende Kernkompetenz in der Geschichte der Kirche. Das zeigt ihre zweitausendj&auml;hrige Geschichte. Anpassungsf&auml;higkeit, Lernf&auml;higkeit, Innovationspotential und Experimentierfreudigkeit machen ihre St&auml;rke aus. Genau dies wird heute h&auml;ufig als organisationale Resilienz bezeichnet.</p>
<p>Auch heute befindet sich die Kirche in einem tiefgreifenden Transformationsprozess. F&uuml;r Europa gilt: Demografischer Wandel, zur&uuml;ckgehende personelle und finanzielle Ressourcen, gr&ouml;&szlig;ere pastorale R&auml;ume, ver&auml;nderte Formen religi&ouml;ser Sozialisation und ein erheblicher Vertrauensverlust ver&auml;ndern ihre vertraute Gestalt. Die Transformation der Kirche steht wiederum im Kontext ebenso tiefgreifender Krisenprozesse in der gesamten Gesellschaft.</p>
<p>Der kirchliche Transformationsdiskurs fragt zu Recht seit Jahren nach neuen Strukturen, Leitung, Beteiligung, organisationalem Lernen, Innovation und Exnovation (Burkowski, 2022; Dessoy, 2022). Er bleibt jedoch unvollst&auml;ndig, solange nicht grunds&auml;tzlich gefragt wird, ob Glaube resilient macht. Ob auch die Kirche als Lebens- und Lernort des Glaubens ein Ort der Resilienz f&uuml;r Menschen sein kann, die auf der Suche sind, Krisen und Wandel zu bew&auml;ltigen. Zus&auml;tzlich ist zu fragen, was Transformation mit den Menschen macht, die Kirche bilden und sich in ihr in der Seelsorge engagieren.</p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Wandel ist ein Kerngeschehen und eine traditionspr&auml;gende Kernkompetenz in der Geschichte der Kirche.</p></blockquote>
<p>Die Ausgangsthese lautet daher: Die Transformationskraft der Kirche &ndash; und ihre Begrenzung &ndash; realisiert sich in und f&uuml;r Menschen. Transformation ist nie nur ein strukturelles und organisationales Geschehen. Sie ist eine existentielle und spirituelle Herausforderung f&uuml;r Menschen. Transformation wird von Menschen erlebt, gestaltet, erlitten. Sie sind keine externen Beobachterinnen und Beobachter von Systemen. Es sind vor allem Menschen mit ihren Lebensbedingungen und Glaubensgestalten, die sich in Transformation befinden. Diese Transformation ber&uuml;hrt Zugeh&ouml;rigkeit und Identit&auml;t, Sinnorientierung und Zukunftshoffnung, Selbstwirksamkeit und missionarisches Engagement. Menschen m&uuml;ssen Abschied nehmen von Vertrautem, mit Unsicherheit leben und sich auf eine Zukunft einstellen, deren Gestalt noch nicht erkennbar ist. Transformation ist deshalb immer auch ein psychischer, sozialer und spiritueller Bew&auml;ltigungsprozess.</p>
<p>Hier setzt die Frage nach Resilienz an. Resilienz meint nicht Unverwundbarkeit und auch nicht die F&auml;higkeit, Krisen m&ouml;glichst unber&uuml;hrt zu &uuml;berstehen &ndash; dies ist eher ein popul&auml;rwissenschaftliches Verst&auml;ndnis, das aus der w&ouml;rtlichen &Uuml;bersetzung des Lateinischen hervorgegangen ist (Jacobs &amp; Oel, 2021).</p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Aus der Perspektive der Humanwissenschaften bezeichnet Resilienz jene dynamischen Prozesse, in denen Menschen angesichts von Belastungen auf innere und &auml;u&szlig;ere Ressourcen zur&uuml;ckgreifen, um ihre Handlungs-, Beziehungs- und Entwicklungsf&auml;higkeit zu erhalten, zu vergr&ouml;&szlig;ern oder wiederzugewinnen.</p></blockquote>
<p>Aus der Perspektive der Humanwissenschaften bezeichnet Resilienz jene dynamischen Prozesse, in denen Menschen angesichts von Belastungen auf innere und &auml;u&szlig;ere Ressourcen zur&uuml;ckgreifen, um ihre Handlungs-, Beziehungs- und Entwicklungsf&auml;higkeit zu erhalten, zu vergr&ouml;&szlig;ern oder wiederzugewinnen. F&uuml;r die gegenw&auml;rtige Situation stellt sich deshalb die Frage, welche Bedeutung Spiritualit&auml;t, Glaube und Religiosit&auml;t in krisenhaften menschlichen, gesellschaftlichen und kirchlichen Ver&auml;nderungsprozessen gewinnen k&ouml;nnen.</p>
<p>Wichtig ist f&uuml;r den Beitrag eine kurze Begriffskl&auml;rung von Spiritualit&auml;t und Religiosit&auml;t bzw. Glaube. Spiritualit&auml;t wird gegenw&auml;rtig in der Forschung als der weitere Begriff verstanden: als pers&ouml;nliche Sinnorientierung bzw. Beziehung zum Heiligen bzw. Transzendenten. Religiosit&auml;t/Glaube bezeichnet st&auml;rker die Einbindung in ein organisiertes System von &Uuml;berzeugungen, Praktiken und Symbolen, das die N&auml;he zum Transzendenten f&ouml;rdert. Empirisch lassen sich beide Konstrukte allerdings nicht immer trennscharf unterscheiden (Schwalm et al., 2022).</p>
<p>Bedeutsam ist: F&uuml;r kirchlich gebundene Menschen erh&auml;lt Transformation eine besondere Dynamik. Die Kirche in ihrer Vielgestaltigkeit ist f&uuml;r sie ein Ort, an dem sie ihren Glauben leben und ihr Leben deuten. Sie erfahren dort Kraft, Sinn und Zugeh&ouml;rigkeit. Kirche ist f&uuml;r sie ein Erfahrungsraum f&uuml;r gelebte Spiritualit&auml;t. Transformation ber&uuml;hrt damit gerade jene Ressourcen, die bei der Bew&auml;ltigung von Krisen helfen k&ouml;nnen. Die Institution, die Ressourcen zur Bew&auml;ltigung von Krise, Unsicherheit und Verlust bereitstellt, ist selbst von Krise, Unsicherheit und Verlust betroffen. Kirchliche Transformation ist deshalb auch eine Herausforderung zur spirituellen Transformation.</p>
<p>Dieser Beitrag fokussiert auf der Basis grunds&auml;tzlicher &Uuml;berlegungen zur Resilienz in Krisenzeiten explizit auf Resilienz im Transformationsprozess der Kirche. Drei Fragen pr&auml;gen den Beitrag:</p>
<ol>
<li>Welche psychischen, sozialen und spirituellen Ressourcen kann der Glaube aktivieren?</li>
<li>Wie kann Kirche R&auml;ume schaffen, in denen diese gest&auml;rkt werden?</li>
<li>Wie muss die Kirche sich selbst ver&auml;ndern, damit sie Resilienz nicht nur fordert, sondern erm&ouml;glicht?<br>
<blockquote class="f2-sidequote"><p>Resilienz darf nicht dazu dienen, Menschen an belastende Verh&auml;ltnisse anzupassen. Resilienz wird vielmehr selbst zu einem Qualit&auml;tsma&szlig;stab der gesamten kirchlichen Transformation.</p></blockquote></li>
</ol>
<p>Dabei soll von Beginn an ein Postulat gesetzt werden: Resilienz darf nicht dazu dienen, Menschen an belastende Verh&auml;ltnisse anzupassen. Resilienz wird vielmehr selbst zu einem Qualit&auml;tsma&szlig;stab der gesamten kirchlichen Transformation. Die Kirche als ganze muss sich daran messen lassen, ob Menschen durch sie und in ihr handlungs-, beziehungs-, glaubens- und hoffnungsf&auml;hig werden. F&uuml;r Menschen wie f&uuml;r die Kirche als Organisation geht es darum, sich in Krisenszenarien ver&auml;ndern zu k&ouml;nnen, ohne die eigene spirituelle Mitte zu verlieren.</p>
<h2>Resilienz in Zeiten der Transformation</h2>
<p>Die aktuelle wissenschaftliche Resilienzforschung versteht unter Resilienz einen dynamischen Anpassungs- und Entwicklungsprozess angesichts von belastenden Bedingungen (Bonanno, Westphal, &amp; Mancini, 2011; Rutter, 2012). Menschen bleiben oder werden handlungsf&auml;hig, indem sie auf Ressourcen zur&uuml;ckgreifen, neue erschlie&szlig;en und sich auf ver&auml;nderte Bedingungen einstellen.</p>
<p>Damit richtet sich der Blick nicht nur auf die Person, sondern auf das Zusammenspiel von Person und Umwelt. Die individuellen Ressourcen der Resilienz (z. B. Selbstwirksamkeit, Emotionsregulation oder Hoffnung) sind bedeutsam. Ob sie allerdings wirksam werden, h&auml;ngt ebenso von Netzwerken, sozialer Unterst&uuml;tzung und den jeweiligen Lebensbedingungen ab. Resilienz ist deshalb weder ausschlie&szlig;lich pers&ouml;nliche Leistung noch blo&szlig;es Ergebnis g&uuml;nstiger Umst&auml;nde. Sie entsteht relational und kontextabh&auml;ngig.</p>
<p>In Krisenzeiten ist diese Perspektive besonders wichtig. Menschen leben von tragenden Gewohnheiten &ndash; ja, sie lieben tragende Gewohnheiten. Krisen lassen sich als Bruch von Gewohnheiten verstehen, die nicht in angemessener Zeit wieder aufgenommen werden k&ouml;nnen. Existentielle Ver&auml;nderungen von individuellen Lebenspl&auml;nen, Rollen und Strukturen werden dort belastend, wo vertraute Orientierungen verloren gehen, Einflussm&ouml;glichkeiten schwinden oder Menschen nicht mehr erkennen k&ouml;nnen, wie ihre Erfahrungen und ihr Engagement in einer ver&auml;nderten Welt Bedeutung behalten. Transformation ber&uuml;hrt damit zentrale psychische Bed&uuml;rfnisse nach Orientierung, Zugeh&ouml;rigkeit, Selbstwirksamkeit und Sinn.</p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Das Bild eines Zur&uuml;ckspringens in den Ausgangszustand (bouncing back) greift zu kurz, wenn sich die Bedingungen dauerhaft ver&auml;ndern.</p></blockquote>
<p>Resilienz bedeutet in solchen Situationen nicht unbedingt, m&ouml;glichst schnell wieder Stabilit&auml;t herzustellen. Das Bild eines Zur&uuml;ckspringens in den Ausgangszustand (bouncing back) greift zu kurz, wenn sich die Bedingungen dauerhaft ver&auml;ndern (Bonanno et al., 2011). Resilienz zeigt sich dann vielmehr darin, in einem dynamischen Prozess unter neuen Bedingungen erneut Orientierung und Handlungsm&ouml;glichkeiten zu gewinnen. Sie bezeichnet nicht die R&uuml;ckkehr zum Fr&uuml;heren, sondern die F&auml;higkeit zur Anpassung und Entwicklung.</p>
<p>Damit erh&auml;lt die Resilienz f&uuml;r kirchliche Transformation eine doppelte Bedeutung:</p>
<ol>
<li>Resilienz fragt danach, was Menschen tr&auml;gt, wenn Vertrautes br&uuml;chig wird.</li>
<li>Resilienz fragt andererseits danach, welche Bedingungen Kirche selbst f&uuml;r Resilienz bereitstellt. Denn Resilienz h&auml;ngt von Ressourcen in Kontexten ab.</li>
</ol>
<p>Ein so konzipiertes dynamisches und relationales Resilienzkonzept bewahrt erstens davor, die Bew&auml;ltigung der Transformation allein den Betroffenen aufzub&uuml;rden. Zweitens nimmt es ernst, dass Menschen stets Subjekte ihres eigenen Lebens und Glaubens bleiben.</p>
<p>Zur Beantwortung der ersten Frage soll im Folgenden bedacht werden, wie spirituelle Ressourcen auf individueller Ebene ins Spiel kommen: Welche Ressourcen k&ouml;nnen durch Spiritualit&auml;t und Glauben aktiviert werden &ndash; und wie k&ouml;nnen sie in kirchlichen Transformationsprozessen wirksam werden?</p>
<h2>Was Glaube psychisch bewirken kann</h2>
<p>Dass Spiritualit&auml;t und Religiosit&auml;t mit Resilienz in Beziehung stehen, ist inzwischen empirisch gut belegt (Foy, Drescher, &amp; Watson, 2011; Schwalm et al., 2022). Die aktuelle systematische &Uuml;bersicht und Metaanalyse von Schwalm et al. findet &uuml;ber unterschiedliche Populationen hinweg einen moderaten positiven Zusammenhang (r = .40). In ihrer Metaanalyse ist der Zusammenhang mit Resilienz f&uuml;r Spiritualit&auml;t st&auml;rker (r = .46) als f&uuml;r Religiosit&auml;t (r = .24).</p>
<p>Das spricht gegen die einfache Gleichung &bdquo;Religion macht resilient&ldquo;. Entscheidend ist vielmehr, welche vielf&auml;ltigen Ressourcendimensionen spirituelle und religi&ouml;se Praxis tats&auml;chlich erschlie&szlig;en. Wichtig ist: Empirisch sind die Zusammenh&auml;nge vorsichtig zu interpretieren. Die meisten Studien sind querschnittlich und heterogen; Kausalaussagen sind daher nicht m&ouml;glich.</p>
<p>Religion und Spiritualit&auml;t k&ouml;nnen in Krisen unterschiedliche Prozesse der Bew&auml;ltigung miteinander verbinden: Menschen deuten Erfahrungen, regulieren Gef&uuml;hle, erleben Zugeh&ouml;rigkeit, gewinnen Hoffnung und setzen sich zu dem ins Verh&auml;ltnis, was ihrer Verf&uuml;gung entzogen bleibt.</p>
<p>Welche spirituellen und religi&ouml;sen Ressourcen stehen nun in positiver Beziehung zur Resilienz? F&uuml;nf Ressourcendimensionen treten besonders hervor (vgl. hierzu auch: Pargament, 2001):</p>
<ol>
<li>Eine erste Ressourcendimension des Glaubens umfasst Sinn, Koh&auml;renz und Selbsttranszendenz durch die Erfahrung des Heiligen (Antonovsky, 1987; Baumann, B&uuml;ssing, Frick, Jacobs, &amp; Weig, 2017). Krisen belasten deshalb, weil Gewohnheiten gebrochen und bisherige Deutungs- und Handlungsmuster fraglich werden. Religi&ouml;se &Uuml;berzeugungen k&ouml;nnen helfen, Erfahrungen in einen gr&ouml;&szlig;eren Zusammenhang einzuordnen, Verankerung zu schaffen und ver&auml;nderte Wirklichkeit in die eigene Lebensgeschichte zu integrieren. Gerade wenn vertraute kirchliche Formen verschwinden, wird die Unterscheidung wichtig zwischen dem, was dem Glauben seine Mitte gibt, und den Formen, in denen diese bisher Ausdruck gefunden hat.</li>
<li>Eng damit verbunden ist Hoffnung in Verbindung mit Selbstwirksamkeit. Hoffnung bedeutet nicht die Erwartung, dass &bdquo;es schon gut gehen wird&ldquo;. Sie h&auml;lt Zukunft offen und erm&ouml;glicht Handeln, obwohl der Ausgang unsicher ist. Religi&ouml;se Hoffnung kann dabei zwei Erfahrungen verbinden: &bdquo;Ich kann etwas tun &ndash; aber nicht alles h&auml;ngt von mir ab!&ldquo;. Das sch&uuml;tzt vor Ohnmacht ebenso wie vor der &Uuml;berforderung, das Gelingen der Transformation selbst garantieren zu m&uuml;ssen (Snyder, 2002).</li>
<li>Daran kn&uuml;pft eine dritte Ressource an: Vertrauen im Umgang mit Unverf&uuml;gbarkeit. Transformation konfrontiert mit begrenzter Kontrolle oder gar Kontrollverlust. Entwicklungen lassen sich nicht vollst&auml;ndig planen, Folgen von Entscheidungen nicht sicher vorhersehen. Religi&ouml;ses Vertrauen kann helfen, diese Grenze anzuerkennen, ohne in Passivit&auml;t zu geraten: verantwortlich handeln, ohne die Zukunft vollst&auml;ndig herstellen zu m&uuml;ssen.</li>
<li>Glaube kann entscheidend zur Emotionsregulation beitragen. Gebet, Gottesdienst, Klage und Rituale geben Angst, Trauer oder Dankbarkeit Ausdruck und Form. Gerade Transformation braucht nicht nur Strategien f&uuml;r das Neue (das unsicher, ambivalent und angstausl&ouml;send sein kann), sondern auch M&ouml;glichkeiten, Vergangenes zu w&uuml;rdigen und Verluste zu betrauern.</li>
<li>Schlie&szlig;lich vermittelt Religion in umfassender Weise Beziehung, Gemeinschaft und Zugeh&ouml;rigkeit in einem zeit&uuml;berdauernden Kontext. Gemeinschaft kann soziale Unterst&uuml;tzung und soziale Identit&auml;t bereitstellen. Zugleich er&ouml;ffnet der Glaube einen Horizont &uuml;ber die eigene Person und die gegenw&auml;rtige Situation hinaus. Auch die bestehende Gestalt der Kirche wird damit relativiert: Sie ist nicht selbst der letzte Horizont des Glaubens. Das ist auch eine fundamentaltheologische Grundeinsicht.</li>
</ol>
<p>Insgesamt gilt: Sinn, Koh&auml;renz und Selbsttranszendenz, Hoffnung und Selbstwirksamkeit, Vertrauen, Emotionsregulation und schlie&szlig;lich Gemeinschaft machen verst&auml;ndlich, warum Glaube in Krisenzeiten resilient wirken kann. Spirituelle Resilienz bedeutet dabei nicht, &bdquo;mehr zu glauben&ldquo;. Entscheidend ist, ob Glaube hilft, Wirklichkeit wahrzunehmen, Verluste zu integrieren, Handlungsm&ouml;glichkeiten zu entdecken und eine offene Zukunft auszuhalten.</p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Glaube ist eine m&ouml;gliche Resilienzressource, aber kein Resilienzversprechen &ndash; auch nicht in theologischer und spiritueller Perspektive.</p></blockquote>
<p>Allerdings k&ouml;nnen dieselben religi&ouml;sen Deutungen und Bindungen in Problemkonstellationen auch belasten. Glaube ist eine m&ouml;gliche Resilienzressource, aber kein Resilienzversprechen &ndash; auch nicht in theologischer und spiritueller Perspektive. Auch der Glaube kennt Krise, Zweifel und die Erfahrung der Gottesferne. Darauf wird sp&auml;ter einzugehen sein.</p>
<h2>Spiritualit&auml;t und Resilienz bei Seelsorgenden in Zeiten der Transformation: empirisch getragene Einsichten</h2>
<p>Die Frage nach spiritueller Resilienz in explizit kirchlichen Transformationsprozessen ist empirisch bislang nur begrenzt untersucht. Hinweise geben jedoch eigene Untersuchungen mit unterschiedlichen Gruppen von Seelsorgenden. Sie untersuchen nicht unmittelbar die Bew&auml;ltigung kirchlicher Transformation, wohl aber Ressourcen, die daf&uuml;r bedeutsam sind: Lebenszufriedenheit und psychisches Wohlbefinden, Koh&auml;renzgef&uuml;hl und Gotteserfahrung im Alltag, verschiedene Resilienzkomponenten, Selbstwirksamkeit, Ambiguit&auml;ts- und Unsicherheitstoleranz sowie unterschiedliche Dimensionen von Religiosit&auml;t und Spiritualit&auml;t. Sie erlauben keine einfachen Kausalaussagen, zeigen aber, unter welchen Bedingungen Spiritualit&auml;t zur Ressource werden kann &ndash; und wo ihre Grenzen liegen (vgl. zum folgenden: Baumann et al., 2017; B&uuml;ssing &amp; Jacobs, 2022; Jacobs, 2021, 2022; Jacobs &amp; B&uuml;ssing, 2022; Jacobs, Pollitt, &amp; B&uuml;ssing, 2023). Ein Teil dieser Befunde d&uuml;rfte auch &uuml;ber die untersuchten Gruppen von Seelsorgenden hinaus f&uuml;r religi&ouml;s engagierte Menschen relevant sein.</p>
<p>Die Befunde sprechen insgesamt gegen ein additives Verst&auml;ndnis spiritueller Resilienz: Zu psychischen Ressourcen kommt nicht einfach noch &bdquo;Spiritualit&auml;t&ldquo; hinzu. Spirituelle Erfahrung scheint vielmehr integrative Komponente eines Ressourcenverbundes zu sein, der Menschen erm&ouml;glicht, Identit&auml;t, Handlungsf&auml;higkeit und Hoffnung auch unter ver&auml;nderten Bedingungen aufrechtzuerhalten. Vier Einsichten erscheinen besonders relevant:</p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Nicht religi&ouml;se Aktivit&auml;t als solche, sondern die Integration von Transzendenz in das Leben scheint entscheidend zu sein. Resilienzrelevant ist die F&auml;higkeit, den Alltag selbst als Erfahrungsraum von Transzendenz wahrzunehmen.</p></blockquote>
<ol>
<li>Entscheidend f&uuml;r Lebensqualit&auml;t und Engagement der Seelsorgenden ist die F&auml;higkeit, Gott im Alltag wahrzunehmen. Die allt&auml;gliche Erfahrung des Heiligen &ndash; so ein zentrales Ergebnis der gro&szlig;en Seelsorgestudie &ndash; steht mit Lebensqualit&auml;t und Engagement in Beziehung. Sie l&auml;sst sich als ein&uuml;bungsf&auml;hige Erfahrungskompetenz verstehen. Nicht religi&ouml;se Aktivit&auml;t als solche, sondern die Integration von Transzendenz in das Leben scheint entscheidend zu sein. Resilienzrelevant ist die F&auml;higkeit, den Alltag selbst als Erfahrungsraum von Transzendenz wahrzunehmen. Spirituelle Resilienz l&auml;sst sich deshalb als Wahrnehmungs- und Resonanzf&auml;higkeit verstehen: das eigene Leben auch unter ver&auml;nderten Bedingungen als m&ouml;glichen Ort der Gotteserfahrung wahrzunehmen. Dazu geh&ouml;ren auch Formen spirituellen Erlebens wie Staunen, Ehrfurcht und Dankbarkeit. Spirituelle Resilienz ist dann nicht zuerst die F&auml;higkeit, mithilfe des Glaubens Schwierigkeiten abzuwehren. Sie bezeichnet vielmehr eine Weise der Wahrnehmung, auch unter schwierigen Bedingungen f&uuml;r Sinn, Beziehung und Transzendenz ansprechbar zu sein und zu bleiben. Darin l&auml;sst sich auch eine Grundbewegung der Glaubenserfahrung des Volkes Gottes in Schrift und Tradition erkennen.<br>
<blockquote class="f2-sidequote"><p>Spirituelle Resilienz ist keine Einzelressource, sondern Teil eines Ressourcenverbundes.</p></blockquote></li>
<li>2. Spirituelle Resilienz ist keine Einzelressource, sondern Teil eines Ressourcenverbundes. Dies ist ein erneut best&auml;tigtes Ergebnis der Studie mit den jungen Seelsorgenden. Koh&auml;renzgef&uuml;hl, Selbstwirksamkeit, Resilienz, Ambiguit&auml;tstoleranz und spirituelle Erfahrung stehen miteinander in Beziehung. Entscheidend ist nicht, m&ouml;glichst viele Ressourcen zu &bdquo;besitzen&ldquo;, sondern sie situationsgerecht aktivieren und miteinander verbinden zu k&ouml;nnen.</li>
<li>Gerade bei transformationsrelevanten Ressourcen zeigt sich Entwicklungsbedarf angesichts von Gestaltungsanforderungen. Dies gilt besonders f&uuml;r das Koh&auml;renzgef&uuml;hl, also die wahrgenommene Kompetenz zur Meisterung des Lebens. Bei der nachwachsenden Generation von Seelsorgenden sind im Vergleich zu &auml;lteren Seelsorgenden einige Ressourcen schw&auml;cher ausgepr&auml;gt. Ob es sich dabei um Kohorten- oder Entwicklungseffekte handelt, l&auml;sst sich mit den vorliegenden Querschnittsdaten nicht entscheiden. Auff&auml;llig ist insbesondere eine bemerkenswerte Intoleranz gegen&uuml;ber Unsicherheit und Ambiguit&auml;t. Dies gilt auch im Vergleich mit der Normalbev&ouml;lkerung junger Erwachsener. Das ist f&uuml;r Transformation bedeutsam: Sie verlangt, eine noch nicht entschiedene Zukunft auszuhalten, ohne vorschnell Eindeutigkeit herzustellen &ndash; und gerade darin lern- und handlungsf&auml;hig zu bleiben.</li>
<li>Resilienz ist nicht nur Aufgabe der Person. Spiritualit&auml;t f&ouml;rdert Engagement, sch&uuml;tzt aber nicht automatisch vor Burnout oder belastenden Arbeitsbedingungen. Resilienz braucht deshalb auch Partizipation und Empowerment: Menschen m&uuml;ssen sich als Subjekte und nicht nur als Betroffene von Ver&auml;nderung erfahren k&ouml;nnen. Die Befunde sprechen damit gegen eine Spiritualisierung von Resilienz. Auch eine tragf&auml;hige Gottesbeziehung macht aus schlechten Arbeitsbedingungen keine guten. Spirituelle Resilienz entsteht im Zusammenspiel von Person, Spiritualit&auml;t und organisationalen Bedingungen. Damit f&uuml;hrt schon die empirische Perspektive von der Frage nach resilienten Menschen zur Frage nach einer resilienten Kirche.</li>
</ol>
<h2>Wenn Glaube nicht tr&auml;gt</h2>
<p>Glaube ist keine Resilienzgarantie. Religionspsychologische Forschung zeigt, dass religi&ouml;se Dynamiken Krisen bew&auml;ltigen, Belastungen aber auch verst&auml;rken k&ouml;nnen. Daher ist es sinnvoll, zwischen positiven und negativen Formen religi&ouml;ser Belastungs- und Krisenbew&auml;ltigung zu unterscheiden (Pargament, 2001). Vertrauen, Sinn und Hoffnung k&ouml;nnen stabilisieren. Vorstellungen von Strafe und Verlassenheit, religi&ouml;s aufgeladene Schuldgef&uuml;hle oder konflikthafte Gottesbilder k&ouml;nnen dagegen Angst und Ohnmacht verst&auml;rken. Entscheidend ist deshalb nicht allein, ob Menschen glauben, sondern wie sie glauben und in welchen sozialen und kirchlichen Kontexten ihre Religiosit&auml;t gelebt und mitgestaltet wird.</p>
<p>Angesichts der gegenw&auml;rtigen Transformationssituation erh&auml;lt die grunds&auml;tzliche Doppelgesichtigkeit religi&ouml;ser Erfahrung eine besondere Bedeutung. Mit der Kirche ver&auml;ndert sich f&uuml;r viele Menschen gerade jener Raum, in dem ihr Glaube Gestalt gewonnen hat. Gemeinden, Gottesdienste, vertraute Personen, Rollen und Orte sind mit biografischen Erfahrungen, Zugeh&ouml;rigkeit und religi&ouml;ser Identit&auml;t verbunden. Darin liegt eine besondere Herausforderung f&uuml;r spirituelle Resilienz: Der Transformationsgegenstand ist zugleich Teil des Bew&auml;ltigungssystems. Was Halt geben kann, ger&auml;t selbst in Bewegung.<br>
</p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Spirituelle Resilienz zeigt sich nicht in der Abwesenheit von Zweifel, Klage und Verunsicherung, sondern auch in der F&auml;higkeit, solche Erfahrungen zuzulassen und zu bearbeiten.</p></blockquote>
<p>Das kann auch den Glauben verunsichern. Die Forschung zu &bdquo;religious and spiritual struggles&ldquo; beschreibt Zweifel, Konflikte mit Gott oder Entfremdung von der eigenen Glaubensgemeinschaft (Exline et al., 2024). Solche Erfahrungen sind nicht notwendig Ausdruck eines defizit&auml;ren Glaubens. Spirituelle Resilienz zeigt sich nicht in der Abwesenheit von Zweifel, Klage und Verunsicherung, sondern auch in der F&auml;higkeit, solche Erfahrungen zuzulassen und zu bearbeiten.</p>
<p>Problematisch wird Religiosit&auml;t dort, wo sie unbewusst oder bewusst eingesetzt wird, um eine verunsichernde oder aversive Wirklichkeit abzuwehren. Religi&ouml;se Gewissheiten k&ouml;nnen Sicherheit geben, aber auch historisch gewordene oder lebensgeschichtlich lieb gewonnene Formen von Spiritualit&auml;t und Kirche in belastender Weise mit dem Kern des Glaubens identifizieren. Eine resilienzf&ouml;rdernde Spiritualit&auml;t m&uuml;sste dagegen Bindung und Ver&auml;nderung, Zugeh&ouml;rigkeit und Autonomie, Vertrauen und das Aushalten von Nichtwissen miteinander verbinden.</p>
<p>Negativ konnotiert ist h&auml;ufig die Erfahrung spiritueller Trockenheit im geistlichen Leben und im seelsorglichen Alltag. Wo Gottes Zuwendung fraglich wird und der Glaube selbst in eine Krise ger&auml;t, wird eine wichtige Ressource zeitweise br&uuml;chig. Spirituelle Tradition und Forschung zeigen jedoch, dass Phasen geistlicher Trockenheit zum geistlichen Leben geh&ouml;ren (B&uuml;ssing &amp; Dienberg, 2021). Sie sollten deshalb nicht vorschnell pathologisiert werden. Ihre Bew&auml;ltigung kann vielmehr zu gr&ouml;&szlig;erer spiritueller Tiefe und neuem Engagement f&uuml;hren und insofern selbst zum Wachstum spiritueller Resilienz beitragen.</p>
<p>Problematisch k&ouml;nnen sie werden, wenn solche Erfahrungen nicht zur Sprache kommen d&uuml;rfen und nicht angemessen begleitet werden. </p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Entscheidend ist nicht das dauerhafte Versp&uuml;ren von Gottesn&auml;he, sondern die F&auml;higkeit, Phasen empfundener Gottesferne spirituell anzunehmen und zu bew&auml;ltigen.</p></blockquote>
<p>Entscheidend ist nicht das dauerhafte Versp&uuml;ren von Gottesn&auml;he, sondern die F&auml;higkeit, Phasen empfundener Gottesferne spirituell anzunehmen und zu bew&auml;ltigen. Spirituelle Trockenheit kann so selbst Teil eines geistlichen Transformationsprozesses werden, der Resilienz st&auml;rkt.</p>
<p>Allerdings sei noch einmal festgehalten: Resilienz darf nicht zur individuellen Anpassungsleistung deklariert und gar eingefordert werden. Menschen sollen nicht resilienter oder spirituell gefestigter werden, damit sie neue pastorale Konzepte, gr&ouml;&szlig;ere R&auml;ume, weniger Personal, Rollenunsicherheit und steigende Belastungen gesundheitlich und spirituell besser ertragen. Auch hier ist daher ein Perspektivenwechsel geboten: Nicht &bdquo;Wie machen wir Menschen resilient genug, damit sie Transformation aushalten?&ldquo;, sondern: &bdquo;Welche Bedingungen braucht kirchliche Transformation, damit Menschen in ihr handlungs-, beziehungs-, glaubens- und hoffnungsf&auml;hig bleiben?&ldquo;. Diese Frage f&uuml;hrt &uuml;ber die einzelne Person hinaus: zur Kirche als Resonanz- und Ressourcenraum.</p>
<h2>Kirche als Resonanz- und Ressourcenraum</h2>
<p>Wenn Resilienz nicht als individuelle Eigenschaft, sondern als Prozess im Zusammenspiel von Person und Umwelt verstanden wird, stellt sich die Frage nach den Bedingungen, unter denen Menschen ihre Ressourcen aktivieren und weiterentwickeln k&ouml;nnen. Kirche kann Resilienz nicht herstellen. Sie kann aber R&auml;ume schaffen, in denen psychische, soziale und spirituelle Ressourcen zug&auml;nglich werden. Daf&uuml;r l&auml;sst sich Hartmut Rosas Begriff der Resonanz fruchtbar machen: eine Beziehung zur Welt, in der Menschen sich ansprechen lassen, antworten und dabei selbst ver&auml;ndert werden (Rosa, 2016). Resonanz ist nicht produzierbar, wohl aber k&ouml;nnen Bedingungen geschaffen werden, die sie erm&ouml;glichen oder verhindern. Drei Dimensionen seien hier entfaltet:</p>
<ol>
<li>Kirche als Raum der Achtsamkeit und des gemeinschaftlichen H&ouml;rens: Mit Blick auf das Wachstum von Resilienz muss Kirche an erster Stelle ein Raum wertsch&auml;tzenden Wahrnehmens und ernstnehmenden Zuh&ouml;rens sein. Menschen brauchen die Erfahrung, dass ihre Sicht der Ver&auml;nderungen z&auml;hlt &ndash; auch wenn sie nicht den Erwartungen der Verantwortlichen entspricht. Wer Trauer, Angst oder Widerspruch vorschnell als mangelnde Ver&auml;nderungsbereitschaft deutet, verschlie&szlig;t solche Resonanzr&auml;ume. Zuh&ouml;ren w&uuml;rdigt Menschen als Subjekte ihrer eigenen Erfahrung. Das gilt besonders f&uuml;r Verlust und Trauer. Kirche verf&uuml;gt mit Klage, Erinnerung, Dank, Abschiedsritualen und Segen &uuml;ber eine Sprache, solche Erfahrungen auszudr&uuml;cken. Wo Vergangenes gew&uuml;rdigt werden kann, muss sein Ende nicht zur Entwertung der eigenen Geschichte werden.</li>
<li>Kirche als Beziehungsraum und Raum f&uuml;r Partizipation: Resilienz w&auml;chst wesentlich in tragf&auml;higen Beziehungen. Zugeh&ouml;rigkeit, soziale Unterst&uuml;tzung und die Erfahrung, mit Unsicherheit nicht allein zu sein, k&ouml;nnen Menschen stabilisieren. Dazu geh&ouml;rt auch Beteiligung: Wer sich nicht nur als Objekt der Ver&auml;nderung erlebt, sondern Einfluss nehmen kann, erf&auml;hrt Selbstwirksamkeit. Ein resilienzf&ouml;rdernder Raum ist ein Raum, in dem Menschen sich als gestaltungskr&auml;ftig erfahren k&ouml;nnen, nicht ein Raum, in dem &uuml;ber K&ouml;pfe hinweg entschieden wird. Beteiligung dient deshalb nicht lediglich der Akzeptanz bereits geplanter Reformen. Sie st&auml;rkt die Erfahrung, mit der eigenen Wahrnehmung und dem eigenen Handeln etwas bewirken zu k&ouml;nnen. Scheinpartizipation bewirkt Ohnmacht &ndash; Ohnmacht schw&auml;cht Resilienz.</li>
<li>Kirche als spiritueller Erfahrungsraum: Wenn allt&auml;gliche Transzendenzerfahrung eine bedeutsame spirituelle Ressource ist, braucht Transformation R&auml;ume, in denen Menschen ihr Leben vor Gott wahrnehmen und deuten k&ouml;nnen. Gebet und Gottesdienst, Stille und Klage, Dankbarkeit und gemeinschaftliche Deutung er&ouml;ffnen M&ouml;glichkeiten, auch das Unabgeschlossene und Unverf&uuml;gbare auszuhalten. Kirche wird damit nicht zum religi&ouml;sen Schutzraum vor Ver&auml;nderung, sondern zu einem Raum, in dem Ver&auml;nderung spirituell erfahren und bearbeitet werden kann. Gro&szlig;e R&auml;ume brauchen Nahr&auml;ume, die spirituelle Heimat erm&ouml;glichen. Sie beseitigen Unsicherheit nicht, k&ouml;nnen aber helfen, sich der eigenen Mitte zu vergewissern und eine noch offene Zukunft auszuhalten.<br>
<blockquote class="f2-sidequote"><p>Resonanz, Vertrauen oder Gotteserfahrung sind unverf&uuml;gbar. Kirche kann sie nicht produzieren, wohl aber Bedingungen ihrer M&ouml;glichkeit schaffen.</p></blockquote></li>
</ol>
<p>Diese R&auml;ume lassen sich nicht einfach herstellen. Resonanz, Vertrauen oder Gotteserfahrung sind unverf&uuml;gbar. Kirche kann sie nicht produzieren, wohl aber Bedingungen ihrer M&ouml;glichkeit schaffen. Gerade darin liegt ihre Aufgabe in Transformationsprozessen: R&auml;ume offenzuhalten, in denen Menschen wahrnehmen und trauern, sich verbinden und beteiligen, glauben und zweifeln, hoffen und Neues erproben k&ouml;nnen. Damit f&uuml;hrt die Frage nach spiritueller Resilienz von der resilienten Person &uuml;ber die Kirche als Erfahrungsraum f&uuml;r resilienzrelevante Ressourcen zur Frage nach einer resilienten Kirche.</p>
<h2>Von der resilienten Person zur resilienten Kirche</h2>
<p></p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Organisationale Resilienz meint deshalb nicht, die bisherige Gestalt m&ouml;glichst lange zu bewahren. Sie zeigt sich in der F&auml;higkeit, unter ver&auml;nderten Bedingungen neue Realit&auml;ten wahrzunehmen, zu lernen und sich zu ver&auml;ndern.</p></blockquote>Selbstsorge ersetzt keine Organisationsentwicklung. Wenn Kirche Resonanz- und Ressourcenraum f&uuml;r Menschen sein will, stellt sich die Frage nach ihrer eigenen Resilienz. Eine Organisation kann unter Ver&auml;nderungsdruck ihre Handlungsf&auml;higkeit verlieren, sich gegen Irritationen abschotten oder an L&ouml;sungen festhalten, die unter fr&uuml;heren Bedingungen erfolgreich waren. Organisationale Resilienz meint deshalb nicht, die bisherige Gestalt m&ouml;glichst lange zu bewahren. Sie zeigt sich in der F&auml;higkeit, unter ver&auml;nderten Bedingungen neue Realit&auml;ten wahrzunehmen, zu lernen und sich zu ver&auml;ndern.
<p>Hilfreich ist hier Edgar H. Scheins Verst&auml;ndnis von Organisationskultur (E. H. Schein &amp; P. Schein, 2018). Kultur entsteht wesentlich aus dem gemeinsamen Lernen einer Gruppe. Was sich bei &auml;u&szlig;eren Herausforderungen und f&uuml;r den inneren Zusammenhalt bew&auml;hrt, wird mit der Zeit selbstverst&auml;ndlich. Darin liegt Stabilit&auml;t &ndash; aber auch ein Risiko: Gerade erfolgreiche L&ouml;sungen der Vergangenheit k&ouml;nnen zu Lernhindernissen der Gegenwart werden. Das gilt auch f&uuml;r die Kirche. Strukturen, pastorale Angebote, Rollenbilder und Leitungsformen sind Ergebnisse fr&uuml;herer Lernprozesse. Sie sind nicht schon deshalb zukunftsf&auml;hig, weil sie einmal erfolgreich waren.</p>
<p>Eine resiliente Kirche braucht deshalb eine Kultur gemeinsamen Lernens. Dazu geh&ouml;rt zun&auml;chst, Wirklichkeit wahrzunehmen, bevor sie gedeutet oder bewertet wird. Scheins Konzept der &bdquo;Humble Inquiry&ldquo; beschreibt eine Haltung, die nicht vorschnell zu wissen meint, sondern fragt und zuh&ouml;rt (E. H. Schein, 2013). Wenn eine Praxis des Zuh&ouml;rens organisational gesichert und kompetent umgesetzt wird, werden unterschiedliche Perspektiven zur Resilienzressource: Leitungspersonen sehen anderes als Mitarbeitende, Ehrenamtliche anderes als Menschen, die sich von Kirche entfernt haben oder ihr vielleicht ganz neu begegnen. Lernf&auml;higkeit setzt voraus, solche Differenzen nicht als St&ouml;rung, sondern als Erkenntnischance zu begreifen.</p>
<p>Die These lautet hier: Organisationale Lernf&auml;higkeit unter Belastung wird zur strukturellen Entsprechung pers&ouml;nlicher Resilienz: Es geh&ouml;rt zur Transformationskompetenz der Kirche, bisherige Muster zu &uuml;berpr&uuml;fen und neue Handlungsm&ouml;glichkeiten zu entwickeln. Dies ist ein Weg gemeinsamen Lernens. Damit erh&auml;lt die Vorstellung organisationaler Resilienz eine neue Perspektive. Die Resilienz der Kirche zeigt sich nicht darin, m&ouml;glichst unver&auml;ndert aus der Transformation hervorzugehen. Sie wird und bleibt resilient, wenn sie sich irritieren l&auml;sst, Erfahrungen auswertet und Neues erprobt. Nicht die bisherige Gestalt der Kirche muss stabil bleiben. Resilient muss ihre F&auml;higkeit zum gemeinsamen Lernen sein.<br>
Gemeinsames Lernen schlie&szlig;t deshalb auch Verlernen ein. Nicht alles, was einmal getragen hat, tr&auml;gt unter ver&auml;nderten Bedingungen weiter. Neues braucht Freir&auml;ume. Dazu geh&ouml;rt Exnovation: die Bereitschaft, zu unterscheiden, was bewahrt werden muss und was beendet oder losgelassen werden kann (Dessoy &amp; Hahmann, 2024). Ein additives &bdquo;Immer mehr&ldquo; &uuml;berfordert nicht nur die Organisation, sondern auch die Menschen, die sie tragen.</p>
<p>Doch Kirche muss nicht nur fragen, ob sie sich ver&auml;ndern kann. Mit Blick auf ihre Resilienz muss sie unterscheiden, was ver&auml;nderbar ist und was ihre Identit&auml;t tr&auml;gt. Das f&uuml;hrt zur theologischen Frage, welche Hoffnung es erm&ouml;glicht, Vertrautes loszulassen, ohne die eigene Mitte zu verlieren. Damit f&uuml;hrt organisationale Lernf&auml;higkeit zur geistlichen Unterscheidung &ndash; und zur Frage nach &ouml;sterlicher Verwandlungsf&auml;higkeit.</p>
<h2>&Ouml;sterliche Verwandlungsf&auml;higkeit</h2>
<p>Die Frage nach der Resilienz der Kirche f&uuml;hrt &uuml;ber die psychologische und organisationale Perspektive hinaus. Diese kann beschreiben, wie Menschen Krisen bew&auml;ltigen und Organisationen lernen. Sie kann aber nicht entscheiden, was Kirche in aller Ver&auml;nderung festhalten und neu in den Blick nehmen muss, um Kirche zu bleiben. Hier wird die theologische Perspektive unverzichtbar. Auch im futur2-Diskurs ist bereits darauf hingewiesen worden, dass kirchliche Transformation nicht in organisationswissenschaftlichen Kategorien aufgeht, sondern einer theologischen Deutung bedarf (Sch&ouml;nemann, 2012).</p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Nicht jede Ver&auml;nderung bedroht Identit&auml;t &ndash; und nicht jede Bewahrung ist Ausdruck von Treue.</p></blockquote>
<p>Christliche Hoffnung bedeutet nicht Bestandsgarantie. Sie verspricht nicht, dass bestimmte kirchliche Formen erhalten bleiben. Strukturen, pastorale Konzepte und Formen kirchlicher Pr&auml;senz sind geschichtlich geworden und damit ver&auml;nderbar. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: &bdquo;Wie k&ouml;nnen wir m&ouml;glichst viel bewahren?&ldquo;, sondern: &bdquo;Wie k&ouml;nnen wir unter ver&auml;nderten Bedingungen dem Evangelium treu bleiben?&ldquo;. Nicht jede Ver&auml;nderung bedroht Identit&auml;t &ndash; und nicht jede Bewahrung ist Ausdruck von Treue.</p>
<p>Im Zentrum des christlichen Glaubens steht eine Bewegung, in der Verlust und Tod nicht das letzte Wort behalten. Allerdings wird das Verlorene nicht einfach wiederhergestellt. Ostern macht Karfreitag nicht ungeschehen. Der Auferstandene ist der Gekreuzigte; die Geschichte des Leidens bleibt gegenw&auml;rtig. Darin liegt eine theologische Korrektur des Resilienzbegriffs: Auferstehung bedeutet kein bouncing back, keine R&uuml;ckkehr in den Zustand vor Karfreitag. Das Bild des Weizenkorns verweist vielmehr auf Verwandlung: Zukunft entsteht durch den Tod hindurch.</p>
<p>Das setzt voraus, Verluste als Verluste anzuerkennen. Kirchliche Ausdrucksformen des Glaubens werden sich ver&auml;ndern, Gemeinden werden sich wandeln, vertraute Orte werden aufgegeben, Rollen enden, institutioneller Einfluss schwindet. Eine spirituell resiliente Kirche sollte dies niemals vorschnell als Chance umdeuten. Dies wird zwar h&auml;ufig versucht, wirkt aber meistens unglaubw&uuml;rdig. Was Menschen getragen hat, muss gew&uuml;rdigt und betrauert werden. </p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Manches war gut und wird dennoch ohne Ersatz zu Ende gehen.</p></blockquote>
<p>Manches war gut und wird dennoch ohne Ersatz zu Ende gehen. Zwischen dem Ende des Vertrauten und einer neuen Gestalt liegt jedoch das Noch-nicht. Der Karsamstag kann daf&uuml;r zur theologischen Chiffre und zum spirituellen Ankerpunkt resilienter Transformation werden: Das Alte tr&auml;gt nicht mehr, das Neue ist noch nicht deutlich sichtbar. Planung bleibt notwendig, aber sie beseitigt die Ungewissheit nicht. Spirituelle Resilienz bedeutet deshalb auch, Nichtwissen auszuhalten, ohne handlungsunf&auml;hig zu werden. Kirche muss wahrnehmen, entscheiden und erproben, obwohl sie ihre zuk&uuml;nftige Gestalt nicht kennt. Hoffnung besteht nicht darin, den guten Ausgang bereits zu kennen und planbar zu machen. Hoffnung erm&ouml;glicht Handeln unter Bedingungen der Ungewissheit.</p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Nicht alles Neue ist zukunftsf&auml;hig, weil es neu ist; nicht alles &Uuml;berlieferte unverzichtbar, weil es vertraut ist.</p></blockquote>
<p>Damit braucht gemeinsames Lernen geistliche Unterscheidung. Nicht alles Neue ist zukunftsf&auml;hig, weil es neu ist; nicht alles &Uuml;berlieferte unverzichtbar, weil es vertraut ist. Geistliche Unterscheidung fragt danach, was dem Evangelium und dem Leben dient, welche Formen ihren Auftrag weiterhin erf&uuml;llen und welche ihre Tragf&auml;higkeit verloren haben. Sie sch&uuml;tzt vor der Gleichsetzung von Treue und Unver&auml;nderlichkeit ebenso wie vor Ver&auml;nderung als Selbstzweck.</p>
<p>So er&ouml;ffnet der Glaube eine Ressource, die &uuml;ber Selbstwirksamkeit und organisationale Lernf&auml;higkeit hinausweist: Gnade bewahrt vor dem Anspruch &bdquo;Es muss doch &ndash; bei guter Planung &ndash; gelingen!&ldquo;. Menschen k&ouml;nnen verantwortlich handeln, ohne den Erfolg garantieren zu m&uuml;ssen. Auch Kirche wird planen, entscheiden und ver&auml;ndern, ohne ihre Zukunft vollst&auml;ndig herstellen zu k&ouml;nnen: &bdquo;Wir k&ouml;nnen und m&uuml;ssen handeln &ndash; aber nicht alles h&auml;ngt von uns ab!&ldquo;.</p>
<p>Eine resiliente Kirche wird deshalb nicht versuchen, m&ouml;glichst unbeschadet aus der Krise hervorzugehen. Eine resiliente Kirche ist eine verwandlungsf&auml;hige Kirche: f&auml;hig zu lernen und loszulassen, zu trauern und zu hoffen, zu handeln und Nichtwissen auszuhalten, zu bewahren und zu unterscheiden.<br>
Spirituelle Resilienz erh&auml;lt damit ihre &ouml;sterliche Zuspitzung: Altes darf sterben, damit Zukunft m&ouml;glich wird.</p>
<h2>Hoffnung als Transformationskraft</h2>
<p>Spirituelle Resilienz ver&auml;ndert den Blick auf kirchliche Transformation. Die entscheidende Frage lautet nicht, wie Menschen resilient genug werden, um Transformation auszuhalten. Sie lautet: Welche psychischen und spirituellen Ressourcen brauchen Menschen, um in Krisen und in Transformationsprozessen handlungs-, beziehungs-, glaubens- und hoffnungsf&auml;hig zu bleiben &ndash; und wie muss sich Kirche ver&auml;ndern, damit sie dies erm&ouml;glicht?</p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Kirchliche Transformation kann organisational gelingen und menschlich dennoch scheitern. Sie muss sich deshalb auch daran messen lassen, was sie mit den Menschen macht, die Kirche bilden.</p></blockquote>
<p>Damit wird Resilienz zu einer kritischen Kategorie von Kirchenentwicklung. Transformation ist nicht schon gelungen, wenn neue Strukturen funktionieren, pastorale R&auml;ume neu geordnet und knapper werdende Ressourcen effizienter verteilt sind. So sei noch einmal zugespitzt: Kirchliche Transformation kann organisational gelingen und menschlich dennoch scheitern. Sie muss sich deshalb auch daran messen lassen, was sie mit den Menschen macht, die Kirche bilden.</p>
<p>Glaube kann Ressourcen erschlie&szlig;en, die Menschen in Krisen tragen. Kirche kann Resonanzr&auml;ume er&ouml;ffnen, in denen diese Ressourcen zug&auml;nglich werden. Sie darf sie jedoch nicht dazu benutzen, Menschen an belastende Verh&auml;ltnisse anzupassen. Deshalb f&uuml;hrt die Frage nach spiritueller Resilienz notwendig von der Person zur Kirche selbst: Sie kann von Menschen keine Resilienz verlangen, die sie als Organisation selbst nicht aufbringt.</p>
<p>Eine resiliente Kirche nimmt Wirklichkeit wahr, lernt und verlernt, trauert und l&auml;sst los, erprobt Neues und unterscheidet, was zu ihrer Mitte geh&ouml;rt und was geschichtlich gewordene Formen dieser Mitte sind, die sich ver&auml;ndern k&ouml;nnen. Resilienz wird so zur Verwandlungskraft.</p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Hoffnung erm&ouml;glicht, angesichts einer offenen Zukunft verantwortlich zu handeln, ohne &uuml;ber sie verf&uuml;gen zu k&ouml;nnen.</p></blockquote>
<p>Hier bew&auml;hrt sich die besondere Kraft christlicher Hoffnung. Sie garantiert weder den Fortbestand vertrauter Formen noch den Erfolg unserer Transformationsbem&uuml;hungen. Ihre &ouml;sterliche Logik ist eine andere: Zukunft kann entstehen, ohne dass das Verlorene zur&uuml;ckkehrt. Hoffnung erm&ouml;glicht, angesichts einer offenen Zukunft verantwortlich zu handeln, ohne &uuml;ber sie verf&uuml;gen zu k&ouml;nnen.</p>
<p>Vielleicht liegt darin die entscheidende spirituelle Ressource f&uuml;r Menschen und Kirche in Zeiten der Transformation: Wir kennen die zuk&uuml;nftige Gestalt der Kirche nicht. Aber Hoffnung muss die Zukunft nicht kennen, um ihr in Vertrauen entgegenzugehen.</p>
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		<title>Sinnsuche zwischen immanenter und transzendenter Verbundenheit – ein psychologischer Essay</title>
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		<pubDate>Fri, 14 Aug 2026 10:11:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Utsch</dc:creator>
		
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<html><body><p>Nach der Beobachtung von Soziologen ist die gegenw&auml;rtige Gesellschaft entscheidend durch Prozesse der S&auml;kularisierung und Individualisierung gepr&auml;gt. Die Bindungskraft der &bdquo;gro&szlig;en Erz&auml;hlungen&ldquo; religi&ouml;ser und politischer Traditionen ist gering geworden. Einer politischen oder religi&ouml;sen vision&auml;ren Idee nachzufolgen ist also nicht sehr popul&auml;r. Das war fr&uuml;her anders, als die Kirche noch &bdquo;mitten im Dorf&ldquo; stand und stark frequentiert wurde. In Westdeutschland geh&ouml;rten im Jahr 1951 noch 96 Prozent der Bev&ouml;lkerung einer christlichen Konfession an. Nach der Wiedervereinigung ver&auml;nderte sich die konfessionelle Struktur der Bundesrepublik Deutschland betr&auml;chtlich. Migration und die Fl&uuml;chtlingswelle der letzten Jahre haben zu einer weiteren Pluralisierung der Weltanschauungen und kulturell-religi&ouml;sen Praktiken beigetragen. Die weltanschauliche Buntheit der Gesellschaft und die Mitgliederverluste der christlichen Kirchen haben der bewusst vieldeutigen Beschreibung einer &bdquo;freien Spiritualit&auml;t&ldquo; mehr Sympathien verschafft. Im Religionsmonitor 2020 gab jeder F&uuml;nfte in Deutschland an, &bdquo;spirituell&ldquo; gegen&uuml;ber &bdquo;religi&ouml;s&ldquo; als Selbstbezeichnung zu bevorzugen.</p>
<p>Hinzu kommt, dass in den letzten Jahren die Gruppe der Konfessionslosen stark gewachsen ist. Genaue Zahlen lassen sich bei einer heterogenen Bewegung, die sich prim&auml;r &uuml;ber die Abgrenzung &bdquo;-los&ldquo; definiert, schwer ermitteln. Studien zufolge z&auml;hlen sich heute in Deutschland 30 bis 40 Prozent zu dieser Glaubensrichtung. Zunehmend ist also ein Patchwork-Glaube vorzufinden, in dem verschiedene religi&ouml;se, spirituelle und s&auml;kulare &Uuml;berzeugungen miteinander verwoben sind.</p>
<h3>S&auml;kulare und religi&ouml;se Sinngebung</h3>
<p>Soziologen weisen darauf hin, dass die Praxis des christlichen Glaubens vor allem zwei menschliche Grundbed&uuml;rfnisse befriedigen kann, auf die unsere hochtechnisierte, s&auml;kulare Gesellschaft keine Antworten wei&szlig;:</p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Wie k&ouml;nnen wir trotz unserer tief verwurzelten egoistischen und gewaltt&auml;tigen Impulse harmonisch in Gemeinschaften zusammenleben? Und wie k&ouml;nnen wir unsere Endlichkeit, das ungerechte Leiden und den Schmerz aushalten, ohne zu verzweifeln?</p></blockquote> Wie k&ouml;nnen wir trotz unserer tief verwurzelten egoistischen und gewaltt&auml;tigen Impulse harmonisch in Gemeinschaften zusammenleben? Und wie k&ouml;nnen wir unsere Endlichkeit, das ungerechte Leiden und den Schmerz aushalten, ohne zu verzweifeln? Hier bietet der christliche Glaube Sinndeutungen an, um bohrende existenzielle Fragen zu beantworten und Hoffnung und Vertrauen &uuml;ber den Tod hinaus zu stiften. Der Philosoph J&uuml;rgen Habermas sch&auml;tzt die Religionen auch f&uuml;r &bdquo;religi&ouml;s Unmusikalische&ldquo; als wichtige Quelle der pers&ouml;nlichen Sinnstiftung ein. Er skizziert in seiner 2019 erschienenen Philosophiegeschichte f&uuml;nf Bereiche, in denen ihm die Erg&auml;nzung der s&auml;kularen Vernunft durch einen religi&ouml;sen Umgang mit der Lebenswirklichkeit als sinnvoll erscheint: Solidarit&auml;t, Moral, Sprache, existentielle Antworten und Transzendenz.
<p>Religi&ouml;se Werte bilden eine zentrale S&auml;ule der Kultur und sind damit identit&auml;tsstiftend. Der Deutsche Kulturrat hat im Jahr 2017 Thesen zur kulturellen Integration einer zunehmend pluralistischen Gesellschaft verabschiedet. Sie beschreiben, wie Religionen wichtige Beitr&auml;ge zur kulturellen Integration leisten, indem sie etwa durch ihre Wertvorstellungen den Gemeinsinn st&auml;rken. Deshalb ist es klug, dass beispielsweise vor dem staatlichen Corona-Gedenkakt f&uuml;r die an der Pandemie Verstorbenen im April 2022 ein &ouml;kumenischer Gottesdienst in der Berliner Kaiser-Wilhelm-Ged&auml;chtniskirche stattfand, der auch live von einem &ouml;ffentlich-rechtlichen Sender &uuml;bertragen wurde. Damit erinnert sich die Regierung an ihre kulturellen Wurzeln und &uuml;bergeht die zahlreichen und bew&auml;hrten M&ouml;glichkeiten christlicher Trauerkultur und Angstbew&auml;ltigung vor Tod und Sterben nicht.</p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Irgendeine Form des Glaubens scheint n&ouml;tig zu sein, um die existentielle Unsicherheit des Menschen zu bew&auml;ltigen und sich nicht dem Absurden und Tragischen seines Lebens ausgeliefert zu f&uuml;hlen. </p></blockquote> Irgendeine Form des Glaubens scheint n&ouml;tig zu sein, um die existentielle Unsicherheit des Menschen zu bew&auml;ltigen und sich nicht dem Absurden und Tragischen seines Lebens ausgeliefert zu f&uuml;hlen. Glauben, ob er nun s&auml;kular-positivistisch, vage spirituell oder traditionell religi&ouml;s ausgestaltet wird, scheint eine anthropologische Konstante des Menschen darzustellen (Rudolf, 2015, 120&ndash;146).
<p>Die seelischen M&ouml;glichkeiten des Vertrauens, Glaubens und Hoffens stellen eine komplexe emotional-kognitive F&auml;higkeit dar, die insbesondere Entscheidungsprozesse beeinflusst. Glauben, Selbstvertrauen und zwischenmenschliches Vertrauen beruhen auf einer verpflichtenden Hingabe an eine Wirklichkeitsdeutung (Utsch &amp; Demmrich, 2023, 17ff). Wenn bei einer Wanderung ein Flusslauf zu &uuml;berqueren ist, muss ich realistisch einsch&auml;tzen, ob ich das Wasser mit meiner Sprungkraft &uuml;berwinden kann oder ob ich lieber den Umweg zur n&auml;chsten Holzbr&uuml;cke in Kauf nehme. Hoffnungsvolles Vertrauen ist n&ouml;tig, um die Angst zu &uuml;berwinden und den Sprung zu wagen. Genauso wichtig sind die Risikoabw&auml;gung und eine realistische Selbsteinsch&auml;tzung, um die k&ouml;rperlichen Kr&auml;fte nicht zu &uuml;bersch&auml;tzen und dann vielleicht im Wasser zu landen.</p>
<p>Glauben ist eine menschliche M&ouml;glichkeit, die sich nicht nur auf eine Situation, die eigene Person und das Gegen&uuml;ber beziehen kann, sondern auch auf eine gr&ouml;&szlig;ere Wirklichkeit. Manche nennen das Karma, das Schicksal, eine Sch&ouml;pferkraft oder Gott. Glauben und Vertrauen wirken sich in vielf&auml;ltigen Bereichen aus: auf das Selbstbild, auf zwischenmenschliche Beziehungen, ja sogar auf die Arbeit und die Unternehmenskultur. Mittlerweile werden Firmenwerte nach Vertrauen in eine Marke eingesch&auml;tzt. Damit bringt die psychologisch schwierig zu erfassende Glaubenshaltung handfeste &ouml;konomische Konsequenzen mit sich, was die Forschung motiviert, noch mehr dar&uuml;ber hinauszufinden. Erstaunlicherweise gibt es bisher wenig psychologische Untersuchungen &uuml;ber den Glauben. Der Glaubensprozess kann aber psychologisch untersucht werden (Utsch &amp; Demmrich, 2023). Die Beziehung zur Transzendenz wurde in verschiedensten Auspr&auml;gungen in den vergangenen Jahrhunderten in den Religionen kultiviert. Spezifische &Uuml;berzeugungen und Praktiken halfen den Gl&auml;ubigen, das Tragische und Absurde ihres Lebens zu bew&auml;ltigen.</p>
<p>Um besser zu verstehen, an welchen Werten und Idealen sich s&auml;kulare bzw. religi&ouml;se Nachfolge orientiert, hilft die Unterscheidung zwischen dem substanziellen und funktionalen Religionsbegriff. Der substanzielle Religionsbegriff versucht, Religion von ihrer Substanz und ihrem Wesen her zu erfassen, sein Bezugspunkt ist das Heilige oder die Transzendenz. Bei dem funktionalen Religionsbegriff wird eine Religion &uuml;ber ihre Leistungen und Funktionen f&uuml;r die Gesellschaft und den Einzelnen definiert.</p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Eine wesentliche Funktion der Religion besteht darin, eine Lebensdeutung oder Weltanschauung zu konstruieren, mit der das Schicksalhafte und Zuf&auml;llige der menschlichen Existenz &uuml;berwunden werden kann.</p></blockquote> Eine wesentliche Funktion der Religion besteht darin, eine Lebensdeutung oder Weltanschauung zu konstruieren, mit der das Schicksalhafte und Zuf&auml;llige der menschlichen Existenz &uuml;berwunden werden kann. Je mehr Unw&auml;gbarkeiten der eigenen Umwelt und besonders der eigenen Person bekannt seien und kontrollierbar erschienen, desto gr&ouml;&szlig;ere Lebenssicherheit &ndash; im Sinne von Vertrauen in die eigenen und die sozialen Ressourcen &ndash; k&ouml;nne entstehen. Vertrauen scheint eine g&uuml;nstige Haltung gegen&uuml;ber der Unberechenbarkeit des Schicksals zu sein. In wen oder was kann ich aber Vertrauen setzen, wer gibt meiner Unsicherheit Halt? Bei einer materialistischen Weltsicht kann das nur innerweltlich-immanent gelingen &ndash; die Sinngebung erfolgt s&auml;kular. Bei einer transzendenzoffenen Weltsicht hingegen ist eine religi&ouml;se Sinngebung m&ouml;glich. Die folgende Tabelle verbindet die beiden Sinnverst&auml;ndnisse mit religi&ouml;sen Fragen:

<table id="tablepress-5" class="tablepress tablepress-id-5" aria-describedby="tablepress-5-description">
<tbody>
<tr class="row-1">
	<td class="column-1"><strong>Religi&ouml;se oder s&auml;kulare Sinngebung</strong></td><td class="column-2"><strong>Religi&ouml;se Frage oder nicht</strong></td><td class="column-3"></td>
</tr>
<tr class="row-2">
	<td class="column-1"></td><td class="column-2"><em>Konsistenz</em></td><td class="column-3"><em>Kontingenz</em></td>
</tr>
<tr class="row-3">
	<td class="column-1">Transzendenz (religi&ouml;se Sinngebung)</td><td class="column-2">religi&ouml;se Routine (religi&ouml;se Antwort ohne religi&ouml;se Frage)</td><td class="column-3">vitale Religi&ouml;sit&auml;t (religi&ouml;se Frage und religi&ouml;ser Antwort)</td>
</tr>
<tr class="row-4">
	<td class="column-1">Immanenz (s&auml;kulare Sinngebung)</td><td class="column-2">Pragmatismus (keine religi&ouml;se Frage, keine religi&ouml;se Antwort)</td><td class="column-3">Religi&ouml;se Suche (religi&ouml;se Frage ohne religi&ouml;se Antwort)</td>
</tr>
</tbody>
</table>
<span id="tablepress-5-description" class="tablepress-table-description tablepress-table-description-id-5">S&auml;kulare und religi&ouml;se Kontingenzbew&auml;ltigung (modifiziert nach Pickel 2011, 22)</span>
<!-- #tablepress-5 from cache -->
<p>Die verschiedenen Einstellungen sind aber nicht als dauerhafte Haltungen zu verstehen, sondern eher als Momentaufnahmen. Je nach Biografie und Lebenssituation k&ouml;nnen sich die Einstellungen zur Sinngebung ver&auml;ndern. Im Zeitalter der Individualisierung nehmen subjektive Sinngebungsversuche zu. Werthaltungen werden kritisch &uuml;berpr&uuml;ft und neuen Lebensbedingungen angepasst. Die Suche wird von manchen permanent erweitert und ver&auml;ndert &ndash; den &bdquo;spirituellen Wanderer&ldquo; zeichnet seine &bdquo;fluide Religiosit&auml;t&ldquo; aus (L&uuml;ddeckens &amp; Walthert, 2010). Diese &bdquo;Wanderer&ldquo; orientieren sich nicht dauerhaft und langfristig an einem bestimmten Wertesystem, sondern achten darauf, was der aktuellen Situation und den eigenen Bed&uuml;rfnissen entspricht und gerade &bdquo;passt&ldquo;.</p>
<p>Im folgenden Abschnitt werden zwei Beispiele s&auml;kularer Sinnsuche mit ihren Werten, Zielen, Lehren und Methoden vorgestellt. Abschlie&szlig;end werden daraus Folgerungen f&uuml;r die kirchliche Praxis gezogen.</p>
<h3>S&auml;kulare Sinnsuche im Veganismus</h3>
<p>Nach Angaben des Vegetarierbundes Deutschland (VEBU) verzichten heute mittlerweile rund zehn Prozent der Deutschen auf den Fleischkonsum. Etwa eine Million ern&auml;hren sich laut Sch&auml;tzungen der Veganen Gesellschaft Deutschland (VGD) und des VEBU vegan. Das sind 25 Prozent mehr als 2013. Veganismus ist also in kurzer Zeit zum Massentrend geworden. Bahnhofsbuchhandlungen bieten fast ein Dutzend vegetarische und vegane Periodika an, und vegane Restaurants und die Supermarktkette &bdquo;Veganz&ldquo; finden sich in vielen gr&ouml;&szlig;eren St&auml;dten. Die H&auml;lfte der Deutschen dr&uuml;ckt die gesellschaftliche Anerkennung des Trends dadurch aus, dass sie sich selbst als &bdquo;Teilzeitvegetarier&ldquo; einsch&auml;tzt. L&auml;ngst sind Essgewohnheiten nicht mehr Geschmackssache, sondern werden zum Inhalt hitziger Glaubensgespr&auml;che. Die Frage, was man isst, wird von der Kantine bis zur K&uuml;che zum Diskussionsfeld weltanschaulicher Grunds&auml;tze. Was ist wichtiger, meine Gesundheit, Tierschutz oder die Umwelt? Klimarettung, Regionalit&auml;t oder globale Gerechtigkeit?</p>
<p>Ging es beim Essen einst vor allem um Fragen wie ausgewogene N&auml;hrstoffaufnahme, K&ouml;rpergewicht und Geschmack, stehen nun weit gr&ouml;&szlig;ere Anliegen im Vordergrund.</p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Kaum eine Lehre verspricht dabei so viel und ist so schnell gewachsen wie der Veganismus, eine soziale Bewegung, die f&uuml;r viele ihrer Anh&auml;nger so lebensbestimmend geworden ist wie eine Religion.</p></blockquote> Kaum eine Lehre verspricht dabei so viel und ist so schnell gewachsen wie der Veganismus, eine soziale Bewegung, die f&uuml;r viele ihrer Anh&auml;nger so lebensbestimmend geworden ist wie eine Religion. Dabei werden Tierrechte den Menschrechten gleichgestellt und durch strikte Essensregeln eine bessere, gerechte Welt in Aussicht gestellt.
<p>Aus der Glaubensperspektive dr&uuml;cken Speisegebote Gehorsam gegen Gott aus und dienen dem Heilsgewinn. Religionspsychologisch haben sie eine identit&auml;tsstiftende Funktion. Dabei steht nicht das Individuum, sondern die religi&ouml;se Gruppe im Vordergrund: Ich bin in gemischter Gesellschaft gezwungen, mich zu meinem Glauben zu bekennen. Zugleich bekomme ich die Chance, ihn nach au&szlig;en zu bezeugen.<br>
Die Heilsversprechen mancher Veganer sind umfassend. Manche behaupten, durch die Umstellung auf vegane Ern&auml;hrung von Krebs und schweren Allergien geheilt worden zu sein. Mit dem individuellen Versprechen geht oft eine universale Heilshoffnung einher: Veganer verstehen ihre Lebensweise als L&ouml;sung des Welthungers oder als Quelle eines k&uuml;nftigen Weltfriedens. Problematisch ist auch das &uuml;berzogene Selbstbewusstsein mancher Veganer. H&auml;ufig stilisieren sie die Nahrungsaufnahme zur ethisch wichtigsten Frage hoch. Dem entspricht das Gef&uuml;hl, zu einer Elite zu geh&ouml;ren, die sich von anderen Menschen abgrenzt. Man kann den Veganismus als eine Reaktion auf die moderne Massentierhaltung verstehen. Einer nat&uuml;rlichen Lebensweise entspricht der Veganismus aber keineswegs. Denn wie Funkschmidt (2015) treffend festgestellt hat, ist ein veganes Leben nur durch importierte Lebensmittel und Erg&auml;nzungsprodukte m&ouml;glich.</p>
<p>In der &uuml;berzeugten Veganer-Szene finden sich Z&uuml;ge religi&ouml;ser Gemeinschaften. Viele Veganer schildern ihre Entscheidung als &bdquo;Umkehr&ldquo; und Bekehrungserlebnis, wobei Heilungswunder oder mindestens eine verbesserte Lebensqualit&auml;t den Anfang machen, bevor man zu den oben genannten globalen Heilsversprechen fortschreitet.</p>
<h3>S&auml;kulare Sinnsuche in sozialutopischen Gemeinschaften</h3>
<p>Alternativen Lebens- und Gemeinschaftsformen geht es darum, Utopien und Visionen menschlichen Zusammenlebens zumindest ansatzweise zu verwirklichen. Ein klassisches Beispiel daf&uuml;r ist die &bdquo;Utopie der Kl&ouml;ster&ldquo;, die mit ihren Idealen von Armut bzw. G&uuml;tergemeinschaft, Ehelosigkeit und Gehorsam auch heute noch provozieren. Die Kibbuz-Bewegung in Israel hat mit ihrer Vision einer egalit&auml;ren Gemeinschaft, die angeblich ausbeutungsfrei ist, grundlegende Impulse zum Aufbau des jungen Staats beigetragen. Heute ist sie durch die S&auml;kularisierung des Zionismus&rsquo; und den R&uuml;ckgang sozialistischer Bewegungen prim&auml;r historisch interessant.</p>
<p>Die konkreten Motive zur Bildung einer sozialutopischen Gemeinschaft sind so verschieden wie ihre weltanschaulichen Hintergr&uuml;nde. Gemeinsam ist ihnen jedoch der Gegenentwurf zur b&uuml;rgerlichen Gesellschaft mit ihrem auf Besitz und Konsum, pers&ouml;nlichem Wohlstand beruflichem Fortkommen ausgerichteten Wertesystem. Weiter ist den Gruppen gemeinsam, dass sie ihre Vision vom Leben in einer besseren Welt spirituell begr&uuml;nden. H&auml;ufig suchen sie deshalb nach einer besseren Anbindung unter sich selbst und auch zur Natur. </p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Kommunit&auml;re Lebensformen sollen die b&uuml;rgerliche Kleinfamilie ersetzen, die als &uuml;berholt gilt: Die Gruppen verstehen sich als Keimzellen f&uuml;r eine m&ouml;gliche zuk&uuml;nftig bessere Welt.</p></blockquote>Kommunit&auml;re Lebensformen sollen die b&uuml;rgerliche Kleinfamilie ersetzen, die als &uuml;berholt gilt: Die Gruppen verstehen sich als Keimzellen f&uuml;r eine m&ouml;gliche zuk&uuml;nftig bessere Welt.<br>
Charakteristisch f&uuml;r diese Bewegungen ist, dass die Gemeinschaften auf l&auml;ngere Zeit angelegt sind, und dass es dort verbindliche Strukturen und Regeln gibt. Die &ouml;rtliche N&auml;he der Mitglieder zueinander und ihre spezifische Form des Zusammenlebens erm&ouml;glicht erkennbare Unterschiede von der Au&szlig;enwelt, was identit&auml;tsstiftend wirkt.
<p>In dem von der VELKD (2015) herausgegebenen &bdquo;Handbuch Weltanschauungen&ldquo; werden folgende Merkmale aufgelistet, die in diesem Milieu anzutreffen sind:</p>
<ul>
<li>psychologische Methoden (Methoden der Gruppendynamik),</li>
<li>politische Absichten (Kapitalismuskritik, soziale Verteilungssysteme),</li>
<li>&ouml;kologische Motive (nachhaltige Landwirtschaft),</li>
<li>spirituelle Anliegen (Ganzheitlichkeit, Esoterik).</li>
</ul>
<p>Diese Bewegungen weisen ein hohes Spektrum an weltanschaulicher Vielfalt und spirituellen Zielen auf, die sich von linksliberalen (Kommune Niedertaufungen) bis zu rechtsesoterischen (K&ouml;nigreich Deutschland) Positionen erstrecken. Als typische Ziele k&ouml;nnen die individuelle Autonomie und m&ouml;glichst herrschaftsfreie Selbstentfaltung genannt werden. Das VELKD-Handbuch beschreibt Beispiele in den folgenden drei Richtungen: psychosoziale Experimente, politische Sozialutopien und internationale esoterische Kommunen. In der Sozialstruktur gibt es nach dem VELKD-Handbuch ebenfalls gro&szlig;e Unterschiede zwischen einem Stammesverband (Likatien) oder einer esoterischen Stadt (Auroville), zwischen polyamorischen Gruppen zur Befreiung der Sexualit&auml;t (Tamera) und familien-orientierten Bio-Bauern (&Ouml;kodorf Sieben Linden).</p>
<p>Anschlie&szlig;ende Kontrollfragen im Handbuch dienen dazu, auf kritische Punkte typischer Konfliktquellen sozialutopischer Gemeinschaften aufmerksam zu machen. Hervorzuheben ist dabei die Frage, wie die Autorit&auml;t des Leiters begr&uuml;ndet wird, und ob und wie sie wirksam begrenzt wird. Der besondere Anspruch der Gemeinschaft beinhaltet den latenten Vorwurf an die Au&szlig;enwelt, dass sie nicht richtig lebe. Deshalb ist zu fragen, wie sich das Verh&auml;ltnis zur Umgebung darstellt: eher einladend und ausstrahlend oder elit&auml;r und ausgrenzend.</p>
<p>Nach dieser exemplarischen Darstellung von Beispielen s&auml;kularer Sinnsuche stellt sich die Frage, was die christliche Sinnsuche ausmacht. Sinnsuche im Kontext der Nachfolge Christi verkn&uuml;pft das existenzielle Bed&uuml;rfnis nach Lebenssinn mit der bewussten Ausrichtung des eigenen Lebens an der Person und Lehre Jesu von Nazareth. In der christlichen Theologie ist Sinn kein theoretisches Konstrukt, sondern eine Beziehungs- und Praxiswirklichkeit.</p>
<h3>Sinnsuche in der Nachfolge Christi</h3>
<p>Auch die christliche Hoffnung antwortet auf das menschliche Bed&uuml;rfnis nach Sicherheit und Kontrolle. In einem Alltag, der heute von vielen als un&uuml;bersichtlich und vieldeutig wahrgenommen wird, ist das Bed&uuml;rfnis nach Sicherheit und Kontrolle besonders ausgepr&auml;gt. Technische Hilfsmittel wie eine Wetter- oder Hausger&auml;te-App k&ouml;nnen in manchen Alltagsbereichen das menschliche Kontrollbed&uuml;rfnis stillen. Der bedeutende deutsche Soziologe Niklas Luhmann bezeichnet Vertrauen in seinem gleichnamigen Werk als einen Mechanismus zur Reduktion von Komplexit&auml;t. Komplexit&auml;t bezieht sich auf die Unsicherheit von Ereignissen, mit denen jeder im t&auml;glichen Leben konfrontiert ist. Nach Luhmann sind es vornehmlich vertrauensvolle Erwartungen, die optimistisch in die Zukunft blicken lassen. Vertrauen vermittelt ein Gef&uuml;hl von Sicherheit angesichts einer potentiell chaotischen Zukunft. Fehlt die Bereitschaft zu vertrauen, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sich der Mensch durch das &Uuml;berma&szlig; an Komplexit&auml;t &uuml;berfordert f&uuml;hlt und Angst entwickelt. Das urmenschliche Bed&uuml;rfnis nach Vertrauen ist wohl auch der Motor, Halt und Unterst&uuml;tzung in einem Strukturvertrieb, dem &bdquo;richtigen&ldquo; Essen &ndash; nat&uuml;rlich vegan &ndash; oder in einer sozialutopischen Gemeinschaft zu finden.</p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Christliche Nachfolge h&auml;ngt nicht von der Willenskraft positiven Denkens im Sinne der Autosuggestion ab. Im biblischen Verst&auml;ndnis ist damit eine Beziehungsweise gemeint, die sich im pers&ouml;nlichen Vertrauen auf den gegenw&auml;rtig verborgenen dreieinigen Gott ausdr&uuml;ckt.</p></blockquote>
<p>Christliche Nachfolge h&auml;ngt nicht von der Willenskraft positiven Denkens im Sinne der Autosuggestion ab. Im biblischen Verst&auml;ndnis ist damit eine Beziehungsweise gemeint, die sich im pers&ouml;nlichen Vertrauen auf den gegenw&auml;rtig verborgenen dreieinigen Gott ausdr&uuml;ckt. Glauben zu k&ouml;nnen ist aus theologischer Sicht zu allererst ein Geschenk, mit den Worten Hans-Martin Barths (2003, 82): &bdquo;Glaube ist die &ndash; von Gott geschenkte &ndash; Gottesbeziehung des Menschen.&ldquo; Auf das Beziehungsangebot Gottes antwortet jeder Mensch nach seinen kommunikativen Gewohnheiten und M&ouml;glichkeiten. Die christliche Formung der Identit&auml;t durch den Glauben h&auml;ngt ma&szlig;geblich von den charakterlichen Voraussetzungen und der religi&ouml;sen Sozialisation ab. Das pers&ouml;nliche Beziehungsverhalten und die Erfahrungen mit prim&auml;ren Bezugspersonen bestimmen das Gottesbild und den Glaubensstil mit. Ein Markenzeichen des Protestantismus ist dabei die Einsicht, ohne eigene Gegenleistung (sola gratia) gerechtfertigt zu sein. Glauben zu k&ouml;nnen ist ein Geschenk, das ich dankbar annehmen darf. Dass man den Ruf Gottes geh&ouml;rt, verstanden und auf ihn geantwortet hat, ist nicht dem eigenen Verm&ouml;gen zuzuschreiben. Dennoch will Nachfolge einge&uuml;bt werden. Deshalb l&ouml;st der Gedanke der &Uuml;bung zun&auml;chst vielleicht Unbehagen aus &ndash; als solle man sich die Seligkeit verdienen. Aber schon Paulus beklagte sich &uuml;ber die geistliche Unreife seiner Leser und warb im Brief an die Hebr&auml;er um &bdquo;durch Gew&ouml;hnung ge&uuml;bte Sinne zur Unterscheidung des Guten und des B&ouml;sen&ldquo; (Hebr 5,14). Gerade in der heutigen Zeit audiovisueller &Uuml;berflutung bedarf es der &Uuml;bung, um die verborgene Gegenwart Gottes wahrnehmen zu k&ouml;nnen, und geschulter Sinne, um aus der Vielfalt der Wahlm&ouml;glichkeiten den richtigen Weg zu finden. Stille hilft mir, zu mir selber zu kommen, innere Unruhe zu &uuml;berwinden und mich wieder an meine innere Quelle &ndash; an Gott &ndash; anzuschlie&szlig;en. Dazu brauche ich keinen Meister einer spirituellen Gemeinschaft oder ein spezielles Ern&auml;hrungsprogramm. Die Bibel und das H&ouml;ren auf die Stimme meines Gewissens reichen aus.</p>
<h3>Fazit f&uuml;r die kirchliche Praxis</h3>
<p>Wenn Gott der Sch&ouml;pfer alles Lebenden ist, sind seine Spuren &uuml;berall zu entdecken. Deshalb gilt es, die Wahrnehmungsf&auml;higkeit f&uuml;r die verborgene Wirklichkeit des unsichtbar Gegenw&auml;rtigen zu sch&auml;rfen. Auf dem Weg, Gott als Geheimnis der Welt f&uuml;r sich zu entschl&uuml;sseln, braucht es mitunter viel Zeit und Geduld. Angebote kirchlicher Praxis werden sich in fr&ouml;hlichem Gottvertrauen am Sozialraum und dem Gemeinwohl orientieren, wie es in Strukturreform-Prozessen einzelner EKD-Gliedkirchen wie etwa in <a href="https://bkcdn.ekhn.de/data/5577-dezernat3-bauundliegenschaften/002_PDF/Handreichung_Gemeinwesenorientierung_2026_final.pdf">Hessen-Nassau</a> konsequent durchgef&uuml;hrt wird. Die Grenzen zwischen s&auml;kularer und religi&ouml;ser Sinnsuche werden dadurch flie&szlig;end, das Gespr&auml;ch zwischen fr&uuml;her kontroversen Weltanschauungen kann konstruktiver werden. Der Kulturpsychologe J&uuml;rgen Straub (2016) vergleicht beide Sichtweisen und sieht den zentralen gesellschaftlichen Konflikt nicht zwischen Gl&auml;ubigen und Ungl&auml;ubigen, sondern unterscheidet zwischen offenen Menschen mit Kontingenzbewusstsein und dogmatisch-totalit&auml;ren Haltungen &ndash; unabh&auml;ngig von deren Religiosit&auml;t oder Wissenschaftsglauben:</p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Die wichtigste Konfliktlinie verl&auml;uft heute nicht mehr zwischen religi&ouml;s Gl&auml;ubigen und Ungl&auml;ubigen, sondern zwischen Menschen, die ihr Weltbild reflektiert und integriert haben, und denen, die totalit&auml;r strukturiert sind.</p></blockquote> &bdquo;Die wichtigste Konfliktlinie verl&auml;uft heute nicht mehr zwischen religi&ouml;s Gl&auml;ubigen und Ungl&auml;ubigen, sondern zwischen Menschen, die ihr Weltbild reflektiert und integriert haben, und denen, die totalit&auml;r strukturiert sind&ldquo; (2016, 84).
</body></html>
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		<title>Der Mensch – ein rationales Wesen?  Einwürfe aus der Kognitionspsychologie</title>
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		<pubDate>Sun, 23 Aug 2026 16:44:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Tobias Kläden</dc:creator>
		
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					<content:encoded><![CDATA[<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.0 Transitional//EN" "http://www.w3.org/TR/REC-html40/loose.dtd">
<html><body><p>In dieser Ausgabe der futur2 werden Transformationsdynamiken im kirchlichen und religi&ouml;sen Feld aus verschiedenen Perspektiven der Psychologie beleuchtet. Psychologie ist die Wissenschaft vom individuellen menschlichen Verhalten und Erleben. Gemeinsam ist diesen Perspektiven daher, dass die grundlegende Ebene der Betrachtung das menschliche Individuum bildet. Im Kontext dieser Ausgabe sind also solche Aspekte von Transformationsprozessen im Blick, die sich wesentlich auf dem Level des Individuums abspielen.</p>
<p>Eine Disziplin, die in den letzten Jahrzehnten stark an Bedeutung innerhalb der Psychologie gewonnen hat, im religions- und pastoralpsychologischen Kontext aber bislang relativ wenig rezipiert wurde, ist die Kognitionspsychologie. Sie befasst sich mit den psychischen Vorg&auml;ngen der Informationsverarbeitung und untersucht mentale Prozesse wie Wahrnehmung, Ged&auml;chtnis, Denken und Sprache, aber auch Emotionen und Motivationen.</p>
<p>Die Kognitionspsychologie hat viele Erkenntnisse dar&uuml;ber erlangt, wie der menschliche Wahrnehmungs- und Denkapparat als Grundlage f&uuml;r menschliches Verhalten (und damit auch f&uuml;r menschliches Verhalten im Kontext von Transformationsprozessen) funktioniert. Viele Ergebnisse sind &uuml;berraschend und widersprechen &uuml;blichen Alltags&uuml;berzeugungen. Dies ist sicher auch f&uuml;r die Einsch&auml;tzung von Transformationsprozessen von hoher Relevanz &ndash; zumindest dann, wenn man von Transformationen als geplanten, rational gesteuerten Prozessen ausgeht.</p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Die Kognitionspsychologie zeigt, dass ein sehr gro&szlig;er Teil des menschlichen Verhaltens automatisch abl&auml;uft und nicht bewusst gesteuert wird.</p></blockquote> Die Kognitionspsychologie zeigt, dass ein sehr gro&szlig;er Teil des menschlichen Verhaltens automatisch abl&auml;uft und nicht bewusst gesteuert wird. Die Informationsverarbeitung im menschlichen Kognitionsapparat geschieht vielfach nicht in logisch-rationaler Weise, sondern systematisch verzerrt. Die Vorstellung eines homo oeconomicus, eines rationalen Agenten ist in vielerlei Hinsicht zu relativieren.
<h3>Optische Illusionen</h3>
<p>Im Folgenden seien einige Beispiele genannt f&uuml;r die kognitive Prozesse, die von uns nicht bewusst gesteuert werden. Es beginnt bereits bei den unz&auml;hligen Beispielen optischer T&auml;uschungen, die zeigen, dass unser Sehsinn keineswegs ausnahmslos eine direkte und eindeutige Abbildung der Wirklichkeit liefert, sondern es immer wieder zu Verzerrungen und Fehlinterpretationen kommt (vgl. z. B. die <a href="https://michaelbach.de/ot/index-de.html">umfassende Sammlung</a> au&szlig;ergew&ouml;hnlicher Sehph&auml;nomene inklusive interaktiver Demonstrationen und Erkl&auml;rungen aus der Sehforschung sowie Bach 2022). Daraus l&auml;sst sich jedoch nicht folgern, dass unsere Wahrnehmung grunds&auml;tzlich als defizit&auml;r anzusehen w&auml;re. Im Gegenteil, unser visuelles System vollbringt automatisch und blitzschnell eine Vielzahl von erstaunlichen Leistungen: Es ist ein Pr&auml;zisionsinstrument, das z.B. die L&auml;nge von Linien auf ein Prozent genau einsch&auml;tzen, Schatten zu dreidimensionalen Formen zusammenbauen oder kleinste Abweichungen im Verlauf von Konturen erkennen kann.<br>
Von daher ist der Begriff der &bdquo;optischen T&auml;uschungen&ldquo; oder &bdquo;optical illusions&ldquo; eigentlich unangemessen, insofern damit Fehlfunktionen des visuellen Systems unterstellt werden. Vielmehr demonstrieren diese Sehph&auml;nomene, dass unser Sehsystem besonders gut an normale Umgebungssituationen angepasst ist. Es nutzt &ndash; ganz &uuml;berwiegend &not;erfolgreich &ndash; bestimmte shortcuts, auf die es relativ fest verdrahtet ist. Unter speziellen Bedingungen kann es daher zu Fehlinterpretationen der visuellen Szene kommen und z.B. ein blau-schwarzes Kleid als gold-wei&szlig; angesehen werden.</p>
<h3>Kognitive Illusionen</h3>
<p>Vergleichbare Ph&auml;nomene stellen die &bdquo;cognitive illusions&ldquo;, die &bdquo;kognitiven Verzerrungen&ldquo; oder kurz Denkfehler dar. Auch hierzu gibt es eine l&auml;ngere Forschungstradition (vgl. Hell, Fiedler &amp; Gigerenzer [Hg.] 1993, Pohl 2022) und popul&auml;re Sammlungen von Denkfehlern (vgl. Dobelli 2011 und 2012). Nur zwei Bespiele: a) Es gibt den confirmation bias oder Best&auml;tigungsfehler, also die Tendenz, neue Informationen so auszuw&auml;hlen und zu interpretieren, dass sie die eigenen Erwartungen best&auml;tigen; disconfirming evidence, also Informationen, die im Widerspruch zu den bestehenden &Uuml;berzeugungen steht, wird ausgeblendet &ndash; anstatt dass Informationen gesucht werden, die diese widerlegen k&ouml;nnten. b) Der fundamentale Attributionsfehler beschreibt die Tendenz, den Einfluss von Personen systematisch zu &uuml;bersch&auml;tzen und den Einfluss von situativen Faktoren zu untersch&auml;tzen. Man spricht hier auch vom correspondence bias oder der Korrespondenzneigung, dass also beobachtetes Verhalten oft auf feststehende Dispositionen oder Charaktereigenschaften zur&uuml;ckgef&uuml;hrt wird und selten auf variable Merkmale der jeweiligen Situation. Die Listen solcher cognitive biases lie&szlig;en sich noch sehr lang weiterf&uuml;hren.</p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Es kann zu kognitiven T&auml;uschungen kommen, wenn normalerweise bew&auml;hrte Denkmechanismen in einer Problemsituation in Gang gesetzt werden, mit dieser Problemsituation jedoch nicht zurechtkommen und zu Irrt&uuml;mern f&uuml;hren.</p></blockquote>
<p>Angesichts der F&uuml;lle von Denkfehlern, die in der kognitiven Psychologie beschrieben werden, k&ouml;nnte man den Schluss ziehen, an der grunds&auml;tzlichen Rationalit&auml;tsf&auml;higkeit des Menschen zu zweifeln, wenn doch an jeder Ecke Denkfehler lauern k&ouml;nnen. Doch diese Einsch&auml;tzung w&auml;re, &auml;hnlich wie bei den optischen T&auml;uschungen, unangemessen. Normalerweise kommt unser Denkappart im Alltag gut zurecht. Er ist zu erstaunlichen Leistungen f&auml;hig: Wir k&ouml;nnen genaue begriffliche Kategorien bilden, syllogistische Schl&uuml;sse ziehen, feine logische Differenzierungen vornehmen und sind des kritischen Denkens f&auml;hig. Es kann aber zu kognitiven T&auml;uschungen kommen, wenn normalerweise bew&auml;hrte Denkmechanismen in einer Problemsituation in Gang gesetzt werden, mit dieser Problemsituation jedoch nicht zurechtkommen und zu Irrt&uuml;mern f&uuml;hren. Dadurch ergeben sich Quellen von Fehlurteilen, inad&auml;quaten Entscheidungen oder auch unn&ouml;tig riskanten Man&ouml;vern. Man sollte aber eben nicht das Kind mit dem Bade aussch&uuml;tten und &uuml;berall Denkfehler sehen oder aufsp&uuml;ren wollen, wo vielleicht gar keine existieren, und damit einen &bdquo;bias bias&ldquo; begehen (Gigerenzer 2018).</p>
<h3>Schnelles Denken, langsames Denken</h3>
<p>Eine Hintergrundannahme, die Erkl&auml;rungsans&auml;tze f&uuml;r viele cognitive biases bietet, bildet die Annahme, dass sich zwei Arbeitsweisen des Denkens bzw. kognitive Systeme unterscheiden lassen: das automatisierte, stereotypisierende, emotionale, unbewusst ablaufende und fehleranf&auml;llige schnelle Denken und das logischere, berechnende, bewusst ablaufende, aber anstrengendere langsame Denken (vgl. Kahneman 2012). Letzteres ben&ouml;tigt mehr Kapazit&auml;t des Arbeitsged&auml;chtnisses und wird nicht in Gang gesetzt, wenn es shortcuts des schnellen Denkens gibt, das weniger an Ressourcen ben&ouml;tigt.<br>
Demonstrieren kann man die beiden Arbeitsweisen des Denkens anhand des so genannten cognitive reflection test (Frederick 2005), der aus einigen einfachen mathematischen Aufgaben besteht. Sie k&ouml;nnen es selbst an sich testen, indem Sie folgende drei Aufgaben im Kopf l&ouml;sen, hier in einer deutschen Version (Pinker 2021, 24):</p>
<ol>
<li>Ein Smartphone und seine H&uuml;lle kosten zusammen 110 Euro. Das Handy kostet 100 Euro mehr als die H&uuml;lle. Wie viel kostet die H&uuml;lle?</li>
<li>Acht Drucker brauchen acht Minuten, um acht Prospekte zu drucken. Wie lange brauchen 24 Drucker, um 24 Prospekte zu drucken?</li>
<li>Auf einem Acker befindet sich ein Flecken mit Unkraut. Jeden Tag verdoppelt sich die mit Unkraut bedeckte Fl&auml;che. In 30 Tagen hat sich das Unkraut &uuml;ber den gesamten Acker ausgebreitet. Wie lange hat es gedauert, bis es den halben Acker bedeckte?</li>
</ol>
<p>Die L&ouml;sung der ersten Aufgabe lautet f&uuml;nf Euro; die meisten Menschen sagen jedoch zehn Euro (dann w&uuml;rde das Handy aber 110 Euro kosten und der Gesamtpreis 120 Euro betragen). Die L&ouml;sung der zweiten Aufgabe lautet acht Minuten, da so viele Drucker gleichzeitig arbeiten, wie Prospekte gedruckt werden sollen und die Zeit zum Drucken der Prospekte somit gleich bleibt; viele glauben aber, dass 24 die richtige Antwort sei. Die L&ouml;sung der dritten Aufgabe lautet 29 Tage, weil sich das Unkraut jeden Tag verdoppelt und der Acker also am Tag, bevor er komplett bedeckt war, zur H&auml;lfte mit Unkraut bedeckt gewesen sein muss; viele halten aber 15 f&uuml;r die richtige Antwort.</p>
<p>Bei Fredericks Proband:innen lagen f&uuml;nf von sechs bei mindestens einer Frage falsch; ein Drittel beantwortete alle Fragen falsch. Selbst Studierende des Masachusetts Institute of Technology (MIT), denen man eine hohe Affinit&auml;t zur Mathematik unterstellen darf, l&ouml;sten im Durchschnitt nur zwei Drittel der Aufgaben richtig. Dennoch: Es gibt f&uuml;r jede Aufgabe eine einfache L&ouml;sung, die man schnell versteht, wenn man sie erkl&auml;rt bekommt. Offensichtlich lassen wir uns aber durch die oberfl&auml;chlichen Merkmale der Aufgaben (wie z. B. die glatten Zahlen in der ersten Aufgabe) verwirren. Es ist also weniger Unf&auml;higkeit, sondern mehr Gedankenlosigkeit, die uns zu falschen Antworten f&uuml;hrt.</p>
<h3>Die Moral aus kognitiven Verzerrungen</h3>
<p>Wie oben bereits angesprochen, ist unser Denkapparat an die Herausforderungen im Alltag &uuml;blicherweise gut angepasst. Das schnelle Denken spart Energie und Zeit und sorgt f&uuml;r eine effiziente Bearbeitung allt&auml;glicher Aufgaben.</p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Das schnelle Denken spart Energie und Zeit und sorgt f&uuml;r eine effiziente Bearbeitung allt&auml;glicher Aufgaben.</p></blockquote> Das schlechte Abschneiden im cognitive reflection test stellt eine Ausnahme dar, die diese Regel best&auml;tigt: Die Merkmale dieser Aufgaben enthalten Details, die in einem &bdquo;normalen&ldquo; Gespr&auml;ch f&uuml;r das, was der:die Sprecher:in wissen will, relevant w&auml;ren, hier aber f&uuml;hren sie den:die H&ouml;rer:in in die Irre.
<p>Ich nenne noch zwei Bespiele kognitiver Verzerrungen, die man nicht einfach als Belege menschlicher Irrationalit&auml;t werten sollte, sondern denen durchaus eine positive Funktion innewohnen kann:</p>
<p>a) Schon lange bekannt sind die so genannten Konformit&auml;tsexperimente von Solomon Asch (1951). Die Teilnehmenden dieser sozialpsychologischen Experimente sollten die L&auml;nge von Linien im Vergleich zu anderen Linien einsch&auml;tzen, wobei es nur eine wirkliche Versuchsperson gab und die Kompliz:innen der Versuchsleitung einstimmig falsche Urteile abgaben. 76 Prozent der Versuchspersonen folgte mindestens einmal dem falschen Urteil der Mehrheit.</p>
<p>Es geht hier nicht darum, im Detail zu erl&auml;utern, von welchen Variablen die Konformit&auml;t mit der Gruppenmehrheit bzw. das Ausma&szlig; dieser Konformit&auml;t abh&auml;ngt. Interessant ist aber auch hier der &bdquo;Sitz im Leben&ldquo;: Normative Einfl&uuml;sse der Gruppe bestimmen das Verhalten der Mitglieder dieser Gruppe und sorgen f&uuml;r Einheitlichkeit in ihrem Verhalten. Das Bed&uuml;rfnis, Teil der Gruppe zu sein, akzeptiert und von den anderen best&auml;tigt zu werden, ist dann mehr wert als recht zu haben. Sich der Gruppe anzupassen, obwohl die eigene Auffassung von der der Gruppe abweicht, kann also durchaus ein rationales Verhalten darstellen.</p>
<p>b) &Auml;hnlich verh&auml;lt es sich mit dem Ph&auml;nomen der Selbstt&auml;uschung (vgl. Newen und Vosgerau 2017, Sachse 2020): Oft sind wir blind gegen&uuml;ber Fakten, die die eigene Person betreffen; wir tendieren dazu, uns selbst in einem eher rosigen Licht zu sehen. Dabei werden Hinweise auf Probleme oder eigene M&auml;ngel durchaus registriert, aber durch Umdeutungen in das eigene Selbstbild integriert. So bilden Selbstt&auml;uschungen einen wichtigen Beitrag zur Stabilisierung des Selbstbildes, das zentral f&uuml;r jeden Menschen ist.</p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Selbstt&auml;uschungen haben also eine positive, motivierende Funktion, indem sie pers&ouml;nliche Kern&uuml;berzeugungen st&auml;rken.</p></blockquote> Selbstt&auml;uschungen haben also eine positive, motivierende Funktion, indem sie pers&ouml;nliche Kern&uuml;berzeugungen st&auml;rken. Ein solcher &bdquo;gesunder Selbstbetrug&ldquo; ist jedoch bei einer erdr&uuml;ckenden Faktenlage korrigierbar und unterscheidet sich insofern von einem unver&auml;nderbaren Wahn.
<h3>Fazit</h3>
<p>Die besprochenen Ph&auml;nomene zeigen, dass ein gro&szlig;er Teil unseres Verhaltens ohne bewusste Anteile, in automatischer oder halbautomatischer Weise stattfindet. Sie beginnen lange, bevor wir bewusst &uuml;ber eine Sache nachdenken. Es w&auml;re eine wichtige und spannende Aufgabe, (kirchliche und religi&ouml;se) Transformationsprozesse auf die in ihnen vorkommenden kognitiven Verzerrungen zu untersuchen. Es ist ein Desiderat sowohl in gesellschaftlicher wie in kirchlicher Perspektive, die anthropologischen blinden Flecken, also nicht nur die &auml;u&szlig;eren Strukturen der Welt, sondern auch die weniger beachteten inneren Strukturen des Menschen in den Blick zu nehmen.</p>
</body></html>
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