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	futur2 &#124; MagazinArticles &#8211; futur2 | Magazin	</title>
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	<description>Strategie und Entwicklung in Kirche und Gesellschaft e.V.</description>
	<lastBuildDate>Fri, 10 Oct 2025 16:04:29 +0000</lastBuildDate>
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		<title>Gesucht: kompromissbereite Heilige</title>
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		<pubDate>Mon, 22 Sep 2025 11:38:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Norbert Bauer</dc:creator>
		
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				<description><![CDATA[„Wenn ihr heute ein wenig Zeit habt, dann nehmt die Bibel, das zweite Buch der Makkabäer, Kapitel sechs, und lest diese Geschichte von Eleasar. Das wird euch gut tun. Es wird euch Mut machen, für alle ein Beispiel zu sein und es wird euch auch Kraft geben und eine Hilfe sein, um die christliche Identität ...]]></description>
					<content:encoded><![CDATA[<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.0 Transitional//EN" "http://www.w3.org/TR/REC-html40/loose.dtd">
<html><body><p>&bdquo;Wenn ihr heute ein wenig Zeit habt, dann nehmt die Bibel, das <em>zweite Buch der Makkab&auml;er</em>, Kapitel sechs, und lest diese Geschichte von Eleasar. Das wird euch gut tun. Es wird euch Mut machen, f&uuml;r alle ein Beispiel zu sein und es wird euch auch Kraft geben und eine Hilfe sein, um die christliche Identit&auml;t voranzutragen &ndash; ohne Kompromisse, ohne ein Doppelleben.&ldquo;<span id="easy-footnote-1-13865" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/gesucht-kompromissbereite-heilige/#easy-footnote-bottom-1-13865" title='&lt;a href="https://www.vatican.va/content/francesco/de/cotidie/2015/documents/papa-francesco-cotidie_20151117_kompromisslos.html"&gt;https://www.vatican.va/content/francesco/de/cotidie/2015/documents/papa-francesco-cotidie_20151117_kompromisslos.html&lt;/a&gt; [abgerufen: 21.08.2025].'><sup>1</sup></a></span> Mit diesem flammenden Appell endet eine Predigt von Papst Franziskus &uuml;ber den &bdquo;angesehensten Schriftgelehrten Eleasar, ein Mann von hohen Alter und sehr edlen Gesichtsz&uuml;gen&ldquo; (2 Makk 6,18), der lieber den gewaltsamen Tod in Kauf nahm, als Schweinefleisch zu essen. F&uuml;r Papst Franziskus ist klar. &bdquo;Man darf sich nicht vom Geist der Welt schw&auml;chen lassen und soll das eigene Christ-Sein konsequent leben, ohne schwach zu werden und ohne Kompromisse einzugehen.&ldquo;<span id="easy-footnote-2-13865" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/gesucht-kompromissbereite-heilige/#easy-footnote-bottom-2-13865" title="Ebd."><sup>2</sup></a></span> Auch die K&ouml;lner Stadtpatron*innen Ursula und Gereon werden daf&uuml;r verehrt, konsequent und ohne Kompromisse ihrer &Uuml;berzeugung treu geblieben zu sein. Wie alle anderen Heiligen dienen sie als Vorbilder f&uuml;r die Gl&auml;ubigen, weil die &bdquo;Kirche feierlich erkl&auml;rt, dass diese die Tugenden heldenhaft ge&uuml;bt&ldquo;<span id="easy-footnote-3-13865" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/gesucht-kompromissbereite-heilige/#easy-footnote-bottom-3-13865" title="Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 828."><sup>3</sup></a></span>&nbsp;haben und deshalb in der Allerheiligenlitanei um Hilfe angerufen werden k&ouml;nnen. Ich habe noch keinen Heiligen, keine Heilige gefunden, die ich nicht wegen ihrer Kompromisslosigkeit, sondern im Gegenteil wegen ihrer Kompromissbereitschaft und -f&auml;higkeit anrufen k&ouml;nnte. Ich m&ouml;chte eine Kerze vor einer Heiligenfigur anz&uuml;nden, die die Kultur des Kompromisses verk&ouml;rpert. Solche Vorbilder brauchen wir angesichts der gesellschaftlichen Polarisierungen und Verwerfungen.</p>
<p>Ein Kompromiss bringt dir selten Ruhm ein. Schon in der Bibel lautet ein Vorwurf &bdquo;Du bist weder kalt noch hei&szlig;&ldquo; (Offb 3,15). Mittelm&auml;&szlig;ig, charakterschwach, inkonsequent &ndash; so werden Menschen gescholten, die einen Kompromiss ausgehandelt haben. &bdquo;In der Politik gilt zur Schau getragene Kompromiss&shy;losigkeit als Ausweis moralischer Prinzipien&shy;festigkeit.&ldquo;<span id="easy-footnote-4-13865" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/gesucht-kompromissbereite-heilige/#easy-footnote-bottom-4-13865" title='Volker M. Heins, Eine Verteidigung des Kompromisses, 27.04.2023, &lt;a href="https://www.republik.ch/2023/04/27/eine-verteidigung-des-kompromisses"&gt;https://www.republik.ch/2023/04/27/eine-verteidigung-des-kompromisses&lt;/a&gt; [abgerufen : 21.08.2025].'><sup>4</sup></a></span>&nbsp;Vielleicht auch deshalb hat Friedrich Merz das &bdquo;Zuwanderungsbegrenzungsgesetz&ldquo; im Bundestag mit der Haltung &bdquo;keine Kompromisse&ldquo; zur Abstimmung gestellt. Lieber nahm er die Stimmen der AfD in Kauf, als eine gemeinsame Mehrheit mit SPD und Gr&uuml;nen zu suchen.</p>
<blockquote class="f2-sidequote"><p>Ich m&ouml;chte eine Kerze vor einer Heiligenfigur anz&uuml;nden, die die Kultur des Kompromisses verk&ouml;rpert. Solche Vorbilder brauchen wir angesichts der gesellschaftlichen Polarisierungen und Verwerfungen.</p></blockquote>
<p>Auch in der Diskussion zum russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine wurde Kompromiss zum Unwort. Als J&uuml;rgen Habermas neben den milit&auml;rischen Optionen f&uuml;r &bdquo;ein &ouml;ffentliches Nachdenken &uuml;ber den schwierigen Weg zu Verhandlungen&ldquo; sowie f&uuml;r die Suche nach &bdquo;ertr&auml;glichen Kompromissen&ldquo; pl&auml;dierte, erntete er massive Kritik.</p>
<p>Zugegeben: Es gibt gute Gr&uuml;nde, auf die Kompromisslosigkeit ein Loblied zu singen. &bdquo;Zahlreiche gro&szlig;e soziale Ver&auml;nderungen wie die Abschaffung der Sklaverei, die Einf&uuml;hrung des Frauenwahlrechts oder der gleichgeschlechtlichen Ehe, aber auch wissenschaftliche Fortschritte oder gro&szlig;e Kunstwerke sind durch M&auml;nner und Frauen m&ouml;glich geworden, die sich kompromisslos f&uuml;r eine Sache eingesetzt haben, die sie um jeden Preis vorantreiben wollten.&ldquo;<span id="easy-footnote-5-13865" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/gesucht-kompromissbereite-heilige/#easy-footnote-bottom-5-13865" title="Veronique Zanetti, Spielarten des Kompromisses, Frankfurt/M. 2022, 14."><sup>5</sup></a></span>&nbsp;Dabei darf nicht &uuml;bersehen werden, dass die meisten Reformen letztlich nur durch Kompromisse erreicht werden konnten. Ein Beispiel daf&uuml;r ist der Atomausstieg, den die Gr&uuml;nen mit ihrem Markenkern &bdquo;Atomkraft &ndash; Nein Danke&ldquo; in Regierungsverantwortung durchsetzen konnten. Die lang ersehnte Abschaltung des letzten Atomkraftwerks konnte erst nach einer Laufzeitverl&auml;ngerung erfolgen, der die &Ouml;kopartei schweren Herzens zustimmte. Solche Kompromisse sind, wie so viele in der Politik, strategischer Natur. Ich lasse mich auf ein Verhandlungsergebnis ein, auch wenn es meinen eigenen &Uuml;berzeugungen widerspricht. Nicht selten h&auml;ngt deshalb ein &bdquo;wohl oder &uuml;bel&ldquo;-Schild an einer solchen Vereinbarung. Pragmatismus schl&auml;gt Idealismus. Wie w&auml;re es, wenn wir den Kompromiss als geeignetes Instrument, wenn nicht sogar als Ideal betrachten, um in einer Gesellschaft, die nicht zuletzt durch ihre zunehmende Spaltung in vielen Reformvorhaben blockiert ist, wieder L&ouml;sungen f&uuml;r die Zukunft zu entwickeln?</p>
<p></p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Der Kompromiss bietet sich gerade in einer durch Vielfalt gekennzeichneten Gesellschaft als Alternative an, denn im Gegensatz zum Konsens verlangt er nicht die Preisgabe der eigenen Position.</p></blockquote>Die Politische Theorie unterscheidet zwischen Konsens und Kompromiss. Ein Konsens ist dadurch gekennzeichnet, dass unterschiedliche Parteien zu einer gemeinsamen &Uuml;berzeugung gelangen und diese teilen. Unterschiedliche Einstellungen und Meinungen werden zugunsten einer gemeinsamen Position aufgegeben. Aus Verschiedenheit wird Einheit &ndash; ut omnes unum sint (Joh 17,21). In einer pluralistischen Gesellschaft mit einer Vielzahl religi&ouml;ser und s&auml;kularer &Uuml;berzeugungen ist dieser Einheitsoptimismus kaum geboten. Zu gro&szlig; sind die Differenzen entlang, aber auch innerhalb der Grenzen von Religionsgemeinschaften, Parteien und Verb&auml;nden. Konsens ist angesichts einer multikulturellen Gegenwart weder realisierbar noch erwartbar. Was auf den ersten Blick als Defizit markiert werden kann, erweist sich beim zweiten Blick als Chance. Der Kompromiss bietet sich gerade in einer durch Vielfalt gekennzeichneten Gesellschaft als Alternative an, denn im Gegensatz zum Konsens verlangt er nicht die Preisgabe der eigenen Position. Beim Atomkompromiss konnten die Gr&uuml;nen ihren &bdquo;Atomkraft &ndash; Nein Danke&ldquo; Button am Revers lassen und deshalb einer Laufzeitverl&auml;ngerung zustimmen.
<p>Ein Kompromiss liegt vor, wenn &bdquo;beteiligte Parteien das Ziel ihrer Handlung oder ihre Handlung selbst im Hinblick auf divergierende und unvers&ouml;hnliche &Uuml;berzeugungen in einer f&uuml;r alle Parteien annehmbaren, aber von keiner als optimal angesehenen Richtung modifizieren.&ldquo;<span id="easy-footnote-6-13865" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/gesucht-kompromissbereite-heilige/#easy-footnote-bottom-6-13865" title="Ebd., 21."><sup>6</sup></a></span> Kompromisse zeichnen sich also dadurch aus, dass eine Entscheidung akzeptiert wird, die f&uuml;r die Beteiligten eigentlich nicht akzeptabel ist. Sie tun dies, weil das Verhandlungsergebnis die Chance bietet, dass zumindest wichtige Aspekte der eigenen Position Teil der L&ouml;sung werden. Diese M&ouml;glichkeit bietet eine Entscheidungsfindung durch Abstimmung nicht. Hier gilt: The winner takes it all. Der Verlierer findet sich im Ergebnis im Gegensatz zum ausgehandelten Kompromiss nicht wieder.</p>
<blockquote class="f2-sidequote"><p>Der Kompromiss ist weit mehr als ein strategisches Instrument zur Durchsetzung eigener Positionen, denn er ist getragen von dem Grundsatz, dass auch die Positionen, die mir fremd sind, wichtig sind und es gute Gr&uuml;nde gibt, ihnen entgegenzukommen.</p></blockquote>
<p>Neben der M&ouml;glichkeit, eigene &Uuml;berzeugungen in die L&ouml;sung zu integrieren, erfordert der Prozess der Kompromissfindung eine Bereitschaft, n&auml;mlich die, sich mit den Positionen des Gegen&uuml;bers auseinanderzusetzen. Ich bin in der Lage, meine eigenen &Uuml;berzeugungen ins Spiel zu bringen, aber gleichzeitig gezwungen, mich mit den Positionen des Verhandlungspartners auseinanderzusetzen, und sie zu ber&uuml;cksichtigen.</p>
<p>An dieser Stelle kommt der Konsens wieder ins Spiel, denn die Kompromissfindung basiert auf der gemeinsamen &Uuml;berzeugung, dass die unterschiedlichen Standpunkte, die zur Diskussion stehen, relevant und gleichzeitig verhandelbar sind. Wenn ich mich auf den Prozess der Kompromissfindung einlasse, vertraue ich darauf, dass auch die anderen Beteiligten sich ihre Gedanken gemacht haben. Deshalb ist der Kompromiss weit mehr als ein strategisches Instrument zur Durchsetzung eigener Positionen, denn er ist getragen von dem Grundsatz, dass auch die Positionen, die mir fremd sind, wichtig sind und es gute Gr&uuml;nde gibt, ihnen entgegenzukommen. Die Anerkennung des anderen ist notwendige Bedingung f&uuml;r den Kompromiss.<span id="easy-footnote-7-13865" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/gesucht-kompromissbereite-heilige/#easy-footnote-bottom-7-13865" title='Ein V&ouml;lkischer Nationalismus verweigert die Anerkennung des anderen als Anderen. Daher sind Kompromisse mit der AfD nicht m&ouml;glich. Vgl. Erkl&auml;rung des Deutschen Bisch&ouml;fe &lt;a href="https://www.dbk-shop.de/media/files_public/a56986289ce4037a4f18c78a098f22fc/DBK_10148.pdf"&gt;https://www.dbk-shop.de/media/files_public/a56986289ce4037a4f18c78a098f22fc/DBK_10148.pdf&lt;/a&gt;, [abgerufen: 21.08.2025].'><sup>7</sup></a></span> Daher sind Gewalt(androhung) und Zwang bei der Kompromissfindung ausgeschlossen. Ebenso d&uuml;rfen Kompromisse nicht auf Kosten Unbeteiligter geschlossen werden. &bdquo;Faul sind Kompromisse auf dem Gebiet der Menschen&shy;rechte, weil die Leidtragenden ihnen niemals zustimmen k&ouml;nnten.&ldquo;<span id="easy-footnote-8-13865" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/gesucht-kompromissbereite-heilige/#easy-footnote-bottom-8-13865" title="Volker&nbsp;M. Heins, Eine Verteidigung des Kompromisses (s. Anm. 4)."><sup>8</sup></a></span></p>
<p>Die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland beginnt mit einem Pl&auml;doyer f&uuml;r den Kompromiss. Am 8.&nbsp;Mai 1949 hielt Konrad Adenauer nach der Schlussabstimmung &uuml;ber das Grundgesetz als Pr&auml;sident des Parlamentarischen Rates eine Rede. Darin sagte er &bdquo;Wir haben einen Kompromiss geschlossen. &hellip; Jeder Kompromiss hat Fehler und M&auml;ngel. Aber ein Kompromiss hat auch einen gro&szlig;en Vorteil. Er lehrt die Parteien, die so gezwungen waren, miteinander zu arbeiten, auch im politischen Gegner den &uuml;berzeugten, den ehrlichen Gegner zu sch&auml;tzen.&ldquo;<span id="easy-footnote-9-13865" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/gesucht-kompromissbereite-heilige/#easy-footnote-bottom-9-13865" title='&lt;a href="https://www.konrad-adenauer.de/seite/8-mai-1949/"&gt;https://www.konrad-adenauer.de/seite/8-mai-1949/&lt;/a&gt; [abgerufen: 21.08.2025].'><sup>9</sup></a></span> Die Bereitschaft zum Kompromiss zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der Bundesrepublik. Sie als Ressource neu zu entdecken, w&uuml;rde uns als Gesellschaft guttun. Vielleicht kann Papst Leo&nbsp;XIV. bei zuk&uuml;nftigen Heiligsprechungen die Kompromissf&auml;higkeit als Tugend ber&uuml;cksichtigen. F&uuml;r ihn als Augustiner-M&ouml;nch g&auml;be es sogar die passende Gastst&auml;tte dazu.</p>
<p><a href="#_ftnref1" name="_ftn1"><div class="img-wrapper aligncenter wp-image-13868 size-full"><img loading="lazy" decoding="async" class="aligncenter wp-image-13868 size-full" src="http://www.futur2.org/wp-content/uploads/2025/09/Kompromiss-e1756986337781.jpg" alt="Augustinerbr&auml;u M&uuml;nchen Kompromiss" width="283" height="365"></div></a></p>
<p>&nbsp;</p>
</body></html>
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		<title>Was rettet die Demokratie? Impulse gegen den autoritären Umbau der Gesellschaft</title>
		<link>https://www.futur2.org/article/was-rettet-die-demokratie-impulse-gegen-den-autoritaeren-umbau-der-gesellschaft/</link>
		<comments>https://www.futur2.org/article/was-rettet-die-demokratie-impulse-gegen-den-autoritaeren-umbau-der-gesellschaft/#respond</comments>
		<pubDate>Thu, 04 Sep 2025 10:22:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Harald Lamprecht</dc:creator>
		
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				<description><![CDATA[1. Was ist Die gegenwärtige Gesellschaft befindet sich in einer Krise. Darin wirken verschiedene Faktoren zusammen. Digitalisierung und Globalisierung sind starke Treiber radikaler gesellschaftlicher Veränderungen, die sich gegenseitig bedingen und verstärken. Neue technische Möglichkeiten der Kommunikation lassen die Welt zusammenschrumpfen. Zugleich geraten die Demokratien immer mehr unter Druck. 1.1  Die Krise des Kapitalismus Damit verbunden ...]]></description>
					<content:encoded><![CDATA[<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.0 Transitional//EN" "http://www.w3.org/TR/REC-html40/loose.dtd">
<html><body><h1>1. Was ist</h1>
<p>Die gegenw&auml;rtige Gesellschaft befindet sich in einer Krise. Darin wirken verschiedene Faktoren zusammen. Digitalisierung und Globalisierung sind starke Treiber radikaler gesellschaftlicher Ver&auml;nderungen, die sich gegenseitig bedingen und verst&auml;rken. Neue technische M&ouml;glichkeiten der Kommunikation lassen die Welt zusammenschrumpfen. Zugleich geraten die Demokratien immer mehr unter Druck.</p>
<h2>1.1 &nbsp;Die Krise des Kapitalismus</h2>
<p>Damit verbunden ist eine Krise des Kapitalismus.<span id="easy-footnote-10-13861" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/was-rettet-die-demokratie-impulse-gegen-den-autoritaeren-umbau-der-gesellschaft/#easy-footnote-bottom-10-13861" title='&lt;a href="https://www.podcast.de/episode/690212425/kapitalismuskritik-das-system-kommt-an-seine-grenzen"&gt;https://www.podcast.de/episode/690212425/kapitalismuskritik-das-system-kommt-an-seine-grenzen&lt;/a&gt; (abgerufen am 02.09.2025).'><sup>10</sup></a></span> Das Versprechen des Kapitalismus besagt im Kern, dass wirtschaftliches Wachstum mehr Wohlstand f&uuml;r alle bedeutet und die freien Kr&auml;fte des Marktes das regeln. Dass Gewinne ungleich verteilt sind, wird nicht als ernsthaftes Problem gesehen, solange genug Wachstum f&uuml;r alle eine Verbesserung bewirkt &ndash; auch f&uuml;r die &Auml;rmeren. Dieses Versprechen kann aber gegenw&auml;rtig nicht mehr eingel&ouml;st werden. Faktisch wird es nur noch f&uuml;r wenige Verm&ouml;gende immer besser, f&uuml;r die gro&szlig;e Mehrheit dagegen schlechter.</p>
<p>Daf&uuml;r lassen sich verschiedene Ursachen benennen. So hat sich die Ungleichverteilung von Verm&ouml;gen in den letzten Jahren noch einmal deutlich verst&auml;rkt. W&auml;hrend der Corona-Pandemie (2020&ndash;2021) hat sich das Verm&ouml;gen der zehn reichsten Milliard&auml;re verdoppelt(!), w&auml;hrend 160 Millionen Menschen zus&auml;tzlich in Armut geraten sind.<span id="easy-footnote-11-13861" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/was-rettet-die-demokratie-impulse-gegen-den-autoritaeren-umbau-der-gesellschaft/#easy-footnote-bottom-11-13861" title='&lt;a href="https://www.oxfam.de/presse/pressemitteilungen/2022-01-17-reichsten-verdoppeln-vermoegen-waehrend-160-millionen"&gt;https://www.oxfam.de/presse/pressemitteilungen/2022-01-17-reichsten-verdoppeln-vermoegen-waehrend-160-millionen&lt;/a&gt; (abgerufen am 02.09.2025).'><sup>11</sup></a></span><a href="#_ftn2" name="_ftnref2"></a> Diese Ungleichheit hat inzwischen Dimensionen angenommen, die weit jenseits der Vorstellungsf&auml;higkeit liegen.<span id="easy-footnote-12-13861" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/was-rettet-die-demokratie-impulse-gegen-den-autoritaeren-umbau-der-gesellschaft/#easy-footnote-bottom-12-13861" title='Eindr&uuml;cklich ist der Versuch einer Visualisierung, in der ein Bildschirmpixel 1.000 USD entspricht: &lt;a href="https://dbkrupp.github.io/1-pixel-wealth/"&gt;https://dbkrupp.github.io/1-pixel-wealth/&lt;/a&gt; (abgerufen am 02.09.2025).'><sup>12</sup></a></span></p>
<blockquote class="f2-sidequote"><p>Eine andere Ursache f&uuml;r die Krise des Kapitalismus besteht darin, dass die Grenzen des planetaren Wachstums an verschiedenen Stellen erreicht bzw. &uuml;berschritten sind.</p></blockquote>
<p>Durch den Effekt, dass viel Verm&ouml;gen wiederum weiteres Verm&ouml;gen generiert, sind die Verh&auml;ltnisse komplett aus dem Lot und haben einen selbstverst&auml;rkenden Effekt. Wenn einzelne Menschen quasi ganze Staaten kaufen k&ouml;nnten, sind Methoden der Gewaltenteilung und Machtkontrolle weitgehend ausgehebelt.</p>
<p>Eine andere Ursache f&uuml;r die Krise des Kapitalismus besteht darin, dass die Grenzen des planetaren Wachstums an verschiedenen Stellen erreicht bzw. &uuml;berschritten sind. Die Klimakrise ist eine Folge davon. Sie erzwingt einen grundlegenden Umbau der Gesellschaft und des Wirtschaftens, wenn das Leben f&uuml;r die Mehrheit der Menschen ertr&auml;glich bleiben soll. Deren Eckpfeiler sind:<br>
a) Nachhaltige, langfristig ressourcenschonende statt kurzfristig profitorientierter ressourcenverbrauchender Investitionen (dies steht allerdings in direktem Konflikt zum generellen Wachstumsparadigma).<br>
b) Umstellung weg von fossilen hin zu erneuerbaren Energien.<br>
Dies beinhaltet allerdings als Nebeneffekt nicht weniger als einen Umbau der globalen Machtstrukturen.</p>
<p>Seit der industriellen Nutzung des Erd&ouml;ls gilt: &Ouml;l = Macht. Wer den Zugang zum &Ouml;l kontrolliert, hat das Sagen in der Welt. Daf&uuml;r wurden nicht wenige Kriege gef&uuml;hrt.</p>
<p>Erneuerbare Energien sind demgegen&uuml;ber dezentral. Sie k&ouml;nnen mit vergleichsweise geringem Aufwand genutzt werden. (Ein Solarpanel oder ein Windrad sind technisch viel einfacher als eine &Ouml;lraffinerie oder ein Atomkraftwerk.) Ihre Energiequellen lassen sich schwer kontrollieren oder monopolisieren. Der Wind weht, wo er will, und die Sonne scheint an vielen Stellen. Die erneuerbaren Energien sind darum nicht nur &bdquo;Freiheitsenergien&ldquo;, die den Ressourcenfluch brechen, sondern auch &bdquo;Friedensenergien&ldquo; (so ein Begriff von Michael Blume)<span id="easy-footnote-13-13861" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/was-rettet-die-demokratie-impulse-gegen-den-autoritaeren-umbau-der-gesellschaft/#easy-footnote-bottom-13-13861" title='&lt;a href="https://energiewinde.orsted.de/koepfe-der-energiewende/michael-blume-antisemitismus-ressourcenfluch-oel-gas-konflikte-interview"&gt;https://energiewinde.orsted.de/koepfe-der-energiewende/michael-blume-antisemitismus-ressourcenfluch-oel-gas-konflikte-interview&lt;/a&gt; (abgerufen am 02.09.2025).'><sup>13</sup></a></span>.</p>
<blockquote class="f2-sidequote"><p>Der weltweite Umbau auf erneuerbare Energien l&auml;sst das gegenw&auml;rtige Machtmodell schlicht implodieren.</p></blockquote>
<p>Der weltweite Umbau auf erneuerbare Energien l&auml;sst das gegenw&auml;rtige Machtmodell schlicht implodieren. Alle Verm&ouml;genswerte, die auf fossiler Energie basieren, werden absehbar komplett wertlos, wenn kein fossiles CO2 mehr ausgesto&szlig;en werden darf. Das hat eine revolution&auml;re Dimension.</p>
<h2>1.2 &nbsp;Die autorit&auml;re Wendung</h2>
<p>Die Krise des Kapitalismus f&uuml;hrt dazu, dass das zentrale Versprechen der Aufkl&auml;rung f&uuml;r viele Menschen nicht mehr plausibel ist. Wenn die liberale Gesellschaft, die auf Menschenw&uuml;rde, Vernunft und individuelle Freiheit setzt, nur noch Wohlstand f&uuml;r wenige garantieren kann und gegen&uuml;ber allen anderen ihre Werte missachtet, wird sie insgesamt unglaubw&uuml;rdig. Wo die praktischen Folgen der Theorie nicht entsprechen, greift dies auch die Geltung und Plausibilit&auml;t der theoretischen Setzungen dahinter an. Vernunft und Menschenrechte erscheinen dann nicht mehr als lebensorientierende Prinzipien, sondern als inhaltsleere Worth&uuml;lsen.</p>
<p>Die Annahme ist naheliegend, dass diejenigen, die bisher vom fossilen Gesch&auml;ftsmodell profitiert haben, diese Zusammenh&auml;nge auch erkennen. Sie werden aber nicht tatenlos zusehen, sondern versuchen gegenzusteuern. Dies ist auf verschiedenen Ebenen zu beobachten.</p>
<p>a) <strong>Desinformation</strong>: Zahlreich sind die vielf&auml;ltigen Kampagnen zur subversiven Streuung von Desinformation, besonders zur Klimakrise und zur Energiewende. Wenn der Wandel schon nicht komplett aufzuhalten ist, soll er damit m&ouml;glichst gebremst werden</p>
<p>b) <strong>Autorit&auml;rer Umbau der Gesellschaft</strong>: Erheblich ist auch die finanzielle und logistische Unterst&uuml;tzung von nationalistischen Kr&auml;ften weltweit durch sehr verm&ouml;gende Einzelpersonen.</p>
<p>c) <strong>Populismus</strong> lebt von bewusst herbeigef&uuml;hrter gesellschaftlicher Spaltung und Polarisierung, indem ein Feind markiert und ein &bdquo;Wir gegen die anderen&ldquo;-Gef&uuml;hl erzeugt wird. Dies dient auch der Ablenkung vom Problem der Ungerechtigkeit, indem die Wut dar&uuml;ber auf andere (Ausl&auml;nder, B&uuml;rgergeldempf&auml;nger&hellip;) umgeleitet wird.</p>
<blockquote class="f2-sidequote"><p>Geschichte wiederholt sich nicht identisch. Aber die Gefahr einer autorit&auml;ren Wende ist sehr real.</p></blockquote>
<p>Bereits einmal in der deutschen Geschichte war der Faschismus eine Antwort und Reaktion auf eine Krise des Kapitalismus (Weltwirtschaftskrise 1929). Der Faschismus braucht f&uuml;r die Machtergreifung keine Mehrheit. Ihm gen&uuml;gt ein fanatisches Drittel, ein eingesch&uuml;chtertes Drittel und ein desinteressiertes Drittel.<span id="easy-footnote-14-13861" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/was-rettet-die-demokratie-impulse-gegen-den-autoritaeren-umbau-der-gesellschaft/#easy-footnote-bottom-14-13861" title="Michael Seemann, Mastodon @&lt;span id=&quot;emoba-9561&quot;&gt;&lt;span class=&quot;emoba-em&quot;&gt;mspro[at]fnorden[.]de&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;script type=&quot;text/javascript&quot;&gt;emobascript('%6D%73%70%72%6F%40%66%6E%6F%72%64%65%6E%2E%64%65','&amp;lt;span class=&quot;emoba-em&quot;&gt;mspro[at]fnorden[.]de&amp;lt;/span&gt;','emoba-9561','','','0'); &lt;/script&gt;."><sup>14</sup></a></span> Zur gleichen Zeit schafften es die USA mit massiven &ouml;ffentlichen Investitionen im New Deal, die &Uuml;berwindung der Krise mit einer Verbesserung der Lebensverh&auml;ltnisse und der Bewahrung der Demokratie zu verbinden.</p>
<p>Geschichte wiederholt sich nicht identisch. Aber die Gefahr einer autorit&auml;ren Wende ist sehr real. Demokratien sterben nicht in einem gro&szlig;en Knall, sondern durch schleichende Prozesse: durch Legitimit&auml;tsverlust, durch Diskursverh&auml;rtung, durch die Fragmentierung des Wissensraums und die zunehmende R&uuml;ckkehr totalit&auml;rer Versuchungen.<span id="easy-footnote-15-13861" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/was-rettet-die-demokratie-impulse-gegen-den-autoritaeren-umbau-der-gesellschaft/#easy-footnote-bottom-15-13861" title="Vgl. Steven Levitsky, Daniel Ziblatt: Wie Demokratien sterben und was wir dagegen tun k&ouml;nnen, M&uuml;nchen 2018, aktuell: Peter R. Neumann, Richard C. Schneider: Das Sterben der Demokratie, Berlin 2025."><sup>15</sup></a></span></p>
<h1>2. Was hilft</h1>
<p>Was k&ouml;nnte helfen, diese problematischen Entwicklungen positiv zu beeinflussen?</p>
<h2>2.1 &nbsp;Positive Visionen erz&auml;hlen</h2>
<p>Die derzeitige politische Polarisierung hat auch mit einem Erz&auml;hlvakuum und einem Mangel an positiven Visionen f&uuml;r die Gesellschaft zu tun. Liberale Vorstellungen sind in der Defensive. Sie haben vielerorts ihre kulturelle Strahlkraft verloren. Der Liberalismus wirkt technokratisch, defensiv, manchmal elit&auml;r. In dieses Vakuum dr&auml;ngen autorit&auml;re Bewegungen mit einfachen Erz&auml;hlungen von Ordnung, Identit&auml;t und Zugeh&ouml;rigkeit.</p>
<blockquote class="f2-sidequote"><p>Wir brauchen demokratische Erz&auml;hlungen, die das Gemeinsame nicht aus der Vergangenheit, sondern aus der erstrebten Zukunft ableiten.</p></blockquote>
<p>Wenn wir der totalit&auml;ren Neigung begegnen wollen, brauchen wir ein neues demokratisches Narrativ: eines, das nicht auf Homogenit&auml;t basiert und die Nation als Schicksalsgemeinschaft beschw&ouml;rt, sondern Individualit&auml;t mit Gemeinschaft und Freiheit verbindet. Es braucht dazu beides:</p>
<p>1) ein positives Bild einer Gesellschaft der Zukunft, und</p>
<p>2) anschauliche Erz&auml;hlungen, die dieses Bild vermitteln.</p>
<p>Das erfordert eine politische Sprache, die mehr ist als Zahlen und Management. Wir brauchen demokratische Erz&auml;hlungen, die das Gemeinsame nicht aus der Vergangenheit, sondern aus der erstrebten Zukunft ableiten.</p>
<h2>2.2 &nbsp;Institutionelle Innovation st&auml;rkt demokratische Resilienz</h2>
<p>Viele unserer Institutionen stammen aus dem 19. und fr&uuml;hen 20.&nbsp;Jahrhundert. Sie sind nicht daf&uuml;r entworfen, mit global vernetzten Desinformationsnetzwerken, KI-gesteuerten Meinungsblasen oder einer Plattform-&Ouml;konomie umzugehen, in der Aufmerksamkeit die h&auml;rteste W&auml;hrung ist. Wir brauchen daher eine Erg&auml;nzung durch neue, resiliente Institutionen &ndash; digital und analog:</p>
<p><strong>Gemeinwohlorientierte &ouml;ffentliche digitale R&auml;ume</strong></p>
<p>Die Informationsinfrastruktur muss als Teil der Daseinsvorsorge verstanden werden. Eine rechtliche Regulierung der bestehenden kommerziellen Plattformen ist zwingend n&ouml;tig, gen&uuml;gt aber nicht. Wir brauchen &ouml;ffentlich-rechtliche, gemeinwohlorientierte digitale R&auml;ume &ndash; als Alternative und Gegengewicht zu kommerziellen Plattformen. Der Kurznachrichtendienst Mastodon als Teil des auf Open Source basierenden Netzwerkzusammenschlusses Fediverse zeigt beispielhaft, wie eine solche Infrastruktur aussehen kann. Es braucht mehr staatliches Engagement in diesem Bereich.</p>
<p><strong>Neue Beteiligungsformen</strong></p>
<p>Die repr&auml;sentative parlamentarische Demokratie muss erg&auml;nzt werden &ndash; durch Formate, die unmittelbare Beteiligung erm&ouml;glichen. Geloste B&uuml;rgerr&auml;te, lokale Demokratielabore, partizipative Haushalte &ndash; solche Experimente st&auml;rken nicht nur das Vertrauen, sondern auch die Kompetenz der Gesellschaft zur Selbstgestaltung.</p>
<h2>2.3 &nbsp;Gesellschaftliche Sanktionierung von L&uuml;ge &amp; Desinformation</h2>
<p>Im zwischenmenschlichen Bereich ist es Standard, die L&uuml;ge zu &auml;chten, weil ansonsten keine verl&auml;ssliche Kommunikation und kein beziehungsorientiertes Miteinander m&ouml;glich ist. In der modernen Gesellschaft werden hingegen selbst offensichtliche L&uuml;gner kaum noch bestraft. Politikern schadet es im Ansehen nur selten, nachweislich gelogen zu haben. Dabei ist offensichtlich, dass das gezielte und strategische L&uuml;gen in Politik und Medien die Gesellschaft zerst&ouml;rt.</p>
<blockquote class="f2-sidequote"><p>Im zwischenmenschlichen Bereich ist es Standard, die L&uuml;ge zu &auml;chten, weil ansonsten keine verl&auml;ssliche Kommunikation und kein beziehungsorientiertes Miteinander m&ouml;glich ist.</p></blockquote>
<p>Nun ist die L&uuml;ge in der Politik kein neues Ph&auml;nomen. Dass sie in digitalen &Ouml;ffentlichkeiten systemisch belohnt wird, ist aber eine neue Dimension. Wenn wir den Wert der Wahrheit in unserer Gesellschaft nicht aktiv sch&uuml;tzen, verlieren wir das Fundament der Demokratie.</p>
<p><strong>Kulturelle Resilienz: Wahrheit als Wert st&auml;rken</strong></p>
<p>Die Grundlage jeder Strategie gegen Desinformation ist eine Gesellschaft, die Wahrheit wieder als sozialen Wert erkennt &ndash; nicht nur als private Tugend, sondern als kollektives Gut. Die Schamlosigkeit, mit der gegenw&auml;rtig &ouml;ffentlich gelogen wird, muss sichtbar gemacht und gebrandmarkt werden. L&uuml;gen d&uuml;rfen nicht als cleverer Trick durchgehen, sondern m&uuml;ssen als Vertrauensbruch markiert werden. Es braucht mehr gesellschaftliche Debatten &uuml;ber eine Kultur der Wahrhaftigkeit. Dabei z&auml;hlt das ernsthafte Bem&uuml;hen. Irrt&uuml;mer sind immer m&ouml;glich. Auch der Umgang mit eigenen Fehlern geh&ouml;rt mit in diesen Kontext.</p>
<p>Ebenso spielt Bildung eine Rolle: Wo kritisches Denken, Argumentationslogik, Quellenbewertung und digitale Medienkompetenz geschult werden, sinkt die Manipulierbarkeit.</p>
<p><strong>Systemische Transparenz: Anreizstrukturen &auml;ndern</strong></p>
<p>L&uuml;gen florieren, wenn die Kosten daf&uuml;r gering, aber die Gewinne hoch sind. Es gilt also die Anreizsysteme in Politik, Medien und Wirtschaft so zu ver&auml;ndern, dass Wahrheit wieder lohnender wird als Desinformation.</p>
<p>Mittel daf&uuml;r k&ouml;nnten sein:</p>
<ul>
<li><strong>Transparenzpflichten f&uuml;r &ouml;ffentliche Kommunikation:</strong> Politiker, Unternehmen und Medien k&ouml;nnten verpflichtet werden, auf Anfragen hin Belege f&uuml;r &ouml;ffentliche Behauptungen offenzulegen &ndash; nicht zur Zensur, sondern zur Nachvollziehbarkeit. Dies k&ouml;nnte die Sorgfalt erh&ouml;hen und l&uuml;genhafte Polemik begrenzen.</li>
<li><strong>Konsequenzen bei erwiesener Desinformation:</strong> Wer als Politiker, Journalist oder Funktionstr&auml;ger wiederholt nachweislich l&uuml;gt, sollte systemische Konsequenzen sp&uuml;ren. In Wales wurde bereits ein entsprechender Gesetzesvorschlag eingebracht.<span id="easy-footnote-16-13861" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/was-rettet-die-demokratie-impulse-gegen-den-autoritaeren-umbau-der-gesellschaft/#easy-footnote-bottom-16-13861" title='&lt;a href="https://podcast.forum.eu/fundstuecke/wales-arbeitet-an-gesetz-gegen-das-lugen-in-der-politik"&gt;https://podcast.forum.eu/fundstuecke/wales-arbeitet-an-gesetz-gegen-das-lugen-in-der-politik&lt;/a&gt; (abgerufen am 02.09.2025).'><sup>16</sup></a></span> M&ouml;glichkeiten w&auml;ren eine tempor&auml;re Aberkennung &ouml;ffentlicher Sprecherrollen in Gremien oder der Ausschluss von bestimmten &Auml;mtern oder Funktionen. Ebenso n&ouml;tig sind wirksamere Sanktionen f&uuml;r den Presserat bei Verst&ouml;&szlig;en gegen den Pressekodex<span id="easy-footnote-17-13861" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/was-rettet-die-demokratie-impulse-gegen-den-autoritaeren-umbau-der-gesellschaft/#easy-footnote-bottom-17-13861" title='&lt;a href="https://www.presserat.de/pressekodex.html"&gt;https://www.presserat.de/pressekodex.html&lt;/a&gt; (abgerufen am 02.09.2025).'><sup>17</sup></a></span>.</li>
<li><strong>Vertrauens-Ratings statt Klickzahlen:</strong> F&uuml;r Medienplattformen k&ouml;nnte es &ouml;ffentliche, unabh&auml;ngige Bewertungsmetriken geben, die auf faktischer Korrektheit, Korrekturbereitschaft und Transparenz beruhen &ndash; &auml;hnlich einem Nachhaltigkeitssiegel. Wenn erzielbare (Werbe-)einnahmen von solchen Ratings abh&auml;ngig sind, werden sie mehr Beachtung finden als rein moralische Appelle.</li>
</ul>
<blockquote class="f2-sidequote"><p>Wahrheitsfindung muss kollaborativ und dezentral durch viele unabh&auml;ngige Stellen betrieben werden (wie dies guter Brauch in der Wissenschaft ist).</p></blockquote>
<p>Bei all diesen Bem&uuml;hungen wird es entscheidend darauf ankommen, allen Versuchungen zu widerstehen, die Definition von Wahrheit zu monopolisieren. Wahrheitsfindung muss kollaborativ und dezentral durch viele unabh&auml;ngige Stellen betrieben werden (wie dies guter Brauch in der Wissenschaft ist). Dazu geh&ouml;rt die demokratische Kontrolle &uuml;ber die Kontrollinstanzen. Alle Ma&szlig;nahmen zur Wahrheitsf&ouml;rderung m&uuml;ssen &ouml;ffentlich, &uuml;berpr&uuml;fbar und demokratisch legitimiert sein.</p>
<p>Meinungen und Fakten sind zu unterscheiden. Jeder hat ein Recht auf eine eigene Meinung, aber nicht auf eigene Fakten. Dazu geh&ouml;rt in jedem Fall Offenheit f&uuml;r Dissens. Auch unbequeme, kontroverse Meinungen m&uuml;ssen Raum haben &ndash; solange sie nicht gezielt t&auml;uschen oder hetzen.</p>
<p>Solche Ma&szlig;nahmen k&ouml;nnen nicht alle Probleme l&ouml;sen. Grenzf&auml;lle bleiben. Oft wird nicht glatt gelogen, sondern nur ein Teil der Wahrheit verschwiegen. Dennoch ist es sinnvoll, auf eine Kultur der Wahrhaftigkeit hinzuarbeiten und aktiv gegen die gr&ouml;bsten Missbr&auml;uche vorzugehen. Demokratie lebt davon, dass Menschen informierte Entscheidungen treffen. Daf&uuml;r brauchen sie zutreffende Informationen &uuml;ber die sie umgebende Wirklichkeit als Basis f&uuml;r das gemeinsame Ringen um den richtigen Weg.</p>
<h2>2.4 &nbsp;Gemeinschaft durch Teilhabe</h2>
<p>Dass die Gesellschaft anf&auml;llig f&uuml;r autorit&auml;re Konzepte ist, speist sich aus realen Erfahrungen von Kontrollverlust, Entwertung und Entfremdung. Dies ist oft eine Reaktion auf eine als un&uuml;bersichtlich empfundene Welt, in der alte Sicherheiten verschwinden &ndash; &ouml;konomisch, kulturell, sozial. Dem begegnet man nicht mit moralischer &Uuml;berlegenheit, sondern mit einem inklusiven Gesellschaftsprojekt, das reale Teilhabe erm&ouml;glicht &ndash; materiell und ideell.</p>
<blockquote class="f2-sidequote"><p>Die Zukunft geh&ouml;rt denen, die bereit sind, die Unsicherheit des Wandels auszuhalten &ndash; und ihn aktiv zu gestalten. Demokratie ist kein Zustand, sondern ein Prozess, kein Besitz, sondern eine Praxis.</p></blockquote>
<p><strong>Wohlstand gerecht verteilen</strong></p>
<p>Wesentlich f&uuml;r die Akzeptanz eines demokratischen Staatswesens ist die Erfahrung seiner Wirksamkeit in der Sicherung sozialer Lebensr&auml;ume. Die permanente Privatisierung von Gewinnen und Sozialisierung von Risiken und Verlusten hat die &ouml;ffentlichen Kassen gepl&uuml;ndert. Es braucht eine gerechte Besteuerung von Verm&ouml;gen und Erbschaften, um den undemokratischen Machtzuwachs durch gigantische Einzelverm&ouml;gen zu reduzieren. Das k&ouml;nnte auch den Kommunen wieder n&ouml;tige finanzielle Handlungsspielr&auml;ume verschaffen. Ma&szlig;nahmen wie das Klimageld sollten wesentlich zur Akzeptanz der Energiewende beitragen &ndash; ihre Verschleppung ist Teil fossiler Politik.</p>
<p><strong>Vielfalt ein&uuml;ben</strong></p>
<p>Hilfreich ist Bildung zur Ambiguit&auml;tstoleranz &ndash; die F&auml;higkeit, mit Widerspr&uuml;chen, Mehrdeutigkeiten und Unsicherheit umzugehen. Demokratien scheitern nicht an zu wenig Wissen, sondern an zu wenig Komplexit&auml;tskompetenz. Dazu k&ouml;nnen auch Beteiligungsformen (s.o. 2.2.) beitragen, die dazu motivieren, Probleme nicht eindimensional, sondern in ihrer Vielschichtigkeit wahrzunehmen. Verschiedene Meinungen in Sachfragen sind nicht Verrat am Volksk&ouml;rper, sondern selbstverst&auml;ndliche Normalit&auml;t in einer freien Gesellschaft.</p>
<p><strong>Wertsch&auml;tzung zeigen</strong></p>
<p>Demokratie ist kein bin&auml;rer Zustand. Es kann wenig oder mehr davon geben. In der Athener Demokratie waren wenige wohlhabende B&uuml;rger an den Diskussionen beteiligt. Das ist besser als eine Diktatur. Die Entwicklung der modernen Demokratien ist davon gepr&auml;gt, dass immer mehr ehemals ausgegrenzte und marginalisierte Bev&ouml;lkerungsgruppen nach Beteiligung und Mitbestimmung streben. Das f&uuml;hrt bei den bisher meinungspr&auml;genden Gruppen verst&auml;ndlicherweise zu Verlust&auml;ngsten. Sie verlieren an Einfluss &ndash; andere gewinnen. Wo diese Prozesse gut laufen, kann ein neues gemeinsames &bdquo;Wir&ldquo; entstehen.</p>
<p><strong>Fazit</strong></p>
<p>Die Zukunft geh&ouml;rt nicht jenen, die das Gestern mit harter Hand konservieren wollen. Sie geh&ouml;rt denen, die bereit sind, die Unsicherheit des Wandels auszuhalten &ndash; und ihn aktiv zu gestalten. Demokratie ist kein Zustand, sondern ein Prozess, kein Besitz, sondern eine Praxis.</p>
<p>Wenn wir dem totalit&auml;ren R&uuml;ckschritt begegnen wollen, brauchen wir neue Geschichten f&uuml;r unsere positiven Visionen, neue Beteiligungsformen und eine neue Liebe zur Wahrhaftigkeit. Erz&auml;hlen wir uns mehr positive Geschichten, die zeigen, dass Fortschritt nicht Gleichschritt hei&szlig;t, sondern gerechte Vielfalt.</p>
</body></html>
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		<title>Allgemeine Dienstpflicht – ein Mittel gegen autoritäre Tendenzen?</title>
		<link>https://www.futur2.org/article/allgemeine-dienstpflicht-ein-mittel-gegen-autoritaere-tendenzen/</link>
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		<pubDate>Fri, 26 Sep 2025 12:27:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Thomas Haslböck</dc:creator>
		
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				<description><![CDATA[Die Menschenwürde ist das Fundament unserer freiheitlichen Ordnung. Nicht umsonst geht im Grundgesetz die Garantie dieser Würde den Freiheitsrechten voraus. Der unendliche Wert, der dem Menschen zukommt, zeigt sich demnach in seiner umfassenden Selbstbestimmtheit. Man könnte auch sagen: Nur ein selbstbestimmtes Leben ist eines, das dem Menschen würdig ist. Und weil das Recht auf freie ...]]></description>
					<content:encoded><![CDATA[<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.0 Transitional//EN" "http://www.w3.org/TR/REC-html40/loose.dtd">
<html><body><p>Die Menschenw&uuml;rde ist das Fundament unserer freiheitlichen Ordnung. Nicht umsonst geht im Grundgesetz die Garantie dieser W&uuml;rde den Freiheitsrechten voraus. Der unendliche Wert, der dem Menschen zukommt, zeigt sich demnach in seiner umfassenden Selbstbestimmtheit. Man k&ouml;nnte auch sagen: Nur ein selbstbestimmtes Leben ist eines, das dem Menschen w&uuml;rdig ist. Und weil das Recht auf freie Entfaltung der Pers&ouml;nlichkeit jedem Individuum zukommt, existieren in einer freiheitlichen Gesellschaft viele verschiedene Lebensentw&uuml;rfe, Interessen und &Uuml;berzeugungen. Oft genug widersprechen sie einander, was zu Konflikten und Streit f&uuml;hrt. So wurzeln die Dissonanzen einer pluralistischen Gesellschaft in der Menschenw&uuml;rde selbst. Zugleich werden sie jedoch von ihr begrenzt. Denn die freie Selbstentfaltung des Einzelnen bleibt Ma&szlig;stab auch des Streits. Das bedeutet, dass dieser Streit immer auf den Kompromiss hin orientiert sein muss. Denn nur, wenn sich niemand vollkommen &ndash; und auf Kosten aller anderen &ndash; durchsetzt, bleibt jedem genug Raum, das Leben nach eigenen Vorstellungen zu gestalten.</p>
<p>Diese Kompromissbereitschaft hat jedoch eine wesentliche Voraussetzung: Der Einzelne muss die Positionen des Gegen&uuml;bers als legitim anerkennen. Denn nur dann besteht &uuml;berhaupt die Bereitschaft, in Austausch zu treten und sich auf eine tats&auml;chliche G&uuml;terabw&auml;gung einzulassen, die ja immer eine Selbstbeschr&auml;nkung bedeutet. Diese Toleranz fehlt dem autorit&auml;ren Denken. Stattdessen brandmarkt es bestimmte Existenzformen und deren Artikulation als illegitim und entzieht sich so dem m&uuml;hevollen politischen Streit. Darin gleichen sich alle autorit&auml;ren Str&ouml;mungen. Unterscheiden tun sie sich allein darin, welcher Gruppe sie die Legitimit&auml;t absprechen. Bei der autorit&auml;ren Rechten sind es deutsche Staatsb&uuml;rger mit Migrationshintergrund, derer man sich entledigen will, indem man sie &bdquo;remigriert&ldquo;. Die identit&auml;tspolitische Linke legt entlang von Kriterien wie Hautfarbe und Geschlecht fest, wer zum Kollektiv der T&auml;ter geh&ouml;rt. Da die ganze Daseinsweise eines solchen T&auml;ters auf der Unterdr&uuml;ckung aller anderen Gruppen beruht, verstetigt seine Meinungs&auml;u&szlig;erung nur die zu &uuml;berwindenden Verh&auml;ltnisse. Er darf daher keinesfalls geh&ouml;rt, sondern muss &bdquo;gecancelt&ldquo; werden. F&uuml;r den Islamismus schlie&szlig;lich ist eine Debatte mit den Ungl&auml;ubigen schon deshalb &uuml;berfl&uuml;ssig, weil deren eingeschr&auml;nkte Rechte von vorneherein im Koran festgelegt und daher gar nicht verhandelbar sind.</p>
<h1><strong>Delegitimierung und Selbstdurchsetzung</strong></h1>
<p>Auff&auml;llig ist: Alle drei Str&ouml;mungen wollen gerade jene Gruppen an der Artikulation ihrer Interessen hindern, auf deren Kosten der eigene Lebensentwurf durchgesetzt werden soll. Hier zeigt sich ein Kernaspekt autorit&auml;ren Denkens, n&auml;mlich dessen Nullsummenlogik. Die Visionen der Autorit&auml;ren &ndash; Ethnostaat, woke Gesellschaft und Kalifat &ndash; kann es nur ganz oder gar nicht geben. Dem liegt die Vorstellung zugrunde, dass sich die eigene Identit&auml;t nur dann verwirklichen l&auml;sst, wenn eine andere Identit&auml;t an genau dieser Selbstverwirklichung gehindert wird. Oder anders herum formuliert: Die blo&szlig;e Existenz einer anderen Lebensform ist eine latente Bedrohung der eigenen Existenz. Dann hei&szlig;t es: sie oder wir. Jeder Ausgleich wird so zum Verrat an der eigenen Sache. Das wichtigste Forum dieses Ausgleichs, das Parlament, erscheint dann mindestens als Augenwischerei, wenn nicht gar als Machtinstrument des Gegners. Die Verachtung des Parlaments ist dem autorit&auml;ren Denken geradezu eingeschrieben. Seine Sache ist eben nicht der Kompromiss. Seine Sache ist die uneingeschr&auml;nkte Selbstdurchsetzung. Die Nullsummenlogik ist die Logik des B&uuml;rgerkrieges.</p>
<blockquote class="f2-sidequote"><p>Diese Kompromissbereitschaft hat jedoch eine wesentliche Voraussetzung: Der Einzelne muss die Positionen des Gegen&uuml;bers als legitim anerkennen. </p></blockquote>
<p>Dr&uuml;ckt sich im Autoritarismus die mangelnde Bereitschaft zum Kompromiss aus, dann steht zu bef&uuml;rchten, dass er dort an Zuspruch gewinnt, wo ein intensiverer Kontakt zwischen Angeh&ouml;rigen verschiedener gesellschaftlicher Milieus nicht mehr stattfindet. Unter solchen Umst&auml;nden werden die lebensweltlichen Interessen und Probleme des Gegen&uuml;bers schlicht nicht wahrgenommen. Dadurch kann es &ndash; je nach Verteilung der politischen Macht &ndash; zu Ausschl&uuml;ssen und Marginalisierungen kommen, die wiederum trotzige Gegenreaktionen hervorrufen. Die Fronten verh&auml;rten sich zunehmend, das Gegen&uuml;ber wird mehr und mehr zum Zerrbild, seine Positionen verlieren an Legitimit&auml;t. Sp&auml;testens hier haben autorit&auml;re Denkmuster leichtes Spiel.</p>
<h1><strong>Entkoppelung der Lebenswelten</strong></h1>
<p>Tats&auml;chlich deuten Studien darauf hin, dass der Zusammenhalt in Deutschland unter der Zunahme entkoppelter Lebenswelten leidet. Als besonders segregiert erweisen sich dabei die Netzwerke von Hoch- und Geringgebildeten, Ostdeutschen, Muslimen, Wohlhabenden und Bewohnern l&auml;ndlicher R&auml;ume. Am st&auml;rksten ist die Tendenz zur Segregation jedoch im politischen Bereich: Die H&auml;lfte der AfD-W&auml;hler gibt an, dass sich ihr Bekanntenkreis &uuml;berwiegend aus Gleichgesinnten zusammensetzt. Bei den Gr&uuml;nen sind es sogar 62 Prozent.<span id="easy-footnote-18-13876" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/allgemeine-dienstpflicht-ein-mittel-gegen-autoritaere-tendenzen/#easy-footnote-bottom-18-13876" title="Vgl. Teichler, Nils et al.: Entkoppelte Lebenswelten? Soziale Beziehungen und gesellschaftlicher Zusammenhalt in Deutschland. Erster Zusammenhaltsbericht des FGZ, Bremen 2023, S. 32."><sup>18</sup></a></span></p>
<p>Verst&auml;rkt wird diese Entwicklung dadurch, dass R&auml;ume des milieu&uuml;bergreifenden Austausches zunehmend in die Krise geraten. Die Kirchen unterliegen gleicherma&szlig;en einem Mitglieder- und Glaubw&uuml;rdigkeitsverlust und gehen ihrer integrativen Funktion verlustig. Auch die Zahl der Vereinsneugr&uuml;ndungen ist r&uuml;ckl&auml;ufig. Langfristig ist sogar damit zu rechnen, dass das Vereinswesen in Deutschland schrumpft.<span id="easy-footnote-19-13876" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/allgemeine-dienstpflicht-ein-mittel-gegen-autoritaere-tendenzen/#easy-footnote-bottom-19-13876" title="Vgl. Schubert, Peter et al.: Ziviz-Survey 2023. Zivilgesellschaftliche Organisationen im Wandel &ndash; Gestaltungspotenziale erkennen. Resilienz und Vielfalt st&auml;rken, Essen 2023, S. 10."><sup>19</sup></a></span> Besorgniserregend ist das schon deshalb, weil gerade in Vereinen Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund gemeinsame Zwecke verfolgen. Sie bauen Vertrauen auf und lernen im direkten Gespr&auml;ch die Sorgen und N&ouml;te fremder Lebenswelten kennen.</p>
<blockquote class="f2-sidequote"><p>Studien deuten darauf hin, dass der Zusammenhalt in Deutschland unter der Zunahme entkoppelter Lebenswelten leidet.Verst&auml;rkt wird diese Entwicklung dadurch, dass R&auml;ume des milieu&uuml;bergreifenden Austausches zunehmend in die Krise geraten. </p></blockquote>
<p>Will man die Gesellschaft gegen autorit&auml;re Tendenzen wappnen, so liegt es nahe, bei der Abgrenzung der Lebenswelten anzusetzen. Eine konkrete Antwort auf diese Entwicklung k&ouml;nnte die Einf&uuml;hrung einer allgemeinen Dienstpflicht f&uuml;r junge Erwachsene sein. Aufgrund der zunehmend komplexen Bedrohungslage, in der wir uns befinden, wurde sie bereits von mehreren Seiten in die Debatte eingebracht &ndash; etwa vom Bundespr&auml;sidenten oder den Unionsparteien. Auf zweierlei Weise hat sie die St&auml;rkung der gesellschaftlichen Resilienz zum Ziel. Zum einen soll sie die physische Bew&auml;ltigung konkreter Bedrohungs- und Notlagen erm&ouml;glichen, indem sie entsprechende Kompetenzen vermittelt. Zum anderen &ndash; und darauf kommt es in unserem Zusammenhang an &ndash; will eine Dienstpflicht den gesellschaftlichen Zusammenhalt st&auml;rken, indem sie Menschen aus unterschiedlichen Milieus miteinander in Kontakt bringt.<span id="easy-footnote-20-13876" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/allgemeine-dienstpflicht-ein-mittel-gegen-autoritaere-tendenzen/#easy-footnote-bottom-20-13876" title="Vgl. Dietz, Alexander / von Schubert, Hartwig: Brauchen wir eine allgemeine Dienstpflicht?, Leipzig 2023."><sup>20</sup></a></span> Viele Einsatzstellen, die im Rahmen eines Wahlpflichtmodells ausgew&auml;hlt werden k&ouml;nnen, sind dabei denkbar: die Bundeswehr ebenso wie Blaulicht- oder zivilgesellschaftliche Organisationen.</p>
<h1><strong>Dienstpflicht als Chance</strong></h1>
<p>Ob ein solcher Dienst tats&auml;chlich eine St&auml;rkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts bewirken k&ouml;nnte, l&auml;sst sich mit einem Blick auf die Erkenntnisse der Sozialpsychologie bewerten. Die empirisch gut belegte Kontakthypothese macht deutlich: Damit der Kontakt zwischen Angeh&ouml;rigen verschiedener Gruppen (= Intergruppenkontakt) zum Abbau von Vorurteilen beitragen kann, m&uuml;ssen bestimmte Bedingungen erf&uuml;llt sein.<span id="easy-footnote-21-13876" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/allgemeine-dienstpflicht-ein-mittel-gegen-autoritaere-tendenzen/#easy-footnote-bottom-21-13876" title="Vgl. Spears, Russell / Tausch, Nicole: Vorurteile und Intergruppenbeziehungen, in: Jonas, Klaus et al. (Hrsg.): Sozialpsychologie, Berlin 2014, S. 507&ndash;564, S. 548ff."><sup>21</sup></a></span>&nbsp;Diesen Bedingungen entspricht das Konzept einer allgemeinen Dienstpflicht geradezu idealtypisch:</p>
<ol>
<li><strong>Hohe Intensit&auml;t.</strong> Intergruppenkontakte m&uuml;ssen so h&auml;ufig, lang andauernd und eng sein, dass daraus echte Bekanntschaften entstehen k&ouml;nnen. Die Dienstpflicht ist auf ein Jahr angelegt und verlangt eine t&auml;gliche Mitarbeit in Organisationen, die in der Regel auf Teamwork angewiesen sind. Statt oberfl&auml;chlichen Begegnungen sind daher intensive Arbeitsbeziehungen zu erwarten.</li>
<li><strong>Gleicher Status.</strong> Innerhalb der Kontaktsituation muss den Beteiligten der gleiche Status zukommen &ndash; ansonsten werden lediglich Stereotype reproduziert. Weil im Rahmen einer Dienstpflicht alle jungen Erwachsenen unabh&auml;ngig von Herkunft, Bildung und politischer Einstellung zu vergleichbaren Aufgaben herangezogen werden, begegnen sie sich auf Augenh&ouml;he.</li>
<li><strong>Gemeinsame Zielorientierung.</strong> Vorurteile verlieren dort an Kraft, wo Intergruppenkontakte auf die Erreichung eines gemeinsamen Ziels hin ausgerichtet sind. Eine Dienstpflicht f&uuml;hrt zu solcher Kooperation &ndash; sei es beim Sands&auml;cke stapeln in der Hochwasserabwehr, bei der Durchf&uuml;hrung von Blutspendeterminen oder in der Kinderbetreuung im Breitensport.</li>
<li><strong>Institutionelle Unterst&uuml;tzung.</strong> Die Sozialpsychologie macht sehr deutlich, dass Intergruppenkontakte vor allem dann zu den gew&uuml;nschten Ergebnissen f&uuml;hren, wenn die institutionellen Rahmenbedingungen zum Austausch ermutigen. Eine allgemeine Dienstpflicht leistet genau das: Sie schafft ein soziales Klima, in dem Begegnungen zwischen unterschiedlichen Milieus erw&uuml;nscht sind.</li>
</ol>
<p>All dies deutet darauf hin, dass die Einf&uuml;hrung eines Pflichtdienstes tats&auml;chlich geeignet w&auml;re, den gesellschaftlichen Spaltungs- und Segregationstendenzen entgegenzuwirken. Freilich: Der Pflichtaspekt so eines Gesellschaftsjahres scheint erst einmal verd&auml;chtig. Ginge es nicht auch auf freiwilliger Basis? Und w&auml;re das nicht sogar wirksamer? Mit Blick auf unsere heutigen Freiwilligendienste l&auml;sst sich das bezweifeln. Sie erreichen nur eine ganz bestimmte, weitgehend homogene Klientel. Im Schnitt sind ihre Teilnehmer weiblich, gut gebildet und stammen aus wohlhabenden Familien.<span id="easy-footnote-22-13876" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/allgemeine-dienstpflicht-ein-mittel-gegen-autoritaere-tendenzen/#easy-footnote-bottom-22-13876" title="Vgl. Ha&szlig;, Rabea / Nocko, Grzegorz: Ein Gesellschaftsdienst f&uuml;r alle &ndash; zur Machbarkeit in Deutschland und Europa, Frankfurt am Main 2023, S. 8f."><sup>22</sup></a></span> Legt man nochmal die Kontakthypothese zugrunde, dann sind wesentliche Effekte im Abbau von Vorurteilen daher nicht zu erwarten. Die St&auml;rken der Freiwilligendienste liegen anderswo.</p>
<blockquote class="f2-sidequote"><p>All dies deutet darauf hin, dass die Einf&uuml;hrung eines Pflichtdienstes tats&auml;chlich geeignet w&auml;re, den gesellschaftlichen Spaltungs- und Segregationstendenzen entgegenzuwirken. </p></blockquote>
<p>Ein verpflichtendes Gesellschaftsjahr w&uuml;rde hingegen Orte schaffen, an denen &ndash; neben praktischen F&auml;higkeiten und Gemeinsinn &ndash; Toleranz einge&uuml;bt wird. Das hat nichts mit &uuml;bersteigerter Empathie zu tun. Toleranz bedeutet lediglich, sich den Zumutungen einer pluralen Lebenswelt gewachsen zu zeigen.<span id="easy-footnote-23-13876" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/allgemeine-dienstpflicht-ein-mittel-gegen-autoritaere-tendenzen/#easy-footnote-bottom-23-13876" title="Vgl. Dreier, Horst: Der freiheitliche Verfassungsstaat als riskante Ordnung, in: Rechtswissenschaft. Zeitschrift f&uuml;r rechtswissenschaftliche Forschung 1 (2010), S. 11&ndash;38, S. 37f."><sup>23</sup></a></span>&nbsp;Im Rahmen einer Dienstpflicht erhalten fremde Milieus, Lebensentw&uuml;rfe, Interessen und &Uuml;berzeugungen pl&ouml;tzlich Stimme und Gesicht. Sie k&ouml;nnen daher nicht mehr so einfach zur&uuml;ckgewiesen werden. Zwar bleibt ihr gesellschaftliches Konfliktpotenzial weiterhin bestehen &ndash; aber die Chancen sind gr&ouml;&szlig;er, dass es sich in den Bahnen politischer Kompromissfindung entl&auml;dt. Fernab davon, Harmonie zu erzeugen, w&uuml;rde eine Dienstpflicht also die Fundamente des demokratischen Streits festigen. Das w&auml;re ihr Beitrag zu einem menschenw&uuml;rdigen Dasein.</p>
</body></html>
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		<title>Wie wir morgen leben wollen. Alternativen gesellschaftlicher Entwicklungspfade</title>
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		<pubDate>Wed, 24 Sep 2025 12:54:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Eva M. Welskop-Deffaa</dc:creator>
		
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				<description><![CDATA[Auf der Suche nach der Zukunft unserer Gesellschaften und bei der Frage, welches Gesellschaftsmodell unsere Lebenswirklichkeiten morgen prägen wird, scheint der Blick in die Glaskugel verführerisch. Er wäre aber unklug, denn es könnte in der Kristallkugel der Eindruck entstehen, als seien die Würfel für die Zukunft bereits gefallen, als seien die Eigenschaften des Gesellschaftsmodells von ...]]></description>
					<content:encoded><![CDATA[<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.0 Transitional//EN" "http://www.w3.org/TR/REC-html40/loose.dtd">
<html><body><p>Auf der Suche nach der Zukunft unserer Gesellschaften und bei der Frage, welches Gesellschaftsmodell unsere Lebenswirklichkeiten morgen pr&auml;gen wird, scheint der Blick in die Glaskugel verf&uuml;hrerisch. Er w&auml;re aber unklug, denn es k&ouml;nnte in der Kristallkugel der Eindruck entstehen, als seien die W&uuml;rfel f&uuml;r die Zukunft bereits gefallen, als seien die Eigenschaften des Gesellschaftsmodells von morgen schon festgelegt durch die Entwicklungen von gestern. Dieser Eindruck ist unbedingt zu vermeiden, gerade in einer Zeit, in der das Gef&uuml;hl der Ohnmacht sich wie ein schleichendes Gift verbreitet und Luisa Neubauer mit ihrer Oma so energisch gegen die Mutlosigkeit anschreiben muss wie Papst Franziskus. Die eigene F&auml;higkeit, den Verheerungen und Verrohungen unserer Gesellschaften etwas entgegenzusetzen, wird notorisch klein gesch&auml;tzt, und die Zuversicht schwindet, dass sich die Populisten noch aufhalten lassen bei ihrem offenkundig planvollen Zerst&ouml;ren unserer freiheitlichen Gesellschaftsordnung.</p>
<p>Besser als der Blick in die Glaskugel ist nach meinem Empfinden der Blick in Steffen Maus volumin&ouml;se Studie &uuml;ber &bdquo;Konsens und Konflikt in der Gegenwartsgesellschaft&ldquo;, die er unter dem Titel &bdquo;Triggerpunkte&ldquo; zusammen mit Thomas Lux und Linus Westheuser 2023 ver&ouml;ffentlicht hat. Am besten scheint es mir, mit Seite acht zu beginnen. &Uuml;berraschend in einem Buch, das sonst von Text und Tabellen bestimmt wird, illustrieren Schattenrisse eines Kamels und eines Dromedars den Anfang des Buches und zeigen, welche Gesellschaftsmodelle in Gegenwart und Zukunft zur Auswahl stehen: auf der einen Seite die Kamelgesellschaft, die von immer tieferen Gr&auml;ben zwischen sozialen Klassen gepr&auml;gt ist, auf der anderen Seite die Dromedargesellschaft, in der eine breite gesellschaftliche Mitte &auml;hnliche Werte und Einstellungen teilt. &bdquo;This is not America&ldquo; beginnt wenige Seiten sp&auml;ter ein Kapitel, in dem Mau und seine Co-Autoren die Realit&auml;t der amerikanischen Kamel-Gesellschaft messerscharf analysieren. Im Trump-Land haben &uuml;ber Jahre Zweiparteiensystem und Mehrheitswahlrecht eine soziale Sortierung beg&uuml;nstigt, innerhalb derer politische Parteineigungen zu &bdquo;Mega-Identit&auml;ten&ldquo; avanciert sind. Um sie herum formen sich jeweils exkludierende Einstellungsringe, die in den letzten Jahren zunehmend religi&ouml;s aufgeladen und von extrem konservativen Katholiken ebenso wie von Evangelikalen befeuert worden sind. Indem es den Rechten gelang, den Hass der Mittelschicht auf die vermeintlich den Flei&szlig; der Anst&auml;ndigen ausbeutenden Migranten und sonstige &bdquo;Andere&ldquo; zu sch&uuml;ren, gleichzeitig die Reichen immer reicher werden zu lassen, wurden toxische Entwicklungen beschleunigt, die die Chancen auf &Uuml;berwindung der republikanischen Gr&auml;ben l&auml;ngst zunichtemachten.</p>
<p>&bdquo;This ist not America&ldquo;, schreibt Mau zurecht &uuml;ber Europa. Das, was sich in den USA zurzeit beobachten l&auml;sst, ist eben nicht automatisch die Blaupause f&uuml;r das Gesellschaftsmodell Europas von morgen, auch wenn unbestreitbar in der Vergangenheit die US-amerikanischen Entwicklungen eine hohe Vorbildfunktion f&uuml;r die Gesellschaftsentwicklung Europas hatten. Das lie&szlig; sich besonders bei der weiter anhaltenden Entwicklung hin zu einer omnipr&auml;senten Informationsgesellschaft beobachten &ndash; die technologische Entwicklung in den USA war der Treiber all der Dynamiken, die sich in den letzten Jahren als wesentliche Einflussfaktoren auf unser Gesellschaftsmodell erwiesen haben. Digitalisierung und Plattformisierung haben nicht nur die Wirtschaft, sondern das gesellschaftliche Miteinander insgesamt so wesentlich umgekrempelt, dass fast alle offensichtlichen Ver&auml;nderungen auf diese Faktoren zur&uuml;ckzuf&uuml;hren sind: Singularisierung, Beschleunigung, Vereinsamung, Verrohung &hellip;</p>
<blockquote class="f2-sidequote"><p>Auf der einen Seite die Kamelgesellschaft, die von immer tieferen Gr&auml;ben zwischen sozialen Klassen gepr&auml;gt ist, auf der anderen Seite die Dromedargesellschaft, in der eine breite gesellschaftliche Mitte &auml;hnliche Werte und Einstellungen teilt.</p></blockquote>
<p>Wenn wir wollen, dass das Gesellschaftsmodell der Zukunft in Europa der Dromedar-Gesellschaft Maus halbwegs &auml;hnelt und nicht der Kamel-Gesellschaft Trumps, m&uuml;ssen heute die Voraussetzungen daf&uuml;r geschaffen werden. Eine wesentliche Rolle kommt dabei den Christen und Christinnen zu, Menschen, die auf die soziale Macht des Christlichen vertrauen und die den kulturellen Mehrwert, den die auf christliche Werte gegr&uuml;ndete Sozialordnung erzeugt, verteidigen wollen. Gegen eine religi&ouml;s aufgeheizte Polarisierung in den USA muss in Europa eine religi&ouml;s abgek&uuml;hlte Anstrengung der Verst&auml;ndigung unternommen werden. Die Wettbewerbs&ouml;kumene, die Deutschland seit &uuml;ber 100 Jahren pr&auml;gt, bietet daf&uuml;r gute Voraussetzungen. Katholische und evangelische Kirche k&ouml;nnen in der Art, wie sie gemeinsam und getrennt den samaritanischen Auftrag des Christentums ernst nehmen, wesentliche Weichenstellungen vornehmen. Diakonie und Caritas stehen hier als die beiden gro&szlig;en konfessionellen Wohlfahrtsverb&auml;nde in besonderer Verantwortung. Mit ihren Programmen und konkreten Leistungen k&ouml;nnen sie dazu beitragen, dass Konsens nicht in Dissens umschl&auml;gt, dass Konflikte nicht vergiftend emotionalisiert werden und dass sich in den Ungleichheitsarenen die Spaltungen weniger vertiefen.</p>
<p>Die vier Ungleichheits-Arenen, die Mau benennt &ndash; die sozio&ouml;konomischen Verteilungskonflikte (Oben-Unten-Ungleichheiten), die Kontroversen um Migration und Integration (Innen-Au&szlig;en-Ungleichheiten), identit&auml;tspolitische Anerkennungskonflikte (Wir-Sie-Ungleichheiten) und die auf Generationengerechtigkeit zielenden Umweltfragen (Heute-Morgen-Ungleichheiten) sind alle vier geeignet, von den Kirchen und den konfessionellen Wohlfahrtsverb&auml;nden &bdquo;erobert&ldquo; zu werden. Die Bibel steckt voller Tipps, dass und wie der Aufladung der Exklusionen Zuspruch zu Inklusion und t&auml;tige N&auml;chstenliebe entgegenzusetzen ist. Die Geschichte vom barmherzigen Samariter ist dazu die bekannteste Geschichte: Unabh&auml;ngig von un&uuml;bersehbaren religi&ouml;sen und ethnischen Unterschieden &uuml;bernimmt der Samariter Verantwortung f&uuml;r den am Wegesrand Niedergeschlagenen, macht sich die H&auml;nde schmutzig, belastet seinen Esel, investiert Geld f&uuml;r die weitere Versorgung &ndash; ohne jede begr&uuml;ndete Erwartung auf Dank oder Gegenleistung. Die zweite Geschichte, die als Quelle f&uuml;r den Glauben an zuk&uuml;nftige solidarische Gesellschaftsmodelle dienen kann und sollte, ist die Erz&auml;hlung von der wunderbaren Brotvermehrung. Ihre schlichte Botschaft lautet: Wer teilt, hat mehr. Das ist eins zu eins die Gegenerz&auml;hlung gegen das, was die religi&ouml;s geharnischten Fundamentalisten in den USA vor sich hertragen: Dein Gewinn ist mein Verlust. Wer f&uuml;r sich und seine Familie, seine Nation sorgen will, muss verhindern, dass andere mehr erhalten, muss aufh&ouml;ren zu teilen, so ihr Mantra, das sie christlich dekorieren, ohne es christlich begr&uuml;nden zu k&ouml;nnen.</p>
<blockquote class="f2-sidequote"><p>Gerade bei der Klimafrage als lebensentscheidender Zukunftsfrage wird der Immunisierung der Gesellschaft gegen Vergiftungen durch eine Sozialreligion t&auml;tiger N&auml;chstenliebe eine besondere Bedeutung zuwachsen.</p></blockquote>
<p>Gerade in Bezug auf die &bdquo;Heute-Morgen-Arena&ldquo; in Maus Triggerpunkten ist das Vertrauen auf die Kraft des Teilens un&uuml;bertroffen ermutigend; gerade bei der Klimafrage als lebensentscheidender Zukunftsfrage wird der Immunisierung der Gesellschaft gegen Vergiftungen durch eine Sozialreligion t&auml;tiger N&auml;chstenliebe eine besondere Bedeutung zuwachsen. Die Klimafrage ist <em>die</em> Klassenfrage im Werden schlechthin und das unter vier Vorzeichen (Mau et al. 2023, 220): 1.&nbsp;Der menschengemachte Klimawandel ist in vollst&auml;ndig unterschiedlichem Ausma&szlig; von Arm und Reich verursacht &ndash; die heute Reichen hinterlassen den &ouml;kologischen Riesenfu&szlig;abdruck, der die Erde unter sich zerdr&uuml;ckt. 2.&nbsp;Die Folgen des menschengemachten Klimawandels m&uuml;ssen vor allem von den Armen getragen werden, sie haben weder Geld noch Kapazit&auml;t, um sich vor den existenzbedrohenden Auswirkungen des Klimawandels wirksam zu sch&uuml;tzen. 3.&nbsp;Die Anpassungen an die &ouml;kologische Transformation f&uuml;hren zu (politischen) Entscheidungen, die die Lebenswirklichkeit der unteren Einkommensgruppen st&auml;rker beschneiden als die der Reichen. 4.&nbsp;In den &bdquo;symbolischen&ldquo; Verteilungsk&auml;mpfen um Status und Geltung spielen die sichtbaren M&ouml;glichkeiten, &bdquo;nachhaltige&ldquo; Lebensstile zu realisieren, eine immer gr&ouml;&szlig;ere Rolle. Wer sich bewusst f&uuml;r vegane Ern&auml;hrung entscheidet, klassifiziert sich als zur &uuml;berlegenen Gesellschaftsschicht geh&ouml;rig &ndash; und die Grillwurst wird zur stillen, aber leicht entz&uuml;ndbaren Gegenwehr der Otto-Normalos. L&auml;ngst bedienen Populisten den symbolischen Klassenkampf: Der politische Kampf um die Mitte wird mit der Currywurst gef&uuml;hrt &ndash; sehenden Auges die Gefahr in Kauf nehmend, dass der polarisierende Kampf genau die gesellschaftliche Mitte zerst&ouml;rt, von der die um sie werbenden Parteien leben.</p>
<blockquote class="f2-sidequote"><p>Das Gesellschaftsmodell der Zukunft m&ouml;ge die Dromedar-Gesellschaft sein! Mit Menschen, die teilen, mit einer Wirtschaftsordnung der Gemeinwohlorientierung.</p></blockquote>
<p>Das Gesellschaftsmodell der Zukunft m&ouml;ge die Dromedar-Gesellschaft sein! Mit Menschen, die teilen, mit einer Wirtschaftsordnung der Gemeinwohlorientierung. Elinor Ostrom hat ein Forscherinnenleben lang zusammengetragen, dass und wie es geht: Die Allmende ist eine Wirtschaftsform, die funktioniert! Die G&uuml;ter dieser Erde sind gemeinsam zu bewirtschaften, solange ein paar Spielregeln beachtet werden. Es braucht Vertrauen in die &bdquo;Mitspieler&ldquo;, Einsicht in die Begrenztheit der Ressourcen, &Uuml;berzeugung davon, dass alle mehr haben, wenn sich nicht einzelne zulasten der Allgemeinheit bereichern &hellip; Die Sehnsucht nach einer solchen Gesellschaft und die Wertegrundlagen der sie stabilisierenden Regeln profitieren von einem Christentum der t&auml;tigen N&auml;chstenliebe, und Laudato si&rsquo;, die zweite Enzyklika von Papst Franziskus, bleibt daf&uuml;r eine wesentliche Inspiration. Franziskus f&uuml;hrt uns vor Augen, wie sehr &bdquo;die Sorge um die Natur, die Gerechtigkeit gegen&uuml;ber den Armen, das Engagement f&uuml;r die Gesellschaft und der innere Friede untrennbar miteinander verbunden sind&ldquo; (LS 10). Und er ist zuversichtlich, dass, wenn wir uns &bdquo;allem, was existiert, innerlich verbunden f&uuml;hlen, &hellip; Gen&uuml;gsamkeit und F&uuml;rsorge von selbst aufkommen [werden]&ldquo; (LS 11). Die Haltungen aber, welche vielf&auml;ltig &bdquo;selbst unter Gl&auml;ubigen &ndash; die L&ouml;sungswege blockieren, reichen von der Leugnung des Problems bis zur Gleichg&uuml;ltigkeit, zur bequemen Resignation oder zum blinden Vertrauen auf die technischen L&ouml;sungen&ldquo; (LS 14). Die Gesellschaft von morgen hingegen braucht Zukunftsmut: unsere t&auml;tige Solidarit&auml;t heute f&uuml;r morgen.</p>
</body></html>
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		<title>„Die Verständigungsrepublik“ im Kleinen. Ein zukunftsfähiges Gesellschaftsmodell in polarisierenden Zeiten</title>
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		<pubDate>Sat, 06 Sep 2025 13:16:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Daniel Hörsch</dc:creator>
		
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				<description><![CDATA[Hinzu kommt eine konfliktscheue Alltagskultur. Viele Menschen weichen heiklen Themen aus, um Spannungen zu vermeiden. Ein gutes Drittel hat Beziehungskontakte schon abgebrochen. Und doch ist das Bedürfnis, gerade über strittige Fragen zu sprechen, unverkennbar. 64 Prozent führen solche Gespräche im geschützten Nahraum. Als geeignete öffentliche Verständigungsräume gelten vor allem (Bürger-)Versammlungen vor Ort. Sie werden von einer ...]]></description>
					<content:encoded><![CDATA[<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.0 Transitional//EN" "http://www.w3.org/TR/REC-html40/loose.dtd">
<html><body><p class="teaser">Deutschland wirkt m&uuml;de vom Streit und zugleich sehns&uuml;chtig nach Verst&auml;ndigung. In Interviews, Vortr&auml;gen und Debatten erlebt man eine doppelte Botschaft: Die meisten halten an der Demokratie fest, aber sie trauen ihrer praktischen Leistungsf&auml;higkeit immer weniger. Das ist mehr als Stimmung. In der Studie &bdquo;Verst&auml;ndigungsorte in polarisierenden Zeiten&ldquo;<span id="easy-footnote-24-13889" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/die-verstaendigungsrepublik-im-kleinen-ein-zukunftsfaehiges-gesellschaftsmodell-in-polarisierenden-zeiten/#easy-footnote-bottom-24-13889" title='Daniel H&ouml;rsch, Verst&auml;ndigungsorte in polarisierenden Zeiten. Studie zur Stimmungslage in der Gesellschaft, Berlin 2025, &lt;a href="https://www.mi-di.de/publikationen/verstaendigungsorte-in-polarisierenden-zeiten"&gt;https://www.mi-di.de/publikationen/verstaendigungsorte-in-polarisierenden-zeiten&lt;/a&gt; (abgerufen am 02.09.2025).'><sup>24</sup></a></span> nehmen vier von f&uuml;nf Befragten eine gespaltene Gesellschaft wahr, zugleich bef&uuml;rworten knapp zwei Drittel das demokratische System in seiner verfassungsrechtlichen Anlage, w&auml;hrend nur 38 Prozent mit seiner tats&auml;chlichen Funktionsweise zufrieden sind. Dieser Befund verdeutlicht einen &bdquo;Ja-aber-Modus&ldquo;. &bdquo;Ja&ldquo; zur Demokratie, aber Skepsis gegen&uuml;ber ihrer Praxis. &bdquo;Ja&ldquo; zu Vielfalt, aber M&uuml;digkeit gegen&uuml;ber eskalierenden Konflikten.</p>
<p>Hinzu kommt eine konfliktscheue Alltagskultur. Viele Menschen weichen heiklen Themen aus, um Spannungen zu vermeiden. Ein gutes Drittel hat Beziehungskontakte schon abgebrochen. Und doch ist das Bed&uuml;rfnis, gerade &uuml;ber strittige Fragen zu sprechen, unverkennbar. 64&nbsp;Prozent f&uuml;hren solche Gespr&auml;che im gesch&uuml;tzten Nahraum. Als geeignete &ouml;ffentliche Verst&auml;ndigungsr&auml;ume gelten vor allem (B&uuml;rger-)Versammlungen vor Ort. Sie werden von einer Mehrheit als tragf&auml;hige Umgebung f&uuml;r respektvolle, sachliche Auseinandersetzungen gesehen. Was dabei als entscheidend gilt, ist erstaunlich eindeutig: neutrale Moderation, klare Regeln, ein gemeinsam nutzbares Faktenfenster und ein Rahmen, der W&uuml;rde und Sicherheit garantiert. Diese Konstellation ist kein Nischenwunsch, sondern Mehrheitsmeinung.</p>
<blockquote class="f2-sidequote"><p>Ihr Versprechen ist nicht ausschlie&szlig;lich Einigkeit, sondern die verl&auml;ssliche Erfahrung von Fairness.</p></blockquote>
<p>Die Schattenseite ist ein Klima der Sorge. Eine &uuml;bergro&szlig;e Mehrheit f&uuml;rchtet wachsenden Hass und eine Verrohung des Umgangs. Die Menschen erleben gesellschaftliche Konflikte nicht prim&auml;r als inhaltliche Differenzen, sondern als Beziehungsrisiko und als M&ouml;glichkeit, besch&auml;mt, abgewertet oder abgeh&auml;ngt zu werden. Zugleich sind viele privat zufrieden und im Kleinen handlungsf&auml;hig. Genau diese Spannung n&auml;hrt das Gef&uuml;hl, dass die &bdquo;gro&szlig;e Welt&ldquo; nicht mehr verl&auml;sslich gestaltbar ist. Wer das ernst nimmt, muss Kr&auml;fte f&uuml;r Verst&auml;ndigung mobilisieren, ohne die H&auml;rte realer Zielkonflikte zu verharmlosen.</p>
<p>Vor diesem Hintergrund wird im Folgenden f&uuml;r ein bewusst schlichtes, zugleich robustes Gesellschaftsmodell pl&auml;diert: eine deliberativ-solidarische Demokratie oder auch <strong>Verst&auml;ndigungsrepublik im Kleinen</strong>. Ihr Versprechen ist nicht ausschlie&szlig;lich Einigkeit, sondern die verl&auml;ssliche Erfahrung von Fairness. Drei Pfeiler tragen diese Architektur. Erstens Wehrhaftigkeit, also die klare, rechtsstaatlich kontrollierte Abwehr menschenfeindlicher, gewaltf&ouml;rmiger und entw&uuml;rdigender Praxis. Zweitens Deliberation, was strukturierte, regelgebundene Verst&auml;ndigung als selbstverst&auml;ndliche Infrastruktur meint, die nicht als Event-Zutat daherkommt. Inkludiert sind hierbei Verfahren, die aus Dissens Entscheidungen machen, ohne Minderheiten zu dem&uuml;tigen. Drittens Solidarit&auml;t, also eine konkrete R&uuml;cksicht auf Verletzliche, die Beteiligung nicht vom Mut zur Selbstentbl&ouml;&szlig;ung abh&auml;ngig macht, sondern von zugesicherten Schutz- und Unterst&uuml;tzungsbedingungen.</p>
<h2>Warum k&ouml;nnte dieses Modell zukunftsf&auml;hig sein, ohne auf Kosten einzelner Gruppen zu funktionieren?</h2>
<p>Weil es nicht mit leeren Versprechungen, sondern mit verl&auml;sslichen Verfahren operiert. In einer Lage, in der 75&nbsp;Prozent neutrale Moderation und 69&nbsp;Prozent klare Kommunikationsregeln einfordern, kann die politische Antwort nicht nur der moralische Appell sein, sondern die Zusage, dass jede relevante Aushandlung nachvollziehbaren, &uuml;berpr&uuml;fbaren, inklusiven Regeln folgt und dies erkennbare Folgen hat. Die Verst&auml;ndigungsrepublik verspricht nicht, dass am Ende alle gewinnen, sondern dass niemand seine W&uuml;rde verliert. Das sch&uuml;tzt nicht blo&szlig; &bdquo;Minderheiten&ldquo; im klassischen Sinn, sondern konkret jene, die im jeweiligen Konfliktfeld besonders verletzlich sind. Betroffene von Rassismus, andere diskriminierte Minderheiten, pflegende Angeh&ouml;rige, Personen in prek&auml;ren Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnissen, Jugendliche ohne Lobby und ja, gelegentlich auch die &bdquo;Leisen&ldquo;, die in hitzigen Formaten sonst untergehen.</p>
<blockquote class="f2-sidequote"><p>Kommunen, Hochschulen, Vereine, Kultur- und Religionsgemeinschaften u. a. werden zu Verst&auml;ndigungsorten der B&uuml;rgergesellschaft.</p></blockquote>
<p>Zweitens rechnet sie ehrlich mit Pluralit&auml;t. Polarisierung verschwindet nicht, verschwindet nicht durch gutes Zureden. Sie l&auml;sst sich nur bearbeiten. Dass eine Mehrheit (B&uuml;rger-)Versammlungen f&uuml;r geeignet h&auml;lt, verweist auf ein lernf&auml;higes Alltagswissen. N&auml;he, Konkretion, &Uuml;berschaubarkeit und Ergebnisn&auml;he sind Bedingungen produktiver Konfliktbearbeitung. Verfahren, die in der Nachbarschaft ansetzen und die Betroffenen nicht nur konsultieren, sondern Verantwortungen teilen lassen, befriedigen nicht jeden Anspruch. Aber sie machen bestimmte Dilemmata zum Gegenstand bewusster Entscheidungen. Das ist, anders als symbolische &bdquo;Beteiligung&ldquo;, anstrengend. Es ist zugleich die einzige Art politischer Arbeit, die Vertrauen reproduziert.</p>
<p>Drittens verkn&uuml;pft die Verst&auml;ndigungsrepublik Deliberation mit sozialen Sicherheiten. Beteiligung kostet Zeit, Aufmerksamkeit, gelegentlich Geld und immer Nerven. Wer materiell verunsichert ist, meidet Debatten eher und misstraut Verfahren leichter. Deshalb geh&ouml;ren Aufwandsentsch&auml;digungen, Kinderbetreuung, barrierearme Formate und niedrigschwellige, mehrsprachige Zug&auml;nge zur Grundausstattung, ebenso Ombudsstellen und klare Sanktionspfade gegen Diffamierung. Damit wird Deliberation sozial &uuml;berhaupt erst m&ouml;glich.</p>
<h3>Bausteine f&uuml;r eine gelingende &bdquo;Verst&auml;ndigungsdemokratie&ldquo; im Kleinen</h3>
<p>In der Praxis k&ouml;nnte das unspektakul&auml;r aussehen. Kommunen, Hochschulen, Vereine, Kultur- und Religionsgemeinschaften u.&nbsp;a. werden zu Verst&auml;ndigungsorten der B&uuml;rgergesellschaft. Sie laden ein, stellen R&auml;ume, qualifizieren Gastgeberinnen und Gastgeber, &ouml;ffnen &bdquo;Faktenfenster&ldquo;, in denen gepr&uuml;fte, laienverst&auml;ndliche Dossiers bereitstehen, und sichern Verfahren &uuml;ber Verhaltenskodizes ab.</p>
<p>Auf einer ersten, gelosten Spur arbeiten repr&auml;sentativ zusammengesetzte B&uuml;rgerr&auml;te an Optionen. Parallel &ouml;ffnet eine zweite Spur niederschwellige Publikumsforen. Beide Spuren sind verbunden. Die &Ouml;ffentlichkeit kann Input geben, die geloste Gruppe verhandelt, begr&uuml;ndet, gewichtet und priorisiert. Abschlie&szlig;end erzwingt eine verbindliche R&uuml;ckkopplung politische Folgebearbeitung. Zustimmen, begr&uuml;ndet abweichen, aber nie &bdquo;zur Kenntnis nehmen und ablegen&ldquo;. So entstehen belastbare Br&uuml;cken zwischen Expertise, gelebter Erfahrung und Entscheidung. Dass sich Menschen genau diese Elemente w&uuml;nschen &ndash; Moderation, Regeln, Fakten, Schutz &ndash;, ist in der midi-Studie zu Verst&auml;ndigungsorten nicht zu &uuml;bersehen.</p>
<blockquote class="f2-sidequote"><p>Kirchen k&ouml;nnen in dieser Landschaft eine pr&auml;zise, allerdings begrenzte Rolle &uuml;bernehmen. Sie treten nicht als Weltanschauungsanbieterinnen auf, sondern als Gastgeberinnen.</p></blockquote>
<h2>Wie kommen wir dorthin, und zwar mit Menschen, die politisch Unterschiedliches wollen?</h2>
<p>Drei Zug&auml;nge scheinen einladend. <em>Freiheitlich-konservative</em> Stimmen betonen Ordnung, Verl&auml;sslichkeit und Sicherheit. Sie gewinnen, wenn Beteiligung vor &Uuml;berrumpelung sch&uuml;tzt, Entscheidungen an nachvollziehbaren Prozeduren h&auml;ngen und Respekt mehr ist als Etikette<em>. Sozial-&ouml;kologische</em> Stimmen ringen um Gerechtigkeit, Schutz der Lebensgrundlagen und Gleichw&uuml;rdigkeit. Sie gewinnen, wenn Verfahren Verteilungsfragen nicht depolitisieren, sondern transparent verhandeln und in mandatierte Entscheidungen &uuml;berf&uuml;hren, etwa in B&uuml;rgerhaushalte, Klima-R&auml;te und Sozialaussch&uuml;sse, die mit demokratischer R&uuml;ckbindung experimentieren. <em>Liberale und pluralit&auml;tsfreundliche</em> Stimmen wollen offene R&auml;ume, Innovation und Unternehmungsgeist. Sie gewinnen, wenn die zweite Spur Beteiligung leicht macht, digital gest&uuml;tzt, gut moderiert ist mit niedriger Schwelle, jedoch klare Haltelinien gegen Hass und Manipulation setzt. Der kleinste gemeinsame Nenner ist &uuml;berraschend stabil: Gewaltfreiheit, Unantastbarkeit der W&uuml;rde, Vorrang fairer Verfahren, geteilte Faktenbasis und Ergebniswirksamkeit.</p>
<h3>Rolle der Kirchen</h3>
<p>Kirchen k&ouml;nnen in dieser Landschaft eine pr&auml;zise, allerdings begrenzte Rolle &uuml;bernehmen. Sie treten nicht als Weltanschauungsanbieterinnen auf, sondern als Gastgeberinnen. Sie verf&uuml;gen &uuml;ber Raum, Rituale, Ehrenamtserfahrung und Seelsorgekompetenz. Dass religi&ouml;se Gemeinden als prim&auml;re Verst&auml;ndigungsorte aktuell nur von einer Minderheit als geeignet angesehen werden, ist eher Auftrag als Hindernis. Wer sich sichtbar professionell an Moderation, Regelklarheit und Schutz h&auml;lt, kann Vertrauen herstellen, gerade weil die Studie zeigt, wie hoch die Nachfrage nach neutraler Moderation und gesch&uuml;tzten Rahmen ist. Kirchen k&ouml;nnen zudem das st&uuml;tzen, was Menschen in Krisen tats&auml;chlich Kraft gibt: Beziehungen, Freizeit- und Sinnpraktiken. F&uuml;r ein Drittel spielt auch Religiosit&auml;t eine Rolle. Das ist keine &bdquo;Vergeistigung der Politik&ldquo;, sondern eine Ressourcenpflege.</p>
<blockquote class="f2-sidequote"><p>Hoffnungszeichen &hellip; dass die Sehnsucht nach Verst&auml;ndigung kein Elitenprojekt ist. Sie findet sich in den K&uuml;chen, auf Vereinsb&auml;nken, in WhatsApp-Gruppen &hellip;</p></blockquote>
<h3>Politischer Rahmen</h3>
<p>Selbstverst&auml;ndlich stellt sich die Frage nach der politischen &Uuml;bersetzung. Ohne Rahmensetzung bleibt vieles Kosmetik. N&ouml;tig w&auml;ren Mindeststandards f&uuml;r &ouml;ffentliche Beteiligung (Transparenz, Inklusion, Qualit&auml;tssicherung), eine Finanzierung, die Armut nicht zur Teilnahmebarriere macht, Kompetenzzentren f&uuml;r Kommunen, ein verpflichtender Einsatz deliberativer Verfahren bei besonders konflikttr&auml;chtigen Gro&szlig;vorhaben und eine digitale &Ouml;ffentlichkeit, die dem Gemeinwohl dient. Nichts davon ist spektakul&auml;r. Aber genau diese unscheinbare Technik der Demokratie schafft das, was dem Betrieb am st&auml;rksten fehlt: Verl&auml;sslichkeit.</p>
<p>Gegen diese Vorschl&auml;ge stehen vertraute Einw&auml;nde.</p>
<ul>
<li>&bdquo;Das dauert alles zu lange.&ldquo; Ja, Verfahren kosten Zeit. Aber gescheiterte Implementierungen, Boykotte und Gerichtsverfahren kosten mehr.</li>
<li>&bdquo;Die Lauten dominieren am Ende doch.&ldquo; Darum Losverfahren, Redezeit-Balance, trainierte Hosts, Sanktionsmechanismen.</li>
<li>&bdquo;Fakten sind umstritten.&ldquo; Eben deshalb kuratierte Dossiers mit Quellenpluralit&auml;t und Peer-Review statt Link-Schlachten.</li>
<li>&bdquo;Sch&ouml;nwetter-Demokratie!&ldquo; Im Gegenteil: Wer 89&nbsp;Prozent Sorge vor Hass und 86&nbsp;Prozent Sorge um den gesellschaftlichen Umgang ernst nimmt, baut nicht auf Harmonie, sondern auf Strukturen, die Konflikte aushaltbar und produktiv machen.</li>
</ul>
<h2>Ausblick &bdquo;Hoffnungszeichen&ldquo;</h2>
<p>Zwei Hoffnungszeichen tragen das Konzept. Erstens, dass die Sehnsucht nach Verst&auml;ndigung kein Elitenprojekt ist. Sie findet sich in den K&uuml;chen, auf Vereinsb&auml;nken, in WhatsApp-Gruppen u.&nbsp;v.&nbsp;a. Dass 64&nbsp;Prozent im gesch&uuml;tzten Raum &uuml;ber strittige Themen sprechen, zeigt eine Erfahrungsschule, an die &ouml;ffentliche Verfahren anschlie&szlig;en k&ouml;nnen. Zweitens: Menschen wissen ziemlich genau, was sie daf&uuml;r brauchen, n&auml;mlich Moderation, Regeln, Fakten und Schutz. Sie nennen zudem als geeigneten Ort die (B&uuml;rger-)Versammlung im Nahraum. Die Verst&auml;ndigungsrepublik kn&uuml;pft daran an. Sie organisiert Streit anst&auml;ndig, sch&uuml;tzt die W&uuml;rde der Beteiligten und verpflichtet Entscheidungen auf begr&uuml;ndete Verfahren. Wenn B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger diese Erfahrung wiederholt machen, dass sie geh&ouml;rt werden, dass Fakten nicht als Waffe, sondern als gemeinsame Ressource dienen, dass Ergebnisse Folgen haben, w&auml;chst Vertrauen: ineinander, in Institutionen und in die Zukunft.</p>
<blockquote class="f2-sidequote"><p>Wir leben nicht im Endspiel der Demokratie, sondern am Anfang einer Lernphase mit hoher Ersch&ouml;pfung, aber der Ressource Sehnsucht.</p></blockquote>
<p>Das ist keine Utopie, sondern eine Praxis. Sie beginnt mit kleinen, nahen Formaten, in denen die Stadt &uuml;ber die W&auml;rmewende im Quartier ber&auml;t, Eltern und Lehrkr&auml;fte Lernzeiten fair austarieren, Pendlerinnen und Einzelh&auml;ndler Lieferverkehre neu strukturieren, Migrantenvereine und Nachbarschaften &uuml;ber Teilhabewege verhandeln. Sie braucht politische R&uuml;ckendeckung, aber noch mehr braucht sie Gastgeberinnen, die den Tisch decken, beispielsweise Kommunen, Kultureinrichtungen, Vereine, Medienh&auml;user, Religionsgemeinschaften u. a. m. Und sie rechnet mit Br&uuml;chen, Fehlern, R&uuml;ckschl&auml;gen. Genau deshalb ist ihr Fundament nicht moralische &Uuml;berlegenheit, sondern &uuml;berpr&uuml;fbare Fairness. Die Studie legt nahe: Wir leben nicht im Endspiel der Demokratie, sondern am Anfang einer Lernphase mit hoher Ersch&ouml;pfung, aber der Ressource Sehnsucht. Wenn wir dieser Sehnsucht Formen geben, entsteht Schritt f&uuml;r Schritt die Kultur, die wir vermissen. Die Verst&auml;ndigungsrepublik w&auml;re der n&uuml;chterne Name daf&uuml;r.</p>
</body></html>
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		<title>Auf dem Weg in eine sorgende Gesellschaft – Caring Communities (CC) als Zukunftsmodell</title>
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		<pubDate>Wed, 10 Sep 2025 06:03:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Robert Sempach</dc:creator>
		
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				<description><![CDATA[Gesellschaftliche Herausforderungen machen gemeinsames Sorgen unabdingbar Unsere Gesellschaft steht vor einem absehbaren sozialen Wandel. Globale Zerrissenheit, Klimakrise, soziale Ungleichheit, Migration sowie die Erosion des gesellschaftlichen Zusammenhalts stellen uns vor Herausforderungen, die eine fundierte Auseinandersetzung mit alternativen Gesellschaftsformen notwendig machen. Das bestehende Gesellschaftsmodell, das auf Individualismus, Wettbewerbsdenken und Effizienzsteigerung ausgerichtet ist, stösst an seine Grenzen. Die ...]]></description>
					<content:encoded><![CDATA[<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.0 Transitional//EN" "http://www.w3.org/TR/REC-html40/loose.dtd">
<html><body><h2>Gesellschaftliche Herausforderungen machen gemeinsames Sorgen unabdingbar</h2>
<p>Unsere Gesellschaft steht vor einem absehbaren sozialen Wandel. Globale Zerrissenheit, Klimakrise, soziale Ungleichheit, Migration sowie die Erosion des gesellschaftlichen Zusammenhalts stellen uns vor Herausforderungen, die eine fundierte Auseinandersetzung mit alternativen Gesellschaftsformen notwendig machen. Das bestehende Gesellschaftsmodell, das auf Individualismus, Wettbewerbsdenken und Effizienzsteigerung ausgerichtet ist, st&ouml;sst an seine Grenzen. Die sich versch&auml;rfenden strukturellen und globalen Krisen lassen sich durch technische oder wirtschaftliche Fortschritte kaum l&ouml;sen. Vielmehr ist eine Transformation des gesellschaftlichen Zusammenlebens notwendig. Damit dieser Transformationsprozess gelingen kann, braucht es ein koh&auml;rentes Modell, welches auf einer umfassenden Sorge f&uuml;r alle aufbaut und nicht einzelne Gruppen benachteiligt oder ausschliesst.</p>
<p>Caring Communities bieten einen solchen vision&auml;ren Ansatz, der das Potential hat, unter Einbezug aller Gesellschaftsgruppen gegenw&auml;rtige und zuk&uuml;nftige Problemlagen zu bew&auml;ltigen oder zumindest zu entsch&auml;rfen. Anhand der Entwicklung des schweizerischen Netzwerks Caring Communities wird exemplarisch aufgezeigt, welche Grundwerte und welcher N&auml;hrboden eine gesellschaftliche Bewegung voranbringen, die sich am Gemeinwohl orientiert.</p>
<h2>Das schweizerische Caring Communities Netzwerk</h2>
<p>Die Entstehungsphase des CC-Netzwerks ist in Simon Hofstetters Buch &laquo;Gemeinsam Sorge tragen&raquo; bereits beschrieben<span id="easy-footnote-25-13894" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/auf-dem-weg-in-eine-sorgende-gesellschaft-caring-communities-cc-als-zukunftsmodell/#easy-footnote-bottom-25-13894" title="Sempach, R., Z&auml;ngl, P. (2021): Das Schweizerische Netzwerk Caring Communities. In: Hofstetter S. (Hrsg.): Gemeinsam Sorge tragen. Das Potenzial der Diakonie f&uuml;r Sorgende Gemeinschaften."><sup>25</sup></a></span>. Hier soll lediglich in groben Z&uuml;gen die Fortsetzung und insbesondere die j&uuml;ngste Entwicklung aufgezeigt werden. Folgende Prinzipien, die sich am Caring Communities Ansatz orientieren, waren in der Organisationsentwicklung wegleitend:</p>
<blockquote class="f2-sidequote"><p>Damit dieser Transformationsprozess gelingen kann, braucht es ein koh&auml;rentes Modell, welches auf einer umfassenden Sorge f&uuml;r alle aufbaut und nicht einzelne Gruppen benachteiligt oder ausschliesst.</p></blockquote>
<ol>
<li>verl&auml;ssliche und verbindliche Organisation des Netzwerks</li>
<li>partizipative und agile Weiterentwicklung</li>
<li>Einbezug aller Sprachregionen der Schweiz</li>
<li>durchl&auml;ssige Strukturen</li>
<li>klare Mitwirkungsm&ouml;glichkeiten f&uuml;r Organisationen und Privatpersonen</li>
<li>transparente Aufgabenteilung und Entscheidungsprozesse</li>
</ol>
<p>Der Aufbau eines solidarischen Netzwerks mit agilen Strukturen ist die eine Seite, die andere Seite ist eine nicht abgeschlossene inhaltliche Diskussion, was genau unter Caring Communities verstanden wird. Peter Z&auml;ngl hat mit dem 7E Model<span id="easy-footnote-26-13894" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/auf-dem-weg-in-eine-sorgende-gesellschaft-caring-communities-cc-als-zukunftsmodell/#easy-footnote-bottom-26-13894" title="Z&auml;ngl, P. (2023): Was ist eine Caring Community? In: Sempach, R., Steinebach, C., Z&auml;ngl, P. (Hrsg.): Care schafft Community &ndash; Community braucht Care."><sup>26</sup></a></span> die Begriffskl&auml;rung wesentlich vorangebracht, doch Caring Communities sind weiterhin sehr heterogen konnotiert und es besteht eine definitorische Unsch&auml;rfe.</p>
<div id="attachment_14122" style="width: 535px" class="wp-caption alignnone"><div class="img-wrapper wp-image-14122"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-14122" class="wp-image-14122" src="http://www.futur2.org/wp-content/uploads/2025/09/sempach1.png" alt="" width="525" height="444" srcset="https://www.futur2.org/wp-content/uploads/2025/09/sempach1.png 1245w, https://www.futur2.org/wp-content/uploads/2025/09/sempach1-520x440.png 520w, https://www.futur2.org/wp-content/uploads/2025/09/sempach1-1000x846.png 1000w, https://www.futur2.org/wp-content/uploads/2025/09/sempach1-768x650.png 768w" sizes="auto, (max-width: 525px) 100vw, 525px"></div><p id="caption-attachment-14122" class="wp-caption-text">Abbildung 1: das 7E-Model, Z&auml;ngl, 2023</p></div>
<p>Dieser unbefriedigende Zustand hat Cornelia H&uuml;rzeler inspiriert, den Carefant<span id="easy-footnote-27-13894" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/auf-dem-weg-in-eine-sorgende-gesellschaft-caring-communities-cc-als-zukunftsmodell/#easy-footnote-bottom-27-13894" title='&lt;a href="https://caringcommunities.ch/cc/caring-community/"&gt;https://caringcommunities.ch/cc/caring-community/&lt;/a&gt;'><sup>27</sup></a></span> zu kreieren. Das kraftvolle Fabelwesen bringt die unterschiedlichen Vorstellungen und Anspr&uuml;che, die mit Caring Communities assoziiert werden, anschaulich auf den Punkt. Das Ringen um Klarheit ist damit jedoch nicht abgeschlossen, vielmehr zeigt der Carfant, die Notwendigkeit einer permanenten kritischen Reflexion auf.</p>
<div id="attachment_14125" style="width: 1290px" class="wp-caption alignnone"><div class="img-wrapper wp-image-14125 size-full"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-14125" class="wp-image-14125 size-full" src="http://www.futur2.org/wp-content/uploads/2025/09/sempach2.jpeg" alt="" width="1280" height="720" srcset="https://www.futur2.org/wp-content/uploads/2025/09/sempach2.jpeg 1280w, https://www.futur2.org/wp-content/uploads/2025/09/sempach2-520x293.jpeg 520w, https://www.futur2.org/wp-content/uploads/2025/09/sempach2-1000x563.jpeg 1000w, https://www.futur2.org/wp-content/uploads/2025/09/sempach2-768x432.jpeg 768w, https://www.futur2.org/wp-content/uploads/2025/09/sempach2-600x338.jpeg 600w" sizes="auto, (max-width: 1280px) 100vw, 1280px"></div><p id="caption-attachment-14125" class="wp-caption-text">Abbildung 2: Carefant, H&uuml;rzeler, 2023</p></div>
<h2>Die sieben CC-Thesen</h2>
<p>In der Folge hat sich eine Arbeitsgruppe des schweizerischen CC-Netzwerks das Ziel gesetzt, mit maximal einem Dutzend Thesen, die auf einer A4 Seite Platz finden, Caring Communities konkreter zu umschreiben. In der ersten Sitzung entfachte sich allerdings ein unl&ouml;sbar scheinender Streit, was die essenziellen Kernelemente einer Caring Community sind. Es sah ganz so aus, als sei eine Einigung &uuml;ber die zentralen Inhalte von Caring Communities unm&ouml;glich. Obwohl um jedes Wort gerungen wurde, konnte sich die Arbeitsgruppe schlussendlich auf sieben CC-Thesen einigen<span id="easy-footnote-28-13894" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/auf-dem-weg-in-eine-sorgende-gesellschaft-caring-communities-cc-als-zukunftsmodell/#easy-footnote-bottom-28-13894" title='&lt;a href="https://caringcommunities.ch/cc/thesen/" target="_blank" rel="noopener"&gt;https://caringcommunities.ch/cc/thesen/&lt;/a&gt;'><sup>28</sup></a></span>:</p>
<blockquote class="f2-sidequote"><p>Diese Ausrichtung macht Caring Communities zu einem Modell, das sich sowohl an den heutigen Problemlagen als auch an einer klaren Vision orientiert &ndash; und dabei Solidarit&auml;t, Partizipation und Gerechtigkeit ins Zentrum r&uuml;ckt.</p></blockquote>
<ol>
<li>Caring Communities streben ein gutes Leben von der Geburt bis zum Lebensende f&uuml;r alle an. Sie setzen sich solidarisch ein f&uuml;r gerechte Lebensverh&auml;ltnisse f&uuml;r alle Menschen, unabh&auml;ngig von Alter, Herkunft, Geschlecht, sexueller Orientierung, F&auml;higkeiten, materiellen Ressourcen oder Religion.</li>
<li>Caring Communities tragen im Rahmen der Zivilgesellschaft zusammen mit dem Sozialstaat und weiteren Institutionen aus Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur und Wissenschaft zu einer sorgenden Gesellschaft bei.</li>
<li>Caring Communities basieren auf der Idee gegenseitiger Unterst&uuml;tzung und Sorge in einer Gemeinschaft, die auf Inklusion und Partizipation aller baut.</li>
<li>Caring Communities verbinden und formen informelle, formelle und professionelle Sorgearbeit in vielf&auml;ltigen Kontexten und machen diese sichtbar.</li>
<li>Caring Communities bieten R&auml;ume zum Experimentieren, um neue Wege und Formen der Sorge zu entwickeln und zu erproben.</li>
<li>Caring Communities f&ouml;rdern den Austausch und das Zusammenwirken, um die unterschiedlichen Erfahrungen, F&auml;higkeiten und Ressourcen aller Menschen einzubeziehen und daraus Nutzen zu generieren.</li>
<li>Caring Communities fordern Rahmenbedingungen und Ressourcen f&uuml;r eine Kultur der Sorge sowie deren strukturelle Verankerung. Dies erfordert die Auseinandersetzung mit Politik, Wirtschaft und Gesellschaft und deren Bereitschaft zu Anpassungen.</li>
</ol>
<h2>CC-Thesen in der Theorie und der Praxis</h2>
<p>Im Fr&uuml;hjahr 2024 wurden die Thesen auf der Homepage des Netzwerks publiziert. Sie wurden konsequenterweise auch als &laquo;Leits&auml;tze in einfacher Sprache&raquo; ver&ouml;ffentlicht und die Arbeitsgruppe war sich einig, dass die CC-Thesen einen normativen und zugleich theoriebildenden Anspruch beinhalten sollen, der &uuml;ber eine blosse Praxis&shy;beschreibungen hinausgeht. Aufgrund dieser &Uuml;berlegungen werden die CC-Thesen einerseits einer dialektischen Analyse unterzogen, anderseits aus der Sicht der Praxis in unterschiedlichen Kontexten hinterfragt. Das Ergebnis dieser kritischen Auseinandersetzung liegt erst in Bruchst&uuml;cken vor. Im Fr&uuml;hjahr 2026 wird es mit dem Arbeitstitel: &laquo;Caring Communities &ndash; eine konstruktive Streitschrift&raquo; publiziert werden. Einige Gedanken aus der Praxisanalyse seien jedoch hier bereits vorweggenommen.</p>
<p>Diese Ausrichtung macht Caring Communities zu einem Modell, das sich sowohl an den heutigen Problemlagen als auch an einer klaren Vision orientiert &ndash; und dabei Solidarit&auml;t, Partizipation und Gerechtigkeit ins Zentrum r&uuml;ckt.</p>
<h2>Der Weg zu einem neuen gemeinschaftlich getragenen Gesellschaftsmodell</h2>
<p>Der CC-Ansatz beschreibt den Weg zu kollektivem Handeln und gemeinschaftlicher Verantwortung nicht als linearen Prozess, sondern als lernende, partizipative Bewegung, die lokal verankert und gleichzeitig global anschlussf&auml;hig sein muss. Im Sinne einer m&ouml;glichst grossen Kontrastierung wurden f&uuml;r die Praxisanalyse sechs unterschiedliche Kontexte ausgew&auml;hlt: (1) Tenna, eine kleine Berggemeinde im Safiental, (2) Bellinzona aus der italienischsprachigen Schweiz, (3) Genf, eine Weltstadt aus der franz&ouml;sischsprachigen Schweiz, (4) Wilchingen, aus der l&auml;ndlichen Ostschweiz, (5) Belp, aus der Agglomeration Bern, und schliesslich (6) Z&uuml;rich-Seebach, ein st&auml;dtisches Quartier mit hohem Migrationsanteil. Neun Schl&uuml;sselpersonen, mit unterschiedlichen Funktionen und Berufen, wurden befragt, wie sie vorgelegt die Umsetzung der CC-Thesen beurteilen und wie relevant sie f&uuml;r die Praxis sind. Obwohl die Analyse der Interviews noch nicht abgeschlossen ist, zeichnen sich bereits einige zentrale Element ab, die in allen Kontexten relevant sind:</p>
<blockquote class="f2-sidequote"><p>Der CC-Ansatz beschreibt den Weg zu kollektivem Handeln und gemeinschaftlicher Verantwortung als lernende, partizipative Bewegung, die lokal verankert und gleichzeitig global anschlussf&auml;hig sein muss.</p></blockquote>
<ol>
<li><strong>Wertsch&auml;tzung der kulturellen und demografischen Vielfalt.</strong> In kleineren und l&auml;ndlichen Gemeinden haben traditionelle gemeinschaftsbildende Rituale und der Generationendialog einen besonders hohen Stellenwert, w&auml;hrend es in st&auml;tischen Quartieren vor allem um das Miteinander von Menschen aus verschiedenen Kulturen geht. Menschen mit Migrationsgeschichte bringen oftmals andere Vorstellungen und Erfahrungen mit, was F&uuml;rsorge und Gemeinschaft bedeutet. In vielen Herkunftskulturen hat Sorge eine zentrale Stellung als Familienverantwortung und Nachbarschaftshilfe. Diese Wertsch&auml;tzung wird insbesondere in Z&uuml;rich-Seebach als &laquo;Care Kultur&raquo;<span id="easy-footnote-29-13894" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/auf-dem-weg-in-eine-sorgende-gesellschaft-caring-communities-cc-als-zukunftsmodell/#easy-footnote-bottom-29-13894" title='&lt;a href="https://pfarrei-maria-lourdes.ch/care-kultur-seebach-0" target="_blank" rel="noopener"&gt;https://pfarrei-maria-lourdes.ch/care-kultur-seebach-0&lt;/a&gt;'><sup>29</sup></a></span> gelebt und aktiv gestaltet. In dieser Grundhaltung kommt ein gemeinsames Gesellschaftsmodell zu Ausdruck, welches kulturelle Differenz nicht zu &uuml;berwinden versucht, sondern sie als Ressource einbezieht.</li>
<li><strong>Gemeinschaftliche Aushandlungsprozesse.</strong> In Tenna, einem abgelegenen Bergdorf wurde eine alte Sennerei zu einem offenen Hospiz<span id="easy-footnote-30-13894" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/auf-dem-weg-in-eine-sorgende-gesellschaft-caring-communities-cc-als-zukunftsmodell/#easy-footnote-bottom-30-13894" title='&lt;a href="https://tennahospiz.ch/wp-content/uploads/2024/10/Begleitforschung-Alte-Sennerei_20222024_Endbericht.pdf" target="_blank" rel="noopener"&gt;https://tennahospiz.ch/wp-content/uploads/2024/10/Begleitforschung-Alte-Sennerei_20222024_Endbericht.pdf&lt;/a&gt;'><sup>30</sup></a></span> umgebaut, in welchem Bewohner: innen aus der Umgebung ihren letzten Lebensabschnitt verbringen und ihren Lebensalltag m&ouml;glichst autonom gestalten k&ouml;nnen. Interessanterweise werden in diesem Bergdorf, die Caring Communities haupts&auml;chlich von Traditionen gen&auml;hrt, welche jedoch mit dem gesellschaftlichen Wandel stets neu ausbalanciert werden m&uuml;ssen. Beispielsweise werden Verstorbene von jemandem aus den vier n&auml;chstgelegenen Nachbarh&auml;usern auf den Friedhof getragen, unabh&auml;ngig wie gut das Nachbarschaftsverh&auml;ltnis war. Oder die Orts-Brunnen werden regelm&auml;ssig von den Dorfbewohnern: innen gereinigt. Seit diese T&auml;tigkeit jedoch in der Nachbarsgemeinde von Gemeindeangestellten erledigt wird, erscheint das Gemeinschaftserlebnis pl&ouml;tzlich in einem anderen Licht. Warum erledigen wir diese Aufgabe? Wir k&ouml;nnten in dieser Zeit auch anderes tun. Damit wird eine zentrale Frage des CC-Diskurses aufgeworfen: welche Aufgaben erledigt der Staat und welche will und kann die Dorfgemeinschaft in Eigenverantwortung &uuml;bernehmen?</li>
<li><strong>Verbundenheit mit den Menschen vor Ort durch Identifikation mit der Umgebung.</strong> In Genf, mit sehr unterschiedlichen Quartieren und einer Vielzahl von Sozialzentren, in denen soziokulturelle Animateure: innen arbeiten, um den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu gew&auml;hrleisten, wird ein Park, der von der Stadt nur minimal gereinigt wird zum Begegnungsort, indem, Kinder, Jugendliche und Quartier Bewohner: innen aus unterschiedlichen Kulturen diesen intensiv nutzen, sich mit dem Ort identifizieren und Verantwortung f&uuml;r die Parkpflege &uuml;bernehmen. Durch die Aneignung des Parks als Ort der Begegnung hat sich ein aktives Gemeinschaftsleben entwickelt und es finden mittlerweile sogar Trauer&#8209; und Hochzeitsfeiern in dem Park<span id="easy-footnote-31-13894" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/auf-dem-weg-in-eine-sorgende-gesellschaft-caring-communities-cc-als-zukunftsmodell/#easy-footnote-bottom-31-13894" title='&lt;a href="https://www.tdg.ch/massages-buvette-et-jardin-les-franchises-se-reinventent-282816579924" target="_blank" rel="noopener"&gt;https://www.tdg.ch/massages-buvette-et-jardin-les-franchises-se-reinventent-282816579924&lt;/a&gt;'><sup>31</sup></a></span> statt.</li>
</ol>
<p>Stellen wir uns eine Gesellschaft im Jahr 2040 vor, die sich entlang der Prinzipien der Caring Communities entwickelt hat, und fragen uns, welche charakteristischen Merkmale sie aufweist:</p>
<ul>
<li>In jedem Quartier gibt es Sorgestrukturen, in denen sich Nachbarschaft, Sozialdienste, Pflege, Bildung und Kultur vernetzen.</li>
<li>Pflegende Angeh&ouml;rige sind durch Zeitbudgets, Weiterbildung und professionelle Begleitung entlastet.</li>
<li>Kinder und Jugendliche wachsen in Schulen auf, die Sorgearbeit als Teil des Curriculums begreifen &ndash; sei es durch Projektarbeit, soziale Praktika oder den Einbezug von Generationen.</li>
<li>Die Pflegearbeit ist geschlechtergerecht verteilt und gesellschaftlich anerkannt &ndash; nicht nur in Worten, sondern durch Bezahlung, Zeitbudgets und gesellschaftliche Anerkennung.</li>
<li>Die &ouml;kologische Sorge ist zum integralen Bestandteil geworden &ndash; Caring Communities verstehen sich auch als lokale Klimaakteure: innen, die Ressourcen schonen, regionale Kreisl&auml;ufe f&ouml;rdern und Verantwortung f&uuml;r unseren Planeten &uuml;bernehmen.</li>
</ul>
<p>Dieses Zukunftsbild enth&auml;lt keine unrealistischen Forderungen. Es l&auml;sst sich durch Ko-Kreation aller gesellschaftlichen Akteure: innen realisieren, verstetigen und politisch rahmen. Zur Verstetigung sind jedoch einige strukturelle Massnahmen notwendig:</p>
<blockquote class="f2-sidequote"><p>Ohne Caring Communities verk&uuml;mmert und spaltet sich unsere Gesellschaft an ihren komplexen Problemen &ndash; mit ihnen wird sie resilienter, gerechter und menschlicher.</p></blockquote>
<ul>
<li>Ressourcenzugang: Kommunen erhalten F&ouml;rdermittel, Infrastruktur und gesetzliche Grundlagen, um lokale Caring Communities zu erm&ouml;glichen</li>
<li>Sichtbarmachung und Wertsch&auml;tzung von Care-Arbeit: Professionelle Pflege, soziale Arbeit und ehrenamtliche Sorge werden aufgewertet&ndash; finanziell und kulturell</li>
<li>Bildung und Qualifikation: Der Care-Begriff wird in der Grundausbildung, Erwachsenenbildung und politischen Bildung verankert</li>
<li>Politische Koh&auml;renz: Sorgearbeit wird aufgewertet und nicht durch administrative H&uuml;rden gel&auml;hmt, oder durch konkurrierende politische Instanzen und kommunale &Auml;mter blockiert oder instrumentalisiert.</li>
</ul>
<p>Caring Communities bieten keine Patentl&ouml;sung, vielmehr lassen sie sich schrittweis realisieren, indem sie soziale Gerechtigkeit, partizipative Prozesse und konkrete Praxis miteinander verbinden. Dadurch wird Care nicht nur ein ethisches Konzept, sondern zu einem neuen Gesellschaftmodell. Die sieben CC-Thesen bilden einen konkreten Orientierungsrahmen, um Weg&nbsp;zu beschreiben, wie ein gemeinsam verantwortetes Miteinander&nbsp;in unserer Gesellschaft gestaltet und gelebt werden kann.<br>
Die umfangreiche Praxisbefragung &uuml;ber die Bedeutung der Caring Communities in den sechs Gemeinden l&auml;sst sich in einen Satz zusammenfassen: &laquo;Ohne Caring Communities verk&uuml;mmert und spaltet sich unsere Gesellschaft an ihren komplexen Problemen &ndash; mit ihnen wird sie resilienter, gerechter und menschlicher&raquo;.</p>
<p>&nbsp;</p>
</body></html>
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		<title>Die katholische Kirche in der Welt der Politik. Die fruchtbare Spannung von Synodalität und Demokratie</title>
		<link>https://www.futur2.org/article/die-katholische-kirche-in-der-welt-der-politik-die-fruchtbare-spannung-von-synodalitaet-und-demokratie/</link>
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		<pubDate>Mon, 08 Sep 2025 21:49:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Thomas Söding</dc:creator>
		
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				<description><![CDATA[Die katholische Kirche ist politisch präsent und relevant: weil sie keine politische Größe ist, sondern eine religiöse. Das Paradox ist die Pointe. Wegen ihrer Liebe zu Gott ist sie unabhängig von Menschenmächten – oder sollte es sein; weil Gottes- und Nächstenliebe zusammengehören, setzt sie sich nicht nur dafür ein, den Glauben weiterzugeben und die internen ...]]></description>
					<content:encoded><![CDATA[<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.0 Transitional//EN" "http://www.w3.org/TR/REC-html40/loose.dtd">
<html><body><p>Die katholische Kirche ist politisch pr&auml;sent und relevant: weil sie keine politische Gr&ouml;&szlig;e ist, sondern eine religi&ouml;se. Das Paradox ist die Pointe. Wegen ihrer Liebe zu Gott ist sie unabh&auml;ngig von Menschenm&auml;chten &ndash; oder sollte es sein; weil Gottes- und N&auml;chstenliebe zusammengeh&ouml;ren, setzt sie sich nicht nur daf&uuml;r ein, den Glauben weiterzugeben und die internen Beziehungen zu pflegen, sondern auch daf&uuml;r, die Welt zu deuten und zu ver&auml;ndern, in der Politik gemacht wird &ndash; oder sollte es tun. Die Kirche ist in der Welt, um f&uuml;r das Evangelium Gottes vom Reich Gottes einzutreten &ndash; das unendlich gr&ouml;&szlig;er und weiter ist als die Kirche selbst. Deshalb ist es ihr Auftrag, der auf Jesus zur&uuml;ckgeht, in der &Ouml;ffentlichkeit f&uuml;r die Verbindung von Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, von Freiheit und Verantwortung, von Transzendenz und Immanenz einzutreten. Ihre Verbindung mit Gott verschafft ihr politische Unabh&auml;ngigkeit, ihre politische Verantwortung sch&uuml;tzt sie vor Spiritualisierung, Isolierung und Hybris &ndash; oder sollte es.</p>
<blockquote class="f2-sidequote"><p>In der katholischen Kirche bricht unter dem Leitwort Synodalit&auml;t eine Verfassungsdiskussion auf, die politisch sensibel ist, weil sie das Verh&auml;ltnis der Kirche zur Demokratie ber&uuml;hrt.</p></blockquote>
<p>Die politische Verantwortung des Evangeliums verbindet die katholische Kirche mit allen anderen Kirchen. Aber aufgrund ihrer Gr&ouml;&szlig;e und ihrer Geschichte f&auml;llt ihr eine besondere Verantwortung zu: Sie ist in eminenter Weise international. Sie w&auml;chst. Sie muss sich gleichzeitig mit sehr verschiedenen Herrschaftsformen und Politikstilen auseinandersetzen. Sie ist teils Mehrheit, teils Minderheit. In vielen L&auml;ndern wird sie unterdr&uuml;ckt, in anderen ist sie dominant. Sie ist lange Zeit dem Missverst&auml;ndnis erlegen, selbst die Z&uuml;gel des politischen Handelns in die Hand nehmen zu sollen, ohne die jesuanische Fundamentalunterscheidung zu ber&uuml;cksichtigen, dass dem Kaiser zu geben sei, was des Kaisers ist, weil Gott zu geben ist, was Gottes ist (nicht: der Kirche zu geben, was der Kirche ist). Sie steht in der Versuchung, mit Autokratien zu sympathisieren, weil die (angeblich) traditionelle Werte vermitteln. Sie steht auch in der Versuchung, sich auf Prinzipien zur&uuml;ckzuziehen, wenn es um Konkretisierungen angesichts von Zielkonflikten in Abw&auml;gungsprozessen geht. Unter ihrem Dach haben sich im 20.&nbsp;Jahrhundert politische Bewegungen wie die Theologie der Befreiung entwickelt, die kirchenamtlich domestiziert werden sollte und politikwissenschaftlich die Kritik auf sich gezogen hat, von &ouml;konomischen Theorien abh&auml;ngig zu sein, die unterkomplex seien. Gegenw&auml;rtig gewinnt der Neo-Integralismus an Einfluss, der eine Autonomie der Politik bezweifelt und &uuml;ber Ethik eine politische Macht der Kirche aufbauen will. Gleichzeitig bricht in der katholischen Kirche unter dem Leitwort Synodalit&auml;t eine Verfassungsdiskussion auf, die politisch sensibel ist, weil sie das Verh&auml;ltnis der Kirche zur Demokratie ber&uuml;hrt.</p>
<h1>Der gro&szlig;e Aufbruch des Anfangs</h1>
<p>Durch den Ruf Jesu in die Nachfolge und durch die &ouml;sterliche Sendung zu allen V&ouml;lkern entsteht die Gemeinschaft der Glaubenden. Ihre fr&uuml;hesten Selbstbezeichnungen und starken Begriffe sind politisch &ndash; und demokratieaffin. Jesus verk&uuml;ndet das K&ouml;nigreich Gottes &ndash; und bringt dadurch die alttestamentliche Grundeinsicht neu zur Geltung, dass Gott allein der wahre K&ouml;nig Israels wie der ganzen Welt ist und dass kein K&ouml;nig dieser Welt Gott ist. Aus dem Bild des g&ouml;ttlichen K&ouml;nigreiches ist zwar immer wieder im Laufe der Geschichte abgeleitet worden, dass ein irdischer K&ouml;nig, von Gott geheiligt, die Weltherrschaft &uuml;bernehmen m&uuml;sse &ndash; am besten in Gestalt des Papstes, des kirchlichen Oberhauptes, dem sich auch jeder christliche Kaiser und K&ouml;nig beugen m&uuml;sse. Aber diese Ableitung unterl&auml;uft die entscheidende Differenzierung zwischen Religion und Politik, die Jesus dadurch in die Welt gebracht hat, dass er das Reich Gottes verk&uuml;ndet und verwirklicht, aber keinen Gottesstaat gegr&uuml;ndet, sondern das Volk Gottes gesammelt hat.</p>
<blockquote class="f2-sidequote"><p>Diese Inklusion ist die Folge der Theozentrik: Der eine Gott ist der Gott f&uuml;r alle &ndash; und seine Kirche ist berufen, eine Kirche f&uuml;r alle zu sein.</p></blockquote>
<p>Die fr&uuml;hesten Selbstbezeichnungen der Glaubensgemeinschaft spiegeln beides wider: die politisch brisante Pr&auml;senz in der &Ouml;ffentlichkeit und die religi&ouml;s begr&uuml;ndete Transzendenz jeder Politik. Ein Grundwort, das auf die Jerusalemer Urgemeinde zur&uuml;ckgeht und von Paulus zu einem Schl&uuml;sselbegriff gemacht worden ist, hei&szlig;t <em>ekkles&iacute;a, </em>&uuml;bersetzt mit &bdquo;Kirche&ldquo; oder &bdquo;Gemeinde&ldquo;. Es hat eine doppelte Wurzel. Zum einen greift es die Theologie des Volkes Gottes auf, die in Israel beheimatet ist, und verweist dadurch auf die Liturgie, die Martyrie und die Diakonie als genuine Ausdrucksformen des Glaubens, die von jeder Herrschaft dieser Welt um Gottes und der Menschen willen anerkannt werden m&uuml;ssen und ihrerseits politisch markant sind: Der Gottesdienst wird &ouml;ffentlich gefeiert, das Glaubenszeugnis wird &ouml;ffentlich abgelegt, und der Dienst der N&auml;chstenliebe wird nicht nur in den eigenen Reihen ge&uuml;bt, sondern auch in der Welt. Zur <em>ekkles&iacute;a </em>geh&ouml;ren Juden und Griechen, Sklaven und Freie, M&auml;nner und Frauen, Gebildete und Ungebildete. Diese Inklusion ist die Folge der Theozentrik: Der eine Gott ist der Gott f&uuml;r alle &ndash; und seine Kirche ist berufen, eine Kirche f&uuml;r alle zu sein.</p>
<p>Eine pr&auml;gnante Ausformung der paulinischen Volk-Gottes-Ekklesiologie ist das Bild der Kirche als &bdquo;Leib Christi&ldquo;. Es ist der politischen Theologie der Antike entlehnt, die den Staat als einen Organismus vorstellt, um die herrschenden Verh&auml;ltnisse zu stabilisieren. Paulus stellt das Bild vom Kopf auf die F&uuml;&szlig;e: Der Leib Christi st&auml;rkt die &bdquo;Schwachen&ldquo; und ruft die &bdquo;Starken&ldquo; zur Solidarit&auml;t; er bringt Vielfalt durch Einheit und Solidarit&auml;t durch Anerkennung zur Geltung. Der emanzipatorische Ansatz ist stark. Nicht die Diktatur ist das s&auml;kulare Pendant, wie Carl Schmitt meinte, sondern die Demokratie, allerdings nicht die antike, die elit&auml;r und patriarchal war, sondern erst die moderne, deren religi&ouml;se Wurzeln, vor allem in den Orden selten gesehen werden.</p>
<h1>Der lange Schatten des 19.&nbsp;Jahrhunderts</h1>
<p>Im 19.&nbsp;Jahrhundert hat sich die katholische Kirche als Bollwerk gegen die Aufkl&auml;rung, gegen die Menschenrechte, gegen die Demokratie aufgebaut. Das Projekt war weder alternativlos noch konsequent, aber wirkm&auml;chtig. Es war einer katholischen Defensive geschuldet, die meinte, am Kirchenstaat festhalten zu m&uuml;ssen, um nicht in politische Abh&auml;ngigkeit zu geraten, und gegen den &bdquo;Modernismus&ldquo; der Aufkl&auml;rung die katholische Identit&auml;t profilieren zu m&uuml;ssen, um nicht der Beliebigkeit anheimzufallen. <em>Das ideologische Mittel </em>war die Beschw&ouml;rung eines &uuml;berzeitlichen &bdquo;Naturrechts&ldquo;, das gegen staatliche &Uuml;bergriffe die Heiligkeit der Person und der Familie verteidigen sollte, das Privateigentum und die W&uuml;rde der Arbeit. <em>Das kirchenpolitische Mittel</em> war die Entwicklung klerikaler F&uuml;hrung nach dem Modell der Monarchie: mit dem Papst als Oberhaupt, der zugleich oberster Gesetzgeber und Richter ist, unfehlbar in seinem Lehramt. Die Hierarchie wurde streng von oben nach unten gedacht: Die Herrschaft Jesu Christi &uuml;ber die Kirche stelle sich in der Herrschaft des Papstes dar, die des Papstes in derjenigen der Bisch&ouml;fe und der &bdquo;Pfarrherren&ldquo;.</p>
<blockquote class="f2-sidequote"><p>Es braucht ein Geschichtsbewusstsein, das Traditionskritik mit Respekt vor fr&uuml;heren Generationen verbindet und Erneuerungswillen mit dem Nutzen der Ressourcen aus Schrift und Tradition. Das Verh&auml;ltnis zur Demokratie ist die Nagelprobe.</p></blockquote>
<p>Das Projekt war zwar nie unumstritten, aber es war &uuml;ber lange Zeit sehr erfolgreich. <em>Zum einen</em> ging es mit einer dialektischen Modernisierung einher. Durch kirchliche Verwaltungen, kirchliches Recht und kirchliche Wissenschaft sollte die Wahrheit des katholischen Glaubens zum Ausdruck kommen; die p&auml;pstliche Soziallehre sch&auml;rfte die Aufmerksamkeit f&uuml;r soziale Ungerechtigkeit, kirchliche Hilfswerke, Vereinigungen und Genossenschaften schufen diesseits von Revolutionen Abhilfe bei sozialen, &ouml;konomischen, politischen Problemen. <em>Zum anderen</em> boten sich intelligenten jungen M&auml;nnern Aufstiegschancen und Verantwortungspositionen, die ihnen gesellschaftlich versagt blieben, wenn sie nicht aus beg&uuml;terten Kreisen stammten; die Frauenorden re&uuml;ssierten und belebten sowohl Erziehungs- als auch Sozialeinrichtungen, bei denen der Staat oft versagte, die Kirche aber &ndash; auch im Eigeninteresse &ndash; Initiativen ergreifen konnte, das kirchliche Amt wurde geistlich erneuert, bis hin zum Z&ouml;libat; die Sonntagspflicht wurde eingesch&auml;rft, verbunden mit der Beichtpflicht. Die Zustimmung im Kirchenvolk zum Ausbau der Hierarchie war vielerorts hoch.</p>
<p>Weil der Erfolg lange Zeit gro&szlig; war, f&auml;llt es vielen, die in der Kirche engagiert sind, schwer, sich von den Bildern, den Versprechungen, den Sicherungen des 19.&nbsp;Jahrhunderts zu l&ouml;sen, w&auml;hrend andere so schnell wie m&ouml;glich den Ballast der Geschichte abwerfen wollen. Es f&uuml;hrt kein Weg in die Vormoderne zur&uuml;ck; es wird keinen Weg in die Zukunft geben, der die Neuformation der katholischen Kirche nach der Aufkl&auml;rung zementiert oder negiert. Es braucht ein Geschichtsbewusstsein, das Traditionskritik mit Respekt vor fr&uuml;heren Generationen verbindet und Erneuerungswillen mit dem Nutzen der Ressourcen aus Schrift und Tradition. Das Verh&auml;ltnis zur Demokratie ist die Nagelprobe.</p>
<h1>Die halbe Reform des 20.&nbsp;Jahrhunderts</h1>
<p>Nach den Schrecken zweier Weltkriege, nach der Katastrophe des Holocaust, nach den Br&uuml;chen der Kolonialisierung hat sich die katholische Kirche im 20.&nbsp;Jahrhundert neu aufgestellt. Sie wird in neuen Dimensionen zur Weltkirche. Sie orientiert sich einerseits gegen den selbstgemachten Papalismus an &auml;lteren Traditionen, freieren Glaubensr&auml;umen und tieferen Fr&ouml;mmigkeitsschichten, so vor allem an der Bibel-, der Jugend-, der Arbeiter-, der Frauen- und der Liturgischen Bewegung. Andererseits sucht sie mit Hinweisen von Papst Johannes&nbsp;XXIII. nach den &bdquo;Zeichen der Zeit&ldquo;, die ihr die Fingerzeige Gottes au&szlig;erhalb der eigenen Grenzen zeigen: in der Wissenschaft, der Kultur, der Gesellschaft, die sich auf ihre soziale und politische Verantwortung besinnt.</p>
<p>Die gr&ouml;&szlig;te Frucht beider Bewegungen ist das Zweite Vatikanische Konzil. Es holt die liturgische Erneuerung ein (Sacrosanctum Concilium), &uuml;berwindet das instruktionstheoretische Glaubensverst&auml;ndnis zugunsten eines geschichtstheologischen Offenbarungsansatzes, der Traditionskritik und Lehrentwicklungen umfasst (Dei Verbum), und orientiert die Pastoral neu in der Welt von heute (Gaudium et spes). Nicht zuletzt macht das Konzil auch erstmals in der Geschichte die Kirche selbst zum Thema (Lumen gentium) &ndash; Zeichen einer tiefen Krise, Kirche &bdquo;heute&ldquo; zu sein, Zeichen aber auch des entschiedenen Selbstbewusstseins, in der Gegenwart die katholische Kirche nicht aufzugeben, sondern zu erneuern.</p>
<blockquote class="f2-sidequote"><p>Es bleibt bei der Hierarchie,&nbsp; aber die Aufgabe des Papstes, der Bisch&ouml;fe und der Priester wird darin gesehen, dem Glauben, dem Recht und der Freiheit aller zu dienen.</p></blockquote>
<p>Der entscheidende Paradigmenwechsel vom Ersten zum Zweiten Vatikanischen Konzil besteht darin, dass die Kirche vom Volk Gottes aus gedacht wird: von der Gemeinschaft der Getauften her, die ihren Glauben leben. Es bleibt bei der Hierarchie, weil es bei der Sendung durch Christus und der apostolischen Nachfolge bleibt; aber die Aufgabe des Papstes, der Bisch&ouml;fe und der Priester wird darin gesehen, dem Glauben, dem Recht und der Freiheit aller zu dienen.</p>
<p>Allerdings hat die kirchenoffizielle Rezeption des Zweiten Vatikanischen Konzils die Vorzeichen vertauscht. Das kirchliche Gesetzbuch von 1983, in dem Papst Johannes Paul&nbsp;II. die Kr&ouml;nung des Konzils sah, betonte einseitig die Rechte der Kleriker, w&auml;hrend die &bdquo;Laien&ldquo; auf lediglich beratende Hilfsdienste zur&uuml;ckgesetzt wurden. Die Erkl&auml;rung desselben Papstes 1994, die Kirche habe keine Vollmacht, Frauen zu Priestern zu weihen (Ordinatio sacerdotalis), lie&szlig; den Vatikan als K&auml;mpfer gegen die Gleichberechtigung erscheinen. Durch die rechtliche Aufwertung des Klerus und die pastorale Abwertung der Frauen (die durch die h&ouml;chsten Lobest&ouml;ne ob ihrer W&uuml;rde noch verst&auml;rkt wurde) geriet die Kirchen-Theologie in Schieflage. W&auml;hrend Johannes Paul II. mit theologischen Gr&uuml;nden und historischer Wirkung die Geltung der Menschenrechte im politischen Raum einklagte, konnte die katholische Kirche immer weniger erkl&auml;ren, warum sie intern andere Ma&szlig;st&auml;be anlegt. In traditionellen Gesellschaften wurde der Konflikt lange zugedeckt &ndash; diese &Auml;ra endet.</p>
<h1>Der neue Ansatz im 21.&nbsp;Jahrhundert</h1>
<p>W&auml;hrend Papst Benedikt&nbsp;XVI. die Linie von Johannes Paul&nbsp;II. fortsetzte und sich bem&uuml;hte, den &auml;sthetischen und intellektuellen Glanz einer geistlich neu verstandenen Tradition zu verbreiten, ohne die kirchlichen Strukturen zu ver&auml;ndern, hat Papst Franziskus die enorme Unruhe aufgegriffen, die in der katholischen Kirche wegen der ungel&ouml;sten Verfassungsfragen aufkam, und mit dem Stichwort &bdquo;Synodalit&auml;t&ldquo; in neue Bahnen zu lenken begonnen. Papst Leo&nbsp;XIV. hat sich zu diesem Kurswechsel bekannt &ndash; zu welchem Ziel er f&uuml;hrt, entscheidet sich im Gehen.</p>
<p>Die Unruhe entsteht durch drei Entwicklungen, die einander &uuml;berlagern.</p>
<p><em>Erstens</em> braucht die katholische Kirche, die in der globalisierten Welt w&auml;chst und mit Lateinamerika, Asien und Afrika neue Zentren, jeweils an den Peripherien der Gesellschaft, ausbildet, eine neue Verbindung von Einheit und Vielfalt. Die katholische Kirche war noch nie so zentralistisch wie heute, weil die Digitalisierung ganz neue M&ouml;glichkeiten des Durchgriffs erlaubt; sie war aber auch noch nie so plural wie heute, weil sie noch nie so gro&szlig; wie heute war, noch nie so vielsprachig, noch nie so stark inkulturiert wie heute. Es fehlt in der katholischen Kirche nicht an Stimmen, die das Anti-Modernismus-Paradigma aufgreifen und die Einheit am Kampf gegen den &bdquo;Gender-Wahn&ldquo; festmachen wollen, Verurteilung praktizierter Homosexualit&auml;t einbeschlossen; teils sind die Konflikte kulturell, teils ideologisch bestimmt. Es braucht aber eine gemeinsame Besinnung auf das, was die katholische Kirche eint: die Liturgie und die Sakramente, Rom und das Papsttum, das zweite Vatikanische Konzil und das Bischofsamt geh&ouml;ren dazu, sind aber nur notwendige, nicht auch hinreichende Bestimmungen. Es fehlt an Orten, an Foren, auch an Gremien, in denen der Glaubenssinn des Gottesvolkes zur Sprache kommt &ndash; und zwar nicht unverbindlich, sondern verbindlich.</p>
<blockquote class="f2-sidequote"><p>Es fehlt an Orten, an Foren, auch an Gremien, in denen der Glaubenssinn des Gottesvolkes zur Sprache kommt &ndash; und zwar nicht unverbindlich, sondern verbindlich.</p></blockquote>
<p><em>Zweitens</em> erlebt die katholische Kirche weltweit eine Bildungsexplosion, die nicht zuletzt von Frauen vorangetrieben wird. Religi&ouml;ses Wissen ist nicht mehr das Privileg von Klerikern. Es gibt viele, die mitreden k&ouml;nnen und wollen, ohne dass sie geweiht sind: Ordensangeh&ouml;rige, <em>lay ministers, </em>Ehrenamtliche, Freiwillige. F&uuml;r sie braucht es neue Formen und Orte, Strukturen und Institutionen verantworteter Mitarbeit. Gegenw&auml;rtig l&auml;hmen Rollenkonflikte zwischen Klerikern und anderen Engagierten die gemeinsame Arbeit. Solange die Zugangsvoraussetzungen zum kirchlichen Amt nicht ver&auml;ndert werden, braucht es neue Ordnungen verantwortlicher Arbeit in der Kirche und f&uuml;r sie. Die Erwartungen der Gl&auml;ubigen an kompetente F&uuml;hrung sind gestiegen, weil Christsein aus Tradition immer weniger und Christsein aus Entscheidung immer mehr Bedeutung hat. Diese Verschiebung ist aus biblischer Sicht nur zu begr&uuml;&szlig;en. Sie verlangt mehr Synodalit&auml;t in den Beziehungen: mehr Qualifikation und Partizipation, mehr Transparenz und Kontrolle.</p>
<p><em>Drittens </em>muss die katholische Kirche in der globalen Welt von heute ihren Auftrag neu bestimmen, das Evangelium zu verbreiten. &bdquo;Mission&ldquo; hat einen schalen Beigeschmack, wenn das Wort auf Deutsch, aber einen recht guten Klang, wenn es auf Englisch ausgesprochen wird. Die neutestamentliche Mitgift ist eine doppelte: Mission ist Befreiung, weil sie von eigenen Plausibilit&auml;ten in die weiten R&auml;ume f&uuml;hrt, die Gottes Liebe &ouml;ffnet, und weil sie Menschen die M&ouml;glichkeit bietet, Glaube und Vernunft, Verantwortung f&uuml;r die Welt und Hoffnung auf den Himmel, Zugeh&ouml;rigkeit zu einer Gemeinschaft und Entdeckung des eigenen Ich zu verbinden. Diese Mission hat in einer Welt der Politik, die Religion meist mit Fundamentalismus verbindet, gro&szlig;e Bedeutung. Die Geschichte der Kirche ist ambivalent: Sie kennt Kriegstreiberei und Friedensaktionen. Die heutige Aufgabe ist klar: zwischen Ost und West, Nord und S&uuml;d zu vermitteln. Die politische Aufgabe geht aber weit &uuml;ber die Politik hinaus: Entscheidend ist die Entwicklung einer religi&ouml;sen Zeichen- und Formensprache, die Kirche und Welt vermittelt, Tradition und Innovation, Wahrheit und Freiheit. Damit dies gelingt, braucht es nicht nur eine Erneuerung alter und die Einrichtung neuer Kommunikationsprozesse des Glaubens; es braucht nicht nur eine neue Mentalit&auml;t des Miteinanders. Es braucht ebenso eine Reform des kirchlichen Rechts, das die Beteiligung der &bdquo;Laien&ldquo; an Beratungs- und Entscheidungsprozessen sichert.</p>
<blockquote class="f2-sidequote"><p>Es braucht ebenso eine Reform des kirchlichen Rechts, das die Beteiligung der &bdquo;Laien&ldquo; an Beratungs- und Entscheidungsprozessen sichert.</p></blockquote>
<p>Papst Franziskus hat die synodale Erneuerung der katholischen Kirche angesto&szlig;en, damit in einem weltweiten Prozess gekl&auml;rt werden kann, was die kirchliche Gemeinschaft ausmacht, welche Beteiligungsformen sie braucht und wie sie ihre Sendung in der Welt von heute und morgen erf&uuml;llen kann. Er hat schon in seiner Er&ouml;ffnungspredigt der Generalversammlung 2023 Synodalit&auml;t scharf vom Parlamentarismus abgegrenzt &ndash; und damit nicht nur die Augen f&uuml;r die weltweite Krise der Demokratie ge&ouml;ffnet, sondern auch den kategorialen Unterschied zwischen einer politischen und einer kirchlichen Versammlung markiert. Er ist aber auch auf Kritik gesto&szlig;en, weil die Kirche sich nicht als Ver&auml;chterin, sondern als Verfechterin der Demokratie &auml;u&szlig;ern sollte, wenn sie den Impulsen von Johannes XXIII., des Zweiten Vatikanischen Konzils und Johannes Paul II. folgt. Deshalb wird im Schlussdokument, das Papst Franziskus sich zu eigen gemacht hat, eigens die Demokratie als Staatsform gew&uuml;rdigt. Demokratie ist verantwortete Freiheit. Eine katholische Synode ist aber etwas anderes als ein politisches Parlament: Sie steht nicht der Regierung gegen&uuml;ber, sondern bildet eine Versammlung aus Papst, Bisch&ouml;fen, Priestern, Ordensleuten und Gew&auml;hlten wie Berufenen aus dem Kirchenvolk. Sie erl&auml;sst keine Gesetze, sondern ordnet das Leben der Kirche. Sie f&uuml;hrt nicht zu reinen Mehrheitsentscheidungen, sondern zu m&ouml;glichst breiten Konsensen, die der Einheit des Glaubens in der Vielfalt der Lebenswege Ausdruck verleihen. Ihre Methode ist nicht die Debatte der Parteien, sondern der Austausch im Glauben, sei es in Form der geistlichen Gespr&auml;che ignatianischer Pr&auml;gung, sei es in offeneren Dialogformaten.</p>
<p>Die Demokratie ihrerseits ist keineswegs die reine Herrschaft der Mehrheit, als die sie Aristoteles portraitiert und kritisiert hat. In ihrer heutigen Form kennt sie Grundrechte, die nicht zur Disposition stehen. Sie kennt Minderheitenschutz. Sie muss dem &bdquo;Prinzip Verantwortung&ldquo; (Hans Jonas) folgen. Sie muss das &bdquo;Recht auf Rechte&ldquo; verwirklichen (Hannah Arendt).</p>
<blockquote class="f2-sidequote"><p>Entwickelte Synodalit&auml;t ist aber der Weg, sich dem Ziel zu n&auml;hern. Die Demokratie ist die st&auml;rkste politische Verb&uuml;ndete.</p></blockquote>
<p>Kirche gab und gibt es in den verschiedensten politischen Konstellationen, auch in Diktaturen. Die Geschichte der Neuzeit und der Gegenwart stand lange Zeit im Zeichen einer Unterscheidung von Politik und Religion, die sich als sp&auml;te Wirkungsgeschichte der Reich-Gottes-Botschaft Jesu erkl&auml;ren l&auml;sst. Die gegenw&auml;rtigen R&uuml;ckf&auml;lle, die in verschiedenen Teilen der Welt zu beobachten sind, verdanken sich dem politischen Willen, Religion als Identit&auml;tsfaktor zu funktionalisieren, und dem religi&ouml;sen Willen, Macht &uuml;ber die Seelen durch Macht &uuml;ber die Gesellschaft und die Kultur zu gewinnen. Beides widerspricht der Ethik des Evangeliums. Im deutschen Bundestag hat Papst Benedikt XVI. 2011 erkl&auml;rt, das Christentum stehe gegen eine religi&ouml;se Begr&uuml;ndung und f&uuml;r eine ethische Orientierung der Politik. In der Konsequenz liegt, dass auch f&uuml;r die Kirche der Zugang zur Politik nicht durch Religion, sondern durch Ethik ge&ouml;ffnet wird: und zwar eine, die sowohl die Systemlogik der Politik formatiert als auch die Politik mit den vorpolitischen Faktoren verbindet, die Freiheit generieren: das Ethos und das Recht.</p>
<p>Die r&ouml;mische Weltsynode 2021&ndash;2024 hat der Hoffnung Ausdruck verliehen, dass die katholische Kirche durch entwickelte Synodalit&auml;t ein Friedensfaktor in der Welt der Politik sein kann. Von dieser Vision ist sie derzeit weit entfernt. Entwickelte Synodalit&auml;t ist aber der Weg, sich dem Ziel zu n&auml;hern. Die Demokratie ist die st&auml;rkste politische Verb&uuml;ndete.</p>
</body></html>
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		<title>Demokratie reparieren! Wie Beteiligungsinnovationen auf Repräsentations&#173;probleme reagieren und warum Polarisierung nicht immer schlecht ist</title>
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		<pubDate>Thu, 04 Sep 2025 11:28:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Kristin Merle</dc:creator>
		
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				<description><![CDATA[Zweifelsohne verlangen die Herausforderungen der Zeit – von der Erosion klassischer gesellschaftlicher Institutionen über (empfundene) gesellschaftliche Polarisierung bis hin zu globalen Krisen wie dem drohenden Zusammenbruch von Ökosystemen, der Verknappung von Ressourcen und humanitären Krisen als Folgen grausamer Zusammenspiele aus Klimawandel und Gewalt – neue Antworten, wie gutes und gerechtes Zusammenleben nachhaltig gestaltet werden kann. ...]]></description>
					<content:encoded><![CDATA[<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.0 Transitional//EN" "http://www.w3.org/TR/REC-html40/loose.dtd">
<html><body><p>Zweifelsohne verlangen die Herausforderungen der Zeit &ndash; von der Erosion klassischer gesellschaftlicher Institutionen &uuml;ber (empfundene) gesellschaftliche Polarisierung bis hin zu globalen Krisen wie dem drohenden Zusammenbruch von &Ouml;kosystemen, der Verknappung von Ressourcen und humanit&auml;ren Krisen als Folgen grausamer Zusammenspiele aus Klimawandel und Gewalt &ndash; neue Antworten, wie gutes und gerechtes Zusammenleben nachhaltig gestaltet werden kann. Allein: Modelle gesellschaftlichen Zusammenlebens, verstanden als konzeptionelle Systematisierung komplexer Interdependenzen, Modelle, die &uuml;berzeugend und umfassend, nachhaltig und gerecht die weitgehende Behebung von Dysfunktionalit&auml;ten unserer bisherigen gesellschaftlichen, demokratischen Praxis in Deutschland (um nur den n&auml;heren Kontext der Autorin zu adressieren) &ndash; zum Beispiel wachsende soziale Ungleichheit, Exklusion marginalisierter Gruppen, regionale Disparit&auml;ten und Segregation &ndash; ausweisen, sind rar ges&auml;t, um es vorsichtig auszudr&uuml;cken. Wenn die gro&szlig;en Entw&uuml;rfe &ndash; allein aufgrund der Komplexit&auml;t der Problemzusammenh&auml;nge &ndash; fehlen, werden Verfahrensfragen interessanter. Wie kommen wir in eine gesellschaftliche Situation, von der wir denken, dass sie mit ihrem epistemischen wie praktischen Instrumentarium den Anforderungen der Zeit entspricht?</p>
<h2><strong>Disruptiv weiter?</strong></h2>
<p>Klassischerweise existieren zwei Modelle: Disruption und Inkrementalismus, Revolution und Reform. Vielfach wird disruptives Denken als passende Antwort auf rasante technologische und gesellschaftliche Herausforderungen betrachtet, mit ihm werden intuitiv Aufbruch und Innovation verbunden. Politisch birgt Disruption Gefahren: Disruptive Politik bef&ouml;rdert &ndash; auch in liberalen Demokratien &ndash; einen Zug zu autorit&auml;ren Methoden, wenn etwa in politischen Verfahren Widerst&auml;nde schnell &uuml;berwunden werden sollen und wenn komplexe Legitimationsverfahren zu aufwendig erscheinen, um m&ouml;glichst rasch Neues zu setzen. </p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Wie kommen wir in eine gesellschaftliche Situation, von der wir denken, dass sie mit ihrem epistemischen wie praktischen Instrumentarium den Anforderungen der Zeit entspricht?</p></blockquote>Gleichwohl gibt es Pl&auml;doyers f&uuml;r &sbquo;helle&lsquo; Disruptionen, wie etwa k&uuml;rzlich von <a href="https://www.zeit.de/politik/2025-01/politische-mitte-disruption-zuversicht-friedrich-merz">Bernd Ulrich</a> formuliert: Die Herausforderungen der Polykrise erforderten klare Schnitte und Zumutungen sowie eine synergetische Adressierung der Probleme &ndash; das alles im Sinne einer nachhaltigen, am Gemeinwohl orientierten Gestaltung liberaldemokratischer Zuk&uuml;nfte. Unabh&auml;ngig davon zeigt sich gegenw&auml;rtig allerdings in vielen politischen Kontexten, wie disruptives Denken und Handeln und Autoritarismus ungute Allianzen eingehen, welche der liberalen Demokratie Schaden zuf&uuml;gen. Ein anschauliches Beispiel daf&uuml;r ist der disruptive politische Habitus des 47. Pr&auml;sidenten der Vereinigen Staaten.
<h2><strong>Disruption und Autoritarismus</strong></h2>
<p>Autorit&auml;r agierenden Akteur:innen gilt der Status Quo n&auml;mlich nicht als bewahrenswert, es geht ihnen um die &Uuml;berwindung der alten Ordnung, die autorit&auml;re Perspektive dr&auml;ngt ins Aktivistische. Autorit&auml;res Denken, das hat Thomas Biebricher ausf&uuml;hrlich in seiner Studie <em>Mitte/Rechts</em> (2023) dargestellt, findet sich dabei nicht nur unter Akteur:innen der extremen Rechten, sondern auch unter Akteur:innen eines sich radikalisierenden Konservatismus mit autorit&auml;rer Ausrichtung (vgl. Strobl 2022). Auch die autorit&auml;re Alternative zum gem&auml;&szlig;igten Konservatismus sucht den Bruch mit Bestehendem, sie hat etwas Umst&uuml;rzlerisches und ist insofern prozedural weit entfernt vom erfahrungsbasierten Inkrementalismus als Kernkonzept eines gem&auml;&szlig;igten Konservatismus. Im autorit&auml;ren Modell geht es nicht um Verhandlungen, Verst&auml;ndigungen oder gar Konsens, sondern um die kompromisslose Durchsetzung unteilbarer Forderungen, um Machtdurchsetzung und Machtsicherung, um unbedingte Gefolgschaft und Exklusivit&auml;t &ndash; dies alles unter Verwendung dichotomer Diskurslogiken bzw. einer Dichotomisierung von Weltbildern (z. B. Volk vs. Elite, wir vs. die, Homogenit&auml;t vs. Heterogenit&auml;t, Wahrheit vs. Unwahrheit) (vgl. Frankenberg/Heitmeyer 2022). Dabei k&ouml;nnen die Krisen bzw. krisenhaft zugespitzte Ereignisse und Entwicklungen in den letzten Dekaden als &bdquo;Treiber und Pfade des Autorit&auml;ren in Betracht kommen&ldquo; (ebd., 44f.): Das Autorit&auml;re gewinnt Attraktivit&auml;t, weil von ihm &bdquo;Sicherheit und Wiedergewinnung der Kontrolle erwartet wird&ldquo; (ebd., 45), faktisch folgen ihm aber Einschr&auml;nkung individueller Freiheiten, Schw&auml;chung von Zivilgesellschaft und sozialem Vertrauen, Repression und Diskriminierung, soziale Ungleichheiten und politische Apathie, um nur einige Schlagworte zu nennen.</p>
<h2><strong>Demokratie inkrementell weiterentwickeln</strong></h2>
<p>Tats&auml;chlich sind in Deutschland viele Menschen mit dem Funktionieren der Demokratie unzufrieden, wenngleich die Demokratie als Staatsform sehr hohe Zustimmungswerte erh&auml;lt (vgl. Hebenstreit et&nbsp;al. 2025). Die Unzufriedenheit hat &bdquo;sowohl rationale wie irrationale Ursachen&ldquo; (Schwan et&nbsp;al. 2025, 7), viele B&uuml;rger:innen thematisieren ein Repr&auml;sentationsproblem und kritisieren &bdquo;eine fehlende R&uuml;ckkopplung der politischen Akteure an die Interessen der Bev&ouml;lkerung&ldquo; (Hebenstreit et&nbsp;al. 2025, 181). Faktische Problemzonen, aus denen rechte Akteur:innen agitatorisch und in destruktiv-polarisierender Absicht Kapital schlagen, sind im Interesse eines besseren Funktionierens der Demokratie zu bearbeiten, Demokratie also weiterzuentwickeln. </p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Inkrementalismus ist potenziell chaosavers, was in Zeiten globaler Un&uuml;bersichtlichkeit verfahrenstechnisch f&uuml;r ihn spricht.</p></blockquote>Die &Uuml;berwindung von Repr&auml;sentationsdefiziten ist ein Akt sozialer Gerechtigkeit wie der Erm&ouml;glichung b&uuml;rgerschaftlicher Selbstwirksamkeitserfahrungen. Das bedeutet vom Verfahren her, dass die Idee der Weiterentwicklung der repr&auml;sentativen Demokratie ein <em>inkrementelles</em> Verfahren nahelegt: Inkrementelle Innovation achtet gesellschaftliche und politische Errungenschaften und sichert in gewisser Weise die demokratische Grundordnung bzw. die Kontinuit&auml;t zu den erprobten Eckpfeilern des Zusammenlebens &ndash; wie Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung und die Achtung der Menschenrechte &ndash; in Zeiten des (notwendigen) Wandels. Auch ist wahrscheinlich, dass Akzeptanz und Integration von Ver&auml;nderungen eher m&ouml;glich sind, wenn diese allm&auml;hlich und in nachvollziehbaren Schritten vonstattengeht. Inkrementalismus ist potenziell chaosavers, was in Zeiten globaler Un&uuml;bersichtlichkeit verfahrenstechnisch f&uuml;r ihn spricht.
<h2><strong>Beteiligungsinnovationen</strong></h2>
<p>Wenn es um die Weiterentwicklung der repr&auml;sentativen Demokratie geht, verbreiten sich im Bereich der individuellen B&uuml;rger:innenbeteiligung zunehmend demokratische Innovationen im Sinne von Beteiligungsinnovationen. Als zukunftsf&auml;hig werden unter anderem Verfahren erachtet, die dialogorientierte, zufallsbasierte Formate wie B&uuml;rger:innenr&auml;te mit direktdemokratischen Instrumenten kombinieren, da die Kombination die jeweiligen Schw&auml;chen ausgleichen und Beteiligung sowohl inklusiver als auch wirkm&auml;chtiger gestalten kann (vgl. Gei&szlig;el/Hoffmann 2024). Schwan, Gerards Iglesias und Grimm weisen dabei auf das Problem hin, dass der Wunsch nach &sbquo;direkter&lsquo; Demokratie &bdquo;ohne Vermittlung durch Abgeordnete&ldquo; (Schwan et al. 2025, 7) mit der Tatsache konfligiert, dass das imaginierte politische Kollektivsubjekt faktisch divers ist; es besteht aus verschiedenen Interessengruppen, die auf politische Entscheidungen Einfluss nehmen wollen, &bdquo;mit [&hellip;] durchaus unterschiedlichen Machtpotenzialen&ldquo; (ebd.). In Erg&auml;nzung zu Formaten der individuellen B&uuml;rger:innenbeteiligung schlagen Schwan, Gerards Iglesias und Grimm daher Multi-Stakeholder-Beteiligung als Innovation vor, die individuelle Interessen &bdquo;gemeinwohlorientiert miteinander vermittelt&ldquo; (ebd.). </p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Als zukunftsf&auml;hig werden unter anderem Verfahren erachtet, die dialogorientierte, zufallsbasierte Formate wie B&uuml;rger:innenr&auml;te mit direktdemokratischen Instrumenten kombinieren.</p></blockquote>Es geht also um die Organisation konfliktu&ouml;ser, dann aber deliberativer, moderierter Prozesse, in denen organisierte Interessen (vertreten durch z. B. Verb&auml;nde, Gewerkschaften, NGOs, Unternehmen, Verwaltung, Parteien, auch den Kirchen) ihre Perspektiven einbringen und tragf&auml;hige, gemeinwohlorientierte Kompromisse mit Blick auf bestimmte politische Themen (in der Regel kommunal-, landes- oder bundespolitisch beauftragt) miteinander erarbeiten. Solche Formate k&ouml;nnen, so Schwan, Gerards Iglesias und Grimm, antidemokratischen Tendenzen begegnen, weil sie die Output-Legitimit&auml;t politischer Prozesse st&auml;rken, da sie marginalisierte Gruppen st&auml;rken k&ouml;nnen, und weil der Gemeinwohlfokus im Unterschied zur Praxis einer Konkurrenz von Partikularinteressen soziale Koh&auml;sion bef&ouml;rdern kann. Multi-Stakeholder-Formate bieten mit Blick auf die Weiterentwicklung von Demokratie eine Kombination von Repr&auml;sentation und direkter Teilhabe, weil sie die parlamentarische Entscheidungsfindung nicht aussetzen wollen, sondern diese &ndash; auf kommunaler Ebene wie auf L&auml;nder- und Bundesebene &ndash; &sbquo;unterf&uuml;ttern&lsquo;.
<h2><strong>Kirchen als Stakeholder</strong></h2>
<p>Auch die Kirchen k&ouml;nnen von Multi-Stakeholder-Formaten profitieren und im Konzert mit anderen zivilgesellschaftlichen Playern ihre Interessen mit Blick auf die Gestaltung des Gemeinsamen einbringen. Denkbar ist die Einbindung von Kirchen bzw. Gemeinden vor Ort als relevante Akteurinnen in Multi-Stakeholder-Beteiligungsverfahren, wenn es um Diskussionen und Entwicklung gemeinsamer Strategien zu ethisch, sozial oder anderen gesellschaftlich relevanten Themen geht, in der Stadtentwicklung, Sozialpolitik, bei Fragen im Umgang mit gefl&uuml;chteten Menschen, zu Asyl oder auch bei Fragen von Armutsbek&auml;mpfung, mit Blick auf Bildungsinitiativen etc. Im Rahmen solcher partizipativer Formate ist es m&ouml;glich, Zug&auml;nge zum Dialog mit Wirtschaft, Politik, Verwaltung und anderen zivilgesellschaftlichen Akteur:innen zu erhalten, wodurch kirchliche Stimmen in demokratischen Prozessen Gewicht erhalten k&ouml;nnen. Dadurch k&ouml;nnen Kirchen &sbquo;ihre&lsquo; Themen und Werte, zum Beispiel zu Menschenw&uuml;rde, sozialer Teilhabe oder Nachhaltigkeit, gezielt einbringen und zur Gemeinwohlorientierung demokratischer Entscheidungsfindung beitragen.</p>
<blockquote class="f2-sidequote"><p>Es ist gar nicht unwahrscheinlich, dass es solche Aushandlungsformate sind, &uuml;ber die Kirchen, die vielen Menschen fremd (geworden) sind, Glaubw&uuml;rdigkeit gewinnen und Kompetenzzuschreibungen generieren k&ouml;nnen.</p></blockquote>
<p>Das kann mit Blick auf Kirchen und Gemeinden gesellschaftliche Akzeptanz f&ouml;rdern und gibt ihnen die M&ouml;glichkeit, angesichts schwindender gesellschaftlicher Relevanz Allianzen zu kn&uuml;pfen und gesellschaftliche Bedeutung &uuml;ber die Mitwirkung an L&ouml;sungen komplexer gesellschaftlicher Problem- und Konfliktlagen zu plausibilisieren. Von einer langen Tradition staatlicher Privilegierung herkommend, die auch um einen besonderen Auftrag der Kirchen zur Mitgestaltung des Gemeinwesens wusste, mag es f&uuml;r &sbquo;das&lsquo; kirchliche Selbstverst&auml;ndnis eine Herausforderung sein, sich nunmehr als ein zivilgesellschaftlicher Player unter vielen wiederzufinden. Dieser Umstand bildet schlicht die gesamtgesellschaftliche Dynamik ab, dass klassische religi&ouml;se Institutionen in Situationen weltanschaulicher Pluralit&auml;t notwendigerweise selbstverst&auml;ndliche Bedeutungszuweisungen verlieren. Organisierte Beteiligungsprozesse wie das Multi-Stakeholder-Format entsprechen dabei dem Habermas&rsquo;schen Deliberationsmodell, das idealerweise eine Konsensfindung der Verschiedenen auf Basis der Einbringung von Interessen und Argumenten vorsieht &ndash; nicht eine Durchsetzung von Interessen und Positionen aufgrund von Privilegien und Macht. Und es ist gar nicht unwahrscheinlich, dass es solche Aushandlungsformate sind, &uuml;ber die Kirchen, die vielen Menschen fremd (geworden) sind, Glaubw&uuml;rdigkeit gewinnen und Kompetenzzuschreibungen generieren k&ouml;nnen.</p>
<h2><strong>Polarisierung &ndash; wenn schon, dann richtig!</strong></h2>
<p>Es erscheint mir wesentlich, Dysfunktionalit&auml;ten repr&auml;sentativer Demokratie zu benennen, zu debattieren und alles daran zu setzen, sie zu beheben &ndash; und sie nicht rechten Akteur:innen zu &sbquo;&uuml;berlassen&lsquo;, die sie zugunsten ihrer antiliberalen und antipluralen Agenda instrumentalisieren. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, Funktionsweisen gegenw&auml;rtiger Gesellschaft zu verstehen, um politisch klug handeln zu k&ouml;nnen. Einen interessanten Vorschlag hat k&uuml;rzlich Nils Kumkar gemacht, n&auml;mlich &sbquo;richtig&lsquo; zu polarisieren und damit nicht zuletzt die Logiken rechtspopulistischer bzw. rechtsextremer Polarisierung zu irritieren. Kumkar weist noch einmal auf den Umstand hin, dass gesellschaftliche Polarisierung kaum als empirisch vorfindliche Verteilung von Haltungen und Einstellungen zu fassen ist, sondern dass Polarisierung &bdquo;ein strukturell in der Funktionslogik der politischen &Ouml;ffentlichkeit angelegtes Ordnungsmuster der Selbstverst&auml;ndigung&ldquo; (Kumkar 2025, 222) ist, das mehr oder weniger unvermeidlich ist. &Uuml;ber kommunikative Polarisierung wird zudem Inklusion gew&auml;hrleistet und &ndash; zumindest tempor&auml;r und affektiv &ndash; eine Entfremdung von Politik minimiert. Kumkar weist darauf hin, dass rechte Akteur:innen freilich die Strukturdynamiken f&uuml;r sich zu nutzen wissen, indem sich die extreme Rechte &bdquo;erfolgreich als eskalierend-negativer Pol der Polarisierung in Stellung gebracht&ldquo; (Kumkar 2025, 224) hat &ndash; freilich mithilfe der Behauptung, selbst Tr&auml;ger eines einheitlichen Volkswillens zu sein. Man verspricht &uuml;ber die ideologische Einheitsfiktion eine Bearbeitung der (in vielen F&auml;llen erst kommunikativ hergestellten) Polarisierung und eskaliert faktisch damit zugleich eben jene.</p>
<blockquote class="f2-sidequote"><p>Das alternative Verfahren zur Zerst&ouml;rung demokratischer Errungenschaften hei&szlig;t also: die liberale, plurale Demokratie fr&ouml;hlich zu reparieren.</p></blockquote>
<p>Im Sinne einer liberaldemokratischen Gestaltung von Gesellschaft w&auml;re geraten, auch das Gesch&auml;ft der Polarisierung nicht antiliberalen, autorit&auml;ren Kr&auml;ften zu &uuml;berlassen, dabei f&uuml;r die eigene politische Strategie Polarisierung zu tabuisieren, sondern diese selbst bewusst zu gestalten, also &sbquo;richtig&lsquo; zu polarisieren: Entscheidend ist, wie und mit welchem Ziel Konflikte aufgemacht werden, denn an sich sind demokratische Gesellschaften darauf angewiesen, Raum f&uuml;r kontroverse, aber faire und sachlich begr&uuml;ndete Konflikte zu haben. F&uuml;r die Entwicklung der Demokratie folgt daraus, demokratische Innovationsprozesse &ndash; ob als individuelle Beteiligungs- oder Multi-Stakeholder-Formate &ndash; nicht vorschnell auf Konsensfindungen abzurichten, sondern sie auch als R&auml;ume f&uuml;r legitimierte Auseinandersetzungen zu begreifen, in denen Konflikte produktiv, integrativ und gemeinwohlorientiert moderiert werden. Solche Zug&auml;nge st&auml;rken nicht nur demokratische Legitimation und Resilienz, sondern entziehen autorit&auml;ren und rechtspopulistischen Agenden den N&auml;hrboden, indem notwendige Konflikte offen gef&uuml;hrt und gesellschaftliche Vielfalt anerkannt werden. Gerade indem kommunikative Polarisierung als verantwortlich gestaltbares Moment politischer &Ouml;ffentlichkeit bewusst genutzt und demokratisch moderiert wird, k&ouml;nnen aus Dissens kreative L&ouml;sungen und neue Allianzen zum Wohle des Gemeinwesens erwachsen.</p>
<p>Das alternative Verfahren zur Zerst&ouml;rung demokratischer Errungenschaften hei&szlig;t also: die liberale, plurale Demokratie fr&ouml;hlich zu reparieren, auf die kommunikativen Funktionslogiken politischer &Ouml;ffentlichkeit sachgem&auml;&szlig; zu reagieren und im Sinne sozialer Gerechtigkeit m&ouml;glichst viele Interessen gemeinwohlorientiert in die Aushandlungsprozesse gemeinsamer Gestaltung von Welt einzubinden.</p>
</body></html>
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		<title>Gesellschaftsmodelle mit Zukunftspotenzial</title>
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		<pubDate>Tue, 16 Sep 2025 15:08:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ruedi Winkler-Wetli</dc:creator>
		
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				<description><![CDATA[Welches Gesellschaftsmodell brauchen wir? Eine Frage, die noch vor gut 30 Jahren, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, eine rhetorische gewesen wäre, ist heute wieder sehr aktuell. Das findet seinen Niederschlag u. a. auch in zahlreichen Publikationen namhafter Autor:innen, die davon ausgehen, dass wir mit dem heute geltenden in eine schwierige Lage geraten sind. Der Ökonom ...]]></description>
					<content:encoded><![CDATA[<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.0 Transitional//EN" "http://www.w3.org/TR/REC-html40/loose.dtd">
<html><body><p>Welches Gesellschaftsmodell brauchen wir? Eine Frage, die noch vor gut 30 Jahren, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, eine rhetorische gewesen w&auml;re, ist heute wieder sehr aktuell. Das findet seinen Niederschlag u. a. auch in zahlreichen Publikationen namhafter Autor:innen, die davon ausgehen, dass wir mit dem heute geltenden in eine schwierige Lage geraten sind. Der &Ouml;konom und Nobelpreistr&auml;ger Joseph E. Stiglitz warnt z. B. in seinem neuesten Buch &bdquo;Der Weg zur Freiheit&ldquo; vor der Entwicklung zu wirtschaftlicher Ungleichheit, politischer Machtkonzentration und marktgl&auml;ubigen Ideologien, die sich sehr zerst&ouml;rerisch auf unsere Gesellschaft auswirken w&uuml;rden. Er pl&auml;diert f&uuml;r einen neuen Gesellschaftsvertrag und legt Wert darauf, dass die Freiheit der Menschen nicht nur aus der Freiheit des Marktes und vom Schutz vor staatlichen Eingriffen besteht, sondern dass f&uuml;r die Freiheit der Menschen v. a. Bildung, Gesundheitsvorsorge, soziale Sicherheit und Chancengleichheit geh&ouml;ren. Ohne sie sei die Entwicklung der Menschen keine reale Option&ldquo; Nancy Fraser, Professorin f&uuml;r Philosophie in New York, h&auml;lt in ihrem 2023 erschienenen Buch &bdquo;Der Allesfresser. Wie der Kapitalismus seine eigenen Grundlagen verschlingt&ldquo; fest, warum das geschieht und sagt, dass wir darauf nicht vorbereitet sind. Um uns noch zu retten, ist nach ihrer Ansicht eine Gesellschaft n&ouml;tig, die auf Gleichberechtigung, Gerechtigkeit, Solidarit&auml;t und Gemeinsinn aufbaut. Den gleichen Aspekt nimmt der Forscher und Autor bekannter B&uuml;cher Tim Jackson in seinem Buch &bdquo;&Ouml;konomie der F&uuml;rsorge&ldquo; auf. In die gleiche Richtung argumentiert auch die &Ouml;konomieprofessorin Maja G&ouml;pel in ihrem Buch &bdquo;Die Welt neu denken.&ldquo;</p>
<p>F&uuml;r die amerikanische Soziologin Riane Eisler liegt die Hauptverantwortung f&uuml;r die Fehlentwicklungen in der Missachtung und Vernachl&auml;ssigung der F&uuml;rsorge im kapitalistischen System. In ihrem Buch &lsquo;Die verkannten Grundlagen der &Ouml;konomie&rsquo; f&uuml;hrt sie aus, dass die F&uuml;rsorge nicht als volkswirtschaftliche Leistung im Bruttosozialprodukt ber&uuml;cksichtigt und sozusagen als Privatsache der Frauen abgetan wird. Dies sei so, sagt Eisler, obwohl ohne diese F&uuml;rsorgearbeit eine Gesellschaft gar nicht existieren und funktionieren k&ouml;nnte. Der Homo oeconomicus der geltenden &ouml;konomischen Theorie ist nach ihrer Ansicht ein altes maskulines Paradigma. Entsprechend wird Produktion, Wachstum und Wettbewerb in den Vordergrund gestellt und Eigenschaften wie Gemeinschaft, Nachhaltigkeit und F&uuml;rsorge h&ouml;chstens noch als nice to have betrachtet. Eisler, Stiglitz und Fraser formulieren ihre Kritik u. a. auch im Hinblick auf den Klimawandel, der Polarisierung zwischen Reich und Arm, der Dominanz der Machtpolitik und der Konkurrenz statt Kooperation und der Individualisierung. Riane Eisler geht so weit, dass sie prognostiziert, wir st&uuml;nden vor einem Kipppunkt der Weltgeschichte, der einen grundlegenden Wandel&nbsp;verlange.</p>
<blockquote class="f2-sidequote"><p>Nach wie vor wird praktisch unisono bei Schwierigkeiten sowohl von der Wissenschaft, den Regierungen und Wirtschaftsvertreter:innen, die F&ouml;rderung des Wirtschaftswachstums und die Etablierung neoliberaler Ma&szlig;nahmen laut.</p></blockquote>
<p>Trotz der Warnungen und der konkreten sicht- und sp&uuml;rbaren Probleme, zeichnet sich nirgends auf der Welt eine wirkliche Neuorientierung ab. Maja G&ouml;pel schreibt dazu: &bdquo;Die weltweiten Krisen in Umwelt und Gesellschaft sind kein Zufall. Sie offenbaren, wie wir mit uns und dem Planeten umgehen, auf dem wir leben. Wenn wir diese Krisen meistern wollen, m&uuml;ssen wir uns die Regeln bewusst machen, nach denen wir unser Wirtschaftssystem aufgebaut haben. Erst, wenn wir sie erkennen, k&ouml;nnen wir sie auch ver&auml;ndern &ndash; und unsere Freiheit zur&uuml;ckgewinnen&ldquo;.</p>
<p>Zurzeit sind wir weit davon entfernt. Nach wie vor wird praktisch unisono bei Schwierigkeiten sowohl von der Wissenschaft, den Regierungen und Wirtschaftsvertreter:innen, die F&ouml;rderung des Wirtschaftswachstums und die Etablierung neoliberaler Ma&szlig;nahmen laut. Die Folgen werden weltweit immer deutlicher sicht- und sp&uuml;rbar.</p>
<h2>Was sind die Merkmale eines Zukunftsmodells?</h2>
<p>Was w&auml;ren nun die Merkmale eines solchen von Riane Eisler geforderten grundlegenden Wandels? Die oben erw&auml;hnten Autoren:innen stimmen interessanterweise &ndash; obwohl sie aus verschiedenen Disziplinen kommen &ndash; in der Grundausrichtung &uuml;berein. So postuliert z. B. der &Ouml;konom Stiglitz soziale Gerechtigkeit, Gleichheit, Nachhaltigkeit als Kernpunkte f&uuml;r eine zuk&uuml;nftige Gesellschaft. Das liegt inhaltlich recht nahe bei den Punkten, die Maja G&ouml;pel, Tim Jackson und auch Nancy Fraser als wichtig erachten.</p>
<p>Wie ein solches Modell aussehen k&ouml;nnte, beschreibt Riane Eisler recht praxisnah und konkret. F&uuml;r sie steht die F&uuml;rsorge im Zentrum und auf diese muss das gesamte Handeln ausgerichtet sein. Es ist ihr bewusst, dass dies eine Umstellung der Mentalit&auml;t und des Denkens der Menschen voraussetzt, insbesondere muss der Wandel vom heutigen Dominanzmodell, wie sie es nennt, zu einem Partnerschaftsmodell gelingen.</p>
<p>Die Kernpunkte eines solchen Modells sind:</p>
<ul>
<li>Vom Konkurrenzdenken zur Kooperation:</li>
<li>Von der Herrschaft und Kontrolle zur F&uuml;rsorge und Empathie</li>
<li>Von patriarchalen Normen zur Geschlechtergleichheit</li>
<li>Umgestaltung der Wirtschaft von der Gewinnmaximierung zur Care-&Ouml;konomie</li>
<li>F&ouml;rdern des Demokratieverst&auml;ndnisses und, elementar, Wahrnehmung der &ouml;kologischen Verantwortung</li>
</ul>
<p>Sie betrachtet diese einzelnen Bereiche nicht isoliert, sondern in einer Wechselwirkung zueinander. Diese Merkmale, die in der Sto&szlig;richtung auch in den Vorschl&auml;gen der &uuml;brigen aufgef&uuml;hrten Autoren:innen vorkommen, zeigen, welch grundlegender Wandel n&ouml;tig ist, wenn eine wirkliche Wende gelingen soll.</p>
<h2>Sorge tragen</h2>
<p>Dass nicht nur diese Autori:innen in diese Richtung denken, wird klar, wenn man die Entwicklung von Organisationen und Netzen betrachtet, mit den Namen &bdquo;Sorgende Gemeinschaften&ldquo;, &bdquo;Caring Community&ldquo; oder &bdquo;Caring Society&ldquo;. Diese Organisationen und Netzwerke, die es schon in verschiedenen L&auml;ndern gibt und die auch untereinander vernetzt sind, zeigen, dass schon viele Menschen sich ernsthaft mit der gesellschaftlichen, &ouml;kologischen und &ouml;konomischen Situation besch&auml;ftigen und bereit sind, sich konkret f&uuml;r Ver&auml;nderungen zu engagieren. Das wirklich spannende und f&uuml;r die Zukunft vielversprechende ist, dass sie die L&ouml;sungen in die gleiche Richtung sehen, wie die zitierten Autoren:innen. Unzweideutig geht es ihnen darum, zu Mensch und Natur Sorge zu tragen.</p>
<h2>In der Gemeinschaft muss beginnen &hellip;</h2>
<p>Die Sorge um die Zukunft f&ouml;rdert die Suche nach Modellen, die die Sorge um die Erhaltung unserer Lebensgrundlagen und die Gesundheit der Menschen ins Zentrum stellen. Deutlich kommt das in den Vorschl&auml;gen der oben zitierten Autoren:innen zum Ausdruck. Es kommt aber auch in einer deutlichen Zunahme der Sorgenden Gemeinschaften bzw. Caring Communities, vor allem im deutschsprachigen Raum, zum Ausdruck.</p>
<blockquote class="f2-sidequote"><p>Die Sorge um die Zukunft f&ouml;rdert die Suche nach Modellen, die die Sorge um die Erhaltung unserer Lebensgrundlagen und die Gesundheit der Menschen ins Zentrum stellen.</p></blockquote>
<p>Die Entstehung dieser Gemeinschaften erfolgt aus ganz verschiedenen Anl&auml;ssen, gemeinsam ist ihnen jedoch, dass ihre Initianten:innen einen konkreten Bedarf feststellen, um in ihrem Lebensbereich eine Verbesserung des Zusammenlebens, der Unterst&uuml;tzung schw&auml;cherer Menschen, die Vertiefung der Beziehungen und die Verminderung der Einsamkeit usw. anzustreben. Diese Organisationen werden von Menschen getragen, die ein Problem sehen und bereit sind, zusammen mit anderen dieses zu l&ouml;sen oder mindestens zu mindern. Diese Grundhaltung baut auf der Kraft der Gemeinschaft auf. Das gemeinsame Tun ist eine ungemein kr&auml;ftige und nachhaltige Kraft und st&auml;rkt den Willen und die F&auml;higkeit dranzubleiben. Organisationen und Gemeinschaften, die diesen Werten und Grunds&auml;tzen folgen, haben eine starke und positive Ausstrahlung auf Ihre Umgebung.</p>
<p>Diese Entwicklung ist noch jung. Sie hat aber das Potenzial, dazu beizutragen, Gesellschaft und Demokratie zu st&auml;rken und ihr neue Impulse zu geben und sie in der Richtung zu entwickeln, wie sie Eisler, G&ouml;pel, Jackson, Fraser und viele andere w&uuml;nschen und beschreiben. Die Tatsache, dass Wissenschaft und Praxis den Weg in die Zukunft in die gleiche Richtung sehen, spricht f&uuml;r sie und macht Mut und Zuversicht f&uuml;r die Zukunft.</p>
<p>&nbsp;</p>
</body></html>
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		<title>Neue Lebenswelten: Zwischen Autarkie und magischen Technologien</title>
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		<pubDate>Sun, 14 Sep 2025 15:30:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ayad Al-Ani</dc:creator>
		
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				<description><![CDATA[Moderne Technologie ermöglicht es den Menschen, autarker zu leben als jemals zuvor. Es ist daher wenig verwunderlich, dass gerade technologisch affine Zukunftsvisionen weniger das Zusammengehen und Zusammenarbeiten von Individuen und Gruppen in neuen Gesellschaften in den Vordergrund stellen und eher eine dezentralisierte Lebenswelt skizzieren, in der das Individuum so leben kann, wie es möchte, und ...]]></description>
					<content:encoded><![CDATA[<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.0 Transitional//EN" "http://www.w3.org/TR/REC-html40/loose.dtd">
<html><body><p>Moderne Technologie erm&ouml;glicht es den Menschen, autarker zu leben als jemals zuvor. Es ist daher wenig verwunderlich, dass gerade technologisch affine Zukunftsvisionen weniger das Zusammengehen und Zusammenarbeiten von Individuen und Gruppen in neuen Gesellschaften in den Vordergrund stellen und eher eine dezentralisierte Lebenswelt skizzieren, in der das Individuum so leben kann, wie es m&ouml;chte, und mehr Ellenbogenfreiheit hat. Nat&uuml;rlich stellt sich die Frage, wie autark diese dezentralen Communities tats&auml;chlich sein werden: Hier entsteht durch zentrale Technologien die M&ouml;glichkeit, diese Communities auf subtile Art und Weise, &bdquo;magisch&ldquo;, zu steuern, ohne dass sie sich dessen bewusst werden.</p>
<h2>Sph&auml;ren &amp; Sch&auml;ume</h2>
<p>In Gesellschaften, in denen von Robo-Bossen geleitete, automatisierte Fabriken und Agri-Tech-Landwirtschaften, die Abdeckung von Grundbed&uuml;rfnissen &uuml;bernehmen, werden die Menschen frei, &bdquo;so zu leben, wie sie wollen&ldquo;, so das Szenario des Robotikwissenschaftlers Hans Moravec f&uuml;r die 2050er-Jahre. Dieser hatte bei dieser Betrachtung Schweizer Kantone, aber vor allem die arabischen Golfstaaten als Vorbilder im Blick, die durch ihre &Ouml;leinnahmen bereits heute asiatische Arbeiter als Robotersubstitute nutzen und so einen sorgenlosen Lebensstil f&uuml;r die Einheimischen erm&ouml;glichen.<span id="easy-footnote-32-13926" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/neue-lebenswelten-zwischen-autarkie-und-magischen-technologien/#easy-footnote-bottom-32-13926" title="Hans Moravec, Robot. Mere Machine to Transcendent Mind. New York 1999, S. 137ff."><sup>32</sup></a></span> Menschen w&uuml;rden sich also mit tendenziell Gleichgesinnten in kleineren, autarkeren Gemeinschaften zusammenschlie&szlig;en und diese den anonymen gro&szlig;en Gemeinschaften bevorzugen, zu denen es immer schwierig ist, eine &bdquo;direkte und unmittelbare Emotionalit&auml;t und Motivation&ldquo; zu empfinden.<span id="easy-footnote-33-13926" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/neue-lebenswelten-zwischen-autarkie-und-magischen-technologien/#easy-footnote-bottom-33-13926" title=" Dieter Claessens, Das Konkrete und das Abstrakte, Frankfurt/M. 1980, S. 17. "><sup>33</sup></a></span> Im Mittelpunkt dieser Community steht die dezentrale Energieproduktion. &bdquo;Erneuerbare-Energie-Gemeinschaften&ldquo; erm&ouml;glichen eine gewisse Autarkie und sind bereits mit heutigen Mitteln durchaus umsetzbar.<span id="easy-footnote-34-13926" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/neue-lebenswelten-zwischen-autarkie-und-magischen-technologien/#easy-footnote-bottom-34-13926" title="Kohai Saito, Systemsturz. Der Sieg der Natur &uuml;ber den Kapitalismus, M&uuml;nchen 2023, S. 193. Dieser Umbau wird eine &bdquo;neue&ldquo; Phase des Kapitalismus einleiten, da die Form der Energieproduktion auch die gesellschaftlichen Strukturen beeinflusst: Jeremy Rifkin, The Third Industrial Revolution. How Lateral Power is Transforming Energy, the Economy, and the World, New York 2011, S. 36. "><sup>34</sup></a></span> Die Mitglieder dieser &bdquo;Tribes&ldquo; werden trotz Automatisierung produktiv bleiben: Mit Hilfe K&uuml;nstlicher Intelligenz, Smart Machines und 3D-Druckern, welche unterschiedliche Produkte &bdquo;ausdrucken&ldquo;, produzieren sie f&uuml;r den eigenen Bedarf, aber auch f&uuml;r andere. Diese pers&ouml;nliche Produktion vermeidet zugleich lange Transportwege, Ausschuss und &Uuml;berproduktion.<span id="easy-footnote-35-13926" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/neue-lebenswelten-zwischen-autarkie-und-magischen-technologien/#easy-footnote-bottom-35-13926" title="Zu diesen &bdquo;pers&ouml;nlichen Produktionen&ldquo; bereits: Andr&eacute; Gorz, Ecology As Politics. London 1976."><sup>35</sup></a></span> Die Mitglieder der Community werden zudem kreativer: Anstatt nur Musik zu h&ouml;ren, mit Hilfe von KI selbst St&uuml;cke zu komponieren und zu editieren, anstatt Filme nur zu konsumieren, selbst als Avatar Rollen in diesen zu spielen. Betrachtungen zu einer autarken Gemeinschaft fanden zuletzt bei Hardt und Negri und ihren Skizzen zu MASCHINISCHEN COMMUNITIES eine neue demokratiepolitische Bewertung als Gegenentwurf zu hierarchischen Gesellschaftsmodellen und Hegemonien.<span id="easy-footnote-36-13926" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/neue-lebenswelten-zwischen-autarkie-und-magischen-technologien/#easy-footnote-bottom-36-13926" title="Michael Hardt &amp;amp; Antonio Negri, Assembly. Die neue demokratische Ordnung, Frankfurt/M. 2018. Weitergedacht k&auml;men f&uuml;r Hardt &amp;amp; Negri wohl Regierungsformen wie direkte Demokratie oder basisdemokratische Strukturen, kommunale Selbstverwaltung, netzwerkbasierte Governance, technokratische oder algorithmische Verwaltung, aber auch Hybridformen in Frage. Letztlich sind der m&ouml;glichen Vielfalt bei technologischer Autarkie aber wenig Grenzen gesetzt und sie sind auch abh&auml;ngig von historischen Einfl&uuml;ssen bzw. Erfahrungen und den Pers&ouml;nlichkeiten ihrer Mitglieder. Es k&ouml;nnte in Anlehnung an Philip J. Farmers &bdquo;Flusswelten&ldquo;-Zyklus genauso gut zu theokratische Enklaven, kultischen Pers&ouml;nlichkeitsregimen bis hin zu posthumanen Experimenten kommen, in denen die menschliche Regierung ganz aufgeben wird und Entscheidungen komplett an eine autonome Maschine delegiert, die als &amp;#8222;Instanz&amp;#8220; akzeptiert wird. Beispiel: Eine Community l&auml;sst eine KI die Nahrungsproduktion steuern und akzeptiert ihre &amp;#8222;Urteile&amp;#8220; als Gesetz. Generell kritisch gegen&uuml;ber derartigen Communities: Slavoy &#381;i&#382;ek, Der Mut der Hoffnungslosigkeit, Frankfurt/M. 2017, S. 80ff., welcher hier die Gefahr direkter Herrschaftsbeziehungen erkennt, im Gegensatz zu Marktbeziehungen, welche indirekte, unsichtbarere Herrschaft aus&uuml;ben. "><sup>36</sup></a></span> Diese Kommunen besitzen die notwendigen Produktionsmittel/Maschinen und sie werden sich mit anderen Gemeinschaften vernetzen, um notwendigen Austausch und Technologieentwicklung zu betreiben (Kleine-Welt-Modell). F&uuml;r die Schweiz existieren etwa Vorstellungen, welche das Land in sieben Regionen einteilen und ihren jeweiligen St&auml;dten, Quartieren und Nachbarschaften neu konfigurierte lokale, industrielle und landwirtschaftliche Kapazit&auml;ten sowie Dienstleistungen zuteilen. Diese Skizze beinhaltet auch Architekturen, etwa f&uuml;r zentrale R&auml;ume in Z&uuml;rich und Genf (Metro Foyers), welche Vertretungen anderer Zentren als auch &bdquo;Inventorien&ldquo; und &bdquo;Kooperatorien&ldquo; beinhalten, in welchen &ouml;ffentliche Projektentwicklungen stattfinden sollen (Abb. 1).<span id="easy-footnote-37-13926" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/neue-lebenswelten-zwischen-autarkie-und-magischen-technologien/#easy-footnote-bottom-37-13926" title="Neustart Schweiz, Nachbarschaften entwickeln, in: Neustartschweiz.ch (o.D.)."><sup>37</sup></a></span></p>
<p>&nbsp;</p>
<div id="attachment_13990" style="width: 1334px" class="wp-caption alignnone"><div class="img-wrapper wp-image-13990 size-full"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-13990" class="wp-image-13990 size-full" src="http://www.futur2.org/wp-content/uploads/2025/09/metrofoyer2.png" alt="Skizze eines Metro-Foyers f&uuml;r Z&uuml;rich, auf dem Areal des Globus-Provisoriums: Inder Halle des Erdgeschosses befinden sich Bars und Restaurants von Partnerst&auml;dten aus aller Welt, die zugleich als Informationszentren dienen. Weiter hinten ist die Empfangslobby der Stadt Z&uuml;rich. Im oberen Geschoss gibt es R&auml;ume f&uuml;r Parteien, NGOs, ein Stadtlabor, Sitzungszimmer und ein grosses Panoramarestaurant mit g&uuml;nstigen Preisen und einer gehobenen Gourmetabteilung." width="1324" height="859" srcset="https://www.futur2.org/wp-content/uploads/2025/09/metrofoyer2.png 1324w, https://www.futur2.org/wp-content/uploads/2025/09/metrofoyer2-520x337.png 520w, https://www.futur2.org/wp-content/uploads/2025/09/metrofoyer2-1000x649.png 1000w, https://www.futur2.org/wp-content/uploads/2025/09/metrofoyer2-768x498.png 768w" sizes="auto, (max-width: 1324px) 100vw, 1324px"></div><p id="caption-attachment-13990" class="wp-caption-text">Abb. 1. Metro-Foyer Z&uuml;rich. Quelle: neustartschweiz.ch</p></div>
<blockquote class="f2-sidequote"><p>Moderne Technologie erm&ouml;glicht es den Menschen, autarker zu leben als jemals zuvor.</p></blockquote>
<p>In der Architektur waren m&ouml;gliche neue Lebensverh&auml;ltnisse bereits seit den Automatisierungswellen der 1950er und 1960er Jahren thematisiert worden, oftmals jedoch verkn&uuml;pft mit einer ganz anderen Facette: Es war vor allem das Thema der Abkapselung bzw. Isolierung auff&auml;llig. F. Buckminster Fuller entwickelte etwa Kuppeln als Designelemente, unter denen die bedr&auml;ngte Natur und Menschen leben bzw. &uuml;berleben werden.<span id="easy-footnote-38-13926" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/neue-lebenswelten-zwischen-autarkie-und-magischen-technologien/#easy-footnote-bottom-38-13926" title="Vgl. Douglas Murphy, Last Futures. Nature, Technology and the End of Architecture, London 2022. "><sup>38</sup></a></span> Ihren Endpunkt fanden diese Designs in der in den 1970er Jahren popul&auml;ren Idee von gigantischen orbitalen Raumstationen, welche Hunderttausenden Menschen eine neue Heimat bieten sollten &ndash; dieses Projekt wurde trotz erfolgreicher Vorarbeiten abgeblasen, da die NASA sich f&uuml;r das kosteng&uuml;nstigere Raumshuttle-Projekt entschied.<span id="easy-footnote-39-13926" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/neue-lebenswelten-zwischen-autarkie-und-magischen-technologien/#easy-footnote-bottom-39-13926" title="Gerard K. O&amp;#8217;Neill, The High Frontier. Human Colonies in Space, New York 1976."><sup>39</sup></a></span> Peter Sloterdijk abstrahierte zuletzt derartige Konstrukte, um zu sozialen Konzepten wie sch&uuml;tzenden &bdquo;Sph&auml;ren&ldquo; bzw. &bdquo;Blasen&ldquo; zu gelangen, welche er auch als isolierende Reaktion auf die Globalisierung verstand.<span id="easy-footnote-40-13926" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/neue-lebenswelten-zwischen-autarkie-und-magischen-technologien/#easy-footnote-bottom-40-13926" title="Peter Sloterdijk, Sph&auml;ren III, Sch&auml;ume. 2004 Frankfurt/M. "><sup>40</sup></a></span> Und er f&uuml;gte das eher heitere Element des &bdquo;Schaums&ldquo; hinzu, um eine Verbindung dieser Sph&auml;ren zu beschreiben: Diese k&ouml;nnen sich &uuml;berlagern und sind durchl&auml;ssig &ndash; vergleichbar mit den Blasen in einem Schaum.</p>
<p>In j&uuml;ngster Zeit werden derartige Projekte vor allem unter dem Label der digitalen Smart-City konzipiert. Schlie&szlig;lich findet eine Vielzahl der Applikationen der Sozialen Medien innerhalb der Community bzw. Nachbarschaft ihr bestes Wirkungsgebiet (z.B. Mobilit&auml;tsplattformen).<span id="easy-footnote-41-13926" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/neue-lebenswelten-zwischen-autarkie-und-magischen-technologien/#easy-footnote-bottom-41-13926" title="Letztlich liegt hier ja der Kern der Demokratie: &bdquo;Democracy must begin at home, and its home is the neighborly community.&ldquo; John Dewey, The Public and its Problems, Athens/Oh. 2016, S. 229. "><sup>41</sup></a></span> Erste Proteste, welche diese Sph&auml;ren als Einengung empfinden &ndash; vor allem Widerst&auml;nde gegen die sog. 15-Minuten-Stadt, die Wege innerhalb des urbanen Raums reduzieren soll &ndash;, machen auf eine weitere Entwicklungsm&ouml;glichkeit aufmerksam: Die Community als autonome, aber vor allem elit&auml;re Blase, die sich gegen&uuml;ber Klimakatastrophen und Migrationsbewegungen bzw. generell Au&szlig;enstehenden verbarrikadieren kann und in Projekten wie etwa &bdquo;The Line&ldquo; in Saudi Arabien und den Seest&auml;dten Peter Thiels ihren Ausdruck findet.<span id="easy-footnote-42-13926" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/neue-lebenswelten-zwischen-autarkie-und-magischen-technologien/#easy-footnote-bottom-42-13926" title="Ayad Al-Ani: In Zukunft k&ouml;nnte es Unternehmensstaaten geben, in: zeit.de, September 2015. "><sup>42</sup></a></span> Die Dezentralisierung verliert hier zunehmend ihre befreiende Konnotation und entwickelt sich zur Idee einer Sph&auml;re, welche zwar autark und vielleicht nachhaltig sein mag, sich aber zugleich vor der Au&szlig;enwelt verschanzt. Die ultimative Sloterdijksche Blase.</p>
<h2>Letztes Abendmahl &amp; Magie</h2>
<p>Andererseits konzentriert sich die Entwicklung der Technologien dieser Communities heute zumeist in den H&auml;nden weniger Unternehmen, die in den jeweiligen konkurrierenden hegemonialen politischen Machtbl&ouml;cken angesiedelt sind. Schlie&szlig;lich sind diese Technologien derart kapitalintensiv und komplex, dass ihre Entwicklung &ndash; so eine Folgerung aus dem ber&uuml;hmten Marxschen Maschinenfragment &ndash; Ergebnis gesamtgesellschaftlicher Investitionen sein muss und hierzu umfassendes, gesellschaftliches Wissen (General Intellect) kapitalisiert wird, welches global nicht gleich verteilt ist.<span id="easy-footnote-43-13926" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/neue-lebenswelten-zwischen-autarkie-und-magischen-technologien/#easy-footnote-bottom-43-13926" title="Christian Lotz, Karl Marx. Das Maschinenfragment, Hamburg 2014, S. 10. &#381;i&#382;ek (a.a.O., S. 79) erkennt nat&uuml;rlich richtig, dass Marx die Privatisierung der gesellschaftlichen Intelligenz durch Google etc. nicht voraussah. "><sup>43</sup></a></span> Digitale Landwirtschaftssysteme sind hier ein Beispiel f&uuml;r monopolistische Technologien, welche sich &uuml;ber dezentrale Communities w&ouml;lben: Dem Bauern wird &uuml;ber eine App eine tagesaktuelle Satellitenauswertung mitgeteilt, welche anzeigt, welches Feld jetzt zu bew&auml;ssern und zu d&uuml;ngen ist. Im Gegenzug f&uuml;r die Informationen, welche etwa in Indien &uuml;ber Microsoft bereitgestellt werden, m&uuml;ssen dann online D&uuml;nger von BASF gekauft werden. In China sind &auml;hnliche Strukturen und Technologien im Einsatz: Hier wird die b&auml;uerliche Kommune zentral von einem staatlichen Unternehmen (Syngenta) mit Daten, Ratschl&auml;gen und chemischen Produkten versorgt.<span id="easy-footnote-44-13926" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/neue-lebenswelten-zwischen-autarkie-und-magischen-technologien/#easy-footnote-bottom-44-13926" title="Grain, Techno Feudalism Takes Root on the Farm in India and China, in: grain.org, 24.10.2024."><sup>44</sup></a></span></p>
<p>Die Investitionen in diese Technologie k&ouml;nnen riesenhaft sein und verlangen dann nach &uuml;berschaubaren und kontrollierbaren Strukturen. Ein historisches Vorbild hierf&uuml;r liefert die sog. &bdquo;Last Supper&ldquo;-Strategie. Diese basiert auf einem Abendessen des amerikanischen Verteidigungsministers im Pentagon mit R&uuml;stungsvertretern im Juli 1993, bei dem er seinen erstaunten G&auml;sten verk&uuml;ndete, dass er von ihnen erwartet, dass sich ihre Unternehmen zusammenschlie&szlig;en und so die Schaffung besser steuerbarer, quasi-monopolistischer Strukturen in der Industrie den Weg ebnen w&uuml;rden: Die Zahl der R&uuml;stungspartner wurde schlie&szlig;lich von 51 auf f&uuml;nf reduziert.<span id="easy-footnote-45-13926" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/neue-lebenswelten-zwischen-autarkie-und-magischen-technologien/#easy-footnote-bottom-45-13926" title="Mit aktuellen Bez&uuml;gen: Noah Robertson, The Pentagon Wants Industry to Transform Again to Meet Demand. Can It?, in: defensenews.com, 20.02.2024. Zu Entsprechungen in der KI-Industrie vgl. Interviews von Marc Andreessen etwa bei JRE (26.11.2024, 02:27:57)."><sup>45</sup></a></span></p>
<blockquote class="f2-sidequote"><p>Dabei werden quasi &bdquo;magische&ldquo; Technologien eingesetzt, welche v&ouml;llig neue Formen der Bewusstseinsbeeinflussung und -manipulation erm&ouml;glichen (Psyop-Kapitalismus).</p></blockquote>
<p>Trotz der M&ouml;glichkeiten der Dezentralisierung wird der Nationalstaat wohl keinesfalls &uuml;berfl&uuml;ssig sein. Er m&uuml;sse sich jedoch &ndash; so die Bef&uuml;rworter der Dezentralisierung &ndash; transformieren und zum &bdquo;Bef&auml;higer&ldquo; und &bdquo;Partner&ldquo; der Community werden, auch wenn &ndash; oder gerade, weil &ndash; er bereits unter Druck steht.<span id="easy-footnote-46-13926" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/neue-lebenswelten-zwischen-autarkie-und-magischen-technologien/#easy-footnote-bottom-46-13926" title="&ldquo;The transformed state becomes the enabler of cosmo-localism (&hellip;). It creates multistakeholder&lt;br /&gt;
coalitions that support domain-specific mutualization and localization efforts.&ldquo; P2P Wiki, Twitter Thread on the Role of the State in a Commons-Centric Society, in: wiki.p2pfoundation.net "><sup>46</sup></a></span> Die Zentralisierung technologischer Entwicklung wird dann zu einer Verschmelzung/Ann&auml;herung von staatlichen Strukturen und Technologieunternehmen f&uuml;hren k&ouml;nnen. Die resultierende TECHNOKRATIE kann zwar weiterhin demokratische Grundstrukturen aufweisen, hat allerdings bestimmte zus&auml;tzliche Charakteristika: In der Technokratie werden Positionen zunehmend &bdquo;nominiert&ldquo; und Experten haben eine gewichtige Rolle; schlie&szlig;lich gilt es Probleme unparteiisch durch wissenschaftliche und technische L&ouml;sungen anzugehen.<span id="easy-footnote-47-13926" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/neue-lebenswelten-zwischen-autarkie-und-magischen-technologien/#easy-footnote-bottom-47-13926" title="Neil Postman, Technopoly. The Surrender of Culture to Technology, New York 1992, S. 31, hatte die &bdquo;Unterscheidung zwischen moralischen und intellektuellen Werten&ldquo; als eine der wesentlichen S&auml;ulen der Technokratie definiert. Zu demokratisch-technokratische Strukturen in den USA: Parag Khanna, Technocracy in America. Rise of the Info-State, o.O. 2017. "><sup>47</sup></a></span> In diesem auf L&ouml;sung und Leistung fokussierten System spielt deshalb die Meritokratie eine zunehmend wichtige Rolle, was zwangsl&auml;ufig zur Unterteilung der Bev&ouml;lkerung in &bdquo;Smarte&ldquo; bzw. &bdquo;Leistungsf&auml;hige&ldquo; und diejenigen, die es trotz Zugang zu Bildung &bdquo;eben nicht geschafft haben&ldquo; (&bdquo;Deplorables&ldquo;), f&uuml;hren wird. Es werde &ndash; so ein Kritiker &ndash; den &bdquo;unteren Schichten&ldquo; dann zwar vielleicht Gerechtigkeit angeboten, es fehlt jedoch an Wertsch&auml;tzung und sozialer Anerkennung, was zu Spaltungen in der Gesellschaft f&uuml;hren wird.<span id="easy-footnote-48-13926" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/neue-lebenswelten-zwischen-autarkie-und-magischen-technologien/#easy-footnote-bottom-48-13926" title="Michael J. Sandel, Vom Ende des Gemeinwohls: Wie die Leistungsgesellschaft unsere Demokratien zerrei&szlig;t, Frankfurt/M. 2020, S. 329."><sup>48</sup></a></span> Um diese Spannungen und generell Widerst&auml;nde zu minimieren und handlungsf&auml;hig zu bleiben, ist erwartbar, dass Staaten Technologie auch zur Unkenntlichmachung von etwaigen Widerspr&uuml;chen f&uuml;r den Einzelnen, also zur &bdquo;unsichtbaren&ldquo; Beeinflussung eines vorgeblich autarken, kreativen und selbstbestimmten Individuums verwenden werden. Dabei werden quasi &bdquo;magische&ldquo; Technologien eingesetzt, welche v&ouml;llig neue Formen der Bewusstseinsbeeinflussung und -manipulation erm&ouml;glichen (Psyop-Kapitalismus). Wenn etwa KI eine Partnerin und Ratgeberin des Menschen in allen Lebensbelangen werden soll, wird sich die Technik auf das Individuum einstellen m&uuml;ssen, um personalisierte Vorschl&auml;ge zu machen.<span id="easy-footnote-49-13926" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/neue-lebenswelten-zwischen-autarkie-und-magischen-technologien/#easy-footnote-bottom-49-13926" title="F&uuml;r das Beispiel der KI als religi&ouml;se Ratgeberin: Ayad Al-Ani &amp;amp; Martin L&auml;tzel, KI als neue Religion, in: Stimmen der Zeit, Heft 7 Juli 2024, S. 485ff."><sup>49</sup></a></span> Dieser &bdquo;Lebenspartner&ldquo; geh&ouml;rt allerdings nicht dem Individuum, sondern den Technologiekonzernen. So ist es erwartbar, dass sich deren Interessen auch in den Ratschl&auml;gen widerspiegeln k&ouml;nnen: &bdquo;Eines Tages wird dein Avatar etwa zu dir sagen, &sbquo;Du siehst schlecht aus, proprobiere doch einmal diesen Monster Energy Drink &hellip;&lsquo;&ldquo;.<span id="easy-footnote-50-13926" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/neue-lebenswelten-zwischen-autarkie-und-magischen-technologien/#easy-footnote-bottom-50-13926" title=" Trevor Paglen, You&rsquo;ve Just been Fucked by Psyops, in: Media.ccc.de, 27.12. 2023. "><sup>50</sup></a></span></p>
<h2>Ein offenes Rennen?</h2>
<p></p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Vielleicht, aber nur vielleicht, ist Technologie diesmal so m&auml;chtig, dass die digitale Bef&auml;higung des Individuums zur selbstbestimmten Assoziation und Counter-Culture nicht mehr unterdr&uuml;ckt werden kann.</p></blockquote>Das Verh&auml;ltnis zwischen zentralen und dezentralen Ebenen wird abh&auml;ngig von zwei Ereignissen sein: Einerseits des Wettrennens zwischen dem digital aufgewerteten Individuum und der technologischen Kontrolle/Manipulation: Vielleicht, aber nur vielleicht, ist Technologie diesmal so m&auml;chtig, dass die digitale Bef&auml;higung des Individuums zur selbstbestimmten Assoziation und Counter-Culture nicht mehr unterdr&uuml;ckt werden kann. Technologie w&auml;re dann eine Art automatisierter Revolutionsagent: &bdquo;Was passiert, wenn jeder von uns das &Auml;quivalent des kl&uuml;gsten Menschen f&uuml;r jedes Problem in der Tasche hat?&ldquo;<span id="easy-footnote-51-13926" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/neue-lebenswelten-zwischen-autarkie-und-magischen-technologien/#easy-footnote-bottom-51-13926" title="Vgl. Brian Willems, Automating Economic Revolution: Robert Heinlein&rsquo;s The Moon is a Harsh Mistress, in: William Davies (Hrsg.), Economic Science Fiction, London 2018, S. 73&ndash;93. Das Zitat ist von Eric Schmidt: Office Chai, Vast Majority of Programmers Will be Replaced With AI Programmers in a Year, in: Officechai.com, 15.04.2025. Diese &bdquo;Versorgung&ldquo; des Individuums mit maschinischer Hilfe wird seitens des Silicon Valleys auch als eine Art &bdquo;Grundeinkommen&ldquo; betrachtet (Universal Basic Compensation): Kevin Okemwa. Microsoft&rsquo;s AI CEO Mustafa Suleyman Says We Won&rsquo;t Need Hard Dollars in the AI Era &ndash; Intelligence Will Be the Next Currency, in: Windowscentral.com, 17.4. 2025. "><sup>51</sup></a></span> Andererseits zwischen dem Kampf um das Eigentum an Technologie. Das Bestreben der Hegemonien, Technologie zu monopolisieren, w&uuml;rde einer wirklichen Dezentralisierung entgegenstehen. Und w&uuml;rde die Klimakrise nicht eine B&uuml;ndelung und Zentralisierung von Ressourcen und Macht verlangen? Andr&eacute; Gorz war sich bei den ersten Betrachtungen zur Umweltpolitik in den 1970ern klar, dass es hier nur zwei M&ouml;glichkeiten g&auml;be: Entweder assoziiert sich das Individuum selbst oder ein &uuml;berm&auml;chtiger Staat muss die notwendigen Anpassungen an die Klimakrise diktieren.<span id="easy-footnote-52-13926" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/neue-lebenswelten-zwischen-autarkie-und-magischen-technologien/#easy-footnote-bottom-52-13926" title="Gorz (a. a. O., S. 15). Er war hier m&ouml;glicherweise auch von den erstaunlichen Bemerkungen des Historikers der industriellen Revolution, Karl Polanyi, beeinflusst, welcher in seiner Betrachtung eine derartige widerspr&uuml;chliche Rolle des Staates fr&uuml;h erahnte: Indem der Schutz der Natur wichtiger w&uuml;rde, k&ouml;nnten Freiheiten eingeschr&auml;nkt werden. Polanyi pl&auml;dierte dann auch f&uuml;r &bdquo;Blasen&ldquo; des Widerstandes: &bdquo;Compulsion should never be absolute. The &lsquo;objector&rsquo; should be offered a niche to which he can retire &hellip;&rdquo; Karl Polanyi, The Great Transformation, London 1944, S. 371."><sup>52</sup></a></span>
</body></html>
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		<title>Dritte Orte: Eine Agentur für Demokratie in Zeiten gesellschaftlicher Polarisierung</title>
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		<pubDate>Sat, 30 Aug 2025 16:12:46 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Martin Lätzel</dc:creator>
		
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				<description><![CDATA[Was tun in einer Gesellschaft, die als zunehmend polarisiert wahrgenommen wird, in der Kommunikation immer schwieriger wird, weil der binäre Code fehlt und sich Systemlogiken derart selbstreferentiell gerieren, wie es derzeit der Fall ist? Die Demokratie wird infrage gestellt, manchmal nur, weil wir uns nicht mehr zuhören oder weil sich Menschen unerhört finden. Digitale Beschleunigung, ...]]></description>
					<content:encoded><![CDATA[<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.0 Transitional//EN" "http://www.w3.org/TR/REC-html40/loose.dtd">
<html><body><p>Was tun in einer Gesellschaft, die als zunehmend polarisiert wahrgenommen wird, in der Kommunikation immer schwieriger wird, weil der bin&auml;re Code fehlt und sich Systemlogiken derart selbstreferentiell gerieren, wie es derzeit der Fall ist? Die Demokratie wird infrage gestellt, manchmal nur, weil wir uns nicht mehr zuh&ouml;ren oder weil sich Menschen unerh&ouml;rt finden. Digitale Beschleunigung, soziale Netzwerke, eine immer m&auml;chtiger (manche bef&uuml;rchten sogar: allm&auml;chtiger werdende) k&uuml;nstliche Intelligenz f&uuml;hren zu Verunsicherung, &Auml;ngsten, Filterblasen und dem Gef&uuml;hl, ausgeliefert zu sein. Der implizite und explizite Vorwurf richtet sich dann zumeist auf &ouml;ffentliche und also staatliche Systeme, die vorgeblich Sicherheit und Gleichheit nicht mehr gew&auml;hren k&ouml;nnen. &bdquo;Ein demokratisches System nimmt im Ganzen Schaden, wenn die Infrastruktur der &Ouml;ffentlichkeit die Aufmerksamkeit der B&uuml;rger nicht mehr auf die relevanten und entscheidungsbed&uuml;rftigen Themen lenken und die Ausbildung konkurrierender &ouml;ffentlicher und das hei&szlig;t: qualitativ gefilterter Meinungen nicht mehr gew&auml;hrleisten kann.&ldquo;<span id="easy-footnote-53-13943" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/dritte-orte-eine-agentur-fuer-demokratie-in-zeiten-gesellschaftlicher-polarisierung/#easy-footnote-bottom-53-13943" title="J&uuml;rgen Habermas, &Uuml;berlegungen und Hypothesen zu einem erneuten Strukturwandel der &Ouml;ffentlichkeit. In: Leviathan 49, Sonderband 37 (2021), 470&ndash;500, 498."><sup>53</sup></a></span> Die Verinselung und ein digitales Biedermeier f&uuml;hren zum R&uuml;ckzug in private R&auml;ume, die Kommerzialisierung unserer Umgebung und mangelnde &Uuml;berschaubarkeit unserer Gegenwart f&uuml;hren zum Cocooning. Ein nicht zu untersch&auml;tzender Faktor sind im Ergebnis die von Steffen Mau et al. so benannten &bdquo;Triggerpunkte&ldquo;, also &bdquo;jene neuralgischen Stellen, an denen Meinungsverschiedenheiten hochschie&szlig;en, an denen Konsens, Hinnahmebereitschaft und Indifferenz in deutlich artikulierten Dissens, ja sogar Gegnerschaft umschlagen&ldquo;<span id="easy-footnote-54-13943" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/dritte-orte-eine-agentur-fuer-demokratie-in-zeiten-gesellschaftlicher-polarisierung/#easy-footnote-bottom-54-13943" title="Steffen Mau (et al.), Triggerpunkte. Konsens und Konflikt in der Gegenwartsgesellschaft, Berlin 2023, 246."><sup>54</sup></a></span>, verbunden mit emotionaler Reaktion oder gar Reaktanz.</p>
<blockquote class="f2-sidequote"><p>Wie kann es gelingen, den demokratischen Prozess nicht nur zu erhalten, sondern zu st&auml;rken? Wie kann es gelingen, unterschiedliche Interessenslagen zusammenzubringen, sodass ein akzeptierter Kompromiss m&ouml;glich ist? Wie kann das Einhalten von Vereinbarungen praktiziert werden in dem gleichzeitig unterschiedliche Perspektiven und Lebensentw&uuml;rfe Ber&uuml;cksichtigung finden?</p></blockquote>
<p>Ein Blick in die Wissenschaftsgeschichte f&uuml;hrt uns zu dem &bdquo;Begr&uuml;nder&ldquo; der deutschen Soziologie, Ferdinand T&ouml;nnies. Er unterscheidet in seiner bekanntesten Arbeit &bdquo;Gemeinschaft und Gesellschaft&ldquo; zwei idealtypische Formen sozialer Interaktion. &bdquo;Gemeinschaft&ldquo;, das sind enge, pers&ouml;nliche und direkte soziale Beziehungen, gepr&auml;gt durch gegenseitiges Vertrauen. Die &bdquo;Gesellschaft&ldquo; hingegen ist durch formale und zweckgerichtete Beziehungen gekennzeichnet, die auf Vertr&auml;gen und rechtlichen Verpflichtungen basiert. F&uuml;r T&ouml;nnies illustrierten die Begriffe den Wandel von traditionellen zu modernen Gesellschaften und die damit verbundenen sozialen Dynamiken.<span id="easy-footnote-55-13943" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/dritte-orte-eine-agentur-fuer-demokratie-in-zeiten-gesellschaftlicher-polarisierung/#easy-footnote-bottom-55-13943" title="Vgl. Ferdinand T&ouml;nnies, Gemeinschaft und Gesellschaft. 1880-1935., hrsg. v. Bettina Clausen und Dieter Haselbach, Berlin/Boston 2019 (Ferdinand T&ouml;nnies Gesamtausgabe, Band 2)."><sup>55</sup></a></span> Zu konstatieren ist, dass heute der gesellschaftliche Faktor &ndash; also die Einhaltung verbindlicher Normen und Regeln &ndash; infrage gestellt und die gemeinschaftliche Dimension mit ihren eigenen Dynamiken und dem Primat des Individuellen absolut gesetzt wird.</p>
<p>Die Diagnose ist bekannt und bleibt gleichwohl ern&uuml;chternd. Eine moderne Gesellschaft, so sie wahrhaft &bdquo;b&uuml;rgerlich&ldquo; ist, also ein Kollektiv von B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rgern, steht hier vor einer immensen Herausforderung. Wie kann es gelingen, den demokratischen Prozess nicht nur zu erhalten, sondern zu st&auml;rken? Wie kann es gelingen, unterschiedliche Interessenslagen zusammenzubringen, sodass ein akzeptierter Kompromiss m&ouml;glich ist? Wie kann das Einhalten von Vereinbarungen praktiziert werden in dem gleichzeitig unterschiedliche Perspektiven und Lebensentw&uuml;rfe Ber&uuml;cksichtigung finden?</p>
<p>Die Begriffe Verinselung und die Filterbubble machen deutlich, dass es an gemeinsamen R&auml;umen (analog wie virtuell) fehlt, in denen &uuml;berhaupt Dialog m&ouml;glich wird. Der Dialog tr&auml;gt zur Legitimit&auml;t des Systems bei. Norbert Elias hat den Begriff der &bdquo;Figuration&ldquo; in die Soziologie gebracht. Er besagt, dass die soziale Interaktion von unterschiedlichen Personen zu einem Ergebnis f&uuml;hren kann, welches einzelne nicht erreichen konnten. Aus diesen Interdependenzen wird sozusagen Macht &bdquo;gemacht&ldquo;.<span id="easy-footnote-56-13943" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/dritte-orte-eine-agentur-fuer-demokratie-in-zeiten-gesellschaftlicher-polarisierung/#easy-footnote-bottom-56-13943" title="Vgl. Wolfgang Sofsky / Rainer Paris, Figurationen sozialer Macht. Autorit&auml;t, Stellvertretung, Koalition, Frankfurt am Main 1994, 16."><sup>56</sup></a></span> Entwicklungen ergeben sich aus Wechselwirkungen von sozialen Figurationen.<span id="easy-footnote-57-13943" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/dritte-orte-eine-agentur-fuer-demokratie-in-zeiten-gesellschaftlicher-polarisierung/#easy-footnote-bottom-57-13943" title="Vgl. Norbert Elias, &Uuml;ber den Prozess der Zivilisation. 2 Bde., Frankfurt am Main 1976."><sup>57</sup></a></span> J&uuml;rgen Habermas spricht von Deliberation und meint einen &ouml;ffentlichen, argumentativen Austausch, bei dem B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger gemeinsam &uuml;ber politische Angelegenheiten beraten und abw&auml;gen. Auch hier ist zentral, dass es nicht vordergr&uuml;ndig um die Durchsetzung von Macht, eigenen Ansichten oder individuellen Interessen geht, sondern um die gemeinsame Suche nach dem besseren Argument und einer vern&uuml;nftigen, f&uuml;r alle nachvollziehbaren und akzeptablen L&ouml;sung.<span id="easy-footnote-58-13943" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/dritte-orte-eine-agentur-fuer-demokratie-in-zeiten-gesellschaftlicher-polarisierung/#easy-footnote-bottom-58-13943" title="Vgl. J&uuml;rgen Habermas, Theorie des kommunikativen Handelns, Frankfurt am Main 198.1"><sup>58</sup></a></span> Zusammengefasst l&auml;sst sich sagen, dass es R&auml;ume f&uuml;r Figuration und Deliberation zur St&auml;rkung und Legitimation der Demokratie ben&ouml;tigt.</p>
<p>Ein Begriff, der in diesem Kontext immer h&auml;ufiger f&auml;llt, ist der der sogenannten &bdquo;Dritte Orte&ldquo;, die als analoge R&auml;ume f&uuml;r Dialog und Diskurs an Bedeutung gewinnen k&ouml;nnen. Schauen wir uns an, was diese Orte ausmacht, welche Rolle die Raumdimension spielt und ob sie geeignet sind, als reale Plattformen Menschen zu vernetzen.</p>
<p></p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Der Dritte Ort ist ein Raum, der Menschen die M&ouml;glichkeit bietet, sich au&szlig;erhalb von Zuhause und Arbeit zu treffen, soziale Kontakte zu kn&uuml;pfen, Gemeinschaftsgef&uuml;hl zu erleben und am &ouml;ffentlichen Leben teilzunehmen</p></blockquote>Der Begriff des &bdquo;Dritten Ortes&ldquo; geht auf den US-amerikanischen Soziologen Ray Oldenburg zur&uuml;ck. In seinem Werk &bdquo;The Great Good Place* (1989) beschreibt er &bdquo;Dritte Orte&ldquo;<span id="easy-footnote-59-13943" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/dritte-orte-eine-agentur-fuer-demokratie-in-zeiten-gesellschaftlicher-polarisierung/#easy-footnote-bottom-59-13943" title="Vgl. Ray Oldenburg, The great good place. Philadelphia 1989"><sup>59</sup></a></span> als Treffpunkte, in denen sich Gemeinschaft (im Sinne des Kollektivs, nicht im T&ouml;nnies&rsquo;schen Sinne gesprochen) konstituieren kann, jenseits des Arbeitsplatzes oder des famili&auml;ren (r&auml;umlichen) Umfelds. F&uuml;r Oldenburg waren solche &bdquo;Dritten Orte&ldquo; Caf&eacute;s, Buchhandlungen, Bierg&auml;rten, Friseursalons oder sozial-kulturelle Zentren. Der Dritte Ort ist ein Raum, der Menschen die M&ouml;glichkeit bietet, sich au&szlig;erhalb von Zuhause und Arbeit zu treffen, soziale Kontakte zu kn&uuml;pfen, Gemeinschaftsgef&uuml;hl zu erleben und am &ouml;ffentlichen Leben teilzunehmen. An diesen Orten findet ein Ideenaustausch statt, sie bieten eine Gelegenheit zur sozialen Interaktion fernab der gewohnten privaten oder beruflichen Strukturen.
<p>Oldenburg beschreibt &bdquo;Dritte Orte&ldquo; als neutralen Boden, auf dem Menschen ungezwungen zusammenkommen k&ouml;nnen. Er betont die zentrale Bedeutung dieser Orte sowohl f&uuml;r das individuelle Wohlbefinden als auch f&uuml;r die Lebendigkeit der gesamten Gemeinschaft. Sie wirken der Isolation und Fragmentierung entgegen, die in modernen Gesellschaften verbreitet sind, und f&ouml;rdern ein Gef&uuml;hl der Zugeh&ouml;rigkeit und des gemeinsamen Interesses. Durch die F&ouml;rderung informeller Begegnungen und den Aufbau von Netzwerken st&auml;rken &bdquo;Dritte Orte&ldquo; das soziale Gef&uuml;ge und tragen zur allgemeinen Lebensqualit&auml;t bei.</p>
<p>Oldenburg benennt acht wesentliche Merkmale von &bdquo;Dritten Orten&ldquo;: Sie sind neutral aufgestellt und f&uuml;r jede Person zug&auml;nglich gestaltet, sie regen zu Gespr&auml;chen und zum Diskurs an, sind &ouml;rtlich leicht erreichbar und verf&uuml;gen &uuml;ber eine Ausstattung, die keinerlei Distinktion folgt. Typischerweise gibt es Gruppen, die sich regelm&auml;&szlig;ig treffen, ohne neu Ankommende zu exkludieren. &bdquo;Dritte Orte&ldquo; sind so zu gestalten, dass man sich &sbquo;zuhause f&uuml;hlt, ohne zuhause zu sein&lsquo; (Aat Vos), und sie werden oft als eine Art &bdquo;zweites Zuhause&ldquo; wahrgenommen.</p>
<p></p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Innerhalb der europ&auml;ischen Kulturgeschichte sind &bdquo;Dritte Orte&ldquo; eng mit der lokalen Identit&auml;t und der F&ouml;rderung demokratischer Werte (Versammlungsfreiheit) verkn&uuml;pft.</p></blockquote>An diesem Punkt muss die Diskussion ansetzen und weiterentwickelt werden. &bdquo;Dritte Orte&ldquo; sollen eigentlich zweckfrei sein. Doch die absolute Zweckfreiheit ist dann, wenn wir &bdquo;Dritte Orte&ldquo; als Begegnungsr&auml;ume der Demokratie und als Lernorte definieren, nicht durchzuhalten.<span id="easy-footnote-60-13943" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/dritte-orte-eine-agentur-fuer-demokratie-in-zeiten-gesellschaftlicher-polarisierung/#easy-footnote-bottom-60-13943" title="Vgl. Martin L&auml;tzel, Br&uuml;cken bauen. Die Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek&lt;br /&gt;
als Dritter Ort. In: Auskunft 44 (2024), 277-288."><sup>60</sup></a></span> Innerhalb der europ&auml;ischen Kulturgeschichte sind &bdquo;Dritte Orte&ldquo; eng mit der lokalen Identit&auml;t und der F&ouml;rderung demokratischer Werte (Versammlungsfreiheit) verkn&uuml;pft.
<p>Letztlich haben wir es mit einer Definitionsfrage zu tun und selbst Oldenborg sprach von einer demokratischen Funktion, die er als Fortf&uuml;hrung aus der amerikanischen Gesellschaftsgeschichte herleitetet. &bdquo;Third places play a broader role than that involving the political processes of a community. They have been parent to other forms of community affiliation and association that eventually coexist with them. [&hellip;] Free assembly does not begin, as so many writers on the subject seem to assume, with formally organized associations. It does not begin in the Labor Temple. [&hellip;] It does not begin in fraternal orders, reading circles, parent-teacher associations, or town halls. Those bodies are drawn from a prior habit of association nurtured in third places. In eighteenth-century America, the habit of association was engendered in the ordinaries, or the inns and taverns of the towns and along the waysides between the towns. It was fostered in gristmills and gunshops; in printers&lsquo; offices and blacksmith shops. The old country store provided the daily haunt for many a second-generation settler. To the stores and restaurants that hosted informal association were later added ice cream parlors, pool halls, and the big saloons. Schools and post offices were often the centers of public gathering. Emerging towns and cities were variously rich or poor in such informal village centers. Those that lacked them had little or no social life as a result.&ldquo;<span id="easy-footnote-61-13943" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/dritte-orte-eine-agentur-fuer-demokratie-in-zeiten-gesellschaftlicher-polarisierung/#easy-footnote-bottom-61-13943" title=" Oldenburg, 72."><sup>61</sup></a></span></p>
<p></p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Dritte Orte sind in diesem Verst&auml;ndnis weit mehr als blo&szlig;e Treffpunkte. Sie sind Orte lebendiger Demokratie.</p></blockquote> &bdquo;Dritte Orte&ldquo; sind in diesem Verst&auml;ndnis weit mehr als blo&szlig;e Treffpunkte. Sie sind Orte lebendiger Demokratie. Die Theorie kann zur Grundlage werden, &ouml;ffentlichen Raum f&uuml;r die Teilhabe, die Figuration, die Deliberation und vor allem, f&uuml;r den lebendigen Austausch ohne Konsumzwang, aber mit einem fundierten Bildungsangebot zur Verf&uuml;gung zu stellen. Pr&auml;destiniert f&uuml;r diesen Weg sind insbesondere Bibliotheken und Volkshochschulen, und zwar aus dreierlei Gr&uuml;nden: Erstens sind sie fast fl&auml;chendeckend und auch in l&auml;ndlichen Gegenden vorhanden<span id="easy-footnote-62-13943" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/dritte-orte-eine-agentur-fuer-demokratie-in-zeiten-gesellschaftlicher-polarisierung/#easy-footnote-bottom-62-13943" title='Wir wollen hier explizit nicht nur auf die Stadtgesellschaft rekurrieren. Vgl. Ministerium f&uuml;r Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen (Hrsg.), Dritte Orte. H&auml;user f&uuml;r Kultur und Begegnung im l&auml;ndlichen Raum, D&uuml;sseldorf 2021, online: &lt;a href="https://www.mkw.nrw/system/files/media/document/file/broschuere_dritte_orte_onlineversion_einzelseiten.pdf" target="_blank" rel="noopener"&gt;https://www.mkw.nrw/system/files/media/document/file/broschuere_dritte_orte_onlineversion_einzelseiten.pdf&lt;/a&gt;'><sup>62</sup></a></span>, zweitens haben sie eine langj&auml;hrige Erfahrung und Tradition im informellen Lernen und drittens sind sie mit konkreten R&auml;umlichkeiten verkn&uuml;pft, die f&uuml;r neue Aufgaben eventuell nur marginal neugestaltet werden m&uuml;ssen. Bringt man den Ansatz einer Weiterentwicklung der Idee &bdquo;Dritter Orte&ldquo; mit den vorhandenen Institutionen der kulturellen Infrastruktur zusammen mit den &Uuml;berlegungen, die J&uuml;rgen Habermas formuliert hat, so kann der Auftrag, Diskursr&auml;ume zu entwickeln, dezidiert im Interesse der demokratischen &Ouml;ffentlichkeit liegen, denn &bdquo;ohne einen geeigneten Kontext finden die f&uuml;r eine demokratische Legitimation der Herrschaft wesentlichen Voraussetzungen deliberativer Politik keinen Halt [mehr, M.L.] in einer Bev&ouml;lkerung, von der doch &sbquo;alle Gewalt ausgehen&lsquo; soll. Regierungshandeln, Grundsatzurteile der Obergerichte, parlamentarische Gesetzgebung, Parteienkonkurrenz und freie politische Wahlen m&uuml;ssen auf eine aktive B&uuml;rgergesellschaft treffen, weil die politische &Ouml;ffentlichkeit in einer Zivilgesellschaft wurzelt, die &ndash; als der Resonanzboden f&uuml;r die reparaturbed&uuml;rftigen St&ouml;rungen wichtiger Funktionssysteme &ndash; die kommunikativen Verbindungen zwischen der Politik und deren gesellschaftlichen &sbquo;Umwelten&lsquo; herstellt. Die Zivilgesellschaft kann [&hellip;] f&uuml;r die Politik nur dann die Rolle einer Art von Fr&uuml;hwarnsystem &uuml;bernehmen, wenn sie die Akteure hervorbringt, die in der &Ouml;ffentlichkeit f&uuml;r die relevanten Themen der B&uuml;rger Aufmerksamkeit organisieren.&ldquo;<span id="easy-footnote-63-13943" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/dritte-orte-eine-agentur-fuer-demokratie-in-zeiten-gesellschaftlicher-polarisierung/#easy-footnote-bottom-63-13943" title="Habermas, &Uuml;berlegungen, 479."><sup>63</sup></a></span> In einer zunehmend fragmentierten Stadtgesellschaft bieten sie M&ouml;glichkeiten f&uuml;r intergenerationellen Austausch, Integration und das Aushandeln gesellschaftlicher Themen.<span id="easy-footnote-64-13943" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/dritte-orte-eine-agentur-fuer-demokratie-in-zeiten-gesellschaftlicher-polarisierung/#easy-footnote-bottom-64-13943" title='&lt;a href="https://koerber-stiftung.de/projekte/koerber-demografie-symposium/spotlight-demografie/dritte-orte/" target="_blank" rel="noopener"&gt;https://koerber-stiftung.de/projekte/koerber-demografie-symposium/spotlight-demografie/dritte-orte/&lt;/a&gt;'><sup>64</sup></a></span>
<p>Der faktische gesellschaftliche Mehrwert &bdquo;Dritter Orte&ldquo; manifestiert sich in ihrer Funktion als Foren (oder, um es in Analogie zur digitalen &Ouml;konomie zu setzen) Plattformen f&uuml;r Dialog und Diskurs. Sie bieten einen optimierten Rahmen, in dem vielf&auml;ltige Meinungen und Personen zwanglos aufeinandertreffen und (strittige) Themen verhandelt werden k&ouml;nnen, ohne dass unmittelbare Einm&uuml;tigkeit oder Konsens erforderlich werden. Insbesondere in unseren Zeiten gesellschaftlicher Polarisierung und demokratischer Legitimationskrisen, in denen digitale Echokammern und Filterblasen den &ouml;ffentlichen Diskurs pr&auml;gen, sind solche analogen Begegnungsr&auml;ume von unverzichtbarer Bedeutung. Hier k&ouml;nnen die &bdquo;Triggerpunkte&ldquo; thematisiert und unter Umst&auml;nden sachlich er&ouml;rtert werden, eine gute Begleitung und Moderation vorausgesetzt, was wiederum ein origin&auml;rer Ressourcenbeitrag &bdquo;Dritter Orte&ldquo; w&auml;re (in ihren Kapazit&auml;ten wie Bildungsangeboten, Workshops, Foren, Panels o.&auml;.). Sie bieten den r&auml;umlichen Rahmen, in dem das &bdquo;Miteinander der Unterschiedlichen&ldquo; gestaltet werden kann, eine &bdquo;Agency jenseits der Politik, die dennoch hoch politisch ist, [denn, Anm. M.L.] ohne diese Scharniere des gruppen&uuml;bergreifenden Austausches, ohne das Wirken der Zivilgesellschaft ist Integration durch Konflikte kaum denkbar&ldquo;.<span id="easy-footnote-65-13943" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/dritte-orte-eine-agentur-fuer-demokratie-in-zeiten-gesellschaftlicher-polarisierung/#easy-footnote-bottom-65-13943" title="Mau, 420."><sup>65</sup></a></span> Spontane und ungeplante, auch kontroverse Gespr&auml;che k&ouml;nnten zumindest zu einem zivilisierten Umgang mit der Differenz &ndash; die im &Uuml;brigen jegliches demokratisches Gemeinwesen ausmacht &ndash; verhelfen, wenn nicht sogar zu sozialen Lernprozessen f&uuml;hren. Die Bubble kann, Struktur im Diskurs vorausgesetzt, unter Umst&auml;nden argumentatorisch verlassen werden. &bdquo;Wom&ouml;glich legen diese [Strukturen und Aktivit&auml;ten in den dritten Orten] den Grundstein f&uuml;r weitere Begegnungen und schaffen im besten Fall Zug&auml;nge zu anderen gesellschaftlichen Teilsystemen.&ldquo;<span id="easy-footnote-66-13943" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/dritte-orte-eine-agentur-fuer-demokratie-in-zeiten-gesellschaftlicher-polarisierung/#easy-footnote-bottom-66-13943" title='Sabine Meier, Third Places: Sonderfall des &ouml;ffentlichen Raumes, in: Magazin Innenstadt 01/2021, 4-7, 5. Online: &lt;a href="https://www.innenstadt-nrw.de/fileadmin/user_upload/Service/Veroeffentlichungen/Magazin_Innenstadt/202101_Dritte_Orte/Mag01_21_Dritte_Orte_final_web.pdf" target="_blank" rel="noopener"&gt;https://www.innenstadt-nrw.de/fileadmin/user_upload/Service/Veroeffentlichungen/Magazin_Innenstadt/202101_Dritte_Orte/Mag01_21_Dritte_Orte_final_web.pdf&lt;/a&gt;'><sup>66</sup></a></span></p>
<p>&bdquo;Dritte Orte&ldquo; sind mehr als blo&szlig;e Treffpunkte, sie sind sogar mehr, als Oldenburg intendiert hat. Sie sind analoge soziale Labore innerhalb der demokratischen Gesellschaft, die gepr&auml;gt ist durch die digitale Transformation, eine zunehmende Beschleunigung und Komplexit&auml;t. Sie bieten eine neue M&ouml;glichkeit der (Um-)Weltwahrnehmung oder &bdquo;Resonanz&ldquo;, wie dies Hartmut Rosa benannt hat. &bdquo;Nicht das Erobern und Kontrollieren von Welt, sondern ihr Vernehmbarmachen gilt es in den Fokus des Handelns zu r&uuml;cken, und der Modus politischen Handelns sollte nicht von Motiven des Durchsetzens gegen andere und gegen die Welt, sondern von der Vision und Intention des kollektiven Gestaltens des Gemeinwissens bestimmt sein.&ldquo;<span id="easy-footnote-67-13943" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/dritte-orte-eine-agentur-fuer-demokratie-in-zeiten-gesellschaftlicher-polarisierung/#easy-footnote-bottom-67-13943" title="Hartmut Rosa, Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung, Berlin 2019, 732."><sup>67</sup></a></span> In einem von Konsumzwang befreiten und prinzipiell herrschaftsfreien, demokratisch legitimierten Raum ist ein kollektives Gestalten m&ouml;glich. Diese Begegnungs- und Austauschorte leisten einen wesentlichen Beitrag zur Vorbeugung gesellschaftlicher Polarisierung und zur St&auml;rkung des sozialen Zusammenhalts. In einer &Auml;ra, in der der &ouml;ffentliche Diskurs fast unm&ouml;glich erscheint, stellen &bdquo;Dritte Orte&ldquo; einen unverzichtbaren Beitrag f&uuml;r eine lebendige, demokratische und resiliente Gesellschaft dar.</p>
</body></html>
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		<title>Weiberwirtschaft? Ein gutes Leben für ALLE – und was das mit einem Frauenverband zu tun hat</title>
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		<pubDate>Tue, 09 Sep 2025 14:03:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Maria Terbeck</dc:creator>
		
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				<description><![CDATA[Was ist eigentlich ein gutes Leben? Bei der kfd, einem großen Frauenverband, sind wir uns einig, dass Menschenwürde, Solidarität, gute Beziehungen und Gemeinschaft, ökologische Nachhaltigkeit, gleiche Rechte und Teilhabe ALLER unbedingt dazu gehören. Allerdings sehen wir uns aktuell einer Vielzahl von Herausforderungen gegenüber, die nicht gerade für ein gutes Leben stehen: Klimawandel, die Bedrohungen von ...]]></description>
					<content:encoded><![CDATA[<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.0 Transitional//EN" "http://www.w3.org/TR/REC-html40/loose.dtd">
<html><body><p>Was ist eigentlich ein gutes Leben?</p>
<p>Bei der kfd, einem gro&szlig;en Frauenverband, sind wir uns einig, dass Menschenw&uuml;rde, Solidarit&auml;t, gute Beziehungen und Gemeinschaft, &ouml;kologische Nachhaltigkeit, gleiche Rechte und Teilhabe ALLER unbedingt dazu geh&ouml;ren.</p>
<p>Allerdings sehen wir uns aktuell einer Vielzahl von Herausforderungen gegen&uuml;ber, die nicht gerade f&uuml;r ein gutes Leben stehen: Klimawandel, die Bedrohungen von rechts, fehlender Zusammenhalt in der Gesellschaft, zunehmender Pflegenotstand oder Wohnungsnot: Vieles scheint nahezu un&uuml;berwindbar &ndash; sowohl aus globaler Perspektive als auch auf nationaler Ebene. Neben dem Gegensatz von arm und reich erschrecken auch diskriminierende Strukturen, die Frauen, queere Menschen ebenso benachteiligen wie Menschen mit Migrationsgeschichte oder Behinderungen. Als Frauenverband setzen wir uns t&auml;glich mit solchen Ungerechtigkeiten und Ungleichheiten auseinander, denen Frauen immer noch und immer wieder ausgesetzt sind. Dies ist nicht nur ethisch fragw&uuml;rdig, sondern bringt auch einen immensen Schaden f&uuml;r unser Zusammenleben und ein gesellschaftliches Zusammenwirken mit sich.</p>
<blockquote class="f2-sidequote"><p>Als Frauenverband setzen wir uns t&auml;glich mit solchen Ungerechtigkeiten und Ungleichheiten auseinander, denen Frauen immer noch und immer wieder ausgesetzt sind. Dies ist nicht nur ethisch fragw&uuml;rdig, sondern bringt auch einen immensen Schaden f&uuml;r unser Zusammenleben und ein gesellschaftliches Zusammenwirken mit sich.</p></blockquote>
<p>Warum leistet sich eine Gesellschaft solche Risiken? Denn insbesondere die soziale Ungleichheit bietet viel Sprengstoff f&uuml;r unsere Gesellschaft. Warum f&auml;llt es ihr so schwer, sich dem Thema zu stellen und tats&auml;chlich Ver&auml;nderungen herbeizuf&uuml;hren?</p>
<p>In den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts war ich f&uuml;r einen l&auml;ngeren Zeitraum in Brasilien. Im Rahmen meines Studiums habe ich mich dann intensiv mit Einkommensverteilungen auseinandergesetzt und hier ein besonderes Augenmerk auf Brasilien gelegt. Anders als damals in Deutschland war die Ungleichverteilung von Einkommen und Verm&ouml;gen in Brasilien seinerzeit sehr stark ausgepr&auml;gt. Begleitet wurde sie durch diskriminierende, rassistische und frauenfeindliche Strukturen, sehr ungleiche Chancen auf Bildung und Teilhabe, korrupte Strukturen in der Politik und ein zunehmend neoliberal gepr&auml;gtes Wirtschaftssystem. Neben kolonialen Verm&auml;chtnissen und ausbeuterischer globaler Wirtschaftsweise war die Politik seinerzeit in Brasilien jedoch nicht willens oder in der Lage, dieser Ungleichheit etwas entgegenzusetzen.<span id="easy-footnote-68-13957" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/weiberwirtschaft-ein-gutes-leben-fuer-alle-und-was-das-mit-einem-frauenverband-zu-tun-hat/#easy-footnote-bottom-68-13957" title="Auf eine detaillierte Beschreibung der Ursachen f&uuml;r die Ungleichverteilung wird an dieser Stelle verzichtet."><sup>68</sup></a></span></p>
<p>Viele der Ph&auml;nomene, die seinerzeit in Brasilien zu beobachten waren, wie eben die Einkommens- und Verm&ouml;gensverteilung, aber auch soziale Ungleichheit oder ein unbefriedigendes Bildungssystem mit ungleichen Chancen, sehen wir heute in unserer Gesellschaft. Und die Entwicklung dahin ist seit langem absehbar. Trotzdem haben wir die Risiken, die eine solche Entwicklung f&uuml;r die gesamte Gesellschaft mit sich bringen, in Kauf genommen. Nun sind alle von den extremen Auspr&auml;gungen betroffen und diese machen Angst. Trotzdem scheint ein Umsteuern schwerzufallen.</p>
<p>Entscheidend daf&uuml;r ist sicherlich das Wirtschaftssystem und die Art und Weise, wie sehr die Wirtschaft im Vordergrund steht.</p>
<p></p><blockquote class="f2-sidequote"><p>W&auml;hrend der Wende gab es wenig Diskussion dar&uuml;ber, welches Wirtschaftssystem das richtige ist. Es schien gesetzt zu sein, dass es nur das kapitalistische sein kann.</p></blockquote>W&auml;hrend der Wende gab es wenig Diskussion dar&uuml;ber, welches Wirtschaftssystem das richtige ist. Es schien gesetzt zu sein, dass es nur das kapitalistische sein kann. Dementsprechend richtete sich die Politik auch eben daran aus. Der Neoliberalismus war nicht zu stoppen und volkswirtschaftliche Prinzipien, wie die Existenz meritorischer G&uuml;ter<span id="easy-footnote-69-13957" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/weiberwirtschaft-ein-gutes-leben-fuer-alle-und-was-das-mit-einem-frauenverband-zu-tun-hat/#easy-footnote-bottom-69-13957" title="Meritorische G&uuml;ter sind Waren und Dienstleistungen, die sich nicht daf&uuml;r eignen, &uuml;ber den Markt gehandelt zu werden, denn ein Ausgleich von Angebot und Nachfrage funktioniert nicht. Beispiele daf&uuml;r sind Umwelt/Klima oder Gesundheitsleistungen."><sup>69</sup></a></span>&nbsp;wurde nicht mehr beachtet. Es wurde viel privatisiert und auf die Kraft des Marktes gesetzt. Die Folgen dieser Privatisierungen sp&uuml;ren wir heute sehr stark, z.&nbsp;B. am Pflegenotstand oder am Klimawandel. Die Kosten werden externalisiert und Frauen sind von den Auswirkungen erwiesenerma&szlig;en deutlich st&auml;rker betroffen als M&auml;nner.
<p>Unterst&uuml;tzt wird dies bis heute durch eine Ausrichtung der Wirtschaftslehre an der neoklassischen Theorie. Diese ist grunds&auml;tzlich als theoretischer Hintergrund hilfreich, aber aufgrund ihrer Pr&auml;missen und Bedingungen nicht geeignet, so in die Realit&auml;t umgesetzt zu werden. Leider nutzen trotzdem immer noch einige Politiker genau dieses Narrativ des Marktes im Sinne der neoklassischen Theorie f&uuml;r ihr Handeln. Dies f&uuml;hrt dann zu weiteren Reduzierungen von Sozialleistungen oder dem Abbau eines solidarischen Sozialsystems. Die Dominanz einer &ouml;konomischen Sicht auf die Welt ist un&uuml;bersehbar und selbst Finanzcrashs f&uuml;hren nicht dazu, dass das System hinterfragt wird.</p>
<p>Muss das so sein oder gibt es auch Alternativen dazu?</p>
<p>Klare Antwort: Ja, die gibt es!</p>
<p></p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Hier m&ouml;chte ich die Gemeinwohl-&Ouml;konomie herausheben, da sie ein umfassendes alternatives und enkeltaugliches Wirtschaftssystem darstellt.</p></blockquote>Hier m&ouml;chte ich die Gemeinwohl-&Ouml;konomie herausheben, da sie ein umfassendes alternatives und enkeltaugliches Wirtschaftssystem darstellt. Interessanterweise ist eine Ausrichtung des Wirtschaftens am Gemeinwohl in vielen Verfassungen &ndash; sowohl denen der Bundesl&auml;nder als auch im Grundgesetz &ndash; bereits festgeschrieben. Es gibt dar&uuml;ber hinaus weitere sehr gute und wichtige Ans&auml;tze, mit denen es zahlreiche Gemeinsamkeiten und &Uuml;berschneidungen gibt.<span id="easy-footnote-70-13957" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/weiberwirtschaft-ein-gutes-leben-fuer-alle-und-was-das-mit-einem-frauenverband-zu-tun-hat/#easy-footnote-bottom-70-13957" title="Exemplarisch seien hier die Postwachstums- und die Donut-&Ouml;konomie genannt oder die Ans&auml;tze f&uuml;r Kehrtwenden im neuen Bericht an den Club of Rome (&bdquo;Earth for All&ldquo;)."><sup>70</sup></a></span> Aber unabh&auml;ngig davon, wo der jeweilige Schwerpunkt liegt: Die Haltung ist entscheidend &ndash; die Wirtschaft muss menschlicher, sozialer und verteilungsgerechter, nachhaltiger, demokratischer und ethischer werden!<span id="easy-footnote-71-13957" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/weiberwirtschaft-ein-gutes-leben-fuer-alle-und-was-das-mit-einem-frauenverband-zu-tun-hat/#easy-footnote-bottom-71-13957" title='Eine sehr gute Einf&uuml;hrung in die GW&Ouml; gibt das Buch &bdquo;Gemeinwohl-&Ouml;konomie&ldquo; von Initiator Christian Felber und die Website &lt;a href="https://germany.econgood.org/"&gt;https://germany.econgood.org/&lt;/a&gt; [abgerufen: 16.09.2025].'><sup>71</sup></a></span>
<p>Zweck der Gemeinwohl-&Ouml;konomie, auch GW&Ouml; genannt, ist ein gutes Leben f&uuml;r ALLE. Sie basiert auf Kooperation und auf fairem Umgang mit Mitarbeiter*innen, Kund*innen, Lieferant*innen und allen weiteren Ber&uuml;hrungsgruppen von der Mikro- bis zur Makroebene. Eine besondere Bedeutung kommt dabei auch den Unternehmen zu als wichtigen Akteuren im Wirtschaftssystem. Die GW&Ouml; zeichnet sich durch eine Komplexit&auml;t aus, die dem Verst&auml;ndnis des gesamten Systems angemessen ist.</p>
<p></p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Es geht nicht darum, dass ich pers&ouml;nlich den gr&ouml;&szlig;ten Nutzen oder Profit von einer Transaktion habe. Es geht darum, wie ich so einkaufen, verkaufen oder Dienstleistungen erbringen kann, dass auch alle anderen Beteiligten sich fair behandelt f&uuml;hlen und ausk&ouml;mmlich beteiligt sind. Geld ist nicht Selbstzweck &ndash; wie wir es heute oftmals erleben &ndash;, sondern nur ein Mittel zum Zweck.</p></blockquote>Voraussetzung f&uuml;r einen Ver&auml;nderungsprozess hin zu einer solchen Wirtschaftsweise ist auf jeden Fall ein Haltungsprozess: Es geht nicht darum, dass ich pers&ouml;nlich den gr&ouml;&szlig;ten Nutzen oder Profit von einer Transaktion habe. Es geht darum, wie ich so einkaufen, verkaufen oder Dienstleistungen erbringen kann, dass auch alle anderen Beteiligten sich fair behandelt f&uuml;hlen und ausk&ouml;mmlich beteiligt sind. Geld ist nicht Selbstzweck &ndash; wie wir es heute oftmals erleben &ndash;, sondern nur ein Mittel zum Zweck.
<p>Die zentralen Werte der GW&Ouml; und allen Handelns im Sinne des Gemeinwohls sind:</p>
<ul>
<li>Menschenw&uuml;rde</li>
<li>Solidarit&auml;t und Gerechtigkeit</li>
<li>&Ouml;kologische Nachhaltigkeit</li>
<li>Transparenz und Mitbestimmung</li>
</ul>
<p>Diese Werte sind nicht nur Schlagw&ouml;rter, sondern sie bestimmen das allt&auml;gliche Handeln und werden auch &uuml;berpr&uuml;ft.</p>
<p>Einige Beispiele f&uuml;r Ansatzpunkte sind etwa:</p>
<ul>
<li>Gehaltsgef&uuml;ge in einem Unternehmen: Wie gro&szlig; ist die Spannweite zwischen h&ouml;chstem und niedrigstem Einkommen? Je kleiner der Faktor, desto gerechter (derzeit erleben wir jedoch sehr gro&szlig;e Unterschiede)</li>
<li>Mitbestimmung von Mitarbeiter*innen</li>
<li>Sinnstiftende Arbeitspl&auml;tze</li>
<li>Mitbestimmung von Kund*innen und Lieferant*innen, z.&nbsp;B. bei der Produktentwicklung</li>
<li>faire, &ouml;kologisch nachhaltige und durchg&auml;ngig bekannte Lieferketten</li>
<li>&ouml;kologisch und sozial nachhaltige Geldanlagen</li>
</ul>
<p></p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Inzwischen haben sich zahlreiche Unternehmen, Organisationen und selbst Kommunen bilanzieren lassen und arbeiten nach den Prinzipien der GW&Ouml;.</p></blockquote>Die GW&Ouml;-Community ist eine internationale Bewegung mit dem Ziel, die GW&Ouml; auch in der Politik zu verankern. Auf EU-Ebene gab es ebenso wie im Koalitionsvertrag der Ampel-Regierung bereits Bestrebungen und Ans&auml;tze dazu. Leider ist im aktuellen Koalitionsvertrag zu GW&Ouml;-Zielen nur sehr wenig zu finden. Dennoch gibt es ermutigende Erfolge. Inzwischen haben sich zahlreiche Unternehmen, Organisationen und selbst Kommunen bilanzieren lassen und arbeiten nach den Prinzipien der GW&Ouml;. Beispiele daf&uuml;r sind Vaude oder Werkhaus, aber auch lokale Unternehmen oder die Wirtschaftsf&ouml;rderung M&uuml;nster.<span id="easy-footnote-72-13957" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/weiberwirtschaft-ein-gutes-leben-fuer-alle-und-was-das-mit-einem-frauenverband-zu-tun-hat/#easy-footnote-bottom-72-13957" title="Ein Prinzip der GW&Ouml; ist Transparenz &ndash; somit k&ouml;nnen alle Unternehmen, Organisationen und Kommunen auf der Website eingesehen werden."><sup>72</sup></a></span>&nbsp;Au&szlig;erdem gelingt es zunehmend gerade auf kommunaler Ebene, dass die GW&Ouml; als Instrument mit in den Blick genommen wird.
<p>Aktuelle Messinstrumente beschr&auml;nken sich zwar oftmals auf eine quantitative, rein an Euro-Betr&auml;gen ausgerichtete Richtgr&ouml;&szlig;e, sagen aber nichts &uuml;ber die Qualit&auml;t des Wirtschaftens oder des Unternehmenserfolgs aus. Wirtschaftswachstum kann auch mit umweltzerst&ouml;renden Industrien oder mit der Herstellung von (Atom-)Waffen erzielt werden. Ob diese den Wohlstand oder ein gutes Leben f&uuml;r ALLE bedeuten, darf aber bezweifelt werden. Genauso ist es auf Unternehmensebene oder bei der Betrachtung einzelner Investitionen. Alle Unternehmen m&uuml;ssen Finanzbilanzen erstellen, aber auch diese sagt nichts &uuml;ber einen potenziellen Beitrag zum Gemeinwohl aus.</p>
<p>Instrument zur Orientierung, aber auch zur &Uuml;berpr&uuml;fung ist die Gemeinwohlmatrix, in der die zentralen Werte zu den Ber&uuml;hrungsgruppen in Beziehung gesetzt werden.</p>
<p>Daraus ergeben sich alternative Messinstrumente, die eben genau diese Ausrichtung am Gemeinwohl abbilden:</p>
<ul>
<li>Makroebene: Gemeinwohl-Produkt vs. BIP (Bruttoinlandsprodukt)</li>
<li>Mesoebene: Gemeinwohl-Bilanz vs. Finanzbilanz</li>
<li>Mikroebene: Beitrag einer Investition zum Gemeinwohl vs. RoI (Return on Investment)</li>
</ul>
<p>Die kfd im Bistum M&uuml;nster hat eine solche Gemeinwohlbilanz mit positivem Ergebnis erstellt. Aber warum erstellt ein Frauenverband &uuml;berhaupt eine solche Bilanz?</p>
<p>Auch wenn die kfd als Verband kein profitorientiertes Unternehmen ist, ist sie doch Akteurin im &ouml;konomischen System:</p>
<ul>
<li>Sie kauft ein und hat somit Einfluss auf die Lieferketten.</li>
<li>Sie ist Arbeitgeberin und somit verantwortlich f&uuml;r die Bezahlung und Mitbestimmung der Mitarbeiter*innen.</li>
<li>Sie erbringt Leistungen und pflegt somit einen Umgang mit Kund*innen.</li>
<li>Sie hat Mitglieder und entscheidet, wie demokratische Teilhabe und Transparenz im Verband gelebt wird.</li>
<li>Sie will authentischer Lobby-Verband f&uuml;r Frauen* sein, hat Einfluss auf sein Handeln und die gesellschaftliche Wirkung.</li>
</ul>
<p>Als Frauenverband setzt sich die kfd f&uuml;r Gleichstellung und Solidarit&auml;t in Gesellschaft und Kirche ein, konkret etwa f&uuml;r gleiche Bezahlung und gleiche Chancen. Dementsprechend ist eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf und ein gerechtes Entlohnungssystem mit einer sehr geringen Spannweite zwischen den Einkommen selbstverst&auml;ndlich. Die kfd setzt sich ein f&uuml;r demokratische Teilhabe von Frauen. Das demokratische Prinzip mit gr&ouml;&szlig;tm&ouml;glicher Transparenz ist deshalb ein Muss. Solidarit&auml;t und Sch&ouml;pfungsverantwortung haben nat&uuml;rlich zur Folge, dass die eigenen Lieferketten analysiert und entsprechend ausgerichtet werden. Dies ist mit Blick auf den gesellschaftlichen Impact und den &bdquo;Social Return on Investment&ldquo; unabdingbar f&uuml;r den Zusammenhalt und f&uuml;r eine gerechte und solidarische Gesellschaft.</p>
<p></p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Die Lebenswelten von Frauen haben sich grundlegend ver&auml;ndert und es bestehen ganz andere Bed&uuml;rfnisse und Notwendigkeiten als noch vor einigen Jahren.</p></blockquote>Traditionelle Vereinsstrukturen werden auch in einem Frauenverband in Zukunft nicht mehr in der Form funktionieren, wie sie das in der Vergangenheit getan haben. Die Lebenswelten von Frauen haben sich grundlegend ver&auml;ndert und es bestehen ganz andere Bed&uuml;rfnisse und Notwendigkeiten als noch vor einigen Jahren. Dies bringt gesellschaftliche Umbr&uuml;che mit sich. Daher stellt sich die kfd im Bistum M&uuml;nster gerade einem intensiven Zukunfts- und Ver&auml;nderungsprozess. Die kfd entwickelt neue Ans&auml;tze und Bet&auml;tigungsfelder, um die Zukunftsf&auml;higkeit sicherzustellen. Damit wird die kfd auch ihr Dienstleistungsspektrum erweitern und tritt damit am Markt auf. Dies geschieht immer vor dem Hintergrund der F&ouml;rderung der Geschlechtergerechtigkeit und Gleichstellung von Frauen*.
<p>Sei es die katholische Soziallehre, sei es das Evangelium, sei es ein intrinsisches Gerechtigkeitsbed&uuml;rfnis und der Wunsch nach Solidarit&auml;t und Gleichberechtigung: Es gibt sehr viele Ansatzpunkte f&uuml;r einen Frauenverband, im Sinne der Gemeinwohl-&Ouml;konomie zu agieren und f&uuml;r Gleichstellung zu k&auml;mpfen. Wenn es dar&uuml;ber hinaus gelingt, die GW&Ouml; damit weiter zu etablieren &ndash; vielleicht auch in Bereichen, in denen sie bisher noch keine Rolle spielte &ndash; kann dies ein bedeutender Beitrag sein zu mehr Gerechtigkeit, mehr Solidarit&auml;t und mehr &ouml;kologischer Nachhaltigkeit. Und das zum Wohl aller Frauen* und f&uuml;r ein gutes Leben f&uuml;r ALLE. Und das ist doch was, oder?</p>
</body></html>
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		<title>Wege zu einer sorgenden Gesellschaft: Modelle für ein zukunftsfähiges Miteinander</title>
		<link>https://www.futur2.org/article/wege-zu-einer-sorgenden-gesellschaft-modelle-fuer-ein-zukunftsfaehiges-miteinander/</link>
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		<pubDate>Fri, 12 Sep 2025 21:17:23 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Peter Zängl</dc:creator>
		
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				<description><![CDATA[1. Die Suche nach dem dritten Weg Unsere Gesellschaft steckt in einem Paradox: Nie waren die technischen Möglichkeiten für ein gutes Leben für alle größer, nie war das Bewusstsein für globale Herausforderungen ausgeprägter – und gleichzeitig scheinen die bewährten Lösungsmodelle an ihre Grenzen zu stoßen. Der Markt verspricht Wohlstand, produziert aber Ungleichheit und ökologische Zerstörung. ...]]></description>
					<content:encoded><![CDATA[<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.0 Transitional//EN" "http://www.w3.org/TR/REC-html40/loose.dtd">
<html><body><h2><strong>1. Die Suche nach dem dritten Weg</strong></h2>
<p>Unsere Gesellschaft steckt in einem Paradox: Nie waren die technischen M&ouml;glichkeiten f&uuml;r ein gutes Leben f&uuml;r alle gr&ouml;&szlig;er, nie war das Bewusstsein f&uuml;r globale Herausforderungen ausgepr&auml;gter &ndash; und gleichzeitig scheinen die bew&auml;hrten L&ouml;sungsmodelle an ihre Grenzen zu sto&szlig;en. Der Markt verspricht Wohlstand, produziert aber Ungleichheit und &ouml;kologische Zerst&ouml;rung. Der Staat soll es richten, wird aber zunehmend als tr&auml;ge und b&uuml;rgerfern erlebt. Die traditionellen Kirchen predigen N&auml;chstenliebe, verlieren aber durch Machtmissbrauch und Hierarchiedenken ihre Glaubw&uuml;rdigkeit als moralische Instanzen.</p>
<p>Zwischen neoliberaler Vereinzelung und institutioneller Erstarrung w&auml;chst eine Sehnsucht nach echtem Miteinander &ndash; authentisch, solidarisch, zukunftsf&auml;hig. Menschen suchen nach Gemeinschaftsformen, die weder in die Atomisierung des &bdquo;jeder f&uuml;r sich&ldquo; noch in die Bevormundung durch Expertokratien f&uuml;hren. Sie wollen Verantwortung &uuml;bernehmen, ohne &uuml;berfordert zu werden. Sie wollen helfen, ohne paternalistisch zu werden. Sie wollen Spiritualit&auml;t leben, ohne sich religi&ouml;sen Machtstrukturen zu unterwerfen.</p>
<p>Diese Suche ist nicht romantisch, sondern realistisch. Denn die gro&szlig;en Krisen unserer Zeit &ndash; Klimawandel, Demografiewandel, soziale Spaltung &ndash; lassen sich weder durch Marktmechanismen noch durch staatliche Verordnungen allein l&ouml;sen. Sie brauchen eine sorgende Gesellschaft: Menschen, die f&uuml;reinander Verantwortung &uuml;bernehmen, ohne dabei einzelne Gruppen zu &uuml;berlasten oder auszuschlie&szlig;en.</p>
<h2><strong>2. Modelle mit Zukunftspotenzial</strong><strong>: Caring Communities und Sorgenetzwerke</strong></h2>
<p>Die gute Nachricht: Solche Modelle entstehen bereits. Von Caring Communities &uuml;ber Solidarische Landwirtschaft bis zu B&uuml;rgerr&auml;ten experimentiert eine wachsende Bewegung mit neuen Formen des Zusammenlebens. Die Herausforderung: Aus diesen Experimenten ein gesellschaftliches Modell zu entwickeln, das mehr ist als die Summe seiner Teile.</p>
<blockquote class="f2-sidequote"><p>Zwischen neoliberaler Vereinzelung und institutioneller Erstarrung w&auml;chst eine Sehnsucht nach echtem Miteinander &ndash; authentisch, solidarisch, zukunftsf&auml;hig. </p></blockquote>
<p>Das Netzwerk Caring Communities Schweiz definiert eine Caring Community als&nbsp;<em>&bdquo;eine Gemeinschaft in einem Quartier, einer Gemeinde oder einer Region, in der Menschen f&uuml;reinander sorgen und sich gegenseitig unterst&uuml;tzen. Jeder nimmt und gibt etwas, gemeinsam &uuml;bernimmt man Verantwortung f&uuml;r soziale Aufgaben.&ldquo;</em></p>
<p>Caring Communities entstehen dort, wo Menschen f&uuml;reinander Verantwortung &uuml;bernehmen &ndash; im Stadtteil, im Dorf, in der Nachbarschaft. Anders als die traditionelle Kirchencaritas funktionieren sie nicht nach dem Prinzip &bdquo;die Guten helfen den Bed&uuml;rftigen&ldquo;, sondern nach dem Grundsatz &bdquo;wir sind alle Teil der Sorge&ldquo;. Jede und jeder kann gleichzeitig geben und empfangen, je nach Lebenssituation und F&auml;higkeiten.</p>
<h2><strong>3. Risiken und blinde Flecken</strong></h2>
<p>Doch bei aller Begeisterung f&uuml;r neue Gemeinschaftsformen wie den Caring Communities d&uuml;rfen die Schattenseiten nicht &uuml;bersehen werden. Auch die besten Absichten k&ouml;nnen zu problematischen Ergebnissen f&uuml;hren, wenn strukturelle Dynamiken nicht mitgedacht werden.</p>
<p><strong>Exklusion trotz Inklusionsversprechen</strong></p>
<p>Caring Communities versprechen Offenheit f&uuml;r alle &ndash; aber wer kann sich dieses Engagement tats&auml;chlich leisten? Wer Zeit f&uuml;r Nachbarschaftshilfe hat, wer Energie f&uuml;r B&uuml;rgerr&auml;te aufbringt, folgt oft einem &auml;hnlichen Profil: gebildet, finanziell abgesichert, zeitlich flexibel. Menschen in prek&auml;ren Arbeitsverh&auml;ltnissen, Alleinerziehende oder Pflegende haben oft schlicht nicht die Ressourcen f&uuml;r zus&auml;tzliches Engagement. So entstehen ungewollt neue Formen der Privilegierung. Die &bdquo;sorgende Mittelschicht&ldquo; schafft sich lebenswerte Quartiere, w&auml;hrend andere au&szlig;en vor bleiben.</p>
<blockquote class="f2-sidequote"><p>So entstehen ungewollt neue Formen der Privilegierung. Die &bdquo;sorgende Mittelschicht&ldquo; schafft sich lebenswerte Quartiere, w&auml;hrend andere au&szlig;en vor bleiben.</p></blockquote>
<p><strong>Neue Formen von Moralismus und sozialer Kontrolle</strong></p>
<p>Wo Gemeinschaft entsteht, entstehen auch Normen &ndash; und damit Druck zur Anpassung. In Caring Communities kann ein subtiler Zwang zur Dankbarkeit entstehen: Wer Hilfe empf&auml;ngt, soll sich &bdquo;richtig&ldquo; verhalten. Diese neue Sittlichkeit versteckt sich hinter dem Anspruch der Gemeinschaftlichkeit und ist dadurch schwerer zu durchschauen.</p>
<p><strong>Alte Muster in neuen Bewegungen</strong></p>
<p>Viele alternative Bewegungen reproduzieren unbewusst Muster, die sie eigentlich &uuml;berwinden wollen. Da entstehen in Care-Communities informelle Hierarchien zwischen &bdquo;Gebenden&ldquo; und &bdquo;Nehmenden&ldquo;, die an paternalistische Armenbetreuung erinnern. Das Problem liegt nicht in den guten Absichten, sondern in unreflektierten Machtstrukturen. Wer definiert, was &bdquo;gute Sorge&ldquo; ist? Ohne bewusste demokratische Kontrolle k&ouml;nnen auch emanzipatorische Bewegungen zu neuen Formen der Bevormundung werden.</p>
<p><strong>&Uuml;berforderung und Vereinnahmung</strong></p>
<p>Schlie&szlig;lich droht die Gefahr der systematischen &Uuml;berforderung. Wenn der Staat sich aus der Daseinsvorsorge zur&uuml;ckzieht und gleichzeitig von B&uuml;rgern erwartet, diese L&uuml;cken durch Engagement zu f&uuml;llen, wird aus Solidarit&auml;t Ausbeutung. Caring Communities werden dann zur billigen Alternative zu professioneller Pflege. Diese Vereinnahmung ist besonders problematisch, weil sie die moralische Autorit&auml;t der Engagierten nutzt.</p>
<p><strong>Reproduktion religi&ouml;ser Dominanz </strong></p>
<p>Eine besondere Herausforderung liegt im Umgang mit religi&ouml;sen Traditionen. Diese verf&uuml;gen &uuml;ber jahrtausendealte Erfahrungen mit Gemeinschaftsbildung, Sorgearbeit und Sinnstiftung. Diese Ressourcen zu ignorieren w&auml;re t&ouml;richt. Sie unkritisch zu &uuml;bernehmen aber ebenso.</p>
<blockquote class="f2-sidequote"><p>Die Deutungshoheit liegt bei denen, die sich engagieren &ndash; nicht bei denen, die predigen.</p></blockquote>
<p>Der Ausweg liegt in der bewussten S&auml;kularisierung religi&ouml;ser Praktiken. Kl&ouml;ster haben jahrhundertelang gezeigt, wie nachhaltige Gemeinschaften funktionieren &ndash; ohne dass man an Gott glauben muss, um von ihren Organisationsprinzipien zu lernen. Kirchliche Diakonie hat Methoden der Sorgearbeit entwickelt &ndash; ohne dass man christlich sein muss, um sie zu nutzen.</p>
<p>Wichtig ist dabei die Umkehrung der Machtverh&auml;ltnisse: Nicht religi&ouml;se Institutionen laden gn&auml;dig zur Mitarbeit ein, sondern s&auml;kulare Bewegungen nutzen selektiv religi&ouml;se Ressourcen. Die Deutungshoheit liegt bei denen, die sich engagieren &ndash; nicht bei denen, die predigen.</p>
<h2><strong>4. Was Menschen wirklich verbindet: Jenseits der Unterschiede</strong></h2>
<p>Caring Communities funktionieren nicht trotz, sondern wegen ihrer Vielfalt.&nbsp;Warum?&nbsp;Weil grundlegende menschliche Bed&uuml;rfnisse universell sind: Respekt, Sicherheit, Zugeh&ouml;rigkeit, das Gef&uuml;hl, gebraucht zu werden.</p>
<p>Diese Bed&uuml;rfnisse &auml;u&szlig;ern sich unterschiedlich: Die Klimaaktivistin und der Rentner haben verschiedene Dringlichkeiten, aber beide wollen wirksam sein.&nbsp;Menschen mit Migrationshintergrund&nbsp;bringen andere Gemeinschaftsverst&auml;ndnisse mit &ndash; sie kennen sowohl die St&auml;rken enger sozialer Bindungen als auch deren Grenzen. Ihre berechtigte Skepsis gegen&uuml;ber Inklusionsversprechen ist wichtig, denn sie wissen, wie es sich anf&uuml;hlt, nicht dazuzugeh&ouml;ren.</p>
<p>Unterschiedliche Klassenlagen&nbsp;pr&auml;gen verschiedene Vorstellungen von gutem Leben: Wer um Existenz k&auml;mpft, hat andere Priorit&auml;ten als wer nach Selbstverwirklichung sucht. Wer k&ouml;rperlich arbeitet, versteht Solidarit&auml;t anders als wer im B&uuml;ro sitzt. Diese Unterschiede sind nicht zu &uuml;berwinden, sondern anzuerkennen.</p>
<blockquote class="f2-sidequote"><p>Eine Caring Community funktioniert, weil alle mal Hilfe brauchen &ndash; egal ob jung oder alt, religi&ouml;s oder s&auml;kular, einheimisch oder zugewandert.</p></blockquote>
<p>Spiritualit&auml;t&nbsp;spielt dabei eine besondere Rolle:&nbsp;Post-religi&ouml;se Spiritualit&auml;t&nbsp;sucht Sinn jenseits etablierter Konfessionen und will spirituelle Ressourcen nutzen, ohne Machtstrukturen zu &uuml;bernehmen. Menschen mit&nbsp;traditionellen religi&ouml;sen Bindungen&nbsp;bringen jahrhundertealte Erfahrungen mit Gemeinschaftsformen mit. Beide k&ouml;nnen praktische Weisheit weitergeben &ndash; die einen durch neue Rituale, die anderen durch bew&auml;hrte Strukturen.</p>
<p>Die St&auml;rke von Caring Communities liegt darin, diese verschiedenen Motivationen zu respektieren und trotzdem gemeinsame Ziele zu verfolgen. Ein Nachbarschaftsgarten funktioniert, weil alle gutes Essen wollen &ndash; egal ob aus Sparsamkeit, Bio-&Uuml;berzeugung oder kultureller Tradition. Eine Caring Community funktioniert, weil alle mal Hilfe brauchen &ndash; egal ob jung oder alt, religi&ouml;s oder s&auml;kular, einheimisch oder zugewandert.</p>
<h2><strong>5. Strategien f&uuml;r den &Uuml;bergang: Kritischer Pragmatismus</strong></h2>
<p>Wie aber k&ouml;nnen Caring Communities authentisch bleiben und trotzdem politisch wirken? Die L&ouml;sung liegt in dem, was sich &bdquo;kritischer Pragmatismus&ldquo; nennen l&auml;sst: der strategischen Verbindung von authentischem Engagement und politischer Kritik durch kluge Arbeitsteilung.</p>
<p><strong>Das Prinzip der intelligenten Arbeitsteilung</strong></p>
<p>Die Communities selbst helfen, weil sie helfen wollen. Sie dokumentieren Bedarfe, bauen Vertrauen auf, l&ouml;sen konkrete Probleme. Ihre St&auml;rke liegt in der Unmittelbarkeit und Glaubw&uuml;rdigkeit. Gleichzeitig entstehen Netzwerke, die diese praktische Arbeit in strukturelle Kritik &uuml;bersetzen: &bdquo;Dass unsere Communities gebraucht werden, zeigt Systemversagen.&ldquo;</p>
<p>Diese Arbeitsteilung hat mehrere Vorteile: Sie sch&uuml;tzt die Communities vor &Uuml;berforderung. Sie erm&ouml;glicht es Menschen, sich zu engagieren, ohne sich politisch verstehen zu m&uuml;ssen. Sie nutzt trotzdem die politische Sprengkraft ihrer Arbeit. So wird aus privater Hilfe politischer Skandal, ohne die Helfenden zu instrumentalisieren.</p>
<p><strong>Strategische Allianzen statt Einzelk&auml;mpfertum</strong></p>
<p>Einzelne Communities bleiben Nischen, wenn sie isoliert agieren. Eine strategische Care-Allianz k&ouml;nnte verschiedene Kr&auml;fte b&uuml;ndeln: Caring Communities, Transition Towns, Genossenschaften, B&uuml;rgerr&auml;te. Jede Bewegung bleibt bei ihrer Spezialit&auml;t, aber gemeinsam entwickeln sie eine umfassende Kritik des gegenw&auml;rtigen Systems.</p>
<blockquote class="f2-sidequote"><p>Wie aber k&ouml;nnen Caring Communities authentisch bleiben und trotzdem politisch wirken?</p></blockquote>
<p>Historische Beispiele zeigen: Die erfolgreichsten sozialen Bewegungen kombinierten praktische Hilfe und strukturelle Kritik. Die Arbeiterbewegung gr&uuml;ndete Genossenschaften UND k&auml;mpfte f&uuml;r politische Rechte. Die Frauenbewegung schuf Frauenh&auml;user UND forderte rechtliche Gleichstellung.</p>
<p><strong>Machtfragen und demokratische Kontrolle</strong></p>
<p>Doch strategische Netzwerke schaffen auch neue Machtstrukturen. Wer spricht &bdquo;im Namen der Communities&ldquo;? Diese Fragen m&uuml;ssen von Anfang an mitgedacht werden: durch transparente Entscheidungsprozesse, Rechenschaftspflicht gegen&uuml;ber den Communities, demokratische Kontrolle. Sonst werden aus heutigen Alternativen die Hierarchien von morgen.</p>
<p><strong>Konfliktf&auml;higkeit als Voraussetzung</strong></p>
<p>Echter gesellschaftlicher Wandel entsteht nicht durch Harmonie, sondern durch produktive Konflikte. Neue Gemeinschaftsformen m&uuml;ssen lernen, Konflikte auszuhalten und zu nutzen. Die Kunst liegt darin, unterschiedliche Bed&uuml;rfnisse so zu verhandeln, dass am Ende etwas Neues entsteht &ndash; statt dass sich die St&auml;rksten durchsetzen.</p>
<h2><strong>6. Die Vision einer post-konfessionellen sorgenden Gesellschaft</strong></h2>
<p>Eine andere Gesellschaft ist m&ouml;glich &ndash; diese Gewissheit w&auml;chst in kleinen Experimenten und gro&szlig;en Visionen gleicherma&szlig;en. Die sorgende Gesellschaft, die sich abzeichnet, ist post-konfessionell: Menschen m&uuml;ssen weder an denselben Gott glauben noch dieselbe politische Theorie teilen, um gemeinsam Verantwortung zu &uuml;bernehmen. Was sie verbindet, ist die Praxis &ndash; die gemeinsame Arbeit an lebenswerten Verh&auml;ltnissen. Diese Gesellschaft baut auf drei S&auml;ulen: Authentisches Engagement schafft Vertrauen und Glaubw&uuml;rdigkeit. Strategische Vernetzung &uuml;bersetzt lokale Erfahrungen in politische Macht. Demokratische Kontrolle verhindert, dass aus Alternativen neue Herrschaftsstrukturen werden.</p>
<blockquote class="f2-sidequote"><p>Es braucht strategische Allianzen zwischen verschiedenen Bewegungen. Es braucht Netzwerke, die aus lokaler Hilfe politische Kritik machen. Es braucht die Bereitschaft zum Konflikt mit denen, die von den gegenw&auml;rtigen Verh&auml;ltnissen profitieren.</p></blockquote>
<p>Doch Transformation ist kein Selbstl&auml;ufer. Deshalb braucht es mehr als gute Beispiele. Es braucht strategische Allianzen zwischen verschiedenen Bewegungen. Es braucht Netzwerke, die aus lokaler Hilfe politische Kritik machen. Es braucht die Bereitschaft zum Konflikt mit denen, die von den gegenw&auml;rtigen Verh&auml;ltnissen profitieren.</p>
<p>Die sorgende Gesellschaft entsteht durch kluge Arbeitsteilung: Menschen schaffen lokale Alternativen &ndash; aus welcher Motivation auch immer. Gleichzeitig entstehen Netzwerke, die diese Arbeit in politischen Druck &uuml;bersetzen. Die Nachbarin hilft aus N&auml;chstenliebe. Das Netzwerk macht daraus strukturelle Kritik. Niemand muss alles k&ouml;nnen. Aber alle k&ouml;nnen beitragen: die einen durch authentisches Engagement, die anderen durch strategische Vernetzung. Die Kunst liegt darin, verschiedene Beitr&auml;ge so zu verbinden, dass sie sich gegenseitig verst&auml;rken. Jeder kann seinen Teil beitragen &ndash; mit dem, was er am besten kann.</p>
</body></html>
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		<title>Die Wiederentdeckung des tätigen Bürgertums</title>
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		<pubDate>Thu, 18 Sep 2025 10:52:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Tobias Meier</dc:creator>
		
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				<description><![CDATA[Ob wir rothe, gelbe Kragen, Hüte oder Helme tragen, Stiefeln oder Schuh’; Oder, ob wir Röcke nähen, Und zu Schuh’n die Fäden drehen – Das thut nichts dazu. Ob wir können decretiren, Oder müssen Bogen schmieren Ohne Rast und Ruh; Ob wir just Collegia lesen, Oder ob wir binden Besen – Das thut nichts dazu. ...]]></description>
					<content:encoded><![CDATA[<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.0 Transitional//EN" "http://www.w3.org/TR/REC-html40/loose.dtd">
<html><body><blockquote><p>Ob wir rothe, gelbe Kragen,<br>
H&uuml;te oder Helme tragen,<br>
Stiefeln oder Schuh&rsquo;;<br>
Oder, ob wir R&ouml;cke n&auml;hen,<br>
Und zu Schuh&rsquo;n die F&auml;den drehen &ndash;<br>
Das thut nichts dazu.</p>
<p>Ob wir k&ouml;nnen decretiren,<br>
Oder m&uuml;ssen Bogen schmieren<br>
Ohne Rast und Ruh;<br>
Ob wir just Collegia lesen,<br>
Oder ob wir binden Besen &ndash;<br>
Das thut nichts dazu.</p>
<p>Ob wir stolz zu Rosse reiten,<br>
Ob zu Fu&szlig; wir f&uuml;rba&szlig; schreiten<br>
Unsrem Ziele zu;<br>
Ob uns vorne Kreuze schm&uuml;cken,<br>
Oder Kreuze hinten dr&uuml;cken &ndash;<br>
Das thut nichts dazu.</p></blockquote>
<p>Im <a href="https://youtu.be/Cs1whJ8-IYY">B&uuml;rgerlied von 1845</a> wird vor dem Hintergrund der deutschen republikanischen Bewegung das Ideal eines solidarischen und t&auml;tigen B&uuml;rgertums besungen, das mit vereinten Kr&auml;ften am Aufbau der Republik zusammenwirkt. In den ersten drei Strophen wird dieses Ideal deutlich benannt: Egal welchem Stand oder Beruf man angeh&ouml;rt, in der zuk&uuml;nftigen Republik wird kein Unterschied gemacht. Alle Menschen geh&ouml;ren dazu und sollen Teil der Bewegung werden. In der Mitte des Liedes wechselt der Inhalt dann von einer allgemeinen Einladung zu einer Klarstellung der gew&uuml;nschten Ideale der mitwirkenden B&uuml;rger*innen.</p>
<blockquote><p>Aber, ob wir Neues bauen,<br>
Oder&rsquo;s Alte nur verdauen<br>
Wie das Gras die Kuh &ndash;<br>
Ob wir f&uuml;r die Welt was schaffen,<br>
Oder nur die Welt begaffen &ndash;<br>
Das thut was dazu.</p>
<p>Ob im Kopf ist etwas Gr&uuml;tze<br>
Und im Herzen Licht und Hitze,<br>
Da&szlig; es brennt im Nu;<br>
Oder, ob wir friedlich kauern,<br>
Und versauern und verbauern &ndash;<br>
Das thut was dazu.</p>
<p>Ob wir, wo es gilt, gesch&auml;ftig<br>
Gro&szlig;es, Edles wirken, kr&auml;ftig<br>
Immer greifen zu;<br>
Oder ob wir schl&auml;frig denken:<br>
Gott wird&rsquo;s schon im Schlafe schenken &ndash;<br>
Das thut was dazu.</p></blockquote>
<p></p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Die Republik entsteht also nicht von alleine, sondern kann nur dann gelingen, wenn alle daran mitwirken.</p></blockquote>Die Republik entsteht also nicht von alleine, sondern kann nur dann gelingen, wenn alle daran mitwirken. So offen und solidarisch die Einladung ist, so klar ist man ebenso, welche Ideale zu vertreten sind: Es ist das t&auml;tige Mitwirken am gemeinsamen Ziel, das die Menschen eint und als Anspruch formuliert wird.
<p>In der aktuellen Weltlage ist der Anspruch des B&uuml;rgerlieds aktueller denn je. Denn jenseits von Unterschieden im Detail leben alle republikanischen und demokratischen Staatsformen auch im 21.&nbsp;Jahrhundert davon, dass sich ihre B&uuml;rger*innen aktiv in ihre Gesellschaft einbringen. Im Lied wird das vielleicht etwas verstaubte Ideal der &bdquo;m&uuml;ndigen B&uuml;rger*innen&ldquo; besungen. Dieses Ideal findet sich im Grundsatz auch heute noch in einer gro&szlig;en Breite der Gesellschaft: In Vereinen, Kirchengemeinden, Initiativgruppen und Nachbarschaften sind auch heute noch Menschen aktiv und wirken in ihrem Alltag am gesellschaftlichen Gemeinwohl mit. So zeigen die Zahlen des aktuellen Freiwilligensurveys deutlich, dass das Engagement in Summe eher zu- denn abnimmt (Bundesministerium f&uuml;r Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2019, 9).</p>
<p>Die Form des Engagements hat sich aber ver&auml;ndert. Mit der Ver&auml;nderung von Familienstrukturen, mit geteilter Care-Verantwortung und beruflichen Mobilit&auml;tsanforderungen hat sich die Bereitschaft und die M&ouml;glichkeit f&uuml;r gesellschaftliches Engagement grundlegend ge&auml;ndert. Nicht mehr regelm&auml;&szlig;ig, daf&uuml;r aber punktuell und auf Anfrage engagieren sich weiterhin viele Menschen neben ihren famili&auml;ren und beruflichen Aufgaben (ebd., 31).</p>
<p>Hierf&uuml;r gilt es Strukturen zu entwickeln, die das aufnehmen und verst&auml;rken. Es ist nicht mehr das klassische &bdquo;Ehrenamt&ldquo; oder der &bdquo;Freiwilligendienst&ldquo;, die angestrebt werden sollen, sondern es gilt einen &bdquo;Aktions-Sinn&ldquo; bei m&ouml;glichst vielen B&uuml;rger*innen zu entwickeln, um gleicherma&szlig;en dem Ideal des B&uuml;rgerlieds und den Herausforderungen der Gegenwart zu entsprechen. Der Schwerpunkt liegt dabei auf dem Begriff der Aktion, dem t&auml;tigen Handeln, die in einem starken Gegensatz zum Verwalten und zum reinen Erf&uuml;llen von Funktionen steht. Die Aktion ver&auml;ndert, gestaltet und bringt Bestehendes in Bewegung. Die Aktion kommt aber auch mit &bdquo;Sinn&ldquo; daher. Der Sinn transportiert Werte und Ideale, ist in Verbindung mit der Aktion aber selbst auch sinnhafte Wahrnehmung der Welt und engagiert sich in denjenigen Situationen, in denen solidarisches Handeln notwendig und sinnvoll ist.</p>
<p></p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Menschen mit Aktions-Sinn k&uuml;mmern sich um andere, sehen Not und packen an und sind vor allem bereit, sich passend und pragmatisch den Anforderungen der heutigen Welt zu stellen.</p></blockquote>Menschen mit Aktions-Sinn k&uuml;mmern sich um andere, sehen Not und packen an und sind vor allem bereit, sich passend und pragmatisch den Anforderungen der heutigen Welt zu stellen. Es sind Schl&uuml;sselpersonen (Richter 2022), Viertelgestalter*innen (Hoeft et al. 2014) oder einfach B&uuml;rger*innen, die im Sinne des B&uuml;rgerlieds in Solidarit&auml;t und mit Anspruch an einer besseren und demokratischen Zukunft mitwirken. Mal im Alltag verortet, mal auf ein gr&ouml;&szlig;eres Ziel hin orientiert, wirken sie im Kleinen und Gro&szlig;en darauf hin, dass sich das gesellschaftliche Miteinander entwickelt und Teilhabe organisiert wird.
<p>Der Aktions-Sinn kann dabei nicht gemanagt oder kanalisiert werden, er gedeiht und w&auml;chst in der barmherzigen Konfrontation auf Augenh&ouml;he. Es geht bei dieser Form der Konfrontation darum, andere Menschen mit allen ihren Fehlern und Vorurteilen dort abzuholen, wo sie in ihrem Leben gerade sind. Sie sollen nicht von etwas &uuml;berzeugt oder zu etwas &uuml;berredet werden, sondern in der Konfrontation auf Augenh&ouml;he ihren eigenen Aktions-Sinn entdecken und entwickeln. Dabei entstehen bei allen Beteiligten oftmals auch Frustrationen und unerf&uuml;llte Erwartungen, dies ist aber Teil des Prozesses und muss f&uuml;r das gegenseitige Wachstum durchlebt werden. Barmherzigkeit hei&szlig;t vor diesem Hintergrund eben auch, der gegenseitigen Beziehung immer wieder Zeit zum Wachsen zu geben und nicht in Zynismus zu verfallen oder Wut auf das (vermeintlich unsinnige) Handeln des Gegen&uuml;bers zu haben.</p>
<p></p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Durch eine Aktions-Beziehung muss (und sollte vielleicht auch) keine Freundschaft oder private Beziehung entstehen, es reicht, wenn das Vertrauen und der Respekt zueinander wachsen, dies ist &ndash; auch im Sinne des B&uuml;rgerlieds &ndash; schon ausreichend, um gro&szlig;e Dinge zu bewegen.</p></blockquote>Die Entwicklung des Aktions-Sinns kann systematisch erfolgen, wenn &uuml;ber die Zeit immer wieder Momente des Gespr&auml;chs und des Mit-Erlebens gesucht werden. Ausgehend von aufrichtigem Interesse an den W&uuml;nschen, N&ouml;ten, Erfahrungen und Frustrationen des Gegen&uuml;bers und dem Teilen der eigenen entsteht in der barmherzigen Konfrontation auf Augenh&ouml;he eine gegenseitige Aktions-Beziehung. Zu dieser Beziehung geh&ouml;rt ganz zentral dann auch die Freude, das miteinander Lachen und eventuell auch die Trauer, denn dann wird deutlich, dass man sich aufeinander zu bewegt. Dies geht nicht ohne eine wiederkehrende gegenseitige Pr&auml;senz, digital und analog, um &uuml;ber die Zeit immer wieder Situationen und Erfahrungen miteinander zu teilen und dadurch auch im Handeln miteinander zu wachsen. Durch eine Aktions-Beziehung muss (und sollte vielleicht auch) keine Freundschaft oder private Beziehung entstehen, es reicht, wenn das Vertrauen und der Respekt zueinander wachsen, dies ist &ndash; auch im Sinne des B&uuml;rgerlieds &ndash; schon ausreichend, um gro&szlig;e Dinge zu bewegen.
<p></p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Denn nur dort, wo Begegnung auch zur barmherzigen Konfrontation auf Augenh&ouml;he f&uuml;hrt und nicht nur Dienstleistungen organisiert werden, entwickelt sich &uuml;berhaupt die Chance auf die Entwicklung eines Aktions-Sinns.</p></blockquote>Damit sich der Aktions-Sinn und Aktions-Beziehungen entwickeln k&ouml;nnen, ist es zwingend notwendig, immer wieder neue Aktionsr&auml;ume zu er&ouml;ffnen, die die M&ouml;glichkeiten des Handelns aufzeigen und dazu einladen, miteinander aktiv zu sein. Ein Aktionsraum ist dabei im besten Fall ein &bdquo;Heterotopos&ldquo; (Foucault 2021), in dem sowohl die gegenw&auml;rtigen Zust&auml;nde als auch die kommenden Zuk&uuml;nfte bereits eingeschrieben sind. Foucault spricht dabei von &bdquo;Gegenr&auml;umen&ldquo; und &bdquo;lokalisierten Utopien&ldquo; (ebd., 10), also Orte, die der Zeit entrissen sind und gleichsam den Raum geben, eine Gedankenreise in andere Welten zu unternehmen. Sein Beispiel ist dabei das Schiff, auf dem die Zeit ein Eigenleben entwickelt und gleichzeitig derjenige Ort ist, der zu neuen Ufern f&uuml;hrt (ebd., 21f.). Beispiele f&uuml;r solche Aktionsr&auml;ume gibt es en masse: Kirchengeb&auml;ude k&ouml;nnen Aktionsr&auml;ume sein (Bahr 2007), aber auch Stadtteilzentren, Einkaufsl&auml;den, &ouml;ffentliche Pl&auml;tze oder Kinderg&auml;rten oder einfach alle Orte des Alltags, an denen aktionsorientierte Formen des einander Begegnens stattfinden. Denn nur dort, wo Begegnung auch zur barmherzigen Konfrontation auf Augenh&ouml;he f&uuml;hrt und nicht nur Dienstleistungen organisiert werden, entwickelt sich &uuml;berhaupt die Chance auf die Entwicklung eines Aktions-Sinns.
<p>F&uuml;r die Entwicklung des Aktions-Sinns ist es zuletzt hilfreich, aktionsorientiertere Formen b&uuml;rgerschaftlichen Engagements zu kennen und in den Aktionsr&auml;umen zu entwickeln. So hat in der Geschichte der deutschen Bundesrepublik das Mitwirken in sozialen Bewegungen seit Jahrzehnten zu individuell-biografischen und kollektiven Impulsen und Ver&auml;nderungen gef&uuml;hrt. Auch das Mitwirken in nachbarschaftlichen Netzwerken und Strukturen ist f&uuml;r viele Menschen der Einstieg in barmherzige Konfrontationen auf Augenh&ouml;he, sofern diese Aktivit&auml;ten das Gef&auml;lle von Helfenden und Hilfesuchenden aufbrechen. Und zuletzt sollte dar&uuml;ber nachgedacht werden, ob Austausch- und Stipendienprogramme und soziale Freiwilligenjahre nicht noch mehr f&uuml;r viel mehr Menschen erm&ouml;glicht und ausgebaut werden sollten.</p>
<p>Ansatzpunkt f&uuml;r die Wiederentdeckung des t&auml;tigen B&uuml;rgertums gibt es also genug, nun gilt es dieses anzupacken und vor Ort zu &uuml;berlegen, wo und wie der Aktions-Sinn entdeckt und ausgebaut werden kann. Denn das B&uuml;rgerlied hat noch eine letzte Strophe, die hier nicht vorenthalten werden soll, und wir halten uns an den abschlie&szlig;enden Appell &bdquo;thun wir [unseres] denn dazu&ldquo;.</p>
<blockquote><p>Drum ihr B&uuml;rger, drum ihr Br&uuml;der,<br>
Alle eines Bundes Glieder,<br>
Was auch jeder thu&rsquo; &ndash;<br>
Alle, die dies Lied gesungen<br>
So die Alten wie die Jungen &ndash;<br>
Thun wir denn dazu.</p></blockquote>
</body></html>
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		<title>Für meine Enkelkinder</title>
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		<pubDate>Sun, 28 Sep 2025 18:45:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Wolfgang Schmitz</dc:creator>
		
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				<description><![CDATA[Ihr Lieben, Euer Opa ist jetzt 77 Jahre alt. Vielleicht auch aus eurer Sicht schon uralt, wer weiß. Aber vielleicht interessiert es euch wenigstens ein bisschen, was der alte Mann euch sagen will. Als ich geboren wurde, war der letzte große Krieg gerade drei Jahre vorbei. Ich erinnere mich an viele kaputte Häuser. Und wenn ...]]></description>
					<content:encoded><![CDATA[<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.0 Transitional//EN" "http://www.w3.org/TR/REC-html40/loose.dtd">
<html><body><p>Ihr Lieben,</p>
<p>Euer Opa ist jetzt 77 Jahre alt. Vielleicht auch aus eurer Sicht schon uralt, wer wei&szlig;. Aber vielleicht interessiert es euch wenigstens ein bisschen, was der alte Mann euch sagen will.</p>
<p>Als ich geboren wurde, war der letzte gro&szlig;e Krieg gerade drei Jahre vorbei. Ich erinnere mich an viele kaputte H&auml;user. Und wenn gerade mal kein Erwachsener in der N&auml;he war, machten wir die Tr&uuml;mmer zu unserem Spielplatz. Richtige Spielpl&auml;tze, so wie Ihr sie kennt, gab&rsquo;s nicht in der N&auml;he. Und dann? Dann fing ein Leben an, ohne gro&szlig;e Sorgen. Opa und Oma hatten Zeit f&uuml;r uns Kinder, unsere Eltern gingen beide arbeiten. Nicht den ganzen Tag, aber ein paar Stunden waren sie weg. Wir hatten genug zu essen, Oma und Opa hatten einen wunderbaren Garten, wo wir uns austoben konnten. H&uuml;hner hatten sie auch, die durften wir f&uuml;ttern. Und dann kamen f&uuml;r mich und f&uuml;r viele, die in meinem Alter sind, viele Jahre ohne gro&szlig;e Sorgen. Sch&ouml;ne Wohnung, Ferien meistens in Holland, Geburtstage mit tollen Geschenken, Freunde. Und so ging das weiter.</p>
<p>Irgendwann war ich erwachsen, hatte Arbeit und Familie. Und nat&uuml;rlich meine wunderbaren Kinder und sp&auml;ter euch, die Enkelkinder. Nicht nur uns, vielen Menschen ging es gut. Wenn es auf der Erde Krieg gab, war das immer weit weg. Alles in allem eine sch&ouml;ne Zeit, f&uuml;r die ich sehr dankbar bin.</p>
<p>Was ist heute davon noch &uuml;brig? Wenig bef&uuml;rchte ich. Viele Menschen haben Not. Nicht genug Geld zum Leben, keinen Platz im Kindergarten, Wohnungen zu teuer, viele sind sauer und b&ouml;se, dass Menschen aus &auml;rmeren L&auml;ndern oder aus Kriegsgebieten zu uns kommen, wo sie in Sicherheit leben und &uuml;berleben k&ouml;nnen. Das Vertrauen in die Politiker, die unser Land regieren, br&ouml;ckelt heftig. Ratlosigkeit und Angst, dass es immer schlimmer kommen k&ouml;nnte, nehmen zu.</p>
<blockquote class="f2-sidequote"><p>So werdet ihr starke Kinder. Und vielleicht Vorbild f&uuml;r die Erwachsenen. Die haben es dringend n&ouml;tig</p></blockquote>
<p>Was macht das mit uns? Und was kann man tun, damit es besser wird, damit ihr in einer friedlicheren, bunten, gesunden Welt ohne st&auml;ndige Sorgen erwachsen werden k&ouml;nnt? Sch&ouml;n w&auml;r&rsquo;s, wenn es daf&uuml;r ein gutes Rezept g&auml;be. Gibt&rsquo;s aber nicht. Kann man also nix tun? Und ihr als Kinder sowieso nicht? Ein bisschen schon, glaube ich, geht auch in eurer Kinderwelt.</p>
<p>In der KiTa und in der Schule nicht immer die &auml;rgern, die schw&auml;cher sind oder nicht so schlau. Nach Freundinnen und Freunden suchen, mit denen gemeinsame Zeit Spa&szlig; macht. Die d&uuml;rfen auch &rsquo;ne andere Hautfarbe haben. Nicht neidisch werden, wenn andere mit einem teureren Fahrrad unterwegs sind als Ihr. Nicht so viel meckern: Das Essen schmeckt nicht, die bl&ouml;den Hausaufgaben, ich will aber jetzt fernsehen und nicht ins Bett, warum darf ich keine S&uuml;&szlig;igkeiten. Zuh&ouml;ren, wenn andere was erz&auml;hlen wollen, auch den Eltern. Und sogar den LehrerInnen oder ErzieherInnen. So werdet ihr starke Kinder. Und vielleicht Vorbild f&uuml;r die Erwachsenen. Die haben es dringend n&ouml;tig: In der Politik muss daf&uuml;r gesorgt werden, dass alle eine Chance auf ein gutes, friedliches Leben haben: Arme und Reiche, Alte und Junge, Einheimische und Zugewanderte, Erwachsene und Kinder. Viele PolitikerInnen aus den verschiedensten Parteien versprechen das. Eure Eltern m&uuml;ssen genau hinschauen, wem sie vertrauen k&ouml;nnen und wollen. Denn es geht nicht nur um ihr Leben, sondern auch darum, dass ihr eine gute Zukunft habt.</p>
</body></html>
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		<title>Editorial</title>
		<link>https://www.futur2.org/article/editorial-14/</link>
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		<pubDate>Tue, 30 Sep 2025 08:00:38 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Tobias Kläden</dc:creator>
		
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				<description><![CDATA[Wie steht es um den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft? Viele Menschen machen sich Sorgen darum und nehmen immer mehr an Hass und Streit wahr, die durch Krisenerfahrungen befeuert werden. Politische und gesellschaftliche Lager verhärten sich, Dialoge werden schwieriger, Argumente dringen immer weniger durch. In social media lassen sich Blasen und Echokammern beobachten, man spricht von ...]]></description>
					<content:encoded><![CDATA[<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.0 Transitional//EN" "http://www.w3.org/TR/REC-html40/loose.dtd">
<html><body><p>Wie steht es um den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft? Viele Menschen machen sich Sorgen darum und nehmen immer mehr an Hass und Streit wahr, die durch Krisenerfahrungen befeuert werden. Politische und gesellschaftliche Lager verh&auml;rten sich, Dialoge werden schwieriger, Argumente dringen immer weniger durch. In social media lassen sich Blasen und Echokammern beobachten, man spricht von zunehmender, sich verst&auml;rkender Polarisierung oder sogar von Spaltungstendenzen.</p>
<p>Relativiert wird dieser Eindruck von einer stark gespaltenen Gesellschaft jedoch durch soziologische Studien wie z.&nbsp;B. den &bdquo;Triggerpunkten&ldquo; von Steffen Mau et al. Danach gibt es in Deutschland zu vielen Fragen wie etwa zum Klimawandel, zu sexueller Identit&auml;t oder sozialer Ungleichheit in der gro&szlig;en gesellschaftlichen Mitte einen grunds&auml;tzlichen Konsens, aber die gesellschaftlichen R&auml;nder werden immer lauter und sind in der &Ouml;ffentlichkeit &uuml;berrepr&auml;sentiert, so dass der Eindruck einer Spaltung entsteht. Triggerworte wie Gendersternchen, Tempolimit oder Lastenfahrrad sorgen f&uuml;r viele Emotionen, und diese Reizthemen werden eingesetzt, um daraus politisches Kapital zu schlagen.</p>
<p><a class="more-link" href="https://www.futur2.org/article/editorial-14/">&raquo; weiterlesen&hellip;</a></p>
</body></html>
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		<title>Mehr als eine franziskanische Mode</title>
		<link>https://www.futur2.org/article/mehr-als-eine-franziskanische-mode/</link>
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		<pubDate>Sat, 20 Sep 2025 14:13:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Christian Hennecke</dc:creator>
		
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				<description><![CDATA[Synodalität leben lernen Wir leben in einer polarisierten und stets kampfbereiten Gesellschaft. Meinungsbildung über Gegnerschaft bis hin zur Feindschaft – das ist seit den spaltenden Diskussionen in der Coronazeit  gesellschaftlicher Normalzustand geworden. Wir sind auf dem Weg in eine andere Gesellschaftskonstellation, und immer weniger gelingt es zur Zeit, Meinungsbildungsprozesse sinnstiftend zu gestalten. Dieser Zeitgeist wirkt ...]]></description>
					<content:encoded><![CDATA[<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.0 Transitional//EN" "http://www.w3.org/TR/REC-html40/loose.dtd">
<html><body><h2>Synodalit&auml;t leben lernen</h2>
<p>Wir leben in einer polarisierten und stets kampfbereiten Gesellschaft. Meinungsbildung &uuml;ber Gegnerschaft bis hin zur Feindschaft &ndash; das ist seit den spaltenden Diskussionen in der Coronazeit&nbsp; gesellschaftlicher Normalzustand geworden. Wir sind auf dem Weg in eine andere Gesellschaftskonstellation, und immer weniger gelingt es zur Zeit, Meinungsbildungsprozesse sinnstiftend zu gestalten.</p>
<p>Dieser Zeitgeist wirkt sich auch in der Kirche aus. Auch wenn es in Deutschland seit Jahren einen synodalen Weg gibt, wirkte in der Au&szlig;enwahrnehmung dieser Meinungsbildungsprozess eher wie eine Kopie der derzeitigen gesellschaftlichen Diskussionskultur: abschreckend und frustrierend. Das ist nicht die ganze Wahrheit, denn vor allem in nicht-&ouml;ffentlichen Teilgruppen fand ein intensiver und geistvoller Austausch statt. Aber leider &ndash; und das geh&ouml;rt auch zur Wahrheit &ndash; blieb der ganze Diskussionsvorgang den meisten auch engagierten Katholikinnen und Katholiken vor Ort merkw&uuml;rdig fremd oder sogar unbekannt.</p>
<h3>Ein langer Weg zur Synodalit&auml;t</h3>
<p></p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Dieser Modus der Konsultation war neu &ndash; und spannend: Denn es gilt ja, die Betroffenen in das Spiel der Entscheidungsfindung zu holen &ndash; den gemeinsamen Glaubenssinn des Gottesvolkes ins Licht zu r&uuml;cken. </p></blockquote>Sp&auml;testens seit 2015 hat mit Papst Franziskus eine neue Wahrnehmung und Ernstnahme des synodalen Handelns in der katholischen Kirche begonnen: Die Familiensynode brachte eine erste Neuheit, die hier in Deutschland, aber nicht nur hier,&nbsp; &uuml;berrascht hat. Ein erster Schritt der Synodalit&auml;t sollte das Hinh&ouml;ren, das Konsultieren sein: Was denken die Christinnen und Christen vor Ort, in den Ortskirchen, &uuml;ber die Familie und die damit verkn&uuml;pften Fragen? Ich erinnerte mich, dass diese konkrete Nachfrage erst sehr sp&auml;t ernst genommen wurde in unseren Ortskirchen. Man dachte bislang, dass in jedem Bistum eine Fachgruppe die Fragen bearbeitet, die dann ohnehin in einem Gesamtdokument &bdquo;untergeht&ldquo;. Diesmal war es anders &ndash; es war herausfordernd und zugleich spannend, die Meinungen und Impulse der Christinnen und Christen einzuholen und auszuwerten. Dieser Modus der Konsultation war neu &ndash; und spannend: Denn es gilt ja, die Betroffenen in das Spiel der Entscheidungsfindung zu holen &ndash; den gemeinsamen Glaubenssinn des Gottesvolkes ins Licht zu r&uuml;cken. Spannend war auch, dass die Synode in zwei Episoden &uuml;ber zwei Jahre stattfand: Offensichtlich ging es wirklich um Meinungsbildung! Und das p&auml;pstliche Schlussdokument der Synode machte deutlich, dass diese Meinungsbildung provozieren kann, ja sogar als Provokation empfunden werden kann.
<p>Ein n&auml;chster Schritt, die Amazonassynode, machte deutlich, in welche Richtung die Beratungskultur sich entwickelt. Erstmals ver&ouml;ffentlichte der Papst kein eigenes Schlussdokument, sondern machte sich das Schlussdokument zu eigen, um eigene Bemerkungen anzuf&uuml;gen. Es wurde aber auch deutlich, dass auch in der Kirche Positionen unvers&ouml;hnlich und zunehmend denunzierender sich gegen&uuml;berstehen. Die Bischofssynoden brauchten dringend ein methodisches Update, um nicht im Gegen&uuml;ber der Meinungen stecken zu bleiben.</p>
<h3>Impulse verpasst!</h3>
<p>Man kann nur &uuml;berrascht sein, wie wenig wir hier in Deutschland von dem weltsynodalen Prozess mitbekommen haben. Durchaus verst&auml;ndlich war die Kirche in Deutschland mit dem synodalen Weg besch&auml;ftigt. Aber wir haben etwas verpasst.</p>
<p>Verpasst haben wir eine Erfahrung der Synode selbst. Mich hat sehr beeindruckt, von Synodenteilnehmenden die Dynamik des Zuh&ouml;rens erz&auml;hlt zu bekommen. Echtes einander Zuh&ouml;ren zu inszenieren, indem jeder erstmal eine bestimmte Zeit erh&auml;lt, in der er sprechen darf und die anderen zuh&ouml;ren sollen. Zeit zu schweigen, um zu verarbeiten, was geh&ouml;rt wurde &ndash; und schlie&szlig;lich in einer zweiten Runde wiederzugeben, was man von anderen geh&ouml;rt hat: Das wirkt etwas formalisiert, aber ist faszinierend, wenn man es ausprobiert. Denn hier wird deutlich, dass ein Meinungsbildungsprozess in Gang kommt, der alle Meinungen, Impulse und Gedanken aufnimmt ohne sie zu werten &ndash; und auf das gemeinsame Entdecken einer Wahrheit zielt, die kein Gespr&auml;chspartner vorher in den Blick genommen hatte.</p>
<p></p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Wahrheit ereignet sich im Zwischen, in der echten Beziehung, die kenotisch gelebt wird &ndash; im radikalen Hinh&ouml;ren, das das Eigene losl&auml;sst und radikal aufnimmt, was der Gespr&auml;chspartner sagt. Das &auml;ndert das &bdquo;Sagen&ldquo; wie das &bdquo;H&ouml;ren&ldquo; und erm&ouml;glicht die Geburt einer neuen Wirklichkeit.</p></blockquote>Das ist ja auch theologisch eine Provokation: Wahrheit ereignet sich im Zwischen, in der echten Beziehung, die kenotisch gelebt wird &ndash; im radikalen Hinh&ouml;ren, das das Eigene losl&auml;sst und radikal aufnimmt, was der Gespr&auml;chspartner sagt. Das &auml;ndert das &bdquo;Sagen&ldquo; wie das &bdquo;H&ouml;ren&ldquo; und erm&ouml;glicht die Geburt einer neuen Wirklichkeit. Dass diese &Uuml;bung nicht &bdquo;einfach so&ldquo; gelingen kann und auch bei der Synode nicht immer gelungen ist, macht deutlich, dass synodales Handeln nicht einfach eine Technik ist oder eine Methode, sondern eine Haltung und eine Kultur, die einge&uuml;bt werden muss. Darum geht es eigentlich &ndash; um eine Kultur, in der die Haltung des Evangeliums aufstrahlt: ein Leben aus der Kraft der Liebe, die ein Miteinander erm&ouml;glicht, das die Gleichw&uuml;rdigkeit aller voraussetzt: Nur hier emergiert Wahrheit, nur hier zeigt sich die Orientierung und Wegrichtung des Lebens.
<p>Der weltsynodale Prozess r&uuml;ckt aber noch eine weitere Perspektive in den Mittelpunkt, die mit einer Grundhaltung zu tun hat. Es gilt immer, den Raum zu weiten, um alle Menschen zur Mitwirkung einzuladen. Mich hat die Logik der Konsultation schon bei der Familiensynode bewegt, aber gerade auch der weltweite synodale Prozess setzte direkt vor Ort an. Es ging darum, beim H&ouml;ren auf &bdquo;Freude und Hoffnung, Trauer und Angst&ldquo; gerade auch jene einzubeziehen, die nicht zum inneren Kern der Kirche geh&ouml;ren. Das H&ouml;ren auf die Bedarfe, Fragen und W&uuml;nsche der Armen, der &bdquo;Anderen&ldquo; geriet ins Zentrum. Und das ist nicht nur deswegen spannend, weil es die Umsetzung der in der Konzilkonstitution &bdquo;Gaudium et spes&ldquo; benannten Selbstbeschreibung der Christen ist, sondern weil hier auch deutlich wird, dass es in der Frage der Zukunftsentwicklung kirchlichen Lebens nicht um den Selbsterhalt geht, sondern um eine radikale Infragestellung, indem die Sendung, das Evangelium allen zu bezeugen, in einer Haltung des radikalen Interesses am Leben der Anderen geschieht &ndash; und eben nicht an einem Interesse am Erhalt der Institution. Oder jesuanisch: Nur in der Hingabe sind wir wir selbst.</p>
<p>Mich hat deswegen unglaublich beeindruckt, wie manche Ortskirchen etwa in den Philippinen in der Rezeption des synodalen Handelns diese Ideen der Konsultation vertieft haben. Beim Nachdenken &uuml;ber eine Zukunftsstrategie der Di&ouml;zese war eine der ersten methodischen Fragen, welche Gruppen bislang nicht in den Blick gekommen seien. Die sind zu befragen! &Uuml;ber drei&szlig;ig Gruppen von Personen kamen in den Blick &hellip;</p>
<p>Dennoch bleiben auch bei den Impulsen der Weltsynode noch Fragen offen: Wie findet man bei gegens&auml;tzlichen Fragestellungen gemeinsame L&ouml;sungen? Wie kann entschieden werden &ndash; oder muss bei bleibender Uneinigkeit und Erkenntnisdifferenz die Entscheidung verschoben werden? So sehr das &bdquo;decision making&ldquo; &uuml;berzeugt &ndash; das &bdquo;decision taking&ldquo; bleibt fragil.</p>
<h3>Impulse verpasst?</h3>
<p><strong>&nbsp;</strong>Man kann es nicht leugnen, wir haben die Impulse der weltkirchlich-synodalen Bem&uuml;hung bislang kaum aufgenommen. Das ist bedauerlich und wirklich ein Verlust, weil wir mit der Praxis der&nbsp; Synodalit&auml;t einen wichtigen Schritt gehen k&ouml;nnten im Blick auf eine Kirche, in der das Volk Gottes wirklich Subjekt ihres geistgewirkten Weges werden k&ouml;nnte. Es ist Zeit zu beginnen.</p>
<p>Aber: Je l&auml;nger ich &uuml;ber die faszinierende Perspektive synodaler Praxis nachdenke, erinnere ich mich an Erfahrungen, die f&uuml;r mich in Verbindung mit einer Kultur der Synodalit&auml;t stehen und die darunter verborgene Ekklesiologie des Volkes Gottes, den gemeinsamen sensus fidelium zum Ausdruck bringen k&ouml;nnen.</p>
<p>Am Ende einer Reihe von Workshops, die ich zusammen mit Valentin Dessoy in der Di&ouml;zese Graz gestalten konnte, bot Valentin Dessoy als Methode f&uuml;r die Schlussreflexion das &bdquo;Circle Work&ldquo;<span id="easy-footnote-73-14117" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/mehr-als-eine-franziskanische-mode/#easy-footnote-bottom-73-14117" title="Christina Baldwin/Ann Linea, Die Kraft des Kreises. Gespr&auml;che und Meetings sch&ouml;pferisch und effektiv gestalten, Weinheim 2014."><sup>73</sup></a></span> an.&nbsp; In einem Kreis mit allen Teilnehmenden konnte sich ein offenes Gespr&auml;ch entwickeln, in dem jeder und jede eingreifen konnte &ndash; ohne jeweils zu kommentieren, mit Phase der Stille, mit unterschiedlichen Themen. Ich habe es jedes Mal als tief spirituellen Reflexionsmoment erlebt: Das Hinh&ouml;ren, die Offenheit f&uuml;r alle Beitr&auml;ge und das vorsichtige Ankn&uuml;pfen an Themen und Positionen der Vorredner machten diese Runden zu beeindruckenden Reflexionsereignissen. Den Raum dieses Kreises offen zu halten, das ist die Kunst des Begleiters hier &ndash; und auf diese Weise wurde ein roter Faden sichtbar, der durch die Beitr&auml;ge der Teilnehmenden freigelegt wurde. Neue Erkenntnisse wurden generiert &ndash; und auf mich wirkt das wie eine &Uuml;bung im synodalen H&ouml;ren und Reden.</p>
<p>In &auml;hnlicher Weise habe ich dies in den vergangenen Jahren erlebt im Zusammenhang &bdquo;denkender Runden&ldquo;. Diese Methode<span id="easy-footnote-74-14117" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/mehr-als-eine-franziskanische-mode/#easy-footnote-bottom-74-14117" title="Thomas L. Saaty, Creative Thinking, Problem Solving and Decision Making, Pittsburgh 2001."><sup>74</sup></a></span> erm&ouml;glicht es, dass jeder und jede seinen Beitrag einbringen kann, ohne kommentiert zu werden und in Diskussionen zu geraten. Bei Reflexionsrunden des Priesterrats habe ich selbst ausprobiert, wie sich eine solche Methode auswirkt. Der Austausch &uuml;ber die Erfahrungen einer Sitzung, die Tagesreflexion im Kontext von Exposurereisen &ndash; immer entstand in einer solchen Runde, die der Reihe nach jeden einlud, seine Perspektive zu ver&ouml;ffentlichen, ein Erkenntnisgewinn und eine v&ouml;llig andere Atmosph&auml;re: Auch wenn die Erfahrungen und Erkenntnisse sehr unterschiedlich waren, war die Atmosph&auml;re deutlich kreativ und inspirierend.</p>
<p>Und es gab einen deutlichen Erkenntnisgewinn, den wir allerdings nicht gehoben haben: H&auml;tten wir nach einem Moment des Schweigens in einer zweiten Runde die Erkenntnisse gesammelt, h&auml;tten wir eine synodale Erfahrung gemacht.</p>
<p>Spannend ist aber auch, wie sehr in vielen Prozessen der Kirchenentwicklung sozialr&auml;umliche Erkundungen und Interviews mit Menschen aus dem Sozialraum einge&uuml;bt werden. Eine Kirche, die sich neu auf die Zukunft ausrichtet, ist herausgefordert, in den Lebenskontexten der Menschen nachzufragen, was diese Zeitgenossen von Kirche und den Christen in ihrem Umfeld erwarten. Die Erfahrungen solchen sozialr&auml;umlichen Suchens sind beeindruckend, weil hier ein doppelter Erkenntnisgewinn zu verzeichnen ist. Viele Gemeinden entdecken hier erstmals, wie hoch die Erwartungen sind und mit welch gro&szlig;er Wertsch&auml;tzung auch in unserer Zeit Erwartungen an die Christen vor Ort gerichtet werden: von wegen Bedeutungslosigkeit. Auf der anderen Seite wirkt eine solche Konsultation des Umfeldes belebend: Es l&ouml;st die Binnenorientierung vieler kirchlicher Gemeinden auf und &ouml;ffnet sie auf die Lebenswelt &ndash; gelebte Sendung also, die ja schon in sozialen Einrichtungen wie Kindertagesst&auml;tten und Familienbildungsst&auml;tten selbstverst&auml;ndlich gelebt wird und sie heute zu wichtigen und zuweilen wichtigsten Orten kirchlichen Handelns macht.</p>
<p>Eine letzte Erfahrung erz&auml;hle ich vom letzten Studientag meines Arbeitsbereichs im Bistum Hildesheim: Im Nachdenken &uuml;ber strategische Prozesse in unserem Bistum haben wir synodale H&ouml;rrunden eingebaut. Die Kolleginnen und Kollegen, die vorher dieses methodische Vorgehen nicht kannten, waren sehr beeindruckt &ndash; und sch&auml;tzten die spirituelle Tiefe dieses Weges.</p>
<p></p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Hier wird deutlich, dass im deutschsprachigen Kontext Methoden und Wege einge&uuml;bt sind oder werden k&ouml;nnen, die aus dem Kontext der kirchlichen Organisationsentwicklung stammen. Sie haben in sich die Grundarchitektur der Synodalit&auml;t &ndash; es ist eine spirituelle Grundarchitektur, denn sie nimmt die Wirklichkeit ernst, die wir Evangelium nennen.</p></blockquote>Hier wird deutlich, dass im deutschsprachigen Kontext Methoden und Wege einge&uuml;bt sind oder werden k&ouml;nnen, die aus dem Kontext der kirchlichen Organisationsentwicklung stammen. Sie haben in sich die Grundarchitektur der Synodalit&auml;t &ndash; es ist eine spirituelle Grundarchitektur, denn sie nimmt die Wirklichkeit ernst, die wir Evangelium nennen: Es geht n&auml;mlich nicht um spirituelle Gebets&uuml;bungen, sondern um eine Kultur und Praxis des Miteinander, die gr&uuml;ndet in der &Uuml;berzeugung einer gleichw&uuml;rdigen Verbundenheit zwischen den Menschen und der M&ouml;glichkeit, dass sich Wahrheit im Zwischen ereignen kann.
<p>In diesem Sinn gibt es &bdquo;synodale Impulse&ldquo;, die einen Weg zu einer Kultur der Synodalit&auml;t erm&ouml;glichen &ndash; und die schon teilweise einge&uuml;bt sind oder doch leicht einge&uuml;bt werden k&ouml;nnen.</p>
<h3>Eine andere Demokratie</h3>
<p>Steffen Mau hat in seinem Werk &bdquo;Ungleich vereint&ldquo;<span id="easy-footnote-75-14117" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/mehr-als-eine-franziskanische-mode/#easy-footnote-bottom-75-14117" title="Steffen Mau, Ungleich vereint: Warum der Osten anders bleibt, Frankfurt 2024."><sup>75</sup></a></span> neben anderen wichtigen Beobachtungen die These vertreten, dass die Gewohnheiten und Praxen einer repr&auml;sentativen Demokratie den Ostdeutschen fremd und unzug&auml;nglich bleiben, aber andere Demokratieformen aus Ostdeutschland eine Pionierrolle f&uuml;r eine andere demokratische Zukunft einnehmen k&ouml;nnten.</p>
<p>Die &bdquo;runden Tische&ldquo; der Wendezeit, die Experimente mit B&uuml;rgerr&auml;ten und auch die Praxis des Community organizing<span id="easy-footnote-76-14117" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/mehr-als-eine-franziskanische-mode/#easy-footnote-bottom-76-14117" title="Vgl. hierzu zuletzt die &Uuml;berlegungen im Abschlusskapitel bei Wolfgang Beck, Sprung in den Staub: Elemente einer risikofreudigen Praxis christlichen Lebens. Ein Essay, Mainz 2024."><sup>76</sup></a></span> reflektieren im s&auml;kularen Bereich Formen der Gemeinschaftsbildung durch Partizipation, partizipative Prozesse der Meinungsbildung und Formen der Entscheidungsfindung, die dem synodalen Handlungsgprinzipien nahekommen. Auch hier liegen &Uuml;berzeugungen zugrunde, die der Synodalit&auml;t nahe sind: die Gleichw&uuml;rdigkeit aller Beteiligten und das Vertrauen in partizipative Prozesse, die neue Erkenntnisse hervorbringen &ndash; und nicht in allt&auml;glich unfruchtbaren Polemiken untergehen.</p>
<h3>Auf dem Weg zu einer anderen Kirche</h3>
<p></p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Entscheidend wird bei alldem aber nicht sein, mit welchen Strukturen und Sozialgestalten wir unterwegs sind &ndash; entscheidend ist vielmehr, ob Christinnen und Christen eine synodale Praxis ein&uuml;ben k&ouml;nnen.</p></blockquote>Zweifellos sind wir mitten in einem tiefgreifenden Transformationsprozess und auf dem Weg zu einer anderen Kirche. Das braucht nicht erl&auml;utert zu werden. Daf&uuml;r steht auch diese Zeitschrift. Entscheidend wird bei alldem aber nicht sein, mit welchen Strukturen und Sozialgestalten wir unterwegs sind &ndash; entscheidend ist vielmehr, ob Christinnen und Christen eine synodale Praxis ein&uuml;ben k&ouml;nnen. Hier geht es aber um mehr als um eine Mode, die seit 2015 en vogue war, sondern, so glaube ich, um eine Ekklesiopraxis des II. Vatikanischen Konzils, die auch eine neue Form gemeinsam gelebter Spiritualit&auml;t und Mystik beinhaltet. Nicht Fr&ouml;mmigkeitsformen und biblische &Uuml;bungen, die ebenso n&uuml;tzlich sein k&ouml;nnen, sondern eine Praxis des Miteinanders, die Ma&szlig; nimmt an der geschenkten Erl&ouml;sungswirklichkeit, die jeden und jede in eine Gleichw&uuml;rdigkeit stellt und ins Spiel bringt. Es geht um ein Handeln, das von einer gr&ouml;&szlig;tm&ouml;glichen Partizipation aller Beteiligten ausgeht und einen ereignisorientierten Wahrheitsverst&auml;ndnis den Weg bahnt. Das Sich-Ereignen und Aufgehen der Wahrheit erm&ouml;glicht die vielen Wahrheiten, macht aber deutlich, dass sie nicht verf&uuml;gbar ist und Wahrheit hier nicht mit Macht verkn&uuml;pft ist.
<p>Eine solche Kirche entspricht der Vision des Volkes Gottes, wie sie im II. Vatikanischen Konzil entwickelt wurde &ndash; einer Kirche, die inmitten und mit den Zeitgenossen unserer Zeit auf der Suche nach der unverf&uuml;gbaren und nicht besitzbaren Wahrheit ist, die sich uns immer neu zeigen will. Kein Zweifel, das ist herausfordernd. Vor allem hierarchisch-machtbesetzte Praxen und Gewohnheiten, die mit der klassischen kirchlichen Tradition und vor allem mit gewohnten Kirchenbildern verbunden sind, geraten hier in die Herausforderung, neu gedacht werden zu m&uuml;ssen. Das ist spannend und ein offener Weg. Sich auf diese neuen synodalen Wege einzulassen, ist aber das Gebot der Stunde &ndash; und weit mehr als eine franziskanische Mode.</p>
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		<title>Mit der Freiheit umgehen. Von der Aufgabe der Kirche für eine begründete Hoffnung</title>
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		<pubDate>Tue, 09 Sep 2025 09:22:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Thomas Arnold</dc:creator>
		
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				<description><![CDATA[Spätestens seit Pegida ist der Osten der Problembär der Nation. In der Öffentlichkeit als rechts gebrandmarkt, bestätigen regelmäßig Übergriffe und AfD-Wahlerfolge, wie schlimm es um den Osten steht. Tatsächlich ist es eine Region, die seit einigen Jahren um den gesellschaftlichen Zusammenhalt ringt. Es ist ein Landstrich, der wie ein Vulkangebiet ist – mit seinen Vulkanschloten, ...]]></description>
					<content:encoded><![CDATA[<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.0 Transitional//EN" "http://www.w3.org/TR/REC-html40/loose.dtd">
<html><body><p>Sp&auml;testens seit Pegida ist der Osten der Problemb&auml;r der Nation. In der &Ouml;ffentlichkeit als rechts gebrandmarkt, best&auml;tigen regelm&auml;&szlig;ig &Uuml;bergriffe und AfD-Wahlerfolge, wie schlimm es um den Osten steht. Tats&auml;chlich ist es eine Region, die seit einigen Jahren um den gesellschaftlichen Zusammenhalt ringt. Es ist ein Landstrich, der wie ein Vulkangebiet ist &ndash; mit seinen Vulkanschloten, die ausbrechen, und jener Magma-Schicht, die hei&szlig; und brennend zu Tage bricht, wo die bedeckende Oberfl&auml;che f&uuml;r Risse empfindlicher ist. Wo aber auch manche ein Interesse daran haben, dass der Druck unter der Oberfl&auml;che steigt.</p>
<p>In Ost wie West d&uuml;rfte ein Ph&auml;nomen gleicherma&szlig;en raumgreifend sein und als Ursache benannt werden: Unser Leben in der Moderne bedeutet auch Enttraditionalisierung. Normative, fest vorgegebene Formen, wie das Leben zu f&uuml;hren ist, gehen verloren. Es erfolgt eine Freisetzung, die von vielen als Selbstbestimmung erlebt wird. &bdquo;Ich darf mich entscheiden&ldquo; wird zum zentralen Faktor. Dies gilt eben auch f&uuml;r das Sittengeb&auml;ude. Mag dies auch f&uuml;r Umstehende und Institutionen als schmerzhaft empfunden werden, bedeutet ein solcher Bruch mit Milieugewohnheiten eine Enttraditionalisierung zugunsten eines Gewinns an Freiheit und Autonomie. Aber &ndash; und der Punkt geh&ouml;rt eben auch mit dazu &ndash; alles der Verantwortung des Einzelnen zu &uuml;berlassen, ist einerseits ein wunderbarer Zugewinn an Freiheitsgestaltung und Lebensoptionen. </p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Sp&auml;testens seit Pegida ist der Osten der Problemb&auml;r der Nation.</p></blockquote>Aber andererseits steigt gleichzeitig der Entscheidungsdruck, <em>wie</em> ich leben will und wof&uuml;r ich mich entscheide. Die gewonnene Freiheit auf Dauer gestellt wird sich rasch f&uuml;r den Einzelnen als eine enorme Anforderung herausstellen. Es gibt keine Lebensentscheidung elementarer Art, die nicht immer &uuml;berfrachtet ist von der Frage &bdquo;Wie entscheide ich mich?&ldquo; Damit hei&szlig;t es aber auch: Ich habe es &ndash; unvertretbar &ndash; zu verantworten. Wer ein Leben in Freiheit f&uuml;hren will, entkommt der Freiheit nicht. Weil alle Entscheidungen, die ich treffe, meine Wahl und mein Willensentschluss sind. Und selbst &bdquo;Das sollen andere entscheiden&ldquo; ist meine Entscheidung, die Verantwortung abzugeben.
<p>Gesamtgesellschaftlich bedeutet Individualisierung das anstrengende Aushalten mit Blick auf die vielf&auml;ltigen Lebensmodelle, die einem sehr fremd sind und die man nicht teilt &ndash; aber die man in einem normativen Pluralismus ertragen muss, weil es niemanden mehr gibt, der zentral vorzugeben hat, wie wir gemeinsam leben.</p>
<p>Der Kipppunkt, der zur Krise f&uuml;hrt, ist sozusagen eine &Uuml;berdehnung der Pluralit&auml;t unseres Zusammenlebens. Dies ist kein Vorwurf, sondern eine Beschreibung der Situation. Durch diese &Uuml;berdehnung wird aber die Frage des Zusammenhalts zu einer offenen Frage. Denn keiner Institution wird es mehr zugestanden, eine verbindliche Antwort auf die Frage zu geben, worauf unsere kollektive Identit&auml;t beruht und was uns verbindet. Der Wertehimmel ist nicht mehr der Gemeinsame. Die Kirchen verlieren in diesem Prozess ihre weltanschauliche Deutungshoheit. Und sie verlieren ihre Gestaltungsmacht zur sozialen Integration. Immerhin haben wir es gleichzeitig in der Moderne mit einem Zerfall metaphysischer, kultureller und religi&ouml;ser Weltbilder zu tun. Wir haben nicht mehr die normativ eine vorgegebene Kultur. Folglich sind aber auch die Ordnungsvorstellungen, die Werte und die orientierungsgebenden Leitideen, die wir haben, um ein bewusstes Leben mit Bewandnis zu f&uuml;hren, nicht mehr eindeutig, sondern ebenso pluralisiert.</p>
<p></p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Die Krise unserer Demokratie ist im Wesentlichen eine Krise der Freiheit. Das Individuum ist mit der subjektiven Wahrnehmung und Inanspruchnahme der Freiheit &uuml;berfordert. Auch der Staat ist nicht der autorit&auml;re Bevormundungsstaat, der uns vorschreibt, wie wir zu leben haben. Sondern er ist das Regulativ unserer Freiheit. Das ist seine einzige Aufgabe.</p></blockquote>Diese Situation ist genau diejenige, die man als &Uuml;berforderung der individuellen Freiheit bezeichnen muss. Die Krise unserer Demokratie ist im Wesentlichen eine Krise der Freiheit. Das Individuum ist mit der subjektiven Wahrnehmung und Inanspruchnahme der Freiheit &uuml;berfordert. Auch der Staat ist nicht der autorit&auml;re Bevormundungsstaat, der uns vorschreibt, wie wir zu leben haben. Sondern er ist das Regulativ unserer Freiheit. Das ist seine einzige Aufgabe. Das bedeutet aber auch, dass der Staat nicht garantieren kann, welche Traditionen f&uuml;r uns wichtig sind oder wie wir zu leben haben. Die Selbstbeschr&auml;nkung des Staates, die er sich an dem vulnerablen, prek&auml;ren Punkt auferlegt, ist eine Selbstbeschr&auml;nkung zugunsten der Freiheit des Einzelnen. Die Selbstbeschr&auml;nkung des Staates als Ordnungssystem zugunsten der Freiheit beschr&auml;nkt auch seine M&ouml;glichkeiten, f&uuml;r Halt und emotionale Sicherheit zu sorgen. Rechtssanktionen und Zwangsbefugnisse sind Instrumente des Staates f&uuml;r die Erhaltung der Freiheit. Die st&auml;rkste Waffe des Rechtsstaates ist die Rechtssetzung und -durchsetzung.
<p>Gilt dies als Zeitbefund f&uuml;r die gesamte Bundesrepublik, braucht es einen spezifischen Blick auf die von der DDR gepr&auml;gten Menschen. In Sachsen wird seit mehreren Jahren der Sachsenmonitor erstellt, der letztlich ein Trendmonitor f&uuml;r gesellschaftliche Stimmungen im Freistaat ist.<span id="easy-footnote-77-14153" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/mit-der-freiheit-umgehen-von-der-aufgabe-der-kirche-fuer-eine-begruendete-hoffnung/#easy-footnote-bottom-77-14153" title='Vgl. im Internet: &lt;a href="https://www.staatsregierung.sachsen.de/sachsen-monitor-2023-8897.html"&gt;https://www.staatsregierung.sachsen.de/sachsen-monitor-2023-8897.html&lt;/a&gt; (abgerufen am 30. September 2025). Alle nachfolgend genannten Zahlen sind daraus entnommen.'><sup>77</sup></a></span> Im zuletzt ver&ouml;ffentlichten Sachsenmonitor aus dem Jahr 2023 zeigt sich eine ausgepr&auml;gte Ambivalenz mit Blick auf das Demokratieverst&auml;ndnis und die politischen Einstellungen: Die Demokratie als Regierungsform wird &uuml;berwiegend bejaht, gleichzeitig ist das Vertrauen in deren praktische Ausgestaltung und die politischen Institutionen deutlich gesunken. 83 Prozent der Sachsen halten die Demokratie f&uuml;r eine gute Regierungsform. Die Zufriedenheit mit dem Funktionieren der Demokratie liegt jedoch nur bei 41 Prozent f&uuml;r Deutschland. Das Vertrauen in die Landesregierung ist auf 44 Prozent gesunken, ebenso in den Landtag (44 Prozent); dem Bundestag vertrauen nur noch 23 Prozent der Sachsen. Parteien genie&szlig;en nur noch bei 10 Prozent gro&szlig;es Vertrauen; 46 Prozent der Befragten k&ouml;nnen keiner der existierenden Parteien Sympathie entgegenbringen. 63 Prozent finden, dass der Mehrheitswille der Bev&ouml;lkerung auch gegen Gerichte und das Grundgesetz durchgesetzt werden sollte. Im Vergleich zur vorangegangenen Erhebung im Jahr 2021 zeigen alle Werte eine erhebliche Verschlechterung. Auff&auml;llig sind jedoch die Daten zur Identit&auml;t als Ostdeutsche: 86 Prozent der Befragten sind stolz auf das, was seit 1990 in Sachsen erreicht wurde. Dabei ist der Stolz unabh&auml;ngig vom pers&ouml;nlichen Ma&szlig; an Zufriedenheit, Alter oder Bildungsabschluss sehr breit getragen. Die historische Bewertung als Unrechtsstaat hat zugenommen: 60 Prozent aller Befragten stimmen zu, dass die DDR ein Unrechtsstaat war. Mehr als die H&auml;lfte der Bev&ouml;lkerung w&uuml;nscht sich, dass deutschlandweit st&auml;rker &uuml;ber die Umbr&uuml;che und Erfahrungen nach der Wiedervereinigung gesprochen wird. Die Zahlen lassen den Schluss zu, dass die Menschen im Osten der Republik nicht die DDR zur&uuml;ckwollen, aber sich zu wenig in den Strukturen und Mechanismen der Bundesrepublik angenommen f&uuml;hlen.</p>
<p>Der Bruch (von 1989) hat eine Dynamik entwickelt, der die Identit&auml;tsfrage neu aufwirft. Dies hilft, die Menschen in den ostdeutschen Bundesl&auml;ndern vorschnell zu stigmatisieren, wie es in den vergangenen Jahren oft artikuliert wurde.<span id="easy-footnote-78-14153" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/mit-der-freiheit-umgehen-von-der-aufgabe-der-kirche-fuer-eine-begruendete-hoffnung/#easy-footnote-bottom-78-14153" title='Hierbei sei nicht nur an das Titelthema des Stern &bdquo;Sachsen, ein Trauerspiel&ldquo; (Ausgabe 43/2016) oder der Tweet des damaligen K&ouml;lner Mediendirektors Ansgar Mayer in Folge der Ergebnisse der Bundestagswahl 2016 erinnert (&bdquo;Tschechien, wie w&auml;r&amp;#8217;s: Wir nehmen Euren Atomm&uuml;ll, Ihr nehmt Sachsen?&ldquo;, 24. September 2017), sondern auch an die pauschalen Beschimpfungen von Politikern &bdquo;Neonazis im Nadelstreifen&ldquo; (Ralf J&auml;ger, 11. Dezember 2014), &bdquo;Komische Mischpoke&ldquo; (Cem &Ouml;zdemir, 14. Dezember 2014) und &bdquo;Schande f&uuml;r Deutschland&ldquo; (Heiko Maas, 15. Dezember 2014), welche eine Akzeptanz politischer Verantwortungstr&auml;ger weiter schw&auml;cht und einem gesellschaftlichen Dialog damit entgegensteht (vgl. hierzu Frank Richter: Stadtgespr&auml;che. Politische Bildung als Seelsorge?, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 66 [5&ndash;7/2017], &lt;a href="https://www.bpb.de/apuz/219409/stadtgespraeche-politische-bildung-als-seelsorge?p=all"&gt;https://www.bpb.de/apuz/219409/stadtgespraeche-politische-bildung-als-seelsorge?p=all&lt;/a&gt;, abgerufen am 30. September 2025).'><sup>78</sup></a></span> Im Konglomerat der Ursachen f&uuml;r die Resonanz auf Thesen populistischer Parteien sind dabei folgende Beobachtungen besonders in den Blick zu nehmen sowie Antwort-M&ouml;glichkeiten christlicher Theologie:</p>
<ul>
<li>Ein System- und Wertewandel ist f&uuml;r die Ostdeutschen keine erfahrungsleere Warnung, sondern ein in der eigenen Biografie zutiefst verankerter Prozess. Schon einmal erlebten die Menschen die Ver&auml;nderung der eigenen Heimat in einem Ma&szlig;, das &uuml;ber die eigenen Anpassungsw&uuml;nsche hinausging und sich der eigenen Kontrolle ab einem gewissen Punkt entzog. Mit der Fl&uuml;chtlingskrise und den daraus erwachsenden Wahrnehmungen erhalten solche Verlust&auml;ngste eine Renaissance. Das Gef&uuml;hl der Machtlosigkeit angesichts der &sbquo;von oben&lsquo; verordneten Ver&auml;nderungen &auml;u&szlig;ert sich in Form &ndash; &uuml;brigens nicht erst 2015 w&auml;hrend der Migrationskrise, sondern bereits vorher 2003/4 w&auml;hrend der Ver&auml;nderungen der Hartz-reformen. Aber auch die Krisen der vergangenen Jahre, vor allem der gesellschaftliche Umgang mit Corona und die Positionierung im Ukraine-Krieg sind daf&uuml;r Beispiele.<br>
Die Theologie hat in ihrer begr&uuml;ndeten Hoffnung auf das schon angebrochene Reich Gottes die M&ouml;glichkeit, mit ihrem Handeln eine verbindliche Hoffnung zu vermitteln, die einen staatlich vorgegebenen wie auch individuellen Horizont &uuml;bersteigt. Dabei kann es nicht nur um eine St&auml;rkung der Glaubenden gehen, sondern um eine stete Bereitschaft, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach dieser Hoffnung fragt. Andererseits ist es eine zentrale Aufgabe der pastoralen Mitarbeiter, in allen innerkirchlichen &ndash; notwendigen &ndash; Strukturprozessen die Verunsicherung durch sich ver&auml;ndernde Verantwortlichkeiten zu vermeiden, um einen weiteren Heimatverlust zu erzeugen.</li>
<li><blockquote class="f2-sidequote"><p>Um aber in der aktuellen Situation die Akzeptanz f&uuml;r die demokratischen Entscheidungsprozesse zu f&ouml;rdern, kann es zum Dienst der Kirche werden, partizipative Prozesse mit den verschiedenen Gruppen der Gesellschaft einzu&uuml;ben.</p></blockquote>Politische Entscheidungsprozesse konnten nicht Step by Step erlernt und verstanden werden. Fertig ausgebildete Strukturen wurden nach 1989 &uuml;bernommen. Mit dem Systemwandel stand die Bev&ouml;lkerung der ehemaligen DDR damit vor der Herausforderung, im allt&auml;glichen Handeln die Notwendigkeit, Regeln und Verhaltensweisen der v&ouml;llig anderen, sehr von sich &uuml;berzeugten und rechtlich hoch komplizierten bundesdeutschen Ordnung zu verstehen und f&uuml;r ihr Leben zu transferieren. Hinzu kam die Fremdheit des politischen Prozesses des deliberativen, langwierigen Interessenausgleichs.<br>
Weil die Kirche die freiheitliche Demokratie als die beste aller Staatsformen anerkannt hat, kommt ihr auch die Aufgabe zu, sich in ihr zu engagieren und f&uuml;r sie zu werben. Es kann nicht darum gehen, einzelne Parteien zu (dis-)qualifizieren, sondern sie aus der Perspektive des christlichen Menschenbilds f&uuml;r ein Engagement zugunsten der Menschenw&uuml;rde, der daraus resultierenden Menschenrechte und des nachhaltigen und solidarischen Gemeinwohls zu motivieren. Um aber in der aktuellen Situation die Akzeptanz f&uuml;r die demokratischen Entscheidungsprozesse zu f&ouml;rdern, kann es zum Dienst der Kirche werden, partizipative Prozesse mit den verschiedenen Gruppen der Gesellschaft einzu&uuml;ben und daf&uuml;r notwendige Bildungsangebote zu unterst&uuml;tzen sowie eigene Entscheidungsstrukturen auf die partizipative &ndash; synodale &ndash; Verwirklichung hin zu &uuml;berpr&uuml;fen.</li>
<li><blockquote class="f2-sidequote"><p>Es geht daher also nicht nur darum, das Evangelium auf mitteldeutsch zu buchstabieren, &hellip; sondern die Menschen guten Willens zu ermutigen, sich in das (vor-)strukturierte Spiel &sbquo;Demokratie&rsquo; hineinzubegeben und in der &ouml;ffentlichen Kommunikation eigene Positionen deutlich zu vertreten.</p></blockquote>Hans Joachim Meyer erl&auml;utert, dass viele Ostdeutsche nach ersten Entt&auml;uschungen aufgegeben haben, sich in das (vor-)strukturierte Spiel &sbquo;Demokratie&rsquo; einzubringen und damit Energie und Augenma&szlig;, Ausdauer und Konfliktbereitschaft, kommunikative Kompetenz und Argumentationsf&auml;higkeit zu investieren.<span id="easy-footnote-79-14153" class="easy-footnote-margin-adjust"></span><span class="easy-footnote"><a href="https://www.futur2.org/article/mit-der-freiheit-umgehen-von-der-aufgabe-der-kirche-fuer-eine-begruendete-hoffnung/#easy-footnote-bottom-79-14153" title="Hans Joachim Meyer: Weder abweisende Festung noch bunte Karawanserei. Alternativen f&uuml;r Deutschland, in: Stefan Orth / Volker Resing: AfD, Pegida und Co. Angriff auf die Religion?, Freiburg/Br. 2017, 134&ndash;163, 127."><sup>79</sup></a></span> Aber gerade im realen Sozialismus blieb die F&auml;higkeit zur &ouml;ffentlichen Kommunikation unterentwickelt, was nach der Wiedervereinigung sp&uuml;rbar auffiel. Bis heute halten sich Ostdeutsche im politischen Engagement auff&auml;llig stark zur&uuml;ck und scheuen sich vor der &Uuml;bernahme &ouml;ffentlicher Aufgaben. Zugleich wird zunehmend kritisiert, dass herausragende gesellschaftliche Positionen f&uuml;r Menschen aus den Neuen Bundesl&auml;ndern immer noch schwerer zu erreichen sind, weil Westdeutsche weiterhin auf F&uuml;hrungspositionen in Ostdeutschland folgen. Dies schlie&szlig;t jedoch die B&uuml;rger von wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und politischer Gestaltungsmacht weiterhin aus.<br>
Der christliche Glaube lebt aus der Tat, aber eben auch in besonderer Weise aus dem Wort. Ist es einerseits Aufgabe der Kirche, ihre Verk&uuml;ndigung immer wieder auf die sprachliche Anschlussf&auml;higkeit gegen&uuml;ber der Welt zu &uuml;berpr&uuml;fen, kommt es den Christen ebenso zu, prophetisch das Wort zu erheben. Dass dies nicht von allein geschieht, berichten zahlreiche biblische Berichte. Es geht daher also nicht nur darum, das Evangelium auf mitteldeutsch zu buchstabieren, wie es vor einigen Jahren der inzwischen emeritierte Bischof von Erfurt Joachim Wanke forderte, sondern die Menschen guten Willens zu ermutigen, sich in das (vor-)strukturierte Spiel &sbquo;Demokratie&rsquo; hineinzubegeben und in der &ouml;ffentlichen Kommunikation eigene Positionen deutlich zu vertreten.</li>
<li>Mit der Wiedervereinigung wurden etablierte westdeutsche Narrative &uuml;bernommen, die sich in den zur&uuml;ckliegenden Jahrzehnten dort herausgebildet haben, aber von den Ostdeutschen nur schwer nachvollzogen werden k&ouml;nnen. Hierzu geh&ouml;rt aus christlicher Perspektive die starke Pr&auml;gung der W&uuml;rde des Menschen als Reflexionsebene gegen Nationalismus und Rassismus. Aber auch die Erfahrungen der &sbquo;68er&rsquo; fehlen in einem Land, das im gleichen Jahr mit dem Prager Fr&uuml;hling eine Einengung der gesellschaftlichen Freiheit erlebte. Die Weitergabe von solchen biografischen Erfahrungen geschieht weniger durch Gesetze als durch eigenes Reden und Handeln. Mit dem Austausch der DDR-Eliten in Legislative, Judikative und Exekutive als auch in Wirtschaft und Medien durch westdeutsche Experten gelang zwar der Wissenstransfer und ein rascher wirtschaftlicher sowie administrativer Transformationsprozess, jedoch unterband dies zugleich auch die weitere Tradierung ostdeutscher Erfahrungen. Kaum eine Folge der Transformation nach der Wiedervereinigung d&uuml;rfte so ambivalent sein und die sich entwickelnde Ostalgie sowie einen subjektiven Minderwertigkeitskomplex bef&ouml;rdert haben, der viele Ostdeutsche nach ihrer Identit&auml;t in einem vereinten Deutschland suchen l&auml;sst.<br>
Kirchliche R&auml;ume waren nicht erst w&auml;hrend der Friedlichen Revolution Orte freien Denkens, sondern bereits in den Jahrzehnten zuvor. Es gibt daher eigene Narrative von der Sehnsucht nach Freiheit, die es sich zu erz&auml;hlen lohnt, ohne in eine Ostalgie oder Abgrenzung gegen&uuml;ber anderen B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rgern zu verfallen. Sie d&uuml;rfen aber nicht andere Erfahrungen verdr&auml;ngen, sondern sich gegenseitig bereichern. 35&nbsp;Jahre nach der Wiedervereinigung geh&ouml;rt es &ndash; gl&uuml;cklicherweise &ndash; zur gesellschaftlichen Realit&auml;t, dass Menschen mit Erfahrungen aus allen Landesteilen der Republik in Ostdeutschland leben. Deswegen muss die Kirche ihre Stimme erheben, wo die gesellschaftliche Suche nach Identit&auml;t zur patriotischen Abgrenzung von &sbquo;uns Ostdeutschen&rsquo; gegen &sbquo;den Rest der Welt&rsquo; geschieht.</li>
<li><blockquote class="f2-sidequote"><p>Gerade f&uuml;r jene Familien aber, deren wirtschaftlicher Verliererstatus sich verfestigt und &uuml;ber Generationen inzwischen verfestigt hat, kommt der Pastoral eine dreifache Aufgabe zu.</p></blockquote>Mit dem Systemwandel einher ging eine Differenzierung in Gewinner und Verlierer der Friedlichen Revolution. Dies bezieht sich einerseits auf die wirtschaftliche Dimension, weil in den Anpassungsprozessen der ostdeutschen Wirtschaft in den 1990er Jahren ganze Familien durch Arbeitslosigkeit und den Verlust von eigentlich erwarteten Anspr&uuml;chen wie etwa bei Sozialleistungen ihren wirtschaftlichen Halt verloren. Damit einher ging ein sozialer R&uuml;ckzug. Die sich daraus perpetuierende Spannung materieller Unterschiede f&ouml;rderte eine Haltung der Missgunst und des Neids, bei dem Asylbewerber, B&uuml;rgerkriegsfl&uuml;chtlinge und Personen mit subsidi&auml;rem Schutz aufgrund der ihnen zuerkannten Leistungen als weitere Konkurrenten gelten. Das Problem war nicht die Hilfsbereitschaft gegen&uuml;ber den Notleidenden, sondern die dadurch entstehende Verletzung des Gerechtigkeitsgef&uuml;hls verbunden mit einem diffusen Gef&uuml;hl des Zukurzkommens.<br>
Zur wirtschaftlichen Perspektivlosigkeit kam aber auch eine ideelle Differenzierung. Wer wenige Monate zuvor noch auf der gesellschaftlichen &sbquo;Sonnenseite&rsquo; stand, erlebte nach der Friedlichen Revolution eine neue gesellschaftliche Skepsis gegen&uuml;ber der eigenen Lebensleistung. Jene aber, die w&auml;hrend der DDR f&uuml;r ihre &Uuml;berzeugungen Nachteile in Kauf nahmen und denen es gelang, sich in dem neuen System zurecht zu finden, konnten sich zu den Gewinnern der Friedlichen Revolution z&auml;hlen.<br>
Die Christen in den Bist&uuml;mern haben vielfach von den Chancen, die sich auch wirtschaftlich aus der Friedlichen Revolution ergaben, profitiert. Teilweise profitierten die durch die Gemeinden ausgebildeten Netze, um sich gerade in den Transformationsprozessen gegenseitig zu tragen. Mit der M&ouml;glichkeit, dass sich soziale Einrichtungen der Caritas frei entwickeln konnten, nahm die Kirche in den letzten Jahrzehnten auch ihre diakonische Aufgabe auf neue Weise wahr. Gerade f&uuml;r jene Familien aber, deren wirtschaftlicher Verliererstatus sich verfestigt und &uuml;ber Generationen inzwischen verfestigt hat, kommt der Pastoral eine dreifache Aufgabe zu: Zum einen, die Sensibilit&auml;t f&uuml;r sie wach zu halten und die n&ouml;tige Hilfe zur Selbsthilfe zu bieten, zum zweiten darauf hinzuwirken, dass sich Ungerechtigkeit nicht verfestigt und Strukturver&auml;nderungen als Anwalt dieser Betroffenen zu werden, sowie drittens jenen, die zutiefst von einem materialistischen Weltbild gepr&auml;gt sind und deren prek&auml;res Wirtschaftsverh&auml;ltnis daf&uuml;r umso einschr&auml;nkender wirkt, ein Gesp&uuml;r f&uuml;r die eigene, tragende Hoffnung zu geben. Dabei stehen die Gemeinden in Ostdeutschland vor der enormen Herausforderung, &uuml;ber Jahrzehnte gepflegte Ablehnungen und Verurteilungen gegen&uuml;ber Menschen, die im System der DDR zu den Gewinnern geh&ouml;rten, abzulegen und den Dialog mit ihnen zu suchen. Es geht hierbei nicht um die Verharmlosung &ndash; vielfach am eigenen Leib vieler Christen &ndash; erlebter Schuld, sondern um den barmherzigen Umgang im Wissen um die letzte Unverf&uuml;gbarkeit gerechten Handelns.</li>
<li><blockquote class="f2-sidequote"><p>Angesichts der Konzilsdokumente Lumen Gentium und Nostra Aetatae kommt der Pastoral gerade in Mitteldeutschland die Aufgabe zu, das Wissen um die eigene Religion, aber auch um die anderen Religionen zu st&auml;rken.</p></blockquote>Religi&ouml;se und kulturelle Vielfalt sind in Ostdeutschland auch 35 Jahre nach der Wiedervereinigung noch fremd. In den Neuen Bundesl&auml;ndern besitzt beispielsweise die Diskussion um einen Sprachkurs im Vorschulalter keine Relevanz, weil dies in den meisten St&auml;dten nicht zur Erfahrung ostdeutscher Familien geh&ouml;rt. Nicht selbst erlebt, kennen sie die Probleme und Herausforderungen nur aus den Medien und politischen Diskursen. Da dort aber die Situationsbeschreibung eine Zuspitzung erf&auml;hrt, werden auch die Probleme vielfach &uuml;bersteigert wahrgenommen, w&auml;hrend f&uuml;r die Chancen einer kulturell pluralen Gesellschaft die Wahrnehmungskraft fehlt. So fremd vielen Menschen der Islam oder andere religi&ouml;se Praktiken sind, so fremd sind ihnen oftmals auch die eigenen religi&ouml;sen Wurzeln. In einem Landstrich, in dem nur noch maximal ein Viertel der Bev&ouml;lkerung getauft ist und bereits &uuml;ber mehrere Generationen jeglicher Kontakt zum Christentum verloren gegangen ist, erscheint eine bislang kulturell nicht beheimatete Religion als Fremdk&ouml;rper, der &ndash; insofern er sich auch innerhalb der Gesellschaft durch Zeichen und Rituale &auml;u&szlig;ert &ndash; als gesellschaftlicher R&uuml;ckschritt empfunden wird. Hatte doch die DDR-Regierung &uuml;ber vierzig Jahre das Ende des Aberglaubens und der Religion propagiert, indem sie dem Glauben die Vern&uuml;nftigkeit abgesprochen hatte. In Ostdeutschland geht es daher nicht um die Frage der &sbquo;wahren Religion&rsquo; oder einer Sehnsucht nach der k&uuml;nftigen kulturpr&auml;genden Existenz des Christentums. Stattdessen bietet die Wiederkehr des Religi&ouml;sen an sich im &ouml;ffentlichen Raum innerhalb einer nachreligi&ouml;sen Gesellschaft das Konfliktpotential.<br>
Das (Nicht-) Wissen um andere Religionen und die damit einhergehende Angst unterscheidet sich in den katholischen Gemeinden kaum vom Rest der Gesellschaft. Angesichts der Konzilsdokumente Lumen Gentium und Nostra Aetatae kommt der Pastoral gerade in Mitteldeutschland die Aufgabe zu, das Wissen um die eigene Religion, aber auch um die anderen Religionen zu st&auml;rken, damit die Christen verk&uuml;rzte Sichtweisen in einer weitgehend postmodern-unreligi&ouml;sen Gesellschaft entlarven, die in den anderen Religionen g&ouml;ttliche Wahrheit aufleuchten lassen und im Dialog mit anderen Positionen ihre Sichtweise argumentativ belegen k&ouml;nnen.</li>
</ul>
<p></p><blockquote class="f2-sidequote"><p>Christinnen und Christen k&ouml;nnen mit ihrem Vertrauen auf Transzendenz einen entscheidenden Beitrag inmitten einer polarisierten Gesellschaft leisten.</p></blockquote>Christinnen und Christen k&ouml;nnen mit ihrem Vertrauen auf Transzendenz einen entscheidenden Beitrag inmitten einer polarisierten Gesellschaft leisten. Es geht um die Verwirklichung eines auf dem christlichen Glauben fu&szlig;enden Menschenbilds. Und um die Annahme der Lebenswirklichkeit vor Ort, die aus der Erfahrung von Generationen gespeist ist. Wer sie &uuml;bergeht, wird die Polarisierungen im Land nicht abbauen k&ouml;nnen. Letztlich sollten daf&uuml;r Christen mit Orten der Intellektualit&auml;t und Spiritualit&auml;t M&ouml;glichkeiten schaffen, wo sich Menschen begegnen, ihr Bild vom Menschen ins Hier und Jetzt &uuml;bersetzen sowie ihre Vorstellungen von Verantwortungs&uuml;bernahme inmitten der Freiheit ein&uuml;ben k&ouml;nnen. Denn weder Staat noch Kirche k&ouml;nnen dem Einzelnen abnehmen, was die liberale Gesellschaft im 21. Jahrhundert t&auml;glich fordert: Entscheidungen zum Guten.<a href="#_ftnref1" name="_ftn1"></a>
</body></html>
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